Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875


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       Friedrich Engels
       
       Die Bakunisten an der Arbeit
       Denkschrift über den Aufstand in Spanien im Sommer 1873 [341]
       
       I
       
       Der soeben veröffentlichte Haager Kommissionsbericht über die ge-
       heime Allianz  Michail Bakunins *) [342] hat der Arbeiterwelt das
       geheime Treiben,  die Schurkereien und das hohle Phrasengeklingel
       dargelegt, vermittelst dessen die proletarische Bewegung dem auf-
       geblähten Ehrgeiz und den selbstischen Zwecken einiger verkannten
       Genies dienstbar  gemacht werden  sollte. Inzwischen  haben diese
       Gerngroßmänner uns  in Spanien  Gelegenheit  gegeben,  auch  ihre
       praktische Revolutionstätigkeit kennenzulernen. Sehn wir, wie sie
       ihre ultrarevolutionären Phrasen von Anarchie und Selbstherrlich-
       keit, von Abschaffung aller Autorität, besonders der staatlichen,
       von sofortiger  und vollständiger  Emanzipation der Arbeiter ver-
       wirklichen. Wir  sind dazu  jetzt endlich  imstande, da uns außer
       den Zeitungsberichten  über die  Ereignisse in Spanien jetzt auch
       der von  der Neuen Madrider Föderation der Internationalen an den
       Genfer Kongreß eingesandte Bericht vorliegt.
       Es ist bekannt, daß in Spanien bei der Spaltung der Internationa-
       len die  Mitglieder der geheimen Allianz die Oberhand behielten ;
       weitaus die  größere Mehrzahl  der spanischen Arbeiter hing ihnen
       an. Als nun im Februar 1873 die Republik proklamiert wurde, kamen
       die spanischen Allianzisten in eine sehr schwierige Lage. Spanien
       ist ein in der Industrie so sehr zurückgebliebenes Land, daß dort
       von einer sofortigen vollständigen Emanzipation der
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       *) "L'Alliance  de   la  Démocratie   Socialiste",  London  1873.
       Deutsch: "Ein  Komplott gegen  die Internationale" 1*) (Buchhand-
       lung des "Vorwärts").
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 327-471
       
       #477# Die Bakunisten an der Arbeit
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       Arbeiterklasse noch  gar nicht  die Rede  sein kann. Ehe es dahin
       kommt, muß  Spanien noch  verschiedne Vorstufen  der  Entwicklung
       durchmachen und  eine ganze  Reihe von  Hindernissen aus dem Wege
       räumen. Den Verlauf dieser Vorstufen in die kürzéstmögliche Zeit-
       dauer zusammenzudrängen,  diese Hindernisse rasch zu beseitigen -
       dazu bot  die Republik  die Gelegenheit. Diese Gelegenheit konnte
       aber nur  benutzt werden durch tätiges politisches Eingreifen der
       spanischen Arbeiterklasse.  Dies fühlte  die Masse  der Arbeiter;
       sie drang  überall darauf,  daß man  sich an  den Ereignissen be-
       teilige, daß  man die Gelegenheit zum Handeln benutze, statt, wie
       bisher, den besitzenden Klassen das Feld für ihre Aktion und ihre
       Intrigen frei  zu lassen. Die Regierung schrieb die Wahlen aus zu
       den konstituierenden  Cortes; welche Stellung sollte die Interna-
       tionale nehmen?  Die Häupter  der Bakunisten waren in der größten
       Verlegenheit. Eine  fortgesetzte politische  Untätigkeit erschien
       von Tag zu Tag lächerlicher und unmöglicher; die Arbeiter wollten
       "Taten sehn". Andrerseits hatten die Allianzisten seit Jahren ge-
       predigt, daß  man an keiner Revolution sich beteiligen dürfe, die
       nicht die  sofortige volle  Emanzipation der  Arbeiterklasse  zum
       Ziel habe,  daß die  Vornahme irgendwelcher  politischen Handlung
       die Anerkennung  des Staats,  dieses Prinzips  des Bösen, in sich
       schließe und  daß daher namentlich die Teilnahme an irgendwelcher
       Wahl ein  todeswürdiges Verbrechen  sei. Wie  sie sich aus dieser
       Klemme zogen, lehrt der angeführte Madrider Bericht:
       
       "Dieselben Leute,  welche den Haager Beschluß über die politische
       Haltung der  Arbeiterklasse verwarfen  und die Statuten der Asso-
       ziation mit  Füßen traten  und damit den Zwiespalt, den Kampf und
       die Unordnung in die spanische Internationale einführten; diesel-
       ben Leute,  die die  Schamlosigkeit hatten,  uns in den Augen der
       Arbeiter als  ehrgeizige Stellenjäger  darzustellen, welche unter
       dem Vorwand,  die Arbeiterklasse  zur Herrschaft zu bringen, sich
       selbst die  Herrschaft erobern wollten; dieselben Leute, die sich
       autonome, anarchistische  Revolutionäre usw.  nennen, haben  sich
       bei dieser  Gelegenheit mit  Eifer darauf geworfen, in Politik zu
       machen, aber  in der  allerschlimmsten, in  der Bourgeoispolitik.
       Sie haben  nicht dafür gearbeitet, der Arbeiterklasse die politi-
       sche Macht zu verschaffen - diese Idee verabscheuen sie im Gegen-
       teil -, sondern einem Bruchteil der Bourgeoisie ans Ruder zu ver-
       helfen, der  aus Abenteurern,  Ehrgeizigen und  Stellenjägern be-
       steht,  und   sich  intransigente  (unversöhnliche)  Republikaner
       nennt.
       Schon am  Vorabend der  allgemeinen Wahlen  für die  Konstituante
       verlangten die  Arbeiter von Barcelona, Alcoy und andren Orten zu
       wissen, welche Politik die Arbeiter zu befolgen hätten, sowohl im
       parlamentarischen Kampfe  wie in jedem andren. Es wurden deswegen
       zwei große  Versammlungen abgehalten,  die eine in Barcelona, die
       andre in Alcoy; auf beiden stemmten sich die Allianzisten mit al-
       len Kräften
       
       #478# Friedrich Engels
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       dagegen, daß  man die  von der  Internationale" (der ihrigen nota
       bene 1*)) "zu beobachtende politische Haltung feststelle. Man be-
       schloß also,  daß die  Internationale  als  Assoziation  durchaus
       keine politische  Tätigkeit auszuüben habe, daß aber die Interna-
       tionalen, jeder  für sich,  handeln möchten, wie sie wollten, und
       sich jeder  ihnen gutdünkenden  Partei anschließen könnten, kraft
       ihrer famosen  Selbstherrlichkeit! Und  was war die Folge der An-
       wendung einer  so abgeschmackten  Lehre? Daß  die große Masse der
       Internationalen, mit  Einschluß der Anarchisten, sich an den Wah-
       len beteiligte, ohne Programm, ohne Fahne, ohne eigne Kandidaten,
       und  so   dazu  beitrugen,  daß  fast  ausschließlich  Bourgeois-
       republikaner gewählt wurden. Nur zwei oder drei Arbeiter kamen in
       die Kammer,  Leute, die  absolut nichts repräsentieren, die nicht
       ein einziges  Mal die  Stimme erhoben  haben zur Verteidigung der
       Interessen unsrer  Klasse und die ganz gemütlich für alle von der
       Majorität vorgelegten reaktionären Vorschläge stimmen."
       
