Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875


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       Karl Marx/Friedrich Engels
       
       [An den Redakteur des "International Herald" [204]]
       
       ["The International Herald" Nr. 38 vom 21. Dezember 1872]
       Lieber Bürger!
       Wir haben es bisher als überflüssig erachtet, auf die Verleumdun-
       gen und Lügen zu antworten, welche der "autonome" Herr John Hales
       unermüdlich über  uns verbreitet, Doch wenn derartige Verleumdun-
       gen im  Zusammenhang mit dem Namen des Britischen Föderalrats und
       seiner vorgeblichen  Autorität verbreitet  werden, geschieht  das
       mit der  Absicht, der Internationale allgemein Schaden zuzufügen,
       und wir sind gezwungen, unser Stillschweigen zu brechen.
       Dieser  Herr   Hales,  welcher   plötzlich  als   Verfechter  der
       "Autonomie" von  Sektionen und  Föderationen auftritt,  interpre-
       tiert praktisch  diese Autonomie als seine eigene persönliche Au-
       tokratie. Er  hat sich erstens zum Sekretär des Protokolls, zwei-
       tens zum  korrespondierenden Sekretär (im In- und Ausland), drit-
       tens zum Kassierer des Britischen Föderalrats ernennen lassen; da
       er aber  all diese  Pflichten nicht auf einmal erfüllen kann, er-
       nennt er,  viertens, andere Mitglieder dieses Rats, die als seine
       Bediensteten dies  tun. Und fünftens schreibt er ohne Wissen oder
       Zustimmung des Britischen Föderalrats Briefe in dessen Namen nach
       allen Teilen der Welt.
       Daher finden wir in Nr. 23 der "Bulletin jurassienne" einen offi-
       ziellen an  den Britischen  Föderalrat adressierten Brief des se-
       zessionistischen jurassischen  Komitees, als  Antwort  auf  einen
       ebenfalls veröffentlichten  Brief des  Herrn John Hales. Die Exi-
       stenz dieses  Briefes, dessen  sind wir gewiß, war dem Britischen
       Föderalrat völlig unbekannt. In diesem Brief versichert Hales:
       
       "Dieser Kongreß (in Den Haag)... hat die Heuchelei der Männer des
       alten Generalrats  entlarvt, die  eine ausgedehnte  Geheimgesell-
       schaft innerhalb  unserer Assoziation zu organisieren versuchten,
       und dies unter dem Vorwand, einer anderen Geheimgesellschaft,
       
       #195# An den Redakteur des "International Herald"
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       deren Existenz  sie für  ihre eigenen Zwecke erfunden hatten, das
       Handwerk zu legen."
       
       Herr Hales  ist ein  bewunderungswürdiger Logiker.  Der durch den
       Kongreß erfolgte Ausschluß der Allianz [2] aus der Internationale
       beweist ihm  die Heuchelei  des alten Generalrats, der diese Kör-
       perschaft nicht  anerkannte. Was die vom Generalrat erfundene Al-
       lianz und die von ihm organisierte geheime Verschwörung betrifft,
       so ist  Bürger Jung, zur Zeit Mitglied des Föderalrats, am besten
       geeignet, darüber alle notwendigen Auskünfte zu geben. Als ehema-
       liger  Sekretär   für  die  Schweiz  kennt  er  das  Treiben  der
       "Allianz", und  als Mitglied des Exekutivkomitees des alten Gene-
       ralrats  weiß   er   alles   über   die   von   Hales   erfundene
       "Verschwörung". Die Heldentaten der allgemein bekannten "Allianz"
       sind bereits  in dem Zirkular des alten Generalrats "Die angebli-
       chen Spaltungen etc." 1*) öffentlich angeprangert worden. Die ge-
       heime Tätigkeit  dieser Gesellschaft wird ans Tageslicht gebracht
       werden durch  die kurz  vor der  Veröffentlichung stehenden Doku-
       mente, die  sich in  den Händen  der vom Haager Kongreß ernannten
       Untersuchungskommission befinden. 2*)
       Herr Hales beklagt sich:
       
       "Während ich Generalsekretär des Rats war, kannte ich niemals die
       Adressen der  Föderationen auf  dem Kontinent  und konnte sie mir
       auch niemals beschaffen."
       
