Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Friedrich Engels
Bericht über die Allianz der sozialistischen Demokratie,
vorgelegt dem Haager Kongreß im Namen des Generalrats [171]
Die Allianz der sozialistischen Demokratie wurde gegen Ende des
Jahres 1868 von M. Bakunin gegründet. [2] Das war eine interna-
tionale Gesellschaft, die den Anspruch erhob, zu gleicher Zeit
außerhalb und innerhalb der Internationalen Arbeiterassoziation
zu fungieren. Während sie sich aus Mitgliedern der letzteren zu-
sammensetzte, die das Recht forderten, an allen Zusammenkünften
der Internationale teilzunehmen, wollte sie sich jedoch das Recht
vorbehalten, ihre lokalen Gruppen, ihre nationalen Föderationen,
ihre besonderen Kongresse neben denen der Internationale zu ha-
ben. Die Allianz beanspruchte also gleich von ihrem Beginn an,
eine Art Aristokratie inmitten unserer Assoziation zu bilden,
einen Elitekörper mit einem Programm für sich und mit besonderen
Privilegien.
Die Korrespondenz, die damals zwischen dem Zentralkomitee der Al-
lianz und unserem Generalrat geführt wurde, ist in dem Zirkular
"Die angeblichen Spaltungen in der Internationale", Seite 7 bis 9
1*), abgedruckt (Belegstück Nr. 1). Der Generalrat lehnte es ab,
die Allianz zuzulassen, solange sie ihren abgesonderten interna-
tionalen Charakter beibehielte; er versprach nur, sie unter der
Bedingung zuzulassen, daß sie ihre spezielle internationale Orga-
nisation auflöst, daß sich ihre Sektionen in einfache Sektionen
unserer Assoziation verwandeln und daß der Rat vom Ort und von
der zahlenmäßigen Stärke jeder neuen Sektion unterrichtet wird.
Hier folgt, was am 22. Juni 1869 das Zentralkomitee der Allianz,
die 2*) in ihren Beziehungen zum Generalrat fortan den Namen
"Sektion der Allianz der sozialistischen Demokratie in Genf"
führte, auf diese Forderungen antwortete:
"Entsprechend den Vereinbarungen zwischen Ihrem Rat und dem Zen-
tralkomitee der Allianz der sozialistischen Demokratie haben wir
den verschiedenen Gruppen der
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1*) Siehe vorl. Band, S. 12-15 - 2*) in der Handschrift folgt
durchgestrichen: aus diesem Anlaß ihren Namen änderte
#139# Bericht über die Allianz der sozialistischen Demokratie
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Allianz die Frage ihrer Auflösung als eine von der Internationa-
len Arbeiterassoziation gesonderte Organisation unterbreitet...
Wir haben das Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, daß die große Mehr-
heit der Gruppen die Ansicht des Zentralkomitees geteilt hat, die
darauf hinausläuft, die Auflösung der Internationalen Allianz der
sozialistischen Demokratie zu beschließen. Heute ist diese Auflö-
sung beschlossen worden. Wir haben diesen Beschluß den verschie-
denen Gruppen der Allianz mitgeteilt und sie eingeladen, sich
nach unserem Beispiel als Sektionen der Internationalen Arbei-
terassoziation zu konstituieren und sich als solche von Ihnen
oder vom Föderalrat dieser Assoziation in ihren bezüglichen Län-
dern anerkennen zu lassen. Als Bestätigung des Briefes, den Sie
an das ehemalige Zentralkomitee der Allianz gerichtet haben, bit-
ten wir Sie heute, indem wir Ihnen die Statuten unserer Sektion
unterbreiten, uns offiziell als Zweig der Internationalen Arbei-
terassoziation anzuerkennen..." (gez.) Der provisorische Sekretär
Ch. Perron (Belegstück Nr. 2).
Dieses Exemplar der Statuten der Allianz befindet sich unter den
Belegstücken als Nr. 3.
