Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Friedrich Engels
Die Manchester Foreign Section an alle Sektionen und Mitglieder
der Britischen Föderation [206]
Arbeiter!
Wir sehen uns gezwungen, uns an Euch zu wenden in Erwiderung auf
ein Zirkular, das von denen in Umlauf gesetzt worden ist, die
sich als die Majorität des Britischen Föderalrats bezeichnen, und
in dem Ihr aufgefordert werdet, Euch ihrem offenen Aufruhr gegen
die Grundgesetze unserer Assoziation anzuschließen. [207]
In diesem Zirkular behauptet die Majorität des Föderalrats, daß
die Minorität alle Arbeit unmöglich gemacht und die Geschäfte zum
Stillstand gebracht habe, indem die letzte Sitzung durch den Vor-
sitzenden 1*) mitten im Verlauf aufgelöst worden sei, um eine
Diskussion zu verhindern.
Auf den ersten Blick erscheint es seltsam, daß eine Majorität
durch eine Minorität mundtot gemacht worden sei, da eine einfache
Abstimmung genügt hätte, diese Minorität zum Schweigen zu brin-
gen. Bisher haben Minoritäten oft genug sezediert. Dies ist das
erste Beispiel einer Sezession der Majorität; und diese Tatsache
allein genügt, um das ganze Verfahren mehr als zu verdächtigen.
Was die als Vorwand benutzte Handlung des Vorsitzenden auf einer
einzelnen Sitzung angeht, so sind wir glaubwürdig davon unter-
richtet, daß bei diesem Vorfall der Vorsitzende die Sitzung eine
halbe Stunde nach der festgesetzten Zeit, um halb zwölf, auflö-
ste, weil Mitglieder der Majorität darauf bestanden, die Tages-
ordnung zu unterbrechen. [208]
Laut Zirkular hat sich der Föderalrat bei der Frage gespalten, ob
die Resolutionen des allgemeinen Kongresses unserer Assoziation,
der im letzten September in Den Haag abgehalten wurde, als gültig
angesehen werden sollen oder nicht. Nun, für Mitglieder der In-
ternationale ist das gar keine Frage. Gemäß Artikel 3 der Allge-
meinen Statuten ist es die Pflicht des allgemeinen Kongresses,
"die für das erfolgreiche Wirken der Internationalen
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1*) Samuel Vickery
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Assoziation notwendigen Maßregeln" 1*) zu ergreifen. Der Kongreß
ist ihr gesetzgebendes Organ. Seine Resolutionen sind bindend für
alle. Wem die Resolutionen nicht gefallen, der mag entweder die
Assoziation verlassen oder versuchen, sie auf dem nächsten Kon-
greß umzustoßen. Aber kein einzelnes Mitglied, keine Sektion,
kein Föderalrat, kein lokaler oder nationaler Kongreß hat das
Recht, sie für null und nichtig zu erklären und dabei zu bean-
spruchen, in der Internationale zu bleiben.
Die Unterzeichner des Zirkulars geben vor, daß der Haager Kongreß
nicht ordentlich konstituiert worden sei und keineswegs die Majo-
rität der Mitglieder der Assoziation vertreten habe. Dieser Kon-
greß wurde nach Artikel 4 der Allgemeinen Statuten ordnungsgemäß
durch den Generalrat einberufen. Er wurde von 64 Delegierten be-
sucht, die 15 verschiedene Nationalitäten vertraten und persön-
lich 12 verschiedenen Nationalitäten angehörten. Kein früherer
Kongreß konnte sich einer so wahrhaft internationalen Zusammen-
setzung rühmen. Daß die gefaßten Resolutionen von dem echten
Geist des Internationalismus durchdrungen waren, beweist die Tat-
sache, daß sie fast alle mit einer. Majorität von drei zu eins
angenommen worden sind und daß die Delegierten der beiden erst
kürzlich in einem Bruderkrieg verwickelten Nationen - die Franzo-
sen und die Deutschen - fast immer wie ein Mann für sie gestimmt
haben. Wenn England durch eigene Schuld nicht sehr zahlreich ver-
treten war, ist das ein Grund, den Kongreß anzufechten?
Das Zirkular beklagt sich über die Resolution des Kongresses
bezüglich der politischen Aktion der Arbeiterklasse. Es sagt, der
Beschluß sei gefaßt worden, nachdem die Majorität der Delegierten
abgereist war. Der offizielle Bericht, der in Nr. 37 des
"International Herald" (vom 14. Dezember) veröffentlicht worden
ist, zeigt, daß von 64 Delegierten 48 über die Frage abgestimmt
haben, von denen 35 für die Resolution stimmten. Unter diesen 35
finden wir den Namen von Herrn Mottershead, der jetzt ein Zirku-
lar unterzeichnet, das diese Resolution verwirft.
