Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875


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       #500#
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       Friedrich Engels
       
       Das Reichs-Militärgesetz [360]
       
       I
       
       ["Der Volksstaat" Nr. 28 vom 8. März 1874]
       Es ist wahrhaft komisch, wie sich die Nationalliberalen und Fort-
       schrittsmänner [361] im Reichstag anstellen gegenüber dem § 1 des
       Militärgesetzes:
       
       "Die Friedenspräsenzstärke  des  Heeres  an  Unteroffizieren  und
       Mannschaften beträgt  bis zum Erlaß einer anderweitigen gesetzli-
       chen Bestimmung 401 659 Mann." [362]
       Dieser Paragraph, so schreien sie, ist unannehmbar, er vernichtet
       das Budgetrecht des Reichstags, er verwandelt die Bewilligung des
       Militäretats in eine bloße Posse!
       Ganz richtig,  meine Herren!  Und eben  weil dem so ist, weil der
       Artikel unannehmbar  ist, werden Sie ihn in der Hauptsache anneh-
       men. Warum  auch soviel  Federlesens machen, weil man Ihnen zumu-
       tet, den  Kniefall noch einmal zu machen, den Sie schon sooft mit
       soviel Grazie ausgeführt?
       Die Grundsuppe  des ganzen Jammers ist die preußische Armee-Reor-
       ganisation. Sie  brachte den  famosen Konflikt. [363] Während der
       ganzen Konfliktszeit  führte die  liberale Opposition Manteuffels
       Prinzip aus: "Der Starke weicht mutig zurück." [364] Nach dem dä-
       nischen Krieg  [240] steigerte  sich der Mut im Zurückweichen be-
       deutend. Als  aber 1866  Bismarck siegreich  von Sadowa [241] zu-
       rückkam und  für sein bisheriges kommentwidriges Geldausgeben gar
       noch Indemnität  beantragte, da  kannte das  Zurückweichen  keine
       Grenzen mehr.  Der Militäretat wurde sofort bewilligt, und was in
       Preußen einmal  bewilligt  ist,  das  ist  nach  der  preußischen
       Verfassung für  immer bewilligt,  denn "die  bestehenden" (einmal
       bewilligten) "Steuern werden forterhoben"! [365]
       
       #501# Das Reichs-Militärgesetz
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       Kam der  Norddeutsche Reichstag, der die Bundesverfassung beriet.
       [366] Man  sprach viel  von Budgetrecht,  man erklärte die Regie-
       rungsvorlage für  unannehmbar wegen mangelhafter Finanzkontrolle,
       man wand  sich hin, man wand sich her, und schließlich biß man in
       den sauren  Apfel und übertrug die preußischen Verfassungsbestim-
       mungen über den Militäretat in allen wesentlichen Punkten auf den
       Norddeutschen Bund. Damit brachte man die Friedenspräsenz der Ar-
       mee schon von 200 000 auf 300 000 Mann.
       Nun kam  der glorreiche  Krieg von  1870 und  damit das "Deutsche
       Reich". Abermals ein konstituierender (!) Reichstag und eine neue
       Reichsverfassung. [367]  Abermals hochgemute Reden, zahllose Vor-
       behalte von  wegen des Budgetrechts. Und was beschlossen die Her-
       ren?
       Reichsverfassung § 60:
       
       "Die Friedenspräsenzstärke  des deutschen Heeres wird bis zum 31.
       Dezember 1871  auf ein  Prozent der Bevölkerung von 1867 normiert
       und wird  pro rata  derselben von den einzelnen Bundesstaaten ge-
       stellt. Für  die spätere  Zeit wird die Friedenspräsenzstärke des
       Heeres im Wege der Reichsgesetzgebung festgestellt."
       
       Ein Prozent  der Bevölkerung  von 1867  gibt 401 000 Mann. Dieser
       Präsenzstand ist  später durch Reichstagsbeschluß bis zum 31. De-
       zember 1874 verlängert worden.
       
