Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Friedrich Engels
Die Bakunisten an der Arbeit
Denkschrift über den Aufstand in Spanien im Sommer 1873 [341]
I
Der soeben veröffentlichte Haager Kommissionsbericht über die ge-
heime Allianz Michail Bakunins *) [342] hat der Arbeiterwelt das
geheime Treiben, die Schurkereien und das hohle Phrasengeklingel
dargelegt, vermittelst dessen die proletarische Bewegung dem auf-
geblähten Ehrgeiz und den selbstischen Zwecken einiger verkannten
Genies dienstbar gemacht werden sollte. Inzwischen haben diese
Gerngroßmänner uns in Spanien Gelegenheit gegeben, auch ihre
praktische Revolutionstätigkeit kennenzulernen. Sehn wir, wie sie
ihre ultrarevolutionären Phrasen von Anarchie und Selbstherrlich-
keit, von Abschaffung aller Autorität, besonders der staatlichen,
von sofortiger und vollständiger Emanzipation der Arbeiter ver-
wirklichen. Wir sind dazu jetzt endlich imstande, da uns außer
den Zeitungsberichten über die Ereignisse in Spanien jetzt auch
der von der Neuen Madrider Föderation der Internationalen an den
Genfer Kongreß eingesandte Bericht vorliegt.
Es ist bekannt, daß in Spanien bei der Spaltung der Internationa-
len die Mitglieder der geheimen Allianz die Oberhand behielten ;
weitaus die größere Mehrzahl der spanischen Arbeiter hing ihnen
an. Als nun im Februar 1873 die Republik proklamiert wurde, kamen
die spanischen Allianzisten in eine sehr schwierige Lage. Spanien
ist ein in der Industrie so sehr zurückgebliebenes Land, daß dort
von einer sofortigen vollständigen Emanzipation der
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*) "L'Alliance de la Démocratie Socialiste", London 1873.
Deutsch: "Ein Komplott gegen die Internationale" 1*) (Buchhand-
lung des "Vorwärts").
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1*) Siehe vorl. Band, S. 327-471
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Arbeiterklasse noch gar nicht die Rede sein kann. Ehe es dahin
kommt, muß Spanien noch verschiedne Vorstufen der Entwicklung
durchmachen und eine ganze Reihe von Hindernissen aus dem Wege
räumen. Den Verlauf dieser Vorstufen in die kürzéstmögliche Zeit-
dauer zusammenzudrängen, diese Hindernisse rasch zu beseitigen -
dazu bot die Republik die Gelegenheit. Diese Gelegenheit konnte
aber nur benutzt werden durch tätiges politisches Eingreifen der
spanischen Arbeiterklasse. Dies fühlte die Masse der Arbeiter;
sie drang überall darauf, daß man sich an den Ereignissen be-
teilige, daß man die Gelegenheit zum Handeln benutze, statt, wie
bisher, den besitzenden Klassen das Feld für ihre Aktion und ihre
Intrigen frei zu lassen. Die Regierung schrieb die Wahlen aus zu
den konstituierenden Cortes; welche Stellung sollte die Interna-
tionale nehmen? Die Häupter der Bakunisten waren in der größten
Verlegenheit. Eine fortgesetzte politische Untätigkeit erschien
von Tag zu Tag lächerlicher und unmöglicher; die Arbeiter wollten
"Taten sehn". Andrerseits hatten die Allianzisten seit Jahren ge-
predigt, daß man an keiner Revolution sich beteiligen dürfe, die
nicht die sofortige volle Emanzipation der Arbeiterklasse zum
Ziel habe, daß die Vornahme irgendwelcher politischen Handlung
die Anerkennung des Staats, dieses Prinzips des Bösen, in sich
schließe und daß daher namentlich die Teilnahme an irgendwelcher
Wahl ein todeswürdiges Verbrechen sei. Wie sie sich aus dieser
Klemme zogen, lehrt der angeführte Madrider Bericht:
"Dieselben Leute, welche den Haager Beschluß über die politische
Haltung der Arbeiterklasse verwarfen und die Statuten der Asso-
ziation mit Füßen traten und damit den Zwiespalt, den Kampf und
die Unordnung in die spanische Internationale einführten; diesel-
ben Leute, die die Schamlosigkeit hatten, uns in den Augen der
Arbeiter als ehrgeizige Stellenjäger darzustellen, welche unter
dem Vorwand, die Arbeiterklasse zur Herrschaft zu bringen, sich
selbst die Herrschaft erobern wollten; dieselben Leute, die sich
autonome, anarchistische Revolutionäre usw. nennen, haben sich
bei dieser Gelegenheit mit Eifer darauf geworfen, in Politik zu
machen, aber in der allerschlimmsten, in der Bourgeoispolitik.
Sie haben nicht dafür gearbeitet, der Arbeiterklasse die politi-
sche Macht zu verschaffen - diese Idee verabscheuen sie im Gegen-
teil -, sondern einem Bruchteil der Bourgeoisie ans Ruder zu ver-
helfen, der aus Abenteurern, Ehrgeizigen und Stellenjägern be-
steht, und sich intransigente (unversöhnliche) Republikaner
nennt.
Schon am Vorabend der allgemeinen Wahlen für die Konstituante
verlangten die Arbeiter von Barcelona, Alcoy und andren Orten zu
wissen, welche Politik die Arbeiter zu befolgen hätten, sowohl im
parlamentarischen Kampfe wie in jedem andren. Es wurden deswegen
zwei große Versammlungen abgehalten, die eine in Barcelona, die
andre in Alcoy; auf beiden stemmten sich die Allianzisten mit al-
len Kräften
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dagegen, daß man die von der Internationale" (der ihrigen nota
bene 1*)) "zu beobachtende politische Haltung feststelle. Man be-
schloß also, daß die Internationale als Assoziation durchaus
keine politische Tätigkeit auszuüben habe, daß aber die Interna-
tionalen, jeder für sich, handeln möchten, wie sie wollten, und
sich jeder ihnen gutdünkenden Partei anschließen könnten, kraft
ihrer famosen Selbstherrlichkeit! Und was war die Folge der An-
wendung einer so abgeschmackten Lehre? Daß die große Masse der
Internationalen, mit Einschluß der Anarchisten, sich an den Wah-
len beteiligte, ohne Programm, ohne Fahne, ohne eigne Kandidaten,
und so dazu beitrugen, daß fast ausschließlich Bourgeois-
republikaner gewählt wurden. Nur zwei oder drei Arbeiter kamen in
die Kammer, Leute, die absolut nichts repräsentieren, die nicht
ein einziges Mal die Stimme erhoben haben zur Verteidigung der
Interessen unsrer Klasse und die ganz gemütlich für alle von der
Majorität vorgelegten reaktionären Vorschläge stimmen."
