Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875


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       Karl Marx
       
       [Rede über den Haager Kongreß [182]]
       
       ["La Liberté" Nr. 37 vom 15. September 1872]
       Im achtzehnten  Jahrhundert hatten  die Könige und die Potentaten
       die Gewohnheit,  in Den Haag zusammenzukommen, um über die Inter-
       essen ihrer Dynastien zu verhandeln.
       Gerade an  diesem Ort haben wir unseren Arbeitertag abhalten wol-
       len, trotz  der Besorgnisse,  die man  in uns wachzurufen suchte.
       Inmitten der reaktionärsten Bevölkerung haben wir erscheinen wol-
       len, um  die Existenz,  die Ausbreitung  und die Hoffnung auf die
       Zukunft unserer großen Assoziation zu bekräftigen.
       Als man  unseren Entschluß  erfuhr, hat man von unseren Emissären
       gesprochen, die wir ausgeschickt, um den Boden vorzubereiten. Ja,
       wir leugnen es nicht, daß wir überall solche Emissäre haben; aber
       sie sind  uns meistenteils unbekannt. Unsere Emissäre in Den Haag
       sind jene Arbeiter gewesen, deren Arbeit so mühselig ist, wie die
       unserer Emissäre  in Amsterdam;  die ebenso Arbeiter sind, Arbei-
       ter, die  sechzehn Stunden  täglich  arbeiten.  Das  sind  unsere
       Emissäre, wir  haben keine  anderen; und in allen Ländern, wo wir
       uns einstellen,  finden wir  sie bereit, uns mit vollem Herzen zu
       empfangen, denn  sie begreifen gar bald, daß wir die Verbesserung
       ihres Schicksals erstreben.
       Der Kongreß in Den Haag hat drei wichtige Ergebnisse gezeitigt:
       Er hat  die Notwendigkeit für die Arbeiterklasse proklamiert, die
       alte, zusammenbrechende  Gesellschaft auf dem politischen wie auf
       dem sozialen  Boden zu  bekämpfen; und  wir  beglückwünschen  uns
       dazu, von  nun an in unsere Statuten diesen Beschluß der Londoner
       Konferenz aufgenommen zu sehen. 1*)
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       1*) Siehe vorl. Band. S.149
       
       #160# Karl Marx
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       In unserer Mitte hatte sich eine Gruppe gebildet, welche die Ent-
       haltung der Arbeiter von der politischen Betätigung anpries.
       Wir haben  es für  unsere Pflicht  gehalten, zu erklären, wie ge-
       fährlich und  verhängnisvoll für  unsere Sache  uns solche Grund-
       sätze erscheinen.
       Der Arbeiter  muß eines Tages die politische Gewalt ergreifen, um
       die neue  Organisation der Arbeit aufzubauen; er muß die alte Po-
       litik, die  die alten  Institutionen  aufrechterhält,  umstürzen,
       wenn er nicht, wie die alten Christen, die das vernachlässigt und
       verachtet haben, des Himmelreichs auf Erden verlustig gehen will.
       Aber wir  haben nicht  behauptet, daß die Wege, um zu diesem Ziel
       zu gelangen, überall dieselben seien.
       Wir wissen,  daß man die Institutionen, die Sitten und die Tradi-
       tionen der  verschiedenen Länder  berücksichtigen  muß,  und  wir
       leugnen nicht, daß es Länder gibt, wie Amerika, England, und wenn
       mir eure Institutionen besser bekannt wären, würde ich vielleicht
       noch Holland  hinzufügen, wo die Arbeiter auf friedlichem Wege zu
       ihrem Ziel  gelangen können.  Wenn das  wahr ist, müssen wir auch
       anerkennen, daß  in den  meisten Ländern des Kontinents der Hebel
       unserer Revolutionen  die Gewalt  sein muß; die Gewalt ist es, an
       die man eines Tages appellieren muß, um die Herrschaft der Arbeit
       zu errichten. 1*)
       Der Haager Kongreß hat dem Generalrat neue und noch ausgedehntere
       Befugnisse zugestanden.  In der Tat, in einem Augenblick, wo sich
       die Könige  in Berlin versammeln, wo von dieser Zusammenkunft der
       mächtigen Vertreter  des Feudalismus  und der  Vergangenheit neue
       und entschiedenere  Unterdrückungsmaßregeln  gegen  uns  ausgehen
       sollen, gerade  in dem  Augenblick, wo die Verfolgung organisiert
       wird, hat  der Haager Kongreß es für angemessen und für notwendig
       gehalten, die Befugnisse des Generalrats zu erweitern und für den
       jetzt einsetzenden  Kampf alle Aktionen zu zentralisieren, die in
       der Isolierung ohnmächtig wären. Und bei wem anders könnten übri-
       gens die  Machtbefugnisse des  Generalrats Unruhe  erregen,  wenn
       nicht bei  unseren Feinden? Hat er denn eine Bürokratie, eine be-
       waffnete Polizei,  um sich Gehorsam zu erzwingen? Ist nicht seine
       Autorität lediglich  eine moralische,  und  unterwirft  er  nicht
       seine Beschlüsse dem Urteil der Föderationen, die mit der Ausfüh-
       rung derselben  betraut sind?  Unter  solchen  Bedingungen,  ohne
       Heer, ohne Polizei, ohne Gerichte, würden die Könige an dem Tage,
       wo sie gezwungen sein würden, ihre Macht nur mit moralischem Ein-
       fluß und moralischer Autorität aufrechtzuerhalten,
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       1*) Im "Volksstaat" steht statt des letzten Satzes: Doch nicht in
       allen Ländern ist dies der Fall.
       
