Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875


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       #127#
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       Haager Kongreß der Internationalen Arbeiterassoziation
       
       2.-7. September 1872 [154]
       
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       #129#
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       Karl Marx
       
       Offizieller Bericht des Londoner Generalrats, verlesen in
       öffentlicher Sitzung des Internationalen Kongresses zu Haag [155]
       
       ["Der Volksstaat" Nr. 75 vom 18. September 1872]
       Arbeiter! 1*)
       Seit unserm  letzten Kongreß in Basel haben zwei große Kriege das
       Aussehen Europas  verändert -  der Deutsch-Französische Krieg und
       der Bürgerkrieg in Frankreich; ein dritter Krieg ging diesen bei-
       den voraus,  begleitete sie und wurde noch nach ihnen fortgesetzt
       - der Krieg gegen die Internationale Arbeiter-Assoziation.
       Die Pariser  Mitglieder 2*) der Internationale hatten dem franzö-
       sischen Volke öffentlich und ausdrücklich gesagt: für das Plebis-
       zit stimmen  bedeutet nichts  anderes, als für den Despotismus im
       Innern Frankreichs  und für  den Krieg  nach außen stimmen. [156]
       Man verhaftete sie am Vorabend des Plebiszits [157], am 29. April
       1870, unter  dem Vorwand der Teilnahme an einer Verschwörung, die
       angeblich behufs  der Ermordung  Louis-Napoleons angestiftet sein
       sollte. Gleichzeitige  Verhaftungen von  Mitgliedern  der  Inter-
       nationale fanden statt in Lyon, Rouen, Marseille, Brest und ande-
       ren Städten.  In seiner Erklärung vom 3. Mai 1870 sagte der Gene-
       ralrat:
       "Diese letzte  Verschwörung steht ihren beiden Vorgängern grotes-
       ken Andenkens würdig zur Seite; die lärmenden Gewaltmaßregeln der
       französischen Regierung  können keinen  anderen Zweck  haben, als
       die Zurechtlegung des Plebiszits." 3*)
       Wir hatten  recht gehabt.  Wir ersehen jetzt aus den Schriftstüc-
       ken, die nach dem Sturz der Dezemberregierung von den Nachfolgern
       derselben
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       1*) In "La  Liberté" und  "The International  Herald": Bürger!  -
       2*) in "La  Liberté" und einigen anderen Zeitungen beginnt dieser
       Satz mit  den Worten: Zu einem Zeitpunkt, als das Kaiserreich von
       Frankreich verlangte, seine Existenz durch ein neues Plebiszit zu
       segnen, hatten  die Pariser Mitglieder - 3*) vgl. Band 16 unserer
       Ausgabe, S. 422
       
       #130# Karl Marx
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       veröffentlicht wurden,  daß dieses  letzte Komplott von der bona-
       partistischen Polizei  selber gewebt  worden war.  [158] In einem
       vertraulichen Rundschreiben, welches Ollivier einige Tage vor dem
       Plebiszit an  seine Agenten  schickte, schrieb  derselbe geradezu
       vor:
       
       "Man muß  die Leiter  der Internationalen verhaften; sonst könnte
       das Plebiszit nicht gut ablaufen."
       
