Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Friedrich Engels
Die englischen Wahlen
["Der Volksstaat" Nr. 26 vom 4. März 1874]
London, 22. Februar 1874
Die englischen Parlamentswahlen sind nun auch vorüber. Der ge-
niale Gladstone, der mit einer Majorität von 66 nicht regieren
konnte, löste das Parlament plötzlich auf, ließ die Wahlen inner-
halb 8 bis 14 Tagen vornehmen, und das Resultat war - eine Majo-
rität von über 50 gegen ihn. .[351] Das zweite unter der Reform-
bill von 1867, das erste mit geheimer Abstimmung [352] gewählte
Parlament ergibt eine starke konservative Majorität. Und zwar
sind es vorzugsweise die großen Industriestädte und Fabrikbe-
zirke, wo die Arbeiter jetzt unbedingt die Majorität haben, die
Konservative ins Parlament schicken. Wie geht dies zu?
Zunächst ist dies Resultat verdankt dem von Gladstone versuchten
Wahlstaatsstreich. Die Wahlausschreiben folgten so rasch auf die
Auflösung, daß manche Städte kaum fünf, die meisten kaum acht,
die irischen, schottischen und die Landwahlkreise höchstens vier-
zehn Tage zur Besinnung behielten. Gladstone wollte die Wähler
übertölpeln, aber Staatsstreiche ziehen nun einmal in England
nicht, und Übertölpelungen schlagen hier aus gegen den, der sie
versucht. Die Folge war, daß die ganze zahlreiche Masse der In-
differenten und Schwankenden gegen Gladstone stimmte.
Dann aber hatte Gladstone in einer Weise regiert, die den ange-
stammten Gewohnheiten John Bulls direkt ins Gesicht schlug. John
Bull ist nun einmal beschränkt genug, in seiner Regierung nicht
seinen Herrn und Meister zu sehen, sondern seinen Diener, und
noch dazu den einzigen Diener, den er ohne alle Kündigung sofort
entlassen kann. Wenn nun auch die jedesmal herrschende Partei ih-
rem Ministerium erlaubt, und das aus sehr praktischen
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Gründen, bei Steuerermäßigungen und sonstigen Finanzmaßregeln
manchmal eine große theatralische Überraschung aufzuführen, so
gestattet sie dergleichen bei richtigen Maßregeln der Gesetzge-
bung doch nur ausnahmsweise. Aber Gladstone hatte diese gesetzge-
berischen Theatercoups zur Regel gemacht. Seine meisten großen
Maßregeln kamen seiner eignen Partei ebenso überraschend wie den
Gegnern; die Liberalen erhielten diese Maßregeln förmlich aufok-
troyiert, denn wenn sie nicht dafür stimmten, brachten sie sofort
die Gegenpartei ans Ruder. Und wenn der Inhalt vieler dieser Maß-
regeln, z.B. die irische Kirchenbill und die irische Landbill
[353], bei aller Jämmerlichkeit für viele alte, liberalkonserva-
tive Whigs schon ein Greuel war, so für die ganze Partei die Art,
wie sie ihr aufgezwungen wurden. Damit aber hatte Gladstone noch
nicht genug. Die Abschaffung des Stellenkaufs in der Armee setzte
er durch, indem er ohne alle Not, statt ans Parlament, an die
Macht der Krone appellierte [354] und dadurch seine eigne Partei
beleidigte. Dazu hatte er sich mit einer Anzahl vordringlicher
Mittelmäßigkeiten umgeben, die alle kein anderes Talent besaßen
als das, sich ohne Not verhaßt zu machen. So namentlich Bruce,
der Minister des Innern, und Ayrton, der eigentliche Chef der
Londoner Lokalverwaltung. Der erste zeichnete sich aus durch
Grobheit und Arroganz gegenüber Arbeiterdeputationen, der zweite
regierte London - wie z.B. bei dem Versuch der Unterdrückung des
Rechts der Volksversammlung in den Parks - in vollständig preußi-
scher Weise, und da dies hier nun einmal nicht durchgeht, wie
denn auch die Irländer sofort trotz der Parkverordnung unter der
Nase des Herrn Ayrton eine große Massenversammlung im Hyde Park
abhielten 1*), so war die Folge davon eine Reihe kleiner Nieder-
lagen der Regierung und ihre wachsende Unpopularität.