Das kommt von der bakunistischen "Enthaltung von der Politik". In
ruhigen Zeiten, wo das Proletariat von vornherein weiß, daß es
doch höchstens einige wenige Vertreter ins Parlament bringt und
daß ihm die Erlangung einer parlamentarischen Majorität gänzlich
abgeschnitten ist, mag es hie und da gelingen, die Arbeiter glau-
ben zu machen, es sei eine große revolutionäre Handlung, bei den
Wahlen zu Hause zu bleiben und überhaupt statt des Staats, in dem
man lebt und der uns bedrückt, den Staat als solchen anzugreifen,
den Staat im allgemeinen, der nirgends existiert und der sich
also auch nicht wehren kann. Es ist das namentlich eine prächtige
Art, revolutionär zu tun, für Leute, denen das Herz leicht in die
Hosen fällt; und wie sehr die Führer der spanischen Allianzisten
zu dieser Sorte gehören, weist die anfangs angeführte Schrift
über die Allianz im einzelnen nach.
Sobald aber die Ereignisse selbst das Proletariat in den Vorder-
grund drängen, wird die Enthaltung eine handgreifliche Abge-
schmacktheit, das tätige Eingreifen der Arbeiterklasse eine unab-
weisbare Notwendigkeit. Und dies war in Spanien der Fall. Die Ab-
dankung Amadeos hatte die radikalen Monarchisten [343] von der
Macht und von der Möglichkeit verdrängt, so bald wieder zur Macht
zu kommen; die Alfonsisten [344] waren vorderhand noch unmögli-
cher; die Karlisten [345] zogen, wie fast immer, den Bürgerkrieg
dem Wahlkampf vor. Alle diese Parteien enthielten sich nach spa-
nischer Sitte; es nahmen an den Wahlen teil nur die in zwei Flü-
gel gespaltenen bundesstaatlichen Republikaner und die Masse der
Arbeiter. Bei dem gewaltigen Zauber, den der Name der Internatio-
nale damals noch auf die spanischen Arbeiter ausübte, bei der da-
mals wenigstens praktisch noch bestehenden vortrefflichen Organi-
sation ihres spanischen Zweigs war es sicher,
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1*) wohlgemerkt
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daß in den katatonischen Fabrikdistrikten, in Valencia, in den
andalusischen Städten usw. jede von der Internationale aufge-
stellte und getragene Kandidatur glänzend durchging und daß si-
cher eine Minorität in die Cortes kam, stark genug, um zwischen
den beiden Flügeln der Republikaner bei jeder Abstimmung den Aus-
schlag zu geben. Die Arbeiter fühlten dies, sie fühlten, daß
jetzt die Zeit gekommen sei, ihre damals noch mächtige Organi-
sation in Bewegung zu setzen. Aber die Herren Führer aus der ba-
kunistischen Schule hatten so lange das Evangelium von der unbe-
dingten Enthaltung gepredigt, daß sie nicht plötzlich umkehren
konnten; und so erfanden sie jenen jammervollen Ausweg, die In-
ternationale als Ganzes sich enthalten, aber ihre Mitglieder als
einzelne nach Belieben stimmen zu lassen. Die Folge dieser poli-
tischen Bankerotterklärung war, daß die Arbeiter, wie immer im
gleichen Fall, für die am radikalsten tuenden Leute stimmten -
für die Intransigenten, und dadurch mehr oder minder für die
spätem Schritte ihrer Gewählten sich mitverantwortlich hielten
und in sie mitverwickelt wurden.
II
Die Allianzisten konnten unmöglich in der lächerlichen Lage ver-
harren, in die sie sich durch ihre schlaue Wahlpolitik versetzt
hatten; sonst war es zu Ende mit ihrer bisherigen Herrschaft über
die spanische Internationale. Sie mußten wenigstens zum Schein
handeln. Was sie retten sollte, war - der allgemeine Strike.
Der allgemeine Strike ist im bakunistischen Programm der Hebel,
der zur Einleitung der sozialen Revolution angesetzt wird. Eines
schönen Morgens legen alle Arbeiter aller Gewerke eines Landes
oder gar der ganzen Welt die Arbeit nieder und zwingen dadurch in
längstens vier Wochen die besitzenden Klassen, entweder zu Kreuz
zu kriechen oder auf die Arbeiter loszuschlagen, so daß diese
dann das Recht haben, sich zu verteidigen und bei dieser Gelegen-
heit die ganze alte Gesellschaft über den Haufen zu werfen. Der
Vorschlag ist weit entfernt davon, neu zu sein; französische und
nach ihnen belgische Sozialisten haben seit 1848 dies Paradepferd
stark geritten, das aber ursprünglich englischer Race ist. Wäh-
rend der auf die Krise von 1837 folgenden raschen und heftigen
Entwicklung des Chartismus [229] unter den englischen Arbeitern
war schon 1839 der "heilige Monat" gepredigt worden, die Arbeits-
einstellung auf nationalem Maßstab (siehe Engels, "Lage der ar-
beitenden Klasse", zweite Auflage, Seite 23413461), und hatte
solchen Anklang gefunden, daß die Fabrikarbeiter von Nordengland
#480# Friedrich Engels
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im Juli 1842 die Sache auszuführen versuchten. - Auch auf dem
Genfer Allianzistenkongreß [347] vom 1. September 1873 spielte
der allgemeine Strike eine große Rolle, nur wurde allseitig zuge-
geben, daß dazu eine vollständige Organisation der Arbeiterklasse
und eine gefüllte Kasse nötig sei. Und darin liegt eben der Ha-
ken. Einerseits werden die Regierungen, besonders wenn man sie
durch politische Enthaltung ermutigt, weder die Organisation noch
die Kasse der Arbeiter je so weit kommen lassen; und andrerseits
werden die politischen Ereignisse und die Übergriffe der herr-
schenden Klassen die Befreiung der Arbeiter zuwege bringen, lange
bevor das Proletariat dazu kommt, sich diese ideale Organisation
und diesen kolossalen Reservefonds anzuschaffen. Hätte es sie
aber, so brauchte es nicht den Umweg des allgemeinen Strikes, um
zum Ziele zu gelangen.
Für jeden, der das geheime Getriebe der Allianz einigermaßen
kennt, kann es nicht zweifelhaft sein, daß der Vorschlag zur An-
wendung dieses probaten Mittels vom Schweizer Zentrum ausging.
Genug, die spanischen Führer fanden hier einen Ausweg, um etwas
zu tun, ohne direkt "politisch" zu werden, und gingen mit Freuden
darauf ein. Die Wunderwirkungen des allgemeinen Strikes wurden
überall gepredigt, man bereitete sich darauf vor, in Barcelona
und in Alcoy damit den Anfang zu machen.
