Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Karl Marx/Friedrich Engels
Für Polen [416]
["Der Volksstaat" Nr. 34 vom 24. März 1875]
Auch in diesem Jahr fand zu London eine Gedenkfeier des pol-
nischen Aufstands vom 22. Januar 1863 statt. An dem Fest betei-
ligten sich unsere deutschen Parteigenossen sehr zahlreich; meh-
rere derselben hielten Ansprachen, u.a. Engels und Marx.
"Man sprach hier", sagte Engels, "über die Gründe, durch welche
die Revolutionäre aller Länder bestimmt werden, mit der Sache Po-
lens zu sympathisieren und für sie einzutreten. Nur eins hat man
zu erwähnen vergessen, und zwar dies: daß die politische Lage, in
welche Polen gebracht worden ist, eine durch und durch revolutio-
näre ist, daß sie Polen keine andere Wahl läßt, als revolutionär
zu sein oder unterzugehen. Das zeigte sich schon nach der ersten
Teilung, welche hervorgerufen wurde durch die Anstrengungen des
polnischen Adels, eine Konstitution und Privilegien zu erhalten,
welche ihr Existenzrecht verloren hatten und das Land und die
allgemeine Ordnung schädigten, anstatt die Ruhe zu erhalten und
den Fortschritt zu sichern. Schon nach der ersten Teilung er-
kannte ein Teil des Adels den Fehler und kam zu der Überzeugung,
daß Polen nur durch Revolution wiederhergestellt werden kann; -
und 10 Jahre später sahen wir Polen für die Freiheit in Amerika
kämpfen. Die Französische Revolution von 1789 fand sofort ihren
Widerhall in Polen. Die Konstitution von 1791 mit den Menschen-
rechten wurde zur Fahne der Revolution an den Ufern der Weichsel
und machte aus Polen die Vorhut des revolutionären Frankreich,
und das in dem Augenblick, wo die drei Mächte, welche schon ein-
mal Polen beraubt hatten, sich vereinigten, um nach Paris zu mar-
schieren und die Revolution zu ersticken. Konnten sie es dulden,
daß im Zentrum der Koalition die Revolution sich festnistete? Un-
möglich. Wieder warfen sie sich auf Polen, diesmal in der Ab-
sicht, es vollständig der nationalen
#573# Für Polen
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Existenz zu berauben. Die Entfaltung der revolutionären Fahne war
eine der Hauptgründe für die Unterjochung Polens. Das Land, wel-
ches zerstückelt und aus der Liste der Völker gestrichen worden
ist, weil es revolutionär war, kann nirgends anders sein Heil su-
chen als in der Revolution. Und deshalb finden wir in allen revo-
lutionären Kämpfen Polen. Polen begriff das 1863 und veröffent-
lichte während des Aufstandes, dessen Jahrestag wir heute bege-
hen, das radikalste revolutionäre Programm, das je im Osten Euro-
pas aufgestellt worden ist. Es wäre lächerlich, wollte man, weil
eine polnische aristokratische Partei besteht, die polnischen Re-
volutionäre für Aristokraten halten, die ein aristokratisches Po-
len von 1772 wiederaufbauen wollten. Das Polen von 1772 ist auf
ewig verloren. Keine Macht wird imstande sein, es aus dem Grab zu
heben. Das neue Polen, welches die Revolution auf die Füße stel-
len wird, ist in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht von
dem Polen des Jahres 1772 ebenso grundverschieden, wie die neue
Gesellschaft, der wir entgegeneilen, grundverschieden ist von der
heutigen Gesellschaft.
Noch ein Wort. Keiner kann ungestraft ein Volk knechten. Die drei
Mächte, die Polen ermordeten, sind schwer bestraft. Blicken wir
auf mein eigenes Vaterland: Preußen-Deutschland. Unter der Firma
der nationalen Vereinigung brachten wir Polen, Dänen und Franzo-
sen an uns - und haben ein dreifaches Venedig [417]; haben über-
all Feinde, beladen uns mit Schulden, Steuern, um unzählige Mas-
sen Soldaten zu erhalten, welche zugleich zur Unterdrückung der
deutschen Arbeiter dienen müssen. Österreich, sogar das offi-
zielle, weiß sehr gut, wie schwer ihm das Stückchen Polen ist.
Zur Zeit des Krimkrieges war Österreich bereit, gegen Rußland zu
gehen, unter der Bedingung, daß Russisch-Polen besetzt und frei
gemacht würde. Das war jedoch nicht im Plan des Louis-Napoleon,
und noch weniger im Plan des Palmerston. Und was Rußland anbe-
trifft, so sehen wir: Im Jahre 1861 brach die erste bedeutende
Bewegung unter den Studenten aus, die um so gefährlicher war, als
sich das Volk überall infolge der Befreiung der leibeignen Bauern
in großer Aufregung befand; und was tat die russische Regierung,
die sehr gut die Gefahr sah? - Sie rief in Polen den Aufstand von
1863 hervor; denn es ist erwiesen, daß dieser Aufstand ihr Werk
ist. Die Bewegung unter den Studenten, die tiefe Aufregung im
Volke verschwand sofort und machte Platz dem russischen Chauvi-
nismus, welcher sich über Polen ergoß, als es die Erhaltung der
russischen Herrschaft in Polen galt. So ging die erste bedeutende
Bewegung in Rußland infolge der unheilvollen Bekämpfung Polens
zugrunde. Wahrhaftig, die Wiederherstellung Polens liegt im In-
teresse des revolutionären Rußland, und mit Freuden
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vernehme ich heute abend, daß diese Meinung übereinstimmt mit den
Überzeugungen der russischen Revolutionäre" (die sich auf dem
Meeting in diesem Sinn ausgesprochen hatten [418]).
