Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Friedrich Engels
Von der Autorität [252]
Einige Sozialisten haben in letzter Zeit einen regelrechten
Kreuzzug gegen das eröffnet, was sie das Autoritätsprinzip nen-
nen. Sie brauchen nur zu sagen, dieser oder jener Akt sei autori-
tär, um ihn zu verurteilen. Mit diesem summarischen Verfahren
wird derart Mißbrauch getrieben, daß es nötig ist, die Angelegen-
heit ein wenig aus der Nähe zu betrachten. Autorität will in dem
Sinn des Wortes, um den es sich hier handelt, soviel besagen wie:
Überordnung eines fremden Willens über den unseren; Autorität
setzt auf der anderen Seite Unterordnung voraus. Da nun diese
zwei Worte einen üblen Klang haben und das Verhältnis, das sie
zum Ausdruck bringen, für den untergeordneten Teil unangenehm
ist, handelt es sich um die Frage, ob es nicht ein Mittel gibt,
anders auszukommen; ob wir nicht - unter den gegenwärtigen
gesellschaftlichen Verhältnissen - einen anderen sozialen Zustand
ins Leben rufen können, in dem diese Autorität keinen Sinn mehr
hat und folglich verschwinden muß. Wenn wir die ökonomischen -
industriellen und landwirtschaftlichen - Verhältnisse unter-
suchen, die die Grundlage der gegenwärtigen bürgerlichen Gesell-
schaft bilden, so finden wir, daß sie die Tendenz haben, die
isolierte Tätigkeit mehr und mehr durch die kombinierte Tätigkeit
der Individuen zu ersetzen. An die Stelle der kleinen Werkstätten
isolierter Produzenten ist die moderne Industrie getreten, mit
großen Fabriken und Werkstätten, in denen Hunderte von Arbeitern
komplizierte, mit Dampf angetriebene Maschinen überwachen; die
Fuhrwerke und Karren der großen Landstraßen sind abgelöst worden
durch die Züge der Eisenbahn, wie die kleinen Ruderboote und Se-
gelfeluken durch die Dampfboote. Maschinen und Dampf bringen
selbst die Landwirtschaft nach und nach unter ihre Herrschaft,
indem sie langsam aber sicher an die Stelle kleiner Eigentümer
große Kapitalisten setzen, die mit Hilfe von Lohnarbeitern große
Landflächen bebauen. Überall tritt die kombinierte Tätigkeit, die
Komplizierung voneinander
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abhängender Prozesse, an die Stelle der unabhängigen Tätigkeit
der Individuen. Wer aber kombinierte Tätigkeit sagt, sagt Organi-
sation; ist nun Organisation ohne Autorität möglich?
Nehmen wir einmal an, eine soziale Revolution habe die Kapitali-
sten entthront, deren Autorität heutzutage die Produktion und die
Zirkulation der Reichtümer lenkt. Nehmen wir, um uns ganz auf den
Standpunkt der Antiautoritarier zu stellen, weiter an, der Grund
und Boden und die Arbeitsinstrumente seien zum kollektiven Eigen-
tum der Arbeiter geworden, die sich ihrer bedienen. Wird die Au-
torität dann verschwunden sein oder wird sie nur die Form gewech-
selt haben? Sehen wir zu.
Nehmen wir als Beispiel eine Baumwollspinnerei. Die Baumwolle muß
mindestens sechs aufeinanderfolgende Operationen durchlaufen, be-
vor sie die Gestalt des Fadens annimmt, Operationen, die - zum
größten Teil - in verschiedenen Sälen vor sich gehen. Außerdem
braucht man, um die Maschinen in Gang zu halten, einen Ingenieur,
der die Dampfmaschine überwacht, Mechaniker für die laufenden Re-
paraturen und viele ungelernte Arbeiter, die die Produkte von ei-
nem Saal in den anderen zu schaffen haben etc. Alle diese Arbei-
ter, Männer, Frauen und Kinder, sind gezwungen, ihre Arbeit zu
einer Stunde zu beginnen und zu beenden, die von der Autorität
des Dampfs festgesetzt ist, der sich keinen Deut um die indivi-
duelle Autonomie kümmert. Es ist also zuerst einmal nötig, daß
die Arbeiter sich über die Arbeitsstunden einigen; sind diese
Stunden einmal festgelegt, so ist jedermann ohne jede Ausnahme
ihnen unterworfen. Weiterhin treten in jedem Saal und in jedem
Augenblick Detailfragen über die Produktionsweise, die Verteilung
des Materials etc. auf, Fragen, die sofort gelöst werden müssen,
wenn nicht die gesamte Produktion im selben Augenblick zum Stehen
kommen soll; ob sie nun auf Entscheid eines an die Spitze jedes
Arbeitszweigs gestellten Delegierten gelöst werden oder, wenn
dies möglich ist, durch Majoritätsbeschluß, stets wird sich doch
der Wille eines jeden unterordnen müssen; das bedeutet, daß die
Fragen autoritär gelöst sein werden. Der mechanische Automat ei-
ner großen Fabrik ist um vieles tyrannischer, als es jemals die
kleinen Kapitalisten gewesen sind, die Arbeiter beschäftigen. We-
nigstens was die Arbeitsstunden betrifft, kann man über die Tore
dieser Fabriken schreiben: Laßt alle Autonomie fahren, die Ihr
eintretet! [253] Wenn der Mensch mit Hilfe der Wissenschaft und
des Erfindergenies sich die Naturkräfte unterworfen hat, so rä-
chen diese sich an ihm, indem sie ihn, in dem Maße, wie er sie in
seinen Dienst stellt, einem wahren Despotismus unterwerfen, der
von aller sozialen Organisation unabhängig ist. Die Autorität in
der Großindustrie abschaffen
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wollen, bedeutet die Industrie selber abschaffen wollen; die
Dampf Spinnerei vernichten, um zum Spinnrad zurückzukehren.
