Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Friedrich Engels
Das Reichs-Militärgesetz [360]
I
["Der Volksstaat" Nr. 28 vom 8. März 1874]
Es ist wahrhaft komisch, wie sich die Nationalliberalen und Fort-
schrittsmänner [361] im Reichstag anstellen gegenüber dem § 1 des
Militärgesetzes:
"Die Friedenspräsenzstärke des Heeres an Unteroffizieren und
Mannschaften beträgt bis zum Erlaß einer anderweitigen gesetzli-
chen Bestimmung 401 659 Mann." [362]
Dieser Paragraph, so schreien sie, ist unannehmbar, er vernichtet
das Budgetrecht des Reichstags, er verwandelt die Bewilligung des
Militäretats in eine bloße Posse!
Ganz richtig, meine Herren! Und eben weil dem so ist, weil der
Artikel unannehmbar ist, werden Sie ihn in der Hauptsache anneh-
men. Warum auch soviel Federlesens machen, weil man Ihnen zumu-
tet, den Kniefall noch einmal zu machen, den Sie schon sooft mit
soviel Grazie ausgeführt?
Die Grundsuppe des ganzen Jammers ist die preußische Armee-Reor-
ganisation. Sie brachte den famosen Konflikt. [363] Während der
ganzen Konfliktszeit führte die liberale Opposition Manteuffels
Prinzip aus: "Der Starke weicht mutig zurück." [364] Nach dem dä-
nischen Krieg [240] steigerte sich der Mut im Zurückweichen be-
deutend. Als aber 1866 Bismarck siegreich von Sadowa [241] zu-
rückkam und für sein bisheriges kommentwidriges Geldausgeben gar
noch Indemnität beantragte, da kannte das Zurückweichen keine
Grenzen mehr. Der Militäretat wurde sofort bewilligt, und was in
Preußen einmal bewilligt ist, das ist nach der preußischen
Verfassung für immer bewilligt, denn "die bestehenden" (einmal
bewilligten) "Steuern werden forterhoben"! [365]
#501# Das Reichs-Militärgesetz
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Kam der Norddeutsche Reichstag, der die Bundesverfassung beriet.
[366] Man sprach viel von Budgetrecht, man erklärte die Regie-
rungsvorlage für unannehmbar wegen mangelhafter Finanzkontrolle,
man wand sich hin, man wand sich her, und schließlich biß man in
den sauren Apfel und übertrug die preußischen Verfassungsbestim-
mungen über den Militäretat in allen wesentlichen Punkten auf den
Norddeutschen Bund. Damit brachte man die Friedenspräsenz der Ar-
mee schon von 200 000 auf 300 000 Mann.
Nun kam der glorreiche Krieg von 1870 und damit das "Deutsche
Reich". Abermals ein konstituierender (!) Reichstag und eine neue
Reichsverfassung. [367] Abermals hochgemute Reden, zahllose Vor-
behalte von wegen des Budgetrechts. Und was beschlossen die Her-
ren?
Reichsverfassung § 60:
"Die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres wird bis zum 31.
Dezember 1871 auf ein Prozent der Bevölkerung von 1867 normiert
und wird pro rata derselben von den einzelnen Bundesstaaten ge-
stellt. Für die spätere Zeit wird die Friedenspräsenzstärke des
Heeres im Wege der Reichsgesetzgebung festgestellt."
Ein Prozent der Bevölkerung von 1867 gibt 401 000 Mann. Dieser
Präsenzstand ist später durch Reichstagsbeschluß bis zum 31. De-
zember 1874 verlängert worden.
§ 62: "Zur Bestreitung des Aufwandes für das gesamte deutsche
Heer und die zu demselben gehörigen Einrichtungen sind bis zum
31. Dezember 1871 dem Kaiser jährlich sovielmal 225 Tlr., als die
Kopfzahl der Friedensstärke des Heeres nach Art. 60 beträgt, zur
Verfügung zu stellen. Nach dem 31. Dezember 1871 müssen diese Be-
träge von den einzelnen Staaten des Bundes zur Reichskasse fort-
gezahlt werden. Zur Berechnung derselben wird die im Art. 60 in-
terimistisch festgestellte Friedenspräsenzstärke solange festge-
halten, bis sie durch ein Reichsgesetz abgeändert ist."