       #161# Rede über den Haager Kongreß
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       nur schwache Hindernisse für das Vorwärtsschreiten der Revolution
       sein.
       Schließlich hat  der Haager Kongreß den Sitz des Generalrats nach
       New York  verlegt. Viele, selbst unter unseren Freunden, scheinen
       sich über  solch einen Beschluß gewundert zu haben. Vergessen sie
       denn, daß  Amerika zum  Arbeiter-Erdteil par excellence wird, daß
       alljährlich eine  halbe Million  Menschen, Arbeiter,  nach diesem
       anderen Kontinent  auswandern und daß die Internationale kräftige
       Wurzeln auf  diesem Boden,  wo der  Arbeiter dominiert,  schlagen
       muß? Übrigens gibt ja auch der Kongreßbeschluß dem Generalrat das
       Recht, sich  jene Mitglieder  beizufügen, deren Mitwirkung er für
       das Wohl  der gemeinsamen  Sache für  notwendig und  für nützlich
       hält. Verlassen  wir uns auf seine Besonnenheit und erwarten wir,
       daß es  ihm gelingen  wird, Leute  auszuwählen, die ihrer Aufgabe
       gewachsen sind  und es verstehen werden, das Banner unserer Asso-
       ziation in Europa mit fester Hand aufrechtzuerhalten.
       Bürger, denken  wir an jenes Grundprinzip der Internationale: die
       Solidarität. Nur  wenn wir  dieses lebenspendende  Prinzip  unter
       sämtlichen Arbeitern aller Länder auf sichere Grundlagen stellen,
       werden wir  das große Endziel erreichen, das wir uns gesteckt ha-
       ben. Die  Umwälzung muß solidarisch sein, das lehrt uns das große
       Beispiel der Pariser Kommune, die 1*) deswegen gefallen ist, weil
       es in  allen Zentren,  in Berlin',  in Madrid  etc. zu  keinerlei
       großen revolutionären  Bewegungen gekommen war, die dieser macht-
       vollsten Erhebung des Pariser Proletariats ebenbürtig wären.
       Was mich  angeht, so werde ich mein Werk fortsetzen und beständig
       daran arbeiten,  unter allen  Arbeitern diese  für die Zukunft so
       fruchtbringende Solidarität  zu begründen.  Nein, ich  ziehe mich
       von der  Internationale nicht  zurück, und  der ganze Rest meines
       Lebens wird,  wie alle  meine Bemühungen  der Vergangenheit,  dem
       Triumph der  sozialen Ideen  geweiht sein, die einst - seid davon
       überzeugt! -  die Weltherrschaft  des  Proletariats  herbeiführen
       werden.
       
       Aus dem Französischen.
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       1*) Im "Volksstaat"  lautet der  folgende Teil  des  Satzes:  nur
       deswegen gefallen ist, weil es eben an dieser Solidarität bei den
       Arbeitern der übrigen Länder gefehlt hat

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