       Das kommt von der bakunistischen "Enthaltung von der Politik". In
       ruhigen Zeiten,  wo das  Proletariat von  vornherein weiß, daß es
       doch höchstens  einige wenige  Vertreter ins Parlament bringt und
       daß ihm  die Erlangung einer parlamentarischen Majorität gänzlich
       abgeschnitten ist, mag es hie und da gelingen, die Arbeiter glau-
       ben zu  machen, es sei eine große revolutionäre Handlung, bei den
       Wahlen zu Hause zu bleiben und überhaupt statt des Staats, in dem
       man lebt und der uns bedrückt, den Staat als solchen anzugreifen,
       den Staat  im allgemeinen,  der nirgends  existiert und  der sich
       also auch nicht wehren kann. Es ist das namentlich eine prächtige
       Art, revolutionär zu tun, für Leute, denen das Herz leicht in die
       Hosen fällt;  und wie sehr die Führer der spanischen Allianzisten
       zu dieser  Sorte gehören,  weist die  anfangs angeführte  Schrift
       über die Allianz im einzelnen nach.
       Sobald aber  die Ereignisse selbst das Proletariat in den Vorder-
       grund drängen,  wird die  Enthaltung  eine  handgreifliche  Abge-
       schmacktheit, das tätige Eingreifen der Arbeiterklasse eine unab-
       weisbare Notwendigkeit. Und dies war in Spanien der Fall. Die Ab-
       dankung Amadeos  hatte die  radikalen Monarchisten  [343] von der
       Macht und von der Möglichkeit verdrängt, so bald wieder zur Macht
       zu kommen;  die Alfonsisten  [344] waren vorderhand noch unmögli-
       cher; die  Karlisten [345] zogen, wie fast immer, den Bürgerkrieg
       dem Wahlkampf  vor. Alle diese Parteien enthielten sich nach spa-
       nischer Sitte;  es nahmen an den Wahlen teil nur die in zwei Flü-
       gel gespaltenen  bundesstaatlichen Republikaner und die Masse der
       Arbeiter. Bei dem gewaltigen Zauber, den der Name der Internatio-
       nale damals noch auf die spanischen Arbeiter ausübte, bei der da-
       mals wenigstens praktisch noch bestehenden vortrefflichen Organi-
       sation ihres spanischen Zweigs war es sicher,
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       1*) wohlgemerkt
       
       #479# Die Bakunisten an der Arbeit
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       daß in  den katatonischen  Fabrikdistrikten, in  Valencia, in den
       andalusischen Städten  usw. jede  von der  Internationale  aufge-
       stellte und  getragene Kandidatur  glänzend durchging und daß si-
       cher eine  Minorität in  die Cortes kam, stark genug, um zwischen
       den beiden Flügeln der Republikaner bei jeder Abstimmung den Aus-
       schlag zu  geben. Die  Arbeiter fühlten  dies, sie  fühlten,  daß
       jetzt die  Zeit gekommen  sei, ihre  damals noch mächtige Organi-
       sation in  Bewegung zu setzen. Aber die Herren Führer aus der ba-
       kunistischen Schule  hatten so lange das Evangelium von der unbe-
       dingten Enthaltung  gepredigt, daß  sie nicht  plötzlich umkehren
       konnten; und  so erfanden  sie jenen jammervollen Ausweg, die In-
       ternationale als  Ganzes sich enthalten, aber ihre Mitglieder als
       einzelne nach  Belieben stimmen zu lassen. Die Folge dieser poli-
       tischen Bankerotterklärung  war, daß  die Arbeiter,  wie immer im
       gleichen Fall,  für die  am radikalsten  tuenden Leute stimmten -
       für die  Intransigenten, und  dadurch mehr  oder minder  für  die
       spätem Schritte  ihrer Gewählten  sich mitverantwortlich  hielten
       und in sie mitverwickelt wurden.
       
       II
       
       Die Allianzisten  konnten unmöglich in der lächerlichen Lage ver-
       harren, in  die sie  sich durch ihre schlaue Wahlpolitik versetzt
       hatten; sonst war es zu Ende mit ihrer bisherigen Herrschaft über
       die spanische  Internationale. Sie  mußten wenigstens  zum Schein
       handeln. Was sie retten sollte, war - der allgemeine Strike.
       Der allgemeine  Strike ist  im bakunistischen Programm der Hebel,
       der zur  Einleitung der sozialen Revolution angesetzt wird. Eines
       schönen Morgens  legen alle  Arbeiter aller  Gewerke eines Landes
       oder gar der ganzen Welt die Arbeit nieder und zwingen dadurch in
       längstens vier  Wochen die besitzenden Klassen, entweder zu Kreuz
       zu kriechen  oder auf  die Arbeiter  loszuschlagen, so  daß diese
       dann das Recht haben, sich zu verteidigen und bei dieser Gelegen-
       heit die  ganze alte  Gesellschaft über den Haufen zu werfen. Der
       Vorschlag ist  weit entfernt davon, neu zu sein; französische und
       nach ihnen belgische Sozialisten haben seit 1848 dies Paradepferd
       stark geritten,  das aber  ursprünglich englischer Race ist. Wäh-
       rend der  auf die  Krise von  1837 folgenden raschen und heftigen
       Entwicklung des  Chartismus [229]  unter den englischen Arbeitern
       war schon 1839 der "heilige Monat" gepredigt worden, die Arbeits-
       einstellung auf  nationalem Maßstab  (siehe Engels, "Lage der ar-
       beitenden Klasse",  zweite Auflage,  Seite 23413461),  und  hatte
       solchen Anklang gefunden, daß die Fabrikarbeiter von Nordengland
       