       Nach Schluß der Plebiszit-Komödie wurden die Mitglieder des Pari-
       ser Föderalrats  allerdings von  Louis Bonapartes Richtern verur-
       teilt, aber  bloß wegen  ihrer Beteiligung  an der Internationale
       und nicht  wegen irgendeiner  Verwickelung in die Scheinverschwö-
       rung. [159]  Die bonapartistische  Regierung fand  es also nötig,
       den verderblichsten  Krieg, der  je über Frankreich gekommen ist,
       einzuleiten durch  einen Vorfeldzug  gegen die französischen Sek-
       tionen der  Internationalen Arbeiter-Assoziation.  Vergessen  wir
       nicht, daß  die Arbeiterklasse  Frankreichs sich wie ein Mann er-
       hob, um  das Plebiszit  zu verwerfen.  Vergessen wir ebensowenig,
       daß die  Börsen, die  Kabinette, die herrschenden Klassen und die
       Presse von  ganz Europa das Plebiszit feierten als einen glänzen-
       den Sieg des französischen Kaiserreichs über die französische Ar-
       beiterklasse (Adresse des Generalrats über den Krieg, datiert vom
       23. Juli 1870 1*)).
       Wenige Wochen nach dem Plebiszit, als die bonapartistische Presse
       die Kriegslust im französischen Volke anzufachen begann, erließen
       die Pariser Internationalen, unbeirrt durch die Regierungsverfol-
       gung, ihren Aufruf vom 12. Juli "An die Arbeiter aller Nationen",
       worin sie den beabsichtigten Krieg als einen verbrecherischen Un-
       sinn denunzierten, ihren Brüdern in Deutschland sagten,
       
       "ihre Spaltung  würde nur den vollständigen Triumph des Despotis-
       mus auf beiden Seiten des Rheins zur Folge haben", und erklärten:
       "Wir, die Mitglieder der Internationale, kennen keine Landesgren-
       zen." [160]
       
       Ihr Aufruf  fand ein begeistertes Echo in Deutschland, so daß der
       Generalrat in  seinem Manifest  vom 23. Juli 1870 mit Recht sagen
       konnte:
       "Die Tatsache  selbst, daß im nämlichen Augenblicke, wo das offi-
       zielle Frankreich  und das  offizielle Deutschland  sich in einen
       brudermörderischen Krieg  stürzen, die  Arbeiter Frankreichs  und
       Deutschlands einander  Friedensbotschaften zusenden,  diese große
       Tatsache, beispiellos  in der  Geschichte der  Vergangenheit, be-
       weist, daß  im Gegensatz  zur alten Welt mit ihrem sozialen Elend
       und ihrem politischen Wahnsinn eine neue Gesellschaft
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       1*) Siehe Band 17 unserer Ausgabe, S. 4
       
       
       #131# Bericht des Generalrats an den Haager Kongreß
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       heraufwächst, welche  nach außen keine andere Politik haben wird,
       als den  Frieden, weil sie keine andere Politik nach innen kennt,
       als die  Arbeit. Die Bahnbrecher für diese neue Gesellschaft sind
       die Mitglieder der Internationale." 1*)
       Bis zur  Proklamation der  Republik blieben  die  Mitglieder  des
       Föderalrats unter  Schloß und  Riegel. Unterdessen wurden täglich
       die übrigen  Mitglieder der  Assoziation dem Pöbel als preußische
       Spione bezeichnet.
       Als  mit  der  Kapitulation  von  Sedan  das  Zweite  Kaiserreich
       endigte, wie  es begonnen  hatte, mit  einer Parodie, da trat der
       Deutsch-Französische Krieg  in sein zweites Stadium. Er wurde ein
       Krieg gegen  das französische  Volk. Nach all den feierlichen Er-
       klärungen, daß  es einzig  zur Abwehr fremden Angriffs die Waffen
       ergreife, ließ  Preußen jetzt  die Maske  fallen und proklamierte
       einen Eroberungskrieg. Von nun an sah es sich genötigt, nicht nur
       die Republik in Frankreich zu bekämpfen, sondern gleichzeitig die
       Internationale in  Deutschland. Wir  können  den  Verlauf  dieses
       Kampfes hier nur andeuten.
       Gleich nach  der Kriegserklärung  wurde der größte Teil des nord-
       deutschen Bundesgebiets:  Hannover, Oldenburg,  Bremen,  Hamburg,
       Braunschweig, Schleswig-Holstein,  Mecklenburg, Pommern  und  die
       Provinz Preußen,  in Belagerungszustand  versetzt und  der milden
       Herrschaft des  Generals Vogel von Falckenstein überliefert. Die-
       ser Belagerungszustand, als Schutz gegen von außen drohende Inva-
       sion angekündigt,  verwandelte sich sofort in einen Kriegszustand
       gegen die deutschen Internationalen.
       Am Tage  nach der  Proklamation der  Republik in Paris erließ das
       Braunschweiger Zentralkomitee  der deutschen Sozialdemokratischen
       Arbeiterpartei, die  eine Abteilung der Internationalen innerhalb
       der durch die Landesgesetze auferlegten Schranken bildet, ihr Ma-
       nifest vom  5. September. Es forderte die Arbeiter auf, mit aller
       Macht der  Zerstückelung Frankreichs  entgegenzutreten, einen für
       Frankreich ehrenvollen  Frieden und die Anerkennung der französi-
       schen Republik  zu verlangen. [161] Das Manifest erklärte die be-
       absichtigte Annexion  von Elsaß-Lothringen  für  ein  Verbrechen,
       dessen Folge  die Verwandlung  von ganz Deutschland in eine preu-
       ßische Kaserne  sein werde  und die Erhebung des Krieges zu einer
       europäischen Institution. Am 9. September ließ Vogel von Falcken-
       stein die Mitglieder des Braunschweiger Ausschusses verhaften und
       sie in  Ketten 130 deutsche Meilen weit nach Lotzen abführen, ei-
       ner preußischen Festung
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       1*) Siehe Band 17 unserer Ausgabe, S. 7
       
