Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Haager Kongreß der Internationalen Arbeiterassoziation
2.-7. September 1872 [154]
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Karl Marx
Offizieller Bericht des Londoner Generalrats, verlesen in
öffentlicher Sitzung des Internationalen Kongresses zu Haag [155]
["Der Volksstaat" Nr. 75 vom 18. September 1872]
Arbeiter! 1*)
Seit unserm letzten Kongreß in Basel haben zwei große Kriege das
Aussehen Europas verändert - der Deutsch-Französische Krieg und
der Bürgerkrieg in Frankreich; ein dritter Krieg ging diesen bei-
den voraus, begleitete sie und wurde noch nach ihnen fortgesetzt
- der Krieg gegen die Internationale Arbeiter-Assoziation.
Die Pariser Mitglieder 2*) der Internationale hatten dem franzö-
sischen Volke öffentlich und ausdrücklich gesagt: für das Plebis-
zit stimmen bedeutet nichts anderes, als für den Despotismus im
Innern Frankreichs und für den Krieg nach außen stimmen. [156]
Man verhaftete sie am Vorabend des Plebiszits [157], am 29. April
1870, unter dem Vorwand der Teilnahme an einer Verschwörung, die
angeblich behufs der Ermordung Louis-Napoleons angestiftet sein
sollte. Gleichzeitige Verhaftungen von Mitgliedern der Inter-
nationale fanden statt in Lyon, Rouen, Marseille, Brest und ande-
ren Städten. In seiner Erklärung vom 3. Mai 1870 sagte der Gene-
ralrat:
"Diese letzte Verschwörung steht ihren beiden Vorgängern grotes-
ken Andenkens würdig zur Seite; die lärmenden Gewaltmaßregeln der
französischen Regierung können keinen anderen Zweck haben, als
die Zurechtlegung des Plebiszits." 3*)
Wir hatten recht gehabt. Wir ersehen jetzt aus den Schriftstüc-
ken, die nach dem Sturz der Dezemberregierung von den Nachfolgern
derselben
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1*) In "La Liberté" und "The International Herald": Bürger! -
2*) in "La Liberté" und einigen anderen Zeitungen beginnt dieser
Satz mit den Worten: Zu einem Zeitpunkt, als das Kaiserreich von
Frankreich verlangte, seine Existenz durch ein neues Plebiszit zu
segnen, hatten die Pariser Mitglieder - 3*) vgl. Band 16 unserer
Ausgabe, S. 422
#130# Karl Marx
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veröffentlicht wurden, daß dieses letzte Komplott von der bona-
partistischen Polizei selber gewebt worden war. [158] In einem
vertraulichen Rundschreiben, welches Ollivier einige Tage vor dem
Plebiszit an seine Agenten schickte, schrieb derselbe geradezu
vor:
"Man muß die Leiter der Internationalen verhaften; sonst könnte
das Plebiszit nicht gut ablaufen."