Die Genfer Sektion blieb die einzige, die um ihre Aufnahme nach-
gesucht hat. Von den anderen angeblichen Sektionen der Allianz
hörte man nichts mehr. Indessen mußte man glauben, trotz der
fortwährenden Intrigen der Allianzisten, die bestrebt waren, ihr
spezielles Programm der ganzen Internationale aufzuzwingen und
sich der Leitung unserer Assoziation zu bemächtigen, daß die Al-
lianz ihr Wort gehalten und sich aufgelöst hätte. Aber 1*) dann
erhielt der Generalrat ziemlich präzise Hinweise, aus denen er
schließen mußte, daß die Allianz sich niemals aufgelöst hatte,
daß sie trotz ihres feierlich gegebenen Wortes immer in Form ei-
ner Geheimgesellschaft existiert hatte und existierte und daß sie
diese verborgene Organisation benutzte, um ihr ursprüngliches
Herrschaftsziel weiterzuverfolgen. Besonders in Spanien wurde ihr
Vorhandensein immer offensichtlicher infolge von Spaltungen im
Schöße der Allianz selbst, deren Geschichte wir weiter unten
bringen werden. Hier genügt es zu sagen, daß erst ein Zirkular
der Mitglieder des alten Föderalrats dieses Landes, die gleich-
zeitig Mitglieder des Zentralkomitees der Allianz in Spanien sind
(siehe "Emancipacion" Nr. 61, Seite 3, 2. Spalte, Belegstück Nr.
4) [172] deren Existenz enthüllte. 2*) Dieses Zirkular 3*) ist
mit dem 2. Juni 1872 datiert. [172] Es kündigt allen Sektionen
der Allianz in Spanien an, daß die Unterzeichner sich als Sektion
der Allianz soeben aufgelöst hätten und die
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1*) In der Handschrift folgt durchgestrichen: im Mai dieses Jah-
res - 2*) in der Handschrift folgt durchgestrichen: Da es ihnen
jedoch nicht möglich war, ihre Pflichten gegenüber der Interna-
tionale mit ihrer Stellung als Mitglieder einer in deren Innern
bestehenden Geheimgesellschaft zu vereinbaren, wandten sie sich
am 2. Juni - 3*) bezieht sich auf den durch gestrichenen Satz
#140# Friedrich Engels
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anderen auffordern, ihrem Beispiel zu folgen. Es wurde in der
"Emancipacion" veröffentlicht (Nr. 59, Belegstück Nr. 5). Diese
Veröffentlichung zwang die Zeitung der Allianz, die "Federacion"
[174] von Barcelona (Nr. 155 vom 4. August 1872), ihrerseits die
Statuten der Allianz zu veröffentlichen (Belegstück Nr. 6). Die
Existenz dieser Gesellschaft ist also völlig erwiesen.
Wenn man diese Statuten der geheimen Gesellschaft mit den Statu-
ten vergleicht, die die Genfer Allianz dem Generalrat unterbrei-
tet hat, finden wir zunächst, daß die programmatische Einleitung
der ersteren identisch ist mit der der anderen. Es sind nur ei-
nige redaktionelle Veränderungen erfolgt, und zwar derart, daß in
den Geheimstatuten das spezielle Programm Bakunins deutlicher zum
Ausdruck kommt.
Hier die genaue Übersicht:
Der Genfer Art. 1 stimmt wörtlich mit dem Geheimartikel 5 überein
" " 2 " im allge- " " " 1 "
meinen
" " 3 " wörtlich " " " 2 "
" " 4 & 5 stimmen im allge- " " " 3 "
meinen
" " 6 stimmt im allge- " " " 4 "
meinen
Die Geheimstatuten selbst basieren auf denen von Genf. So ent-
spricht der Geheimartikel 4 wörtlich dem Artikel 3 von Genf; die
Genfer Artikel 8 und 9 finden sich gekürzt im Geheimartikel 10
wie die Genfer Artikel 15 bis 20 im Geheimartikel 3. Der Genfer
Artikel 7 predigt im Gegensatz zu der jetzigen Praxis der Allian-
zisten "die starke Organisation" der Internationale und ver-
pflichtet alle Mitglieder der Allianz, "die Resolutionen der Kon-
gresse und die Macht des Generalrats aufrechtzuerhalten". Dieser
Artikel findet sich in den Geheimstatuten nicht, aber daß er an-
fangs vorhanden war, wird dadurch bewiesen, daß er im Reglement
der Madrider sección de oficios varios 1*), Artikel 15, fast
wörtlich wiederkehrt (Belegstück Nr. 7), wo sich auch das Pro-
gramm der Allianz findet.
