Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875


       zurück

       #519#
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       FRIEDRICH ENGELS
       
       Flüchtlingsliteratur [388]
       
       #520#
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       Geschrieben Mai 1874 bis April 1875.
       Der vorliegende  Abdruck (Artikel  I-V) fußt auf der Veröffentli-
       chung im "Volksstaat".
       Die Artikel  I, II und V wurden mit dem Text der Wiederveröffent-
       lichung in  der Broschüre  "Internationales aus  dem 'Volksstaat'
       (1871-75)", Berlin 1894, verglichen. Auf wesentliche Abweichungen
       gegenüber der Erstveröffentlichung im "Volksstaat" wird in Fußno-
       ten bzw. Anmerkungen verwiesen.
       Der Artikel  V erschien  1875 in  Leipzig als Broschüre unter dem
       Titel "Soziales aus Rußland".
       
       #521#
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       I
       
       Eine polnische Proklamation [389]
       
       ["Der Volksstaat" Nr. 69 vom 17. Juni 1874]
       Als der  Kaiser von Rußland in London ankam, war dort bereits die
       ganze Polizei  in Bewegung.  Es hieß,  die Polen  wollten ihn er-
       schießen, der neue Berezowski sei bereits gefunden und besser be-
       waffnet als  damals in  Paris. Man umstellte die Häuser bekannter
       Polen mit  Polizisten in  Zivil, ja,  man ließ sich von Paris den
       Polizeikommissar kommen, der dort unter dem Kaiserreich die Polen
       speziell überwacht  hatte. Die Polizeimaßregeln auf der Route des
       Zars von  seiner Wohnung  bis in  die City  waren  förmlich  nach
       strategischen Grundsätzen  angeordnet -  und alle  diese Mühe um-
       sonst! Kein  Berezowski zeigte sich, kein Pistolenschuß fiel, und
       der nicht  minder als  seine Tochter  zitternde Zar  kam mit  dem
       Schrecken davon. Ganz umsonst war die Mühe indes doch nicht, denn
       der Kaiser  ließ jedem  für ihn  tätigen  Polizeisuperintendenten
       fünf und  jedem Inspektor  zwei Pfund  Sterl. 33 und 14 Tlr. 1*))
       als Trinkgeld zahlen.
       Die Polen  dachten inzwischen  an ganz  andere Dinge als den Mord
       des edlen Alexander. Die Gesellschaft "Das polnische Volk" erließ
       eine "Adresse  der polnischen  Flüchtlinge an das englische Volk"
       [390],  unterzeichnet:   General  W.  Wróblewski,  Präsident,  J.
       Krynski, Sekretär.  Diese Adresse  wurde in  London  während  der
       Anwesenheit des  Zaren massenhaft  verbreitet. Mit  Ausnahme  von
       "Reynolds Newspaper"  [391] verweigerte  ihr die  Londoner Presse
       einstimmig die  Aufnahme: man  dürfe den  "Gast  Englands"  nicht
       beleidigen!
       Die Adresse fängt damit an, die Engländer darauf hinzuweisen, daß
       der Zar  ihnen nicht  eine Ehre,  sondern eine Beleidigung antut,
       wenn er  sie in  demselben Augenblick  besucht,  wo  er  in  Zen-
       tralasien alles  vorbereitet, um  die englische Herrschaft in In-
       dien zu stürzen; und daß, wenn England, statt
       -----
       1*) (1894): je 100 und 40 Mark (statt: je 33 und 14 Tlr.)
       
       #522# Friedrich Engels
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       den Lockungen  des Zaren  zu lauschen,  dieses angeblichen Vaters
       der Völker,  die er unterdrückt, gegen die Unabhängigkeitsbestre-
       bungen der  Polen weniger  gleichgültig wäre,  England sowohl wie
       das übrige Westeuropa seine kolossalen Rüstungen ruhig einstellen
       könnte. Und dies ist ganz richtig. Der Hintergrund des ganzen eu-
       ropäischen Militarismus  ist der russische Militarismus. Im Krieg
       1859 auf  seiten Frankreichs,  1866 und  1870 auf seiten Preußens
       als Reserve  stehend, hat die russische Armee es der jedesmaligen
       ersten Militärmacht möglich gemacht, ihren Gegner vereinzelt nie-
       derzuschlagen. Preußen als erste europäische Militärmacht ist di-
       rekt ein Geschöpf Rußlands, wenn auch seitdem seinem Schutzpatron
       unangenehm über den Kopf gewachsen. Die Adresse fährt fort:
       
       "Kraft seiner  geographischen Lage und seiner Bereitschaft, jeden
       Augenblick für  die Sache  der Menschheit  einzustehen, war Polen
       stets und  wird stets  sein der  erste Vorkämpfer des Rechts, der
       Zivilisation und der gesellschaftlichen Entwicklung in ganz Nord-
       osteuropa. Dies hat Polen unumstößlich bewiesen durch seine Jahr-
       hunderte des  Widerstands gegen  die Einfälle der Ostbarbaren auf
       der einen  Seite und  gegen die damals fast den ganzen Westen un-
       terdrückende Inquisition auf der andern. Wie kam es, daß die Völ-
       ker Westeuropas  sich gerade  in der  entscheidendsten Epoche der
       neueren Zeit  ungestört der  Entwicklung ihrer  sozialen  Lebens-
       kräfte hingeben konnten? Weil und nur weil an den Ostmarken Euro-
       pas der  polnische Soldat  auf Posten stand, stets wachsam, stets
       schußfertig, stets bereit, seine Gesundheit, seine Habe, sein Le-
       ben in die Schanze zu schlagen. Dem Schutze der polnischen Waffen
       verdankt Europa die Möglichkeit, daß sein im sechzehnten Jahrhun-
       dert neu  erwachendes Leben  in Kunst  und Wissenschaft sich for-
       tentwickeln, Handel,  Industrie und  Reichtum ihre  jetzige stau-
       nenswerte Höhe  erreichen konnten.  Was zum Beispiel wäre aus der
       dem Westen  durch zweihundertjährige Arbeit erworbenen Verlassen-
       schaft an  Zivilisation geworden,  hätte  nicht  Polen,  obgleich
       selbst im  Rücken durch  mongolische Horden  bedroht, dem Zentrum
       Europas Hülfe  gegen die Türken gebracht und durch den glänzenden
       Sieg unter den Mauern Wiens die Macht der Osmanen gebrochen?"
       
       Die Adresse  entwickelt weiter, wie es auch heute noch wesentlich
       der Widerstand  Polens ist,  der Rußland verhindert, seine Kräfte
       gegen den  Westen zu wenden, und der es sogar fertiggebracht hat,
       die gefährlichsten  Alliierten Rußlands,  seine  panslawistischen
       Agenten, zu entwaffnen. Der berühmteste russische Historiker, Po-
       godin, sagt  in einer auf Befehl und Kosten der russischen Regie-
       rung gedruckten  Schrift, Polen, bisher der Pfahl im Fleisch Ruß-
       lands, müsse dessen rechte Hand werden, indem man es als kleines,
       schwaches  Königreich  unter  einem  russischen  Prinzen  wieder-
       herstelle -  damit fange  man am besten die türkischen und öster-
       reichischen Slawen:
       
       #523# Flüchtlingsliteratur - I. Eine polnische Proklamation
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       "Wir werden dies in einem Manifest ankündigen, England und Frank-
       reich werden  sich die Lippen beißen, und für Östreich ist es der
       Todesstoß... Alle  Polen, selbst die unversöhnlichsten, werden in
       unsere Arme  stürzen; die  östreichischen und  preußischen  Polen
       werden sich  ihren Brüdern  wieder anschließen.  Alle  slawischen
       Stämme sind  jetzt von  östreich unterdrückt, Tschechen, Kroaten,
       Ungarn (!), bis zu den türkischen Slawen herab, werden den Augen-
       blick ersehnen,  wo sie ebenso frei aufatmen können, wie dann die
       Polen. Wir werden ein Geschlecht von hundert Millionen sein unter
       einem Zepter,  und dann,  ihr Völker  Europas, kommt und versucht
       eure Stärke an uns!"
       
       Leider fehlte  an diesem  schönen Plan  nur die  Hauptsache:  die
       Einwilligung Polens. Aber
       
       "auf alle  diese Verlockungen - die Welt weiß es - antwortete Po-
       len: Ich  will und muß leben, soll ich überhaupt leben, nicht als
       Werkzeug der Welteroberungspläne eines fremden Zaren, sondern als
       freies Volk unter den freien Völkern Europas."
       
       Die Adresse  führt dann  weiter  aus,  wie  Polen  diesen  seinen
       unerschütterlichen Entschluß  bestätigt hat. Im kritischen Augen-
       blick seiner Existenz, bei Ausbruch der Französischen Revolution,
       war Polen  bereits durch  die erste Teilung verstümmelt und unter
       vier Staaten  verteilt. Dennoch  hatte es den Mut, durch die Ver-
       fassung vom  3. Mai  1791 das Banner der Französischen Revolution
       an der  Weichsel aufzupflanzen  - eine  Tat, wodurch es sich weit
       über alle  seine Nachbarn  stellte. Die alte polnische Wirtschaft
       war damit  vernichtet; einige Jahrzehnte ruhiger, von außen unge-
       störter Entwicklung,  und Polen  wurde das fortgeschrittenste und
       mächtigste Land  östlich des  Rheins.  Aber  den  Teilungsmächten
       konnte es nicht passen, daß Polen wieder aufkomme, und noch weni-
       ger, daß  es aufkomme  durch Einbürgerung der Revolution im Nord-
       osten Europas.  Sein Schicksal  war besiegelt: Die Russen setzten
       in Polen  durch, was Preußen, Östreicher und Reichstruppen verge-
       bens in Frankreich versuchten.
       
       "Kosciuszko kämpfte  gleichzeitig für  die Unabhängigkeit  Polens
       und für  das Prinzip  der Gleichheit. Und es ist weltbekannt, daß
       von dem  Augenblick des Untergangs seiner nationalen Selbständig-
       keit an,  und trotz dieses Untergangs, Polen, kraft seiner Vater-
       landsliebe wie  kraft seiner  Solidarität mit allen für die Sache
       der Menschheit  streitenden Völkern, der vorderste Vorkämpfer des
       - wo  auch immer  - verletzten Rechts war, auf jedem Schlachtfeld
       mitstreitend, wo Tyrannei bekämpft wurde. Ungebrochen durch seine
       eigenen Mißgeschicke,  unbeirrt durch die Blindheit und den bösen
       Willen der  europäischen Regierungen,  hat Polen die ihm durch es
       selbst, durch  die Geschichte und durch die Rücksicht auf die Zu-
       kunft auferlegten Pflichten keinen Augenblick vernachlässigt."
       
       Gleichzeitig aber  hat es  auch die  Prinzipien entwickelt,  nach
       denen diese  Zukunft, die  neue polnische  Republik,  organisiert
       werden soll;  sie sind  niedergelegt in  den Manifesten von 1836,
       1845 und 1863. [392]
       
       #524# Friedrich Engels
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       "Das erste dieser Manifeste proklamiert neben dem unerschütterli-
       chen nationalen  Recht Polens zugleich die Gleichberechtigung der
       Bauern. Das  von 1845,  auf polnischem  Boden, in der damals noch
       freien Stadt  Krakau verkündigt und durch Abgeordnete aller Teile
       Polens bestätigt, spricht nicht nur diese Gleichberechtigung aus,
       sondern auch  den Satz, daß die Bauern Eigentümer des Bodens wer-
       den sollen, den sie seit Jahrhunderten bebauen. - In dem moskowi-
       tischen Raubanteile  1*) haben die Grundbesitzer, auf obige Mani-
       feste als  Grundlagen des  polnischen nationalen Rechts gestützt,
       lange vor der kaiserlichen sogenannten Emanzipations-Proklamation
       beschlossen, diese  auf ihrem Gewissen lastende innere Angelegen-
       heit freiwillig  und durch Übereinkunft mit den Bauern auszuglei-
       chen (1859-1863).  Die polnische  Landfrage war im Prinzip gelöst
       durch die  Verfassung vom 3. Mai 1791; wenn dennoch der polnische
       Bauer unterdrückt  blieb, so  war dies  lediglich die  Schuld des
       Despotismus und  Machiaoellismus des  Zaren, der seine Herrschaft
       auf die  Verfeindung von  Grundbesitzern und  Bauern stützte. Und
       dieser Beschluß wurde gefaßt lange vor der kaiserlichen Proklama-
       tion vom  18. Februar  1861 ;  und  diese  von  ganz  Europa  be-
       klatschte, angeblich  die Gleichberechtigung  der Bauern herstel-
       lende Proklamation  war nur  der Deckmantel  für einen  der immer
       wiederkehrenden Versuche  des Zaren, sich fremdes Gut anzueignen.
       Das polnische  Landvolk ist  unterdrückt nach wie vor, aber - der
       Zar ist  Eigentümer des  Bodens geworden!  Und zur Strafe für den
       blutigen Protest, den Polen 1863 gegen die heimtückische Barbarei
       seiner Bedrücker  erhob, hat es eine Reihe brutaler Mißhandlungen
       zu erdulden gehabt, vor der selbst die Tyrannei vergangener Jahr-
       hunderte schaudern müßte."
       "Und doch  war weder das grausame Joch des Zaren, obwohl es jetzt
       ein volles  Jahrhundert auf ihm lastet, noch die Gleichgültigkeit
       Europas imstande, Polen zu töten. Wir haben gelebt und wir werden
       leben, kraft  unseres eigenen Willens, unserer eigenen Stärke und
       unserer eigenen  sozialen und  politischen Entwicklung,  die  uns
       hoch über  unsere Bedrücker  stellt; denn  deren Existenz hat zur
       ersten und  letzten Grundlage  die brutale  Gewalt, das Gefängnis
       und den  Galgen, und  ihre wesentlichen  Aktionshebel nach  außen
       sind unterirdische  Machinationen,  verräterische  Überfälle  und
       schließlich gewaltsame Eroberung."
       
       Verlassen wir  jetzt die  durch obige Auszüge hinreichend gekenn-
       zeichnete Adresse,  um daran einige Bemerkungen über die Wichtig-
       keit der polnischen Frage für die deutschen Arbeiter zu knüpfen.
       Sosehr Rußland  sich auch seit Peter dem Großen entwickelt hatte,
       sosehr sein  Einfluß in  Europa gewachsen war (wozu Friedrich II.
       von Preußen,  obwohl genau wissend, woran er war, keinen geringen
       Teil beitrug), so blieb es doch wesentlich eine ebenso außereuro-
       päische Macht  wie z.B.  die Türkei, bis zu dem Augenblick, wo es
       sich Polens bemächtigte. 1772
       -----
       1*) In der "Address of the polish refugees..." heißt dieser Satz-
       anfang: In dem Teil Polens, der von Rußland wie von einem Einbre-
       cher annektiert worden ist
       
       #525# Flüchtlingsliteratur - I. Eine polnische Proklamation
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       war die erste Teilung Polens; 1779 schon verlangte 1*) Rußland im
       Teschener Frieden  das verbriefte  Recht der  Einmischung in  die
       deutschen Angelegenheiten.  [393] Das hätte den deutschen Fürsten
       eine Lehre  sein sollen;  trotzdem gingen  Friedrich Wilhelm II.,
       er, der  einzige Hohenzoller,  der je der russischen Politik ern-
       sten Widerstand  entgegengesetzt, und  Franz II.  auf die völlige
       Vernichtung Polens ein. Nach den napoleonischen Kriegen nahm Ruß-
       land noch  dazu  den  Löwenanteil  der  früheren  preußisch-  und
       östreichisch-polnischen Provinzen  und trat  nun  unverhüllt  als
       Schiedsrichter Europas  auf, eine Rolle, die es bis 1853 ununter-
       brochen fortsetzte. Preußen war ordentlich stolz darauf, vor Ruß-
       land kriechen  zu dürfen;  Östreich folgte  widerwillig, aber  im
       entscheidenden Moment stets nachgebend aus Furcht vor der Revolu-
       tion, gegen  die der Zar doch immer der letzte Rückhalt blieb. So
       wurde Rußland der Hort der europäischen Reaktion, ohne sich dabei
       das Vergnügen zu versagen, in östreich und der Türkei fernere Er-
       oberungen durch panslawistische Aufhetzereien vorzubereiten. Wäh-
       rend der  Revolutionsjahre war  die  Niederschlagung  der  Ungarn
       durch Rußland  eine ebenso  entscheidende Tatsache  für Ost-  und
       Mitteleuropa, wie  es die Pariser Junischlacht für den Westen ge-
       wesen war;  und als  Kaiser Nikolaus bald darauf in Warschau über
       den König von Preußen und den Kaiser von östreich zu Gericht saß,
       da war  mit der Herrschaft Rußlands auch die Herrschaft der Reak-
       tion über Europa besiegelt. Der Krimkrieg befreite den Westen und
       östreich von  der Insolenz  des Zaren;  Preußen und die deutschen
       Kleinstaaten krochen  um so  williger vor  ihm; aber  schon  1859
       züchtigte er  die Östreicher für ihren Ungehorsam, indem er dafür
       sorgte, daß seine deutschen Vasallen nicht Partei für sie nahmen,
       und 1866  vollendete Preußen  die Züchtigung Östreichs. Wir sahen
       schon oben,  daß die russische Armee den Vorwand und Rückhalt des
       gesamten europäischen Militarismus bildet. Nur weil Nikolaus 1853
       im Vertrauen  auf seine - freilich großenteils nur auf dem Papier
       existierende -  Million Soldaten  den Westen herausgefordert, er-
       hielt Louis-Napoleon  durch den Krimkrieg den Vorwand, die damals
       ziemlich geschwächte  französische Armee zur stärksten Europas zu
       machen. Nur  dadurch, daß  1870 die russische Armee Östreich ver-
       hinderte, für  Frankreich Partei  zu  ergreifen,  konnte  Preußen
       Frankreich besiegen  und die  preußisch-deutsche Militärmonarchie
       vollenden. Bei allen diesen Haupt-und Staatsaktionen sehen wir im
       Hintergrund die russische Armee. Und wenn auch - sofern nicht die
       innere Entwicklung  Rußlands bald  in revolutionären Fluß gerät -
       der Sieg Deutschlands über Frankreich ebenso
       -----
       1*) (1894) eingefügt: und erhielt
       
