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FRIEDRICH ENGELS
Flüchtlingsliteratur [388]
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Geschrieben Mai 1874 bis April 1875.
Der vorliegende Abdruck (Artikel I-V) fußt auf der Veröffentli-
chung im "Volksstaat".
Die Artikel I, II und V wurden mit dem Text der Wiederveröffent-
lichung in der Broschüre "Internationales aus dem 'Volksstaat'
(1871-75)", Berlin 1894, verglichen. Auf wesentliche Abweichungen
gegenüber der Erstveröffentlichung im "Volksstaat" wird in Fußno-
ten bzw. Anmerkungen verwiesen.
Der Artikel V erschien 1875 in Leipzig als Broschüre unter dem
Titel "Soziales aus Rußland".
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I
Eine polnische Proklamation [389]
["Der Volksstaat" Nr. 69 vom 17. Juni 1874]
Als der Kaiser von Rußland in London ankam, war dort bereits die
ganze Polizei in Bewegung. Es hieß, die Polen wollten ihn er-
schießen, der neue Berezowski sei bereits gefunden und besser be-
waffnet als damals in Paris. Man umstellte die Häuser bekannter
Polen mit Polizisten in Zivil, ja, man ließ sich von Paris den
Polizeikommissar kommen, der dort unter dem Kaiserreich die Polen
speziell überwacht hatte. Die Polizeimaßregeln auf der Route des
Zars von seiner Wohnung bis in die City waren förmlich nach
strategischen Grundsätzen angeordnet - und alle diese Mühe um-
sonst! Kein Berezowski zeigte sich, kein Pistolenschuß fiel, und
der nicht minder als seine Tochter zitternde Zar kam mit dem
Schrecken davon. Ganz umsonst war die Mühe indes doch nicht, denn
der Kaiser ließ jedem für ihn tätigen Polizeisuperintendenten
fünf und jedem Inspektor zwei Pfund Sterl. 33 und 14 Tlr. 1*))
als Trinkgeld zahlen.
Die Polen dachten inzwischen an ganz andere Dinge als den Mord
des edlen Alexander. Die Gesellschaft "Das polnische Volk" erließ
eine "Adresse der polnischen Flüchtlinge an das englische Volk"
[390], unterzeichnet: General W. Wróblewski, Präsident, J.
Krynski, Sekretär. Diese Adresse wurde in London während der
Anwesenheit des Zaren massenhaft verbreitet. Mit Ausnahme von
"Reynolds Newspaper" [391] verweigerte ihr die Londoner Presse
einstimmig die Aufnahme: man dürfe den "Gast Englands" nicht
beleidigen!
Die Adresse fängt damit an, die Engländer darauf hinzuweisen, daß
der Zar ihnen nicht eine Ehre, sondern eine Beleidigung antut,
wenn er sie in demselben Augenblick besucht, wo er in Zen-
tralasien alles vorbereitet, um die englische Herrschaft in In-
dien zu stürzen; und daß, wenn England, statt
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1*) (1894): je 100 und 40 Mark (statt: je 33 und 14 Tlr.)
#522# Friedrich Engels
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den Lockungen des Zaren zu lauschen, dieses angeblichen Vaters
der Völker, die er unterdrückt, gegen die Unabhängigkeitsbestre-
bungen der Polen weniger gleichgültig wäre, England sowohl wie
das übrige Westeuropa seine kolossalen Rüstungen ruhig einstellen
könnte. Und dies ist ganz richtig. Der Hintergrund des ganzen eu-
ropäischen Militarismus ist der russische Militarismus. Im Krieg
1859 auf seiten Frankreichs, 1866 und 1870 auf seiten Preußens
als Reserve stehend, hat die russische Armee es der jedesmaligen
ersten Militärmacht möglich gemacht, ihren Gegner vereinzelt nie-
derzuschlagen. Preußen als erste europäische Militärmacht ist di-
rekt ein Geschöpf Rußlands, wenn auch seitdem seinem Schutzpatron
unangenehm über den Kopf gewachsen. Die Adresse fährt fort:
"Kraft seiner geographischen Lage und seiner Bereitschaft, jeden
Augenblick für die Sache der Menschheit einzustehen, war Polen
stets und wird stets sein der erste Vorkämpfer des Rechts, der
Zivilisation und der gesellschaftlichen Entwicklung in ganz Nord-
osteuropa. Dies hat Polen unumstößlich bewiesen durch seine Jahr-
hunderte des Widerstands gegen die Einfälle der Ostbarbaren auf
der einen Seite und gegen die damals fast den ganzen Westen un-
terdrückende Inquisition auf der andern. Wie kam es, daß die Völ-
ker Westeuropas sich gerade in der entscheidendsten Epoche der
neueren Zeit ungestört der Entwicklung ihrer sozialen Lebens-
kräfte hingeben konnten? Weil und nur weil an den Ostmarken Euro-
pas der polnische Soldat auf Posten stand, stets wachsam, stets
schußfertig, stets bereit, seine Gesundheit, seine Habe, sein Le-
ben in die Schanze zu schlagen. Dem Schutze der polnischen Waffen
verdankt Europa die Möglichkeit, daß sein im sechzehnten Jahrhun-
dert neu erwachendes Leben in Kunst und Wissenschaft sich for-
tentwickeln, Handel, Industrie und Reichtum ihre jetzige stau-
nenswerte Höhe erreichen konnten. Was zum Beispiel wäre aus der
dem Westen durch zweihundertjährige Arbeit erworbenen Verlassen-
schaft an Zivilisation geworden, hätte nicht Polen, obgleich
selbst im Rücken durch mongolische Horden bedroht, dem Zentrum
Europas Hülfe gegen die Türken gebracht und durch den glänzenden
Sieg unter den Mauern Wiens die Macht der Osmanen gebrochen?"
Die Adresse entwickelt weiter, wie es auch heute noch wesentlich
der Widerstand Polens ist, der Rußland verhindert, seine Kräfte
gegen den Westen zu wenden, und der es sogar fertiggebracht hat,
die gefährlichsten Alliierten Rußlands, seine panslawistischen
Agenten, zu entwaffnen. Der berühmteste russische Historiker, Po-
godin, sagt in einer auf Befehl und Kosten der russischen Regie-
rung gedruckten Schrift, Polen, bisher der Pfahl im Fleisch Ruß-
lands, müsse dessen rechte Hand werden, indem man es als kleines,
schwaches Königreich unter einem russischen Prinzen wieder-
herstelle - damit fange man am besten die türkischen und öster-
reichischen Slawen:
#523# Flüchtlingsliteratur - I. Eine polnische Proklamation
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"Wir werden dies in einem Manifest ankündigen, England und Frank-
reich werden sich die Lippen beißen, und für Östreich ist es der
Todesstoß... Alle Polen, selbst die unversöhnlichsten, werden in
unsere Arme stürzen; die östreichischen und preußischen Polen
werden sich ihren Brüdern wieder anschließen. Alle slawischen
Stämme sind jetzt von östreich unterdrückt, Tschechen, Kroaten,
Ungarn (!), bis zu den türkischen Slawen herab, werden den Augen-
blick ersehnen, wo sie ebenso frei aufatmen können, wie dann die
Polen. Wir werden ein Geschlecht von hundert Millionen sein unter
einem Zepter, und dann, ihr Völker Europas, kommt und versucht
eure Stärke an uns!"
Leider fehlte an diesem schönen Plan nur die Hauptsache: die
Einwilligung Polens. Aber
"auf alle diese Verlockungen - die Welt weiß es - antwortete Po-
len: Ich will und muß leben, soll ich überhaupt leben, nicht als
Werkzeug der Welteroberungspläne eines fremden Zaren, sondern als
freies Volk unter den freien Völkern Europas."
Die Adresse führt dann weiter aus, wie Polen diesen seinen
unerschütterlichen Entschluß bestätigt hat. Im kritischen Augen-
blick seiner Existenz, bei Ausbruch der Französischen Revolution,
war Polen bereits durch die erste Teilung verstümmelt und unter
vier Staaten verteilt. Dennoch hatte es den Mut, durch die Ver-
fassung vom 3. Mai 1791 das Banner der Französischen Revolution
an der Weichsel aufzupflanzen - eine Tat, wodurch es sich weit
über alle seine Nachbarn stellte. Die alte polnische Wirtschaft
war damit vernichtet; einige Jahrzehnte ruhiger, von außen unge-
störter Entwicklung, und Polen wurde das fortgeschrittenste und
mächtigste Land östlich des Rheins. Aber den Teilungsmächten
konnte es nicht passen, daß Polen wieder aufkomme, und noch weni-
ger, daß es aufkomme durch Einbürgerung der Revolution im Nord-
osten Europas. Sein Schicksal war besiegelt: Die Russen setzten
in Polen durch, was Preußen, Östreicher und Reichstruppen verge-
bens in Frankreich versuchten.
"Kosciuszko kämpfte gleichzeitig für die Unabhängigkeit Polens
und für das Prinzip der Gleichheit. Und es ist weltbekannt, daß
von dem Augenblick des Untergangs seiner nationalen Selbständig-
keit an, und trotz dieses Untergangs, Polen, kraft seiner Vater-
landsliebe wie kraft seiner Solidarität mit allen für die Sache
der Menschheit streitenden Völkern, der vorderste Vorkämpfer des
- wo auch immer - verletzten Rechts war, auf jedem Schlachtfeld
mitstreitend, wo Tyrannei bekämpft wurde. Ungebrochen durch seine
eigenen Mißgeschicke, unbeirrt durch die Blindheit und den bösen
Willen der europäischen Regierungen, hat Polen die ihm durch es
selbst, durch die Geschichte und durch die Rücksicht auf die Zu-
kunft auferlegten Pflichten keinen Augenblick vernachlässigt."
Gleichzeitig aber hat es auch die Prinzipien entwickelt, nach
denen diese Zukunft, die neue polnische Republik, organisiert
werden soll; sie sind niedergelegt in den Manifesten von 1836,
1845 und 1863. [392]
#524# Friedrich Engels
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"Das erste dieser Manifeste proklamiert neben dem unerschütterli-
chen nationalen Recht Polens zugleich die Gleichberechtigung der
Bauern. Das von 1845, auf polnischem Boden, in der damals noch
freien Stadt Krakau verkündigt und durch Abgeordnete aller Teile
Polens bestätigt, spricht nicht nur diese Gleichberechtigung aus,
sondern auch den Satz, daß die Bauern Eigentümer des Bodens wer-
den sollen, den sie seit Jahrhunderten bebauen. - In dem moskowi-
tischen Raubanteile 1*) haben die Grundbesitzer, auf obige Mani-
feste als Grundlagen des polnischen nationalen Rechts gestützt,
lange vor der kaiserlichen sogenannten Emanzipations-Proklamation
beschlossen, diese auf ihrem Gewissen lastende innere Angelegen-
heit freiwillig und durch Übereinkunft mit den Bauern auszuglei-
chen (1859-1863). Die polnische Landfrage war im Prinzip gelöst
durch die Verfassung vom 3. Mai 1791; wenn dennoch der polnische
Bauer unterdrückt blieb, so war dies lediglich die Schuld des
Despotismus und Machiaoellismus des Zaren, der seine Herrschaft
auf die Verfeindung von Grundbesitzern und Bauern stützte. Und
dieser Beschluß wurde gefaßt lange vor der kaiserlichen Proklama-
tion vom 18. Februar 1861 ; und diese von ganz Europa be-
klatschte, angeblich die Gleichberechtigung der Bauern herstel-
lende Proklamation war nur der Deckmantel für einen der immer
wiederkehrenden Versuche des Zaren, sich fremdes Gut anzueignen.
Das polnische Landvolk ist unterdrückt nach wie vor, aber - der
Zar ist Eigentümer des Bodens geworden! Und zur Strafe für den
blutigen Protest, den Polen 1863 gegen die heimtückische Barbarei
seiner Bedrücker erhob, hat es eine Reihe brutaler Mißhandlungen
zu erdulden gehabt, vor der selbst die Tyrannei vergangener Jahr-
hunderte schaudern müßte."
"Und doch war weder das grausame Joch des Zaren, obwohl es jetzt
ein volles Jahrhundert auf ihm lastet, noch die Gleichgültigkeit
Europas imstande, Polen zu töten. Wir haben gelebt und wir werden
leben, kraft unseres eigenen Willens, unserer eigenen Stärke und
unserer eigenen sozialen und politischen Entwicklung, die uns
hoch über unsere Bedrücker stellt; denn deren Existenz hat zur
ersten und letzten Grundlage die brutale Gewalt, das Gefängnis
und den Galgen, und ihre wesentlichen Aktionshebel nach außen
sind unterirdische Machinationen, verräterische Überfälle und
schließlich gewaltsame Eroberung."
Verlassen wir jetzt die durch obige Auszüge hinreichend gekenn-
zeichnete Adresse, um daran einige Bemerkungen über die Wichtig-
keit der polnischen Frage für die deutschen Arbeiter zu knüpfen.
Sosehr Rußland sich auch seit Peter dem Großen entwickelt hatte,
sosehr sein Einfluß in Europa gewachsen war (wozu Friedrich II.
von Preußen, obwohl genau wissend, woran er war, keinen geringen
Teil beitrug), so blieb es doch wesentlich eine ebenso außereuro-
päische Macht wie z.B. die Türkei, bis zu dem Augenblick, wo es
sich Polens bemächtigte. 1772
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1*) In der "Address of the polish refugees..." heißt dieser Satz-
anfang: In dem Teil Polens, der von Rußland wie von einem Einbre-
cher annektiert worden ist
#525# Flüchtlingsliteratur - I. Eine polnische Proklamation
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war die erste Teilung Polens; 1779 schon verlangte 1*) Rußland im
Teschener Frieden das verbriefte Recht der Einmischung in die
deutschen Angelegenheiten. [393] Das hätte den deutschen Fürsten
eine Lehre sein sollen; trotzdem gingen Friedrich Wilhelm II.,
er, der einzige Hohenzoller, der je der russischen Politik ern-
sten Widerstand entgegengesetzt, und Franz II. auf die völlige
Vernichtung Polens ein. Nach den napoleonischen Kriegen nahm Ruß-
land noch dazu den Löwenanteil der früheren preußisch- und
östreichisch-polnischen Provinzen und trat nun unverhüllt als
Schiedsrichter Europas auf, eine Rolle, die es bis 1853 ununter-
brochen fortsetzte. Preußen war ordentlich stolz darauf, vor Ruß-
land kriechen zu dürfen; Östreich folgte widerwillig, aber im
entscheidenden Moment stets nachgebend aus Furcht vor der Revolu-
tion, gegen die der Zar doch immer der letzte Rückhalt blieb. So
wurde Rußland der Hort der europäischen Reaktion, ohne sich dabei
das Vergnügen zu versagen, in östreich und der Türkei fernere Er-
oberungen durch panslawistische Aufhetzereien vorzubereiten. Wäh-
rend der Revolutionsjahre war die Niederschlagung der Ungarn
durch Rußland eine ebenso entscheidende Tatsache für Ost- und
Mitteleuropa, wie es die Pariser Junischlacht für den Westen ge-
wesen war; und als Kaiser Nikolaus bald darauf in Warschau über
den König von Preußen und den Kaiser von östreich zu Gericht saß,
da war mit der Herrschaft Rußlands auch die Herrschaft der Reak-
tion über Europa besiegelt. Der Krimkrieg befreite den Westen und
östreich von der Insolenz des Zaren; Preußen und die deutschen
Kleinstaaten krochen um so williger vor ihm; aber schon 1859
züchtigte er die Östreicher für ihren Ungehorsam, indem er dafür
sorgte, daß seine deutschen Vasallen nicht Partei für sie nahmen,
und 1866 vollendete Preußen die Züchtigung Östreichs. Wir sahen
schon oben, daß die russische Armee den Vorwand und Rückhalt des
gesamten europäischen Militarismus bildet. Nur weil Nikolaus 1853
im Vertrauen auf seine - freilich großenteils nur auf dem Papier
existierende - Million Soldaten den Westen herausgefordert, er-
hielt Louis-Napoleon durch den Krimkrieg den Vorwand, die damals
ziemlich geschwächte französische Armee zur stärksten Europas zu
machen. Nur dadurch, daß 1870 die russische Armee Östreich ver-
hinderte, für Frankreich Partei zu ergreifen, konnte Preußen
Frankreich besiegen und die preußisch-deutsche Militärmonarchie
vollenden. Bei allen diesen Haupt-und Staatsaktionen sehen wir im
Hintergrund die russische Armee. Und wenn auch - sofern nicht die
innere Entwicklung Rußlands bald in revolutionären Fluß gerät -
der Sieg Deutschlands über Frankreich ebenso
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1*) (1894) eingefügt: und erhielt
#526# Friedrich Engels
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sicher einen Krieg zwischen Rußland und Deutschland erzeugen
wird, wie der Sieg Preußens über Östreich bei Sadowa [241] den
Deutsch-Französischen Krieg nach sich zog *) - so wird doch gegen
eine Bewegung im Innern den Preußen stets die russische Armee zu
Diensten stehen. Noch heute ist das offizielle Rußland der Hort
und Schirm der gesamten europäischen Reaktion, seine Armee die
Reserve aller übrigen Armeen, die die Niederhaltung der Arbeiter-
klasse in Europa besorgen.
Nun sind es aber grade die deutschen Arbeiter, die dem Anprall
dieser großen Reservearmee der Unterdrückung zuerst ausgesetzt
sind, und zwar sowohl im sog. Deutschen Reich wie in Östreich.