Es ist also offensichtlich, daß wir es nicht mit zwei verschie-
denen Gesellschaften, sondern mit ein und derselben Gesellschaft
zu tun haben. Während das Genfer Zentralkomitee dem Generalrat
die Auflösung der Allianz zusicherte und, im Glauben an diese Er-
klärung, als Sektion der Internationale aufgenommen wurde, ver-
stärkten die Anführer dieses Zentralkomitees, mit M. Bakunin an
ihrer Spitze, die Organisation dieser selben
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1*) Sektion verschiedener Berufe
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Allianz, indem sie sie in eine Geheimgesellschaft umwandelten und
ihr den internationalen Charakter wahrten, den man versprochen
hatte aufzugeben. Das Vertrauen des Generalrats und der ganzen
Internationale, der die Korrespondenz vorgelegt worden war, wurde
schändlich mißbraucht. Nachdem sie mit einer solchen Lüge begon-
nen hatten, hatten diese Männer keine Veranlassung mehr, sich in
ihren Machenschaften zu genieren, um die Internationale entweder
zu unterwerfen oder, wenn das nicht glücken sollte, sie zu desor-
ganisieren.
Es folgen jetzt die hauptsächlichen Artikel der Geheimstatuten:
"1. Die Allianz der sozialistischen Demokratie setzt sich aus
Mitgliedern der internationalen Arbeiterassoziation zusammen und
hat die Propaganda und Entfaltung der Prinzipien des Programms
der Internationale zum Ziele sowie das Studium aller Mittel, die
geeignet sind, die direkte und sofortige Befreiung der Arbeiter-
klasse voranzutreiben.
2. Um die bestmöglichen Resultate zu erlangen und den Gang der
sozialen Organisation nicht bloßzustellen, hat die Allianz höchst
geheim zu sein.
4. Niemand kann als Mitglied aufgenommen werden, ohne daß er vor-
her vollständig und aufrichtig die Prinzipien des Programms ak-
zeptiert hätte etc.
5. Die Allianz übt, soweit sie das kann, im Schoße der lokalen
Arbeiterfäderation ihren Einfluß aus, damit diese nicht eine re-
aktionäre oder antirevolutionäre Entwicklung nimmt.
9. Die Majorität der Assoziierten kann jedes ihrer Mitglieder
ohne Angabe des Grundes aus der Allianz ausschließen."
Die Allianz ist also eine Geheimgesellschaft, die direkt im
Schoße der Internationale gebildet wurde, mit einem speziellen
Programm, das keineswegs das der Internationale ist, und die die
Propaganda dieses Programms zum Ziele hat, das sie als das einzig
revolutionäre betrachtet. Sie erlegt ihren Mitgliedern die
Pflicht auf, im Schöße ihrer lokalen Föderation der Internatio-
nale dahin zu wirken, daß diese nicht eine reaktionäre oder anti-
revolutionäre Entwicklung nimmt, d.h. daß sie sich in keiner
Weise vom Programm der Allianz entfernt. Das heißt, daß die Alli-
anz bezweckt, vermittels ihrer geheimen Organisation ihr sektie-
rerisches Programm der ganzen Internationale aufzuzwingen. Das
wirksamste Mittel, dahin zu gelangen, ist, sich der lokalen und
föderalen Räte und des Generalrats zu bemächtigen, indem man un-
ter Ausnutzung der durch die geheime Organisation gegebenen Macht
Mitglieder der Allianz in sie hineinwählen läßt. Das ist genau
das, was die Allianz dort gemacht hat, wo sie glaubte, Erfolgs-
aussichten zu haben; wir werden das später sehen.
Es ist klar, daß niemand den Allianzisten zürnen würde, wenn sie
Propaganda für ihr Programm betrieben hätten. Die Internationale
setzt sich
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aus Sozialisten verschiedenster Schattierungen zusammen. Ihr Pro-
gramm ist ziemlich breit, um sie alle zu umfassen; die bakunisti-
sche Sekte ist unter denselben Bedingungen wie alle anderen in
sie aufgenommen worden. Was man ihr vorwirft, ist gerade, daß sie
diese Bedingungen verletzt hat.
