Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Friedrich Engels
Zur Wohnungsfrage [214]
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Geschrieben Mai 1872 bis Januar 1873.
Erstmalig veröffentlicht als Artikelserie im "Volksstaat".
Die Artikel erschienen in folgenden Nummern:
Nr. 51 vom 26. Juni 1872
Nr. 52 vom 29. Juni 1872
Nr. 53 vom 3. Juli 1872
Nr. 103 vom 25. Dezember 1872
Nr. 104 vom 28. Dezember 1872
Nr. 2 vom 4. Januar 1873
Nr. 3 vom 8. Januar 1873
Nr. 12 vom 8. Februar 1873
Nr. 13 vom 12. Februar 1873
Nr. 15 vom 19. Februar 1873
Nr. 16 vom 22. Februar 1873
Die gesamte aus drei Abschnitten bestehende Arbeit erschien 1872
(erster und zweiter Abschnitt) und 1873 (dritter Abschnitt) als
Separatabdruck aus dem "Volksstaat".
Die zweite von Engels durchgesehene Auflage erschien 1887 Hottin-
gen-Zürich.
Der vorliegende Text fußt auf dieser Ausgabe. Auf wesentliche Ab-
weichungen von der Erstveröffentlichung wird in Fußnoten bzw. An-
merkungen verwiesen.
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Titelblatt der Schrift "Zur Wohnungsfrage" (Heft 1) mit einer
Widmung des Autors an Laura Lafargue
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Erster Abschnitt
Wie Proudhon die Wohnungsfrage löst
In Nr. 10 und folgenden des "Volksstaat" findet sich eine Reihe
von sechs Artikeln über die Wohnungsfrage, die aus dem einen
Grunde Beachtung verdienen, weil sie - abgesehn von einigen
längst verschollenen Belletristereien der vierziger Jahre - der
erste Versuch sind, die Schule Proudhons nach Deutschland zu ver-
pflanzen. Es liegt hierin ein so ungeheurer Rückschritt gegen den
ganzen Entwicklungsgang des deutschen Sozialismus, der grade den
Proudhonschen Vorstellungen schon vor 25 Jahren den entscheiden-
den Stoß gab *), daß es der Mühe wert ist, diesem Versuch sofort
entgegenzutreten.
Die sogenannte Wohnungsnot, die heutzutage in der Presse eine so
große Rolle spielt, besteht nicht darin, daß die Arbeiterklasse
überhaupt in schlechten, überfüllten, ungesunden Wohnungen lebt.
Diese Wohnungsnot ist nicht etwas der Gegenwart Eigentümliches;
sie ist nicht einmal eins der Leiden, die dem modernen Proleta-
riat, gegenüber allen frühern unterdrückten Klassen, eigentümlich
sind; im Gegenteil, sie hat alle unterdrückten Klassen aller Zei-
ten ziemlich gleichmäßig betroffen. Um dieser Wohnungsnot ein
Ende zu machen, gibt es nur ein Mittel: die Ausbeutung und Unter-
drückung der arbeitenden Klasse durch die herrschende Klasse
überhaupt zu beseitigen. - Was man heute unter Wohnungsnot ver-
steht, ist die eigentümliche Verschärfung, die die schlechten
Wohnungsverhältnisse der Arbeiter durch den plötzlichen Andrang
der Bevölkerung nach den großen Städten erlitten haben; eine ko-
lossale Steigerung der Mietspreise, eine noch verstärkte Zusam-
mendrängung der Bewohner in den einzelnen Häusern, für einige die
Unmöglichkeit, überhaupt ein Unterkommen zu finden. Und
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*) In Marx, "Misère de la Philosophie etc." 1*) Bruxelles et Pa-
ris, 1847.
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1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 63-182
#214# Friedrich Engels
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diese Wohnungsnot macht nur soviel von sich reden, weil sie sich
nicht auf die Arbeiterklasse beschränkt, sondern auch das Klein-
bürgertum mit betroffen hat.
Die Wohnungsnot der Arbeiter und eines Teils der Kleinbürger un-
serer modernen großen Städte ist einer der zahllosen kleineren,
sekundären Übelstände, die aus der heutigen kapitalistischen Pro-
duktionsweise hervorgehen. Sie ist durchaus nicht eine direkte
Folge der Ausbeutung des Arbeiters, als Arbeiter, durch den Kapi-
talisten. Diese Ausbeutung ist das Grundübel, das die soziale Re-
volution abschaffen will, indem sie die kapitalistische Produkti-
onsweise abschafft. Der Eckstein der kapitalistischen Produkti-
onsweise aber ist die Tatsache: daß unsere jetzige Gesellschafts-
ordnung den Kapitalisten in den Stand setzt, die Arbeitskraft des
Arbeiters zu ihrem Wert zu kaufen, aber weit mehr als ihren Wert
aus ihr herauszuschlagen, indem er den Arbeiter länger arbeiten
läßt, als zur Wiedererzeugung des für die Arbeitskraft gezahlten
Preises nötig ist. Der auf diese Weise erzeugte Mehrwert wird
verteilt unter die Gesamtklasse der Kapitalisten und Grundeigen-
tümer, nebst ihren bezahlten Dienern, vom Papst und Kaiser bis
zum Nachtwächter und darunter. Wie diese Verteilungsich macht,
geht uns hier nichts an; soviel ist sicher, daß alle, die nicht
arbeiten, eben nur leben können von Abfällen dieses Mehrwerts,
die ihnen auf die eine oder andere Art zufließen. (Vergleiche
Marx, "Das Kapital", wo dies zuerst entwickelt. 1*))
Die Verteilung des durch die Arbeiterklasse erzeugten und ihr
ohne Bezahlung abgenommenen Mehrwerts unter die nicht arbeitenden
Klassen wickelt sich ab unter höchst erbaulichen Zänkereien und
gegenseitiger Beschwindelung; soweit diese Verteilung auf dem
Wege des Kaufs und Verkaufs vor sich geht, ist einer ihrer Haupt-
hebel die Prellerei des Käufers durch den Verkäufer, und diese
ist im Kleinhandel, namentlich in den großen Städten, jetzt eine
vollständige Lebensbedingung für den Verkäufer geworden. Wenn
aber der Arbeiter von seinem Krämer oder Bäcker am Preis oder an
der Qualität der Ware betrogen wird, so geschieht ihm das nicht
in seiner spezifischen Eigenschaft als Arbeiter. Im Gegenteil,
sowie ein gewisses Durchschnittsmaß von Prellerei die gesell-
schaftliche Regel an irgendeinem Orte wird, muß sie auf die Dauer
ihre Ausgleichung finden in einer entsprechenden Lohnerhöhung.
Der Arbeiter tritt dem Krämer gegenüber als Käufer auf, d.h. als
Besitzer von Geld oder Kredit, und daher keineswegs in seiner Ei-
genschaft als Arbeiter, d.h. als Verkäufer von
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe
#215# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
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Arbeitskraft. Die Prellerei mag ihn, wie überhaupt die ärmere
Klasse, härter treffen als die reicheren Gesellschaftsklassen,
aber sie ist nicht ein Übel, das ihn ausschließlich trifft, das
seiner Klasse eigentümlich ist.
Geradeso ist es mit der Wohnungsnot. Die Ausdehnung der modernen
großen Städte gibt in gewissen, besonders in den zentral gelege-
nen Strichen derselben dem Grund und Boden einen künstlichen, oft
kolossal steigenden Wert; die darauf errichteten Gebäude, statt
diesen Wert zu erhöhn, drücken ihn vielmehr herab, weil sie den
veränderten Verhältnissen nicht mehr entsprechen; man reißt sie
nieder und ersetzt sie durch andre. Dies geschieht vor allem mit
zentral gelegenen Arbeiterwohnungen, deren Miete, selbst bei der
größten Überfüllung, nie oder doch nur äußerst langsam über ein
gewisses Maximum hinausgehn kann. Man reißt sie nieder und baut
Läden, Warenlager, öffentliche Gebäude an ihrer Stelle. Der Bona-
partismus hat durch seinen Haussmann in Paris 1*) diese Tendenz
aufs kolossalste zu Schwindel und Privatbereicherung ausgebeutet;
aber auch durch London, Manchester, Liverpool ist der Geist
Haussmanns geschritten, und in Berlin und Wien scheint er sich
ebenso heimisch zu fühlen. Das Resultat ist, daß die Arbeiter vom
Mittelpunkt der Städte an den Umkreis gedrängt, daß Arbeiter- und
überhaupt kleinere Wohnungen selten und teuer werden und oft gar
nicht zu haben sind; denn unter diesen Verhältnissen wird die
Bauindustrie, der teurere Wohnungen ein weit besseres Spekulati-
onsfeld bieten, immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen.
Diese Mietsnot trifft den Arbeiter also sicher härter als jede
wohlhabendere Klasse; aber sie bildet, ebensowenig wie die Prel-
lerei des Krämers, einen ausschließlich auf die Arbeiterklasse
drückenden Übelstand, und muß, soweit sie die Arbeiterklasse be-
trifft, bei gewissem Höhegrad und gewisser Dauer, ebenfalls eine
gewisse 2*) ökonomische Ausgleichung finden.
Es sind vorzugsweise diese der Arbeiterklasse mit andern Klassen,
namentlich dem Kleinbürgertum, gemeinsamen Leiden, mit denen sich
der kleinbürgerliche Sozialismus, zu dem auch Proudhon gehört,
mit Vorliebe beschäftigt. Und so ist es durchaus nicht zufällig,
daß unser deutscher Proudhonist sich vor allem der Wohnungsfrage,
die, wie wir gesehn haben, keineswegs eine ausschließliche Arbei-
terfrage ist, bemächtigt und daß er sie, im Gegenteil, für eine
wahre, ausschließliche Arbeiterfrage erklärt.
"Was der Lohnarbeiter gegenüber dem Kapitalisten, das ist der
Mieter gegenüber dem Hausbesitzer." [215]
Dies ist total falsch.
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1*) Im "Volksstaat" fehlt: in Paris - 2*) im "Volksstaat": ihre
(statt: eine gewisse)
#216# Friedrich Engels
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Bei der Wohnungsfrage haben wir zwei Parteien einander gegenüber,
den Mieter und den Vermieter oder Hauseigentümer. Der erstere
will vom letztern den zeitweiligen Gebrauch einer Wohnung kaufen;
er hat Geld oder Kredit - wenn er auch diesen Kredit dem Hausei-
gentümer selbst wieder zu einem Wucherpreise, einem Mietzuschlag,
abkaufen muß. Es ist ein einfacher Warenverkauf; es ist nicht ein
Geschäft zwischen Proletarier und Bourgeois, zwischen Arbeiter
und Kapitalisten; der Mieter - selbst wenn er Arbeiter ist -
tritt als vermögender Mann auf, er muß seine ihm eigentümliche
Ware, die Arbeitskraft, schon verkauft haben, um mit ihrem Erlös
als Käufer des Nießbrauchs einer Wohnung auftreten zu können,
oder er muß Garantien für den bevorstehenden Verkauf dieser Ar-
beitskraft geben können. Die eigentümlichen Resultate, die der
Verkauf der Arbeitskraft an den Kapitalisten hat, fehlen hier
gänzlich. Der Kapitalist läßt die gekaufte Arbeitskraft erstens
ihren Wert wieder erzeugen, zweitens aber einen Mehrwert, der
vorläufig und vorbehaltlich seiner Verteilung unter die Kapita-
listenklasse, in seinen Händen bleibt. Hier wird also ein über-
schüssiger Wert erzeugt, die Gesamtsumme des vorhandenen Werts
wird vermehrt. Ganz anders beim Mietgeschäft. Um wieviel auch der
Vermieter den Mieter übervorteilen mag, es ist immer nur ein
Übertragen bereits vorhandenen, vorher erzeugten Werts, und die
Gesamtsumme der von Mieter und Vermieter zusammen besessenen
Werte bleibt nach wie vor dieselbe. Der Arbeiter, ob seine Arbeit
vom Kapitalisten unter, über oder zu ihrem Wert bezahlt wird,
wird immer um einen Teil seines Arbeitsprodukts geprellt; der
Mieter nur dann, wenn er die Wohnung über ihren Wert bezahlen
muß. Es ist also eine totale Verdrehung des Verhältnisses zwi-
schen Mieter und Vermieter, es mit dem zwischen Arbeiter und Ka-
pitalisten gleichstellen zu wollen. Im Gegenteil, wir haben es
mit einem ganz gewöhnlichen Warengeschäft zwischen zwei Bürgern
zu tun, und dies Geschäft wickelt sich ab nach den ökonomischen
Gesetzen, die den Warenverkauf überhaupt regeln, und speziell den
Verkauf der Ware: Grundbesitz. Die Bau- und Unterhaltskosten des
Hauses oder des betreffenden Hausteils kommen zuerst in An-
rechnung; der durch die mehr oder weniger günstige Lage des
Hauses bedingte Bodenwert kommt in zweiter Linie; der augenblick-
liche Stand des Verhältnisses zwischen Nachfrage und Angebot ent-
scheidet schließlich. Dies einfache ökonomische Verhältnis drückt
sich im Kopf unsres Proudhonisten folgendermaßen aus:
"Das einmal gebaute Haus dient als ewiger Rechtstitel auf einen
bestimmten Bruchteil der gesellschaftlichen Arbeit, wenn auch der
wirkliche Wert des Hauses längst schon mehr als genügend in der
Form des Mietzinses an den Besitzer gezahlt wurde.
#217# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
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So kommt es, daß ein Haus, welches z.B. vor 50 Jahren gebaut
wurde, während dieser Zeit in dem Ertrag seines Mietzinses zwei-,
drei-, fünf-, zehnmal usw. den ursprünglichen Kostenpreis
deckte."
Hier haben wir gleich den ganzen Proudhon. Erstens wird verges-
sen, daß die Hausmiete nicht nur die Kosten des Hausbaus zu ver-
zinsen, sondern auch Reparaturen und den durchschnittlichen Be-
trag schlechter Schulden, unbezahlter Mieten, sowie des gelegent-
lichen Leerstehens der Wohnung zu decken, und endlich das in ei-
nem vergänglichen, mit der Zeit unbewohnbar und wertlos werdenden
Hause angelegte Baukapital in jährlichen Raten abzutragen 1*)
hat. Zweitens wird vergessen, daß die Wohnungsmiete ebenfalls den
Wertaufschlag des Grundstücks, auf dem das Haus steht, mit zu
verzinsen hat, daß also ein Teil davon in Grundrente besteht. Un-
ser Proudhonist erklärt zwar sogleich, daß dieser Wertaufschlag,
da er ohne Zutun des Grundeigentümers bewirkt, von Rechts wegen
nicht ihm, sondern der Gesellschaft gehört; er übersieht aber,
daß er damit in Wirklichkeit die Abschaffung des Grundeigentums
verlangt, ein Punkt, auf den näher einzugehn uns hier zu weit
führen würde. Endlich übersieht er, daß es sich bei dem ganzen
Geschäft gar nicht darum handelt, dem Eigentümer das Haus abzu-
kaufen, sondern nur dessen Nießbrauch für eine bestimmte Zeit.
Proudhon, der sich nie um die wirklichen, tatsächlichen Bedingun-
gen kümmerte, unter denen irgendeine ökonomische Erscheinung vor
sich geht, kann sich natürlich auch nicht erklären, wie der ur-
sprüngliche Kostpreis eines Hauses unter Umständen in der Gestalt
von Miete in fünfzig Jahren zehnmal bezahlt wird. Anstalt diese
gar nicht schwere Frage ökonomisch zu untersuchen und festzustel-
len, ob sie wirklich und wieso mit den ökonomischen Gesetzen in
Widerspruch steht, hilft er sich durch einen kühnen Sprung aus
der Ökonomie in die Juristerei: "das einmal gebaute Haus dient
als ewiger Rechtstitel" auf bestimmte jährliche Zahlung. Wie das
zustande kommt, wie das Haus ein Rechtstitel wird, davon schweigt
Proudhon. Und doch ist es das gerade, was er hätte aufklären müs-
sen. Hätte er es untersucht, so würde er gefunden haben, daß alle
Rechtstitel in der Welt, und wenn sie noch so ewig, einem Hause
nicht die Macht verleihen, seinen Kostpreis in fünfzig Jahren
zehnmal in Gestalt von Miete bezahlt zu erhalten, sondern daß
bloß ökonomische Bedingungen (die in Gestalt von Rechtstiteln
gesellschaftlich anerkannt sein mögen) dies zustande bringen
können. Und damit war er wieder so weit wie am Anfang.
Die ganze Proudhonsche Lehre beruht auf diesem Rettungssprung aus
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1*) Im "Volksstaat" fehlt: und endlich das in ... Raten abzutra-
gen
#218# Friedrich Engels
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der ökonomischen Wirklichkeit in die juristische Phrase. Wo immer
dem braven Proudhon der ökonomische Zusammenhang verlorengeht -
und das kommt ihm bei jeder ernsthaften Frage vor - flüchtet er
sich in das Gebiet des Rechts und appelliert an die ewige Gerech-
tigkeit.
"Proudhon schöpft erst sein Ideal der ewigen Gerechtigkeit aus
den der Warenproduktion entsprechenden Rechtsverhältnissen, wo-
durch, nebenbei bemerkt, auch der für alle Spießbürger so tröst-
liche Beweis geliefert wird, daß die Form der Warenproduktion
ebenso notwendig ist wie die Gerechtigkeit. Dann umgekehrt will
er die wirkliche Warenproduktion und das ihr entsprechende wirk-
liche Recht diesem Ideal gemäß ummodeln. Was würde man von einem
Chemiker denken, der, statt die wirklichen Gesetze des Stoffwech-
sels zu studieren und auf Grundlage derselben bestimmte Aufgaben
zu lösen, den Stoffwechsel durch die 'ewigen Ideen' der
'Natürlichkeit und der Verwandtschaft' ummodeln wollte? Weiß man
etwa mehr über den Wucher, wenn man sagt, er widerspreche der
'ewigen Gerechtigkeit' und der 'ewigen Billigkeit' und der
'ewigen Gegenseitigkeit' und andern 'ewigen Wahrheiten', als die
Kirchenväter wußten, wenn sie sagten, er widerspräche der 'ewigen
Gnade', dem 'ewigen Glauben' und dem 'ewigen Willen Gottes'?"
(Marx, "Kapital", p. 45. 1*))
Unserm Proudhonisten geht es nicht besser als seinem Herrn und
Meister:
"Der Mietsvertrag ist eine der tausend Umsetzungen, welche im Le-
ben der modernen Gesellschaft so notwendig sind wie die Zirkula-
tion des Bluts im Körper der Tiere. Es wäre natürlich im Inter-
esse dieser Gesellschaft, wenn alle diese Umsetzungen von einer
Rechtsidee durchdrungen wären, d.h. allenthalben nach den stren-
gen Anforderungen der Gerechtigkeit durchgeführt würden. Mit ei-
nem Wort, das ökonomische Leben der Gesellschaft muß sich, wie
Proudhon sagt, zur Höhe eines ökonomischen Rechtes emporschwin-
gen. In Wahrheit findet bekanntlich das gerade Gegenteil statt."
Sollte man glauben, daß fünf Jahre, nachdem Marx den Proudhonis-
mus, gerade nach dieser entscheidenden Seite hin, so kurz und
schlagend gezeichnet, es möglich wäre, noch dergleichen konfuses
Zeug in deutscher Sprache drucken zu lassen? Was heißt denn die-
ser Galimathias? Nichts, als daß die praktischen Wirkungen der
ökonomischen Gesetze, die die heutige Gesellschaft regeln, dem
Rechtsgefühl des Verfassers ins Gesicht schlagen, und daß er den
frommen Wunsch hegt, die Sache möge sich so einrichten lassen,
daß dem abgeholfen werde. - Ja, wenn die Kröten Schwänze hätten,
wären sie
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1*) Vgl. Band 23 unserer Ausgabe, S. 99/100
#219# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
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eben keine Kröten mehr! Und ist denn die kapitalistische Produk-
tionsweise nicht "von einer Rechtsidee durchdrungen", nämlich von
der ihres eigenen Rechts auf Ausbeutung der Arbeiter? Und wenn
uns der Verfasser sagt, daß das nicht seine Rechtsidee ist, sind
wir einen Schritt weiter?
Aber zurück zur Wohnungsfrage. Unser Proudhonist läßt seiner
"Rechtsidee " jetzt freien Lauf und gibt folgende rührende Dekla-
mation zum besten:
"Wir nehmen keinen Anstand, zu behaupten, daß es keinen furchtba-
reren Hohn auf die ganze Kultur unseres gerühmten Jahrhunderts
gibt, als die Tatsache, daß in den großen Städten 90 Prozent der
Bevölkerung und darüber keine Stätte haben, die sie ihr eigen
nennen können. Der eigentliche Knotenpunkt der sittlichen und
Familienexistenz, Haus und Herd, wird vom sozialen Wirbel mit
fortgerissen ... Wir stehen in dieser Beziehung weit unter den
Wilden. Der Troglodyte hat seine Höhle, der Australier hat seine
Lehmhütte, der Indianer seinen eigenen Herd - der moderne Prole-
tarier hängt faktisch in der Luft" usw.
In dieser Jeremiade haben wir den Proudhonismus in seiner ganzen
reaktionären Gestalt. Um die moderne revolutionäre Klasse des
Proletariats zu schaffen, war es absolut notwendig, daß die Na-
belschnur durchgeschnitten wurde, die den Arbeiter der Vergangen-
heit noch an den Grund und Boden knüpfte. Der Handweber, der sein
Häuschen, Gärtchen und Feldchen neben seinem Webstuhl hatte, war
bei aller Misere und bei allem politischen Druck ein stiller, zu-
friedener Mann "in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit", zog den
Hut vor den Reichen, Pfaffen und Staatsbeamten und war innerlich
durch und durch ein Sklave. Gerade die moderne große Industrie,
die aus dem an den Boden gefesselten Arbeiter einen vollständig
besitzlosen, aller überkommenen Ketten 1*) los und ledigen vogel-
freien Proletarier gemacht, gerade diese ökonomische Revolution
ist es, die die Bedingungen geschaffen hat, unter denen allein
die Ausbeutung der arbeitenden Klasse in ihrer letzten Form, in
der kapitalistischen Produktion, umgestürzt werden kann. Und
jetzt kommt dieser tränenreiche Proudhonist und jammert, wie über
einen großen Rückschritt, über die Austreibung der Arbeiter von
Haus und Herd, die gerade die allererste Bedingung ihrer geisti-
gen Emanzipation war.
Vor 27 Jahren habe ich ("Lage der arbeitenden Klasse in England"
2*)) grade diesen Prozeß der Vertreibung der Arbeiter von Haus
und Herd, wie er sich im 18. Jahrhundert in England vollzog, in
seinen Hauptzügen geschildert. Die Infamien, die die Grundbesit-
zer und Fabrikanten sich dabei zuschulden kommen ließen, die ma-
teriell und moralisch nachteiligen Wirkungen,
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1*) Im "Volksstaat": Kultur - 2*) siehe Band 2 unserer Ausgabe
#220# Friedrich Engels
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die diese Vertreibung zunächst auf die betroffenen Arbeiter haben
mußte, sind dort ebenfalls nach Würden dargestellt. Aber konnte
es mir in den Sinn kommen, in diesem, unter den Umständen durch-
aus notwendigen geschichtlichen Entwicklungsprozeß einen Rück-
schritt "hinter die Wilden" zu sehn? Unmöglich. Der englische
Proletarier von 1872 steht unendlich höher als der ländliche We-
ber mit "Haus und Herd" von 1772. Und wird der Troglodyte mit
seiner Höhle, der Australier mit seiner Lehmhütte, der Indianer
mit seinem eignen Herd jemals einen Juniaufstand [123] und eine
Pariser Kommune aufführen?
Daß die Lage der Arbeiter seit Durchführung der kapitalistischen
Produktion auf großem Maßstab im ganzen materiell schlechter ge-
worden ist, das bezweifelt nur der Bourgeois. Aber sollen wir
deshalb sehnsüchtig zurückschauen nach den (auch sehr magern)
Fleischtöpfen Ägyptens [216], nach der ländlichen kleinen Indu-
strie, die nur Knechtsseelen erzog, oder nach den "Wilden"? Im
Gegenteil. Erst das durch die moderne große Industrie geschaf-
fene, von allen ererbten Ketten, auch von denen, die es an den
Boden fesselten, befreite und in den großen Städten zusammenge-
triebene Proletariat ist imstande, die große soziale Umgestaltung
zu vollziehn, die aller Klassenausbeutung und aller Klassenherr-
schaft ein Ende machen wird. Die alten ländlichen Handweber mit
Haus und Herd wären nie imstande dazu gewesen, sie hätten nie
solch einen Gedanken fassen, noch weniger seine Ausführung wollen
können.
Für Proudhon hingegen ist die ganze industrielle Revolution der
letzten hundert Jahre, die Dampf kraft, die große Fabrikation,
die die Handarbeit durch Maschinen ersetzt und die Produktions-
kraft der Arbeit vertausendfacht, ein höchst widerwärtiges Ereig-
nis, etwas, das eigentlich nicht hätte stattfinden sollen. Der
Kleinbürger Proudhon verlangt eine Welt, in der jeder ein apar-
tes, selbständiges Produkt verfertigt, das sofort verbrauchbar
und auf dem Markt austauschbar ist; wenn dann nur jeder den
vollen Wert seiner Arbeit in einem andern Produkt wiedererhält,
so ist der "ewigen Gerechtigkeit" Genüge geleistet und die beste
Welt hergestellt. Aber diese Proudhonsche beste Welt ist schon in
der Knospe zertreten worden durch den Fuß der fortschreitenden
industriellen Entwicklung, die die Einzelarbeit in allen großen
Industriezweigen längst vernichtet hat und sie in den kleineren
und kleinsten Zweigen täglich mehr vernichtet; die an ihre Stelle
die gesellschaftliche Arbeit setzt, unterstützt von Maschinen und
dienstbar gemachten Naturkräften, deren fertiges, sofort aus-
tauschbares oder verbrauchbares Produkt das gemeinsame Werk
vieler einzelnen ist, durch deren Hände es hat gehn müssen. Und
grade durch diese industrielle Revolution
#221# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
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hat die Produktionskraft der menschlichen Arbeit einen solchen
Höhegrad erreicht, daß die Möglichkeit gegeben ist - zum ersten-
mal, solange Menschen existieren -, bei verständiger Verteilung
der Arbeit unter alle, nicht nur genug für die reichliche Konsum-
tion aller Gesellschaftsglieder und für einen ausgiebigen Reser-
vefonds hervorzubringen, sondern auch jedem einzelnen hinreichend
Muße zu lassen, damit dasjenige, was aus der geschichtlich über-
kommenen Bildung - Wissenschaft, Kunst, Umgangsformen usw. -
wirklich wert ist, erhalten zu werden, nicht nur erhalten, son-
dern aus einem Monopol der herrschenden Klasse in ein Gemeingut
der ganzen Gesellschaft verwandelt und weiter fortgebildet werde.
Und hier liegt der entscheidende Punkt. Sobald die Produk-
tionskraft der menschlichen Arbeit sich bis auf diesen Höhegrad
entwickelt hat, verschwindet jeder Vorwand für den Bestand einer
herrschenden Klasse. War doch der letzte Grund, womit der
Klassenunterschied verteidigt wurde, stets: Es muß eine Klasse
geben, die sich nicht mit der Produktion ihres täglichen Lebens-
unterhalts abzuplacken hat, damit sie Zeit behält, die geistige
Arbeit der Gesellschaft zu besorgen. Diesem Gerede, das bisher
seine große geschichtliche Berechtigung hatte, ist durch die
industrielle Revolution der letzten hundert Jahre ein für allemal
die Wurzel abgeschnitten. Das Bestehn einer herrschenden Klasse
wird täglich mehr ein Hindernis für die Entwicklung der indu-
striellen Produktivkraft und ebensosehr für die der Wissenschaft,
der Kunst und namentlich der gebildeten Umgangsformen. Größere
Knoten als unsere modernen Bourgeois hat es nie gegeben.
Alles dies geht Freund Proudhon nichts an. Er will die "ewige
Gerechtigkeit" und weiter nichts. Jeder soll im Austausch für
sein Produkt den vollen Arbeitsertrag, den vollen Wert seiner Ar-
beit erhalten. Das aber in einem Produkt der modernen Industrie
auszurechnen, ist eine verwickelte Sache. Die moderne Industrie
verdunkelt eben den besonderen Anteil des einzelnen am Gesamtpro-
dukt, der in der alten Einzel-Handarbeit sich im erzeugten Pro-
dukt von selbst darstellte. Die moderne Industrie ferner besei-
tigt mehr und mehr den Einzelaustausch, auf dem Proudhons ganzes
System aufgebaut ist 1*), den direkten Austausch nämlich zwischen
zwei Produzenten, deren jeder das Produkt des andern eintauscht,
um es zu konsumieren. Daher geht durch den ganzen Proudhonismus
ein reaktionärer Zug, ein Widerwille gegen die industrielle Revo-
lution, und das bald offener, bald versteckter sich aussprechende
Gelüst, die ganze moderne Industrie, Dampfmaschinen, Spinnmaschi-
nen und andern Schwindel zum Tempel hinauszuwerfen
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1*) Im "Volksstaat" endet hier der Satz
#222# Friedrich Engels
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und zurückzukehren zur alten, soliden Handarbeit. Daß wir dann an
Produktionskraft neunhundertneunundneunzig Tausendstel verlieren,
daß die gesamte Menschheit zur ärgsten Arbeitssklaverei verdammt,
daß die Hungerleiderei allgemeine Regel wird - was liegt daran,
wenn wir es nur fertigbringen, den Austausch so einzurichten, daß
jeder den "vollen Arbeitsertrag" erhält und daß die "ewige Ge-
rechtigkeit" durchgeführt wird? Fiat justitia, pereat mundus!