       Als Sekretär  des Generalrats und dessen einziger bezahlter Beam-
       ter hatte  Herr Hales keine anderen Pflichten, als die Protokolle
       vorzubereiten, Auszüge  daraus an  die Presse zu schicken und mit
       den englischen Sektionen und Trade-Unions zu korrespondieren.
       Die Korrespondenz  mit anderen  Föderationen, kontinentalen  oder
       anderen, war  unbezahlten Sekretären anvertraut, in deren Angele-
       genheit sich  einzumischen er  kein Recht  hatte.  Wie  er  seine
       Pflicht - Führung der Korrespondenz seines eigenen Ressorts - er-
       füllte, zeigt  eine besondere Resolution des Generalrats, in wel-
       cher diese Pflicht dem Bürger Milner übertragen wird. [205]
       Herr Hales stellt weiterhin fest:
       
       "Eines Tages  erhielt der Britische Föderalrat einen sehr wichti-
       gen Brief  vom Spanischen  Föderalrat, doch der Schreiber, Bürger
       Anselmo Lorenzo,  hatte vergessen,  seine Adresse  anzugeben; der
       Britische Föderalrat  bat darauf den Bürger Engels, damals korre-
       spondierender Sekretär  für Spanien,  ihm die Adresse von Lorenzo
       zu geben;  Bürger Engels  lehnte dies förmlich ab. Vor kurzem gab
       er die  gleiche abschlägige  Antwort hinsichtlich  des Lissaboner
       Föderalrats."
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 3-51 - 2*) siehe vorl. Band, S. 327-471
       
       #196# Karl Marx/Friedrich Engels
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       Alles, was  Bürger Engels über diese Angelegenheit weiß, ist, daß
       der in Frage kommende spanische Brief ihm von Bürger Jung mit dem
       einfachen Ersuchen  übersandt worden  war, ihn zu übersetzen, was
       er auch  tat. Über ein Ersuchen des Britischen Föderalrats um die
       Adresse Lorenzos  ist ihm  nichts bekannt  und er würde für einen
       Auszug aus dem diesbezüglichen Protokoll dankbar sein.
       Was die  Lissaboner Angelegenheit  betrifft, so  wandte sich  der
       Portugiesische Rat  mit der  Bitte an Engels, ihn in einem Streik
       zu unterstützen,  und das allererste, was Engels tat, war, daß er
       den Britischen  Föderalrat um  Mitwirkung  ersuchte,  während  er
       gleichzeitig auch  andere Maßnahmen  ergriff, die in seiner Macht
       standen. Nach  mehrmaligen mündlichen  Ansuchen, überbracht durch
       Mitglieder des Föderalrats, und nach einem schriftlichen Ansuchen
       1*) erhielt  Engels ungefähr  zwei Monate  später einen Brief von
       Herrn Hales,  der ihm mitteilte, daß der Rat in der Angelegenheit
       etwas unternommen  habe, und  wobei er  Engels um  die Lissaboner
       Adresse bat.  Auf diesen Brief sandte Engels keine Antwort, da er
       sich damals  völlig bewußt war, daß Hales solche Adressen nur zum
       Zwecke seiner  eigenen persönlichen  Intrigen  brauchte.  Niemals
       dachte man  an eine  solche Zurückhaltung  gegenüber anderen Mit-
       gliedern des  Britischen Föderalrats.  Als Jung  im Namen des Fö-
       deralrats die  Adressen in  Berlin, Leipzig  und Wien  verlangte,
       sind sie ihm sofort übermittelt worden.
       Die Veröffentlichung  von Auszügen  aus den Protokollen des alten
       Generalrats, die  zum größten  Teil von  Herrn Hales  selbst  ge-
       schrieben wurden,  werden die  Motive seines  Grolls gegen  diese
       Körperschaft bloßlegen.  Um die  Worte seines  eigenen Briefes an
       das jurassische  Komitee zu gebrauchen, wird es sich dann heraus-
       stellen, daß
       
       "ein jeder, der mit dem abgesetzten Generalrat nicht nahe bekannt
       war, sich  keine Meinung  über die  Art und Weise bilden kann, in
       welcher Tatsachen entstellt werden"
       
       - nämlich durch Herrn John Hales.
       Mit brüderlichen Grüßen!
       F. Engels
       Karl Marx
       Geschrieben am 20. Dezember 1872.
       
       Aus dem Englischen.
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 179

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