Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Karl Marx
Nachwort [zu "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß
zu Köln" [411]]
Die "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln" 1*), deren
Wiederveröffentlichung der "Volksstaat" für zeitgemäß hielt, er-
schienen ursprünglich zu Boston (Massachusetts) und zu Basel.
Letztere Auflage ward größtenteils an der deutschen Grenze kon-
fisziert. Die Schrift sah das Licht wenige Wochen nach Schluß des
Prozesses. Damals galt es vor allem, keine Zeit zu verlieren, und
war daher mancher Irrtum im einzelnen unvermeidlich. So z.B. in
der Namensangabe der Kölner Geschworenen. So soll nicht M. Heß,
sondern ein gewisser Levy der Verfasser des roten Katechismus
sein. [412] So versichert W. Hirsch in seiner "Rechtfertigungs-
schrift" [413], Chervals Flucht aus dem Pariser Gefängnis sei
zwischen Greif, der französischen Polizei und Cherval selbst
abgekartet worden, um letzteren während der Gerichtsverhandlungen
als Mouchard zu London verwenden zu können. Es ist dies wahr-
scheinlich, weil eine in Preußen begangene Wechselfälschung und
die daraus entspringende Gefahr der Auslieferung den Crämer (dies
der wirkliche Name Chervals) kirren mußten. Meine Darstellung des
Vorganges beruht auf "Selbstgeständnissen" Chervals an einen
meiner Freunde. Hirschs Angabe wirft ein noch grelleres Licht auf
Stiebers Meineid, die Ränke der preußischen Gesandtschaft zu
London und zu Paris, die schamlosen Eingriffe Hinckeldeys.
Als der "Volksstaat" das Pamphlet in seinen Spalten abzudrucken
begann, schwankte ich einen Augenblick, ob es nicht passend sei,
Abschnitt VI (Fraktion Willich-Schapper) 2*) wegzulassen. Bei nä-
herem Erwägen jedoch erschien jede Verstümmelung des Textes als
Fälschung eines historischen Dokuments.
Der gewaltsame Niederschlag einer Revolution läßt in den Köpfen
ihrer Mitspieler, namentlich der vom heimischen Schauplatz ins
Exil geschleuderten,
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1*) Siehe Band 8 unserer Ausgabe - 2*) ebenda, S. 458-464
#569# Nachwort zu "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß..."
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eine Erschütterung zurück, welche selbst tüchtige Persönlichkei-
ten für kürzere oder längere Zeit sozusagen unzurechnungsfähig
macht. Sie können sich nicht in den Gang der Geschichte finden,
sie wollen nicht einsehen, daß sich die Form der Bewegung verän-
dert hat. Daher Konspirations- und Revolutionsspielerei, gleich
kompromittierlich für sie selbst und die Sache, in deren Dienst
sie stehen; daher auch die Fehlgriffe Schappers und Willichs.
Willich hat im nordamerikanischen Bürgerkriege gezeigt, daß er
mehr als ein Phantast ist, und Schapper, lebenslang Vorkämpfer
der Arbeiterbewegung, erkannte und bekannte, bald nach Ende des
Kölner Prozesses, seine augenblickliche Verirrung. Viele Jahre
später, auf seinem Sterbebett, einen Tag vor seinem Tode, sprach
er mir noch mit beißender Ironie von jener Zeit der
"Flüchtlingstölpelei". - Andererseits erklären die Umstände, in
denen die "Enthüllungen" verfaßt wurden, die Bitterkeit des An-
griffs auf die unfreiwilligen Helfershelfer des gemeinsamen Fein-
des. In Augenblicken der Krise wird Kopflosigkeit zum Verbrechen
an der Partei, das öffentliche Sühne herausfordert.
"Die ganze Existenz der politischen Polizei hängt von der Ent-
scheidung dieses Prozesses ab!" In diesen Worten, die Hinckeldey
während der Kölner Gerichtsverhandlungen an die Gesandtschaft zu
London schrieb (siehe meine Schrift "Herr Vogt", pag. 27 1*)),
verriet er das Geheimnis des Kommunistenprozesses. "Die ganze
Existenz der politischen Polizei", das ist nicht nur die Existenz
und Tätigkeit des mit diesem Fache unmittelbar betrauten Perso-
nals. Es ist die Unterordnung der ganzen Regierungsmaschinerie
mit Einschluß der Gerichte (siehe das preußische Disziplinarge-
setz für die richterlichen Beamten vom 7. Mai 1851 [414]) und der
Presse (siehe Reptilienfonds [271]) unter jenes Institut, wie das
gesamte Staatswesen in Venedig der Staatsinquisition unterworfen
war. Die politische Polizei, während des Revolutionssturms in
Preußen lahmgelegt, bedurfte einer Umgestaltung, für welche das
zweite französische Kaiserreich mustergültig war und blieb.