       #132# Karl Marx
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       an der russischen Grenze, wo ihre schmähliche Behandlung als wür-
       diges Gegenstück  diente zur  prunkhaften Bewirtung des kaiserli-
       chen Gastes  auf Wilhelmshöhe  [162]. Da Einkerkerung, Ausweisung
       von Arbeitern  aus dem  einen deutschen Staate in den andern, Un-
       terdrückung der  Arbeiterblätter, militärische  Brutalitäten  und
       Polizeischikanen jeder  Art  die  internationale  Avantgarde  der
       deutschen Arbeiterklasse  nicht davon  abhielten,  im  Sinne  des
       Braunschweiger Manifestes  zu handeln,  verbot Vogel von Falcken-
       stein durch  einen Ukas  vom 21. September alle Versammlungen der
       Sozialdemokratischen Partei. Dies Verbot ward am 5. Oktober durch
       einen zweiten  Ukas aufgehoben,  worin er  seinen  Polizeispionen
       schlauköpfig befiehlt,  ihm persönlich alle Individuen zu melden,
       die etwa  durch öffentliche  Demonstrationen Frankreich in seinem
       Widerstande gegen  die von Deutschland auferlegten Friedensbedin-
       gungen ermutigten,  damit er  solche Leute  während der Dauer des
       Krieges unschädlich mache.
       Die Sorgen  des Krieges nach außen seinem Moltke überlassend, gab
       der König  von Preußen  dem Krieg im Innern eine neue Wendung. Er
       schleuderte am 17. Oktober von Versailles nach Hannover die Kabi-
       nettsordre, daß  Vogel von Falckenstein seine Lötzener Gefangenen
       dem Braunschweiger  Bezirksgericht  leihweise  übermachen  solle,
       welches Gericht  seinerseits entweder  Rechtsgründe für ihre Haft
       finden oder aber sie in den sicheren Gewahrsam des Schreckengene-
       rals zurückliefern müsse.
       Vogel von  Falckensteins Maßregelungen  wurden natürlich  in ganz
       Deutschland nachgeahmt,  während Bismarck in einem diplomatischen
       Zirkular Europa  neckte durch sein Auftreten als entrüsteter Vor-
       kämpfer des  Rechts der  freien Meinungsäußerung  und des  freien
       Versammlungsrechts für  - die  Friedenspartei in  Frankreich. Zur
       nämlichen Zeit, als er eine frei gewählte Nationalversammlung für
       Frankreich verlangte, ließ er in Deutschland Bebel und Liebknecht
       verhaften zur Strafe dafür, daß sie ihm gegenüber die Internatio-
       nale auf  dem norddeutschen  Reichstage vertreten hatten, und mit
       dem Zweck,  bei den  bevorstehenden Neuwahlen  ihre Wiederwahl zu
       verhindern [163].
       Sein Herr  und Meister,  Wilhelm der  Eroberer, unterstützte  ihn
       durch eine  neue Kabinettsordre  ans Versailles,  die den Belage-
       rungszustand, das  heißt die Aufhebung alles bürgerlichen Rechts,
       für die  ganze Wahlperiode  verlängerte. In  der Tat hielt er den
       Belagerungszustand in  Deutschland noch  2 Monate  nach dem Frie-
       densschluß mit  Frankreich aufrecht. Die Hartnäckigkeit, womit er
       auf dem  Belagerungszustand im Innern beharrte, und seine wieder-
       holte persönliche  Einmischung gegenüber seinen eigenen deutschen
       Gefangenen bewiesen mitten unter dem Geräusch siegreicher Waffen
       
