Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875


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       #209#
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       Friedrich Engels
       
       Zur Wohnungsfrage [214]
       
       #210#
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       Geschrieben Mai 1872 bis Januar 1873.
       Erstmalig veröffentlicht als Artikelserie im "Volksstaat".
       Die Artikel erschienen in folgenden Nummern:
       Nr. 51 vom 26. Juni 1872
       Nr. 52 vom 29. Juni 1872
       Nr. 53 vom 3. Juli 1872
       Nr. 103 vom 25. Dezember 1872
       Nr. 104 vom 28. Dezember 1872
       Nr. 2 vom 4. Januar 1873
       Nr. 3 vom 8. Januar 1873
       Nr. 12 vom 8. Februar 1873
       Nr. 13 vom 12. Februar 1873
       Nr. 15 vom 19. Februar 1873
       Nr. 16 vom 22. Februar 1873
       Die gesamte  aus drei Abschnitten bestehende Arbeit erschien 1872
       (erster und  zweiter Abschnitt)  und 1873 (dritter Abschnitt) als
       Separatabdruck aus dem "Volksstaat".
       Die zweite von Engels durchgesehene Auflage erschien 1887 Hottin-
       gen-Zürich.
       Der vorliegende Text fußt auf dieser Ausgabe. Auf wesentliche Ab-
       weichungen von der Erstveröffentlichung wird in Fußnoten bzw. An-
       merkungen verwiesen.
       
       #211#
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       Titelblatt der  Schrift "Zur  Wohnungsfrage" (Heft  1) mit  einer
       Widmung des Autors an Laura Lafargue
       
       #212#
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       #213#
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       Erster Abschnitt
       
       Wie Proudhon die Wohnungsfrage löst
       
       In Nr.  10 und  folgenden des "Volksstaat" findet sich eine Reihe
       von sechs  Artikeln über  die Wohnungsfrage,  die aus  dem  einen
       Grunde Beachtung  verdienen, weil  sie  -  abgesehn  von  einigen
       längst verschollenen  Belletristereien der  vierziger Jahre - der
       erste Versuch sind, die Schule Proudhons nach Deutschland zu ver-
       pflanzen. Es liegt hierin ein so ungeheurer Rückschritt gegen den
       ganzen Entwicklungsgang  des deutschen Sozialismus, der grade den
       Proudhonschen Vorstellungen  schon vor 25 Jahren den entscheiden-
       den Stoß  gab *), daß es der Mühe wert ist, diesem Versuch sofort
       entgegenzutreten.
       Die sogenannte  Wohnungsnot, die heutzutage in der Presse eine so
       große Rolle  spielt, besteht  nicht darin, daß die Arbeiterklasse
       überhaupt in  schlechten, überfüllten, ungesunden Wohnungen lebt.
       Diese Wohnungsnot  ist nicht  etwas der Gegenwart Eigentümliches;
       sie ist  nicht einmal  eins der Leiden, die dem modernen Proleta-
       riat, gegenüber allen frühern unterdrückten Klassen, eigentümlich
       sind; im Gegenteil, sie hat alle unterdrückten Klassen aller Zei-
       ten ziemlich  gleichmäßig betroffen.  Um dieser  Wohnungsnot  ein
       Ende zu machen, gibt es nur ein Mittel: die Ausbeutung und Unter-
       drückung der  arbeitenden Klasse  durch  die  herrschende  Klasse
       überhaupt zu  beseitigen. -  Was man heute unter Wohnungsnot ver-
       steht, ist  die eigentümliche  Verschärfung, die  die  schlechten
       Wohnungsverhältnisse der  Arbeiter durch  den plötzlichen Andrang
       der Bevölkerung  nach den großen Städten erlitten haben; eine ko-
       lossale Steigerung  der Mietspreise,  eine noch verstärkte Zusam-
       mendrängung der Bewohner in den einzelnen Häusern, für einige die
       Unmöglichkeit, überhaupt ein Unterkommen zu finden. Und
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       *) In Marx,  "Misère de la Philosophie etc." 1*) Bruxelles et Pa-
       ris, 1847.
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       1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 63-182
       
       #214# Friedrich Engels
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       diese Wohnungsnot  macht nur soviel von sich reden, weil sie sich
       nicht auf  die Arbeiterklasse beschränkt, sondern auch das Klein-
       bürgertum mit betroffen hat.
       Die Wohnungsnot  der Arbeiter und eines Teils der Kleinbürger un-
       serer modernen  großen Städte  ist einer der zahllosen kleineren,
       sekundären Übelstände, die aus der heutigen kapitalistischen Pro-
       duktionsweise hervorgehen.  Sie ist  durchaus nicht  eine direkte
       Folge der Ausbeutung des Arbeiters, als Arbeiter, durch den Kapi-
       talisten. Diese Ausbeutung ist das Grundübel, das die soziale Re-
       volution abschaffen will, indem sie die kapitalistische Produkti-
       onsweise abschafft.  Der Eckstein  der kapitalistischen Produkti-
       onsweise aber ist die Tatsache: daß unsere jetzige Gesellschafts-
       ordnung den Kapitalisten in den Stand setzt, die Arbeitskraft des
       Arbeiters zu  ihrem Wert zu kaufen, aber weit mehr als ihren Wert
       aus ihr  herauszuschlagen, indem  er den Arbeiter länger arbeiten
       läßt, als  zur Wiedererzeugung des für die Arbeitskraft gezahlten
       Preises nötig  ist. Der  auf diese  Weise erzeugte  Mehrwert wird
       verteilt unter  die Gesamtklasse der Kapitalisten und Grundeigen-
       tümer, nebst  ihren bezahlten  Dienern, vom  Papst und Kaiser bis
       zum Nachtwächter  und darunter.  Wie diese  Verteilungsich macht,
       geht uns  hier nichts  an; soviel ist sicher, daß alle, die nicht
       arbeiten, eben  nur leben  können von  Abfällen dieses Mehrwerts,
       die ihnen  auf die  eine oder  andere Art  zufließen. (Vergleiche
       Marx, "Das Kapital", wo dies zuerst entwickelt. 1*))
       Die Verteilung  des durch  die Arbeiterklasse  erzeugten und  ihr
       ohne Bezahlung abgenommenen Mehrwerts unter die nicht arbeitenden
       Klassen wickelt  sich ab  unter höchst erbaulichen Zänkereien und
       gegenseitiger Beschwindelung;  soweit diese  Verteilung  auf  dem
       Wege des Kaufs und Verkaufs vor sich geht, ist einer ihrer Haupt-
       hebel die  Prellerei des  Käufers durch  den Verkäufer, und diese
       ist im  Kleinhandel, namentlich in den großen Städten, jetzt eine
       vollständige Lebensbedingung  für den  Verkäufer  geworden.  Wenn
       aber der  Arbeiter von seinem Krämer oder Bäcker am Preis oder an
       der Qualität  der Ware  betrogen wird, so geschieht ihm das nicht
       in seiner  spezifischen Eigenschaft  als Arbeiter.  Im Gegenteil,
       sowie ein  gewisses Durchschnittsmaß  von Prellerei  die  gesell-
       schaftliche Regel an irgendeinem Orte wird, muß sie auf die Dauer
       ihre Ausgleichung  finden in  einer entsprechenden  Lohnerhöhung.
       Der Arbeiter  tritt dem Krämer gegenüber als Käufer auf, d.h. als
       Besitzer von Geld oder Kredit, und daher keineswegs in seiner Ei-
       genschaft als Arbeiter, d.h. als Verkäufer von
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       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe
       
       #215# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
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       Arbeitskraft. Die  Prellerei mag  ihn, wie  überhaupt die  ärmere
       Klasse, härter  treffen als  die reicheren  Gesellschaftsklassen,
       aber sie  ist nicht  ein Übel, das ihn ausschließlich trifft, das
       seiner Klasse eigentümlich ist.
       Geradeso ist  es mit der Wohnungsnot. Die Ausdehnung der modernen
       großen Städte  gibt in gewissen, besonders in den zentral gelege-
       nen Strichen derselben dem Grund und Boden einen künstlichen, oft
       kolossal steigenden  Wert; die  darauf errichteten Gebäude, statt
       diesen Wert  zu erhöhn,  drücken ihn vielmehr herab, weil sie den
       veränderten Verhältnissen  nicht mehr  entsprechen; man reißt sie
       nieder und  ersetzt sie durch andre. Dies geschieht vor allem mit
       zentral gelegenen  Arbeiterwohnungen, deren Miete, selbst bei der
       größten Überfüllung,  nie oder  doch nur äußerst langsam über ein
       gewisses Maximum  hinausgehn kann.  Man reißt sie nieder und baut
       Läden, Warenlager, öffentliche Gebäude an ihrer Stelle. Der Bona-
       partismus hat  durch seinen  Haussmann in Paris 1*) diese Tendenz
       aufs kolossalste zu Schwindel und Privatbereicherung ausgebeutet;
       aber auch  durch London,  Manchester,  Liverpool  ist  der  Geist
       Haussmanns geschritten,  und in  Berlin und  Wien scheint er sich
       ebenso heimisch zu fühlen. Das Resultat ist, daß die Arbeiter vom
       Mittelpunkt der Städte an den Umkreis gedrängt, daß Arbeiter- und
       überhaupt kleinere  Wohnungen selten und teuer werden und oft gar
       nicht zu  haben sind;  denn unter  diesen Verhältnissen  wird die
       Bauindustrie, der  teurere Wohnungen ein weit besseres Spekulati-
       onsfeld bieten, immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen.
       Diese Mietsnot  trifft den  Arbeiter also  sicher härter als jede
       wohlhabendere Klasse;  aber sie bildet, ebensowenig wie die Prel-
       lerei des  Krämers, einen  ausschließlich auf  die Arbeiterklasse
       drückenden Übelstand,  und muß, soweit sie die Arbeiterklasse be-
       trifft, bei  gewissem Höhegrad und gewisser Dauer, ebenfalls eine
       gewisse 2*) ökonomische Ausgleichung finden.
       Es sind vorzugsweise diese der Arbeiterklasse mit andern Klassen,
       namentlich dem Kleinbürgertum, gemeinsamen Leiden, mit denen sich
       der kleinbürgerliche  Sozialismus, zu  dem auch  Proudhon gehört,
       mit Vorliebe  beschäftigt. Und so ist es durchaus nicht zufällig,
       daß unser deutscher Proudhonist sich vor allem der Wohnungsfrage,
       die, wie wir gesehn haben, keineswegs eine ausschließliche Arbei-
       terfrage ist,  bemächtigt und  daß er sie, im Gegenteil, für eine
       wahre, ausschließliche Arbeiterfrage erklärt.
       
       "Was der  Lohnarbeiter gegenüber  dem Kapitalisten,  das ist  der
       Mieter gegenüber dem Hausbesitzer." [215]
       
       Dies ist total falsch.
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       1*) Im "Volksstaat"  fehlt: in  Paris - 2*) im "Volksstaat": ihre
       (statt: eine gewisse)
       
       #216# Friedrich Engels
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       Bei der Wohnungsfrage haben wir zwei Parteien einander gegenüber,
       den Mieter  und den  Vermieter oder  Hauseigentümer. Der  erstere
       will vom letztern den zeitweiligen Gebrauch einer Wohnung kaufen;
       er hat  Geld oder Kredit - wenn er auch diesen Kredit dem Hausei-
       gentümer selbst wieder zu einem Wucherpreise, einem Mietzuschlag,
       abkaufen muß. Es ist ein einfacher Warenverkauf; es ist nicht ein
       Geschäft zwischen  Proletarier und  Bourgeois, zwischen  Arbeiter
       und Kapitalisten;  der Mieter  - selbst  wenn er  Arbeiter ist  -
       tritt als  vermögender Mann  auf, er  muß seine ihm eigentümliche
       Ware, die  Arbeitskraft, schon verkauft haben, um mit ihrem Erlös
       als Käufer  des Nießbrauchs  einer Wohnung  auftreten zu  können,
       oder er  muß Garantien  für den bevorstehenden Verkauf dieser Ar-
       beitskraft geben  können. Die  eigentümlichen Resultate,  die der
       Verkauf der  Arbeitskraft an  den Kapitalisten  hat, fehlen  hier
       gänzlich. Der  Kapitalist läßt  die gekaufte Arbeitskraft erstens
       ihren Wert  wieder erzeugen,  zweitens aber  einen Mehrwert,  der
       vorläufig und  vorbehaltlich seiner  Verteilung unter die Kapita-
       listenklasse, in  seinen Händen  bleibt. Hier wird also ein über-
       schüssiger Wert  erzeugt, die  Gesamtsumme des  vorhandenen Werts
       wird vermehrt. Ganz anders beim Mietgeschäft. Um wieviel auch der
       Vermieter den  Mieter übervorteilen  mag, es  ist immer  nur  ein
       Übertragen bereits  vorhandenen, vorher  erzeugten Werts, und die
       Gesamtsumme der  von Mieter  und  Vermieter  zusammen  besessenen
       Werte bleibt nach wie vor dieselbe. Der Arbeiter, ob seine Arbeit
       vom Kapitalisten  unter, über  oder zu  ihrem Wert  bezahlt wird,
       wird immer  um einen  Teil seines  Arbeitsprodukts geprellt;  der
       Mieter nur  dann, wenn  er die  Wohnung über  ihren Wert bezahlen
       muß. Es  ist also  eine totale  Verdrehung des Verhältnisses zwi-
       schen Mieter  und Vermieter, es mit dem zwischen Arbeiter und Ka-
       pitalisten gleichstellen  zu wollen.  Im Gegenteil,  wir haben es
       mit einem  ganz gewöhnlichen  Warengeschäft zwischen zwei Bürgern
       zu tun,  und dies  Geschäft wickelt sich ab nach den ökonomischen
       Gesetzen, die den Warenverkauf überhaupt regeln, und speziell den
       Verkauf der  Ware: Grundbesitz. Die Bau- und Unterhaltskosten des
       Hauses oder  des betreffenden  Hausteils  kommen  zuerst  in  An-
       rechnung; der  durch die  mehr oder  weniger  günstige  Lage  des
       Hauses bedingte Bodenwert kommt in zweiter Linie; der augenblick-
       liche Stand des Verhältnisses zwischen Nachfrage und Angebot ent-
       scheidet schließlich. Dies einfache ökonomische Verhältnis drückt
       sich im Kopf unsres Proudhonisten folgendermaßen aus:
       
       "Das einmal  gebaute Haus  dient als ewiger Rechtstitel auf einen
       bestimmten Bruchteil der gesellschaftlichen Arbeit, wenn auch der
       wirkliche Wert  des Hauses  längst schon mehr als genügend in der
       Form des Mietzinses an den Besitzer gezahlt wurde.
       
       #217# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
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       So kommt  es, daß  ein Haus,  welches z.B.  vor 50  Jahren gebaut
       wurde, während dieser Zeit in dem Ertrag seines Mietzinses zwei-,
       drei-,  fünf-,   zehnmal  usw.   den  ursprünglichen  Kostenpreis
       deckte."
       
       Hier haben  wir gleich  den ganzen Proudhon. Erstens wird verges-
       sen, daß  die Hausmiete nicht nur die Kosten des Hausbaus zu ver-
       zinsen, sondern  auch Reparaturen  und den durchschnittlichen Be-
       trag schlechter Schulden, unbezahlter Mieten, sowie des gelegent-
       lichen Leerstehens  der Wohnung zu decken, und endlich das in ei-
       nem vergänglichen, mit der Zeit unbewohnbar und wertlos werdenden
       Hause angelegte  Baukapital in  jährlichen Raten  abzutragen  1*)
       hat. Zweitens wird vergessen, daß die Wohnungsmiete ebenfalls den
       Wertaufschlag des  Grundstücks, auf  dem das  Haus steht,  mit zu
       verzinsen hat, daß also ein Teil davon in Grundrente besteht. Un-
       ser Proudhonist  erklärt zwar sogleich, daß dieser Wertaufschlag,
       da er  ohne Zutun  des Grundeigentümers bewirkt, von Rechts wegen
       nicht ihm,  sondern der  Gesellschaft gehört;  er übersieht aber,
       daß er  damit in  Wirklichkeit die Abschaffung des Grundeigentums
       verlangt, ein  Punkt, auf  den näher  einzugehn uns  hier zu weit
       führen würde.  Endlich übersieht  er, daß  es sich bei dem ganzen
       Geschäft gar  nicht darum  handelt, dem Eigentümer das Haus abzu-
       kaufen, sondern  nur dessen  Nießbrauch für  eine bestimmte Zeit.
       Proudhon, der sich nie um die wirklichen, tatsächlichen Bedingun-
       gen kümmerte,  unter denen irgendeine ökonomische Erscheinung vor
       sich geht,  kann sich  natürlich auch nicht erklären, wie der ur-
       sprüngliche Kostpreis eines Hauses unter Umständen in der Gestalt
       von Miete  in fünfzig  Jahren zehnmal bezahlt wird. Anstalt diese
       gar nicht schwere Frage ökonomisch zu untersuchen und festzustel-
       len, ob  sie wirklich  und wieso mit den ökonomischen Gesetzen in
       Widerspruch steht,  hilft er  sich durch  einen kühnen Sprung aus
       der Ökonomie  in die  Juristerei: "das  einmal gebaute Haus dient
       als ewiger  Rechtstitel" auf bestimmte jährliche Zahlung. Wie das
       zustande kommt, wie das Haus ein Rechtstitel wird, davon schweigt
       Proudhon. Und doch ist es das gerade, was er hätte aufklären müs-
       sen. Hätte er es untersucht, so würde er gefunden haben, daß alle
       Rechtstitel in  der Welt,  und wenn sie noch so ewig, einem Hause
       nicht die  Macht verleihen,  seinen Kostpreis  in fünfzig  Jahren
       zehnmal in  Gestalt von  Miete bezahlt  zu erhalten,  sondern daß
       bloß ökonomische  Bedingungen (die  in Gestalt  von  Rechtstiteln
       gesellschaftlich anerkannt  sein  mögen)  dies  zustande  bringen
       können. Und damit war er wieder so weit wie am Anfang.
       Die ganze Proudhonsche Lehre beruht auf diesem Rettungssprung aus
       -----
       1*) Im "Volksstaat"  fehlt: und endlich das in ... Raten abzutra-
       gen
       
       #218# Friedrich Engels
       -----
       der ökonomischen Wirklichkeit in die juristische Phrase. Wo immer
       dem braven  Proudhon der  ökonomische Zusammenhang verlorengeht -
       und das  kommt ihm  bei jeder ernsthaften Frage vor - flüchtet er
       sich in das Gebiet des Rechts und appelliert an die ewige Gerech-
       tigkeit.
       "Proudhon schöpft  erst sein  Ideal der  ewigen Gerechtigkeit aus
       den der  Warenproduktion entsprechenden  Rechtsverhältnissen, wo-
       durch, nebenbei  bemerkt, auch der für alle Spießbürger so tröst-
       liche Beweis  geliefert wird,  daß die  Form der  Warenproduktion
       ebenso notwendig  ist wie  die Gerechtigkeit. Dann umgekehrt will
       er die  wirkliche Warenproduktion und das ihr entsprechende wirk-
       liche Recht  diesem Ideal gemäß ummodeln. Was würde man von einem
       Chemiker denken, der, statt die wirklichen Gesetze des Stoffwech-
       sels zu  studieren und auf Grundlage derselben bestimmte Aufgaben
       zu  lösen,   den  Stoffwechsel   durch  die  'ewigen  Ideen'  der
       'Natürlichkeit und  der Verwandtschaft' ummodeln wollte? Weiß man
       etwa mehr  über den  Wucher, wenn  man sagt,  er widerspreche der
       'ewigen  Gerechtigkeit'  und  der  'ewigen  Billigkeit'  und  der
       'ewigen Gegenseitigkeit'  und andern 'ewigen Wahrheiten', als die
       Kirchenväter wußten, wenn sie sagten, er widerspräche der 'ewigen
       Gnade', dem  'ewigen Glauben'  und dem  'ewigen Willen  Gottes'?"
       (Marx, "Kapital", p. 45. 1*))
       Unserm Proudhonisten  geht es  nicht besser  als seinem Herrn und
       Meister:
       
       "Der Mietsvertrag ist eine der tausend Umsetzungen, welche im Le-
       ben der  modernen Gesellschaft so notwendig sind wie die Zirkula-
       tion des  Bluts im  Körper der Tiere. Es wäre natürlich im Inter-
       esse dieser  Gesellschaft, wenn  alle diese Umsetzungen von einer
       Rechtsidee durchdrungen  wären, d.h. allenthalben nach den stren-
       gen Anforderungen  der Gerechtigkeit durchgeführt würden. Mit ei-
       nem Wort,  das ökonomische  Leben der  Gesellschaft muß sich, wie
       Proudhon sagt,  zur Höhe  eines ökonomischen Rechtes emporschwin-
       gen. In Wahrheit findet bekanntlich das gerade Gegenteil statt."
       
       Sollte man  glauben, daß fünf Jahre, nachdem Marx den Proudhonis-
       mus, gerade  nach dieser  entscheidenden Seite  hin, so  kurz und
       schlagend gezeichnet,  es möglich wäre, noch dergleichen konfuses
       Zeug in  deutscher Sprache drucken zu lassen? Was heißt denn die-
       ser Galimathias?  Nichts, als  daß die  praktischen Wirkungen der
       ökonomischen Gesetze,  die die  heutige Gesellschaft  regeln, dem
       Rechtsgefühl des  Verfassers ins Gesicht schlagen, und daß er den
       frommen Wunsch  hegt, die  Sache möge  sich so einrichten lassen,
       daß dem  abgeholfen werde. - Ja, wenn die Kröten Schwänze hätten,
       wären sie
       -----
       1*) Vgl. Band 23 unserer Ausgabe, S. 99/100
       
       #219# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
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       eben keine  Kröten mehr! Und ist denn die kapitalistische Produk-
       tionsweise nicht "von einer Rechtsidee durchdrungen", nämlich von
       der ihres  eigenen Rechts  auf Ausbeutung  der Arbeiter? Und wenn
       uns der  Verfasser sagt, daß das nicht seine Rechtsidee ist, sind
       wir einen Schritt weiter?
       Aber zurück  zur Wohnungsfrage.  Unser  Proudhonist  läßt  seiner
       "Rechtsidee " jetzt freien Lauf und gibt folgende rührende Dekla-
       mation zum besten:
       
       "Wir nehmen keinen Anstand, zu behaupten, daß es keinen furchtba-
       reren Hohn  auf die  ganze Kultur  unseres gerühmten Jahrhunderts
       gibt, als  die Tatsache, daß in den großen Städten 90 Prozent der
       Bevölkerung und  darüber keine  Stätte haben,  die sie  ihr eigen
       nennen können.  Der eigentliche  Knotenpunkt der  sittlichen  und
       Familienexistenz, Haus  und Herd,  wird vom  sozialen Wirbel  mit
       fortgerissen ...  Wir stehen  in dieser  Beziehung weit unter den
       Wilden. Der  Troglodyte hat seine Höhle, der Australier hat seine
       Lehmhütte, der  Indianer seinen eigenen Herd - der moderne Prole-
       tarier hängt faktisch in der Luft" usw.
       
       In dieser  Jeremiade haben wir den Proudhonismus in seiner ganzen
       reaktionären Gestalt.  Um die  moderne revolutionäre  Klasse  des
       Proletariats zu  schaffen, war  es absolut notwendig, daß die Na-
       belschnur durchgeschnitten wurde, die den Arbeiter der Vergangen-
       heit noch an den Grund und Boden knüpfte. Der Handweber, der sein
       Häuschen, Gärtchen  und Feldchen neben seinem Webstuhl hatte, war
       bei aller Misere und bei allem politischen Druck ein stiller, zu-
       friedener Mann  "in aller  Gottseligkeit und Ehrbarkeit", zog den
       Hut vor  den Reichen, Pfaffen und Staatsbeamten und war innerlich
       durch und  durch ein  Sklave. Gerade die moderne große Industrie,
       die aus  dem an  den Boden gefesselten Arbeiter einen vollständig
       besitzlosen, aller überkommenen Ketten 1*) los und ledigen vogel-
       freien Proletarier  gemacht, gerade  diese ökonomische Revolution
       ist es,  die die  Bedingungen geschaffen  hat, unter denen allein
       die Ausbeutung  der arbeitenden  Klasse in ihrer letzten Form, in
       der kapitalistischen  Produktion,  umgestürzt  werden  kann.  Und
       jetzt kommt dieser tränenreiche Proudhonist und jammert, wie über
       einen großen  Rückschritt, über  die Austreibung der Arbeiter von
       Haus und  Herd, die gerade die allererste Bedingung ihrer geisti-
       gen Emanzipation war.
       Vor 27  Jahren habe ich ("Lage der arbeitenden Klasse in England"
       2*)) grade  diesen Prozeß  der Vertreibung  der Arbeiter von Haus
       und Herd,  wie er  sich im 18. Jahrhundert in England vollzog, in
       seinen Hauptzügen  geschildert. Die Infamien, die die Grundbesit-
       zer und  Fabrikanten sich dabei zuschulden kommen ließen, die ma-
       teriell und moralisch nachteiligen Wirkungen,
       -----
       1*) Im "Volksstaat": Kultur - 2*) siehe Band 2 unserer Ausgabe
       
       #220# Friedrich Engels
       -----
       die diese Vertreibung zunächst auf die betroffenen Arbeiter haben
       mußte, sind  dort ebenfalls  nach Würden dargestellt. Aber konnte
       es mir  in den Sinn kommen, in diesem, unter den Umständen durch-
       aus notwendigen  geschichtlichen Entwicklungsprozeß  einen  Rück-
       schritt "hinter  die Wilden"  zu sehn?  Unmöglich. Der  englische
       Proletarier von  1872 steht unendlich höher als der ländliche We-
       ber mit  "Haus und  Herd" von  1772. Und  wird der Troglodyte mit
       seiner Höhle,  der Australier  mit seiner Lehmhütte, der Indianer
       mit seinem  eignen Herd  jemals einen Juniaufstand [123] und eine
       Pariser Kommune aufführen?
       Daß die  Lage der Arbeiter seit Durchführung der kapitalistischen
       Produktion auf  großem Maßstab im ganzen materiell schlechter ge-
       worden ist,  das bezweifelt  nur der  Bourgeois. Aber  sollen wir
       deshalb sehnsüchtig  zurückschauen nach  den (auch  sehr  magern)
       Fleischtöpfen Ägyptens  [216], nach  der ländlichen kleinen Indu-
       strie, die  nur Knechtsseelen  erzog, oder  nach den "Wilden"? Im
       Gegenteil. Erst  das durch  die moderne  große Industrie geschaf-
       fene, von  allen ererbten  Ketten, auch  von denen, die es an den
       Boden fesselten,  befreite und  in den großen Städten zusammenge-
       triebene Proletariat ist imstande, die große soziale Umgestaltung
       zu vollziehn,  die aller Klassenausbeutung und aller Klassenherr-
       schaft ein  Ende machen  wird. Die alten ländlichen Handweber mit
       Haus und  Herd wären  nie imstande  dazu gewesen,  sie hätten nie
       solch einen Gedanken fassen, noch weniger seine Ausführung wollen
       können.
       Für Proudhon  hingegen ist  die ganze industrielle Revolution der
       letzten hundert  Jahre, die  Dampf kraft,  die große Fabrikation,
       die die  Handarbeit durch  Maschinen ersetzt und die Produktions-
       kraft der Arbeit vertausendfacht, ein höchst widerwärtiges Ereig-
       nis, etwas,  das eigentlich  nicht hätte  stattfinden sollen. Der
       Kleinbürger Proudhon  verlangt eine  Welt, in der jeder ein apar-
       tes, selbständiges  Produkt verfertigt,  das sofort  verbrauchbar
       und auf  dem Markt  austauschbar ist;  wenn dann  nur  jeder  den
       vollen Wert  seiner Arbeit  in einem andern Produkt wiedererhält,
       so ist  der "ewigen Gerechtigkeit" Genüge geleistet und die beste
       Welt hergestellt. Aber diese Proudhonsche beste Welt ist schon in
       der Knospe  zertreten worden  durch den  Fuß der fortschreitenden
       industriellen Entwicklung,  die die  Einzelarbeit in allen großen
       Industriezweigen längst  vernichtet hat  und sie in den kleineren
       und kleinsten Zweigen täglich mehr vernichtet; die an ihre Stelle
       die gesellschaftliche Arbeit setzt, unterstützt von Maschinen und
       dienstbar gemachten  Naturkräften, deren  fertiges,  sofort  aus-
       tauschbares  oder  verbrauchbares  Produkt  das  gemeinsame  Werk
       vieler einzelnen  ist, durch  deren Hände es hat gehn müssen. Und
       grade durch diese industrielle Revolution
       
       #221# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
       -----
       hat die  Produktionskraft der  menschlichen Arbeit  einen solchen
       Höhegrad erreicht,  daß die Möglichkeit gegeben ist - zum ersten-
       mal, solange  Menschen existieren  -, bei verständiger Verteilung
       der Arbeit unter alle, nicht nur genug für die reichliche Konsum-
       tion aller  Gesellschaftsglieder und für einen ausgiebigen Reser-
       vefonds hervorzubringen, sondern auch jedem einzelnen hinreichend
       Muße zu  lassen, damit dasjenige, was aus der geschichtlich über-
       kommenen Bildung  - Wissenschaft,  Kunst,  Umgangsformen  usw.  -
       wirklich wert  ist, erhalten  zu werden, nicht nur erhalten, son-
       dern aus  einem Monopol  der herrschenden Klasse in ein Gemeingut
       der ganzen Gesellschaft verwandelt und weiter fortgebildet werde.
       Und hier  liegt  der  entscheidende  Punkt.  Sobald  die  Produk-
       tionskraft der  menschlichen Arbeit  sich bis auf diesen Höhegrad
       entwickelt hat,  verschwindet jeder Vorwand für den Bestand einer
       herrschenden  Klasse.  War  doch  der  letzte  Grund,  womit  der
       Klassenunterschied verteidigt  wurde, stets:  Es muß  eine Klasse
       geben, die  sich nicht mit der Produktion ihres täglichen Lebens-
       unterhalts abzuplacken  hat, damit  sie Zeit behält, die geistige
       Arbeit der  Gesellschaft zu  besorgen. Diesem  Gerede, das bisher
       seine große  geschichtliche Berechtigung  hatte,  ist  durch  die
       industrielle Revolution der letzten hundert Jahre ein für allemal
       die Wurzel  abgeschnitten. Das  Bestehn einer herrschenden Klasse
       wird täglich  mehr ein  Hindernis für  die Entwicklung  der indu-
       striellen Produktivkraft und ebensosehr für die der Wissenschaft,
       der Kunst  und namentlich  der gebildeten  Umgangsformen. Größere
       Knoten als unsere modernen Bourgeois hat es nie gegeben.
       Alles dies  geht Freund  Proudhon nichts  an. Er  will die "ewige
       Gerechtigkeit" und  weiter nichts.  Jeder soll  im Austausch  für
       sein Produkt den vollen Arbeitsertrag, den vollen Wert seiner Ar-
       beit erhalten.  Das aber  in einem Produkt der modernen Industrie
       auszurechnen, ist  eine verwickelte  Sache. Die moderne Industrie
       verdunkelt eben den besonderen Anteil des einzelnen am Gesamtpro-
       dukt, der  in der  alten Einzel-Handarbeit sich im erzeugten Pro-
       dukt von  selbst darstellte.  Die moderne Industrie ferner besei-
       tigt mehr  und mehr den Einzelaustausch, auf dem Proudhons ganzes
       System aufgebaut ist 1*), den direkten Austausch nämlich zwischen
       zwei Produzenten,  deren jeder das Produkt des andern eintauscht,
       um es  zu konsumieren.  Daher geht durch den ganzen Proudhonismus
       ein reaktionärer Zug, ein Widerwille gegen die industrielle Revo-
       lution, und das bald offener, bald versteckter sich aussprechende
       Gelüst, die ganze moderne Industrie, Dampfmaschinen, Spinnmaschi-
       nen und andern Schwindel zum Tempel hinauszuwerfen
       -----
       1*) Im "Volksstaat" endet hier der Satz
       
       #222# Friedrich Engels
       -----
       und zurückzukehren zur alten, soliden Handarbeit. Daß wir dann an
       Produktionskraft neunhundertneunundneunzig Tausendstel verlieren,
       daß die gesamte Menschheit zur ärgsten Arbeitssklaverei verdammt,
       daß die  Hungerleiderei allgemeine  Regel wird - was liegt daran,
       wenn wir es nur fertigbringen, den Austausch so einzurichten, daß
       jeder den  "vollen Arbeitsertrag"  erhält und  daß die "ewige Ge-
       rechtigkeit" durchgeführt wird? Fiat justitia, pereat mundus!
       