Gerechtigkeit muß bestehn -
Und sollt' die ganze Welt zugrunde gehn!
Und zugrunde gehn würde die Welt bei dieser Proudhonschen Kontre-
revolution, wenn sie überhaupt durchführbar wäre.
Es versteht sich übrigens von selbst, daß auch bei der, durch die
moderne große Industrie bedingten, gesellschaftlichen Produktion,
jedem der "volle Ertrag seiner Arbeit", soweit diese Phrase einen
Sinn hat, gesichert werden kann. Und einen Sinn hat sie nur, wenn
sie dahin erweitert wird, daß nicht jeder einzelne Arbeiter Be-
sitzer dieses "vollen Ertrages seiner Arbeit" wird, wohl aber die
ganze, aus lauter Arbeitern bestehende Gesellschaft Besitzerin
des gesamten Produkts ihrer Arbeit, das sie teilweise zur Konsum-
tion unter ihre Mitglieder verteilt, teilweise zum Ersatz und zur
Vermehrung ihrer Produktionsmittel verwendet und teilweise als
Reservefonds der Produktion und Konsumtion aufspeichert. 1*)
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Nach dem Vorhergehenden können wir schon im voraus wissen, wie
unser Proudhonist die große Wohnungsfrage lösen wird. Einesteils
haben wir die Forderung, daß jeder Arbeiter seine eigene, ihm ge-
hörende Wohnung haben muß, damit wir nicht länger unter den Wil-
den stehn. Andrerseits haben wir die Versicherung, daß die zwei-,
drei-, fünf- oder zehnmalige Bezahlung des ursprünglichen Kosten-
preises eines Hauses in der Gestalt von Mietzins, wie sie in der
Tat stattfindet, auf einem Rechtstitel beruht und daß dieser
Rechtstitel im Widerspruch mit der "ewigen Gerechtigkeit" sich
befindet. Die Lösung ist einfach: Wir schaffen den Rechtstitel ab
und erklären kraft der ewigen Gerechtigkeit den gezahlten Miet-
zins für eine Abschlagszahlung auf den Preis der Wohnung selbst.
Wenn man sich seine Voraussetzungen so eingerichtet hat, daß sie
die Schlußfolgerung bereits in sich enthalten, so gehört natür-
lich nicht mehr Geschicklichkeit dazu, als jeder Scharlatan be-
sitzt, um das im voraus präparierte Resultat fertig aus
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1*) Im "Volksstaat" fehlt der letzte Satz
#223# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
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dem Sack zu ziehn und auf die unerschütterliche Logik zu pochen,
deren Erzeugnis es ist.
Und so geschieht es hier. Die Abschaffung der Mietwohnung wird
als Notwendigkeit proklamiert, und zwar in der Gestalt, daß die
Verwandlung jedes Mieters in den Eigentümer seiner Wohnung gefor-
dert wird. Wie machen wir das? Ganz einfach:
"Die Mietwohnung wird abgelöst... Dem bisherigen Hausbesitzer
wird der Wert seines Hauses bis auf den Heller und Pfennig be-
zahlt. Statt daß, wie bisher, der bezahlte Mietzins den Tribut
darstellt, welchen der Mieter dem ewigen Rechte des Kapitals be-
zahlt, statt dessen wird von dem Tage an, wo die Ablösung der
Mietwohnung proklamiert ist, die vom Mieter bezahlte, genau gere-
gelte Summe die jährliche Abschlagszahlung für die in seinen Be-
sitz übergegangene Wohnung... Die Gesellschaft... wandelt sich
auf diesem Wege in eine Gesamtheit unabhängiger freier Besitzer
von Wohnungen um."
Der Proudhonist findet ein Verbrechen gegen die ewige Gerechtig-
keit darin, daß der Hauseigentümer ohne Arbeit Grundrente und
Zins 1*) aus seinem im Hause angelegten Kapital herausschlagen
kann. Er dekretiert, daß dies aufhören muß; daß das in Häusern
angelegte Kapital keinen Zins 1*), und so weit es gekauften
Grundbesitz vertritt, auch keine Grundrente mehr einbringen soll.
Nun haben wir gesehen, daß damit die kapitalistische Produktions-
weise, die Grundlage der jetzigen Gesellschaft, gar nicht berührt
wird. Der Angelpunkt, um den sich die Ausbeutung des Arbeiters
dreht, ist der Verkauf der Arbeitskraft an den Kapitalisten und
der Gebrauch, den der Kapitalist von diesem Geschäfte macht, in-
dem er den Arbeiter weit mehr zu produzieren nötigt, als der be-
zahlte Wert der Arbeitskraft beträgt. Dies Geschäft zwischen Ka-
pitalist und Arbeiter ist es, das all den Mehrwert erzeugt, der
nachher in Gestalt von Grundrente, Handelsprofit, Kapitalzins
2*), Steuern usw. auf die verschiedenen Unterarten von Kapitali-
sten und ihren Dienern sich verteilt. Und jetzt kommt unser
Proudhonist und glaubt, wenn man einer einzigen Unterart von Ka-
pitalisten, und zwar von solchen Kapitalisten, die direkt gar
keine Arbeitskraft kaufen, also auch keinen Mehrwert produzieren
lassen, verböte, Profit resp. Zins 3*) zu machen, so sei man
einen Schritt weiter! Die Masse der der Arbeiterklasse abgenomme-
nen unbezahlten Arbeit bliebe genau dieselbe, auch wenn den Haus-
besitzern die Möglichkeit, Grundrente und Zins 1*) sich zahlen zu
lassen, morgen genommen würde, was unsern Proudhonisten nicht
verhindert, zu erklären:
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1*) Im "Volksstaat": Profit - 2*) im "Volksstaat" fehlt: Kapital-
zins - 3*) im "Volksstaat" fehlt: resp. Zins
#224# Friedrich Engels
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"Die Abschaffung der Mietwohnung ist somit eine der fruchtbarsten
und großartigsten Bestrebungen, welche dem Schöße der revolutio-
nären Idee entstammt und eine Forderung ersten Ranges von Seiten
der sozialen Demokratie werden muß."
Ganz die Marktschreierei des Meisters Proudhon selbst, bei dem
das Gegacker auch stets im umgekehrten Verhältnisse zu der Größe
der gelegten Eier steht.
Nun denkt euch aber den schönen Zustand, wenn jeder Arbeiter,
Kleinbürger und Bourgeois genötigt wird, durch jährliche Abzah-
lungen erst Teil-, dann ganzer Eigentümer seiner Wohnung zu wer-
den! In den Industriebezirken Englands, wo es große Industrie,
aber kleine Arbeiterhäuser gibt und jeder verheiratete Arbeiter
ein Häuschen für sich bewohnt, hätte die Sache noch einen mögli-
chen Sinn. Aber die kleine Industrie von Paris sowie der meisten
großen Städte des Kontinents wird ergänzt durch große Häuser, in
denen zehn, zwanzig, dreißig Familien zusammenwohnen. Am Tage des
weltbefreienden Dekrets, das die Ablösung der Mietwohnung prokla-
miert, arbeitet Peter in einer Maschinenfabrik in Berlin. Nach
Ablauf eines Jahres ist er Eigentümer, meinetwegen des fünfzehn-
ten Teiles seiner aus einer Kammer des fünften Stockes irgendwo
am Hamburger Tor bestehenden Wohnung. Er verliert seine Arbeit
und findet sich bald darauf in einer ähnlichen Wohnung, mit bril-
lanter Aussicht auf den Hof, im dritten Stock am Pothof in Hanno-
ver, wo er nach fünfmonatigem Aufenthalte eben 1/36 des Eigentums
erworben hat, als ein Strike ihn nach München verschlägt und ihn
zwingt, sich durch elfmonatigen Aufenthalt genau 11/180 des
Eigentumsrechts auf ein ziemlich dunkles Anwesen zu ebner Erde,
hinter der Ober-Angergasse, aufzuladen. Fernere Umzüge, wie sie
Arbeitern heute so oft vorkommen, hängen ihm ferner an: 7/360 ei-
ner nicht minder empfehlenswerten Wohnung in St. Gallen, 23/180
einer anderen in Leeds und 347/56223, genau gerechnet, so daß die
"ewige Gerechtigkeit" sich nicht beklagen kann, einer dritten in
Seraing. Was hat nun unser Peter von allen diesen Woh-
nungsanteilen? Wer gibt ihm den richtigen Wert dafür? Wo soll er
den oder die Eigentümer der übrigen Anteile an seinen verschie-
denen ehemaligen Wohnungen auftreiben? Und wie steht es erst um
die Eigentumsverhältnisse eines beliebigen großen Hauses, dessen
Stockwerke sage zwanzig Wohnungen enthalten und das, wenn die Ab-
lösungsfrist abgelaufen und die Mietswohnung abgeschafft ist,
vielleicht dreihundert Teileigentümern gehört, die in allen Welt-
gegenden zerstreut sind? Unser Proudhonist wird antworten, daß
bis dahin die Proudhonsche Tauschbank [217] bestehen wird, welche
jederzeit an jedermann für jedes Arbeitsprodukt den vollen
Arbeitsertrag, also auch für einen Wohnungsanteil den vollen Wert
auszahlen wird.
#225# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
-----
Aber die Proudhonsche Tauschbank geht uns hier erstens gar nichts
an, da sie selbst in den Artikeln über die Wohnungsfrage nirgends
erwähnt wird; sie beruht zweitens auf dem sonderbaren Irrtum,
daß, wenn jemand eine Ware verkaufen will, er auch immer notwen-
dig einen Käufer für ihren vollen Wert findet, und sie hat drit-
tens, ehe Proudhon sie erfand, bereits in England unter dem Namen
Labour Exchange Bazaar [218] mehr als einmal falliert.
Die ganze Vorstellung, daß der Arbeiter sich seine Wohnung kaufen
soll, beruht wieder auf der schon hervorgehobenen Proudhonschen
reaktionären Grundanschauung, daß die durch die moderne große In-
dustrie geschaffenen Zustände krankhafte Auswüchse sind und die
Gesellschaft gewaltsam - d.h. gegen die Strömung, der sie seit
hundert Jahren folgt - einem Zustande entgegengeführt werden muß,
in dem die alte stabile Handarbeit des einzelnen die Regel, und
der überhaupt nichts anderes ist, als eine idealisierte Wieder-
herstellung des untergegangenen und noch untergehenden Kleinge-
werbs-betriebs. Sind die Arbeiter erst wieder in diese stabilen
Zustände zurückgeworfen, ist der "soziale Wirbel" erst glücklich
beseitigt, so kann der Arbeiter natürlich auch wieder Eigentum an
"Haus und Herd" gebrauchen und die obige Ablösungstheorie er-
scheint weniger abgeschmackt. Nur vergißt Proudhon, daß, um dies
fertigzubringen, er erst die Uhr der Weltgeschichte um hundert
Jahre zurückstellen muß, und daß er damit die heutigen Arbeiter
wieder zu ebensolchen beschränkten, kriechenden, duckmäuserigen
Sklavenseelen machen würde, wie ihre Ururgroßväter waren.
Soweit aber in dieser Proudhonschen Lösung der Wohnungsfrage ein
rationeller, praktisch verwertbarer Inhalt liegt, soweit wird sie
heutzutage bereits durchgeführt, und zwar entstammt diese Durch-
führung nicht dem "Schöße der revolutionären Idee", sondern - den
großen Bourgeois selbst. Hören wir hierüber ein vortreffliches
spanisches Blatt, "La Emancipacion" von Madrid, vom 16. März
1872:
"Es gibt noch ein anderes Mittel, die Wohnungsfrage zu lösen, das
von Proudhon vorgeschlagen worden und das beim ersten Anblick
blendet, aber bei näherer Prüfung seine totale Ohnmacht enthüllt.
Proudhon schlug vor, die Mieter in Käufer auf Abschlagszahlung zu
verwandeln, so daß der jährlich bezahlte Mietzins als Ab-
lösungsrate auf den Wert der Wohnung angerechnet und der Mieter
nach Ablauf einer gewissen Zeit Eigentümer, dieser Wohnung würde.
Dieses Mittel, das Proudhon für sehr revolutionär hielt, wird
heutzutage in allen Ländern durch Gesellschaften von Spekulanten
ins Werk gesetzt, welche sich so durch Erhöhung des Mietpreises
den Wert der Häuser zwei- bis dreimal bezahlen lassen. Herr Doll-
fus und andere große Fabrikanten des nordöstlichen Frankreichs
haben dies System verwirklicht, nicht nur um Geld herauszuschla-
gen, sondern obendrein mit einem politischen Hintergedanken.
#226# Friedrich Engels
-----
Die gescheitesten Führer der herrschenden Klassen haben stets
ihre Anstrengungen darauf gerichtet, die Zahl der kleinen Eigen-
tümer zu vermehren, um sich eine Armee gegen das Proletariat zu
erziehn. Die bürgerlichen Revolutionen des vorigen Jahrhunderts
zerteilten den großen Grundbesitz des Adels und der Kirche in
kleines Parzelleneigentum, wie heute die spanischen Republikaner
es mit dem noch bestehenden großen Grundbesitz machen wollen, und
schufen so eine Klasse kleiner Grundeigentümer, die seitdem das
allerreaktionärste Element der Gesellschaft und das stetige Hin-
dernis gegenüber der revolutionären Bewegung des städtischen Pro-
letariats geworden ist. Napoleon III. beabsichtigte, durch Ver-
kleinerung der einzelnen Staatsschuldanteile, in den Städten eine
ähnliche Klasse zu schaffen, und Herr Dollfus und seine Kollegen,
indem sie ihren Arbeitern kleine, durch jährliche Abzahlungen
abzutragende Wohnungen verkauften, suchten allen revolutionären
Geist in den Arbeitern zu ersticken und gleichzeitig sie durch
ihren Grundbesitz an die Fabrik, in der sie einmal arbeiteten, zu
fesseln ; so daß der Plan Proudhons nicht nur der Arbeiterklasse
keine Erleichterung schuf - er kehrte sich sogar direkt gegen
sie." *)
Wie ist nun die Wohnungsfrage zu lösen? In der heutigen Gesell-
schaft gerade wie eine jede andere gesellschaftliche Frage gelöst
wird: durch die allmähliche ökonomische Ausgleichung von Nach-
frage und Angebot, eine Lösung, die die Frage selbst immer wieder
von neuem erzeugt, also keine Lösung ist. Wie eine soziale Revo-
lution diese Frage lösen würde, hängt nicht nur von den jedesma-
ligen Umständen ab, sondern auch zusammen mit viel weitergehenden
Fragen, unter denen die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und
Land eine der wesentlichsten ist. Da wir keine utopistischen Sy-
steme für die Einrichtung der künftigen Gesellschaft zu machen
haben, wäre es mehr als müßig, hierauf einzugehn. Soviel aber ist
sicher, daß schon jetzt in den großen Städten hinreichend Wohnge-
bäude vorhanden sind, um bei rationeller Benutzung derselben je-
der wirklichen "Wohnungsnot" sofort abzuhelfen. Dies kann natür-
lich nur durch Expropriation der heutigen
---
*) Wie sich diese Lösung der Wohnungsfrage vermittelst der Fesse-
lung der Arbeiter an ein eigenes "Heim" in der Nähe großer oder
emporkommender amerikanischer Städte naturwüchsig macht, darüber
folgende Stelle aus einem Brief von Eleanor Marx-Aveling, India-
napolis, 28. November 1886: "In oder vielmehr bei Kansas City sa-
hen wir erbärmliche kleine Holzschuppen, zu etwa drei Zimmern,
noch ganz in der Wildnis; der Boden kostete 600 Dollars und war
eben groß genug, das kleine Häuschen darauf zu setzen; dieses
selbst kostete weitere 600 Dollars, also zusammen 4800 Mark für
ein elendes kleines Ding, eine Stunde Wegs von der Stadt, in ei-
ner schlammigen Einöde. Somit haben die Arbeiter schwere Hypo-
thekschulden aufzunehmen, um nur diese Wohnungen zu erhalten und
sind nun erst recht die Sklaven ihrer Brotherren; sie sind an
ihre Häuser gebunden, sie können nicht weg und müssen alle ihnen
gebotenen Arbeitsbedingungen sich gefallen lassen. [Anmerkung von
Engels zur Ausgabe von 1887.]
#227# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
-----
Besitzer, resp. durch Bequartierung ihrer Häuser mit obdachlosen
oder in ihren bisherigen Wohnungen übermäßig zusammengedrängten
Arbeitern geschehen, und sobald das Proletariat die politische
Macht erobert hat, wird eine solche, durch das öffentliche Wohl
gebotene Maßregel ebenso leicht ausführbar sein, wie andere Ex-
propriationen und Einquartierungen durch den heutigen Staat."
---
Unser Proudhonist ist aber mit seinen bisherigen Leistungen in
der Wohnungsfrage nicht zufrieden. Er muß sie von der platten
Erde in das Gebiet des höheren Sozialismus erheben, damit sie
doch auch hier als ein wesentlicher "Bruchteil der sozialen
Frage" sich bewähre.
"Wir nehmen nun an, die Produktivität des Kapitals werde wirklich
bei den Hörnern gefaßt, wie das früher oder später geschehn muß,
z.B. durch ein Übergangsgesetz, welches den Zins aller Kapitalien
auf ein Prozent festsetzt, wohlgemerkt, mit der Tendenz, auch
diesen Prozentsatz immer mehr dem Nullpunkt zu nähern, so daß
schließlich nichts mehr bezahlt wird, als die zur Umsetzung des
Kapitals nötige Arbeit. Wie alle anderen Produkte ist natürlich
auch Haus und Wohnung in den Rahmen dieses Gesetzes gefaßt... Der
Besitzer selbst wird der erste sein, der seine Hand zum Verkauf
bietet, da sein Haus sonst unbenutzt und das in ihm angelegte Ka-
pital einfach nutzlos sein würde."
Dieser Satz enthält einen der Hauptglaubensartikel des Proudhon-
schen Katechismus und gibt ein schlagendes Exempel von der darin
herrschenden Konfusion.
Die "Produktivität des Kapitals" ist ein Unding, das Proudhon von
den bürgerlichen Ökonomen unbesehn übernimmt. Die bürgerlichen
Ökonomen fangen zwar auch mit dem Satz an, daß die Arbeit die
Quelle alles Reichtums und das Maß des Wertes aller Waren ist;
aber sie müssen auch erklären, wie es kommt, daß der Kapitalist,
der Kapital zu einem industriellen oder Handwerksgeschäft vor-
schießt, nicht nur sein vorgeschossenes Kapital am Ende des Ge-
schäftes zurückerhält, sondern auch noch einen Profit obendrein.
Sie müssen sich daher in allerlei Widersprüche verwickeln und
auch dem Kapital eine gewisse Produktivität zuschreiben. Nichts
beweist besser, wie tief Proudhon noch in der bürgerlichen Denk-
weise befangen ist, als daß er sich diese Redeweise von der Pro-
duktivität des Kapitals angeeignet. Wir haben gleich am Anfang
gesehn, daß die sogenannte "Produktivität des Kapitals" nichts
andres ist, als die ihm (unter den heutigen gesellschaftlichen
Verhältnissen, ohne die es eben kein Kapital wäre) anhaftende Ei-
genschaft, sich die unbezahlte Arbeit von Lohnarbeitern aneignen
zu können.
Aber Proudhon unterscheidet sich von den bürgerlichen Ökonomen
dadurch, daß er diese "Produktivität des Kapitals" nicht billigt,
sondern im
#228# Friedrich Engels
-----
Gegenteil in ihr eine Verletzung der "ewigen Gerechtigkeit" ent-
deckt. Sie ist es, die es verhindert, daß der Arbeiter den vollen
Ertrag seiner Arbeit erhält. Sie muß also abgeschafft werden. Und
wie? Indem der Zinsfuß durch Zwangsgesetze herabgesetzt und end-
lich auf Null reduziert wird. Dann hört nach unserm Proudhonisten
das Kapital auf, produktiv zu sein.
Der Zins des ausgeliehenen Geldkapitals ist nur ein Teil des Pro-
fits; der Profit, sei es des industriellen, sei es des Handelska-
pitals, ist nur ein Teil des, in Gestalt von unbezahlter Arbeit,
der Arbeiterklasse durch die Kapitalistenklasse abgenommenen
Mehrwerts. Die ökonomischen Gesetze, die den Zinsfuß regeln, sind
von denen, die die Rate des Mehrwerts regeln, so unabhängig, wie
dies überhaupt zwischen Gesetzen einer und derselben Gesell-
schaftsform stattfinden kann. Was aber die Verteilung dieses
Mehrwerts unter die einzelnen Kapitalisten angeht, so ist klar,
daß für Industrielle und Kaufleute, die viel von andren Kapitali-
sten vorgeschossenes Kapital in ihrem Geschäft haben, die Rate
ihres Profits in demselben Maß steigen muß, wie - wenn alle an-
dern Umstände sich gleichbleiben - der Zinsfuß fällt. Die Herab-
drückung und schließliche Abschaffung des Zinsfußes würde also
keineswegs die sogenannte "Produktivität des Kapitals" wirklich
"bei den Hörnern fassen", sondern nur die Verteilung des der Ar-
beiterklasse abgenommenen unbezahlten Mehrwerts unter die einzel-
nen Kapitalisten anders regeln und nicht dem Arbeiter gegenüber
dem industriellen Kapitalisten, sondern dem industriellen Kapita-
listen gegenüber dem Rentier einen Vorteil sichern.
Proudhon, von seinem juristischen Standpunkt aus, erklärt den
Zinsfuß, wie alle ökonomischen Tatsachen, nicht durch die Bedin-
gungen der gesellschaftlichen Produktion, sondern durch die
Staatsgesetze, in denen diese Bedingungen einen allgemeinen Aus-
druck erhalten. Von diesem Standpunkt aus, dem jede Ahnung des
Zusammenhangs der Staatsgesetze mit den Produktionsbedingungen
der Gesellschaft abgeht, erscheinen diese Staatsgesetze notwendi-
gerweise als rein willkürliche Befehle, die jeden Augenblick
ebensogut durch ihr direktes Gegenteil ersetzt werden können. Es
ist also nichts leichter für Proudhon, als ein Dekret zu erlassen
- sobald er die Macht dazu hat -, wodurch der Zinsfuß auf ein
Prozent herabgesetzt wird. Und wenn alle andren gesellschaftli-
chen Umstände bleiben, wie sie waren, so wird dies Proudhonsche
Dekret eben nur auf dem Papier existieren. Der Zinsfuß wird sich
nach wie vor nach den ökonomischen Gesetzen regeln, denen er
heute unterworfen ist, trotz aller Dekrete; kreditfähige Leute
werden nach Umständen Geld zu 2,3,4 und mehr Prozent aufnehmen,
ebensogut wie vorher, und der einzige Unterschied wird der sein,
daß die Rentiers
#229# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
-----
sich genau vorsehn und nur solchen Leuten Geld vorschießen, bei
denen kein Prozeß zu erwarten ist. Dabei ist dieser große Plan,
dem Kapital seine "Produktivität" zu nehmen, uralt, so alt wie
die - Wuchergesetze, die nichts andres bezwecken, als den Zinsfuß
zu beschränken, und die jetzt überall abgeschafft sind, weil sie
in der Praxis stets gebrochen oder umgangen wurden und der Staat
seine Ohnmacht gegenüber den Gesetzen der gesellschaftlichen Pro-
duktion bekennen mußte. Und die Wiedereinführung dieser mittelal-
terlichen, unausführbaren Gesetze soll "die Produktivität des
Kapitals bei den Hörnern fassen"? Man sieht, je näher man den
Proudhonismus untersucht, desto reaktionärer erscheint er.
Und wenn dann der Zinsfuß auf diese Weise auf Null herunterge-
bracht, der Kapitalzins also abgeschafft ist, dann wird "nichts
mehr bezahlt, als die zur Umsetzung des Kapitals nötige Arbeit".
Das soll heißen, die Abschaffung des Zinsfußes ist gleich der Ab-
schaffung des Profits und sogar des Mehrwerts. Wäre es aber mög-
lich, den Zins durch Dekret wirklich abzuschaffen, was wäre die
Folge? Daß die Klasse der Rentiers keine Veranlassung mehr hätte,
ihr Kapital in Gestalt von Vorschüssen auszuleihen, sondern es
selbst oder in Aktiengesellschaften für eigene Rechnung industri-
ell anzulegen. Die Masse des der Arbeiterklasse durch die Kapita-
listenklasse abgenommenen Mehrwerts bliebe dieselbe, nur ihre
Verteilung änderte sich, und auch das nicht bedeutend.
In der Tat übersieht unser Proudhonist, daß auch schon jetzt, im
Warenkauf der bürgerlichen Gesellschaft, durchschnittlich eben
nichts mehr bezahlt wird, als "die zur Umsetzung des Kapitals"
(soll heißen, zur Produktion der bestimmten Ware) "nötige Ar-
beit". Die Arbeit ist der Maßstab des Werts aller Waren, und es
ist in der heutigen Gesellschaft - von den Schwankungen des Mark-
tes abgesehen - rein unmöglich, daß im Gesamtdurchschnitt für die
Waren mehr bezahlt wird als die zu ihrer Herstellung nötige Ar-
beit. Nein, nein, lieber Proudhonist, der Haken liegt wo ganz an-
ders: Er liegt darin, daß "die zur Umsetzung des Kapitals" (um
Ihre konfuse Ausdrucksweise zu gebrauchen) "nötige Arbeit" eben
nicht voll bezahlt wird! Wie das zugeht, können Sie bei Marx
("Kapital", S. 128-160 1*)) nachlesen.
Damit nicht genug. Wenn der Kapitalzins abgeschafft wird, ist da-
mit auch der Mietzins abgeschafft. Denn "wie alle anderen Pro-
dukte ist natürlich auch Haus und Wohnung in den Rahmen dieses
Gesetzes gefaßt". Dies ist ganz im Geist des alten Majors, der
seinen Einjährigen rufen ließ: "Sagen Sie mal, ich höre, Sie sind
Doktor - da kommen Sie doch von Zeit zu Zeit
-----
1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 179-209
#230# Friedrich Engels
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zu mir; wenn man eine Frau und sieben Kinder hat, da gibt's immer
was zu flicken."
Einjähriger: "Aber verzeihen Sie, Herr Major, ich bin Doktor der
Philosophie."
Major: "Das ist mich ganz egal, Pflasterkasten ist Pflasterka-
sten."
So geht es unserm Proudhonisten auch: Mietzins oder Kapitalzins,
das ist ihm ganz egal, Zins ist Zins, Pflasterkasten ist Pfla-
sterkasten. - Wir haben oben gesehen, daß der Mietpreis, vulgo
Mietzins, sich zusammensetzt: 1. aus einem Anteil Grundrente; 2.
aus einem Anteil Zins auf das Baukapital einschließlich des Pro-
fits für den Bauunternehmer; 3. aus einem Anteil für Reparatur-
und Assekuranzkosten; 4. aus einem Anteil, der das Baukapital
inkl. Profit in jährlichen Ratenzahlungen abträgt (amortisiert),
im Verhältnis wie das Haus allmählich verschleißt. [219]
Und nun muß es auch dem Blindesten klar geworden sein:
"Der Besitzer selbst wird der erste sein, der seine Hand zum Ver-
kaufe bietet, da sein Haus sonst unbenutzt und das in ihm ange-
legte Kapital einfach nutzlos sein würde."
Natürlich. Wenn man den Zins auf Vorschußkapital abschafft, so
kann kein Hausbesitzer mehr einen Pfennig Miete für sein Haus er-
halten, bloß weil man für Miete auch Mietzins sagen kann 1*) und
weil der Mietzins einen Anteil einschließt, der wirklicher Kapi-
talzins ist. Pflasterkasten bleibt Pflasterkasten. Wenn die Wu-
chergesetze in Beziehung auf den gewöhnlichen Kapitalzins doch
nur durch Umgehung unwirksam gemacht werden konnten, so haben sie
den Satz der Hausmiete nie auch nur im entferntesten berührt.
Erst Proudhon blieb es vorbehalten, sich einzubilden, sein neues
Wuchergesetz werde ohne weiteres nicht nur den einfachen Kapital-
zins, sondern auch den komplizierten Mietzins für Wohnungen re-
geln und allmählich abschaffen. 2*) Warum dann dem Hausbesitzer
noch das "einfach nutzlose" Haus für teures Geld abgekauft werden
soll, und wieso unter diesen Umständen der Hausbesitzer nicht
noch Geld dazu gibt, dies "einfach nutzlose" Haus loszuwerden,
damit er keine Reparaturkosten mehr daranzuwenden hat, darüber
läßt man uns im dunkeln.
Nach dieser triumphierenden Leistung auf dem Gebiet des höheren
Sozialismus (Suprasozialismus nannte das der Meister Proudhon)
hält sich unser Proudhonist für berechtigt, noch etwas höher zu
fliegen.
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1*) Im "Volksstaat" endet hier der Satz - 2*) im "Volksstaat"
fehlen die zwei letzten Sätze
#231# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
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"Es handelt sich jetzt nur mehr darum, noch einige Folgerungen zu
ziehn, um von allen Seiten her volles Licht auf unsern so bedeu-
tenden Gegenstand fallen zu lassen."