Nach dem Untergange der Revolution von 1848 existierte die deut-
sche Arbeiterbewegung nur noch unter der Form theoretischer, zu-
dem in enge Kreise gebannter Propaganda, über deren praktische
Gefahrlosigkeit die preußische Regierung sich keinen Augenblick
täuschte. Ihr galt die Kommunistenhetze nur als Einleitung zum
Reaktionskreuzzug gegen die liberale Bourgeoisie, und die Bour-
geoisie selbst stählte die Hauptwaffe dieser Reaktion, die poli-
tische Polizei, durch die Verurteilung der Arbeitervertreter
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1*) Vgl. Band 14 unserer Ausgabe, S. 427
#570# Karl Marx
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und die Freisprechung von Hinckeldey-Stieber. So verdiente Stie-
ber seine Rittersporen vor den Assisen zu Köln. Damals war Stie-
ber der Name eines untergeordneten Polizei-Individuums, auf wil-
der Jagd nach Gehalts- und Amtserhöhung; jetzt bedeutet Stieber
die unbeschränkte Herrschaft der politischen Polizei im neuen
heiligen preußisch-deutschen Reiche. Er hat sich so gewissermaßen
in eine moralische Person verwandelt, moralisch in dem bildlichen
Sinne, wie z.B. der Reichstag ein moralisches Wesen ist. Und
diesmal schlägt die politische Polizei nicht auf den Arbeiter, um
den Bourgeois zu treffen. Umgekehrt. Grade in seiner Eigenschaft
als Diktator der deutsch-liberalen Bourgeoisie wähnt Bismarck
sich stark genug, die Arbeiterpartei aus der Welt stiebern zu
können. An dem Wachstum der Größe Stieber kann das deutsche
Proletariat daher den Fortschritt der Bewegung messen, die es
selbst seit dem Kölner Kommunistenprozeß zurückgelegt hat.
Die Unfehlbarkeit des Papstes ist eine Kinderei verglichen mit
der Unfehlbarkeit der politischen Polizei. Nachdem sie in Preußen
während ganzer Dezennien jugendliche Brauseköpfe ins Loch ge-
steckt, von wegen Schwärmerei für deutsche Einheit, deutsches
Reich, deutsches Kaisertum, kerkert sie heuerig sogar alte Glatz-
köpfe ein, die für jene Gottesgaben zu schwärmen verweigern.
Heute müht sie sich ebenso vergeblich ab, die Reichsfeinde auszu-
roden, wie damals die Reichsfreunde. Welch schlagender Beweis,
daß sie nicht dazu berufen ist, Geschichte zu machen, wäre es
auch nur die Geschichte des Zanks um des Kaisers Bart!
Der Kommunistenprozeß zu Köln selbst brandmarkt die Ohnmacht der
Staatsmacht in ihrem Kampf gegen die gesellschaftliche Entwick-
lung. Der kgl. preußische Staatsanwalt begründete die Schuld der
Angeklagten schließlich damit, daß sie die staatsgefährlichen
Prinzipien des "Kommunistischen Manifestes" heimlich verbreite-
ten. Und werden trotzdem dieselben Prinzipien zwanzig Jahre spä-
ter nicht in Deutschland auf offener Straße verkündet? Erschallen
sie nicht selbst von der Tribüne des Reichtstags? Haben sie in
der Gestalt des Programms der Internationalen Arbeiterassoziation
nicht die Reise um die Welt gemacht, allen Regierungssteckbriefen
zum Trotz? Die Gesellschaft findet nun einmal nicht ihr Gleichge-
wicht, bis sie sich um die Sonne der Arbeit dreht.
Die "Enthüllungen" sagen am Schluß: "Jena!... das ist das letzte
Wort für eine Regierung, die solcher Mittel zum Bestehen, und für
eine Gesellschaft, die solch einer Regierung zum Schutze bedarf.
Das ist das letzte Wort des Kommunistenprozesses - Jena!" 1*)
Eine gelungene Vorhersage
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1*) Vgl. Band 8 unserer Ausgabe, S. 470
#571# Nachwort zu "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß..."
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dies, kichert der erste beste Treitschke mit stolzem Hinweis auf
Preußens jüngste Waffen tat und das Mausergewehr. Mir genügt zu
erinnern, daß es nicht nur ein inneres Düppel gibt, sondern auch
ein inneres Jena [415].
London, den 8.Januar 1875
Karl Marx
Nach: "Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln",
Neuer Abdruck, Leipzig 1875.
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