       Gerechtigkeit muß bestehn -
       Und sollt' die ganze Welt zugrunde gehn!
       
       Und zugrunde gehn würde die Welt bei dieser Proudhonschen Kontre-
       revolution, wenn sie überhaupt durchführbar wäre.
       Es versteht sich übrigens von selbst, daß auch bei der, durch die
       moderne große Industrie bedingten, gesellschaftlichen Produktion,
       jedem der "volle Ertrag seiner Arbeit", soweit diese Phrase einen
       Sinn hat, gesichert werden kann. Und einen Sinn hat sie nur, wenn
       sie dahin  erweitert wird,  daß nicht jeder einzelne Arbeiter Be-
       sitzer dieses "vollen Ertrages seiner Arbeit" wird, wohl aber die
       ganze, aus  lauter Arbeitern  bestehende Gesellschaft  Besitzerin
       des gesamten Produkts ihrer Arbeit, das sie teilweise zur Konsum-
       tion unter ihre Mitglieder verteilt, teilweise zum Ersatz und zur
       Vermehrung ihrer  Produktionsmittel verwendet  und teilweise  als
       Reservefonds der Produktion und Konsumtion aufspeichert. 1*)
                                   ---
       Nach dem  Vorhergehenden können  wir schon  im voraus wissen, wie
       unser Proudhonist  die große Wohnungsfrage lösen wird. Einesteils
       haben wir die Forderung, daß jeder Arbeiter seine eigene, ihm ge-
       hörende Wohnung  haben muß, damit wir nicht länger unter den Wil-
       den stehn. Andrerseits haben wir die Versicherung, daß die zwei-,
       drei-, fünf- oder zehnmalige Bezahlung des ursprünglichen Kosten-
       preises eines  Hauses in der Gestalt von Mietzins, wie sie in der
       Tat stattfindet,  auf einem  Rechtstitel beruht  und  daß  dieser
       Rechtstitel im  Widerspruch mit  der "ewigen  Gerechtigkeit" sich
       befindet. Die Lösung ist einfach: Wir schaffen den Rechtstitel ab
       und erklären  kraft der  ewigen Gerechtigkeit den gezahlten Miet-
       zins für  eine Abschlagszahlung auf den Preis der Wohnung selbst.
       Wenn man  sich seine Voraussetzungen so eingerichtet hat, daß sie
       die Schlußfolgerung  bereits in  sich enthalten, so gehört natür-
       lich nicht  mehr Geschicklichkeit  dazu, als jeder Scharlatan be-
       sitzt, um das im voraus präparierte Resultat fertig aus
       -----
       1*) Im "Volksstaat" fehlt der letzte Satz
       
       #223# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
       -----
       dem Sack  zu ziehn und auf die unerschütterliche Logik zu pochen,
       deren Erzeugnis es ist.
       Und so  geschieht es  hier. Die  Abschaffung der Mietwohnung wird
       als Notwendigkeit  proklamiert, und  zwar in der Gestalt, daß die
       Verwandlung jedes Mieters in den Eigentümer seiner Wohnung gefor-
       dert wird. Wie machen wir das? Ganz einfach:
       
       "Die Mietwohnung  wird abgelöst...  Dem  bisherigen  Hausbesitzer
       wird der  Wert seines  Hauses bis  auf den Heller und Pfennig be-
       zahlt. Statt  daß, wie  bisher, der  bezahlte Mietzins den Tribut
       darstellt, welchen  der Mieter dem ewigen Rechte des Kapitals be-
       zahlt, statt  dessen wird  von dem  Tage an,  wo die Ablösung der
       Mietwohnung proklamiert ist, die vom Mieter bezahlte, genau gere-
       gelte Summe  die jährliche Abschlagszahlung für die in seinen Be-
       sitz übergegangene  Wohnung... Die  Gesellschaft... wandelt  sich
       auf diesem  Wege in  eine Gesamtheit unabhängiger freier Besitzer
       von Wohnungen um."
       
       Der Proudhonist  findet ein Verbrechen gegen die ewige Gerechtig-
       keit darin,  daß der  Hauseigentümer ohne  Arbeit Grundrente  und
       Zins 1*)  aus seinem  im Hause  angelegten Kapital herausschlagen
       kann. Er  dekretiert, daß  dies aufhören  muß; daß das in Häusern
       angelegte Kapital  keinen Zins  1*), und  so  weit  es  gekauften
       Grundbesitz vertritt, auch keine Grundrente mehr einbringen soll.
       Nun haben wir gesehen, daß damit die kapitalistische Produktions-
       weise, die Grundlage der jetzigen Gesellschaft, gar nicht berührt
       wird. Der  Angelpunkt, um  den sich  die Ausbeutung des Arbeiters
       dreht, ist  der Verkauf  der Arbeitskraft an den Kapitalisten und
       der Gebrauch,  den der Kapitalist von diesem Geschäfte macht, in-
       dem er  den Arbeiter weit mehr zu produzieren nötigt, als der be-
       zahlte Wert  der Arbeitskraft beträgt. Dies Geschäft zwischen Ka-
       pitalist und  Arbeiter ist  es, das all den Mehrwert erzeugt, der
       nachher in  Gestalt von  Grundrente,  Handelsprofit,  Kapitalzins
       2*), Steuern  usw. auf die verschiedenen Unterarten von Kapitali-
       sten und  ihren Dienern  sich verteilt.  Und  jetzt  kommt  unser
       Proudhonist und  glaubt, wenn man einer einzigen Unterart von Ka-
       pitalisten, und  zwar von  solchen Kapitalisten,  die direkt  gar
       keine Arbeitskraft  kaufen, also auch keinen Mehrwert produzieren
       lassen, verböte,  Profit resp.  Zins 3*)  zu machen,  so sei  man
       einen Schritt weiter! Die Masse der der Arbeiterklasse abgenomme-
       nen unbezahlten Arbeit bliebe genau dieselbe, auch wenn den Haus-
       besitzern die Möglichkeit, Grundrente und Zins 1*) sich zahlen zu
       lassen, morgen  genommen würde,  was unsern  Proudhonisten  nicht
       verhindert, zu erklären:
       -----
       1*) Im "Volksstaat": Profit - 2*) im "Volksstaat" fehlt: Kapital-
       zins - 3*) im "Volksstaat" fehlt: resp. Zins
       
       #224# Friedrich Engels
       -----
       "Die Abschaffung der Mietwohnung ist somit eine der fruchtbarsten
       und großartigsten  Bestrebungen, welche dem Schöße der revolutio-
       nären Idee  entstammt und eine Forderung ersten Ranges von Seiten
       der sozialen Demokratie werden muß."
       
       Ganz die  Marktschreierei des  Meisters Proudhon  selbst, bei dem
       das Gegacker  auch stets im umgekehrten Verhältnisse zu der Größe
       der gelegten Eier steht.
       Nun denkt  euch aber  den schönen  Zustand, wenn  jeder Arbeiter,
       Kleinbürger und  Bourgeois genötigt  wird, durch jährliche Abzah-
       lungen erst  Teil-, dann ganzer Eigentümer seiner Wohnung zu wer-
       den! In  den Industriebezirken  Englands, wo  es große Industrie,
       aber kleine  Arbeiterhäuser gibt  und jeder verheiratete Arbeiter
       ein Häuschen  für sich bewohnt, hätte die Sache noch einen mögli-
       chen Sinn.  Aber die kleine Industrie von Paris sowie der meisten
       großen Städte  des Kontinents wird ergänzt durch große Häuser, in
       denen zehn, zwanzig, dreißig Familien zusammenwohnen. Am Tage des
       weltbefreienden Dekrets, das die Ablösung der Mietwohnung prokla-
       miert, arbeitet  Peter in  einer Maschinenfabrik  in Berlin. Nach
       Ablauf eines  Jahres ist er Eigentümer, meinetwegen des fünfzehn-
       ten Teiles  seiner aus  einer Kammer des fünften Stockes irgendwo
       am Hamburger  Tor bestehenden  Wohnung. Er  verliert seine Arbeit
       und findet sich bald darauf in einer ähnlichen Wohnung, mit bril-
       lanter Aussicht auf den Hof, im dritten Stock am Pothof in Hanno-
       ver, wo er nach fünfmonatigem Aufenthalte eben 1/36 des Eigentums
       erworben hat,  als ein Strike ihn nach München verschlägt und ihn
       zwingt, sich  durch  elfmonatigen  Aufenthalt  genau  11/180  des
       Eigentumsrechts auf  ein ziemlich  dunkles Anwesen zu ebner Erde,
       hinter der  Ober-Angergasse, aufzuladen.  Fernere Umzüge, wie sie
       Arbeitern heute so oft vorkommen, hängen ihm ferner an: 7/360 ei-
       ner nicht  minder empfehlenswerten  Wohnung in St. Gallen, 23/180
       einer anderen in Leeds und 347/56223, genau gerechnet, so daß die
       "ewige Gerechtigkeit"  sich nicht beklagen kann, einer dritten in
       Seraing.  Was   hat  nun   unser  Peter  von  allen  diesen  Woh-
       nungsanteilen? Wer  gibt ihm den richtigen Wert dafür? Wo soll er
       den oder  die Eigentümer  der übrigen Anteile an seinen verschie-
       denen ehemaligen  Wohnungen auftreiben?  Und wie steht es erst um
       die Eigentumsverhältnisse  eines beliebigen großen Hauses, dessen
       Stockwerke sage zwanzig Wohnungen enthalten und das, wenn die Ab-
       lösungsfrist abgelaufen  und die  Mietswohnung  abgeschafft  ist,
       vielleicht dreihundert Teileigentümern gehört, die in allen Welt-
       gegenden zerstreut  sind? Unser  Proudhonist wird  antworten, daß
       bis dahin die Proudhonsche Tauschbank [217] bestehen wird, welche
       jederzeit  an  jedermann  für  jedes  Arbeitsprodukt  den  vollen
       Arbeitsertrag, also auch für einen Wohnungsanteil den vollen Wert
       auszahlen wird.
       
       #225# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
       -----
       Aber die Proudhonsche Tauschbank geht uns hier erstens gar nichts
       an, da sie selbst in den Artikeln über die Wohnungsfrage nirgends
       erwähnt wird;  sie beruht  zweitens auf  dem sonderbaren  Irrtum,
       daß, wenn  jemand eine Ware verkaufen will, er auch immer notwen-
       dig einen  Käufer für ihren vollen Wert findet, und sie hat drit-
       tens, ehe Proudhon sie erfand, bereits in England unter dem Namen
       Labour Exchange Bazaar [218] mehr als einmal falliert.
       Die ganze Vorstellung, daß der Arbeiter sich seine Wohnung kaufen
       soll, beruht  wieder auf  der schon hervorgehobenen Proudhonschen
       reaktionären Grundanschauung, daß die durch die moderne große In-
       dustrie geschaffenen  Zustände krankhafte  Auswüchse sind und die
       Gesellschaft gewaltsam  - d.h.  gegen die  Strömung, der sie seit
       hundert Jahren folgt - einem Zustande entgegengeführt werden muß,
       in dem  die alte  stabile Handarbeit des einzelnen die Regel, und
       der überhaupt  nichts anderes  ist, als eine idealisierte Wieder-
       herstellung des  untergegangenen und  noch untergehenden Kleinge-
       werbs-betriebs. Sind  die Arbeiter  erst wieder in diese stabilen
       Zustände zurückgeworfen,  ist der "soziale Wirbel" erst glücklich
       beseitigt, so kann der Arbeiter natürlich auch wieder Eigentum an
       "Haus und  Herd" gebrauchen  und die  obige Ablösungstheorie  er-
       scheint weniger  abgeschmackt. Nur vergißt Proudhon, daß, um dies
       fertigzubringen, er  erst die  Uhr der  Weltgeschichte um hundert
       Jahre zurückstellen  muß, und  daß er damit die heutigen Arbeiter
       wieder zu  ebensolchen beschränkten,  kriechenden, duckmäuserigen
       Sklavenseelen machen würde, wie ihre Ururgroßväter waren.
       Soweit aber  in dieser Proudhonschen Lösung der Wohnungsfrage ein
       rationeller, praktisch verwertbarer Inhalt liegt, soweit wird sie
       heutzutage bereits  durchgeführt, und zwar entstammt diese Durch-
       führung nicht dem "Schöße der revolutionären Idee", sondern - den
       großen Bourgeois  selbst. Hören  wir hierüber  ein vortreffliches
       spanisches Blatt,  "La Emancipacion"  von Madrid,  vom  16.  März
       1872:
       
       "Es gibt noch ein anderes Mittel, die Wohnungsfrage zu lösen, das
       von Proudhon  vorgeschlagen worden  und das  beim ersten  Anblick
       blendet, aber bei näherer Prüfung seine totale Ohnmacht enthüllt.
       Proudhon schlug vor, die Mieter in Käufer auf Abschlagszahlung zu
       verwandeln,  so  daß  der  jährlich  bezahlte  Mietzins  als  Ab-
       lösungsrate auf  den Wert  der Wohnung angerechnet und der Mieter
       nach Ablauf einer gewissen Zeit Eigentümer, dieser Wohnung würde.
       Dieses Mittel,  das Proudhon  für sehr  revolutionär hielt,  wird
       heutzutage in  allen Ländern durch Gesellschaften von Spekulanten
       ins Werk  gesetzt, welche  sich so durch Erhöhung des Mietpreises
       den Wert der Häuser zwei- bis dreimal bezahlen lassen. Herr Doll-
       fus und  andere große  Fabrikanten des  nordöstlichen Frankreichs
       haben dies  System verwirklicht, nicht nur um Geld herauszuschla-
       gen, sondern obendrein mit einem politischen Hintergedanken.
       
       #226# Friedrich Engels
       -----
       Die gescheitesten  Führer der  herrschenden Klassen  haben  stets
       ihre Anstrengungen  darauf gerichtet, die Zahl der kleinen Eigen-
       tümer zu  vermehren, um  sich eine Armee gegen das Proletariat zu
       erziehn. Die  bürgerlichen Revolutionen  des vorigen Jahrhunderts
       zerteilten den  großen Grundbesitz  des Adels  und der  Kirche in
       kleines Parzelleneigentum,  wie heute die spanischen Republikaner
       es mit dem noch bestehenden großen Grundbesitz machen wollen, und
       schufen so  eine Klasse  kleiner Grundeigentümer, die seitdem das
       allerreaktionärste Element  der Gesellschaft und das stetige Hin-
       dernis gegenüber der revolutionären Bewegung des städtischen Pro-
       letariats geworden  ist. Napoleon  III. beabsichtigte, durch Ver-
       kleinerung der einzelnen Staatsschuldanteile, in den Städten eine
       ähnliche Klasse zu schaffen, und Herr Dollfus und seine Kollegen,
       indem sie  ihren Arbeitern  kleine, durch  jährliche  Abzahlungen
       abzutragende Wohnungen  verkauften, suchten  allen revolutionären
       Geist in  den Arbeitern  zu ersticken  und gleichzeitig sie durch
       ihren Grundbesitz an die Fabrik, in der sie einmal arbeiteten, zu
       fesseln ;  so daß der Plan Proudhons nicht nur der Arbeiterklasse
       keine Erleichterung  schuf -  er kehrte  sich sogar  direkt gegen
       sie." *)
       
       Wie ist  nun die  Wohnungsfrage zu lösen? In der heutigen Gesell-
       schaft gerade wie eine jede andere gesellschaftliche Frage gelöst
       wird: durch  die allmähliche  ökonomische Ausgleichung  von Nach-
       frage und Angebot, eine Lösung, die die Frage selbst immer wieder
       von neuem  erzeugt, also keine Lösung ist. Wie eine soziale Revo-
       lution diese  Frage lösen würde, hängt nicht nur von den jedesma-
       ligen Umständen ab, sondern auch zusammen mit viel weitergehenden
       Fragen, unter  denen die  Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und
       Land eine  der wesentlichsten ist. Da wir keine utopistischen Sy-
       steme für  die Einrichtung  der künftigen  Gesellschaft zu machen
       haben, wäre es mehr als müßig, hierauf einzugehn. Soviel aber ist
       sicher, daß schon jetzt in den großen Städten hinreichend Wohnge-
       bäude vorhanden  sind, um bei rationeller Benutzung derselben je-
       der wirklichen  "Wohnungsnot" sofort abzuhelfen. Dies kann natür-
       lich nur durch Expropriation der heutigen
       ---
       *) Wie sich diese Lösung der Wohnungsfrage vermittelst der Fesse-
       lung der  Arbeiter an  ein eigenes "Heim" in der Nähe großer oder
       emporkommender amerikanischer  Städte naturwüchsig macht, darüber
       folgende Stelle  aus einem Brief von Eleanor Marx-Aveling, India-
       napolis, 28. November 1886: "In oder vielmehr bei Kansas City sa-
       hen wir  erbärmliche kleine  Holzschuppen, zu  etwa drei Zimmern,
       noch ganz  in der  Wildnis; der Boden kostete 600 Dollars und war
       eben groß  genug, das  kleine Häuschen  darauf zu  setzen; dieses
       selbst kostete  weitere 600  Dollars, also zusammen 4800 Mark für
       ein elendes  kleines Ding, eine Stunde Wegs von der Stadt, in ei-
       ner schlammigen  Einöde. Somit  haben die  Arbeiter schwere Hypo-
       thekschulden aufzunehmen,  um nur diese Wohnungen zu erhalten und
       sind nun  erst recht  die Sklaven  ihrer Brotherren;  sie sind an
       ihre Häuser  gebunden, sie können nicht weg und müssen alle ihnen
       gebotenen Arbeitsbedingungen sich gefallen lassen. [Anmerkung von
       Engels zur Ausgabe von 1887.]
       
       #227# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
       -----
       Besitzer, resp.  durch Bequartierung ihrer Häuser mit obdachlosen
       oder in  ihren bisherigen  Wohnungen übermäßig zusammengedrängten
       Arbeitern geschehen,  und sobald  das Proletariat  die politische
       Macht erobert  hat, wird  eine solche, durch das öffentliche Wohl
       gebotene Maßregel  ebenso leicht  ausführbar sein, wie andere Ex-
       propriationen und Einquartierungen durch den heutigen Staat."
                                   ---
       Unser Proudhonist  ist aber  mit seinen  bisherigen Leistungen in
       der Wohnungsfrage  nicht zufrieden.  Er muß  sie von  der platten
       Erde in  das Gebiet  des höheren  Sozialismus erheben,  damit sie
       doch auch  hier als  ein  wesentlicher  "Bruchteil  der  sozialen
       Frage" sich bewähre.
       
       "Wir nehmen nun an, die Produktivität des Kapitals werde wirklich
       bei den  Hörnern gefaßt, wie das früher oder später geschehn muß,
       z.B. durch ein Übergangsgesetz, welches den Zins aller Kapitalien
       auf ein  Prozent festsetzt,  wohlgemerkt, mit  der Tendenz,  auch
       diesen Prozentsatz  immer mehr  dem Nullpunkt  zu nähern,  so daß
       schließlich nichts  mehr bezahlt  wird, als die zur Umsetzung des
       Kapitals nötige  Arbeit. Wie  alle anderen Produkte ist natürlich
       auch Haus und Wohnung in den Rahmen dieses Gesetzes gefaßt... Der
       Besitzer selbst  wird der  erste sein, der seine Hand zum Verkauf
       bietet, da sein Haus sonst unbenutzt und das in ihm angelegte Ka-
       pital einfach nutzlos sein würde."
       
       Dieser Satz  enthält einen der Hauptglaubensartikel des Proudhon-
       schen Katechismus  und gibt ein schlagendes Exempel von der darin
       herrschenden Konfusion.
       Die "Produktivität des Kapitals" ist ein Unding, das Proudhon von
       den bürgerlichen  Ökonomen unbesehn  übernimmt. Die  bürgerlichen
       Ökonomen fangen  zwar auch  mit dem  Satz an,  daß die Arbeit die
       Quelle alles  Reichtums und  das Maß  des Wertes aller Waren ist;
       aber sie  müssen auch erklären, wie es kommt, daß der Kapitalist,
       der Kapital  zu einem  industriellen oder  Handwerksgeschäft vor-
       schießt, nicht  nur sein  vorgeschossenes Kapital am Ende des Ge-
       schäftes zurückerhält,  sondern auch noch einen Profit obendrein.
       Sie müssen  sich daher  in allerlei  Widersprüche verwickeln  und
       auch dem  Kapital eine  gewisse Produktivität zuschreiben. Nichts
       beweist besser,  wie tief Proudhon noch in der bürgerlichen Denk-
       weise befangen  ist, als daß er sich diese Redeweise von der Pro-
       duktivität des  Kapitals angeeignet.  Wir haben  gleich am Anfang
       gesehn, daß  die sogenannte  "Produktivität des  Kapitals" nichts
       andres ist,  als die  ihm (unter  den heutigen gesellschaftlichen
       Verhältnissen, ohne die es eben kein Kapital wäre) anhaftende Ei-
       genschaft, sich  die unbezahlte Arbeit von Lohnarbeitern aneignen
       zu können.
       Aber Proudhon  unterscheidet sich  von den  bürgerlichen Ökonomen
       dadurch, daß er diese "Produktivität des Kapitals" nicht billigt,
       sondern im
       
       #228# Friedrich Engels
       -----
       Gegenteil in  ihr eine Verletzung der "ewigen Gerechtigkeit" ent-
       deckt. Sie ist es, die es verhindert, daß der Arbeiter den vollen
       Ertrag seiner Arbeit erhält. Sie muß also abgeschafft werden. Und
       wie? Indem  der Zinsfuß durch Zwangsgesetze herabgesetzt und end-
       lich auf Null reduziert wird. Dann hört nach unserm Proudhonisten
       das Kapital auf, produktiv zu sein.
       Der Zins des ausgeliehenen Geldkapitals ist nur ein Teil des Pro-
       fits; der Profit, sei es des industriellen, sei es des Handelska-
       pitals, ist  nur ein Teil des, in Gestalt von unbezahlter Arbeit,
       der  Arbeiterklasse  durch  die  Kapitalistenklasse  abgenommenen
       Mehrwerts. Die ökonomischen Gesetze, die den Zinsfuß regeln, sind
       von denen,  die die Rate des Mehrwerts regeln, so unabhängig, wie
       dies überhaupt  zwischen Gesetzen  einer  und  derselben  Gesell-
       schaftsform stattfinden  kann. Was  aber  die  Verteilung  dieses
       Mehrwerts unter  die einzelnen  Kapitalisten angeht, so ist klar,
       daß für Industrielle und Kaufleute, die viel von andren Kapitali-
       sten vorgeschossenes  Kapital in  ihrem Geschäft  haben, die Rate
       ihres Profits  in demselben  Maß steigen muß, wie - wenn alle an-
       dern Umstände  sich gleichbleiben - der Zinsfuß fällt. Die Herab-
       drückung und  schließliche Abschaffung  des Zinsfußes  würde also
       keineswegs die  sogenannte "Produktivität  des Kapitals" wirklich
       "bei den  Hörnern fassen", sondern nur die Verteilung des der Ar-
       beiterklasse abgenommenen unbezahlten Mehrwerts unter die einzel-
       nen Kapitalisten  anders regeln  und nicht dem Arbeiter gegenüber
       dem industriellen Kapitalisten, sondern dem industriellen Kapita-
       listen gegenüber dem Rentier einen Vorteil sichern.
       Proudhon, von  seinem juristischen  Standpunkt aus,  erklärt  den
       Zinsfuß, wie  alle ökonomischen Tatsachen, nicht durch die Bedin-
       gungen  der  gesellschaftlichen  Produktion,  sondern  durch  die
       Staatsgesetze, in  denen diese Bedingungen einen allgemeinen Aus-
       druck erhalten.  Von diesem  Standpunkt aus,  dem jede Ahnung des
       Zusammenhangs der  Staatsgesetze mit  den  Produktionsbedingungen
       der Gesellschaft abgeht, erscheinen diese Staatsgesetze notwendi-
       gerweise als  rein willkürliche  Befehle,  die  jeden  Augenblick
       ebensogut durch  ihr direktes Gegenteil ersetzt werden können. Es
       ist also nichts leichter für Proudhon, als ein Dekret zu erlassen
       - sobald  er die  Macht dazu  hat -,  wodurch der Zinsfuß auf ein
       Prozent herabgesetzt  wird. Und  wenn alle andren gesellschaftli-
       chen Umstände  bleiben, wie  sie waren, so wird dies Proudhonsche
       Dekret eben  nur auf dem Papier existieren. Der Zinsfuß wird sich
       nach wie  vor nach  den ökonomischen  Gesetzen regeln,  denen  er
       heute unterworfen  ist, trotz  aller Dekrete;  kreditfähige Leute
       werden nach  Umständen Geld  zu 2,3,4 und mehr Prozent aufnehmen,
       ebensogut wie  vorher, und der einzige Unterschied wird der sein,
       daß die Rentiers
       
       #229# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
       -----
       sich genau  vorsehn und  nur solchen Leuten Geld vorschießen, bei
       denen kein  Prozeß zu  erwarten ist. Dabei ist dieser große Plan,
       dem Kapital  seine "Produktivität"  zu nehmen,  uralt, so alt wie
       die - Wuchergesetze, die nichts andres bezwecken, als den Zinsfuß
       zu beschränken,  und die jetzt überall abgeschafft sind, weil sie
       in der  Praxis stets gebrochen oder umgangen wurden und der Staat
       seine Ohnmacht gegenüber den Gesetzen der gesellschaftlichen Pro-
       duktion bekennen mußte. Und die Wiedereinführung dieser mittelal-
       terlichen, unausführbaren  Gesetze soll  "die  Produktivität  des
       Kapitals bei  den Hörnern  fassen"? Man  sieht, je  näher man den
       Proudhonismus untersucht, desto reaktionärer erscheint er.
       Und wenn  dann der  Zinsfuß auf  diese Weise auf Null herunterge-
       bracht, der  Kapitalzins also  abgeschafft ist, dann wird "nichts
       mehr bezahlt,  als die zur Umsetzung des Kapitals nötige Arbeit".
       Das soll heißen, die Abschaffung des Zinsfußes ist gleich der Ab-
       schaffung des  Profits und sogar des Mehrwerts. Wäre es aber mög-
       lich, den  Zins durch  Dekret wirklich abzuschaffen, was wäre die
       Folge? Daß die Klasse der Rentiers keine Veranlassung mehr hätte,
       ihr Kapital  in Gestalt  von Vorschüssen  auszuleihen, sondern es
       selbst oder in Aktiengesellschaften für eigene Rechnung industri-
       ell anzulegen. Die Masse des der Arbeiterklasse durch die Kapita-
       listenklasse abgenommenen  Mehrwerts bliebe  dieselbe,  nur  ihre
       Verteilung änderte sich, und auch das nicht bedeutend.
       In der  Tat übersieht unser Proudhonist, daß auch schon jetzt, im
       Warenkauf der  bürgerlichen Gesellschaft,  durchschnittlich  eben
       nichts mehr  bezahlt wird,  als "die  zur Umsetzung des Kapitals"
       (soll heißen,  zur Produktion  der bestimmten  Ware) "nötige  Ar-
       beit". Die  Arbeit ist  der Maßstab des Werts aller Waren, und es
       ist in der heutigen Gesellschaft - von den Schwankungen des Mark-
       tes abgesehen - rein unmöglich, daß im Gesamtdurchschnitt für die
       Waren mehr  bezahlt wird  als die zu ihrer Herstellung nötige Ar-
       beit. Nein, nein, lieber Proudhonist, der Haken liegt wo ganz an-
       ders: Er  liegt darin,  daß "die  zur Umsetzung des Kapitals" (um
       Ihre konfuse  Ausdrucksweise zu  gebrauchen) "nötige Arbeit" eben
       nicht voll  bezahlt wird!  Wie das  zugeht, können  Sie bei  Marx
       ("Kapital", S. 128-160  1*)) nachlesen.
       Damit nicht genug. Wenn der Kapitalzins abgeschafft wird, ist da-
       mit auch  der Mietzins  abgeschafft. Denn  "wie alle anderen Pro-
       dukte ist  natürlich auch  Haus und  Wohnung in den Rahmen dieses
       Gesetzes gefaßt".  Dies ist  ganz im  Geist des alten Majors, der
       seinen Einjährigen rufen ließ: "Sagen Sie mal, ich höre, Sie sind
       Doktor - da kommen Sie doch von Zeit zu Zeit
       -----
       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 179-209
       
       #230# Friedrich Engels
       -----
       zu mir; wenn man eine Frau und sieben Kinder hat, da gibt's immer
       was zu flicken."
       Einjähriger: "Aber  verzeihen Sie, Herr Major, ich bin Doktor der
       Philosophie."
       Major: "Das  ist mich  ganz egal,  Pflasterkasten ist Pflasterka-
       sten."
       So geht  es unserm Proudhonisten auch: Mietzins oder Kapitalzins,
       das ist  ihm ganz  egal, Zins  ist Zins, Pflasterkasten ist Pfla-
       sterkasten. -  Wir haben  oben gesehen,  daß der Mietpreis, vulgo
       Mietzins, sich  zusammensetzt: 1. aus einem Anteil Grundrente; 2.
       aus einem  Anteil Zins auf das Baukapital einschließlich des Pro-
       fits für  den Bauunternehmer;  3. aus einem Anteil für Reparatur-
       und Assekuranzkosten;  4. aus  einem Anteil,  der das  Baukapital
       inkl. Profit  in jährlichen Ratenzahlungen abträgt (amortisiert),
       im Verhältnis wie das Haus allmählich verschleißt. [219]
       Und nun muß es auch dem Blindesten klar geworden sein:
       
       "Der Besitzer selbst wird der erste sein, der seine Hand zum Ver-
       kaufe bietet,  da sein  Haus sonst unbenutzt und das in ihm ange-
       legte Kapital einfach nutzlos sein würde."
       
       Natürlich. Wenn  man den  Zins auf  Vorschußkapital abschafft, so
       kann kein Hausbesitzer mehr einen Pfennig Miete für sein Haus er-
       halten, bloß  weil man für Miete auch Mietzins sagen kann 1*) und
       weil der  Mietzins einen Anteil einschließt, der wirklicher Kapi-
       talzins ist.  Pflasterkasten bleibt  Pflasterkasten. Wenn die Wu-
       chergesetze in  Beziehung auf  den gewöhnlichen  Kapitalzins doch
       nur durch Umgehung unwirksam gemacht werden konnten, so haben sie
       den Satz  der Hausmiete  nie auch  nur im  entferntesten berührt.
       Erst Proudhon  blieb es vorbehalten, sich einzubilden, sein neues
       Wuchergesetz werde ohne weiteres nicht nur den einfachen Kapital-
       zins, sondern  auch den  komplizierten Mietzins für Wohnungen re-
       geln und  allmählich abschaffen.  2*) Warum dann dem Hausbesitzer
       noch das "einfach nutzlose" Haus für teures Geld abgekauft werden
       soll, und  wieso unter  diesen Umständen  der Hausbesitzer  nicht
       noch Geld  dazu gibt,  dies "einfach  nutzlose" Haus loszuwerden,
       damit er  keine Reparaturkosten  mehr daranzuwenden  hat, darüber
       läßt man uns im dunkeln.
       Nach dieser  triumphierenden Leistung  auf dem Gebiet des höheren
       Sozialismus (Suprasozialismus  nannte das  der Meister  Proudhon)
       hält sich  unser Proudhonist  für berechtigt, noch etwas höher zu
       fliegen.
       -----
       1*) Im "Volksstaat"  endet hier  der Satz  - 2*) im  "Volksstaat"
       fehlen die zwei letzten Sätze
       
       #231# Zur Wohnungsfrage - Erster Abschnitt
       -----
       "Es handelt sich jetzt nur mehr darum, noch einige Folgerungen zu
       ziehn, um  von allen Seiten her volles Licht auf unsern so bedeu-
       tenden Gegenstand fallen zu lassen."
       