Nehmen wir als anderes Beispiel eine Eisenbahn. Auch hier ist die
Kooperation einer Unmenge von Individuen absolut notwendig: eine
Kooperation, die zu ganz bestimmten Stunden stattfinden muß, da-
mit es zu keinem Unglück kommt. Auch hier ist die erste Bedingung
des Betriebs ein dominierender Wille, der jede untergeordnete
Frage beiseite schiebt, mag dieser Wille nun durch einen einzel-
nen Delegierten repräsentiert sein oder durch ein Komitee, dem
die Ausführung der Beschlüsse einer Mehrheit von Interessenten
übertragen ist. In dem einen wie in dem anderen Fall haben wir es
mit einer ganz ausgesprochenen Autorität zu tun. Mehr noch: Was
geschähe mit dem ersten abgehenden Zuge, wenn die Autorität der
Bahnangestellten über die Herren Reisenden abgeschafft wäre?
Aber die Notwendigkeit einer Autorität, und zwar einer gebieteri-
schen Autorität, tritt am anschaulichsten bei einem Schiff auf
hoher See zutage. Hier hängt, im Augenblick der Gefahr, das Leben
aller davon ab, daß alle sofort und absolut dem Willen eines ein-
zelnen gehorchen.
Jedesmal, wenn ich dergleichen Argumente den wildesten Antiauto-
ritariern unterbreitete, wußten sie mir nichts zu antworten als:
"Ah! Das ist wahr, aber hier handelt es sich nicht um eine Auto-
rität, die wir den Delegierten verleihen, sondern um einen Auf-
trag!" Diese Herren glauben die Sache verändert zu haben, wenn
sie deren Namen verändern. So machen sich diese tiefen Denker
über die Welt lustig.
Wir haben also gesehen, daß einerseits eine gewisse, ganz gleich
auf welche Art übertragene Autorität und andererseits eine ge-
wisse Unterordnung Dinge sind, die sich uns aufzwingen unabhängig
von aller sozialen Organisation, zusammen mit den materiellen Be-
dingungen, unter denen wir produzieren und die Produkte zirkulie-
ren lassen.
Andererseits haben wir gesehen, daß die materiellen Produktions-
und Zirkulationsbedingungen durch die Großindustrie und die
Großlandwirtschaft unweigerlich erweitert werden und die Tendenz
haben, das Feld dieser Autorität mehr und mehr auszudehnen. Es
ist folglich absurd, vom Prinzip der Autorität als von einem ab-
solut schlechten und vom Prinzip der Autonomie als einem absolut
guten Prinzip zu reden. Autorität und Autonomie sind relative
Dinge, deren Anwendungsbereiche in den verschiedenen Phasen der
sozialen Entwicklung variieren. Wenn die Autonomisten sich damit
begnügten, zu sagen, daß die soziale Organisation der Zukunft die
Autorität einzig und allein auf jene Grenzen beschränken wird, in
denen die Produktionsbedingungen sie unvermeidlich machen, so
könnte man
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sich verständigen; sie sind indessen blind für alle Tatsachen,
die die Sache notwendig machen, und stürzen sich auf das Wort.
Warum begnügen sich die Antiautoritarier nicht damit, gegen die
politische Autorität, den Staat, zu wettern? Alle Sozialisten
sind einer Meinung darüber, daß der politische Staat und mit ihm
die politische Autorität im Gefolge der nächsten sozialen Revolu-
tion verschwinden werden, und das bedeutet, daß die öffentlichen
Funktionen ihren politischen Charakter verlieren und sich in ein-
fache administrative Funktionen verwandeln werden, die die wahren
sozialen Interessen hüten. Aber die Antiautoritarier fordern, daß
der autoritäre politische Staat auf einen Schlag abgeschafft
werde, bevor noch die sozialen Bedingungen vernichtet sind, die
ihn haben entstehen lassen. Sie fordern, daß der erste Akt der
sozialen Revolution die Abschaffung der Autorität sei. Haben
diese Herren nie eine Revolution gesehen? Eine Revolution ist ge-
wiß das autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch
den ein Teil der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen ver-
mittels Gewehren, Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar
autoritärsten Mitteln aufzwingt; und die siegreiche Partei muß,
wenn sie nicht umsonst gekämpft haben will, dieser Herrschaft
Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktio-
nären einflößen. Hätte die Pariser Kommune nur einen einzigen Tag
Bestand gehabt, wenn sie sich gegenüber den Bourgeois nicht die-
ser Autorität des bewaffneten Volks bedient hätte? Kann man sie
nicht, im Gegenteil, dafür tadeln, daß sie sich ihrer nicht um-
fassend genug bedient hat?
Also von zwei Dingen eins: Entweder wissen die Antiautoritarier
nicht, was sie sagen, und in diesem Fall säen sie nur Konfusion;
oder sie wissen es, und in diesem Fall üben sie Verrat an der Be-
wegung des Proletariats. In dem einen wie in dem anderen Fall
dienen sie der Reaktion.
Federico Engels
Geschrieben zwischen Oktober 1872 und März 1873.
Nach: "Almanacco Repubblicano per l'anno 1874".
Aus dem Italienischen.
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