       #526# Friedrich Engels
       -----
       sicher einen  Krieg zwischen  Rußland  und  Deutschland  erzeugen
       wird, wie  der Sieg  Preußens über  Östreich bei Sadowa [241] den
       Deutsch-Französischen Krieg nach sich zog *) - so wird doch gegen
       eine Bewegung  im Innern den Preußen stets die russische Armee zu
       Diensten stehen.  Noch heute  ist das offizielle Rußland der Hort
       und Schirm  der gesamten  europäischen Reaktion,  seine Armee die
       Reserve aller übrigen Armeen, die die Niederhaltung der Arbeiter-
       klasse in Europa besorgen.
       Nun sind  es aber  grade die  deutschen Arbeiter, die dem Anprall
       dieser großen  Reservearmee der  Unterdrückung zuerst  ausgesetzt
       sind, und  zwar sowohl  im sog.  Deutschen Reich wie in Östreich.
       Solange hinter  der östreichischen  und deutschen Bourgeoisie und
       Regierung die Russen stehen, ist der ganzen deutschen Arbeiterbe-
       wegung die  Spitze abgebrochen.  Wir vor allen haben also das In-
       teresse, uns  die russische  Reaktion und die russische Armee vom
       Halse zu schaffen.
       Und bei  dieser Arbeit  haben wir  nur einen  zuverlässigen, aber
       auch unter allen Umständen zuverlässigen Bundesgenossen: das pol-
       nische Volk.
       Polen ist  noch weit mehr als Frankreich durch seine geschichtli-
       che Entwicklung  und seine  gegenwärtige Lage  vor die  Wahl  ge-
       stellt: entweder  revolutionär zu sein oder unterzugehen. Und da-
       mit fällt  all das alberne Gerede von dem wesentlich aristokrati-
       schen Charakter  der polnischen  Bewegung. Es  gibt in  der  pol-
       nischen Emigration  Leute genug,  die aristokratische Gelüste ha-
       ben; sowie aber Polen selbst in die Bewegung eintritt, wird diese
       durch und  durch revolutionär,  wie wir 1846 und 1863 gesehen ha-
       ben. Diese Bewegungen waren nicht nur national, sie waren gleich-
       zeitig direkt auf Befreiung der Bauern und Übertragung des Grund-
       eigentums an  diese gerichtet. 1871 trat die große Masse der pol-
       nischen Emigration  in Frankreich in die Dienste der Kommune; war
       das die  Tat von  Aristokraten? Bewies das nicht, daß diese Polen
       vollständig auf der Höbe der modernen Bewegung standen? Seit Bis-
       marck den  Kulturkampf in  Posen 1*) eingeführt hat und unter dem
       Vorwand, dem  Papst dadurch  einen Streich  zu spielen,  auf pol-
       nische Schulbücher  fahndet, die  polnische  Sprache  unterdrückt
       [395] und  alles aufbietet,  um die Polen in die Arme Rußlands zu
       treiben, was  geschieht? Die polnische Aristokratie schließt sich
       mehr und mehr an Rußland an, um
       ---
       *) Dies ist  bereits ausgesprochen im "Zweiten Manifest des Gene-
       ralrats der Internationalen Arbeiterassoziation über den Deutsch-
       Französischen Krieg" (datiert 9. Sept. 1870) [394].
       -----
       1*) (1894): Polen
       
       #527# Flüchtlingsliteratur - I. Eine polnische Proklamation
       -----
       unter seiner  Herrschaft wenigstens  Polen wieder zusammenzubrin-
       gen; die revolutionären Massen antworten, indem sie der deutschen
       Arbeiterpartei ihre Allianz anbieten und in den Reihen der Inter-
       nationale kämpfen.
       Daß Polen nicht totzumachen ist, hat es 1863 bewiesen und beweist
       es noch jeden Tag. Sein Anspruch auf selbständige Existenz in der
       europäischen Völkerfamilie  ist unabweisbar. Seine Wiederherstel-
       lung aber  ist eine Notwendigkeit namentlich für zwei Völker: für
       die Deutschen und für die Russen selbst.
       Ein Volk,  das andere unterdrückt, kann sich nicht selbst emanzi-
       pieren. Die  Macht, deren es zur Unterdrückung der andern bedarf,
       wendet sich  schließlich immer gegen es selbst. Solange russische
       Soldaten in  Polen stehen, kann das russische Volk sich weder po-
       litisch noch  sozial befreien.  Bei dem jetzigen Stand der russi-
       schen Entwicklung  aber ist es unzweifelhaft, daß an dem Tage, wo
       Rußland Polen  verliert, in  Rußland selbst  die Bewegung mächtig
       genug wird, die bestehende Ordnung der Dinge zu stürzen. Unabhän-
       gigkeit Polens  und Revolution in Rußland bedingen sich gegensei-
       tig. Und  Unabhängigkeit Polens  und Revolution  in Rußland - die
       bei der  grenzenlosen gesellschaftlichen,  politischen und finan-
       ziellen Zerrüttung  und der  das ganze  offizielle Rußland durch-
       dringenden Korruption  weit näher ist, als die Oberfläche anzeigt
       - bedeuten  für die  deutschen Arbeiter:  Beschränkung der  Bour-
       geoisie, der  Regierungen, kurz  der Reaktion  in Deutschland auf
       ihre eigenen  Kräfte -  Kräfte, mit  denen wir  dann mit der Zeit
       schon fertig werden.
       
       #528#
       -----
       II
       
       Programm der blanquistischen Kommuneflüchtlinge [396]
       
       ["Der Volksstaat" Nr. 73 vom 26. Juni 1874]
       Nach jeder  gescheiterten Revolution oder Kontrerevólution entwi-
       ckelt sich  unter den  ins Ausland  entkommenen Flüchtlingen eine
       fieberhafte  Tätigkeit.  Die  verschiedenen  Parteischattierungen
       gruppieren sich,  klagen sich  gegenseitig an,  den Karren in den
       Dreck gefahren  zu haben,  beschuldigen einander  des Verrats und
       aller möglichen  sonstigen Todsünden.  Dabei bleibt  man mit  der
       Heimat in  reger  Verbindung,  organisiert,  konspiriert,  druckt
       Flugblätter und Zeitungen, schwört darauf, daß es in vierundzwan-
       zig Stunden  wieder losgeht, daß der Sieg gewiß ist, und verteilt
       im Hinblick  hierauf schon  die Regierungsämter.  Natürlich folgt
       Enttäuschung auf  Enttäuschung, und da man diese nicht den unver-
       meidlichen historischen  Verhältnissen, die  man nicht  verstehen
       will, sondern  zufälligen Fehlern einzelner zuschreibt, so häufen
       sich die  gegenseitigen Anklagen,  und das  Ganze endigt in einem
       allgemeinen Krakeel.  Das ist  die Geschichte  aller  Flüchtling-
       schaften von  den royalistischen Emigrierten von 1792 bis auf den
       heutigen Tag;  und wer  unter den  Flüchtlingen Verstand und Ein-
       sicht hat,  der zieht  sich von  dem unfruchtbaren Gezänk zurück,
       sobald es mit Anstand geschehen kann, und treibt etwas Besseres.
       Die  französische   Emigration  nach   der  Kommune   ist  diesem
       unvermeidlichen Schicksal  ebenfalls nicht  entgangen. Durch  die
       europäische Verleumdungskampagne,  die alle  gleichmäßig angriff,
       und in London speziell durch den gemeinsamen Mittelpunkt, den sie
       im Generalrat  der Internationalen  fand, eine Zeitlang genötigt,
       ihre inneren  Zwistigkeiten wenigstens vor der Welt zu unterdrüc-
       ken, war  sie in den letzten zwei Jahren nicht mehr imstande, den
       immer  rascher   fortschreitenden   Zersetzungsprozeß   zu   ver-
       heimlichen. Der  offene Streit  brach allenthalben  los.  In  der
       Schweiz schloß
       
       #529# Flüchtlingsliteratur - II. Programm bl. Kommuneflüchtlinge
       -----
       sich ein Teil an die Bakunisten an, wesentlich beeinflußt von Ma-
       lon, der  selbst einer  der Stifter der geheimen Allianz [2] war.
       Dann zogen sich in London die sogenannten Blanquisten von den In-
       ternationalen zurück  und bildeten eine Gruppe für sich unter dem
       Titel: Die  revolutionäre Kommune.  Daneben erstanden später eine
       Menge anderer  Gruppen, die  aber in  fortwährender Umbildung und
       Umschmelzung begriffen  bleiben und auch in Manifesten nichts Er-
       kleckliches geleistet  haben, während  die Blanquisten  soeben in
       einer Proklamation  an die  "Communeux" ihr Programm zur Kenntnis
       aller Welt bringen [397].
       Diese Blanquisten  heißen so  nicht etwa als eine von Blanqui ge-
       stiftete Gruppe  - nur  ein paar der 33 Unterzeichner dieses Pro-
       gramms haben  wohl je  mit Blanqui gesprochen -, sondern weil sie
       in seinem  Geiste und  nach seiner  Tradition tätig  sein wollen.
       Blanqui ist  wesentlich politischer  Revolutionär, Sozialist  nur
       dem Gefühl  nach, mit  den Leiden des Volks sympathisierend, aber
       er hat  weder eine  sozialistische Theorie noch bestimmte prakti-
       sche Vorschläge sozialer Abhülfe. In seiner politischen Tätigkeit
       war er  wesentlich "Mann  der Tat", des Glaubens, daß eine kleine
       wohlorganisierte Minderzahl,  die im richtigen Moment einen revo-
       lutionären Handstreich versucht, durch ein paar erste Erfolge die
       Volksmasse mit  sich fortreißen und so eine siegreiche Revolution
       machen kann. Diesen Kern konnte er unter Louis-Philippe natürlich
       nur als geheime Gesellschaft organisieren, und da passierte denn,
       was gewöhnlich  bei Verschwörungen passiert: Die Leute, überdrüs-
       sig des ewigen Hinhaltens mit leeren Versprechungen, es werde nun
       bald losgehen,  verloren zuletzt  ganz die  Geduld, wurden rebel-
       lisch, und  so blieb nur die Wahl: entweder die Verschwörung zer-
       fallen zu lassen oder ohne allen äußeren Anlaß loszuschlagen. Man
       schlug los  (12. Mai 1839) und wurde im Nu erdrückt. Übrigens war
       diese Blanquische  Verschwörung die  einzige, in  der die Polizei
       nie Fuß fassen konnte; der Schlag kam ihr wie aus heiterm Himmel.
       - Daraus,  daß Blanqui  jede Revolution als den Handstreich einer
       kleinen revolutionären  Minderzahl auffaßt,  folgt von selbst die
       Notwendigkeit der  Diktatur nach  dem Gelingen  :  der  Diktatur,
       wohlverstanden,  nicht  der  ganzen  revolutionären  Klasse,  des
       Proletariats, sondern der kleinen Zahl derer, die den Handstreich
       gemacht haben  und die  selbst schon  im voraus  wieder unter der
       Diktatur eines oder einiger wenigen organisiert sind.
       Man sieht,  Blanqui ist  ein Revolutionär der vorigen Generation.
       Diese Vorstellungen  vom Gang  revolutionärer Ereignisse sind we-
       nigstens für die deutsche Arbeiterpartei längst veraltet und wer-
       den auch  in Frankreich  nur bei  den weniger reifen oder bei den
       ungeduldigeren Arbeitern noch Anklang
       
       #530# Friedrich Engels
       -----
       finden können.  Auch werden  wir finden,  daß sie im vorliegenden
       Programm gewissen  Beschränkungen unterworfen  werden. Aber  auch
       bei unsern Londoner Blanquisten geht als Grundsatz durch: daß Re-
       volutionen überhaupt  nicht sich  selbst machen,  sondern gemacht
       werden; daß sie gemacht werden von einer verhältnismäßig geringen
       Minderzahl und  nach einem  vorher entworfenen Plan; und endlich,
       daß es  jederzeit "bald losgeht". Mit solchen Grundsätzen ist man
       natürlich sämtlichen Selbsttäuschungen des Flüchtlingtums unrett-
       bar preisgegeben  und muß man sich aus einer Torheit in die andre
       stürzen. Man  will vor  allem Blanqui,  "Mann der  Tat", spielen.
       Aber mit  dem guten Willen ist hier wenig ausgerichtet; den revo-
       lutionären Instinkt, die rasche Entschlossenheit Blanquis hat nun
       einmal nicht  jeder, und  Hamlet mag noch so viel von Energie re-
       den, er bleibt immer Hamlet. Und wenn nun gar unsere dreiunddrei-
       ßig Männer der Tat auf dem Gebiet dessen, was sie Tat nennen, ab-
       solut nichts  zu tun  vorfinden, so  kommen unsere dreiunddreißig
       Brutusse in  einen mehr  komischen als tragischen Widerspruch mit
       sich selbst»  einen Widerspruch,  dessen Tragik keineswegs erhöht
       wird durch  das finstere  Ansehen, mit  dem sie sich umgeben, als
       wären sie lauter "Moros, den Dolch im Gewände", was ihnen beiläu-
       fig gar  nicht einfällt.  Was können sie tun? Sie präparieren das
       nächste "Losgehen", indem sie Proskriptionslisten für die Zukunft
       aufstellen, damit die Reihe der Leute, die an der Kommune teilge-
       nommen, gereinigt  (épuré) werde, weshalb sie auch bei den andern
       Flüchtlingen die  Reinen (les  purs) heißen.  Ob sie  sich selbst
       diesen Titel  beilegen, ist mir nicht bekannt, er würde auch ver-
       schiedenen unter  ihnen ziemlich  schief sitzen.  Ihre  Sitzungen
       sind geschlossen  und ihre  Beschlüsse sollen geheimgehalten wer-
       den, was  aber durchaus  nicht verhindert, daß am nächsten Morgen
       das ganze  französische Viertel davon widerhallt. Und wie es sol-
       chen ernsten  Männern der  Tat, wo nichts zu tun ist, immer geht:
       Sie haben  sich in  einen erst  persönlichen, dann  literarischen
       Streit eingelassen mit einem würdigen Gegner, einem der anrüchig-
       sten Leute  der kleinen Pariser Presse, einem gewissen Vermersch,
       der unter  der Kommune  den "Père  Duchêne", eine Jammerkarikatur
       des Hébertschen  Blatts [398]  von 1793,  herausgab. Dieser  Edle
       antwortet auf  ihre sittliche  Entrüstung, indem  er sie in einem
       Pamphlet sämtlich  für "Spitzbuben oder Mitschuldige von Spitzbu-
       ben" erklärt  und mit einer seltnen Fülle von Abtrittsschimpfwör-
       tern überschüttet:
       Jedes Wort
       Ist ein Nachttopf, und kein leerer. [399]
       Und mit einem solchen Gegner finden es unsere dreiunddreißig Bru-
       tusse für nötig, sich vor dem Publikum herumzubalgen!
       
       #531# Flüchtlingsliteratur - II. Programm bl. Kommuneflüchtlinge
       -----
       Wenn etwas  sicher ist, so ist es doch wohl dies, daß das Pariser
       Proletariat nach  dem erschöpfenden  Krieg, nach der Aushungerung
       von Paris und namentlich nach dem furchtbaren Aderlaß der Maitage
       1871 eine geraume Zeit der Ruhe nötig hat, um wieder Kräfte anzu-
       sammeln, und  daß jeder verfrühte Versuch einer Erhebung nur eine
       neue, vielleicht  noch furchtbarere  Niederlage zur  Folge  haben
       kann. Unsere  Blanquisten sind  andrer Ansicht.  Der Zerfall  der
       monarchischen Majorität in Versailles verkündet ihnen
       
       "den Fall von Versailles, die Revanche der Kommune. Denn wir kom-
       men zu  einem jener  großen geschichtlichen Augenblicke, zu einer
       jener großen  Krisen, wo das Volk, während es in seinem Elend un-
       terzugehen und  dem Tode  zu verfallen  scheint, mit  neuer Kraft
       seinen revolutionären Vormarsch wieder antritt."
       
       Es geht also wieder los, und zwar alsbald. Diese Hoffnung auf so-
       fortige "Revanche  der Kommune"  ist nicht bloße Flüchtlingsillu-
       sion, sie  ist notwendiger  Glaubensartikel bei  Leuten, die sich
       mit Gewalt in den Kopf setzen, "Männer der Tat" zu spielen zu ei-
       ner Zeit,  wo es  in ihrem Sinn, dem Sinn des revolutionären Los-
       schlagens, absolut  nichts zu  tun gibt. Einerlei. Da es losgeht,
       scheint ihnen  "der Moment gekommen, daß alles in der Flüchtling-
       schaft, was  noch Leben in sich hat, sich erkläre". Und somit er-
       klären uns  die 33, daß sie sind 1. Atheisten, 2. Kommunisten, 3.
       Revolutionäre.
       Unsere Blanquisten  haben mit  den Bakunisten das gemein, daß sie
       die am  allerweitesten gehende, extremste Richtung vertreten wol-
       len. Weswegen  sie auch,  beiläufig gesagt,  obwohl in den Zielen
       jenen entgegengesetzt,  dennoch in  den Mitteln oft mit ihnen zu-
       sammengehen. Es  handelt sich  also darum,  in Beziehung  auf den
       Atheismus radikaler zu sein als alle andern. Atheist zu sein, ist
       heutzutage glücklicherweise  keine Kunst  mehr. Der Atheismus ist
       so ziemlich  selbstverständlich bei  den  europäischen  Arbeiter-
       parteien, obwohl er in gewissen Ländern oft genug beschaffen sein
       mag wie der jenes spanischen Bakunisten, der sich dahin erklärte:
       an Gott  zu glauben, das sei gegen allen Sozialismus, aber an die
       Jungfrau Maria, das sei ganz was andres, an die müsse ein ordent-
       licher Sozialist natürlich glauben. Von den deutschen sozialdemo-
       kratischen Arbeitern  1*) kann man sogar sagen, daß der Atheismus
       bei ihnen  sich schon  überlebt hat;  dies rein negative Wort hat
       auf sie keine Anwendung mehr, indem sie nicht mehr in einem theo-
       retischen, sondern nur noch in einem praktischen Gegensatz
       -----
       1*) (1894) heißt  dieser Satzanfang:  Von der großen Mehrzahl der
       deutschen sozialdemokratischen Arbeiter
       
       #532# Friedrich Engels
       -----
       zum Gottesglauben  stehen: Sie  sind mit Gott einfach fertig, sie
       leben und denken in der wirklichen Welt und sind daher Materiali-
       sten. Dies  wird in Frankreich auch wohl der Fall sein. Aber wenn
       nicht, so  wäre doch  nichts einfacher,  als dafür zu sorgen, daß
       die prachtvolle französische materialistische Literatur des vori-
       gen Jahrhunderts massenhaft unter den Arbeitern verbreitet würde,
       jene Literatur,  in der  der französische Geist nach Form und In-
       halt bisher  sein Höchstes  geleistet hat und die - den damaligen
       Stand der  Wissenschaft berücksichtigt  - dem  Inhalt  nach  auch
       heute noch  unendlich hochsteht  und der Form nach nie wieder er-
       reicht worden ist. Aber das kann unsern Blanquisten nicht passen.
       Um zu beweisen, daß sie die Allerradikalsten sind, wird Gott, wie
       1793, durch Dekret abgeschafft:
       
       "Die Kommune möge auf ewig die Menschheit befreien von diesem Ge-
       spenst des  vergangenen Elends" (Gott), "von dieser Ursache" (der
       nichtexistierende  Gott   eine  Ursache!)   "ihres  gegenwärtigen
       Elends. - In der Kommune ist kein Platz für den Pfaffen; jede re-
       ligiöse Kundgebung, jede religiöse Organisation muß verboten wer-
       den."
       