       Und was sind diese Folgerungen? Dinge, die aus dem Vorhergehenden
       ebensowenig folgen,  wie die Wertlosigkeit der Wohnhäuser aus der
       Abschaffung des  Zinsfußes, und die, der pompösen und weihevollen
       Redensarten unsres Verfassers entkleidet, weiter nichts bedeuten,
       als daß  zur besseren  Abwicklung  des  Mietwohnungs-Ablösungsge-
       schäfts wünschenswert  ist: 1. eine genaue Statistik über den Ge-
       genstand, 2. eine gute Gesundheitspolizei und 3. Genossenschaften
       von Bauarbeitern,  die den Neubau von Häusern übernehmen können -
       alles Dinge,  die gewiß  sehr schön  und gut sind, die aber trotz
       aller marktschreierischen  Phrasenumhüllung durchaus kein "volles
       Licht" in  das Dunkel  der Proudhonschen Gedankenverwirrung brin-
       gen.
       Wer so  Großes vollbracht,  hat nun  auch das Recht, an die deut-
       schen Arbeiter eine ernste Mahnung zu richten:
       
       "Solche und  ähnliche Fragen,  dünkt uns, sind der Aufmerksamkeit
       der sozialen Demokratie wohl wert... Möge sie sich, wie hier über
       die Wohnungsfrage,  so auch über die andern gleich wichtigen Fra-
       gen, wie  Kredit,  Staatsschulden,  Privatschulden,  Steuer  usw.
       klarzuwerden suchen" usw.
       
       Hier stellt uns unser Proudhonist also eine ganze Reihe von Arti-
       keln über  "ähnliche Fragen" in Aussicht, und wenn er sie alle so
       ausführlich behandelt  wie den  gegenwärtigen "so bedeutenden Ge-
       genstand", so  hat der  "Volksstaat" Manuskripte  genug  für  ein
       Jahr. Wir  können dem  indes vorgreifen  - es läuft alles auf das
       schon Gesagte  hinaus: Der  Kapitalzins wird  abgeschafft,  damit
       fällt der  für Staatsschulden und Privatschulden zu zahlende Zins
       fort, der  Kredit wird  kostenfrei usw.  Dasselbe Zauberwort wird
       auf jeden  beliebigen Gegenstand angewandt, und bei jedem einzel-
       nen Fall kommt das erstaunliche Resultat mit unerbittlicher Logik
       heraus: daß, wenn der Kapitalzins abgeschafft ist, man für aufge-
       nommenes Geld keine Zinsen mehr zu zahlen hat.
       Übrigens sind  es schöne  Fragen, mit denen unser Proudhonist uns
       bedroht: Kredit! Welchen Kredit braucht der Arbeiter, als den von
       Woche zu Woche oder den Kredit des Pfandhauses? Ob ihm dieser ko-
       stenfrei oder  für Zinsen,  selbst Pfandhaus Wucherzinsen, gelei-
       stet wird, wieviel macht ihm das Unterschied? Und wenn er, allge-
       mein genommen, einen Vorteil davon hätte, also die Produktionsko-
       sten der  Arbeitskraft wohlfeiler  würden, müßte  nicht der Preis
       der Arbeitskraft  fallen ?  - Aber für den Bourgeois und speziell
       den Kleinbürger - für die ist der Kredit eine wichtige Frage, und
       für den
       
       #232# Friedrich Engels
       -----
       Kleinbürger speziell wäre es eine schöne Sache, den Kredit jeder-
       zeit, und  noch dazu  ohne Zinszahlung,  erhalten  zu  können.  -
       "Staatsschulden"! Die  Arbeiterklasse weiß, daß sie sie nicht ge-
       macht hat,  und wenn  sie zur Macht kommt, wird sie die Abzahlung
       denen überlassen,  die sie aufgenommen haben. - "Privatschulden"!
       - siehe Kredit. - "Steuern"! Dinge, die die Bourgeoisie sehr, die
       Arbeiter aber  nur sehr  wenig interessieren: Was der Arbeiter an
       Steuern zahlt,  geht auf  die Dauer  in die Produktionskosten der
       Arbeitskraft mit  ein, muß also vom Kapitalisten mitvergütet wer-
       den. Alle  diese Punkte, die uns hier als hochwichtige Fragen für
       die Arbeiterklasse  vorgehalten werden, haben in Wirklichkeit we-
       sentliches Interesse  nur für den Bourgeois und noch mehr für den
       Kleinbürger, und wir behaupten, trotz Proudhon, daß die Arbeiter-
       klasse keinen Beruf hat, die Interessen dieser Klassen wahrzuneh-
       men.
       Von der  großen, die  Arbeiter wirklich angehenden Frage, von dem
       Verhältnis zwischen  Kapitalist und  Lohnarbeiter, von der Frage:
       wie es  kommt, daß  der Kapitalist sich aus der Arbeit seiner Ar-
       beiter bereichern  kann, davon  sagt unser Proudhonist kein Wort.
       Sein Herr und Meister hat sich allerdings damit beschäftigt, aber
       durchaus keine  Klarheit hineingebracht  und ist  auch in  seinen
       letzten Schriften  im wesentlichen  nicht weiter  als in  der von
       Marx schon  1847 so  schlagend in  ihr ganzes  Nichts aufgelösten
       "Philosophie de la Misère" (Philosophie des Elends) [220].
       Es ist  schlimm genug,  daß die  romanisch redenden Arbeiter seit
       fünfundzwanzig Jahren  fast gar  keine andre  sozialistische Gei-
       stesnahrung gehabt  haben, als  die Schriften dieses "Sozialisten
       des zweiten  Kaisertums"; es wäre ein doppeltes Unglück, wenn die
       proudhonistische Theorie  jetzt auch  noch Deutschland überfluten
       sollte. Dafür ist jedoch gesorgt. Der theoretische Standpunkt der
       deutschen Arbeiter  ist dem  proudhonistischen um  fünfzig  Jahre
       voraus, und  es wird  genügen, an  dieser einen Wohnungsfrage ein
       Exempel zu statuieren, um fernerer Mühe in dieser Beziehung über-
       hoben zu sein.
       
       #233#
       -----
       Zweiter Abschnitt
       
       Wie die Bourgeoisie die Wohnungsfrage löst
       
       I
       
       In dem  Abschnitt über  die proudhonistische Lösung der Wohnungs-
       frage wurde gezeigt, wie sehr das Kleinbürgertum bei dieser Frage
       direkt interessiert ist. Aber auch das Großbürgertum hat ein sehr
       bedeutendes, wenn  auch indirektes  Interesse daran.  Die moderne
       Naturwisssenschaft  hat   nachgewiesen,   daß   die   sogenannten
       "schlechten Viertel",  in  denen  die  Arbeiter  zusammengedrängt
       sind, die Brutstätten aller jener Seuchen bilden, die von Zeit zu
       Zeit unsre  Städte heimsuchen.  Cholera, Typhus und typhoide Fie-
       ber, Blattern und andre verheerende Krankheiten verbreiten in der
       verpesteten Luft  und dem  vergifteten  Wasser  dieser  Arbeiter-
       viertel ihre  Keime; sie  sterben dort  fast nie  aus, entwickeln
       sich, sobald  die Umstände es gestatten, zu epidemischen Seuchen,
       und dringen  dann  auch  über  ihre  Brutstätten  hinaus  in  die
       luftigeren und  gesunderen, von den Herren Kapitalisten bewohnten
       Stadtteile. Die Kapitalistenherrschaft kann nicht ungestraft sich
       das  Vergnügen   erlauben,  epidemische   Krankheiten  unter  der
       Arbeiterklasse zu  erzeugen; die  Folgen fallen  auf  sie  selbst
       zurück, und  der Würgengel  wütet unter  den Kapitalisten  ebenso
       rücksichtslos wie unter den Arbeitern.
       Sobald dies einmal wissenschaftlich festgestellt war, entbrannten
       die menschenfreundlichen Bourgeois in edlem Wetteifer für die Ge-
       sundheit ihrer  Arbeiter. Gesellschaften wurden gestiftet, Bücher
       geschrieben, Vorschläge  entworfen, Gesetze debattiert und dekre-
       tiert, um  die Quellen  der immer wiederkehrenden Seuchen zu ver-
       stopfen. Die  Wohnungsverhältnisse der Arbeiter wurden untersucht
       und Versuche  gemacht, den  schreiendsten Übelständen abzuhelfen.
       Namentlich in England, wo die meisten großen Städte bestanden und
       daher das  Feuer den  Großbürgern am  heftigsten  auf  die  Nägel
       brannte, wurde  eine große  Tätigkeit entwickelt;  Regierungskom-
       missionen wurden  ernannt, um die Gesundheitsverhältnisse der ar-
       beitenden
       
       #234# Friedrich Engels
       -----
       Klasse zu  untersuchen; ihre  Berichte, durch  Genauigkeit, Voll-
       ständigkeit und  Unparteilichkeit vor allen kontinentalen Quellen
       sich rühmlich  auszeichnend, lieferten  die Grundlagen  zu neuen,
       mehr oder  weniger scharf eingreifenden Gesetzen. So unvollkommen
       diese Gesetze auch sind, so übertreffen sie doch unendlich alles,
       was bisher  auf dem  Kontinent in  dieser Richtung  geschehn. Und
       trotzdem erzeugt  die  kapitalistische  Gesellschaftsordnung  die
       Mißstände, um deren Kur es sich handelt, immer wieder mit solcher
       Notwendigkeit, daß  selbst in England die Kur kaum einen einzigen
       Schritt vorgerückt ist.
       Deutschland brauchte, wie gewöhnlich, eine weit längere Zeit, bis
       die auch  hier chronisch bestehenden Seuchenquellen zu derjenigen
       akuten Höhe  sich entwickelten, die notwendig war, um das schläf-
       rige Großbürgertum  aufzurütteln. Indes,  wer langsam  geht, geht
       sicher, und so entstand auch bei uns schließlich eine bürgerliche
       Literatur der  öffentlichen Gesundheit und der Wohnungsfrage, ein
       wässeriger Auszug  ihrer  ausländischen,  namentlich  englischen,
       Vorgänger, dem  man durch  volltönende,  weihevolle  Phrasen  den
       Schein höherer  Auffassung anschwindelt.  Zu dieser Literatur ge-
       hört: Dr. Emil Sax, "Die Wohnungszustände der arbeitenden Classen
       und ihre Reform", Wien 1869.
       Ich greife,  um  die  bürgerliche  Behandlung  der  Wohnungsfrage
       darzulegen, dies  Buch nur  deswegen heraus,  weil es den Versuch
       macht, die  bürgerliche Literatur  über den  Gegenstand möglichst
       zusammenzufassen. Und  eine schöne  Literatur ist  es, die unsrem
       Verfasser als  "Quelle" dient!  Von  den  englischen  Parlaments-
       berichten, den  wirklichen  Hauptquellen,  werden  nur  drei  der
       allerältesten mit  Namen genannt; das ganze Buch beweist, daß der
       Verfasser nie auch nur einen davon angesehn hat; dagegen wird uns
       eine ganze  Reihe von  gemeinplätzlich bürgerlichen,  wohlmeinend
       spießbürgerlichen und  heuchlerisch  philanthropischen  Schriften
       vorgeführt: Ducpétiaux,  Roberts, Hole,  Huber, die Verhandlungen
       der englischen  Sozialwissenschafts- (oder  vielmehr Kohl-)  Kon-
       gresse, die  Zeitschrift des Vereins für das Wohl der arbeitenden
       Klassen in  Preußen, der  östreichische amtliche Bericht über die
       Pariser Weltausstellung, die amtlichen bonapartistischen Berichte
       über dieselbe,  die "Illustrierte  Londoner Zeitung",  "Über Land
       und Meer"  und endlich  "eine anerkannte Autorität", ein Mann von
       "scharfsinniger, praktischer Auffassung", von "überzeugender Ein-
       dringlichkeit der  Rede", nämlich  - Julius  Faucherl Es fehlt in
       dieser Quellenliste  nur noch  die "Gartenlaube",  der "Kladdera-
       datsch" und der Füsilier Kutschke. [221]
       Damit über  den Standpunkt des Herrn Sax kein Mißverständnis auf-
       kommen könne, erklärt er Seite 22 :
       
       #235# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
       -----
       "Wir bezeichnen  mit Sozialökonomie  die Volkswirtschaftslehre in
       ihrer Anwendung auf die sozialen Fragen, genauer ausgedrückt, den
       Inbegriff der Mittel und Wege, welche uns diese Wissenschaft bie-
       tet, auf  Grund ihrer 'ehernen' Gesetze innerhalb des Rahmens der
       gegenwärtig herrschenden  Gesellschaftsordnung,  die  sogenannten
       (!) besitzlosen Klassen auf das Niveau der Besitzenden emporzuhe-
       ben."
       
       Wir  gehen  nicht  ein  auf  die  konfuse  Vorstellung,  daß  die
       "Volkswirtschaftslehre" oder  politische Ökonomie  sich überhaupt
       mit andern als "sozialen" Fragen beschäftige. Wir gehn gleich auf
       den Hauptpunkt  los. Dr.  Sax verlangt, die "ehernen Gesetze" der
       bürgerlichen Ökonomie,  der "Rahmen  der gegenwärtig herrschenden
       Gesellschaftsordnung", mit  andern  Worten,  die  kapitalistische
       Produktionsweise soll  unverändert bestehn bleiben, und doch sol-
       len die  "sogenannten besitzlosen  Klassen auf das Niveau der Be-
       sitzenden" emporgehoben  werden. Nun  ist es  aber eine unumgäng-
       liche Voraussetzung  der kapitalistischen  Produktionsweise,  daß
       eine nicht  sogenannte, sondern  wirkliche besitzlose Klasse vor-
       handen ist,  die eben  nichts zu  verkaufen hat als ihre Arbeits-
       kraft, und  die daher auch gezwungen ist, den industriellen Kapi-
       talisten diese  Arbeitskraft zu  verkaufen. Die  Aufgabe der  von
       Herrn Sax  erfundenen neuen  Wissenschaft der  Sozialökonomie be-
       steht also  darin: die  Mittel und  Wege zu finden, wie innerhalb
       eines Gesellschaftszustands,  der begründet ist auf dem Gegensatz
       von Kapitalisten,  Inhabern aller  Rohmaterialien, Produktionsin-
       strumente und  Lebensmittel einerseits, und von besitzlosen Lohn-
       arbeitern, die  nur ihre Arbeitskraft und weiter nichts ihr eigen
       nennen, andrerseits,  wie innerhalb  dieses Gesellschaftszustands
       alle Lohnarbeiter  in Kapitalisten verwandelt werden können, ohne
       aufzuhören, Lohnarbeiter  zu sein. Herr Sax meint diese Frage ge-
       löst zu haben. Vielleicht wird er so gut sein, uns zu zeigen, wie
       man alle  Soldaten der französischen Armee, von denen ja seit dem
       alten Napoleon  jeder seinen Marschallstab im Tornister trägt, in
       Feldmarschälle verwandeln  kann, ohne  daß sie  aufhören, gemeine
       Soldaten zu  sein. Oder wie man es fertig bringt, alle 40 Millio-
       nen Untertanen  des Deutschen  Reichs zu deutschen Kaisern zu ma-
       chen.
       Es ist  das Wesen des bürgerlichen Sozialismus, die Grundlage al-
       ler Übel  der heutigen  Gesellschaft aufrechterhalten und gleich-
       zeitig diese Übel abschaffen zu wollen. Die bürgerlichen Soziali-
       sten wollen,  wie schon  das "Kommunistische Manifest" sagt, "den
       sozialen Mißständen abhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Ge-
       sellschaft zu sichern", sie wollen "die Bourgeoisie ohne das Pro-
       letariat" 1*). Wir haben gesehn, daß Herr Sax die
       
       #236# Friedrich Engels
       -----
       Frage genau  ebenso stellt.  Ihre Lösung  findet er in der Lösung
       der Wohnungsfrage; er ist der Ansicht, daß
       
       "durch Verbesserung der Wohnungen der arbeitenden Klassen dem ge-
       schilderten leiblichen  und geistigen Elend mit Erfolg abzuhelfen
       und dadurch - durch umfassende Besserung der Wohnungszustände al-
       lein -  der überwiegende  Teil dieser Klassen aus dem Sumpf ihrer
       oft kaum  menschenwürdigen Existenz  zu den  reinen  Höhen  mate-
       riellen und  geistigen Wohlbefindens  emporzuheben wäre".  (Seite
       14.)
       
       Nebenbei bemerkt, liegt es im Interesse der Bourgeoisie, die Exi-
       stenz eines  durch die  bürgerlichen Produktionsverhältnisse  ge-
       schaffenen und deren Fortbestand bedingenden Proletariats zu ver-
       tuschen. Daher  erzählt uns  Herr Sax, Seite 21, daß unter arbei-
       tenden Klassen alle "unbemittelten Gesellschaftsklassen", "kleine
       Leute überhaupt, als Handwerker, Witwen, Pensionisten (!), subal-
       terne Beamte  usw." neben  den eigentlichen Arbeitern zu verstehn
       sind. Der  Bourgeoissozialismus reicht  dem kleinbürgerlichen die
       Hand.
       Woher kommt  nun die Wohnungsnot? Wie entstand sie? Herr Sax darf
       als guter Bourgeois nicht wissen, daß sie ein notwendiges Erzeug-
       nis der bürgerlichen Gesellschaftsform ist; daß eine Gesellschaft
       nicht ohne Wohnungsnot bestehen kann, in der die große arbeitende
       Masse auf  Arbeitslohn, also  auf die zu ihrer Existenz und Fort-
       pflanzung notwendige  Summe von Lebensmitteln, ausschließlich an-
       gewiesen ist;  in der fortwährend neue Verbesserungen der Maschi-
       nerie usw.  Massen von Arbeitern außer Arbeit setzen; in der hef-
       tige, regelmäßig  wiederkehrende industrielle Schwankungen einer-
       seits das  Vorhandensein einer  zahlreichen Reservearmee  von un-
       beschäftigten  Arbeitern  bedingen,  andrerseits  zeitweilig  die
       große Masse  der Arbeiter  arbeitslos auf  die Straße treiben; in
       der Arbeiter  massenhaft in  den großen  Städten zusammengedrängt
       werden, und zwar rascher, als unter den bestehenden Verhältnissen
       Wohnungen für sie entstehn, in der also für die infamsten Schwei-
       neställe sich  immer Mieter  finden müssen;  in der  endlich  der
       Hausbesitzer, in seiner Eigenschaft als Kapitalist, nicht nur das
       Recht, sondern,  vermöge der  Konkurrenz, auch  gewissermaßen die
       Pflicht hat,  aus seinem  Hauseigentum rücksichtslos die höchsten
       Mietpreise herauszuschlagen.  In einer  solchen Gesellschaft  ist
       die Wohnungsnot kein Zufall, sie ist eine notwendige Institution,
       sie kann  mitsamt ihren Rückwirkungen auf die Gesundheit usw. nur
       beseitigt werden,  wenn die  ganze Gesellschaftsordnung,  der sie
       entspringt, von Grund aus umgewälzt wird. Das aber darf der Bour-
       geoissozialismus nicht  wissen. Er dar/sich die Wohnungsnot nicht
       aus den  Verhältnissen erklären.  Es bleibt ihm also kein anderes
       Mittel übrig, als sie mit moralischen Phrasen aus der Schlechtig-
       keit der Menschen zu erklären, sozusagen aus der Erbsünde.
       
       #237# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
       -----
       "Und da  ist nicht  zu verkennen - und folglich nicht zu leugnen"
       (kühner Schluß!) - "daß die Schuld... einesteils an den Arbeitern
       selbst liegt,  den Wohnungsbegehrenden, andern und zwar weit grö-
       ßeren Teils  aber an  denjenigen, welche die Befriedigung des Be-
       dürfnisses übernehmen,  oder, obwohl  sie über die erforderlichen
       Mittel gebieten, auch nicht übernehmen, an den besitzenden, höhe-
       ren Gesellschaftsklassen.  Die Schuld auf Seiten der letzteren...
       besteht darin,  daß sie  es sich nicht angelegen sein lassen, für
       ausreichendes Angebot guter Wohnungen zu sorgen."
       
       Wie Proudhon  uns aus der Ökonomie in die Juristerei, so versetzt
       uns hier  unser Bourgeoissozialist aus der Ökonomie in die Moral.
       Und nichts  ist natürlicher. Wer die kapitalistische Produktions-
       weise, die  "ehernen Gesetze"  der heutigen  bürgerlichen Gesell-
       schaft, für  unantastbar erklärt, und doch ihre mißliebigen, aber
       notwendigen Folgen  abschaffen will, dem bleibt nichts übrig, als
       den Kapitalisten  Moralpredigten zu halten, Moralpredigten, deren
       Rühreffekt sofort  wieder durch  das Privatinteresse und nötigen-
       falls durch  die Konkurrenz in Dunst aufgelöst wird. Diese Moral-
       predigten gleichen genau denen der Henne am Rande des Teichs, auf
       dem ihre ausgebrüteten Entchen lustig herumschwimmen. Die Entchen
       gehn aufs  Wasser, obwohl  es keine  Balken, und die Kapitalisten
       stürzen sich auf den Profit, obwohl er kein Gemüt hat. - In Geld-
       sachen hört  die Gemütlichkeit  auf" [222],  sagte schon der alte
       Hansemann, der das besser kannte als Herr Sax.
       
       "Die guten  Wohnungen stehn so hoch im Preise, daß es dem größten
       Teil der  Arbeiter ganz  und gar unmöglich ist, davon Gebrauch zu
       machen. Das  große Kapital... hält sich von den Wohnungen für die
       arbeitenden Klassen  scheu zurück... So fallen denn diese Klassen
       mit ihrem  Wohnungsbedürfnisse zum  größten Teil  der Spekulation
       anheim."
       
       Abscheuliche Spekulation - das große Kapital spekuliert natürlich
       nie! Aber  es ist  nicht der böse Wille, es ist nur die Unwissen-
       heit, die  das große  Kapital verhindert,  in Arbeiterhäusern  zu
       spekulieren:
       
       "Die Hausbesitzer  wissen gar  nicht, welch  große  und  wichtige
       Rolle  eine   normale  Befriedigung  des  Wohnungsbedürfnisses...
       spielt, sie wissen nicht, was sie den Leuten tun, wenn sie ihnen,
       wie die  Regel, so unverantwortlich schlechte, schädliche Wohnun-
       gen anbieten,  und sie  wissen endlich nicht, wie sie sich selbst
       damit schaden." (Seite 27.)
       
       Die Unwissenheit  der Kapitalisten  bedarf aber  der Unwissenheit
       der Arbeiter,  um mit  ihr die  Wohnungsnot zu  erzeugen. Nachdem
       Herr Sax zugegeben, daß die "alleruntersten Schichten" der Arbei-
       ter, "um  nicht ganz  obdachlos zu  bleiben, wo und wie immer ein
       Nachtlager zu  suchen bemüßigt (!) und in dieser Beziehung völlig
       wehr- und hülflos sind", erzählt er uns:
       
       #238# Friedrich Engels
       -----
       "Denn es  ist eine  allbekannte Tatsache,  wie viele unter ihnen"
       (den Arbeitern)  "aus Leichtsinn,  vorwiegend aber  aus Unwissen-
       heit, ihrem  Körper die Bedingungen naturgemäßer Entwickelung und
       gesunder Existenz,  fast möchte  man sagen, mit Virtuosität, ent-
       ziehn, indem  sie von einer rationellen Gesundheitspflege, insbe-
       sondere aber  davon, welch enorme Bedeutung der Wohnung in dieser
       zukommt, nicht den mindesten Begriff haben." (Seite 27.)
       
       Nun aber  kommt das  bürgerliche Eselsohr heraus. Während bei den
       Kapitalisten die "Schuld" sich in Unwissenheit verflüchtigte, ist
       bei den  Arbeitern die Unwissenheit nur der Anlaß zur Schuld. Man
       höre:
       
       "So kommt  es" (nämlich  durch die  Unwissenheit), "daß sie sich,
       wenn sie nur etwas an der Miete ersparen, in dunkle, feuchte, un-
       zureichende, kurz allen Anforderungen der Hygiene Hohn sprechende
       Wohnungen ziehn...  daß oft mehrere Familien in eine einzige Woh-
       nung, ja,  ein einziges  Zimmer sich  zusammen mieten - alles, um
       möglichst wenig  für die  Wohnung auszugeben, während sie daneben
       auf Trunk, und allerlei eitle Vergnügungen ihr Einkommen in wahr-
       haft sündhafter Weise verschleudern."
       
       Das Geld,  das die  Arbeiter "auf Branntwein und Tabak verschwen-
       den" (Seite 28), das "Wirtshausleben mit all seinen beklagenswer-
       ten Folgen,  das wie ein Bleigewicht den Arbeiterstand immer wie-
       der in  den Schlamm  hinabzieht", liegt  Herrn Sax in der Tat wie
       ein Bleigewicht  im Magen.  Daß unter den gegebenen Verhältnissen
       die Trunksucht  unter den Arbeitern ein notwendiges Produkt ihrer
       Lebenslage ist, ebenso notwendig wie Typhus, Verbrechen, Ungezie-
       fer, Gerichtsvollzieher und andere gesellschaftliche Krankheiten,
       so notwendig,  daß man  die Durchschnittszahl  der der Trunksucht
       Verfallenden vorher  berechnen kann,  das darf  Herr  Sax  wieder
       nicht wissen.  Übrigens sagte  schon mein  alter Elementarlehrer:
       "Die Gemeinen  gehen in  das Fuselhaus, und die Vornehmen gehn in
       den Klub",  und da  ich in beiden gewesen bin, kann ich die Rich-
       tigkeit bezeugen.
       Das ganze Gerede von der "Unwissenheit" beider Teile läuft hinaus
       auf die alten Redensarten von der Harmonie der Interessen von Ka-
       pital und  Arbeit. Wenn  die Kapitalisten  ihr  wahres  Interesse
       kennten, würden  sie den Arbeitern gute Wohnungen liefern und sie
       überhaupt besserstellen;  und wenn die Arbeiter ihr wahres Inter-
       esse verständen, würden sie nicht striken, nicht Sozialdemokratie
       treiben, nicht  politisieren, sondern  hübsch ihren Vorgesetzten,
       den Kapitalisten,  folgen. Leider  finden beide Teile ihre Inter-
       essen ganz woanders als in den Predigten des Herrn Sax und seiner
       zahllosen Vorgänger. Das Evangelium von der Harmonie zwischen Ka-
       pital und  Arbeit ist  nun schon  an die  fünfzig Jahre gepredigt
       worden; die  bürgerliche Philanthropie  hat es sich schweres Geld
       kosten lassen, diese Harmonie durch
       
       #239# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
       -----
       Musteranstalten zu  beweisen; und  wie wir  später sehen  werden,
       sind wir heule grade so weit wie vor fünfzig Jahren.
       Unser Verfasser  geht nun an die praktische Lösung der Frage. Wie
       wenig revolutionär  der Vorschlag  Proudhons war, die Arbeiter zu
       Eigentümern ihrer  Wohnungen zu machen, geht schon daraus hervor,
       daß der  bürgerliche Sozialismus  diesen Vorschlag  schon vor ihm
       praktisch auszuführen versucht hatte und noch versucht. Auch Herr
       Sax erklärt, daß die Wohnungsfrage vollständig nur durch Übertra-
       gung des  Eigentums der  Wohnung an die Arbeiter zu lösen sei (S.
       58 und 59). Mehr noch, er verfällt in dichterische Verzückung bei
       diesem Gedanken und bricht in folgenden Begeisterungsschwung aus:
       
       "Es ist  etwas Eigentümliches  um die  im Menschen liegende Sehn-
       sucht nach  Grundbesitz, einen  Trieb, den  selbst das fieberhaft
       pulsierende Güterleben  der Gegenwart  nicht  abzuschwächen  ver-
       mochte. Es  ist dies  das unbewußte  Gefühl von der Bedeutung der
       wirtschaftlichen Errungenschaft,  die der  Grundbesitz darstellt.
       Mit ihm  bekommt der  Mensch  einen  sicheren  Halt,  er  wurzelt
       gleichsam fest  in dem Boden, und jede Wirtschaft (!) hat in dem-
       selben die  dauerhafteste Basis. Doch weit über diese materiellen
       Vorteile reicht  die Segenskraft des Grundbesitzes hinaus. Wer so
       glücklich ist,  einen solchen  sein zu  nennen, hat  die  denkbar
       höchste Stufe  wirtschaftlicher Unabhängigkeit  erreicht; er  hat
       ein Gebiet,  worauf er  souverän schalten und walten kann, er ist
       sein eigner  Herr, er  hat eine  gewisse Macht  und einen sichern
       Rückhalt für  die Zeit  der Not;  es wächst sein Selbstbewußtsein
       und mit  diesem seine moralische Kraft. Daher die tiefe Bedeutung
       des Eigentums in der vorliegenden Frage ... Der Arbeiter, hülflos
       heute den  Wechselfällen der Konjunktur ausgesetzt, in steter Ab-
       hängigkeit von dem Arbeitgeber, würde dadurch bis zu einem gewis-
       sen Grad  dieser prekären  Lage entrückt, er würde Kapitalist und
       gegen die  Gefahren der  Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit
       durch den  Realkredit, der  ihm infolgedessen  offenstände, gesi-
       chert. Er würde dadurch aus der besitzlosen in die Klasse der Be-
       sitzenden emporgehoben." (Seite 63.)
       