Solange hinter der östreichischen und deutschen Bourgeoisie und
Regierung die Russen stehen, ist der ganzen deutschen Arbeiterbe-
wegung die Spitze abgebrochen. Wir vor allen haben also das In-
teresse, uns die russische Reaktion und die russische Armee vom
Halse zu schaffen.
Und bei dieser Arbeit haben wir nur einen zuverlässigen, aber
auch unter allen Umständen zuverlässigen Bundesgenossen: das pol-
nische Volk.
Polen ist noch weit mehr als Frankreich durch seine geschichtli-
che Entwicklung und seine gegenwärtige Lage vor die Wahl ge-
stellt: entweder revolutionär zu sein oder unterzugehen. Und da-
mit fällt all das alberne Gerede von dem wesentlich aristokrati-
schen Charakter der polnischen Bewegung. Es gibt in der pol-
nischen Emigration Leute genug, die aristokratische Gelüste ha-
ben; sowie aber Polen selbst in die Bewegung eintritt, wird diese
durch und durch revolutionär, wie wir 1846 und 1863 gesehen ha-
ben. Diese Bewegungen waren nicht nur national, sie waren gleich-
zeitig direkt auf Befreiung der Bauern und Übertragung des Grund-
eigentums an diese gerichtet. 1871 trat die große Masse der pol-
nischen Emigration in Frankreich in die Dienste der Kommune; war
das die Tat von Aristokraten? Bewies das nicht, daß diese Polen
vollständig auf der Höbe der modernen Bewegung standen? Seit Bis-
marck den Kulturkampf in Posen 1*) eingeführt hat und unter dem
Vorwand, dem Papst dadurch einen Streich zu spielen, auf pol-
nische Schulbücher fahndet, die polnische Sprache unterdrückt
[395] und alles aufbietet, um die Polen in die Arme Rußlands zu
treiben, was geschieht? Die polnische Aristokratie schließt sich
mehr und mehr an Rußland an, um
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*) Dies ist bereits ausgesprochen im "Zweiten Manifest des Gene-
ralrats der Internationalen Arbeiterassoziation über den Deutsch-
Französischen Krieg" (datiert 9. Sept. 1870) [394].
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1*) (1894): Polen
#527# Flüchtlingsliteratur - I. Eine polnische Proklamation
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unter seiner Herrschaft wenigstens Polen wieder zusammenzubrin-
gen; die revolutionären Massen antworten, indem sie der deutschen
Arbeiterpartei ihre Allianz anbieten und in den Reihen der Inter-
nationale kämpfen.
Daß Polen nicht totzumachen ist, hat es 1863 bewiesen und beweist
es noch jeden Tag. Sein Anspruch auf selbständige Existenz in der
europäischen Völkerfamilie ist unabweisbar. Seine Wiederherstel-
lung aber ist eine Notwendigkeit namentlich für zwei Völker: für
die Deutschen und für die Russen selbst.
Ein Volk, das andere unterdrückt, kann sich nicht selbst emanzi-
pieren. Die Macht, deren es zur Unterdrückung der andern bedarf,
wendet sich schließlich immer gegen es selbst. Solange russische
Soldaten in Polen stehen, kann das russische Volk sich weder po-
litisch noch sozial befreien. Bei dem jetzigen Stand der russi-
schen Entwicklung aber ist es unzweifelhaft, daß an dem Tage, wo
Rußland Polen verliert, in Rußland selbst die Bewegung mächtig
genug wird, die bestehende Ordnung der Dinge zu stürzen. Unabhän-
gigkeit Polens und Revolution in Rußland bedingen sich gegensei-
tig. Und Unabhängigkeit Polens und Revolution in Rußland - die
bei der grenzenlosen gesellschaftlichen, politischen und finan-
ziellen Zerrüttung und der das ganze offizielle Rußland durch-
dringenden Korruption weit näher ist, als die Oberfläche anzeigt
- bedeuten für die deutschen Arbeiter: Beschränkung der Bour-
geoisie, der Regierungen, kurz der Reaktion in Deutschland auf
ihre eigenen Kräfte - Kräfte, mit denen wir dann mit der Zeit
schon fertig werden.
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II
Programm der blanquistischen Kommuneflüchtlinge [396]
["Der Volksstaat" Nr. 73 vom 26. Juni 1874]
Nach jeder gescheiterten Revolution oder Kontrerevólution entwi-
ckelt sich unter den ins Ausland entkommenen Flüchtlingen eine
fieberhafte Tätigkeit. Die verschiedenen Parteischattierungen
gruppieren sich, klagen sich gegenseitig an, den Karren in den
Dreck gefahren zu haben, beschuldigen einander des Verrats und
aller möglichen sonstigen Todsünden. Dabei bleibt man mit der
Heimat in reger Verbindung, organisiert, konspiriert, druckt
Flugblätter und Zeitungen, schwört darauf, daß es in vierundzwan-
zig Stunden wieder losgeht, daß der Sieg gewiß ist, und verteilt
im Hinblick hierauf schon die Regierungsämter. Natürlich folgt
Enttäuschung auf Enttäuschung, und da man diese nicht den unver-
meidlichen historischen Verhältnissen, die man nicht verstehen
will, sondern zufälligen Fehlern einzelner zuschreibt, so häufen
sich die gegenseitigen Anklagen, und das Ganze endigt in einem
allgemeinen Krakeel. Das ist die Geschichte aller Flüchtling-
schaften von den royalistischen Emigrierten von 1792 bis auf den
heutigen Tag; und wer unter den Flüchtlingen Verstand und Ein-
sicht hat, der zieht sich von dem unfruchtbaren Gezänk zurück,
sobald es mit Anstand geschehen kann, und treibt etwas Besseres.
Die französische Emigration nach der Kommune ist diesem
unvermeidlichen Schicksal ebenfalls nicht entgangen. Durch die
europäische Verleumdungskampagne, die alle gleichmäßig angriff,
und in London speziell durch den gemeinsamen Mittelpunkt, den sie
im Generalrat der Internationalen fand, eine Zeitlang genötigt,
ihre inneren Zwistigkeiten wenigstens vor der Welt zu unterdrüc-
ken, war sie in den letzten zwei Jahren nicht mehr imstande, den
immer rascher fortschreitenden Zersetzungsprozeß zu ver-
heimlichen. Der offene Streit brach allenthalben los. In der
Schweiz schloß
#529# Flüchtlingsliteratur - II. Programm bl. Kommuneflüchtlinge
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sich ein Teil an die Bakunisten an, wesentlich beeinflußt von Ma-
lon, der selbst einer der Stifter der geheimen Allianz [2] war.
Dann zogen sich in London die sogenannten Blanquisten von den In-
ternationalen zurück und bildeten eine Gruppe für sich unter dem
Titel: Die revolutionäre Kommune. Daneben erstanden später eine
Menge anderer Gruppen, die aber in fortwährender Umbildung und
Umschmelzung begriffen bleiben und auch in Manifesten nichts Er-
kleckliches geleistet haben, während die Blanquisten soeben in
einer Proklamation an die "Communeux" ihr Programm zur Kenntnis
aller Welt bringen [397].
Diese Blanquisten heißen so nicht etwa als eine von Blanqui ge-
stiftete Gruppe - nur ein paar der 33 Unterzeichner dieses Pro-
gramms haben wohl je mit Blanqui gesprochen -, sondern weil sie
in seinem Geiste und nach seiner Tradition tätig sein wollen.
Blanqui ist wesentlich politischer Revolutionär, Sozialist nur
dem Gefühl nach, mit den Leiden des Volks sympathisierend, aber
er hat weder eine sozialistische Theorie noch bestimmte prakti-
sche Vorschläge sozialer Abhülfe. In seiner politischen Tätigkeit
war er wesentlich "Mann der Tat", des Glaubens, daß eine kleine
wohlorganisierte Minderzahl, die im richtigen Moment einen revo-
lutionären Handstreich versucht, durch ein paar erste Erfolge die
Volksmasse mit sich fortreißen und so eine siegreiche Revolution
machen kann. Diesen Kern konnte er unter Louis-Philippe natürlich
nur als geheime Gesellschaft organisieren, und da passierte denn,
was gewöhnlich bei Verschwörungen passiert: Die Leute, überdrüs-
sig des ewigen Hinhaltens mit leeren Versprechungen, es werde nun
bald losgehen, verloren zuletzt ganz die Geduld, wurden rebel-
lisch, und so blieb nur die Wahl: entweder die Verschwörung zer-
fallen zu lassen oder ohne allen äußeren Anlaß loszuschlagen. Man
schlug los (12. Mai 1839) und wurde im Nu erdrückt. Übrigens war
diese Blanquische Verschwörung die einzige, in der die Polizei
nie Fuß fassen konnte; der Schlag kam ihr wie aus heiterm Himmel.
- Daraus, daß Blanqui jede Revolution als den Handstreich einer
kleinen revolutionären Minderzahl auffaßt, folgt von selbst die
Notwendigkeit der Diktatur nach dem Gelingen : der Diktatur,
wohlverstanden, nicht der ganzen revolutionären Klasse, des
Proletariats, sondern der kleinen Zahl derer, die den Handstreich
gemacht haben und die selbst schon im voraus wieder unter der
Diktatur eines oder einiger wenigen organisiert sind.
Man sieht, Blanqui ist ein Revolutionär der vorigen Generation.
Diese Vorstellungen vom Gang revolutionärer Ereignisse sind we-
nigstens für die deutsche Arbeiterpartei längst veraltet und wer-
den auch in Frankreich nur bei den weniger reifen oder bei den
ungeduldigeren Arbeitern noch Anklang
#530# Friedrich Engels
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finden können. Auch werden wir finden, daß sie im vorliegenden
Programm gewissen Beschränkungen unterworfen werden. Aber auch
bei unsern Londoner Blanquisten geht als Grundsatz durch: daß Re-
volutionen überhaupt nicht sich selbst machen, sondern gemacht
werden; daß sie gemacht werden von einer verhältnismäßig geringen
Minderzahl und nach einem vorher entworfenen Plan; und endlich,
daß es jederzeit "bald losgeht". Mit solchen Grundsätzen ist man
natürlich sämtlichen Selbsttäuschungen des Flüchtlingtums unrett-
bar preisgegeben und muß man sich aus einer Torheit in die andre
stürzen. Man will vor allem Blanqui, "Mann der Tat", spielen.
Aber mit dem guten Willen ist hier wenig ausgerichtet; den revo-
lutionären Instinkt, die rasche Entschlossenheit Blanquis hat nun
einmal nicht jeder, und Hamlet mag noch so viel von Energie re-
den, er bleibt immer Hamlet. Und wenn nun gar unsere dreiunddrei-
ßig Männer der Tat auf dem Gebiet dessen, was sie Tat nennen, ab-
solut nichts zu tun vorfinden, so kommen unsere dreiunddreißig
Brutusse in einen mehr komischen als tragischen Widerspruch mit
sich selbst» einen Widerspruch, dessen Tragik keineswegs erhöht
wird durch das finstere Ansehen, mit dem sie sich umgeben, als
wären sie lauter "Moros, den Dolch im Gewände", was ihnen beiläu-
fig gar nicht einfällt. Was können sie tun? Sie präparieren das
nächste "Losgehen", indem sie Proskriptionslisten für die Zukunft
aufstellen, damit die Reihe der Leute, die an der Kommune teilge-
nommen, gereinigt (épuré) werde, weshalb sie auch bei den andern
Flüchtlingen die Reinen (les purs) heißen. Ob sie sich selbst
diesen Titel beilegen, ist mir nicht bekannt, er würde auch ver-
schiedenen unter ihnen ziemlich schief sitzen. Ihre Sitzungen
sind geschlossen und ihre Beschlüsse sollen geheimgehalten wer-
den, was aber durchaus nicht verhindert, daß am nächsten Morgen
das ganze französische Viertel davon widerhallt. Und wie es sol-
chen ernsten Männern der Tat, wo nichts zu tun ist, immer geht:
Sie haben sich in einen erst persönlichen, dann literarischen
Streit eingelassen mit einem würdigen Gegner, einem der anrüchig-
sten Leute der kleinen Pariser Presse, einem gewissen Vermersch,
der unter der Kommune den "Père Duchêne", eine Jammerkarikatur
des Hébertschen Blatts [398] von 1793, herausgab. Dieser Edle
antwortet auf ihre sittliche Entrüstung, indem er sie in einem
Pamphlet sämtlich für "Spitzbuben oder Mitschuldige von Spitzbu-
ben" erklärt und mit einer seltnen Fülle von Abtrittsschimpfwör-
tern überschüttet:
Jedes Wort
Ist ein Nachttopf, und kein leerer. [399]
Und mit einem solchen Gegner finden es unsere dreiunddreißig Bru-
tusse für nötig, sich vor dem Publikum herumzubalgen!
#531# Flüchtlingsliteratur - II. Programm bl. Kommuneflüchtlinge
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Wenn etwas sicher ist, so ist es doch wohl dies, daß das Pariser
Proletariat nach dem erschöpfenden Krieg, nach der Aushungerung
von Paris und namentlich nach dem furchtbaren Aderlaß der Maitage
1871 eine geraume Zeit der Ruhe nötig hat, um wieder Kräfte anzu-
sammeln, und daß jeder verfrühte Versuch einer Erhebung nur eine
neue, vielleicht noch furchtbarere Niederlage zur Folge haben
kann. Unsere Blanquisten sind andrer Ansicht. Der Zerfall der
monarchischen Majorität in Versailles verkündet ihnen
"den Fall von Versailles, die Revanche der Kommune. Denn wir kom-
men zu einem jener großen geschichtlichen Augenblicke, zu einer
jener großen Krisen, wo das Volk, während es in seinem Elend un-
terzugehen und dem Tode zu verfallen scheint, mit neuer Kraft
seinen revolutionären Vormarsch wieder antritt."
Es geht also wieder los, und zwar alsbald. Diese Hoffnung auf so-
fortige "Revanche der Kommune" ist nicht bloße Flüchtlingsillu-
sion, sie ist notwendiger Glaubensartikel bei Leuten, die sich
mit Gewalt in den Kopf setzen, "Männer der Tat" zu spielen zu ei-
ner Zeit, wo es in ihrem Sinn, dem Sinn des revolutionären Los-
schlagens, absolut nichts zu tun gibt. Einerlei. Da es losgeht,
scheint ihnen "der Moment gekommen, daß alles in der Flüchtling-
schaft, was noch Leben in sich hat, sich erkläre". Und somit er-
klären uns die 33, daß sie sind 1. Atheisten, 2. Kommunisten, 3.
Revolutionäre.
Unsere Blanquisten haben mit den Bakunisten das gemein, daß sie
die am allerweitesten gehende, extremste Richtung vertreten wol-
len. Weswegen sie auch, beiläufig gesagt, obwohl in den Zielen
jenen entgegengesetzt, dennoch in den Mitteln oft mit ihnen zu-
sammengehen. Es handelt sich also darum, in Beziehung auf den
Atheismus radikaler zu sein als alle andern. Atheist zu sein, ist
heutzutage glücklicherweise keine Kunst mehr. Der Atheismus ist
so ziemlich selbstverständlich bei den europäischen Arbeiter-
parteien, obwohl er in gewissen Ländern oft genug beschaffen sein
mag wie der jenes spanischen Bakunisten, der sich dahin erklärte:
an Gott zu glauben, das sei gegen allen Sozialismus, aber an die
Jungfrau Maria, das sei ganz was andres, an die müsse ein ordent-
licher Sozialist natürlich glauben. Von den deutschen sozialdemo-
kratischen Arbeitern 1*) kann man sogar sagen, daß der Atheismus
bei ihnen sich schon überlebt hat; dies rein negative Wort hat
auf sie keine Anwendung mehr, indem sie nicht mehr in einem theo-
retischen, sondern nur noch in einem praktischen Gegensatz
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1*) (1894) heißt dieser Satzanfang: Von der großen Mehrzahl der
deutschen sozialdemokratischen Arbeiter
#532# Friedrich Engels
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zum Gottesglauben stehen: Sie sind mit Gott einfach fertig, sie
leben und denken in der wirklichen Welt und sind daher Materiali-
sten. Dies wird in Frankreich auch wohl der Fall sein. Aber wenn
nicht, so wäre doch nichts einfacher, als dafür zu sorgen, daß
die prachtvolle französische materialistische Literatur des vori-
gen Jahrhunderts massenhaft unter den Arbeitern verbreitet würde,
jene Literatur, in der der französische Geist nach Form und In-
halt bisher sein Höchstes geleistet hat und die - den damaligen
Stand der Wissenschaft berücksichtigt - dem Inhalt nach auch
heute noch unendlich hochsteht und der Form nach nie wieder er-
reicht worden ist. Aber das kann unsern Blanquisten nicht passen.
Um zu beweisen, daß sie die Allerradikalsten sind, wird Gott, wie
1793, durch Dekret abgeschafft:
"Die Kommune möge auf ewig die Menschheit befreien von diesem Ge-
spenst des vergangenen Elends" (Gott), "von dieser Ursache" (der
nichtexistierende Gott eine Ursache!) "ihres gegenwärtigen
Elends. - In der Kommune ist kein Platz für den Pfaffen; jede re-
ligiöse Kundgebung, jede religiöse Organisation muß verboten wer-
den."