Inzwischen näherten sich die politischen Verhältnisse mehr und
mehr einer Krisis. Die alten Großsprecher der bundesstaatlichen
Republikaner, Castelar und Konsorten, erschraken vor der Bewe-
gung, die ihnen über den Kopf wuchs; sie mußten die Gewalt an Pí
y Margall abtreten, der einen Kompromiß mit den Intransigenten
versuchte. Pí war unter den offiziellen Republikanern der einzige
Sozialist, der einzige, der die Notwendigkeit einsah, die Repu-
blik auf die Arbeiter zu stützen. Er legte auch alsbald ein Pro-
gramm sofort ausführbarer Maßregeln sozialer Natur vor, die nicht
nur den Arbeitern unmittelbar vorteilhaft sein, sondern auch in
ihren Folgen zu weitern Schritten treiben und so die soziale Re-
volution wenigstens in Gang bringen mußten. Aber die bakunisti-
schen Internationalen, die selbst die revolutionärste Maßregel
zurückzuweisen verpflichtet sind, sobald sie vom "Staat" ausgeht,
unterstützten lieber die tollsten Schwindler unter den Intransi-
genten als einen Minister. Pis Verhandlungen mit den Intransigen-
ten zogen sich in die Länge; die Intransigenten wurden ungedul-
dig; die hitzigsten unter ihnen fingen an, in Andalusien den kan-
tonalen Aufstand ins Werk zu setzen. Jetzt mußten die Führer der
Allianz ebenfalls losschlagen, wenn sie nicht im Schlepptau der
intransigenten Bourgeois bleiben wollten. Der allgemeine Strike
wurde also befohlen.
In Barcelona wurde jetzt unter anderm ein Maueranschlag erlassen:
#481# Die Bakunisten an der Arbeit
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"Arbeiter! Wir machen einen allgemeinen Strike, um den tiefen Ab-
scheu zu zeigen, den wir empfinden, wenn wir sehn, wie die Regie-
rung das Heer zur Bekämpfung unserer arbeitenden Brüder verwen-
det, dabei aber den Krieg gegen die Karlisten vernachlässigt"
usw.
Die Arbeiter von Barcelona, der größten Fabrikstadt Spaniens, de-
ren Geschiebte mehr Barrikadenschlachten aufzuweisen hat als ir-
gendeine andere Stadt der Welt, wurden also aufgefordert, der be-
waffneten Regierungsgewalt nicht ebenfalls mit den in ihren Hän-
den befindlichen Waffen entgegenzutreten, sondern - mit einer
allgemeinen Arbeitseinstellung, mit einer Maßregel, die nur die
einzelnen Bourgeois direkt berührt, nicht aber ihren Gesamtver-
treter, die Staatsmacht! Die Barceloneser Arbeiter hatten in der
tatlosen Friedenszeit den gewaltsamen Phrasen zahmer Leute wie
Alerini, Farga Pellicer und Viñas zuhören können; als es zum Han-
deln kam, als Alerini, Farga Pellicer und Viñas erst ihr famoses
Wahlprogramm erließen, dann fortwährend abwiegelten und endlich,
statt zu den Waffen zu rufen, den allgemeinen Strike erklärten,
wurden sie den Arbeitern geradezu verächtlich. Der schwächste In-
transigent zeigte immer noch mehr Energie als der stärkste Alli-
anzist. Die Allianz und die von ihr genasführte Internationale
verlor allen Einfluß, und als der allgemeine Strike von diesen
Herren proklamiert wurde unter dem Vorwand, damit die Regierung
lahmzulegen, lachten die Arbeiter sie einfach aus. Aber das we-
nigstens hatte die Tätigkeit der falschen Internationale noch
fertiggebracht, Barcelona von der Teilnahme am kantonalen Auf-
stand abzuhalten; und Barcelona war die einzige Stadt, deren Bei-
tritt zur Bewegung dem überall stark in ihr vertretenen Arbeiter-
element einen festen Rückhalt und damit die Aussicht geben
konnte, sich schließlich der ganzen Bewegung zu bemächtigen. Und
ferner war mit dem Beitritt von Barcelona der Sieg so gut wie
entschieden. Aber Barcelona rührte keinen Finger; die Barcelone-
ser Arbeiter, über die Intransigenten im klaren, von den Allian-
zisten geprellt, blieben untätig und sicherten dadurch den endli-
chen Sieg der Madrider Regierung. Was alles die Allianzisten Ale-
rini und Brousse (Näheres über sie enthält der Bericht über die
Allianz 1*)) nicht abhielt, in ihrem Blatt, der "Solidarité révo-
lutionnaire", zu erklären:
"Die revolutionäre Bewegung verbreitet sich wie ein Lauffeuer
über die ganze Halbinsel... in Barcelona ist noch nichts ge-
schehn, aber auf dem öffentlichen Platze ist die Revolution in
Permanenz!"
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1*) Siehe vorl. Band, S. 327-471
#482# Friedrich Engels
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Es war aber die Revolution der Allianzisten, die im Halten von
Pauken besteht und ebendeshalb "permanent" nicht vom "Platze"
kommt.
In Alcoy war gleichzeitig der allgemeine Strike auf die Tagesord-
nung gesetzt. Alcoy ist eine Fabrikstadt neueren Datums, von
jetzt vielleicht 30 000 Einwohnern, in der die Internationale, in
bakunistischer Form, erst seit einem Jahre Eingang und sehr ra-
sche Verbreitung gefunden hat. Der Sozialismus war diesen bisher
der Bewegung ganz fremden Arbeitern in jeder Form willkommen,
ganz wie sich dies in Deutschland hie und da in zurückgebliebnen
Orten wiederholt, wo der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein [68]
plötzlich einen großen augenblicklichen Anhang bekommt. Alcoy war
daher zum Sitz der bakunistischen Föderalkommission für Spanien
erkoren, und grade diese Föderalkommission werden wir hier an der
Arbeit sehn.