Nach Schluß der Plebiszit-Komödie wurden die Mitglieder des Pari-
ser Föderalrats allerdings von Louis Bonapartes Richtern verur-
teilt, aber bloß wegen ihrer Beteiligung an der Internationale
und nicht wegen irgendeiner Verwickelung in die Scheinverschwö-
rung. [159] Die bonapartistische Regierung fand es also nötig,
den verderblichsten Krieg, der je über Frankreich gekommen ist,
einzuleiten durch einen Vorfeldzug gegen die französischen Sek-
tionen der Internationalen Arbeiter-Assoziation. Vergessen wir
nicht, daß die Arbeiterklasse Frankreichs sich wie ein Mann er-
hob, um das Plebiszit zu verwerfen. Vergessen wir ebensowenig,
daß die Börsen, die Kabinette, die herrschenden Klassen und die
Presse von ganz Europa das Plebiszit feierten als einen glänzen-
den Sieg des französischen Kaiserreichs über die französische Ar-
beiterklasse (Adresse des Generalrats über den Krieg, datiert vom
23. Juli 1870 1*)).
Wenige Wochen nach dem Plebiszit, als die bonapartistische Presse
die Kriegslust im französischen Volke anzufachen begann, erließen
die Pariser Internationalen, unbeirrt durch die Regierungsverfol-
gung, ihren Aufruf vom 12. Juli "An die Arbeiter aller Nationen",
worin sie den beabsichtigten Krieg als einen verbrecherischen Un-
sinn denunzierten, ihren Brüdern in Deutschland sagten,
"ihre Spaltung würde nur den vollständigen Triumph des Despotis-
mus auf beiden Seiten des Rheins zur Folge haben", und erklärten:
"Wir, die Mitglieder der Internationale, kennen keine Landesgren-
zen." [160]
Ihr Aufruf fand ein begeistertes Echo in Deutschland, so daß der
Generalrat in seinem Manifest vom 23. Juli 1870 mit Recht sagen
konnte:
"Die Tatsache selbst, daß im nämlichen Augenblicke, wo das offi-
zielle Frankreich und das offizielle Deutschland sich in einen
brudermörderischen Krieg stürzen, die Arbeiter Frankreichs und
Deutschlands einander Friedensbotschaften zusenden, diese große
Tatsache, beispiellos in der Geschichte der Vergangenheit, be-
weist, daß im Gegensatz zur alten Welt mit ihrem sozialen Elend
und ihrem politischen Wahnsinn eine neue Gesellschaft
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1*) Siehe Band 17 unserer Ausgabe, S. 4
#131# Bericht des Generalrats an den Haager Kongreß
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heraufwächst, welche nach außen keine andere Politik haben wird,
als den Frieden, weil sie keine andere Politik nach innen kennt,
als die Arbeit. Die Bahnbrecher für diese neue Gesellschaft sind
die Mitglieder der Internationale." 1*)
Bis zur Proklamation der Republik blieben die Mitglieder des
Föderalrats unter Schloß und Riegel. Unterdessen wurden täglich
die übrigen Mitglieder der Assoziation dem Pöbel als preußische
Spione bezeichnet.
Als mit der Kapitulation von Sedan das Zweite Kaiserreich
endigte, wie es begonnen hatte, mit einer Parodie, da trat der
Deutsch-Französische Krieg in sein zweites Stadium. Er wurde ein
Krieg gegen das französische Volk. Nach all den feierlichen Er-
klärungen, daß es einzig zur Abwehr fremden Angriffs die Waffen
ergreife, ließ Preußen jetzt die Maske fallen und proklamierte
einen Eroberungskrieg. Von nun an sah es sich genötigt, nicht nur
die Republik in Frankreich zu bekämpfen, sondern gleichzeitig die
Internationale in Deutschland. Wir können den Verlauf dieses
Kampfes hier nur andeuten.
Gleich nach der Kriegserklärung wurde der größte Teil des nord-
deutschen Bundesgebiets: Hannover, Oldenburg, Bremen, Hamburg,
Braunschweig, Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Pommern und die
Provinz Preußen, in Belagerungszustand versetzt und der milden
Herrschaft des Generals Vogel von Falckenstein überliefert. Die-
ser Belagerungszustand, als Schutz gegen von außen drohende Inva-
sion angekündigt, verwandelte sich sofort in einen Kriegszustand
gegen die deutschen Internationalen.
Am Tage nach der Proklamation der Republik in Paris erließ das
Braunschweiger Zentralkomitee der deutschen Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei, die eine Abteilung der Internationalen innerhalb
der durch die Landesgesetze auferlegten Schranken bildet, ihr Ma-
nifest vom 5. September. Es forderte die Arbeiter auf, mit aller
Macht der Zerstückelung Frankreichs entgegenzutreten, einen für
Frankreich ehrenvollen Frieden und die Anerkennung der französi-
schen Republik zu verlangen. [161] Das Manifest erklärte die be-
absichtigte Annexion von Elsaß-Lothringen für ein Verbrechen,
dessen Folge die Verwandlung von ganz Deutschland in eine preu-
ßische Kaserne sein werde und die Erhebung des Krieges zu einer
europäischen Institution. Am 9. September ließ Vogel von Falcken-
stein die Mitglieder des Braunschweiger Ausschusses verhaften und
sie in Ketten 130 deutsche Meilen weit nach Lotzen abführen, ei-
ner preußischen Festung
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1*) Siehe Band 17 unserer Ausgabe, S. 7
#132# Karl Marx
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an der russischen Grenze, wo ihre schmähliche Behandlung als wür-
diges Gegenstück diente zur prunkhaften Bewirtung des kaiserli-
chen Gastes auf Wilhelmshöhe [162]. Da Einkerkerung, Ausweisung
von Arbeitern aus dem einen deutschen Staate in den andern, Un-
terdrückung der Arbeiterblätter, militärische Brutalitäten und
Polizeischikanen jeder Art die internationale Avantgarde der
deutschen Arbeiterklasse nicht davon abhielten, im Sinne des
Braunschweiger Manifestes zu handeln, verbot Vogel von Falcken-
stein durch einen Ukas vom 21. September alle Versammlungen der
Sozialdemokratischen Partei. Dies Verbot ward am 5. Oktober durch
einen zweiten Ukas aufgehoben, worin er seinen Polizeispionen
schlauköpfig befiehlt, ihm persönlich alle Individuen zu melden,
die etwa durch öffentliche Demonstrationen Frankreich in seinem
Widerstande gegen die von Deutschland auferlegten Friedensbedin-
gungen ermutigten, damit er solche Leute während der Dauer des
Krieges unschädlich mache.