       #133# Bericht des Generalrats an den Haager Kongreß
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       und unter  dem fanatischen  Beifallsjubel der  gesamten deutschen
       Bourgeoisie seine Scheu vor der emporwachsenden Partei des Prole-
       tariats. Es war dies eine unfreiwillige Huldigung materieller Ge-
       walt vor moralischer Macht.
       War der  Krieg gegen  die Internationale bisher lokalisiert gewe-
       sen, zuerst  in Frankreich  von den  Tagen des Plebiszits bis zum
       Fall des  Kaisertums, nachher  in Deutschland  während der ganzen
       Zeit des Widerstands der Republik gegen Preußen: so wurde er nach
       der Erhebung und nach dem Falle der Pariser Kommune allgemein.
       Am 6. Juni 1871 erließ Jules Favre sein Zirkular an die auswärti-
       gen Mächte,  welches die  Auslieferung der  Kommunemitglieder 1*)
       als gemeiner  Verbrecher verlangte  und aufrief zu einem Kreuzzug
       gegen die  Internationale als  Feindin der Familie, der Religion,
       der Ordnung und des Eigentums - so angemessen vertreten in seiner
       eignen Person.  [164] Österreich  und Ungarn nahmen das Stichwort
       sogleich auf.  Am 13. Juni wurde eine Razzia angestellt gegen die
       angeblichen Führer des Pester Arbeitervereins [165]: ihre Papiere
       wurden mit  Beschlag belegt, sie selbst verhaftet und wegen Hoch-
       verrats verfolgt.  Verschiedene Delegierte der Wiener Internatio-
       nale, gerade  auf Besuch  in Pest,  wurden nach  Wien zu weiterer
       Maßregelung abgeführt.  Beust verlangte  und erhielt  von  seinem
       Reichsrat noch nachträglich 3 000 000 Gulden
       
       "zu Ausgaben  für politische  Informationen, die", wie er klagte,
       "mehr als je unentbehrlich geworden infolge der gefährlichen Aus-
       breitung der Internationale über ganz Europa".
       
       Von da  an verfiel  die Arbeiterklasse in Österreich-Ungarn einer
       wahren Schreckensherrschaft.  Selbst in den letzten Todeskrämpfen
       klammert die  österreichische Regierung  sich noch ängstlich fest
       an ihr  altes Vorrecht, den Don Quixote der europäischen Reaktion
       zu spielen.
       Wenige Wochen  nach Jules  Favres Zirkular  schlug Dufaure seiner
       Junkerkammer ein  jetzt zu  Recht bestehendes Gesetz 2*) vor, wo-
       nach es ein Verbrechen ist, der Internationalen Arbeiter-Assozia-
       tion anzugehören oder auch nur ihre Prinzipien zu teilen.
       Als Zeuge  vor der Junkerkommission über Dufaures Gesetzvorschlag
       prahlte Thiers, daß das Gesetz seinem eignen gescheiten Hirn ent-
       sprungen sei. Er zuerst habe die unfehlbare Panazee entdeckt, daß
       man die  Internationale behandeln müsse, wie die spanische Inqui-
       sition die  Ketzer behandelt  hat. Aber  sogar  in  diesem  Punkt
       steht's schlecht mit seinem Anspruch
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       1*) In "La  Liberté" und  "The  International  Herald":  Kommune-
       flüchtlinge - 2*) in "La Liberté" und "The International Herald":
       ein Gesetz, das jetzt in Kraft ist
       