       § 62:  "Zur Bestreitung  des Aufwandes  für das  gesamte deutsche
       Heer und  die zu  demselben gehörigen  Einrichtungen sind bis zum
       31. Dezember 1871 dem Kaiser jährlich sovielmal 225 Tlr., als die
       Kopfzahl der  Friedensstärke des Heeres nach Art. 60 beträgt, zur
       Verfügung zu stellen. Nach dem 31. Dezember 1871 müssen diese Be-
       träge von  den einzelnen Staaten des Bundes zur Reichskasse fort-
       gezahlt werden.  Zur Berechnung derselben wird die im Art. 60 in-
       terimistisch festgestellte  Friedenspräsenzstärke solange festge-
       halten, bis sie durch ein Reichsgesetz abgeändert ist."
       
       Das war der dritte Kniefall unsrer Nationalen vor dem unantastba-
       ren Militäretat.  Und wenn jetzt Bismarck kommt und verlangt, das
       angenehme Provisorium  solle in ein noch angenehmeres Definitivum
       verwandelt werden,  da schreien  die Herren  über Verletzung  des
       dreimal hintereinander von ihnen selbst geopferten Budgetrechts!
       Meine Herren  Nationalen! Machen Sie "praktische Politik"! Tragen
       Sie "den  Zeitverhältnissen Rechnung"! Werfen Sie die "unerreich-
       baren Ideale" über Bord und wirtschaften Sie tapfer fort "auf dem
       Boden des  Gegebenen"! Sie  haben nicht  nur A  gesagt, Sie haben
       schon B und C gesagt, sagen Sie auch unverzagt D! Hier hilft kein
       Zippeln und  Zappeln, hier  müssen  Sie  nun  einmal  wieder  den
       famosen "Kompromiß"  machen, bei  dem die  Regierung ihren ganzen
       Willen erhält  und Sie  froh sein  können, wenn es ohne Fußtritte
       abgeht. Überlassen' Sie das Budgetrecht den im
       
       #502# Friedrich Engels
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       Materialismus versumpften  Engländern, den verkommenen Franzosen,
       den zurückgebliebenen  Österreichern und  Italienern, halten  Sie
       sich nicht  an "fremde  Vorbilder", tun  Sie "ein  echt deutsches
       Werk"! Wenn  Sie aber  platterdings ein Budgetrecht haben wollen,
       dann gibt's  nur ein Mittel: Wählen Sie das nächste Mal nur Sozi-
       aldemokraten!
       
       II
       
       ["Der Volksstaat" Nr. 29 vom 11. März 1874]
       Daß die  Nationalen dumm sind - trotz aller Gescheitheits-Lasker-
       chens -, das wissen wir längst und das wissen sie selber. Daß sie
       aber so dumm sind, wie Moltke sie dafür hält, das hätten wir doch
       nicht geglaubt.  Der große Schweiger hat im Reichstage eine ganze
       Stunde gesprochen  und ist doch der große Schweiger geblieben: Er
       hat nämlich  seinen Zuhörern  so ziemlich alles verschwiegen, was
       er selbst  glaubt. Nur  in zwei  Dingen hat er seine Ansicht rund
       ausgesprochen: erstens  darin, daß der fatale § 1 absolut notwen-
       dig sei, und zweitens in dem famosen Satz:
       
       "Was wir  in einem halben Jahre mit den Waffen errungen, das müs-
       sen wir  ein halbes Jahrhundert mit den Waffen schützen, damit es
       uns nicht  wieder entrissen wird. Wir haben seit unseren glückli-
       chen Kriegen  an Achtung  überall, an  Liebe nirgends  gewonnen."
       [368]
       