Die Sorgen des Krieges nach außen seinem Moltke überlassend, gab
der König von Preußen dem Krieg im Innern eine neue Wendung. Er
schleuderte am 17. Oktober von Versailles nach Hannover die Kabi-
nettsordre, daß Vogel von Falckenstein seine Lötzener Gefangenen
dem Braunschweiger Bezirksgericht leihweise übermachen solle,
welches Gericht seinerseits entweder Rechtsgründe für ihre Haft
finden oder aber sie in den sicheren Gewahrsam des Schreckengene-
rals zurückliefern müsse.
Vogel von Falckensteins Maßregelungen wurden natürlich in ganz
Deutschland nachgeahmt, während Bismarck in einem diplomatischen
Zirkular Europa neckte durch sein Auftreten als entrüsteter Vor-
kämpfer des Rechts der freien Meinungsäußerung und des freien
Versammlungsrechts für - die Friedenspartei in Frankreich. Zur
nämlichen Zeit, als er eine frei gewählte Nationalversammlung für
Frankreich verlangte, ließ er in Deutschland Bebel und Liebknecht
verhaften zur Strafe dafür, daß sie ihm gegenüber die Internatio-
nale auf dem norddeutschen Reichstage vertreten hatten, und mit
dem Zweck, bei den bevorstehenden Neuwahlen ihre Wiederwahl zu
verhindern [163].
Sein Herr und Meister, Wilhelm der Eroberer, unterstützte ihn
durch eine neue Kabinettsordre ans Versailles, die den Belage-
rungszustand, das heißt die Aufhebung alles bürgerlichen Rechts,
für die ganze Wahlperiode verlängerte. In der Tat hielt er den
Belagerungszustand in Deutschland noch 2 Monate nach dem Frie-
densschluß mit Frankreich aufrecht. Die Hartnäckigkeit, womit er
auf dem Belagerungszustand im Innern beharrte, und seine wieder-
holte persönliche Einmischung gegenüber seinen eigenen deutschen
Gefangenen bewiesen mitten unter dem Geräusch siegreicher Waffen
#133# Bericht des Generalrats an den Haager Kongreß
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und unter dem fanatischen Beifallsjubel der gesamten deutschen
Bourgeoisie seine Scheu vor der emporwachsenden Partei des Prole-
tariats. Es war dies eine unfreiwillige Huldigung materieller Ge-
walt vor moralischer Macht.
War der Krieg gegen die Internationale bisher lokalisiert gewe-
sen, zuerst in Frankreich von den Tagen des Plebiszits bis zum
Fall des Kaisertums, nachher in Deutschland während der ganzen
Zeit des Widerstands der Republik gegen Preußen: so wurde er nach
der Erhebung und nach dem Falle der Pariser Kommune allgemein.
