Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Karl Marx
Adresse des Britischen Föderalrats an die Sektionen, Zweige,
angeschlossenen Gesellschaften und Mitglieder [der Britischen
Föderation der Internationale] [209]
Bürger!
Auf unserer Sitzung vom 19. Dezember 1872 wurde unsere Aufmerk-
samkeit auf ein von den Vertretern der Sezessionisten in England
herausgegebenes Manifest gelenkt. Wir beschlossen sofort, jeder
Sektion eine Notiz zu senden, die sie aufruft, mit ihrem Urteil
darüber zurückzuhalten, bis sie unsere Antwort vorliegen hätte,
die wir sofort herauszubringen versprachen. Und auf einer beson-
deren Sitzung des Britischen Föderalrats, die am Montag abend, am
23. Dezember, stattfand, wurde einstimmig beschlossen , folgendes
auf die im obengenannten Manifest gemachten Behauptungen zu erwi-
dern:
1. Die festgefahrene Lage ist dadurch entstanden, daß ständig Ha-
les' persönliche Angelegenheiten vorgebracht wurden; beide, er
und Mottershead, legten es schon im Generalrat darauf an, durch
gegenseitige Korruptionsbeschuldigungen eine ähnliche festgefah-
rene Lage herbeizuführen. Die festgefahrene Lage auf der Sitzung,
auf die angespielt wird, hatte Mottershead verursacht, der be-
trunken war und die Sitzung um halb zwölf dadurch auffliegen
ließ, daß er ununterbrochen den Vorsitzenden 1*) in der heftig-
sten Weise persönlich angriff, wobei kein anderer als Haies die
Auflösung der Sitzung gefordert hat. Die Mitglieder werden vor
längerer Zeit im "International Herald" gelesen haben, daß die
Süd-Lambeth Sektion ihren Delegierten zurückgezogen hat, weil die
Majorität jeder wirklichen Tätigkeit entgegenarbeitete.
2. Die wirkliche Ursache dieses Zirkulars besteht darin, daß es
innerhalb der sezessionistischen Minorität des Haager Kongresses
eine Verständigung
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1*) Samuel Vickery
#203# Adresse des Britischen Föderalrats
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darüber gibt, alle möglichen Kongresse in allen Ländern um Weih-
nachten herum einzuberufen, die ihre sezessionistische Tätigkeit
bestätigen sollen. So sind ähnliche Kongresse in Belgien und in
Spanien für den 25. Dezember einberufen worden (gegen den in Spa-
nien besteht eine starke Opposition, die von Tag zu Tag an-
wächst). Nun sollen die englischen Sektionen durch Schwindelei
dazu gebracht werden, das Komplott zu unterstützen, ohne daß sie
wissen, was vorgeht.
3. Das jetzt vor uns liegende Zirkular ist dem Föderalrat nicht
vorgelegt worden. Nichts zeigt besser, wie seine Verfasser die
Diskussion fürchteten, als die Tatsache, daß sie es hinter dem
Rücken des Rats in einer heimlichen Zusammenkunft ausgeheckt ha-
ben. Hat man jemals früher erlebt, daß eine Majorität von der Mi-
norität sezedierte, statt sie zu überstimmen? Weshalb wünscht die
Majorität einen besonderen Kongreß, wenn eine einfache Abstimmung
im Rat, den sie zu beherrschen vorgeben, die Frage zu ihren Gun-
sten entscheiden würde?
4. Die Unterzeichner dieses Zirkulars wagen noch nicht so weit zu
gehen wie die Sezessionisten des Kontinents, die offen erklären,
daß sie die Autorität eines jeden Kongresses verwerfen mit Aus-
nahme des ersten in Genf abgehaltenen. Inzwischen fangen sie da-
mit an, die Rechtsgültigkeit des Haager Kongresses anzufechten,
des Kongresses, der am meisten international und in der Tat der
erste wirklich internationale Kongreß der Assoziation war, weil
er der erste war, wo die Mehrheit keine nationale oder gar nur
lokale war. Wenn dieser Kongreß nicht ordentlich konstituiert
war, warum unterzeichnete dann Bürger Roach, der ein Mitglied der
Mandatsprüfungskommission war, den Bericht dieser Kommission?
Doch jetzt unterzeichnet er das Zirkular, das gegen den Kongreß
protestiert.
5. Sie sagen, sie werden zu den Allgemeinen Statuten stehen, wie
sie vor dem Haager Kongreß existierten. Diese Statuten besagen in
Artikel 3: "Der Kongreß... ergreift die für das erfolgreiche Wir-
ken der Internationalen Assoziation notwendigen Maßregeln und er-
nennt den Generalrat der Gesellschaft." In Art. 12: "Die gegen-
wärtigen Statuten können durch jeden Kongreß abgeändert werden,
sobald zwei Drittel der anwesenden Delegierten sich dafür erklä-
ren." 1*) Die Allgemeinen Statuten geben irgendeinem lokalen oder
föderalen Kongreß keinerlei Recht, die Resolutionen irgendeines
allgemeinen Kongresses zu revidieren. Daher erklären sich die
Unterzeichner dieses Zirkulars in offener Revolte nicht nur gegen
die Verfassung der Internationale, wie sie von dem Haager Kongreß
festgelegt worden ist,
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1*) Siehe Band 17 unserer Ausgabe, S. 441, 443
#204# Karl Marx
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sondern auch gegen jene Allgemeinen Statuten, von denen sie er-
klären, daß sie zu ihnen ständen.