       #480# Friedrich Engels
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       im Juli  1842 die  Sache auszuführen  versuchten. -  Auch auf dem
       Genfer Allianzistenkongreß  [347] vom  1. September  1873 spielte
       der allgemeine Strike eine große Rolle, nur wurde allseitig zuge-
       geben, daß dazu eine vollständige Organisation der Arbeiterklasse
       und eine  gefüllte Kasse  nötig sei. Und darin liegt eben der Ha-
       ken. Einerseits  werden die  Regierungen, besonders  wenn man sie
       durch politische Enthaltung ermutigt, weder die Organisation noch
       die Kasse  der Arbeiter je so weit kommen lassen; und andrerseits
       werden die  politischen Ereignisse  und die  Übergriffe der herr-
       schenden Klassen die Befreiung der Arbeiter zuwege bringen, lange
       bevor das  Proletariat dazu kommt, sich diese ideale Organisation
       und diesen  kolossalen Reservefonds  anzuschaffen. Hätte  es  sie
       aber, so  brauchte es nicht den Umweg des allgemeinen Strikes, um
       zum Ziele zu gelangen.
       Für jeden,  der das  geheime Getriebe  der  Allianz  einigermaßen
       kennt, kann  es nicht zweifelhaft sein, daß der Vorschlag zur An-
       wendung dieses  probaten Mittels  vom Schweizer  Zentrum ausging.
       Genug, die  spanischen Führer  fanden hier einen Ausweg, um etwas
       zu tun, ohne direkt "politisch" zu werden, und gingen mit Freuden
       darauf ein.  Die Wunderwirkungen  des allgemeinen  Strikes wurden
       überall gepredigt,  man bereitete  sich darauf  vor, in Barcelona
       und in Alcoy damit den Anfang zu machen.
       Inzwischen näherten  sich die  politischen Verhältnisse  mehr und
       mehr einer  Krisis. Die  alten Großsprecher der bundesstaatlichen
       Republikaner, Castelar  und Konsorten,  erschraken vor  der Bewe-
       gung, die  ihnen über den Kopf wuchs; sie mußten die Gewalt an Pí
       y Margall  abtreten, der  einen Kompromiß  mit den Intransigenten
       versuchte. Pí war unter den offiziellen Republikanern der einzige
       Sozialist, der  einzige, der  die Notwendigkeit einsah, die Repu-
       blik auf  die Arbeiter zu stützen. Er legte auch alsbald ein Pro-
       gramm sofort ausführbarer Maßregeln sozialer Natur vor, die nicht
       nur den  Arbeitern unmittelbar  vorteilhaft sein, sondern auch in
       ihren Folgen  zu weitern Schritten treiben und so die soziale Re-
       volution wenigstens  in Gang  bringen mußten. Aber die bakunisti-
       schen Internationalen,  die selbst  die revolutionärste  Maßregel
       zurückzuweisen verpflichtet sind, sobald sie vom "Staat" ausgeht,
       unterstützten lieber  die tollsten Schwindler unter den Intransi-
       genten als einen Minister. Pis Verhandlungen mit den Intransigen-
       ten zogen  sich in  die Länge; die Intransigenten wurden ungedul-
       dig; die hitzigsten unter ihnen fingen an, in Andalusien den kan-
       tonalen Aufstand  ins Werk zu setzen. Jetzt mußten die Führer der
       Allianz ebenfalls  losschlagen, wenn  sie nicht im Schlepptau der
       intransigenten Bourgeois  bleiben wollten.  Der allgemeine Strike
       wurde also befohlen.
       In Barcelona wurde jetzt unter anderm ein Maueranschlag erlassen:
       
       #481# Die Bakunisten an der Arbeit
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       "Arbeiter! Wir machen einen allgemeinen Strike, um den tiefen Ab-
       scheu zu zeigen, den wir empfinden, wenn wir sehn, wie die Regie-
       rung das  Heer zur  Bekämpfung unserer arbeitenden Brüder verwen-
       det, dabei  aber den  Krieg gegen  die Karlisten  vernachlässigt"
       usw.
       
       Die Arbeiter von Barcelona, der größten Fabrikstadt Spaniens, de-
       ren Geschiebte  mehr Barrikadenschlachten aufzuweisen hat als ir-
       gendeine andere Stadt der Welt, wurden also aufgefordert, der be-
       waffneten Regierungsgewalt  nicht ebenfalls mit den in ihren Hän-
       den befindlichen  Waffen entgegenzutreten,  sondern -  mit  einer
       allgemeinen Arbeitseinstellung,  mit einer  Maßregel, die nur die
       einzelnen Bourgeois  direkt berührt,  nicht aber ihren Gesamtver-
       treter, die  Staatsmacht! Die Barceloneser Arbeiter hatten in der
       tatlosen Friedenszeit  den gewaltsamen  Phrasen zahmer  Leute wie
       Alerini, Farga Pellicer und Viñas zuhören können; als es zum Han-
       deln kam,  als Alerini, Farga Pellicer und Viñas erst ihr famoses
       Wahlprogramm erließen,  dann fortwährend abwiegelten und endlich,
       statt zu  den Waffen  zu rufen, den allgemeinen Strike erklärten,
       wurden sie den Arbeitern geradezu verächtlich. Der schwächste In-
       transigent zeigte  immer noch mehr Energie als der stärkste Alli-
       anzist. Die  Allianz und  die von  ihr genasführte Internationale
       verlor allen  Einfluß, und  als der  allgemeine Strike von diesen
       Herren proklamiert  wurde unter  dem Vorwand, damit die Regierung
       lahmzulegen, lachten  die Arbeiter  sie einfach aus. Aber das we-
       nigstens hatte  die Tätigkeit  der falschen  Internationale  noch
       fertiggebracht, Barcelona  von der  Teilnahme am  kantonalen Auf-
       stand abzuhalten; und Barcelona war die einzige Stadt, deren Bei-
       tritt zur Bewegung dem überall stark in ihr vertretenen Arbeiter-
       element einen  festen  Rückhalt  und  damit  die  Aussicht  geben
       konnte, sich  schließlich der ganzen Bewegung zu bemächtigen. Und
       ferner war  mit dem  Beitritt von  Barcelona der  Sieg so gut wie
       entschieden. Aber  Barcelona rührte keinen Finger; die Barcelone-
       ser Arbeiter,  über die Intransigenten im klaren, von den Allian-
       zisten geprellt, blieben untätig und sicherten dadurch den endli-
       chen Sieg der Madrider Regierung. Was alles die Allianzisten Ale-
       rini und  Brousse (Näheres  über sie enthält der Bericht über die
       Allianz 1*)) nicht abhielt, in ihrem Blatt, der "Solidarité révo-
       lutionnaire", zu erklären:
       
       "Die revolutionäre  Bewegung verbreitet  sich wie  ein  Lauffeuer
       über die  ganze Halbinsel...  in Barcelona  ist noch  nichts  ge-
       schehn, aber  auf dem  öffentlichen Platze  ist die Revolution in
       Permanenz!"
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 327-471
       
       #482# Friedrich Engels
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       Es war  aber die  Revolution der  Allianzisten, die im Halten von
       Pauken besteht  und ebendeshalb  "permanent" nicht  vom  "Platze"
       kommt.
       In Alcoy war gleichzeitig der allgemeine Strike auf die Tagesord-
       nung gesetzt.  Alcoy ist  eine Fabrikstadt  neueren  Datums,  von
       jetzt vielleicht 30 000 Einwohnern, in der die Internationale, in
       bakunistischer Form,  erst seit  einem Jahre Eingang und sehr ra-
       sche Verbreitung  gefunden hat. Der Sozialismus war diesen bisher
       der Bewegung  ganz fremden  Arbeitern in  jeder Form  willkommen,
       ganz wie  sich dies in Deutschland hie und da in zurückgebliebnen
       Orten wiederholt,  wo der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein [68]
       plötzlich einen großen augenblicklichen Anhang bekommt. Alcoy war
       daher zum  Sitz der  bakunistischen Föderalkommission für Spanien
       erkoren, und grade diese Föderalkommission werden wir hier an der
       Arbeit sehn.
       Am 7.  Juli beschließt  eine Arbeiterversammlung  den allgemeinen
       Strike und  sendet am  folgenden Tag eine Deputation zum Alkalden
       (Bürgermeister) mit  der Aufforderung,  die Fabrikanten binnen 24
       Stunden zusammenzuberufen  und ihnen die Forderungen der Arbeiter
       vorzulegen. Der  Alkalde Albors,  ein Bourgeoisrepublikaner, hält
       die Arbeiter hin, bestellt Truppen in Alicante und rät den Fabri-
       kanten, nicht  nachzugeben, sondern sich in ihren Häusern zu ver-
       barrikadieren. Er  selbst werde an seinem Posten sein. Nachdem er
       eine Zusammenkunft  mit den  Fabrikanten gehabt - wir folgen hier
       dem offiziellen  Bericht der  allianzistischen Föderalkommission,
       datiert 14.  Juli 1873  [348] - erläßt er, der anfangs den Arbei-
       tern Neutralität  versprochen, eine  Proklamation, worin  er "die
       Arbeiter beleidigt  und verleumdet,  Partei für  die  Fabrikanten
       nimmt und so das Recht und die Freiheit der Strikenden vernichtet
       und sie  zum Kampf  herausfordert". Wie die frommen Wünsche eines
       Bürgermeisters das Recht und die Freiheit der Strikenden vernich-
       ten können,  bleibt jedenfalls unklar. Genug, die von der Allianz
       geleiteten Arbeiter ließen dem Stadtrat durch eine Kommission er-
       klären, wenn er die versprochene Neutralität im Strike nicht auf-
       rechtzuhalten gesonnen  sei, so  solle er,  um einen  Konflikt zu
       vermeiden, lieber  abdanken. Die Kommission wurde abgewiesen, und
       als sie  das Rathaus  verließ, feuerten  Polizisten auf das Volk,
       das friedlich  und unbewaffnet auf dem Platze stand. Dies der Be-
       ginn des  Kampfs nach  dem allianzistischen Bericht. Das Volk be-
       waffnete sich,  der Kampf  begann, der "zwanzig Stunden" gedauert
       haben soll. Auf der einen Seite die Arbeiter, die die "Solidarité
       révolutionnaire" auf  5000 angibt,  auf der andern Seite 32 Gens-
       darmen im Rathaus und einige Bewaffnete in vier oder fünf Häusern
       am Markt,  welche Häuser  auf gut  preußisch vom  Volke niederge-
       brannt
       
