Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Friedrich Engels
Aus der Internationalen
["Der Volksstaat" Nr. 53 vom 2. Juli 1873]
Der "Volksstaat" hat seit längerer Zeit über den Stand der Dinge
in der Internationalen Arbeiter-Assoziation weiter nichts ge-
bracht als die offiziellen Veröffentlichungen des Generalrats in
New York [261]. Er hat es eben gemacht wie alle andern interna-
tionalen Blätter und wie die große Masse der Mitglieder der Asso-
ziation selbst. Während die von der bakunistischen geheimen Alli-
anz [2] geleiteten Organe der Haager Minorität Himmel und Erde in
Bewegung setzten, um sich als Vertreter der wirklichen Majorität
der Internationalen hinzustellen, die Majorität des Kongresses,
den alten Generalrat und besonders Marx in allen Tonarten zu ver-
lästern und zu verleumden und die verkannten Genies aller Natio-
nen um sich zu versammeln, begnügten sich die Angegriffenen da-
mit, ein für allemal den Tatbestand über den Haager Kongreß [154]
festzustellen und nur den allergrößten und infamsten Verleumdun-
gen die Tatsachen selbst entgegenzuhalten. Im übrigen verließ man
sich auf den gesunden Sinn der Arbeiter und die Aktion des Gene-
ralrats, der sich ja auch seinem Posten vollständig gewachsen ge-
zeigt hat.
Das Nachfolgende wird beweisen, daß diese ohne weitere Überein-
kunft überall von selbst eingehaltene Handlungsweise ihre Früchte
getragen hat.
In England hatten einige englische Mitglieder des letzten Gene-
ralrats, denen Marx im Haag - auf Grund aktenmäßiger Beweise und
eigenen Eingeständnisses, und ohne daß sie ein Wort der Erwide-
rung gewagt hätten - die Anklage der Korruption ins Gesicht ge-
schleudert hatte 1*), vorigen Dezember eine Spaltung im Briti-
schen Föderalrat hervorgerufen 2*). Sie traten aus und beriefen
einen Separatkongreß, der aus ganzen elf Mann bestand, von
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1*) Siehe vorl. Band, S. 685 - 2*) ebenda. S. 197-201 und 202-207
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denen man nicht einmal zu sagen wagte, ob und welche Sektionen
sie verträten. Die elf Mann erklärten sich mit Entrüstung gegen
die Haager Beschlüsse und rangierten sich unter das Banner der
Sezessionisten; unter ihnen voran zwei Ausländer, Eccarius und
Jung. Von da an bestanden zwei Föderalräte, aber mit dem Unter-
schied, daß der eine, der internationale, fast alle Sektionen
hinter sich hatte, während der andre, der sezessionistische, nie-
mand vertrat als seine eignen Mitglieder. Der letztere spielte
diese Komödie mehrere Monate lang, ist aber schließlich entschla-
fen. Mit den englischen Arbeitern, die eine fünfzigjährige Bewe-
gung geschult hat, kann man eben solche Possen nicht aufführen.
Dagegen hat am 1. und 2. Juni in Manchester der Kongreß der bri-
tischen Internationalen stattgefunden und entschieden Epoche ge-
macht in der englischen Arbeiterbewegung. [318] Es waren 26 Dele-
gierte gegenwärtig, welche neben einigen kleineren Orten die
Hauptmittelpunkte der englischen Industrie vertraten. Der Bericht
des Föderalrats unterschied sich von allen früheren derartigen
Dokumenten dadurch, daß er - in diesem Lande der angestammten Ge-
setzlichkeit - für die Arbeiterklasse das Recht in Anspruch nahm,
ihre Forderungen mit Gewalt durchzusetzen.
Der Kongreß billigte den Bericht und beschloß: Die rote Fahne ist
die Fahne der britischen Internationalen; die Arbeiterklasse be-
ansprucht Rückgabe nicht nur alles Grundeigentums, sondern auch
aller Arbeitsmittel überhaupt an das arbeitende Volk; als vorläu-
fige Maßregel wird der achtstündige Normalarbeitstag verlangt;
die spanischen Arbeiter werden wegen Errichtung der Republik und
Erwählung von zehn Arbeitern in die Cortes beglückwünscht; die
englische Regierung wird aufgefordert, die noch gefangenen iri-
schen Fenier [166] sofort zu entlassen. - Wer die Geschichte der
englischen Arbeiterbewegung kennt, wird zugeben, daß noch nie ein
englischer Arbeiterkongreß so weitgehende Forderungen gestellt
hat. Und jedenfalls ist mit diesem Kongreß und mit dem kläglichen
Ende des separatistischen, selbsterfundenen Föderalrats die Stel-
lung der englischen Internationalen entschieden.
In der Schweiz geht es den Sonderbündlern nicht besser. Man weiß,
daß die Jura-Föderation von jeher die Seele aller Sonderbündlerei
in der Internationalen war. Schon auf dem Haager Kongreß erklär-
ten ihre Delegierten, sie verträten die wahre Majorität der In-
ternationalen und würden das auf dem nächsten Kongreß beweisen.