       Herr Sax  scheint vorauszusetzen, daß der Mensch wesentlich Bauer
       ist, sonst  würde er  nicht den  Arbeitern unserer  großen Städte
       eine Sehnsucht  nach Grundbesitz andichten, die sonst niemand bei
       ihnen entdeckt  hat. Für unsre großstädtischen Arbeiter ist Frei-
       heit der  Bewegung erste Lebensbedingung und Grundbesitz kann ih-
       nen nur  eine Fessel  sein. Verschafft ihnen eigne Häuser, kettet
       sie wieder  an die  Scholle, und ihr brecht ihre Widerstandskraft
       gegen die  Lohnherabdrückung der Fabrikanten. Der einzelne Arbei-
       ter mag  sein Häuschen  gelegentlich verkaufen  können, bei einem
       ernstlichen Strike oder einer allgemeinen Industriekrise 1*) aber
       würden sämtliche den betreffenden Arbeitern gehörenden Häuser zum
       Verkauf auf den
       -----
       1*) Im "Volksstaat" fehlt: oder einer allgemeinen Industriekrise
       
       #240# Friedrich Engels
       -----
       Markt kommen müssen, also gar keine Käufer finden oder weit unter
       Kostpreis losgeschlagen  werden. Und wenn sie alle Käufer fänden,
       so wäre ja die ganze große Wohnungsreform des Herrn Sax wieder in
       nichts aufgelöst,  und er könnte wieder von vorn anfangen. Indes,
       Dichter leben in einer Welt der Einbildung, und so auch Herr Sax,
       der sich  einbildet, der  Grundbesitzer habe  "die höchste  Stufe
       wirtschaftlicher Unabhängigkeit erreicht", er habe "einen sichern
       Rückhalt", "er  würde Kapitalist  und gegen  die Gefahren der Ar-
       beitslosigkeit und  Arbeitsunfähigkeit durch  den Realkredit, der
       ihm infolgedessen offenstände, gesichert" usw. Herr Sax sehe sich
       doch die  französischen und  unsre rheinischen kleinen Bauern an;
       ihre Häuser  und Felder  sind mit  Hypotheken über  und über  be-
       schwert, ihre  Ernte gehört ihren Gläubigern, ehe sie geschnitten
       ist, und  auf ihrem "Gebiet" schalten und walten nicht sie souve-
       rän, sondern  der Wucherer,  der Advokat und der Gerichtsvollzie-
       her. Das ist allerdings die denkbar höchste Stufe der wirtschaft-
       lichen Unabhängigkeit  - für den Wucherer! Und damit die Arbeiter
       so rasch wie möglich ihr Häuschen unter dieselbe Souveränität des
       Wucherers bringen,  weist sie  der wohlwollende Herr Sax vorsorg-
       lich auf  den ihnen offenstehenden Realkredit hin, den sie in Ar-
       beitslosigkeit und  Arbeitsunfähigkeit benutzen können, statt der
       Armenpflege zur Last zu fallen.
       Jedenfalls hat  nun Herr  Sax die anfangs gestellte Frage gelöst:
       der Arbeiter  "wird Kapitalist"  durch Erwerb  eines eignen Häus-
       chens.
       Kapital ist Kommando über die unbezahlte Arbeit andrer. Das Häus-
       chen des  Arbeiters wird  also nur  Kapital, sobald  er es  einem
       Dritten vermietet  und in  der Gestalt  der Miete sich einen Teil
       des Arbeitsprodukts  dieses Dritten  aneignet. Dadurch, daß er es
       selbst bewohnt, wird das Haus gerade daran verhindert, Kapital zu
       werden, ebenso  wie der Rock in demselben Augenblick aufhört, Ka-
       pital zu  sein, wo  ich ihn  vom Schneider kaufe und anziehe. Der
       Arbeiter, der  ein Häuschen  im Wert  von tausend Talern besitzt,
       ist allerdings kein Proletarier mehr, aber man muß Herr Sax sein,
       um ihn einen Kapitalisten zu nennen.
       Das Kapitalistentum  unsres Arbeiters  hat aber  noch  ein  andre
       Seite. Nehmen  wir an,  in einer gegebenen Industriegegend sei es
       die Regel  geworden, daß  jeder Arbeiter sein eignes Häuschen be-
       sitzt. In diesem Fall wohnt die Arbeiterklasse jener Gegend frei;
       Unkosten für  Wohnung gehn  nicht mehr  ein in den Wert ihrer Ar-
       beitskraft. Jede  Verringerung der  Erzeugungskosten der Arbeits-
       kraft, d.h. jede dauernde Preiserniedrigung der Lebensbedürfnisse
       des Arbeiters  kommt aber  "auf Grund  der  ehernen  Gesetze  der
       Volkswirtschaftslehre" einer  Herabdrückung  des  Werts  der  Ar-
       beitskraft gleich  und hat daher schließlich einen entsprechenden
       Fall im
       
       #241# Zur Wohnungsfrage · Zweiter Abschnitt
       -----
       Arbeitslohn zur  Folge. Der  Arbeitslohn würde also durchschnitt-
       lich um  den ersparten  Durchschnittsmietbetrag fallen,  d.h. der
       Arbeiter würde die Miete für sein eignes Haus zahlen, aber nicht,
       wie früher,  in Geld  an den Hausbesitzer, sondern in unbezahlter
       Arbeit an  den Fabrikanten,  für den er arbeitet. Auf diese Weise
       würden die  im Häuschen  angelegten Ersparnisse des Arbeiters al-
       lerdings gewissermaßen  zu Kapital,  aber Kapital  nicht für ihn,
       sondern für den ihn beschäftigenden Kapitalisten.
       Herr Sax  bringt es also nicht einmal auf dem Papier fertig, sei-
       nen Arbeiter in einen Kapitalisten zu verwandeln.
       Beiläufig bemerkt,  gilt das  oben Gesagte  von allen sogenannten
       sozialen Reformen, die auf Sparen oder auf Verwohlfeilung der Le-
       bensmittel des Arbeiters hinauslaufen. Entweder werden sie allge-
       mein, und  dann folgt  ihnen eine entsprechende Lohnherabsetzung,
       oder aber  sie bleiben ganz vereinzelte Experimente, und dann be-
       weist ihr bloßes Dasein als einzelne Ausnahme, daß ihre Durchfüh-
       rung im  großen mit  der bestehnden kapitalistischen Produktions-
       weise unvereinbar ist. Nehmen wir an, in einer Gegend gelinge es,
       durch allgemeine  Einführung von  Konsumvereinen die Lebensmittel
       der Arbeiter um 20 Prozent wohlfeiler zu machen; so müßte der Ar-
       beitslohn auf die Dauer dort um annähernd 20 Prozent fallen, d.h.
       in demselben  Verhältnis, in dem die betreffenden Lebensmittel in
       den Lebensunterhalt  der Arbeiter eingehn. Verwendet der Arbeiter
       z.B. durchschnittlich  drei Viertel  seines Wochenlohns auf diese
       Lebensmittel,   so   fällt   der   Arbeitslohn   schließlich   um
       3/4 x 20 = 15 Prozent.  Kurzum: sobald  eine derartige Sparreform
       allgemein geworden,  erhält der  Arbeiter in demselben Verhältnis
       weniger Lohn,  als ihm  seine Ersparnisse erlauben, wohlfeiler zu
       leben. Gebt  jedem Arbeiter ein erspartes, unabhängiges Einkommen
       von 52  Taler, und sein Wochenlohn muß schließlich um einen Taler
       sinken. Also:  je mehr er spart, desto weniger Lohn erhält er. Er
       spart also  nicht in  seinem eignen Interesse, sondern in dem des
       Kapitalisten. Was bedarf es mehr, in ihm "die erste wirtschaftli-
       che Tugend,  den Sparsinn...  auf das  mächtigste anzuregen"? (S.
       64.)
       Übrigens sagt  uns Herr  Sax auch gleich darauf, daß die Arbeiter
       Hausbesitzer werden  sollen nicht  sowohl in  ihrem eignen Inter-
       esse, als in dem der Kapitalisten:
       
       "Doch nicht  der Arbeiterstand,  auch die  Gesellschaft im ganzen
       hat das  höchste Interesse  daran, möglichst  viele ihrer Glieder
       mit dem  Boden verknüpft (!) zu sehen" (ich möchte Herrn Sax wohl
       einmal in dieser Positur sehn) "... 1*) Alle die geheimen
       -----
       1*) Im "Volksstaat" eingefügt: der Grundbesitz ... vermindert die
       Zahl derjenigen,  die gegen die Herrschaft der besitzenden Klasse
       ankämpfen...
       
       #242# Friedrich Engels
       -----
       Kräfte, die  den Vulkan, die soziale Frage genannt, der unter un-
       sern Füßen glüht, entflammen, die proletarische Verbitterung, der
       Haß... die  gefährlichen Begriffsverwirrungen ... sie müssen zer-
       stäuben wie  die Nebel  vor der Morgensonne, wenn... die Arbeiter
       selbst auf  jenem Wege  in die Klasse der Besitzenden übergehen."
       (S. 65.)
       
       In andern  Worten: Herr  Sax hofft,  daß die  Arbeiter durch eine
       Verschiebung ihrer  proletarischen Stellung,  wie sie der Hauser-
       werb herbeiführen müßte, auch ihren proletarischen Charakter ver-
       lieren und  wieder gehorsame Duckmäuser werden gleich ihren eben-
       falls hausbesitzenden Vorfahren. Die Proudhonisten mögen sich das
       zu Gemüte führen.
       Hiermit glaubt Herr Sax die soziale Frage gelöst zu haben:
       
       "Die gerechtere Verteilung der Güter, das Sphinxrätsel, an dessen
       Lösung sich schon viele vergeblich versuchten, liegt sie nicht so
       als greifbares  Faktum vor  uns, ist sie nicht damit den Regionen
       der Ideale entrückt und in den Bereich der Wirklichkeit getreten?
       Und wenn  realisiert, ist damit nicht eins der höchsten Ziele er-
       reicht, das  selbst die  Sozialisten der  extremsten Richtung als
       den Gipfelpunkt ihrer Theorien hinstellen?" (S. 66.)
       
       Es ist  ein wahres Glück, daß wir uns bis hierher durchgearbeitet
       haben. Dieser  Jubelruf bildet nämlich den "Gipfelpunkt" des Sax-
       schen Buchs,  und von  jetzt an  geht es wieder sachte bergunter,
       aus "den  Regionen der  Ideale" auf  die platte Wirklichkeit, und
       wenn wir unten ankommen, werden wir finden, daß sich nichts, aber
       auch gar nichts in unsrer Abwesenheit geändert hat.
       Den ersten Schritt bergab läßt uns unser Führer tun, indem er uns
       belehrt, daß es zwei Systeme von Arbeiterwohnungen gibt: das Cot-
       tagesystem, wo  jede Arbeiterfamilie  ihr eignes Häuschen und wo-
       möglich Gärtchen  hat, wie in England, und das Kasernensystem der
       großen, viele  Arbeiterwohnungen enthaltenden Gebäude, wie in Pa-
       ris, Wien usw. Zwischen beiden stehe das in Norddeutschland übli-
       che System.  Nun sei  zwar das Cottagesystem das einzig richtige,
       und das  einzige, wobei der Arbeiter das Eigentum an seinem Hause
       erwerben könne; auch habe das Kasernensystem sehr große Nachteile
       für Gesundheit,  Moralität und  häuslichen Frieden - aber leider,
       leider sei  das Cottagesystem grade in den Mittelpunkten der Woh-
       nungsnot, in  den großen  Städten, wegen  der Bodenteurung unaus-
       führbar, und  man könne  noch froh  sein, wenn  man  dort,  statt
       großer Kasernen,  Häuser zu  4 bis  6 Wohnungen errichte oder den
       Hauptmängeln des Kasernensystems durch allerhand bauliche Künste-
       leien abhelfe. (S. 71-92.)
       Nicht wahr,  wir sind schon ein gutes Stück heruntergekommen? Die
       Verwandlung der Arbeiter in Kapitalisten, die Lösung der sozialen
       Frage,
       
       #243# Zur Wohnungsfrage · Zweiter Abschnitt
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       das jedem  Arbeiter eigentümlich  gehörende Haus  - das alles ist
       oben in  "den Regionen  der Ideale"  geblieben; wir haben uns nur
       noch damit  zu beschäftigen, das Cottagesystem auf dem Lande ein-
       zuführen und  in den  Städten die  Arbeiterkasernen so erträglich
       wie möglich einzurichten.
       Die bürgerliche Lösung der Wohnungsfrage ist also eingestandener-
       maßen gescheitert  - gescheitert  an dem  Gegensatz von Stadt und
       Land. Und hier sind wir an dem Kernpunkt der Frage angelangt. Die
       Wohnungsfrage ist  erst dann zu lösen, wenn die Gesellschaft weit
       genug umgewälzt  ist, um die Aufhebung des von der jetzigen kapi-
       talistischen Gesellschaft  auf die Spitze getriebenen Gegensatzes
       von Stadt  und Land in Angriff zu nehmen. Die kapitalistische Ge-
       sellschaft, weit  entfernt, diesen  Gegensatz aufheben zu können,
       muß ihn  im Gegenteil  täglich mehr  verschärfen.  Dagegen  haben
       schon die  ersten modernen  utopistischen Sozialisten,  Owen  und
       Fourier, dies  richtig erkannt. In ihren Mustergebäuden existiert
       der Gegensatz  von Stadt  und Land nicht mehr. Es findet also das
       Gegenteil statt von dem, was Herr Sax behauptet: nicht die Lösung
       der Wohnungsfrage  löst zugleich  die soziale Frage, sondern erst
       durch die  Lösung der  sozialen Frage, d.h. durch die Abschaffung
       der kapitalistischen  Produktionsweise, wird  zugleich die Lösung
       der Wohnungsfrage möglich gemacht. Die Wohnungsfrage lösen wollen
       und die  modernen großen  Städte  forterhalten  wollen,  ist  ein
       Widersinn. Die  modernen großen Städte werden aber beseitigt erst
       durch die  Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, und
       wenn diese  erst in  Gang gebracht,  wird es  sich um ganz andere
       Dinge handeln,  als jedem  Arbeiter ein  ihm zu  eigen gehörendes
       Häuschen zu verschaffen.
       Zunächst wird  aber jede soziale Revolution die Dinge nehmen müs-
       sen, wie sie sie findet, und den schreiendsten Übeln mit den vor-
       handenen Mitteln  abhelfen müssen. Und da haben wir schon gesehn,
       daß der  Wohnungsnot sofort  abgeholfen werden  kann durch Expro-
       priation eines  Teils der  den besitzenden Klassen gehörenden Lu-
       xuswohnungen und durch Bequartierung des übrigen Teils.
       Wenn nun  Herr Sax  im Verfolg  wieder  aus  den  großen  Städten
       herausgeht und  ein langes  und breites  redet über Arbeiterkolo-
       nien, die  neben den Städten angelegt werden sollen, wenn er alle
       die Schönheiten solcher Kolonien schildert, mit ihrer gemeinsamen
       "Wasserleitung,  Gasbeleuchtung,  Luft-  oder  Warmwasserheizung,
       Waschküchen, Trockenstuben,  Badekammern u. dgl.", mit "Kleinkin-
       derbewahranstalt, Schule,  Betsaal (!), Lesezimmer, Bibliothek...
       Wein- und  Bierstube, Tanz-  und Musiksaal  in allen  Ehren", mit
       Dampfkraft, die  in alle  Häuser  geleitet  werden  und  so  "die
       Produktion in  gewissem Umfang  aus den Fabriken in die häusliche
       Werkstätte
       
       #244# Friedrich Engels
       -----
       zurückverlegen" kann - so ändert das an der Sache nichts. Die Ko-
       lonie, wie  er sie schildert, ist von Herrn Huber den Sozialisten
       Owen und  Fourier direkt abgeborgt und bloß durch Abstreifung al-
       les Sozialistischen  total verbürgert. Dadurch aber wird sie erst
       recht utopistisch.  Kein Kapitalist hat ein Interesse daran, sol-
       che Kolonien  anzulegen, wie denn auch nirgendwo in der Welt eine
       solche besteht,  außer in  Guise in Frankreich; und diese ist ge-
       baut von einem Fourieristen, nicht als rentable Spekulation, son-
       dern als  sozialistisches Experiment. *) Ebensogut hätte Herr Sax
       die im  Anfang der  vierziger Jahre von Owen in Hampshire gegrün-
       dete und  längst untergegangene  kommunistische  Kolonie  Harmony
       Hall [224] zugunsten seiner bürgerlichen Projektenmacherei anfüh-
       ren können.
       Indes ist  all dies  Gerede von  Kolonisation nur ein lahmer Ver-
       such, wieder  in die  "Regionen der  Ideale" emporzufliegen,  der
       auch sofort wieder fallengelassen wird. Wir gehn nun wieder flott
       bergab. Die einfachste Lösung ist nun die,
       
       "daß die Arbeitgeber, die Fabrikherren, den Arbeitern zu entspre-
       chenden Wohnungen  verhelfen, sei  es, daß  sie diese selbst her-
       stellen, sei es, daß sie die Arbeiter zu eigner Bautätigkeit auf-
       muntern und  unterstützen, indem  sie ihnen  Grund und  Boden zur
       Verfügung stellen, das Baukapital vorschießen usw." (S. 106.)
       
       Hiermit sind  wir wieder  aus den  großen Städten  heraus, wo von
       alledem keine  Rede sein kann, und aufs Land zurückversetzt. Herr
       Sax beweist  nun, daß es hier im Interesse der Fabrikanten selbst
       liegt, ihren  Arbeitern zu  erträglichen Wohnungen  zu verhelfen,
       einerseits als  gute Kapitalanlage,  andrerseits, weil die daraus
       unfehlbar
       
       "resultierende Hebung  der Arbeiter... eine Steigerung ihrer kör-
       perlichen und  geistigen Arbeitskraft  nach sich  ziehen muß, was
       natürlich... nicht  minder... dem Arbeitgeber zugute kommt. Damit
       ist aber  auch der  rechte Gesichtspunkt  für die Beteiligung der
       letztern an  der Wohnungsfrage gegeben: Sie erscheint als Ausfluß
       der latenten Assoziation, der meist unter dem Gewände humanitärer
       Bestrebungen verborgenen  Sorge der Arbeitgeber für das leibliche
       und wirtschaftliche,  geistige und sittliche Wohl ihrer Arbeiter,
       welche sich  durch ihre Erfolge, Heranziehung und Sicherung einer
       tüchtigen, geschickten,  willigen, zufriedenen  und ergebenen Ar-
       beiterschaft von selbst pekuniär entlohnt." (S. 108.)
       
       Die Phrase  der "latenten  Assoziation", womit  Huber  [225]  dem
       bürgerlich-philanthropischen Gefasel  einen "höheren Sinn" unter-
       zuschieben versuchte,
       -----
       *) Und auch diese ist schließlich eine bloße Heimat der Arbeiter-
       Ausbeutung geworden.  Siehe den Pariser "Socialiste" [223], Jahr-
       gang 1886. [Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1887.]
       
       #245# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
       -----
       ändert an  der Sache  nichts. Auch  ohne diese  Phrase haben  die
       großen ländlichen Fabrikanten, namentlich in England, längst ein-
       gesehn, daß  die Anlage von Arbeiterwohnungen nicht nur eine Not-
       wendigkeit, ein  Stück der  Fabrikanlage selbst ist, sondern sich
       auch sehr  gut rentiert.  In England  sind auf  diese Weise ganze
       Dörfer entstanden,  von denen  manche sich später zu Städten ent-
       wickelt haben.  Die Arbeiter aber, statt den menschenfreundlichen
       Kapitalisten dankbar  zu sein,  haben von  jeher sehr  bedeutende
       Einwendungen gegen  dies "Cottagesystem"  gemacht. Nicht nur, daß
       sie Monopolpreise  für die  Häuser zahlen müssen, weil der Fabri-
       kant keine Konkurrenten hat; sie sind bei jedem Strike sofort ob-
       dachlos, da der Fabrikant sie ohne weiteres an die Luft setzt und
       dadurch jeden  Widerstand sehr  erschwert. Das Nähere kann man in
       meiner "Lage  der arbeitenden  Klasse in  England" S. 224 und 228
       1*) nachlesen.  Aber Herr  Sax meint,  dergleichen "verdiene doch
       kaum eine  Widerlegung". (S. 111.) Und will er nicht dem Arbeiter
       das Eigentum  an seinem Häuschen verschaffen? Allerdings, aber da
       "die Arbeitgeber  in der Lage sein müßten, über die Wohnung stets
       zu verfügen,  um, wenn  sie einen Arbeiter entlassen, für den Er-
       satzmann Raum zu haben", so - nun ja, so müßte "durch Verabredung
       der Widerruflichkeit des Eigentums für jene Fälle vorgesehen wer-
       den"! (S. 113.) *)
       Diesmal sind wir unerwartet rasch heruntergekommen. Erst hieß es:
       Eigentum des Arbeiters an seinem Häuschen; dann erfahren wir, daß
       das in  den Städten unmöglich und nur auf dem Lande durchführbar;
       jetzt wird  uns erklärt, daß dies Eigentum auch auf dem Lande nur
       ein "durch  Verabredung widerrufliches" sein soll! Mit dieser von
       Herrn Sax neu entdeckten Sorte von Eigentum für die Arbeiter, mit
       dieser ihrer Verwandlung in
       ---
       *) Auch hierin haben die englischen Kapitalisten längst alle Her-
       zenswünsche des  Herrn Sax  nicht nur erfüllt, sondern weit über-
       treffen. Montag,  den 14.  Oktober 1872, hatte in Morpeth der Ge-
       richtshof zur  Feststellung der  Parlaments-Wählerlisten über den
       Antrag von  2000 Bergarbeitern  auf Eintragung ihrer Namen in die
       Liste zu entscheiden. Es stellte sich heraus, daß der größte Teil
       dieser Leute  nach dem  Reglement der  Grube, wo  sie arbeiteten,
       nicht als  Mieter der  von ihnen  bewohnten Häuschen, sondern nur
       als darin  geduldet anzusehn seien und ohne jede Kündigung jeder-
       zeit an  die Luft  gesetzt werden  konnten.  (Grubenbesitzer  und
       Hauseigentümer waren  natürlich eine  und dieselbe  Person.)  Der
       Richter entschied,  daß diese Leute keine Mieter, sondern Knechte
       seien und  als solche  zur Eintragung  nicht berechtigt.  ("Daily
       News", 15. Oktober 1872.)
       -----
       1*) Siehe Band 2 unserer Ausgabe, S. 403/404 und 406/407
       
       #246# Friedrich Engels
       -----
       "durch Verabredung  widerrufliche" Kapitalisten,  sind wir glück-
       lich wieder auf ebener Erde angekommen und haben hier zu untersu-
       chen, was die Kapitalisten und sonstigen Philanthropen zur Lösung
       der Wohnungsfrage wirklich getan haben.
       
       II
       
       Wenn wir  unserm Dr.  Sax glauben  dürfen, so  ist von seiten der
       Herren Kapitalisten  schon jetzt Bedeutendes zur Abhülfe der Woh-
       nungsnot geleistet  und der Beweis geliefert worden, daß die Woh-
       nungsfrage auf Grund der kapitalistischen Produktionsweise lösbar
       ist.
       Vor allen  Dingen führt  uns Herr  Sax an  - das bonapartistische
       Frankreich! Louis Bonaparte ernannte bekanntlich zur Zeit der Pa-
       riser Weltausstellung eine Kommission, scheinbar um über die Lage
       der arbeitenden  Klassen Frankreichs zu berichten, in der Tat, um
       zum größern  Ruhm des  Kaiserreichs diese  Lage als eine wahrhaft
       paradiesische zu  schildern. Und  auf den  Bericht dieser aus den
       korruptesten Werkzeugen  des Bonapartismus zusammengesetzten Kom-
       mission beruft  sich Herr Sax, besonders auch, weil die Resultate
       ihrer Arbeit  "nach dem eigenen Ausspruch des damit betrauten Ko-
       mitees für  Frankreich ziemlich  vollständig" sind!  Und was sind
       diese Resultate?  Von 89  Großindustriellen  resp.  Aktiengesell-
       schaften, welche  Auskunft erteilten, haben 31 keine Arbeiterwoh-
       nungen errichtet; die errichteten Wohnungen beherbergen nach Sax'
       eigner Schätzung höchstens 50 000-60 000 Köpfe, und die Wohnungen
       bestehn fast  ausschließlich nur  aus zwei Zimmern für jede Fami-
       lie!
       Es ist  selbstredend, daß  jeder Kapitalist,  den die Bedingungen
       seiner Industrie  - Wasserkraft,  Lage der  Kohlengruben,  Eisen-
       steinlager und sonstigen Bergwerke usw. - an eine bestimmte länd-
       liche Lokalität  fesseln, Wohnungen für seine Arbeiter bauen muß,
       wenn keine  vorhanden sind.  Darin einen  Beweis der Existenz der
       "latenten Assoziation",  "ein sprechendes Zeugnis für die Zunahme
       des Verständnisses  der Sache  und ihrer  hohen Tragweite", einen
       "viel verheißenden  Anfang" (S.  115) zu  sehn, dazu  gehört eine
       stark entwickelte  Gewohnheit, sich selbst etwas aufzubinden. Üb-
       rigens unterscheiden  sich die  Industriellen  der  verschiedenen
       Länder auch  hierin nach  ihrem  jedesmaligen  Nationalcharakter.
       Z.B. erzählt uns Herr Sax S. 117:
       
       "In England macht sich erst in neuester Zeit eine gesteigerte Tä-
       tigkeit der  Arbeitgeber in dieser Richtung bemerkbar. Namentlich
       sind es  die abgelegenen Weiler auf dem Lande... Der Umstand, daß
       die Arbeiter sonst häufig von der nächsten Ortschaft
       
       #247# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
       -----
       einen weiten  Weg zur  Fabrik zurückzulegen  haben und, schon er-
       schöpft daselbst  anlangend, ungenügende  Arbeit leisten,  ist es
       vorwiegend, welcher  den Arbeitgebern den Beweggrund zum Baue von
       Wohnungen für  ihre Arbeitskräfte  abgibt. Indes  mehrt sich auch
       die Zahl  derjenigen, welche, in tieferer Auffassung der Verhält-
       nisse, mit der Wohnungsreform auch mehr oder weniger alle sonsti-
       gen Elemente  der latenten Assoziation in Verbindung bringen, und
       diesen danken  jene blühenden Kolonien ihr Entstehen... Die Namen
       eines Ashton  in Hyde, Ashworth in Turton, Grant in Bury, Greg in
       Bollington, Marshall  in Leeds,  Strutt in  Belper, Salt  in Sal-
       taire, Ackroyd  in Copley u.a. sind im Vereinigten Königreiche um
       dessentwillen wohlbekannt."
       
       Heilige Einfalt  und noch  heiligere Unwissenheit!  Erst  in  der
       "neuesten Zeit"  haben die  englischen ländlichen Fabrikanten Ar-
       beiterwohnungen gebaut! Nein, lieber Herr Sax, die englischen Ka-
       pitalisten sind wirkliche Großindustrielle, nicht nur dem Beutel,
       sondern auch  dem Kopfe  nach. Lange  ehe man in Deutschland eine
       wirklich große  Industrie besaß,  hatten sie  eingesehn, daß  bei
       ländlicher Fabrikation die Auslage für Arbeiterwohnungen ein not-
       wendiger, direkt und indirekt sehr rentabler Teil des Gesamtanla-
       gekapitals ist.  Lange ehe  der Kampf  zwischen Bismarck  und den
       deutschen Bourgeois  den deutschen  Arbeitern die Koalitionsfrei-
       heit schenkte,  hatten die englischen Fabrikanten, Bergwerks- und
       Hüttenbesitzer praktisch  erfahren, welchen  Druck sie  auf stri-
       kende Arbeiter  ausüben können,  wenn sie gleichzeitig die Miets-
       herren dieser Arbeiter sind. "Die blühenden Kolonien" eines Greg,
       eines Ashton,  eines Ashworth gehören so sehr der "neuesten Zeit"
       an, daß  sie schon  vor 40  Jahren von der Bourgeoisie als Muster
       ausposaunt wurden,  wie ich  das selbst  schon vor  28 Jahren be-
       schrieben ("Lage der arbeitenden Klasse, Seite 228-230, Anmerkung
       1*)). Etwa  ebenso alt  sind die  von  Marshall  und  Akroyd  (so
       schreibt sich  der Mann) und noch viel älter, ins vorige Jahrhun-
       dert in ihren Anfängen zurückreichend, ist die von Strutt. Und da
       in England  die durchschnittliche Dauer einer Arbeiterwohnung auf
       40 Jahre  angenommen wird,  so kann  Herr Sax  sich selbst an den
       Fingern abzählen,  in  welchem  verfallenen  Zustand  sich  diese
       "blühenden Kolonien"  jetzt befinden.  Zudem liegt  die  Mehrzahl
       dieser Kolonien  jetzt nicht  mehr auf  dem Lande;  die kolossale
       Ausdehnung der Industrie hat die meisten von ihnen derart mit Fa-
       briken und  Häusern umgeben,  daß sie  mitten in  schmutzigen und
       rauchigen Städten  von 20 000  bis  30 000  und  mehr  Einwohnern
       liegen; was  die durch  Herrn Sax  repräsentierte deutsche  Bour-
       geoisiewissenschaft nicht verhindert, die alten englischen Lobge-
       sänge von 1840, die gar nicht mehr anwendbar sind, noch heute ge-
       treulichst nachzubeten.
       -----
       1*) Siehe Band 2 unserer Ausgabe, S. 406/407
       
       #248# Friedrich Engels
       -----
       Und nun gar der alte Akroyd! 1*) Dieser brave Mann war allerdings
       ein Philanthrop vom reinsten Wasser. Er liebte seine Arbeiter und
       besonders seine  Arbeiterinnen so  sehr, daß  seine weniger  men-
       schenfreundlichen Konkurrenten  in Yorkshire  von  ihm  zu  sagen
       pflegten: er treibe seine Fabrik ausschließlich mit seinen eignen
       Kindern! Allerdings  behauptet Herr  Sax, daß in diesen blühenden
       Kolonien "uneheliche Geburten immer seltener werden" (Seite 118).
       Jawohl, uneheliche  Geburten außer  der Ehe; die hübschen Mädchen
       verheiraten sich  in den englischen Fabrikdistrikten nämlich sehr
       jung.
       In England ist die Anlage von Arbeiterwohnungen dicht neben jeder
       großen ländlichen  Fabrik, und  gleichzeitig mit  der Fabrik, die
       Regel gewesen  seit 60  Jahren und  mehr. Wie schon erwähnt, sind
       viele solcher  Fabrikdörfer der Kern geworden, um den sich später
       eine ganze  Fabrikstadt angesetzt hat, mit allen den Übelständen,
       die eine  Fabrikstadt mit  sich bringt. Diese Kolonien haben also
       die Wohnungsfrage  nicht gelöst, sie haben sie in ihrer Lokalität
       erst geschaffen.
       Dagegen in den Ländern, die England auf dem Gebiet der großen In-
       dustrie nur  nachgehinkt sind,  und die eigentlich erst seit 1848
       kennengelernt haben,  was eine große Industrie ist, in Frankreich
       und besonders 2*) in Deutschland ist es ganz anders. Hier sind es
       nur kolossale Hüttenwerke und Fabriken, die sich nach langem Zau-
       dern zum  Bau einiger  Arbeiterwohnungen entschließen  - wie  das
       Schneidersche Werk  in Creusot  und das  Kruppsche in  Essen. Die
       große Mehrzahl der ländlichen Industriellen läßt ihre Arbeiter in
       Hitze, Schnee  und Regen meilenweit morgens zur Fabrik und abends
       wieder nach Hause traben. Dies ist besonders in gebirgigen Gegen-
       den der  Fall - in den französischen und Elsasser Vogesen, wie an
       der Wupper,  Sieg, Agger,  Lenne und  anderen rheinisch-westfäli-
       schen Flüssen.  Im Erzgebirge  wird's nicht  besser sein.  Es ist
       dieselbe kleinliche Knickerei bei Deutschen wie bei Franzosen.
       Herr Sax  weiß sehr  gut, daß sowohl der vielversprechende Anfang
       wie die  blühenden Kolonien weniger als nichts bedeuten. Er sucht
       also jetzt  den Kapitalisten zu beweisen, welche prächtige Renten
       sie aus  der Anlage  von Arbeiterwohnungen ziehen können. Mit an-
       dern Worten,  er sucht  ihnen einen neuen Weg anzuzeigen, die Ar-
       beiter zu prellen.
       Zuerst hält  er ihnen  das Exempel  einer Reihe von Londoner Bau-
       gesellschaften vor, welche, teils philanthropischer, teils speku-
       lativer Natur, einen
       -----
       1*) Im "Volksstaat":  Und nun gar der alte A - ich will den Namen
       nicht nennen,  er ist  längst tot  und begrabenl - 2*) im "Volks-
       staat" fehlt: besonders
       
       #249# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
       -----
       Reinertrag von  4 bis  6% und mehr erzielt haben. Daß Kapital, in
       Arbeiterwohnungen angelegt,  sich gut  rentiert, braucht uns Herr
       Sax nicht  erst zu  beweisen. Der Grund, weshalb nicht mehr darin
       angelegt wird  als geschieht, ist der, daß teurere Wohnungen sich
       dem Eigentümer  noch besser  rentieren. Herrn Sax' Mahnung an die
       Kapitalisten läuft also wieder auf bloße Moralpredigt hinaus.
       Was nun  diese Londoner Baugesellschaften angeht, deren glänzende
       Erfolge Herr  Sax so  laut ausposaunt,  so haben  sie laut seiner
       eignen Aufzählung  - und  darin ist jede beliebige Bauspekulation
       mit aufgeführt  - im ganzen Unterkommen für 2132 Familien und für
       706 einzelne  Männer hergestellt, also für unter 15 000 Personenl
       Und dergleichen  Kindereien wagt man in Deutschland ernsthaft als
       große Erfolge  aufzuführen, während  im Ostteil von London allein
       eine Million  Arbeiter in den elendesten Wohnungszuständen leben?
       Diese sämtlichen  philanthropischen Bestrebungen  sind in der Tat
       so erbärmlich nichtig, daß in den englischen Parlamentsberichten,
       die sich  mit der  Lage der Arbeiter befassen, ihrer nie auch nur
       Erwähnung getan wird.
       Von der  lächerlichen Unkenntnis Londons, die sich in diesem gan-
       zen Abschnitt breitmacht, wollen wir hier gar nicht sprechen. Nur
       eins. Herr  Sax meint, das Logierhaus für einzelne Männer in Soho
       1*) sei  eingegangen, weil in dieser Gegend "auf zahlreiche Kund-
       schaft nicht  zu rechnen"  war. Herr  Sax stellt sich nämlich das
       ganze Westend von London als eine einzige Luxusstadt vor und weiß
       nicht, daß  dicht hinter  den elegantesten Straßen die schmutzig-
       sten Arbeiterviertel  liegen, von  denen z.B.  Soho eins ist. Das
       Musterlogierhaus in  Soho, von  dem er  spricht und das ich schon
       vor 23 Jahren kannte, hatte anfangs Zuspruch die Menge, ging aber
       ein, weil kein Mensch es darin aushalten konnte. Und dabei war es
       noch eins der besten.
       Aber die Arbeiterstadt von Mülhausen im Elsaß, - das ist doch ein
       Erfolg?
       Die Arbeiterstadt  in Mülhausen  ist das  große  Paradepferd  der
       kontinentalen Bourgeois, grade wie die weiland blühenden Kolonien
       von Ashton, Ashworth, Greg und Konsorten das der englischen. Lei-
       der ist  sie kein Produkt der "latenten" Assoziation, sondern der
       offenen Assoziation  zwischen dem zweiten französischen Kaisertum
       und den  Elsasser Kapitalisten. Sie war eins von Louis Bonapartes
       sozialistischen Experimenten,  zu dem  der Staat 1/3 des Kapitals
       vorschoß. Sie hat in 14 Jahren (bis 1867) 800 kleine
       -----
       1*) Stadtteil von London
       
       #250# Friedrich Engels
       -----
       Häuschen nach  einem mangelhaften, in England, wo man dies besser
       versteht, unmöglichen  System gebaut,  und überläßt diese den Ar-
       beitern gegen  monatliche Bezahlung  eines  erhöhten  Mietbetrags
       nach 13 bis 15 Jahren als Eigentum. Diese Art der Eigentumserwer-
       bung, in  den englischen  genossenschaftlichen Baugesellschaften,
       wie wir  sehen werden, längst eingeführt, brauchte von den Elsas-
       ser Bonapartisten  nicht erst  erfunden zu  werden. Die  Mietauf-
       schläge für  den Ankauf der Häuser sind im Verhältnis zu den eng-
       lischen ziemlich stark; der Arbeiter erhält z.B., nachdem er 4500
       Franken in  fünfzehn Jahren  nach und  nach eingezahlt  hat,  ein
       Haus, das vor 15 Jahren 3300 Franken wert war. Falls der Arbeiter
       wegziehen will  oder auch nur mit einer einzigen Monatszahlung im
       Rückstand bleibt  (in welchem Fall er herausgesetzt werden kann),
       berechnet man  ihm 6 2/3 % des ursprünglichen Hauswerts als jähr-
       liche Miete  (z.B. 17  Franken monatlich  bei 3000  Franken Haus-
       wert), und  zahlt ihm  den Rest  heraus, aber  ohne einen Pfennig
       Zinsen.  Daß   dabei  die   Gesellschaft,   abgesehen   von   der
       "Staatshülfe", fett  werden kann,  begreift sich;  ebensowohl be-
       greift sich,  daß die  unter diesen Umständen gelieferten Wohnun-
       gen, schon  weil vor  der Stadt,  halb ländlich, angelegt, besser
       sind als die alten Kasernenwohnungen in der Stadt selbst.
       Von den paar erbärmlichen Experimenten in Deutschland, deren Jäm-
       merlichkeit selbst Herr Sax, Seite 157, anerkennt, sagen wir kein
       Wort.
       Was beweisen  nun alle diese Exempel? Einfach, daß die Anlage von
       Arbeiter Wohnungen,  selbst wenn  nicht alle  Gesetze der Gesund-
       heitspflege mit  Füßen getreten  worden, sich kapitalistisch ren-
       tiert. Das  aber ist  nie bestritten  worden, das wußten wir alle
       längst. Jede  Kapitalanlage, die  ein Bedürfnis  befriedigt, ren-
       tiert sich  bei rationellem  Betrieb. Die  Frage ist grade: warum
       trotzdem die  Wohnungsnot fortbesteht, warum trotzdem die Kapita-
       listen nicht  für hinreichende gesunde Wohnungen für die Arbeiter
       sorgen? Und  da hat  Herr Sax  eben wieder nur Ermahnungen an das
       Kapital zu richten und bleibt uns die Antwort schuldig. Die wirk-
       liche Antwort auf diese Frage haben wir oben schon gegeben.
       Das Kapital,  das ist jetzt endgültig festgestellt, will die Woh-
       nungsnot nicht  abschaffen, selbst  wenn es  könnte. Bleiben  nur
       zwei andere Auskunftsmittel: die Selbsthülfe der Arbeiter und die
       Staatshülfe.
       Herr Sax,  ein begeisterter  Verehrer der  Selbsthülfe, weiß auch
       auf dem  Gebiet der  Wohnungsfrage Wunderdinge von ihr zu berich-
       ten. Leider muß er gleich im Anfang zugeben, daß sie nur da etwas
       leisten kann,  wo das  Cottagesystem entweder  besteht oder  doch
       durchführbar ist, also wiederum
       
       #251# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
       -----
       
       nur auf dem Lande; in den großen Städten, auch in England, nur in
       sehr beschränktem Maßstab. Dann, seufzt Herr Sax,
       
       "kann sich  die Reform durch dieselbe" (die Selbsthülfe) "nur auf
       einem Umwege,  daher stets  nur unvollkommen  vollziehen, nämlich
       nur insofern, als eben dem Prinzip des Eigenbesitzes eine auf die
       Qualität der Wohnung rückwirkende Kraft zukommt".
       