Marx sagte ungefähr: Die Arbeiterpartei von Europa nimmt das ent-
schiedenste Interesse an der Emanzipation Polens, und das ur-
sprüngliche Programm der Internationalen Arbeiterassoziation
spricht die Wiederherstellung Polens als eins der Ziele der Ar-
beiterpolitik aus 1*). Welches sind die Gründe dieser speziellen
Teilnahme der Arbeiterpartei an dem Schicksale Polens?
Zunächst natürlich die Sympathie für ein unterjochtes Volk, das
durch ununterbrochenen heldenmütigen Kampf gegen seine Unterdrüc-
ker sein historisches Recht auf nationale Selbständigkeit und
Selbstbestimmung bewiesen hat. Es ist durchaus kein Widerspruch,
daß die internationale Arbeiterpartei die Herstellung der pol-
nischen Nation erstrebt. Im Gegenteil: nur nachdem Polen seine
Unabhängigkeit wiedererobert hat, nachdem es als selbständiges
Volk wieder über sich selbst verfügen kann, nur dann kann seine
innere Entwicklung wieder beginnen und kann es an der sozialen
Umgestaltung Europas selbständig mitwirken. Solange ein lebensfä-
higes Volk von einem auswärtigen Eroberer gefesselt ist, wendet
es alle seine Kraft, alle seine Anstrengungen, alle seine Energie
notwendig gegen den äußeren Feind; solange bleibt also sein in-
neres Leben paralysiert, solange bleibt es unfähig, für die so-
ziale Emanzipation zu arbeiten. Irland, Rußland unter der mongo-
lischen Herrschaft etc. bieten schlagende Beweise für diesen
Satz.
Ein anderer Grund der Sympathie der Arbeiterpartei für die Aufer-
stehung Polens ist seine besondere geographische, militärische
und historische Lage. Die Teilung Polens ist der Kitt, der die
drei großen Militärdespotien: Rußland, Preußen und Österreich zu-
sammenbindet. Nur die Wiederaufrichtung Polens kann dieses Band
zerreißen und damit das größte Hindernis der sozialen Emanzipa-
tion der europäischen Völker aus dem Wege räumen.
Der Hauptgrund der Sympathie der Arbeiterklasse für Polen ist je-
doch der: Polen ist nicht nur der einzige slawische Volksstamm,
es ist das einzige europäische Volk, welches als kosmopolitischer
Soldat der Revolution gekämpft hat und kämpft. Polen hat sein
Blut vergossen im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg; seine Le-
gionen haben unter der Fahne der ersten Französischen Republik
gekämpft; durch seine Revolution von 1830
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1*) Siehe Band 16 unserer Ausgabe, S. 13
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verhinderte es die Invasion Frankreichs, die damals zwischen den
Teilern Polens beschlossen war; 1846 zu Krakau pflanzte es zuerst
in Europa die Fahne der sozialen Revolution auf; 1848 nimmt es
einen hervorragenden Anteil an den Revolutionskämpfen in Ungarn,
Deutschland und Italien; endlich 1871 liefert es der Pariser Kom-
mune die besten Generale und die heroischsten Soldaten.
In den kurzen Augenblicken, wo die Volksmassen in Europa sich
frei bewegen konnten, haben sie sich dessen erinnert, was sie Po-
len schulden. Nach der siegreichen Märzrevolution zu Berlin 1848
war es die erste Tat des Volkes, die polnischen Gefangenen, Mie-
roslawski und dessen Leidensgefährten, in Freiheit zu setzen und
die Wiederherstellung Polens zu proklamieren; zu Paris im Mai
1848 marschierte Blanqui an der Spitze der Arbeiter gegen die re-
aktionäre Nationalversammlung, um ihr eine bewaffnete Interven-
tion für Polen aufzuzwingen ; endlich 1871, als die Pariser Ar-
beiter sich als Regierung konstituiert hatten, ehrten sie Polen,
indem sie seinen Söhnen die militärische Führung ihrer Streit-
kräfte anvertrauten.
Auch in diesem Augenblicke läßt sich die deutsche Arbeiterpartei
nicht im geringsten beirren durch das reaktionäre Auftreten der
polnischen Deputierten auf dem deutschen Reichstage; sie weiß,
daß diese Herren nicht für Polen, sondern für ihre Privatinteres-
sen handeln; sie weiß, daß der polnische Bauer, Arbeiter, kurz,
jeder nicht durch Standesinteresse verblendete Pole begreifen
muß, daß Polen in Europa nur einen Alliierten hat und haben kann
- die Arbeiterpartei [419]. - Es lebe Polen!
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