       Und diese  Forderung, die  Leute par ordre du mufti 1*) in Athei-
       sten zu  verwandeln, ist  unterzeichnet von  zwei Mitgliedern der
       Kommune, die doch wahrlich Gelegenheit genug hatten, zu erfahren,
       daß erstens man ungeheuer viel auf dem Papier befehlen kann, ohne
       daß es darum ausgeführt zu werden braucht, und zweitens, daß Ver-
       folgungen das  beste Mittel sind, mißliebige Überzeugungen zu be-
       fördern! Soviel  ist sicher:  Der einzige  Dienst, den  man  Gott
       heutzutage noch  tun kann, ist der, den Atheismus zum zwangsmäßi-
       gen Glaubensartikel zu erklären und die Bismarckschen Kirchenkul-
       turkampfgesetze durch  ein Verbot der Religion überhaupt zu über-
       trumpfen.
       Der zweite  Punkt des  Programms ist der Kommunismus. Hier finden
       wir uns  schon viel heimischer, denn das Schiff, auf dem wir hier
       segeln, heißt:  "Manifest der Kommunistischen Partei" 2*), veröf-
       fentlicht im  Februar 1848. Bereits im Herbst 1872 hatten die aus
       der Internationalen  austretenden fünf  Blanquisten sich zu einem
       sozialistischen Programm bekannt, das in allen wesentlichen Punk-
       ten das  des jetzigen  deutschen Kommunismus  war, und ihren Aus-
       tritt nur  damit begründet, daß die Internationale sich weigerte,
       nach Art dieser Fünf Revolution zu spielen. [400] Jetzt adoptiert
       der Rat  der Dreiunddreißig dies Programm mit seiner ganzen mate-
       rialistischen Geschichtsanschauung,  wenn  auch  die  Übertragung
       desselben ins  blanquistische Französisch gar manches zu wünschen
       läßt, soweit nicht das
       -----
       1*) auf Befehl  des Mufti (Anweisung von oben) - 2*) siebe Band 4
       unserer Ausgabe
       
       #533# Flüchtlingsliteratur - II. Programm bl. Kommuneflüchtlinge
       -----
       "Manifest" ziemlich  wörtlich beibehalten wurde, wie dies z.B. in
       folgendem Satz geschah:
       
       "Als letzter Ausdruck aller Formen der Knechtschaft hat die Bour-
       geoisie die  Ausbeutung der  Arbeit der  mystischen Schleier  be-
       raubt, die  sie früher verhüllten: Regierungen, Religionen, Fami-
       lie, Gesetze,  Institutionen der  Vergangenheit wie der Gegenwart
       stellten sich  endlich dar, in dieser auf den einfachen Gegensatz
       von Kapitalisten  und Lohnarbeitern zurückgeführten Gesellschaft,
       als die  Werkzeuge der  Unterdrückung, mit  deren Hülfe die Bour-
       geoisie ihre Herrschaft aufrecht - und das Proletariat darnieder-
       hält."
       
       Hiermit vergleiche  man das  "Kommunistische Manifest", Abschnitt
       I: "Die  Bourgeoisie hat,  mit einem  Wort, an die Stelle der mit
       religiösen und  politischen Illusionen  verbrämten Ausbeutung die
       offene, unverschämte,  direkte, dürre Ausbeutung gesetzt. Sie hat
       alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätig-
       keiten ihres  Heiligenscheins entkleidet.  Sie hat  den Arzt, den
       Juristen, den  Pfaffen, den  Poeten, den Mann der Wissenschaft in
       ihre bezahlten  Lohnarbeiter verwandelt. Sie hat dem Familienver-
       hältnis seinen  rührend-sentimentalen Schleier  abgerissen und es
       in ein reines Geldverhältnis verwandelt" 1*) usw.
       Sowie wir  aber von der Theorie in die Praxis hinabsteigen, zeigt
       sich die Absonderlichkeit der Dreiunddreißig:
       
       "Wir sind  Kommunisten, weil wir bei unserm Ziel ankommen wollen,
       ohne uns  an Zwischenstationen  aufzuhalten, an Kompromissen, die
       nur den Sieg vertagen und die Sklaverei verlängern."
       
       Die deutschen  Kommunisten sind  Kommunisten, weil sie durch alle
       Zwischenstationen und  Kompromisse, die  nicht von ihnen, sondern
       von der  geschichtlichen Entwicklung  geschaffen werden, das End-
       ziel klar  hindurchsehn 2*): die Abschaffung der Klassen, die Er-
       richtung einer  Gesellschaft, worin  kein Privateigentum  an  der
       Erde und  an den  Produktionsmitteln mehr existiert. Die Dreiund-
       dreißig sind Kommunisten, weil sie sich einbilden, sobald sie nur
       den guten  Willen haben, die Zwischenstationen und Kompromisse zu
       überspringen, sei  die Sache abgemacht, und wenn es, wie ja fest-
       steht, dieser Tage "losgeht" und sie nur ans Ruder kommen, so sei
       übermorgen "der  Kommunismus eingeführt".  Wenn das  nicht sofort
       möglich,  sind   sie  also   auch  keine  Kommunisten.  Kindliche
       Naivetät, die  Ungeduld als einen theoretisch überzeugenden Grund
       anzuführen!
       Endlich aber  sind unsere Dreiunddreißig "Revolutionäre". In die-
       sem
       -----
       1*) Vgl. Band  4 unserer  Ausgabe, S. 465 - 2*) (1894) eingefügt:
       und verfolgen
       
       #534# Friedrich Engels
       -----
       Fach ist  nun, was  die dick  aufgeschwollenen Worte  angeht, be-
       kanntlich von  den Bakunisten  schon das  Menschenmögliche gelei-
       stet; trotzdem  aber haben  unsere Blanquisten  die Pflicht,  sie
       noch zu  übertreffen. Und wie? Bekanntlich hat das ganze soziali-
       stische Proletariat,  von Lissabon und New York bis Pest und Bel-
       grad die  Verantwortlichkeit für  die Handlungen der Pariser Kom-
       mune sofort  en bloc  übernommen. Das  genügt unseren Blanquisten
       nicht:
       
       "Was uns  angeht, so beanspruchen wir unsern Teil von Verantwort-
       lichkeit für  jene Hinrichtungen,  die' (unter  der Kommune) "die
       Feinde des  Volks getroffen  haben" (folgt die Aufzählung der Er-
       schossenen), "wir beanspruchen unsern Teil der Verantwortlichkeit
       an jenen  Brandstiftungen, die  die Werkzeuge  der  monarchischen
       oder bürgerlichen  Unterdrückung zerstörten  oder die  Kämpfenden
       beschützten."
       
       In jeder  Revolution geschehen  unvermeidlich eine Menge Dummhei-
       ten, gerade  wie zu  jeder andern Zeit, und wenn man sich endlich
       wieder Ruhe genug gesammelt hat, um kritikfähig zu sein, so kommt
       man notwendig  zum Schluß:  Wir haben  viel getan, was wir besser
       unterlassen hätten,  und wir haben viel unterlassen, was wir bes-
       ser getan  hätten, und  deswegen ging  die Sache  schief. Welcher
       Mangel an Kritik liegt aber darin, die Kommune geradezu heilig zu
       sprechen, sie  für unfehlbar  zu erklären,  zu  behaupten,  jedem
       Haus, das abgebrannt, jedem Geisel, der erschossen, sei genau und
       bis auf  das Pünktchen  überm i sein Recht widerfahren? Heißt das
       nicht behaupten,  während der  Maiwoche sind  vom Volk gerade die
       Leute erschossen  worden, und nicht mehr, die zu erschießen nötig
       war, gerade  die Gebäude verbrannt, und nicht mehr, die verbrannt
       werden mußten?  Heißt das nicht dasselbe wie von der ersten fran-
       zösischen Revolution  sagen : Jedem einzelnen Geköpften ist recht
       geschehen, zuerst  denen, die  Robespierre köpfen  ließ, und dann
       dem Robespierre  selbst? Zu  solchen Kindereien führt es, wenn im
       Grund ganz  gutmütige Leute  dem Drang, haarsträubend zu erschei-
       nen, freien Lauf lassen.
       Genug. Bei  allen Flüchtlingstorheiten und bei allen ins Komische
       umschlagenden Versuchen,  den  Knaben  Karl  (oder  Eduard?  1*))
       fürchterlich werden zu lassen, ist in diesem Programm ein wesent-
       licher Fortschritt nicht zu verkennen. Es ist das erste Manifest,
       worin französische Arbeiter sich zum jetzigen deutschen Kommunis-
       mus bekennen. Und noch dazu Arbeiter von derjenigen Richtung, die
       die Franzosen  für das auserwählte Volk der Revolution, Paris für
       das revolutionäre Jerusalem hält. Sie dahin gebracht zu
       -----
       1*) Anspielung auf Édouard Vaillant; (1894) fehlt: (oder Eduard?)
       
       #535# Flüchtlingsliteratur - II. Programm bl. Kommuneflüchtlinge
       -----
       haben, ist  das unbestrittene  Verdienst Vaillants, der mitunter-
       zeichnet hat  und der  bekanntlich die  deutsche Sprache  und die
       deutsche sozialistische  Literatur gründlich kennt. Die deutschen
       sozialistischen Arbeiter  aber, die  1870 bewiesen haben, daß sie
       vollständig frei  sind von  jedem nationalen Chauvinismus, werden
       es immerhin  als ein gutes Zeichen ansehen dürfen, wenn französi-
       sche Arbeiter richtige theoretische Grundsätze annehmen, obgleich
       sie aus Deutschland kommen.
       
       #536#
       -----
       III [401]
       
       ["Der Volksstaat" Nr. 117 vom 6. Oktober 1874]
       In London  erscheint eine  Revue in  russischer  Sprache  und  in
       zwanglosen Bänden  unter dem  Titel: "Vperëd!"  (Vorwärts). [402]
       Sie wird  redigiert von  einem persönlich höchst achtbaren russi-
       schen Gelehrten  1*), den  zu nennen  uns die  in der  russischen
       Flüchtlingsliteratur  herrschende   strenge  Etikette  verbietet.
       Selbst diejenigen  Russen nämlich, die sich für förmliche revolu-
       tionäre Menschenfresser  ausgeben, die es für einen Verrat an der
       Revolution erklären, irgend etwas zu respektieren, sie respektie-
       ren in  ihrer Polemik  den Schein der Anonymität mit einer Gewis-
       senhaftigkeit, die nur in der englischen Bourgeoisiepresse ihres-
       gleichen findet, sie respektieren ihn selbst da, wo er, wie hier,
       komisch wird,  weil die ganze russische Emigration und die russi-
       sche Regierung  genau wissen,  wie der  Mann heißt.  Es kann  uns
       nicht einfallen, ein so gut gehaltenes Geheimnis ohne allen Grund
       auszuplaudern; da  aber das  Kind doch  einen Namen haben muß, so
       wird der  Redakteur des  "Vorwärts" es uns hoffentlich verzeihen,
       wenn wir ihn in diesem Artikel, der Kürze halber, mit dem belieb-
       ten russischen Namen Peter bezeichnen.
       Freund Peter ist seiner Philosophie nach ein Eklektiker, der sich
       aus allen verschiedenen Systemen und Theorien das Beste aussucht:
       Prüfet alles  und das  Beste behaltet!  Er weiß,  daß alles seine
       gute und seine schlechte Seite hat und daß es darauf ankommt, die
       gute Seite  von allem  sich anzueignen,  ohne sich  die schlechte
       ebenfalls aufzuladen.  Da nun jede Sache, jede Person, jede Theo-
       rie diese beiden Seiten hat, eine gute und eine schlechte, so ist
       jede Sache,  jede Person,  jede Theorie  in dieser  Beziehung die
       eine ungefähr  so gut und so schlecht wie die andere, und es wäre
       also,
       -----
       1*) P. L. Lawrow
       
       #537# Flüchtlingsliteratur - III
       -----
       von diesem  Standpunkt aus, Torheit, sich für oder gegen die eine
       oder die  andere zu ereifern. Von diesem Gesichtspunkt aus müssen
       die Kämpfe  und Streitigkeiten  der Revolutionäre und Sozialisten
       unter sich als reine Abgeschmacktheiten erscheinen, die zu weiter
       nichts dienen  als zur Freude ihrer Gegner. Und nichts begreifli-
       cher, als daß ein Mann, der diese Ansicht hat, den Versuch macht,
       alle diese sich gegenseitig Bekämpfenden unter einen Hut zu brin-
       gen, und  ernstlich in sie dringt, der Reaktion nicht länger dies
       skandalöse  Schauspiel   zu  geben,  sondern  ausschließlich  den
       gemeinsamen Gegner  anzugreifen. Um so natürlicher, wenn man eben
       erst aus  Rußland kommt,  wo die  Arbeiterbewegung bekanntlich so
       riesig entwickelt ist.
       Das "Vorwärts"  ist denn  auch voll von Ermahnungen zur Eintracht
       aller Sozialisten  oder wenigstens zur Vermeidung aller öffentli-
       chen Zwietracht. Als die Versuche der Bakunisten, die Internatio-
       nale unter  falschen Vorspiegelungen, durch Betrug und Lüge ihrer
       Herrschaft zu  unterwerfen, die bekannte Spaltung in der Assozia-
       tion hervorriefen,  da war  es wieder das "Vorwärts", das zur Ei-
       nigkeit mahnte.  Diese Einigkeit war natürlich nur dadurch zu er-
       halten, daß man den Bakunisten sofort zu Willen war und ihrer ge-
       heimen Verschwörung  die Internationale,  an Händen und Füßen ge-
       bunden, überlieferte.  Man war  nicht gewissenlos  genug, dies zu
       tun, man  nahm den  Handschuh auf;  der Haager Kongreß entschied,
       warf die  Bakunisten heraus und beschloß die Veröffentlichung der
       diese Ausstoßung rechtfertigenden Aktenstücke.
       Groß war  das Wehklagen auf der Redaktion des "Vorwärts" darüber,
       daß der  lieben "Einigkeit"  nicht die ganze Arbeiterbewegung zum
       Opfer gebracht  war. Aber  noch größer war das Entsetzen, als die
       kompromittierlichen bakunistischen  Aktenstücke wirklich  im Kom-
       missionsbericht (siehe:  "Ein Komplott  gegen die Internationale"
       1*), deutsche  Ausgabe, Braunschweig,  Bracke) erschienen.  Hören
       wir das "Vorwärts" selbst:
       
       "Diese Druckschrift... trägt an sich den Charakter galliger Pole-
       mik gegen Personen, die in den vordersten Reihen der Föderalisten
       stehn... ihr  Inhalt ist  angefüllt worden  mit  Privattatsachen,
       welche nicht anders als durch Hörensagen gesammelt werden und de-
       ren Glaubwürdigkeit  folglich für die Verfasser nicht unbestreit-
       bar sein konnte."
       
       Und um  den Leuten,  die den  Beschluß des Haager Kongresses aus-
       führten, zu  beweisen, welch  kolossales Verbrechen sie begangen,
       weist das  "Vorwärts" hin  auf ein  Feuilleton der  "Neuen Freien
       Presse" [403] von einem gewissen Karl Thaler, das,
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 327-471
       
       #538# Friedrich Engels
       -----
       "aus dem  Bourgeoislager hervorgegangen, besondere Aufmerksamkeit
       verdient, weil  es am  klarsten beweist, welche Bedeutung für die
       gemeinsamen Feinde  des Arbeiterstandes,  für die Bourgeoisie und
       die Regierungen  haben können  die sich  gegenseitig  anklagenden
       Pamphlete der  Kämpfer um die Herrschaft in den Reihen der Arbei-
       ter".
       
       Bemerken wir  zuvörderst, daß  hier die  Bakunisten  einfach  als
       "Föderalisten" im Gegensatz zu den angeblichen Zentralisten ange-
       führt werden, als ob der Verfasser an diesen nicht existierenden,
       von den  Bakunisten erfundenen Gegensatz glaube. Daß dies aber in
       Wirklichkeit nicht der Fall, wird sich zeigen. Bemerken wir zwei-
       tens, daß  er aus  einem auf  Bestellung geschriebenen Feuilleton
       eines so  verkauften Bourgeoisblatts,  wie die Wiener "Neue Freie
       Presse", den  Schluß zieht,  die wirklichen Revolutionäre dürften
       die bloß  vorgeblichen Revolutionäre nicht ans Tageslicht ziehen,
       weil diese gegenseitigen Anklagen den Bourgeois und den Regierun-
       gen Spaß  machen. Ich  glaube, die "Neue Fr. Presse" und all dies
       Preßgelichter könnte  zehntausend Feuilletons schreiben, ohne daß
       dies auf  die Haltung  der deutschen  Arbeiterpartei den allerge-
       ringsten Einfluß  hätte. Jeder Kampf schließt Augenblicke ein, wo
       man dem Gegner eine gewisse Genugtuung nicht verwehren kann, will
       man sich anders nicht selbst positiven Schaden antun. Bei uns ist
       man glücklicherweise  so weit,  daß man  dem Gegner  dies Privat-
       vergnügen gönnt, wenn man damit wirkliche Erfolge erkauft.
       Die Hauptanklage  ist aber  die, daß der Bericht voll von Privat-
       tatsachen sei,  deren Glaubwürdigkeit für die Verfasser nicht un-
       bestreitbar sein  durfte, weil sie nur durch Hörensagen gesammelt
       werden konnten.  Woher Freund  Peter weiß, daß eine Gesellschaft,
       wie die  Internationale, die ihre regelmäßigen Organe in der gan-
       zen zivilisierten  Welt besitzt,  dergleichen Tatsachen nur durch
       Hörensagen sammeln  kann, wird nicht gesagt. Seine Behauptung ist
       jedenfalls höchst leichtfertig. Die fraglichen Tatsachen sind be-
       glaubigt durch  authentische Beweisstücke,  und die  Betreffenden
       haben sich wohl gehütet, sie zu bestreiten.
       Aber Freund  Peter ist  der Ansicht, daß Privattatsachen wie Pri-
       valbriefe heilig  seien und  nicht in politischen Debatten veröf-
       fentlicht werden dürfen. Wenn man dies so unbedingt gelten lassen
       will, so  verbietet man damit jede Geschichtsschreibung. Das Ver-
       hältnis Ludwigs  XV. zur Du Barry oder Pompadour war eine Privat-
       sache, aber  ohne sie  ist die  ganze Vorgeschichte der Französi-
       schen Revolution  unverständlich. Oder, um näher an die Gegenwart
       zu treten:  Wenn irgendeine  unschuldige Isabella  an einen  Mann
       verheiratet  wird,   der  nach  der  Behauptung  von  Sachkennern
       (Assessor Ulrichs  z. B.) die Weiber nicht ausstehn kann und sich
       deshalb ausschließlich  in Männer  verliebt -  wenn sie  in ihrer
       Vernachlässigung die Männer
       