Und diese Forderung, die Leute par ordre du mufti 1*) in Athei-
sten zu verwandeln, ist unterzeichnet von zwei Mitgliedern der
Kommune, die doch wahrlich Gelegenheit genug hatten, zu erfahren,
daß erstens man ungeheuer viel auf dem Papier befehlen kann, ohne
daß es darum ausgeführt zu werden braucht, und zweitens, daß Ver-
folgungen das beste Mittel sind, mißliebige Überzeugungen zu be-
fördern! Soviel ist sicher: Der einzige Dienst, den man Gott
heutzutage noch tun kann, ist der, den Atheismus zum zwangsmäßi-
gen Glaubensartikel zu erklären und die Bismarckschen Kirchenkul-
turkampfgesetze durch ein Verbot der Religion überhaupt zu über-
trumpfen.
Der zweite Punkt des Programms ist der Kommunismus. Hier finden
wir uns schon viel heimischer, denn das Schiff, auf dem wir hier
segeln, heißt: "Manifest der Kommunistischen Partei" 2*), veröf-
fentlicht im Februar 1848. Bereits im Herbst 1872 hatten die aus
der Internationalen austretenden fünf Blanquisten sich zu einem
sozialistischen Programm bekannt, das in allen wesentlichen Punk-
ten das des jetzigen deutschen Kommunismus war, und ihren Aus-
tritt nur damit begründet, daß die Internationale sich weigerte,
nach Art dieser Fünf Revolution zu spielen. [400] Jetzt adoptiert
der Rat der Dreiunddreißig dies Programm mit seiner ganzen mate-
rialistischen Geschichtsanschauung, wenn auch die Übertragung
desselben ins blanquistische Französisch gar manches zu wünschen
läßt, soweit nicht das
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1*) auf Befehl des Mufti (Anweisung von oben) - 2*) siebe Band 4
unserer Ausgabe
#533# Flüchtlingsliteratur - II. Programm bl. Kommuneflüchtlinge
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"Manifest" ziemlich wörtlich beibehalten wurde, wie dies z.B. in
folgendem Satz geschah:
"Als letzter Ausdruck aller Formen der Knechtschaft hat die Bour-
geoisie die Ausbeutung der Arbeit der mystischen Schleier be-
raubt, die sie früher verhüllten: Regierungen, Religionen, Fami-
lie, Gesetze, Institutionen der Vergangenheit wie der Gegenwart
stellten sich endlich dar, in dieser auf den einfachen Gegensatz
von Kapitalisten und Lohnarbeitern zurückgeführten Gesellschaft,
als die Werkzeuge der Unterdrückung, mit deren Hülfe die Bour-
geoisie ihre Herrschaft aufrecht - und das Proletariat darnieder-
hält."
Hiermit vergleiche man das "Kommunistische Manifest", Abschnitt
I: "Die Bourgeoisie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit
religiösen und politischen Illusionen verbrämten Ausbeutung die
offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt. Sie hat
alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätig-
keiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den
Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in
ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt. Sie hat dem Familienver-
hältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es
in ein reines Geldverhältnis verwandelt" 1*) usw.
Sowie wir aber von der Theorie in die Praxis hinabsteigen, zeigt
sich die Absonderlichkeit der Dreiunddreißig:
"Wir sind Kommunisten, weil wir bei unserm Ziel ankommen wollen,
ohne uns an Zwischenstationen aufzuhalten, an Kompromissen, die
nur den Sieg vertagen und die Sklaverei verlängern."
Die deutschen Kommunisten sind Kommunisten, weil sie durch alle
Zwischenstationen und Kompromisse, die nicht von ihnen, sondern
von der geschichtlichen Entwicklung geschaffen werden, das End-
ziel klar hindurchsehn 2*): die Abschaffung der Klassen, die Er-
richtung einer Gesellschaft, worin kein Privateigentum an der
Erde und an den Produktionsmitteln mehr existiert. Die Dreiund-
dreißig sind Kommunisten, weil sie sich einbilden, sobald sie nur
den guten Willen haben, die Zwischenstationen und Kompromisse zu
überspringen, sei die Sache abgemacht, und wenn es, wie ja fest-
steht, dieser Tage "losgeht" und sie nur ans Ruder kommen, so sei
übermorgen "der Kommunismus eingeführt". Wenn das nicht sofort
möglich, sind sie also auch keine Kommunisten. Kindliche
Naivetät, die Ungeduld als einen theoretisch überzeugenden Grund
anzuführen!
Endlich aber sind unsere Dreiunddreißig "Revolutionäre". In die-
sem
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1*) Vgl. Band 4 unserer Ausgabe, S. 465 - 2*) (1894) eingefügt:
und verfolgen
#534# Friedrich Engels
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Fach ist nun, was die dick aufgeschwollenen Worte angeht, be-
kanntlich von den Bakunisten schon das Menschenmögliche gelei-
stet; trotzdem aber haben unsere Blanquisten die Pflicht, sie
noch zu übertreffen. Und wie? Bekanntlich hat das ganze soziali-
stische Proletariat, von Lissabon und New York bis Pest und Bel-
grad die Verantwortlichkeit für die Handlungen der Pariser Kom-
mune sofort en bloc übernommen. Das genügt unseren Blanquisten
nicht:
"Was uns angeht, so beanspruchen wir unsern Teil von Verantwort-
lichkeit für jene Hinrichtungen, die' (unter der Kommune) "die
Feinde des Volks getroffen haben" (folgt die Aufzählung der Er-
schossenen), "wir beanspruchen unsern Teil der Verantwortlichkeit
an jenen Brandstiftungen, die die Werkzeuge der monarchischen
oder bürgerlichen Unterdrückung zerstörten oder die Kämpfenden
beschützten."
In jeder Revolution geschehen unvermeidlich eine Menge Dummhei-
ten, gerade wie zu jeder andern Zeit, und wenn man sich endlich
wieder Ruhe genug gesammelt hat, um kritikfähig zu sein, so kommt
man notwendig zum Schluß: Wir haben viel getan, was wir besser
unterlassen hätten, und wir haben viel unterlassen, was wir bes-
ser getan hätten, und deswegen ging die Sache schief. Welcher
Mangel an Kritik liegt aber darin, die Kommune geradezu heilig zu
sprechen, sie für unfehlbar zu erklären, zu behaupten, jedem
Haus, das abgebrannt, jedem Geisel, der erschossen, sei genau und
bis auf das Pünktchen überm i sein Recht widerfahren? Heißt das
nicht behaupten, während der Maiwoche sind vom Volk gerade die
Leute erschossen worden, und nicht mehr, die zu erschießen nötig
war, gerade die Gebäude verbrannt, und nicht mehr, die verbrannt
werden mußten? Heißt das nicht dasselbe wie von der ersten fran-
zösischen Revolution sagen : Jedem einzelnen Geköpften ist recht
geschehen, zuerst denen, die Robespierre köpfen ließ, und dann
dem Robespierre selbst? Zu solchen Kindereien führt es, wenn im
Grund ganz gutmütige Leute dem Drang, haarsträubend zu erschei-
nen, freien Lauf lassen.
Genug. Bei allen Flüchtlingstorheiten und bei allen ins Komische
umschlagenden Versuchen, den Knaben Karl (oder Eduard? 1*))
fürchterlich werden zu lassen, ist in diesem Programm ein wesent-
licher Fortschritt nicht zu verkennen. Es ist das erste Manifest,
worin französische Arbeiter sich zum jetzigen deutschen Kommunis-
mus bekennen. Und noch dazu Arbeiter von derjenigen Richtung, die
die Franzosen für das auserwählte Volk der Revolution, Paris für
das revolutionäre Jerusalem hält. Sie dahin gebracht zu
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1*) Anspielung auf Édouard Vaillant; (1894) fehlt: (oder Eduard?)
#535# Flüchtlingsliteratur - II. Programm bl. Kommuneflüchtlinge
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haben, ist das unbestrittene Verdienst Vaillants, der mitunter-
zeichnet hat und der bekanntlich die deutsche Sprache und die
deutsche sozialistische Literatur gründlich kennt. Die deutschen
sozialistischen Arbeiter aber, die 1870 bewiesen haben, daß sie
vollständig frei sind von jedem nationalen Chauvinismus, werden
es immerhin als ein gutes Zeichen ansehen dürfen, wenn französi-
sche Arbeiter richtige theoretische Grundsätze annehmen, obgleich
sie aus Deutschland kommen.
#536#
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III [401]
["Der Volksstaat" Nr. 117 vom 6. Oktober 1874]
In London erscheint eine Revue in russischer Sprache und in
zwanglosen Bänden unter dem Titel: "Vperëd!" (Vorwärts). [402]
Sie wird redigiert von einem persönlich höchst achtbaren russi-
schen Gelehrten 1*), den zu nennen uns die in der russischen
Flüchtlingsliteratur herrschende strenge Etikette verbietet.
Selbst diejenigen Russen nämlich, die sich für förmliche revolu-
tionäre Menschenfresser ausgeben, die es für einen Verrat an der
Revolution erklären, irgend etwas zu respektieren, sie respektie-
ren in ihrer Polemik den Schein der Anonymität mit einer Gewis-
senhaftigkeit, die nur in der englischen Bourgeoisiepresse ihres-
gleichen findet, sie respektieren ihn selbst da, wo er, wie hier,
komisch wird, weil die ganze russische Emigration und die russi-
sche Regierung genau wissen, wie der Mann heißt. Es kann uns
nicht einfallen, ein so gut gehaltenes Geheimnis ohne allen Grund
auszuplaudern; da aber das Kind doch einen Namen haben muß, so
wird der Redakteur des "Vorwärts" es uns hoffentlich verzeihen,
wenn wir ihn in diesem Artikel, der Kürze halber, mit dem belieb-
ten russischen Namen Peter bezeichnen.
Freund Peter ist seiner Philosophie nach ein Eklektiker, der sich
aus allen verschiedenen Systemen und Theorien das Beste aussucht:
Prüfet alles und das Beste behaltet! Er weiß, daß alles seine
gute und seine schlechte Seite hat und daß es darauf ankommt, die
gute Seite von allem sich anzueignen, ohne sich die schlechte
ebenfalls aufzuladen. Da nun jede Sache, jede Person, jede Theo-
rie diese beiden Seiten hat, eine gute und eine schlechte, so ist
jede Sache, jede Person, jede Theorie in dieser Beziehung die
eine ungefähr so gut und so schlecht wie die andere, und es wäre
also,
-----
1*) P. L. Lawrow
#537# Flüchtlingsliteratur - III
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von diesem Standpunkt aus, Torheit, sich für oder gegen die eine
oder die andere zu ereifern. Von diesem Gesichtspunkt aus müssen
die Kämpfe und Streitigkeiten der Revolutionäre und Sozialisten
unter sich als reine Abgeschmacktheiten erscheinen, die zu weiter
nichts dienen als zur Freude ihrer Gegner. Und nichts begreifli-
cher, als daß ein Mann, der diese Ansicht hat, den Versuch macht,
alle diese sich gegenseitig Bekämpfenden unter einen Hut zu brin-
gen, und ernstlich in sie dringt, der Reaktion nicht länger dies
skandalöse Schauspiel zu geben, sondern ausschließlich den
gemeinsamen Gegner anzugreifen. Um so natürlicher, wenn man eben
erst aus Rußland kommt, wo die Arbeiterbewegung bekanntlich so
riesig entwickelt ist.
Das "Vorwärts" ist denn auch voll von Ermahnungen zur Eintracht
aller Sozialisten oder wenigstens zur Vermeidung aller öffentli-
chen Zwietracht. Als die Versuche der Bakunisten, die Internatio-
nale unter falschen Vorspiegelungen, durch Betrug und Lüge ihrer
Herrschaft zu unterwerfen, die bekannte Spaltung in der Assozia-
tion hervorriefen, da war es wieder das "Vorwärts", das zur Ei-
nigkeit mahnte. Diese Einigkeit war natürlich nur dadurch zu er-
halten, daß man den Bakunisten sofort zu Willen war und ihrer ge-
heimen Verschwörung die Internationale, an Händen und Füßen ge-
bunden, überlieferte. Man war nicht gewissenlos genug, dies zu
tun, man nahm den Handschuh auf; der Haager Kongreß entschied,
warf die Bakunisten heraus und beschloß die Veröffentlichung der
diese Ausstoßung rechtfertigenden Aktenstücke.
Groß war das Wehklagen auf der Redaktion des "Vorwärts" darüber,
daß der lieben "Einigkeit" nicht die ganze Arbeiterbewegung zum
Opfer gebracht war. Aber noch größer war das Entsetzen, als die
kompromittierlichen bakunistischen Aktenstücke wirklich im Kom-
missionsbericht (siehe: "Ein Komplott gegen die Internationale"
1*), deutsche Ausgabe, Braunschweig, Bracke) erschienen. Hören
wir das "Vorwärts" selbst:
"Diese Druckschrift... trägt an sich den Charakter galliger Pole-
mik gegen Personen, die in den vordersten Reihen der Föderalisten
stehn... ihr Inhalt ist angefüllt worden mit Privattatsachen,
welche nicht anders als durch Hörensagen gesammelt werden und de-
ren Glaubwürdigkeit folglich für die Verfasser nicht unbestreit-
bar sein konnte."
Und um den Leuten, die den Beschluß des Haager Kongresses aus-
führten, zu beweisen, welch kolossales Verbrechen sie begangen,
weist das "Vorwärts" hin auf ein Feuilleton der "Neuen Freien
Presse" [403] von einem gewissen Karl Thaler, das,
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1*) Siehe vorl. Band, S. 327-471
#538# Friedrich Engels
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"aus dem Bourgeoislager hervorgegangen, besondere Aufmerksamkeit
verdient, weil es am klarsten beweist, welche Bedeutung für die
gemeinsamen Feinde des Arbeiterstandes, für die Bourgeoisie und
die Regierungen haben können die sich gegenseitig anklagenden
Pamphlete der Kämpfer um die Herrschaft in den Reihen der Arbei-
ter".
Bemerken wir zuvörderst, daß hier die Bakunisten einfach als
"Föderalisten" im Gegensatz zu den angeblichen Zentralisten ange-
führt werden, als ob der Verfasser an diesen nicht existierenden,
von den Bakunisten erfundenen Gegensatz glaube. Daß dies aber in
Wirklichkeit nicht der Fall, wird sich zeigen. Bemerken wir zwei-
tens, daß er aus einem auf Bestellung geschriebenen Feuilleton
eines so verkauften Bourgeoisblatts, wie die Wiener "Neue Freie
Presse", den Schluß zieht, die wirklichen Revolutionäre dürften
die bloß vorgeblichen Revolutionäre nicht ans Tageslicht ziehen,
weil diese gegenseitigen Anklagen den Bourgeois und den Regierun-
gen Spaß machen. Ich glaube, die "Neue Fr. Presse" und all dies
Preßgelichter könnte zehntausend Feuilletons schreiben, ohne daß
dies auf die Haltung der deutschen Arbeiterpartei den allerge-
ringsten Einfluß hätte. Jeder Kampf schließt Augenblicke ein, wo
man dem Gegner eine gewisse Genugtuung nicht verwehren kann, will
man sich anders nicht selbst positiven Schaden antun. Bei uns ist
man glücklicherweise so weit, daß man dem Gegner dies Privat-
vergnügen gönnt, wenn man damit wirkliche Erfolge erkauft.
Die Hauptanklage ist aber die, daß der Bericht voll von Privat-
tatsachen sei, deren Glaubwürdigkeit für die Verfasser nicht un-
bestreitbar sein durfte, weil sie nur durch Hörensagen gesammelt
werden konnten. Woher Freund Peter weiß, daß eine Gesellschaft,
wie die Internationale, die ihre regelmäßigen Organe in der gan-
zen zivilisierten Welt besitzt, dergleichen Tatsachen nur durch
Hörensagen sammeln kann, wird nicht gesagt. Seine Behauptung ist
jedenfalls höchst leichtfertig. Die fraglichen Tatsachen sind be-
glaubigt durch authentische Beweisstücke, und die Betreffenden
haben sich wohl gehütet, sie zu bestreiten.
Aber Freund Peter ist der Ansicht, daß Privattatsachen wie Pri-
valbriefe heilig seien und nicht in politischen Debatten veröf-
fentlicht werden dürfen. Wenn man dies so unbedingt gelten lassen
will, so verbietet man damit jede Geschichtsschreibung. Das Ver-
hältnis Ludwigs XV. zur Du Barry oder Pompadour war eine Privat-
sache, aber ohne sie ist die ganze Vorgeschichte der Französi-
schen Revolution unverständlich. Oder, um näher an die Gegenwart
zu treten: Wenn irgendeine unschuldige Isabella an einen Mann
verheiratet wird, der nach der Behauptung von Sachkennern
(Assessor Ulrichs z. B.) die Weiber nicht ausstehn kann und sich
deshalb ausschließlich in Männer verliebt - wenn sie in ihrer
Vernachlässigung die Männer
#539# Flüchtlingsliteratur - III
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nimmt, wo sie sie findet, so ist das reine Privatsache. Wenn aber
besagte unschuldige Isabella Königin von Spanien ist und einer
der jungen Männer, die sie sich hält, ein junger Offizier namens
Serrano; wenn dieser Serrano, zum Lohn für seine unter vier Augen
verrichteten Heldentaten, zum Feldmarschall und Minitserpräsiden-
ten avanciert, dann durch einen andern verdrängt und gestürzt
wird, darauf sein untreues Schätzchen mit Hülfe anderer Schick-
salsgenossen aus dem Lande jagt, nach allerhand Abenteuern end-
lich selbst Diktator von Spanien und ein so großer Mann wird, daß
Bismarck alles aufbietet, damit die Großmächte ihn doch anerken-
nen - so wird die Privatgeschichte zwischen Isabella und Serrano
ein Stück spanischer Geschichte, und wer über moderne spanische
Geschichte schreiben und dies Stückchen seinen Lesern wissentlich
verschweigen wollte, der würde eben Geschichte fälschen. Und wenn
man die Geschichte einer Bande beschreibt, wie die Allianz, in
der sich neben den Betrogenen eine solche Menge Betrüger, Aben-
teurer, Spitzbuben, Polizeispione, Schwindler und Feiglinge fin-
den, soll man diese Geschichte fälschen, indem man die einzelnen
Schuftereien dieser Herren als "Privattatsachen" wissentlich ver-
heimlicht? Freund Peter mag sich darob entsetzen, aber er kann
sich darauf verlassen, daß wir mit diesen "Privattatsachen" noch
lange nicht fertig sind. Das Material häuft sich immer mehr.