Und was sind diese Folgerungen? Dinge, die aus dem Vorhergehenden
ebensowenig folgen, wie die Wertlosigkeit der Wohnhäuser aus der
Abschaffung des Zinsfußes, und die, der pompösen und weihevollen
Redensarten unsres Verfassers entkleidet, weiter nichts bedeuten,
als daß zur besseren Abwicklung des Mietwohnungs-Ablösungsge-
schäfts wünschenswert ist: 1. eine genaue Statistik über den Ge-
genstand, 2. eine gute Gesundheitspolizei und 3. Genossenschaften
von Bauarbeitern, die den Neubau von Häusern übernehmen können -
alles Dinge, die gewiß sehr schön und gut sind, die aber trotz
aller marktschreierischen Phrasenumhüllung durchaus kein "volles
Licht" in das Dunkel der Proudhonschen Gedankenverwirrung brin-
gen.
Wer so Großes vollbracht, hat nun auch das Recht, an die deut-
schen Arbeiter eine ernste Mahnung zu richten:
"Solche und ähnliche Fragen, dünkt uns, sind der Aufmerksamkeit
der sozialen Demokratie wohl wert... Möge sie sich, wie hier über
die Wohnungsfrage, so auch über die andern gleich wichtigen Fra-
gen, wie Kredit, Staatsschulden, Privatschulden, Steuer usw.
klarzuwerden suchen" usw.
Hier stellt uns unser Proudhonist also eine ganze Reihe von Arti-
keln über "ähnliche Fragen" in Aussicht, und wenn er sie alle so
ausführlich behandelt wie den gegenwärtigen "so bedeutenden Ge-
genstand", so hat der "Volksstaat" Manuskripte genug für ein
Jahr. Wir können dem indes vorgreifen - es läuft alles auf das
schon Gesagte hinaus: Der Kapitalzins wird abgeschafft, damit
fällt der für Staatsschulden und Privatschulden zu zahlende Zins
fort, der Kredit wird kostenfrei usw. Dasselbe Zauberwort wird
auf jeden beliebigen Gegenstand angewandt, und bei jedem einzel-
nen Fall kommt das erstaunliche Resultat mit unerbittlicher Logik
heraus: daß, wenn der Kapitalzins abgeschafft ist, man für aufge-
nommenes Geld keine Zinsen mehr zu zahlen hat.
Übrigens sind es schöne Fragen, mit denen unser Proudhonist uns
bedroht: Kredit! Welchen Kredit braucht der Arbeiter, als den von
Woche zu Woche oder den Kredit des Pfandhauses? Ob ihm dieser ko-
stenfrei oder für Zinsen, selbst Pfandhaus Wucherzinsen, gelei-
stet wird, wieviel macht ihm das Unterschied? Und wenn er, allge-
mein genommen, einen Vorteil davon hätte, also die Produktionsko-
sten der Arbeitskraft wohlfeiler würden, müßte nicht der Preis
der Arbeitskraft fallen ? - Aber für den Bourgeois und speziell
den Kleinbürger - für die ist der Kredit eine wichtige Frage, und
für den
#232# Friedrich Engels
-----
Kleinbürger speziell wäre es eine schöne Sache, den Kredit jeder-
zeit, und noch dazu ohne Zinszahlung, erhalten zu können. -
"Staatsschulden"! Die Arbeiterklasse weiß, daß sie sie nicht ge-
macht hat, und wenn sie zur Macht kommt, wird sie die Abzahlung
denen überlassen, die sie aufgenommen haben. - "Privatschulden"!
- siehe Kredit. - "Steuern"! Dinge, die die Bourgeoisie sehr, die
Arbeiter aber nur sehr wenig interessieren: Was der Arbeiter an
Steuern zahlt, geht auf die Dauer in die Produktionskosten der
Arbeitskraft mit ein, muß also vom Kapitalisten mitvergütet wer-
den. Alle diese Punkte, die uns hier als hochwichtige Fragen für
die Arbeiterklasse vorgehalten werden, haben in Wirklichkeit we-
sentliches Interesse nur für den Bourgeois und noch mehr für den
Kleinbürger, und wir behaupten, trotz Proudhon, daß die Arbeiter-
klasse keinen Beruf hat, die Interessen dieser Klassen wahrzuneh-
men.
Von der großen, die Arbeiter wirklich angehenden Frage, von dem
Verhältnis zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter, von der Frage:
wie es kommt, daß der Kapitalist sich aus der Arbeit seiner Ar-
beiter bereichern kann, davon sagt unser Proudhonist kein Wort.
Sein Herr und Meister hat sich allerdings damit beschäftigt, aber
durchaus keine Klarheit hineingebracht und ist auch in seinen
letzten Schriften im wesentlichen nicht weiter als in der von
Marx schon 1847 so schlagend in ihr ganzes Nichts aufgelösten
"Philosophie de la Misère" (Philosophie des Elends) [220].
Es ist schlimm genug, daß die romanisch redenden Arbeiter seit
fünfundzwanzig Jahren fast gar keine andre sozialistische Gei-
stesnahrung gehabt haben, als die Schriften dieses "Sozialisten
des zweiten Kaisertums"; es wäre ein doppeltes Unglück, wenn die
proudhonistische Theorie jetzt auch noch Deutschland überfluten
sollte. Dafür ist jedoch gesorgt. Der theoretische Standpunkt der
deutschen Arbeiter ist dem proudhonistischen um fünfzig Jahre
voraus, und es wird genügen, an dieser einen Wohnungsfrage ein
Exempel zu statuieren, um fernerer Mühe in dieser Beziehung über-
hoben zu sein.
#233#
-----
Zweiter Abschnitt
Wie die Bourgeoisie die Wohnungsfrage löst
I
In dem Abschnitt über die proudhonistische Lösung der Wohnungs-
frage wurde gezeigt, wie sehr das Kleinbürgertum bei dieser Frage
direkt interessiert ist. Aber auch das Großbürgertum hat ein sehr
bedeutendes, wenn auch indirektes Interesse daran. Die moderne
Naturwisssenschaft hat nachgewiesen, daß die sogenannten
"schlechten Viertel", in denen die Arbeiter zusammengedrängt
sind, die Brutstätten aller jener Seuchen bilden, die von Zeit zu
Zeit unsre Städte heimsuchen. Cholera, Typhus und typhoide Fie-
ber, Blattern und andre verheerende Krankheiten verbreiten in der
verpesteten Luft und dem vergifteten Wasser dieser Arbeiter-
viertel ihre Keime; sie sterben dort fast nie aus, entwickeln
sich, sobald die Umstände es gestatten, zu epidemischen Seuchen,
und dringen dann auch über ihre Brutstätten hinaus in die
luftigeren und gesunderen, von den Herren Kapitalisten bewohnten
Stadtteile. Die Kapitalistenherrschaft kann nicht ungestraft sich
das Vergnügen erlauben, epidemische Krankheiten unter der
Arbeiterklasse zu erzeugen; die Folgen fallen auf sie selbst
zurück, und der Würgengel wütet unter den Kapitalisten ebenso
rücksichtslos wie unter den Arbeitern.
Sobald dies einmal wissenschaftlich festgestellt war, entbrannten
die menschenfreundlichen Bourgeois in edlem Wetteifer für die Ge-
sundheit ihrer Arbeiter. Gesellschaften wurden gestiftet, Bücher
geschrieben, Vorschläge entworfen, Gesetze debattiert und dekre-
tiert, um die Quellen der immer wiederkehrenden Seuchen zu ver-
stopfen. Die Wohnungsverhältnisse der Arbeiter wurden untersucht
und Versuche gemacht, den schreiendsten Übelständen abzuhelfen.
Namentlich in England, wo die meisten großen Städte bestanden und
daher das Feuer den Großbürgern am heftigsten auf die Nägel
brannte, wurde eine große Tätigkeit entwickelt; Regierungskom-
missionen wurden ernannt, um die Gesundheitsverhältnisse der ar-
beitenden
#234# Friedrich Engels
-----
Klasse zu untersuchen; ihre Berichte, durch Genauigkeit, Voll-
ständigkeit und Unparteilichkeit vor allen kontinentalen Quellen
sich rühmlich auszeichnend, lieferten die Grundlagen zu neuen,
mehr oder weniger scharf eingreifenden Gesetzen. So unvollkommen
diese Gesetze auch sind, so übertreffen sie doch unendlich alles,
was bisher auf dem Kontinent in dieser Richtung geschehn. Und
trotzdem erzeugt die kapitalistische Gesellschaftsordnung die
Mißstände, um deren Kur es sich handelt, immer wieder mit solcher
Notwendigkeit, daß selbst in England die Kur kaum einen einzigen
Schritt vorgerückt ist.
Deutschland brauchte, wie gewöhnlich, eine weit längere Zeit, bis
die auch hier chronisch bestehenden Seuchenquellen zu derjenigen
akuten Höhe sich entwickelten, die notwendig war, um das schläf-
rige Großbürgertum aufzurütteln. Indes, wer langsam geht, geht
sicher, und so entstand auch bei uns schließlich eine bürgerliche
Literatur der öffentlichen Gesundheit und der Wohnungsfrage, ein
wässeriger Auszug ihrer ausländischen, namentlich englischen,
Vorgänger, dem man durch volltönende, weihevolle Phrasen den
Schein höherer Auffassung anschwindelt. Zu dieser Literatur ge-
hört: Dr. Emil Sax, "Die Wohnungszustände der arbeitenden Classen
und ihre Reform", Wien 1869.
Ich greife, um die bürgerliche Behandlung der Wohnungsfrage
darzulegen, dies Buch nur deswegen heraus, weil es den Versuch
macht, die bürgerliche Literatur über den Gegenstand möglichst
zusammenzufassen. Und eine schöne Literatur ist es, die unsrem
Verfasser als "Quelle" dient! Von den englischen Parlaments-
berichten, den wirklichen Hauptquellen, werden nur drei der
allerältesten mit Namen genannt; das ganze Buch beweist, daß der
Verfasser nie auch nur einen davon angesehn hat; dagegen wird uns
eine ganze Reihe von gemeinplätzlich bürgerlichen, wohlmeinend
spießbürgerlichen und heuchlerisch philanthropischen Schriften
vorgeführt: Ducpétiaux, Roberts, Hole, Huber, die Verhandlungen
der englischen Sozialwissenschafts- (oder vielmehr Kohl-) Kon-
gresse, die Zeitschrift des Vereins für das Wohl der arbeitenden
Klassen in Preußen, der östreichische amtliche Bericht über die
Pariser Weltausstellung, die amtlichen bonapartistischen Berichte
über dieselbe, die "Illustrierte Londoner Zeitung", "Über Land
und Meer" und endlich "eine anerkannte Autorität", ein Mann von
"scharfsinniger, praktischer Auffassung", von "überzeugender Ein-
dringlichkeit der Rede", nämlich - Julius Faucherl Es fehlt in
dieser Quellenliste nur noch die "Gartenlaube", der "Kladdera-
datsch" und der Füsilier Kutschke. [221]
Damit über den Standpunkt des Herrn Sax kein Mißverständnis auf-
kommen könne, erklärt er Seite 22 :
#235# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
-----
"Wir bezeichnen mit Sozialökonomie die Volkswirtschaftslehre in
ihrer Anwendung auf die sozialen Fragen, genauer ausgedrückt, den
Inbegriff der Mittel und Wege, welche uns diese Wissenschaft bie-
tet, auf Grund ihrer 'ehernen' Gesetze innerhalb des Rahmens der
gegenwärtig herrschenden Gesellschaftsordnung, die sogenannten
(!) besitzlosen Klassen auf das Niveau der Besitzenden emporzuhe-
ben."
Wir gehen nicht ein auf die konfuse Vorstellung, daß die
"Volkswirtschaftslehre" oder politische Ökonomie sich überhaupt
mit andern als "sozialen" Fragen beschäftige. Wir gehn gleich auf
den Hauptpunkt los. Dr. Sax verlangt, die "ehernen Gesetze" der
bürgerlichen Ökonomie, der "Rahmen der gegenwärtig herrschenden
Gesellschaftsordnung", mit andern Worten, die kapitalistische
Produktionsweise soll unverändert bestehn bleiben, und doch sol-
len die "sogenannten besitzlosen Klassen auf das Niveau der Be-
sitzenden" emporgehoben werden. Nun ist es aber eine unumgäng-
liche Voraussetzung der kapitalistischen Produktionsweise, daß
eine nicht sogenannte, sondern wirkliche besitzlose Klasse vor-
handen ist, die eben nichts zu verkaufen hat als ihre Arbeits-
kraft, und die daher auch gezwungen ist, den industriellen Kapi-
talisten diese Arbeitskraft zu verkaufen. Die Aufgabe der von
Herrn Sax erfundenen neuen Wissenschaft der Sozialökonomie be-
steht also darin: die Mittel und Wege zu finden, wie innerhalb
eines Gesellschaftszustands, der begründet ist auf dem Gegensatz
von Kapitalisten, Inhabern aller Rohmaterialien, Produktionsin-
strumente und Lebensmittel einerseits, und von besitzlosen Lohn-
arbeitern, die nur ihre Arbeitskraft und weiter nichts ihr eigen
nennen, andrerseits, wie innerhalb dieses Gesellschaftszustands
alle Lohnarbeiter in Kapitalisten verwandelt werden können, ohne
aufzuhören, Lohnarbeiter zu sein. Herr Sax meint diese Frage ge-
löst zu haben. Vielleicht wird er so gut sein, uns zu zeigen, wie
man alle Soldaten der französischen Armee, von denen ja seit dem
alten Napoleon jeder seinen Marschallstab im Tornister trägt, in
Feldmarschälle verwandeln kann, ohne daß sie aufhören, gemeine
Soldaten zu sein. Oder wie man es fertig bringt, alle 40 Millio-
nen Untertanen des Deutschen Reichs zu deutschen Kaisern zu ma-
chen.
Es ist das Wesen des bürgerlichen Sozialismus, die Grundlage al-
ler Übel der heutigen Gesellschaft aufrechterhalten und gleich-
zeitig diese Übel abschaffen zu wollen. Die bürgerlichen Soziali-
sten wollen, wie schon das "Kommunistische Manifest" sagt, "den
sozialen Mißständen abhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Ge-
sellschaft zu sichern", sie wollen "die Bourgeoisie ohne das Pro-
letariat" 1*). Wir haben gesehn, daß Herr Sax die
#236# Friedrich Engels
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Frage genau ebenso stellt. Ihre Lösung findet er in der Lösung
der Wohnungsfrage; er ist der Ansicht, daß
"durch Verbesserung der Wohnungen der arbeitenden Klassen dem ge-
schilderten leiblichen und geistigen Elend mit Erfolg abzuhelfen
und dadurch - durch umfassende Besserung der Wohnungszustände al-
lein - der überwiegende Teil dieser Klassen aus dem Sumpf ihrer
oft kaum menschenwürdigen Existenz zu den reinen Höhen mate-
riellen und geistigen Wohlbefindens emporzuheben wäre". (Seite
14.)
Nebenbei bemerkt, liegt es im Interesse der Bourgeoisie, die Exi-
stenz eines durch die bürgerlichen Produktionsverhältnisse ge-
schaffenen und deren Fortbestand bedingenden Proletariats zu ver-
tuschen. Daher erzählt uns Herr Sax, Seite 21, daß unter arbei-
tenden Klassen alle "unbemittelten Gesellschaftsklassen", "kleine
Leute überhaupt, als Handwerker, Witwen, Pensionisten (!), subal-
terne Beamte usw." neben den eigentlichen Arbeitern zu verstehn
sind. Der Bourgeoissozialismus reicht dem kleinbürgerlichen die
Hand.
Woher kommt nun die Wohnungsnot? Wie entstand sie? Herr Sax darf
als guter Bourgeois nicht wissen, daß sie ein notwendiges Erzeug-
nis der bürgerlichen Gesellschaftsform ist; daß eine Gesellschaft
nicht ohne Wohnungsnot bestehen kann, in der die große arbeitende
Masse auf Arbeitslohn, also auf die zu ihrer Existenz und Fort-
pflanzung notwendige Summe von Lebensmitteln, ausschließlich an-
gewiesen ist; in der fortwährend neue Verbesserungen der Maschi-
nerie usw. Massen von Arbeitern außer Arbeit setzen; in der hef-
tige, regelmäßig wiederkehrende industrielle Schwankungen einer-
seits das Vorhandensein einer zahlreichen Reservearmee von un-
beschäftigten Arbeitern bedingen, andrerseits zeitweilig die
große Masse der Arbeiter arbeitslos auf die Straße treiben; in
der Arbeiter massenhaft in den großen Städten zusammengedrängt
werden, und zwar rascher, als unter den bestehenden Verhältnissen
Wohnungen für sie entstehn, in der also für die infamsten Schwei-
neställe sich immer Mieter finden müssen; in der endlich der
Hausbesitzer, in seiner Eigenschaft als Kapitalist, nicht nur das
Recht, sondern, vermöge der Konkurrenz, auch gewissermaßen die
Pflicht hat, aus seinem Hauseigentum rücksichtslos die höchsten
Mietpreise herauszuschlagen. In einer solchen Gesellschaft ist
die Wohnungsnot kein Zufall, sie ist eine notwendige Institution,
sie kann mitsamt ihren Rückwirkungen auf die Gesundheit usw. nur
beseitigt werden, wenn die ganze Gesellschaftsordnung, der sie
entspringt, von Grund aus umgewälzt wird. Das aber darf der Bour-
geoissozialismus nicht wissen. Er dar/sich die Wohnungsnot nicht
aus den Verhältnissen erklären. Es bleibt ihm also kein anderes
Mittel übrig, als sie mit moralischen Phrasen aus der Schlechtig-
keit der Menschen zu erklären, sozusagen aus der Erbsünde.
#237# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
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"Und da ist nicht zu verkennen - und folglich nicht zu leugnen"
(kühner Schluß!) - "daß die Schuld... einesteils an den Arbeitern
selbst liegt, den Wohnungsbegehrenden, andern und zwar weit grö-
ßeren Teils aber an denjenigen, welche die Befriedigung des Be-
dürfnisses übernehmen, oder, obwohl sie über die erforderlichen
Mittel gebieten, auch nicht übernehmen, an den besitzenden, höhe-
ren Gesellschaftsklassen. Die Schuld auf Seiten der letzteren...
besteht darin, daß sie es sich nicht angelegen sein lassen, für
ausreichendes Angebot guter Wohnungen zu sorgen."
Wie Proudhon uns aus der Ökonomie in die Juristerei, so versetzt
uns hier unser Bourgeoissozialist aus der Ökonomie in die Moral.
Und nichts ist natürlicher. Wer die kapitalistische Produktions-
weise, die "ehernen Gesetze" der heutigen bürgerlichen Gesell-
schaft, für unantastbar erklärt, und doch ihre mißliebigen, aber
notwendigen Folgen abschaffen will, dem bleibt nichts übrig, als
den Kapitalisten Moralpredigten zu halten, Moralpredigten, deren
Rühreffekt sofort wieder durch das Privatinteresse und nötigen-
falls durch die Konkurrenz in Dunst aufgelöst wird. Diese Moral-
predigten gleichen genau denen der Henne am Rande des Teichs, auf
dem ihre ausgebrüteten Entchen lustig herumschwimmen. Die Entchen
gehn aufs Wasser, obwohl es keine Balken, und die Kapitalisten
stürzen sich auf den Profit, obwohl er kein Gemüt hat. - In Geld-
sachen hört die Gemütlichkeit auf" [222], sagte schon der alte
Hansemann, der das besser kannte als Herr Sax.
"Die guten Wohnungen stehn so hoch im Preise, daß es dem größten
Teil der Arbeiter ganz und gar unmöglich ist, davon Gebrauch zu
machen. Das große Kapital... hält sich von den Wohnungen für die
arbeitenden Klassen scheu zurück... So fallen denn diese Klassen
mit ihrem Wohnungsbedürfnisse zum größten Teil der Spekulation
anheim."
Abscheuliche Spekulation - das große Kapital spekuliert natürlich
nie! Aber es ist nicht der böse Wille, es ist nur die Unwissen-
heit, die das große Kapital verhindert, in Arbeiterhäusern zu
spekulieren:
"Die Hausbesitzer wissen gar nicht, welch große und wichtige
Rolle eine normale Befriedigung des Wohnungsbedürfnisses...
spielt, sie wissen nicht, was sie den Leuten tun, wenn sie ihnen,
wie die Regel, so unverantwortlich schlechte, schädliche Wohnun-
gen anbieten, und sie wissen endlich nicht, wie sie sich selbst
damit schaden." (Seite 27.)
Die Unwissenheit der Kapitalisten bedarf aber der Unwissenheit
der Arbeiter, um mit ihr die Wohnungsnot zu erzeugen. Nachdem
Herr Sax zugegeben, daß die "alleruntersten Schichten" der Arbei-
ter, "um nicht ganz obdachlos zu bleiben, wo und wie immer ein
Nachtlager zu suchen bemüßigt (!) und in dieser Beziehung völlig
wehr- und hülflos sind", erzählt er uns:
#238# Friedrich Engels
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"Denn es ist eine allbekannte Tatsache, wie viele unter ihnen"
(den Arbeitern) "aus Leichtsinn, vorwiegend aber aus Unwissen-
heit, ihrem Körper die Bedingungen naturgemäßer Entwickelung und
gesunder Existenz, fast möchte man sagen, mit Virtuosität, ent-
ziehn, indem sie von einer rationellen Gesundheitspflege, insbe-
sondere aber davon, welch enorme Bedeutung der Wohnung in dieser
zukommt, nicht den mindesten Begriff haben." (Seite 27.)
Nun aber kommt das bürgerliche Eselsohr heraus. Während bei den
Kapitalisten die "Schuld" sich in Unwissenheit verflüchtigte, ist
bei den Arbeitern die Unwissenheit nur der Anlaß zur Schuld. Man
höre:
"So kommt es" (nämlich durch die Unwissenheit), "daß sie sich,
wenn sie nur etwas an der Miete ersparen, in dunkle, feuchte, un-
zureichende, kurz allen Anforderungen der Hygiene Hohn sprechende
Wohnungen ziehn... daß oft mehrere Familien in eine einzige Woh-
nung, ja, ein einziges Zimmer sich zusammen mieten - alles, um
möglichst wenig für die Wohnung auszugeben, während sie daneben
auf Trunk, und allerlei eitle Vergnügungen ihr Einkommen in wahr-
haft sündhafter Weise verschleudern."
Das Geld, das die Arbeiter "auf Branntwein und Tabak verschwen-
den" (Seite 28), das "Wirtshausleben mit all seinen beklagenswer-
ten Folgen, das wie ein Bleigewicht den Arbeiterstand immer wie-
der in den Schlamm hinabzieht", liegt Herrn Sax in der Tat wie
ein Bleigewicht im Magen. Daß unter den gegebenen Verhältnissen
die Trunksucht unter den Arbeitern ein notwendiges Produkt ihrer
Lebenslage ist, ebenso notwendig wie Typhus, Verbrechen, Ungezie-
fer, Gerichtsvollzieher und andere gesellschaftliche Krankheiten,
so notwendig, daß man die Durchschnittszahl der der Trunksucht
Verfallenden vorher berechnen kann, das darf Herr Sax wieder
nicht wissen. Übrigens sagte schon mein alter Elementarlehrer:
"Die Gemeinen gehen in das Fuselhaus, und die Vornehmen gehn in
den Klub", und da ich in beiden gewesen bin, kann ich die Rich-
tigkeit bezeugen.
Das ganze Gerede von der "Unwissenheit" beider Teile läuft hinaus
auf die alten Redensarten von der Harmonie der Interessen von Ka-
pital und Arbeit. Wenn die Kapitalisten ihr wahres Interesse
kennten, würden sie den Arbeitern gute Wohnungen liefern und sie
überhaupt besserstellen; und wenn die Arbeiter ihr wahres Inter-
esse verständen, würden sie nicht striken, nicht Sozialdemokratie
treiben, nicht politisieren, sondern hübsch ihren Vorgesetzten,
den Kapitalisten, folgen. Leider finden beide Teile ihre Inter-
essen ganz woanders als in den Predigten des Herrn Sax und seiner
zahllosen Vorgänger. Das Evangelium von der Harmonie zwischen Ka-
pital und Arbeit ist nun schon an die fünfzig Jahre gepredigt
worden; die bürgerliche Philanthropie hat es sich schweres Geld
kosten lassen, diese Harmonie durch
#239# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
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Musteranstalten zu beweisen; und wie wir später sehen werden,
sind wir heule grade so weit wie vor fünfzig Jahren.
Unser Verfasser geht nun an die praktische Lösung der Frage. Wie
wenig revolutionär der Vorschlag Proudhons war, die Arbeiter zu
Eigentümern ihrer Wohnungen zu machen, geht schon daraus hervor,
daß der bürgerliche Sozialismus diesen Vorschlag schon vor ihm
praktisch auszuführen versucht hatte und noch versucht. Auch Herr
Sax erklärt, daß die Wohnungsfrage vollständig nur durch Übertra-
gung des Eigentums der Wohnung an die Arbeiter zu lösen sei (S.
58 und 59). Mehr noch, er verfällt in dichterische Verzückung bei
diesem Gedanken und bricht in folgenden Begeisterungsschwung aus:
"Es ist etwas Eigentümliches um die im Menschen liegende Sehn-
sucht nach Grundbesitz, einen Trieb, den selbst das fieberhaft
pulsierende Güterleben der Gegenwart nicht abzuschwächen ver-
mochte. Es ist dies das unbewußte Gefühl von der Bedeutung der
wirtschaftlichen Errungenschaft, die der Grundbesitz darstellt.
Mit ihm bekommt der Mensch einen sicheren Halt, er wurzelt
gleichsam fest in dem Boden, und jede Wirtschaft (!) hat in dem-
selben die dauerhafteste Basis. Doch weit über diese materiellen
Vorteile reicht die Segenskraft des Grundbesitzes hinaus. Wer so
glücklich ist, einen solchen sein zu nennen, hat die denkbar
höchste Stufe wirtschaftlicher Unabhängigkeit erreicht; er hat
ein Gebiet, worauf er souverän schalten und walten kann, er ist
sein eigner Herr, er hat eine gewisse Macht und einen sichern
Rückhalt für die Zeit der Not; es wächst sein Selbstbewußtsein
und mit diesem seine moralische Kraft. Daher die tiefe Bedeutung
des Eigentums in der vorliegenden Frage ... Der Arbeiter, hülflos
heute den Wechselfällen der Konjunktur ausgesetzt, in steter Ab-
hängigkeit von dem Arbeitgeber, würde dadurch bis zu einem gewis-
sen Grad dieser prekären Lage entrückt, er würde Kapitalist und
gegen die Gefahren der Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit
durch den Realkredit, der ihm infolgedessen offenstände, gesi-
chert. Er würde dadurch aus der besitzlosen in die Klasse der Be-
sitzenden emporgehoben." (Seite 63.)
Herr Sax scheint vorauszusetzen, daß der Mensch wesentlich Bauer
ist, sonst würde er nicht den Arbeitern unserer großen Städte
eine Sehnsucht nach Grundbesitz andichten, die sonst niemand bei
ihnen entdeckt hat. Für unsre großstädtischen Arbeiter ist Frei-
heit der Bewegung erste Lebensbedingung und Grundbesitz kann ih-
nen nur eine Fessel sein. Verschafft ihnen eigne Häuser, kettet
sie wieder an die Scholle, und ihr brecht ihre Widerstandskraft
gegen die Lohnherabdrückung der Fabrikanten. Der einzelne Arbei-
ter mag sein Häuschen gelegentlich verkaufen können, bei einem
ernstlichen Strike oder einer allgemeinen Industriekrise 1*) aber
würden sämtliche den betreffenden Arbeitern gehörenden Häuser zum
Verkauf auf den
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1*) Im "Volksstaat" fehlt: oder einer allgemeinen Industriekrise
#240# Friedrich Engels
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Markt kommen müssen, also gar keine Käufer finden oder weit unter
Kostpreis losgeschlagen werden. Und wenn sie alle Käufer fänden,
so wäre ja die ganze große Wohnungsreform des Herrn Sax wieder in
nichts aufgelöst, und er könnte wieder von vorn anfangen. Indes,
Dichter leben in einer Welt der Einbildung, und so auch Herr Sax,
der sich einbildet, der Grundbesitzer habe "die höchste Stufe
wirtschaftlicher Unabhängigkeit erreicht", er habe "einen sichern
Rückhalt", "er würde Kapitalist und gegen die Gefahren der Ar-
beitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit durch den Realkredit, der
ihm infolgedessen offenstände, gesichert" usw. Herr Sax sehe sich
doch die französischen und unsre rheinischen kleinen Bauern an;
ihre Häuser und Felder sind mit Hypotheken über und über be-
schwert, ihre Ernte gehört ihren Gläubigern, ehe sie geschnitten
ist, und auf ihrem "Gebiet" schalten und walten nicht sie souve-
rän, sondern der Wucherer, der Advokat und der Gerichtsvollzie-
her. Das ist allerdings die denkbar höchste Stufe der wirtschaft-
lichen Unabhängigkeit - für den Wucherer! Und damit die Arbeiter
so rasch wie möglich ihr Häuschen unter dieselbe Souveränität des
Wucherers bringen, weist sie der wohlwollende Herr Sax vorsorg-
lich auf den ihnen offenstehenden Realkredit hin, den sie in Ar-
beitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit benutzen können, statt der
Armenpflege zur Last zu fallen.
Jedenfalls hat nun Herr Sax die anfangs gestellte Frage gelöst:
der Arbeiter "wird Kapitalist" durch Erwerb eines eignen Häus-
chens.
Kapital ist Kommando über die unbezahlte Arbeit andrer. Das Häus-
chen des Arbeiters wird also nur Kapital, sobald er es einem
Dritten vermietet und in der Gestalt der Miete sich einen Teil
des Arbeitsprodukts dieses Dritten aneignet. Dadurch, daß er es
selbst bewohnt, wird das Haus gerade daran verhindert, Kapital zu
werden, ebenso wie der Rock in demselben Augenblick aufhört, Ka-
pital zu sein, wo ich ihn vom Schneider kaufe und anziehe. Der
Arbeiter, der ein Häuschen im Wert von tausend Talern besitzt,
ist allerdings kein Proletarier mehr, aber man muß Herr Sax sein,
um ihn einen Kapitalisten zu nennen.