       #539# Flüchtlingsliteratur - III
       -----
       nimmt, wo sie sie findet, so ist das reine Privatsache. Wenn aber
       besagte unschuldige  Isabella Königin  von Spanien  ist und einer
       der jungen  Männer, die sie sich hält, ein junger Offizier namens
       Serrano; wenn dieser Serrano, zum Lohn für seine unter vier Augen
       verrichteten Heldentaten, zum Feldmarschall und Minitserpräsiden-
       ten avanciert,  dann durch  einen andern  verdrängt und  gestürzt
       wird, darauf  sein untreues  Schätzchen mit Hülfe anderer Schick-
       salsgenossen aus  dem Lande  jagt, nach allerhand Abenteuern end-
       lich selbst Diktator von Spanien und ein so großer Mann wird, daß
       Bismarck alles  aufbietet, damit die Großmächte ihn doch anerken-
       nen -  so wird die Privatgeschichte zwischen Isabella und Serrano
       ein Stück  spanischer Geschichte,  und wer über moderne spanische
       Geschichte schreiben und dies Stückchen seinen Lesern wissentlich
       verschweigen wollte, der würde eben Geschichte fälschen. Und wenn
       man die  Geschichte einer  Bande beschreibt,  wie die Allianz, in
       der sich  neben den  Betrogenen eine solche Menge Betrüger, Aben-
       teurer, Spitzbuben,  Polizeispione, Schwindler und Feiglinge fin-
       den, soll  man diese Geschichte fälschen, indem man die einzelnen
       Schuftereien dieser Herren als "Privattatsachen" wissentlich ver-
       heimlicht? Freund  Peter mag  sich darob  entsetzen, aber er kann
       sich darauf  verlassen, daß wir mit diesen "Privattatsachen" noch
       lange nicht fertig sind. Das Material häuft sich immer mehr.
       Wenn aber  das "Vorwärts"  den Bericht  als  ein  wesentlich  aus
       Privattatsachen zusammengesetztes  Machwerk schildert,  so begeht
       es eine  Handlung, die schwer zu bezeichnen ist. Der Mann, der so
       etwas schreiben  konnte, hatte entweder die fragliche Schrift gar
       nicht gelesen;  oder er war zu beschränkt oder zu voreingenommen,
       sie zu  verstehn; oder  aber er  schrieb etwas, von dem er wissen
       mußte, daß es nicht richtig war. Niemand kann das "Komplott gegen
       die Internationale" lesen, ohne sich zu überzeugen, daß die darin
       eingestreuten Privattatsachen  das Allerunwesentlichste sind, Il-
       lustrationen zur  näheren Bezeichnung der darin vorkommenden Cha-
       raktere, und  daß sie alle gestrichen werden können, ohne daß der
       Hauptzweck der  Schrift darunter  leidet. Die  Organisation einer
       geheimen Gesellschaft,  mit dem  einzigen Zweck,  die europäische
       Arbeiterbewegung der  verborgenen Diktatur  einiger Abenteurer zu
       unterwerfen, die  zu diesem  Zweck, besonders durch Netschajew in
       Rußland, begangenen  Infamien - darum dreht sich das Buch, und zu
       behaupten, es  drehe sich  bloß um Privatsachen, ist, gelinde ge-
       sagt, unverantwortlich.
       Allerdings mag es manchem Russen fatal gewesen sein, so plötzlich
       die schmutzige  Seite -  und sie  ist allerdings sehr schmutzig -
       der russischen  Bewegung dem  Westen Europas  schonungslos aufge-
       deckt zu sehn. Aber
       
       #540# Friedrich Engels
       -----
       wer ist  schuld daran?  Wer anders, als diejenigen Russen selbst,
       die diese  Schmutzseite vertreten,  die, nicht  damit  zufrieden,
       ihre eigenen  Landsleute zu  betrügen, den  Versuch  wagten,  die
       ganze europäische  Arbeiterbewegung  ihren  persönlichen  Zwecken
       dienstbar zu  machen? Hätten Bakunin und Konsorten ihre Heldenta-
       ten auf Rußland beschränkt, schwerlich hätte jemand in Westeuropa
       es der  Mühe wert gefunden, sie speziell aufs Korn zu nehmen. Die
       Russen selbst  hätten das  besorgt. Aber  sobald jene Herren, die
       von den Bedingungen und dem Entwicklungsgang der westeuropäischen
       Arbeiterbewegung nicht  die Anfangsgründe verstehen, bei uns Dik-
       tator spielen wollen, da hört der Spaß auf: man brennt ihnen ein-
       fach auf den Pelz.
       Übrigens kann die russische Bewegung dergleichen Enthüllungen ru-
       hig vertragen.  Ein Land,  das zwei  Schriftsteller von der Größe
       Dobroljubows und Tschernyschewskis, zwei sozialistische Lessings,
       hervorgebracht hat, geht darum nicht zugrunde, weil es auf einmal
       einen Humbug  wie Bakunin erzeugt und einige unreife Studentchen,
       die sich  mit großen Worten froschartig aufblähen und schließlich
       sich untereinander auffressen. Und auch unter den jüngeren Russen
       kennen wir  Leute von  ausgezeichneter theoretischer  wie prakti-
       scher Begabung  und hoher  Energie, Leute,  die vor den Franzosen
       und Engländern,  vermöge ihrer  Sprachkenntnisse, die  intime Be-
       kanntschaft mit  der Bewegung  der verschiedenen  Länder, vor den
       Deutschen die  weltmännische Gewandtheit  voraushaben. Diejenigen
       Russen, welche die Arbeiterbewegung verstehen und mitmachen, kön-
       nen es nur als einen ihnen geleisteten Dienst ansehn, daß man sie
       von der Mitverantwortlichkeit für die bakunistischen Schurkereien
       befreit hat.  Was alles jedoch das "Vorwärts" nicht hindert, sei-
       nen Bericht mit den Worten zu schließen:
       
       "Wir wissen nicht, was die Verfasser dieser Broschüre von den da-
       durch erzielten  Resultaten halten.  Die Mehrzahl  unserer  Leser
       würde wahrscheinlich  das drückende  Gefühl teilen, womit wir sie
       gelesen und womit wir in Erfüllung unserer Pflicht als Chronisten
       diese traurigen Erscheinungen in unsern Blättern verzeichnen."
       
       Mit diesem drückenden Gefühl Freund Peters schließt der erste Ab-
       schnitt unserer  Erzählung. Der zweite beginnt mit folgendem Satz
       aus demselben Band des "Vorwärts":
       
       "Wir erfreuen  unsre Leser noch mit einer andern Nachricht ähnli-
       cher Art.  Mit uns,  in unsern  Reihen befindet sich auch der be-
       kannte Schriftsteller Peter Nikititsch Tkatschow; nach vierjähri-
       ger Haft  ist es ihm gelungen, aus dem Orte, wo er interniert und
       zur Untätigkeit  verdammt war,  zu entkommen und unsere Reihen zu
       verstärken."
       
       Wer der bekannte Schriftsteller Tkatschow ist, das lernen wir aus
       einer russischen Broschüre: "Die Aufgaben der revolutionären Pro-
       paganda in
       
       #541# Flüchtlingsliteratur - III
       -----
       Rußland" [404],  die er  selbst im  April 1874 veröffentlicht hat
       und die  ihn als  einen grünen  Gymnasiasten von seltner Unreife,
       sozusagen als  das Karlchen Mißnick der russischen revolutionären
       Jugend kennzeichnet.  Er erzählt  uns, von  vielen Seiten  sei er
       aufgefordert worden,  sich am  "Vorwärts" zu  beteiligen; er habe
       gewußt, daß der Redakteur ein Reaktionär sei; trotzdem habe er es
       für seine  Pflicht gehalten,  das "Vorwärts" unter seine Fittiche
       zu nehmen,  das, wohlgemerkt, ihn gar nicht verlangte. Kaum ange-
       kommen, findet  er zu seinem Erstaunen, daß der Redakteur, Freund
       Peter, sich  die endgültige  Entscheidung über Aufnahme oder Ver-
       werfung der  Artikel anmaßt.  Ein so  undemokratisches  Verfahren
       entrüstet ihn  natürlich; er setzt ein ausführliches Schriftstück
       auf, worin  er für  sich und  alle andern  Mitarbeiter (die dies,
       wohlgemerkt, gar  nicht verlangten)  "im Namen der Gerechtigkeit,
       auf Grund  rein theoretischer Erwägungen... Gleichheit der Rechte
       und Verpflichtungen" (mit dem Hauptredakteur) "beansprucht in Be-
       ziehung auf alles, was die literarische und ökonomische Seite des
       Unternehmens betrifft".
       
       ["Der Volksstaat" Nr. 118 vom 8. Oktober 1874]
       Hier zeigt  sich  gleich  die  Unreife,  die  in  der  russischen
       Flüchtlingsbewegung zwar  nicht vorherrscht,  aber doch mehr oder
       weniger geduldet  wird. Ein  russischer Gelehrter,  der in seinem
       Lande einen  bedeutenden Ruf  hat, wird  flüchtig und  verschafft
       sich die  Mittel, um  im Auslande  eine politische Zeitschrift zu
       gründen. Kaum  ist er  so weit, so kommt, unaufgefordert, ein be-
       liebiger, mehr  oder weniger  begeisterter  Jüngling  und  bietet
       seine Mitarbeiterschaft  an, unter der mehr als kindlichen Bedin-
       gung, in  allen literarischen und Geldfragen gleich entscheidende
       Stimme mit  dem Stifter  der Zeitschrift zu haben. In Deutschland
       hätte man  ihn bloß  ausgelacht. Aber  die Russen  sind nicht  so
       grob. Freund  Peter gibt  sich alle Mühe, ihn ebenfalls "im Namen
       der Gerechtigkeit  und auf  Grund rein  theoretischer Erwägungen"
       von seinem Unrecht zu überzeugen, natürlich vergebens. Der belei-
       digte Tkatschow  zieht sich  wie Achilles in sein Zelt zurück und
       feuert daraus  seine Broschüre  ab gegen Freund Peter, den er als
       "Philisterphilosophen" bezeichnet.
       Mit einem  erdrückenden Haufen  ewig wiederholter  bakunistischer
       Phrasen über  das Wesen der wahren Revolution klagt er Freund Pe-
       ter des  Verbrechens an, das Volk für die Revolution vorbereiten,
       es zum  "klaren Verständnis  und Bewußtsein  seiner  Bedürfnisse"
       bringen zu  wollen. Wer  das aber  wolle, sei  kein Revolutionär,
       sondern ein Mann des friedlichen
       
       #542# Friedrich Engels
       -----
       Fortschritts, d.h. ein Reaktionär, ein Freund der "unblutigen Re-
       volutionen nach  deutschem  Geschmack".  Der  wahre  Revolutionär
       "weiß, daß  das Volk  immer bereit  ist zur  Revolution"; wer das
       nicht glaubt,  der glaubt nicht ans Volk, und der Glaube ans Volk
       "macht unsere Stärke aus". Wem das nicht einleuchtet, für den zi-
       tiert  der   Verfasser  einen   Ausspruch   Netschajews,   dieses
       "typischen Vertreters  unserer  modernen  Jugend".  Freund  Peter
       sagt, wir sollen warten, bis das Volk zur Revolution bereit ist -
       "aber wir  können und wir wollen nicht warten", der wahre Revolu-
       tionär unterscheidet  sich dadurch  vom Philisterphilosophen, daß
       er sich  "das Recht zuschreibt, jederzeit das Volk zur Revolution
       aufzurufen". Und so weiter.
       Bei uns,  im europäischen Westen, würde man alle diese Kindereien
       einfach mit  der Antwort niederschlagen: Wenn euer Volk jederzeit
       zur Revolution bereit ist, wenn ihr euch das Recht zuschreibt, es
       jederzeit zur  Revolution aufzurufen,  und wenn ihr denn platter-
       dings nicht  warten könnt,  warum ennuyiert ihr uns dann noch mit
       eurem Geschwätz,  warum, zum Donnerwetter, schlagt ihr denn nicht
       los?
       Aber so  einfach macht  sich die  Sache bei  unsern Russen nicht.
       Freund Peter  findet, daß  die kindischen,  langweiligen,  wider-
       spruchsvollen, ewig  sich im Kreise drehenden Betrachtungen Herrn
       Tkatschows auf  die russische  Jugend die  verführerische  Anzie-
       hungskraft eines  Venusbergs ausüben  könnten, und erläßt als der
       getreue Eckart  dieser Jugend eine warnende Mahnschrift von sech-
       zig enggedruckten  Seiten dagegen [405]. Hier legt er seine eige-
       nen Ansichten vom Wesen der Revolution dar, untersucht alles Ern-
       stes, ob  das Volk  für die  Revolution bereit ist oder nicht, ob
       und unter  welchen Bedingungen die Revolutionäre das Recht haben,
       es zur  Revolution aufzurufen  oder nicht, und dergleichen Spitz-
       findigkeiten mehr,  die in  dieser Allgemeinheit ungefähr ebenso-
       viel Wert  besitzen wie  die Untersuchungen der Scholastiker über
       die Jungfrau  Maria. "Die  Revolution" wird dabei selbst zu einer
       Art Jungfrau  Maria, die Theorie ein Glaube, die Tätigkeit in der
       Bewegung ein  Kultus, und  die ganze  Verhandlung geht  nicht auf
       platter Erde  vor sich, sondern in einem Wolkenhimmel allgemeiner
       Redensarten.
       Dabei gerät aber Freund Peter in einen tragischen Widerspruch mit
       sich selbst. Er, der Prediger der Einigkeit, der Gegner aller Po-
       lemik, aller  "sich gegenseitig  anklagenden Pamphlete" innerhalb
       der revolutionären  Partei, kann  natürlich seine  Eckartspflicht
       nicht erfüllen, ohne ebenfalls in Polemik einzutreten, kann nicht
       auf die  Anklagen seines Gegners antworten, ohne diesen ebenfalls
       anzuklagen. Mit  welchem "drückenden  Gefühl" diese "traurige Er-
       scheinung" sich vollzieht, wird uns Freund Peter selbst sagen.
       
       #543# Flüchtlingsliteratur - III
       -----
       Seine Schrift beginnt wie folgt:
       
       "Aus zweien Übeln muß man das kleinere wählen.
       Ich weiß  sehr wohl,  daß jene ganze Flüchtlingsliteratur von ge-
       genseitig anklagenden  Broschüren, von Polemik darüber, wer wirk-
       licher Freund  des Volkes  ist und  wer nicht, wer aufrichtig und
       wer nicht, und wer namentlich ein wirklicher Vertreter der russi-
       schen Jugend,  der wahren  revolutionären Partei  ist -  daß jene
       ganze Literatur  über den  persönlichen Kehricht  der  russischen
       Emigration sowohl  den Lesern  widerwärtig wie für den revolutio-
       nären Kampf  bedeutungslos ist  und nur  für  unsere  Feinde  er-
       freulich sein  kann -  ich weiß das und dennoch finde ich, daß es
       für mich notwendig ist, diese Zeilen zu schreiben, notwendig, mit
       eigener Hand die Menge dieser jammervollen Schriften um ein Stück
       zu vermehren, den Lesern zur Langweile, den Feinden zur Ergötzung
       - notwendig, weil man aus zweien Übeln das kleinere wählen muß."
       
       Vortrefflich. Aber  wie  kommt  es,  daß  Freund  Peter,  der  im
       "Vorwärts" soviel wahrhaft christliche Duldsamkeit entwickelt und
       von uns verlangt für die von uns enthüllten Schwindler - Schwind-
       ler, die  er, wie sich zeigen wird, ebenso genau kennt wie wir -,
       daß er  für die  Verfasser des  Berichts nicht einmal das bißchen
       Duldsamkeit übrig  hatte, um  sich zu fragen, ob nicht auch sie -
       aus zweien  Übeln das  kleinere wählen  mußten? Daß ihm das Feuer
       erst auf seinen eigenhändigen Nägeln brennen muß, ehe er zur Ein-
       sicht kommt,  es könne  auch noch größere Übel geben als ein biß-
       chen scharfe Polemik gegen Leute, die unter dem Deckmantel angeb-
       lich revolutionärer Tätigkeit die ganze europäische Arbeiterbewe-
       gung zu verfälschen und zu vernichten strebten?
       Seien wir  indessen nachsichtig  mit Freund  Peter, das Schicksal
       hat ihn  hart genug mitgenommen. Kaum hat er mit vollem Schuldbe-
       wußtsein das  tun müssen,  was er uns vorwirft, so treibt ihn die
       Nemesis weiter  und zwingt  ihn, Herrn Karl Thaler neues Material
       für etwaige Feuilletons in der "Neuen Fr. Presse" zu liefern.
       
       "Oder", fragt  er den  stets bereiten Losschläger Tkatschow, "hat
       eure Agitation  ihre Arbeit  schon vollbracht? Ist eure Organisa-
       tion vielleicht fertig? Fertig? Wirklich fertig? Und haben wir da
       nicht jenes  famose geheime comité 'typischer' Revolutionäre, das
       comité, das  aus zwei  Mann besteht und Dekrete herumschickt? Man
       hat unserer  Jugend so  viel vorgelogen, sie so oft geprellt, ihr
       Vertrauen so  schmählich gemißbraucht,  daß sie  nicht mit  einem
       Male an  die Fertigkeit  der revolutionären  Organisation glauben
       wird."
       
       Daß die "zwei Mann" Bakunin und Netschajew heißen, braucht natür-
       lich für  den russischen  Leser nicht hinzugefügt zu werden. Fer-
       ner:
       
       "Aber es  gibt Leute, die da vorgeben, sie seien Freunde des Vol-
       kes, Anhänger  der sozialen  Revolution, und  die gleichzeitig in
       ihre Tätigkeit hineinbringen jene Lügenhaftigkeit
       
       #544# Friedrich Engels
       -----
       und Unaufrichtigkeit,  die ich  oben als ein Aufrülpsen der alten
       Gesellschaft bezeichnet  habe... Diese Leute benutzten die Erbit-
       terung der  Anhänger der neuen Gesellschaftsordnung gegen die Un-
       gerechtigkeit der  alten Gesellschaft  und stellten  das  Prinzip
       auf: im  Kampf ist  jedes Mittel brauchbar. Zu diesen brauchbaren
       Mitteln rechneten  sie den Betrug gegen ihre Mitarbeiter, den Be-
       trug gegen  das Volk,  dem sie doch zu dienen vorgaben. Sie waren
       bereit, alle und jeden zu belügen, um nur eine hinreichend starke
       Partei zu  organisieren, als  ob eine  starke Sozialrevolutionäre
       Partei hergestellt werden könnte ohne aufrichtige Solidarität ih-
       rer Mitglieder!  Sie waren  bei der Hand, im Volke anzufachen die
       alten Leidenschaften  des Räubertums  und des  Genusses ohne  Ar-
       beit... Sie  waren bei der Hand, ihre Freunde und Genossen auszu-
       beuten, um sie zu Werkzeugen ihrer Pläne zu machen; sie waren bei
       der Hand, in Worten die vollständigste Unabhängigkeit und Autono-
       mie der  Personen  und  Sektionen  zu  verteidigen,  während  sie
       gleichzeitig die  entschiedenste geheime  Diktatur  organisierten
       und ihre  Anhänger zum schafsmäßigsten, gedankenlosesten Gehorsam
       abrichteten, als  ob die  soziale Revolution gemacht werden könne
       von einer Vereinigung von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von einer
       Gruppe von  Leuten, deren Handlungen bei jedem Schritte allem ins
       Gesicht schlagen, was ihre Worte predigen!"
       