Wenn aber das "Vorwärts" den Bericht als ein wesentlich aus
Privattatsachen zusammengesetztes Machwerk schildert, so begeht
es eine Handlung, die schwer zu bezeichnen ist. Der Mann, der so
etwas schreiben konnte, hatte entweder die fragliche Schrift gar
nicht gelesen; oder er war zu beschränkt oder zu voreingenommen,
sie zu verstehn; oder aber er schrieb etwas, von dem er wissen
mußte, daß es nicht richtig war. Niemand kann das "Komplott gegen
die Internationale" lesen, ohne sich zu überzeugen, daß die darin
eingestreuten Privattatsachen das Allerunwesentlichste sind, Il-
lustrationen zur näheren Bezeichnung der darin vorkommenden Cha-
raktere, und daß sie alle gestrichen werden können, ohne daß der
Hauptzweck der Schrift darunter leidet. Die Organisation einer
geheimen Gesellschaft, mit dem einzigen Zweck, die europäische
Arbeiterbewegung der verborgenen Diktatur einiger Abenteurer zu
unterwerfen, die zu diesem Zweck, besonders durch Netschajew in
Rußland, begangenen Infamien - darum dreht sich das Buch, und zu
behaupten, es drehe sich bloß um Privatsachen, ist, gelinde ge-
sagt, unverantwortlich.
Allerdings mag es manchem Russen fatal gewesen sein, so plötzlich
die schmutzige Seite - und sie ist allerdings sehr schmutzig -
der russischen Bewegung dem Westen Europas schonungslos aufge-
deckt zu sehn. Aber
#540# Friedrich Engels
-----
wer ist schuld daran? Wer anders, als diejenigen Russen selbst,
die diese Schmutzseite vertreten, die, nicht damit zufrieden,
ihre eigenen Landsleute zu betrügen, den Versuch wagten, die
ganze europäische Arbeiterbewegung ihren persönlichen Zwecken
dienstbar zu machen? Hätten Bakunin und Konsorten ihre Heldenta-
ten auf Rußland beschränkt, schwerlich hätte jemand in Westeuropa
es der Mühe wert gefunden, sie speziell aufs Korn zu nehmen. Die
Russen selbst hätten das besorgt. Aber sobald jene Herren, die
von den Bedingungen und dem Entwicklungsgang der westeuropäischen
Arbeiterbewegung nicht die Anfangsgründe verstehen, bei uns Dik-
tator spielen wollen, da hört der Spaß auf: man brennt ihnen ein-
fach auf den Pelz.
Übrigens kann die russische Bewegung dergleichen Enthüllungen ru-
hig vertragen. Ein Land, das zwei Schriftsteller von der Größe
Dobroljubows und Tschernyschewskis, zwei sozialistische Lessings,
hervorgebracht hat, geht darum nicht zugrunde, weil es auf einmal
einen Humbug wie Bakunin erzeugt und einige unreife Studentchen,
die sich mit großen Worten froschartig aufblähen und schließlich
sich untereinander auffressen. Und auch unter den jüngeren Russen
kennen wir Leute von ausgezeichneter theoretischer wie prakti-
scher Begabung und hoher Energie, Leute, die vor den Franzosen
und Engländern, vermöge ihrer Sprachkenntnisse, die intime Be-
kanntschaft mit der Bewegung der verschiedenen Länder, vor den
Deutschen die weltmännische Gewandtheit voraushaben. Diejenigen
Russen, welche die Arbeiterbewegung verstehen und mitmachen, kön-
nen es nur als einen ihnen geleisteten Dienst ansehn, daß man sie
von der Mitverantwortlichkeit für die bakunistischen Schurkereien
befreit hat. Was alles jedoch das "Vorwärts" nicht hindert, sei-
nen Bericht mit den Worten zu schließen:
"Wir wissen nicht, was die Verfasser dieser Broschüre von den da-
durch erzielten Resultaten halten. Die Mehrzahl unserer Leser
würde wahrscheinlich das drückende Gefühl teilen, womit wir sie
gelesen und womit wir in Erfüllung unserer Pflicht als Chronisten
diese traurigen Erscheinungen in unsern Blättern verzeichnen."
Mit diesem drückenden Gefühl Freund Peters schließt der erste Ab-
schnitt unserer Erzählung. Der zweite beginnt mit folgendem Satz
aus demselben Band des "Vorwärts":
"Wir erfreuen unsre Leser noch mit einer andern Nachricht ähnli-
cher Art. Mit uns, in unsern Reihen befindet sich auch der be-
kannte Schriftsteller Peter Nikititsch Tkatschow; nach vierjähri-
ger Haft ist es ihm gelungen, aus dem Orte, wo er interniert und
zur Untätigkeit verdammt war, zu entkommen und unsere Reihen zu
verstärken."
Wer der bekannte Schriftsteller Tkatschow ist, das lernen wir aus
einer russischen Broschüre: "Die Aufgaben der revolutionären Pro-
paganda in
#541# Flüchtlingsliteratur - III
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Rußland" [404], die er selbst im April 1874 veröffentlicht hat
und die ihn als einen grünen Gymnasiasten von seltner Unreife,
sozusagen als das Karlchen Mißnick der russischen revolutionären
Jugend kennzeichnet. Er erzählt uns, von vielen Seiten sei er
aufgefordert worden, sich am "Vorwärts" zu beteiligen; er habe
gewußt, daß der Redakteur ein Reaktionär sei; trotzdem habe er es
für seine Pflicht gehalten, das "Vorwärts" unter seine Fittiche
zu nehmen, das, wohlgemerkt, ihn gar nicht verlangte. Kaum ange-
kommen, findet er zu seinem Erstaunen, daß der Redakteur, Freund
Peter, sich die endgültige Entscheidung über Aufnahme oder Ver-
werfung der Artikel anmaßt. Ein so undemokratisches Verfahren
entrüstet ihn natürlich; er setzt ein ausführliches Schriftstück
auf, worin er für sich und alle andern Mitarbeiter (die dies,
wohlgemerkt, gar nicht verlangten) "im Namen der Gerechtigkeit,
auf Grund rein theoretischer Erwägungen... Gleichheit der Rechte
und Verpflichtungen" (mit dem Hauptredakteur) "beansprucht in Be-
ziehung auf alles, was die literarische und ökonomische Seite des
Unternehmens betrifft".
["Der Volksstaat" Nr. 118 vom 8. Oktober 1874]
Hier zeigt sich gleich die Unreife, die in der russischen
Flüchtlingsbewegung zwar nicht vorherrscht, aber doch mehr oder
weniger geduldet wird. Ein russischer Gelehrter, der in seinem
Lande einen bedeutenden Ruf hat, wird flüchtig und verschafft
sich die Mittel, um im Auslande eine politische Zeitschrift zu
gründen. Kaum ist er so weit, so kommt, unaufgefordert, ein be-
liebiger, mehr oder weniger begeisterter Jüngling und bietet
seine Mitarbeiterschaft an, unter der mehr als kindlichen Bedin-
gung, in allen literarischen und Geldfragen gleich entscheidende
Stimme mit dem Stifter der Zeitschrift zu haben. In Deutschland
hätte man ihn bloß ausgelacht. Aber die Russen sind nicht so
grob. Freund Peter gibt sich alle Mühe, ihn ebenfalls "im Namen
der Gerechtigkeit und auf Grund rein theoretischer Erwägungen"
von seinem Unrecht zu überzeugen, natürlich vergebens. Der belei-
digte Tkatschow zieht sich wie Achilles in sein Zelt zurück und
feuert daraus seine Broschüre ab gegen Freund Peter, den er als
"Philisterphilosophen" bezeichnet.
Mit einem erdrückenden Haufen ewig wiederholter bakunistischer
Phrasen über das Wesen der wahren Revolution klagt er Freund Pe-
ter des Verbrechens an, das Volk für die Revolution vorbereiten,
es zum "klaren Verständnis und Bewußtsein seiner Bedürfnisse"
bringen zu wollen. Wer das aber wolle, sei kein Revolutionär,
sondern ein Mann des friedlichen
#542# Friedrich Engels
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Fortschritts, d.h. ein Reaktionär, ein Freund der "unblutigen Re-
volutionen nach deutschem Geschmack". Der wahre Revolutionär
"weiß, daß das Volk immer bereit ist zur Revolution"; wer das
nicht glaubt, der glaubt nicht ans Volk, und der Glaube ans Volk
"macht unsere Stärke aus". Wem das nicht einleuchtet, für den zi-
tiert der Verfasser einen Ausspruch Netschajews, dieses
"typischen Vertreters unserer modernen Jugend". Freund Peter
sagt, wir sollen warten, bis das Volk zur Revolution bereit ist -
"aber wir können und wir wollen nicht warten", der wahre Revolu-
tionär unterscheidet sich dadurch vom Philisterphilosophen, daß
er sich "das Recht zuschreibt, jederzeit das Volk zur Revolution
aufzurufen". Und so weiter.
Bei uns, im europäischen Westen, würde man alle diese Kindereien
einfach mit der Antwort niederschlagen: Wenn euer Volk jederzeit
zur Revolution bereit ist, wenn ihr euch das Recht zuschreibt, es
jederzeit zur Revolution aufzurufen, und wenn ihr denn platter-
dings nicht warten könnt, warum ennuyiert ihr uns dann noch mit
eurem Geschwätz, warum, zum Donnerwetter, schlagt ihr denn nicht
los?
Aber so einfach macht sich die Sache bei unsern Russen nicht.
Freund Peter findet, daß die kindischen, langweiligen, wider-
spruchsvollen, ewig sich im Kreise drehenden Betrachtungen Herrn
Tkatschows auf die russische Jugend die verführerische Anzie-
hungskraft eines Venusbergs ausüben könnten, und erläßt als der
getreue Eckart dieser Jugend eine warnende Mahnschrift von sech-
zig enggedruckten Seiten dagegen [405]. Hier legt er seine eige-
nen Ansichten vom Wesen der Revolution dar, untersucht alles Ern-
stes, ob das Volk für die Revolution bereit ist oder nicht, ob
und unter welchen Bedingungen die Revolutionäre das Recht haben,
es zur Revolution aufzurufen oder nicht, und dergleichen Spitz-
findigkeiten mehr, die in dieser Allgemeinheit ungefähr ebenso-
viel Wert besitzen wie die Untersuchungen der Scholastiker über
die Jungfrau Maria. "Die Revolution" wird dabei selbst zu einer
Art Jungfrau Maria, die Theorie ein Glaube, die Tätigkeit in der
Bewegung ein Kultus, und die ganze Verhandlung geht nicht auf
platter Erde vor sich, sondern in einem Wolkenhimmel allgemeiner
Redensarten.
Dabei gerät aber Freund Peter in einen tragischen Widerspruch mit
sich selbst. Er, der Prediger der Einigkeit, der Gegner aller Po-
lemik, aller "sich gegenseitig anklagenden Pamphlete" innerhalb
der revolutionären Partei, kann natürlich seine Eckartspflicht
nicht erfüllen, ohne ebenfalls in Polemik einzutreten, kann nicht
auf die Anklagen seines Gegners antworten, ohne diesen ebenfalls
anzuklagen. Mit welchem "drückenden Gefühl" diese "traurige Er-
scheinung" sich vollzieht, wird uns Freund Peter selbst sagen.
#543# Flüchtlingsliteratur - III
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Seine Schrift beginnt wie folgt:
"Aus zweien Übeln muß man das kleinere wählen.
Ich weiß sehr wohl, daß jene ganze Flüchtlingsliteratur von ge-
genseitig anklagenden Broschüren, von Polemik darüber, wer wirk-
licher Freund des Volkes ist und wer nicht, wer aufrichtig und
wer nicht, und wer namentlich ein wirklicher Vertreter der russi-
schen Jugend, der wahren revolutionären Partei ist - daß jene
ganze Literatur über den persönlichen Kehricht der russischen
Emigration sowohl den Lesern widerwärtig wie für den revolutio-
nären Kampf bedeutungslos ist und nur für unsere Feinde er-
freulich sein kann - ich weiß das und dennoch finde ich, daß es
für mich notwendig ist, diese Zeilen zu schreiben, notwendig, mit
eigener Hand die Menge dieser jammervollen Schriften um ein Stück
zu vermehren, den Lesern zur Langweile, den Feinden zur Ergötzung
- notwendig, weil man aus zweien Übeln das kleinere wählen muß."
Vortrefflich. Aber wie kommt es, daß Freund Peter, der im
"Vorwärts" soviel wahrhaft christliche Duldsamkeit entwickelt und
von uns verlangt für die von uns enthüllten Schwindler - Schwind-
ler, die er, wie sich zeigen wird, ebenso genau kennt wie wir -,
daß er für die Verfasser des Berichts nicht einmal das bißchen
Duldsamkeit übrig hatte, um sich zu fragen, ob nicht auch sie -
aus zweien Übeln das kleinere wählen mußten? Daß ihm das Feuer
erst auf seinen eigenhändigen Nägeln brennen muß, ehe er zur Ein-
sicht kommt, es könne auch noch größere Übel geben als ein biß-
chen scharfe Polemik gegen Leute, die unter dem Deckmantel angeb-
lich revolutionärer Tätigkeit die ganze europäische Arbeiterbewe-
gung zu verfälschen und zu vernichten strebten?
Seien wir indessen nachsichtig mit Freund Peter, das Schicksal
hat ihn hart genug mitgenommen. Kaum hat er mit vollem Schuldbe-
wußtsein das tun müssen, was er uns vorwirft, so treibt ihn die
Nemesis weiter und zwingt ihn, Herrn Karl Thaler neues Material
für etwaige Feuilletons in der "Neuen Fr. Presse" zu liefern.
"Oder", fragt er den stets bereiten Losschläger Tkatschow, "hat
eure Agitation ihre Arbeit schon vollbracht? Ist eure Organisa-
tion vielleicht fertig? Fertig? Wirklich fertig? Und haben wir da
nicht jenes famose geheime comité 'typischer' Revolutionäre, das
comité, das aus zwei Mann besteht und Dekrete herumschickt? Man
hat unserer Jugend so viel vorgelogen, sie so oft geprellt, ihr
Vertrauen so schmählich gemißbraucht, daß sie nicht mit einem
Male an die Fertigkeit der revolutionären Organisation glauben
wird."
Daß die "zwei Mann" Bakunin und Netschajew heißen, braucht natür-
lich für den russischen Leser nicht hinzugefügt zu werden. Fer-
ner:
"Aber es gibt Leute, die da vorgeben, sie seien Freunde des Vol-
kes, Anhänger der sozialen Revolution, und die gleichzeitig in
ihre Tätigkeit hineinbringen jene Lügenhaftigkeit
#544# Friedrich Engels
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und Unaufrichtigkeit, die ich oben als ein Aufrülpsen der alten
Gesellschaft bezeichnet habe... Diese Leute benutzten die Erbit-
terung der Anhänger der neuen Gesellschaftsordnung gegen die Un-
gerechtigkeit der alten Gesellschaft und stellten das Prinzip
auf: im Kampf ist jedes Mittel brauchbar. Zu diesen brauchbaren
Mitteln rechneten sie den Betrug gegen ihre Mitarbeiter, den Be-
trug gegen das Volk, dem sie doch zu dienen vorgaben. Sie waren
bereit, alle und jeden zu belügen, um nur eine hinreichend starke
Partei zu organisieren, als ob eine starke Sozialrevolutionäre
Partei hergestellt werden könnte ohne aufrichtige Solidarität ih-
rer Mitglieder! Sie waren bei der Hand, im Volke anzufachen die
alten Leidenschaften des Räubertums und des Genusses ohne Ar-
beit... Sie waren bei der Hand, ihre Freunde und Genossen auszu-
beuten, um sie zu Werkzeugen ihrer Pläne zu machen; sie waren bei
der Hand, in Worten die vollständigste Unabhängigkeit und Autono-
mie der Personen und Sektionen zu verteidigen, während sie
gleichzeitig die entschiedenste geheime Diktatur organisierten
und ihre Anhänger zum schafsmäßigsten, gedankenlosesten Gehorsam
abrichteten, als ob die soziale Revolution gemacht werden könne
von einer Vereinigung von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von einer
Gruppe von Leuten, deren Handlungen bei jedem Schritte allem ins
Gesicht schlagen, was ihre Worte predigen!"
Es ist unglaublich, aber es ist wahr: Diese Zeilen, die einem
Auszug aus dem "Komplott gegen die Internationale" so ähnlich se-
hen wie ein Ei dem andern, sind geschrieben von demselben Manne,
der wenige Monate vorher jene Schrift, wegen ihrer mit obigen
Zeilen genau stimmenden Angriffe gegen dieselben Leute, als ein
Verbrechen an der gemeinsamen Sache dargestellt hatte. Nun, wir
können zufrieden sein.