       #483# Die Bakunisten an der Arbeit
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       wurden. Endlich  ging den Gensdarmen die Munition aus, sie mußten
       kapitulieren.
       
       "Man würde weniger Unfälle zu beklagen haben", sagt der allianzi-
       stische Kommissionsbericht,  "wenn nicht  der Alkalde  Albors das
       Volk getäuscht  hätte, indem  er sich  zu ergeben vorgab und dann
       feigerweise diejenigen  ermorden ließ,  die,  gestützt  auf  sein
       Wort, ins Rathaus eindrangen; und dieser selbe Alkalde wäre nicht
       von der mit Recht entrüsteten Bevölkerung getötet worden, wenn er
       nicht auf  die ihn  Verhaftenden in nächster Nähe seinen Revolver
       abgefeuert hätte."
       
       Und was waren die Opfer dieses Kampfes?
       
       "Wenn wir  die Anzahl  der Toten und Verwundeten" (auf Seiten des
       Volks) "nicht  genau berechnen  können, so können wir doch sagen,
       daß ihrer  nicht unter - zehn sind. Auf seiten der Herausforderer
       zählt man nicht weniger als fünfzehn Tote und Verwundete."
       
       Dies war  die erste  Straßenschlacht der Allianz. Während zwanzig
       Stunden schlug man sich, 5000 Mann stark 1*), gegen 32 Gensdarmen
       und einige  bewaffnete Bourgeois,  besiegte sie, nachdem sie ihre
       Munition verschossen,  und verlor  im ganzen  zehn Mann. Wohl mag
       die Allianz  ihren Eingeweihten  den Spruch  Falstaffs einpauken,
       daß "Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit ist" [349].
       Es versteht  sich, daß  alle die  Schreckensnachrichten der Bour-
       geoisblätter von  zwecklos niedergebrannten Fabriken, massenweise
       erschossenen Gensdarmen, von mit Petroleum übergossenen und ange-
       zündeten Menschen  reine Erfindungen sind. Die siegreichen Arbei-
       ter, selbst  wenn die  Allianzisten sie  führen, deren Motto ist:
       "Es muß  Allens verrungeniert werden", gehn immer viel zu großmü-
       tig mit ihren besiegten Gegnern um, und diese dichten ihnen daher
       alle die  Schandtaten an,  die sie  im Falle des Sieges zu begehn
       nie unterlassen.
       Also der Sieg war errungen.
       
       "In Alcoy", jubelt die "Solidarité révolutionnaire", "sind unsere
       Freunde, 5000 an der Zahl, Herren der Situation geworden."
       Und was machten die "Herren" aus ihrer "Situation"?
       Hier läßt uns der allianzistische Bericht und das allianzistische
       Journal vollständig  im Stich; wir sind auf die gewöhnlichen Zei-
       tungsberichte angewiesen.  Aus diesen  erfahren wir, daß in Alcoy
       nunmehr ein "Wohlfahrtsausschuß" errichtet wurde, d.h. eine revo-
       lutionäre Regierung.  Nun hatten, zwar die Allianzisten auf ihrem
       Kongreß zu Saint-Imier in der Schweiz,
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       1*) Im "Volksstaat" fehlt: 5000 Mann stark
       
       #484# Friedrich Engels
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       am 15.  Sept. 1872 [200], beschlossen, "daß jede Organisation ei-
       ner politischen,  sogenannten provisorischen  oder revolutionären
       Gewalt nur  eine neue Prellerei sein kann und für das Proletariat
       ebenso gefährlich sein würde wie alle jetzt bestehenden Regierun-
       gen". Auch  hatten die  Mitglieder der  zu Alcoy sitzenden spani-
       schen Föderalkommission  ihr Bestes  getan, daß  der Kongreß  der
       spanischen Internationale  diesen Beschluß  zum seinigen  machte.
       Trotz alledem  finden wir, daß Severino Albarracin, Mitglied die-
       ser Kommission,  und nach einigen Berichten auch Francisco Tomas,
       ihr Sekretär, Mitglieder dieser provisorischen und revolutionären
       Regierungsgewalt, des Wohlfahrtsausschusses von Alcoy, waren!
       Und was tat dieser Wohlfahrtsausschuß? Welches waren seine Maßre-
       geln,  um   "die  sofortige   volle  Emanzipation  der  Arbeiter"
       durchzusetzen? Er  verbot allen  Männern, die Stadt zu verlassen,
       während dies  den Frauen erlaubt blieb, falls sie - Pässe hätten!
       Die Gegner  der Autorität führen die Pässe wieder ein! Im übrigen
       absolute Rat-, Tat- und Hülflosigkeit.
       Inzwischen rückte  General Velarde  mit Truppen  von Alicante an.
       Die Regierung  hatte alle Ursache, die Lokalaufstände der Provin-
       zen in  aller Stille  beizulegen. Und  die "Herren der Situation"
       von Alcoy hatten alle Ursache, sich aus einer Situation zu ziehn,
       aus der  sie nichts zu machen wußten. Der Deputierte Cervera, der
       den Vermittler machte, hatte also leichtes Spiel. Der Wohlfahrts-
       ausschuß dankte  ab, die  Truppen rückten am 12. Juli ohne Wider-
       stand ein, und die einzige Gegenversprechung, die dem Wohlfahrts-
       ausschuß gemacht  wurde, war - allgemeine Amnestie. Die allianzi-
       stischen "Herren der Situation" waren wieder einmal glücklich aus
       der Klemme. Und damit endete das Abenteuer von Alcoy.
       In Sanlúcar  de Barrameda bei Cádiz, erzählt uns der allianzisti-
       sche Bericht,
       
       "schließt der  Alkalde das  Lokal der  Internationale und fordert
       durch seine Drohungen und durch seine unaufhörlichen Angriffe ge-
       gen die persönlichen Rechte der Bürger den Zorn der Arbeiter her-
       aus. Eine  Kommission reklamiert vom Minister die Anerkennung des
       Rechts und  die Wiedereröffnung des willkürlich geschlossenen Lo-
       kals. Herr  Pí bewilligt dies im Prinzip... verweigert es aber in
       der Wirklichkeit; die Arbeiter finden, daß die Regierung ihre As-
       soziation planmäßig in die Acht erklären will; sie setzen die Lo-
       kalbehörden ab und ernennen andere an ihrer Stelle, die das Lokal
       der Assoziation wieder öffnen."
       