Was den geheimen Charakter der Allianz angeht, so ist das schon
etwas ganz anderes. Die Internationale weiß sehr wohl, daß in
sehr vielen Ländern geheime Gesellschaften bestehen, in Polen, in
Frankreich, in Irland -, ein legitimes Verteidigungsmittel gegen
den Terrorismus der Regierungen. Aber sie hat auf der Londoner
Konferenz erklärt, daß sie sich von diesen Gesellschaften völlig
fernhalten will und sie folglich nicht als Sektionen anerkennen
wird. Doch was die Hauptsache ist, hier sehen wir uns einer Ge-
heimgesellschaft gegenüber, die geschaffen worden ist, nicht um
die Regierungen zu bekämpfen, sondern die Internationale selber.
Die Organisation einer solchen Geheimgesellschaft ist eine fla-
grante Verletzung nicht nur der Verpflichtung, die gegenüber der
Internationale übernommen worden ist, sondern auch des Buchstaben
und des Geistes unserer Allgemeinen Statuten. Unsere Statuten
kennen nur eine Art von Mitgliedern der Internationale mit glei-
chen Rechten und Pflichten; die Allianz teilt sie in zwei Kasten,
in Eingeweihte und Laien, Aristokraten und Plebejer, wobei die
letzteren bestimmt sind, von den ersteren mittels einer Organisa-
tion geführt zu werden, von deren Existenz sie nicht einmal etwas
wissen. Die Internationale fordert von ihren Anhängern, als
Grundlage ihres Verhaltens die Wahrheit, die Gerechtigkeit und
die Moral anzuerkennen; die Allianz erlegt ihren Adepten als
erste Pflicht die Lüge auf, die Verstellung und den Betrug, indem
sie ihnen vorschreibt, die Laien unter den Internationalen über
die Existenz der verborgenen Organisation, über die Beweggründe
und selbst über den Zweck ihrer Worte und ihrer Handlungen zu
täuschen. Die Gründer der Allianz wußten ganz genau, daß die
große Masse der Laien unter den Internationalen sich niemals
wissentlich einer Organisation wie der ihrigen unterwerfen würde,
sobald sie von deren Existenz Kenntnis erhalten hätte. Deshalb
machten sie sie "höchst geheim". Denn man muß wohl beachten, daß
der geheime Charakter dieser Allianz nicht zum Ziele hat, die
Wachsamkeit der Regierungen zu täuschen, andernfalls hätte man
sich gar nicht erst als Öffentliche Gesellschaft konstituiert;
dieser geheime Charakter 1*) war einzig und allein dazu bestimmt,
die profane Internationale zu täuschen, wie dies der unwürdige
Betrug beweist, den die Allianz gegenüber dem Generalrat
angewandt hat. Es handelt sich
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1*) In der Handschrift folgt durchgestrichen: die Tatsachen haben
es bewiesen
#143# Bericht über die Allianz der sozialistischen Demokratie
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um eine richtige Verschwörung gegen die Internationale. Zum er-
stenmal in der Geschichte der Kämpfe der Arbeiterklasse stoßen
wir auf eine geheime Verschwörung, die angezettelt worden ist in-
mitten dieser Klasse selbst und dazu bestimmt ist, nicht das be-
stehende Ausbeuterregime zu unterminieren, sondern gerade die As-
soziation, die es aufs energischste bekämpft.
Übrigens wäre es lächerlich zu behaupten, daß sich eine Gesell-
schaft zu einer geheimen gemacht habe, um sich gegen die Verfol-
gungen der jetzigen Regierungen zu schützen, wenn diese Gesell-
schaft überall die zermürbende Doktrin von der absoluten Absten-
tion in Sachen der Politik predigt und wenn sie in ihrem Programm
(Art. 3, Einführung der Geheimstatuten) erklärt, daß sie
"jede revolutionäre Aktion ablehnt, die nicht zum sofortigen und
direkten Ziel den Triumph der Sache der Arbeiter gegen das Kapi-
tal habe".
