Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Friedrich Engels
Die "Krisis" in Preußen
["Der Volksstaat" Nr. 5 vom 15. Januar 1873]
In der Tat, die "große Nation" Frankreich ist durch die "große
Nation" Deutschland mit Recht verdrängt worden. In Versailles
entsteht eine politische Krisis, weil die französischen Krautjun-
ker sich verschwören, die Monarchie an die Stelle der bestehenden
Republik zu setzen; in Berlin bricht gleichzeitig eine Krisis
aus, weil die preußischen Krautjunker die ihnen, achtzig Jahre
nach der Französischen Revolution, noch immer zustehende altfeu-
dale gutsherrliche Polizei nicht opfern wollen. Kann man noch
einen Augenblick zweifeln an der Überlegenheit der deutschen
"Kultur" über die französische Zivilisation? Die Franzosen zanken
sich, mit gewohnter Oberflächlichkeit, über bloße Formen wie Re-
publik und Monarchie. Die gründlichen Preußen gehn der Sache auf
den Grund, indem sie endlich, endlich, 1872, die letzten in Eu-
ropa außer Mecklenburg und Rußland, die Grundlage der Gesell-
schaft, das Sitzfleisch der Bauern, vor gutsherrlichen Stockprü-
geln in Sicherheit bringen - oder auch nicht!
Nichts ist bezeichnender für die erbärmliche Haltung der preußi-
schen Bourgeoisie als diese ganze Kreisordnungsposse [232]. 1848
hatte Preußen seine Revolution; die Bourgeoisie hatte die Macht
in der Hand; die Vereidigung des Heeres auf die Verfassung -
gleichviel welche - hätte hingereicht, sie ihr zu erhalten. Der
Schrecken bei den Feudalen und Bürokraten war so groß, daß damals
die Abschaffung der noch bestehenden Reste des Feudalismus
selbstredend schien. In der Tat enthielten die ersten Ver-
fassungsentwürfe von 1848 und selbst 1849, wenn auch in gewohnter
miserabler Form, doch alles Wesentliche in dieser Richtung. Der
allergeringste Widerstand der Bourgeoisie hätte hingereicht, die
Wiederkehr der Feudalrechte
#291# Die "Krisis" in Preußen
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unmöglich zu machen; außer den paar Krautjunkern lag ja niemand
etwas daran als dem Romantiker Friedrich Wilhelm IV. Aber kaum
hatte die europäische Reaktion gesiegt, da kroch die preußische
Bourgeoisie zu den Füßen Manteuffels und erwiderte jeden seiner
Peitschenhiebe mit dankerfülltem Schweifwedeln. Nicht nur, daß
sie den ostelbischen Junkern Gutspolizei und allerhand andern
feudalen Plunder zurückgab; sie züchtigte sich selbst für ihren
sündhaften Liberalismus, indem sie sogar die 1808 hergestellte
Gewerbefreiheit eigenhändig vernichtete und mitten im neunzehnten
Jahrhundert die Zünfte wiederherstellte. [236]
Die Bourgeoisie ist, im besten Falle, eine unheroische Klasse.
Selbst ihre glänzendsten Errungenschaften, die englischen des 17.
und die französischen des 18.Jahrhunderts, hat nicht sie sich er-
kämpft, sondern die plebejische Volksmasse für sie, die Arbeiter
und Bauern. Auch in Frankreich hat die Bourgeoisie aus den
Schrecken der Junitage 1848 sich gerettet, indem sie sich einem
Komödianten zu Füßen warf; auch in England trat nach 1848 eine
lange Periode der Reaktion ein; aber in beiden Ländern stützte
sich diese Reaktion auf den Vorwand, die Grundlagen der bürgerli-
chen Gesellschaft vor den Angriffen des Proletariats zu schützen.