       "In Sanlúcar...  beherrscht das  Volk die Situation!" triumphiert
       die "Solidarité  révolutionnaire".  Die  Allianzisten,  die  auch
       hier, ganz gegen ihre anarchischen Grundsätze, eine revolutionäre
       Regierung gebildet, wußten
       
       #485# Die Bakunisten an der Arbeit
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       mit ihrer  Herrschaft nichts  anzufangen. Sie  verloren die  Zeit
       mit-leeren Debatten  und papiernen  Beschlüssen, und  als General
       Pavía Sevilla und Cádiz genommen hatte, schickte er einige Kompa-
       nien der  Brigade Soria,  am 5.  August, nach Sanlúcar und fand -
       keinen Widerstand.
       Dies sind  die Heldentaten der Allianz, da, wo sie ohne jede Kon-
       kurrenz auftrat.
       
       III
       
       Unmittelbar nach  dem Straßenkampf von Alcoy erhoben sich die In-
       transigenten in Andalusien. Noch war Pí y Margall am Ruder und in
       steter Verhandlung  mit den Chefs dieser Partei, um aus ihnen ein
       Ministerium zu  bilden; warum  also losschlagen, ehe die Verhand-
       lungen gescheitert?  Der Grund  dieser Übereilung  ist  nie  ganz
       klargeworden; soviel aber ist sicher, daß den Herren Intransigen-
       ten es vor allen Dingen um schnellstmögliche praktische Durchfüh-
       rung der  bundesstaatlichen Republik zu tun war, damit sie in den
       Besitz der  Macht und  der vielen  neu zu schaffenden Regierungs-
       posten in  den einzelnen Kantonen kämen. Die Cortes in Madrid zö-
       gerten zu  lange mit  der Zerschlagung  Spaniens; man  mußte also
       selbst Hand  anlegen und  überall souveräne Kantone ausrufen. Die
       bisherige Haltung der (bakunistischen) Internationale, die in die
       intransigentistischen Händel seit den Wahlen tief verwickelt war,
       ließ auf deren Mitwirkung rechnen; hatten sie doch eben von Alcoy
       gewaltsamen Besitz  genommen und  waren also im offenen Kampf mit
       der Regierung! Dazu kam, daß die Bakunisten seit Jahren gepredigt
       hatten, jede  revolutionäre Aktion  von oben  nach unten sei ver-
       derblich, alles  müsse von unten nach oben organisiert und durch-
       gesetzt werden.  Und jetzt bot sich die Gelegenheit, das berühmte
       Prinzip der  Selbstherrlichkeit,  wenigstens  für  die  einzelnen
       Städte, von  unten nach  oben durchzusetzen!  Es war nicht anders
       möglich: Die bakunistischen Arbeiter gingen auf den Leim und hol-
       ten den  Intransigenten die  Kastanien aus  dem Feuer, um nachher
       von diesen  ihren Bundesgenossen,  wie immer,  mit Fußtritten und
       Flintenkugeln abgelohnt zu werden.
       Was war  nun die  Stellung der  bakunistischen Internationalen in
       dieser ganzen  Bewegung? Sie hatten ihr den Charakter der födera-
       listischen Zersplitterung  geben helfen, sie hatten ihr Ideal der
       Anarchie, soweit  es möglich war, verwirklicht. Dieselben Bakuni-
       sten, die  in Córdoba wenige Monate vorher die Errichtung revolu-
       tionärer Regierungen  für Verrat  und Prellerei  der Arbeiter er-
       klärt hatten, sie saßen jetzt in allen revolutionären städtischen
       Regierungen Andalusiens  - aber überall in der Minderzahl, so daß
       die
       
       #486# Friedrich Engels
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       Intransigenten tun  konnten, was sie wollten. Während diese letz-
       tern die  politische und  militärische Leitung  behielten, wurden
       die Arbeiter  mit pomphaften Redensarten abgefertigt oder mit an-
       geblichen sozialen Reformbeschlüssen von der rohesten und sinnlo-
       sesten Art,  die zudem  nur eine papierne Existenz hatten. Sobald
       die bakunistischen  Führer wirkliche  Zugeständnisse  verlangten,
       wurden sie  schnöde abgewiesen. Den englischen Zeitungskorrespon-
       denten gegenüber  hatten die  intransigenten Leiter  der Bewegung
       nichts Wichtigeres  zu tun, als jeden Zusammenhang mit diesen so-
       genannten Internationalen  und jede  Verantwortlichkeit  für  sie
       abzulehnen und  zu erklären, daß sie deren Chefs sowie alle anwe-
       senden Pariser  Kommuneflüchtlinge unter  schärfster  Polizeiauf-
       sicht hielten. Endlich, wie wir sehn werden, in Sevilla, schössen
       die Intransigenten, während des Kampfes gegen die Regierungstrup-
       pen, auch auf ihre bakunistischen Bundesgenossen. 1*)
       So kam es, daß in wenigen Tagen ganz Andalusien in den Händen der
       bewaffneten Intransigenten  war. Sevilla,  Malaga, Granada, Cádiz
       usw. fielen  ihnen fast  ohne Widerstand in die Hände. Jede Stadt
       erklärte sich  für einen souveränen Kanton und setzte einen revo-
       lutionären Regierungsausschuß (Junta) ein. Murcia, Cartagena, Va-
       lencia folgten.  In Salamanca  wurde ein  ähnlicher Versuch, doch
       mehr friedlicher Natur, gemacht. Es waren also die meisten großen
       Städte Spaniens  im Besitz  der  Insurgenten,  mit  Ausnahme  der
       Hauptstadt Madrid,  einer reinen  Luxusstadt, die  fast nie  ent-
       scheidend eingreift,  und Barcelonas. Hätte Barcelona losgeschla-
       gen, so war der Enderfolg fast gewiß und daneben dem Arbeiterele-
       ment in  der Bewegung  ein mächtiger Rückhalt gesichert. Aber wir
       haben gesehn,  daß die  Intransigenten in Barcelona ziemlich ohn-
       mächtig waren, während die zu jener Zeit dort noch sehr mächtigen
       bakunistischen Internationalen den allgemeinen Strike zum Vorwand
       nahmen, um abzuwiegeln. Barcelona war also diesmal nicht auf sei-
       nem Posten.
       Trotzdem hatte  der, wenn auch hirnlos eingeleitete, Aufstand im-
       mer noch  große Aussicht auf Erfolg, wäre er nur mit einigem Ver-
       stand geleitet  worden, selbst  nur nach der Weise der spanischen
       Militärrevolten, wo  die Garnison  einer Stadt  sich erhebt,  zur
       nächsten zieht,  die schon  vorher  bearbeitete  Garnison  dieser
       Stadt mit  sich fortreißt und lawinenartig anschwellend gegen die
       Hauptstadt vordringt,  bis ein glückliches Gefecht oder der Über-
       tritt der gegen sie gesandten Truppen den Sieg entscheidet. Diese
       Methode war diesmal ganz besonders anwendbar. Die Insurgenten wa-
       ren
       -----
       1*) Im "Volksstaat"  stehen die  folgenden drei Absätze am Schluß
       von Abschnitt III
       