Wie sah nun die Tätigkeit dieser geheimen Gesellschaft in der
Internationale aus?
Die Antwort auf diese Frage findet sich teilweise schon im ver-
traulichen Zirkular des Generalrats über "Die angeblichen Spal-
tungen" etc. Aber da der Generalrat damals noch nicht die Ausdeh-
nung der geheimen Organisation kannte und da seither manch wich-
tiges Ereignis eingetreten ist, konnte diese Antwort nur sehr un-
vollständig sein.
Stellen wir zunächst fest, daß es in der Tätigkeit der Allianz
zwei deutlich unterscheidbare Phasen gibt. In der ersten glaubte
sie, sich des Generalrats bemächtigen zu können und dadurch der
obersten Leitung unserer Assoziation. Gerade damals forderte sie
von ihren Anhängern, die "starke Organisation" der Internationale
und "in erster Linie die Macht des Generalrats ebenso wie die des
Föderalrats und des Zentralkomitees" zu unterstützen; gerade da-
mals haben die Männer der Allianz auf dem Baseler Kongreß alle
diese ausgedehnten Vollmachten für den Generalrat verlangt, die
sie später mit soviel Abscheu als autoritär abgelehnt haben.
Der Baseler Kongreß machte zumindest für einige Zeit die Hoffnun-
gen der Allianz zunichte 1*). Danach zettelte sie die Anschläge
an, von denen in den "Spaltungen" die Rede ist; im Jura, in Ita-
lien und in Spanien hörte sie nicht auf, ihr spezielles Programm
an die Stelle des Programms der Internationale
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1*) In der Handschrift folgt durchgestrichen: indem er sie den
lokalen Intrigen überließ. Sie hielt sich ziemlich ruhig, bis die
Londoner Konferenz durch ihre Resolutionen über die Politik der
Arbeiterklasse und über die sektiererischen Sektionen das ur-
sprüngliche Programm der Internationale gegenüber dem Programm
der Allianz wiederherstellte.
#144# Friedrich Engels
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zu setzen. Die Londoner Konferenz mit ihren Resolutionen über die
Politik der Arbeiterklasse und über die sektiererischen Sektionen
machte diesem qui pro quo in der Internationale ein Ende. Sofort
regte sich die Allianz von neuem. Die Jurassische Föderation, die
die Macht der Allianz in der Schweiz begründete, erließ ihr Zir-
kular von Sonvillier gegen den Generalrat, worin die starke Orga-
nisation, die Macht des Generalrats, die Baseler Resolutionen,
die von den Unterzeichnern dieses selben Zirkulars vorgeschlagen
worden waren und für die sie gestimmt hatten, als autoritär ver-
urteilt wurden, eine Bezeichnung, die anscheinend hinreicht, um
sie summarisch zu verdammen; worin man von "dem Krieg, dem offen
ausgebrochenen Krieg in unseren Reihen" sprach; worin man für die
Internationale eine Organisation forderte, die nicht den Bedürf-
nissen des gegenwärtigen Kampfes angepaßt wäre, sondern einem,
wir wissen nicht welchem, Ideal der künftigen Gesellschaft etc.
Von diesem Augenblick an wechselte man die Taktik. Die Losung war
gegeben. Überall, wo die Allianz ihre Verzweigungen hatte, in
Italien und besonders in Spanien, wurden die autoritären Resolu-
tionen von Basel und der Londoner Konferenz sowie der Autorita-
rismus des Generalrats heftig angegriffen. Man sprach nur noch
von der Autonomie der Sektionen, von frei föderierten Gruppen,
von Anarchie etc. Das alles ist leicht zu verstehen. Die Macht
der Geheimgesellschaft im Schöße der Internationale mußte natür-
lich im gleichen Maße wachsen, wie sich die öffentliche Organisa-
tion der Internationale lockerte und schwächte. Das große Hinder-
nis, auf das man stieß, war der Generalrat, und ihn griff man in
erster Linie an; aber wir werden sogleich sehen, daß man die Fö-
deralräte dort, wo man die Gelegenheit dazu für geeignet hielt,
in gleicher Weise behandelte.