Am 6. Juni 1871 erließ Jules Favre sein Zirkular an die auswärti-
gen Mächte, welches die Auslieferung der Kommunemitglieder 1*)
als gemeiner Verbrecher verlangte und aufrief zu einem Kreuzzug
gegen die Internationale als Feindin der Familie, der Religion,
der Ordnung und des Eigentums - so angemessen vertreten in seiner
eignen Person. [164] Österreich und Ungarn nahmen das Stichwort
sogleich auf. Am 13. Juni wurde eine Razzia angestellt gegen die
angeblichen Führer des Pester Arbeitervereins [165]: ihre Papiere
wurden mit Beschlag belegt, sie selbst verhaftet und wegen Hoch-
verrats verfolgt. Verschiedene Delegierte der Wiener Internatio-
nale, gerade auf Besuch in Pest, wurden nach Wien zu weiterer
Maßregelung abgeführt. Beust verlangte und erhielt von seinem
Reichsrat noch nachträglich 3 000 000 Gulden
"zu Ausgaben für politische Informationen, die", wie er klagte,
"mehr als je unentbehrlich geworden infolge der gefährlichen Aus-
breitung der Internationale über ganz Europa".
Von da an verfiel die Arbeiterklasse in Österreich-Ungarn einer
wahren Schreckensherrschaft. Selbst in den letzten Todeskrämpfen
klammert die österreichische Regierung sich noch ängstlich fest
an ihr altes Vorrecht, den Don Quixote der europäischen Reaktion
zu spielen.
Wenige Wochen nach Jules Favres Zirkular schlug Dufaure seiner
Junkerkammer ein jetzt zu Recht bestehendes Gesetz 2*) vor, wo-
nach es ein Verbrechen ist, der Internationalen Arbeiter-Assozia-
tion anzugehören oder auch nur ihre Prinzipien zu teilen.
Als Zeuge vor der Junkerkommission über Dufaures Gesetzvorschlag
prahlte Thiers, daß das Gesetz seinem eignen gescheiten Hirn ent-
sprungen sei. Er zuerst habe die unfehlbare Panazee entdeckt, daß
man die Internationale behandeln müsse, wie die spanische Inqui-
sition die Ketzer behandelt hat. Aber sogar in diesem Punkt
steht's schlecht mit seinem Anspruch
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1*) In "La Liberté" und "The International Herald": Kommune-
flüchtlinge - 2*) in "La Liberté" und "The International Herald":
ein Gesetz, das jetzt in Kraft ist
#134# Karl Marx
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auf Originalität. Lange bevor er zum Gesellschaftsretter ernannt
worden war, war die wahre Jurisprudenz, die den Internationalen
von der herrschenden Klasse gebührt, von den Wiener Gerichtshöfen
festgestellt. Am 26. Juli 1870 wurden die hervorragendsten Männer
der österreichischen Arbeiterpartei wegen Hochverrats zu mehreren
Jahren schweren Kerkers mit einem Fasttag in jedem Monat verur-
teilt. Folgendes waren die Urteilsgründe:
"Die Gefangenen geben selbst zu, das Programm des deutschen Ar-
beiterkongresses zu Eisenach (1869) angenommen und darnach gehan-
delt zu haben. Dies Programm schließt das Programm der Interna-
tionale ein. Die Internationale bezweckt die Emanzipation der Ar-
beiterklasse von der Herrschaft der besitzenden Klasse und von
politischer Abhängigkeit. Diese Emanzipation ist unverträglich
mit den bestehenden Einrichtungen des österreichischen Staats.
Also, wer die Grundsätze des internationalen Programms annimmt
und verbreitet, begeht eine vorbereitende Handlung zum Umsturz
der österreichischen Regierung und ist demnach des Hochverrats
schuldig."
Am 27. November 1*) wurde das Urteil über die Mitglieder des
Braunschweiger Ausschusses gefällt. Es wurden ihnen Gefängnis-
strafen von verschiedener Dauer auferlegt. In den Motiven bezog
sich der Gerichtshof ausdrücklich auf die Begründung des Wiener
Urteils als auf einen Präzedenzfall.
In Pest wurden die Angeklagten des Arbeitervereins, nachdem sie
beinahe ein Jahr lang ähnliche schmachvolle Behandlung erduldet,
wie die britische Regierung sie den Feniern [166] angetan hatte,
am 22. April 1872 vor Gericht gestellt. Hier verlangte der
Staatsanwalt die Anwendung der in Wien festgestellten Jurispru-
denz. Der Gerichtshof sprach jedoch frei.