Am 7. Juli beschließt eine Arbeiterversammlung den allgemeinen
Strike und sendet am folgenden Tag eine Deputation zum Alkalden
(Bürgermeister) mit der Aufforderung, die Fabrikanten binnen 24
Stunden zusammenzuberufen und ihnen die Forderungen der Arbeiter
vorzulegen. Der Alkalde Albors, ein Bourgeoisrepublikaner, hält
die Arbeiter hin, bestellt Truppen in Alicante und rät den Fabri-
kanten, nicht nachzugeben, sondern sich in ihren Häusern zu ver-
barrikadieren. Er selbst werde an seinem Posten sein. Nachdem er
eine Zusammenkunft mit den Fabrikanten gehabt - wir folgen hier
dem offiziellen Bericht der allianzistischen Föderalkommission,
datiert 14. Juli 1873 [348] - erläßt er, der anfangs den Arbei-
tern Neutralität versprochen, eine Proklamation, worin er "die
Arbeiter beleidigt und verleumdet, Partei für die Fabrikanten
nimmt und so das Recht und die Freiheit der Strikenden vernichtet
und sie zum Kampf herausfordert". Wie die frommen Wünsche eines
Bürgermeisters das Recht und die Freiheit der Strikenden vernich-
ten können, bleibt jedenfalls unklar. Genug, die von der Allianz
geleiteten Arbeiter ließen dem Stadtrat durch eine Kommission er-
klären, wenn er die versprochene Neutralität im Strike nicht auf-
rechtzuhalten gesonnen sei, so solle er, um einen Konflikt zu
vermeiden, lieber abdanken. Die Kommission wurde abgewiesen, und
als sie das Rathaus verließ, feuerten Polizisten auf das Volk,
das friedlich und unbewaffnet auf dem Platze stand. Dies der Be-
ginn des Kampfs nach dem allianzistischen Bericht. Das Volk be-
waffnete sich, der Kampf begann, der "zwanzig Stunden" gedauert
haben soll. Auf der einen Seite die Arbeiter, die die "Solidarité
révolutionnaire" auf 5000 angibt, auf der andern Seite 32 Gens-
darmen im Rathaus und einige Bewaffnete in vier oder fünf Häusern
am Markt, welche Häuser auf gut preußisch vom Volke niederge-
brannt
#483# Die Bakunisten an der Arbeit
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wurden. Endlich ging den Gensdarmen die Munition aus, sie mußten
kapitulieren.
"Man würde weniger Unfälle zu beklagen haben", sagt der allianzi-
stische Kommissionsbericht, "wenn nicht der Alkalde Albors das
Volk getäuscht hätte, indem er sich zu ergeben vorgab und dann
feigerweise diejenigen ermorden ließ, die, gestützt auf sein
Wort, ins Rathaus eindrangen; und dieser selbe Alkalde wäre nicht
von der mit Recht entrüsteten Bevölkerung getötet worden, wenn er
nicht auf die ihn Verhaftenden in nächster Nähe seinen Revolver
abgefeuert hätte."
Und was waren die Opfer dieses Kampfes?
"Wenn wir die Anzahl der Toten und Verwundeten" (auf Seiten des
Volks) "nicht genau berechnen können, so können wir doch sagen,
daß ihrer nicht unter - zehn sind. Auf seiten der Herausforderer
zählt man nicht weniger als fünfzehn Tote und Verwundete."
Dies war die erste Straßenschlacht der Allianz. Während zwanzig
Stunden schlug man sich, 5000 Mann stark 1*), gegen 32 Gensdarmen
und einige bewaffnete Bourgeois, besiegte sie, nachdem sie ihre
Munition verschossen, und verlor im ganzen zehn Mann. Wohl mag
die Allianz ihren Eingeweihten den Spruch Falstaffs einpauken,
daß "Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit ist" [349].
Es versteht sich, daß alle die Schreckensnachrichten der Bour-
geoisblätter von zwecklos niedergebrannten Fabriken, massenweise
erschossenen Gensdarmen, von mit Petroleum übergossenen und ange-
zündeten Menschen reine Erfindungen sind. Die siegreichen Arbei-
ter, selbst wenn die Allianzisten sie führen, deren Motto ist:
"Es muß Allens verrungeniert werden", gehn immer viel zu großmü-
tig mit ihren besiegten Gegnern um, und diese dichten ihnen daher
alle die Schandtaten an, die sie im Falle des Sieges zu begehn
nie unterlassen.
Also der Sieg war errungen.
"In Alcoy", jubelt die "Solidarité révolutionnaire", "sind unsere
Freunde, 5000 an der Zahl, Herren der Situation geworden."
Und was machten die "Herren" aus ihrer "Situation"?
Hier läßt uns der allianzistische Bericht und das allianzistische
Journal vollständig im Stich; wir sind auf die gewöhnlichen Zei-
tungsberichte angewiesen. Aus diesen erfahren wir, daß in Alcoy
nunmehr ein "Wohlfahrtsausschuß" errichtet wurde, d.h. eine revo-
lutionäre Regierung. Nun hatten, zwar die Allianzisten auf ihrem
Kongreß zu Saint-Imier in der Schweiz,
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1*) Im "Volksstaat" fehlt: 5000 Mann stark
#484# Friedrich Engels
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am 15. Sept. 1872 [200], beschlossen, "daß jede Organisation ei-
ner politischen, sogenannten provisorischen oder revolutionären
Gewalt nur eine neue Prellerei sein kann und für das Proletariat
ebenso gefährlich sein würde wie alle jetzt bestehenden Regierun-
gen". Auch hatten die Mitglieder der zu Alcoy sitzenden spani-
schen Föderalkommission ihr Bestes getan, daß der Kongreß der
spanischen Internationale diesen Beschluß zum seinigen machte.
Trotz alledem finden wir, daß Severino Albarracin, Mitglied die-
ser Kommission, und nach einigen Berichten auch Francisco Tomas,
ihr Sekretär, Mitglieder dieser provisorischen und revolutionären
Regierungsgewalt, des Wohlfahrtsausschusses von Alcoy, waren!
Und was tat dieser Wohlfahrtsausschuß? Welches waren seine Maßre-
geln, um "die sofortige volle Emanzipation der Arbeiter"
durchzusetzen? Er verbot allen Männern, die Stadt zu verlassen,
während dies den Frauen erlaubt blieb, falls sie - Pässe hätten!
Die Gegner der Autorität führen die Pässe wieder ein! Im übrigen
absolute Rat-, Tat- und Hülflosigkeit.
Inzwischen rückte General Velarde mit Truppen von Alicante an.
Die Regierung hatte alle Ursache, die Lokalaufstände der Provin-
zen in aller Stille beizulegen. Und die "Herren der Situation"
von Alcoy hatten alle Ursache, sich aus einer Situation zu ziehn,
aus der sie nichts zu machen wußten. Der Deputierte Cervera, der
den Vermittler machte, hatte also leichtes Spiel. Der Wohlfahrts-
ausschuß dankte ab, die Truppen rückten am 12. Juli ohne Wider-
stand ein, und die einzige Gegenversprechung, die dem Wohlfahrts-
ausschuß gemacht wurde, war - allgemeine Amnestie. Die allianzi-
stischen "Herren der Situation" waren wieder einmal glücklich aus
der Klemme. Und damit endete das Abenteuer von Alcoy.
In Sanlúcar de Barrameda bei Cádiz, erzählt uns der allianzisti-
sche Bericht,
"schließt der Alkalde das Lokal der Internationale und fordert
durch seine Drohungen und durch seine unaufhörlichen Angriffe ge-
gen die persönlichen Rechte der Bürger den Zorn der Arbeiter her-
aus. Eine Kommission reklamiert vom Minister die Anerkennung des
Rechts und die Wiedereröffnung des willkürlich geschlossenen Lo-
kals. Herr Pí bewilligt dies im Prinzip... verweigert es aber in
der Wirklichkeit; die Arbeiter finden, daß die Regierung ihre As-
soziation planmäßig in die Acht erklären will; sie setzen die Lo-
kalbehörden ab und ernennen andere an ihrer Stelle, die das Lokal
der Assoziation wieder öffnen."