Welches sind nun die Resolutionen des Haager Kongresses, die den
Unterzeichnern des Zirkulars so widerwärtig sind?
Die erste ist die Resolution über die politische Wirksamkeit der
Arbeiterklasse, die, wie sie behaupten, beschlossen worden sei,
nachdem die Majorität der Delegierten abgereist war. Das ist fern
aller Wahrheit, da von den 64 Delegierten, die an dem Kongreß
teilnahmen, sich 48 an der Abstimmung über diese Resolution be-
teiligten, und davon stimmten 35 oder mehr als zwei Drittel da-
für, unter ihnen Bürger Mottershead, - der nichtsdestoweniger das
fragliche Zirkular unterzeichnet hat. Überdies hatten die meisten
der abgereisten Delegierten bei dem Vorsitzenden eine schriftli-
che Erklärung hinterlassen, daß sie für die Resolution wären.
Die Resolution selbst ist nichts als ein Extrakt aus der Resolu-
tion Nr. IX der Londoner Konferenz vom September 1871, die samt
den anderen Resolutionen vom Generalrat am 17. Oktober 1871 ver-
öffentlicht wurde und unter der die Namen der Bürger Bradnick,
Mayo, Mottershead, Jung, Roach und Haies stehen, letzterer als
Generalsekretär. Diese Resolution der Konferenz führt die Allge-
meinen Statuten, die Inauguraladresse und eine Resolution des
Lausanner Kongresses an sowie die gesamte Tätigkeit des General-
rats seit Beginn, um zu beweisen, daß das, was sie aussagt, nur
eine Erläuterung dessen ist, was im selben Sinne immer die offi-
ziell befolgte Politik der Assoziation gewesen ist. Vor dem Haa-
ger Kongreß beschloß der Generalrat einmütig, diesem Kongreß vor-
zuschlagen, eben diese Resolution in die Allgemeinen Statuten
einzufügen [210]; Bürger Jung hatte an diesem Abend das Amt des
Sekretärs, da Haies suspendiert worden war. Und sogar der Kongreß
zu Nottingham, auf dessen Resolutionen sich das Zirkular als Prä-
zedens bezieht, nahm eine dem Wesen nach gleiche Resolution an.
[211]
Was die angebliche Verstoßung der Trade-Unions durch diese
Resolution betrifft, so ist ganz im Gegenteil der Kongreß zugun-
sten der Trace-Unions weiter gegangen als die Allgemeinen Statu-
ten oder irgendein früherer Kongreß. Er beauftragte den neuen Ge-
neralrat, einen internationalen Bund zwischen den Trade-Unions zu
schaffen, in ihn sogar Trade-Uniors aufzunehmen, die nicht zur
Internationale gehören, jede Trade-Union aufzufordern, selbst die
Bedingungen zu nennen, unter denen sie einem solchen Bund beitre-
ten würde, und einen allgemeinen Plan auszuarbeiten, der allen
zugehörigen Trade-Unions zur vorläufigen Annahme unterbreitet
werden sollte vor seiner endgültigen Bestätigung durch den näch-
sten Kongreß,
#205# Adresse des Britischen Föderalrats
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Die nächste Beschwerde betrifft die Verlegung des Generalrats
nach New York. Das läuft einfach auf die Behauptung hinaus, daß
kein Generalrat, in dem nicht die Herren Haies, Mottershead,
Jung, Bradnick, Mayo und Roach ihren Sitz haben, beanspruchen
könnte, die Internationale zu vertreten.