In Leipzig wurden den 27. Mai 1872 Bebel und Liebknecht zu 2 Jah-
ren Festungshaft verurteilt wegen vorbereitender Handlungen zum
Hochverrat.
Die Begründung war dieselbe wie die des Wiener Urteils. Nur wurde
in diesem Falle die Jurisprudenz der Wiener Richter bestätigt
durch den Wahrspruch sächsischer Geschworenen.
In Kopenhagen verhaftete man am 8. Mai dieses Jahres die drei
Mitglieder des Zentralkomitees Brix, Pio und Geleff, und zwar
weil sie ihren festen Entschluß bekundet hatten, trotz eines Po-
lizeiverbotes eine Versammlung unter freiem Himmel abzuhalten.
Nach der Verhaftung wurde ihnen mitgeteilt, daß die sozialisti-
schen Ideen an sich schon mit dem Bestehen des dänischen Staates
unvereinbar seien und daß deshalb die bloße
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1*) 1871
#135# Bericht des Generalrats an den Haager Kongreß
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Verbreitung derselben ein Verbrechen gegen die dänische Verfas-
sung ausmache. Immer wieder die Jurisprudenz des Wiener Gerichts-
hofes. Die Angeklagten sind jetzt noch in Untersuchungshaft.
Die belgische Regierung, vorteilhaft bekannt durch ihre sympathi-
sche Antwort auf Jules Favres Auslieferungsverlangen, beeilte
sich, ihrer Deputiertenkammer durch Malou eine heuchlerische
Nachdrucksausgabe des Dufaureschen Gesetzes vorzulegen.
Seine Heiligkeit Papst Pius IX. sagte in einer Anrede an eine aus
Schweizer Katholiken bestehende Deputation:
"Eure Regierung, welche republikanisch ist, hält sich für ver-
pflichtet, ein schweres Opfer für das, was man Freiheit nennt, zu
bringen. Sie gewährt einer Anzahl von Leuten der schlimmsten
Sorte das Asylrecht, sie duldet jene Sekte der Internationalen,
welche ganz Europa behandeln möchte, wie sie Paris behandelt hat.
Diese Herren von der Internationale, die gar keine Herren sind,
sind zu fürchten, weil sie für die Rechnung des ewigen Feindes
Gottes und der Menschen arbeiten. Was hat man davon, wenn man sie
beschützt! Man muß für sie beten."
Erst hängt sie, dann betet für sie!
Unterstützt von Bismarck, Beust und Stieber, kamen die Kaiser von
Österreich und Deutschland Anfang September 1871 in Salzburg
zusammen, um eine heilige Allianz - so hieß es - gegen die Inter-
nationale Arbeiter-Assoziation zu stiften:
"Solch' eine europäische Allianz", erklärte Bismarcks Privatmoni-
teur, die "Norddeutsche Allgemeine Zeitung" [167], "ist die ein-
zig mögliche Rettung des Staats, der Kirche, der Gesittung, mit
einem Wort alles dessen, was die europäischen Staaten konstitu-
iert."
Bismarcks wirklicher Zweck war natürlich, sich Allianzen für
einen bevorstehenden Krieg mit Rußland zu sichern, und die Inter-
nationale wurde Österreich nur vorgehalten, wie man einem Stier
ein Stück rotes Zeug vorhält.
Lanza unterdrückte die Internationale in Italien durch ein einfa-
ches Dekret. Sagasta erklärte sie in Spanien für außerhalb des
Gesetzes [168]; vielleicht hoffte er sich so mit dem englischen
Geldmarkte auf einen bessern Fuß zu stellen.
Die russische Regierung, seit der Emanzipation der Leibeigenen
auf das gefährliche Auskunftsmittel angewiesen, heute dem populä-
ren Andrängen 1*) furchtsame Konzessionen zu machen, um sie mor-
gen wieder zurückzunehmen, fand in dem allgemeinen Hetzruf gegen
die Internationale einen
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1*) In der "Égalité": der Volksmeinung
#136# Karl Marx
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Vorwand zur Verschärfung der Reaktion im Innern. Im Auslande
hoffte sie hinter die Geheimnisse der Assoziation zu kommen. Es
gelang ihr in der Tat, einen Schweizer Richter zu finden, der in
Gegenwart eines russischen Spions eine Haussuchung vornahm in der
Wohnung Utins [169], eines russischen Internationalen und
früheren Redakteurs der Genfer "Egalité", des Organs unserer
Schweizer Romanischen Föderation. Die republikanische Regierung
der Schweiz selbst wurde nur durch die Agitation der Schweizer
Internationalen daran verhindert, Flüchtlinge der Kommune an
Thiers auszuliefern.