       #134# Karl Marx
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       auf Originalität.  Lange bevor er zum Gesellschaftsretter ernannt
       worden war,  war die  wahre Jurisprudenz, die den Internationalen
       von der herrschenden Klasse gebührt, von den Wiener Gerichtshöfen
       festgestellt. Am 26. Juli 1870 wurden die hervorragendsten Männer
       der österreichischen Arbeiterpartei wegen Hochverrats zu mehreren
       Jahren schweren  Kerkers mit  einem Fasttag in jedem Monat verur-
       teilt. Folgendes waren die Urteilsgründe:
       
       "Die Gefangenen  geben selbst  zu, das Programm des deutschen Ar-
       beiterkongresses zu Eisenach (1869) angenommen und darnach gehan-
       delt zu  haben. Dies  Programm schließt das Programm der Interna-
       tionale ein. Die Internationale bezweckt die Emanzipation der Ar-
       beiterklasse von  der Herrschaft  der besitzenden  Klasse und von
       politischer Abhängigkeit.  Diese Emanzipation  ist  unverträglich
       mit den  bestehenden Einrichtungen  des österreichischen  Staats.
       Also, wer  die Grundsätze  des internationalen  Programms annimmt
       und verbreitet,  begeht eine  vorbereitende Handlung  zum Umsturz
       der österreichischen  Regierung und  ist demnach  des Hochverrats
       schuldig."
       
       Am 27.  November 1*)  wurde das  Urteil über  die Mitglieder  des
       Braunschweiger Ausschusses  gefällt. Es  wurden ihnen  Gefängnis-
       strafen von  verschiedener Dauer  auferlegt. In den Motiven bezog
       sich der  Gerichtshof ausdrücklich  auf die Begründung des Wiener
       Urteils als auf einen Präzedenzfall.
       In Pest  wurden die  Angeklagten des Arbeitervereins, nachdem sie
       beinahe ein  Jahr lang ähnliche schmachvolle Behandlung erduldet,
       wie die  britische Regierung sie den Feniern [166] angetan hatte,
       am 22.  April 1872  vor  Gericht  gestellt.  Hier  verlangte  der
       Staatsanwalt die  Anwendung der  in Wien festgestellten Jurispru-
       denz. Der Gerichtshof sprach jedoch frei.
       In Leipzig wurden den 27. Mai 1872 Bebel und Liebknecht zu 2 Jah-
       ren Festungshaft  verurteilt wegen  vorbereitender Handlungen zum
       Hochverrat.
       Die Begründung war dieselbe wie die des Wiener Urteils. Nur wurde
       in diesem  Falle die  Jurisprudenz der  Wiener Richter  bestätigt
       durch den Wahrspruch sächsischer Geschworenen.
       In Kopenhagen  verhaftete man  am 8.  Mai dieses  Jahres die drei
       Mitglieder des  Zentralkomitees Brix,  Pio und  Geleff, und  zwar
       weil sie  ihren festen Entschluß bekundet hatten, trotz eines Po-
       lizeiverbotes eine  Versammlung unter  freiem Himmel  abzuhalten.
       Nach der  Verhaftung wurde  ihnen mitgeteilt, daß die sozialisti-
       schen Ideen  an sich schon mit dem Bestehen des dänischen Staates
       unvereinbar seien und daß deshalb die bloße
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       1*) 1871
       