       Auch dies  wäre in  Zweifel zu ziehn; jedenfalls hat "das Prinzip
       des Eigenbesitzes" auf die "Qualität" des Stils unsres Verfassers
       keineswegs reformierend  zurückgewirkt.  Trotz  alledem  hat  die
       Selbsthülfe in England solche Wunder getan,
       
       "daß dadurch  alles, was  dort zur  Lösung der Wohnungsfrage nach
       anderen Richtungen hin geschehen ist, weit überholt wird. Es sind
       dies die  englischen building  societies 1*)",  die Herr Sax auch
       besonders deswegen  weitläufiger behandelt,  weil "über ihr Wesen
       und Wirken  im allgemeinen  sehr ungenügende oder irrige Vorstel-
       lungen verbreitet  sind. Die  englischen building  societies sind
       keineswegs ...  Baugesellschaften oder  Baugenossenschaften,  sie
       sind vielmehr...  im Deutschen etwa durch: 'Hauserwerbvereine' zu
       bezeichnen; sie  sind Vereine  mit dem  Zwecke, durch periodische
       Beiträge der Mitglieder einen Fonds anzusammeln, und daraus, eben
       nach Maßgabe  der Mittel, den Mitgliedern zum Ankauf eines Hauses
       Darlehen zu  gewähren... Die  building society  ist somit für den
       einen Teil  ihrer Mitglieder  ein Sparverein, für den andern Teil
       eine Vorschußkasse.  - Die  building societies  sind also für die
       Bedürfnisse des  Arbeiters berechnete  Hypothekarkreditanstalten,
       welche hauptsächlich... die Ersparnisse der Arbeiter... den Stan-
       desgenossen der  Einleger zum  Ankauf oder  Bau eines  Hauses zu-
       wenden. Wie  vorauszusetzen, werden diese Darlehen gegen Verpfän-
       dung der betreffenden Realität und in der Weise konstituiert, daß
       die Tilgung  derselben in  kurzen Ratenzahlungen  erfolgt, welche
       Verzinsung und  Amortisation in  sich vereinen...  Die Verzinsung
       wird den Einlegern nicht ausbezahlt, sondern stets auf Zinseszins
       gutgeschrieben ...  Die Rückforderung der Einlagen samt den ange-
       wachsenen Interessen... kann gegen monatliche Kündigung jeden Au-
       genblick erfolgen." (Seite 170-172.) "Es bestehen in England über
       2000 solcher  Vereine, ...  das in ihnen angesammelte Kapital be-
       läuft sich  auf etwa  15 000 000 Pfund  Sterling, und  an 100 000
       Arbeiterfamilien sind  auf diesem Wege bereits zu dem Besitze ei-
       nes eignen  häuslichen Herdes  gelangt;  eine  soziale  Errungen-
       schaft, der  sicherlich nicht  bald eine  andre an  die Seite  zu
       stellen." (Seite 174.)
       
       Leider kommt auch hier das "Aber" dicht hinterdrein gehinkt:
       
       "Eine vollendete Lösung der Frage ist indes damit noch keineswegs
       erreicht. Schon aus dem Grunde nicht, weil der Hauserwerb nur den
       bessergestellten Arbeitern...  offensteht... Namentlich die sani-
       tären Rücksichten  sind oft  nicht genügend  beobachtet."  (Seite
       176.)
       -----
       1*) Baugesellschaften
       
       #252# Friedrich Engels
       -----
       Auf dem  Kontinent finden  "derartige Vereine... nur ein geringes
       Terrain zur Entfaltung vor". Sie setzen das Cottagesystem voraus,
       das hier  nur auf  dem Lande besteht; auf dem Lande aber sind die
       Arbeiter zur Selbsthülfe noch nicht entwickelt genug. Andrerseits
       in den  Städten, wo  sich eigentliche  Baugenossenschaften bilden
       könnten, stehn  ihnen "sehr erhebliche und ernste Schwierigkeiten
       mannigfacher Art  entgegen". (Seite  179.) Sie  könnten eben  nur
       Cottages bauen, und das geht in den großen Städten nicht. Kurzum,
       "dieser Form der genossenschaftlichen Selbsthülfe" kann "nach den
       heutigen Verhältnissen  - und  auch kaum  in naher  Zukunft - die
       Hauptrolle in der Lösung der vorliegenden Frage wohl nicht zufal-
       len". Diese  Baugenossenschaften befinden  sich nämlich  noch "im
       Stadium der  ersten, unentwickelten  Anfänge". "Dies  gilt selbst
       für England." (Seite 181.)
       Also: die  Kapitalisten wollen  nicht  und  die  Arbeiter  können
       nicht. Und  damit könnten wir diesen Abschnitt schließen, wenn es
       nicht unbedingt  nötig wäre,  über die englischen building socie-
       ties, die  die Bourgeois von der Couleur Schulze-Delitzsch unsern
       Arbeitern stets als Muster vorhalten, einige Aufklärung zu geben.
       Diese building  societies sind weder Arbeitergesellschaften, noch
       ist ihr  Hauptzweck, Arbeitern  eigne Häuser  zu verschaffen. Wir
       werden im  Gegenteil sehn,  daß dies  nur sehr  ausnahmsweise ge-
       schieht. Die  building societies  sind wesentlich  spekulierender
       Natur, die kleinen, welche die ursprünglichen sind, nicht weniger
       als ihre  großen Nachahmer.  In einem Wirtshaus tun sich, auf Be-
       trieb gewöhnlich  des Wirts,  bei dem dann die wöchentlichen Ver-
       sammlungen stattfinden, eine Anzahl Stammgäste und deren Freunde,
       Krämer, Kommis, Handlungsreisende, Kleinmeister und andres Klein-
       bürgertum -  hier und  da auch  ein Maschinenbauer oder sonstiger
       zur Aristokratie seiner Klasse gehöriger Arbeiter - zu einer Bau-
       genossenschaft zusammen; die nächste Veranlassung ist gewöhnlich,
       daß der  Wirt ein verhältnismäßig wohlfeil zu habendes Grundstück
       in der Nachbarschaft oder sonstwo aufgespürt hat. Die meisten der
       Mitglieder sind  durch ihre Beschäftigung nicht an eine bestimmte
       Gegend gebunden;  selbst viele der Krämer und Handwerker haben in
       der Stadt nur ein Geschäftslokal, keine Wohnung; wer irgend kann,
       wohnt lieber  draußen als mitten in der rauchigen Stadt. Die Bau-
       stelle wird  gekauft, und die mögliche Anzahl von Cottages darauf
       errichtet. Der  Kredit der  Wohlhabenderen ermöglicht den Ankauf,
       die wöchentlichen  Beiträge, nebst einigen kleinen Anleihen, dec-
       ken die  wöchentlichen Auslagen  für den Bau. Diejenigen Mitglie-
       der, die auf ein eignes Haus spekulieren, erhalten durchs Los die
       fertig  werdenden   Cottages  zugeteilt,  und  der  entsprechende
       Mietaufschlag amortisiert den
       
       #253# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
       -----
       Kaufpreis. Die  übrigbleibenden Cottages  werden  vermietet  oder
       verkauft. Die  Baugesellschaft  aber,  wenn  sie  gute  Geschäfte
       macht, sammelt  ein kleineres  oder größeres Vermögen an, das den
       Mitgliedern verbleibt,  solange sie ihre Beiträge zahlen, und von
       Zeit zu  Zeit oder  bei Auflösung der Gesellschaft verteilt wird.
       Das ist  der Lebenslauf von neun englischen Baugesellschaften aus
       zehn. Die  übrigen sind  größere, zuweilen unter politischen oder
       philanthropischen  Vorwänden   gebildete  Gesellschaften,   deren
       Hauptzweck aber  schließlich immer  der ist, den Ersparnissen des
       Kleinbürgertums eine höhere hypothekarische Anlage mit guter Ver-
       zinsung und  Aussicht auf  Dividende vermittelst  Spekulation  in
       Grundeigentum zu verschaffen.
       Auf welche Sorte von Kunden diese Gesellschaften spekulieren, be-
       weise der  Prospekt einer der größten, wo nicht der größten unter
       ihnen. Die  Birkbeck Building  Society, 29  and  30,  Southampton
       Buildings, Chancery  Lane, London, deren Einnahmen seit ihrem Be-
       stehn über  10 1/2 Millionen  Pfund Sterling (70 Millionen Taler)
       betragen, die  über 416 000 Pfund in der Bank und in Staatspapie-
       ren angelegt hat und gegenwärtig 21 441 Mitglieder und Depositare
       zählt, kündigt sich dem Publikum folgendermaßen an:
       
       "Die meisten  Leute sind  vertraut mit den sogenannten Dreijahre-
       System der  Pianofortefabrikanten, nach  welchem jeder,  der  ein
       Pianoforte auf  drei Jahre  mietet, nach  Verlauf dieser Zeit der
       Eigentümer desselben  wird. Vor der Einführung dieses Systems war
       es für  Leute von beschränktem Einkommen fast ebenso schwer, sich
       ein gutes  Pianoforte, wie  ein  eignes  Haus  anzuschaffen;  man
       zahlte jahraus,  jahrein für  die Miete  des Pianofortes  und gab
       zwei- oder  dreimal soviel Geld aus, als das Pianoforte wert war.
       Was aber  bei einem Pianoforte tunlich ist, ist es auch bei einem
       Hause... Da  aber ein  Haus mehr kostet als ein Pianoforte... ist
       eine längere Zeit nötig, um den Kaufpreis durch Miete abzutragen.
       Infolgedessen haben  die Direktoren  mit Hauseigentümern  in ver-
       schiedenen Teilen  von London  und seinen  Vorstädten Abmachungen
       getroffen, wodurch  sie imstande  sind, den Mitgliedern der Birk-
       beck Building  Society und  andern eine große Auswahl von Häusern
       in den verschiedensten Stadtteilen anzubieten. Das System, wonach
       die Direktoren  zu verfahren  beabsichtigen, ist:  die Häuser für
       12 1/2 Jahre  zu vermieten,  nach Verlauf welcher Zeit, falls die
       Miete regelmäßig bezahlt wird, das Haus das absolute Eigentum des
       Mieters wird,  ohne fernere Zahlung irgendwelcher Art... Der Mie-
       ter kann auch für eine kürzere Anfallzeit bei höherer Miete, oder
       für eine längere Anfallzeit bei niedrigerer Miete, akkordieren...
       Leute von  beschränktem Einkommen,  Handlungs- und  Ladengehülfen
       und andere  können sich sofort von jedem Hausvermieter unabhängig
       machen, indem  sie Mitglieder  der Birkbeck Building Society wer-
       den."
       
       Das spricht  klar genug.  Von Arbeitern keine Rede, wohl aber von
       Leuten mit  beschränktem Einkommen,  Laden- und Handlungsgehülfen
       etc.; und  noch dazu  wird vorausgesetzt,  daß die Applikanten in
       der Regel schon
       
       #254# Friedrich Engels
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       ein Pianoforte  besitzen. In  der Tat,  es handelt  sich hier gar
       nicht um Arbeiter, sondern um Kleinbürger und solche, die es wer-
       den wollen  und können;  Leute, deren Einkommen, wenn auch inner-
       halb gewisser  Grenzen, in  der Regel  allmählich steigt, wie das
       der Handlungskommis  und ähnlicher Erwerbszweige, während das des
       Arbeiters, im  Betrage bestenfalls  sich gleichbleibend, in Wirk-
       lichkeit fällt im Verhältnis der Zunahme seiner Familie und ihrer
       wachsenden Bedürfnisse.  In der  Tat, nur  wenige Arbeiter können
       ausnahmsweise an  solchen Gesellschaften  teilnehmen.  Einerseits
       ist ihr  Einkommen zu gering, andrerseits zu unsichrer Natur, als
       daß sie  Verpflichtungen auf  121/2 Jahre hinaus übernehmen könn-
       ten. Die  wenigen Ausnahmen, für die dies nicht gilt, sind entwe-
       der die bestbezahlten Arbeiter oder Fabrikaufseher. *)
       Übrigens sieht jedermann, daß die Bonapartisten der Arbeiterstadt
       Mülhausen weiter  nichts sind  als elende Nachäffer dieser klein-
       bürgerlichen englischen  Baugesellschaften. Bloß  daß jene, trotz
       der ihnen  gewährten Staatshülfe, ihre Kunden weit mehr beschwin-
       deln als  die Baugesellschaften.  Ihre Bedingungen sind im ganzen
       weniger liberal als die durchschnittlich in England gültigen, und
       während in  England von jeder Anzahlung stets Zins und Zinseszins
       berechnet und nach einmonatlicher Kündigung auch
       ---
       *) Hier noch  ein kleiner  Beitrag zum  Geschäftsbetrieb speziell
       der Londoner  Bauvereine. Bekanntlich  gehört der  Boden von fast
       ganz London  ungefähr einem  Dutzend Aristokraten,  darunter  die
       Vornehmsten die  Herzöge von  Westminster, von Bedford, von Port-
       land usw.  Diese hatten die einzelnen Baustellen ursprünglich auf
       99 Jahre  verpachtet und treten bei Ablauf dieser Zeit in den Be-
       sitz des  Grundstücks mit  allem, was darauf steht. Sie vermieten
       nun die Häuser auf kürzere Termine, 39 Jahre z.B. unter einer so-
       genannten repairing  lease, kraft  deren der  Mieter das  Haus in
       baulichen Stand  setzen und  darin erhalten  muß. Sobald der Kon-
       trakt soweit  abgemacht ist,  schickt der Grundherr seinen Archi-
       tekten und  den Baupolizeibeamten  (surveyor 1*))  des Distrikts,
       das Haus  zu inspizieren  und die nötigen Reparaturen festzustel-
       len. Diese  sind oft sehr umfassend, bis zur Erneuerungsfrage der
       ganzen Frontmauer,  des Dachs  etc. Der  Mieter deponiert nun den
       Mietsvertrag als  Sicherheit bei  einem Bauverein  und erhält von
       diesem das  nötige Geld - bis zu 1000 Pfd. St. und mehr bei jähr-
       licher Miete  von 130-150  Pfd. - vorgeschossen für den auf seine
       Kosten zu vollführenden Bau. Diese Bauvereine sind also ein wich-
       tiges Mittelglied  geworden in  einem System,  das den Zweck hat,
       die den  großen Grundaristokraten gehörigen Londoner Häuser mühe-
       los und  auf Kosten  des Publikums  immer wieder neu zu bauen und
       bewohnbar zu erhalten. Und das soll eine Lösung der Wohnungsfrage
       für die  Arbeiter sein!  [Anmerkung von  Engels zur  Ausgabe  von
       1887.]
       -----
       1*) Bauinspektor
       
       #255# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
       -----
       zurückbezahlt wird,  stecken die  Mülhauser Fabrikanten  den Zins
       und Zinseszins  in die  Tasche und zahlen nur den in harten Fünf-
       frankentalern eingezahlten  Betrag zurück.  Und niemand wird sich
       über diesen  Unterschied mehr wundern als Herr Sax, der das alles
       in seinem Buche stehen hat, ohne es zu wissen.
       Mit der  Selbsthülfe der Arbeiter ist es also auch nichts. Bleibt
       die Staatshülfe.  Was kann  uns Herr Sax in dieser Beziehung bie-
       ten? Dreierlei:
       
       "Erstens, der Staat hat darauf bedacht zu sein, in seiner Gesetz-
       gebung und Verwaltung alles auszumerzen oder entsprechend zu bes-
       sern, was  in irgendeiner  Weise die  Beförderung der Wohnungsnot
       der arbeitenden Klassen zur Folge hat." (Seite 187.)
       
       Also: Revision der Baugesetzgebung und Freigebung der Baugewerbe,
       damit wohlfeiler gebaut werde. Aber in England ist die Baugesetz-
       gebung auf  ein Minimum  beschränkt, die Baugewerbe sind frei wie
       der Vogel  in der Luft, und doch existiert die Wohnungsnot. Dabei
       wird jetzt in England so wohlfeil gebaut, daß die Häuser wackeln,
       wenn eine  Karre vorbeifährt,  und daß täglich welche einstürzen.
       Noch gestern, 25. Oktober 1872, sind in Manchester sechs auf ein-
       mal zusammengestürzt  und haben  sechs Arbeiter  schwer verletzt.
       Hilft also auch nichts.
       
       "Zweitens, die  Staatsgewalt hat  zu verhindern, daß der einzelne
       in seinem  beschränkten Individualismus das Übel fortpflanze oder
       neu hervorrufe."
       
       Also: Gesundheits-  und baupolizeiliche  Inspektion der Arbeiter-
       wohnungen, Übertragung der Befugnis an die Behörden, gesundheits-
       gefährliche und  baufällige Wohnungen  zu schließen,  wie dies in
       England seit  1857 geschehn  ist. Aber  wie ist es dort geschehn?
       Das erste Gesetz von 1855 (Nuisances Removal Act) blieb, wie Herr
       Sax selbst  zugibt, "ein  toter Buchstabe", ebenso das zweite von
       1858 (Local Government Act) (Seite 197). Dagegen glaubt Herr Sax,
       daß das  dritte, der  Artisans' Dwellings Act, der nur für Städte
       über 10 000  Einwohner gilt,  "sicherlich ein  günstiges  Zeugnis
       ablegt von  der  hohen  Einsicht  des  britischen  Parlaments  in
       sozialen Dingen" (Seite 199), während diese Behauptung wieder nur
       "ein günstiges  Zeugnis ablegt  von" der  totalen Unbekanntschaft
       des Herrn  Sax mit englischen "Dingen". Daß England überhaupt "in
       sozialen Dingen" dem Kontinent weit voraus ist, versteht sich von
       selbst; es  ist das  Mutterland der modernen großen Industrie, in
       ihm hat sich die kapitalistische Produktionsweise am freisten und
       am  weitesten   entwickelt,  ihre  Konsequenzen  treten  hier  am
       grellsten an den Tag und rufen daher auch zuerst eine Reaktion in
       der Gesetzgebung hervor. Der beste Beweis dafür die Fabrikgesetz-
       gebung. Wenn  aber Herr Sax glaubt, ein Parlamentsakt brauche nur
       Gesetzeskraft
       
       #256# Friedrich Engels
       -----
       zu erhalten,  um auch sogleich praktisch eingeführt zu werden, so
       irrt er  sich gewaltig.  Und dies  gilt von  keinem Parlamentsakt
       mehr (den  Workshops' Act  allenfalls ausgenommen)  als grade von
       dem Local  Government Act.  Die Ausführung des Gesetzes wurde den
       städtischen Behörden  übertragen, welche  fast überall in England
       anerkannte Mittelpunkte von Korruption aller Art, Familienbegüri-
       stigung und  Jobbery *)  sind. Die Agenten dieser städtischen Be-
       hörden, ihre  Stellen  allerlei  Familienrücksichten  verdankend,
       sind entweder  nicht fähig  oder nicht gesinnt, derartige Sozial-
       gesetze auszuführen,  während grade  in England die mit Vorberei-
       tung und Ausführung der Sozialgesetzgebung beauftragten Staatsbe-
       amten sich  meist durch  strenge Pflichterfüllung  auszeichnen  -
       wenn auch jetzt in geringerm Maß als vor zwanzig, dreißig Jahren.
       In den  Stadträten sind die Eigentümer ungesunder und baufälliger
       Wohnungen fast  überall direkt oder indirekt stark vertreten. Die
       Wahl der  Stadträte nach kleinen Bezirken macht die Gewählten von
       den kleinlichsten  Lokalinteressen und  Einflüssen abhängig; kein
       Stadtrat, der  wiedergewählt werden  will, darf  wagen,  für  An-
       wendung dieses Gesetzes auf seinen Wahlbezirk zu stimmen. Man be-
       greift also, mit welchem Widerwillen dies Gesetz fast überall von
       den Lokalbehörden  aufgenommen wurde,  und daß  es bisher nur auf
       die allerskandalösesten Fälle - und auch da meist nur infolge ei-
       ner bereits  ausgebrochenen Epidemie, wie voriges Jahr in Manche-
       ster und  Salford bei  der Pockenepidemie-Anwendung gefunden hat.
       Der Appell  an den Minister des Innern hat bisher nur in derarti-
       gen Fällen  seine Wirkung  gehabt, wie  es denn das Prinzip jeder
       liberalen Regierung  in England  ist, soziale  Reformgesetze  nur
       notgedrungen vorzuschlagen und die schon bestehenden, wenn irgend
       möglich, gar  nicht auszuführen. Das fragliche Gesetz, wie manche
       andere in  England, hat  nur die  Bedeutung, daß es in den Händen
       einer von  den Arbeitern  beherrschten oder gedrängten Regierung,
       die es  endlich wirklich anwendet, eine mächtige Waffe sein wird,
       in den gegenwärtigen sozialen Zustand Bresche zu legen.
       ---
       *) Jobbery heißt die Benutzung eines öffentlichen Amts zu Privat-
       vorteilen für  den Beamten oder seine Familie. Wenn z.B. der Chef
       der Staatstelegraphie  eines Landes  stiller Gesellschafter einer
       Papierfabrik wird, dieser Fabrik Holz aus seinen Forsten liefert,
       und dann  ihr Papierlieferungen  für die  Telegraphenbüros  über-
       trägt, so  ist das  ein zwar ziemlich kleiner, aber doch insofern
       ganz hübscher  job, als er ein vollkommenes Verständnis der Prin-
       zipien der  jobbery bekundet  1*); wie dies übrigens bei Bismarck
       selbstverständlich und zu erwarten war.
       -----
       1*) Im "Volksstaat" endet hier der Satz
       
       #257# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
       -----
       "Drittens" soll  die Staatsgewalt nach Herrn Sax "alle ihr zu Ge-
       bote stehenden  positiven Maßregeln  zur Abhülfe  der bestehenden
       Wohnungsnot in umfassendstem Maße in Anwendung bringen."
       
       Das heißt,  sie soll  Kasernen, "wahrhafte Musterbauten" für ihre
       "subalternen Beamten  und Diener"  errichten (aber  das  sind  ja
       keine Arbeiter!)  und "Gemeindevertretungen,  Gesellschaften  und
       auch Privaten  zum Zweck  der Verbesserung  der Wohnungen für die
       arbeitenden Klassen  Darlehen... gewähren"  (Seite 203), wie dies
       in England  laut dem  Public Works  Loan Act  geschieht, und  wie
       Louis Bonaparte in Paris und Mülhausen getan hat. Aber der Public
       Works Loan  Act besteht  eben auch nur auf dem Papier, die Regie-
       rung stellt  den Kommissären  nur höchstens 50 000 Pfund Sterling
       zur Verfügung,  also die  Mittel zum Bau von höchstens 400 Cotta-
       ges, also  in  40  Jahren  16 000  Cottages  oder  Wohnungen  für
       höchstens 80 000  Köpfe -  ein Tropfen  am Eimer! Selbst wenn wir
       annehmen, daß  nach zwanzig Jahren die Mittel der Kommission sich
       durch Rückzahlung  verdoppeln, also in den letzten 20 Jahren Woh-
       nungen für  fernere 40 000 Köpfe hergestellt werden, so bleibt es
       immer nur  ein Tropfen am Eimer. Und da die Cottages nur 40 Jahre
       durchschnittlich dauern,  so müssen nach 40 Jahren jedes Jahr die
       flüssigen 50 000  oder 100 000  Pfund dazu  verwandt werden,  die
       verfallenen ältesten Cottages wieder zu ersetzen. Dies nennt Herr
       Sax, Seite 203 : das Prinzip praktisch richtig und "auch in unbe-
       schränktem Maß"  durchführen! Und  mit diesem  Eingeständnis, daß
       der Staat, selbst in England, "in unbeschränktem Maß", so gut wie
       gar nichts  geleistet hat,  schließt Herr Sax sein Buch, nur noch
       eine erneute  Moralpredigt an  alle Beteiligten  vom Stapel  las-
       send.*
       Daß der  heutige Staat der Wohnungsplage weder abhelfen kann noch
       will, ist  sonnenklar. Der  Staat ist nichts als die organisierte
       Gesamtmacht der  besitzenden Klassen, der Grundbesitzer und Kapi-
       talisten gegenüber
       ---
       *) Neuerdings wird  in den englischen Parlamentsakten, welche den
       Londoner Baubehörden das Recht der Expropriation behufs Neuanlage
       von Straßen  erteilen, einigermaßen Rücksicht genommen auf die so
       an die  Luft gesetzten  Arbeiter. Es  wird die  Bestimmung einge-
       schaltet, daß  die neu  zu errichtenden  Gebäude zur Aufnahme der
       bisher an  dieser Stelle  wohnenden Bevölkerungsklassen  geeignet
       sein müssen. Man baut also große fünf- bis sechsstöckige Mietska-
       sernen für  Arbeiter auf  die geringwertigsten Baustellen und ge-
       nügt so  dem Buchstaben  des Gesetzes. Wie sich diese, den Arbei-
       tern ganz ungewohnte und inmitten der alten Londoner Verhältnisse
       durchaus fremdartige  Einrichtung bewähren  wird, bleibt abzuwar-
       ten. Im  besten Fall wird aber hier kaum ein Viertel der wirklich
       durch die  Neuanlage vertriebnen  Arbeiter untergebracht. [Anmer-
       kung von Engels zur Ausgabe von 1887.]
       