Was für eine Resolution ist das nun? Sie ist dem Wesen und zum
größten Teil auch den Worten nach dieselbe, die von der im Sep-
tember 1871 in London abgehaltenen allgemeinen Konferenz angenom-
men und samt den übrigen Resolutionen offiziell vom Generalrat am
17. Oktober desselben Jahres veröffentlicht worden ist und unter
anderen die Unterschriften von John Hales, Th. Mottershead, H.
Jung, F. Bradnick, H. Mayo und John Roach trägt! 2*) Da der Gene-
ralrat verpflichtet war, die Resolutionen der
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1*) Siehe Band 17 unserer Ausgabe, S. 441 - 2*) ebenda, S.
421/422
#199# Die Manchester Foreign Section an die Mitglieder...
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Konferenz in Kraft zu setzen, wie kommt es dann, daß keiner die-
ser Bürger es damals für passend hielt, auf seinen Sitz im Gene-
ralrat zu verzichten und gegen diese Resolution zu protestieren,
die jetzt auf einmal für so gefährlich gehalten wird?
Das Zirkular verfälscht vollständig den Sinn dieser Resolution,
was leicht erkennbar ist, wenn man ihren in Nr. 37 des
"International Herald" veröffentlichten Wortlaut heranzieht. 1*)
Die Resolution macht nicht, wie behauptet wird, die politische
Wirksamkeit für die Trade-Unions und andere politisch neutrale
Körperschaften obligatorisch. Sie verlangt nur, daß in jedem
Lande eine Partei der Arbeiterklasse gebildet wird, die deutlich
allen bürgerlichen Parteien gegenübersteht. Das bedeutet, sie
ruft die Arbeiterklasse hier in England auf, abzulehnen, der
"großen liberalen Partei" weiterhin als Anhängsel zu dienen und
eine eigne, unabhängige Partei zu bilden, wie in den ruhmreichen
Zeiten der großen Chartistenbewegung.
So erweist sich der angebliche Vertrauensbruch gegenüber den
Trade-Unions als eine reine Erfindung. Es möge uns jedoch gestat-
tet sein zu fragen, wo die Trade-Unions jetzt stehen, die sich
einst selbst der Internationale angeschlossen hatten? Die Kassen-
ausweise vom vergangenen Jahr zeigen, daß sie fast sämtlich unter
dem Sekretariat des Bürgers Hales verschwunden sind.
Die nächste Beschwerde ist, daß der Generalrat nach New York ver-
legt worden ist und weder Engländer noch Amerikaner in ihm sit-
zen. Der neue Generalrat ist aus Männern von fünf verschiedenen
Nationalitäten zusammengesetzt, und wenn sich die Engländer in
New York von der Internationale fernhalten, so trifft sie selbst
die Schuld, wenn sie im Rat nicht vertreten sind. Als dieser Rat
in London seinen Sitz hatte, waren die Engländer darin stets
weitaus stärker vertreten als jede andere Nation und bildeten
sehr oft die absolute Mehrheit, während die Franzosen z.B. zu ei-
ner gewissen Zeit überhaupt nicht vertreten waren. Aber die Eng-
länder können das nicht als ein verbrieftes Recht ansehen. Als
der Haager Kongreß kraft der ihm durch Art. 3 der Allgemeinen
Statuten auferlegten Pflichten und Rechte den neuen Generalrat
wählte, erkor er den seiner Meinung nach besten Ort und in diesem
Ort die besten Leute. Die Unterzeichner des Zirkulars mögen ande-
rer Meinung sein, aber das berührt nicht das Recht des Kongres-
ses.
Das Zirkular gibt vor, daß durch diese Handlung die Sektionen und
Föderationen ihres früheren Rechts beraubt seien, über die in ih-
ren jeweiligen
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1*) Siehe vorl. Band, S. 149/150
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Ländern zu verfolgende Politik zu bestimmen. Das ist wiederum un-
wahr. Ob der Generalrat seinen Sitz in London, in New York oder
sonstwo hat, die Rechte der Sektionen und Föderationen bleiben
dieselben. Aber, sagt das Zirkular, um Ungehorsam in diesem
Punkte zu verhindern,
"rüstete der Kongreß diesen Generalrat mit der Vollmacht aus,
jede Sektion, jede Föderation oder jeden Föderalrat nach Belie-
ben, ohne Angabe von Gründen, zu suspendieren".