Endlich aber hat die geheime Abstimmung eine ganze Menge von -
sonst politisch gleichgültigen - Arbeitern in den Stand gesetzt,
ungestraft gegen ihre Ausbeuter und gegen die Partei zu stimmen,
in der sie mit Recht die der großen Industriebarone sehn - die
Liberale Partei. Dies bleibt richtig selbst da, wo die großen In-
dustriebarone der Mehrzahl nach der Mode gefolgt und zu den Kon-
servativen übergegangen sind. Die Liberale Partei vertritt in
England überhaupt nichts, wenn sie nicht die große Industrie ge-
genüber dem großen Grundbesitz und der hohen Finanz vertritt.
Das vorige Parlament schon stand seiner Gesamtintelligenz nach
unter der Mittelmäßigkeit. Es bestand wesentlich aus Landjunkern
und Söhnen von Großgrundbesitzern einerseits, Bankiers, Eisen-
bahndirektoren, Bierbrauern,
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1*) Siehe vorl. Band, S. 188-190
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Fabrikanten und sonstigen reichen Emporkömmlingen andrerseits;
dazwischen einige Staatsmänner, Juristen, Professoren. Von diesen
letzteren "Vertretern der Intelligenz" sind eine ziemliche Anzahl
diesmal durchgefallen, so daß das neue Parlament noch ausschließ-
licher als das vorige eine Vertretung des Großgrundbesitzes und
des Geldsacks ist. Dagegen zeichnet es sich vom vorigen durch
zwei neue Elemente aus: durch zwei Arbeiter 1*) und ungefähr
fünfzig irische Home-Rulers.
Was die Arbeiter angeht, so ist zuerst festzustellen, daß es,
seit dem Untergang der Chartistenpartei [355] in den fünfziger
Jahren, in England keine besondere politische Arbeiterpartei mehr
gibt. Es ist dies erklärlich in einem Lande, wo die Arbeiter-
klasse mehr als anderswo an den Vorteilen der ungeheuren Ausdeh-
nung der großen Industrie teilgenommen hat, wie dies in dem den
Weltmarkt beherrschenden England nicht anders sein konnte; und
obendrein in einem Lande, wo die herrschenden Klassen es sich zur
Aufgabe machen, neben andern Konzessionen einen Punkt des Charti-
stenprogramms, der Volks-Charte [356], nach dem andern durch-
zuführen. Von den sechs Punkten der Charte bestehen zwei zu
Recht: die geheime Abstimmung und die Abschaffung des Wählbar-
keitszensus; der dritte, das allgemeine Stimmrecht, ist wenig-
stens annähernd eingeführt; ganz unausgeführt sind die drei letz-
ten: jährliche Neuwahlen, Diäten und der wichtigste; gleiche
Wahlbezirke nach der Bevölkerung. - Die Arbeiter, soweit sie sich
an der allgemeinen Politik in besonderen Organisationen betei-
ligt, sind neuerdings fast nur als äußerster linker Flügel der
"großen liberalen Partei" aufgetreten und in dieser Rolle, ganz
fachgemäß, von der großen liberalen Partei bei jeder Wahl ge-
prellt worden. Da kam plötzlich die Reformbill und änderte mit
einem Schlage die politische Stellung der Arbeiter. In allen
großen Städten bilden sie jetzt die Mehrzahl der Wähler, und Re-
gierung wie Parlamentskandidaten sind in England gewohnt, den
Wählern den Hof zu machen. Von da an wurden die Vorsitzenden und
Sekretäre der Trade-Unions und politischen Arbeitervereine, sowie
sonstige bekannte Arbeiterredner, denen man Einfluß auf ihre
Klasse zutrauen durfte, auf einmal wichtige Leute; sie erhielten
Besuche von Parlamentsmitgliedern, von Lords und anderm vornehmen
Gesindel, man erkundigte sich plötzlich teilnehmend nach den
Wünschen und Bedürfnissen der Arbeiterklasse, man diskutierte mit
diesen "Arbeiterführern" Fragen, über die man bisher vornehm
gelächelt oder deren bloße Anregung man schon verdammt hatte, man
zahlte auch Beiträge zu Sammlungen für Arbeiterzwecke. Den
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1*) Alexander Macdonald und Thomas Burt
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"Arbeiterführern" kam dabei ganz natürlich der Gedanke, sich
selbst ins Parlament wählen zu lassen; ihre vornehmen Freunde
gingen im allgemeinen mit Freuden darauf ein, natürlich nur, um
in jedem einzelnen Falle die Wahl eines Arbeiters nach Möglich-
keit zu vereiteln. Und so kam die Sache nicht weiter.