Das Kapitalistentum unsres Arbeiters hat aber noch ein andre
Seite. Nehmen wir an, in einer gegebenen Industriegegend sei es
die Regel geworden, daß jeder Arbeiter sein eignes Häuschen be-
sitzt. In diesem Fall wohnt die Arbeiterklasse jener Gegend frei;
Unkosten für Wohnung gehn nicht mehr ein in den Wert ihrer Ar-
beitskraft. Jede Verringerung der Erzeugungskosten der Arbeits-
kraft, d.h. jede dauernde Preiserniedrigung der Lebensbedürfnisse
des Arbeiters kommt aber "auf Grund der ehernen Gesetze der
Volkswirtschaftslehre" einer Herabdrückung des Werts der Ar-
beitskraft gleich und hat daher schließlich einen entsprechenden
Fall im
#241# Zur Wohnungsfrage · Zweiter Abschnitt
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Arbeitslohn zur Folge. Der Arbeitslohn würde also durchschnitt-
lich um den ersparten Durchschnittsmietbetrag fallen, d.h. der
Arbeiter würde die Miete für sein eignes Haus zahlen, aber nicht,
wie früher, in Geld an den Hausbesitzer, sondern in unbezahlter
Arbeit an den Fabrikanten, für den er arbeitet. Auf diese Weise
würden die im Häuschen angelegten Ersparnisse des Arbeiters al-
lerdings gewissermaßen zu Kapital, aber Kapital nicht für ihn,
sondern für den ihn beschäftigenden Kapitalisten.
Herr Sax bringt es also nicht einmal auf dem Papier fertig, sei-
nen Arbeiter in einen Kapitalisten zu verwandeln.
Beiläufig bemerkt, gilt das oben Gesagte von allen sogenannten
sozialen Reformen, die auf Sparen oder auf Verwohlfeilung der Le-
bensmittel des Arbeiters hinauslaufen. Entweder werden sie allge-
mein, und dann folgt ihnen eine entsprechende Lohnherabsetzung,
oder aber sie bleiben ganz vereinzelte Experimente, und dann be-
weist ihr bloßes Dasein als einzelne Ausnahme, daß ihre Durchfüh-
rung im großen mit der bestehnden kapitalistischen Produktions-
weise unvereinbar ist. Nehmen wir an, in einer Gegend gelinge es,
durch allgemeine Einführung von Konsumvereinen die Lebensmittel
der Arbeiter um 20 Prozent wohlfeiler zu machen; so müßte der Ar-
beitslohn auf die Dauer dort um annähernd 20 Prozent fallen, d.h.
in demselben Verhältnis, in dem die betreffenden Lebensmittel in
den Lebensunterhalt der Arbeiter eingehn. Verwendet der Arbeiter
z.B. durchschnittlich drei Viertel seines Wochenlohns auf diese
Lebensmittel, so fällt der Arbeitslohn schließlich um
3/4 x 20 = 15 Prozent. Kurzum: sobald eine derartige Sparreform
allgemein geworden, erhält der Arbeiter in demselben Verhältnis
weniger Lohn, als ihm seine Ersparnisse erlauben, wohlfeiler zu
leben. Gebt jedem Arbeiter ein erspartes, unabhängiges Einkommen
von 52 Taler, und sein Wochenlohn muß schließlich um einen Taler
sinken. Also: je mehr er spart, desto weniger Lohn erhält er. Er
spart also nicht in seinem eignen Interesse, sondern in dem des
Kapitalisten. Was bedarf es mehr, in ihm "die erste wirtschaftli-
che Tugend, den Sparsinn... auf das mächtigste anzuregen"? (S.
64.)
Übrigens sagt uns Herr Sax auch gleich darauf, daß die Arbeiter
Hausbesitzer werden sollen nicht sowohl in ihrem eignen Inter-
esse, als in dem der Kapitalisten:
"Doch nicht der Arbeiterstand, auch die Gesellschaft im ganzen
hat das höchste Interesse daran, möglichst viele ihrer Glieder
mit dem Boden verknüpft (!) zu sehen" (ich möchte Herrn Sax wohl
einmal in dieser Positur sehn) "... 1*) Alle die geheimen
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1*) Im "Volksstaat" eingefügt: der Grundbesitz ... vermindert die
Zahl derjenigen, die gegen die Herrschaft der besitzenden Klasse
ankämpfen...
#242# Friedrich Engels
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Kräfte, die den Vulkan, die soziale Frage genannt, der unter un-
sern Füßen glüht, entflammen, die proletarische Verbitterung, der
Haß... die gefährlichen Begriffsverwirrungen ... sie müssen zer-
stäuben wie die Nebel vor der Morgensonne, wenn... die Arbeiter
selbst auf jenem Wege in die Klasse der Besitzenden übergehen."
(S. 65.)
In andern Worten: Herr Sax hofft, daß die Arbeiter durch eine
Verschiebung ihrer proletarischen Stellung, wie sie der Hauser-
werb herbeiführen müßte, auch ihren proletarischen Charakter ver-
lieren und wieder gehorsame Duckmäuser werden gleich ihren eben-
falls hausbesitzenden Vorfahren. Die Proudhonisten mögen sich das
zu Gemüte führen.
Hiermit glaubt Herr Sax die soziale Frage gelöst zu haben:
"Die gerechtere Verteilung der Güter, das Sphinxrätsel, an dessen
Lösung sich schon viele vergeblich versuchten, liegt sie nicht so
als greifbares Faktum vor uns, ist sie nicht damit den Regionen
der Ideale entrückt und in den Bereich der Wirklichkeit getreten?
Und wenn realisiert, ist damit nicht eins der höchsten Ziele er-
reicht, das selbst die Sozialisten der extremsten Richtung als
den Gipfelpunkt ihrer Theorien hinstellen?" (S. 66.)
Es ist ein wahres Glück, daß wir uns bis hierher durchgearbeitet
haben. Dieser Jubelruf bildet nämlich den "Gipfelpunkt" des Sax-
schen Buchs, und von jetzt an geht es wieder sachte bergunter,
aus "den Regionen der Ideale" auf die platte Wirklichkeit, und
wenn wir unten ankommen, werden wir finden, daß sich nichts, aber
auch gar nichts in unsrer Abwesenheit geändert hat.
Den ersten Schritt bergab läßt uns unser Führer tun, indem er uns
belehrt, daß es zwei Systeme von Arbeiterwohnungen gibt: das Cot-
tagesystem, wo jede Arbeiterfamilie ihr eignes Häuschen und wo-
möglich Gärtchen hat, wie in England, und das Kasernensystem der
großen, viele Arbeiterwohnungen enthaltenden Gebäude, wie in Pa-
ris, Wien usw. Zwischen beiden stehe das in Norddeutschland übli-
che System. Nun sei zwar das Cottagesystem das einzig richtige,
und das einzige, wobei der Arbeiter das Eigentum an seinem Hause
erwerben könne; auch habe das Kasernensystem sehr große Nachteile
für Gesundheit, Moralität und häuslichen Frieden - aber leider,
leider sei das Cottagesystem grade in den Mittelpunkten der Woh-
nungsnot, in den großen Städten, wegen der Bodenteurung unaus-
führbar, und man könne noch froh sein, wenn man dort, statt
großer Kasernen, Häuser zu 4 bis 6 Wohnungen errichte oder den
Hauptmängeln des Kasernensystems durch allerhand bauliche Künste-
leien abhelfe. (S. 71-92.)
Nicht wahr, wir sind schon ein gutes Stück heruntergekommen? Die
Verwandlung der Arbeiter in Kapitalisten, die Lösung der sozialen
Frage,
#243# Zur Wohnungsfrage · Zweiter Abschnitt
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das jedem Arbeiter eigentümlich gehörende Haus - das alles ist
oben in "den Regionen der Ideale" geblieben; wir haben uns nur
noch damit zu beschäftigen, das Cottagesystem auf dem Lande ein-
zuführen und in den Städten die Arbeiterkasernen so erträglich
wie möglich einzurichten.
Die bürgerliche Lösung der Wohnungsfrage ist also eingestandener-
maßen gescheitert - gescheitert an dem Gegensatz von Stadt und
Land. Und hier sind wir an dem Kernpunkt der Frage angelangt. Die
Wohnungsfrage ist erst dann zu lösen, wenn die Gesellschaft weit
genug umgewälzt ist, um die Aufhebung des von der jetzigen kapi-
talistischen Gesellschaft auf die Spitze getriebenen Gegensatzes
von Stadt und Land in Angriff zu nehmen. Die kapitalistische Ge-
sellschaft, weit entfernt, diesen Gegensatz aufheben zu können,
muß ihn im Gegenteil täglich mehr verschärfen. Dagegen haben
schon die ersten modernen utopistischen Sozialisten, Owen und
Fourier, dies richtig erkannt. In ihren Mustergebäuden existiert
der Gegensatz von Stadt und Land nicht mehr. Es findet also das
Gegenteil statt von dem, was Herr Sax behauptet: nicht die Lösung
der Wohnungsfrage löst zugleich die soziale Frage, sondern erst
durch die Lösung der sozialen Frage, d.h. durch die Abschaffung
der kapitalistischen Produktionsweise, wird zugleich die Lösung
der Wohnungsfrage möglich gemacht. Die Wohnungsfrage lösen wollen
und die modernen großen Städte forterhalten wollen, ist ein
Widersinn. Die modernen großen Städte werden aber beseitigt erst
durch die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, und
wenn diese erst in Gang gebracht, wird es sich um ganz andere
Dinge handeln, als jedem Arbeiter ein ihm zu eigen gehörendes
Häuschen zu verschaffen.
Zunächst wird aber jede soziale Revolution die Dinge nehmen müs-
sen, wie sie sie findet, und den schreiendsten Übeln mit den vor-
handenen Mitteln abhelfen müssen. Und da haben wir schon gesehn,
daß der Wohnungsnot sofort abgeholfen werden kann durch Expro-
priation eines Teils der den besitzenden Klassen gehörenden Lu-
xuswohnungen und durch Bequartierung des übrigen Teils.
Wenn nun Herr Sax im Verfolg wieder aus den großen Städten
herausgeht und ein langes und breites redet über Arbeiterkolo-
nien, die neben den Städten angelegt werden sollen, wenn er alle
die Schönheiten solcher Kolonien schildert, mit ihrer gemeinsamen
"Wasserleitung, Gasbeleuchtung, Luft- oder Warmwasserheizung,
Waschküchen, Trockenstuben, Badekammern u. dgl.", mit "Kleinkin-
derbewahranstalt, Schule, Betsaal (!), Lesezimmer, Bibliothek...
Wein- und Bierstube, Tanz- und Musiksaal in allen Ehren", mit
Dampfkraft, die in alle Häuser geleitet werden und so "die
Produktion in gewissem Umfang aus den Fabriken in die häusliche
Werkstätte
#244# Friedrich Engels
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zurückverlegen" kann - so ändert das an der Sache nichts. Die Ko-
lonie, wie er sie schildert, ist von Herrn Huber den Sozialisten
Owen und Fourier direkt abgeborgt und bloß durch Abstreifung al-
les Sozialistischen total verbürgert. Dadurch aber wird sie erst
recht utopistisch. Kein Kapitalist hat ein Interesse daran, sol-
che Kolonien anzulegen, wie denn auch nirgendwo in der Welt eine
solche besteht, außer in Guise in Frankreich; und diese ist ge-
baut von einem Fourieristen, nicht als rentable Spekulation, son-
dern als sozialistisches Experiment. *) Ebensogut hätte Herr Sax
die im Anfang der vierziger Jahre von Owen in Hampshire gegrün-
dete und längst untergegangene kommunistische Kolonie Harmony
Hall [224] zugunsten seiner bürgerlichen Projektenmacherei anfüh-
ren können.
Indes ist all dies Gerede von Kolonisation nur ein lahmer Ver-
such, wieder in die "Regionen der Ideale" emporzufliegen, der
auch sofort wieder fallengelassen wird. Wir gehn nun wieder flott
bergab. Die einfachste Lösung ist nun die,
"daß die Arbeitgeber, die Fabrikherren, den Arbeitern zu entspre-
chenden Wohnungen verhelfen, sei es, daß sie diese selbst her-
stellen, sei es, daß sie die Arbeiter zu eigner Bautätigkeit auf-
muntern und unterstützen, indem sie ihnen Grund und Boden zur
Verfügung stellen, das Baukapital vorschießen usw." (S. 106.)
Hiermit sind wir wieder aus den großen Städten heraus, wo von
alledem keine Rede sein kann, und aufs Land zurückversetzt. Herr
Sax beweist nun, daß es hier im Interesse der Fabrikanten selbst
liegt, ihren Arbeitern zu erträglichen Wohnungen zu verhelfen,
einerseits als gute Kapitalanlage, andrerseits, weil die daraus
unfehlbar
"resultierende Hebung der Arbeiter... eine Steigerung ihrer kör-
perlichen und geistigen Arbeitskraft nach sich ziehen muß, was
natürlich... nicht minder... dem Arbeitgeber zugute kommt. Damit
ist aber auch der rechte Gesichtspunkt für die Beteiligung der
letztern an der Wohnungsfrage gegeben: Sie erscheint als Ausfluß
der latenten Assoziation, der meist unter dem Gewände humanitärer
Bestrebungen verborgenen Sorge der Arbeitgeber für das leibliche
und wirtschaftliche, geistige und sittliche Wohl ihrer Arbeiter,
welche sich durch ihre Erfolge, Heranziehung und Sicherung einer
tüchtigen, geschickten, willigen, zufriedenen und ergebenen Ar-
beiterschaft von selbst pekuniär entlohnt." (S. 108.)
Die Phrase der "latenten Assoziation", womit Huber [225] dem
bürgerlich-philanthropischen Gefasel einen "höheren Sinn" unter-
zuschieben versuchte,
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*) Und auch diese ist schließlich eine bloße Heimat der Arbeiter-
Ausbeutung geworden. Siehe den Pariser "Socialiste" [223], Jahr-
gang 1886. [Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1887.]
#245# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
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ändert an der Sache nichts. Auch ohne diese Phrase haben die
großen ländlichen Fabrikanten, namentlich in England, längst ein-
gesehn, daß die Anlage von Arbeiterwohnungen nicht nur eine Not-
wendigkeit, ein Stück der Fabrikanlage selbst ist, sondern sich
auch sehr gut rentiert. In England sind auf diese Weise ganze
Dörfer entstanden, von denen manche sich später zu Städten ent-
wickelt haben. Die Arbeiter aber, statt den menschenfreundlichen
Kapitalisten dankbar zu sein, haben von jeher sehr bedeutende
Einwendungen gegen dies "Cottagesystem" gemacht. Nicht nur, daß
sie Monopolpreise für die Häuser zahlen müssen, weil der Fabri-
kant keine Konkurrenten hat; sie sind bei jedem Strike sofort ob-
dachlos, da der Fabrikant sie ohne weiteres an die Luft setzt und
dadurch jeden Widerstand sehr erschwert. Das Nähere kann man in
meiner "Lage der arbeitenden Klasse in England" S. 224 und 228
1*) nachlesen. Aber Herr Sax meint, dergleichen "verdiene doch
kaum eine Widerlegung". (S. 111.) Und will er nicht dem Arbeiter
das Eigentum an seinem Häuschen verschaffen? Allerdings, aber da
"die Arbeitgeber in der Lage sein müßten, über die Wohnung stets
zu verfügen, um, wenn sie einen Arbeiter entlassen, für den Er-
satzmann Raum zu haben", so - nun ja, so müßte "durch Verabredung
der Widerruflichkeit des Eigentums für jene Fälle vorgesehen wer-
den"! (S. 113.) *)
Diesmal sind wir unerwartet rasch heruntergekommen. Erst hieß es:
Eigentum des Arbeiters an seinem Häuschen; dann erfahren wir, daß
das in den Städten unmöglich und nur auf dem Lande durchführbar;
jetzt wird uns erklärt, daß dies Eigentum auch auf dem Lande nur
ein "durch Verabredung widerrufliches" sein soll! Mit dieser von
Herrn Sax neu entdeckten Sorte von Eigentum für die Arbeiter, mit
dieser ihrer Verwandlung in
---
*) Auch hierin haben die englischen Kapitalisten längst alle Her-
zenswünsche des Herrn Sax nicht nur erfüllt, sondern weit über-
treffen. Montag, den 14. Oktober 1872, hatte in Morpeth der Ge-
richtshof zur Feststellung der Parlaments-Wählerlisten über den
Antrag von 2000 Bergarbeitern auf Eintragung ihrer Namen in die
Liste zu entscheiden. Es stellte sich heraus, daß der größte Teil
dieser Leute nach dem Reglement der Grube, wo sie arbeiteten,
nicht als Mieter der von ihnen bewohnten Häuschen, sondern nur
als darin geduldet anzusehn seien und ohne jede Kündigung jeder-
zeit an die Luft gesetzt werden konnten. (Grubenbesitzer und
Hauseigentümer waren natürlich eine und dieselbe Person.) Der
Richter entschied, daß diese Leute keine Mieter, sondern Knechte
seien und als solche zur Eintragung nicht berechtigt. ("Daily
News", 15. Oktober 1872.)
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1*) Siehe Band 2 unserer Ausgabe, S. 403/404 und 406/407
#246# Friedrich Engels
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"durch Verabredung widerrufliche" Kapitalisten, sind wir glück-
lich wieder auf ebener Erde angekommen und haben hier zu untersu-
chen, was die Kapitalisten und sonstigen Philanthropen zur Lösung
der Wohnungsfrage wirklich getan haben.
II
Wenn wir unserm Dr. Sax glauben dürfen, so ist von seiten der
Herren Kapitalisten schon jetzt Bedeutendes zur Abhülfe der Woh-
nungsnot geleistet und der Beweis geliefert worden, daß die Woh-
nungsfrage auf Grund der kapitalistischen Produktionsweise lösbar
ist.
Vor allen Dingen führt uns Herr Sax an - das bonapartistische
Frankreich! Louis Bonaparte ernannte bekanntlich zur Zeit der Pa-
riser Weltausstellung eine Kommission, scheinbar um über die Lage
der arbeitenden Klassen Frankreichs zu berichten, in der Tat, um
zum größern Ruhm des Kaiserreichs diese Lage als eine wahrhaft
paradiesische zu schildern. Und auf den Bericht dieser aus den
korruptesten Werkzeugen des Bonapartismus zusammengesetzten Kom-
mission beruft sich Herr Sax, besonders auch, weil die Resultate
ihrer Arbeit "nach dem eigenen Ausspruch des damit betrauten Ko-
mitees für Frankreich ziemlich vollständig" sind! Und was sind
diese Resultate? Von 89 Großindustriellen resp. Aktiengesell-
schaften, welche Auskunft erteilten, haben 31 keine Arbeiterwoh-
nungen errichtet; die errichteten Wohnungen beherbergen nach Sax'
eigner Schätzung höchstens 50 000-60 000 Köpfe, und die Wohnungen
bestehn fast ausschließlich nur aus zwei Zimmern für jede Fami-
lie!
Es ist selbstredend, daß jeder Kapitalist, den die Bedingungen
seiner Industrie - Wasserkraft, Lage der Kohlengruben, Eisen-
steinlager und sonstigen Bergwerke usw. - an eine bestimmte länd-
liche Lokalität fesseln, Wohnungen für seine Arbeiter bauen muß,
wenn keine vorhanden sind. Darin einen Beweis der Existenz der
"latenten Assoziation", "ein sprechendes Zeugnis für die Zunahme
des Verständnisses der Sache und ihrer hohen Tragweite", einen
"viel verheißenden Anfang" (S. 115) zu sehn, dazu gehört eine
stark entwickelte Gewohnheit, sich selbst etwas aufzubinden. Üb-
rigens unterscheiden sich die Industriellen der verschiedenen
Länder auch hierin nach ihrem jedesmaligen Nationalcharakter.
Z.B. erzählt uns Herr Sax S. 117:
"In England macht sich erst in neuester Zeit eine gesteigerte Tä-
tigkeit der Arbeitgeber in dieser Richtung bemerkbar. Namentlich
sind es die abgelegenen Weiler auf dem Lande... Der Umstand, daß
die Arbeiter sonst häufig von der nächsten Ortschaft
#247# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
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einen weiten Weg zur Fabrik zurückzulegen haben und, schon er-
schöpft daselbst anlangend, ungenügende Arbeit leisten, ist es
vorwiegend, welcher den Arbeitgebern den Beweggrund zum Baue von
Wohnungen für ihre Arbeitskräfte abgibt. Indes mehrt sich auch
die Zahl derjenigen, welche, in tieferer Auffassung der Verhält-
nisse, mit der Wohnungsreform auch mehr oder weniger alle sonsti-
gen Elemente der latenten Assoziation in Verbindung bringen, und
diesen danken jene blühenden Kolonien ihr Entstehen... Die Namen
eines Ashton in Hyde, Ashworth in Turton, Grant in Bury, Greg in
Bollington, Marshall in Leeds, Strutt in Belper, Salt in Sal-
taire, Ackroyd in Copley u.a. sind im Vereinigten Königreiche um
dessentwillen wohlbekannt."
Heilige Einfalt und noch heiligere Unwissenheit! Erst in der
"neuesten Zeit" haben die englischen ländlichen Fabrikanten Ar-
beiterwohnungen gebaut! Nein, lieber Herr Sax, die englischen Ka-
pitalisten sind wirkliche Großindustrielle, nicht nur dem Beutel,
sondern auch dem Kopfe nach. Lange ehe man in Deutschland eine
wirklich große Industrie besaß, hatten sie eingesehn, daß bei
ländlicher Fabrikation die Auslage für Arbeiterwohnungen ein not-
wendiger, direkt und indirekt sehr rentabler Teil des Gesamtanla-
gekapitals ist. Lange ehe der Kampf zwischen Bismarck und den
deutschen Bourgeois den deutschen Arbeitern die Koalitionsfrei-
heit schenkte, hatten die englischen Fabrikanten, Bergwerks- und
Hüttenbesitzer praktisch erfahren, welchen Druck sie auf stri-
kende Arbeiter ausüben können, wenn sie gleichzeitig die Miets-
herren dieser Arbeiter sind. "Die blühenden Kolonien" eines Greg,
eines Ashton, eines Ashworth gehören so sehr der "neuesten Zeit"
an, daß sie schon vor 40 Jahren von der Bourgeoisie als Muster
ausposaunt wurden, wie ich das selbst schon vor 28 Jahren be-
schrieben ("Lage der arbeitenden Klasse, Seite 228-230, Anmerkung
1*)). Etwa ebenso alt sind die von Marshall und Akroyd (so
schreibt sich der Mann) und noch viel älter, ins vorige Jahrhun-
dert in ihren Anfängen zurückreichend, ist die von Strutt. Und da
in England die durchschnittliche Dauer einer Arbeiterwohnung auf
40 Jahre angenommen wird, so kann Herr Sax sich selbst an den
Fingern abzählen, in welchem verfallenen Zustand sich diese
"blühenden Kolonien" jetzt befinden. Zudem liegt die Mehrzahl
dieser Kolonien jetzt nicht mehr auf dem Lande; die kolossale
Ausdehnung der Industrie hat die meisten von ihnen derart mit Fa-
briken und Häusern umgeben, daß sie mitten in schmutzigen und
rauchigen Städten von 20 000 bis 30 000 und mehr Einwohnern
liegen; was die durch Herrn Sax repräsentierte deutsche Bour-
geoisiewissenschaft nicht verhindert, die alten englischen Lobge-
sänge von 1840, die gar nicht mehr anwendbar sind, noch heute ge-
treulichst nachzubeten.
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1*) Siehe Band 2 unserer Ausgabe, S. 406/407
#248# Friedrich Engels
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Und nun gar der alte Akroyd! 1*) Dieser brave Mann war allerdings
ein Philanthrop vom reinsten Wasser. Er liebte seine Arbeiter und
besonders seine Arbeiterinnen so sehr, daß seine weniger men-
schenfreundlichen Konkurrenten in Yorkshire von ihm zu sagen
pflegten: er treibe seine Fabrik ausschließlich mit seinen eignen
Kindern! Allerdings behauptet Herr Sax, daß in diesen blühenden
Kolonien "uneheliche Geburten immer seltener werden" (Seite 118).
Jawohl, uneheliche Geburten außer der Ehe; die hübschen Mädchen
verheiraten sich in den englischen Fabrikdistrikten nämlich sehr
jung.
In England ist die Anlage von Arbeiterwohnungen dicht neben jeder
großen ländlichen Fabrik, und gleichzeitig mit der Fabrik, die
Regel gewesen seit 60 Jahren und mehr. Wie schon erwähnt, sind
viele solcher Fabrikdörfer der Kern geworden, um den sich später
eine ganze Fabrikstadt angesetzt hat, mit allen den Übelständen,
die eine Fabrikstadt mit sich bringt. Diese Kolonien haben also
die Wohnungsfrage nicht gelöst, sie haben sie in ihrer Lokalität
erst geschaffen.
Dagegen in den Ländern, die England auf dem Gebiet der großen In-
dustrie nur nachgehinkt sind, und die eigentlich erst seit 1848
kennengelernt haben, was eine große Industrie ist, in Frankreich
und besonders 2*) in Deutschland ist es ganz anders. Hier sind es
nur kolossale Hüttenwerke und Fabriken, die sich nach langem Zau-
dern zum Bau einiger Arbeiterwohnungen entschließen - wie das
Schneidersche Werk in Creusot und das Kruppsche in Essen. Die
große Mehrzahl der ländlichen Industriellen läßt ihre Arbeiter in
Hitze, Schnee und Regen meilenweit morgens zur Fabrik und abends
wieder nach Hause traben. Dies ist besonders in gebirgigen Gegen-
den der Fall - in den französischen und Elsasser Vogesen, wie an
der Wupper, Sieg, Agger, Lenne und anderen rheinisch-westfäli-
schen Flüssen. Im Erzgebirge wird's nicht besser sein. Es ist
dieselbe kleinliche Knickerei bei Deutschen wie bei Franzosen.
Herr Sax weiß sehr gut, daß sowohl der vielversprechende Anfang
wie die blühenden Kolonien weniger als nichts bedeuten. Er sucht
also jetzt den Kapitalisten zu beweisen, welche prächtige Renten
sie aus der Anlage von Arbeiterwohnungen ziehen können. Mit an-
dern Worten, er sucht ihnen einen neuen Weg anzuzeigen, die Ar-
beiter zu prellen.
Zuerst hält er ihnen das Exempel einer Reihe von Londoner Bau-
gesellschaften vor, welche, teils philanthropischer, teils speku-
lativer Natur, einen
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1*) Im "Volksstaat": Und nun gar der alte A - ich will den Namen
nicht nennen, er ist längst tot und begrabenl - 2*) im "Volks-
staat" fehlt: besonders
#249# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
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Reinertrag von 4 bis 6% und mehr erzielt haben. Daß Kapital, in
Arbeiterwohnungen angelegt, sich gut rentiert, braucht uns Herr
Sax nicht erst zu beweisen. Der Grund, weshalb nicht mehr darin
angelegt wird als geschieht, ist der, daß teurere Wohnungen sich
dem Eigentümer noch besser rentieren. Herrn Sax' Mahnung an die
Kapitalisten läuft also wieder auf bloße Moralpredigt hinaus.
Was nun diese Londoner Baugesellschaften angeht, deren glänzende
Erfolge Herr Sax so laut ausposaunt, so haben sie laut seiner
eignen Aufzählung - und darin ist jede beliebige Bauspekulation
mit aufgeführt - im ganzen Unterkommen für 2132 Familien und für
706 einzelne Männer hergestellt, also für unter 15 000 Personenl
Und dergleichen Kindereien wagt man in Deutschland ernsthaft als
große Erfolge aufzuführen, während im Ostteil von London allein
eine Million Arbeiter in den elendesten Wohnungszuständen leben?
Diese sämtlichen philanthropischen Bestrebungen sind in der Tat
so erbärmlich nichtig, daß in den englischen Parlamentsberichten,
die sich mit der Lage der Arbeiter befassen, ihrer nie auch nur
Erwähnung getan wird.
Von der lächerlichen Unkenntnis Londons, die sich in diesem gan-
zen Abschnitt breitmacht, wollen wir hier gar nicht sprechen. Nur
eins. Herr Sax meint, das Logierhaus für einzelne Männer in Soho
1*) sei eingegangen, weil in dieser Gegend "auf zahlreiche Kund-
schaft nicht zu rechnen" war. Herr Sax stellt sich nämlich das
ganze Westend von London als eine einzige Luxusstadt vor und weiß
nicht, daß dicht hinter den elegantesten Straßen die schmutzig-
sten Arbeiterviertel liegen, von denen z.B. Soho eins ist. Das
Musterlogierhaus in Soho, von dem er spricht und das ich schon
vor 23 Jahren kannte, hatte anfangs Zuspruch die Menge, ging aber
ein, weil kein Mensch es darin aushalten konnte. Und dabei war es
noch eins der besten.
Aber die Arbeiterstadt von Mülhausen im Elsaß, - das ist doch ein
Erfolg?