       Habemus confitentem  reum. 1*)  Hier haben wir den Schuldigen zum
       Geständnis gebracht.  Als Preußen,  nach Sedan  [369] mit  seinen
       Annexionsforderungen herausrückte,  hieß es:  Die neue Grenze ist
       einzig durch  die strategische  Notwendigkeit bedingt, wir nehmen
       nur das,  was wir  absolut brauchen,  um uns zu decken; innerhalb
       dieser neuen  Grenze und  nach Vollendung  unserer  Befestigungen
       können wir  dann jedem Angriffe ruhig entgegensehen. - Und so ist
       es, rein strategisch gesprochen, in der Tat.
       Die befestigte Rheinlinie mit ihren drei großen Kernplätzen Köln,
       Koblenz, Mainz  hatte nur zwei Fehler: Erstens wurde sie umgangen
       durch Straßburg, und zweitens fehlte ihr eine vorgeschobene Linie
       fester Punkte,  die der  ganzen Stellung  Tiefe gab. Die Annexion
       von Elsaß-Lothringen  half beiden  Fehlern ab. Straßburg und Metz
       bilden jetzt  die erste  Linie, Köln,  Koblenz, Mainz die zweite;
       alles Festungen erster Ordnung, mit weit vorgeschobenen Forts und
       fähig, der modernen gezogenen Artillerie
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       1*) Da haben  wir den sich schuldig Bekennenden. (Cicero, "Oratio
       pro Q. Ligario".)
       
       #503# Das Reichs-Militärgesetz
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       Widerstand zu  leisten; dabei  liegen sie in solchen Entfernungen
       voneinander, wie  sie den  kolossalen  Heeren  der  Gegenwart  zu
       freier Bewegung  am dienlichsten sind, und in einem der Verteidi-
       gung äußerst  günstigen Terrain. Solange die Neutralität Belgiens
       respektiert wird,  kann ein  französischer Angriff leicht auf den
       schmalen Strich  Landes zwischen  Metz und den Vogesen beschränkt
       werden; man  kann sich,  wenn man will, gleich anfangs hinter den
       Rhein ziehen  und die  Franzosen zwingen,  sich  vor  der  ersten
       Hauptschlacht  durch   Truppensendungen  gegen  Metz,  Straßburg,
       Koblenz und Mainz zu schwächen. Es ist eine Stellung, der in ganz
       Europa an  Stärke keine zweite gleichkommt; das venetianische Fe-
       stungsviereck  [370]  war  ein  Kinderspielzeug,  verglichen  mit
       dieser fast uneinnehmbaren Position.
       Und gerade  die Eroberung  dieser  fast  uneinnehmbaren  Stellung
       zwingt Deutschland,  nach Moltke,  das Errungene ein halbes Jahr-
       hundert lang mit den Waffen zu verteidigen! Die stärkste Stellung
       verteidigt nicht  sich selbst, sie will verteidigt sein; zum Ver-
       teidigen gehören  Soldaten; je stärker also die Stellungen, desto
       mehr Soldaten  sind nötig,  und so  weiter im ewigen lasterhaften
       Zirkel. Dazu  kommt noch, daß der wiedergewonnene "verlorene Bru-
       derstamm" in  Elsaß-Lothringen von  der Mama  Germania nun einmal
       platterdings nichts wissen will und daß die Franzosen unter allen
       Umständen gezwungen  sind, bei  der nächsten  Gelegenheit die Be-
       freiung der Elsässer und Lothringer aus der germanischen Umarmung
       zu versuchen.  Die starke  Stellung wird also dadurch aufgewogen,
       daß Deutschland  die Franzosen  gezwungen hat,  jedem, der es an-
       greifen will, zur Seite zu stehen. Mit anderen Worten, die starke
       Stellung enthält  in sich  den Keim  einer europäischen Koalition
       gegen das  Deutsche Reich.  Und an  dieser Tatsache  ändern  alle
       Dreikaiser- und  Zweikaiservisiten und Toaste absolut nichts, wie
       das niemand  besser weiß  als Moltke und Bismarck; und wie Moltke
       das auch  in diskreter  Weise zum  Ausdruck bringt  in dem melan-
       cholischen Satz:
       