"In Sanlúcar... beherrscht das Volk die Situation!" triumphiert
die "Solidarité révolutionnaire". Die Allianzisten, die auch
hier, ganz gegen ihre anarchischen Grundsätze, eine revolutionäre
Regierung gebildet, wußten
#485# Die Bakunisten an der Arbeit
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mit ihrer Herrschaft nichts anzufangen. Sie verloren die Zeit
mit-leeren Debatten und papiernen Beschlüssen, und als General
Pavía Sevilla und Cádiz genommen hatte, schickte er einige Kompa-
nien der Brigade Soria, am 5. August, nach Sanlúcar und fand -
keinen Widerstand.
Dies sind die Heldentaten der Allianz, da, wo sie ohne jede Kon-
kurrenz auftrat.
III
Unmittelbar nach dem Straßenkampf von Alcoy erhoben sich die In-
transigenten in Andalusien. Noch war Pí y Margall am Ruder und in
steter Verhandlung mit den Chefs dieser Partei, um aus ihnen ein
Ministerium zu bilden; warum also losschlagen, ehe die Verhand-
lungen gescheitert? Der Grund dieser Übereilung ist nie ganz
klargeworden; soviel aber ist sicher, daß den Herren Intransigen-
ten es vor allen Dingen um schnellstmögliche praktische Durchfüh-
rung der bundesstaatlichen Republik zu tun war, damit sie in den
Besitz der Macht und der vielen neu zu schaffenden Regierungs-
posten in den einzelnen Kantonen kämen. Die Cortes in Madrid zö-
gerten zu lange mit der Zerschlagung Spaniens; man mußte also
selbst Hand anlegen und überall souveräne Kantone ausrufen. Die
bisherige Haltung der (bakunistischen) Internationale, die in die
intransigentistischen Händel seit den Wahlen tief verwickelt war,
ließ auf deren Mitwirkung rechnen; hatten sie doch eben von Alcoy
gewaltsamen Besitz genommen und waren also im offenen Kampf mit
der Regierung! Dazu kam, daß die Bakunisten seit Jahren gepredigt
hatten, jede revolutionäre Aktion von oben nach unten sei ver-
derblich, alles müsse von unten nach oben organisiert und durch-
gesetzt werden. Und jetzt bot sich die Gelegenheit, das berühmte
Prinzip der Selbstherrlichkeit, wenigstens für die einzelnen
Städte, von unten nach oben durchzusetzen! Es war nicht anders
möglich: Die bakunistischen Arbeiter gingen auf den Leim und hol-
ten den Intransigenten die Kastanien aus dem Feuer, um nachher
von diesen ihren Bundesgenossen, wie immer, mit Fußtritten und
Flintenkugeln abgelohnt zu werden.
Was war nun die Stellung der bakunistischen Internationalen in
dieser ganzen Bewegung? Sie hatten ihr den Charakter der födera-
listischen Zersplitterung geben helfen, sie hatten ihr Ideal der
Anarchie, soweit es möglich war, verwirklicht. Dieselben Bakuni-
sten, die in Córdoba wenige Monate vorher die Errichtung revolu-
tionärer Regierungen für Verrat und Prellerei der Arbeiter er-
klärt hatten, sie saßen jetzt in allen revolutionären städtischen
Regierungen Andalusiens - aber überall in der Minderzahl, so daß
die
#486# Friedrich Engels
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Intransigenten tun konnten, was sie wollten. Während diese letz-
tern die politische und militärische Leitung behielten, wurden
die Arbeiter mit pomphaften Redensarten abgefertigt oder mit an-
geblichen sozialen Reformbeschlüssen von der rohesten und sinnlo-
sesten Art, die zudem nur eine papierne Existenz hatten. Sobald
die bakunistischen Führer wirkliche Zugeständnisse verlangten,
wurden sie schnöde abgewiesen. Den englischen Zeitungskorrespon-
denten gegenüber hatten die intransigenten Leiter der Bewegung
nichts Wichtigeres zu tun, als jeden Zusammenhang mit diesen so-
genannten Internationalen und jede Verantwortlichkeit für sie
abzulehnen und zu erklären, daß sie deren Chefs sowie alle anwe-
senden Pariser Kommuneflüchtlinge unter schärfster Polizeiauf-
sicht hielten. Endlich, wie wir sehn werden, in Sevilla, schössen
die Intransigenten, während des Kampfes gegen die Regierungstrup-
pen, auch auf ihre bakunistischen Bundesgenossen. 1*)
So kam es, daß in wenigen Tagen ganz Andalusien in den Händen der
bewaffneten Intransigenten war. Sevilla, Malaga, Granada, Cádiz
usw. fielen ihnen fast ohne Widerstand in die Hände. Jede Stadt
erklärte sich für einen souveränen Kanton und setzte einen revo-
lutionären Regierungsausschuß (Junta) ein. Murcia, Cartagena, Va-
lencia folgten. In Salamanca wurde ein ähnlicher Versuch, doch
mehr friedlicher Natur, gemacht. Es waren also die meisten großen
Städte Spaniens im Besitz der Insurgenten, mit Ausnahme der
Hauptstadt Madrid, einer reinen Luxusstadt, die fast nie ent-
scheidend eingreift, und Barcelonas. Hätte Barcelona losgeschla-
gen, so war der Enderfolg fast gewiß und daneben dem Arbeiterele-
ment in der Bewegung ein mächtiger Rückhalt gesichert. Aber wir
haben gesehn, daß die Intransigenten in Barcelona ziemlich ohn-
mächtig waren, während die zu jener Zeit dort noch sehr mächtigen
bakunistischen Internationalen den allgemeinen Strike zum Vorwand
nahmen, um abzuwiegeln. Barcelona war also diesmal nicht auf sei-
nem Posten.