Das war der dritte Kniefall unsrer Nationalen vor dem unantastba-
ren Militäretat. Und wenn jetzt Bismarck kommt und verlangt, das
angenehme Provisorium solle in ein noch angenehmeres Definitivum
verwandelt werden, da schreien die Herren über Verletzung des
dreimal hintereinander von ihnen selbst geopferten Budgetrechts!
Meine Herren Nationalen! Machen Sie "praktische Politik"! Tragen
Sie "den Zeitverhältnissen Rechnung"! Werfen Sie die "unerreich-
baren Ideale" über Bord und wirtschaften Sie tapfer fort "auf dem
Boden des Gegebenen"! Sie haben nicht nur A gesagt, Sie haben
schon B und C gesagt, sagen Sie auch unverzagt D! Hier hilft kein
Zippeln und Zappeln, hier müssen Sie nun einmal wieder den
famosen "Kompromiß" machen, bei dem die Regierung ihren ganzen
Willen erhält und Sie froh sein können, wenn es ohne Fußtritte
abgeht. Überlassen' Sie das Budgetrecht den im
#502# Friedrich Engels
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Materialismus versumpften Engländern, den verkommenen Franzosen,
den zurückgebliebenen Österreichern und Italienern, halten Sie
sich nicht an "fremde Vorbilder", tun Sie "ein echt deutsches
Werk"! Wenn Sie aber platterdings ein Budgetrecht haben wollen,
dann gibt's nur ein Mittel: Wählen Sie das nächste Mal nur Sozi-
aldemokraten!
II
["Der Volksstaat" Nr. 29 vom 11. März 1874]
Daß die Nationalen dumm sind - trotz aller Gescheitheits-Lasker-
chens -, das wissen wir längst und das wissen sie selber. Daß sie
aber so dumm sind, wie Moltke sie dafür hält, das hätten wir doch
nicht geglaubt. Der große Schweiger hat im Reichstage eine ganze
Stunde gesprochen und ist doch der große Schweiger geblieben: Er
hat nämlich seinen Zuhörern so ziemlich alles verschwiegen, was
er selbst glaubt. Nur in zwei Dingen hat er seine Ansicht rund
ausgesprochen: erstens darin, daß der fatale § 1 absolut notwen-
dig sei, und zweitens in dem famosen Satz:
"Was wir in einem halben Jahre mit den Waffen errungen, das müs-
sen wir ein halbes Jahrhundert mit den Waffen schützen, damit es
uns nicht wieder entrissen wird. Wir haben seit unseren glückli-
chen Kriegen an Achtung überall, an Liebe nirgends gewonnen."
[368]
Habemus confitentem reum. 1*) Hier haben wir den Schuldigen zum
Geständnis gebracht. Als Preußen, nach Sedan [369] mit seinen
Annexionsforderungen herausrückte, hieß es: Die neue Grenze ist
einzig durch die strategische Notwendigkeit bedingt, wir nehmen
nur das, was wir absolut brauchen, um uns zu decken; innerhalb
dieser neuen Grenze und nach Vollendung unserer Befestigungen
können wir dann jedem Angriffe ruhig entgegensehen. - Und so ist
es, rein strategisch gesprochen, in der Tat.
Die befestigte Rheinlinie mit ihren drei großen Kernplätzen Köln,
Koblenz, Mainz hatte nur zwei Fehler: Erstens wurde sie umgangen
durch Straßburg, und zweitens fehlte ihr eine vorgeschobene Linie
fester Punkte, die der ganzen Stellung Tiefe gab. Die Annexion
von Elsaß-Lothringen half beiden Fehlern ab. Straßburg und Metz
bilden jetzt die erste Linie, Köln, Koblenz, Mainz die zweite;
alles Festungen erster Ordnung, mit weit vorgeschobenen Forts und
fähig, der modernen gezogenen Artillerie
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1*) Da haben wir den sich schuldig Bekennenden. (Cicero, "Oratio
pro Q. Ligario".)