Und wenn wir jetzt zurückblicken auf Herrn Tkatschow mit seinen
großen Ansprüchen und absolut nichtigen Leistungen und auf das
kleine Malheur, das unserm Freund Peter bei dieser Gelegenheit
passiert ist, so wäre an uns die Reihe, zu sagen:
"Wir wissen nicht, was die Verfasser von den erzielten Resultaten
halten. Die Mehrzahl unserer Leser wird wahrscheinlich das
'anheuernde' Gefühl teilen, womit wir sie gelesen und womit wir
in Erfüllung unserer Pflicht als Chronisten diese
'eigentümlichen' Erscheinungen in unsern Blättern verzeichnen."
Doch Spaß beiseite. Eine Menge befremdlicher Erscheinungen in der
bisherigen russischen Bewegung erklärt sich daraus, daß lange
Zeit jede russische Schrift dem Westen ein Buch mit sieben Sie-
geln war und daß es daher den Bakunin und Konsorten leicht wurde,
ihr unter den Russen längst bekanntes Treiben dem Westen zu ver-
bergen. Mit Eifer verbreiteten sie die Behauptung, selbst die
Schmutzseiten der russischen Bewegung müßten -¿¿ im Interesse der
Bewegung selbst - dem Westen verheimlicht werden; wer Russisches,
soweit es unangenehmer Natur war, dem übrigen Europa mitteile,
#545# Flüchtlingsliteratur - III
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der sei ein Verräter. Das hat jetzt aufgehört. Die Kenntnis der
russischen Sprache - einer Sprache, die sowohl um ihrer selbst
willen, als einer der kraftvollsten und reichsten lebenden Spra-
chen, wie wegen der durch sie aufgeschlossenen Literatur das Stu-
dium reichlich lohnt - ist wenigstens unter den deutschen Sozial-
demokraten keine so große Seltenheit mehr. Die Russen werden sich
in das unvermeidliche internationale Schicksal fügen müssen, daß
ihre Bewegung fortan unter den Augen und der Kontrolle des übri-
gen Europas vor sich geht. Niemand hat die frühere Abgeschlossen-
heit so schwer zu büßen gehabt wie sie selbst. Ohne diese Abge-
schlossenheit hätten sie nie jahrelang so schmählich beschwindelt
werden können, wie dies von Bakunin und Konsorten geschah. Wer
von der Kritik des Westens, von der internationalen Wechselwir-
kung der verschiedenen westeuropäischen Bewegungen auf die russi-
sche und umgekehrt, von der endlich sich vollziehenden Verschmel-
zung der russischen Bewegung mit der gesamteuropäischen, am mei-
sten Nutzen ziehen wird, das sind die Russen selbst.
#546#
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IV [406]
["Der Volksstaat" Nr. 36 vom 28. März 1875]
Den Lesern des "Volksstaat" ist ein Unglück passiert. Einige un-
ter ihnen erinnern sich vielleicht noch, daß ich in meinem letz-
ten Artikel über "Flüchtlingsliteratur" (Nr. 117 und 118) 1*) von
einigen Stellen aus der russischen Zeitschrift "Vorwärts" sowie
von einer Broschüre ihres Redakteurs [405] handelte. Dabei kam
ganz nebenbei ein Herr Peter Tkatschow zur Erwähnung, der gegen
besagten Redakteur ein Schriftlein [404] erlassen hatte, und mit
dem ich mich nur ebensoweit beschäftigte als unumgänglich nötig.
Ich bezeichnete ihn nach Form und Inhalt seines unsterblichen
Werks "als einen grünen Gymnasiasten von seltner Unreife, sozusa-
gen als das Karlchen Mißnick der russischen revolutionären Ju-
gend" 2*), und bedauerte den Redakteur des "Vorwärts", daß er
sich mit einem solchen Gegner herumschlagen für nötig halte. Wie
bald sollte ich erfahren, daß der Knabe Karl anfängt, auch mir
fürchterlich zu werden und auch mich in Polemik mit ihm verwic-
kelt. Er erläßt eine Schrift: "Offener Brief an Herrn Friedrich
Engels" von Peter Tkatschow, Zürich, Typographie der "Tagwacht",
1874. Daß mir darin allerhand Sächelchen angehängt werden, von
denen Herr Tkatschow wissen muß, daß ich sie nie behauptet, würde
mir gleichgültig sein; daß er aber den deutschen Arbeitern eine
ganz falsche Darstellung der Lage der Dinge in Rußland gibt, um
dadurch die Tätigkeit der Bakunisten in Beziehung auf Rußland zu
rechtfertigen, das macht eine Erwiderung nötig.
Herr Tkatschow führt sich in seinem "Offenen Brief" durchweg als
Vertreter der russischen revolutionären Jugend auf. Ich hätte,
behauptet er, den "russischen Revolutionären... Ratschläge er-
teilt, ...sie ermahnt, mit
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1*) Siehe vorl. Band, S. 536-545 - 2*) ebenda, S. 541
#547# Flüchtlingsliteratur · IV
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mir (!) in ein Bündnis zu treten"; gleichzeitig hätte ich sie,
"die Vertreter der russischen revolutionären Partei im Auslande",
ihre Bestrebungen und ihre Literatur in den "ungünstigsten Farben
vor der deutschen Arbeiterwelt geschildert"; er sagt: "Sie geben
uns Russen gegenüber Ihrer tiefsten Verachtung Ausdruck, weil wir
so 'dumm' und .unreif seien" etc. "... 'grüne Gymnasiasten' (wie
Sie uns zu nennen geruhen)" - und schließlich folgt der unver-
meidliche Trumpf: "Indem Sie über uns spotteten, haben Sie unserm
gemeinschaftlichen Feinde, dem russischen Staat, einen guten
Dienst geleistet." Gegen ihn, Herrn Tkatschow selbst, habe ich
mich "in allen möglichen Schimpfereien geübt".
Nun weiß niemand besser als Peter Nikititsch Tkatschow, daß an
alledem kein wahres Wort ist. Erstens habe ich in dem betreffen-
den Artikel für die Aussprüche des Herrn Tkatschow niemanden ver-
antwortlich gemacht als Herrn Tkatschow. Es ist mir nie eingefal-
len, ihn als den Repräsentanten der russischen Revolutionäre an-
zusehen. Wenn er sich selbst dazu ernennt und den grünen Gymna-
siasten und andere Annehmlichkeiten von seinen auf ihre Schultern
schiebt, so muß ich entschieden dagegen protestieren. Unter der
russischen revolutionären Jugend gibt es natürlich, wie überall,
Leute sehr verschiedenen moralischen und intellektuellen Kali-
bers. Aber sicher steht sie im Durchschnitt, selbst nach voller
Anrechnung des Zeitunterschieds und der wesentlich verschiedenen
Umgebung, immer noch weit höher als unsre deutsche studierende
Jugend je gestanden, selbst in ihrer besten Zeit, im Anfang der
dreißiger Jahre. Niemand als er selbst gibt Herrn Tkatschow das
Recht, im Namen der Gesamtheit dieser jungen Leute zu sprechen.
Ja, obwohl er sich diesmal als richtiger Bakunist entpuppt, so
bezweifle ich doch bis auf weiteres, ob er das Recht hat, sich
als Vertreter jener paar russischen Bakunisten zu gebaren, die
ich bezeichnete als "einige unreife Studentchen, die sich mit
großen Worten froschartig aufblähen und schließlich sich unter-
einander auffressen" 1*). Aber selbst wenn das der Fall sein
sollte, so wäre das nur eine neue Auflage der alten Geschichte
von den drei Schneidern in Tooley Street in London, die eine Pro-
klamation erließen: "Wir, das Volk von England, erklären" etc. *)
Vor allem ist also festzustellen, daß die "russischen Revolutio-
näre" wie bisher
---
*) Was gilt die Wette, daß Herr Tkatschow sagen wird, durch obige
Anekdote hätte ich einen Verrat am Proletariat begangen, indem
ich die Schneider als solche in "lächerlichem Licht erscheinen
lasse".
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1*) Siehe vorl. Band, S. 540
#548# Friedrich Engels
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so auch jetzt außer Frage bleiben und daß wir statt Tkatschows
"Wir" überall "Ich" zu setzen haben.
Ich soll ihm "Ratschläge" erteilt haben! Mir ist davon kein
Sterbenswörtchen bekannt. Schläge, Peter Nikititsch, mögen einige
bei der Gelegenheit abgefallen sein, aber Ratschläge? Bitte um
gütigen Nachweis.
Ich soll ihn oder seinesgleichen ermahnt haben, in ein Bündnis
mit mir zu treten, und zwar am Schlüsse meines letzten Artikels.
Ich zahle Herrn Tkatschow zehn Mark Bismarcksche Reichsmünze,
wenn er das beweist.
Ich soll behauptet haben, er sei "dumm", und setzt das Wort in
Anführungszeichen. Obwohl ich nun nicht leugnen will, daß er das
Licht seines Talents - soweit überhaupt die Rede davon sein kann
- in beiden Schriftwerken unter einen erklecklichen Scheffel ge-
stellt hat, so kann sich doch jeder überzeugen, daß in meinem Ar-
tikel das Wort "dumm" auch nicht ein einziges Mal vorkommt. Aber
wo es nicht anders geht, da helfen sich die Herren Bakunisten mit
falschen Zitaten.
Ferner soll ich über ihn "gespottet" und ihn "in lächerlichem
Licht" dargestellt haben. Daß ich seine Broschüre ernsthaft
nehme, dazu wird mich Herr Tkatschow allerdings nie zwingen kön-
nen. Wir Deutschen stehen stark im Geruch der Langweiligkeit und
haben ihn sicher auch oft genug redlich verdient. Aber das legt
uns doch nicht die Verpflichtung auf, unter allen Umständen
ebenso langweilig und feierlich zu sein wie die Bakunisten. Die
deutsche Arbeiterbewegung hat durch den Tirailleurkampf mit Poli-
zei, Staatsanwälten und Gefängniswärtern einen eigentümlich
humoristischen Charakter angenommen; warum soll ich den verleug-
nen? Herr Tkatschow hat volle Erlaubnis, mich so arg zu verspot-
ten und in lächerlichem Lichte erscheinen zu lassen, wie er dies
fertigbringt, ohne mir Unwahrheiten anzudichten.
["Der Volksstaat"
Nr. 37 vom 2. April 1875]
Und nun die unvergleichliche Anklage: Indem ich Herrn Tkatschow
in dem ihm und seinen Werken entsprechenden Lichte erscheinen
lasse, habe ich damit "unserm gemeinschaftlichen Feind, dem rus-
sischen Staat, einen guten Dienst geleistet"! Ebenso heißt es an
einer andern Stelle: Indem ich ihn so schildere, wie ich ihn ge-
schildert, verletze ich "die Grundprinzipien des Programms der
Internationalen Arbeiter-Assoziation"! Hier haben wir den richti-
gen Bakunisten. Die Herren, als wahre Revolutionäre, erlauben
sich uns gegenüber alles, besonders im Dunkeln; behandelt man sie
aber nicht mit der höchsten Ehrerbietung, zieht man ihr Treiben
ans Licht,
#549# Flüchtlingsliteratur - IV
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kritisiert man sie und ihr Phrasengeklingel, so dient man dem
Kaiser von Rußland und verletzt die Grundprinzipien der Interna-
tionalen. Die Sache verhält sich gerade umgekehrt. Wer der russi-
schen Regierung einen Dienst geleistet, ist niemand anders als
Herr Tkatschow. Hätte die russische Polizei einigen Witz, so
würde sie die Broschüre dieses Herrn massenhaft in Rußland ver-
breiten. Einerseits könnte sie kaum ein besseres Mittel finden,
die russischen Revolutionäre, als deren Vertreter der Verfasser
sich hinstellt, bei allen Leuten von Verstand in Mißkredit zu
bringen. Andrerseits ließen sich möglicherweise immer einige
brave aber unerfahrene junge Leute dadurch zu Unbesonnenheiten
verführen und lieferten sich damit selbst ins Garn.
Aber, sagt Herr Tkatschow, ich habe mich ihm gegenüber "in allen
möglichen Schimpfereien geübt". Nun ist ein gewisses Schimpfen,
die sogenannte Invektive, eine der wirksamsten rhetorischen For-
men, die von allen großen Rednern, wenn erforderlich, angewandt
wird und worin der kraftvollste englische politische Schriftstel-
ler, William Cobbett, eine Meisterschaft besaß, die noch jetzt
bewundert wird und zum unerreichten Muster dient. Auch Herr
Tkatschow "schimpft" in seiner Broschüre ganz gehörig. Hätte ich
also geschimpft, so wäre das an sich noch lange kein Unrecht von
mir. Aber da ich Herrn Tkatschow gegenüber gar nicht rhetorisch
wurde, da ich ihn gar nicht ernsthaft nahm, so kann ich auch gar
nicht gegen ihn geschimpft haben. Sehen wir zu, was ich von ihm
gesagt.
Ich habe ihn "einen grünen Gymnasiasten von seltener Unreife" ge-
nannt. Unreife kann sich beziehen auf Charakter, Verstand und
Kenntnisse. Was die Unreife des Charakters angeht, so hatte ich
Herrn Tkatschows eigener Erzählung folgendes nacherzählt: "Ein
russischer Gelehrter, der in seinem Lande einen bedeutenden Ruf
hat, wird flüchtig und verschafft sich die Mittel, um im Ausland
eine politische Zeitschrift zu gründen. Kaum ist er so weit, so
kommt, unaufgefordert, ein beliebiger, mehr oder weniger begei-
sterter Jüngling und bietet seine Mitarbeiterschaft an, unter der
mehr als kindlichen Bedingung, in allen literarischen und Geld-
fragen gleich entscheidende Stimme mit dem Stifter der Zeit-
schrift zu haben. In Deutschland hätte man ihn bloß ausgelacht."
1*) Einen weiteren Beweis für Unreife des Charakters brauche ich
hiernach wohl nicht beizubringen. Die Unreife des Verstandes wird
hinreichend bewiesen durch die unten folgenden weiteren Zitate
aus der Broschüre des Herrn Tkatschow. Was die Kenntnisse angeht,
so dreht sich der Streit zwischen dem "Vorwärts" und Herrn
Tkatschow großenteils um folgendes: Der Redakteur des "Vorwärts"
verlangt,
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1*) Vgl. vorl. Band, S. 541
#550# Friedrich Engels
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die russische revolutionäre Jugend solle etwas lernen, sich mit
ernsthaften und gründlichen Kenntnissen bereichern, kritische
Denkkraft nach regelmäßigen Methoden sich erwerben, im Schweiß
ihres Angesichts an ihrer Selbstentwicklung und Selbstdurchbil-
dung arbeiten. Solche Ratschläge weist Tkatschow mit Abscheu zu-
rück:
"Ich muß immer wieder das Gefühl tiefer Entrüstung aussprechen,
das sie von jeher in mir hervorgerufen... Belehrt euch! Bildet
euch aus! O Gott, und das kann ein lebendiger Mensch lebendigen
Menschen sagen! Warten! Studieren und durchbilden! Aber haben wir
denn das Recht zu warten" (mit der Revolution nämlich)?. "Haben
wir das Recht, Zeit an Ausbildung zu verschwenden?" (p. 14.)
"Kenntnisse sind wohl eine notwendige Vorbedingung des friedli-
chen Fortschritts, aber durchaus nicht notwendig für die Revolu-
tion" (p. 17). [404]
Wenn also Herr Tkatschow schon bei der bloßen Aufforderung zum
Studieren eine tiefe Entrüstung entwickelt, wenn er alle Kennt-
nisse für überflüssig für einen Revolutionär erklärt, wenn er
dazu in seiner ganzen Schrift durchaus nicht die geringste Spur
von Kenntnissen verrät, so stellt er selbst damit sich das Zeug-
nis der Unreife aus, und ich habe das bloß konstatiert. Jemand,
der aber dieses Zeugnis sich selbst ausstellt, kann nach unsern
Begriffen höchstens auf der Bildungsstufe eines Gymnasiasten
stehn. Indem ich ihn dieser höchstmöglichen Stufe zuwies, habe
ich also, statt zu schimpfen, ihm vielleicht noch zu viel Ehre
angetan.
Ferner habe ich gesagt, die Betrachtungen des Herrn Tkatschow
seien kindisch (Belege hierfür die Zitate in diesem Artikel),
langweilig (das wird der Verfasser selbst wohl nicht ableugnen),
widerspruchsvoll (wie der Redakteur des "Vorwärts" ihm nachgewie-
sen) und ewig sich im Kreise drehend (was ebenfalls richtig ist).
Dann spreche ich von seinen großen Ansprüchen (die ich ihm selbst
nacherzählt) und absolut nichtigen Leistungen (die der gegenwär-
tige Artikel mehr als genügend nachweist). Wo sind nun die
Schimpfereien? Daß ich ihn mit Karlchen Mißnick, dem beliebtesten
Gymnasiasten von Deutschland und einem der populärsten deutschen
Schriftsteller verglichen, das ist doch sicher nicht geschimpft.
