Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Friedrich Engels
Briefe aus London
III
[Das Meeting im Hyde Park]
["La Plebe" Nr. 117 vom 17. November 1872]
London, 14. November [1872]
Die liberale englische Regierung hält gegenwärtig in ihren Ge-
fängnissen nicht weniger als 42 irische politische Gefangene, die
sie nicht nur wie Diebe und Mörder, sondern weit schlechter, mit
einer ganz außergewöhnlichen Grausamkeit behandelt. In den schö-
nen Zeiten von König Bomba 1*) unternahm Herr Gladstone, Haupt
des gegenwärtigen liberalen Ministeriums, eine Rundreise durch
Italien und besuchte in Neapel die politischen Gefangenen; nach
England zurückgekehrt, veröffentlichte er eine Broschüre, in der
er die neapolitanische Regierung vor Europa wegen der unwürdigen
Behandlung der politischen Gefangenen anprangerte.
Das hindert den gleichen Herrn Gladstone nicht, in der gleichen
Weise die irischen politischen Verurteilten zu behandeln, die er
noch hinter Schloß und Riegel hält. - Die irischen Internationa-
len von London beschlossen, im Hyde Park (dem ausgedehntesten öf-
fentlichen Park Londons, wo in bewegten Zeiten alle großen öf-
fentlichen Versammlungen abgehalten werden) eine Monsíerkundge-
bung für eine allgemeine Amnestie zu organisieren. Sie traten in
Verbindung mit allen demokratischen Gesellschaften Londons und
bildeten ein Komitee, dem unter anderen Mac Donnel (Ire), Murray
(Engländer) und Leßner (Deutscher), allesamt Mitglieder des vori-
gen Generalrats der Internationale, angehörten.
Es trat eine Schwierigkeit auf. In der letzten Sitzung des Parla-
ments hatte die Regierung ein Gesetz annehmen lassen, das ihr das
Recht verlieh, durch Verordnungen die öffentlichen Versammlungen
in den Londoner
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1*) Ferdinand II.
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Parks zu reglementieren. Sie machte sich dies zunutze und ließ
eine Verordnung anschlagen, die denjenigen, welche die Absicht
hatten, eine solche öffentliche Versammlung abzuhalten, vor-
schrieb, der Polizei zwei Tage im voraus schriftliche Mitteilung
davon zu machen und dabei die Namen der Redner anzugeben. [197]
Diese vor der Londoner Presse sorgsam verborgen gehaltene Verord-
nung hob mit einem Federstrich eines der dem Londoner Arbeiter-
volk teuersten Rechte auf, nämlich das Recht, öffentliche Ver-
sammlungen in den Parks abzuhalten, wann immer und wie es ihm ge-
fiel. Sich dieser Verordnung unterwerfen, hätte bedeutet, das
Recht des Volkes preiszugeben.
Die Iren, die das revolutionärste Element der Bevölkerung bilden,
gehörten nicht zu den Männern, die eine solche Schwäche gezeigt
hätten. Das Komitee beschloß einstimmig, so zu tun, als ob es das
Bestehen der Verordnung nicht kenne, und seine Versammlung der
Regierung zum Trotz abzuhalten.
Am vergangenen Sonntag, gegen drei Uhr, zogen zwei unendlich
lange Züge mit Musikkapellen und Fahnen zum Hyde Park. Die Musik-
kapellen spielten irische Nationallieder und die Marseillaise;
fast alle Fahnen waren irische (grün mit einer goldenen Harfe in
der Mitte) und rote. Es befanden sich am Eingang des Parks nur
wenige Polizisten, so daß die Züge einziehen konnten, ohne auf
irgendeinen Widerstand zu stoßen, sie versammelten sich am fest-
gelegten Platz, und die Reden begannen.
Es waren dort wenigstens dreißigtausend Zuschauer zugegen, von
denen gering gerechnet die Hälfte ein grünes Band oder ein grünes
Blatt im Knopfloch des Rockes trugen, um ihre irische Nationali-
tät zu bekunden; die übrigen waren Engländer, Deutsche, Franzo-
sen. Die Menge war zu zahlreich, als daß sie die Reden hätte hö-
ren können, und daher organisierte man neben dem ersten ein zwei-
tes Meeting, in dem andere Redner zur selben Sache sprachen. Es
wurden energische Entschließungen angenommen, die eine allgemeine
Amnestie forderten sowie die Abschaffung der Ausnahmegesetze, die
Irland einen ständigen Belagerungszustand auferlegten. Gegen fünf
Uhr formierten sich erneut die Züge, und die Menge verließ den
Park, nachdem sie die Verordnung des Ministeriums Gladstone mit
Füßen getreten hatte.
Es ist das erste Mal, daß eine irische Kundgebung im Hyde Park
stattfand; sie hatte großen Erfolg: Selbst die bürgerliche Londo-
ner Presse konnte es nicht leugnen. Es ist das erste Mal, daß
sich englische und irische Elemente unserer Bevölkerung herzlich
zusammenschlössen. Diese zwei Elemente der Arbeiterklasse, deren
gegenseitige Feindschaft vorzüglich den
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Interessen der Regierung und der reichen Klassen diente, reichen
sich nun die Hand; diese erfreuliche Tatsache verdanken wir vor
allem dem Einfluß des vorigen Generalrats der Internationale, der
stets alle seine Anstrengungen darauf gerichtet hatte, das Bünd-
nis zwischen den Arbeitern der beiden Nationen auf der Grundlage
einer vollständigen Gleichheit vorzubereiten. Die Versammlung vom
3. November wird eine neue Ära in der Londoner Arbeiterbewegung
einleiten.
Aber, werdet ihr sagen, was macht die Regierung? Wird sie sich
etwa leicht damit abfinden, in dieser Weise behandelt zu werden?
Wird sie ihre Verordnung straflos mit Füßen treten lassen?
Nun, was sie getan hat, ist das: Neben der Tribüne im Hyde Park
hatte sie zwei Polizeikommissare mit zwei Beamten postiert, die
die Namen der Redner aufgeschrieben haben. Am Tage darauf haben
diese beiden Kommissare vor dem Friedensrichter Anzeige gegen die
Redner erstattet. Der Richter hat sie vorgeladen und sie werden
am kommenden Sonnabend vor ihm erscheinen müssen. Diese Art des
Verfahrens beweist zur Genüge, daß man ihnen keinen großen Prozeß
machen will. Es scheint, daß die Regierung die Niederlage, die
ihr die Iren, oder wie man hier sagt, die Fenier zugefügt haben,
einstecken und sich mit einer kleinen Geldstrafe begnügen wird.
Jedenfalls wird die Verhandlung interessant sein, und ich werde
euch in einem meiner nächsten Briefe darüber berichten 1*). Völ-
lig sicher ist aber bereits jetzt, daß die Iren dank ihrer Ener-
gie das Recht des Londoner Volkes gerettet haben, sich in den
Parks zu versammeln, wann und wie es ihm gefällt.
F. Engels
Aus dem Italienischen.
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1*) Siehe vorl. Band, S. 191-193
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