       "Wir haben  seit unseren  glücklichen Kriegen an Achtung überall,
       an Liebe nirgends gewonnen!"
       Soweit die  Moltkesche Wahrheit. Kommen wir jetzt auf die Moltke-
       sche Dichtung.
       Wir gehen  nicht ein  auf das  sentimentale Geseufze,  womit  der
       große Stratege  sein Leidwesen  darüber zu erkennen gibt, daß das
       Militär leider  nun einmal  zum Besten des Volks solche kolossale
       Summen verzehren  muß, und  wo er  sich gewissermaßen als preußi-
       scher Cincinnatus hinstellt, der
       
       #504# Friedrich Engels
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       nichts sehnlicher  wünscht, als vom Generalfeldmarschall zum Kap-
       pesbauer befördert  zu werden. Noch weniger auf die schon dagewe-
       sene Theorie,  daß von  wegen der schlechten Erziehung der Nation
       durch den  Schulmeister jeder  Deutsche drei  Jahre lang  auf die
       hohe Schule  geschickt werden müsse, wo der Unteroffizier Profes-
       sor ist. Wir sprechen hier nicht zu Nationalen, wie dies der arme
       Moltke zu  tun nötig  hatte. Wir gehen gleich über zu den riesen-
       haften militärischen Bären, die er - unter allgemeiner Heiterkeit
       des großen Generalstabes - seinen erstaunten Zuhörern aufband.
       Es handelt  sich wieder  darum, die  großen  deutschen  Rüstungen
       durch die angeblich noch größeren der Franzosen zu rechtfertigen.
       Und da  enthüllt Moltke  dem Reichstage, daß die französische Re-
       gierung  schon   heute  berechtigt  ist,  für  die  aktive  Armee
       1 200 000 und  für die  Territorialarmee über 1 Million Männer zu
       den Waffen  zu berufen.  Um diese "auch nur teilweise" einstellen
       zu können,  hätten die Franzosen ihre Cadres vermehrt. Sie hätten
       jetzt 152 Infanterieregimenter (gegen 116 vor dem Kriege), 9 neue
       Jägerbataillone,  14  neue  Kavallerieregimenter,  323  Batterien
       statt früher  164. Und  "diese Augmentationen sind noch nicht ge-
       schlossen". Die  Friedenspräsenzstärke beträgt  40 000 Mann  mehr
       als 1871,  sie ist auf 471 170 Mann festgestellt. Statt der 8 Ar-
       meekorps, mit  denen die Franzosen uns zu Anfang des Krieges ent-
       gegentraten, stellt Frankreich künftig 18 und ein neunzehntes für
       Algier; die  Nationalversammlung zwingt  der  Regierung  geradezu
       Gelder für  Rüstungen auf,  die Kommunen  schenken Exerzierplätze
       und Offizierskasinos,  bauen aus eigenen Mitteln Kasernen, bewei-
       sen einen  fast gewaltsamen  Patriotismus, wie  er in Deutschland
       nur zu  wünschen wäre  - kurz  alles bereitet  sich vor  auf  den
       großen Revanchekrieg.
       Wenn nun  die französische  Regierung alles  das getan hätte, was
       ihr Moltke zugute hält, so hätte sie nichts weiter getan als ihre
       Schuldigkeit. Nach  solchen Niederlagen  wie die  von 1870 ist es
       die erste  Pflicht der Regierung, die Wehrkraft der Nation soweit
       zu entwickeln, daß man gegen die Wiederholung solcher Unfälle ge-
       schützt ist.  Den Preußen  war 1806  ganz dasselbe passiert; ihre
       ganze altfränkische  Armee wurde  kostenfrei  und  kriegsgefangen
       nach Frankreich befördert. Nach dem Kriege bot die preußische Re-
       gierung alles  auf, um  das ganze  Volk wehrhaft  zu machen;  die
       Leute wurden  nur 6  Monate lang  eingeübt, und trotz Moltkes Ab-
       scheu vor  den Milizen  haben wir  Blüchers  Zeugnis,  daß  diese
       "Landwehr-Patteljohns", wie  er sich  ausdrückte, nach den ersten
       Gefechten ebenso gut waren wie die Linienbataillone. Handelte die
       französische Regierung  ebenso, setzte  sie alle  Kraft daran, in
       fünf bis sechs Jahren eine Wehrhaftmachung
       
       #505# Das Reichs-Militärgesetz
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       der ganzen  Nation durchzuführen - sie tat nur ihre Schuldigkeit.
       Aber im Gegenteil. Mit Ausnahme der Neubildungen von Bataillonen,
       Schwadronen und  Batterien, die  bis jetzt nur die Höhe der deut-
       schen Linien-Organisation  erreichen, besteht alles andre nur auf
       dem Papier, und Frankreich ist militärisch schwächer denn je.
       