#503# Das Reichs-Militärgesetz
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Widerstand zu leisten; dabei liegen sie in solchen Entfernungen
voneinander, wie sie den kolossalen Heeren der Gegenwart zu
freier Bewegung am dienlichsten sind, und in einem der Verteidi-
gung äußerst günstigen Terrain. Solange die Neutralität Belgiens
respektiert wird, kann ein französischer Angriff leicht auf den
schmalen Strich Landes zwischen Metz und den Vogesen beschränkt
werden; man kann sich, wenn man will, gleich anfangs hinter den
Rhein ziehen und die Franzosen zwingen, sich vor der ersten
Hauptschlacht durch Truppensendungen gegen Metz, Straßburg,
Koblenz und Mainz zu schwächen. Es ist eine Stellung, der in ganz
Europa an Stärke keine zweite gleichkommt; das venetianische Fe-
stungsviereck [370] war ein Kinderspielzeug, verglichen mit
dieser fast uneinnehmbaren Position.
Und gerade die Eroberung dieser fast uneinnehmbaren Stellung
zwingt Deutschland, nach Moltke, das Errungene ein halbes Jahr-
hundert lang mit den Waffen zu verteidigen! Die stärkste Stellung
verteidigt nicht sich selbst, sie will verteidigt sein; zum Ver-
teidigen gehören Soldaten; je stärker also die Stellungen, desto
mehr Soldaten sind nötig, und so weiter im ewigen lasterhaften
Zirkel. Dazu kommt noch, daß der wiedergewonnene "verlorene Bru-
derstamm" in Elsaß-Lothringen von der Mama Germania nun einmal
platterdings nichts wissen will und daß die Franzosen unter allen
Umständen gezwungen sind, bei der nächsten Gelegenheit die Be-
freiung der Elsässer und Lothringer aus der germanischen Umarmung
zu versuchen. Die starke Stellung wird also dadurch aufgewogen,
daß Deutschland die Franzosen gezwungen hat, jedem, der es an-
greifen will, zur Seite zu stehen. Mit anderen Worten, die starke
Stellung enthält in sich den Keim einer europäischen Koalition
gegen das Deutsche Reich. Und an dieser Tatsache ändern alle
Dreikaiser- und Zweikaiservisiten und Toaste absolut nichts, wie
das niemand besser weiß als Moltke und Bismarck; und wie Moltke
das auch in diskreter Weise zum Ausdruck bringt in dem melan-
cholischen Satz:
"Wir haben seit unseren glücklichen Kriegen an Achtung überall,
an Liebe nirgends gewonnen!"
Soweit die Moltkesche Wahrheit. Kommen wir jetzt auf die Moltke-
sche Dichtung.
Wir gehen nicht ein auf das sentimentale Geseufze, womit der
große Stratege sein Leidwesen darüber zu erkennen gibt, daß das
Militär leider nun einmal zum Besten des Volks solche kolossale
Summen verzehren muß, und wo er sich gewissermaßen als preußi-
scher Cincinnatus hinstellt, der
#504# Friedrich Engels
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nichts sehnlicher wünscht, als vom Generalfeldmarschall zum Kap-
pesbauer befördert zu werden. Noch weniger auf die schon dagewe-
sene Theorie, daß von wegen der schlechten Erziehung der Nation
durch den Schulmeister jeder Deutsche drei Jahre lang auf die
hohe Schule geschickt werden müsse, wo der Unteroffizier Profes-
sor ist. Wir sprechen hier nicht zu Nationalen, wie dies der arme
Moltke zu tun nötig hatte. Wir gehen gleich über zu den riesen-
haften militärischen Bären, die er - unter allgemeiner Heiterkeit
des großen Generalstabes - seinen erstaunten Zuhörern aufband.
Es handelt sich wieder darum, die großen deutschen Rüstungen
durch die angeblich noch größeren der Franzosen zu rechtfertigen.
Und da enthüllt Moltke dem Reichstage, daß die französische Re-
gierung schon heute berechtigt ist, für die aktive Armee
1 200 000 und für die Territorialarmee über 1 Million Männer zu
den Waffen zu berufen. Um diese "auch nur teilweise" einstellen
zu können, hätten die Franzosen ihre Cadres vermehrt. Sie hätten
jetzt 152 Infanterieregimenter (gegen 116 vor dem Kriege), 9 neue
Jägerbataillone, 14 neue Kavallerieregimenter, 323 Batterien
statt früher 164. Und "diese Augmentationen sind noch nicht ge-
schlossen". Die Friedenspräsenzstärke beträgt 40 000 Mann mehr
als 1871, sie ist auf 471 170 Mann festgestellt. Statt der 8 Ar-
meekorps, mit denen die Franzosen uns zu Anfang des Krieges ent-
gegentraten, stellt Frankreich künftig 18 und ein neunzehntes für
Algier; die Nationalversammlung zwingt der Regierung geradezu
Gelder für Rüstungen auf, die Kommunen schenken Exerzierplätze
und Offizierskasinos, bauen aus eigenen Mitteln Kasernen, bewei-
sen einen fast gewaltsamen Patriotismus, wie er in Deutschland
nur zu wünschen wäre - kurz alles bereitet sich vor auf den
großen Revanchekrieg.