       #258# Friedrich Engels
       -----
       den ausgebeuteten Klassen, den Bauern und Arbeitern. Was die ein-
       zelnen Kapitalisten (und diese kommen hier allein in Frage, da in
       dieser Sache auch der beteiligte Grundbesitzer zunächst in seiner
       Eigenschaft als  Kapitalist auftritt) nicht wollen, das will auch
       ihr Staat  nicht. Wenn  also die  einzelnen Kapitalisten die Woh-
       nungsnot zwar beklagen, aber kaum zu bewegen sind, ihre erschrec-
       kendsten Konsequenzen  oberflächlich zu  vertuschen, so  wird der
       Gesamfkapitalist, der  Staat, auch  nicht viel  mehr tun. Er wird
       höchstens dafür  sorgen, daß  der einmal  üblich  gewordene  Grad
       oberflächlicher  Vertuschung   überall  gleichmäßig  durchgeführt
       wird. Und wir haben gesehen, daß dies der Fall ist.
       Aber, kann  man einwenden, in Deutschland herrschen die Bourgeois
       noch nicht,  in Deutschland  ist der Staat noch eine, in gewissem
       Grade unabhängig über der Gesellschaft schwebende Macht, die eben
       deshalb die  Gesamtinteressen der  Gesellschaft repräsentiert und
       nicht die  einer einzelnen  Klasse. Ein solcher Staat kann aller-
       dings manches,  was ein  Bourgeoisstaat nicht  kann; von ihm darf
       man auch auf sozialem Gebiet ganz andere Dinge erwarten.
       Das ist  die Sprache  der Reaktionäre.  In Wirklichkeit  aber ist
       auch in  Deutschland der  Staat, wie  er besteht,  das notwendige
       Produkt der  gesellschaftlichen Unterlage,  aus der  er herausge-
       wachsen ist.  In Preußen  - und Preußen ist jetzt maßgebend - be-
       steht neben  einem immer  noch starken, großgrundbesitzenden Adel
       eine verhältnismäßig junge und namentlich sehr feige Bourgeoisie,
       die sich  bisher weder  die direkte politische Herrschaft, wie in
       Frankreich, noch die mehr oder weniger indirekte, wie in England,
       erkämpft hat.  Neben beiden  Klassen aber  besteht ein sich rasch
       vermehrendes, intellektuell  sehr entwickeltes  und sich  täglich
       mehr und  mehr organisierendes  Proletariat. Wir finden also hier
       neben der  Grundbedingung  der  alten  absoluten  Monarchie:  dem
       Gleichgewicht zwischen Grundadel und Bourgeoisie, die Grundbedin-
       gung des modernen Bonapartismus: das Gleichgewicht zwischen Bour-
       geoisie und  Proletariat. Sowohl  in der  alten absoluten, wie in
       der modernen bonapartistischen Monarchie aber liegt die wirkliche
       Regierungsgewalt in den Händen einer besondern Offiziers- und Be-
       amtenkaste, die  sich in Preußen teils aus sich selbst, teils aus
       dem kleinen  Majoratsadel, seltener  aus  dem  großen  Adel,  zum
       geringsten Teil  aus der Bourgeoisie ergänzt. Die Selbständigkeit
       dieser Kaste,  die außerhalb  und sozusagen über der Gesellschaft
       zu stehen  scheint, gibt dem Staat den Schein der Selbständigkeit
       gegenüber der Gesellschaft.
       Die Staatsform,  welche sich  in Preußen (und nach seinem Vorgang
       in der  neuen Reichsverfassung  Deutschlands) aus  diesen  wider-
       spruchsvollen
       
       #259# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
       -----
       gesellschaftlichen Zuständen  mit notwendiger  Konsequenz entwic-
       kelt hat,  ist  der  Scheinkonstitulionalismus;  eine  Form,  die
       sowohl die  heutige Auflösungsform der alten absoluten Monarchie,
       wie die  Existenzform der  bonapartistischen  Monarchie  ist.  In
       Preußen verdeckte  und vermittelte  der Scheinkonstitutionalismus
       von 1848 bis 1866 nur die langsame Verwesung der absoluten Monar-
       chie. Seit  1866 und namentlich seit 1870 aber geht die Umwälzung
       der gesellschaftlichen Zustände und damit die Auflösung des alten
       Staats vor  aller Augen  und auf kolossal wachsender Stufenleiter
       vor sich. Die rasche Entwicklung der Industrie und namentlich des
       Börsenschwindels hat alle herrschenden Klassen in den Strudel der
       Spekulation hineingerissen.  Die 1870  aus Frankreich importierte
       Korruption im  großen entwickelt  sich mit  unerhörter Schnellig-
       keit. Strousberg  und Péreire  ziehen den  Hut voreinander. Mini-
       ster, Generale, Fürsten und Grafen machen in Aktien trotz der ge-
       riebensten Börsenjuden, und der Staat erkennt ihre Gleichheit an,
       indem er  die Börsenjuden  massenweise baronisiert. Der Landadel,
       seit langem  als Rübenzuckerfabrikant und Branntweinbrenner indu-
       striell, hat  die alten  soliden Zeiten  längst hinter  sich  und
       schwellt mit seinen Namen die Listen der Direktoren aller soliden
       und unsoliden Aktiengesellschaften. Die Bürokratie verachtet mehr
       und mehr  den Kassendefekt als einziges Mittel der Gehaltsaufbes-
       serung; sie  läßt den  Staat laufen  und macht  Jagd auf die weit
       einträglicheren Posten  in der Verwaltung industrieller Unterneh-
       mungen; die noch im Amt bleiben, folgen dem Beispiel ihrer Vorge-
       setzten, spekulieren  in Aktien  oder lassen sich bei Eisenbahnen
       usw. "beteiligen".  Man ist sogar berechtigt anzunehmen, daß auch
       die Lieutenants  in mancher Spekulation ihr Händchen haben. Kurz,
       die Zersetzung  aller Elemente des alten Staats, der Übergang der
       absoluten Monarchie  in die  bonapartistische ist in vollem Gang,
       und mit  der nächsten  großen Handels- und Industriekrisis bricht
       nicht nur der gegenwärtige Schwindel, sondern auch der alte preu-
       ßische Staat zusammen. *)
       Und dieser  Staat, dessen  nichtbürgerliche Elemente sich täglich
       mehr verbürgern, soll "die soziale Frage" lösen oder auch nur die
       Wohnungsfrage? Im  Gegenteil. In  allen ökonomischen  Fragen ver-
       fällt der  preußische Staat  mehr und  mehr der  Bourgeoisie; und
       wenn die  Gesetzgebung seit  1866 auf  ökonomischem Gebiet  nicht
       noch mehr den Interessen der Bourgeoisie
       ---
       *) Was auch  heute, 1886,  noch den  preußischen Staat  und seine
       Grundlage, die  in den  Schutzzöllen besiegelte Allianz von Groß-
       grundbesitz und industriellem Kapital zusammenhält, ist lediglich
       die Angst  vor dem seit 1872 riesig an Zahl und Klassenbewußtsein
       gewachsenen Proletariat,  [Anmerkung von  Engels zur  Ausgabe von
       1887.]
       
       #260# Friedrich Engels
       -----
       angepaßt worden ist, als dies geschehen, an wem liegt die Schuld?
       Hauptsächlich an der Bourgeoisie selbst, die erstens zu feig ist,
       um ihre Forderungen energisch zu vertreten, und die zweitens sich
       gegen jede Konzession sträubt, sobald diese Konzession gleichzei-
       tig dem  drohenden Proletariat  neue Waffen in die Hand gibt. Und
       wenn die  Staatsgewalt, d.h. Bismarck, sich ein eignes Leibprole-
       tariat zu  organisieren versucht,  um damit die politische Tätig-
       keit der  Bourgeoisie im Zaume zu halten, was ist das anders, als
       ein notwendiges  und wohlbekanntes  bonapartistisches Mittelchen,
       das gegenüber  den Arbeitern zu nichts verpflichtet, als zu eini-
       gen wohlwollenden  Redensarten und höchstens zu einem Minimum von
       Staatshülfe bei Baugesellschaften à la Louis Bonaparte?
       Der beste Beweis dafür, was die Arbeiter vom preußischen Staat zu
       erwarten haben,  liegt in der Verwendung der französischen Milli-
       arden [226],  die der  Selbständigkeit der  preußischen Staatsma-
       schine, gegenüber  der Gesellschaft, eine neue, kurze Galgenfrist
       gegeben. Ist  auch nur  ein Taler dieser Milliarden verwandt wor-
       den, um  die auf  die Straße geworfenen Berliner Arbeiterfamilien
       unter Dach  zu bringen?  Im Gegenteil. Als der Herbst herangekom-
       men, ließ  der Staat  selbst die paar elenden Baracken einreißen,
       die ihnen im Sommer als Notdach gedient hatten. Die fünf Milliar-
       den gehn flott genug den Weg alles Fleisches, in Festungen, Kano-
       nen und  Soldaten; und  trotz Wagner  [227] von Dummerwitz, trotz
       Stieberkonferenzen mit  Östreich [228], wird den deutschen Arbei-
       tern von  den Milliarden noch nicht so viel zugewandt werden, als
       Louis Bonaparte den französischen zuwandte von den Millionen, die
       er Frankreich gestohlen.
       
       III
       
       In  Wirklichkeit  hat  die  Bourgeoisie  nur  eine  Methode,  die
       Wohnungsfrage in ihrer Art zu lösen - das heißt, sie so zu lösen,
       daß die  Lösung die  Frage immer  wieder von neuem erzeugt. Diese
       Methode heißt: "Haussmann".
       Ich verstehe hier unter "Haussmann" nicht bloß die spezifisch-bo-
       napartistische Manier  des Pariser  Haussmann, lange,  gerade und
       breite Straßen  mitten durch  die enggebauten  Arbeiterviertel zu
       brechen und  sie mit großen Luxusgebäuden an beiden Seiten einzu-
       fassen, wobei  neben dem  strategischen Zweck der Erschwerung des
       Barrikadenkampfes noch  die Heranbildung  eines von der Regierung
       abhängigen, spezifisch-bonapartistischen  Bauproletariats und die
       Verwandlung der Stadt in eine reine Luxusstadt
       
       #261# Zur Wohnungsfrage -·Zweiter Abschnitt
       -----
       beabsichtigt war.  Ich verstehe  unter "Haussmann"  die allgemein
       gewordene Praxis des Breschelegens in die Arbeiterbezirke, beson-
       ders die  zentral gelegenen  unserer großen  Städte, ob diese nun
       durch Rücksichten  der öffentlichen Gesundheit und der Verschöne-
       rung oder  durch Nachfrage  nach  großen  zentral  gelegenen  Ge-
       schäftslokalen oder durch Verkehrsbedürfnisse, wie Eisenbahnanla-
       gen, Straßen  usw., veranlaßt  worden. Das  Resultat ist  überall
       dasselbe, mag der Anlaß noch so verschieden sein: die skandalöse-
       sten Gassen  und Gäßchen verschwinden unter großer Selbstverherr-
       lichung der  Bourgeoisie von  wegen dieses  ungeheuren  Erfolges,
       aber -  sie erstehn  anderswo sofort wieder und oft in der unmit-
       telbaren Nachbarschaft.
       In der  "Lage der  arbeitenden Klasse  in England"  gab ich  eine
       Schilderung von  Manchester, wie  es 1843  und 1844  aussah.  1*)
       Seitdem sind  durch Eisenbahnen, die mitten durch die Stadt gehn,
       durch Anlegung neuer Straßen, durch Errichtung von großen öffent-
       lichen und  Privatgebäuden manche der schlimmsten, dort beschrie-
       benen Distrikte  durchbrochen, bloßgelegt  und verbessert worden,
       andre ganz  beseitigt; obwohl noch viele - abgesehn von der seit-
       her schärfer  gewordenen gesundheitspolizeilichen  Aufsicht -  in
       demselben oder gar in schlimmerem baulichen Zustand sich befinden
       als damals.  Dafür aber  sind, dank  der enormen  Ausdehnung  der
       Stadt, deren  Bevölkerung seitdem  um mehr als die Hälfte gewach-
       sen, Bezirke,  die damals  noch luftig  und reinlich waren, jetzt
       ebenso verbaut,  ebenso schmutzig und überfüllt mit Menschen, wie
       damals die  verrufensten Stadtteile.  Hier nur  ein Beispiel:  In
       meinem Buch  schilderte ich Seite 80 und folgende 2*) eine in der
       Talsohle des Flusses Medlock gelegene Häusergruppe, die unter dem
       Namen Klein-Irland (Little Ireland) schon seit Jahren den Schand-
       fleck von  Manchester gebildet hatte. Klein-Irland ist lange ver-
       schwunden; an seiner Stelle erhebt sich jetzt, auf hohem Unterbau
       ein Bahnhof;  die Bourgeoisie  wies prunkend  auf die glückliche,
       endgültige Beseitigung von Klein-Irland hin, wie auf einen großen
       Triumph. Nun  erfolgt im verflossenen Sommer eine gewaltige Über-
       schwemmung, wie  denn überhaupt die eingedämmten Flüsse in unsern
       großen Städten  aus leicht erklärlichen Ursachen von Jahr zu Jahr
       größere Überschwemmungen  veranlassen. Da  findet sich  denn, daß
       Klein-Irland keineswegs  beseitigt, sondern bloß von der Südseite
       von Oxford  Road nach  der Nordseite  verlegt ist  und noch immer
       floriert. Hören  wir die  "Manchester Weekly  Times" vom 20. Juli
       1872, das Organ der radikalen Bourgeois von Manchester:
       -----
       1*) Siehe Band 2 unserer Ausgabe, S. 291 ff. - 2*) ebenda, S. 292
       ff.
       
       #262# Friedrich Engels
       -----
       "Das Unglück,  das die  Bewohner der  Talniederung des Medlock am
       vorigen Samstag überfiel, wird hoffentlich eine gute Folge haben:
       daß die  öffentliche Aufmerksamkeit  gelenkt wird  auf die  hand-
       greifliche Verspottung  aller Gesetze  der Gesundheitspflege, die
       nun schon  so lange  vor der Nase der städtischen Beamten und des
       städtischen Gesundheits-Ausschusses  dort  geduldet  worden.  Ein
       derber Artikel  in unserer  gestrigen täglichen  Ausgabe hat, nur
       noch zu  schwach, den schmählichen Zustand einiger der Kellerwoh-
       nungen bei  Charles Street und Brook Street enthüllt, die von der
       Überschwemmung erreicht  wurden. Eine  genaue Untersuchung  eines
       der in  jenem Artikel  genannten Höfe befähigt uns, alle dort ge-
       machten Angaben zu bestätigen und zu erklären, daß die Kellerwoh-
       nungen in  diesem Hof  längst hätten  geschlossen werden  sollen:
       richtiger, man  hätte sie  nie als  menschliche Wohnungen  dulden
       sollen. Squire's  Court wird  von sieben oder acht Wohnhäusern an
       der Ecke  von Charles  Street und Brook Street gebildet, über die
       der Wanderer,  selbst an der niedrigsten Stelle von Brook Street,
       unter dem  Eisenbahnbogen, Tag  für Tag hinweggehen kann, ohne zu
       ahnen, daß  menschliche Wesen  in der  Tiefe unter  ihm in Höhlen
       wohnen. Der Hof ist dem öffentlichen Blick verborgen, nur zugäng-
       lich denen,  die das  Elend zwingt, in seiner grabähnlichen Abge-
       schlossenheit ein  Unterkommen zu  suchen. Selbst  wenn die meist
       stockenden, zwischen Wehren eingedämmten Gewässer des Medlock ih-
       ren gewöhnlichen  Stand nicht  überschreiten, kann  der  Fußboden
       dieser Wohnungen  nur einige  Zoll über ihrem Spiegel sein: jeder
       tüchtige Regenschauer  ist imstande, ekelhaft fauliges Wasser aus
       den Versenklöchern  oder Abzugsröhren  in die Höhe zu treiben und
       die Wohnungen  mit  den  Pestgasen  zu  vergiften,  welche  jedes
       Überschwemmungswasser zum  Andenken hinterläßt...  Squire's Court
       liegt noch  tiefer als die unbewohnten Keller der an Brook Street
       stehenden Häuser... zwanzig Fuß niedriger als die Straße, und das
       verpestete Wasser, das aus den Versenklöchern am Samstag emporge-
       trieben wurde, reichte bis an die Dächer. Wir wußten dies und er-
       warteten daher,  den Hof  unbewohnt oder  nur von den Beamten des
       Gesundheits-Ausschusses besetzt  zu  finden,  um  die  stinkenden
       Wände abzuwaschen  und zu  desinfizieren. Statt  dessen sahen wir
       einen Mann,  beschäftigt in  der Kellerwohnung  eines Barbiers...
       einen Haufen  faulenden Unrats,  der in  einer Ecke lag, auf eine
       Schubkarre zu  schaufeln. Der  Barbier, dessen Keller schon ziem-
       lich ausgefegt war, schickte uns noch tiefer hinab zu einer Reihe
       von Wohnungen,  von denen  er sagte:  wenn er  schreiben  könnte,
       würde er  an die  Presse schreiben  und auf  ihrer Schließung be-
       stehn. So  kamen wir  endlich nach  Squire's Court,  wo wir  eine
       hübsche, gesund aussehende Irländerin fanden, die alle Hände voll
       mit der  Wäsche zu tun hatte. Sie und ihr Mann, ein Privat-Nacht-
       wächter, hatten seit 6 Jahren in dem Hof gewohnt, sie hatten eine
       zahlreiche Familie...  In dem  Hause, das sie eben verlassen hat-
       ten, war die Flut bis dicht ans Dach gestiegen, die Fenster waren
       zerbrochen, die  Möbel ein Trümmerhaufen. Der Bewohner, sagte er,
       habe das  Haus nur  dadurch in erträglichem Geruchszustand halten
       können, daß  er es alle zwei Monate mit Kalk weißte... Im inneren
       Hof, wohin  unser Berichterstatter  jetzt erst  vordrang, fand er
       drei Häuser,  mit der  Rückmauer an  die eben beschriebenen ange-
       baut, wovon  zwei bewohnt waren. Der Gestank war dort so abscheu-
       lich, daß  der gesundeste  Mensch nach  ein paar Minuten seekrank
       werden mußte... Dies widerwärtige Loch war
       
       #263# Zur Wohnungsfrage - Zweiter Abschnitt
       -----
       bewohnt von  einer Familie von sieben Personen, die am Donnersta-
       gabend (dem Tag der ersten Überschwemmung) alle im Hause geschla-
       fen hatten.  Oder vielmehr,  wie die Frau sich verbesserte, nicht
       geschlafen, denn  sie und  ihr Mann  hatten von  dem Gestank  den
       größten Teil  der Nacht  durch sich  erbrochen. Am Samstag mußten
       sie, bis  an die  Brust durchs Wasser watend, ihre Kinder hinaus-
       tragen. Sie war auch der Ansicht, das Loch sei für ein Schwein zu
       schlecht, aber  wegen der  wohlfeilen Miete - 1 1/2 Schilling (15
       Groschen) die  Woche -  hätte sie  es genommen, da ihr Mann wegen
       Krankheit die letzte Zeit oft verdienstlos gewesen. Der Eindruck,
       den dieser  Hof und die in ihm wie in ein verfrühtes Grab eingep-
       ferchten Bewohner  machen, ist  der der  äußersten Hülflosigkeit.
       Wir müssen  übrigens  sagen,  daß  nach  gemachten  Beobachtungen
       Squire's Court  nur ein  Abbild -  vielleicht ein übertriebenes -
       mancher andrer Lokalitäten jener Gegend ist, deren Existenz unser
       Gesundheits-Ausschuß nicht  verantworten kann.  Und wenn  man ge-
       stattet, daß diese Lokalitäten fernerhin bewohnt werden, so ladet
       der Ausschuß  eine Verantwortlichkeit  und die Nachbarschaft eine
       Gefahr ansteckender  Epidemien auf  sich, deren Gewicht wir nicht
       weiter untersuchen wollen."
       
       Dies  ist  ein  schlagendes  Exempel,  wie  die  Bourgeoisie  die
       Wohnungsfrage in  der Praxis  löst. Die  Brutstätten der Seuchen,
       die infamsten  Höhlen und  Löcher, worin die kapitalistische Pro-
       duktionsweise unsre  Arbeiter  Nacht  für  Nacht  einsperrt,  sie
       werden nicht beseitigt, sie werden nur - verlegt! Dieselbe ökono-
       mische Notwendigkeit, die sie am ersten Ort erzeugte, erzeugt sie
       auch am zweiten. Und solange die kapitalistische Produktionsweise
       besteht, solange  ist es  Torheit, die Wohnungsfrage oder irgend-
       eine andre  das Geschick  der Arbeiter  betreffende gesellschaft-
       liche Frage einzeln lösen zu wollen. Die Lösung liegt aber in der
       Abschaffung der  kapitalistischen Produktionsweise, in der Aneig-
       nung aller  Lebens- und  Arbeitsmittel durch  die  Arbeiterklasse
       selbst.
       
       #264#
       -----
       Dritter Abschnitt
       
       Nachtrag über Proudhon und die Wohnungsfrage
       
       I
       
       In Nr.  86 des "Volksstaats" gibt sich A. Mülberger als Verfasser
       der von mir in Nr. 51 u. folg. d. Bl. kritisierten Artikel 1*) zu
       erkennen. Er  überhäuft mich  in seiner Antwort mit einer solchen
       Reihe von  Vorwürfen und  verrückt dabei  so sehr  alle Gesichts-
       punkte, um die es sich handelt, daß ich wohl oder übel darauf er-
       widern muß.  Ich will  versuchen, meiner  Entgegnung, die sich zu
       meinem Bedauern  großenteils auf  dem von  Mülberger  mir  vorge-
       schriebnen Gebiet  der persönlichen Polemik bewegen muß, ein all-
       gemeines Interesse  dadurch zu geben, daß ich die Punkte, auf die
       es hauptsächlich  ankommt, nochmals  und womöglich deutlicher als
       vorher entwickle,  selbst auf die Gefahr hin, von Mülberger aber-
       mals bedeutet  zu werden,  daß alles dies "im wesentlichen nichts
       Neues, weder  für ihn  noch die  sonstigen Leser des 'Volksstaat'
       enthält".
       Mülberger beklagt  sich über  Form und  Inhalt meiner Kritik. Was
       die Form  angeht, so genügt es zu erwidern, daß ich zu jener Zeit
       gar nicht wußte, von wem die betreffenden Artikel herrührten. Von
       einer  persönlichen   "Voreingenommenheit"  gegen  den  Verfasser
       konnte also  keine Rede  sein; gegen  die in den Artikeln entwic-
       kelte  Lösung  der  Wohnungsfrage  war  ich  allerdings  insoweit
       "voreingenommen", als sie mir aus Proudhon längst bekannt war und
       meine Ansicht darüber feststand.
       Über den  "Ton" meiner Kritik will ich mit Freund Mülberger nicht
       streiten. Wenn  man so lange in der Bewegung gewesen wie ich, be-
       kommt man  eine ziemlich harte Haut gegen Angriffe und setzt eine
       solche daher  auch leicht bei andern voraus. Um Mülberger zu ent-
       schädigen, will ich
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 209-232
       
       #265# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
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       diesmal versuchen,  meinen "Ton"  mit der  Empfindlichkeit seiner
       Epidermis (Oberhaut) in ein richtiges Verhältnis zu bringen.
       Mülberger beklagt  sich besonders  bitter darüber,  daß  ich  ihn
       einen Proudhonisten genannt, und beteuert, er sei keiner. Ich muß
       ihm natürlich  glauben, Werde aber den Beweis führen, daß die be-
       treffenden Artikel  - und  mit ihnen  allein hatte  ich zu  tun -
       nichts enthalten als puren Proudhonismus.
       Aber auch Proudhon kritisiere ich, nach Mülberger, "leichtfertig"
       und tue ihm schweres Unrecht:
       
       "Die Lehre  vom Kleinbürger  Proudhon ist  bei uns in Deutschland
       ein stehendes  Dogma geworden,  das sogar  viele verkünden,  ohne
       auch nur eine Zeile von ihm gelesen zu haben."
       
       Wenn ich  bedaure, daß die romanisch redenden Arbeiter seit zwan-
       zig Jahren  keine andre Geistesnahrung haben als die Werke Proud-
       hons, so  antwortet Mülberger,  daß bei den romanischen Arbeitern
       "die Prinzipien,  wie sie  von Proudhon formuliert sind, fast al-
       lenthalben die treibende Seele der Bewegung bilden". Dies muß ich
       ableugnen. Erstens  liegt die "treibende Seele" der Arbeiterbewe-
       gung nirgendswo  in den "Prinzipien", sondern überall in der Ent-
       wicklung der  großen Industrie und deren Wirkungen, der Akkumula-
       tion und  Konzentration des Kapitals auf der einen und des Prole-
       tariats auf  der andern Seite. Zweitens ist es nicht richtig, daß
       die Proudhonschen  sogenannten "Prinzipien"  bei den  Romanen die
       entscheidende Rolle  spielen, die Mülberger ihnen zuschreibt; daß
       "die Prinzipien  der Anarchie, der Organisation des forces écono-
       miques, der  liquidation sociale  1*) usw. dort... die wahrhaften
       Träger der  revolutionären Bewegung  geworden sind".  Von Spanien
       und Italien  gar nicht  zu reden, wo die proudhonistischen Aller-
       weltsheilmittel nur  in der  durch Bakunin  weiter verballhornten
       Gestalt irgendwelchen  Einfluß gewonnen  haben, ist es für jeden,
       der die  internationale Arbeiterbewegung kennt, notorische Tatsa-
       che, daß  in Frankreich  die Proudhonisten  eine wenig zahlreiche
       Sekte bilden,  während die  Masse der  Arbeiter von dem unter dem
       Titel "Liquidation  sociale und  Organisation des forces économi-
       ques"  von   Proudhon  entworfnen  gesellschaftlichen  Reformplan
       nichts wissen  will. Es  hat sich  das u.a. unter der Kommune ge-
       zeigt. Obwohl  die Proudhonisten  stark in  ihr vertreten  waren,
       wurde doch  nicht der  geringste Versuch  gemacht, nach Proudhons
       Vorschlägen die  alte Gesellschaft zu liquidieren oder die ökono-
       mischen Kräfte zu organisieren.
       -----
       1*) Organisation der  ökonomischen Kräfte, der gesellschaftlichen
       Liquidation
       
       #266# Friedrich Engels
       -----
       Im Gegenteil.  Es gereicht der Kommune zur höchsten Ehre, daß bei
       allen ihren  ökonomischen Maßregeln nicht irgendwelche Prinzipien
       ihre "treibende  Seele" bildeten,  sondern - das einfache prakti-
       sche Bedürfnis.  Und deshalb waren diese Maßregeln - die Abschaf-
       fung der  Nachtarbeit der  Bäcker, das  Verbot der Geldstrafen in
       Fabriken, die  Konfiskation stillgesetzter Fabriken und Werkstät-
       ten und  ihre Überlassung  an Arbeiter-Assoziationen  -  durchaus
       nicht im  Geist Proudhons, wohl aber in dem des deutschen wissen-
       schaftlichen Sozialismus.  Die einzige  soziale Maßregel, die die
       Proudhonisten durchsetzten,  war -  die Bank von Frankreich nicht
       mit Beschlag  zu legen,  und zum  Teil daran ging die Kommune zu-
       grunde. Ebenso  haben die sogenannten Blanquisten, sobald sie den
       Versuch machten, sich aus bloß politischen Revolutionären in eine
       sozialistische Arbeiterfraktion  mit bestimmtem  Programm zu ver-
       wandeln - wie dies in dem von den blanquistischen Flüchtlingen in
       London in ihrem Manifest: "Internationale et Révolution" geschehn
       ist -, nicht die "Prinzipien" des Proudhonschen Plans der Gesell-
       schaftsrettung proklamiert,  wohl aber,  und zwar  fast buchstäb-
       lich,  die  Anschauungen  des  deutschen  wissenschaftlichen  So-
       zialismus von der Notwendigkeit der politischen Aktion des Prole-
       tariats und  seiner Diktatur  als Übergang  zur  Abschaffung  der
       Klassen und,  mit ihnen,  des Staats  -  wie  solche  bereits  im
       "Kommunistischen Manifest"  1*) und seitdem unzählige Male ausge-
       sprochen worden. Und wenn Mülberger gar aus der Mißachtung Proud-
       hons bei  den Deutschen  einen Mangel  an Verständnis der romani-
       schen Bewegung  "bis zur Kommune von Paris" herleitet, so möge er
       zum Beweis  dieses Mangels  diejenige romanische  Schrift nennen,
       die die  Kommune nur  annähernd so  richtig verstanden und darge-
       stellt hat  wie die  "Adresse des Generalrats der Internationalen
       über den  Bürgerkrieg in  Frankreich" 2*),  geschrieben  von  dem
       Deutschen Marx.
       Das einzige  Land, wo  die Arbeiterbewegung direkt unter dem Ein-
       fluß der  Proudhonschen "Prinzipien"  steht, ist Belgien, und die
       belgische Bewegung kommt eben deswegen auch, wie Hegel sagt, "von
       nichts durch nichts zu nichts".
       Wenn ich  es für ein Unglück halte, daß die romanischen Arbeiter,
       direkt oder  indirekt, seit zwanzig Jahren geistig nur von Proud-
       hon zehrten,  so finde  ich dies nicht in der durchaus mythischen
       Herrschaft des  Proudhonschen Reformrezepts  - was  Mülberger die
       "Prinzipien" nennt  -, sondern darin, daß ihre ökonomische Kritik
       der bestehenden Gesellschaft von den durchaus
       -----
       1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe - 2*) siehe Band 17 unserer Aus-
       gabe, S. 313-365
       
       #267# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
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       aus falschen  Proudhonschen Wendungen  infiziert und ihre politi-
       sche Aktion  durch proudhonistischen  Einfluß verhunzt  wurde. Ob
       danach die  "verproudhonisierten romanischen  Arbeiter" oder  die
       deutschen, die jedenfalls den wissenschaftlichen deutschen Sozia-
       lismus unendlich besser begreifen als die Romanen ihren Proudhon,
       "mehr in  der Revolution  stehn", werden  wir beantworten können,
       wenn wir  erst wissen,  was das heißt: "in der Revolution stehn".
       Man hat  reden gehört  von Leuten, die "im Christentum, im wahren
       Glauben, in  der Gnade Gottes stehn" usw. Aber in der Revolution,
       in der  gewaltsamsten Bewegung "stehn"? Ist denn "die Revolution"
       eine dogmatische Religion, an die man glauben muß?
       Ferner wirft  mir Mülberger  vor, ich habe, gegen die ausdrückli-
       chen Worte seiner Arbeit, behauptet, er erkläre die Wohnungsfrage
       für eine ausschließliche Arbeiterfrage.
       Diesmal hat Mülberger in der Tat recht. Ich hatte die betreffende
       Stelle übersehn.  Unverantwortlicherweise übersehn,  denn sie ist
       eine der bezeichnendsten für die ganze Tendenz seiner Abhandlung.
       Mülberger sagt wirklich mit dürren Worten:
       
       "Da uns so oft und viel der lächerliche Vorwurf gemacht wird, wir
       treiben Klassen-Politik,  wir streben  eine Klassenherrschaft  an
       u.dgl. mehr,  so betonen  wir zunächst  und ausdrücklich, daß die
       Wohnungsfrage keineswegs ausschließlich das Proletariat betrifft,
       sondern im  Gegenteil -  sie interessiert  in ganz hervorragender
       Weise den  eigentlichen Mittelstand, das Kleingewerbe, die kleine
       Bourgeoisie, die  gesamte Bürokratie... die Wohnungsfrage ist ge-
       rade derjenige  Punkt der sozialen Reformen, welche mehr als alle
       andern geeignet  erscheint, die absolute innere Identität der In-
       teressen des Proletariats einerseits und der eigentlichen Mittel-
       klassen der Gesellschaft andrerseits aufzudecken. Die Mittelklas-
       sen leiden  ebenso stark, vielleicht noch stärker unter der drüc-
       kenden Fessel  der Mietwohnung als das Proletariat... Die eigent-
       lichen Mittelklassen der Gesellschaft stehen heute vor der Frage,
       ob sie... die Kraft finden werden... im Bunde mit der jugendkräf-
       tigen und energievollen Arbeiterpartei in den Umgestaltungsprozeß
       der Gesellschaft  einzugreifen, dessen Segnungen gerade ihnen vor
       allen zugute kommen werden."
       
       Freund Mülberger konstatiert hier also folgendes:
       1. "Wir" treiben keine "Klassenpolitik" und streben nach keiner -
       Klassenherrschaft ".  Die deutsche  Sozialdemokratische Arbeiter-
       partei, eben  weil sie eine Arbeiterpartei ist, treibt indes not-
       wendigerweise "Klassenpolitik",  die Politik  der Arbeiterklasse.
       Da jede politische Partei darauf ausgeht, die Herrschaft im Staat
       zu erobern,  so strebt die deutsche Sozialdemokratische Arbeiter-
       partei notwendig  ihre Herrschaft,  die Herrschaft  der Arbeiter-
       klasse, also eine "Klassenherrschaft" an. Übrigens hat jede wirk-
       liche proletarische  Partei, von  den englischen Chartisten [229]
       an, immer die
       
       #268# Friedrich Engels
       -----
       Klassenpolitik, die  Organisation des  Proletariats als selbstän-
       dige politische Partei, als erste Bedingung, und die Diktatur des
       Proletariats als  nächstes Ziel  des Kampfes  hingestellt.  Indem
       Mülberger dies für "lächerlich" erklärt, stellt er sich außerhalb
       der proletarischen  Bewegung und  innerhalb des kleinbürgerlichen
       Sozialismus.
       2. Die Wohnungsfrage  hat den Vorzug, daß sie keine ausschließli-
       che Arbeiterfrage  ist, sondern  das Kleinbürgertum "in ganz her-
       vorragender Weise  interessiert", indem die "eigentlichen Mittel-
       klassen ebenso  stark, vielleicht  noch stärker" unter ihr leiden
       als das  Proletariat. Wenn  jemand  erklärt,  das  Kleinbürgertum
       leide, auch  nur in  einer einzigen  Beziehung, "vielleicht  noch
       stärker als  das Proletariat",  so wird  er sich sicher nicht be-
       klagen können,  wenn man ihn unter die kleinbürgerlichen Soziali-
       sten rechnet.  Hat Mülberger also Grund zur Unzufriedenheit, wenn
       ich sage:
       "Es sind  vorzugsweise diese  der Arbeiterklasse mit andern Klas-
       sen, namentlich dem Kleinbürgertum, gemeinsamen Leiden, mit denen
       sich der  kleinbürgerliche Sozialismus,  zu dem auch Proudhon ge-
       hört, mit  Vorliebe beschäftigt. Und so ist es durchaus nicht zu-
       fällig, daß  unser deutscher  Proudhonist sich vor allem der Woh-
       nungsfrage, die,  wie wir  gesehn  haben,  keineswegs  eine  aus-
       schließliche Arbeiterfrage ist, bemächtigt." 1*)
       3. Zwischen den  Interessen der  "eigentlichen Mittelklassen  der
       Gesellschaft" und denen des Proletariats besteht "absolute innere
       Identität", und  es ist  nicht das Proletariat, sondern [es sind]
       diese eigentlichen  Mittelklassen, denen  die "Segnungen" des be-
       vorstehenden Umgestaltungsprozesses  der Gesellschaft "gerade vor
       allen zugute kommen werden".
       Die Arbeiter  werden also  die bevorstehende  soziale  Revolution
       "gerade vor  allen" im Interesse der Kleinbürger machen. Und fer-
       ner besteht  eine absolute  innere Identität  der Interessen  der
       Kleinbürger mit  denen des  Proletariats. Sind die Interessen der
       Kleinbürger mit  denen der  Arbeiter innerlich  identisch, so die
       der Arbeiter  mit denen  der  Kleinbürger.  Der  kleinbürgerliche
       Standpunkt ist  also in  der Bewegung  ebenso berechtigt  wie der
       proletarische. Und  die Behauptung  dieser Gleichberechtigung ist
       eben, was man kleinbürgerlichen Sozialismus nennt.
       Es ist  daher auch  ganz konsequent,  wenn Mülberger  S.  25  des
       Separatabdrucks [230]  das "Kleingewerbe"  als den  "eigentlichen
       Strebepfeiler der Gesellschaft" feiert, "weil es seiner eigentli-
       chen Anlage  nach die  drei Faktoren: Arbeit - Erwerb - Besitz in
       sich vereinigt,  weil es in der Vereinigung, dieser drei Faktoren
       der Entwicklungsfähigkeit des Individuums keinerlei
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 215
       
       #269# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
       -----
       Schranke gegenüberstellt";  und wenn  er der  modernen  Industrie
       namentlich vorwirft,  daß sie  diese Pflanzschule  von Normalmen-
       schen vernichtet  und "aus einer lebenskräftigen, sich immer wie-
       der neu  erzeugenden Klasse einen bewußtlosen Haufen Menschen ge-
       macht hat, der nicht weiß, wohin er seinen angstvollen Blick wen-
       den soll".  Der Kleinbürger  ist also Mülbergers Mustermensch und
       das Kleingewerbe Mülbergers Muster-Produktionsweise. Habe ich ihn
       also verlästert,  wenn ich ihn unter die kleinbürgerlichen Sozia-
       listen verwies?
       Da Mülberger  jede Verantwortlichkeit  für Proudhon  ablehnt,  so
       wäre es  überflüssig, hier  weiter zu erörtern, wie Proudhons Re-
       formpläne dahin abzielen, alle Glieder der Gesellschaft in Klein-
       bürger und  Kleinbauern zu  verwandeln. Ebensowenig wird es nötig
       sein, auf die angebliche Identität der Interessen der Kleinbürger
       mit denen  der Arbeiter einzugehn. Das Nötige findet sich bereits
       im "Kommunistischen  Manifest". (Leipziger Ausgabe 1872, S. 12 u.
       21. 1*))
       Das Resultat  unsrer Untersuchung  ist also  das, daß  neben  die
       "Sage vom  Kleinbürger Proudhon" die Wirklichkeit vom Kleinbürger
       Mülberger tritt.
       