Wiederum unwahr. Das Recht, eine Sektion zu suspendieren, war dem
Generalrat schon durch den Baseler Kongreß (1869) verliehen wor-
den. Der offizielle Wortlaut der Resolutionen des Haager Kongres-
ses - Resolution II, Artikel 1 1*) ("International Herald" Nr.
37) - zeigt, daß, wenn die Vollmachten des Generalrats erweitert
oder vielmehr besser präzisiert worden sind, sie auch von Siche-
rungen umgeben worden sind, die vorher nicht existierten. So muß
der Generalrat, wenn er einen Föderalrat auflöst, innerhalb von
30 Tagen für die Wahl eines neuen sorgen; und so bleibt die Föde-
ration am Ende selbst der oberste Richter. Wenn der Generalrat
eine ganze Föderation suspendiert, muß er, wenn die übrigen Föde-
rationen es verlangen, seine Entscheidung innerhalb eines Monats
dem endgültigen Urteil einer Delegiertenkonferenz aller Födera-
tionen unterbreiten. Und das nennt das Zirkular: Vollmacht zur
Suspension ohne Angabe von Gründen!
Arbeiter ! Ob Ihr persönlich die in Den Haag gefaßten Resolutio-
nen billigt oder mißbilligt, sie sind augenblicklich das Gesetz
der Internationale. Wenn es solche unter Euch gibt, die sie miß-
billigen, so haben sie ihr Rechtsmittel auf dem nächsten Kongreß.
Aber weder eine Sektion noch der Britische Föderalrat, noch ein
durch ihn einberufener nationaler Kongreß hat das Recht, Resolu-
tionen eines rechtmäßig einberufenen allgemeinen Kongresses zu
verwerfen. Wer immer das versucht, stellt sich tatsächlich selbst
außerhalb der Reihen der Internationale, und das haben die Unter-
zeichner des Zirkulars tatsächlich getan. Zuzulassen, daß solche
Tätigkeit die Internationale beherrscht, würde ihrer Auflösung
gleichkommen.
Sogar in den Ländern, deren Delegierte in Den Haag die Minorität
bildeten, hat eine starke Reaktion gegen die von jenen Delegier-
ten genährten sezessionistischen Gelüste eingesetzt. Während in
Amerika, Frankreich, Deutschland, Polen, Österreich, Ungarn, Por-
tugal und in der ganzen Schweiz, ausgenommen eine kleine Gruppe
von kaum 200 Mann, die Haager Resolutionen freudig akzeptiert
werden, haben die holländischen Internationalen auf einem Kongreß
beschlossen, zum New-Yorker Generalrat zu
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1*) Siehe vorl. Band, S. 150
#201# Die Manchester Foreign Section an die Mitglieder...
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halten [198] und alle etwaigen Beschwerden, die sie haben mögen,
dem nächsten rechtmäßigen allgemeinen Kongreß im September 1873
vorzulegen und niemandem sonst. In Spanien, wo der Föderalrat
eine sezessionistische Bewegung versuchte, die der in dem fragli-
chen Zirkular eingeleiteten ähnlich ist, wird der Widerstand da-
gegen täglich stärker, und eine Sektion nach der anderen bekennt
sich zu den Haager Resolutionen.
Arbeiter! Aus all diesen Gründen protestieren wir gegen die Ein-
berufung irgendeines britischen Kongresses, der zu Gericht sitzen
soll über das Gesetz der Assoziation, wie es von den Delegierten
aller in ihr vertretenen Nationen festgelegt worden ist.
Wir protestieren gegen jeden so kurzfristig einberufenen Kongreß
wie den für den 5. Januar anberaumten.
Wir ersuchen alle Sektionen dringend, das Vorhergesagte der Er-
wägung ihrer Mitglieder zu unterbreiten und zu bedenken, daß die
Zukunft unserer Assoziation in England von ihrer Haltung in der
augenblicklichen Krisis abhängt.
Es ist notwendig, daß wir als rechtmäßige Delegierte des Föderal-
rats nur diejenigen anerkennen, die die Autorität des Haager Kon-
gresses verteidigen und bestrebt sind, die dort gefaßten Resolu-
tionen durchzuführen.
Angenommen auf der Generalversammlung der Manchester Foreign Sec-
tion am Sonnabend, dem 21. Dezember 1872.
Brüderliche Grüße allen Mitgliedern unserer Assoziation.
P. Zürcher, Vorsitzender der Versammlung
F. Kupper, Generalsekretär und deutscher Sekretär
O. Wyss, französischer Sekretär
Nach dem Flugblatt.
Aus dem Englischen.
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