Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Friedrich Engels
Offiziöses Kriegsgeheul [420]
["Der Volksstaat" Nr. 46 vom 23. April 1875]
Die Preßreptilien des Deutschen Reichs haben wieder einmal Befehl
erhalten, in die Kriegstrompete zu tuten. Das gottlose verkommene
Frankreich will das gottesfürchtige und unter der Herrschaft des
Börsenschwindels, der Gründungen und des Krachs [384] so herrlich
emporblühende Deutschland nun einmal um keinen Preis in Ruhe las-
sen. Frankreich rüstet auf kolossalstem Maßstab, und die Hoch-
druckgeschwindigkeit, mit der diese Rüstungen betrieben werden,
ist der beste Beweis, daß es beabsichtigt, womöglich schon im
nächsten Jahr über das unschuldige friedfertige Bismarcksche
Reich herzufallen, das bekanntlich nie das kleinste Wässerchen
getrübt hat, das in einem fort abrüstet und von dem nur die
reichsfeindliche Presse die Verleumdung verbreitet, es habe
soeben erst durch ein Landsturmgesetz zwei Millionen Bürger in
Reservesoldaten verwandelt [421].
Die Preßreptile haben einen schweren Stand. Während sie im Dienst
des Auswärtigen Amtes das Reich als ein Lamm von unerhörter
Sanftmut darstellen müssen, findet es das Kriegsministerium in
seinem Interesse, dem deutschen Bourgeois verständlich zu machen,
daß für sein schweres Steuergeld auch etwas geschieht, daß die
beschlossenen Rüstungen auch wirklich ausgeführt, die Festungen
gebaut, die Cadres und Mobilmachungspläne für die vielen
"Beurlaubten" fertiggemacht werden, daß die Schlagfertigkeit des
Heeres sich mit jedem Tage erhöht. Und da die in dieser Beziehung
gemachten Mitteilungen authentisch sind und obendrein von sach-
verständigen Leuten herrühren, so sind wir vollkommen imstande,
das Kriegsgeheul der Preßunken zu beurteilen.
Das neue französische Cadresgesetz [422] gibt den Vorwand ab zu
dem ganzen Lärm. Vergleichen wir also die dadurch in Frankreich -
vorerst
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noch auf dem Papier - geschaffenen Einrichtungen mit den in
Deutschland wirklich bestehenden, und halten wir uns dabei, der
Kürze wegen, vorzüglich an die entscheidende Waffe, die Infante-
rie.
Im ganzen stellt sich heraus, daß das neue französische Gesetz
eine bedeutend verschlechterte Ausgabe des preußischen ist.
Die französische Linieninfanterie soll bestehn aus 144 Linien-, 4
Zuaven- und 3 Turkos-Regimentern à 4 Bataillonen, 30 Jägerbatail-
lonen, 4 Fremden- und 5 Strafbataillonen, im ganzen 643 Bataillo-
nen, wogegen die deutsche Linienarmee allerdings nur mit 468 Ba-
taillonen figuriert. Diese Überlegenheit der französischen Linie
ist jedoch purer Schein.
Erstens hat das französische Bataillon, wie das preußische, zwar
vier Kompanien, aber jede Kompanie nur vier Offiziere statt fünf,
und von diesen vieren ist einer ein Reserveoffizier, welche Spe-
zies bis jetzt in Frankreich noch gar nicht existiert. In
Frankreich kam bisher auf 35-40 Mann ein Offizier, und bei dem
veralteten und umständlichen französischen Exerzierreglement ist
das auch nötig, während man in Preußen mit einem Offizier auf 50
Mann ganz gut fertig wurde. Es ist dies aber auch das Maximum,
und war man daher auch in dem Ausschuß der Nationalversammlung,
der dies Gesetz beriet, darüber einig, daß man höchstens 200 Mann
in die Kompanie werde einstellen können. Die französische Kompa-
nie ist also gegen die preußische numerisch um 25 Prozent schwä-
cher, und da der Reserveoffizier vorderhand nicht existiert und
auch auf lange Jahre hinaus nicht existieren wird, ihr auch in
organisatorischer Beziehung bei weitem nicht gewachsen. Da aber
jetzt die Kompanie - durch die Hinterlader - die taktische Ein-
heit im Gefecht geworden ist und das Gefecht der Kompaniekolonnen
und der auf sie gestützte Tirailleurkampf starke Kompanien erfor-
dert, so hat die Nationalversammlung hier der französischen Armee
den größten Schaden angetan, den sie ihr antun konnte.