Doch halt! Habe ich ihm nicht nachgesagt, er hätte sich wie
Achilles in sein Zelt zurückgezogen und daraus seine Broschüre
gegen das "Vorwärts" abgefeuert? Da wird wohl der Hase im Pfeffer
liegen. Bei einem Manne, den das bloße Wort Studieren schon in
Harnisch bringt, der sich Heines:
Und seine ganze Ignoranz
Hat er sich selbst erworben,
kühnlich zum Motto nehmen kann, bei dem kann man wohl annehmen,
daß
#551# Flüchtlingsliteratur - IV
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ihm der Name Achilles hier zum ersten Mal vorkommt. Und da ich
den Achilles in Zusammenhang bringe mit "Zelt" und "abfeuern", so
mag Herr Tkatschow sich vorstellen, dieser Achilles sei ein rus-
sischer Unteroffizier oder türkischer Baschibozuk und es sei also
kommentwidrig, ihn einen Achilles zu schimpfen. Ich kann aber
Herrn Tkatschow versichern, daß der Achilles, von dem ich spre-
che, der größte Held der griechischen Sage war, und daß jener
Rückzug in sein Zelt den Stoff geliefert hat zum großartigsten
Heldengedicht aller Zeiten, der Ilias, was ihm sogar Herr Bakunin
bestätigen wird. Sollte diese meine Vermutung richtig sein, so
käme ich allerdings in den Fall erklären zu müssen, daß Herr
Tkatschow kein Gymnasiast ist.
Ferner sagt Herr Tkatschow:
"Trotz alledem erlaubte ich mir aber, die Überzeugung auszuspre-
chen, daß die soziale Revolution leicht ins Leben zu rufen sei.
'Wenn es so leicht ist, sie ins Leben zu rufen', bemerken Sie,
'warum tun Sie es nicht, anstatt von ihr zu sprechen?' - Ihnen
kommt es als ein lächerliches, kindisches Betragen vor... Ich und
meine Gesinnungsgenossen sind überzeugt, daß die Ausführbarkeit
der sozialen Revolution in Rußland keine Schwierigkeiten bietet,
daß es jeden Augenblick möglich sei, das russische Volk zu einem
allgemeinen revolutionären Protest (!) zu bestimmen. Zwar ver-
pflichtet uns diese Überzeugung zu einer gewissen praktischen Tä-
tigkeit, aber sie spricht nicht im mindesten gegen die Nützlich-
keit und Notwendigkeit der literarischen Propaganda. Es genügt
nicht, daß wir davon überzeugt sind, wir wollen, daß auch andere
diese Überzeugung mit uns teilen. Je mehr Gesinnungsgenossen wir
haben, desto stärker werden wir uns fühlen, desto leichter wird
es uns sein, die Aufgabe praktisch zu lösen." [407]
Das geht denn doch über das Bohnenlied. Das klingt so nett, so
verständig, so gesittet, so einleuchtend. Das klingt ganz als ob
Herr Tkatschow seine Broschüre [404] nur geschrieben, um den Nut-
zen der literarischen Propaganda zu beweisen, und ich ungeduldi-
ger Gelbschnabel ihm geantwortet: Zum Teufel mit der literari-
schen Propaganda, jetzt heißt's losschlagen! - Und wie steht's
nun damit in der Wirklichkeit?
Herr Tkatschow fängt seine Broschüre gleich damit an, der Jour-
nal-Propaganda (und das ist doch wohl die wirksamste literarische
Propaganda) ein Mißtrauensvotum zu geben, indem er sagt, man
dürfe "nicht zu viel revolutionäre Kräfte auf sie verwenden",
denn "bei unzweckmäßigem Gebrauch richte sie ungleich mehr Scha-
den an, als sie bei zweckmäßigem Gebrauch Nutzen stifte". So sehr
schwärmt unser Tkatschow für die literarische Propaganda im all-
gemeinen. Im besonderen nun, wenn man solche Propaganda machen,
Gesinnungsgenossen werben will, so hilft kein bloßes Deklamieren,
sondern man muß sich auf Gründe einlassen, die Sache also
#552# Friedrich Engels
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theoretisch, d.h. in letzter Instanz wissenschaftlich behandeln.
Über diesen Punkt sagt Herr Tkatschow dem Redakteur des
"Vorwärts":
"Ihr philosophischer Kampf, jene rein theatralische, wissen-
schaftliche Propaganda, der sich Ihr Journal ergeben, ... ist vom
Gesichtspunkt der Interessen der revolutionären Partei nicht nur
nutzlos, sie ist sogar schädlich."
Man sieht, je mehr wir Herrn Tkatschows Ansichten über literari-
sche Propaganda untersuchen, je mehr reiten wir uns fest, je we-
niger erfahren wir, was er will. Was will er denn eigentlich? Hö-
ren wir weiter:
"Begreifen Sie etwa nicht, daß der Revolutionär sich jederzeit
das Recht zuschreibt und zuschreiben muß, das Volk zum Aufstand
aufzurufen; daß er sich von Philisterphilosophen unterscheidet,
indem er, ohne abzuwarten, bis der Verlauf der historischen Er-
eignisse den Augenblick anzeigt - selbst diesen Augenblick wählt,
daß er das Volk immer bereit zur Revolution weiß (p. 10) ... Wer
nicht an die Möglichkeit der Revolution in der Gegenwart glaubt,
der glaubt nicht ans Volk, der glaubt nicht an die Bereitschaft
des Volks für die Revolution (p. 11) ... Das ist es, weshalb wir
nicht warten können, weshalb wir behaupten, daß in Rußland die
Revolution dringend nötig ist, und nötig namentlich in gegenwär-
tiger Zeit; wir gestatten kein Zögern und kein Zaudern. Jetzt
oder sehr spät, vielleicht nie (p. 16)!... Jedes der Willkür
preisgegebene, von Ausbeutern abgerackerte Volk... jedes solche
Volk (und in dieser Lage befinden sich alle Völker) ist kraft der
eignen Bedingungen seiner sozialen Umstände - revolutionär; es
kann immer, es will immer die Revolution machen; es ist immer be-
reit zur Revolution (p. 17)... Aber wir können und wir wollen
nicht warten (p. 34)... Jetzt ist keine Zeit zu langwierigen An-
stalten und ewigen Vorbereitungen - packe ein jeder seine Habse-
ligkeiten zusammen und mache sich eilig auf den Weg. Die Frage,
was es gilt, darf uns nicht mehr beschäftigen. Die ist längst ab-
gemacht. Es gilt Revolution machen. - Wie? Wie ein jeder kann und
versteht." (p. 39.)
Dies schien mir deutlich genug. Ich bat also Karlchen Mißnick:
Wenn es denn nun einmal platterdings nicht anders angeht, wenn
das Volk bereit ist zur Revolution und du ebenfalls, wenn du denn
durchaus nicht länger warten willst und kannst und nicht das
Recht hast zu warten, wenn du dir das Recht zuschreibst, den Au-
genblick zum Losschlagen zu wählen, und wenn es endlich heißt:
Jetzt oder nie! - nun, teuerstes Karlchen, so tu, was du nicht
lassen kannst, mache die Revolution noch heute und schlag den
russischen Staat in tausend Trümmer, sonst richtest du am Ende
noch ein größeres Unglück an!
Und was tut Karlchen Mißnick? Schlägt er los? Vernichtet er den
russischen Staat? Befreit er das russische Volk, "dieses unglück-
liche Volk, von Blut strömend, mit der Dornenkrone, angenagelt
ans Kreuz der Sklaverei", wegen dessen Leiden er nicht länger
warten kann?
#553# Flüchtlingsliteratur · IV
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Er denkt nicht daran. Karlchen Mißnick, mit Tränen der verletzten
Unschuld im Gesicht, tritt vor die deutschen Arbeiter und sagt:
Seht, was mir der verworfene Engels da andichtet: ich hätte vom
sofortigen Losschlagen gesprochen; es handelt sich aber gar nicht
davon, sondern davon, literarische Propaganda zu machen, und die-
ser Engels, der selbst weiter nichts macht als literarische Pro-
paganda, entblödet sich nicht, sich den Anschein zu geben, als
begriffe er "nicht den Nutzen der literarischen Propaganda".
Warten! Literarische Propaganda machen! Aber haben wir denn das
Recht zu warten, haben wir das Recht, Zeit an literarische Propa-
ganda zu verschwenden? Kostet doch jede Minute, jede Stunde, um
die die Revolution sich verzögert, dem Volke tausend Opfer (p.
14)! Jetzt ist keine Zeit zu literarischer Propaganda, die Revo-
lution muß jetzt gemacht werden oder vielleicht nie - wir gestat-
ten kein Zögern und kein Zaudern. Und da sollen wir literarische
Propaganda machen! O Gott, und das kann ein lebendiger Mensch le-
bendigen Menschen sagen, und dieser Mensch heißt Peter Tkatschow!
Hatte ich unrecht, wenn ich jene, jetzt so schnöde verleugneten,
losschlägerischen Rodomontaden als "kindisch" bezeichnete? So
kindisch sind sie, daß man glauben sollte, der Verfasser habe in
dieser Beziehung hier das Mögliche geleistet. Und doch hat er
sich selbst noch übertroffen. Der Redakteur des "Vorwärts" teilt
eine Stelle einer von Herrn Tkatschow verfaßten Proklamation an
die russischen Bauern mit. Herr Tkatschow beschreibt darin den
Zustand nach vollendeter sozialer Revolution wie folgt:
"Und dann würde das Bäuerlein bei Sang und Klang ein lustiges Le-
ben anfangen... nicht kupferner Groschen, nein goldener Dukaten
voll wäre seine Tasche. Allerhand Vieh würde er haben und Geflü-
gel im Hof, so viel er nur wollte. Auf dem Tisch hätte er aller-
hand Fleisch, dazu Feiertagskuchen, dazu süße Weine und es würde
nicht abgedeckt vom Morgen bis zum Abend. Und er äße und er
tränke, soviel in den Bauch hineingeht, aber arbeiten würde er
nur soviel wie ihm beliebt. Und niemand wäre da, der ihn zu zwin-
gen wagte: geh, iß! - geh, leg dich auf den Ofen!" [408]
Und der Mensch, der diese Proklamation zu verüben imstande war,
beschwert sich noch, wenn ich mich darauf beschränke, ihn einen
grünen Gymnasiasten von seltner Unreife zu nennen!
Ferner sagt Herr Tkatschow:
"Warum werfen Sie uns Konspirationen vor? Sollten wir der konspi-
rativen, geheimen, unterirdischen Tätigkeit entsagen, so müßten
wir jeder revolutionären Tätigkeit überhaupt entsagen. Sie züch-
tigen uns aber auch dafür, daß wir auch hier, im europäischen We-
sten... von unsern konspiratorischen Gewohnheiten nicht lassen
wollen und dadurch die große internationale Arbeiterbewegung...
stören." [407]
#554# Friedrich Engels
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Erstens ist es falsch, daß den russischen Revolutionären kein an-
dres Mittel bleibt als die reine Verschwörung. Hat Herr Tkatschow
doch soeben erst die Wichtigkeit der literarischen Propaganda,
vom Ausland nach Rußland hinein, hervorgehoben! Auch im Inland
kann der Weg der mündlichen Propaganda selbst unter dem Volk, be-
sonders in den Städten, nie ganz verschlossen werden, was auch
Herr Tkatschow darüber zu sagen in seinem Interesse finden mag.
Der beste Beweis dafür ist, daß bei den jüngsten Massenverhaftun-
gen in Rußland nicht die Gebildeten oder Studenten, sondern die
Arbeiter in der Mehrzahl waren.
Zweitens unternehme ich, in den Mond zu fliegen, noch ehe
Tkatschow Rußland befreit, sobald dieser letztere mir nachweist,
daß ich irgendwo und zu irgendeiner Zeit in meiner politischen
Karriere mich dahin erklärt habe, daß Verschwörungen überhaupt
und unter allen Umständen zu verwerfen seien. Ich unternehme, ihm
ein Andenken aus dem Mond zurückzubringen, sobald er mir nach-
weist, daß in meinem Artikel von andern Komplotten die Rede ist,
als von dem gegen die Internationale, von der Allianz. Ja, wenn
die russischen Herren Bakunisten nur wirklich und ernstlich gegen
die russische Regierung konspirierten! Wenn sie, statt auf Lug
und Trug gegen die Mitverschworenen gegründeter Schwindelver-
schwörungen wie die Netschajews, dieses nach Tkatschow "typischen
Vertreters unsrer gegenwärtigen "Jugend" [404], statt Komplotte
gegen die europäische Arbeiterbewegung wie die glücklicherweise
enthüllte und damit vernichtete Allianz, wenn sie, die "Täter"
(dejateli), wie sie sich prahlend nennen, endlich einmal eine Tat
fertigbrächten, die den Beweis lieferte, daß sie wirklich eine
Organisation besitzen und daß sie sich mit etwas anderm beschäf-
tigen als mit dem Versuch, ein Dutzend zu bilden! Statt dessen
schreien sie in alle Welt hinaus : Wir konspirieren, wir konspi-
rieren! grade wie die Verschwörer in der Oper, die vierstimmig im
Chore brüllen: Stille, stille! Kein Geräusch gemacht! Und das
ganze Geflunker von weitverzweigten Verschwörungen dient nur als
Deckmantel, hinter dem sich weiter nichts verbirgt als revolutio-
näres Nichtstun gegenüber den Regierungen und ehrgeizige Klünge-
leien innerhalb der revolutionären Partei.
Und grade, daß wir in dem "Komplott gegen die Internationale"
diesen ganzen Schwindel schonungslos enthüllt 1*), das ist es,
worüber diese Herren so entrüstet sind. Das war "taktlos". Wenn
wir Herrn Bakunin enthüllten, so suchten wir "einen der größten
und aufopferndsten Vertreter der revolutionären Epoche, in der
wir leben, zu beflecken", und zwar mit
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1*) Siehe vorl. Band. S. 327-471
#555# Flüchtlingsliteratur - IV
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"Schmutz" [407]. Der Schmutz, der bei der Gelegenheit an den Tag
kam, war bis aufs letzte Lot Herrn Bakunins eignes Fabrikat, und
noch lange nicht sein schlimmstes. Die betreffende Schrift hat
ihn noch viel zu reinlich dargestellt. Wir haben den § 18 des
"Revolutionären Katechismus" [333] nur zitiert, den Paragraphen,
welcher vorschreibt, wie man sich gegenüber der russischen Ari-
stokratie und Bourgeoisie zu verhalten, wie man sich "ihrer
schmutzigen Geheimnisse zu bemächtigen und sie dadurch zu unsern
Sklaven zu machen hat, so daß ihre Reichtümer etc. ein uner-
schöpflicher Schatz und eine kostbare Stütze in allerlei Unter-
nehmungen werden" 1*). Wir haben bisher noch nicht erzählt, wie
dieser Paragraph in die Praxis übersetzt worden ist. Darüber aber
wäre ein langes und breites zu erzählen, was seinerzeit denn auch
erzählt werden wird.
Es stellt sich also heraus, daß sämtliche Vorwürfe, die mir Herr
Tkatschow gemacht hat, mit jener Tugendmiene der verletzten Un-
schuld, die allen Bakunisten so wohl ansteht, daß sie alle auf
Behauptungen beruhen, von denen er nicht nur wußte, daß sie
falsch waren, sondern die er selbst erfunden, erstunken und erlo-
gen hatte. Womit wir vom persönlichen Teil seines "Offenen
Briefs" Abschied nehmen.
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1*) Vgl. vorl. Band. S. 429/430
#556#
-----
V
Soziales aus Rußland [409]
["Der Volksstaat" Nr. 43 vom 16. April 1875]
Zur Sache erzählt Herr Tkatschow den deutschen Arbeitern, daß ich
in Beziehung auf Rußland nicht einmal "wenige Kenntnisse" [410],
sondern vielmehr gar nichts besitze als "Unwissenheit", und fühlt
sich deshalb gedrungen, ihnen den wahren Sachverhalt und nament-
lich die Gründe auseinanderzusetzen, weshalb eine soziale Revolu-
tion gerade jetzt in Rußland mit spielender Leichtigkeit zu ma-
chen sei, viel leichter als in Westeuropa.
"Bei uns gibt es kein städtisches Proletariat, das ist allerdings
wahr; allein dafür haben wir auch keine Bourgeoisie... unsere Ar-
beiter werden bloß mit der politischen Macht zu kämpfen haben -
die Macht des Kapitals ist bei uns noch im Keime. Und Sie, mein
Herr, werden wohl wissen, daß der Kampf mit der ersteren viel
leichter als mit der letzteren ist."
Die vom modernen Sozialismus erstrebte Umwälzung ist, kurz ausge-
drückt, der Sieg des Proletariats über die Bourgeoisie und die
Neuorganisation der Gesellschaft durch Vernichtung aller Klassen-
unterschiede. Dazu gehört nicht nur ein Proletariat, das diese
Umwälzung durchführt, sondern auch eine Bourgeoisie, in deren
Händen sich die gesellschaftlichen Produktionskräfte soweit ent-
wickelt haben, daß sie die endgültige Vernichtung der Klassenun-
terschiede gestatten. Auch bei Wilden und Halbwilden bestehn häu-
fig keine Klassenunterschiede, und jedes Volk hat einen solchen
Zustand durchgemacht. Ihn wiederherzustellen, kann uns schon des-
wegen nicht einfallen, weil aus ihm, mit der Entwicklung der ge-
sellschaftlichen Produktivkräfte, die Klassenunterschiede notwen-
dig hervorgehn. Erst auf einem gewissen, für unsere Zeitverhält-
nisse sogar sehr hohen Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen
Produktivkräfte wird es möglich, die Produktion so hoch zu stei-
gern, daß die Abschaffung der Klassenunterschiede ein wirklicher
Fortschritt, daß sie von Dauer sein kann, ohne einen Stillstand
oder
#557# Flüchtlingsliteratur - V. Soziales aus Rußland
-----
gar Rückgang in der gesellschaftlichen Produktionsweise herbeizu-
führen. Diesen Entwicklungsgrad haben die Produktivkräfte aber
erst erhalten in den Händen der Bourgeoisie. Die Bourgeoisie ist
demnach auch nach dieser Seite hin eine ebenso notwendige Vorbe-
dingung der sozialistischen Revolution wie das Proletariat
selbst. Ein Mann also, der sagen kann, daß diese Revolution in
einem Lande leichter durchzuführen sei, weil dasselbe zwar kein
Proletariat, aber auch keine Bourgeoisie besitze, beweist damit
nur, daß er vom Sozialismus noch das Abc zu lernen hat.