Das Jura-Zirkular hatte keinerlei Wirkung außer in den Ländern,
wo die Internationale mehr oder weniger unter dem Einfluß der Al-
lianz stand, in Italien und in Spanien. Im letzteren Land waren
die Allianz und die Internationale zu gleicher Zeit gegründet
worden, unmittelbar nach dem Baseler Kongreß. Die ergebensten In-
ternationalen Spaniens ließ man glauben, daß das Programm der Al-
lianz mit dem der Internationale identisch sei, daß die geheime
Organisation überall existiere und daß es beinahe eine Pflicht
sei, in sie einzutreten. Diese Illusion wurde zerstört durch die
Londoner Konferenz, wo sich der spanische Delegierte 1*), selber
Mitglied des Zentralkomitees der Allianz seines Landes, vom Ge-
genteil überzeugen konnte, und durch dasselbe Jura-Zirkular, des-
sen wütende Angriffe und
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1*) Anselmo Lorenzo
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Verleumdungen gegen diese Konferenz und gegen den Generalrat so-
fort von allen Organen der Allianz übernommen worden waren. Die
erste Folge des Jura-Zirkulars in Spanien war, daß im Schöße der
spanischen Allianz selbst eine Spaltung geschaffen wurde zwischen
denjenigen, die vor allem Internationale waren, und denjenigen,
die nur insofern die Internationale wünschten, als sie von der
Allianz beherrscht würde. Der anfangs nur schwelende Kampf brach
bald in den Versammlungen der Internationale aus. Da der von der
Konferenz von Valencia [175] (September 1871) gewählte Föderalrat
durch seine Handlungen bewiesen hatte, daß er die Internationale
der Allianz vorzog, wurde die Mehrheit seiner Mitglieder aus der
lokalen Föderation von Madrid, die von der Allianz beherrscht
wurde, ausgestoßen [176]. Sie wurden durch den Kongreß von Sara-
gossa [81] rehabilitiert, und zwei 1*) von ihnen, Mora und Lo-
renzo, wurden in den neuen Föderalrat wiedergewählt, obwohl alle
Mitglieder des alten Rats vorher erklärt hatten, sie nicht akzep-
tieren zu wollen. 2*)
Der Kongreß von Saragossa ließ die Anführer der Allianz befürch-
ten, daß Spanien ihren Händen zu entgleiten beginne. Sofort rich-
tete sie daher gegen die Vollmachten des Spanischen Föderalrats
dieselben Angriffe wie sie das Jura-Zirkular gegen die sogenann-
ten autoritären Befugnisse des Generalrats gerichtet hatte. In
Spanien wurde von dem Kongreß von Barcelona [177] und der Konfe-
renz von Valencia eine völlig demokratische und gleichzeitig äu-
ßerst vollständige Organisation geschaffen. Sie zeitigte auch
dank der Tätigkeit des in Valencia gewählten Föderalrats (eine
Tätigkeit, die durch eine besondere Abstimmung des Kongresses an-
erkannt wurde) die glänzenden Resultate, von denen im allgemeinen
Bericht die Rede gewesen ist 3*). In Saragossa erklärte Morago,
die Seele der Allianz in Spanien, daß die in dieser Organisation
dem Föderalrat gewährten Befugnisse autoritär wären, man müsse
sie einschränken und ihm das Recht nehmen, neue Sektionen zuzu-
lassen oder abzulehnen, das Recht, festzustellen, ob ihre Statu-
ten mit denen der Föderation übereinstimmen, man müsse ihn
schließlich auf die Rolle eines einfachen Büros für Korrespondenz
und Statistik beschränken. Der Kongreß, der die Vorschläge Mora-
gos zurückwies, beschloß, die bestehende autoritäre Organisation
beizubehalten. (Siehe
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1*) In der Handschrift folgt durchgestrichen: seiner aktivsten
Mitglieder - 2*) in der Handschrift folgt durchgestrichen: Der
Kongreß wählte den Sitz des Föderalrats in Valencia in der Hoff-
nung, daß dies neutraler Boden sein würde und daß sich diese Zwi-
stigkeiten nicht mehr wiederholen würden. Doch waren von den fünf
Mitgliedern des heuen Rats drei Anhänger der Allianz, deren Zahl
später durch Kooption auf mindestens fünf anwuchs. - 3*) siehe
vorl. Band, S. 129-139
#146# Friedrich Engels
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"Estracto de las actas del segundo congreso obrero" etc., S. 109
und 110. Belegstück Nr. 8 [178]. - Zu diesem Punkt wird das Zeug-
nis des Bürgers Lafargue, eines Delegierten zum Kongreß von Sara-
gossa, wichtig sein.)