Daß die "Arbeiterführer" gern ins Parlament gekommen wären, nimmt
ihnen niemand übel. Der nächste Weg dazu wäre gewesen, sofort zur
Neubildung einer starken Arbeiterpartei mit bestimmtem Programm
zu schreiten - die Volks-Charte bot ihnen das beste politische
Programm, das sie wünschen konnten. Aber der Name der Chartisten
- eben weil diese eine ausgesprochen proletarische Partei gewesen
- stand bei den Bourgeois in üblem Geruch, und statt an die glor-
reiche Tradition der Chartisten anzuknüpfen, zogen die
"Arbeiterführer" es vor, mit ihren vornehmen Freunden zu verhan-
deln und "respektabel", das heißt in England bürgerlich aufzutre-
ten. Hatte das alte Stimmrecht die Arbeiter bis zu gewissem Grad
gezwungen, als Schwanz der radikalen Bourgeoisie zu figurieren,
so war es unverantwortlich, sie diese Rolle fortspielen zu las-
sen, seitdem die Reformbill mindestens sechzig Arbeiterkandidaten
die Türen des Parlaments öffnete.
Und dies war der Wendepunkt. Die "Arbeiterführer", um ins Parla-
ment zu kommen, wandten sich in erster Linie an die Stimmen und
das Geld der Bourgeoisie, und erst in zweiter an die Stimmen der
Arbeiter selbst. Damit aber hörten sie auf, Arbeiterkandidaten zu
sein, und verwandelten sich in Bourgeoiskandidaten. Sie appel-
lierten nicht an eine neu zu bildende Arbeiterpartei, sondern an
die bürgerliche "große liberale Partei". Unter sich bildeten sie
eine gegenseitige Wahlassekuranzgesellschaft, die Labour Repre-
sentation League [357], die ihre, sehr geringen, Geldmittel meist
aus bürgerlichen Quellen bezog. Damit nicht genug. Die radikalen
Bourgeois sind verständig genug einzusehen, daß die Wahl von Ar-
beitern ins Parlament immer unvermeidlicher wird; es liegt also
in ihrem Interesse, die voraussichtlichen Arbeiterkandidaten un-
ter ihrer Leitung zu behalten und eben dadurch den Zeitpunkt ih-
rer wirklichen Wahl möglichst weit hinauszuschieben. Und dafür
haben sie ihren Herrn Samuel Morley, einen Londoner Millionär,
dem es nicht darauf ankommt, es sich ein paar Tausend Pfund ko-
sten zu lassen, um einerseits den kommandierenden General dieses
falschen Arbeitergeneralstabs zu spielen und andrerseits durch
ihren Mund sich bei den Massen als Arbeiterfreund ausposaunen zu
lassen, zum Dank dafür, daß er die Arbeiter prellt. Als nun vor
ungefähr einem Jahr eine Auflösung des Parlaments immer wahr-
scheinlicher wurde, versammelte
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Morley seine Getreuen um sich in der London Tavern; sie erschie-
nen alle, die Potter, Howell, Odger, Hales, Mottershead, Cremer,
Eccarius und wie sie alle heißen; eine Gesellschaft von Leuten,
deren jeder bei der vorhergehenden Parlamentswahl im Sold der
Bourgeoisie der "großen liberalen Partei" Agitatordienste gelei-
stet oder sich ihr doch wenigstens dazu angeboten. Diese Gesell-
schaft setzte unter Morleys Vorsitz ein "Arbeiterprogramm" auf,
das jeder Bourgeois unterschreiben konnte und das die Grundlage
einer gewaltigen Bewegung bilden sollte, um die Arbeiter poli-
tisch noch enger an die Bourgeoisie zu ketten und - wie die Her-
ren sich einbildeten - die "Gründer" ins Parlament zu bringen.
Daneben tanzten vor der lüsternen Einbildung dieser Gründer noch
die zahlreichen Morleyschen Fünfpfundnoten, die bei der Agitation
notwendig für sie abfallen würden. Aber die ganze Bewegung fiel
ins Wasser, noch ehe sie ernstlich begonnen. Herr Morley schloß
den Geldschrank zu, und die Gründer verschollen wieder.