       Es ist  unglaublich, aber  es ist  wahr: Diese  Zeilen, die einem
       Auszug aus dem "Komplott gegen die Internationale" so ähnlich se-
       hen wie  ein Ei dem andern, sind geschrieben von demselben Manne,
       der wenige  Monate vorher  jene Schrift,  wegen ihrer  mit obigen
       Zeilen genau  stimmenden Angriffe  gegen dieselben Leute, als ein
       Verbrechen an  der gemeinsamen  Sache dargestellt hatte. Nun, wir
       können zufrieden sein.
       Und wenn  wir jetzt  zurückblicken auf Herrn Tkatschow mit seinen
       großen Ansprüchen  und absolut  nichtigen Leistungen  und auf das
       kleine Malheur,  das unserm  Freund Peter  bei dieser Gelegenheit
       passiert ist, so wäre an uns die Reihe, zu sagen:
       "Wir wissen nicht, was die Verfasser von den erzielten Resultaten
       halten.  Die  Mehrzahl  unserer  Leser  wird  wahrscheinlich  das
       'anheuernde' Gefühl  teilen, womit  wir sie gelesen und womit wir
       in   Erfüllung    unserer   Pflicht    als    Chronisten    diese
       'eigentümlichen' Erscheinungen in unsern Blättern verzeichnen."
       Doch Spaß beiseite. Eine Menge befremdlicher Erscheinungen in der
       bisherigen russischen  Bewegung erklärt  sich daraus,  daß  lange
       Zeit jede  russische Schrift  dem Westen ein Buch mit sieben Sie-
       geln war und daß es daher den Bakunin und Konsorten leicht wurde,
       ihr unter  den Russen längst bekanntes Treiben dem Westen zu ver-
       bergen. Mit  Eifer verbreiteten  sie die  Behauptung, selbst  die
       Schmutzseiten der russischen Bewegung müßten -¿¿ im Interesse der
       Bewegung selbst - dem Westen verheimlicht werden; wer Russisches,
       soweit es unangenehmer Natur war, dem übrigen Europa mitteile,
       
       #545# Flüchtlingsliteratur - III
       -----
       der sei  ein Verräter.  Das hat jetzt aufgehört. Die Kenntnis der
       russischen Sprache  - einer  Sprache, die  sowohl um ihrer selbst
       willen, als  einer der kraftvollsten und reichsten lebenden Spra-
       chen, wie wegen der durch sie aufgeschlossenen Literatur das Stu-
       dium reichlich lohnt - ist wenigstens unter den deutschen Sozial-
       demokraten keine so große Seltenheit mehr. Die Russen werden sich
       in das  unvermeidliche internationale Schicksal fügen müssen, daß
       ihre Bewegung  fortan unter den Augen und der Kontrolle des übri-
       gen Europas vor sich geht. Niemand hat die frühere Abgeschlossen-
       heit so  schwer zu  büßen gehabt wie sie selbst. Ohne diese Abge-
       schlossenheit hätten sie nie jahrelang so schmählich beschwindelt
       werden können,  wie dies  von Bakunin  und Konsorten geschah. Wer
       von der  Kritik des  Westens, von der internationalen Wechselwir-
       kung der verschiedenen westeuropäischen Bewegungen auf die russi-
       sche und umgekehrt, von der endlich sich vollziehenden Verschmel-
       zung der  russischen Bewegung mit der gesamteuropäischen, am mei-
       sten Nutzen ziehen wird, das sind die Russen selbst.
       
       #546#
       -----
       IV [406]
       
       ["Der Volksstaat" Nr. 36 vom 28. März 1875]
       Den Lesern  des "Volksstaat" ist ein Unglück passiert. Einige un-
       ter ihnen  erinnern sich vielleicht noch, daß ich in meinem letz-
       ten Artikel über "Flüchtlingsliteratur" (Nr. 117 und 118) 1*) von
       einigen Stellen  aus der  russischen Zeitschrift "Vorwärts" sowie
       von einer  Broschüre ihres  Redakteurs [405]  handelte. Dabei kam
       ganz nebenbei  ein Herr  Peter Tkatschow zur Erwähnung, der gegen
       besagten Redakteur  ein Schriftlein [404] erlassen hatte, und mit
       dem ich  mich nur ebensoweit beschäftigte als unumgänglich nötig.
       Ich bezeichnete  ihn nach  Form und  Inhalt seines  unsterblichen
       Werks "als einen grünen Gymnasiasten von seltner Unreife, sozusa-
       gen als  das Karlchen  Mißnick der  russischen revolutionären Ju-
       gend" 2*),  und bedauerte  den Redakteur  des "Vorwärts",  daß er
       sich mit  einem solchen Gegner herumschlagen für nötig halte. Wie
       bald sollte  ich erfahren,  daß der  Knabe Karl anfängt, auch mir
       fürchterlich zu  werden und  auch mich in Polemik mit ihm verwic-
       kelt. Er  erläßt eine  Schrift: "Offener Brief an Herrn Friedrich
       Engels" von  Peter Tkatschow, Zürich, Typographie der "Tagwacht",
       1874. Daß  mir darin  allerhand Sächelchen  angehängt werden, von
       denen Herr Tkatschow wissen muß, daß ich sie nie behauptet, würde
       mir gleichgültig  sein; daß  er aber den deutschen Arbeitern eine
       ganz falsche  Darstellung der  Lage der Dinge in Rußland gibt, um
       dadurch die  Tätigkeit der Bakunisten in Beziehung auf Rußland zu
       rechtfertigen, das macht eine Erwiderung nötig.
       Herr Tkatschow  führt sich in seinem "Offenen Brief" durchweg als
       Vertreter der  russischen revolutionären  Jugend auf.  Ich hätte,
       behauptet er,  den "russischen  Revolutionären... Ratschläge  er-
       teilt, ...sie ermahnt, mit
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 536-545 - 2*) ebenda, S. 541
       
       #547# Flüchtlingsliteratur · IV
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       mir (!)  in ein  Bündnis zu  treten"; gleichzeitig hätte ich sie,
       "die Vertreter der russischen revolutionären Partei im Auslande",
       ihre Bestrebungen und ihre Literatur in den "ungünstigsten Farben
       vor der  deutschen Arbeiterwelt geschildert"; er sagt: "Sie geben
       uns Russen gegenüber Ihrer tiefsten Verachtung Ausdruck, weil wir
       so 'dumm'  und .unreif seien" etc. "... 'grüne Gymnasiasten' (wie
       Sie uns  zu nennen  geruhen)" -  und schließlich folgt der unver-
       meidliche Trumpf: "Indem Sie über uns spotteten, haben Sie unserm
       gemeinschaftlichen Feinde,  dem  russischen  Staat,  einen  guten
       Dienst geleistet."  Gegen ihn,  Herrn Tkatschow  selbst, habe ich
       mich "in allen möglichen Schimpfereien geübt".
       Nun weiß  niemand besser  als Peter  Nikititsch Tkatschow, daß an
       alledem kein  wahres Wort ist. Erstens habe ich in dem betreffen-
       den Artikel für die Aussprüche des Herrn Tkatschow niemanden ver-
       antwortlich gemacht als Herrn Tkatschow. Es ist mir nie eingefal-
       len, ihn  als den Repräsentanten der russischen Revolutionäre an-
       zusehen. Wenn  er sich  selbst dazu ernennt und den grünen Gymna-
       siasten und andere Annehmlichkeiten von seinen auf ihre Schultern
       schiebt, so  muß ich  entschieden dagegen protestieren. Unter der
       russischen revolutionären  Jugend gibt es natürlich, wie überall,
       Leute sehr  verschiedenen moralischen  und intellektuellen  Kali-
       bers. Aber  sicher steht  sie im Durchschnitt, selbst nach voller
       Anrechnung des  Zeitunterschieds und der wesentlich verschiedenen
       Umgebung, immer  noch weit  höher als  unsre deutsche studierende
       Jugend je  gestanden, selbst  in ihrer besten Zeit, im Anfang der
       dreißiger Jahre.  Niemand als  er selbst gibt Herrn Tkatschow das
       Recht, im  Namen der  Gesamtheit dieser jungen Leute zu sprechen.
       Ja, obwohl  er sich  diesmal als  richtiger Bakunist entpuppt, so
       bezweifle ich  doch bis  auf weiteres,  ob er das Recht hat, sich
       als Vertreter  jener paar  russischen Bakunisten  zu gebaren, die
       ich bezeichnete  als "einige  unreife Studentchen,  die sich  mit
       großen Worten  froschartig aufblähen  und schließlich sich unter-
       einander auffressen"  1*). Aber  selbst wenn  das der  Fall  sein
       sollte, so  wäre das  nur eine  neue Auflage der alten Geschichte
       von den drei Schneidern in Tooley Street in London, die eine Pro-
       klamation erließen: "Wir, das Volk von England, erklären" etc. *)
       Vor allem  ist also festzustellen, daß die "russischen Revolutio-
       näre" wie bisher
       ---
       *) Was gilt die Wette, daß Herr Tkatschow sagen wird, durch obige
       Anekdote hätte  ich einen  Verrat am  Proletariat begangen, indem
       ich die  Schneider als  solche in  "lächerlichem Licht erscheinen
       lasse".
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 540
       
       #548# Friedrich Engels
       -----
       so auch  jetzt außer  Frage bleiben  und daß wir statt Tkatschows
       "Wir" überall "Ich" zu setzen haben.
       Ich soll  ihm "Ratschläge"  erteilt haben!  Mir  ist  davon  kein
       Sterbenswörtchen bekannt. Schläge, Peter Nikititsch, mögen einige
       bei der  Gelegenheit abgefallen  sein, aber  Ratschläge? Bitte um
       gütigen Nachweis.
       Ich soll  ihn oder  seinesgleichen ermahnt  haben, in ein Bündnis
       mit mir  zu treten, und zwar am Schlüsse meines letzten Artikels.
       Ich zahle  Herrn Tkatschow  zehn Mark  Bismarcksche  Reichsmünze,
       wenn er das beweist.
       Ich soll  behauptet haben,  er sei  "dumm", und setzt das Wort in
       Anführungszeichen. Obwohl  ich nun nicht leugnen will, daß er das
       Licht seines  Talents - soweit überhaupt die Rede davon sein kann
       - in  beiden Schriftwerken unter einen erklecklichen Scheffel ge-
       stellt hat, so kann sich doch jeder überzeugen, daß in meinem Ar-
       tikel das  Wort "dumm" auch nicht ein einziges Mal vorkommt. Aber
       wo es nicht anders geht, da helfen sich die Herren Bakunisten mit
       falschen Zitaten.
       Ferner soll  ich über  ihn "gespottet"  und ihn  "in lächerlichem
       Licht" dargestellt  haben.  Daß  ich  seine  Broschüre  ernsthaft
       nehme, dazu  wird mich Herr Tkatschow allerdings nie zwingen kön-
       nen. Wir  Deutschen stehen stark im Geruch der Langweiligkeit und
       haben ihn  sicher auch  oft genug redlich verdient. Aber das legt
       uns doch  nicht die  Verpflichtung  auf,  unter  allen  Umständen
       ebenso langweilig  und feierlich  zu sein wie die Bakunisten. Die
       deutsche Arbeiterbewegung hat durch den Tirailleurkampf mit Poli-
       zei,  Staatsanwälten   und  Gefängniswärtern  einen  eigentümlich
       humoristischen Charakter  angenommen; warum soll ich den verleug-
       nen? Herr  Tkatschow hat volle Erlaubnis, mich so arg zu verspot-
       ten und  in lächerlichem Lichte erscheinen zu lassen, wie er dies
       fertigbringt, ohne mir Unwahrheiten anzudichten.
       ["Der Volksstaat"
       Nr. 37 vom 2. April 1875]
       Und nun  die unvergleichliche  Anklage: Indem ich Herrn Tkatschow
       in dem  ihm und  seinen Werken  entsprechenden Lichte  erscheinen
       lasse, habe  ich damit "unserm gemeinschaftlichen Feind, dem rus-
       sischen Staat,  einen guten Dienst geleistet"! Ebenso heißt es an
       einer andern  Stelle: Indem ich ihn so schildere, wie ich ihn ge-
       schildert, verletze  ich "die  Grundprinzipien des  Programms der
       Internationalen Arbeiter-Assoziation"! Hier haben wir den richti-
       gen Bakunisten.  Die Herren,  als wahre  Revolutionäre,  erlauben
       sich uns gegenüber alles, besonders im Dunkeln; behandelt man sie
       aber nicht  mit der  höchsten Ehrerbietung, zieht man ihr Treiben
       ans Licht,
       
       #549# Flüchtlingsliteratur - IV
       -----
       kritisiert man  sie und  ihr Phrasengeklingel,  so dient  man dem
       Kaiser von  Rußland und verletzt die Grundprinzipien der Interna-
       tionalen. Die Sache verhält sich gerade umgekehrt. Wer der russi-
       schen Regierung  einen Dienst  geleistet, ist  niemand anders als
       Herr Tkatschow.  Hätte die  russische Polizei  einigen  Witz,  so
       würde sie  die Broschüre  dieses Herrn massenhaft in Rußland ver-
       breiten. Einerseits  könnte sie  kaum ein besseres Mittel finden,
       die russischen  Revolutionäre, als  deren Vertreter der Verfasser
       sich hinstellt,  bei allen  Leuten von  Verstand in  Mißkredit zu
       bringen. Andrerseits  ließen  sich  möglicherweise  immer  einige
       brave aber  unerfahrene junge  Leute dadurch  zu Unbesonnenheiten
       verführen und lieferten sich damit selbst ins Garn.
       Aber, sagt  Herr Tkatschow, ich habe mich ihm gegenüber "in allen
       möglichen Schimpfereien  geübt". Nun  ist ein gewisses Schimpfen,
       die sogenannte  Invektive, eine der wirksamsten rhetorischen For-
       men, die  von allen  großen Rednern, wenn erforderlich, angewandt
       wird und worin der kraftvollste englische politische Schriftstel-
       ler, William  Cobbett, eine  Meisterschaft besaß,  die noch jetzt
       bewundert wird  und zum  unerreichten  Muster  dient.  Auch  Herr
       Tkatschow "schimpft"  in seiner Broschüre ganz gehörig. Hätte ich
       also geschimpft,  so wäre das an sich noch lange kein Unrecht von
       mir. Aber  da ich  Herrn Tkatschow gegenüber gar nicht rhetorisch
       wurde, da  ich ihn gar nicht ernsthaft nahm, so kann ich auch gar
       nicht gegen  ihn geschimpft  haben. Sehen wir zu, was ich von ihm
       gesagt.
       Ich habe ihn "einen grünen Gymnasiasten von seltener Unreife" ge-
       nannt. Unreife  kann sich  beziehen auf  Charakter, Verstand  und
       Kenntnisse. Was  die Unreife  des Charakters angeht, so hatte ich
       Herrn Tkatschows  eigener Erzählung  folgendes nacherzählt:  "Ein
       russischer Gelehrter,  der in  seinem Lande einen bedeutenden Ruf
       hat, wird  flüchtig und verschafft sich die Mittel, um im Ausland
       eine politische  Zeitschrift zu  gründen. Kaum ist er so weit, so
       kommt, unaufgefordert,  ein beliebiger,  mehr oder weniger begei-
       sterter Jüngling und bietet seine Mitarbeiterschaft an, unter der
       mehr als  kindlichen Bedingung,  in allen literarischen und Geld-
       fragen gleich  entscheidende Stimme  mit dem  Stifter  der  Zeit-
       schrift zu  haben. In Deutschland hätte man ihn bloß ausgelacht."
       1*) Einen  weiteren Beweis für Unreife des Charakters brauche ich
       hiernach wohl nicht beizubringen. Die Unreife des Verstandes wird
       hinreichend bewiesen  durch die  unten folgenden  weiteren Zitate
       aus der Broschüre des Herrn Tkatschow. Was die Kenntnisse angeht,
       so dreht  sich der  Streit  zwischen  dem  "Vorwärts"  und  Herrn
       Tkatschow großenteils  um folgendes: Der Redakteur des "Vorwärts"
       verlangt,
       -----
       1*) Vgl. vorl. Band, S. 541
       
       #550# Friedrich Engels
       -----
       die russische  revolutionäre Jugend  solle etwas lernen, sich mit
       ernsthaften und  gründlichen  Kenntnissen  bereichern,  kritische
       Denkkraft nach  regelmäßigen Methoden  sich erwerben,  im Schweiß
       ihres Angesichts  an ihrer  Selbstentwicklung und Selbstdurchbil-
       dung arbeiten.  Solche Ratschläge weist Tkatschow mit Abscheu zu-
       rück:
       
       "Ich muß  immer wieder  das Gefühl tiefer Entrüstung aussprechen,
       das sie  von jeher  in mir  hervorgerufen... Belehrt euch! Bildet
       euch aus!  O Gott,  und das kann ein lebendiger Mensch lebendigen
       Menschen sagen! Warten! Studieren und durchbilden! Aber haben wir
       denn das  Recht zu  warten" (mit der Revolution nämlich)?. "Haben
       wir das  Recht, Zeit  an Ausbildung  zu verschwenden?"  (p.  14.)
       "Kenntnisse sind  wohl eine  notwendige Vorbedingung des friedli-
       chen Fortschritts,  aber durchaus nicht notwendig für die Revolu-
       tion" (p. 17). [404]
       
       Wenn also  Herr Tkatschow  schon bei  der bloßen Aufforderung zum
       Studieren eine  tiefe Entrüstung  entwickelt, wenn er alle Kennt-
       nisse für  überflüssig für  einen Revolutionär  erklärt, wenn  er
       dazu in  seiner ganzen  Schrift durchaus nicht die geringste Spur
       von Kenntnissen  verrät, so stellt er selbst damit sich das Zeug-
       nis der  Unreife aus,  und ich habe das bloß konstatiert. Jemand,
       der aber  dieses Zeugnis  sich selbst ausstellt, kann nach unsern
       Begriffen höchstens  auf  der  Bildungsstufe  eines  Gymnasiasten
       stehn. Indem  ich ihn  dieser höchstmöglichen  Stufe zuwies, habe
       ich also,  statt zu  schimpfen, ihm  vielleicht noch zu viel Ehre
       angetan.
       Ferner habe  ich gesagt,  die Betrachtungen  des Herrn  Tkatschow
       seien kindisch  (Belege hierfür  die Zitate  in diesem  Artikel),
       langweilig (das  wird der Verfasser selbst wohl nicht ableugnen),
       widerspruchsvoll (wie der Redakteur des "Vorwärts" ihm nachgewie-
       sen) und ewig sich im Kreise drehend (was ebenfalls richtig ist).
       Dann spreche ich von seinen großen Ansprüchen (die ich ihm selbst
       nacherzählt) und  absolut nichtigen Leistungen (die der gegenwär-
       tige Artikel  mehr als  genügend  nachweist).  Wo  sind  nun  die
       Schimpfereien? Daß ich ihn mit Karlchen Mißnick, dem beliebtesten
       Gymnasiasten von  Deutschland und einem der populärsten deutschen
       Schriftsteller verglichen,  das ist doch sicher nicht geschimpft.
       Doch halt!  Habe ich  ihm nicht  nachgesagt, er  hätte  sich  wie
       Achilles in  sein Zelt  zurückgezogen und  daraus seine Broschüre
       gegen das "Vorwärts" abgefeuert? Da wird wohl der Hase im Pfeffer
       liegen. Bei  einem Manne,  den das  bloße Wort Studieren schon in
       Harnisch bringt, der sich Heines:
       
