Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Friedrich Engels
Der schweigende Stabsschreier Moltke und sein
jüngster Leipziger Korrespondent [376]
["Der Volksstaat" Nr. 35 vom 25. März 1874]
London, 13. März [1874]
Der Mordspatriotismus irgendeines Leipziger Mastbürgers scheint
unangenehm angekitzelt worden zu sein durch die Tatsache, daß die
Franzosen vor Metz [377] kein Geschütz verloren, den Deutschen
dagegen solche abgenommen haben wollen. In seinem Kanonenfieber
bittet er den bekannten Halbgott Moltke um Aufklärung, der ihm im
"Leipziger Tageblatt" [378] eines seiner schnurrigen Orakelchen
aufhängt, wonach zwar einige französische Generale im Bazaine-
schen Prozeß [379] Ungenaues über die gegenseitige Kanonenweg-
nahme zutage gefördert hätten, jedoch zugegeben werden muß, daß,
während die Deutschen am 16. August den Franzosen nur eine Kanone
abnehmen konnten, diese am 18. zwei deutsche Geschütze fort-
schleppten. Hiermit war genug gesagt. Aber der Schweiger Moltke
muß noch eine Vorlesung halten, sonst geht's nicht. Also erzählt
er den Andachtslümmeln, daß gemäß der "heutigen Taktik" die Ar-
tillerie in den vordersten Reihen kämpfen muß; daher hätten die
Deutschen die zwei Kanonen verloren. Man kann aus seinen Worten
lesen, daß, hätten die Franzosen dieser seiner "heutigen Taktik"
Genüge geleistet, so hätten sie wahrscheinlich viel mehr Kanonen
verloren und seinen Lobspruch geerntet, denn er sagt, daß die
Östreicher, deren Artillerie der Infanterie in der avanciertesten
Gefechtslinie beisprang, 160 Kanonen auf "die ehrenvollste Weise"
loswurden. Die östreichische Artillerie, wie er selbst orakelt,
manövrierte auf solche Art, weil das östreichische Infanteriege-
wehr dem preußischen nachstand. Da nun aber der französische
Chassepot dem preußischen Zündnadelgewehr überlegen war, so gab
es wohl für die deutsche Artillerie einen Grund, aus der Not ein
Gebot zu machen, grade wie die östreichische bei Königgrätz [241]
getan hatte, aber für die französische konnte es nicht
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angewiesen erscheinen, sich zwecklos von der in Rohrkonstruktion
und Beweglichkeit überlegenen gegnerischen Artillerie zusammen-
schießen zu lassen. Für Moltke muß es allerdings sehr unbequem
sein, daß in den drei Tagen des 14., 16., 18.Aug. 1870 40 000
Deutsche getötet und verwundet wurden, trotzdem man die französi-
sche Artillerie in für ihn so dunkler Weise führte, daß er noch
heute sagt,
"ob unter diesen Umständen die Tatsache, kein oder nur ein Ge-
schütz verloren zu haben, ein besonderer Beweis für die Tüchtig-
keit der französischen Artillerie oder für deren Ausdauer im
Kampfe ist, mag dahingestellt bleiben".
Nun glaube man aber ja nicht, wozu man durch den Moltkeschen
Schweigebrief veranlaßt sein könnte, daß die französische Artil-
lerie sich etwa nicht gehörig, und sogar oft gegen die deutsche
Artillerie in jenen Tagen geschlagen habe. Es "entspricht nicht
ganz dem Tatsächlichen", um höflichst in Moltkeschen Worten zu
sprechen, wenn man behauptet, wie er ganz dreist tut, daß die
französische Artillerie "meistenteils ein bald beseitigter Gegner
war". Wer Genaueres hierüber wissen will, der lese "Die deutsche
Artillerie in den Schlachten bei Metz. Von Hoffbauer, Hauptmann
und Batteriechef im Ostpreußischen Feldartillerieregiment Nr. 1.
Lehrer an der vereinigten Artillerie- und Ingenieurschule", Ber-
lin 1872, Mittler und Sohn. Also ein offiziöses Buch! Moltke
weiß, daß, wer so dumme Fragen stellt, wie unser Leipziger, sol-
che Bücher nicht liest oder nicht versteht, und glaubt, daß alle,
welche sie mit Verständnis lesen, "das Maul halten müssen".
Das Diktum Moltkes über die "neue" Verwendung der Artillerie ist
nicht das Papier wert, auf dem es geschrieben. Nicht nur der
Artilleristen-und Pferde-, sondern auch der Munitionsverbrauch
ist dabei ein so enormer, daß in kürzester Zeit weder die Men-
schen, noch die Pferde, noch die Geschosse zu ersetzen sind. Auch
schießt infolge der Moltkeschen "neuen Taktik" die deutsche Ar-
tillerie, aus Eifer für die Wissenschaft, viel öfter als wün-
schenswert, ihre eigenen Landsleute tot. Dies ist am 14., 16.,
18. August 1870 geschehen. Ja, die "neue Taktik" hat eine so
wissenschaftlich verknotete Artillerieschießwut erzeugt, daß
Gegenbefehle, Bitten um Einstellen des Feuers gegen deutsche
Truppen als verräterischer Blödsinn erscheinen mußten. (Siehe
Hoffbauer.)
Übrigens war das Verfahren der deutschen Artillerie in jenen Ta-
gen, wie selbst Hauptmann Hoffbauer, Ritter des Eisernen Kreuzes
erster Klasse und unbedingter Anbeter seiner Vorgesetzten, sagt,
ein "improvisiertes". Moltke nennt es schnell eine Erfüllung der
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"Anforderungen der heutigen Taktik", welche "verlangt, daß die
Artillerie es nicht scheuen darf" (Moltkesches Deutsch), "sich in
die vordersten Linien der kämpfenden Truppen einzureihen oder be-
hufs Abwehr eines feindlichen Angriffs bis zum letzten Momente
auszuharren und die andern Waffengattungen zu beschützen".
Diese Anforderungen sind aber schon lange vor Moltke an die Ar-
tillerie gestellt worden. Fest steht gar nichts über der Artille-
rie "heutige Taktik". Vor 1815 ist nichts von Belang darüber ge-
schrieben worden, und seit 1815 hat die preußische Artillerie
viel gefaulenzt und ihre Offiziere sich untereinander hin und her
gezankt. Seit 1866 glaubten die Preußen, sie hätten die Kanonen-
weisheit gepachtet, weil sie nämlich zufällig eine bessere Kanone
als einige Nachbarn besaßen. Sie haben im französischen Kriege
mit ihrer Artillerie nur nach einer Taktik herumgetastet, die
sich, wie dem simpelsten Menschen einleuchten wird, mit jeder
fühlbaren Verbesserung des Geschützes ändern muß.
Es ist nur Humanität, wenn man es unternimmt, die ebenso einfäl-
tigen als greisenhaft-anspruchsvollen Orakelsprüche des Moltke
und seiner Trabanten, wie sie sich in Büchern, Zeitungen, Reden
und Briefen ans Licht wagen, ins Lächerliche zu ziehen und zu-
schanden zu machen.
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