       "Man hat",  sagt Moltke, "in Frankreich alle unsere militärischen
       Einrichtungen getreulich  kopiert... Man hat vor allem die allge-
       meine Wehrpflicht  eingeführt und  dabei eine zwanzigjährige Ver-
       pflichtung zugrunde gelegt, während wir nur eine zwölfjährige ha-
       ben."
       
       Und wenn  dem in  Wirklichkeit so wäre, worauf reduziert sich der
       Unterschied der  20 und  der 12  Jahre? Wo  ist der Deutsche, der
       nach 12  Jahren seiner  Landwehrverpflichtung wirklich  entlassen
       wäre? Heißt es nicht überall: Die 12 Jahre gelten erst dann, wenn
       wir Leute  genug haben,  bis dahin  müßt ihr 14,15,16 Jahrein der
       Landwehr [371]  bleiben? Und wofür haben wir denn den verscholle-
       nen Landsturm  [372] wieder  ausgegraben, als um jeden Deutschen,
       der einmal  zweierlei Tuch  getragen, bis  an sein  seliges  Ende
       dienstpflichtig zu erhalten?
       Aber nun  hat es  mit der  allgemeinen Wehrpflicht  in Frankreich
       noch eine  ganz besondere  Bewandtnis. In  Frankreich fehlen eben
       die preußischen  halbfeudalen Ostprovinzen,  die die  eigentliche
       Grundlage des  preußischen Staats  und des neuen Deutschen Reichs
       bilden; Provinzen,  aus denen  man Rekruten  zieht, die unbedingt
       gehorchen und  auch nachher, als Landwehrleute, nicht viel klüger
       werden. Schon  die Ausdehnung  der allgemeinen  Dienstpflicht auf
       die Westprovinzen  zeigte 1849,  daß eines sich nicht schickt für
       alle '373);  ihre jetzt  erfolgte Ausdehnung auf ganz Deutschland
       wird längstens  nach Verlauf von Moltkes beliebten zwölf Jahren -
       wenn das  Kramchen überhaupt so lange vorhält - die waffengeübten
       Leute schaffen,  die die Moltkes und Bismarcks außer Brot setzen.
       - Also  in Frankreich  existiert nicht  einmal die Grundlage, auf
       der die  allgemeine Dienstpflicht der Reaktion gehorsame Soldaten
       schaffen kann.  In Frankreich  war der  preußische  Unteroffizier
       schon vor  der großen Revolution ein überwundener Standpunkt. Der
       Kriegsminister Saint-Germain  führte 1776  die preußischen Stock-
       prügel ein;  die geprügelten  Soldaten erschossen  sich, und  die
       Stockprügel mußten  noch im  selben Jahre abgeschafft werden. Man
       führe die  allgemeine Dienstpflicht  wirklich in  Frankreich ein,
       man bilde  die Masse  der Bevölkerung  in der  Waffe aus,  und wo
       blieben da Thiers und Mac-Mahon? Aber Thiers und Mac-Mahon - wenn
       auch wahrhaftig  keine Genies  - sind auch nicht solche Schuljun-
       gen, wie  Moltke sie darstellt. Auf dem Papier haben sie die all-
       gemeine Dienstpflicht hergestellt,
       