       #487# Die Bakunisten an der Arbeit
       -----
       überall seit längerer Zeit in Freiwilligenbataillone organisiert,
       deren Disziplin  zwar erbärmlich war, aber sicher nicht erbärmli-
       cher als die der Reste der alten, größtenteils auseinandergegang-
       nen spanischen Armee. Die einzig zuverlässigen Truppen der Regie-
       rung waren  die Gensdarmen  (guardias civiles),  und diese  waren
       über das  ganze Land  zerstreut. Es  kam vor allem darauf an, die
       Zusammenziehung der Gensdarmen zu verhindern, und dies konnte nur
       geschehn, indem  man angriffsweise  verfuhr und  sich aufs  offne
       Feld wagte;  viel Gefahr  war nicht  dabei, da  die Regierung den
       Freiwilligen nur  ebenso undisziplinierte Truppen entgegenstellen
       konnte, wie  sie selbst  waren. Und  wollte man  siegen, so gab's
       kein andres Mittel.
       Aber nein.  Die Bundesstaatlichkeit  der Intransigenten und ihres
       bakunistischen Schwanzes  bestand grade darin, daß jede Stadt auf
       eigne Faust  handelte, nicht  das Zusammenwirken  mit den  andern
       Städten, sondern  die Trennung  von ihnen  für die Hauptsache er-
       klärte und  damit jede Möglichkeit eines allgemeinen Angriffs ab-
       schnitt. Was  im deutschen  Bauernkrieg und in den deutschen Auf-
       ständen vom Mai 1849 ein unvermeidliches Übel war - die Zersplit-
       terung und  Vereinzelung der revolutionären Kräfte, die denselben
       Regierungstruppen erlaubte,  einen Aufstand  nach dem andern nie-
       derzuschlagen [350],  - das  wurde hier  als Prinzip der höchsten
       revolutionären Weisheit proklamiert. Diese Genugtuung hat Bakunin
       erlebt.  Er   hatte  schon  im  September  1870  ("Lettres  à  un
       Français") erklärt,  das einzige Mittel, durch einen Revolutions-
       kampf die  Preußen aus  Frankreich zu werfen, bestehe darin, alle
       zentralisierte Leitung  abzuschaffen und  es jeder  Stadt,  jedem
       Dorf, jeder  Gemeinde zu überlassen, den Krieg auf eigne Faust zu
       führen. Wenn  man so  dem einheitlich geführten preußischen Heere
       die Entfesselung der revolutionären Leidenschaften entgegensetze,
       so sei  der Sieg  gewiß. Dem  endlich wieder  einmal sich  selbst
       überlassenen Gesamtverstande  des französischen  Volkes gegenüber
       müsse der  Einzelverstand  Moltkes  natürlich  verschwinden.  Die
       Franzosen wollten  dies damals nicht einsehn; aber in Spanien hat
       Bakunin einen  glänzenden Triumph  gefeiert, wie wir gesehn haben
       und noch weiter sehn werden.
       Inzwischen hatte  diese ohne  jeden Vorwand  aus der  Pistole ge-
       schossene Erhebung  es Pí y Margall unmöglich gemacht, weiter mit
       den Intransigenten  zu verhandeln.  Er mußte  abtreten; an seiner
       Stelle kamen  die reinen Republikaner von der Sorte Castelars ans
       Ruder, Bourgeois ohne Verhüllung, deren erstes Ziel war, der frü-
       her von  ihnen benutzten,  aber jetzt für sie hinderlichen Arbei-
       terbewegung den Garaus zu machen. Eine Division wurde unter Gene-
       ral Pavía gegen Andalusien, eine zweite unter Campos
       
       #488# Friedrich Engels
       -----
       gegen Valencia  und Cartagena  zusammengezogen. Den Kern bildeten
       die aus  ganz Spanien versammelten Gensdarmen, lauter alte Solda-
       ten, deren  Disziplin noch unerschüttert war. Wie bei den Angrif-
       fen der  Versailler Armee gegen Paris sollten die Gensdarmen auch
       hier den  demoralisierten Linientruppen  festen  Halt  geben  und
       überall die  Spitzen der  Angriffskolonnen bilden,  eine Aufgabe,
       die sie  in beiden Fällen nach Kräften erfüllten. Außer ihnen er-
       hielten die Divisionen noch einige zusammengeschmolzene Linienre-
       gimenter, so  daß jede  von ihnen ungefähr 3000 Mann zählte. Dies
       war alles,  was die  Regierung gegen die Insurgenten aufzustellen
       vermochte.
       General Pavía  setzte sich gegen den 20. Juli in Bewegung. Am 24.
       wurde Córdoba  von einer Abteilung Gensdarmen und Linie unter Ri-
       poll besetzt. Am 29. griff Pavía das verbarrikadierte Sevilla an,
       das am 30. oder 31. - die Telegramme lassen diese Daten oft unge-
       wiß - in seine Hände fiel. Er ließ eine fliegende Kolonne zur Un-
       terwerfung der  Umgegend zurück  und zog gegen Cádiz, dessen Ver-
       teidiger nur  den Zugang  zur Stadt, und auch diesen nur schwach,
       verteidigten, dann  aber sich  ohne Widersland  am 4. August ent-
       waffnen ließen.  In den folgenden Tagen entwaffnete er, ebenfalls
       ohne Widerstand,  Sanlúcar de Barrameda, San Roque, Tarifa, Alge-
       ciras und  eine Menge  andrer kleiner Städte, deren jede sich als
       souveräner Kanton  konstituiert hatte. Gleichzeitig sandte er Ko-
       lonnen gegen  Malaga, das  am 3.,  und Granada,  das am 8. August
       ohne Widerstand  kapitulierte, so  daß am  10. August,  nach noch
       nicht 14  Tagen, und fast ohne Kampf, ganz Andalusien unterworfen
       war.
       Am 26. Juli eröffnete Martinez Campos den Angriff gegen Valencia.
       Hier war  der Aufstand  von den  Arbeitern ausgegangen.  Bei  der
       Spaltung der  spanischen Internationale  hatten in  Valencia  die
       wirklichen Internationalen  die Mehrzahl  für sich ; und der neue
       Spanische Föderalrat  wurde nach  dieser Stadt verlegt. Bald nach
       Proklamierung der  Republik, als revolutionäre Kämpfe in Aussicht
       standen, boten die bakunistischen Valencianer Arbeiter, der unter
       ultrarevolutionären Phrasen sich verhüllenden Abwiegelei der Bar-
       celoneser Führer  mißtrauend, den  wirklichen Internationalen an,
       in allen  lokalen Bewegungen  mit ihnen  zusammenzugehen. Als die
       kantonale Bewegung  ausbrach, schlugen  beide, die Intransigenten
       benutzend, sofort  los und  vertrieben die Truppen. Wie die Junta
       von Valencia zusammengesetzt war, ist nicht bekannt geworden; aus
       den Berichten  der englischen Zeitungskorrespondenten geht jedoch
       hervor, daß in ihr wie in den Valencianer Freiwilligen die Arbei-
       ter entschieden vorherrschten. Dieselben Korrespondenten sprachen
       von den Valencianer Insurgenten mit einem Respekt, den
       