       II
       
       Wir kommen  jetzt auf  einen Hauptpunkt.  Ich warf den Mülberger-
       schen Artikeln vor, daß sie nach Proudhonscher Manier ökonomische
       Verhältnisse verfälschen  durch Übersetzung  in juristische  Aus-
       drucksweise. Als  Beispiel dafür hob ich folgenden Mülbergerschen
       Satz heraus:
       
       "Das einmal  gebaute Haus  dient als ewiger Rechtstitel auf einen
       bestimmten Bruchteil der gesellschaftlichen Arbeit, wenn auch der
       wirkliche Wert  des Hauses  längst schon mehr als genügend in der
       Form des  Mietzinses an  den Besitzer gezahlt wurde. So kommt es,
       daß ein  Haus, welches z.B. vor fünfzig Jahren gebaut wurde, wäh-
       rend dieser  Zeit in  dem Ertrag  seines Mietzinses zwei-, drei-,
       fünf-, zehnmal usw. den ursprünglichen Kostenpreis deckte." 2*)
       
       Mülberger beschwert sich nun:
       
       "Diese einfache, nüchterne Konstatierung einer Tatsache veranlaßt
       Engels, mir  zu Gemüte  zu führen, daß ich hätte erklären sollen,
       wie das  Haus 'Rechtstitel' wird - eine Sache, die ganz außerhalb
       des Bereichs  meiner Aufgabe lag... Ein anderes ist eine Schilde-
       rung, ein  anderes eine  Erklärung. Wenn  ich nach Proudhon sage,
       das ökonomische Leben der Gesellschaft solle von einer Rechtsidee
       durchdrungen sein,  so schildere  ich hiermit die heutige Gesell-
       schaft als  eine solche,  in der zwar nicht jede Rechtsidee, aber
       die Rechtsidee  der Revolution  fehlt, eine  Tatsache, die Engels
       selbst zugeben wird."
       -----
       1*) Siehe Band  4 unserer  Ausgabe, S. 472 und 484/485 - 2*) vgl.
       vorl. Band, S. 216/217
       
       #270# Friedrich Engels
       -----
       Bleiben wir  zunächst bei  dem einmal  gebauten Hause.  Das Haus,
       wenn vermietet, bringt seinem Erbauer Grundrente, Reparaturkosten
       und Zins  1*)  auf sein ausgelegtes Baukapital einschließlich des
       darauf gemachten Profits 2*) in der Gestalt von Miete ein, und je
       nach den Verhältnissen kann der nach und nach gezahlte Mietbetrag
       zwei-, drei-,  fünf-, zehnmal den ursprünglichen Kostenpreis aus-
       machen. Dies, Freund Mülberger, ist die "einfache, nüchterne Kon-
       statierung" der  "Tatsache", die  eine ökonomische  ist; und wenn
       wir wissen  wollen, wieso  "es so  kommt", daß  sie existiert, so
       müssen wir die Untersuchung auf ökonomischem Gebiet führen. Sehen
       wir uns  also die  Tatsache etwas  näher an,  damit kein Kind sie
       weiter mißverstehen  könne. Der  Verkauf einer  Ware besteht  be-
       kanntlich darin, daß der Besitzer ihren Gebrauchswert weggibt und
       ihren Tauschwert  einsteckt. Die  Gebrauchswerte der Waren unter-
       scheiden sich  unter anderem auch darin, daß ihre Konsumtion ver-
       schiedene Zeiträume  erfordert. Ein  Laib Brot wird in einem Tage
       verzehrt, ein  Paar Hosen  in einem  Jahr verschlissen,  ein Haus
       meinetwegen  in   hundert  Jahren.  Bei  Waren  von  langer  Ver-
       schleißdauer tritt  also die  Möglichkeit ein,  den Gebrauchswert
       stückweise, jedesmal  auf bestimmte  Zeit, zu verkaufen, d.h. ihn
       zu vermieten.  Der stückweise Verkauf realisiert also den Tausch-
       wert nur  nach und  nach; für diesen Verzicht auf sofortige Rück-
       zahlung des  vorgeschossenen Kapitals  und des  darauf erworbenen
       Profits  wird   der  Verkäufer  entschädigt  durch  einen  Preis-
       aufschlag, eine  Verzinsung, deren Höhe durch die Gesetze der po-
       litischen Ökonomie, durchaus nicht willkürlich, bestimmt wird. Am
       Ende der  hundert Jahre  ist das Haus aufgebraucht, verschlissen,
       unbewohnbar geworden. Wenn wir dann von dem gezahlten Gesamtmiet-
       betrag abziehen: 1. die Grundrente nebst der etwaigen Steigerung,
       die sie während der Zeit erfahren, und 2. die ausgelegten laufen-
       den Reparaturkosten, so werden wir finden, daß der Rest im Durch-
       schnitt sich  zusammensetzt: 1. aus dem ursprünglichen Baukapital
       des Hauses,  2. aus  dem Profit darauf, und 3. aus der Verzinsung
       des nach und nach fällig gewordenen Kapitals und Profits 3*). Nun
       hat zwar  am Ende dieses Zeitraums der Mieter kein Haus, aber der
       Hausbesitzer auch  nicht. Dieser  hat nur das Grundstück (wenn es
       ihm nämlich  gehört) und  die darauf befindlichen Baumaterialien,
       die aber kein Haus mehr sind. Und wenn das Haus inzwischen "fünf-
       oder zehnmal  den ursprünglichen  Kostenpreis deckte",  so werden
       wir sehn,  daß dies  lediglich einem Aufschlag der Grundrente ge-
       schuldet ist; wie dies niemanden ein
       -----
       1*) Im "Volksstaat":  Profit -  2*) im "Volksstaat"  fehlt:  ein-
       schließlich des  darauf gemachten  Profits -  3*) im "Volksstaat"
       fehlt: und Profits
       
       #271# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
       -----
       Geheimnis ist  an Orten  wie London, wo Grundbesitzer und Hausbe-
       sitzer meist  zwei verschiedene  Personen sind.  Solche kolossale
       Mietsaufschläge kommen  vor in  rasch  wachsenden  Städten,  aber
       nicht in  einem Ackerdorf,  wo die  Grundrente für Bauplätze fast
       unverändert bleibt.  Es ist ja notorische Tatsache, daß, abgesehn
       von Steigerungen  der Grundrente,  die Hausmiete dem Hausbesitzer
       durchschnittlich nicht über 7 p.c. des angelegten Kapitals (inkl.
       Profits) jährlich  einbringt, woraus  dann  noch  Reparaturkosten
       etc. zu  bestreiten sind.  Kurz, der Mietvertrag ist ein ganz ge-
       wöhnliches Warengeschäft,  das für den Arbeiter theoretisch nicht
       mehr und  nicht minder  Interesse hat  als jedes  andere Warenge-
       schäft, ausgenommen  das, worin  es sich  um den Kauf und Verkauf
       der Arbeitskraft  handelt, während  er ihm praktisch als eine der
       tausend Formen  der bürgerlichen  Prellerei  gegenübertritt,  von
       denen ich  Seite 4   1*)  des Separatabdrucks  [231] spreche, die
       aber auch, wie ich dort nachgewiesen, einer ökonomischen Regelung
       unterworfen sind.
       Mülberger dagegen sieht im Mietvertrag nichts als reine "Willkür"
       (S. 19  des Separatabdrucks),  und wenn ich ihm das Gegenteil be-
       weise, so  beklagt er  sich, ich  sage ihm  "lauter Dinge, die er
       leider schon selbst gewußt".
       Mit allen  ökonomischen Untersuchungen  über die Hausmiete kommen
       wir aber  nicht dahin, die Abschaffung der Mietwohnung zu verwan-
       deln in  "eine der  fruchtbarsten und großartigsten Bestrebungen,
       welche dem Schoß der revolutionären Idee entstammt". Um dies fer-
       tigzubringen, müssen wir die einfache Tatsache aus der nüchternen
       Ökonomie in  die schon viel ideologischere Juristerei übersetzen.
       "Das Haus dient als ewiger Rechtstitel" auf Hausmiete - "so kommt
       es", daß  der Wert  des Hauses  in Hausmiete zwei-, drei-, fünf-,
       zehnmal gezahlt  werden kann. Um zu erfahren, wie das "so kommt",
       hilft uns  der "Rechtstitel"  keinen Zoll vom Fleck; und deswegen
       sagte ich,  Mülberger hätte erst durch Untersuchung, wie das Haus
       Rechtstitel wird,  erfahren können,  wie das "so kommt". Dies er-
       fahren wir erst, wenn wir, wie ich tat, die ökonomische Natur der
       Hausmiete untersuchen,  statt uns über den juristischen Ausdruck,
       unter welchem  die herrschende  Klasse sie sanktioniert, zu erbo-
       sen. -  Wer ökonomische  Schritte zur  Abschaffung der  Hausmiete
       vorschlägt, der  ist doch  wohl verpflichtet,  etwas mehr von der
       Hausmiete zu  wissen, als  daß sie "den Tribut darstellt, den der
       Mieter dem  ewigen Rechte des Kapitals bezahlt". Darauf antwortet
       Mülberger: "Ein  anderes ist  eine Schilderung,  ein anderes eine
       Erklärung."
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 214/215
       
       #272# Friedrich Engels
       -----
       Wir haben  also das Haus, obwohl es keineswegs ewig ist, in einen
       ewigen Rechtstitel auf Hausmiete verwandelt. Wir finden, einerlei
       wie das "so kommt", daß kraft dieses Rechtstitels das Haus seinen
       Wert in  der Gestalt  von Hausmiete mehrfach einbringt. Wir sind,
       durch die  Übersetzung ins Juristische, glücklich so weit von der
       Ökonomie entfernt,  daß wir  nur noch  die Erscheinung sehen, daß
       ein Haus  sich in Brutto-Miete allmählich mehrfach bezahlt machen
       kann. Da  wir juristisch  denken und  sprechen, so  legen wir  an
       diese Erscheinung  den Maßstab  des Rechts, der Gerechtigkeit und
       finden, daß  sie ungerecht ist, daß sie der "Rechtsidee der Revo-
       lution", was  das auch  immer für  ein Ding  sein mag, nicht ent-
       spricht und  daß der  Rechtstitel daher  nichts taugt. Wir finden
       ferner, daß dasselbe vom zinstragenden Kapital und vom verpachte-
       ten Ackerland  gilt, und haben nun den Vorwand, diese Klassen von
       Eigentum von  den andern auszuscheiden und sie einer ausnahmswei-
       sen Behandlung zu unterwerfen. Diese besteht in der Forderung: 1.
       dem Eigentümer  das Kündigungsrecht,  das Recht auf Rückforderung
       seines Eigentums,  zu nehmen;  2. dem Mieter, Borger oder Pächter
       den Nießbrauch  des ihm  übertragenen, aber  ihm nicht  gehörigen
       Gegenstandes unentgeltlich  zu überlassen,  und 3. den Eigentümer
       in längeren Raten ohne Verzinsung abzuzahlen. Und damit haben wir
       die Proudhonschen  "Prinzipien" nach  dieser Seite hin erschöpft.
       Es ist dies Proudhons "gesellschaftliche Liquidation".
       Beiläufig bemerkt.  Daß dieser  ganze Reformplan fast ausschließ-
       lich den  Kleinbürgern und Kleinbauern in der Weise zugute kommen
       soll, daß  er sie in ihrer Stellung als Kleinbürger und Kleinbau-
       ern befestigt,  liegt auf der Hand. Die nach Mülberger sagenhafte
       Gestalt des  "Kleinbürgers Proudhon"  erhält hier  also plötzlich
       eine sehr handgreifliche historische Existenz.
       Mülberger fährt fort:
       
       "Wenn ich  nach Proudhon  sage, das ökonomische Leben der Gesell-
       schaft solle von einer Rechtsidee durchdrungen sein, so schildere
       ich hiermit die heutige Gesellschaft als eine solche, in der zwar
       nicht jede  Rechtsidee, aber die Rechtsidee der Revolution fehlt,
       eine Tatsache, die selbst Engels zugeben wird."
       
       Leider bin  ich außerstande,  Mülberger diesen  Gefallen zu  tun.
       Mülberger verlangt,  die Gesellschaft  solle von einer Rechtsidee
       durchdrungen sein,  und nennt  das eine Schilderung. Wenn mir ein
       Gerichtshof eine  Aufforderung durch  Gerichtsvollzieher zukommen
       läßt, eine  Schuld zu bezahlen, so tut er, nach Mülberger, weiter
       nichts, als  daß er  mich als einen Menschen schildert, der seine
       Schulden nicht bezahlt! Ein anderes ist eine Schilderung, ein an-
       deres eine Zumutung. Und gerade hier liegt der wesentliche Unter-
       schied des deutschen wissenschaftlichen Sozialismus von
       
       #273# Zur Wohnungsfrage · Dritter Abschnitt
       -----
       Proudhon. Wir  schildern -  und jede  wirkliche Schilderung  ist,
       trotz Mülberger,  zugleich die Erklärung der Sache - die ökonomi-
       schen Verhältnisse, wie sie sind und wie sie sich entwickeln, und
       führen, strikt ökonomisch, den Beweis, daß diese ihre Entwicklung
       zugleich die  Entwicklung der  Elemente einer sozialen Revolution
       ist: die Entwicklung - einerseits, einer Klasse, deren Lebenslage
       sie notwendig  zur sozialen Revolution treibt, des Proletariats -
       andererseits, von Produktivkräften, die, dem Rahmen der kapitali-
       stischen Gesellschaft  entwachsen, ihn notwendig sprengen müssen,
       und die  gleichzeitig die  Mittel bieten, die Klassenunterschiede
       ein für  allemal im Interesse des gesellschaftlichen Fortschritts
       selbst zu  beseitigen. Proudhon  dagegen stellt  an  die  heutige
       Gesellschaft die  Forderung, sich  nicht nach  den Gesetzen ihrer
       eignen ökonomischen  Entwicklung, sondern  nach den  Vorschriften
       der Gerechtigkeit  (die "Rechtsidee"  gehört nicht  ihm,  sondern
       Mülberger) umzugestalten. Wo wir beweisen, predigt und lamentiert
       Proudhon, und mit ihm Mülberger.
       Was "die  Rechtsidee der  Revolution" für  ein Ding ist, kann ich
       absolut nicht  erraten. Proudhon  allerdings macht  sich aus "der
       Revolution" eine Art Göttin, die Trägerin und Vollstreckerin sei-
       ner "Gerechtigkeit"; wobei er dann in den sonderbaren Irrtum ver-
       fällt, die  bürgerliche Revolution von 1789-1794 und die künftige
       proletarische Revolution  durcheinanderzuwerfen. Dies  tut er  in
       fast allen seinen Werken, besonders seit 1848; als Beispiel führe
       ich nur  an: "Idee  générale dé la Révolution", ed. 1868, p. 39 &
       40. Da aber Mülberger alle und jede Verantwortlichkeit für Proud-
       hon ablehnt,  so bleibt mir verboten, "die Rechtsidee der Revolu-
       tion" aus  Proudhon zu  erklären, und ich verharre in ägyptischer
       Finsternis.
       Weiter sagt Mülberger:
       
       "Aber weder  Proudhon noch ich appellieren an eine 'ewige Gerech-
       tigkeit', um  dadurch die bestehenden ungerechten Zustände zu er-
       klären oder  gar, wie  dies Engels  mir imputiert,  die Besserung
       dieser Zustände  von dem  Appell an diese Gerechtigkeit zu erwar-
       ten."
       
       Mülberger muß  darauf bauen,  daß "Proudhon überhaupt in Deutsch-
       land so gut wie gar nicht gekannt" ist. In allen seinen Schriften
       mißt Proudhon  alle gesellschaftlichen,  rechtlichen, politischen
       1*), religiösen  Sätze an  dem Maßstab  der "Gerechtigkeit", ver-
       wirft sie  oder erkennt sie an, je nachdem sie stimmen oder nicht
       stimmen  mit   dem,  was   er  "Gerechtigkeit"   nennt.  In   den
       "Contradictions économiques" [220] heißt diese Gerechtigkeit noch
       "ewige Gerechtigkeit",  justice éternelle.  Später wird die Ewig-
       keit
       -----
       1*) Im "Volksstaat" eingefügt: Zustände, alle theoretischen, phi-
       losophischen
       
       #274# Friedrich Engels
       -----
       verschwiegen, bleibt aber der Sache nach. Z.B. in: "De la Justice
       dans la  Révolution et dans l'Église", Ausgabe 1858, ist folgende
       Stelle der  Text der  ganzen dreibändigen  Predigt (Band I, Seite
       42):
       
       "Welches ist  das Grundprinzip, das organische, regelnde, souver-
       äne Prinzip  der Gesellschaften,  das Prinzip, welches, sich alle
       andern unterordnend, regiert, schützt, zurückdrängt, züchtigt, im
       Notfalle selbst  unterdrückt alle  rebellischen Elemente?  Ist es
       die Religion,  das Ideal,  das Interesse?...  Dies Prinzip,  nach
       meiner Ansicht,  ist die  Gerechtigkeit. - Was ist die Gerechtig-
       keit? Das  Wesen der  Menschheit selbst. Was ist sie gewesen seit
       dem Anfang der Welt? Nichts. - Was sollte sie sein? Alles."
       
       Eine Gerechtigkeit,  die das Wesen der Menschheit selbst ist, was
       ist das  anders als  die ewige Gerechtigkeit? Eine Gerechtigkeit,
       die das  organische, regelnde, souveräne Grundprinzip der Gesell-
       schaften, die  bisher trotzdem nichts gewesen ist, die aber alles
       sein soll  - was ist sie anders als der Maßstab, an dem alle men-
       schlichen Dinge  zu messen,  an die  in jedem  Kollisionsfall als
       entscheidende Richterin  zu appellieren  ist? Und  habe ich etwas
       anderes behauptet,  als daß  Proudhon seine ökonomische Unwissen-
       heit und  Hülflosigkeit damit  verdeckt, daß er alle ökonomischen
       Verhältnisse nicht  nach den  ökonomischen Gesetzen, sondern dar-
       nach beurteilt,  ob sie  mit seiner Vorstellung von dieser ewigen
       Gerechtigkeit stimmen  oder nicht? Und wodurch unterscheidet sich
       Mülberger von Proudhon, wenn Mülberger verlangt, daß "alle Umset-
       zungen im Leben der modernen Gesellschaft... von einer Rechtsidee
       durchdrungen, d.h.  allenthalben nach  den strengen Anforderungen
       der Gerechtigkeit durchgeführt" werden sollen? Kann ich nicht le-
       sen, oder kann Mülberger nicht schreiben?
       Weiter sagt Mülberger:
       
       "Proudhon weiß  so gut  wie Marx  und Engels,  daß das eigentlich
       Treibende in  der  menschlichen  Gesellschaft  die  ökonomischen,
       nicht die  juridischen Verhältnisse  sind, auch  er weiß, daß die
       jeweiligen Rechtsideen  eines Volkes  nur der  Ausdruck, der  Ab-
       druck, das  Produkt der  ökonomischen - insbesondere Produktions-
       verhältnisse sind...  Das Recht ist für Proudhon mit einem Wort -
       historisch gewordenes ökonomisches Produkt."
       
       Wenn Proudhon  dies (ich  will die unklare Ausdrucksweise Mülber-
       gers passieren  lassen und  den guten Willen für die Tat nehmen),
       wenn Proudhon  dies alles  "ebensogut weiß  wie Marx und Engels",
       wie können  wir uns  dann noch streiten? Aber es steht eben etwas
       anders mit  der Wissenschaft Proudhons. Die ökonomischen Verhält-
       nisse einer  gegebenen Gesellschaft stellen sich zunächst dar als
       Interessen. Nun sagt Proudhon in der eben zitierten Stelle seines
       Hauptwerkes mit dürren Worten, daß das "regelnde, organische sou-
       veräne Grundprinzip der Gesellschaften, welches sich alle andern
       
       #275# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
       -----
       unterordnet", nicht das Interesse ist, sondern die Gerechtigkeit.
       Und er  wiederholt dasselbe  in allen  seinen Schriften  an allen
       entscheidenden Stellen. Was Mülberger nicht verhindert fortzufah-
       ren:
       
       "...daß die Idee des ökonomischen Rechts, wie sie von Proudhon am
       tiefsten in  'La Guerre  et la  Paix' entwickelt ist, vollständig
       zusammenfällt mit jenen Grundgedanken Lassalles, wie sie so schön
       in seinem  Vorwort zum  'System der  erworbenen  Rechte'  gegeben
       sind."
       
       "La Guerre  et la  Paix" ist  vielleicht das  schülerhafteste der
       vielen schülerhaften  Werke Proudhons, aber daß es als Beweismit-
       tel aufgeführt  werde für  sein angebliches Verständnis der deut-
       schen materialistischen  Geschichtsauffassung, die  alle histori-
       schen Ereignisse  und Vorstellungen,  alle Politik,  Philosophie,
       Religion, aus  den materiellen,  ökonomischen Lebensverhältnissen
       der fraglichen  geschichtlichen Periode  erklärt, das  konnte ich
       nicht erwarten.  Das Buch  ist so  wenig materialistisch,  daß es
       seine Konstruktion  des Krieges  nicht einmal fertigbringen kann,
       ohne den Schöpfer zu Hülfe zu rufen:
       
       "Indessen hatte  der Schöpfer,  der diese Lebensweise für uns ge-
       wählt hat, seine Zwecke" (Bd. II, S. 100 der Ausgabe von 1869).
       
       Auf welcher Geschichtskenntnis es beruht, geht daraus hervor, daß
       es an die geschichtliche Existenz des goldnen Zeitalters glaubt:
       
       "Im Anfang,  als die Menschheit noch dünn gesäet war auf dem Erd-
       ball, sorgte  die Natur  ohne Mühe  für seine Bedürfnisse. Es war
       das goldene  Zeitalter, das  Zeitalter des  Überflusses  und  des
       Friedens" (ebenda, S. 102).
       
       Sein ökonomischer Standpunkt ist der des krassesten Malthusianis-
       mus:
       
       "Wenn die  Produktion verdoppelt wird, so wird die Bevölkerung es
       bald ebenfalls sein" (S. 106).
       
       Und worin besteht denn der Materialismus des Buchs? Darin, daß es
       behauptet, die  Ursache des  Kriegs sei von jeher und immer noch:
       "der Pauperismus"  (z.B. Seite  143). Onkel Bräsig war ein ebenso
       gelungener Materialist,  als er  in seiner  1848er Rede das große
       Wort gelassen  aussprach: Die  Ursache der  großen Armut  ist die
       große pauvreté 1*).
       Lassalles "System  der erworbenen  Rechte" ist  nicht nur  in der
       ganzen Illusion des Juristen, sondern auch in der des Althegelia-
       ners befangen. Lassalle erklärt S. VII ausdrücklich, daß auch "im
       ökonomischen der  Begriff des  erworbenen  Rechts  der  treibende
       Springquell aller  weiteren Entwicklung"  ist, er will "das Recht
       als einen vernünftigen, sich aus sich selbst"
       -----
       1*) Armut
       
       #276# Friedrich Engels
       -----
       (also  nicht   aus  ökonomischen  Vorbedingungen)  "entwickelnden
       Organismus" nachweisen (S. XI), es handelt sich für ihn um Ablei-
       tung des  Rechts, nicht  aus ökonomischen  Verhältnissen, sondern
       aus dem  "Willensbegriff selbst,  dessen Entwicklung und Darstel-
       lung die  Rechtsphilosophie nur  ist" (S. XII). Was soll also das
       Buch hier? Der Unterschied zwischen Proudhon und Lassalle ist nur
       der, daß  Lassalle ein  wirklicher Jurist und Hegelianer war, und
       Proudhon in  der Juristerei  und Philosophie, wie in allen andern
       Dingen, ein reiner Dilettant.
       Daß Proudhon, der sich bekanntlich fortwährend widerspricht, auch
       hier und  da einmal  eine Äußerung  tut, die danach aussieht, als
       erkläre er  Ideen aus  Tatsachen, weiß  ich sehr gut. Dergleichen
       Äußerungen sind  aber ohne allen Belang gegenüber der durchgehen-
       den Denkrichtung  des Mannes, und wo sie vorkommen, noch dazu äu-
       ßerst verworren und in sich inkonsequent.
       Auf einer  gewissen, sehr  ursprünglichen  Entwicklungsstufe  der
       Gesellschaft stellt  sich das  Bedürfnis ein, die täglich wieder-
       kehrenden Akte der Produktion, der Verteilung und des Austausches
       der Produkte unter eine gemeinsame Regel zu fassen, dafür zu sor-
       gen, daß  der einzelne  sich den gemeinsamen Bedingungen der Pro-
       duktion und  des  Austausches  unterwirft.  Diese  Regel,  zuerst
       Sitte, wird  bald Gesetz.  Mit dem  Gesetz entstehn notwendig Or-
       gane, die mit seiner Aufrechterhaltung betraut sind - die öffent-
       liche Gewalt,  der  Staat.  Mit  der  weitern  gesellschaftlichen
       Entwicklung bildet  sich das Gesetz fort zu einer mehr oder weni-
       ger umfangreichen  Gesetzgebung. Je  verwickelter diese Gesetzge-
       bung wird,  desto weiter  entfernt sich  ihre Ausdrucksweise  von
       der, in  welcher die  gewöhnlichen ökonomischen Lebensbedingungen
       der Gesellschaft  ausgedrückt werden. Sie erscheint als ein selb-
       ständiges Element,  das nicht aus den ökonomischen Verhältnissen,
       sondern  aus   eignen,  inneren   Gründen,  meinetwegen  aus  dem
       "Willensbegriff" die Berechtigung seiner Existenz und die Begrün-
       dung seiner  Fortentwicklung hernimmt. Die Menschen vergessen die
       Abstammung ihres Rechts aus ihren ökonomischen Lebensbedingungen,
       wie sie  ihre eigne Abstammung aus dem Tierreich vergessen haben.
       Mit der  Fortbildung der  Gesetzgebung zu einem verwickelten, um-
       fangreichen Ganzen  tritt die  Notwendigkeit einer  neuen gesell-
       schaftlichen Arbeitsteilung  hervor; es bildet sich ein Stand be-
       rufsmäßiger Rechtsgelehrten,  und mit diesen entsteht die Rechts-
       wissenschaft. Diese  vergleicht in  ihrer weitern Entwicklung die
       Rechtssysteme verschiedner Völker und verschiedner Zeiten mitein-
       ander, nicht  als Abdrücke der jedesmaligen ökonomischen Verhält-
       nisse, sondern  als Systeme,  die ihre  Begründung in sich selbst
       finden. Die Vergleichung
       
       #277# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
       -----
       setzt Gemeinsames  voraus: dieses findet sich, indem die Juristen
       das mehr  oder weniger  Gemeinschaftliche aller  dieser Rechtssy-
       steme als  Naturrecht zusammenstellen.  Der Maßstab  aber, an dem
       gemessen wird,  was Naturrecht  ist und  nicht, ist  eben der ab-
       strakteste Ausdruck  des Rechts  selbst: die   Gerechtigkeit. Von
       jetzt an ist also die Entwicklung des Rechts für die Juristen und
       die, die  ihnen aufs  Wort glauben,  nur noch  das Bestreben, die
       menschlichen Zustände,  soweit sie juristisch ausgedrückt werden,
       dem Ideal  der Gerechtigkeit, der ewigen Gerechtigkeit immer wie-
       der näherzubringen.  Und diese  Gerechtigkeit ist  immer nur  der
       ideologisierte, verhimmelte  Ausdruck der bestehnden ökonomischen
       Verhältnisse, bald  nach ihrer konservativen, bald nach ihrer re-
       volutionären Seite  hin. Die Gerechtigkeit der Griechen und Römer
       fand die  Sklaverei gerecht:  die Gerechtigkeit der Bourgeois von
       1789 forderte  die Aufhebung  des Feudalismus,  weil er ungerecht
       sei. Für die preußischen Junker ist selbst die faule Kreisordnung
       [232] eine  Verletzung der  ewigen Gerechtigkeit. Die Vorstellung
       von der ewigen Gerechtigkeit wechselt also nicht nur mit der Zeit
       und dem  Ort, sondern  selbst mit den Personen, und gehört zu den
       Dingen, worunter, wie Mülberger richtig bemerkt, "jeder etwas an-
       deres versteht".  Wenn im  gewöhnlichen Leben bei der Einfachheit
       der Verhältnisse,  die da  zur Beurteilung  kommen, Ausdrücke wie
       recht, unrecht, Gerechtigkeit, Rechtsgefühl auch in Beziehung auf
       gesellschaftliche Dinge  ohne Mißverständnis  hingenommen werden,
       so richten sie in wissenschaftlichen Untersuchungen über ökonomi-
       sche Verhältnisse,  wie wir  gesehn haben, dieselbe heillose Ver-
       wirrung an,  die z.  B. in  der heutigen  Chemie entstehn  würde,
       wollte man  die Ausdrucksweise  der phlogistischen Theorie beibe-
       halten. Noch  schlimmer wird die Verwirrung, wenn man, wie Proud-
       hon, an  dies soziale  Phlogiston,  die  "Gerechtigkeit",  glaubt
       oder, wie Mülberger beteuert, mit dem Phlogiston nicht minder als
       mit dem Sauerstoff habe es seine vollkommene Richtigkeit. *)
       ---
       *) Vor der Entdeckung des Sauerstoffs erklärten sich die Chemiker
       die Verbrennung des Körpers in atmosphärischer Luft durch die An-
       nahme eines  eignen Brennstoffs, des Phlogiston, der bei der Ver-
       brennung entweicht. Da sie fanden, daß verbrannte einfache Körper
       nach der  Verbrennung mehr  wogen als  vorher, erklärten sie, das
       Phlogiston habe  eine negative  Schwere, so  daß ein  Körper ohne
       sein Phlogiston  mehr wiege  als mit  ihm. Auf diese Weise wurden
       dem Phlogiston  allmählich die Haupteigenschaften des Sauerstoffs
       angedichtet, aber  alle umgekehrt.  Die Entdeckung,  daß die Ver-
       brennung in  der Verbindung  der brennenden  Körper mit einem an-
       dern, dem  Sauerstoff, bestehe, und die Darstellung dieses Sauer-
       stoffs machte  dieser Annahme  - aber erst nach langem Widerstand
       der altern Chemiker - ein Ende.
       