       #506# Friedrich Engels
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       allerdings; in Wirklichkeit haben sie mit der größten Hartnäckig-
       keit auf  der fünfjährigen  Dienstzeit unter der Fahne bestanden.
       [374] Nun  weiß jeder, daß schon mit der preußischen dreijährigen
       Dienstzeit die  allgemeine  Wehrpflicht  vollständig  unvereinbar
       ist: entweder  erhält man dabei für Deutschland eine Friedensprä-
       senz von mindestens 600 000 Mann, oder man muß Leute sich freilo-
       sen lassen,  wie dies geschieht. Welche Friedenspräsenz würde nun
       eine  fünfjährige   Dienstzeit  bei  allgemeiner  Wehrpflicht  in
       Frankreich ergeben?  Beinahe eine  Million;  aber  selbst  Moltke
       bringt es nicht fertig, den Franzosen die Hälfte anzudichten.
       An demselben Tage, wo Moltke seinen Zuhörern so erstaunlich impo-
       nierte,  veröffentlichte   die  "Kölnische  Zeitung"  [375]  eine
       "militärische Mitteilung"  über die französische Armee. Diese mi-
       litärischen Mitteilungen  kommen der  "Köln. Ztg." aus sehr guter
       offiziöser Quelle  zu,  und  wird  der  betreffende  militärische
       "Sauhirt" für  den so  ausgezeichnet zur Unzeit geschossenen Bock
       einen ganz  besondern Denkzettel  erhalten haben.  Der Mann  sagt
       nämlich wirklich die Wahrheit. Er erklärt, die neuesten offiziel-
       len französischen Zahlenangaben bewiesen,
       
       "daß Frankreich die sich in seinem neuen Wehrgesetz gestellte mi-
       litärische  Aufgabe   auch  bei  der  äußersten  Kraftanstrengung
       schwerlich zu erfüllen imstande sein dürfte".
       
       Nach ihm  ist "der  diesjährige Stand  der Armee  zu 442 014 Mann
       normiert worden".  Davon gehen  zunächst ab  die  republikanische
       Garde-Gensdarmerie mit  27 500 Mann; "tatsächlich stellt sich die
       eigentliche Heeresstärke indes nach den für die einzelnen Waffen-
       gattungen aufgeführten  Etatsziffern nur auf 389 965 Mann". Hier-
       von sind abzuziehen
       
       "die geworbenen  Truppen (das  Fremdenregiment, die  eingeborenen
       algierischen Truppenteile),  die Verwaltungstruppenkõrper und die
       Cadres an Unteroffizieren und Kapitulanten, welche insgesamt nach
       den früheren  authentischen französischen Angaben zu 120 000 Mann
       normiert wurden.  Den wirklichen Effektivbestand derselben jedoch
       nur zu  80 000 Mann angenommen, verbleibt in bezug auf die Rekru-
       tierung nur noch ein tatsächlicher Armeebestand von 309 000 Mann,
       welcher sich aus fünf Jahrgängen des ersten und einem des zweiten
       (Reserve-) Kontingents  zusammenstellt. Der  eine Jahrgang dieses
       zweiten Kontingents umfaßt 30 000 Mann, und würde sich danach der
       Dienstjahrgang des  ersten Kontingents  wie die  Jahres-Rekruten-
       Einstellung für dasselbe zu je 55 800 Mann berechnen. Dazu treten
       dann die  30 000 Mann des zweiten Kontingents, so daß die höchst-
       gegriffene Jahresrekrutierung  der französischen  Armee sich doch
       immer nur auf 99 714 Mann bemessen würde."
       
       Also: die Franzosen stellen jährlich etwa 60 000 Mann zu fünfjäh-
       riger Dienstzeit ein, macht in 20 Jahren 1 200 000 Mann, und wenn
       wir die  Abgänge, wie  sie  sich  bei  der  preußischen  Landwehr
       tatsächlich herausgestellt,
       