       Und seine ganze Ignoranz
       Hat er sich selbst erworben,
       
       kühnlich zum  Motto nehmen  kann, bei dem kann man wohl annehmen,
       daß
       
       #551# Flüchtlingsliteratur - IV
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       ihm der  Name Achilles  hier zum  ersten Mal vorkommt. Und da ich
       den Achilles in Zusammenhang bringe mit "Zelt" und "abfeuern", so
       mag Herr  Tkatschow sich vorstellen, dieser Achilles sei ein rus-
       sischer Unteroffizier oder türkischer Baschibozuk und es sei also
       kommentwidrig, ihn  einen Achilles  zu schimpfen.  Ich kann  aber
       Herrn Tkatschow  versichern, daß  der Achilles, von dem ich spre-
       che, der  größte Held  der griechischen  Sage war,  und daß jener
       Rückzug in  sein Zelt  den Stoff  geliefert hat zum großartigsten
       Heldengedicht aller Zeiten, der Ilias, was ihm sogar Herr Bakunin
       bestätigen wird.  Sollte diese  meine Vermutung  richtig sein, so
       käme ich  allerdings in  den Fall  erklären zu  müssen, daß  Herr
       Tkatschow kein Gymnasiast ist.
       Ferner sagt Herr Tkatschow:
       
       "Trotz alledem  erlaubte ich mir aber, die Überzeugung auszuspre-
       chen, daß  die soziale  Revolution leicht ins Leben zu rufen sei.
       'Wenn es  so leicht  ist, sie  ins Leben zu rufen', bemerken Sie,
       'warum tun  Sie es  nicht, anstatt  von ihr zu sprechen?' - Ihnen
       kommt es als ein lächerliches, kindisches Betragen vor... Ich und
       meine Gesinnungsgenossen  sind überzeugt,  daß die Ausführbarkeit
       der sozialen  Revolution in Rußland keine Schwierigkeiten bietet,
       daß es  jeden Augenblick möglich sei, das russische Volk zu einem
       allgemeinen revolutionären  Protest (!)  zu bestimmen.  Zwar ver-
       pflichtet uns diese Überzeugung zu einer gewissen praktischen Tä-
       tigkeit, aber  sie spricht nicht im mindesten gegen die Nützlich-
       keit und  Notwendigkeit der  literarischen Propaganda.  Es genügt
       nicht, daß  wir davon überzeugt sind, wir wollen, daß auch andere
       diese Überzeugung  mit uns teilen. Je mehr Gesinnungsgenossen wir
       haben, desto  stärker werden  wir uns fühlen, desto leichter wird
       es uns sein, die Aufgabe praktisch zu lösen." [407]
       
       Das geht  denn doch  über das  Bohnenlied. Das klingt so nett, so
       verständig, so  gesittet, so einleuchtend. Das klingt ganz als ob
       Herr Tkatschow seine Broschüre [404] nur geschrieben, um den Nut-
       zen der  literarischen Propaganda zu beweisen, und ich ungeduldi-
       ger Gelbschnabel  ihm geantwortet:  Zum Teufel  mit der literari-
       schen Propaganda,  jetzt heißt's  losschlagen! -  Und wie steht's
       nun damit in der Wirklichkeit?
       Herr Tkatschow  fängt seine  Broschüre gleich damit an, der Jour-
       nal-Propaganda (und das ist doch wohl die wirksamste literarische
       Propaganda) ein  Mißtrauensvotum zu  geben, indem  er  sagt,  man
       dürfe "nicht  zu viel  revolutionäre Kräfte  auf sie  verwenden",
       denn "bei  unzweckmäßigem Gebrauch richte sie ungleich mehr Scha-
       den an, als sie bei zweckmäßigem Gebrauch Nutzen stifte". So sehr
       schwärmt unser  Tkatschow für die literarische Propaganda im all-
       gemeinen. Im  besonderen nun,  wenn man solche Propaganda machen,
       Gesinnungsgenossen werben will, so hilft kein bloßes Deklamieren,
       sondern man muß sich auf Gründe einlassen, die Sache also
       
       #552# Friedrich Engels
       -----
       theoretisch, d.h.  in letzter Instanz wissenschaftlich behandeln.
       Über  diesen   Punkt  sagt   Herr  Tkatschow  dem  Redakteur  des
       "Vorwärts":
       
       "Ihr philosophischer  Kampf,  jene  rein  theatralische,  wissen-
       schaftliche Propaganda, der sich Ihr Journal ergeben, ... ist vom
       Gesichtspunkt der  Interessen der revolutionären Partei nicht nur
       nutzlos, sie ist sogar schädlich."
       
       Man sieht,  je mehr wir Herrn Tkatschows Ansichten über literari-
       sche Propaganda  untersuchen, je mehr reiten wir uns fest, je we-
       niger erfahren wir, was er will. Was will er denn eigentlich? Hö-
       ren wir weiter:
       
       "Begreifen Sie  etwa nicht,  daß der  Revolutionär sich jederzeit
       das Recht  zuschreibt und  zuschreiben muß, das Volk zum Aufstand
       aufzurufen; daß  er sich  von Philisterphilosophen unterscheidet,
       indem er,  ohne abzuwarten,  bis der Verlauf der historischen Er-
       eignisse den Augenblick anzeigt - selbst diesen Augenblick wählt,
       daß er  das Volk immer bereit zur Revolution weiß (p. 10) ... Wer
       nicht an  die Möglichkeit der Revolution in der Gegenwart glaubt,
       der glaubt  nicht ans  Volk, der glaubt nicht an die Bereitschaft
       des Volks  für die Revolution (p. 11) ... Das ist es, weshalb wir
       nicht warten  können, weshalb  wir behaupten,  daß in Rußland die
       Revolution dringend  nötig ist, und nötig namentlich in gegenwär-
       tiger Zeit;  wir gestatten  kein Zögern  und kein  Zaudern. Jetzt
       oder sehr  spät, vielleicht  nie (p.  16)!... Jedes  der  Willkür
       preisgegebene, von  Ausbeutern abgerackerte  Volk... jedes solche
       Volk (und in dieser Lage befinden sich alle Völker) ist kraft der
       eignen Bedingungen  seiner sozialen  Umstände -  revolutionär; es
       kann immer, es will immer die Revolution machen; es ist immer be-
       reit zur  Revolution (p.  17)... Aber  wir können  und wir wollen
       nicht warten  (p. 34)... Jetzt ist keine Zeit zu langwierigen An-
       stalten und  ewigen Vorbereitungen - packe ein jeder seine Habse-
       ligkeiten zusammen  und mache  sich eilig auf den Weg. Die Frage,
       was es gilt, darf uns nicht mehr beschäftigen. Die ist längst ab-
       gemacht. Es gilt Revolution machen. - Wie? Wie ein jeder kann und
       versteht." (p. 39.)
       
       Dies schien  mir deutlich  genug. Ich  bat also Karlchen Mißnick:
       Wenn es  denn nun  einmal platterdings  nicht anders angeht, wenn
       das Volk bereit ist zur Revolution und du ebenfalls, wenn du denn
       durchaus nicht  länger warten  willst und  kannst und  nicht  das
       Recht hast  zu warten, wenn du dir das Recht zuschreibst, den Au-
       genblick zum  Losschlagen zu  wählen, und  wenn es endlich heißt:
       Jetzt oder  nie! -  nun, teuerstes  Karlchen, so tu, was du nicht
       lassen kannst,  mache die  Revolution noch  heute und  schlag den
       russischen Staat  in tausend  Trümmer, sonst  richtest du am Ende
       noch ein größeres Unglück an!
       Und was  tut Karlchen  Mißnick? Schlägt er los? Vernichtet er den
       russischen Staat? Befreit er das russische Volk, "dieses unglück-
       liche Volk,  von Blut  strömend, mit  der Dornenkrone, angenagelt
       ans Kreuz  der Sklaverei",  wegen dessen  Leiden er  nicht länger
       warten kann?
       
       #553# Flüchtlingsliteratur · IV
       -----
       Er denkt nicht daran. Karlchen Mißnick, mit Tränen der verletzten
       Unschuld im  Gesicht, tritt  vor die deutschen Arbeiter und sagt:
       Seht, was  mir der  verworfene Engels da andichtet: ich hätte vom
       sofortigen Losschlagen gesprochen; es handelt sich aber gar nicht
       davon, sondern davon, literarische Propaganda zu machen, und die-
       ser Engels,  der selbst weiter nichts macht als literarische Pro-
       paganda, entblödet  sich nicht,  sich den  Anschein zu geben, als
       begriffe er "nicht den Nutzen der literarischen Propaganda".
       Warten! Literarische  Propaganda machen!  Aber haben wir denn das
       Recht zu warten, haben wir das Recht, Zeit an literarische Propa-
       ganda zu  verschwenden? Kostet  doch jede Minute, jede Stunde, um
       die die  Revolution sich  verzögert, dem  Volke tausend Opfer (p.
       14)! Jetzt  ist keine Zeit zu literarischer Propaganda, die Revo-
       lution muß jetzt gemacht werden oder vielleicht nie - wir gestat-
       ten kein  Zögern und kein Zaudern. Und da sollen wir literarische
       Propaganda machen! O Gott, und das kann ein lebendiger Mensch le-
       bendigen Menschen sagen, und dieser Mensch heißt Peter Tkatschow!
       Hatte ich  unrecht, wenn ich jene, jetzt so schnöde verleugneten,
       losschlägerischen Rodomontaden  als  "kindisch"  bezeichnete?  So
       kindisch sind  sie, daß man glauben sollte, der Verfasser habe in
       dieser Beziehung  hier das  Mögliche geleistet.  Und doch  hat er
       sich selbst  noch übertroffen. Der Redakteur des "Vorwärts" teilt
       eine Stelle  einer von  Herrn Tkatschow verfaßten Proklamation an
       die russischen  Bauern mit.  Herr Tkatschow  beschreibt darin den
       Zustand nach vollendeter sozialer Revolution wie folgt:
       
       "Und dann würde das Bäuerlein bei Sang und Klang ein lustiges Le-
       ben anfangen...  nicht kupferner  Groschen, nein goldener Dukaten
       voll wäre  seine Tasche. Allerhand Vieh würde er haben und Geflü-
       gel im  Hof, so viel er nur wollte. Auf dem Tisch hätte er aller-
       hand Fleisch,  dazu Feiertagskuchen, dazu süße Weine und es würde
       nicht abgedeckt  vom Morgen  bis zum  Abend. Und  er äße  und  er
       tränke, soviel  in den  Bauch hineingeht,  aber arbeiten würde er
       nur soviel wie ihm beliebt. Und niemand wäre da, der ihn zu zwin-
       gen wagte: geh, iß! - geh, leg dich auf den Ofen!" [408]
       Und der  Mensch, der  diese Proklamation zu verüben imstande war,
       beschwert sich  noch, wenn  ich mich darauf beschränke, ihn einen
       grünen Gymnasiasten von seltner Unreife zu nennen!
       
       Ferner sagt Herr Tkatschow:
       
       "Warum werfen Sie uns Konspirationen vor? Sollten wir der konspi-
       rativen, geheimen,  unterirdischen Tätigkeit  entsagen, so müßten
       wir jeder  revolutionären Tätigkeit überhaupt entsagen. Sie züch-
       tigen uns aber auch dafür, daß wir auch hier, im europäischen We-
       sten... von  unsern konspiratorischen  Gewohnheiten nicht  lassen
       wollen und  dadurch die  große internationale Arbeiterbewegung...
       stören." [407]
       
       #554# Friedrich Engels
       -----
       Erstens ist es falsch, daß den russischen Revolutionären kein an-
       dres Mittel bleibt als die reine Verschwörung. Hat Herr Tkatschow
       doch soeben  erst die  Wichtigkeit der  literarischen Propaganda,
       vom Ausland  nach Rußland  hinein, hervorgehoben!  Auch im Inland
       kann der Weg der mündlichen Propaganda selbst unter dem Volk, be-
       sonders in  den Städten,  nie ganz  verschlossen werden, was auch
       Herr Tkatschow  darüber zu  sagen in seinem Interesse finden mag.
       Der beste Beweis dafür ist, daß bei den jüngsten Massenverhaftun-
       gen in  Rußland nicht  die Gebildeten oder Studenten, sondern die
       Arbeiter in der Mehrzahl waren.
       Zweitens unternehme  ich,  in  den  Mond  zu  fliegen,  noch  ehe
       Tkatschow Rußland  befreit, sobald dieser letztere mir nachweist,
       daß ich  irgendwo und  zu irgendeiner  Zeit in meiner politischen
       Karriere mich  dahin erklärt  habe, daß  Verschwörungen überhaupt
       und unter allen Umständen zu verwerfen seien. Ich unternehme, ihm
       ein Andenken  aus dem  Mond zurückzubringen,  sobald er mir nach-
       weist, daß  in meinem Artikel von andern Komplotten die Rede ist,
       als von  dem gegen  die Internationale, von der Allianz. Ja, wenn
       die russischen Herren Bakunisten nur wirklich und ernstlich gegen
       die russische  Regierung konspirierten!  Wenn sie,  statt auf Lug
       und Trug  gegen die  Mitverschworenen  gegründeter  Schwindelver-
       schwörungen wie die Netschajews, dieses nach Tkatschow "typischen
       Vertreters unsrer  gegenwärtigen "Jugend"  [404], statt Komplotte
       gegen die  europäische Arbeiterbewegung  wie die glücklicherweise
       enthüllte und  damit vernichtete  Allianz, wenn  sie, die "Täter"
       (dejateli), wie sie sich prahlend nennen, endlich einmal eine Tat
       fertigbrächten, die  den Beweis  lieferte, daß  sie wirklich eine
       Organisation besitzen  und daß sie sich mit etwas anderm beschäf-
       tigen als  mit dem  Versuch, ein  Dutzend zu bilden! Statt dessen
       schreien sie  in alle Welt hinaus : Wir konspirieren, wir konspi-
       rieren! grade wie die Verschwörer in der Oper, die vierstimmig im
       Chore brüllen:  Stille, stille!  Kein Geräusch  gemacht! Und  das
       ganze Geflunker  von weitverzweigten Verschwörungen dient nur als
       Deckmantel, hinter dem sich weiter nichts verbirgt als revolutio-
       näres Nichtstun  gegenüber den Regierungen und ehrgeizige Klünge-
       leien innerhalb der revolutionären Partei.
       Und grade,  daß wir  in dem  "Komplott gegen  die Internationale"
       diesen ganzen  Schwindel schonungslos  enthüllt 1*),  das ist es,
       worüber diese  Herren so  entrüstet sind. Das war "taktlos". Wenn
       wir Herrn  Bakunin enthüllten,  so suchten wir "einen der größten
       und aufopferndsten  Vertreter der  revolutionären Epoche,  in der
       wir leben, zu beflecken", und zwar mit
       -----
       1*) Siehe vorl. Band. S. 327-471
       
       #555# Flüchtlingsliteratur - IV
       -----
       "Schmutz" [407].  Der Schmutz, der bei der Gelegenheit an den Tag
       kam, war  bis aufs letzte Lot Herrn Bakunins eignes Fabrikat, und
       noch lange  nicht sein  schlimmstes. Die  betreffende Schrift hat
       ihn noch  viel zu  reinlich dargestellt.  Wir haben  den § 18 des
       "Revolutionären Katechismus"  [333] nur zitiert, den Paragraphen,
       welcher vorschreibt,  wie man  sich gegenüber der russischen Ari-
       stokratie und  Bourgeoisie zu  verhalten,  wie  man  sich  "ihrer
       schmutzigen Geheimnisse  zu bemächtigen und sie dadurch zu unsern
       Sklaven zu  machen hat,  so daß  ihre Reichtümer  etc. ein  uner-
       schöpflicher Schatz  und eine  kostbare Stütze in allerlei Unter-
       nehmungen werden"  1*). Wir  haben bisher noch nicht erzählt, wie
       dieser Paragraph in die Praxis übersetzt worden ist. Darüber aber
       wäre ein langes und breites zu erzählen, was seinerzeit denn auch
       erzählt werden wird.
       Es stellt  sich also heraus, daß sämtliche Vorwürfe, die mir Herr
       Tkatschow gemacht  hat, mit  jener Tugendmiene der verletzten Un-
       schuld, die  allen Bakunisten  so wohl  ansteht, daß sie alle auf
       Behauptungen beruhen,  von denen  er nicht  nur  wußte,  daß  sie
       falsch waren, sondern die er selbst erfunden, erstunken und erlo-
       gen hatte.  Womit  wir  vom  persönlichen  Teil  seines  "Offenen
       Briefs" Abschied nehmen.
       -----
       1*) Vgl. vorl. Band. S. 429/430
       
       #556#
       -----
       V
       
       Soziales aus Rußland [409]
       
       ["Der Volksstaat" Nr. 43 vom 16. April 1875]
       Zur Sache erzählt Herr Tkatschow den deutschen Arbeitern, daß ich
       in Beziehung  auf Rußland nicht einmal "wenige Kenntnisse" [410],
       sondern vielmehr gar nichts besitze als "Unwissenheit", und fühlt
       sich deshalb  gedrungen, ihnen den wahren Sachverhalt und nament-
       lich die Gründe auseinanderzusetzen, weshalb eine soziale Revolu-
       tion gerade  jetzt in  Rußland mit spielender Leichtigkeit zu ma-
       chen sei, viel leichter als in Westeuropa.
       