Um den neuen Föderalrat von den in Madrid entstandenen Zwistig-
keiten fernzuhalten, verlegte ihn der Kongreß nach Valencia. Aber
die Ursache dieser Zwistigkeiten, der Antagonismus, der sich zwi-
schen der Allianz und der Internationale zu entwickeln begann,
war nicht von lokalem Charakter. Der Kongreß, der nicht einmal
von der Existenz der Allianz wußte, hatte den neuen Rat aus-
schließlich aus Mitgliedern dieser Gesellschaft gewählt; zwei un-
ter ihnen, Mora und Lorenzo, waren deren Widersacher geworden,
und Mora nahm die Wahl nicht an. Das Zirkular des Generalrats
über "Die angeblichen Spaltungen", als Antwort auf das Jura-Zir-
kular, nötigte alle Internationalen, sich entweder für die Inter-
nationale oder für die Allianz zu erklären. Die Polemik zwischen
der "Emancipacion" einerseits und der "Federacion" von Barcelona
und der "Razon" von Sevilla, allianzistischen Zeitungen, anderer-
seits verschärfte sich immer mehr. Endlich, am 2. Juni, beschlos-
sen die Mitglieder des alten Föderalrats, Redakteure der
"Emancipacion" und Mitglieder des spanischen Zentralkomitees der
Allianz, an alle spanischen Sektionen der Allianz ein Zirkular zu
richten, worin sie ihre Auflösung als Sektion der geheimen Ge-
sellschaft erklärten und die anderen Sektionen einluden, ihrem
Beispiel zu folgen. Die Rache ließ nicht auf sich warten. Sie
wurden sofort und unter flagranter Verletzung der geltenden Ver-
waltungsverordnungen von neuem aus der lokalen Föderation von Ma-
drid ausgestoßen. Sie konstituierten sich dann als Neue Madrider
Föderation und baten den Föderalrat um ihre Anerkennung.
Aber unterdessen gelang es dem allianzistischen Element im Rat,
das sich durch Kooptionen verstärkt hatte, diesen vollständig un-
ter seine Herrschaft zu bringen, so daß Lorenzo sich aus ihm zu-
rückzog. Die Bitte der Neuen Madrider Föderation wurde vom Fö-
deralrat, der sich damals schon damit beschäftigte, die Wahl von
Kandidaten der Allianz als Delegierte zum Haager Kongreß zu si-
chern, rundweg abgelehnt. Zu diesem Zweck richtete er an die lo-
kalen Föderationen ein vertrauliches Zirkular, datiert vom 7.
Juli, worin er, nachdem er die Verleumdungen der "Federaeion" ge-
gen den Generalrat wiederholt hat, den Föderationen vorschlägt,
eine für ganz Spanien gemeinsame Delegation zum Kongreß zu schic-
ken, gewählt mit der Mehrheit aller Stimmen, deren Auszählung vom
Rat selbst vorgenommen werden sollte. (Belegstück Nr. 9.) Für
alle diejenigen, die die Geheimorganisation im Schöße der spani-
schen Internationale kennen, ist es klar, daß dies hieße, die
Herren der Allianz zu wählen, um sie mit dem Geld der Inter-
nationalen
#147# Bericht über die Allianz der sozialistischen Demokratie
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zum Kongreß zu schicken. Sowie der Generalrat, dem dieses Zirku-
lar nicht übersandt worden war, von diesen Tatsachen Kenntnis er-
hielt 1*), richtete er am 24. Juli an den Spanischen Föderalrat
das den Belegstücken (Nr. 10) beigefügte Schreiben 2*). Der Fö-
deralrat 3*) antwortete am 1. August, daß er Zeit brauche, um un-
seren französisch geschriebenen Brief zu übersetzen, und am 3.