Die russischen Arbeiter - und diese Arbeiter sind, wie Herr
Tkatschow selbst sagt, "Landarbeiter, und als solche keine Prole-
tarier, sondern Eigentümer" - haben es also leichter, weil sie
nicht mit der Macht des Kapitals, sondern "bloß mit der politi-
schen Macht zu kämpfen haben ", mit dem russischen Staat. Und
dieser Staat
"scheint nur aus der Ferne als eine Macht... Er hat keine Wurzel
im ökonomischen Leben des Volks; er verkörpert nicht in sich die
Interessen irgendwelches Standes... Bei Ihnen ist der Staat keine
scheinbare Macht. Er stützt sich mit beiden Füßen auf das Kapi-
tal; er verkörpert in sich (!!) gewisse ökonomische Interessen...
Bei uns verhält sich diese Angelegenheit gerade umgekehrt - un-
sere Gesellschaftsform hat ihre Existenz dem Staate zu verdanken,
dem sozusagen in der Luft hängenden Staate, der mit der bestehen-
den sozialen Ordnung nichts Gemeinschaftliches hat, der seine
Wurzel im Vergangenen, aber nicht im Gegenwärtigen hat."
Halten wir uns nicht auf bei der konfusen Vorstellung, als
brauchten die ökonomischen Interessen den Staat, den sie selbst
schaffen, um einen Körper zu erhalten, oder bei der kühnen Be-
hauptung, die russische Gesellschaftsform (zu der doch auch das
Gemeinde-Eigentum der Bauern gehört) habe ihre Existenz dem Staat
zu verdanken, oder bei dem Widerspruch, daß dieser selbe Staat
mit der bestehenden sozialen Ordnung, die doch sein eigenstes Ge-
schöpf sein soll, "nichts Gemeinschaftliches hat". Besehen wir
uns lieber gleich diesen "in der Luft hängenden Staat", der die
Interessen auch nicht eines einzigen Standes vertritt.
Im europäischen Rußland besitzen die Bauern 105 Millionen Deßja-
tinen, die Adligen (wie ich die großen Grundbesitzer hier kurzweg
nenne) 100 Millionen Deßjatinen Land, wovon ungefähr die Hälfte
auf 15 000 Adlige kommen, die sonach durchschnittlich jeder 3300
1*) Deßjatinen besitzen. Das Bauernland ist also nur um eine
Kleinigkeit größer als das Adelsland. Die Adligen, wie man sieht,
haben nicht das mindeste Interesse am Bestehen des russischen
Staats, der sie im Besitz des halben Landes schützt.
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1*) Im "Volksstaat" und (1894) irrtümlich: 33 000
#558# Friedrich Engels
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Weiter. Die Bauern zahlen von ihrer Hälfte jährlich 195 Millionen
Rubel Grundsteuer, die Adligen - 13 Millionen! Die Ländereien der
Adligen sind im Durchschnitt doppelt so fruchtbar als die der
Bauern, weil bei der Auseinandersetzung wegen Ablösung der Fron-
den der Staat den Bauern nicht nur das meiste, sondern auch das
beste Land ab- und dem Adel zusprach, und zwar mußten die Bauern
für dies schlechteste Land dem Adel den Preis des besten zahlen.
*) Und der russische Adel hat kein Interesse am Bestehen des rus-
sischen Staats!
Die Bauern - der Masse nach - sind durch die Ablösung in eine
höchst elende, vollständig unhaltbare Lage gekommen. Nicht nur
hat man ihnen den größten und besten Teil ihres Landes genommen,
so daß in allen fruchtbaren Gegenden des Reichs das Bauernland -
für russische Ackerbauverhältnisse - viel zu klein ist, als daß
sie davon leben könnten. Nicht nur wurde ihnen dafür ein über-
triebener Preis angerechnet, den ihnen der Staat vorschoß und den
sie jetzt dem Staat verzinsen und allmählich abtragen müssen.
Nicht nur ist fast die ganze Last der Grundsteuer auf sie ge-
wälzt, während der Adel fast ganz frei ausgeht - so daß die
Grundsteuer allein den ganzen Grundrenten wert des Bauernlandes
und darüber auffrißt, und alle weiteren Zahlungen, die der Bauer
zu machen hat und von denen wir gleich sprechen werden, direkte
Abzüge von dem Teil seines Einkommens sind, der den Arbeitslohn
repräsentiert. Nein. Zur Grundsteuer, zur Verzinsung und Ab-
tragungsrate des Staatsvorschusses kommen noch die Provinzial-
und Kreissteuern seit der neu eingeführten Lokalverwaltung. Die
wesentlichste Folge dieser "Reform" war eine neue Steuerbelastung
für die Bauern. Der Staat behielt im ganzen seine Einnahmen,
wälzte aber einen großen Teil der Ausgaben auf die Provinzen und
Kreise, die dafür neue Steuern ausschrieben; und in Rußland ist
es Regel, daß die höheren Stände fast steuerfrei sind und der
Bauer fast alles zahlt.
Eine solche Lage ist wie geschaffen für den Wucherer, und bei dem
fast beispiellosen Talent der Russen zum Handel auf niederer
Stufe, zur Ausbeutunggünstiger Geschäftslagen und zu der davon
untrennbaren Prellerei - sagte doch schon Peter I., ein Russe
werde fertig mit drei Juden -, bleibt der Wucherer nirgends aus.
Wenn die Zeit herannaht, wo die Steuern fällig werden, so kommt
der Wucherer, der Kulak - häufig ein reicher Bauer derselben
Gemeinde -, und bietet sein bares Geld an. Der Bauer muß das Geld
unter allen Umständen haben und muß die Bedingungen des Wucherers
---
*) Eine Ausnahme fand nur statt in Polen, wo die Regierung den
ihr feindlichen Adel ruinieren, die Bauern aber gewinnen wollte.
[(1894) fehlt diese Fußnote]
#559# Flüchtlingsliteratur - V. Soziales aus Rußland
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ohne Murren annehmen. Damit gerät er nur noch tiefer in die
Klemme, braucht mehr und mehr bares Geld. Zur Erntezeit kommt der
Kornhändler; das Geldbedürfnis zwingt den Bauern, einen Teil des
Korns loszuschlagen, das er und seine Familie zum Leben bedürfen.
Der Kornhändler verbreitet falsche, die Preise drückende Ge-
rüchte, zahlt einen niederen Preis, und auch diesen oft zum Teil
in allerhand hochberechneten Waren; denn auch das Trucksystem ist
in Rußland hoch entwickelt. Die große Kornausfuhr Rußlands be-
ruht, wie man sieht, ganz direkt auf dem Hunger der Bauernbevöl-
kerung. - Eine andere Art der Bauernausbeutung ist diese: Ein
Spekulant pachtet von der Regierung Domänenland auf längere
Jahre, bebaut es selbst, solange es ohne Dünger guten Ertrag lie-
fert; dann teilt er es in Parzellen und verpachtet das ausgeso-
gene Land zu hoher Rente an benachbarte Bauern, die mit ihrem
Landanteil nicht auskommen. Wie oben das englische Trucksystem,
so haben wir hier genau die irischen Middlemen 1*). Kurz, es gibt
kein Land, wo, bei aller Waldursprünglichkeit der bürgerlichen
Gesellschaft, der kapitalistische Parasitismus so entwickelt ist,
so das ganze Land, die ganze Volksmasse mit seinen Netzen über-
spannt und umspinnt, wie gerade in Rußland. Und alle diese Bau-
ernaussauger hätten kein Interesse am Bestehen des russischen
Staats, dessen Gesetze und Gerichtshöfe ihre sauberen und profit-
lichen Praktiken beschützen?
Die große Bourgeoisie von Petersburg, Moskau, Odessa, die in den
letzten zehn Jahren, namentlich durch die Eisenbahnen, sich uner-
hört rasch entwickelt und in den letzten Schwindeljahren lustig
"mitgekracht" hat, die Korn-, Hanf-, Flachs- und Talgexporteure,
deren ganzes Geschäft auf dem Elend der Bauern sich aufbaut, die
ganze russische große Industrie, die nur durch den Schutzzoll be-
steht, den der Staat ihr bewilligt, alle diese bedeutenden und
rasch wachsenden Elemente der Bevölkerung hätten kein Interesse
an der Existenz des russischen Staats? Gar nicht zu reden von dem
zahllosen Heer von Beamten, das Rußland überflutet und ausstiehlt
und hier einen wirklichen Stand bildet. Und wenn nun Herr
Tkatschow uns versichert, der russische Staat habe "keine Wurzel
im ökonomischen Leben des Volks, er verkörpert nicht in sich die
Interessen irgendwelchen Standes", er hänge "in der Luft", so
will es uns bedünken, als sei es nicht der russische Staat, der
in der Luft hängt, sondern vielmehr Herr Tkatschow.
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1*) Mittelsmänner (Großpächter, die in kleinen Parzellen weiter-
verpachten)
#560# Friedrich Engels
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["Der Volksstaat" Nr. 44 vom 18. April 1875]
Daß die Lage der russischen Bauern seit der Emanzipation von der
Leibeigenschaft eine unerträgliche und auf die Dauer unhaltbare
geworden, daß schon aus diesem Grunde eine Revolution in Rußland
im Anzüge ist, das ist klar. Die Frage ist nur, was kann, was
wird das Resultat dieser Revolution sein? Herr Tkatschow sagt,
sie wird eine soziale sein. Das ist reine Tautologie. Jede wirk-
liche Revolution ist eine soziale, indem sie eine neue Klasse zur
Herrschaft bringt und dieser gestattet, die Gesellschaft nach ih-
rem Bilde umzugestalten. Aber er will sagen, sie werde eine
sozialistische sein, sie werde die vom westeuropäischen Sozialis-
mus erstrebte Gesellschaftsform in Rußland einführen, noch ehe
wir im Westen dazu gelangen - und das bei Gesellschaftszuständen,
wo Proletariat wie Bourgeoisie nur erst sporadisch und auf
niederer Entwicklungsstufe vorkommen. Und dies soll möglich sein,
weil die Russen sozusagen das auserwählte Volk des Sozialismus
sind und die Artel und das Gemeinde-Eigentum an Grund und Boden
besitzen.
Die Artel, die Herr Tkatschow nur nebenbei erwähnt, die wir aber
hier mitnehmen, weil sie schon seit Herzens Zeit bei manchen Rus-
sen eine geheimnisvolle Rolle spielt, die Artel ist eine in Ruß-
land weitverbreitete Art von Assoziation, die einfachste Form
freier Kooperation, wie sie in der Jagd bei Jägervölkern vor-
kommt. Wort und Sache sind nicht slawischen, sondern tartarischen
Ursprungs. Beide finden sich bei Kirgisen, Jakuten etc. einer-
seits, wie bei Lappen, Samojeden und anderen finnischen Völkern
andererseits. *) Daher entwickelt sich in Rußland die Artel ur-
sprünglich im Norden und Osten, in der Berührung mit Finnen und
Tartaren, nicht im Südwesten. Das harte Klima macht industrielle
Tätigkeit verschiedener Art nötig, wobei dann der Mangel an städ-
tischer Entwicklung und an Kapital durch jene Form der Koopera-
tion möglichst ersetzt wird. - Eins der bezeichnendsten Merkmale
der Artel, die solidarische Haftbarkeit der Mitglieder füreinan-
der, Dritten gegenüber, beruht ursprünglich auf blutsverwandt-
schaftlichem Band, wie die Gewere bei den alten Deutschen, die
Blutrache usw. - Übrigens wird in Rußland das Wort Artel für jede
Art nicht nur gemeinschaftlicher Tätigkeit, sondern auch gemein-
schaftlicher Einrichtungen gebraucht. Auch die Börse ist ein Ar-
tel. 1*) - Bei den Arbeiter-
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*) Über Artel u.a. zu vergleichen: "Sbornik materialov ob Artel-
jach v Rossiji" (Sammlung von Materialien über die Artels in Ruß-
land), St. Petersburg 1873, 1. Lieferung.
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1*) (1894) fehlt der letzte Satz
#561# Flüchtlingsliteratur - V. Soziales aus Rußland
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Artels wird immer ein Vorsteher (starosta, Ältester) gewählt, der
die Verrichtungen des Schatzmeisters, Buchführers etc., soweit
nötig, Geschäftsführers besorgt, und ein besonderes Gehalt emp-
fängt. Solche Artels finden statt:
1. für vorübergehende Unternehmungen, nach deren Beendigung sie
sich auflösen;
2. für die Mitglieder eines und desselben Geschäfts, z.B. Last-
träger usw.;
3. für eigentlich industrielle, fortlaufende Unternehmungen.
Sie werden durch einen von allen Mitgliedern unterschriebenen
Kontrakt errichtet. Können nun diese Mitglieder nicht das nötige
Kapital zusammenschießen, was sehr häufig vorkommt, z.B. bei Kä-
sereien und Fischereien (für Netze, Boote etc.), so verfällt die
Artel dem Wucherer, der das Fehlende zu hohen Zinsen vorschießt
und von nun an den größten Teil des Arbeitsertrags einsteckt.
Noch scheußlicher ausgebeutet aber werden diejenigen Artels, die
sich im ganzen an einen Unternehmer als Lohnarbeits-Personal ver-
dingen. Sie dirigieren ihre industrielle Tätigkeit selbst und er-
sparen dadurch dem Kapitalisten die Aufsichtskosten. Dieser ver-
mietet den Mitgliedern Hütten zur Wohnung und schießt ihnen Le-
bensmittel vor, wobei sich dann wieder das scheußlichste Trucksy-
stem entwickelt; So bei den Holzfällern und Teerbrennern im Gou-
vernement Archangel, bei vielen Geschäften in Sibirien usw. (vgl.
Flerowski, "Polozenie rabocago klassa v Rossiji". Die Lage der
arbeitenden Klasse in Rußland, Petersburg 1869) [325]. Hier also
dient die Artel dazu, dem Kapitalisten die Ausbeutung der Lohn-
arbeiter wesentlich zu erleichtern. Andererseits aber gibt es
auch Artels, die selbst wieder Lohnarbeiter beschäftigen, welche
nicht Mitglieder der Assoziation sind.
Man sieht, die Artel ist eine naturwüchsig entstandene und daher
noch sehr unentwickelte Kooperativ-Gesellschaft und als solche
keineswegs ausschließlich russisch oder gar slawisch. Solche Ge-
sellschaften bilden sich überall, wo das Bedürfnis dazu besteht.
So in der Schweiz bei Melkereien, in England bei Fischern, wo sie
sogar sehr verschiedenartig sind. Die schlesischen Erdarbeiter
(Deutsche, keine Polen), die in den vierziger Jahren so manche
deutsche Eisenbahn gebaut, waren in vollständige Artels organi-
siert. Das Vorwiegen dieser Form in Rußland beweist allerdings
das Vorhandensein eines starken Assoziationstriebes im russischen
Volk, beweist aber noch lange nicht dessen Befähigung, mit Hilfe
dieses Triebes ohne weiteres aus der Artel in die sozialistische
Gesellschaftsordnung überzuspringen. Dazu gehört vor allen Din-
gen, daß die Artel selbst entwicklungsfähig
#562# Friedrich Engels
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fähig werde, ihre naturwüchsige Gestalt, in der sie, wie wir ge-
sehen, weniger den Arbeitern als dem Kapital dient, abstreife,
und sich mindestens auf den Standpunkt der westeuropäischen Ko-
operativ-Gesellschaften erhebe. Wenn wir aber Herrn Tkatschow
einmal Glauben schenken dürfen (was nach allem Vorhergegangenen
allerdings mehr als gewagt), so ist dies keineswegs der Fall. Im
Gegenteil versichert er uns mit einem für seinen Standpunkt
höchst bezeichnenden Stolz:
"Was die nach Rußland seit kurzer Zeit künstlich verpflanzten Ko-
operativ- und Kredit-Assoziationen nach deutschem (!) Muster an-
betrifft, so sind diese von der Mehrheit unserer Arbeiter mit
völliger Gleichgültigkeit aufgenommen worden und haben fast über-
all Fiasko gemacht."
Die moderne Kooperativ-Gesellschaft hat wenigstens bewiesen, daß
sie große Industrie auf eigene Rechnung mit Vorteil betreiben
kann (Spinnerei und Weberei in Lancashire). Die Artel ist, bis
jetzt, nicht nur unfähig dazu, sie geht an der großen Industrie
sogar notwendig zugrunde, wenn sie sich nicht weiterentwickelt.