Eine andere Beschwerde ist die, daß die Vollmachten dieses
Generalrats erweitert worden sind. Nun, die erste in dieser Hin-
sicht in Den Haag gefaßte Resolution war folgende : "Der General-
rat ist gehalten, die Kongreßbeschlüsse auszuführen und darauf zu
achten, daß die Grundsätze, Statuten und Verwaltungsverordnungen
der Internationale in jedem Lande strikt eingehalten werden." 1*)
Diese Resolution wurde dem Kongreß auf Grund einer einmütigen Ab-
stimmung des alten Generalrats vorgeschlagen. [212] Wie könnte
sie in die Tat umgesetzt werden, wenn der Generalrat nicht die
Vollmacht hätte, Körperschaften zu suspendieren, die innerhalb
der Internationale gegen die Internationale wirken? Außerdem ha-
ben die Haager Resolutionen, die sich auf das Recht der Suspen-
sion von Sektionen, Föderalräten und Föderationen beziehen, in
Wirklichkeit die dem Generalrat vom Baseler Kongreß verliehene
Vollmacht (siehe Verwaltungsverordnungen II, Artikel 6 und 7)
eingeschränkt und in jedem Falle die Handlung des Ganeralrats ei-
ner Gegenkontrolle unterworfen. [213]
Überall auf dem Kontinent unterstützen die Regierungen und die
bürgerliche Presse die Versuche der Leute, die danach trachten,
eine Sezession in den Reihen der Assoziation zu provozieren, wäh-
rend diejenigen, die der Internationale anhängen, überall verhaf-
tet und ihre Zeitungen von der Polizei verfolgt werden. Während
sich die Sezessionisten in der Behauptung sonnen, daß die Inter-
nationale dank ihrer Anstrengungen überall in Auflösung begriffen
sei, und gegen die Haager Resolutionen rebellieren, ist die Asso-
ziation in Wirklichkeit stärker denn je, und die Haager Resolu-
tionen sind in Frankreich, Deutschland, Österreich, Ungarn, Por-
tugal, Amerika, Dänemark, Polen und der Schweiz vollauf bestä-
tigt, einige 150 Sezessionisten in der Schweiz ausgenommen. In
Holland wurde, obwohl die Delegierten dieses Landes in Den Haag
mit der Minorität gestimmt hatten, ein Kongreß abgehalten, der
beschloß, dem Generalrat treu zu bleiben und keinen anderen all-
gemeinen Kongreß anzuerkennen als den für September 1873 ange-
setzten ordentlichen Kongreß, der in der Schweiz abgehalten wer-
den soll. In Spanien, wo die Sezessionisten hofften, alles durch-
setzen zu können, weil sie den Föderalrat auf ihrer Seite hatten,
nimmt die
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1*) Siehe vorl. Band, S. 150
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Opposition gegen sie täglich an Stärke zu. Selbst in Italien sen-
den Sektionen dem neuen Generalrat fortgesetzt ihre Zustimmung,
und dieser Kniff mit dem neuen englischen Kongreß ist das letzte
Zufluchtsmittel, zu dem sich die Sezessionisten getrieben sehen.
In Erwiderung auf die Vorschläge des Zirkulars müssen wir folgen-
des unterbreiten:
1. Wir erklären jeden in England abgehaltenen Kongreß, der den
Zweck hat, die vom Haager Kongreß angenommenen Resolutionen zu
revidieren, für illegal, weil jede Föderation das Recht hat, auf
dem nächsten allgemeinen Kongreß Einspruch zu erheben. Ferner ist
der einzige legale Kongreß der Britischen Föderation der, welcher
- gemäß der auf dem Kongreß zu Nottingham vom Juli 1872 angenom-
menen Resolution - in Manchester zu Pfingsten abgehalten werden
soll.
2. Wir fordern die Sektionen auf, die den Unterzeichnern des Zir-
kulars gegebenen Vollmachten zurückzunehmen und neue Delegierte
zu entsenden, die sie beim Föderalrat vertreten.
3. Wir fordern die Sektionen auf, ein Komitee zu ernennen, dem
die Protokolle des Föderalrats unterbreitet werden sollen und das
seine eigenen Schlüsse hinsichtlich der Frage ziehen wird, wer
die Arbeit der Assoziation gehemmt und wer sie gefördert hat und
wer im Interesse der Feinde der arbeitenden Klassen tätig war.
4. Wir fordern die Sektionen auf, eine Kommission zu ernennen,
die die Organisation, die Mitgliederzahl und das Gründungsdatum
der Sektionen prüft und insbesondere die Zahl der Delegierten,
die sie in den Föderalrat zu entsenden pflegten.
Da die Sektionen jetzt im Besitz beider Manifeste sind, überlas-
sen wir die Angelegenheit ihnen und bitten nur, uns ihre Ent-
scheidung sofort mitzuteilen.
Wir bekräftigen jedoch ohne Zaudern, daß wir in Übereinstimmung
mit den Statuten und der Verfassung der Assoziation und im wahren
Interesse der arbeitenden Klassen handeln.
Es lebe die Internationale Arbeiterassoziation!
F. Hurry, Süd-Lambeth-Sektion, Vorsitzender
E. Hills, Westend-Sektion
F. Leßner, Nottingham-Kongreß, ehemaliges Mitglied
des Generalrats, Mitbegründer der IAA
W.H. Riley, Nottingham-Kongreß
#207# Adresse des Britischen Föderalrats
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Ch. Murray, Normanby-Sektion, ehemaliges Mitglied
des Generalrats
G. Milner, Nationale Reform-Liga, ehemaliges Mitglied
des Generalrat.
J. Mitchell, Hinkley-Sektion, Leicestershire
G.A. Weiler, Londoner deutsche Sektion
S. Vickery, Birkenhead-Sektion
Eugène Dupont, Manchester-Sektion, ehemaliges Mitglied des
Generalrats, Mitbegründer der IAA
Alle Mitteilungen sind an Bürger Riley, Redakteur des
"International Herald", 7, Red Lion Court, Fleet Street, London,
zu richten.
London, 23. Dezember 1872
Nach dem Flugblatt.
Aus dem Englischen.
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