In Preußen war das Resultat der Revolution, dem Romantiker Fried-
rich Wilhelm IV. endlich die Erfüllung seiner mittelalterlichen
Herzenswünsche zu erlauben, indem die siegreiche Reaktion eine
Menge antiromantischer Institutionen wegschwemmte, die von Fried-
rich II. an bis Stein und Hardenberg sich in den preußischen
Staat eingeschmuggelt hatten. Unter dem Vorwande, die bürgerliche
Gesellschaft vor dem Proletariat zu schützen, wurde sie wieder
unter die Herrschaft des Feudalismus gestellt. Keine Bourgeoisie
der Welt kann sich einer solchen Schmachperiode rühmen wie die
von der preußischen unter Manteuffel durchgemachte. In welchem
andern Lande wäre es möglich gewesen, einen Hinckeldey als Vor-
kämpfer und Märtyrer der Freiheit zu feiern? [237]
Endlich kommt, infolge sich durchkreuzender Palastintrigen, die
Neue Ära [238]. Ein altliberales Ministerium fällt der Bour-
geoisie unverhofft in den Schoß. Und sie, die keinen Finger ge-
rührt hatte, um es ins Leben zu rufen, sie, die feigste aller
Bourgeoisien, bildet sich plötzlich ein, sie sei am Staatsruder,
der alte preußische Militär- und Polizeistaat sei verschwunden,
sie könne Minister ein- und absetzen und dem Hof ihren Willen
auftrotzen. Hatte die Manteuffelsche Periode ihre Feigheit bewie-
sen, so deckte die Neue Ära ihre politische Unfähigkeit auf.
Der Preis, um den das altliberale Ministerium zugelassen wurde,
war die Durchführung der Armee-Reorganisation. Der italienische
Krieg [239] gab
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den erwünschten Anlaß, sie vom Landtage zu verlangen. Einerseits
hatte die Mobilmachung von 1859 bewiesen, daß die alte Armee-Or-
ganisation sich total überlebt hatte. Andererseits bewies die
Gleichgültigkeit, mit der in Frankreich die Annexation von Sa-
voyen und Nizza hingenommen worden, daß der französische Chauvi-
nismus nur durch Aussicht auf Eroberungen am Rhein wirksam in Be-
wegung zu setzen sei, d.h. durch einen Krieg gegen Preußen. Es
stand also fest, sobald Louis Bonapartes Kaisertum wieder, durch
innere Ereignisse in Frankreich, in Gefahr kam, diese Gefahr nur
abzuleiten sei durch einen Krieg gegen Preußen, der, ohne Allian-
zen, nur die Niederlage der alten preußischen Armee zur Folge ha-
ben konnte. Andererseits hatte Preußen, obwohl selbst wesentlich
Militärstaat, die Notwendigkeit der modernen großen Armeen nicht
geschaffen. Dazu war es zu schwach. Aber es konnte sich der all-
gemeinen kontinentalen Notwendigkeit um so weniger entziehen, als
seine zweideutige "Politik der freien Hand" ihm alle verläßlichen
Allianzen abgeschnitten hatte. Und endlich, mochte die Armee-Re-
organisation sein wie sie wollte, die preußische Bourgeoisie
mußte wissen, daß sie sie nicht verhindern konnte. Ihr einzig
richtiger Operationsplan konnte also nur darin bestehen, gegen
Bewilligung der unvermeidlichen Reorganisation sich soviel poli-
tische Konzessionen wie nur möglich zu erschachern. Aber der
preußischen Bourgeoisie, noch braun und blau wie sie war von den
Fußtritten des Manteuffelschen Regiments, war über Nacht der Kamm
geschwollen. Sie kam sich plötzlich vor als die entscheidende
Macht im Staat; sie verwarf die Armee-Reorganisation. Damit war
der Traum wieder zu Ende. Bismarck kam, sie zu belehren, daß ihre
papierne Verfassung und ihre Kammerabstimmungen einfach leeres
Stroh seien, daß in Preußen der König regiere und daß die Kammern
nur zum Jasagen da seien. Die Armee-Reorganisation wurde trotz
der Verfassung durchgeführt und die Abgeordneten wieder à la Man-
teuffel behandelt. Nach einem kurzen Scheinwiderstand, den sie
selbst eher müde wurde als ihr Gegner Bismarck, fand die Bour-
geoisie im dänischen Krieg [240] den ersten Vorwand zu schamhaf-
ten Versöhnungsversuchen; und nach Sadowa [241] genierte sie sich
durchaus nicht mehr und sank begeistert zu Füßen Bismarcks nieder
und figurierte jetzt nur noch in seinem Gefolge; nach dem franzö-
sischen Krieg [242]1 kannte ihre Begeisterung keine Grenzen mehr,
von da an gehörte sie Bismarck mit Leib und Seele, sie war in ihm
förmlich ausgelöscht.