Trotzdem hatte der, wenn auch hirnlos eingeleitete, Aufstand im-
mer noch große Aussicht auf Erfolg, wäre er nur mit einigem Ver-
stand geleitet worden, selbst nur nach der Weise der spanischen
Militärrevolten, wo die Garnison einer Stadt sich erhebt, zur
nächsten zieht, die schon vorher bearbeitete Garnison dieser
Stadt mit sich fortreißt und lawinenartig anschwellend gegen die
Hauptstadt vordringt, bis ein glückliches Gefecht oder der Über-
tritt der gegen sie gesandten Truppen den Sieg entscheidet. Diese
Methode war diesmal ganz besonders anwendbar. Die Insurgenten wa-
ren
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1*) Im "Volksstaat" stehen die folgenden drei Absätze am Schluß
von Abschnitt III
#487# Die Bakunisten an der Arbeit
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überall seit längerer Zeit in Freiwilligenbataillone organisiert,
deren Disziplin zwar erbärmlich war, aber sicher nicht erbärmli-
cher als die der Reste der alten, größtenteils auseinandergegang-
nen spanischen Armee. Die einzig zuverlässigen Truppen der Regie-
rung waren die Gensdarmen (guardias civiles), und diese waren
über das ganze Land zerstreut. Es kam vor allem darauf an, die
Zusammenziehung der Gensdarmen zu verhindern, und dies konnte nur
geschehn, indem man angriffsweise verfuhr und sich aufs offne
Feld wagte; viel Gefahr war nicht dabei, da die Regierung den
Freiwilligen nur ebenso undisziplinierte Truppen entgegenstellen
konnte, wie sie selbst waren. Und wollte man siegen, so gab's
kein andres Mittel.
Aber nein. Die Bundesstaatlichkeit der Intransigenten und ihres
bakunistischen Schwanzes bestand grade darin, daß jede Stadt auf
eigne Faust handelte, nicht das Zusammenwirken mit den andern
Städten, sondern die Trennung von ihnen für die Hauptsache er-
klärte und damit jede Möglichkeit eines allgemeinen Angriffs ab-
schnitt. Was im deutschen Bauernkrieg und in den deutschen Auf-
ständen vom Mai 1849 ein unvermeidliches Übel war - die Zersplit-
terung und Vereinzelung der revolutionären Kräfte, die denselben
Regierungstruppen erlaubte, einen Aufstand nach dem andern nie-
derzuschlagen [350], - das wurde hier als Prinzip der höchsten
revolutionären Weisheit proklamiert. Diese Genugtuung hat Bakunin
erlebt. Er hatte schon im September 1870 ("Lettres à un
Français") erklärt, das einzige Mittel, durch einen Revolutions-
kampf die Preußen aus Frankreich zu werfen, bestehe darin, alle
zentralisierte Leitung abzuschaffen und es jeder Stadt, jedem
Dorf, jeder Gemeinde zu überlassen, den Krieg auf eigne Faust zu
führen. Wenn man so dem einheitlich geführten preußischen Heere
die Entfesselung der revolutionären Leidenschaften entgegensetze,
so sei der Sieg gewiß. Dem endlich wieder einmal sich selbst
überlassenen Gesamtverstande des französischen Volkes gegenüber
müsse der Einzelverstand Moltkes natürlich verschwinden. Die
Franzosen wollten dies damals nicht einsehn; aber in Spanien hat
Bakunin einen glänzenden Triumph gefeiert, wie wir gesehn haben
und noch weiter sehn werden.
Inzwischen hatte diese ohne jeden Vorwand aus der Pistole ge-
schossene Erhebung es Pí y Margall unmöglich gemacht, weiter mit
den Intransigenten zu verhandeln. Er mußte abtreten; an seiner
Stelle kamen die reinen Republikaner von der Sorte Castelars ans
Ruder, Bourgeois ohne Verhüllung, deren erstes Ziel war, der frü-
her von ihnen benutzten, aber jetzt für sie hinderlichen Arbei-
terbewegung den Garaus zu machen. Eine Division wurde unter Gene-
ral Pavía gegen Andalusien, eine zweite unter Campos
#488# Friedrich Engels
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gegen Valencia und Cartagena zusammengezogen. Den Kern bildeten
die aus ganz Spanien versammelten Gensdarmen, lauter alte Solda-
ten, deren Disziplin noch unerschüttert war. Wie bei den Angrif-
fen der Versailler Armee gegen Paris sollten die Gensdarmen auch
hier den demoralisierten Linientruppen festen Halt geben und
überall die Spitzen der Angriffskolonnen bilden, eine Aufgabe,
die sie in beiden Fällen nach Kräften erfüllten. Außer ihnen er-
hielten die Divisionen noch einige zusammengeschmolzene Linienre-
gimenter, so daß jede von ihnen ungefähr 3000 Mann zählte. Dies
war alles, was die Regierung gegen die Insurgenten aufzustellen
vermochte.
General Pavía setzte sich gegen den 20. Juli in Bewegung. Am 24.
wurde Córdoba von einer Abteilung Gensdarmen und Linie unter Ri-
poll besetzt. Am 29. griff Pavía das verbarrikadierte Sevilla an,
das am 30. oder 31. - die Telegramme lassen diese Daten oft unge-
wiß - in seine Hände fiel. Er ließ eine fliegende Kolonne zur Un-
terwerfung der Umgegend zurück und zog gegen Cádiz, dessen Ver-
teidiger nur den Zugang zur Stadt, und auch diesen nur schwach,
verteidigten, dann aber sich ohne Widersland am 4. August ent-
waffnen ließen. In den folgenden Tagen entwaffnete er, ebenfalls
ohne Widerstand, Sanlúcar de Barrameda, San Roque, Tarifa, Alge-
ciras und eine Menge andrer kleiner Städte, deren jede sich als
souveräner Kanton konstituiert hatte. Gleichzeitig sandte er Ko-
lonnen gegen Malaga, das am 3., und Granada, das am 8. August
ohne Widerstand kapitulierte, so daß am 10. August, nach noch
nicht 14 Tagen, und fast ohne Kampf, ganz Andalusien unterworfen
war.
Am 26. Juli eröffnete Martinez Campos den Angriff gegen Valencia.
Hier war der Aufstand von den Arbeitern ausgegangen. Bei der
Spaltung der spanischen Internationale hatten in Valencia die
wirklichen Internationalen die Mehrzahl für sich ; und der neue
Spanische Föderalrat wurde nach dieser Stadt verlegt. Bald nach
Proklamierung der Republik, als revolutionäre Kämpfe in Aussicht
standen, boten die bakunistischen Valencianer Arbeiter, der unter
ultrarevolutionären Phrasen sich verhüllenden Abwiegelei der Bar-
celoneser Führer mißtrauend, den wirklichen Internationalen an,
in allen lokalen Bewegungen mit ihnen zusammenzugehen. Als die
kantonale Bewegung ausbrach, schlugen beide, die Intransigenten
benutzend, sofort los und vertrieben die Truppen. Wie die Junta
von Valencia zusammengesetzt war, ist nicht bekannt geworden; aus
den Berichten der englischen Zeitungskorrespondenten geht jedoch
hervor, daß in ihr wie in den Valencianer Freiwilligen die Arbei-
ter entschieden vorherrschten. Dieselben Korrespondenten sprachen
von den Valencianer Insurgenten mit einem Respekt, den
#489# Die Bakunisten an der Arbeit
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sie weit entfernt sind, den andern vorherrschend intransigenten
Aufständischen zu widmen; sie rühmten ihre Mannszucht, die in der
Stadt herrschende Ordnung und prophezeiten einen langen Wider-
stand und harten Kampf. Sie täuschten sich nicht. Valencia, eine
offene Stadt, hielt aus gegen die Angriffe der Division Campos
vom 26. Juli bis zum 8. August, also länger als ganz Andalusien
zusammengenommen.