Plötzlich löst vor vier Wochen Gladstone das Parlament auf. Die
unvermeidlichen Arbeiterführer atmen auf: entweder lassen sie
sich wählen oder sie werden wieder wohlbezahlte Reiseprediger der
"großen liberalen Partei". Aber nein: der Wahltermin ist so nah,
daß sie um beide Chancen geprellt sind. Zwar treten einige als
Kandidaten auf; aber da in England jeder Kandidat, ehe er zur Ab-
stimmung kommen kann, zweihundert Pfund (1240 Tlr.) als Beitrag
zu den Wahlkosten deponieren muß und die Arbeiter fast nirgends
zu diesem Zweck organisiert waren, so konnten nur solche von
ihnen ernstlich kandidieren, die diesen Betrag von Seiten der
Bourgeoisie gestellt erhielten, also mit hoher obrigkeitlicher
Bewilligung der Bourgeoisie auftraten. Damit aber hatte die Bour-
geoisie auch ihre Schuldigkeit getan und ließ sie dann bei der
Wahl selbst sämtlich mit Glanz durchfallen.
Nur zwei Arbeiter gingen durch, beides Bergarbeiter in Kohlenze-
chen. Dies Gewerk ist in drei großen Trade-Unions sehr stark or-
ganisiert, verfügt über bedeutende Mittel, besitzt in einigen Be-
zirken die unbestrittene Majorität unter den Wählern und hat seit
der Reformakte planmäßig auf direkte Vertretung im Parlament hin-
gearbeitet. Die Sekretäre der drei Trade-Unions wurden aufge-
stellt; der eine, Halliday, hatte in Wales keinen Erfolg, die
beiden andern gingen durch: Macdonald in Stafford und Burt in
Morpeth. Burt ist außer seinem Bezirk wenig bekannt; Macdonald
aber hat bei den Verhandlungen über das letzte Bergwerksgesetz
[358], die er als Vertreter seines Gewerks überwachte, seine Auf-
traggeber verraten, indem er einen Zusatzartikel billigte, der so
sehr im Interesse der Kapitalisten war, daß selbst die Regierung
nicht gewagt hatte, ihn in den Entwurf zu setzen.
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Jedenfalls aber ist das Eis gebrochen, und in dem fashionabelsten
Debattierklub von Europa, unter den Leuten, die sich für die er-
sten Gentlemen von Europa erklären, sitzen zwei Arbeiter.
Neben ihnen sitzen mindestens fünfzig irische Home-Rulers. Als
der fenische Aufstand von 1867 1*) niedergeschlagen und die mi-
litärischen Führer der Fenier [166] (irischen Republikaner) nach
und nach entweder eingefangen oder nach Amerika vertrieben wur-
den, verloren die Reste der fenischen Verschwörung bald alle Be-
deutung. Eine gewaltsame Erhebung war auf lange Jahre - wenig-
stens bis dahin, wo England wieder in ernstliche auswärtige
Schwierigkeiten verwickelt wurde - ohne alle Aussichten. Blieb
also nur eine gesetzmäßige Bewegung, und diese wurde unternommen
unter der Fahne der Home-Ruler, der "Herrschaft im eignen Hause".
Die bestimmte Forderung war, daß das Reichsparlament in London
die Gesetzgebung über alle rein irischen Fragen an ein besonderes
irisches Parlament in Dublin abtreten solle; was unter rein iri-
schen Fragen zu verstehen sei, darüber schwieg man vorderhand
weislich. Diese Bewegung, anfangs von der englischen Presse ver-
spottet, hat solche Macht erlangt, daß irische Parlamentsmitglie-
der der verschiedensten Parteifärbung, Konservative wie Liberale,
Protestanten wie Katholiken - der Führer der Bewegung, Butt, ist
selbst ein Protestant -, sogar ein geborener Engländer, der für
Galway sitzt, sich ihr haben anschließen müssen. Seit den Zeiten
O'Connells, dessen Repeal-Bewegung [359] ungefähr gleichzeitig
mit der chartistischen infolge der Ereignisse von 1848 in der
allgemeinen Reaktion unterging - er selbst war schon 1847 gestor-
ben -, tritt hiermit zum ersten Mal wieder eine geschlossene iri-
sche Partei ins Parlament, und zwar unter Umständen, die ihr den
O'Connellschen fortwährenden Kompromiß mit den Liberalen und den
Einzelverkauf ihrer Mitglieder an eine liberale Regierung, wie er
seitdem Mode geworden, schwerlich erlauben.
Die beiden bewegenden Kräfte in der englischen politischen
Entwicklung sind also hiermit ins Parlament getreten : einerseits
die Arbeiter, andrerseits die Irländer als kompakte nationale
Partei. Und wenn sie auch in diesem Parlament schwerlich eine
große Rolle spielen werden - die Arbeiter sicher nicht -, so ist
doch mit den Wahlen von 1874 die englische politische Entwicklung
unbedingt in eine neue Phase eingetreten.
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1*) Im "Volksstaat": 1865
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