Die Arbeiterstadt in Mülhausen ist das große Paradepferd der
kontinentalen Bourgeois, grade wie die weiland blühenden Kolonien
von Ashton, Ashworth, Greg und Konsorten das der englischen. Lei-
der ist sie kein Produkt der "latenten" Assoziation, sondern der
offenen Assoziation zwischen dem zweiten französischen Kaisertum
und den Elsasser Kapitalisten. Sie war eins von Louis Bonapartes
sozialistischen Experimenten, zu dem der Staat 1/3 des Kapitals
vorschoß. Sie hat in 14 Jahren (bis 1867) 800 kleine
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1*) Stadtteil von London
#250# Friedrich Engels
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Häuschen nach einem mangelhaften, in England, wo man dies besser
versteht, unmöglichen System gebaut, und überläßt diese den Ar-
beitern gegen monatliche Bezahlung eines erhöhten Mietbetrags
nach 13 bis 15 Jahren als Eigentum. Diese Art der Eigentumserwer-
bung, in den englischen genossenschaftlichen Baugesellschaften,
wie wir sehen werden, längst eingeführt, brauchte von den Elsas-
ser Bonapartisten nicht erst erfunden zu werden. Die Mietauf-
schläge für den Ankauf der Häuser sind im Verhältnis zu den eng-
lischen ziemlich stark; der Arbeiter erhält z.B., nachdem er 4500
Franken in fünfzehn Jahren nach und nach eingezahlt hat, ein
Haus, das vor 15 Jahren 3300 Franken wert war. Falls der Arbeiter
wegziehen will oder auch nur mit einer einzigen Monatszahlung im
Rückstand bleibt (in welchem Fall er herausgesetzt werden kann),
berechnet man ihm 6 2/3 % des ursprünglichen Hauswerts als jähr-
liche Miete (z.B. 17 Franken monatlich bei 3000 Franken Haus-
wert), und zahlt ihm den Rest heraus, aber ohne einen Pfennig
Zinsen. Daß dabei die Gesellschaft, abgesehen von der
"Staatshülfe", fett werden kann, begreift sich; ebensowohl be-
greift sich, daß die unter diesen Umständen gelieferten Wohnun-
gen, schon weil vor der Stadt, halb ländlich, angelegt, besser
sind als die alten Kasernenwohnungen in der Stadt selbst.
Von den paar erbärmlichen Experimenten in Deutschland, deren Jäm-
merlichkeit selbst Herr Sax, Seite 157, anerkennt, sagen wir kein
Wort.
Was beweisen nun alle diese Exempel? Einfach, daß die Anlage von
Arbeiter Wohnungen, selbst wenn nicht alle Gesetze der Gesund-
heitspflege mit Füßen getreten worden, sich kapitalistisch ren-
tiert. Das aber ist nie bestritten worden, das wußten wir alle
längst. Jede Kapitalanlage, die ein Bedürfnis befriedigt, ren-
tiert sich bei rationellem Betrieb. Die Frage ist grade: warum
trotzdem die Wohnungsnot fortbesteht, warum trotzdem die Kapita-
listen nicht für hinreichende gesunde Wohnungen für die Arbeiter
sorgen? Und da hat Herr Sax eben wieder nur Ermahnungen an das
Kapital zu richten und bleibt uns die Antwort schuldig. Die wirk-
liche Antwort auf diese Frage haben wir oben schon gegeben.
Das Kapital, das ist jetzt endgültig festgestellt, will die Woh-
nungsnot nicht abschaffen, selbst wenn es könnte. Bleiben nur
zwei andere Auskunftsmittel: die Selbsthülfe der Arbeiter und die
Staatshülfe.
Herr Sax, ein begeisterter Verehrer der Selbsthülfe, weiß auch
auf dem Gebiet der Wohnungsfrage Wunderdinge von ihr zu berich-
ten. Leider muß er gleich im Anfang zugeben, daß sie nur da etwas
leisten kann, wo das Cottagesystem entweder besteht oder doch
durchführbar ist, also wiederum
#251# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
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nur auf dem Lande; in den großen Städten, auch in England, nur in
sehr beschränktem Maßstab. Dann, seufzt Herr Sax,
"kann sich die Reform durch dieselbe" (die Selbsthülfe) "nur auf
einem Umwege, daher stets nur unvollkommen vollziehen, nämlich
nur insofern, als eben dem Prinzip des Eigenbesitzes eine auf die
Qualität der Wohnung rückwirkende Kraft zukommt".
Auch dies wäre in Zweifel zu ziehn; jedenfalls hat "das Prinzip
des Eigenbesitzes" auf die "Qualität" des Stils unsres Verfassers
keineswegs reformierend zurückgewirkt. Trotz alledem hat die
Selbsthülfe in England solche Wunder getan,
"daß dadurch alles, was dort zur Lösung der Wohnungsfrage nach
anderen Richtungen hin geschehen ist, weit überholt wird. Es sind
dies die englischen building societies 1*)", die Herr Sax auch
besonders deswegen weitläufiger behandelt, weil "über ihr Wesen
und Wirken im allgemeinen sehr ungenügende oder irrige Vorstel-
lungen verbreitet sind. Die englischen building societies sind
keineswegs ... Baugesellschaften oder Baugenossenschaften, sie
sind vielmehr... im Deutschen etwa durch: 'Hauserwerbvereine' zu
bezeichnen; sie sind Vereine mit dem Zwecke, durch periodische
Beiträge der Mitglieder einen Fonds anzusammeln, und daraus, eben
nach Maßgabe der Mittel, den Mitgliedern zum Ankauf eines Hauses
Darlehen zu gewähren... Die building society ist somit für den
einen Teil ihrer Mitglieder ein Sparverein, für den andern Teil
eine Vorschußkasse. - Die building societies sind also für die
Bedürfnisse des Arbeiters berechnete Hypothekarkreditanstalten,
welche hauptsächlich... die Ersparnisse der Arbeiter... den Stan-
desgenossen der Einleger zum Ankauf oder Bau eines Hauses zu-
wenden. Wie vorauszusetzen, werden diese Darlehen gegen Verpfän-
dung der betreffenden Realität und in der Weise konstituiert, daß
die Tilgung derselben in kurzen Ratenzahlungen erfolgt, welche
Verzinsung und Amortisation in sich vereinen... Die Verzinsung
wird den Einlegern nicht ausbezahlt, sondern stets auf Zinseszins
gutgeschrieben ... Die Rückforderung der Einlagen samt den ange-
wachsenen Interessen... kann gegen monatliche Kündigung jeden Au-
genblick erfolgen." (Seite 170-172.) "Es bestehen in England über
2000 solcher Vereine, ... das in ihnen angesammelte Kapital be-
läuft sich auf etwa 15 000 000 Pfund Sterling, und an 100 000
Arbeiterfamilien sind auf diesem Wege bereits zu dem Besitze ei-
nes eignen häuslichen Herdes gelangt; eine soziale Errungen-
schaft, der sicherlich nicht bald eine andre an die Seite zu
stellen." (Seite 174.)
Leider kommt auch hier das "Aber" dicht hinterdrein gehinkt:
"Eine vollendete Lösung der Frage ist indes damit noch keineswegs
erreicht. Schon aus dem Grunde nicht, weil der Hauserwerb nur den
bessergestellten Arbeitern... offensteht... Namentlich die sani-
tären Rücksichten sind oft nicht genügend beobachtet." (Seite
176.)
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1*) Baugesellschaften
#252# Friedrich Engels
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Auf dem Kontinent finden "derartige Vereine... nur ein geringes
Terrain zur Entfaltung vor". Sie setzen das Cottagesystem voraus,
das hier nur auf dem Lande besteht; auf dem Lande aber sind die
Arbeiter zur Selbsthülfe noch nicht entwickelt genug. Andrerseits
in den Städten, wo sich eigentliche Baugenossenschaften bilden
könnten, stehn ihnen "sehr erhebliche und ernste Schwierigkeiten
mannigfacher Art entgegen". (Seite 179.) Sie könnten eben nur
Cottages bauen, und das geht in den großen Städten nicht. Kurzum,
"dieser Form der genossenschaftlichen Selbsthülfe" kann "nach den
heutigen Verhältnissen - und auch kaum in naher Zukunft - die
Hauptrolle in der Lösung der vorliegenden Frage wohl nicht zufal-
len". Diese Baugenossenschaften befinden sich nämlich noch "im
Stadium der ersten, unentwickelten Anfänge". "Dies gilt selbst
für England." (Seite 181.)
Also: die Kapitalisten wollen nicht und die Arbeiter können
nicht. Und damit könnten wir diesen Abschnitt schließen, wenn es
nicht unbedingt nötig wäre, über die englischen building socie-
ties, die die Bourgeois von der Couleur Schulze-Delitzsch unsern
Arbeitern stets als Muster vorhalten, einige Aufklärung zu geben.
Diese building societies sind weder Arbeitergesellschaften, noch
ist ihr Hauptzweck, Arbeitern eigne Häuser zu verschaffen. Wir
werden im Gegenteil sehn, daß dies nur sehr ausnahmsweise ge-
schieht. Die building societies sind wesentlich spekulierender
Natur, die kleinen, welche die ursprünglichen sind, nicht weniger
als ihre großen Nachahmer. In einem Wirtshaus tun sich, auf Be-
trieb gewöhnlich des Wirts, bei dem dann die wöchentlichen Ver-
sammlungen stattfinden, eine Anzahl Stammgäste und deren Freunde,
Krämer, Kommis, Handlungsreisende, Kleinmeister und andres Klein-
bürgertum - hier und da auch ein Maschinenbauer oder sonstiger
zur Aristokratie seiner Klasse gehöriger Arbeiter - zu einer Bau-
genossenschaft zusammen; die nächste Veranlassung ist gewöhnlich,
daß der Wirt ein verhältnismäßig wohlfeil zu habendes Grundstück
in der Nachbarschaft oder sonstwo aufgespürt hat. Die meisten der
Mitglieder sind durch ihre Beschäftigung nicht an eine bestimmte
Gegend gebunden; selbst viele der Krämer und Handwerker haben in
der Stadt nur ein Geschäftslokal, keine Wohnung; wer irgend kann,
wohnt lieber draußen als mitten in der rauchigen Stadt. Die Bau-
stelle wird gekauft, und die mögliche Anzahl von Cottages darauf
errichtet. Der Kredit der Wohlhabenderen ermöglicht den Ankauf,
die wöchentlichen Beiträge, nebst einigen kleinen Anleihen, dec-
ken die wöchentlichen Auslagen für den Bau. Diejenigen Mitglie-
der, die auf ein eignes Haus spekulieren, erhalten durchs Los die
fertig werdenden Cottages zugeteilt, und der entsprechende
Mietaufschlag amortisiert den
#253# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
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Kaufpreis. Die übrigbleibenden Cottages werden vermietet oder
verkauft. Die Baugesellschaft aber, wenn sie gute Geschäfte
macht, sammelt ein kleineres oder größeres Vermögen an, das den
Mitgliedern verbleibt, solange sie ihre Beiträge zahlen, und von
Zeit zu Zeit oder bei Auflösung der Gesellschaft verteilt wird.
Das ist der Lebenslauf von neun englischen Baugesellschaften aus
zehn. Die übrigen sind größere, zuweilen unter politischen oder
philanthropischen Vorwänden gebildete Gesellschaften, deren
Hauptzweck aber schließlich immer der ist, den Ersparnissen des
Kleinbürgertums eine höhere hypothekarische Anlage mit guter Ver-
zinsung und Aussicht auf Dividende vermittelst Spekulation in
Grundeigentum zu verschaffen.
Auf welche Sorte von Kunden diese Gesellschaften spekulieren, be-
weise der Prospekt einer der größten, wo nicht der größten unter
ihnen. Die Birkbeck Building Society, 29 and 30, Southampton
Buildings, Chancery Lane, London, deren Einnahmen seit ihrem Be-
stehn über 10 1/2 Millionen Pfund Sterling (70 Millionen Taler)
betragen, die über 416 000 Pfund in der Bank und in Staatspapie-
ren angelegt hat und gegenwärtig 21 441 Mitglieder und Depositare
zählt, kündigt sich dem Publikum folgendermaßen an:
"Die meisten Leute sind vertraut mit den sogenannten Dreijahre-
System der Pianofortefabrikanten, nach welchem jeder, der ein
Pianoforte auf drei Jahre mietet, nach Verlauf dieser Zeit der
Eigentümer desselben wird. Vor der Einführung dieses Systems war
es für Leute von beschränktem Einkommen fast ebenso schwer, sich
ein gutes Pianoforte, wie ein eignes Haus anzuschaffen; man
zahlte jahraus, jahrein für die Miete des Pianofortes und gab
zwei- oder dreimal soviel Geld aus, als das Pianoforte wert war.
Was aber bei einem Pianoforte tunlich ist, ist es auch bei einem
Hause... Da aber ein Haus mehr kostet als ein Pianoforte... ist
eine längere Zeit nötig, um den Kaufpreis durch Miete abzutragen.
Infolgedessen haben die Direktoren mit Hauseigentümern in ver-
schiedenen Teilen von London und seinen Vorstädten Abmachungen
getroffen, wodurch sie imstande sind, den Mitgliedern der Birk-
beck Building Society und andern eine große Auswahl von Häusern
in den verschiedensten Stadtteilen anzubieten. Das System, wonach
die Direktoren zu verfahren beabsichtigen, ist: die Häuser für
12 1/2 Jahre zu vermieten, nach Verlauf welcher Zeit, falls die
Miete regelmäßig bezahlt wird, das Haus das absolute Eigentum des
Mieters wird, ohne fernere Zahlung irgendwelcher Art... Der Mie-
ter kann auch für eine kürzere Anfallzeit bei höherer Miete, oder
für eine längere Anfallzeit bei niedrigerer Miete, akkordieren...
Leute von beschränktem Einkommen, Handlungs- und Ladengehülfen
und andere können sich sofort von jedem Hausvermieter unabhängig
machen, indem sie Mitglieder der Birkbeck Building Society wer-
den."
Das spricht klar genug. Von Arbeitern keine Rede, wohl aber von
Leuten mit beschränktem Einkommen, Laden- und Handlungsgehülfen
etc.; und noch dazu wird vorausgesetzt, daß die Applikanten in
der Regel schon
#254# Friedrich Engels
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ein Pianoforte besitzen. In der Tat, es handelt sich hier gar
nicht um Arbeiter, sondern um Kleinbürger und solche, die es wer-
den wollen und können; Leute, deren Einkommen, wenn auch inner-
halb gewisser Grenzen, in der Regel allmählich steigt, wie das
der Handlungskommis und ähnlicher Erwerbszweige, während das des
Arbeiters, im Betrage bestenfalls sich gleichbleibend, in Wirk-
lichkeit fällt im Verhältnis der Zunahme seiner Familie und ihrer
wachsenden Bedürfnisse. In der Tat, nur wenige Arbeiter können
ausnahmsweise an solchen Gesellschaften teilnehmen. Einerseits
ist ihr Einkommen zu gering, andrerseits zu unsichrer Natur, als
daß sie Verpflichtungen auf 121/2 Jahre hinaus übernehmen könn-
ten. Die wenigen Ausnahmen, für die dies nicht gilt, sind entwe-
der die bestbezahlten Arbeiter oder Fabrikaufseher. *)
Übrigens sieht jedermann, daß die Bonapartisten der Arbeiterstadt
Mülhausen weiter nichts sind als elende Nachäffer dieser klein-
bürgerlichen englischen Baugesellschaften. Bloß daß jene, trotz
der ihnen gewährten Staatshülfe, ihre Kunden weit mehr beschwin-
deln als die Baugesellschaften. Ihre Bedingungen sind im ganzen
weniger liberal als die durchschnittlich in England gültigen, und
während in England von jeder Anzahlung stets Zins und Zinseszins
berechnet und nach einmonatlicher Kündigung auch
---
*) Hier noch ein kleiner Beitrag zum Geschäftsbetrieb speziell
der Londoner Bauvereine. Bekanntlich gehört der Boden von fast
ganz London ungefähr einem Dutzend Aristokraten, darunter die
Vornehmsten die Herzöge von Westminster, von Bedford, von Port-
land usw. Diese hatten die einzelnen Baustellen ursprünglich auf
99 Jahre verpachtet und treten bei Ablauf dieser Zeit in den Be-
sitz des Grundstücks mit allem, was darauf steht. Sie vermieten
nun die Häuser auf kürzere Termine, 39 Jahre z.B. unter einer so-
genannten repairing lease, kraft deren der Mieter das Haus in
baulichen Stand setzen und darin erhalten muß. Sobald der Kon-
trakt soweit abgemacht ist, schickt der Grundherr seinen Archi-
tekten und den Baupolizeibeamten (surveyor 1*)) des Distrikts,
das Haus zu inspizieren und die nötigen Reparaturen festzustel-
len. Diese sind oft sehr umfassend, bis zur Erneuerungsfrage der
ganzen Frontmauer, des Dachs etc. Der Mieter deponiert nun den
Mietsvertrag als Sicherheit bei einem Bauverein und erhält von
diesem das nötige Geld - bis zu 1000 Pfd. St. und mehr bei jähr-
licher Miete von 130-150 Pfd. - vorgeschossen für den auf seine
Kosten zu vollführenden Bau. Diese Bauvereine sind also ein wich-
tiges Mittelglied geworden in einem System, das den Zweck hat,
die den großen Grundaristokraten gehörigen Londoner Häuser mühe-
los und auf Kosten des Publikums immer wieder neu zu bauen und
bewohnbar zu erhalten. Und das soll eine Lösung der Wohnungsfrage
für die Arbeiter sein! [Anmerkung von Engels zur Ausgabe von
1887.]
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1*) Bauinspektor
#255# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
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zurückbezahlt wird, stecken die Mülhauser Fabrikanten den Zins
und Zinseszins in die Tasche und zahlen nur den in harten Fünf-
frankentalern eingezahlten Betrag zurück. Und niemand wird sich
über diesen Unterschied mehr wundern als Herr Sax, der das alles
in seinem Buche stehen hat, ohne es zu wissen.
Mit der Selbsthülfe der Arbeiter ist es also auch nichts. Bleibt
die Staatshülfe. Was kann uns Herr Sax in dieser Beziehung bie-
ten? Dreierlei:
"Erstens, der Staat hat darauf bedacht zu sein, in seiner Gesetz-
gebung und Verwaltung alles auszumerzen oder entsprechend zu bes-
sern, was in irgendeiner Weise die Beförderung der Wohnungsnot
der arbeitenden Klassen zur Folge hat." (Seite 187.)
Also: Revision der Baugesetzgebung und Freigebung der Baugewerbe,
damit wohlfeiler gebaut werde. Aber in England ist die Baugesetz-
gebung auf ein Minimum beschränkt, die Baugewerbe sind frei wie
der Vogel in der Luft, und doch existiert die Wohnungsnot. Dabei
wird jetzt in England so wohlfeil gebaut, daß die Häuser wackeln,
wenn eine Karre vorbeifährt, und daß täglich welche einstürzen.
Noch gestern, 25. Oktober 1872, sind in Manchester sechs auf ein-
mal zusammengestürzt und haben sechs Arbeiter schwer verletzt.
Hilft also auch nichts.
"Zweitens, die Staatsgewalt hat zu verhindern, daß der einzelne
in seinem beschränkten Individualismus das Übel fortpflanze oder
neu hervorrufe."
Also: Gesundheits- und baupolizeiliche Inspektion der Arbeiter-
wohnungen, Übertragung der Befugnis an die Behörden, gesundheits-
gefährliche und baufällige Wohnungen zu schließen, wie dies in
England seit 1857 geschehn ist. Aber wie ist es dort geschehn?
Das erste Gesetz von 1855 (Nuisances Removal Act) blieb, wie Herr
Sax selbst zugibt, "ein toter Buchstabe", ebenso das zweite von
1858 (Local Government Act) (Seite 197). Dagegen glaubt Herr Sax,
daß das dritte, der Artisans' Dwellings Act, der nur für Städte
über 10 000 Einwohner gilt, "sicherlich ein günstiges Zeugnis
ablegt von der hohen Einsicht des britischen Parlaments in
sozialen Dingen" (Seite 199), während diese Behauptung wieder nur
"ein günstiges Zeugnis ablegt von" der totalen Unbekanntschaft
des Herrn Sax mit englischen "Dingen". Daß England überhaupt "in
sozialen Dingen" dem Kontinent weit voraus ist, versteht sich von
selbst; es ist das Mutterland der modernen großen Industrie, in
ihm hat sich die kapitalistische Produktionsweise am freisten und
am weitesten entwickelt, ihre Konsequenzen treten hier am
grellsten an den Tag und rufen daher auch zuerst eine Reaktion in
der Gesetzgebung hervor. Der beste Beweis dafür die Fabrikgesetz-
gebung. Wenn aber Herr Sax glaubt, ein Parlamentsakt brauche nur
Gesetzeskraft
#256# Friedrich Engels
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zu erhalten, um auch sogleich praktisch eingeführt zu werden, so
irrt er sich gewaltig. Und dies gilt von keinem Parlamentsakt
mehr (den Workshops' Act allenfalls ausgenommen) als grade von
dem Local Government Act. Die Ausführung des Gesetzes wurde den
städtischen Behörden übertragen, welche fast überall in England
anerkannte Mittelpunkte von Korruption aller Art, Familienbegüri-
stigung und Jobbery *) sind. Die Agenten dieser städtischen Be-
hörden, ihre Stellen allerlei Familienrücksichten verdankend,
sind entweder nicht fähig oder nicht gesinnt, derartige Sozial-
gesetze auszuführen, während grade in England die mit Vorberei-
tung und Ausführung der Sozialgesetzgebung beauftragten Staatsbe-
amten sich meist durch strenge Pflichterfüllung auszeichnen -
wenn auch jetzt in geringerm Maß als vor zwanzig, dreißig Jahren.
In den Stadträten sind die Eigentümer ungesunder und baufälliger
Wohnungen fast überall direkt oder indirekt stark vertreten. Die
Wahl der Stadträte nach kleinen Bezirken macht die Gewählten von
den kleinlichsten Lokalinteressen und Einflüssen abhängig; kein
Stadtrat, der wiedergewählt werden will, darf wagen, für An-
wendung dieses Gesetzes auf seinen Wahlbezirk zu stimmen. Man be-
greift also, mit welchem Widerwillen dies Gesetz fast überall von
den Lokalbehörden aufgenommen wurde, und daß es bisher nur auf
die allerskandalösesten Fälle - und auch da meist nur infolge ei-
ner bereits ausgebrochenen Epidemie, wie voriges Jahr in Manche-
ster und Salford bei der Pockenepidemie-Anwendung gefunden hat.
Der Appell an den Minister des Innern hat bisher nur in derarti-
gen Fällen seine Wirkung gehabt, wie es denn das Prinzip jeder
liberalen Regierung in England ist, soziale Reformgesetze nur
notgedrungen vorzuschlagen und die schon bestehenden, wenn irgend
möglich, gar nicht auszuführen. Das fragliche Gesetz, wie manche
andere in England, hat nur die Bedeutung, daß es in den Händen
einer von den Arbeitern beherrschten oder gedrängten Regierung,
die es endlich wirklich anwendet, eine mächtige Waffe sein wird,
in den gegenwärtigen sozialen Zustand Bresche zu legen.
---
*) Jobbery heißt die Benutzung eines öffentlichen Amts zu Privat-
vorteilen für den Beamten oder seine Familie. Wenn z.B. der Chef
der Staatstelegraphie eines Landes stiller Gesellschafter einer
Papierfabrik wird, dieser Fabrik Holz aus seinen Forsten liefert,
und dann ihr Papierlieferungen für die Telegraphenbüros über-
trägt, so ist das ein zwar ziemlich kleiner, aber doch insofern
ganz hübscher job, als er ein vollkommenes Verständnis der Prin-
zipien der jobbery bekundet 1*); wie dies übrigens bei Bismarck
selbstverständlich und zu erwarten war.
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1*) Im "Volksstaat" endet hier der Satz
#257# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
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"Drittens" soll die Staatsgewalt nach Herrn Sax "alle ihr zu Ge-
bote stehenden positiven Maßregeln zur Abhülfe der bestehenden
Wohnungsnot in umfassendstem Maße in Anwendung bringen."
Das heißt, sie soll Kasernen, "wahrhafte Musterbauten" für ihre
"subalternen Beamten und Diener" errichten (aber das sind ja
keine Arbeiter!) und "Gemeindevertretungen, Gesellschaften und
auch Privaten zum Zweck der Verbesserung der Wohnungen für die
arbeitenden Klassen Darlehen... gewähren" (Seite 203), wie dies
in England laut dem Public Works Loan Act geschieht, und wie
Louis Bonaparte in Paris und Mülhausen getan hat. Aber der Public
Works Loan Act besteht eben auch nur auf dem Papier, die Regie-
rung stellt den Kommissären nur höchstens 50 000 Pfund Sterling
zur Verfügung, also die Mittel zum Bau von höchstens 400 Cotta-
ges, also in 40 Jahren 16 000 Cottages oder Wohnungen für
höchstens 80 000 Köpfe - ein Tropfen am Eimer! Selbst wenn wir
annehmen, daß nach zwanzig Jahren die Mittel der Kommission sich
durch Rückzahlung verdoppeln, also in den letzten 20 Jahren Woh-
nungen für fernere 40 000 Köpfe hergestellt werden, so bleibt es
immer nur ein Tropfen am Eimer. Und da die Cottages nur 40 Jahre
durchschnittlich dauern, so müssen nach 40 Jahren jedes Jahr die
flüssigen 50 000 oder 100 000 Pfund dazu verwandt werden, die
verfallenen ältesten Cottages wieder zu ersetzen. Dies nennt Herr
Sax, Seite 203 : das Prinzip praktisch richtig und "auch in unbe-
schränktem Maß" durchführen! Und mit diesem Eingeständnis, daß
der Staat, selbst in England, "in unbeschränktem Maß", so gut wie
gar nichts geleistet hat, schließt Herr Sax sein Buch, nur noch
eine erneute Moralpredigt an alle Beteiligten vom Stapel las-
send.*
Daß der heutige Staat der Wohnungsplage weder abhelfen kann noch
will, ist sonnenklar. Der Staat ist nichts als die organisierte
Gesamtmacht der besitzenden Klassen, der Grundbesitzer und Kapi-
talisten gegenüber
---
*) Neuerdings wird in den englischen Parlamentsakten, welche den
Londoner Baubehörden das Recht der Expropriation behufs Neuanlage
von Straßen erteilen, einigermaßen Rücksicht genommen auf die so
an die Luft gesetzten Arbeiter. Es wird die Bestimmung einge-
schaltet, daß die neu zu errichtenden Gebäude zur Aufnahme der
bisher an dieser Stelle wohnenden Bevölkerungsklassen geeignet
sein müssen. Man baut also große fünf- bis sechsstöckige Mietska-
sernen für Arbeiter auf die geringwertigsten Baustellen und ge-
nügt so dem Buchstaben des Gesetzes. Wie sich diese, den Arbei-
tern ganz ungewohnte und inmitten der alten Londoner Verhältnisse
durchaus fremdartige Einrichtung bewähren wird, bleibt abzuwar-
ten. Im besten Fall wird aber hier kaum ein Viertel der wirklich
durch die Neuanlage vertriebnen Arbeiter untergebracht. [Anmer-
kung von Engels zur Ausgabe von 1887.]
#258# Friedrich Engels
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den ausgebeuteten Klassen, den Bauern und Arbeitern. Was die ein-
zelnen Kapitalisten (und diese kommen hier allein in Frage, da in
dieser Sache auch der beteiligte Grundbesitzer zunächst in seiner
Eigenschaft als Kapitalist auftritt) nicht wollen, das will auch
ihr Staat nicht. Wenn also die einzelnen Kapitalisten die Woh-
nungsnot zwar beklagen, aber kaum zu bewegen sind, ihre erschrec-
kendsten Konsequenzen oberflächlich zu vertuschen, so wird der
Gesamfkapitalist, der Staat, auch nicht viel mehr tun. Er wird
höchstens dafür sorgen, daß der einmal üblich gewordene Grad
oberflächlicher Vertuschung überall gleichmäßig durchgeführt
wird. Und wir haben gesehen, daß dies der Fall ist.
Aber, kann man einwenden, in Deutschland herrschen die Bourgeois
noch nicht, in Deutschland ist der Staat noch eine, in gewissem
Grade unabhängig über der Gesellschaft schwebende Macht, die eben
deshalb die Gesamtinteressen der Gesellschaft repräsentiert und
nicht die einer einzelnen Klasse. Ein solcher Staat kann aller-
dings manches, was ein Bourgeoisstaat nicht kann; von ihm darf
man auch auf sozialem Gebiet ganz andere Dinge erwarten.
Das ist die Sprache der Reaktionäre. In Wirklichkeit aber ist
auch in Deutschland der Staat, wie er besteht, das notwendige
Produkt der gesellschaftlichen Unterlage, aus der er herausge-
wachsen ist. In Preußen - und Preußen ist jetzt maßgebend - be-
steht neben einem immer noch starken, großgrundbesitzenden Adel
eine verhältnismäßig junge und namentlich sehr feige Bourgeoisie,
die sich bisher weder die direkte politische Herrschaft, wie in
Frankreich, noch die mehr oder weniger indirekte, wie in England,
erkämpft hat. Neben beiden Klassen aber besteht ein sich rasch
vermehrendes, intellektuell sehr entwickeltes und sich täglich
mehr und mehr organisierendes Proletariat. Wir finden also hier
neben der Grundbedingung der alten absoluten Monarchie: dem
Gleichgewicht zwischen Grundadel und Bourgeoisie, die Grundbedin-
gung des modernen Bonapartismus: das Gleichgewicht zwischen Bour-
geoisie und Proletariat. Sowohl in der alten absoluten, wie in
der modernen bonapartistischen Monarchie aber liegt die wirkliche
Regierungsgewalt in den Händen einer besondern Offiziers- und Be-
amtenkaste, die sich in Preußen teils aus sich selbst, teils aus
dem kleinen Majoratsadel, seltener aus dem großen Adel, zum
geringsten Teil aus der Bourgeoisie ergänzt. Die Selbständigkeit
dieser Kaste, die außerhalb und sozusagen über der Gesellschaft
zu stehen scheint, gibt dem Staat den Schein der Selbständigkeit
gegenüber der Gesellschaft.