Aber kommt Zeit kommt Rat, auch für Leute, die das Maul voll neh-
men. Am 27. und 28.April hielt die Jura-Föderation ihren Kongreß
in Neuchâtel. Aus den Verhandlungen geht hervor, daß die Födera-
tion elf Schweizer Sektionen zählt, von denen neun
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vertreten waren. Wie es mit diesen elf Sektionen steht, wie stark
sie sind usw., darüber sagt der Bericht des Ausschusses kein
Wort; dagegen erklärt er, daß sozusagen die ganze Internationale
sich ihrer Sonderbündelei angeschlossen habe. Danach wird also
diese enorme Majorität auf dem nächsten allgemeinen Kongreß er-
scheinen und die Haager Beschlüsse umwerfen? Nein, das gerade
nicht. Im Gegenteil, derselbe Ausschuß schlägt vor - was natür-
lich von diesen "autonomen" Delegierten sofort angenommen wird:
Damit der neue Kongreß nicht wieder in die gefährlichen Irrwege
des Haager Kongresses gerate, sollen die sonderbündlerischen Fö-
derationen einen eignen Kongreß in irgendeiner Schweizer Stadt
abhalten und keinen Kongreß anerkennen, den etwa der New-Yorker
Generalrat berufen möchte.
Der Haager Kongreß hat den Generalrat ausdrücklich beauftragt,
die Schweizer Stadt zu bestimmen, in der der nächste Kongreß
stattfinden soll. 1*) Der Beschluß der Jura-Föderation bedeutet
also weiter nichts als einen neuen, hinter großtönenden Phrasen
versteckten Rückzug.
In der Tat, es war Zeit für diese Herren, sich den Rücken zu dec-
ken. Am 1. und 2. Juni - fatale Tage für die Sonderbündler - war
der schweizerische Arbeiterkongreß zu Olten. [319] Auf 80 Dele-
gierte waren ganze fünf Jurassier da. Es wurde vorgeschlagen,
einen zentralisierten Schweizer Arbeiterbund zu stiften.
Die fünf Jurassier dagegen schlugen ein künstlich verklausulier-
tes Föderativsystem vor, das die ganze Organisation wirkungslos
gemacht haben würde. Da sie in einer hoffnungslosen Minorität wa-
ren, legten sie sich, wie im Haag, darauf, den andern die Zeit zu
vertrödeln. Den ganzen Sonntag verlor der Kongreß mit der Debatte
über diese sogenannte "Prinzipienfrage". Endlich fand sich die
Majorität, ganz wie im Haag, genötigt, diesen langstieligen Red-
nern den Mund zu stopfen, um nur zur Arbeit zu kommen. Am Montag
wurde einfach beschlossen, einen zentralisierten Bund zu stiften,
worauf die fünf Prediger, nach Vorlesung einer nichtssagenden Er-
klärung, den Saal verließen und sich nach Hause begaben. Und
diese Leute, in ihrem eigenen Lande so vollständig Null, beteuern
seit Jahren ihren Beruf, die Internationale zu reorganisieren!
Aber Unglück kommt nie allein. In Italien, wo die Anarchisten der
Sonderbündelei augenblicklich das große Wort führen, hatte einer
der ihrigen, Crescio von Piacenza, sein neues Blatt: "L'Avvenire
Sociale" (Die soziale Zukunft) an Garibaldi geschickt, den diese
Herren fortwährend als einen der ihrigen in Anspruch nehmen. Das
Blatt war voll von Zorngeschrei
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1*) Siehe vorl. Band, S. 158
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gegen das, was sie "das Autoritätsprinzip" nennen, das nach ihrer
Ansicht die Wurzel alles Übels ist. Darauf antwortete Garibaldi:
"Lieber Crescio! Herzlichen Dank etc. Ihr wollt in Eurer Zeitung
der Lüge und Sklaverei den Krieg machen, das ist ein ganz schönes
Programm. Aber ich glaube, das Autoritätsprinzip zu bekämpfen,
ist einer der Fehler der Internationalen, welcher ihre Fort-
schritte hindert. Die Pariser Kommune ist gefallen, weil in Paris
keine Autorität, sondern nur noch Anarchie war." [311]
Der alte Freiheitskämpfer, der in dem einen Jahr 1860 mehr ausge-
richtet als alle Anarchisten je in ihrem Leben versuchen werden,
weiß den Wert der Disziplin um so mehr zu schätzen, als er seine
Streitkräfte stets selbst disziplinieren mußte und dies nicht tat
wie die offiziellen Soldaten, durch Drillen, stetige Drohung des
Erschießens, sondern vor dem Feind.
Leider sind wir noch nicht am Ende mit der Aufzählung der Miß-
fälle, die den Sonderbündlern zugestoßen sind. Es fehlte ihnen
nur noch eins, und auch dies ist ihnen passiert. Der "Neue" [68],
dessen Polizeinase schon seit längerer Zeit an diesen Urstörern
der Internationalen einen gewissen süßen Geruch entdeckt hatte,
tritt jetzt ganz auf ihre Seite. In seiner Nr. 68 findet er, daß
der von den - aus der Internationalen tatsächlich ausgetretenen -
Belgiern entworfene Statutenentwurf ganz seinen Ansichten ent-
spricht und stellt seinen Anschluß an die Sonderbündler in Aus-
sicht. Damit sind alle unsre Wünsche erfüllt. Wenn Hasselmann und
Hasenclever auf dem Sonderbundeskongreß erscheinen, so erhält
dieser Sonderbund seinen wahren Charakter. Rechts Bakunin, links
Hasenclever und in der Mitte die unglücklichen Belgier, die man
an der Nase ihrer proudhonistischen Phrasen herumführt!
Geschrieben am 19./20.Juni 1873.
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