Aber es gibt ein Ding in der Welt, das Hegel entdeckt und "die
Ironie der Geschichte" genannt hat. Diese Ironie der Geschichte
hat mit größeren Leuten als Bismarck ihr Spiel getrieben, und
auch der preußische Staat und
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Bismarck sind ihr verfallen. Von dem Augenblick an, wo die lang-
ersehnten Ziele der preußischen Politik eins nach dem andern er-
reicht wurden, von dem Augenblick an begannen die Grundlagen des
preußischen- Staates zu wackeln. Das alte Preußen beruht wesent-
lich auf dem Junkertum, aus dem Offiziere und Bürokratie sich
hauptsächlich ergänzen. Das Junkertum existiert in voller Blüte
nur in den sechs östlichen Provinzen und bedarf, bei dem meist
beschränkten Grundbesitz der Junker, eines gewissen Maßes feuda-
ler Vorrechte zu seiner Existenz; ohne diese würden die meisten
Junker bald zu einfachen Gutsbesitzern herabsinken. Solange ihm
nur zwei westliche Provinzen gegenüberstanden, lief das Junkertum
keine Gefahr. Aber schon die Annexationen von 1866 [243] ver-
stärkten das bürgerliche und bäuerliche Element im Staate in ge-
waltigem Maß. Es war nicht bloß legitimistische Flause, es war
weit mehr das richtige Bewußtsein der eigenen gefährdeten Stel-
lung, das den Widerstand der Partei Stahl-Gerlach [244] gegen
diese Annexionen hervorrief. Die Einfügung der Kleinstaaten in
den Norddeutschen Bund [245], die Übertragung der entscheidenden
Staatsfunktionen an diesen Bund, die damit verbundene Mediatisie-
rung des preußischen Herrenhauses, der endliche Anschluß der Süd-
staaten - alles das waren ebensoviel harte Schläge für das Jun-
kertum, das im Reich nur noch eine verschwindende Minorität bil-
dete. Damit nicht genug. Jede Regierung, auch die despotischste,
ist gezwungen, mit Rücksicht auf die bestehenden Verhältnisse zu
regieren, sonst bricht sie sich selbst den Hals. Preußen konnte
Kleindeutschland sich unterwerfen, aber es konnte nicht sein
Junkertum fünfundzwanzig Millionen westelbischen Deutschen auf-
zwingen. Im Gegenteil: Das Junkertum, für das alte Preußen ein
Bedürfnis, wurde für das "Reich" ein Hemmschuh. Wie Bismarck
genötigt gewesen war, die Gewerbefreiheit, die Freizügigkeit zwi-
schen den Einzelstaaten und andere bürgerliche Reformen - frei-
lich in bürokratisch verstümmelter Form - gegen seine frühern An-
sichten durchzuführen, so verurteilte ihn die Ironie der Ge-
schichte endlich dazu, ihn, den Junker par excellence, die Axt
ans Junkertum zu legen durch die Kreisordnung.
Diese Kreisordnung ist eins der jammervollsten Gesetze, die je
gemacht worden. Ihr Inhalt läßt sich in zwei Worten zusammenfas-
sen. Sie nimmt dem einzelnen Junker die ihm kraft feudalen Vor-
rechtes zustehende Macht, um sie, unter dem Schein der Selbstver-
waltung der Kreise, der Junkerklasse wiederzugeben. Nach wie vor
wird der größere und große Grundbesitz in den Ackerbaudistrikten
der östlichen Provinzen herrschen; er erhält sogar neuen Machtzu-
wachs durch Zureihung von Befugnissen, die bisher dem Staat zuka-
men. Aber der einzelne Junker verliert die Ausnahmsstellung,
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die er als Feudalherr hatte. Er sinkt herab zum einfachen moder-
nen Gutsbesitzer - und damit hört er auf, Junker zu sein. Damit
ist aber auch die Grundlage des alten Preußens untergraben, und
daher hatte das Herrenhaus von seinem Standpunkt ganz recht mit
seinem Widerstand gegen die Kreisordnung. Mit der Kreisordnung
kein Junkertum, und ohne Junkertum kein spezifisches Preußen
mehr.