       "Bei uns gibt es kein städtisches Proletariat, das ist allerdings
       wahr; allein dafür haben wir auch keine Bourgeoisie... unsere Ar-
       beiter werden  bloß mit  der politischen Macht zu kämpfen haben -
       die Macht  des Kapitals  ist bei uns noch im Keime. Und Sie, mein
       Herr, werden  wohl wissen,  daß der  Kampf mit  der ersteren viel
       leichter als mit der letzteren ist."
       Die vom modernen Sozialismus erstrebte Umwälzung ist, kurz ausge-
       drückt, der  Sieg des  Proletariats über  die Bourgeoisie und die
       Neuorganisation der Gesellschaft durch Vernichtung aller Klassen-
       unterschiede. Dazu  gehört nicht  nur ein  Proletariat, das diese
       Umwälzung durchführt,  sondern auch  eine Bourgeoisie,  in  deren
       Händen sich  die gesellschaftlichen Produktionskräfte soweit ent-
       wickelt haben,  daß sie die endgültige Vernichtung der Klassenun-
       terschiede gestatten. Auch bei Wilden und Halbwilden bestehn häu-
       fig keine  Klassenunterschiede, und  jedes Volk hat einen solchen
       Zustand durchgemacht. Ihn wiederherzustellen, kann uns schon des-
       wegen nicht  einfallen, weil aus ihm, mit der Entwicklung der ge-
       sellschaftlichen Produktivkräfte, die Klassenunterschiede notwen-
       dig hervorgehn.  Erst auf einem gewissen, für unsere Zeitverhält-
       nisse sogar  sehr hohen  Entwicklungsgrad der  gesellschaftlichen
       Produktivkräfte wird  es möglich, die Produktion so hoch zu stei-
       gern, daß  die Abschaffung der Klassenunterschiede ein wirklicher
       Fortschritt, daß  sie von  Dauer sein kann, ohne einen Stillstand
       oder
       
       #557# Flüchtlingsliteratur - V. Soziales aus Rußland
       -----
       gar Rückgang in der gesellschaftlichen Produktionsweise herbeizu-
       führen. Diesen  Entwicklungsgrad haben  die Produktivkräfte  aber
       erst erhalten  in den Händen der Bourgeoisie. Die Bourgeoisie ist
       demnach auch  nach dieser Seite hin eine ebenso notwendige Vorbe-
       dingung  der   sozialistischen  Revolution  wie  das  Proletariat
       selbst. Ein  Mann also,  der sagen  kann, daß diese Revolution in
       einem Lande  leichter durchzuführen  sei, weil dasselbe zwar kein
       Proletariat, aber  auch keine  Bourgeoisie besitze, beweist damit
       nur, daß er vom Sozialismus noch das Abc zu lernen hat.
       Die russischen  Arbeiter -  und diese  Arbeiter  sind,  wie  Herr
       Tkatschow selbst sagt, "Landarbeiter, und als solche keine Prole-
       tarier, sondern  Eigentümer" -  haben es  also leichter, weil sie
       nicht mit  der Macht  des Kapitals, sondern "bloß mit der politi-
       schen Macht  zu kämpfen  haben ",  mit dem  russischen Staat. Und
       dieser Staat
       
       "scheint nur  aus der Ferne als eine Macht... Er hat keine Wurzel
       im ökonomischen  Leben des Volks; er verkörpert nicht in sich die
       Interessen irgendwelches Standes... Bei Ihnen ist der Staat keine
       scheinbare Macht.  Er stützt  sich mit beiden Füßen auf das Kapi-
       tal; er verkörpert in sich (!!) gewisse ökonomische Interessen...
       Bei uns  verhält sich  diese Angelegenheit gerade umgekehrt - un-
       sere Gesellschaftsform hat ihre Existenz dem Staate zu verdanken,
       dem sozusagen in der Luft hängenden Staate, der mit der bestehen-
       den sozialen  Ordnung nichts  Gemeinschaftliches hat,  der  seine
       Wurzel im Vergangenen, aber nicht im Gegenwärtigen hat."
       
       Halten wir  uns nicht  auf  bei  der  konfusen  Vorstellung,  als
       brauchten die  ökonomischen Interessen  den Staat, den sie selbst
       schaffen, um  einen Körper  zu erhalten,  oder bei der kühnen Be-
       hauptung, die  russische Gesellschaftsform  (zu der doch auch das
       Gemeinde-Eigentum der Bauern gehört) habe ihre Existenz dem Staat
       zu verdanken,  oder bei  dem Widerspruch,  daß dieser selbe Staat
       mit der bestehenden sozialen Ordnung, die doch sein eigenstes Ge-
       schöpf sein  soll, "nichts  Gemeinschaftliches hat".  Besehen wir
       uns lieber  gleich diesen  "in der Luft hängenden Staat", der die
       Interessen auch nicht eines einzigen Standes vertritt.
       Im europäischen  Rußland besitzen die Bauern 105 Millionen Deßja-
       tinen, die Adligen (wie ich die großen Grundbesitzer hier kurzweg
       nenne) 100  Millionen Deßjatinen  Land, wovon ungefähr die Hälfte
       auf 15 000  Adlige kommen, die sonach durchschnittlich jeder 3300
       1*) Deßjatinen  besitzen. Das  Bauernland ist  also nur  um  eine
       Kleinigkeit größer als das Adelsland. Die Adligen, wie man sieht,
       haben nicht  das mindeste  Interesse am  Bestehen des  russischen
       Staats, der sie im Besitz des halben Landes schützt.
       -----
       1*) Im "Volksstaat" und (1894) irrtümlich: 33 000
       
       #558# Friedrich Engels
       -----
       Weiter. Die Bauern zahlen von ihrer Hälfte jährlich 195 Millionen
       Rubel Grundsteuer, die Adligen - 13 Millionen! Die Ländereien der
       Adligen sind  im Durchschnitt  doppelt so  fruchtbar als  die der
       Bauern, weil  bei der Auseinandersetzung wegen Ablösung der Fron-
       den der  Staat den  Bauern nicht nur das meiste, sondern auch das
       beste Land  ab- und dem Adel zusprach, und zwar mußten die Bauern
       für dies  schlechteste Land dem Adel den Preis des besten zahlen.
       *) Und der russische Adel hat kein Interesse am Bestehen des rus-
       sischen Staats!
       Die Bauern  - der  Masse nach  - sind  durch die Ablösung in eine
       höchst elende,  vollständig unhaltbare  Lage gekommen.  Nicht nur
       hat man  ihnen den größten und besten Teil ihres Landes genommen,
       so daß  in allen fruchtbaren Gegenden des Reichs das Bauernland -
       für russische  Ackerbauverhältnisse -  viel zu klein ist, als daß
       sie davon  leben könnten.  Nicht nur  wurde ihnen dafür ein über-
       triebener Preis angerechnet, den ihnen der Staat vorschoß und den
       sie jetzt  dem Staat  verzinsen und  allmählich abtragen  müssen.
       Nicht nur  ist fast  die ganze  Last der  Grundsteuer auf sie ge-
       wälzt, während  der Adel  fast ganz  frei ausgeht  - so  daß  die
       Grundsteuer allein  den ganzen  Grundrenten wert des Bauernlandes
       und darüber  auffrißt, und alle weiteren Zahlungen, die der Bauer
       zu machen  hat und  von denen wir gleich sprechen werden, direkte
       Abzüge von  dem Teil  seines Einkommens sind, der den Arbeitslohn
       repräsentiert. Nein.  Zur Grundsteuer,  zur  Verzinsung  und  Ab-
       tragungsrate des  Staatsvorschusses kommen  noch die  Provinzial-
       und Kreissteuern  seit der  neu eingeführten Lokalverwaltung. Die
       wesentlichste Folge dieser "Reform" war eine neue Steuerbelastung
       für die  Bauern. Der  Staat behielt  im ganzen  seine  Einnahmen,
       wälzte aber  einen großen Teil der Ausgaben auf die Provinzen und
       Kreise, die  dafür neue  Steuern ausschrieben; und in Rußland ist
       es Regel,  daß die  höheren Stände  fast steuerfrei  sind und der
       Bauer fast alles zahlt.
       Eine solche Lage ist wie geschaffen für den Wucherer, und bei dem
       fast beispiellosen  Talent der  Russen zum  Handel  auf  niederer
       Stufe, zur  Ausbeutunggünstiger Geschäftslagen  und zu  der davon
       untrennbaren Prellerei  - sagte  doch schon  Peter I.,  ein Russe
       werde fertig  mit drei Juden -, bleibt der Wucherer nirgends aus.
       Wenn die  Zeit herannaht,  wo die Steuern fällig werden, so kommt
       der Wucherer,  der Kulak  - häufig  ein reicher  Bauer  derselben
       Gemeinde -, und bietet sein bares Geld an. Der Bauer muß das Geld
       unter allen Umständen haben und muß die Bedingungen des Wucherers
       ---
       *) Eine Ausnahme  fand nur  statt in  Polen, wo die Regierung den
       ihr feindlichen  Adel ruinieren, die Bauern aber gewinnen wollte.
       [(1894) fehlt diese Fußnote]
       
       #559# Flüchtlingsliteratur - V. Soziales aus Rußland
       -----
       ohne Murren  annehmen. Damit  gerät er  nur noch  tiefer  in  die
       Klemme, braucht mehr und mehr bares Geld. Zur Erntezeit kommt der
       Kornhändler; das  Geldbedürfnis zwingt den Bauern, einen Teil des
       Korns loszuschlagen, das er und seine Familie zum Leben bedürfen.
       Der Kornhändler  verbreitet falsche,  die  Preise  drückende  Ge-
       rüchte, zahlt  einen niederen Preis, und auch diesen oft zum Teil
       in allerhand hochberechneten Waren; denn auch das Trucksystem ist
       in Rußland  hoch entwickelt.  Die große  Kornausfuhr Rußlands be-
       ruht, wie  man sieht, ganz direkt auf dem Hunger der Bauernbevöl-
       kerung. -  Eine andere  Art der  Bauernausbeutung ist  diese: Ein
       Spekulant pachtet  von  der  Regierung  Domänenland  auf  längere
       Jahre, bebaut es selbst, solange es ohne Dünger guten Ertrag lie-
       fert; dann  teilt er  es in Parzellen und verpachtet das ausgeso-
       gene Land  zu hoher  Rente an  benachbarte Bauern,  die mit ihrem
       Landanteil nicht  auskommen. Wie  oben das englische Trucksystem,
       so haben wir hier genau die irischen Middlemen 1*). Kurz, es gibt
       kein Land,  wo, bei  aller Waldursprünglichkeit  der bürgerlichen
       Gesellschaft, der kapitalistische Parasitismus so entwickelt ist,
       so das  ganze Land,  die ganze Volksmasse mit seinen Netzen über-
       spannt und  umspinnt, wie  gerade in Rußland. Und alle diese Bau-
       ernaussauger hätten  kein Interesse  am Bestehen  des  russischen
       Staats, dessen Gesetze und Gerichtshöfe ihre sauberen und profit-
       lichen Praktiken beschützen?
       Die große  Bourgeoisie von Petersburg, Moskau, Odessa, die in den
       letzten zehn Jahren, namentlich durch die Eisenbahnen, sich uner-
       hört rasch  entwickelt und  in den letzten Schwindeljahren lustig
       "mitgekracht" hat,  die Korn-, Hanf-, Flachs- und Talgexporteure,
       deren ganzes  Geschäft auf dem Elend der Bauern sich aufbaut, die
       ganze russische große Industrie, die nur durch den Schutzzoll be-
       steht, den  der Staat  ihr bewilligt,  alle diese bedeutenden und
       rasch wachsenden  Elemente der  Bevölkerung hätten kein Interesse
       an der Existenz des russischen Staats? Gar nicht zu reden von dem
       zahllosen Heer von Beamten, das Rußland überflutet und ausstiehlt
       und hier  einen  wirklichen  Stand  bildet.  Und  wenn  nun  Herr
       Tkatschow uns  versichert, der russische Staat habe "keine Wurzel
       im ökonomischen  Leben des Volks, er verkörpert nicht in sich die
       Interessen irgendwelchen  Standes", er  hänge "in  der Luft",  so
       will es  uns bedünken,  als sei es nicht der russische Staat, der
       in der Luft hängt, sondern vielmehr Herr Tkatschow.
       -----
       1*) Mittelsmänner (Großpächter,  die in kleinen Parzellen weiter-
       verpachten)
       
       #560# Friedrich Engels
       -----
       ["Der Volksstaat" Nr. 44 vom 18. April 1875]
       Daß die  Lage der russischen Bauern seit der Emanzipation von der
       Leibeigenschaft eine  unerträgliche und  auf die Dauer unhaltbare
       geworden, daß  schon aus diesem Grunde eine Revolution in Rußland
       im Anzüge  ist, das  ist klar.  Die Frage  ist nur, was kann, was
       wird das  Resultat dieser  Revolution sein?  Herr Tkatschow sagt,
       sie wird  eine soziale sein. Das ist reine Tautologie. Jede wirk-
       liche Revolution ist eine soziale, indem sie eine neue Klasse zur
       Herrschaft bringt und dieser gestattet, die Gesellschaft nach ih-
       rem Bilde  umzugestalten. Aber  er will  sagen,  sie  werde  eine
       sozialistische sein, sie werde die vom westeuropäischen Sozialis-
       mus erstrebte  Gesellschaftsform in  Rußland einführen,  noch ehe
       wir im Westen dazu gelangen - und das bei Gesellschaftszuständen,
       wo Proletariat  wie  Bourgeoisie  nur  erst  sporadisch  und  auf
       niederer Entwicklungsstufe vorkommen. Und dies soll möglich sein,
       weil die  Russen sozusagen  das auserwählte  Volk des Sozialismus
       sind und  die Artel  und das Gemeinde-Eigentum an Grund und Boden
       besitzen.
       Die Artel,  die Herr Tkatschow nur nebenbei erwähnt, die wir aber
       hier mitnehmen, weil sie schon seit Herzens Zeit bei manchen Rus-
       sen eine  geheimnisvolle Rolle spielt, die Artel ist eine in Ruß-
       land weitverbreitete  Art von  Assoziation, die  einfachste  Form
       freier Kooperation,  wie sie  in der  Jagd bei  Jägervölkern vor-
       kommt. Wort und Sache sind nicht slawischen, sondern tartarischen
       Ursprungs. Beide  finden sich  bei Kirgisen,  Jakuten etc. einer-
       seits, wie  bei Lappen,  Samojeden und anderen finnischen Völkern
       andererseits. *)  Daher entwickelt  sich in Rußland die Artel ur-
       sprünglich im  Norden und  Osten, in der Berührung mit Finnen und
       Tartaren, nicht  im Südwesten. Das harte Klima macht industrielle
       Tätigkeit verschiedener Art nötig, wobei dann der Mangel an städ-
       tischer Entwicklung  und an  Kapital durch jene Form der Koopera-
       tion möglichst  ersetzt wird. - Eins der bezeichnendsten Merkmale
       der Artel,  die solidarische Haftbarkeit der Mitglieder füreinan-
       der, Dritten  gegenüber, beruht  ursprünglich auf  blutsverwandt-
       schaftlichem Band,  wie die  Gewere bei  den alten Deutschen, die
       Blutrache usw. - Übrigens wird in Rußland das Wort Artel für jede
       Art nicht  nur gemeinschaftlicher Tätigkeit, sondern auch gemein-
       schaftlicher Einrichtungen  gebraucht. Auch die Börse ist ein Ar-
       tel. 1*) - Bei den Arbeiter-
       -----
       *) Über Artel  u.a. zu vergleichen: "Sbornik materialov ob Artel-
       jach v Rossiji" (Sammlung von Materialien über die Artels in Ruß-
       land), St. Petersburg 1873, 1. Lieferung.
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       1*) (1894) fehlt der letzte Satz
       
       #561# Flüchtlingsliteratur - V. Soziales aus Rußland
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       Artels wird immer ein Vorsteher (starosta, Ältester) gewählt, der
       die Verrichtungen  des Schatzmeisters,  Buchführers etc.,  soweit
       nötig, Geschäftsführers  besorgt, und  ein besonderes Gehalt emp-
       fängt. Solche Artels finden statt:
       1. für vorübergehende  Unternehmungen, nach  deren Beendigung sie
       sich auflösen;
       2. für die  Mitglieder eines  und desselben Geschäfts, z.B. Last-
       träger usw.;
       3. für eigentlich industrielle, fortlaufende Unternehmungen.
       Sie werden  durch einen  von allen  Mitgliedern  unterschriebenen
       Kontrakt errichtet.  Können nun diese Mitglieder nicht das nötige
       Kapital zusammenschießen,  was sehr häufig vorkommt, z.B. bei Kä-
       sereien und  Fischereien (für Netze, Boote etc.), so verfällt die
       Artel dem  Wucherer, der  das Fehlende zu hohen Zinsen vorschießt
       und von  nun an  den größten  Teil des  Arbeitsertrags einsteckt.
       Noch scheußlicher  ausgebeutet aber werden diejenigen Artels, die
       sich im ganzen an einen Unternehmer als Lohnarbeits-Personal ver-
       dingen. Sie dirigieren ihre industrielle Tätigkeit selbst und er-
       sparen dadurch  dem Kapitalisten die Aufsichtskosten. Dieser ver-
       mietet den  Mitgliedern Hütten  zur Wohnung und schießt ihnen Le-
       bensmittel vor, wobei sich dann wieder das scheußlichste Trucksy-
       stem entwickelt;  So bei den Holzfällern und Teerbrennern im Gou-
       vernement Archangel, bei vielen Geschäften in Sibirien usw. (vgl.
       Flerowski, "Polozenie  rabocago klassa  v Rossiji".  Die Lage der
       arbeitenden Klasse  in Rußland, Petersburg 1869) [325]. Hier also
       dient die  Artel dazu,  dem Kapitalisten die Ausbeutung der Lohn-
       arbeiter wesentlich  zu erleichtern.  Andererseits aber  gibt  es
       auch Artels,  die selbst wieder Lohnarbeiter beschäftigen, welche
       nicht Mitglieder der Assoziation sind.
       Man sieht,  die Artel ist eine naturwüchsig entstandene und daher
       noch sehr  unentwickelte Kooperativ-Gesellschaft  und als  solche
       keineswegs ausschließlich  russisch oder gar slawisch. Solche Ge-
       sellschaften bilden  sich überall, wo das Bedürfnis dazu besteht.
       So in der Schweiz bei Melkereien, in England bei Fischern, wo sie
       sogar sehr  verschiedenartig sind.  Die schlesischen  Erdarbeiter
       (Deutsche, keine  Polen), die  in den  vierziger Jahren so manche
       deutsche Eisenbahn  gebaut, waren  in vollständige Artels organi-
       siert. Das  Vorwiegen dieser  Form in  Rußland beweist allerdings
       das Vorhandensein eines starken Assoziationstriebes im russischen
       Volk, beweist  aber noch lange nicht dessen Befähigung, mit Hilfe
       dieses Triebes  ohne weiteres aus der Artel in die sozialistische
       Gesellschaftsordnung überzuspringen.  Dazu gehört  vor allen Din-
       gen, daß die Artel selbst entwicklungsfähig
       
       #562# Friedrich Engels
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       fähig werde,  ihre naturwüchsige Gestalt, in der sie, wie wir ge-
       sehen, weniger  den Arbeitern  als dem  Kapital dient, abstreife,
       und sich  mindestens auf  den Standpunkt der westeuropäischen Ko-
       operativ-Gesellschaften erhebe.  Wenn wir  aber  Herrn  Tkatschow
       einmal Glauben  schenken dürfen  (was nach allem Vorhergegangenen
       allerdings mehr  als gewagt), so ist dies keineswegs der Fall. Im
       Gegenteil versichert  er uns  mit  einem  für  seinen  Standpunkt
       höchst bezeichnenden Stolz:
       
       "Was die nach Rußland seit kurzer Zeit künstlich verpflanzten Ko-
       operativ- und  Kredit-Assoziationen nach deutschem (!) Muster an-
       betrifft, so  sind diese  von der  Mehrheit unserer  Arbeiter mit
       völliger Gleichgültigkeit aufgenommen worden und haben fast über-
       all Fiasko gemacht."
       
       Die moderne  Kooperativ-Gesellschaft hat wenigstens bewiesen, daß
       sie große  Industrie auf  eigene Rechnung  mit Vorteil  betreiben
       kann (Spinnerei  und Weberei  in Lancashire).  Die Artel ist, bis
       jetzt, nicht  nur unfähig  dazu, sie geht an der großen Industrie
       sogar notwendig zugrunde, wenn sie sich nicht weiterentwickelt.
       