August schrieb er an den Generalrat die in der "Federacion"
(Belegstück Nr. 11) veröffentlichte ausweichende Antwort. In die-
ser Antwort ergriff er für die Allianz Partei. Der Generalrat
hatte gleich nach Empfang des Briefes vom I. August diese Korre-
spondenz in der "Emancipacion" veröffentlichen lassen.
Fügen wir hinzu, daß man, gleich nachdem die geheime Organisation
aufgedeckt worden war, behauptete, die Allianz wäre bereits auf
dem Kongreß von Saragossa aufgelöst worden. Das Zentralkomitee
wurde indessen nicht davon benachrichtigt (Belegstück Nr. 4) 4*).
Die Neue Madrider Föderation bestreitet diese Sache, und sie
müßte es doch wissen. Übrigens ist es lächerlich zu behaupten,
daß der spanische Zweig solch einer internationalen Gesellschaft
wie die Allianz sich auflösen könnte, ohne die anderen nationalen
Zweige zu konsultieren.
Unmittelbar danach versuchte die Allianz ihren coup d'état. Als
sie merkte, daß es ihr nicht möglich sein wird, sich auf dem Haa-
ger Kongreß durch Wiederholung der Manöver von Basel und von La
Chaux-de-Fonds eine künstliche Mehrheit zu sichern [179], be-
nutzte sie die in Rimini durch die sogenannte italienische Föde-
ration abgehaltene Konferenz, um eine offene Spaltung durchzufüh-
ren. Die dort versammelten Delegierten stimmten dem einmütig zu
(siehe Belegstück Nr. 12). Da haben wir also den Kongreß der Al-
lianz gegen den der Internationale. Indessen wurde man bald ge-
wahr, daß dieser Plan keinen Erfolg versprach. Man beschloß da-
her, nach Den Haag zu gehen, und so sehen wir, daß die gleichen
italienischen Sektionen, von deren einundzwanzig eine einzige un-
serer Assoziation angehört, nachdem sie den Haager Kongreß ver-
schmäht haben, nun die Stirn haben, ihre Delegierten nach Den
Haag zu schicken! 5*)
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1*) In der Handschrift folgt durchgestrichen: was gerade zu jener
Zeit geschah, als er die ersten unwiderlegbaren Beweise für die
Existenz der Geheimorganisation erlangte - 2*) siehe vorl. Band,
S. 122-124 - 3*) in der Handschrift folgt durchgestrichen: ver-
suchte zunächst Zeit zu gewinnen, indem er vorgab - 4*) in der
Handschrift folgt durchgestrichen: und welchen Glauben kann man
einer solchen Versicherung schenken, nachdem man die Erfahrung
von 1869 gemacht hat? Sie wird von keinerlei Beweisen bekräftigt.
Im Gegenteil, die Tatsachen zeigen eher, daß die geheime Organi-
sation immer noch besteht - 5*) in der Handschrift fügt Engels
hiernach folgenden deutschsprachigen Vermerk ein: Dann d[er]
B[rie]f v[on] Bak[unin] und die Statuten wenn nötig.
#148# Friedrich Engels
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In Erwägung:
1. daß die Allianz, von M. Bakunin gegründet und geleitet, eine
der Internationale feindliche Gesellschaft ist, weil sie es ver-
sucht, entweder die Internationale zu beherrschen oder sie zu
desorganisieren;
2. daß infolgedessen die Internationale und die Allianz unverein-
bar sind, beschließt der Kongreß:
1. M. Bakunin und alle gegenwärtigen Mitglieder der Allianz der
sozialistischen Demokratie sind aus der Internationalen Arbei-
terassoziation ausgeschlossen. Sie können in sie erst wieder ein-
treten, nachdem sie von jeder Gemeinschaft mit dieser Geheimge-
sellschaft öffentlich abgerückt sind.
2. Die Jurassische Föderation als solche ist aus der Internatio-
nale ausgeschlossen.
Geschrieben Ende August 1872.
Nach der Handschrift.
Aus dem Französischen.
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