       #489# Die Bakunisten an der Arbeit
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       sie weit  entfernt sind,  den andern vorherrschend intransigenten
       Aufständischen zu widmen; sie rühmten ihre Mannszucht, die in der
       Stadt herrschende  Ordnung und  prophezeiten einen  langen Wider-
       stand und  harten Kampf. Sie täuschten sich nicht. Valencia, eine
       offene Stadt,  hielt aus  gegen die  Angriffe der Division Campos
       vom 26.  Juli bis  zum 8. August, also länger als ganz Andalusien
       zusammengenommen.
       In der Provinz Murcia war die gleichnamige Hauptstadt ohne Wider-
       stand besetzt  worden; nach  dem Fall  Valencias zog Campos gegen
       Cartagena, eine  der stärksten Festungen Spaniens, nach der Land-
       seite von  einem zusammenhängenden  Wall und vorgeschobenen Forts
       auf den beherrschenden Höhen geschützt. Die 3000 Mann Regierungs-
       truppen, ohne alles Belagerungsgeschütz, waren mit ihren leichten
       Feldkanonen gegen die schwere Artillerie der Forts natürlich ohn-
       mächtig und  mußten sich auf eine Einschließung der Landseite be-
       schränken; diese  aber bedeutete  wenig, solange die Cartagineser
       mit ihrer  im Hafen erbeuteten Kriegsflotte die See beherrschten.
       Die Insurgenten,  nur mit sich selbst beschäftigt, während in Va-
       lencia und  Andalusien gekämpft wurde, dachten erst an die Außen-
       welt nach  Unterdrückung der  übrigen Aufstände, als ihnen selbst
       Geld und  Lebensmittel ausgingen. Dann erst wurde ein Versuch ge-
       macht, gegen  Madrid vorzurücken, das mindestens 60 deutsche Mei-
       len entfernt  liegt, mehr  als doppelt  so weit als z.B. Valencia
       und Granada!  Die Expedition nahm unfern Cartagena ein klägliches
       Ende; die  Einschließung schob  allen weitern  Ausfällen zu Lande
       einen Riegel vor; man warf sich also auf Ausfälle mit der Flotte.
       Und welche  Ausfälle! Von  einer neuen Insurgierung der eben erst
       unterworfnen  Seestädte   durch  die  Cartagineser  Kriegsschiffe
       konnte keine  Rede sein. Die Flotte des souveränen Kantons Carta-
       gena beschränkte  sich also darauf, die übrigen - nach der carta-
       ginesischen Theorie ebenfalls souveränen - Seestädte von Valencia
       bis Malaga  mit dem  Bombardement zu  bedrohen  und  nötigenfalls
       wirklich zu  bombardieren, falls sie nicht die verlangten Lebens-
       mittel und  eine Kriegskontribution  in  harten  Talern  an  Bord
       brachten. Solange  diese Städte  als souveräne  Kantone gegen die
       Regierung in Waffen standen, galt in Cartagena das Prinzip: Jeder
       für sich.  Sobald sie  besiegt waren,  sollte das Prinzip gelten:
       Alle für  Cartagena! So  verstanden die Intransigenten von Carta-
       gena und  ihre bakunistischen  Helfershelfer die Bundesstaatlich-
       keit der souveränen Kantone.
       Um die Reihen der Freiheitskämpfer zu verstärken, ließ die Regie-
       rung von  Cartagena die  ungefähr 1800  Baugefangenen los, die im
       Bagno der  Stadt eingekerkert  waren - die schlimmsten Räuber und
       Mörder Spaniens. Daß diese revolutionäre Maßregel ihr von den Ba-
       kunisten eingeflüstert war,
       
       #490# Friedrich Engels
       -----
       ist nach  den Enthüllungen des Berichts über die Allianz 1*) kei-
       nem Zweifel mehr unterworfen. Es ist dort nachgewiesen, wie Baku-
       nin  für   die  "Entfesselung  aller  schlechten  Leidenschaften"
       schwärmt und  den russischen  Räuber für das Vorbild aller wahren
       Revolutionäre erklärt. Was dem Russen recht, ist dem Spanier bil-
       lig. Wenn also die Cartagineser Regierung die "schlechten Leiden-
       schaften" der eingespundeten 1800 Gurgelschneider entfesselte und
       damit die  Demoralisation unter  ihren  Truppen  auf  die  Spitze
       trieb, so  handelte sie ganz im Geist Bakunins. Und wenn die spa-
       nische Regierung,  statt ihre  eignen Festungswerke  in Grund  zu
       schießen, die  Unterwerfung Cartagenas von der inneren Zerrüttung
       der Verteidiger erwartete, so folgte sie einer ganz richtigen Po-
       litik.
       
       IV
       
       Hören wir nun über diese ganze Bewegung den Bericht der Neuen Ma-
       drider Föderation:
       
       "In Valencia  sollte am  zweiten Sonntag  des August  ein Kongreß
       stattfinden, um unter anderm auch die Stellung zu bestimmen, wel-
       che die  spanische internationale Föderation einzunehmen habe ge-
       genüber den wichtigen politischen Ereignissen, welche, in Spanien
       seit dem 11. Februar, dem Tag der Proklamation der Republik, ein-
       getreten waren. Aber der unsinnige" (descabellada, wörtlich: zer-
       zauste) "Kantonalaufstand,  der so jämmerlich gescheitert ist und
       an dem die Internationalen fast aller insurgierten Provinzen sich
       eifrig beteiligten,  hat nicht  nur die Tätigkeit des Föderalrats
       lahmgelegt, indem  er die  Mehrzahl seiner Mitglieder zerstreute,
       sondern auch  die lokalen  Föderationen fast  gänzlich desorgani-
       siert und  ihren Mitgliedern,  was das  schlimmste ist, allen den
       Haß und alle die Verfolgungen zugezogen, die jede schmählich ein-
       geleitete und gescheiterte Volkserhebung im Gefolge hat...
       Als der  kantonale Aufstand losbrach, als die Juntas, d.h. Regie-
       rungen der  Kantone, sich  konstituierten, da  beeilten sich jene
       Leute" (die  Bakunisten), "die so heftig gegen die politische Ge-
       walt geschrien,  die uns des Autoritarismus angeklagt, sie beeil-
       ten sich, in jene Regierungen einzutreten. In bedeutenden Städten
       wie Sevilla,  Cadiz, Sanlúcar  de Barrameda, Granada und Valencia
       saßen viele  von den  Internationalen, die sich Anti-Autoritarier
       nennen, auf  den kantonalen  Juntas, ohne andres Programm als das
       der Selbstherrlichkeit  der Provinz  oder des  Kantons. Dies  ist
       amtlich festgestellt  durch die von jenen Juntas veröffentlichten
       Proklamationen und  andere Dokumente, unter denen die Namen wohl-
       bekannter Internationalen von dieser Sorte figurieren.
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 327-471
       