       #507# Das Reichs-Militärgesetz
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       abrechnen, höchstens  800 000 Mann. Ferner 30 000 Mann zu einjäh-
       riger Dienstzeit  - was  nach Moltke  untaugliche Milizen sind -,
       macht in 20 Jahren 600 000 Mann, nach Abzug der Abgänge höchstens
       400 000 Mann. Wenn also die Franzosen den von Moltke so gerühmten
       Patriotismus zwanzig Jahre lang ungestört getrieben haben werden,
       so werden  sie dann  endlich den Deutschen, statt der Moltkeschen
       2 200 000 Mann, höchstens 800 000 geübte Soldaten und 400 000 Mi-
       lizen entgegenstellen  können, während  Moltke schon jetzt reich-
       lich anderthalb  Millionen vollständig geübter deutscher Soldaten
       mobil machen kann. Danach bemesse man die Heiterkeit, die Moltkes
       - im  Reichstag angestaunte  - Rede  im großen Generalstab zuwege
       gebracht hat.
       Man muß  es Moltke  lassen: Solange er mit einfältigen Gegnern zu
       tun hatte wie Benedek und Louis-Napoleon, solange hat er sich ei-
       ner durchaus  ehrlichen Kriegführung  befleißigt. Er  hat die von
       Napoleon I.  entdeckten strategischen  Regeln pünktlich, peinlich
       und gewissenhaft befolgt. Kein Feind konnte ihm vorwerfen, daß er
       sich je der Überraschung, des Hinterhalts oder sonst einer vulgä-
       ren Kriegslist  bedient habe.  Man konnte  demgemäß daran Zweifel
       auf werf en, ob Moltke wirklich ein Genie sei. Dieser Zweifel ist
       gefallen, seit  Moltke ebenbürtige  Gegner zu bekämpfen hat - die
       Genies im  Reichstage. Ihnen  gegenüber hat  er bewiesen,  daß er
       seine Gegner  auch übertölpeln kann, wenn es sein muß. Kein Zwei-
       fel mehr: Moltke ist ein Genie.
       Was indes  Moltke von  den französischen  Rüstungen wohl wirklich
       halten mag?  Auch dafür  haben wir einige Anzeichen. - Moltke und
       Bismarck verhehlten sich nicht, daß, grade wie die Siege von 1866
       in der  französischen offiziellen  Welt den Ruf nach Revanche für
       Sadowa mit  Notwendigkeit hervorgerufen,  so die Erfolge von 1870
       mit ebenderselben Notwendigkeit dem offiziellen Rußland "Revanche
       für Sedan"  aufzwingen  würden.  Preußen,  bisher  der  gehorsame
       Knecht Rußlands,  hatte sich plötzlich als erste Militärmacht Eu-
       ropas entpuppt;  eine so  gewaltige Verschiebung der europäischen
       Lage zuungunsten Rußlands kam einer Niederlage der russischen Po-
       litik gleich;  der Ruf  nach Revanche erscholl laut genug in Ruß-
       land. Man  fand in  Berlin, daß  unter diesen Umständen es besser
       sei, die  Sache so  bald und  so rasch wie möglich abzumachen und
       den Russen  keine Zeit zu Rüstungen zu lassen. Was damals preußi-
       scherseits geschah,  um den  Krieg gegen  Rußland  vorzubereiten,
       darüber vielleicht ein anderes Mal; genug, man war im Sommer 1872
       so ziemlich  fertig, namentlich mit dem Feldzugsplan, der diesmal
       keinen "Stoß ins Herz" beabsichtigte. Da kam Kaiser Alexander von
       Rußland ungeladen zur Kaiservisite nach Berlin und
       
       #508# Friedrich Engels
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       legte "an  maßgebender Stelle"  gewisse Aktenstücke  vor, die das
       Plänchen zunichte  machten. Die zunächst gegen die Türkei gerich-
       tete erneuerte  Heilige Allianz verdrängte für den Augenblick den
       schließlich doch unvermeidlichen russischen Krieg.
       In diesem  Plänchen war  natürlich auch  der Fall vorgesehen, daß
       Frankreich sich  mit Rußland  gegen Preußen  verbünden sollte. In
       diesem Fall wollte man gegen Frankreich in der Defensive bleiben.
       Und wieviel  Mann hielt man damals für hinreichend, alle Angriffe
       Frankreichs abzuschlagen?
       Eine Armee von zweihundertfünfzigtausend Mann!
       Geschrieben Ende Februar/Anfang März 1874.

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