Die Staatsform, welche sich in Preußen (und nach seinem Vorgang
in der neuen Reichsverfassung Deutschlands) aus diesen wider-
spruchsvollen
#259# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
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gesellschaftlichen Zuständen mit notwendiger Konsequenz entwic-
kelt hat, ist der Scheinkonstitulionalismus; eine Form, die
sowohl die heutige Auflösungsform der alten absoluten Monarchie,
wie die Existenzform der bonapartistischen Monarchie ist. In
Preußen verdeckte und vermittelte der Scheinkonstitutionalismus
von 1848 bis 1866 nur die langsame Verwesung der absoluten Monar-
chie. Seit 1866 und namentlich seit 1870 aber geht die Umwälzung
der gesellschaftlichen Zustände und damit die Auflösung des alten
Staats vor aller Augen und auf kolossal wachsender Stufenleiter
vor sich. Die rasche Entwicklung der Industrie und namentlich des
Börsenschwindels hat alle herrschenden Klassen in den Strudel der
Spekulation hineingerissen. Die 1870 aus Frankreich importierte
Korruption im großen entwickelt sich mit unerhörter Schnellig-
keit. Strousberg und Péreire ziehen den Hut voreinander. Mini-
ster, Generale, Fürsten und Grafen machen in Aktien trotz der ge-
riebensten Börsenjuden, und der Staat erkennt ihre Gleichheit an,
indem er die Börsenjuden massenweise baronisiert. Der Landadel,
seit langem als Rübenzuckerfabrikant und Branntweinbrenner indu-
striell, hat die alten soliden Zeiten längst hinter sich und
schwellt mit seinen Namen die Listen der Direktoren aller soliden
und unsoliden Aktiengesellschaften. Die Bürokratie verachtet mehr
und mehr den Kassendefekt als einziges Mittel der Gehaltsaufbes-
serung; sie läßt den Staat laufen und macht Jagd auf die weit
einträglicheren Posten in der Verwaltung industrieller Unterneh-
mungen; die noch im Amt bleiben, folgen dem Beispiel ihrer Vorge-
setzten, spekulieren in Aktien oder lassen sich bei Eisenbahnen
usw. "beteiligen". Man ist sogar berechtigt anzunehmen, daß auch
die Lieutenants in mancher Spekulation ihr Händchen haben. Kurz,
die Zersetzung aller Elemente des alten Staats, der Übergang der
absoluten Monarchie in die bonapartistische ist in vollem Gang,
und mit der nächsten großen Handels- und Industriekrisis bricht
nicht nur der gegenwärtige Schwindel, sondern auch der alte preu-
ßische Staat zusammen. *)
Und dieser Staat, dessen nichtbürgerliche Elemente sich täglich
mehr verbürgern, soll "die soziale Frage" lösen oder auch nur die
Wohnungsfrage? Im Gegenteil. In allen ökonomischen Fragen ver-
fällt der preußische Staat mehr und mehr der Bourgeoisie; und
wenn die Gesetzgebung seit 1866 auf ökonomischem Gebiet nicht
noch mehr den Interessen der Bourgeoisie
---
*) Was auch heute, 1886, noch den preußischen Staat und seine
Grundlage, die in den Schutzzöllen besiegelte Allianz von Groß-
grundbesitz und industriellem Kapital zusammenhält, ist lediglich
die Angst vor dem seit 1872 riesig an Zahl und Klassenbewußtsein
gewachsenen Proletariat, [Anmerkung von Engels zur Ausgabe von
1887.]
#260# Friedrich Engels
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angepaßt worden ist, als dies geschehen, an wem liegt die Schuld?
Hauptsächlich an der Bourgeoisie selbst, die erstens zu feig ist,
um ihre Forderungen energisch zu vertreten, und die zweitens sich
gegen jede Konzession sträubt, sobald diese Konzession gleichzei-
tig dem drohenden Proletariat neue Waffen in die Hand gibt. Und
wenn die Staatsgewalt, d.h. Bismarck, sich ein eignes Leibprole-
tariat zu organisieren versucht, um damit die politische Tätig-
keit der Bourgeoisie im Zaume zu halten, was ist das anders, als
ein notwendiges und wohlbekanntes bonapartistisches Mittelchen,
das gegenüber den Arbeitern zu nichts verpflichtet, als zu eini-
gen wohlwollenden Redensarten und höchstens zu einem Minimum von
Staatshülfe bei Baugesellschaften à la Louis Bonaparte?
Der beste Beweis dafür, was die Arbeiter vom preußischen Staat zu
erwarten haben, liegt in der Verwendung der französischen Milli-
arden [226], die der Selbständigkeit der preußischen Staatsma-
schine, gegenüber der Gesellschaft, eine neue, kurze Galgenfrist
gegeben. Ist auch nur ein Taler dieser Milliarden verwandt wor-
den, um die auf die Straße geworfenen Berliner Arbeiterfamilien
unter Dach zu bringen? Im Gegenteil. Als der Herbst herangekom-
men, ließ der Staat selbst die paar elenden Baracken einreißen,
die ihnen im Sommer als Notdach gedient hatten. Die fünf Milliar-
den gehn flott genug den Weg alles Fleisches, in Festungen, Kano-
nen und Soldaten; und trotz Wagner [227] von Dummerwitz, trotz
Stieberkonferenzen mit Östreich [228], wird den deutschen Arbei-
tern von den Milliarden noch nicht so viel zugewandt werden, als
Louis Bonaparte den französischen zuwandte von den Millionen, die
er Frankreich gestohlen.
III
In Wirklichkeit hat die Bourgeoisie nur eine Methode, die
Wohnungsfrage in ihrer Art zu lösen - das heißt, sie so zu lösen,
daß die Lösung die Frage immer wieder von neuem erzeugt. Diese
Methode heißt: "Haussmann".
Ich verstehe hier unter "Haussmann" nicht bloß die spezifisch-bo-
napartistische Manier des Pariser Haussmann, lange, gerade und
breite Straßen mitten durch die enggebauten Arbeiterviertel zu
brechen und sie mit großen Luxusgebäuden an beiden Seiten einzu-
fassen, wobei neben dem strategischen Zweck der Erschwerung des
Barrikadenkampfes noch die Heranbildung eines von der Regierung
abhängigen, spezifisch-bonapartistischen Bauproletariats und die
Verwandlung der Stadt in eine reine Luxusstadt
#261# Zur Wohnungsfrage -·Zweiter Abschnitt
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beabsichtigt war. Ich verstehe unter "Haussmann" die allgemein
gewordene Praxis des Breschelegens in die Arbeiterbezirke, beson-
ders die zentral gelegenen unserer großen Städte, ob diese nun
durch Rücksichten der öffentlichen Gesundheit und der Verschöne-
rung oder durch Nachfrage nach großen zentral gelegenen Ge-
schäftslokalen oder durch Verkehrsbedürfnisse, wie Eisenbahnanla-
gen, Straßen usw., veranlaßt worden. Das Resultat ist überall
dasselbe, mag der Anlaß noch so verschieden sein: die skandalöse-
sten Gassen und Gäßchen verschwinden unter großer Selbstverherr-
lichung der Bourgeoisie von wegen dieses ungeheuren Erfolges,
aber - sie erstehn anderswo sofort wieder und oft in der unmit-
telbaren Nachbarschaft.
In der "Lage der arbeitenden Klasse in England" gab ich eine
Schilderung von Manchester, wie es 1843 und 1844 aussah. 1*)
Seitdem sind durch Eisenbahnen, die mitten durch die Stadt gehn,
durch Anlegung neuer Straßen, durch Errichtung von großen öffent-
lichen und Privatgebäuden manche der schlimmsten, dort beschrie-
benen Distrikte durchbrochen, bloßgelegt und verbessert worden,
andre ganz beseitigt; obwohl noch viele - abgesehn von der seit-
her schärfer gewordenen gesundheitspolizeilichen Aufsicht - in
demselben oder gar in schlimmerem baulichen Zustand sich befinden
als damals. Dafür aber sind, dank der enormen Ausdehnung der
Stadt, deren Bevölkerung seitdem um mehr als die Hälfte gewach-
sen, Bezirke, die damals noch luftig und reinlich waren, jetzt
ebenso verbaut, ebenso schmutzig und überfüllt mit Menschen, wie
damals die verrufensten Stadtteile. Hier nur ein Beispiel: In
meinem Buch schilderte ich Seite 80 und folgende 2*) eine in der
Talsohle des Flusses Medlock gelegene Häusergruppe, die unter dem
Namen Klein-Irland (Little Ireland) schon seit Jahren den Schand-
fleck von Manchester gebildet hatte. Klein-Irland ist lange ver-
schwunden; an seiner Stelle erhebt sich jetzt, auf hohem Unterbau
ein Bahnhof; die Bourgeoisie wies prunkend auf die glückliche,
endgültige Beseitigung von Klein-Irland hin, wie auf einen großen
Triumph. Nun erfolgt im verflossenen Sommer eine gewaltige Über-
schwemmung, wie denn überhaupt die eingedämmten Flüsse in unsern
großen Städten aus leicht erklärlichen Ursachen von Jahr zu Jahr
größere Überschwemmungen veranlassen. Da findet sich denn, daß
Klein-Irland keineswegs beseitigt, sondern bloß von der Südseite
von Oxford Road nach der Nordseite verlegt ist und noch immer
floriert. Hören wir die "Manchester Weekly Times" vom 20. Juli
1872, das Organ der radikalen Bourgeois von Manchester:
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1*) Siehe Band 2 unserer Ausgabe, S. 291 ff. - 2*) ebenda, S. 292
ff.
#262# Friedrich Engels
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"Das Unglück, das die Bewohner der Talniederung des Medlock am
vorigen Samstag überfiel, wird hoffentlich eine gute Folge haben:
daß die öffentliche Aufmerksamkeit gelenkt wird auf die hand-
greifliche Verspottung aller Gesetze der Gesundheitspflege, die
nun schon so lange vor der Nase der städtischen Beamten und des
städtischen Gesundheits-Ausschusses dort geduldet worden. Ein
derber Artikel in unserer gestrigen täglichen Ausgabe hat, nur
noch zu schwach, den schmählichen Zustand einiger der Kellerwoh-
nungen bei Charles Street und Brook Street enthüllt, die von der
Überschwemmung erreicht wurden. Eine genaue Untersuchung eines
der in jenem Artikel genannten Höfe befähigt uns, alle dort ge-
machten Angaben zu bestätigen und zu erklären, daß die Kellerwoh-
nungen in diesem Hof längst hätten geschlossen werden sollen:
richtiger, man hätte sie nie als menschliche Wohnungen dulden
sollen. Squire's Court wird von sieben oder acht Wohnhäusern an
der Ecke von Charles Street und Brook Street gebildet, über die
der Wanderer, selbst an der niedrigsten Stelle von Brook Street,
unter dem Eisenbahnbogen, Tag für Tag hinweggehen kann, ohne zu
ahnen, daß menschliche Wesen in der Tiefe unter ihm in Höhlen
wohnen. Der Hof ist dem öffentlichen Blick verborgen, nur zugäng-
lich denen, die das Elend zwingt, in seiner grabähnlichen Abge-
schlossenheit ein Unterkommen zu suchen. Selbst wenn die meist
stockenden, zwischen Wehren eingedämmten Gewässer des Medlock ih-
ren gewöhnlichen Stand nicht überschreiten, kann der Fußboden
dieser Wohnungen nur einige Zoll über ihrem Spiegel sein: jeder
tüchtige Regenschauer ist imstande, ekelhaft fauliges Wasser aus
den Versenklöchern oder Abzugsröhren in die Höhe zu treiben und
die Wohnungen mit den Pestgasen zu vergiften, welche jedes
Überschwemmungswasser zum Andenken hinterläßt... Squire's Court
liegt noch tiefer als die unbewohnten Keller der an Brook Street
stehenden Häuser... zwanzig Fuß niedriger als die Straße, und das
verpestete Wasser, das aus den Versenklöchern am Samstag emporge-
trieben wurde, reichte bis an die Dächer. Wir wußten dies und er-
warteten daher, den Hof unbewohnt oder nur von den Beamten des
Gesundheits-Ausschusses besetzt zu finden, um die stinkenden
Wände abzuwaschen und zu desinfizieren. Statt dessen sahen wir
einen Mann, beschäftigt in der Kellerwohnung eines Barbiers...
einen Haufen faulenden Unrats, der in einer Ecke lag, auf eine
Schubkarre zu schaufeln. Der Barbier, dessen Keller schon ziem-
lich ausgefegt war, schickte uns noch tiefer hinab zu einer Reihe
von Wohnungen, von denen er sagte: wenn er schreiben könnte,
würde er an die Presse schreiben und auf ihrer Schließung be-
stehn. So kamen wir endlich nach Squire's Court, wo wir eine
hübsche, gesund aussehende Irländerin fanden, die alle Hände voll
mit der Wäsche zu tun hatte. Sie und ihr Mann, ein Privat-Nacht-
wächter, hatten seit 6 Jahren in dem Hof gewohnt, sie hatten eine
zahlreiche Familie... In dem Hause, das sie eben verlassen hat-
ten, war die Flut bis dicht ans Dach gestiegen, die Fenster waren
zerbrochen, die Möbel ein Trümmerhaufen. Der Bewohner, sagte er,
habe das Haus nur dadurch in erträglichem Geruchszustand halten
können, daß er es alle zwei Monate mit Kalk weißte... Im inneren
Hof, wohin unser Berichterstatter jetzt erst vordrang, fand er
drei Häuser, mit der Rückmauer an die eben beschriebenen ange-
baut, wovon zwei bewohnt waren. Der Gestank war dort so abscheu-
lich, daß der gesundeste Mensch nach ein paar Minuten seekrank
werden mußte... Dies widerwärtige Loch war
#263# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
-----
bewohnt von einer Familie von sieben Personen, die am Donnersta-
gabend (dem Tag der ersten Überschwemmung) alle im Hause geschla-
fen hatten. Oder vielmehr, wie die Frau sich verbesserte, nicht
geschlafen, denn sie und ihr Mann hatten von dem Gestank den
größten Teil der Nacht durch sich erbrochen. Am Samstag mußten
sie, bis an die Brust durchs Wasser watend, ihre Kinder hinaus-
tragen. Sie war auch der Ansicht, das Loch sei für ein Schwein zu
schlecht, aber wegen der wohlfeilen Miete - 1 1/2 Schilling (15
Groschen) die Woche - hätte sie es genommen, da ihr Mann wegen
Krankheit die letzte Zeit oft verdienstlos gewesen. Der Eindruck,
den dieser Hof und die in ihm wie in ein verfrühtes Grab eingep-
ferchten Bewohner machen, ist der der äußersten Hülflosigkeit.
Wir müssen übrigens sagen, daß nach gemachten Beobachtungen
Squire's Court nur ein Abbild - vielleicht ein übertriebenes -
mancher andrer Lokalitäten jener Gegend ist, deren Existenz unser
Gesundheits-Ausschuß nicht verantworten kann. Und wenn man ge-
stattet, daß diese Lokalitäten fernerhin bewohnt werden, so ladet
der Ausschuß eine Verantwortlichkeit und die Nachbarschaft eine
Gefahr ansteckender Epidemien auf sich, deren Gewicht wir nicht
weiter untersuchen wollen."
Dies ist ein schlagendes Exempel, wie die Bourgeoisie die
Wohnungsfrage in der Praxis löst. Die Brutstätten der Seuchen,
die infamsten Höhlen und Löcher, worin die kapitalistische Pro-
duktionsweise unsre Arbeiter Nacht für Nacht einsperrt, sie
werden nicht beseitigt, sie werden nur - verlegt! Dieselbe ökono-
mische Notwendigkeit, die sie am ersten Ort erzeugte, erzeugt sie
auch am zweiten. Und solange die kapitalistische Produktionsweise
besteht, solange ist es Torheit, die Wohnungsfrage oder irgend-
eine andre das Geschick der Arbeiter betreffende gesellschaft-
liche Frage einzeln lösen zu wollen. Die Lösung liegt aber in der
Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, in der Aneig-
nung aller Lebens- und Arbeitsmittel durch die Arbeiterklasse
selbst.
#264#
-----
Dritter Abschnitt
Nachtrag über Proudhon und die Wohnungsfrage
I
In Nr. 86 des "Volksstaats" gibt sich A. Mülberger als Verfasser
der von mir in Nr. 51 u. folg. d. Bl. kritisierten Artikel 1*) zu
erkennen. Er überhäuft mich in seiner Antwort mit einer solchen
Reihe von Vorwürfen und verrückt dabei so sehr alle Gesichts-
punkte, um die es sich handelt, daß ich wohl oder übel darauf er-
widern muß. Ich will versuchen, meiner Entgegnung, die sich zu
meinem Bedauern großenteils auf dem von Mülberger mir vorge-
schriebnen Gebiet der persönlichen Polemik bewegen muß, ein all-
gemeines Interesse dadurch zu geben, daß ich die Punkte, auf die
es hauptsächlich ankommt, nochmals und womöglich deutlicher als
vorher entwickle, selbst auf die Gefahr hin, von Mülberger aber-
mals bedeutet zu werden, daß alles dies "im wesentlichen nichts
Neues, weder für ihn noch die sonstigen Leser des 'Volksstaat'
enthält".
Mülberger beklagt sich über Form und Inhalt meiner Kritik. Was
die Form angeht, so genügt es zu erwidern, daß ich zu jener Zeit
gar nicht wußte, von wem die betreffenden Artikel herrührten. Von
einer persönlichen "Voreingenommenheit" gegen den Verfasser
konnte also keine Rede sein; gegen die in den Artikeln entwic-
kelte Lösung der Wohnungsfrage war ich allerdings insoweit
"voreingenommen", als sie mir aus Proudhon längst bekannt war und
meine Ansicht darüber feststand.
Über den "Ton" meiner Kritik will ich mit Freund Mülberger nicht
streiten. Wenn man so lange in der Bewegung gewesen wie ich, be-
kommt man eine ziemlich harte Haut gegen Angriffe und setzt eine
solche daher auch leicht bei andern voraus. Um Mülberger zu ent-
schädigen, will ich
-----
1*) Siehe vorl. Band, S. 209-232
#265# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
-----
diesmal versuchen, meinen "Ton" mit der Empfindlichkeit seiner
Epidermis (Oberhaut) in ein richtiges Verhältnis zu bringen.
Mülberger beklagt sich besonders bitter darüber, daß ich ihn
einen Proudhonisten genannt, und beteuert, er sei keiner. Ich muß
ihm natürlich glauben, Werde aber den Beweis führen, daß die be-
treffenden Artikel - und mit ihnen allein hatte ich zu tun -
nichts enthalten als puren Proudhonismus.
Aber auch Proudhon kritisiere ich, nach Mülberger, "leichtfertig"
und tue ihm schweres Unrecht:
"Die Lehre vom Kleinbürger Proudhon ist bei uns in Deutschland
ein stehendes Dogma geworden, das sogar viele verkünden, ohne
auch nur eine Zeile von ihm gelesen zu haben."
Wenn ich bedaure, daß die romanisch redenden Arbeiter seit zwan-
zig Jahren keine andre Geistesnahrung haben als die Werke Proud-
hons, so antwortet Mülberger, daß bei den romanischen Arbeitern
"die Prinzipien, wie sie von Proudhon formuliert sind, fast al-
lenthalben die treibende Seele der Bewegung bilden". Dies muß ich
ableugnen. Erstens liegt die "treibende Seele" der Arbeiterbewe-
gung nirgendswo in den "Prinzipien", sondern überall in der Ent-
wicklung der großen Industrie und deren Wirkungen, der Akkumula-
tion und Konzentration des Kapitals auf der einen und des Prole-
tariats auf der andern Seite. Zweitens ist es nicht richtig, daß
die Proudhonschen sogenannten "Prinzipien" bei den Romanen die
entscheidende Rolle spielen, die Mülberger ihnen zuschreibt; daß
"die Prinzipien der Anarchie, der Organisation des forces écono-
miques, der liquidation sociale 1*) usw. dort... die wahrhaften
Träger der revolutionären Bewegung geworden sind". Von Spanien
und Italien gar nicht zu reden, wo die proudhonistischen Aller-
weltsheilmittel nur in der durch Bakunin weiter verballhornten
Gestalt irgendwelchen Einfluß gewonnen haben, ist es für jeden,
der die internationale Arbeiterbewegung kennt, notorische Tatsa-
che, daß in Frankreich die Proudhonisten eine wenig zahlreiche
Sekte bilden, während die Masse der Arbeiter von dem unter dem
Titel "Liquidation sociale und Organisation des forces économi-
ques" von Proudhon entworfnen gesellschaftlichen Reformplan
nichts wissen will. Es hat sich das u.a. unter der Kommune ge-
zeigt. Obwohl die Proudhonisten stark in ihr vertreten waren,
wurde doch nicht der geringste Versuch gemacht, nach Proudhons
Vorschlägen die alte Gesellschaft zu liquidieren oder die ökono-
mischen Kräfte zu organisieren.
-----
1*) Organisation der ökonomischen Kräfte, der gesellschaftlichen
Liquidation
#266# Friedrich Engels
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Im Gegenteil. Es gereicht der Kommune zur höchsten Ehre, daß bei
allen ihren ökonomischen Maßregeln nicht irgendwelche Prinzipien
ihre "treibende Seele" bildeten, sondern - das einfache prakti-
sche Bedürfnis. Und deshalb waren diese Maßregeln - die Abschaf-
fung der Nachtarbeit der Bäcker, das Verbot der Geldstrafen in
Fabriken, die Konfiskation stillgesetzter Fabriken und Werkstät-
ten und ihre Überlassung an Arbeiter-Assoziationen - durchaus
nicht im Geist Proudhons, wohl aber in dem des deutschen wissen-
schaftlichen Sozialismus. Die einzige soziale Maßregel, die die
Proudhonisten durchsetzten, war - die Bank von Frankreich nicht
mit Beschlag zu legen, und zum Teil daran ging die Kommune zu-
grunde. Ebenso haben die sogenannten Blanquisten, sobald sie den
Versuch machten, sich aus bloß politischen Revolutionären in eine
sozialistische Arbeiterfraktion mit bestimmtem Programm zu ver-
wandeln - wie dies in dem von den blanquistischen Flüchtlingen in
London in ihrem Manifest: "Internationale et Révolution" geschehn
ist -, nicht die "Prinzipien" des Proudhonschen Plans der Gesell-
schaftsrettung proklamiert, wohl aber, und zwar fast buchstäb-
lich, die Anschauungen des deutschen wissenschaftlichen So-
zialismus von der Notwendigkeit der politischen Aktion des Prole-
tariats und seiner Diktatur als Übergang zur Abschaffung der
Klassen und, mit ihnen, des Staats - wie solche bereits im
"Kommunistischen Manifest" 1*) und seitdem unzählige Male ausge-
sprochen worden. Und wenn Mülberger gar aus der Mißachtung Proud-
hons bei den Deutschen einen Mangel an Verständnis der romani-
schen Bewegung "bis zur Kommune von Paris" herleitet, so möge er
zum Beweis dieses Mangels diejenige romanische Schrift nennen,
die die Kommune nur annähernd so richtig verstanden und darge-
stellt hat wie die "Adresse des Generalrats der Internationalen
über den Bürgerkrieg in Frankreich" 2*), geschrieben von dem
Deutschen Marx.
Das einzige Land, wo die Arbeiterbewegung direkt unter dem Ein-
fluß der Proudhonschen "Prinzipien" steht, ist Belgien, und die
belgische Bewegung kommt eben deswegen auch, wie Hegel sagt, "von
nichts durch nichts zu nichts".
Wenn ich es für ein Unglück halte, daß die romanischen Arbeiter,
direkt oder indirekt, seit zwanzig Jahren geistig nur von Proud-
hon zehrten, so finde ich dies nicht in der durchaus mythischen
Herrschaft des Proudhonschen Reformrezepts - was Mülberger die
"Prinzipien" nennt -, sondern darin, daß ihre ökonomische Kritik
der bestehenden Gesellschaft von den durchaus
-----
1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe - 2*) siehe Band 17 unserer Aus-
gabe, S. 313-365
#267# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
-----
aus falschen Proudhonschen Wendungen infiziert und ihre politi-
sche Aktion durch proudhonistischen Einfluß verhunzt wurde. Ob
danach die "verproudhonisierten romanischen Arbeiter" oder die
deutschen, die jedenfalls den wissenschaftlichen deutschen Sozia-
lismus unendlich besser begreifen als die Romanen ihren Proudhon,
"mehr in der Revolution stehn", werden wir beantworten können,
wenn wir erst wissen, was das heißt: "in der Revolution stehn".
Man hat reden gehört von Leuten, die "im Christentum, im wahren
Glauben, in der Gnade Gottes stehn" usw. Aber in der Revolution,
in der gewaltsamsten Bewegung "stehn"? Ist denn "die Revolution"
eine dogmatische Religion, an die man glauben muß?
Ferner wirft mir Mülberger vor, ich habe, gegen die ausdrückli-
chen Worte seiner Arbeit, behauptet, er erkläre die Wohnungsfrage
für eine ausschließliche Arbeiterfrage.
Diesmal hat Mülberger in der Tat recht. Ich hatte die betreffende
Stelle übersehn. Unverantwortlicherweise übersehn, denn sie ist
eine der bezeichnendsten für die ganze Tendenz seiner Abhandlung.
Mülberger sagt wirklich mit dürren Worten:
"Da uns so oft und viel der lächerliche Vorwurf gemacht wird, wir
treiben Klassen-Politik, wir streben eine Klassenherrschaft an
u.dgl. mehr, so betonen wir zunächst und ausdrücklich, daß die
Wohnungsfrage keineswegs ausschließlich das Proletariat betrifft,
sondern im Gegenteil - sie interessiert in ganz hervorragender
Weise den eigentlichen Mittelstand, das Kleingewerbe, die kleine
Bourgeoisie, die gesamte Bürokratie... die Wohnungsfrage ist ge-
rade derjenige Punkt der sozialen Reformen, welche mehr als alle
andern geeignet erscheint, die absolute innere Identität der In-
teressen des Proletariats einerseits und der eigentlichen Mittel-
klassen der Gesellschaft andrerseits aufzudecken. Die Mittelklas-
sen leiden ebenso stark, vielleicht noch stärker unter der drüc-
kenden Fessel der Mietwohnung als das Proletariat... Die eigent-
lichen Mittelklassen der Gesellschaft stehen heute vor der Frage,
ob sie... die Kraft finden werden... im Bunde mit der jugendkräf-
tigen und energievollen Arbeiterpartei in den Umgestaltungsprozeß
der Gesellschaft einzugreifen, dessen Segnungen gerade ihnen vor
allen zugute kommen werden."
Freund Mülberger konstatiert hier also folgendes:
1. "Wir" treiben keine "Klassenpolitik" und streben nach keiner -
Klassenherrschaft ". Die deutsche Sozialdemokratische Arbeiter-
partei, eben weil sie eine Arbeiterpartei ist, treibt indes not-
wendigerweise "Klassenpolitik", die Politik der Arbeiterklasse.
Da jede politische Partei darauf ausgeht, die Herrschaft im Staat
zu erobern, so strebt die deutsche Sozialdemokratische Arbeiter-
partei notwendig ihre Herrschaft, die Herrschaft der Arbeiter-
klasse, also eine "Klassenherrschaft" an. Übrigens hat jede wirk-
liche proletarische Partei, von den englischen Chartisten [229]
an, immer die
#268# Friedrich Engels
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Klassenpolitik, die Organisation des Proletariats als selbstän-
dige politische Partei, als erste Bedingung, und die Diktatur des
Proletariats als nächstes Ziel des Kampfes hingestellt. Indem
Mülberger dies für "lächerlich" erklärt, stellt er sich außerhalb
der proletarischen Bewegung und innerhalb des kleinbürgerlichen
Sozialismus.
2. Die Wohnungsfrage hat den Vorzug, daß sie keine ausschließli-
che Arbeiterfrage ist, sondern das Kleinbürgertum "in ganz her-
vorragender Weise interessiert", indem die "eigentlichen Mittel-
klassen ebenso stark, vielleicht noch stärker" unter ihr leiden
als das Proletariat. Wenn jemand erklärt, das Kleinbürgertum
leide, auch nur in einer einzigen Beziehung, "vielleicht noch
stärker als das Proletariat", so wird er sich sicher nicht be-
klagen können, wenn man ihn unter die kleinbürgerlichen Soziali-
sten rechnet. Hat Mülberger also Grund zur Unzufriedenheit, wenn
ich sage:
"Es sind vorzugsweise diese der Arbeiterklasse mit andern Klas-
sen, namentlich dem Kleinbürgertum, gemeinsamen Leiden, mit denen
sich der kleinbürgerliche Sozialismus, zu dem auch Proudhon ge-
hört, mit Vorliebe beschäftigt. Und so ist es durchaus nicht zu-
fällig, daß unser deutscher Proudhonist sich vor allem der Woh-
nungsfrage, die, wie wir gesehn haben, keineswegs eine aus-
schließliche Arbeiterfrage ist, bemächtigt." 1*)
3. Zwischen den Interessen der "eigentlichen Mittelklassen der
Gesellschaft" und denen des Proletariats besteht "absolute innere
Identität", und es ist nicht das Proletariat, sondern [es sind]
diese eigentlichen Mittelklassen, denen die "Segnungen" des be-
vorstehenden Umgestaltungsprozesses der Gesellschaft "gerade vor
allen zugute kommen werden".