Schließlich bewies die Regierung des Herrn Gladstone, außerstande
in Großbritannien einzuschreiten, wenigstens ihren guten Willen
durch den Polizeiterrorismus, den sie in Irland gegen unsere in
der Bildung begriffene Sektionen ausübte, und durch den Befehl an
ihre auswärtigen Vertreter, Informationen über die Internationale
einzuziehen.
Aber alle Unterdrückungsmaßregeln, die der vereinigte Regierungs-
verstand von Europa auszuklügeln imstande war, verschwinden vor
dem Verleumdungskrieg, den die Lügenkraft der zivilisierten Welt
unternahm. Apokryphe Geschichten und Geheimnisse der Internatio-
nale, schamlose Fälschung von öffentlichen Dokumenten und Privat-
briefen, Lärmtelegramme usw. folgten rasch aufeinander; alle
Schleusen der Verleumdung, die der käuflichen Bourgeoispresse zur
Verfügung standen, wurden auf einmal geöffnet und ließen eine
Sündflut von Niedertracht los, die den verhaßten Feind ersäufen
sollte. Dieser Verleumdungskrieg findet nicht seinesgleichen in
der Geschichte, so wahrhaft international ist der Schauplatz, auf
dem er spielt, und so vollständig ist das Einverständnis, womit
die verschiedensten Parteiorgane der herrschenden Klassen ihn
führen. Nach dem großen Brande von Chicago kündigte denselben der
Telegraph an, rund um die Erde, als die höllische Tat der Inter-
nationale, und es ist in der Tat wunderbar, daß man den Orkan,
der Westindien verwüstete, nicht ihrem dämonischen Einwirken zu-
schrieb.
In früheren öffentlichen Jahresberichten hat der Generalrat ge-
wöhnlich eine Übersicht über den Fortschritt der Assoziation seit
dem vorhergehenden Kongreß gegeben. Ihr, Arbeiter 1*), werdet die
Gründe würdigen, welche uns veranlassen, dieses Mal abweichend zu
verfahren. Zudem werden vielleicht die Berichte der Delegierten
von verschiedenen Ländern - und sie wissen am besten, wie weit
sie gehen können - diesen Mangel ergänzen. Wir beschränken uns
auf die Angabe, daß seit dem Baseler Kongreß und
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1*) In "La Liberté" und "The International Herald": Bürger
#137# Bericht des Generalrats an den Haager Kongreß
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namentlich seit der Konferenz in London im September 1871 die
Internationale Boden gefaßt hat unter den Irländern in England
und in Irland selbst, in Holland, Dänemark und Portugal, daß sie
sich in den Vereinigten Staaten fest organisiert hat und daß Ver-
zweigungen bestehen in Buenos Aires, Australien und Neuseeland.
Der Unterschied zwischen einer Arbeiterklasse ohne Internationale
und einer Arbeiterklasse mit einer Internationalen Assoziation
zeigt sich am schlagendsten, wenn wir auf 1848 zurückblicken.
Langer Jahre bedurfte es, bis die Arbeiter selbst das Werk ihrer
eigenen Vorkämpfer in der Juni-Insurrektion von 1848 [123] er-
kannt. Die Pariser Kommune wurde sofort begrüßt durch den Jubel-
ruf des Proletariats aller Länder.
Ihr, die Abgeordneten der Arbeiterklasse, versammelt euch, um die
streitbare Organisation eines Bundes zu befestigen, dessen Zweck
die Emanzipation der Arbeit ist und die Ausrottung der National-
kämpfe. Fast in demselben Augenblick versammeln sich in Berlin
die gekrönten Würdenträger der alten Welt, um neue Ketten zu
schmieden und neue Kriege auszuhecken. [170]
Es lebe die Internationale Arbeiter-Assoziation!
Geschrieben Ende August 1872.
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