       #278# Friedrich Engels
       -----
       III
       
       Mülberger beschwert  sich ferner,  ich nenne  seine "emphatische"
       Auslassung darüber,
       
       "daß es  keinen furchtbareren  Hohn auf  die ganze Kultur unseres
       gerühmten Jahrhunderts  gibt als  die Tatsache, daß in den großen
       Städten 90%  und darüber  der Bevölkerung keine Stätte haben, die
       sie ihr eigen nennen können"
       
       - eine reaktionäre  Jeremiade. Allerdings.  Hätte Mülberger  sich
       darauf beschränkt,  wie er vorgibt, die "Greuel der Gegenwart" zu
       schildern, ich  hätte "ihm und seinen bescheidenen Worten" sicher
       kein böses  Wort nachgesagt.  Er tut  aber etwas  ganz andres. Er
       schildert diese  "Greuel" als  Wirkung davon,  daß  die  Arbeiter
       "keine Stätte  haben, die  sie ihr  eigen nennen  können". Ob man
       "die Greuel der Gegenwart" aus der Ursache beklagt, daß das Haus-
       eigentum der  Arbeiter abgeschafft  ist, oder wie die Junker tun,
       aus der, daß der Feudalismus und die Zünfte abgeschafft sind - in
       beiden Fällen kann nichts herauskommen als eine reaktionäre Jere-
       miade, ein  Klagelied über das Hereinbrechen des Unvermeidlichen,
       des geschichtlich Notwendigen. Die Reaktion liegt eben darin, daß
       Mülberger das  individuelle Hauseigentum der Arbeiter wieder her-
       stellen will  - eine Sache, über die die Geschichte längst reinen
       Bord gemacht  hat; daß  er sich  die Befreiung der Arbeiter nicht
       anders denken  kann als  so, daß  jeder wieder  Eigentümer seines
       Hauses wird.
       Weiter:
       
       "Ich sage  aufs ausdrücklichste:  Der eigentliche  Kampf gilt der
       kapitalistischen Produktionsweise,  und nur  aus ihrer Umänderung
       heraus ist eine Besserung der Wohnungsverhältnisse zu hoffen. En-
       gels sieht  von alledem nichts ... ich setze die ganze Lösung der
       sozialen Frage voraus, um zur Ablösung der Mietswohnung schreiten
       zu können."
       
       
       Leider sehe ich von alledem auch heute noch nichts. Ich kann doch
       unmöglich wissen,  was jemand,  dessen  Namen  ich  nicht  einmal
       kannte, im  stillen Kämmerlein  seines Gehirns  voraussetzt.  Ich
       kann mich nur an die gedruckten Artikel Mülbergers halten. Und da
       finde ich auch heute noch, daß Mülberger (Seite 15 und 16 des Se-
       paratabdrucks), um zur Ablösung der Mietwohnung schreiten zu kön-
       nen, nichts  voraussetzt als - die Mietwohnung. Erst auf Seite 17
       faßt er  "die Produktivität des Kapitals bei den Hörnern", worauf
       wir noch  zurückkommen. Und selbst in seiner Antwort bestätigt er
       dies, wenn er sagt:
       
       #279# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
       -----
       "Es galt  vielmehr zu zeigen, wie aus den bestehenden Verhältnis-
       sen heraus  eine vollständige  Umänderung  in  der  Wohnungsfrage
       durchgesetzt werden könne."
       
       Aus den  bestehenden Verhältnissen heraus, und aus der Umänderung
       (soll heißen  Abschaffung) der  kapitalistischen Produktionsweise
       heraus, sind doch wohl ganz entgegengesetzte Dinge.
       Kein Wunder,  daß Mülberger sich beklagt, wenn ich in den philan-
       thropischen Bestrebungen der Herren Dollfus und anderer Fabrikan-
       ten, den  Arbeitern zu  eigenen Häusern  zu verhelfen, die einzig
       mögliche praktische  Verwirklichung seiner proudhonistischen Pro-
       jekte finde.  Wenn er  einsähe, daß  Proudhons Plan  zur  Gesell-
       schaftsrettung eine  sich durchaus auf dem Boden der bürgerlichen
       Gesellschaft bewegende  Phantasie ist,  so würde  er selbstredend
       nicht daran glauben. Seinen guten Willen habe ich ja nie und nir-
       gends bezweifelt.  Warum aber  lobt er  denn Dr. Reschauer dafür,
       daß er  die Dollfusschen  Projekte dem  Wiener Stadtrat zur Nach-
       ahmung vorschlägt?
       Ferner erklärt Mülberger:
       
       "Was speziell  den Gegensatz zwischen Stadt und Land betrifft, so
       gehört es  unter die  Utopien, ihn aufheben zu wollen. Dieser Ge-
       gensatz ist ein natürlicher, richtiger gesagt, ein historisch ge-
       wordener... Es  gilt nicht,  diesen Gegensatz aufzuheben, sondern
       politische und soziale Formen zu finden, in denen er unschädlich,
       ja sogar  fruchtbringend ist. Auf diese Weise ist ein friedlicher
       Ausgleich, ein  allmähliches Gleichgewicht  der Interessen zu er-
       warten."
       
       Also die  Aufhebung des  Gegensatzes von  Stadt und Land ist eine
       Utopie, weil  dieser Gegensatz ein natürlicher, richtiger gesagt,
       ein historisch  gewordener ist. Wenden wir diese Logik auf andere
       Gegensätze der modernen Gesellschaft an, und sehen wir, wohin wir
       dann kommen. Z.B.:
       "Was speziell den Gegensatz zwischen" Kapitalisten und Lohnarbei-
       tern "betrifft,  so gehört  es unter die Utopien, ihn aufheben zu
       wollen. Dieser  Gegensatz ist  ein natürlicher, richtiger gesagt,
       ein historisch gewordener. Es gilt nicht, diesen Gegensatz aufzu-
       heben, sondern  politische und soziale Formen zu finden, in denen
       er unschädlich,  ja sogar fruchtbringend ist. Auf diese Weise ist
       ein friedlicher Ausgleich, ein allmähliches Gleichgewicht der In-
       teressen zu erwarten."
       Womit wir wieder bei Schulze-Delitzsch angekommen sind.
       Die Aufhebung  des Gegensatzes  zwischen Stadt und Land ist nicht
       mehr und  nicht minder  eine Utopie  als die Aufhebung des Gegen-
       satzes zwischen  Kapitalisten und Lohnarbeitern. Sie wird von Tag
       zu Tag  mehr eine  praktische  Forderung  der  industriellen  wie
       ackerbauenden Produktion.
       
       #280# Friedrich Engels
       -----
       Niemand hat  sie lauter  gefordert als Liebig in seinen Schriften
       über die  Chemie des Ackerbaus, worin stets seine erste Forderung
       ist, daß  der Mensch  an den Acker das zurückgebe, was er von ihm
       erhält, und  worin er  beweist, daß  nur die Existenz der Städte,
       namentlich der  großen Städte,  dies verhindert.  Wenn man sieht,
       wie hier in London allein eine größere Menge Dünger als das ganze
       Königreich Sachsen produziert, Tag für Tag unter Aufwendung unge-
       heurer Kosten - in die See geschüttet wird, und welche kolossalen
       Anlagen nötig  werden, um  zu verhindern, daß dieser Dünger nicht
       ganz London  vergiftet, so  erhält die Utopie von der Abschaffung
       des Gegensatzes  zwischen Stadt  und Land eine merkwürdig prakti-
       sche Grundlage.  Und selbst das verhältnismäßig unbedeutende Ber-
       lin erstinkt  seit mindestens  dreißig Jahren  in seinem  eigenen
       Dreck. Andererseits  ist es  eine reine  Utopie,  wenn  man,  wie
       Proudhon, die  jetzige bürgerliche  Gesellschaft umwälzen und den
       Bauer als  solchen erhalten will. Nur eine möglichst gleichmäßige
       Verteilung der  Bevölkerung über  das ganze Land, nur eine innige
       Verbindung der  industriellen mit  der ackerbauenden  Produktion,
       nebst der  dadurch nötig werdenden Ausdehnung der Kommunikations-
       mittel -  die Abschaffung  der kapitalistischen  Produktionsweise
       dabei vorausgesetzt  - ist  imstande, die Landbevölkerung aus der
       Isolierung und  Verdummung herauszureißen,  in der sie seit Jahr-
       tausenden fast  unverändert vegetiert. Nicht das ist eine Utopie,
       zu behaupten,  daß die  Befreiung der Menschen aus den durch ihre
       geschichtliche Vergangenheit geschmiedeten Ketten erst dann voll-
       ständig sein wird, wenn der Gegensatz zwischen Stadt und Land ab-
       geschafft ist;  die Utopie  entsteht erst dann, wenn man sich un-
       terfängt, "aus  den bestehenden  Verhältnissen heraus"  die  Form
       vorzuschreiben, worin dieser oder irgendein anderer Gegensatz der
       bestehenden Gesellschaft  gelöst werden soll. Und das tut Mülber-
       ger, indem  er sich  die Proudhonsche  Formel für  die Lösung der
       Wohnungsfrage aneignet.
       Dann beschwert  sich Mülberger, daß ich ihn für "die ungeheuerli-
       chen Anschauungen  Proudhons über Kapital und Zins" gewissermaßen
       mitverantwortlich mache, und sagt:
       
       "Ich setze  die Änderung  der Produktionsverhältnisse als gegeben
       voraus, und  das den  Zinsfuß regelnde  Übergangsgesetz hat nicht
       die Produktionsverhältnisse,  sondern die  gesellschaftlichen Um-
       setzungen, die Zirkulationsverhältnisse zum Gegenstand... Die Än-
       derung der  Produktionsverhältnisse, oder wie die deutsche Schule
       genauer sagt,  die Abschaffung  der kapitalistischen Produktions-
       weise, ergibt  sich freilich nicht, wie mir Engels andichtet, aus
       einem den  Zins aufhebenden Übergangsgesetz, sondern aus der fak-
       tischen Besitzergreifung  sämtlicher Arbeitsinstrumente,  aus der
       Inbesitznahme der  gesamten Industrie  von Seiten des arbeitenden
       Volks. Ob das arbeitende Volk hierbei
       
       #281# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
       -----
       mehr der Ablösung oder mehr der sofortigen Expropriation huldigen
       (!) wird, hat weder Engels noch ich zu entscheiden."
       
       Ich reibe  mir erstaunt die Augen. Ich lese Mülbergers Abhandlung
       nochmals von  Anfang bis  zu Ende durch, um die Stelle zu finden,
       wo er  erklärt, daß seine Ablösung der Mietwohnung "die faktische
       Besitzergreifung sämtlicher Arbeitsinstrumente, die Inbesitznahme
       der gesamten Industrie von seiten des arbeitenden Volks" als fer-
       tig voraussetze. Ich finde die Stelle nicht. Sie existiert nicht.
       Von "faktischer Besitzergreifung" usw. ist nirgend die Rede. Wohl
       aber heißt es S. 17:
       
       "Wir nehmen nun an, die Produktivität des Kapitals werde wirklich
       bei den Hörnern gefaßt, wie das früher oder später geschehen muß,
       z.B. durch ein Übergangsgesetz, welches den Zins aller Kapitalien
       auf ein  Prozent festsetzt,  wohlgemerkt, mit  der Tendenz,  auch
       diesen Prozentsatz immer mehr dem Nullpunkt zu nähern... Wie alle
       andern Produkte,  ist natürlich auch Haus und Wohnung in den Rah-
       men dieses  Gesetzes gefaßt  ... Wir  sehen also von dieser Seite
       her, daß  sich die Ablösung der Mietwohnung mit Notwendigkeit er-
       gibt als  eine Folge  der Abschaffung der Produktivität des Kapi-
       tals überhaupt."
       
       Hier wird also, ganz im Gegensatz zu Mülbergers neuester Wendung,
       mit dürren Worten gesagt, daß die Produktivität des Kapitals, un-
       ter welcher  konfusen Phrase er eingestandenermaßen die kapitali-
       stische Produktionsweise  versteht, durch das Zinsabschaffungsge-
       setz allerdings  "bei den  Hörnern gefaßt  werde", und daß gerade
       infolge dieses  Gesetzes "die  Ablösung der  Mietwohnung sich mit
       Notwendigkeit ergibt als eine Folge der Abschaffung der Produkti-
       vität des  Kapitals überhaupt". Keineswegs, sagt Mülberger jetzt.
       Jenes Übergangsgesetz  hat  "nicht  die  Produktionsverhältnisse,
       sondern die  Zirkulationsverhältnisse zum  Gegenstand". Es bleibt
       mir in  diesem vollkommenen  Widerspruch, der nach Goethe "gleich
       geheimnisvoll für  Weise wie für Toren" [233], nur übrig anzuneh-
       men, daß  ich es  mit zwei  ganz verschiedenen  Mülbergern zu tun
       habe, von  denen der  eine sich mit Recht beschwert, ich habe ihm
       das "angedichtet", was der andere hat drucken lassen.
       Daß das arbeitende Volk weder mich noch Mülberger fragen wird, ob
       es bei  der faktischen  Besitzergreifung "mehr  der Ablösung oder
       mehr der  sofortigen Expropriation huldigen wird", das ist sicher
       richtig. Es  wird höchstwahrscheinlich vorziehen, überhaupt nicht
       zu "huldigen".  Aber von  faktischer Besitzergreifung  sämtlicher
       Arbeitsinstrumente durch das arbeitende Volk war ja gar nicht die
       Rede, sondern nur von Mülbergers Behauptung (S. 17), daß "der Ge-
       samtinhalt  der   Lösung   der   Wohnungsfrage   in   dem   Wort:
       A b l ö s u n g   gegeben" sei.  Wenn er jetzt diese Ablösung für
       äußerst
       
       #282# Friedrich Engels
       -----
       zweifelhaft erklärt,  wozu dann uns beiden und den Lesern all die
       nutzlose Mühe machen?
       Übrigens muß konstatiert werden, daß die "faktische Besitzergrei-
       fung" sämtlicher  Arbeitsinstrumente, die  Inbesitznahme der  ge-
       samten Industrie von Seiten des arbeitenden Volks, das gerade Ge-
       genteil ist  von der  proudhonistischen "Ablösung". Bei der letz-
       teren wird der einzelne Arbeiter Eigentümer der Wohnung, des Bau-
       ernhofs, des  Arbeitsinstruments; bei  der  ersteren  bleibt  das
       "arbeitende Volk"  Gesamteigentümer der  Häuser, Fabriken und Ar-
       beitsinstrumente, und  wird deren  Nießbrauch, wenigstens während
       einer Übergangszeit,  schwerlich ohne Entschädigung der Kosten an
       einzelne oder  Gesellschaften überlassen. Gerade wie die Abschaf-
       fung des Grundeigentums nicht die Abschaffung der Grundrente ist,
       sondern ihre  Übertragung, wenn  auch in  modifizierter Weise, an
       die Gesellschaft. Die faktische Besitznahme sämtlicher Arbeitsin-
       strumente durch  das arbeitende  Volk schließt also die Beibehal-
       tung des Mietverhältnisses keineswegs aus.
       Überhaupt handelt es sich nicht um die Frage, ob das Proletariat,
       wenn es  zur Macht gelangt, die Produktionsinstrumente, Rohstoffe
       und Lebensmittel  einfach gewaltsam in Besitz nimmt, ob es sofort
       Entschädigung dafür  zahlt oder das Eigentum daran durch langsame
       Ratenzahlungen ablöst.  Eine solche  Frage im voraus und für alle
       Fälle beantworten  zu wollen,  hieße Utopien fabrizieren, und das
       überlasse ich andern.
       
       IV
       
       Soviel Schreiberei  war nötig,  um durch  die  mannigfachen  Aus-
       flüchte und  Windungen Mülbergers  hindurch endlich auf die Sache
       selbst zu  kommen, die  Mülberger in seiner Antwort sorgfältig zu
       berühren vermeidet.
       Was hatte Mülberger in seiner Abhandlung Positives gesagt?
       Erstens, "der Unterschied zwischen dem ursprünglichen Kostenpreis
       eines Hauses,  Bauplatzes usw.  und seinem  heutigen Wert" gehöre
       von Rechts  wegen der  Gesellschaft. Dieser  Unterschied heißt in
       ökonomischer Sprache  Grundrente. Diese  will Proudhon  ebenfalls
       der Gesellschaft  zueignen, wie man in "Idee générale de la Révo-
       lution", Ausgabe 1868, S. 219, lesen kann.
       Zweitens, die  Lösung der Wohnungsfrage bestehe darin, daß jeder,
       statt Mieter, Eigentümer seiner Wohnung wird.
       Drittens, diese Lösung vollzieht sich, indem man die Mietezahlun-
       gen durch ein Gesetz in Abzahlungen auf den Kaufpreis der Wohnung
       verwandelt. -  Diese Punkte  2 und 3 sind beide aus Proudhon ent-
       lehnt, wie jedermann
       
       #283# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
       -----
       in "Idee générale de la Révolution", S. 199 und folgende, ersehen
       kann, und wo sich sogar S. 203 der betreffende Gesetzentwurf fer-
       tig redigiert vorfindet.
       Viertens, daß  die Produktivität des Kapitals bei den Hörnern ge-
       faßt wird  durch ein Übergangsgesetz, wodurch der Zinsfuß vorläu-
       fig auf  1 Prozent, vorbehaltlich späterer weiterer Erniedrigung,
       herabgesetzt wird.  Dies ist ebenfalls aus Proudhon entlehnt, wie
       in "Idee générale", S. 182-186, ausführlich zu lesen.
       Ich habe bei jedem dieser Punkte die Stelle bei Proudhon zitiert,
       worin sich  das Original  der Mülbergerschen  Kopie  findet,  und
       frage nun,  ob ich  berechtigt war,  den Verfasser eines durchaus
       proudhonistischen und  nichts als  proudhonistische  Anschauungen
       enthaltenden Artikels  einen Proudhonisten  zu nennen oder nicht?
       Und doch  beschwert sich  Mülberger über nichts bitterer, als daß
       ich ihn  so nenne,  weil ich "auf einige Wendungen stieß, wie sie
       Proudhon eigentümlich  sind"! Im Gegenteil. Die "Wendungen" gehö-
       ren alle Mülberger, der Inhalt gehört Proudhon. Und wenn ich dann
       die proudhonistische  Abhandlung aus  Proudhon ergänze,  so klagt
       Mülberger, ich  schiebe ihm  die  "ungeheuerlichen  Anschauungen"
       Proudhons unter!
       Was habe ich nun auf diesen proudhonistischen Plan entgegnet?
       Erstens, daß Übertragung der Grundrente an den Staat gleichbedeu-
       tend ist mit Abschaffung des individuellen Grundeigentums.
       Zweitens, daß  die Ablösung  der Mietwohnung  und die Übertragung
       des Eigentums  der Wohnung an den bisherigen Mieter die kapitali-
       stische Produktionsweise gar nicht berührt.
       Drittens, daß  dieser Vorschlag  bei der jetzigen Entwicklung der
       großen Industrie  und der Städte ebenso abgeschmackt wie reaktio-
       när ist, und daß die Wiedereinführung des individuellen Eigentums
       jedes einzelnen an seiner Wohnung ein Rückschritt wäre.
       Viertens, daß die zwangsmäßige Herabsetzung des Kapitalzinses die
       kapitalistische Produktionsweise  1*) keineswegs angreift, im Ge-
       genteil, wie  die Wuchergesetze beweisen, ebenso uralt wie unmög-
       lich ist.
       Fünftens, daß  mit Abschaffung des Kapitalzinses das Mietgeld für
       Häuser keineswegs abgeschafft ist.
       Punkt 2  und 4  hat Mülberger  jetzt zugegeben.  Auf  die  andern
       Punkte erwidert  er kein  Wort. Und  doch  sind  dies  grade  die
       Punkte, um  die es  sich in  der Debatte handelt. Aber Mülbergers
       Antwort ist  keine Widerlegung; sie umgeht sorgfältig alle ökono-
       mischen Punkte, welche doch die entscheidenden
       -----
       1*) Im "Volksstaat": Produktion
       
       #284# Friedrich Engels
       -----
       sind; sie  ist eine persönliche Beschwerdeschrift, weiter nichts.
       So beklagt  er sich,  wenn ich  seine angekündigte  Lösung andrer
       Fragen, z.B.  Staatsschulden, Privatschulden, Kredit, vorwegnehme
       und sage : die Lösung sei überall die, daß, wie bei der Wohnungs-
       frage, der Zins abgeschafft, die Zinszahlungen in Abzahlungen auf
       den Kapitalbetrag  verwandelt und  der Kredit  kostenfrei gemacht
       wird. Trotzdem möchte ich noch heute wetten, daß, wenn diese Mül-
       bergerschen Artikel  das Licht  der Welt erblicken, ihr wesentli-
       cher Inhalt mit Proudhons "Idee générale": Kredit S. 182, Staats-
       schulden S.  186, Privatschulden S. 196, ebenso stimmen wird, wie
       diejenige über  die Wohnungsfrage  mit den zitierten Stellen des-
       selben Buchs.
       Bei dieser  Gelegenheit belehrt mich Mülberger, daß diese Fragen,
       wie Steuern,  Staatsschulden, Privatschulden,  Kredit, wozu jetzt
       noch die  Autonomie der Gemeinde kommt, für den Bauer und für die
       Propaganda auf  dem Lande  von  der  höchsten  Wichtigkeit  sind.
       Großenteils einverstanden;  aber 1. war von den Bauern bisher gar
       nicht die  Rede, und  2. sind  die Proudhonschen "Lösungen" aller
       dieser Fragen ebenso ökonomisch widersinnig und ebenso wesentlich
       bürgerlich, wie  seine Lösung der Wohnungsfrage. Gegen die Andeu-
       tung Mülbergers,  als verkennte ich die Notwendigkeit, die Bauern
       in die  Bewegung zu ziehn, brauche ich mich nicht zu verteidigen.
       Aber das  halte ich  allerdings für  Torheit, zu diesem Zweck den
       Bauern  die   Proudhonsche   Wunderdoktorei   anzuempfehlen.   In
       Deutschland besteht noch sehr viel großes Grundeigentum. Nach der
       Proudhonschen Theorie  müßte dies alles in kleine Bauernhöfe zer-
       teilt werden,  was beim  heutigen Stand  der Ackerbauwissenschaft
       und nach den in Frankreich und Westdeutschland mit dem Parzellen-
       Grundeigentum gemachten Erfahrungen geradezu reaktionär wäre. Das
       noch bestehnde  große Grundeigentum  wird uns vielmehr eine will-
       kommne Handhabe  bieten, den  Ackerbau im großen, der allein alle
       modernen Hilfsmittel, Maschinen usw. anwenden kann, durch assozi-
       ierte Arbeiter  betreiben zu  lassen und  dadurch den Kleinbauern
       die Vorteile  des Großbetriebs vermittelst der Assoziation augen-
       scheinlich zu machen. Die dänischen Sozialisten, in dieser Bezie-
       hung allen andern voraus, haben dies längst eingesehn. [234]
       Ebensowenig habe  ich nötig, mich dagegen zu verteidigen, als er-
       schienen mir  die heutigen  infamen Wohnungszustände der Arbeiter
       "als unbedeutende Kleinigkeit". Ich bin, soviel ich weiß, der er-
       ste gewesen,  der in  deutscher Sprache  diese Zustände  in ihrer
       klassisch entwickelten Form, wie sie in England bestehn, geschil-
       dert hat:  nicht, wie Mülberger meint, weil sie "meinem Rechtsge-
       fühl ins Gesicht schlagen" - wer alle Tatsachen, die seinem
       
       #285# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
       -----
       Rechtsgefühl ins  Gesicht schlagen,  in Bücher verwandeln wollte,
       der hätte  viel zu tun - sondern, wie in der Vorrede meines Buchs
       1*) zu lesen, um dem damals entstehnden, in hohlen Phrasen herum-
       fahrenden deutschen  Sozialismus eine  tatsächliche Unterlage  zu
       geben durch  Beschreibung der  von der  modernen großen Industrie
       geschaffnen Gesellschaftszustände.  Aber die sogenannte Wohnungs-
       frage lösen  zu wollen, das fällt mir allerdings nicht ein, eben-
       sowenig wie  ich mich  mit den  Details der Lösung der noch wich-
       tigeren Eßfrage  befasse. Ich  bin zufrieden, wenn ich nachweisen
       kann, daß die Produktion unsrer modernen Gesellschaft hinreichend
       ist, um  allen Gesellschaftsgliedern  genug zu essen zu verschaf-
       fen, und daß Häuser genug vorhanden sind, um den arbeitenden Mas-
       sen vorläufig  ein geräumiges und gesundes Unterkommen zu bieten.
       Wie eine  zukünftige Gesellschaft  die Verteilung  des Essens und
       der Wohnungen  regeln wird,  darüber zu spekulieren, führt direkt
       in die  Utopie. Wir  können höchstens  aus der  Einsicht  in  die
       Grundbedingungen  der   sämtlichen  bisherigen  Produktionsweisen
       feststellen, daß mit dem Fall der kapitalistischen Produktion ge-
       wisse Aneignungsformen der bisherigen Gesellschaft unmöglich wer-
       den. Selbst  die Übergangsmaßregeln  werden sich überall nach den
       augenblicklich bestehnden  Verhältnissen  zu  richten  haben,  in
       Ländern kleinen  Grundeigentums wesentlich andre sein als in Län-
       dern großen  Grundbesitzes usw.  Wohin man  kommt, wenn  man  für
       diese sogenannten  praktischen Fragen,  wie  Wohnungsfrage  usw.,
       Einzellösungen sucht,  beweist uns  niemand besser  als Mülberger
       selbst, der  erst auf  28 Seiten [230] auseinandersetzt, wie "der
       Gesamtinhalt der  Lösung der  Wohnungsfrage in dem Wort: Ablösung
       gegeben sei", um dann, sowie man ihm auf den Leib rückt, verlegen
       zu stammeln,  es sei  in der Tat sehr fraglich, ob bei der fakti-
       schen Besitzergreifung  der Häuser  "das arbeitende Volk mehr der
       Ablösung huldigen  werde" oder irgendeiner andern Form der Expro-
       priation.
       Mülberger verlangt,  wir sollen praktisch werden, wir sollen "den
       wirklichen praktischen  Verhältnissen gegenüber"  nicht "nur tote
       abstrakte Formeln  ins Feld führen", wir sollen "aus dem abstrak-
       ten Sozialismus  heraus und  an die bestimmten konkreten Verhält-
       nisse der  Gesellschaft herantreten". Hätte Mülberger dies getan,
       so hätte  er sich vielleicht große Verdienste um die Bewegung er-
       worben. Der erste Schritt beim Herantreten an die bestimmten kon-
       kreten Verhältnisse der Gesellschaft besteht doch wohl darin, daß
       man sie  kennenlernt, daß  man sie nach ihrem bestehnden ökonomi-
       schen
       -----
       1*) Vorwort zu  "Die Lage  der arbeitenden  Klasse  in  England",
       siehe Band 2 unserer Ausgabe, S. 232-234
       
       #286# Friedrich Engels
       -----
       Zusammenhang untersucht.  Und was  finden wir  da bei  Mülberger?
       Zwei ganze Sätze, und zwar:
       
       1. "Was der  Lohnarbeiter gegenüber dem Kapitalisten, das ist der
       Mieter gegenüber dem Hausbesitzer."
       
       Ich habe  S. 6   1*)  des Separatabdrucks [231] nachgewiesen, daß
       dies total  falsch ist, und Mülberger hat kein Wort darauf zu er-
       widern.
       
       2. "Der Stier  aber, der"  (bei der  sozialen  Reform)  "bei  den
       Hörnern gefaßt  werden muß,  ist die  Produktivität des Kapitals,
       wie es  die liberale  Schule der  Nationalökonomie nennt,  die in
       Wahrheit nicht  existiert, die aber in ihrer scheinbaren Existenz
       zum Deckmantel  aller Ungleichheit dient, welche auf der heutigen
       Gesellschaft lastet."
       
       Der Stier,  der bei den Hörnern gefaßt werden muß, existiert also
       "in Wahrheit  nicht", hat  also auch  keine  "Hörner".  Nicht  er
       selbst, sondern  seine scheinbare Existenz ist vom Übel. Trotzdem
       ist die "sogenannte Produktivität" (des Kapitals) "imstande, Häu-
       ser und  Städte aus  dem Boden zu zaubern", deren Existenz alles,
       nur nicht  "scheinbar" ist.  (S. 12.)  Und ein  Mann, der, obwohl
       Marx' "Kapital"  "auch ihm  wohlbekannt" ist,  in dieser  hülflos
       verworrenen Weise  über das  Verhältnis von  Kapital  und  Arbeit
       radebrecht, unternimmt  es, den  deutschen Arbeitern  einen neuen
       und bessern  Weg weisen  zu wollen,  und gibt  sich aus  für  den
       "Baumeister", der  "sich über das architektonische Gefüge der zu-
       künftigen Gesellschaft wenigstens im ganzen und großen klar" ist?
       Niemand ist  näher "an  die bestimmten konkreten Verhältnisse der
       Gesellschaft herangetreten"  als Marx  im "Kapital".  Er hat fün-
       fundzwanzig Jahre  darauf verwandt,  sie nach allen Seiten hin zu
       untersuchen, und  die Resultate  seiner Kritik  enthalten überall
       ebenfalls die Keime der sogenannten Lösungen, soweit solche über-
       haupt heutzutage  möglich sind.  Das aber genügt Freund Mülberger
       nicht. Das  ist alles abstrakter Sozialismus, tote abstrakte For-
       meln. Statt  die "bestimmten  konkreten Verhältnisse  der Gesell-
       schaft" zu  studieren, begnügt sich Freund Mülberger mit der Lek-
       türe einiger  Bände Proudhon, die ihm zwar so gut wie nichts über
       die bestimmten  konkreten Verhältnisse  der Gesellschaft  bieten,
       dagegen aber sehr bestimmte konkrete Wunderkuren für alle gesell-
       schaftlichen Übel,  und bringt diesen fertigen sozialen Rettungs-
       plan, dies  Proudhonsche System, vor die deutschen Arbeiter unter
       dem Vorwand,  er wolle  "den Systemen  Adieu sagen",  während ich
       "den umgekehrten Weg wähle!" Um dies zu begreifen, muß ich anneh-
       men, daß  ich blind bin und Mülberger taub, so daß eine jede Ver-
       ständigung zwischen uns rein unmöglich ist.
       -----
       1*) Siehe vorl. Band. S. 215/216
       
       #287# Zur Wohnungsfrage - Dritter Abschnitt
       -----
       Genug. Wenn  diese Polemik zu weiter nichts dient, so hat sie je-
       denfalls das  Gute, den Beweis geliefert zu haben, was es mit der
       Praxis dieser  sich so  nennenden "praktischen"  Sozialisten  auf
       sich hat.  Diese praktischen Vorschläge zur Beseitigung aller so-
       zialen Übel,  diese gesellschaftlichen Allerweltsheilmittel, sind
       stets und überall das Fabrikat von Sektenstiftern gewesen, die zu
       einer Zeit auftraten, wo die proletarische Bewegung noch in ihrer
       Kindheit lag.  Auch Proudhon gehört zu ihnen. Die Entwicklung des
       Proletariats wirft  diese Kinderwindeln bald beiseite und erzeugt
       in der  Arbeiterklasse selbst  die Einsicht, daß nichts unprakti-
       scher ist,  als diese  vorher ausgeklügelten,  auf alle Fälle an-
       wendbaren "praktischen  Lösungen", und  daß der praktische Sozia-
       lismus vielmehr  in einer  richtigen Erkenntnis  der kapitalisti-
       schen Produktionsweise  nach ihren  verschiednen Seiten  hin  be-
       steht. Eine Arbeiterklasse, die hierin Bescheid weiß, wird im ge-
       gebnen Falle  nie in Verlegenheit sein, gegen welche sozialen In-
       stitutionen und  in welcher Weise sie ihre Hauptangriffe zu rich-
       ten hat.
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