       #491# Die Bakunisten an der Arbeit
       -----
       Ein so  schreiender Widerspruch zwischen der Theorie und der Pra-
       xis, zwischen  der Propaganda und der Tat würde wenig zu bedeuten
       haben, wenn  daraus irgendein Vorteil für unsre Assoziation hätte
       erwachsen können oder irgendein Fortschritt der Organisation uns-
       rer Kräfte, irgendeine Annäherung an die Erreichung unsres Haupt-
       zwecks, die  Emanzipation der Arbeiterklasse. Grade das Gegenteil
       ist geschehn,  wie dem  nicht anders  sein konnte.  Es fehlte die
       Grundbedingung, das tätige Zusammenwirken des spanischen Proleta-
       riats, das so leicht zu erzielen war, sobald man im Namen der In-
       ternationale handelte.  Es fehlte  die Übereinstimmung  unter den
       lokalen Föderationen;  die Bewegung  blieb der individuellen oder
       lokalen Initiative  überlassen, ohne  irgendwelche Leitung (außer
       derjenigen, die  ihr die  geheimnisvolle Allianz  etwa aufdrängen
       konnte, und diese Allianz beherrscht zu unsrer Schande noch immer
       die spanische  Internationale), ohne irgendwelches Programm außer
       dem unsrer natürlichen Feinde, der bürgerlichen Republikaner. Und
       so unterlag  die kantonale Bewegung in der schimpflichsten Weise,
       fast ohne  Widerstand; aber  in ihrem  Untergang riß sie mit sich
       das Prestige  und die Organisation der Internationale in Spanien.
       Es geschieht  kein Exzeß, kein Verbrechen, keine Gewalttätigkeit,
       die die  Republikaner nicht  heute  den  Internationalen  in  die
       Schuhe schieben;  es ist  sogar, wie  uns versichert wird, in Se-
       villa vorgekommen, daß während des Kampfes die Intransigenten auf
       ihre Verbündeten, die" (bakunistischen) "Internationalen geschos-
       sen haben.  Die Reaktion,  unsre Torheiten  geschickt  benutzend,
       hetzt die  Republikaner zur  Verfolgung gegen  uns und verleumdet
       uns bei  der großen  gleichgültigen Masse;  was sie  zur Zeit Sa-
       gastas nicht  fertigbringen konnte,  das scheint sie erreichen zu
       sollen: den  Namen Internationale bei der großen Masse der spani-
       schen Arbeiter in Verruf zu bringen.
       In Barcelona  haben sich eine Menge Arbeitersektionen von den In-
       ternationalen getrennt,  laut protestierend  gegen die  Leute von
       der Zeitschrift 'La Federacion'" (Hauptorgan der Bakunisten) "und
       ihre unerklärliche  Haltung. In  Jérez, Puerto de Santa Maria und
       andern Orten haben die Föderationen beschlossen, sich aufzulösen.
       In Loja  (Provinz Granada) sind die wenigen dort wohnenden Inter-
       nationalen von  der Bevölkerung  vertrieben worden. In Madrid, wo
       man  noch   der  größten   Freiheit  genießt,   gibt  die   alte"
       (bakunistische) "Föderation  nicht  das  mindeste  Lebenszeichen,
       während die unsrige gezwungen ist, sich untätig und schweigend zu
       verhalten, wenn  sie sich  nicht mit  fremder Schuld beladen sehn
       will. In den Städten des Nordens verhindert der täglich erbitter-
       ter geführte  Karlistenkrieg jede  Tätigkeit unsrerseits. Endlich
       in Valencia,  wo die Regierung nach fünfzehntägigem Kampfe Sieger
       blieb, müssen  die Internationalen,  die nicht flüchtig geworden,
       sich verbergen, und der Föderalrat ist vollständig aufgelöst."
       
       Soweit der  Madrider  Bericht.  Man  sieht,  daß  er  mit  obiger
       Geschichtserzählung vollständig übereinstimmt.
       Was ist nun das Resultat unsrer ganzen Untersuchung?
       1. Die  Bakunisten waren  gezwungen, sobald sie einer ernsthaften
       revolutionären Lage  gegenüberstanden, ihr ganzes bisheriges Pro-
       gramm über
       
       #492# Friedrich Engels
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       Bord zu werfen. Zuerst opferten sie die Lehre von der Pflicht der
       politischen und besonders der Wahlenthaltung. Dann folgte die An-
       archie, die Abschaffung des Staats; statt den Staat abzuschaffen,
       versuchten sie vielmehr eine Anzahl neuer, kleiner Staaten herzu-
       stellen. Dann  ließen sie  den Grundsatz fallen, daß die Arbeiter
       sich an  keiner Revolution  beteiligen dürften, die nicht die so-
       fortige vollständige  Emanzipation  des  Proletariats  zum  Zweck
       habe, und beteiligten sich an einer eingestandenermaßen rein bür-
       gerlichen Bewegung.  Endlich schlugen sie ihrem kaum erst prokla-
       mierten Glaubenssatz  ins Gesicht: daß die Errichtung einer revo-
       lutionären Regierung nur eine neue Prellerei und ein neuer Verrat
       an der  Arbeiterklasse sei-indem sie ganz gemütlich in den Regie-
       rungsausschüssen der  einzelnen Städte figurierten, und zwar fast
       überall als  ohnmächtige, von den Bourgeois überstimmte und poli-
       tisch exploitierte Minderzahl.
       2. Diese Verleugnung  der bisher  gepredigten Grundsätze  geschah
       aber in  der feigsten, verlogensten Weise und unter dem Druck des
       bösen Gewissens,  so daß weder die Bakunisten selbst noch die von
       ihnen geleiteten  Massen mit irgendeinem Programm in die Bewegung
       eintraten oder überhaupt wußten, was sie wollten. Was war die na-
       türliche Folge? Daß die Bakunisten entweder jede Bewegung verhin-
       derten, wie  in Barcelona;  oder daß sie in vereinzelte, planlose
       und blödsinnige  Aufstände hineingetrieben  wurden, wie  in Alcoy
       und Sanlúcar  de Barrameda;  oder aber,  daß die Leitung des Auf-
       stands den  intransigenten Bourgeois zufiel, wie in den allermei-
       sten Aufständen.  Das ultrarevolutionäre  Geschrei der Bakunisten
       verwirklichte sich  also, sobald  es zur Tat kam, entweder in Ab-
       wiegelei oder in von vornherein aussichtslosen Aufständen oder in
       dem Anschluß an eine bürgerliche Partei, die die Arbeiter schmäh-
       lichst politisch  ausbeutete und sie obendrein mit Fußtritten be-
       handelte.
       3. Von den  sogenannten 1*)  Prinzipien der  Anarchie, der freien
       Föderation unabhängiger Gruppen usw. bleibt nichts übrig als eine
       maß- und  sinnlose Zersplitterung der revolutionären Kampfmittel,
       die der Regierung erlaubte, mit einer Handvoll Truppen eine Stadt
       nach der andern fast ohne Widerstand zu unterwerfen.
       4. Das Ende  vom Lied war nicht nur, daß die gut organisierte und
       zahlreiche spanische Internationale - die falsche wie die wahre -
       in den  Sturz der  Intransigenten mitverwickelt  wurde und  heute
       faktisch aufgelöst  ist, sondern auch, daß ihr die Unzahl erdich-
       teter Exzesse aufgebürdet wird, ohne die der Philister aller Län-
       der sich nun einmal einen Arbeiteraufstand
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       1*) Im "Volksstaat" : großen
       
       #493# Die Bakunisten an der Arbeit
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       nicht denken kann, und daß dadurch die internationale Reorganisa-
       tion des  spanischen Proletariats vielleicht auf Jahre hinaus un-
       möglich gemacht ist.
       5. In einem Wort, die Bakunisten in Spanien haben uns ein unüber-
       treffliches Muster davon geliefert, wie man eine Revolution nicht
       machen muß.
       Geschrieben im September und Oktober 1873.
       Nach: "Internationales aus dem 'Volksstaat' (1871-75)",
       Berlin 1894.

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