In der Provinz Murcia war die gleichnamige Hauptstadt ohne Wider-
stand besetzt worden; nach dem Fall Valencias zog Campos gegen
Cartagena, eine der stärksten Festungen Spaniens, nach der Land-
seite von einem zusammenhängenden Wall und vorgeschobenen Forts
auf den beherrschenden Höhen geschützt. Die 3000 Mann Regierungs-
truppen, ohne alles Belagerungsgeschütz, waren mit ihren leichten
Feldkanonen gegen die schwere Artillerie der Forts natürlich ohn-
mächtig und mußten sich auf eine Einschließung der Landseite be-
schränken; diese aber bedeutete wenig, solange die Cartagineser
mit ihrer im Hafen erbeuteten Kriegsflotte die See beherrschten.
Die Insurgenten, nur mit sich selbst beschäftigt, während in Va-
lencia und Andalusien gekämpft wurde, dachten erst an die Außen-
welt nach Unterdrückung der übrigen Aufstände, als ihnen selbst
Geld und Lebensmittel ausgingen. Dann erst wurde ein Versuch ge-
macht, gegen Madrid vorzurücken, das mindestens 60 deutsche Mei-
len entfernt liegt, mehr als doppelt so weit als z.B. Valencia
und Granada! Die Expedition nahm unfern Cartagena ein klägliches
Ende; die Einschließung schob allen weitern Ausfällen zu Lande
einen Riegel vor; man warf sich also auf Ausfälle mit der Flotte.
Und welche Ausfälle! Von einer neuen Insurgierung der eben erst
unterworfnen Seestädte durch die Cartagineser Kriegsschiffe
konnte keine Rede sein. Die Flotte des souveränen Kantons Carta-
gena beschränkte sich also darauf, die übrigen - nach der carta-
ginesischen Theorie ebenfalls souveränen - Seestädte von Valencia
bis Malaga mit dem Bombardement zu bedrohen und nötigenfalls
wirklich zu bombardieren, falls sie nicht die verlangten Lebens-
mittel und eine Kriegskontribution in harten Talern an Bord
brachten. Solange diese Städte als souveräne Kantone gegen die
Regierung in Waffen standen, galt in Cartagena das Prinzip: Jeder
für sich. Sobald sie besiegt waren, sollte das Prinzip gelten:
Alle für Cartagena! So verstanden die Intransigenten von Carta-
gena und ihre bakunistischen Helfershelfer die Bundesstaatlich-
keit der souveränen Kantone.
Um die Reihen der Freiheitskämpfer zu verstärken, ließ die Regie-
rung von Cartagena die ungefähr 1800 Baugefangenen los, die im
Bagno der Stadt eingekerkert waren - die schlimmsten Räuber und
Mörder Spaniens. Daß diese revolutionäre Maßregel ihr von den Ba-
kunisten eingeflüstert war,
#490# Friedrich Engels
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ist nach den Enthüllungen des Berichts über die Allianz 1*) kei-
nem Zweifel mehr unterworfen. Es ist dort nachgewiesen, wie Baku-
nin für die "Entfesselung aller schlechten Leidenschaften"
schwärmt und den russischen Räuber für das Vorbild aller wahren
Revolutionäre erklärt. Was dem Russen recht, ist dem Spanier bil-
lig. Wenn also die Cartagineser Regierung die "schlechten Leiden-
schaften" der eingespundeten 1800 Gurgelschneider entfesselte und
damit die Demoralisation unter ihren Truppen auf die Spitze
trieb, so handelte sie ganz im Geist Bakunins. Und wenn die spa-
nische Regierung, statt ihre eignen Festungswerke in Grund zu
schießen, die Unterwerfung Cartagenas von der inneren Zerrüttung
der Verteidiger erwartete, so folgte sie einer ganz richtigen Po-
litik.
IV
Hören wir nun über diese ganze Bewegung den Bericht der Neuen Ma-
drider Föderation:
"In Valencia sollte am zweiten Sonntag des August ein Kongreß
stattfinden, um unter anderm auch die Stellung zu bestimmen, wel-
che die spanische internationale Föderation einzunehmen habe ge-
genüber den wichtigen politischen Ereignissen, welche, in Spanien
seit dem 11. Februar, dem Tag der Proklamation der Republik, ein-
getreten waren. Aber der unsinnige" (descabellada, wörtlich: zer-
zauste) "Kantonalaufstand, der so jämmerlich gescheitert ist und
an dem die Internationalen fast aller insurgierten Provinzen sich
eifrig beteiligten, hat nicht nur die Tätigkeit des Föderalrats
lahmgelegt, indem er die Mehrzahl seiner Mitglieder zerstreute,
sondern auch die lokalen Föderationen fast gänzlich desorgani-
siert und ihren Mitgliedern, was das schlimmste ist, allen den
Haß und alle die Verfolgungen zugezogen, die jede schmählich ein-
geleitete und gescheiterte Volkserhebung im Gefolge hat...
Als der kantonale Aufstand losbrach, als die Juntas, d.h. Regie-
rungen der Kantone, sich konstituierten, da beeilten sich jene
Leute" (die Bakunisten), "die so heftig gegen die politische Ge-
walt geschrien, die uns des Autoritarismus angeklagt, sie beeil-
ten sich, in jene Regierungen einzutreten. In bedeutenden Städten
wie Sevilla, Cadiz, Sanlúcar de Barrameda, Granada und Valencia
saßen viele von den Internationalen, die sich Anti-Autoritarier
nennen, auf den kantonalen Juntas, ohne andres Programm als das
der Selbstherrlichkeit der Provinz oder des Kantons. Dies ist
amtlich festgestellt durch die von jenen Juntas veröffentlichten
Proklamationen und andere Dokumente, unter denen die Namen wohl-
bekannter Internationalen von dieser Sorte figurieren.