Wenn nun die französische Regierung alles das getan hätte, was
ihr Moltke zugute hält, so hätte sie nichts weiter getan als ihre
Schuldigkeit. Nach solchen Niederlagen wie die von 1870 ist es
die erste Pflicht der Regierung, die Wehrkraft der Nation soweit
zu entwickeln, daß man gegen die Wiederholung solcher Unfälle ge-
schützt ist. Den Preußen war 1806 ganz dasselbe passiert; ihre
ganze altfränkische Armee wurde kostenfrei und kriegsgefangen
nach Frankreich befördert. Nach dem Kriege bot die preußische Re-
gierung alles auf, um das ganze Volk wehrhaft zu machen; die
Leute wurden nur 6 Monate lang eingeübt, und trotz Moltkes Ab-
scheu vor den Milizen haben wir Blüchers Zeugnis, daß diese
"Landwehr-Patteljohns", wie er sich ausdrückte, nach den ersten
Gefechten ebenso gut waren wie die Linienbataillone. Handelte die
französische Regierung ebenso, setzte sie alle Kraft daran, in
fünf bis sechs Jahren eine Wehrhaftmachung
#505# Das Reichs-Militärgesetz
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der ganzen Nation durchzuführen - sie tat nur ihre Schuldigkeit.
Aber im Gegenteil. Mit Ausnahme der Neubildungen von Bataillonen,
Schwadronen und Batterien, die bis jetzt nur die Höhe der deut-
schen Linien-Organisation erreichen, besteht alles andre nur auf
dem Papier, und Frankreich ist militärisch schwächer denn je.
"Man hat", sagt Moltke, "in Frankreich alle unsere militärischen
Einrichtungen getreulich kopiert... Man hat vor allem die allge-
meine Wehrpflicht eingeführt und dabei eine zwanzigjährige Ver-
pflichtung zugrunde gelegt, während wir nur eine zwölfjährige ha-
ben."
Und wenn dem in Wirklichkeit so wäre, worauf reduziert sich der
Unterschied der 20 und der 12 Jahre? Wo ist der Deutsche, der
nach 12 Jahren seiner Landwehrverpflichtung wirklich entlassen
wäre? Heißt es nicht überall: Die 12 Jahre gelten erst dann, wenn
wir Leute genug haben, bis dahin müßt ihr 14,15,16 Jahrein der
Landwehr [371] bleiben? Und wofür haben wir denn den verscholle-
nen Landsturm [372] wieder ausgegraben, als um jeden Deutschen,
der einmal zweierlei Tuch getragen, bis an sein seliges Ende
dienstpflichtig zu erhalten?
Aber nun hat es mit der allgemeinen Wehrpflicht in Frankreich
noch eine ganz besondere Bewandtnis. In Frankreich fehlen eben
die preußischen halbfeudalen Ostprovinzen, die die eigentliche
Grundlage des preußischen Staats und des neuen Deutschen Reichs
bilden; Provinzen, aus denen man Rekruten zieht, die unbedingt
gehorchen und auch nachher, als Landwehrleute, nicht viel klüger
werden. Schon die Ausdehnung der allgemeinen Dienstpflicht auf
die Westprovinzen zeigte 1849, daß eines sich nicht schickt für
alle '373); ihre jetzt erfolgte Ausdehnung auf ganz Deutschland
wird längstens nach Verlauf von Moltkes beliebten zwölf Jahren -
wenn das Kramchen überhaupt so lange vorhält - die waffengeübten
Leute schaffen, die die Moltkes und Bismarcks außer Brot setzen.