["Der Volksstaat" Nr. 45 vom 21. April 1875]
Das Gemeinde-Eigentum der russischen Bauern wurde um das Jahr
1845 von dem preußischen Regierungsrat Haxthausen entdeckt und
als etwas ganz Wunderbares in die Welt hinausposaunt, obwohl
Haxthausen in seiner westfälischen Heimat noch Überreste genug
davon finden konnte und als Regierungsbeamter sogar verpflichtet
war, sie genau zu kennen. Von Haxthausen erst lernte Herzen,
selbst russischer Grundbesitzer, daß seine Bauern den Grund und
Boden gemeinsam besaßen, und nahm davon Gelegenheit, die russi-
schen Bauern als die wahren Träger des Sozialismus, als geborene
Kommunisten darzustellen gegenüber den Arbeitern des alternden,
verfaulten europäischen Westens, die sich den Sozialismus erst
künstlich anquälen müßten. Von Herzen kam diese Kenntnis zu Baku-
nin und von Bakunin zu Herrn Tkatschow. Hören wir diesen:
"Unser Volk... ist in seiner großen Mehrheit... von den Prinzi-
pien des Gemeinguts durchdrungen; es ist, wenn man sich so aus-
drücken darf, instinktiv, traditionell Kommunist. Die Idee des
Kollektiv-Eigentums ist so tief verwachsen mit der ganzen Weltan-
schauung" (wir werden gleich sehen, wie weit die Welt des russi-
schen Bauern reicht) "des russischen Volks, daß jetzt, wo die Re-
gierung zu begreifen anfängt, daß diese Idee mit den Prinzipien
einer 'wohlgeordneten' Gesellschaft nicht vereinbar ist, und im
Namen dieser Prinzipien die Idee des individuellen Eigentums in
das Volksbewußtsein und Volksleben einprägen will, sie dies nur
mit Hülfe der Bajonette und der Knute erreichen kann. Daraus er-
hellt, daß unser Volk, ungeachtet seiner
#563# Flüchtlingsliteratur - V. Soziales aus Rußland
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Unwissenheit, viel näher zum Sozialismus steht als die Völker des
westlichen Europas, obwohl diese gebildeter sind."
In der Wirklichkeit ist das Gemeinde-Eigentum an Grund und Boden
eine Einrichtung, die wir auf einer niedrigen Entwicklungsstufe
bei allen indogermanischen Völkern von Indien bis Irland finden,
und sogar bei den unter indischem Einfluß sich entwickelnden Ma-
laien, z.B. auf Java. Noch 1608 diente im neueroberten Norden von
Irland das zu Recht bestehende Gemeinde-Eigentum 1*) des Bodens
den Engländern zum Vorwand, das Land für herrenlos zu erklären
und als solches zum Besten der Krone zu konfiszieren. In Indien
besteht bis heute eine ganze Reihe von Formen des Gemeinde-Eigen-
tums 2*). In Deutschland war es allgemein; die hier und da noch
vorkommenden Gemeindeländereien sind ein Überrest davon, auch
finden sich, namentlich im Gebirge, oft noch deutliche Spuren,
zeitweilige Teilungen des Gemeindelandes etc. Die genaueren Nach-
weise und Einzelheiten in Beziehung auf das altdeutsche Gemeinde-
Eigentum 1*) kann man in den verschiedenen Schriften Maurers
nachlesen, die für diesen Punkt klassisch sind. In Westeuropa,
einschließlich Polens und Kleinrußlands, wurde dies Gemeinde-
Eigentum 1*) auf einer gewissen Stufe der gesellschaftlichen Ent-
wicklung eine Fessel, ein Hemmschuh der ländlichen Produktion und
wurde mehr und mehr beseitigt. In Großrußland dagegen (d.h. dem
eigentlichen Rußland) hat es sich bis heute erhalten und liefert
damit zunächst den Beweis, daß die ländliche Produktion und die
ihr entsprechenden ländlichen Gesellschaftszustände sich hier
noch auf einer sehr unentwickelten Stufe befinden, was auch
wirklich der Fall ist. Der russische Bauer lebt und webt nur in
seiner Gemeinde; die ganze übrige Welt existiert nur insoweit für
ihn, als sie sich in diese seine Gemeinde einmischt. So sehr ist
dies der Fall, daß im Russischen dasselbe Wort "mir" einerseits
"die Welt" bedeutet, andrerseits aber "Bauerngemeinde". "Ves'
mir" - "die ganze Welt" bedeutet für den Bauern die Versammlung
der Gemeindemitglieder. Wenn also Herr Tkatschow von der -
Weltanschauung" der russischen Bauern spricht, so hat er das
russische "mir" offenbar falsch übersetzt. Eine solche
vollständige Isolierung der einzelnen Gemeinden voneinander, die
im ganzen Lande zwar gleiche, aber das grade Gegenteil von
gemeinsamen Interessen schafft, ist die naturwüchsige Grundlage
für den orientalischen Despotismus; und von Indien bis Rußland
hat diese Gesellschaftsform, wo sie vorherrschte, ihn stets
produziert, stets in ihm ihre Ergänzung gefunden. Nicht bloß der
russische Staat im allgemeinen, sondern sogar seine spezifische
Form, der
-----
1*) (1894): Gemeineigentum - 2*) (1894): Gemeineigentums
#564# Friedrich Engels
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Zarendespotismus, statt in der Luft zu hängen, ist notwendiges
und logisches Produkt der russischen Gesellschaftszustände, mit
denen sie nach Herrn Tkatschow "nichts Gemeinschaftliches hat"! -
Die Fortentwicklung Rußlands in bürgerlicher Richtung würde das
Gemeinde-Eigentum auch hier nach und nach vernichten, ohne daß
die russische Regierung mit "Bajonetten und Knute" einzuschreiten
braucht. Und dies um so mehr, als das Gemeindeland in Rußland
nicht von den Bauern gemeinsam bebaut und erst das Produkt ge-
teilt wird, wie dies in einigen Gegenden von Indien noch der Fall
ist; im Gegenteil, das Land wird von Zeit zu Zeit unter die ein-
zelnen Familienhäupter verteilt, und jeder bebaut seinen Anteil
für sich. Es ist daher eine sehr große Verschiedenheit des Wohl-
standes unter den Gemeindemitgliedern möglich, und sie besteht
auch in Wirklichkeit. Fast überall gibt es darunter einige reiche
Bauern - hie und da Millionäre -, die die Wucherer spielen und
die Masse der Bauern aussaugen. Niemand weiß dies besser als Herr
Tkatschow. Während er den deutschen Arbeitern aufbindet, den rus-
sischen Bauern, diesen instinktiven, traditionellen Kommunisten,
könne die "Idee des Kollektiv-Eigentums" nur mit Knute und Bajo-
nett ausgetrieben werden, erzählt er in seiner russischen Bro-
schüre p. 15:
"In der Mitte der Bauern arbeitet sich eine Klasse von Wucherern
(kulakov), von Aufkäufern und Anpächtern bäuerlicher und adliger
Ländereien heraus - eine Bauernaristokratie." [404]
Es sind das dieselben Sorten Blutsauger, die wir oben näher ge-
schildert.
Was dem Gemeinde-Eigentum den schwersten Stoß versetzt, war wie-
der die Ablösung der Fronden. Dem Adligen wurde der größte und
beste Teil des Bodens zugeteilt; für die Bauern blieb kaum genug,
oft nicht genug zum Leben. Dabei wurden die Wälder den Adligen
zugesprochen; das Brenn-, Werk- und Bauholz, das der Bauer sich
früher dort frei holen durfte, muß er jetzt kaufen. So hat der
Bauer jetzt nichts mehr als sein Haus und das nackte Land, ohne
die Mittel, es zu bebauen, und im Durchschnitt nicht Land genug,
um ihn und seine Familie von einer Ernte zur andern zu erhalten.
Unter solchen Verhältnissen und unter dem Druck von Steuern und
Wucher ist das Gemeinde-Eigentum an Grund und Boden keine Wohltat
mehr, es wird eine Fessel. Die Bauern entlaufen ihm häufig, mit
oder ohne Familie, um sich als wandernde Arbeiter zu ernähren,
und lassen ihr Land daheim. *)
---
*) Über die Lage der Bauern vergleiche man u a. den offiziellen
Bericht der Regierungskommission über ländliche Produktion
(1873), ferner Skaldin, "W Zacholusti i w Stolice" (Im entfernte-
sten Provinzwinkel und in der Hauptstadt), Petersburg 1870 ;
letztere Schrift von einem Liberalkonservativen.
#565# Flüchtlingsliteratur - V. Soziales aus Rußland
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Man sieht, das Gemeinde-Eigentum in Rußland hat seine Blütezeit
längst passiert und geht allem Anscheine nach seiner Auflösung
entgegen. Dennoch ist unleugbar die Möglichkeit vorhanden, diese
Gesellschaftsform in eine höhere überzuführen, falls sie sich so
lange erhält, bis die Umstände dazu reif sind, und falls sie sich
in der Weise entwicklungsfähig zeigt, daß die Bauern das Land
nicht mehr getrennt, sondern gemeinsam bebauen *); sie in diese
höhere Form überzuführen, ohne daß die russischen Bauern die Zwi-
schenstufe des bürgerlichen Parzellen-Eigentums durchzumachen
hätten. Dies kann aber nur dann geschehen, wenn in Westeuropa
noch vor dem gänzlichen Zerfall des Gemeinde-Eigentums eine pro-
letarische Revolution siegreich durchgeführt wird und dem russi-
schen Bauer die Vorbedingungen zu dieser Überführung liefert, na-
mentlich auch die materiellen, deren er bedarf, um nur die damit
notwendig verbundene Umwälzung in seinem ganzen Ackerbausystem
durchzusetzen. Es ist also reines Geflunker, wenn Herr Tkatschow
sagt, die russischen Bauern, obwohl "Eigentümer", stehen "näher
zum Sozialismus" als die eigentumslosen Arbeiter Westeuropas.
Ganz im Gegenteil. Wenn etwas noch das russische Gemeinde-Eigen-
tum retten und ihm die Gelegenheit geben kann, sich in eine neue,
wirklich lebensfähige Form umzuwandeln, so ist es eine proletari-
sche Revolution in Westeuropa.
Ebenso leicht wie mit der ökonomischen Revolution, macht es sich
Herr Tkatschow mit der politischen. Das russische Volk, erzählt
er, "protestiert unaufhörlich" gegen die Sklaverei, bald in Form
"religiöser Sekten... Verweigerung der Steuern... Räuberbanden"
(die deutschen Arbeiter werden sich gratulieren, daß hiernach
Schinderhannes der Vater der deutschen Sozialdemokratie ist) "...
Brandstiftungen... Aufständen... und darum kann man das russische
Volk einen instinktiven Revolutionär nennen". Und somit ist
Tkatschow überzeugt, "es sei nur nötig, das angehäufte Gefühl der
Erbitterung und der Unzufriedenheit, das... immer in der Brust
unseres Volks kocht, in mehreren Ortschaften gleichzeitig wach-
zurufen". Dann werde "die Vereinigung der revolutionären Kräfte
schon von selbst zustande kommen, und der Kampf... günstig für
die Sache des Volks werden müssen. Die praktische Notwendigkeit,
der Instinkt der Selbsterhaltung"
---
*) In Polen, besonders im Gouvernement Grodno, wo der Adel durch
den Aufstand von 1863 großenteils ruiniert ist, kaufen oder pach-
ten die Bauern jetzt häufig adlige Güter und bebauen sie unge-
teilt und für gemeinsame Rechnung. Und diese Bauern haben seit
Jahrhunderten kein Gemeinde-Eigentum mehr und sind keine Großrus-
sen, sondern Polen, Litauer und Weißrussen.
#566# Friedrich Engels
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erzielt dann ganz von selbst "ein festes und unzerreißbares Bünd-
nis unter den protestierenden Gemeinden".
Leichter und angenehmer kann man sich eine Revolution gar nicht
vorstellen. Man schlägt an drei, vier Orten gleichzeitig los, und
der "instinktive Revolutionär", die "praktische Notwendigkeit",
der "Instinkt der Selbsterhaltung" tun alles andere "schon von
selbst". Warum bei dieser spielenden Leichtigkeit die Revolution
nicht längst gemacht, das Volk befreit und Rußland in das sozia-
listische Musterland verwandelt ist, das ist rein nicht zu be-
greifen.
In der Tat steht es ganz anders. Das russische Volk, dieser in-
stinktive Revolutionär, hat zwar zahllose vereinzelte Bauernauf-
stände gegen den Adel und gegen einzelne Beamte gemacht, aber nie
gegen den Zar, es sei denn, daß sich ein falscher Zar an seine
Spitze stellte und den Thron reklamierte. Der letzte große Bau-
ernaufstand unter Katharina II. wurde nur dadurch möglich, daß
Jemeljan Pugatschow sich für deren Gemahl Peter III. ausgab, der
von seiner Frau nicht ermordet, sondern entthront und einge-
steckt, nun aber entkommen sei. Der Zar im Gegenteil ist des rus-
sischen Bauern irdischer Gott: Bog vysok, Car daljok, Gott ist
hoch und der Zar ist fern, ist sein Notschrei. Daß die Masse der
Bauernbevölkerung, namentlich seit der Ablösung der Fronden, in
eine Lage versetzt worden, die ihr den Kampf auch gegen die Re-
gierung und den Zaren mehr und mehr aufzwingt, daran ist kein
Zweifel; aber das Märchen vom "instinktiven Revolutionär" mag
Herr Tkatschow woanders unterzubringen suchen.
Und dann, selbst wenn die Masse der russischen Bauern noch so
instinktiv-revolutionär wäre, selbst wenn wir uns vorstellen, man
könne Revolutionen auf Bestellung machen, wie man ein geblümtes
Stück Kattun oder einen Teekessel macht - selbst dann frage ich,
ist es einem Menschen von mehr als zwölf Jahren gestattet, sich
den Gang einer Revolution in so überkindlicher Weise vorzustel-
len, wie dies hier geschieht? Und nun bedenke man noch, daß dies
geschrieben wurde, nachdem die erste nach diesem bakunistischen
Modell angefertigte Revolution - die von 1873 in Spanien - so
brillant gescheitert war. Auch dort wurde an mehreren Orten
zugleich losgeschlagen. Auch dort rechnete man darauf, daß die
praktische Notwendigkeit, der Instinkt der Selbsterhaltung, schon
von selbst ein festes und unzerreißbares Bündnis unter den prote-
stierenden Gemeinden zustande bringen werde. Und was geschah?
Jede Gemeinde, jede Stadt verteidigte nur sich selbst, von gegen-
seitiger Unterstützung war keine Rede, und mit nur 3000 Mann warf
Pavía in 14 Tagen eine Stadt nach der andern nieder
#567# Flüchtlingsliteratur - V. Soziales aus Rußland
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und machte der ganzen anarchischen Herrlichkeit eine Ende (vgl.
meine "Bakunisten an der Arbeit" 1*), wo dies im einzelnen ge-
schildert).
Kein Zweifel, Rußland steht am Vorabend einer Revolution. Die
Finanzen sind zerrüttet bis aufs äußerste. Die Steuerschraube
versagt den Dienst, die Zinsen der alten Staatsschulden werden
bezahlt mit neuen Anleihen, und jede neue Anleihe stößt auf grö-
ßere Schwierigkeiten; kann man sich doch das Geld nur noch ver-
schaffen unter dem Vorwand des Eisenbahnbaues! Die Verwaltung von
jeher durch und durch korrumpiert; die Beamten mehr von Dieb-
stahl, Bestechung und Erpressung lebend als vom Gehalt. Die ganze
ländliche Produktion - die bei weitem wesentlichste für Rußland -
vollständig in Unordnung gebracht durch die Ablösung von 1861 ;
der große Grundbesitz ohne hinreichende Arbeitskräfte, die Bauern
ohne hinreichendes Land, von Steuern erdrückt, von Wucherern aus-
gesogen ; die Ackerbauproduktion 2*) von Jahr zu Jahr abnehmend.
Das Ganze mühsam und äußerlich zusammengehalten durch einen ori-
entalischen Despotismus, von dessen Willkürlichkeit wir im Westen
uns gar keine Vorstellung zu machen vermögen; einen Despotismus,
der nicht nur von Tag zu Tag in schreienderen Widerspruch tritt
mit den Anschauungen der aufgeklärten Klassen und namentlich
denen der rasch wachsenden hauptstädtischen Bourgeoisie, sondern
der auch unter seinem jetzigen Träger irre geworden ist an sich
selbst, der heute dem Liberalismus Konzessionen macht, um sie
morgen erschrocken wieder zurückzunehmen, und der sich damit
selbst mehr und mehr um allen Kredit bringt. Dabei unter den in
der Hauptstadt konzentrierten aufgeklärteren Schichten der Nation
eine zunehmende Erkenntnis, daß diese Lage unhaltbar, daß eine
Umwälzung bevorstehend ist, und die Illusion, diese Umwälzung in
ein ruhiges konstitutionelles Bett leiten zu können. Hier sind
alle Bedingungen einer Revolution vereinigt, einer Revolution,
die von den höheren Klassen der Hauptstadt, vielleicht gar von
der Regierung selbst eingeleitet, durch die Bauern weiter und
über die erste konstitutionelle Phase rasch hinausgetrieben wer-
den muß; einer Revolution, die für ganz Europa schon deswegen von
der höchsten Wichtigkeit sein wird, weil sie die letzte, bisher
intakte Reserve der gesamteuropäischen Reaktion mit einem Schlage
vernichtet. Diese Revolution ist im sichern Anzug. Nur zwei Er-
eignisse könnten sie länger hinausschieben: ein glücklicher Krieg
gegen die Türkei oder Österreich, wozu Geld und sichere Allianzen
gehören, oder aber - ein vorzeitiger Aufstandsversuch, der die
besitzenden Klassen der Regierung wieder in die Arme jagt.
F. Engels
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1*) Siehe vorl. Band, S. 476-493 - 2 (1894): der Ackerbauertrag
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