       #135# Bericht des Generalrats an den Haager Kongreß
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       Verbreitung derselben  ein Verbrechen  gegen die dänische Verfas-
       sung ausmache. Immer wieder die Jurisprudenz des Wiener Gerichts-
       hofes. Die Angeklagten sind jetzt noch in Untersuchungshaft.
       Die belgische Regierung, vorteilhaft bekannt durch ihre sympathi-
       sche Antwort  auf Jules  Favres  Auslieferungsverlangen,  beeilte
       sich, ihrer  Deputiertenkammer  durch  Malou  eine  heuchlerische
       Nachdrucksausgabe des Dufaureschen Gesetzes vorzulegen.
       Seine Heiligkeit Papst Pius IX. sagte in einer Anrede an eine aus
       Schweizer Katholiken bestehende Deputation:
       
       "Eure Regierung,  welche republikanisch  ist, hält  sich für ver-
       pflichtet, ein schweres Opfer für das, was man Freiheit nennt, zu
       bringen. Sie  gewährt einer  Anzahl von  Leuten  der  schlimmsten
       Sorte das  Asylrecht, sie  duldet jene Sekte der Internationalen,
       welche ganz Europa behandeln möchte, wie sie Paris behandelt hat.
       Diese Herren  von der  Internationale, die gar keine Herren sind,
       sind zu  fürchten, weil  sie für  die Rechnung des ewigen Feindes
       Gottes und der Menschen arbeiten. Was hat man davon, wenn man sie
       beschützt! Man muß für sie beten."
       
       Erst hängt sie, dann betet für sie!
       Unterstützt von Bismarck, Beust und Stieber, kamen die Kaiser von
       Österreich und  Deutschland Anfang  September  1871  in  Salzburg
       zusammen, um eine heilige Allianz - so hieß es - gegen die Inter-
       nationale Arbeiter-Assoziation zu stiften:
       
       "Solch' eine europäische Allianz", erklärte Bismarcks Privatmoni-
       teur, die  "Norddeutsche Allgemeine Zeitung" [167], "ist die ein-
       zig mögliche  Rettung des  Staats, der Kirche, der Gesittung, mit
       einem Wort  alles dessen,  was die europäischen Staaten konstitu-
       iert."
       
       Bismarcks wirklicher  Zweck war  natürlich,  sich  Allianzen  für
       einen bevorstehenden Krieg mit Rußland zu sichern, und die Inter-
       nationale wurde  Österreich nur  vorgehalten, wie man einem Stier
       ein Stück rotes Zeug vorhält.
       Lanza unterdrückte die Internationale in Italien durch ein einfa-
       ches Dekret.  Sagasta erklärte  sie in  Spanien für außerhalb des
       Gesetzes [168];  vielleicht hoffte  er sich so mit dem englischen
       Geldmarkte auf einen bessern Fuß zu stellen.
       Die russische  Regierung, seit  der Emanzipation  der Leibeigenen
       auf das gefährliche Auskunftsmittel angewiesen, heute dem populä-
       ren Andrängen  1*) furchtsame Konzessionen zu machen, um sie mor-
       gen wieder  zurückzunehmen, fand in dem allgemeinen Hetzruf gegen
       die Internationale einen
       -----
       1*) In der "Égalité": der Volksmeinung
       