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1*) Siehe vorl. Band, S. 327-471
#491# Die Bakunisten an der Arbeit
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Ein so schreiender Widerspruch zwischen der Theorie und der Pra-
xis, zwischen der Propaganda und der Tat würde wenig zu bedeuten
haben, wenn daraus irgendein Vorteil für unsre Assoziation hätte
erwachsen können oder irgendein Fortschritt der Organisation uns-
rer Kräfte, irgendeine Annäherung an die Erreichung unsres Haupt-
zwecks, die Emanzipation der Arbeiterklasse. Grade das Gegenteil
ist geschehn, wie dem nicht anders sein konnte. Es fehlte die
Grundbedingung, das tätige Zusammenwirken des spanischen Proleta-
riats, das so leicht zu erzielen war, sobald man im Namen der In-
ternationale handelte. Es fehlte die Übereinstimmung unter den
lokalen Föderationen; die Bewegung blieb der individuellen oder
lokalen Initiative überlassen, ohne irgendwelche Leitung (außer
derjenigen, die ihr die geheimnisvolle Allianz etwa aufdrängen
konnte, und diese Allianz beherrscht zu unsrer Schande noch immer
die spanische Internationale), ohne irgendwelches Programm außer
dem unsrer natürlichen Feinde, der bürgerlichen Republikaner. Und
so unterlag die kantonale Bewegung in der schimpflichsten Weise,
fast ohne Widerstand; aber in ihrem Untergang riß sie mit sich
das Prestige und die Organisation der Internationale in Spanien.
Es geschieht kein Exzeß, kein Verbrechen, keine Gewalttätigkeit,
die die Republikaner nicht heute den Internationalen in die
Schuhe schieben; es ist sogar, wie uns versichert wird, in Se-
villa vorgekommen, daß während des Kampfes die Intransigenten auf
ihre Verbündeten, die" (bakunistischen) "Internationalen geschos-
sen haben. Die Reaktion, unsre Torheiten geschickt benutzend,
hetzt die Republikaner zur Verfolgung gegen uns und verleumdet
uns bei der großen gleichgültigen Masse; was sie zur Zeit Sa-
gastas nicht fertigbringen konnte, das scheint sie erreichen zu
sollen: den Namen Internationale bei der großen Masse der spani-
schen Arbeiter in Verruf zu bringen.
In Barcelona haben sich eine Menge Arbeitersektionen von den In-
ternationalen getrennt, laut protestierend gegen die Leute von
der Zeitschrift 'La Federacion'" (Hauptorgan der Bakunisten) "und
ihre unerklärliche Haltung. In Jérez, Puerto de Santa Maria und
andern Orten haben die Föderationen beschlossen, sich aufzulösen.
In Loja (Provinz Granada) sind die wenigen dort wohnenden Inter-
nationalen von der Bevölkerung vertrieben worden. In Madrid, wo
man noch der größten Freiheit genießt, gibt die alte"
(bakunistische) "Föderation nicht das mindeste Lebenszeichen,
während die unsrige gezwungen ist, sich untätig und schweigend zu
verhalten, wenn sie sich nicht mit fremder Schuld beladen sehn
will. In den Städten des Nordens verhindert der täglich erbitter-
ter geführte Karlistenkrieg jede Tätigkeit unsrerseits. Endlich
in Valencia, wo die Regierung nach fünfzehntägigem Kampfe Sieger
blieb, müssen die Internationalen, die nicht flüchtig geworden,
sich verbergen, und der Föderalrat ist vollständig aufgelöst."
Soweit der Madrider Bericht. Man sieht, daß er mit obiger
Geschichtserzählung vollständig übereinstimmt.
Was ist nun das Resultat unsrer ganzen Untersuchung?
1. Die Bakunisten waren gezwungen, sobald sie einer ernsthaften
revolutionären Lage gegenüberstanden, ihr ganzes bisheriges Pro-
gramm über
#492# Friedrich Engels
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Bord zu werfen. Zuerst opferten sie die Lehre von der Pflicht der
politischen und besonders der Wahlenthaltung. Dann folgte die An-
archie, die Abschaffung des Staats; statt den Staat abzuschaffen,
versuchten sie vielmehr eine Anzahl neuer, kleiner Staaten herzu-
stellen. Dann ließen sie den Grundsatz fallen, daß die Arbeiter
sich an keiner Revolution beteiligen dürften, die nicht die so-
fortige vollständige Emanzipation des Proletariats zum Zweck
habe, und beteiligten sich an einer eingestandenermaßen rein bür-
gerlichen Bewegung. Endlich schlugen sie ihrem kaum erst prokla-
mierten Glaubenssatz ins Gesicht: daß die Errichtung einer revo-
lutionären Regierung nur eine neue Prellerei und ein neuer Verrat
an der Arbeiterklasse sei-indem sie ganz gemütlich in den Regie-
rungsausschüssen der einzelnen Städte figurierten, und zwar fast
überall als ohnmächtige, von den Bourgeois überstimmte und poli-
tisch exploitierte Minderzahl.
2. Diese Verleugnung der bisher gepredigten Grundsätze geschah
aber in der feigsten, verlogensten Weise und unter dem Druck des
bösen Gewissens, so daß weder die Bakunisten selbst noch die von
ihnen geleiteten Massen mit irgendeinem Programm in die Bewegung
eintraten oder überhaupt wußten, was sie wollten. Was war die na-
türliche Folge? Daß die Bakunisten entweder jede Bewegung verhin-
derten, wie in Barcelona; oder daß sie in vereinzelte, planlose
und blödsinnige Aufstände hineingetrieben wurden, wie in Alcoy
und Sanlúcar de Barrameda; oder aber, daß die Leitung des Auf-
stands den intransigenten Bourgeois zufiel, wie in den allermei-
sten Aufständen. Das ultrarevolutionäre Geschrei der Bakunisten
verwirklichte sich also, sobald es zur Tat kam, entweder in Ab-
wiegelei oder in von vornherein aussichtslosen Aufständen oder in
dem Anschluß an eine bürgerliche Partei, die die Arbeiter schmäh-
lichst politisch ausbeutete und sie obendrein mit Fußtritten be-
handelte.
3. Von den sogenannten 1*) Prinzipien der Anarchie, der freien
Föderation unabhängiger Gruppen usw. bleibt nichts übrig als eine
maß- und sinnlose Zersplitterung der revolutionären Kampfmittel,
die der Regierung erlaubte, mit einer Handvoll Truppen eine Stadt
nach der andern fast ohne Widerstand zu unterwerfen.
4. Das Ende vom Lied war nicht nur, daß die gut organisierte und
zahlreiche spanische Internationale - die falsche wie die wahre -
in den Sturz der Intransigenten mitverwickelt wurde und heute
faktisch aufgelöst ist, sondern auch, daß ihr die Unzahl erdich-
teter Exzesse aufgebürdet wird, ohne die der Philister aller Län-
der sich nun einmal einen Arbeiteraufstand
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1*) Im "Volksstaat" : großen
#493# Die Bakunisten an der Arbeit
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nicht denken kann, und daß dadurch die internationale Reorganisa-
tion des spanischen Proletariats vielleicht auf Jahre hinaus un-
möglich gemacht ist.
5. In einem Wort, die Bakunisten in Spanien haben uns ein unüber-
treffliches Muster davon geliefert, wie man eine Revolution nicht
machen muß.
Geschrieben im September und Oktober 1873.
Nach: "Internationales aus dem 'Volksstaat' (1871-75)",
Berlin 1894.
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