- Also in Frankreich existiert nicht einmal die Grundlage, auf
der die allgemeine Dienstpflicht der Reaktion gehorsame Soldaten
schaffen kann. In Frankreich war der preußische Unteroffizier
schon vor der großen Revolution ein überwundener Standpunkt. Der
Kriegsminister Saint-Germain führte 1776 die preußischen Stock-
prügel ein; die geprügelten Soldaten erschossen sich, und die
Stockprügel mußten noch im selben Jahre abgeschafft werden. Man
führe die allgemeine Dienstpflicht wirklich in Frankreich ein,
man bilde die Masse der Bevölkerung in der Waffe aus, und wo
blieben da Thiers und Mac-Mahon? Aber Thiers und Mac-Mahon - wenn
auch wahrhaftig keine Genies - sind auch nicht solche Schuljun-
gen, wie Moltke sie darstellt. Auf dem Papier haben sie die all-
gemeine Dienstpflicht hergestellt,
#506# Friedrich Engels
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allerdings; in Wirklichkeit haben sie mit der größten Hartnäckig-
keit auf der fünfjährigen Dienstzeit unter der Fahne bestanden.
[374] Nun weiß jeder, daß schon mit der preußischen dreijährigen
Dienstzeit die allgemeine Wehrpflicht vollständig unvereinbar
ist: entweder erhält man dabei für Deutschland eine Friedensprä-
senz von mindestens 600 000 Mann, oder man muß Leute sich freilo-
sen lassen, wie dies geschieht. Welche Friedenspräsenz würde nun
eine fünfjährige Dienstzeit bei allgemeiner Wehrpflicht in
Frankreich ergeben? Beinahe eine Million; aber selbst Moltke
bringt es nicht fertig, den Franzosen die Hälfte anzudichten.
An demselben Tage, wo Moltke seinen Zuhörern so erstaunlich impo-
nierte, veröffentlichte die "Kölnische Zeitung" [375] eine
"militärische Mitteilung" über die französische Armee. Diese mi-
litärischen Mitteilungen kommen der "Köln. Ztg." aus sehr guter
offiziöser Quelle zu, und wird der betreffende militärische
"Sauhirt" für den so ausgezeichnet zur Unzeit geschossenen Bock
einen ganz besondern Denkzettel erhalten haben. Der Mann sagt
nämlich wirklich die Wahrheit. Er erklärt, die neuesten offiziel-
len französischen Zahlenangaben bewiesen,
"daß Frankreich die sich in seinem neuen Wehrgesetz gestellte mi-
litärische Aufgabe auch bei der äußersten Kraftanstrengung
schwerlich zu erfüllen imstande sein dürfte".
Nach ihm ist "der diesjährige Stand der Armee zu 442 014 Mann
normiert worden". Davon gehen zunächst ab die republikanische
Garde-Gensdarmerie mit 27 500 Mann; "tatsächlich stellt sich die
eigentliche Heeresstärke indes nach den für die einzelnen Waffen-
gattungen aufgeführten Etatsziffern nur auf 389 965 Mann". Hier-
von sind abzuziehen
"die geworbenen Truppen (das Fremdenregiment, die eingeborenen
algierischen Truppenteile), die Verwaltungstruppenkõrper und die
Cadres an Unteroffizieren und Kapitulanten, welche insgesamt nach
den früheren authentischen französischen Angaben zu 120 000 Mann
normiert wurden. Den wirklichen Effektivbestand derselben jedoch
nur zu 80 000 Mann angenommen, verbleibt in bezug auf die Rekru-
tierung nur noch ein tatsächlicher Armeebestand von 309 000 Mann,
welcher sich aus fünf Jahrgängen des ersten und einem des zweiten
(Reserve-) Kontingents zusammenstellt. Der eine Jahrgang dieses
zweiten Kontingents umfaßt 30 000 Mann, und würde sich danach der
Dienstjahrgang des ersten Kontingents wie die Jahres-Rekruten-
Einstellung für dasselbe zu je 55 800 Mann berechnen. Dazu treten
dann die 30 000 Mann des zweiten Kontingents, so daß die höchst-
gegriffene Jahresrekrutierung der französischen Armee sich doch
immer nur auf 99 714 Mann bemessen würde."