       ["Der Volksstaat" Nr. 45 vom 21. April 1875]
       Das Gemeinde-Eigentum  der russischen  Bauern wurde  um das  Jahr
       1845 von  dem preußischen  Regierungsrat Haxthausen  entdeckt und
       als etwas  ganz Wunderbares  in die  Welt  hinausposaunt,  obwohl
       Haxthausen in  seiner westfälischen  Heimat noch  Überreste genug
       davon finden  konnte und als Regierungsbeamter sogar verpflichtet
       war, sie  genau zu  kennen. Von  Haxthausen erst  lernte  Herzen,
       selbst russischer  Grundbesitzer, daß  seine Bauern den Grund und
       Boden gemeinsam  besaßen, und  nahm davon Gelegenheit, die russi-
       schen Bauern  als die wahren Träger des Sozialismus, als geborene
       Kommunisten darzustellen  gegenüber den  Arbeitern des alternden,
       verfaulten europäischen  Westens, die  sich den  Sozialismus erst
       künstlich anquälen müßten. Von Herzen kam diese Kenntnis zu Baku-
       nin und von Bakunin zu Herrn Tkatschow. Hören wir diesen:
       
       "Unser Volk...  ist in  seiner großen Mehrheit... von den Prinzi-
       pien des  Gemeinguts durchdrungen;  es ist, wenn man sich so aus-
       drücken darf,  instinktiv, traditionell  Kommunist. Die  Idee des
       Kollektiv-Eigentums ist so tief verwachsen mit der ganzen Weltan-
       schauung" (wir  werden gleich sehen, wie weit die Welt des russi-
       schen Bauern reicht) "des russischen Volks, daß jetzt, wo die Re-
       gierung zu  begreifen anfängt,  daß diese Idee mit den Prinzipien
       einer 'wohlgeordneten'  Gesellschaft nicht  vereinbar ist, und im
       Namen dieser  Prinzipien die  Idee des individuellen Eigentums in
       das Volksbewußtsein  und Volksleben  einprägen will, sie dies nur
       mit Hülfe  der Bajonette und der Knute erreichen kann. Daraus er-
       hellt, daß unser Volk, ungeachtet seiner
       
       #563# Flüchtlingsliteratur - V. Soziales aus Rußland
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       Unwissenheit, viel näher zum Sozialismus steht als die Völker des
       westlichen Europas, obwohl diese gebildeter sind."
       
       In der  Wirklichkeit ist das Gemeinde-Eigentum an Grund und Boden
       eine Einrichtung,  die wir  auf einer niedrigen Entwicklungsstufe
       bei allen  indogermanischen Völkern von Indien bis Irland finden,
       und sogar  bei den unter indischem Einfluß sich entwickelnden Ma-
       laien, z.B. auf Java. Noch 1608 diente im neueroberten Norden von
       Irland das  zu Recht  bestehende Gemeinde-Eigentum 1*) des Bodens
       den Engländern  zum Vorwand,  das Land  für herrenlos zu erklären
       und als  solches zum  Besten der Krone zu konfiszieren. In Indien
       besteht bis heute eine ganze Reihe von Formen des Gemeinde-Eigen-
       tums 2*).  In Deutschland  war es allgemein; die hier und da noch
       vorkommenden Gemeindeländereien  sind ein  Überrest  davon,  auch
       finden sich,  namentlich im  Gebirge, oft  noch deutliche Spuren,
       zeitweilige Teilungen des Gemeindelandes etc. Die genaueren Nach-
       weise und Einzelheiten in Beziehung auf das altdeutsche Gemeinde-
       Eigentum 1*)  kann man  in den  verschiedenen  Schriften  Maurers
       nachlesen, die  für diesen  Punkt klassisch  sind. In Westeuropa,
       einschließlich Polens  und Kleinrußlands,  wurde  dies  Gemeinde-
       Eigentum 1*) auf einer gewissen Stufe der gesellschaftlichen Ent-
       wicklung eine Fessel, ein Hemmschuh der ländlichen Produktion und
       wurde mehr  und mehr  beseitigt. In Großrußland dagegen (d.h. dem
       eigentlichen Rußland)  hat es sich bis heute erhalten und liefert
       damit zunächst  den Beweis,  daß die ländliche Produktion und die
       ihr entsprechenden  ländlichen  Gesellschaftszustände  sich  hier
       noch auf  einer sehr  unentwickelten  Stufe  befinden,  was  auch
       wirklich der  Fall ist.  Der russische Bauer lebt und webt nur in
       seiner Gemeinde; die ganze übrige Welt existiert nur insoweit für
       ihn, als  sie sich in diese seine Gemeinde einmischt. So sehr ist
       dies der  Fall, daß  im Russischen dasselbe Wort "mir" einerseits
       "die Welt"  bedeutet, andrerseits  aber  "Bauerngemeinde".  "Ves'
       mir" -  "die ganze  Welt" bedeutet für den Bauern die Versammlung
       der Gemeindemitglieder.  Wenn  also  Herr  Tkatschow  von  der  -
       Weltanschauung" der  russischen Bauern  spricht, so  hat  er  das
       russische  "mir"   offenbar   falsch   übersetzt.   Eine   solche
       vollständige Isolierung  der einzelnen Gemeinden voneinander, die
       im ganzen  Lande zwar  gleiche,  aber  das  grade  Gegenteil  von
       gemeinsamen Interessen  schafft, ist  die naturwüchsige Grundlage
       für den  orientalischen Despotismus;  und von  Indien bis Rußland
       hat diese  Gesellschaftsform,  wo  sie  vorherrschte,  ihn  stets
       produziert, stets  in ihm ihre Ergänzung gefunden. Nicht bloß der
       russische Staat  im allgemeinen,  sondern sogar seine spezifische
       Form, der
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       1*) (1894): Gemeineigentum - 2*) (1894): Gemeineigentums
       
       #564# Friedrich Engels
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       Zarendespotismus, statt  in der  Luft zu  hängen, ist notwendiges
       und logisches  Produkt der  russischen Gesellschaftszustände, mit
       denen sie nach Herrn Tkatschow "nichts Gemeinschaftliches hat"! -
       Die Fortentwicklung  Rußlands in  bürgerlicher Richtung würde das
       Gemeinde-Eigentum auch  hier nach  und nach  vernichten, ohne daß
       die russische Regierung mit "Bajonetten und Knute" einzuschreiten
       braucht. Und  dies um  so mehr,  als das  Gemeindeland in Rußland
       nicht von  den Bauern  gemeinsam bebaut  und erst das Produkt ge-
       teilt wird, wie dies in einigen Gegenden von Indien noch der Fall
       ist; im  Gegenteil, das Land wird von Zeit zu Zeit unter die ein-
       zelnen Familienhäupter  verteilt, und  jeder bebaut seinen Anteil
       für sich.  Es ist daher eine sehr große Verschiedenheit des Wohl-
       standes unter  den Gemeindemitgliedern  möglich, und  sie besteht
       auch in Wirklichkeit. Fast überall gibt es darunter einige reiche
       Bauern -  hie und  da Millionäre  -, die die Wucherer spielen und
       die Masse der Bauern aussaugen. Niemand weiß dies besser als Herr
       Tkatschow. Während er den deutschen Arbeitern aufbindet, den rus-
       sischen Bauern,  diesen instinktiven, traditionellen Kommunisten,
       könne die  "Idee des Kollektiv-Eigentums" nur mit Knute und Bajo-
       nett ausgetrieben  werden, erzählt  er in  seiner russischen Bro-
       schüre p. 15:
       
       "In der  Mitte der Bauern arbeitet sich eine Klasse von Wucherern
       (kulakov), von  Aufkäufern und Anpächtern bäuerlicher und adliger
       Ländereien heraus - eine Bauernaristokratie." [404]
       
       Es sind  das dieselben  Sorten Blutsauger, die wir oben näher ge-
       schildert.
       Was dem  Gemeinde-Eigentum den schwersten Stoß versetzt, war wie-
       der die  Ablösung der  Fronden. Dem  Adligen wurde der größte und
       beste Teil des Bodens zugeteilt; für die Bauern blieb kaum genug,
       oft nicht  genug zum  Leben. Dabei  wurden die Wälder den Adligen
       zugesprochen; das  Brenn-, Werk-  und Bauholz, das der Bauer sich
       früher dort  frei holen  durfte, muß  er jetzt kaufen. So hat der
       Bauer jetzt  nichts mehr  als sein Haus und das nackte Land, ohne
       die Mittel,  es zu bebauen, und im Durchschnitt nicht Land genug,
       um ihn  und seine Familie von einer Ernte zur andern zu erhalten.
       Unter solchen  Verhältnissen und  unter dem Druck von Steuern und
       Wucher ist das Gemeinde-Eigentum an Grund und Boden keine Wohltat
       mehr, es  wird eine  Fessel. Die Bauern entlaufen ihm häufig, mit
       oder ohne  Familie, um  sich als  wandernde Arbeiter zu ernähren,
       und lassen ihr Land daheim. *)
       ---
       *) Über die  Lage der  Bauern vergleiche man u a. den offiziellen
       Bericht  der   Regierungskommission  über   ländliche  Produktion
       (1873), ferner Skaldin, "W Zacholusti i w Stolice" (Im entfernte-
       sten Provinzwinkel  und in  der Hauptstadt),  Petersburg  1870  ;
       letztere Schrift von einem Liberalkonservativen.
       
       #565# Flüchtlingsliteratur - V. Soziales aus Rußland
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       Man sieht,  das Gemeinde-Eigentum  in Rußland hat seine Blütezeit
       längst passiert  und geht  allem Anscheine  nach seiner Auflösung
       entgegen. Dennoch  ist unleugbar die Möglichkeit vorhanden, diese
       Gesellschaftsform in  eine höhere überzuführen, falls sie sich so
       lange erhält, bis die Umstände dazu reif sind, und falls sie sich
       in der  Weise entwicklungsfähig  zeigt, daß  die Bauern  das Land
       nicht mehr  getrennt, sondern  gemeinsam bebauen *); sie in diese
       höhere Form überzuführen, ohne daß die russischen Bauern die Zwi-
       schenstufe  des  bürgerlichen  Parzellen-Eigentums  durchzumachen
       hätten. Dies  kann aber  nur dann  geschehen, wenn  in Westeuropa
       noch vor  dem gänzlichen Zerfall des Gemeinde-Eigentums eine pro-
       letarische Revolution  siegreich durchgeführt wird und dem russi-
       schen Bauer die Vorbedingungen zu dieser Überführung liefert, na-
       mentlich auch  die materiellen, deren er bedarf, um nur die damit
       notwendig verbundene  Umwälzung in  seinem ganzen  Ackerbausystem
       durchzusetzen. Es  ist also reines Geflunker, wenn Herr Tkatschow
       sagt, die  russischen Bauern,  obwohl "Eigentümer", stehen "näher
       zum Sozialismus"  als die  eigentumslosen  Arbeiter  Westeuropas.
       Ganz im  Gegenteil. Wenn etwas noch das russische Gemeinde-Eigen-
       tum retten und ihm die Gelegenheit geben kann, sich in eine neue,
       wirklich lebensfähige Form umzuwandeln, so ist es eine proletari-
       sche Revolution in Westeuropa.
       Ebenso leicht  wie mit der ökonomischen Revolution, macht es sich
       Herr Tkatschow  mit der  politischen. Das russische Volk, erzählt
       er, "protestiert  unaufhörlich" gegen die Sklaverei, bald in Form
       "religiöser Sekten...  Verweigerung der  Steuern... Räuberbanden"
       (die deutschen  Arbeiter werden  sich gratulieren,  daß  hiernach
       Schinderhannes der Vater der deutschen Sozialdemokratie ist) "...
       Brandstiftungen... Aufständen... und darum kann man das russische
       Volk einen  instinktiven  Revolutionär  nennen".  Und  somit  ist
       Tkatschow überzeugt, "es sei nur nötig, das angehäufte Gefühl der
       Erbitterung und  der Unzufriedenheit,  das... immer  in der Brust
       unseres Volks  kocht, in  mehreren Ortschaften gleichzeitig wach-
       zurufen". Dann  werde "die  Vereinigung der revolutionären Kräfte
       schon von  selbst zustande  kommen, und  der Kampf... günstig für
       die Sache  des Volks werden müssen. Die praktische Notwendigkeit,
       der Instinkt der Selbsterhaltung"
       ---
       *) In Polen,  besonders im Gouvernement Grodno, wo der Adel durch
       den Aufstand von 1863 großenteils ruiniert ist, kaufen oder pach-
       ten die  Bauern jetzt  häufig adlige  Güter und bebauen sie unge-
       teilt und  für gemeinsame  Rechnung. Und  diese Bauern haben seit
       Jahrhunderten kein Gemeinde-Eigentum mehr und sind keine Großrus-
       sen, sondern Polen, Litauer und Weißrussen.
       
       #566# Friedrich Engels
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       erzielt dann ganz von selbst "ein festes und unzerreißbares Bünd-
       nis unter den protestierenden Gemeinden".
       Leichter und  angenehmer kann  man sich eine Revolution gar nicht
       vorstellen. Man schlägt an drei, vier Orten gleichzeitig los, und
       der "instinktive  Revolutionär", die  "praktische Notwendigkeit",
       der "Instinkt  der Selbsterhaltung"  tun alles  andere "schon von
       selbst". Warum  bei dieser spielenden Leichtigkeit die Revolution
       nicht längst  gemacht, das Volk befreit und Rußland in das sozia-
       listische Musterland  verwandelt ist,  das ist  rein nicht zu be-
       greifen.
       In der  Tat steht  es ganz anders. Das russische Volk, dieser in-
       stinktive Revolutionär,  hat zwar zahllose vereinzelte Bauernauf-
       stände gegen den Adel und gegen einzelne Beamte gemacht, aber nie
       gegen den  Zar, es  sei denn,  daß sich ein falscher Zar an seine
       Spitze stellte  und den  Thron reklamierte. Der letzte große Bau-
       ernaufstand unter  Katharina II.  wurde nur  dadurch möglich, daß
       Jemeljan Pugatschow  sich für deren Gemahl Peter III. ausgab, der
       von seiner  Frau nicht  ermordet, sondern  entthront  und  einge-
       steckt, nun aber entkommen sei. Der Zar im Gegenteil ist des rus-
       sischen Bauern  irdischer Gott:  Bog vysok,  Car daljok, Gott ist
       hoch und  der Zar ist fern, ist sein Notschrei. Daß die Masse der
       Bauernbevölkerung, namentlich  seit der  Ablösung der Fronden, in
       eine Lage  versetzt worden,  die ihr den Kampf auch gegen die Re-
       gierung und  den Zaren  mehr und  mehr aufzwingt,  daran ist kein
       Zweifel; aber  das Märchen  vom "instinktiven  Revolutionär"  mag
       Herr Tkatschow woanders unterzubringen suchen.
       Und dann,  selbst wenn  die Masse  der russischen  Bauern noch so
       instinktiv-revolutionär wäre, selbst wenn wir uns vorstellen, man
       könne Revolutionen  auf Bestellung  machen, wie man ein geblümtes
       Stück Kattun  oder einen Teekessel macht - selbst dann frage ich,
       ist es  einem Menschen  von mehr als zwölf Jahren gestattet, sich
       den Gang  einer Revolution  in so überkindlicher Weise vorzustel-
       len, wie  dies hier geschieht? Und nun bedenke man noch, daß dies
       geschrieben wurde,  nachdem die  erste nach diesem bakunistischen
       Modell angefertigte  Revolution -  die von  1873 in  Spanien - so
       brillant gescheitert  war. Auch  dort  wurde  an  mehreren  Orten
       zugleich losgeschlagen.  Auch dort  rechnete man  darauf, daß die
       praktische Notwendigkeit, der Instinkt der Selbsterhaltung, schon
       von selbst ein festes und unzerreißbares Bündnis unter den prote-
       stierenden Gemeinden  zustande bringen  werde. Und  was  geschah?
       Jede Gemeinde, jede Stadt verteidigte nur sich selbst, von gegen-
       seitiger Unterstützung war keine Rede, und mit nur 3000 Mann warf
       Pavía in 14 Tagen eine Stadt nach der andern nieder
       
       #567# Flüchtlingsliteratur - V. Soziales aus Rußland
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       und machte  der ganzen  anarchischen Herrlichkeit eine Ende (vgl.
       meine "Bakunisten  an der  Arbeit" 1*),  wo dies im einzelnen ge-
       schildert).
       Kein Zweifel,  Rußland steht  am Vorabend  einer Revolution.  Die
       Finanzen sind  zerrüttet bis  aufs äußerste.  Die  Steuerschraube
       versagt den  Dienst, die  Zinsen der  alten Staatsschulden werden
       bezahlt mit  neuen Anleihen, und jede neue Anleihe stößt auf grö-
       ßere Schwierigkeiten;  kann man  sich doch das Geld nur noch ver-
       schaffen unter dem Vorwand des Eisenbahnbaues! Die Verwaltung von
       jeher durch  und durch  korrumpiert; die  Beamten mehr  von Dieb-
       stahl, Bestechung und Erpressung lebend als vom Gehalt. Die ganze
       ländliche Produktion - die bei weitem wesentlichste für Rußland -
       vollständig in  Unordnung gebracht  durch die Ablösung von 1861 ;
       der große Grundbesitz ohne hinreichende Arbeitskräfte, die Bauern
       ohne hinreichendes Land, von Steuern erdrückt, von Wucherern aus-
       gesogen ;  die Ackerbauproduktion 2*) von Jahr zu Jahr abnehmend.
       Das Ganze  mühsam und äußerlich zusammengehalten durch einen ori-
       entalischen Despotismus, von dessen Willkürlichkeit wir im Westen
       uns gar  keine Vorstellung zu machen vermögen; einen Despotismus,
       der nicht  nur von  Tag zu Tag in schreienderen Widerspruch tritt
       mit den  Anschauungen der  aufgeklärten  Klassen  und  namentlich
       denen der  rasch wachsenden hauptstädtischen Bourgeoisie, sondern
       der auch  unter seinem  jetzigen Träger irre geworden ist an sich
       selbst, der  heute dem  Liberalismus Konzessionen  macht, um  sie
       morgen erschrocken  wieder zurückzunehmen,  und  der  sich  damit
       selbst mehr  und mehr  um allen Kredit bringt. Dabei unter den in
       der Hauptstadt konzentrierten aufgeklärteren Schichten der Nation
       eine zunehmende  Erkenntnis, daß  diese Lage  unhaltbar, daß eine
       Umwälzung bevorstehend  ist, und die Illusion, diese Umwälzung in
       ein ruhiges  konstitutionelles Bett  leiten zu  können. Hier sind
       alle Bedingungen  einer Revolution  vereinigt, einer  Revolution,
       die von  den höheren  Klassen der  Hauptstadt, vielleicht gar von
       der Regierung  selbst eingeleitet,  durch die  Bauern weiter  und
       über die  erste konstitutionelle Phase rasch hinausgetrieben wer-
       den muß; einer Revolution, die für ganz Europa schon deswegen von
       der höchsten  Wichtigkeit sein  wird, weil sie die letzte, bisher
       intakte Reserve der gesamteuropäischen Reaktion mit einem Schlage
       vernichtet. Diese  Revolution ist  im sichern Anzug. Nur zwei Er-
       eignisse könnten sie länger hinausschieben: ein glücklicher Krieg
       gegen die Türkei oder Österreich, wozu Geld und sichere Allianzen
       gehören, oder  aber -  ein vorzeitiger  Aufstandsversuch, der die
       besitzenden Klassen der Regierung wieder in die Arme jagt.
       F. Engels
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 476-493 - 2 (1894): der Ackerbauertrag

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