       #136# Karl Marx
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       Vorwand zur  Verschärfung der  Reaktion im  Innern.  Im  Auslande
       hoffte sie  hinter die  Geheimnisse der Assoziation zu kommen. Es
       gelang ihr  in der Tat, einen Schweizer Richter zu finden, der in
       Gegenwart eines russischen Spions eine Haussuchung vornahm in der
       Wohnung  Utins   [169],  eines   russischen  Internationalen  und
       früheren Redakteurs  der Genfer  "Egalité",  des  Organs  unserer
       Schweizer Romanischen  Föderation. Die  republikanische Regierung
       der Schweiz  selbst wurde  nur durch  die Agitation der Schweizer
       Internationalen daran  verhindert,  Flüchtlinge  der  Kommune  an
       Thiers auszuliefern.
       Schließlich bewies die Regierung des Herrn Gladstone, außerstande
       in Großbritannien  einzuschreiten, wenigstens  ihren guten Willen
       durch den  Polizeiterrorismus, den  sie in Irland gegen unsere in
       der Bildung begriffene Sektionen ausübte, und durch den Befehl an
       ihre auswärtigen Vertreter, Informationen über die Internationale
       einzuziehen.
       Aber alle Unterdrückungsmaßregeln, die der vereinigte Regierungs-
       verstand von  Europa auszuklügeln  imstande war, verschwinden vor
       dem Verleumdungskrieg,  den die Lügenkraft der zivilisierten Welt
       unternahm. Apokryphe  Geschichten und Geheimnisse der Internatio-
       nale, schamlose Fälschung von öffentlichen Dokumenten und Privat-
       briefen, Lärmtelegramme  usw.  folgten  rasch  aufeinander;  alle
       Schleusen der Verleumdung, die der käuflichen Bourgeoispresse zur
       Verfügung standen,  wurden auf  einmal geöffnet  und ließen  eine
       Sündflut von  Niedertracht los,  die den verhaßten Feind ersäufen
       sollte. Dieser  Verleumdungskrieg findet  nicht seinesgleichen in
       der Geschichte, so wahrhaft international ist der Schauplatz, auf
       dem er  spielt, und  so vollständig ist das Einverständnis, womit
       die verschiedensten  Parteiorgane der  herrschenden  Klassen  ihn
       führen. Nach dem großen Brande von Chicago kündigte denselben der
       Telegraph an,  rund um die Erde, als die höllische Tat der Inter-
       nationale, und  es ist  in der  Tat wunderbar, daß man den Orkan,
       der Westindien  verwüstete, nicht ihrem dämonischen Einwirken zu-
       schrieb.
       In früheren  öffentlichen Jahresberichten  hat der Generalrat ge-
       wöhnlich eine Übersicht über den Fortschritt der Assoziation seit
       dem vorhergehenden Kongreß gegeben. Ihr, Arbeiter 1*), werdet die
       Gründe würdigen, welche uns veranlassen, dieses Mal abweichend zu
       verfahren. Zudem  werden vielleicht  die Berichte der Delegierten
       von verschiedenen  Ländern -  und sie  wissen am besten, wie weit
       sie gehen  können -  diesen Mangel  ergänzen. Wir beschränken uns
       auf die Angabe, daß seit dem Baseler Kongreß und
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       1*) In "La Liberté" und "The International Herald": Bürger
       
       #137# Bericht des Generalrats an den Haager Kongreß
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       namentlich seit  der Konferenz  in London  im September  1871 die
       Internationale Boden  gefaßt hat  unter den  Irländern in England
       und in  Irland selbst, in Holland, Dänemark und Portugal, daß sie
       sich in den Vereinigten Staaten fest organisiert hat und daß Ver-
       zweigungen bestehen in Buenos Aires, Australien und Neuseeland.
       Der Unterschied zwischen einer Arbeiterklasse ohne Internationale
       und einer  Arbeiterklasse mit  einer Internationalen  Assoziation
       zeigt sich  am schlagendsten,  wenn wir  auf 1848  zurückblicken.
       Langer Jahre  bedurfte es, bis die Arbeiter selbst das Werk ihrer
       eigenen Vorkämpfer  in der  Juni-Insurrektion von  1848 [123] er-
       kannt. Die  Pariser Kommune wurde sofort begrüßt durch den Jubel-
       ruf des Proletariats aller Länder.
       Ihr, die Abgeordneten der Arbeiterklasse, versammelt euch, um die
       streitbare Organisation  eines Bundes zu befestigen, dessen Zweck
       die Emanzipation  der Arbeit ist und die Ausrottung der National-
       kämpfe. Fast  in demselben  Augenblick versammeln  sich in Berlin
       die gekrönten  Würdenträger der  alten Welt,  um neue  Ketten  zu
       schmieden und neue Kriege auszuhecken. [170]
       Es lebe die Internationale Arbeiter-Assoziation!
       Geschrieben Ende August 1872.

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