Also: die Franzosen stellen jährlich etwa 60 000 Mann zu fünfjäh-
riger Dienstzeit ein, macht in 20 Jahren 1 200 000 Mann, und wenn
wir die Abgänge, wie sie sich bei der preußischen Landwehr
tatsächlich herausgestellt,
#507# Das Reichs-Militärgesetz
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abrechnen, höchstens 800 000 Mann. Ferner 30 000 Mann zu einjäh-
riger Dienstzeit - was nach Moltke untaugliche Milizen sind -,
macht in 20 Jahren 600 000 Mann, nach Abzug der Abgänge höchstens
400 000 Mann. Wenn also die Franzosen den von Moltke so gerühmten
Patriotismus zwanzig Jahre lang ungestört getrieben haben werden,
so werden sie dann endlich den Deutschen, statt der Moltkeschen
2 200 000 Mann, höchstens 800 000 geübte Soldaten und 400 000 Mi-
lizen entgegenstellen können, während Moltke schon jetzt reich-
lich anderthalb Millionen vollständig geübter deutscher Soldaten
mobil machen kann. Danach bemesse man die Heiterkeit, die Moltkes
- im Reichstag angestaunte - Rede im großen Generalstab zuwege
gebracht hat.
Man muß es Moltke lassen: Solange er mit einfältigen Gegnern zu
tun hatte wie Benedek und Louis-Napoleon, solange hat er sich ei-
ner durchaus ehrlichen Kriegführung befleißigt. Er hat die von
Napoleon I. entdeckten strategischen Regeln pünktlich, peinlich
und gewissenhaft befolgt. Kein Feind konnte ihm vorwerfen, daß er
sich je der Überraschung, des Hinterhalts oder sonst einer vulgä-
ren Kriegslist bedient habe. Man konnte demgemäß daran Zweifel
auf werf en, ob Moltke wirklich ein Genie sei. Dieser Zweifel ist
gefallen, seit Moltke ebenbürtige Gegner zu bekämpfen hat - die
Genies im Reichstage. Ihnen gegenüber hat er bewiesen, daß er
seine Gegner auch übertölpeln kann, wenn es sein muß. Kein Zwei-
fel mehr: Moltke ist ein Genie.
Was indes Moltke von den französischen Rüstungen wohl wirklich
halten mag? Auch dafür haben wir einige Anzeichen. - Moltke und
Bismarck verhehlten sich nicht, daß, grade wie die Siege von 1866
in der französischen offiziellen Welt den Ruf nach Revanche für
Sadowa mit Notwendigkeit hervorgerufen, so die Erfolge von 1870
mit ebenderselben Notwendigkeit dem offiziellen Rußland "Revanche
für Sedan" aufzwingen würden. Preußen, bisher der gehorsame
Knecht Rußlands, hatte sich plötzlich als erste Militärmacht Eu-
ropas entpuppt; eine so gewaltige Verschiebung der europäischen
Lage zuungunsten Rußlands kam einer Niederlage der russischen Po-
litik gleich; der Ruf nach Revanche erscholl laut genug in Ruß-
land. Man fand in Berlin, daß unter diesen Umständen es besser
sei, die Sache so bald und so rasch wie möglich abzumachen und
den Russen keine Zeit zu Rüstungen zu lassen. Was damals preußi-
scherseits geschah, um den Krieg gegen Rußland vorzubereiten,
darüber vielleicht ein anderes Mal; genug, man war im Sommer 1872
so ziemlich fertig, namentlich mit dem Feldzugsplan, der diesmal
keinen "Stoß ins Herz" beabsichtigte. Da kam Kaiser Alexander von
Rußland ungeladen zur Kaiservisite nach Berlin und
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legte "an maßgebender Stelle" gewisse Aktenstücke vor, die das
Plänchen zunichte machten. Die zunächst gegen die Türkei gerich-
tete erneuerte Heilige Allianz verdrängte für den Augenblick den
schließlich doch unvermeidlichen russischen Krieg.
In diesem Plänchen war natürlich auch der Fall vorgesehen, daß
Frankreich sich mit Rußland gegen Preußen verbünden sollte. In
diesem Fall wollte man gegen Frankreich in der Defensive bleiben.
Und wieviel Mann hielt man damals für hinreichend, alle Angriffe
Frankreichs abzuschlagen?
Eine Armee von zweihundertfünfzigtausend Mann!
Geschrieben Ende Februar/Anfang März 1874.
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