Die Arbeiter werden also die bevorstehende soziale Revolution
"gerade vor allen" im Interesse der Kleinbürger machen. Und fer-
ner besteht eine absolute innere Identität der Interessen der
Kleinbürger mit denen des Proletariats. Sind die Interessen der
Kleinbürger mit denen der Arbeiter innerlich identisch, so die
der Arbeiter mit denen der Kleinbürger. Der kleinbürgerliche
Standpunkt ist also in der Bewegung ebenso berechtigt wie der
proletarische. Und die Behauptung dieser Gleichberechtigung ist
eben, was man kleinbürgerlichen Sozialismus nennt.
Es ist daher auch ganz konsequent, wenn Mülberger S. 25 des
Separatabdrucks [230] das "Kleingewerbe" als den "eigentlichen
Strebepfeiler der Gesellschaft" feiert, "weil es seiner eigentli-
chen Anlage nach die drei Faktoren: Arbeit - Erwerb - Besitz in
sich vereinigt, weil es in der Vereinigung, dieser drei Faktoren
der Entwicklungsfähigkeit des Individuums keinerlei
-----
1*) Siehe vorl. Band, S. 215
#269# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
-----
Schranke gegenüberstellt"; und wenn er der modernen Industrie
namentlich vorwirft, daß sie diese Pflanzschule von Normalmen-
schen vernichtet und "aus einer lebenskräftigen, sich immer wie-
der neu erzeugenden Klasse einen bewußtlosen Haufen Menschen ge-
macht hat, der nicht weiß, wohin er seinen angstvollen Blick wen-
den soll". Der Kleinbürger ist also Mülbergers Mustermensch und
das Kleingewerbe Mülbergers Muster-Produktionsweise. Habe ich ihn
also verlästert, wenn ich ihn unter die kleinbürgerlichen Sozia-
listen verwies?
Da Mülberger jede Verantwortlichkeit für Proudhon ablehnt, so
wäre es überflüssig, hier weiter zu erörtern, wie Proudhons Re-
formpläne dahin abzielen, alle Glieder der Gesellschaft in Klein-
bürger und Kleinbauern zu verwandeln. Ebensowenig wird es nötig
sein, auf die angebliche Identität der Interessen der Kleinbürger
mit denen der Arbeiter einzugehn. Das Nötige findet sich bereits
im "Kommunistischen Manifest". (Leipziger Ausgabe 1872, S. 12 u.
21. 1*))
Das Resultat unsrer Untersuchung ist also das, daß neben die
"Sage vom Kleinbürger Proudhon" die Wirklichkeit vom Kleinbürger
Mülberger tritt.
II
Wir kommen jetzt auf einen Hauptpunkt. Ich warf den Mülberger-
schen Artikeln vor, daß sie nach Proudhonscher Manier ökonomische
Verhältnisse verfälschen durch Übersetzung in juristische Aus-
drucksweise. Als Beispiel dafür hob ich folgenden Mülbergerschen
Satz heraus:
"Das einmal gebaute Haus dient als ewiger Rechtstitel auf einen
bestimmten Bruchteil der gesellschaftlichen Arbeit, wenn auch der
wirkliche Wert des Hauses längst schon mehr als genügend in der
Form des Mietzinses an den Besitzer gezahlt wurde. So kommt es,
daß ein Haus, welches z.B. vor fünfzig Jahren gebaut wurde, wäh-
rend dieser Zeit in dem Ertrag seines Mietzinses zwei-, drei-,
fünf-, zehnmal usw. den ursprünglichen Kostenpreis deckte." 2*)
Mülberger beschwert sich nun:
"Diese einfache, nüchterne Konstatierung einer Tatsache veranlaßt
Engels, mir zu Gemüte zu führen, daß ich hätte erklären sollen,
wie das Haus 'Rechtstitel' wird - eine Sache, die ganz außerhalb
des Bereichs meiner Aufgabe lag... Ein anderes ist eine Schilde-
rung, ein anderes eine Erklärung. Wenn ich nach Proudhon sage,
das ökonomische Leben der Gesellschaft solle von einer Rechtsidee
durchdrungen sein, so schildere ich hiermit die heutige Gesell-
schaft als eine solche, in der zwar nicht jede Rechtsidee, aber
die Rechtsidee der Revolution fehlt, eine Tatsache, die Engels
selbst zugeben wird."
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1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 472 und 484/485 - 2*) vgl.
vorl. Band, S. 216/217
#270# Friedrich Engels
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Bleiben wir zunächst bei dem einmal gebauten Hause. Das Haus,
wenn vermietet, bringt seinem Erbauer Grundrente, Reparaturkosten
und Zins 1*) auf sein ausgelegtes Baukapital einschließlich des
darauf gemachten Profits 2*) in der Gestalt von Miete ein, und je
nach den Verhältnissen kann der nach und nach gezahlte Mietbetrag
zwei-, drei-, fünf-, zehnmal den ursprünglichen Kostenpreis aus-
machen. Dies, Freund Mülberger, ist die "einfache, nüchterne Kon-
statierung" der "Tatsache", die eine ökonomische ist; und wenn
wir wissen wollen, wieso "es so kommt", daß sie existiert, so
müssen wir die Untersuchung auf ökonomischem Gebiet führen. Sehen
wir uns also die Tatsache etwas näher an, damit kein Kind sie
weiter mißverstehen könne. Der Verkauf einer Ware besteht be-
kanntlich darin, daß der Besitzer ihren Gebrauchswert weggibt und
ihren Tauschwert einsteckt. Die Gebrauchswerte der Waren unter-
scheiden sich unter anderem auch darin, daß ihre Konsumtion ver-
schiedene Zeiträume erfordert. Ein Laib Brot wird in einem Tage
verzehrt, ein Paar Hosen in einem Jahr verschlissen, ein Haus
meinetwegen in hundert Jahren. Bei Waren von langer Ver-
schleißdauer tritt also die Möglichkeit ein, den Gebrauchswert
stückweise, jedesmal auf bestimmte Zeit, zu verkaufen, d.h. ihn
zu vermieten. Der stückweise Verkauf realisiert also den Tausch-
wert nur nach und nach; für diesen Verzicht auf sofortige Rück-
zahlung des vorgeschossenen Kapitals und des darauf erworbenen
Profits wird der Verkäufer entschädigt durch einen Preis-
aufschlag, eine Verzinsung, deren Höhe durch die Gesetze der po-
litischen Ökonomie, durchaus nicht willkürlich, bestimmt wird. Am
Ende der hundert Jahre ist das Haus aufgebraucht, verschlissen,
unbewohnbar geworden. Wenn wir dann von dem gezahlten Gesamtmiet-
betrag abziehen: 1. die Grundrente nebst der etwaigen Steigerung,
die sie während der Zeit erfahren, und 2. die ausgelegten laufen-
den Reparaturkosten, so werden wir finden, daß der Rest im Durch-
schnitt sich zusammensetzt: 1. aus dem ursprünglichen Baukapital
des Hauses, 2. aus dem Profit darauf, und 3. aus der Verzinsung
des nach und nach fällig gewordenen Kapitals und Profits 3*). Nun
hat zwar am Ende dieses Zeitraums der Mieter kein Haus, aber der
Hausbesitzer auch nicht. Dieser hat nur das Grundstück (wenn es
ihm nämlich gehört) und die darauf befindlichen Baumaterialien,
die aber kein Haus mehr sind. Und wenn das Haus inzwischen "fünf-
oder zehnmal den ursprünglichen Kostenpreis deckte", so werden
wir sehn, daß dies lediglich einem Aufschlag der Grundrente ge-
schuldet ist; wie dies niemanden ein
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1*) Im "Volksstaat": Profit - 2*) im "Volksstaat" fehlt: ein-
schließlich des darauf gemachten Profits - 3*) im "Volksstaat"
fehlt: und Profits
#271# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
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Geheimnis ist an Orten wie London, wo Grundbesitzer und Hausbe-
sitzer meist zwei verschiedene Personen sind. Solche kolossale
Mietsaufschläge kommen vor in rasch wachsenden Städten, aber
nicht in einem Ackerdorf, wo die Grundrente für Bauplätze fast
unverändert bleibt. Es ist ja notorische Tatsache, daß, abgesehn
von Steigerungen der Grundrente, die Hausmiete dem Hausbesitzer
durchschnittlich nicht über 7 p.c. des angelegten Kapitals (inkl.
Profits) jährlich einbringt, woraus dann noch Reparaturkosten
etc. zu bestreiten sind. Kurz, der Mietvertrag ist ein ganz ge-
wöhnliches Warengeschäft, das für den Arbeiter theoretisch nicht
mehr und nicht minder Interesse hat als jedes andere Warenge-
schäft, ausgenommen das, worin es sich um den Kauf und Verkauf
der Arbeitskraft handelt, während er ihm praktisch als eine der
tausend Formen der bürgerlichen Prellerei gegenübertritt, von
denen ich Seite 4 1*) des Separatabdrucks [231] spreche, die
aber auch, wie ich dort nachgewiesen, einer ökonomischen Regelung
unterworfen sind.
Mülberger dagegen sieht im Mietvertrag nichts als reine "Willkür"
(S. 19 des Separatabdrucks), und wenn ich ihm das Gegenteil be-
weise, so beklagt er sich, ich sage ihm "lauter Dinge, die er
leider schon selbst gewußt".
Mit allen ökonomischen Untersuchungen über die Hausmiete kommen
wir aber nicht dahin, die Abschaffung der Mietwohnung zu verwan-
deln in "eine der fruchtbarsten und großartigsten Bestrebungen,
welche dem Schoß der revolutionären Idee entstammt". Um dies fer-
tigzubringen, müssen wir die einfache Tatsache aus der nüchternen
Ökonomie in die schon viel ideologischere Juristerei übersetzen.
"Das Haus dient als ewiger Rechtstitel" auf Hausmiete - "so kommt
es", daß der Wert des Hauses in Hausmiete zwei-, drei-, fünf-,
zehnmal gezahlt werden kann. Um zu erfahren, wie das "so kommt",
hilft uns der "Rechtstitel" keinen Zoll vom Fleck; und deswegen
sagte ich, Mülberger hätte erst durch Untersuchung, wie das Haus
Rechtstitel wird, erfahren können, wie das "so kommt". Dies er-
fahren wir erst, wenn wir, wie ich tat, die ökonomische Natur der
Hausmiete untersuchen, statt uns über den juristischen Ausdruck,
unter welchem die herrschende Klasse sie sanktioniert, zu erbo-
sen. - Wer ökonomische Schritte zur Abschaffung der Hausmiete
vorschlägt, der ist doch wohl verpflichtet, etwas mehr von der
Hausmiete zu wissen, als daß sie "den Tribut darstellt, den der
Mieter dem ewigen Rechte des Kapitals bezahlt". Darauf antwortet
Mülberger: "Ein anderes ist eine Schilderung, ein anderes eine
Erklärung."
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1*) Siehe vorl. Band, S. 214/215
#272# Friedrich Engels
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Wir haben also das Haus, obwohl es keineswegs ewig ist, in einen
ewigen Rechtstitel auf Hausmiete verwandelt. Wir finden, einerlei
wie das "so kommt", daß kraft dieses Rechtstitels das Haus seinen
Wert in der Gestalt von Hausmiete mehrfach einbringt. Wir sind,
durch die Übersetzung ins Juristische, glücklich so weit von der
Ökonomie entfernt, daß wir nur noch die Erscheinung sehen, daß
ein Haus sich in Brutto-Miete allmählich mehrfach bezahlt machen
kann. Da wir juristisch denken und sprechen, so legen wir an
diese Erscheinung den Maßstab des Rechts, der Gerechtigkeit und
finden, daß sie ungerecht ist, daß sie der "Rechtsidee der Revo-
lution", was das auch immer für ein Ding sein mag, nicht ent-
spricht und daß der Rechtstitel daher nichts taugt. Wir finden
ferner, daß dasselbe vom zinstragenden Kapital und vom verpachte-
ten Ackerland gilt, und haben nun den Vorwand, diese Klassen von
Eigentum von den andern auszuscheiden und sie einer ausnahmswei-
sen Behandlung zu unterwerfen. Diese besteht in der Forderung: 1.
dem Eigentümer das Kündigungsrecht, das Recht auf Rückforderung
seines Eigentums, zu nehmen; 2. dem Mieter, Borger oder Pächter
den Nießbrauch des ihm übertragenen, aber ihm nicht gehörigen
Gegenstandes unentgeltlich zu überlassen, und 3. den Eigentümer
in längeren Raten ohne Verzinsung abzuzahlen. Und damit haben wir
die Proudhonschen "Prinzipien" nach dieser Seite hin erschöpft.
Es ist dies Proudhons "gesellschaftliche Liquidation".
Beiläufig bemerkt. Daß dieser ganze Reformplan fast ausschließ-
lich den Kleinbürgern und Kleinbauern in der Weise zugute kommen
soll, daß er sie in ihrer Stellung als Kleinbürger und Kleinbau-
ern befestigt, liegt auf der Hand. Die nach Mülberger sagenhafte
Gestalt des "Kleinbürgers Proudhon" erhält hier also plötzlich
eine sehr handgreifliche historische Existenz.
Mülberger fährt fort:
"Wenn ich nach Proudhon sage, das ökonomische Leben der Gesell-
schaft solle von einer Rechtsidee durchdrungen sein, so schildere
ich hiermit die heutige Gesellschaft als eine solche, in der zwar
nicht jede Rechtsidee, aber die Rechtsidee der Revolution fehlt,
eine Tatsache, die selbst Engels zugeben wird."
Leider bin ich außerstande, Mülberger diesen Gefallen zu tun.
Mülberger verlangt, die Gesellschaft solle von einer Rechtsidee
durchdrungen sein, und nennt das eine Schilderung. Wenn mir ein
Gerichtshof eine Aufforderung durch Gerichtsvollzieher zukommen
läßt, eine Schuld zu bezahlen, so tut er, nach Mülberger, weiter
nichts, als daß er mich als einen Menschen schildert, der seine
Schulden nicht bezahlt! Ein anderes ist eine Schilderung, ein an-
deres eine Zumutung. Und gerade hier liegt der wesentliche Unter-
schied des deutschen wissenschaftlichen Sozialismus von
#273# Zur Wohnungsfrage · Dritter Abschnitt
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Proudhon. Wir schildern - und jede wirkliche Schilderung ist,
trotz Mülberger, zugleich die Erklärung der Sache - die ökonomi-
schen Verhältnisse, wie sie sind und wie sie sich entwickeln, und
führen, strikt ökonomisch, den Beweis, daß diese ihre Entwicklung
zugleich die Entwicklung der Elemente einer sozialen Revolution
ist: die Entwicklung - einerseits, einer Klasse, deren Lebenslage
sie notwendig zur sozialen Revolution treibt, des Proletariats -
andererseits, von Produktivkräften, die, dem Rahmen der kapitali-
stischen Gesellschaft entwachsen, ihn notwendig sprengen müssen,
und die gleichzeitig die Mittel bieten, die Klassenunterschiede
ein für allemal im Interesse des gesellschaftlichen Fortschritts
selbst zu beseitigen. Proudhon dagegen stellt an die heutige
Gesellschaft die Forderung, sich nicht nach den Gesetzen ihrer
eignen ökonomischen Entwicklung, sondern nach den Vorschriften
der Gerechtigkeit (die "Rechtsidee" gehört nicht ihm, sondern
Mülberger) umzugestalten. Wo wir beweisen, predigt und lamentiert
Proudhon, und mit ihm Mülberger.
Was "die Rechtsidee der Revolution" für ein Ding ist, kann ich
absolut nicht erraten. Proudhon allerdings macht sich aus "der
Revolution" eine Art Göttin, die Trägerin und Vollstreckerin sei-
ner "Gerechtigkeit"; wobei er dann in den sonderbaren Irrtum ver-
fällt, die bürgerliche Revolution von 1789-1794 und die künftige
proletarische Revolution durcheinanderzuwerfen. Dies tut er in
fast allen seinen Werken, besonders seit 1848; als Beispiel führe
ich nur an: "Idee générale dé la Révolution", ed. 1868, p. 39 &
40. Da aber Mülberger alle und jede Verantwortlichkeit für Proud-
hon ablehnt, so bleibt mir verboten, "die Rechtsidee der Revolu-
tion" aus Proudhon zu erklären, und ich verharre in ägyptischer
Finsternis.
Weiter sagt Mülberger:
"Aber weder Proudhon noch ich appellieren an eine 'ewige Gerech-
tigkeit', um dadurch die bestehenden ungerechten Zustände zu er-
klären oder gar, wie dies Engels mir imputiert, die Besserung
dieser Zustände von dem Appell an diese Gerechtigkeit zu erwar-
ten."
Mülberger muß darauf bauen, daß "Proudhon überhaupt in Deutsch-
land so gut wie gar nicht gekannt" ist. In allen seinen Schriften
mißt Proudhon alle gesellschaftlichen, rechtlichen, politischen
1*), religiösen Sätze an dem Maßstab der "Gerechtigkeit", ver-
wirft sie oder erkennt sie an, je nachdem sie stimmen oder nicht
stimmen mit dem, was er "Gerechtigkeit" nennt. In den
"Contradictions économiques" [220] heißt diese Gerechtigkeit noch
"ewige Gerechtigkeit", justice éternelle. Später wird die Ewig-
keit
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1*) Im "Volksstaat" eingefügt: Zustände, alle theoretischen, phi-
losophischen
#274# Friedrich Engels
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verschwiegen, bleibt aber der Sache nach. Z.B. in: "De la Justice
dans la Révolution et dans l'Église", Ausgabe 1858, ist folgende
Stelle der Text der ganzen dreibändigen Predigt (Band I, Seite
42):
"Welches ist das Grundprinzip, das organische, regelnde, souver-
äne Prinzip der Gesellschaften, das Prinzip, welches, sich alle
andern unterordnend, regiert, schützt, zurückdrängt, züchtigt, im
Notfalle selbst unterdrückt alle rebellischen Elemente? Ist es
die Religion, das Ideal, das Interesse?... Dies Prinzip, nach
meiner Ansicht, ist die Gerechtigkeit. - Was ist die Gerechtig-
keit? Das Wesen der Menschheit selbst. Was ist sie gewesen seit
dem Anfang der Welt? Nichts. - Was sollte sie sein? Alles."
Eine Gerechtigkeit, die das Wesen der Menschheit selbst ist, was
ist das anders als die ewige Gerechtigkeit? Eine Gerechtigkeit,
die das organische, regelnde, souveräne Grundprinzip der Gesell-
schaften, die bisher trotzdem nichts gewesen ist, die aber alles
sein soll - was ist sie anders als der Maßstab, an dem alle men-
schlichen Dinge zu messen, an die in jedem Kollisionsfall als
entscheidende Richterin zu appellieren ist? Und habe ich etwas
anderes behauptet, als daß Proudhon seine ökonomische Unwissen-
heit und Hülflosigkeit damit verdeckt, daß er alle ökonomischen
Verhältnisse nicht nach den ökonomischen Gesetzen, sondern dar-
nach beurteilt, ob sie mit seiner Vorstellung von dieser ewigen
Gerechtigkeit stimmen oder nicht? Und wodurch unterscheidet sich
Mülberger von Proudhon, wenn Mülberger verlangt, daß "alle Umset-
zungen im Leben der modernen Gesellschaft... von einer Rechtsidee
durchdrungen, d.h. allenthalben nach den strengen Anforderungen
der Gerechtigkeit durchgeführt" werden sollen? Kann ich nicht le-
sen, oder kann Mülberger nicht schreiben?
Weiter sagt Mülberger:
"Proudhon weiß so gut wie Marx und Engels, daß das eigentlich
Treibende in der menschlichen Gesellschaft die ökonomischen,
nicht die juridischen Verhältnisse sind, auch er weiß, daß die
jeweiligen Rechtsideen eines Volkes nur der Ausdruck, der Ab-
druck, das Produkt der ökonomischen - insbesondere Produktions-
verhältnisse sind... Das Recht ist für Proudhon mit einem Wort -
historisch gewordenes ökonomisches Produkt."
Wenn Proudhon dies (ich will die unklare Ausdrucksweise Mülber-
gers passieren lassen und den guten Willen für die Tat nehmen),
wenn Proudhon dies alles "ebensogut weiß wie Marx und Engels",
wie können wir uns dann noch streiten? Aber es steht eben etwas
anders mit der Wissenschaft Proudhons. Die ökonomischen Verhält-
nisse einer gegebenen Gesellschaft stellen sich zunächst dar als
Interessen. Nun sagt Proudhon in der eben zitierten Stelle seines
Hauptwerkes mit dürren Worten, daß das "regelnde, organische sou-
veräne Grundprinzip der Gesellschaften, welches sich alle andern
#275# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
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unterordnet", nicht das Interesse ist, sondern die Gerechtigkeit.
Und er wiederholt dasselbe in allen seinen Schriften an allen
entscheidenden Stellen. Was Mülberger nicht verhindert fortzufah-
ren:
"...daß die Idee des ökonomischen Rechts, wie sie von Proudhon am
tiefsten in 'La Guerre et la Paix' entwickelt ist, vollständig
zusammenfällt mit jenen Grundgedanken Lassalles, wie sie so schön
in seinem Vorwort zum 'System der erworbenen Rechte' gegeben
sind."
"La Guerre et la Paix" ist vielleicht das schülerhafteste der
vielen schülerhaften Werke Proudhons, aber daß es als Beweismit-
tel aufgeführt werde für sein angebliches Verständnis der deut-
schen materialistischen Geschichtsauffassung, die alle histori-
schen Ereignisse und Vorstellungen, alle Politik, Philosophie,
Religion, aus den materiellen, ökonomischen Lebensverhältnissen
der fraglichen geschichtlichen Periode erklärt, das konnte ich
nicht erwarten. Das Buch ist so wenig materialistisch, daß es
seine Konstruktion des Krieges nicht einmal fertigbringen kann,
ohne den Schöpfer zu Hülfe zu rufen:
"Indessen hatte der Schöpfer, der diese Lebensweise für uns ge-
wählt hat, seine Zwecke" (Bd. II, S. 100 der Ausgabe von 1869).
Auf welcher Geschichtskenntnis es beruht, geht daraus hervor, daß
es an die geschichtliche Existenz des goldnen Zeitalters glaubt:
"Im Anfang, als die Menschheit noch dünn gesäet war auf dem Erd-
ball, sorgte die Natur ohne Mühe für seine Bedürfnisse. Es war
das goldene Zeitalter, das Zeitalter des Überflusses und des
Friedens" (ebenda, S. 102).
Sein ökonomischer Standpunkt ist der des krassesten Malthusianis-
mus:
"Wenn die Produktion verdoppelt wird, so wird die Bevölkerung es
bald ebenfalls sein" (S. 106).
Und worin besteht denn der Materialismus des Buchs? Darin, daß es
behauptet, die Ursache des Kriegs sei von jeher und immer noch:
"der Pauperismus" (z.B. Seite 143). Onkel Bräsig war ein ebenso
gelungener Materialist, als er in seiner 1848er Rede das große
Wort gelassen aussprach: Die Ursache der großen Armut ist die
große pauvreté 1*).
Lassalles "System der erworbenen Rechte" ist nicht nur in der
ganzen Illusion des Juristen, sondern auch in der des Althegelia-
ners befangen. Lassalle erklärt S. VII ausdrücklich, daß auch "im
ökonomischen der Begriff des erworbenen Rechts der treibende
Springquell aller weiteren Entwicklung" ist, er will "das Recht
als einen vernünftigen, sich aus sich selbst"
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1*) Armut
#276# Friedrich Engels
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(also nicht aus ökonomischen Vorbedingungen) "entwickelnden
Organismus" nachweisen (S. XI), es handelt sich für ihn um Ablei-
tung des Rechts, nicht aus ökonomischen Verhältnissen, sondern
aus dem "Willensbegriff selbst, dessen Entwicklung und Darstel-
lung die Rechtsphilosophie nur ist" (S. XII). Was soll also das
Buch hier? Der Unterschied zwischen Proudhon und Lassalle ist nur
der, daß Lassalle ein wirklicher Jurist und Hegelianer war, und
Proudhon in der Juristerei und Philosophie, wie in allen andern
Dingen, ein reiner Dilettant.
Daß Proudhon, der sich bekanntlich fortwährend widerspricht, auch
hier und da einmal eine Äußerung tut, die danach aussieht, als
erkläre er Ideen aus Tatsachen, weiß ich sehr gut. Dergleichen
Äußerungen sind aber ohne allen Belang gegenüber der durchgehen-
den Denkrichtung des Mannes, und wo sie vorkommen, noch dazu äu-
ßerst verworren und in sich inkonsequent.
Auf einer gewissen, sehr ursprünglichen Entwicklungsstufe der
Gesellschaft stellt sich das Bedürfnis ein, die täglich wieder-
kehrenden Akte der Produktion, der Verteilung und des Austausches
der Produkte unter eine gemeinsame Regel zu fassen, dafür zu sor-
gen, daß der einzelne sich den gemeinsamen Bedingungen der Pro-
duktion und des Austausches unterwirft. Diese Regel, zuerst
Sitte, wird bald Gesetz. Mit dem Gesetz entstehn notwendig Or-
gane, die mit seiner Aufrechterhaltung betraut sind - die öffent-
liche Gewalt, der Staat. Mit der weitern gesellschaftlichen
Entwicklung bildet sich das Gesetz fort zu einer mehr oder weni-
ger umfangreichen Gesetzgebung. Je verwickelter diese Gesetzge-
bung wird, desto weiter entfernt sich ihre Ausdrucksweise von
der, in welcher die gewöhnlichen ökonomischen Lebensbedingungen
der Gesellschaft ausgedrückt werden. Sie erscheint als ein selb-
ständiges Element, das nicht aus den ökonomischen Verhältnissen,
sondern aus eignen, inneren Gründen, meinetwegen aus dem
"Willensbegriff" die Berechtigung seiner Existenz und die Begrün-
dung seiner Fortentwicklung hernimmt. Die Menschen vergessen die
Abstammung ihres Rechts aus ihren ökonomischen Lebensbedingungen,
wie sie ihre eigne Abstammung aus dem Tierreich vergessen haben.
Mit der Fortbildung der Gesetzgebung zu einem verwickelten, um-
fangreichen Ganzen tritt die Notwendigkeit einer neuen gesell-
schaftlichen Arbeitsteilung hervor; es bildet sich ein Stand be-
rufsmäßiger Rechtsgelehrten, und mit diesen entsteht die Rechts-
wissenschaft. Diese vergleicht in ihrer weitern Entwicklung die
Rechtssysteme verschiedner Völker und verschiedner Zeiten mitein-
ander, nicht als Abdrücke der jedesmaligen ökonomischen Verhält-
nisse, sondern als Systeme, die ihre Begründung in sich selbst
finden. Die Vergleichung
#277# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
-----
setzt Gemeinsames voraus: dieses findet sich, indem die Juristen
das mehr oder weniger Gemeinschaftliche aller dieser Rechtssy-
steme als Naturrecht zusammenstellen. Der Maßstab aber, an dem
gemessen wird, was Naturrecht ist und nicht, ist eben der ab-
strakteste Ausdruck des Rechts selbst: die Gerechtigkeit. Von
jetzt an ist also die Entwicklung des Rechts für die Juristen und
die, die ihnen aufs Wort glauben, nur noch das Bestreben, die
menschlichen Zustände, soweit sie juristisch ausgedrückt werden,
dem Ideal der Gerechtigkeit, der ewigen Gerechtigkeit immer wie-
der näherzubringen. Und diese Gerechtigkeit ist immer nur der
ideologisierte, verhimmelte Ausdruck der bestehnden ökonomischen
Verhältnisse, bald nach ihrer konservativen, bald nach ihrer re-
volutionären Seite hin. Die Gerechtigkeit der Griechen und Römer
fand die Sklaverei gerecht: die Gerechtigkeit der Bourgeois von
1789 forderte die Aufhebung des Feudalismus, weil er ungerecht
sei. Für die preußischen Junker ist selbst die faule Kreisordnung
[232] eine Verletzung der ewigen Gerechtigkeit. Die Vorstellung
von der ewigen Gerechtigkeit wechselt also nicht nur mit der Zeit
und dem Ort, sondern selbst mit den Personen, und gehört zu den
Dingen, worunter, wie Mülberger richtig bemerkt, "jeder etwas an-
deres versteht". Wenn im gewöhnlichen Leben bei der Einfachheit
der Verhältnisse, die da zur Beurteilung kommen, Ausdrücke wie
recht, unrecht, Gerechtigkeit, Rechtsgefühl auch in Beziehung auf
gesellschaftliche Dinge ohne Mißverständnis hingenommen werden,
so richten sie in wissenschaftlichen Untersuchungen über ökonomi-
sche Verhältnisse, wie wir gesehn haben, dieselbe heillose Ver-
wirrung an, die z. B. in der heutigen Chemie entstehn würde,
wollte man die Ausdrucksweise der phlogistischen Theorie beibe-
halten. Noch schlimmer wird die Verwirrung, wenn man, wie Proud-
hon, an dies soziale Phlogiston, die "Gerechtigkeit", glaubt
oder, wie Mülberger beteuert, mit dem Phlogiston nicht minder als
mit dem Sauerstoff habe es seine vollkommene Richtigkeit. *)
---
*) Vor der Entdeckung des Sauerstoffs erklärten sich die Chemiker
die Verbrennung des Körpers in atmosphärischer Luft durch die An-
nahme eines eignen Brennstoffs, des Phlogiston, der bei der Ver-
brennung entweicht. Da sie fanden, daß verbrannte einfache Körper
nach der Verbrennung mehr wogen als vorher, erklärten sie, das
Phlogiston habe eine negative Schwere, so daß ein Körper ohne
sein Phlogiston mehr wiege als mit ihm. Auf diese Weise wurden
dem Phlogiston allmählich die Haupteigenschaften des Sauerstoffs
angedichtet, aber alle umgekehrt. Die Entdeckung, daß die Ver-
brennung in der Verbindung der brennenden Körper mit einem an-
dern, dem Sauerstoff, bestehe, und die Darstellung dieses Sauer-
stoffs machte dieser Annahme - aber erst nach langem Widerstand
der altern Chemiker - ein Ende.