Die preußische Bourgeoisie blieb sich in dieser Angelegenheit ih-
rer würdig. Erst hieß es, die Kreisordnung sei nur eine Ab-
schlagszahlung auf die Selbstverwaltung, man müsse sie nehmen,
weil man zur Zeit nichts Besseres erreichen könne, sie sei ein
Kompromiß mit der Regierung, aber man dürfe sich nun auch keinen
Zollbreit mehr abhandeln lassen. Das Herrenhaus verwirft die
Kreisordnung. Die Regierung, obwohl schon durch den Kompromiß ge-
genüber dem Abgeordnetenhause gebunden, verlangt von diesem neue
Zugeständnisse. Das Haus ist mutig genug, sie ohne weiteres zu
bewilligen; dafür wird den Bourgeois ein Pairsschub [246] ver-
sprochen und eine Reform des Herrenhauses in Aussicht gestellt.
Der Pairsschub erfolgt - fünfundzwanzig Generale und Bürokraten -
, das Herrenhaus nimmt an. Der Kompromiß ist gerettet, aber - die
Reform des Herrenhauses ist beseitigt. Man tröstet sich eben da-
mit, daß die Kreisordnung doch ein ganz gewaltiger Fortschritt
sei - da kommt die Nachricht von der Ministerkrisis. Roon, Sel-
chow, Itzenplitz wollen abdanken - Sieg der Liberalen auf der
ganzen Linie - Unvermeidlichkeit eines liberalen? - nein, das
grade nicht, eines - einheitlichen Ministeriums! Unsere Bourgeois
sind so genügsam! Sie begnügen sich sogar mit noch weniger. Bis-
marck gibt die Ministerpräsidentschaft ab, Roon, der Gegner der
Kreisordnung, tritt an seine Stelle, noch ein anderer General
tritt ins Ministerium, Selchow und Itzenplitz bleiben, das ein-
heitliche Ministerium ist weniger einheitlich als je, die feuda-
len Elemente darin sind verstärkt, und der Bourgeois trinkt sei-
nen Schoppen ruhig weiter im stolzen Bewußtsein, daß Bismarck
schließlich doch die Seele des Ganzen ist.
Dies Exempel zeichnet genau die Stellung der preußischen Bour-
geoisie. Sie rechnet es sich zum Verdienst an, daß Bismarck durch
die geschichtliche Lage, in die er Preußen versetzt hat, und
durch den industriellen Fortschritt der letzten zwanzig Jahre ge-
zwungen wird, das zu tun, was sie selbst 1848 bis 1850 zu feig
war durchzusetzen. Sie hat nicht einmal den Mut, ihren Bismarck
zu zwingen, diese kleinen Reformen einfach, offen bürgerlich,
ohne polizeistaatliche Verhunzung durchzuführen; sie jubelt laut
auf, daß Bismarck genötigt ist, ihre eignen Forderungen von 1846
[247] zu - kastrieren. Und zwar, wohlgemerkt, nur ihre ökonomi-
schen Forderungen - Dinge,
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deren Durchführung tausend Bismarcks nicht verhindern könnten,
selbst wenn sie wollten. Von politischen Forderungen, von Über-
tragung der politischen Macht an die Bourgeoisie, ja davon ist
höchstens noch anstandshalber die Rede. Die preußische Bour-
geoisie will die politische Herrschaft nicht; faul vor der Reife,
wie das offizielle Rußland schon zu Voltaires Zeit, ist sie, ohne
je geherrscht zu haben, bereits auf derselben Stufe der Entartung
angekommen, die die französische Bourgeoisie nach achtzigjährigen
Kämpfen und nach langer Herrschaft erreicht hat. Panem et circen-
ses, Brot und Schaustücke, verlangte das verkommene römische Ple-
bejertum von seinen Kaisern; panem et circenses, Schwindelprofit
und brutalen Luxus, verlangt nicht das preußische Volk, sondern
die preußische Bourgeoisie von den seinigen. Die römischen Plebe-
jer mitsamt ihren Kaisern wurden weggeschwemmt von den germani-
schen Barbaren; hinter den preußischen Bourgeois erheben sich
drohend die deutschen Arbeiter.
Geschrieben Anfang Januar 1873.
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