#278# Friedrich Engels
-----
III
Mülberger beschwert sich ferner, ich nenne seine "emphatische"
Auslassung darüber,
"daß es keinen furchtbareren Hohn auf die ganze Kultur unseres
gerühmten Jahrhunderts gibt als die Tatsache, daß in den großen
Städten 90% und darüber der Bevölkerung keine Stätte haben, die
sie ihr eigen nennen können"
- eine reaktionäre Jeremiade. Allerdings. Hätte Mülberger sich
darauf beschränkt, wie er vorgibt, die "Greuel der Gegenwart" zu
schildern, ich hätte "ihm und seinen bescheidenen Worten" sicher
kein böses Wort nachgesagt. Er tut aber etwas ganz andres. Er
schildert diese "Greuel" als Wirkung davon, daß die Arbeiter
"keine Stätte haben, die sie ihr eigen nennen können". Ob man
"die Greuel der Gegenwart" aus der Ursache beklagt, daß das Haus-
eigentum der Arbeiter abgeschafft ist, oder wie die Junker tun,
aus der, daß der Feudalismus und die Zünfte abgeschafft sind - in
beiden Fällen kann nichts herauskommen als eine reaktionäre Jere-
miade, ein Klagelied über das Hereinbrechen des Unvermeidlichen,
des geschichtlich Notwendigen. Die Reaktion liegt eben darin, daß
Mülberger das individuelle Hauseigentum der Arbeiter wieder her-
stellen will - eine Sache, über die die Geschichte längst reinen
Bord gemacht hat; daß er sich die Befreiung der Arbeiter nicht
anders denken kann als so, daß jeder wieder Eigentümer seines
Hauses wird.
Weiter:
"Ich sage aufs ausdrücklichste: Der eigentliche Kampf gilt der
kapitalistischen Produktionsweise, und nur aus ihrer Umänderung
heraus ist eine Besserung der Wohnungsverhältnisse zu hoffen. En-
gels sieht von alledem nichts ... ich setze die ganze Lösung der
sozialen Frage voraus, um zur Ablösung der Mietswohnung schreiten
zu können."
Leider sehe ich von alledem auch heute noch nichts. Ich kann doch
unmöglich wissen, was jemand, dessen Namen ich nicht einmal
kannte, im stillen Kämmerlein seines Gehirns voraussetzt. Ich
kann mich nur an die gedruckten Artikel Mülbergers halten. Und da
finde ich auch heute noch, daß Mülberger (Seite 15 und 16 des Se-
paratabdrucks), um zur Ablösung der Mietwohnung schreiten zu kön-
nen, nichts voraussetzt als - die Mietwohnung. Erst auf Seite 17
faßt er "die Produktivität des Kapitals bei den Hörnern", worauf
wir noch zurückkommen. Und selbst in seiner Antwort bestätigt er
dies, wenn er sagt:
#279# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
-----
"Es galt vielmehr zu zeigen, wie aus den bestehenden Verhältnis-
sen heraus eine vollständige Umänderung in der Wohnungsfrage
durchgesetzt werden könne."
Aus den bestehenden Verhältnissen heraus, und aus der Umänderung
(soll heißen Abschaffung) der kapitalistischen Produktionsweise
heraus, sind doch wohl ganz entgegengesetzte Dinge.
Kein Wunder, daß Mülberger sich beklagt, wenn ich in den philan-
thropischen Bestrebungen der Herren Dollfus und anderer Fabrikan-
ten, den Arbeitern zu eigenen Häusern zu verhelfen, die einzig
mögliche praktische Verwirklichung seiner proudhonistischen Pro-
jekte finde. Wenn er einsähe, daß Proudhons Plan zur Gesell-
schaftsrettung eine sich durchaus auf dem Boden der bürgerlichen
Gesellschaft bewegende Phantasie ist, so würde er selbstredend
nicht daran glauben. Seinen guten Willen habe ich ja nie und nir-
gends bezweifelt. Warum aber lobt er denn Dr. Reschauer dafür,
daß er die Dollfusschen Projekte dem Wiener Stadtrat zur Nach-
ahmung vorschlägt?
Ferner erklärt Mülberger:
"Was speziell den Gegensatz zwischen Stadt und Land betrifft, so
gehört es unter die Utopien, ihn aufheben zu wollen. Dieser Ge-
gensatz ist ein natürlicher, richtiger gesagt, ein historisch ge-
wordener... Es gilt nicht, diesen Gegensatz aufzuheben, sondern
politische und soziale Formen zu finden, in denen er unschädlich,
ja sogar fruchtbringend ist. Auf diese Weise ist ein friedlicher
Ausgleich, ein allmähliches Gleichgewicht der Interessen zu er-
warten."
Also die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land ist eine
Utopie, weil dieser Gegensatz ein natürlicher, richtiger gesagt,
ein historisch gewordener ist. Wenden wir diese Logik auf andere
Gegensätze der modernen Gesellschaft an, und sehen wir, wohin wir
dann kommen. Z.B.:
"Was speziell den Gegensatz zwischen" Kapitalisten und Lohnarbei-
tern "betrifft, so gehört es unter die Utopien, ihn aufheben zu
wollen. Dieser Gegensatz ist ein natürlicher, richtiger gesagt,
ein historisch gewordener. Es gilt nicht, diesen Gegensatz aufzu-
heben, sondern politische und soziale Formen zu finden, in denen
er unschädlich, ja sogar fruchtbringend ist. Auf diese Weise ist
ein friedlicher Ausgleich, ein allmähliches Gleichgewicht der In-
teressen zu erwarten."
Womit wir wieder bei Schulze-Delitzsch angekommen sind.
Die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land ist nicht
mehr und nicht minder eine Utopie als die Aufhebung des Gegen-
satzes zwischen Kapitalisten und Lohnarbeitern. Sie wird von Tag
zu Tag mehr eine praktische Forderung der industriellen wie
ackerbauenden Produktion.
#280# Friedrich Engels
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Niemand hat sie lauter gefordert als Liebig in seinen Schriften
über die Chemie des Ackerbaus, worin stets seine erste Forderung
ist, daß der Mensch an den Acker das zurückgebe, was er von ihm
erhält, und worin er beweist, daß nur die Existenz der Städte,
namentlich der großen Städte, dies verhindert. Wenn man sieht,
wie hier in London allein eine größere Menge Dünger als das ganze
Königreich Sachsen produziert, Tag für Tag unter Aufwendung unge-
heurer Kosten - in die See geschüttet wird, und welche kolossalen
Anlagen nötig werden, um zu verhindern, daß dieser Dünger nicht
ganz London vergiftet, so erhält die Utopie von der Abschaffung
des Gegensatzes zwischen Stadt und Land eine merkwürdig prakti-
sche Grundlage. Und selbst das verhältnismäßig unbedeutende Ber-
lin erstinkt seit mindestens dreißig Jahren in seinem eigenen
Dreck. Andererseits ist es eine reine Utopie, wenn man, wie
Proudhon, die jetzige bürgerliche Gesellschaft umwälzen und den
Bauer als solchen erhalten will. Nur eine möglichst gleichmäßige
Verteilung der Bevölkerung über das ganze Land, nur eine innige
Verbindung der industriellen mit der ackerbauenden Produktion,
nebst der dadurch nötig werdenden Ausdehnung der Kommunikations-
mittel - die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise
dabei vorausgesetzt - ist imstande, die Landbevölkerung aus der
Isolierung und Verdummung herauszureißen, in der sie seit Jahr-
tausenden fast unverändert vegetiert. Nicht das ist eine Utopie,
zu behaupten, daß die Befreiung der Menschen aus den durch ihre
geschichtliche Vergangenheit geschmiedeten Ketten erst dann voll-
ständig sein wird, wenn der Gegensatz zwischen Stadt und Land ab-
geschafft ist; die Utopie entsteht erst dann, wenn man sich un-
terfängt, "aus den bestehenden Verhältnissen heraus" die Form
vorzuschreiben, worin dieser oder irgendein anderer Gegensatz der
bestehenden Gesellschaft gelöst werden soll. Und das tut Mülber-
ger, indem er sich die Proudhonsche Formel für die Lösung der
Wohnungsfrage aneignet.
Dann beschwert sich Mülberger, daß ich ihn für "die ungeheuerli-
chen Anschauungen Proudhons über Kapital und Zins" gewissermaßen
mitverantwortlich mache, und sagt:
"Ich setze die Änderung der Produktionsverhältnisse als gegeben
voraus, und das den Zinsfuß regelnde Übergangsgesetz hat nicht
die Produktionsverhältnisse, sondern die gesellschaftlichen Um-
setzungen, die Zirkulationsverhältnisse zum Gegenstand... Die Än-
derung der Produktionsverhältnisse, oder wie die deutsche Schule
genauer sagt, die Abschaffung der kapitalistischen Produktions-
weise, ergibt sich freilich nicht, wie mir Engels andichtet, aus
einem den Zins aufhebenden Übergangsgesetz, sondern aus der fak-
tischen Besitzergreifung sämtlicher Arbeitsinstrumente, aus der
Inbesitznahme der gesamten Industrie von Seiten des arbeitenden
Volks. Ob das arbeitende Volk hierbei
#281# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
-----
mehr der Ablösung oder mehr der sofortigen Expropriation huldigen
(!) wird, hat weder Engels noch ich zu entscheiden."
Ich reibe mir erstaunt die Augen. Ich lese Mülbergers Abhandlung
nochmals von Anfang bis zu Ende durch, um die Stelle zu finden,
wo er erklärt, daß seine Ablösung der Mietwohnung "die faktische
Besitzergreifung sämtlicher Arbeitsinstrumente, die Inbesitznahme
der gesamten Industrie von seiten des arbeitenden Volks" als fer-
tig voraussetze. Ich finde die Stelle nicht. Sie existiert nicht.
Von "faktischer Besitzergreifung" usw. ist nirgend die Rede. Wohl
aber heißt es S. 17:
"Wir nehmen nun an, die Produktivität des Kapitals werde wirklich
bei den Hörnern gefaßt, wie das früher oder später geschehen muß,
z.B. durch ein Übergangsgesetz, welches den Zins aller Kapitalien
auf ein Prozent festsetzt, wohlgemerkt, mit der Tendenz, auch
diesen Prozentsatz immer mehr dem Nullpunkt zu nähern... Wie alle
andern Produkte, ist natürlich auch Haus und Wohnung in den Rah-
men dieses Gesetzes gefaßt ... Wir sehen also von dieser Seite
her, daß sich die Ablösung der Mietwohnung mit Notwendigkeit er-
gibt als eine Folge der Abschaffung der Produktivität des Kapi-
tals überhaupt."
Hier wird also, ganz im Gegensatz zu Mülbergers neuester Wendung,
mit dürren Worten gesagt, daß die Produktivität des Kapitals, un-
ter welcher konfusen Phrase er eingestandenermaßen die kapitali-
stische Produktionsweise versteht, durch das Zinsabschaffungsge-
setz allerdings "bei den Hörnern gefaßt werde", und daß gerade
infolge dieses Gesetzes "die Ablösung der Mietwohnung sich mit
Notwendigkeit ergibt als eine Folge der Abschaffung der Produkti-
vität des Kapitals überhaupt". Keineswegs, sagt Mülberger jetzt.
Jenes Übergangsgesetz hat "nicht die Produktionsverhältnisse,
sondern die Zirkulationsverhältnisse zum Gegenstand". Es bleibt
mir in diesem vollkommenen Widerspruch, der nach Goethe "gleich
geheimnisvoll für Weise wie für Toren" [233], nur übrig anzuneh-
men, daß ich es mit zwei ganz verschiedenen Mülbergern zu tun
habe, von denen der eine sich mit Recht beschwert, ich habe ihm
das "angedichtet", was der andere hat drucken lassen.
Daß das arbeitende Volk weder mich noch Mülberger fragen wird, ob
es bei der faktischen Besitzergreifung "mehr der Ablösung oder
mehr der sofortigen Expropriation huldigen wird", das ist sicher
richtig. Es wird höchstwahrscheinlich vorziehen, überhaupt nicht
zu "huldigen". Aber von faktischer Besitzergreifung sämtlicher
Arbeitsinstrumente durch das arbeitende Volk war ja gar nicht die
Rede, sondern nur von Mülbergers Behauptung (S. 17), daß "der Ge-
samtinhalt der Lösung der Wohnungsfrage in dem Wort:
A b l ö s u n g gegeben" sei. Wenn er jetzt diese Ablösung für
äußerst
#282# Friedrich Engels
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zweifelhaft erklärt, wozu dann uns beiden und den Lesern all die
nutzlose Mühe machen?
Übrigens muß konstatiert werden, daß die "faktische Besitzergrei-
fung" sämtlicher Arbeitsinstrumente, die Inbesitznahme der ge-
samten Industrie von Seiten des arbeitenden Volks, das gerade Ge-
genteil ist von der proudhonistischen "Ablösung". Bei der letz-
teren wird der einzelne Arbeiter Eigentümer der Wohnung, des Bau-
ernhofs, des Arbeitsinstruments; bei der ersteren bleibt das
"arbeitende Volk" Gesamteigentümer der Häuser, Fabriken und Ar-
beitsinstrumente, und wird deren Nießbrauch, wenigstens während
einer Übergangszeit, schwerlich ohne Entschädigung der Kosten an
einzelne oder Gesellschaften überlassen. Gerade wie die Abschaf-
fung des Grundeigentums nicht die Abschaffung der Grundrente ist,
sondern ihre Übertragung, wenn auch in modifizierter Weise, an
die Gesellschaft. Die faktische Besitznahme sämtlicher Arbeitsin-
strumente durch das arbeitende Volk schließt also die Beibehal-
tung des Mietverhältnisses keineswegs aus.
Überhaupt handelt es sich nicht um die Frage, ob das Proletariat,
wenn es zur Macht gelangt, die Produktionsinstrumente, Rohstoffe
und Lebensmittel einfach gewaltsam in Besitz nimmt, ob es sofort
Entschädigung dafür zahlt oder das Eigentum daran durch langsame
Ratenzahlungen ablöst. Eine solche Frage im voraus und für alle
Fälle beantworten zu wollen, hieße Utopien fabrizieren, und das
überlasse ich andern.
IV
Soviel Schreiberei war nötig, um durch die mannigfachen Aus-
flüchte und Windungen Mülbergers hindurch endlich auf die Sache
selbst zu kommen, die Mülberger in seiner Antwort sorgfältig zu
berühren vermeidet.
Was hatte Mülberger in seiner Abhandlung Positives gesagt?
Erstens, "der Unterschied zwischen dem ursprünglichen Kostenpreis
eines Hauses, Bauplatzes usw. und seinem heutigen Wert" gehöre
von Rechts wegen der Gesellschaft. Dieser Unterschied heißt in
ökonomischer Sprache Grundrente. Diese will Proudhon ebenfalls
der Gesellschaft zueignen, wie man in "Idee générale de la Révo-
lution", Ausgabe 1868, S. 219, lesen kann.
Zweitens, die Lösung der Wohnungsfrage bestehe darin, daß jeder,
statt Mieter, Eigentümer seiner Wohnung wird.
Drittens, diese Lösung vollzieht sich, indem man die Mietezahlun-
gen durch ein Gesetz in Abzahlungen auf den Kaufpreis der Wohnung
verwandelt. - Diese Punkte 2 und 3 sind beide aus Proudhon ent-
lehnt, wie jedermann
#283# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
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in "Idee générale de la Révolution", S. 199 und folgende, ersehen
kann, und wo sich sogar S. 203 der betreffende Gesetzentwurf fer-
tig redigiert vorfindet.
Viertens, daß die Produktivität des Kapitals bei den Hörnern ge-
faßt wird durch ein Übergangsgesetz, wodurch der Zinsfuß vorläu-
fig auf 1 Prozent, vorbehaltlich späterer weiterer Erniedrigung,
herabgesetzt wird. Dies ist ebenfalls aus Proudhon entlehnt, wie
in "Idee générale", S. 182-186, ausführlich zu lesen.
Ich habe bei jedem dieser Punkte die Stelle bei Proudhon zitiert,
worin sich das Original der Mülbergerschen Kopie findet, und
frage nun, ob ich berechtigt war, den Verfasser eines durchaus
proudhonistischen und nichts als proudhonistische Anschauungen
enthaltenden Artikels einen Proudhonisten zu nennen oder nicht?
Und doch beschwert sich Mülberger über nichts bitterer, als daß
ich ihn so nenne, weil ich "auf einige Wendungen stieß, wie sie
Proudhon eigentümlich sind"! Im Gegenteil. Die "Wendungen" gehö-
ren alle Mülberger, der Inhalt gehört Proudhon. Und wenn ich dann
die proudhonistische Abhandlung aus Proudhon ergänze, so klagt
Mülberger, ich schiebe ihm die "ungeheuerlichen Anschauungen"
Proudhons unter!
Was habe ich nun auf diesen proudhonistischen Plan entgegnet?
Erstens, daß Übertragung der Grundrente an den Staat gleichbedeu-
tend ist mit Abschaffung des individuellen Grundeigentums.
Zweitens, daß die Ablösung der Mietwohnung und die Übertragung
des Eigentums der Wohnung an den bisherigen Mieter die kapitali-
stische Produktionsweise gar nicht berührt.
Drittens, daß dieser Vorschlag bei der jetzigen Entwicklung der
großen Industrie und der Städte ebenso abgeschmackt wie reaktio-
när ist, und daß die Wiedereinführung des individuellen Eigentums
jedes einzelnen an seiner Wohnung ein Rückschritt wäre.
Viertens, daß die zwangsmäßige Herabsetzung des Kapitalzinses die
kapitalistische Produktionsweise 1*) keineswegs angreift, im Ge-
genteil, wie die Wuchergesetze beweisen, ebenso uralt wie unmög-
lich ist.
Fünftens, daß mit Abschaffung des Kapitalzinses das Mietgeld für
Häuser keineswegs abgeschafft ist.
Punkt 2 und 4 hat Mülberger jetzt zugegeben. Auf die andern
Punkte erwidert er kein Wort. Und doch sind dies grade die
Punkte, um die es sich in der Debatte handelt. Aber Mülbergers
Antwort ist keine Widerlegung; sie umgeht sorgfältig alle ökono-
mischen Punkte, welche doch die entscheidenden
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1*) Im "Volksstaat": Produktion
#284# Friedrich Engels
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sind; sie ist eine persönliche Beschwerdeschrift, weiter nichts.
So beklagt er sich, wenn ich seine angekündigte Lösung andrer
Fragen, z.B. Staatsschulden, Privatschulden, Kredit, vorwegnehme
und sage : die Lösung sei überall die, daß, wie bei der Wohnungs-
frage, der Zins abgeschafft, die Zinszahlungen in Abzahlungen auf
den Kapitalbetrag verwandelt und der Kredit kostenfrei gemacht
wird. Trotzdem möchte ich noch heute wetten, daß, wenn diese Mül-
bergerschen Artikel das Licht der Welt erblicken, ihr wesentli-
cher Inhalt mit Proudhons "Idee générale": Kredit S. 182, Staats-
schulden S. 186, Privatschulden S. 196, ebenso stimmen wird, wie
diejenige über die Wohnungsfrage mit den zitierten Stellen des-
selben Buchs.
Bei dieser Gelegenheit belehrt mich Mülberger, daß diese Fragen,
wie Steuern, Staatsschulden, Privatschulden, Kredit, wozu jetzt
noch die Autonomie der Gemeinde kommt, für den Bauer und für die
Propaganda auf dem Lande von der höchsten Wichtigkeit sind.
Großenteils einverstanden; aber 1. war von den Bauern bisher gar
nicht die Rede, und 2. sind die Proudhonschen "Lösungen" aller
dieser Fragen ebenso ökonomisch widersinnig und ebenso wesentlich
bürgerlich, wie seine Lösung der Wohnungsfrage. Gegen die Andeu-
tung Mülbergers, als verkennte ich die Notwendigkeit, die Bauern
in die Bewegung zu ziehn, brauche ich mich nicht zu verteidigen.
Aber das halte ich allerdings für Torheit, zu diesem Zweck den
Bauern die Proudhonsche Wunderdoktorei anzuempfehlen. In
Deutschland besteht noch sehr viel großes Grundeigentum. Nach der
Proudhonschen Theorie müßte dies alles in kleine Bauernhöfe zer-
teilt werden, was beim heutigen Stand der Ackerbauwissenschaft
und nach den in Frankreich und Westdeutschland mit dem Parzellen-
Grundeigentum gemachten Erfahrungen geradezu reaktionär wäre. Das
noch bestehnde große Grundeigentum wird uns vielmehr eine will-
kommne Handhabe bieten, den Ackerbau im großen, der allein alle
modernen Hilfsmittel, Maschinen usw. anwenden kann, durch assozi-
ierte Arbeiter betreiben zu lassen und dadurch den Kleinbauern
die Vorteile des Großbetriebs vermittelst der Assoziation augen-
scheinlich zu machen. Die dänischen Sozialisten, in dieser Bezie-
hung allen andern voraus, haben dies längst eingesehn. [234]
Ebensowenig habe ich nötig, mich dagegen zu verteidigen, als er-
schienen mir die heutigen infamen Wohnungszustände der Arbeiter
"als unbedeutende Kleinigkeit". Ich bin, soviel ich weiß, der er-
ste gewesen, der in deutscher Sprache diese Zustände in ihrer
klassisch entwickelten Form, wie sie in England bestehn, geschil-
dert hat: nicht, wie Mülberger meint, weil sie "meinem Rechtsge-
fühl ins Gesicht schlagen" - wer alle Tatsachen, die seinem
#285# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
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Rechtsgefühl ins Gesicht schlagen, in Bücher verwandeln wollte,
der hätte viel zu tun - sondern, wie in der Vorrede meines Buchs
1*) zu lesen, um dem damals entstehnden, in hohlen Phrasen herum-
fahrenden deutschen Sozialismus eine tatsächliche Unterlage zu
geben durch Beschreibung der von der modernen großen Industrie
geschaffnen Gesellschaftszustände. Aber die sogenannte Wohnungs-
frage lösen zu wollen, das fällt mir allerdings nicht ein, eben-
sowenig wie ich mich mit den Details der Lösung der noch wich-
tigeren Eßfrage befasse. Ich bin zufrieden, wenn ich nachweisen
kann, daß die Produktion unsrer modernen Gesellschaft hinreichend
ist, um allen Gesellschaftsgliedern genug zu essen zu verschaf-
fen, und daß Häuser genug vorhanden sind, um den arbeitenden Mas-
sen vorläufig ein geräumiges und gesundes Unterkommen zu bieten.
Wie eine zukünftige Gesellschaft die Verteilung des Essens und
der Wohnungen regeln wird, darüber zu spekulieren, führt direkt
in die Utopie. Wir können höchstens aus der Einsicht in die
Grundbedingungen der sämtlichen bisherigen Produktionsweisen
feststellen, daß mit dem Fall der kapitalistischen Produktion ge-
wisse Aneignungsformen der bisherigen Gesellschaft unmöglich wer-
den. Selbst die Übergangsmaßregeln werden sich überall nach den
augenblicklich bestehnden Verhältnissen zu richten haben, in
Ländern kleinen Grundeigentums wesentlich andre sein als in Län-
dern großen Grundbesitzes usw. Wohin man kommt, wenn man für
diese sogenannten praktischen Fragen, wie Wohnungsfrage usw.,
Einzellösungen sucht, beweist uns niemand besser als Mülberger
selbst, der erst auf 28 Seiten [230] auseinandersetzt, wie "der
Gesamtinhalt der Lösung der Wohnungsfrage in dem Wort: Ablösung
gegeben sei", um dann, sowie man ihm auf den Leib rückt, verlegen
zu stammeln, es sei in der Tat sehr fraglich, ob bei der fakti-
schen Besitzergreifung der Häuser "das arbeitende Volk mehr der
Ablösung huldigen werde" oder irgendeiner andern Form der Expro-
priation.
Mülberger verlangt, wir sollen praktisch werden, wir sollen "den
wirklichen praktischen Verhältnissen gegenüber" nicht "nur tote
abstrakte Formeln ins Feld führen", wir sollen "aus dem abstrak-
ten Sozialismus heraus und an die bestimmten konkreten Verhält-
nisse der Gesellschaft herantreten". Hätte Mülberger dies getan,
so hätte er sich vielleicht große Verdienste um die Bewegung er-
worben. Der erste Schritt beim Herantreten an die bestimmten kon-
kreten Verhältnisse der Gesellschaft besteht doch wohl darin, daß
man sie kennenlernt, daß man sie nach ihrem bestehnden ökonomi-
schen
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1*) Vorwort zu "Die Lage der arbeitenden Klasse in England",
siehe Band 2 unserer Ausgabe, S. 232-234
#286# Friedrich Engels
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Zusammenhang untersucht. Und was finden wir da bei Mülberger?
Zwei ganze Sätze, und zwar:
1. "Was der Lohnarbeiter gegenüber dem Kapitalisten, das ist der
Mieter gegenüber dem Hausbesitzer."
Ich habe S. 6 1*) des Separatabdrucks [231] nachgewiesen, daß
dies total falsch ist, und Mülberger hat kein Wort darauf zu er-
widern.
2. "Der Stier aber, der" (bei der sozialen Reform) "bei den
Hörnern gefaßt werden muß, ist die Produktivität des Kapitals,
wie es die liberale Schule der Nationalökonomie nennt, die in
Wahrheit nicht existiert, die aber in ihrer scheinbaren Existenz
zum Deckmantel aller Ungleichheit dient, welche auf der heutigen
Gesellschaft lastet."
Der Stier, der bei den Hörnern gefaßt werden muß, existiert also
"in Wahrheit nicht", hat also auch keine "Hörner". Nicht er
selbst, sondern seine scheinbare Existenz ist vom Übel. Trotzdem
ist die "sogenannte Produktivität" (des Kapitals) "imstande, Häu-
ser und Städte aus dem Boden zu zaubern", deren Existenz alles,
nur nicht "scheinbar" ist. (S. 12.) Und ein Mann, der, obwohl
Marx' "Kapital" "auch ihm wohlbekannt" ist, in dieser hülflos
verworrenen Weise über das Verhältnis von Kapital und Arbeit
radebrecht, unternimmt es, den deutschen Arbeitern einen neuen
und bessern Weg weisen zu wollen, und gibt sich aus für den
"Baumeister", der "sich über das architektonische Gefüge der zu-
künftigen Gesellschaft wenigstens im ganzen und großen klar" ist?
Niemand ist näher "an die bestimmten konkreten Verhältnisse der
Gesellschaft herangetreten" als Marx im "Kapital". Er hat fün-
fundzwanzig Jahre darauf verwandt, sie nach allen Seiten hin zu
untersuchen, und die Resultate seiner Kritik enthalten überall
ebenfalls die Keime der sogenannten Lösungen, soweit solche über-
haupt heutzutage möglich sind. Das aber genügt Freund Mülberger
nicht. Das ist alles abstrakter Sozialismus, tote abstrakte For-
meln. Statt die "bestimmten konkreten Verhältnisse der Gesell-
schaft" zu studieren, begnügt sich Freund Mülberger mit der Lek-
türe einiger Bände Proudhon, die ihm zwar so gut wie nichts über
die bestimmten konkreten Verhältnisse der Gesellschaft bieten,
dagegen aber sehr bestimmte konkrete Wunderkuren für alle gesell-
schaftlichen Übel, und bringt diesen fertigen sozialen Rettungs-
plan, dies Proudhonsche System, vor die deutschen Arbeiter unter
dem Vorwand, er wolle "den Systemen Adieu sagen", während ich
"den umgekehrten Weg wähle!" Um dies zu begreifen, muß ich anneh-
men, daß ich blind bin und Mülberger taub, so daß eine jede Ver-
ständigung zwischen uns rein unmöglich ist.
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1*) Siehe vorl. Band. S. 215/216
#287# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
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Genug. Wenn diese Polemik zu weiter nichts dient, so hat sie je-
denfalls das Gute, den Beweis geliefert zu haben, was es mit der
Praxis dieser sich so nennenden "praktischen" Sozialisten auf
sich hat. Diese praktischen Vorschläge zur Beseitigung aller so-
zialen Übel, diese gesellschaftlichen Allerweltsheilmittel, sind
stets und überall das Fabrikat von Sektenstiftern gewesen, die zu
einer Zeit auftraten, wo die proletarische Bewegung noch in ihrer
Kindheit lag. Auch Proudhon gehört zu ihnen. Die Entwicklung des
Proletariats wirft diese Kinderwindeln bald beiseite und erzeugt
in der Arbeiterklasse selbst die Einsicht, daß nichts unprakti-
scher ist, als diese vorher ausgeklügelten, auf alle Fälle an-
wendbaren "praktischen Lösungen", und daß der praktische Sozia-
lismus vielmehr in einer richtigen Erkenntnis der kapitalisti-
schen Produktionsweise nach ihren verschiednen Seiten hin be-
steht. Eine Arbeiterklasse, die hierin Bescheid weiß, wird im ge-
gebnen Falle nie in Verlegenheit sein, gegen welche sozialen In-
stitutionen und in welcher Weise sie ihre Hauptangriffe zu rich-
ten hat.
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