Die französische Linie zählt demnach auf dem Kriegsfuß
606 Linienbataillone à 800 Mann 484 800 Mann,
Zuaven, Turkos, Fremdenlegion, Strafbataillone 46 000 Mann,
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zusammen 530 800 Mann,
wovon aber mindestens 40 000 Mann für Algier abgehn, die erst
verwendbar werden, sobald neue Formationen imstande sind, sie ab-
zulösen. Es bleiben also zur Eröffnung des Kriegs 490 800 Mann
Infanterie. Die 468 Bataillone der deutschen Infanterie zählen
jedes 1050 Mann auf dem Kriegsfuß, zusammen nach offizieller An-
gabe 490 480 Mann, fast genausoviel wie die französische Linie.
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Bis hierher also Gleichheit der Zahl, bessere und stärkere Orga-
nisation auf Seite Deutschlands. Jetzt aber kommt der Unter-
schied.
Auf Seite Frankreichs machen obige 643 schwache Bataillone die
gesamte Infanterie aus, für welche überhaupt eine kriegsmäßige
Organisation besteht. Allerdings sollen die 318 Depotkompanien
der Linie und der Jäger im ganzen 249 480 überzählige Reservisten
enthalten (eingeschlossen 50 resp. 40 Offiziere und Unteroffi-
ziere per Kompanie), aber hiervon existieren bisher bloß die
Leute, und zwar größtenteils ganz unexerziert, und die Exerzier-
ten mit meist nur sechsmonatlicher Dienstzeit. Von den Offizieren
und Unteroffizieren ist höchstens ein Viertel vorhanden. Bis
diese 318 Depotkompanien sich in 318 mobile Bataillone verwan-
deln, kann der ganze Feldzug entschieden sein, und was davon ins
Feuer kommt, wird an Qualität die Mobilgarden von 1870 nicht
übertreffen. Dann bleibt noch die Territorialarmee, die die Leute
vom 30. bis zum 40. Jahr umfaßt und die in 144 Regimentern zu 3
Bataillonen, also 432 Bataillonen, organisiert werden soll. Alles
dies besteht nur auf dem Papier. Um eine solche Einrichtung wirk-
lich durchzuführen, braucht man an 10 000 Offiziere und 20 000
Unteroffiziere, von denen bis jetzt fast buchstäblich kein einzi-
ger vorhanden ist. Und woher sollen diese Offiziere kommen? Es
hat fast zwei Generationen gedauert, bis in Preußen die einjähri-
gen Freiwilligen brauchbare Reserve-und Landwehroffiziere liefer-
ten; noch in den vierziger Jahren wurden sie in fast allen Regi-
mentern als ein Schaden angesehen und demgemäß behandelt. Und in
Frankreich, wo eine solche Institution gegen alle Traditionen der
revolutionären Gleichheit verstößt, wo die Einjährigen von den
Offizieren verachtet und von den Soldaten gehaßt werden, ist mit
ihnen erst recht nichts anzufangen. Eine andere Quelle für Reser-
veoffiziere existiert aber nicht.
Was die Unteroffiziere und Leute angeht, so prahlten bekanntlich
die Sieger von Sadowa [241] 1866, daß das lange Bestehen dés
Landwehrsystems in Preußen ihnen einen Vorsprung von zwanzig Jah-
ren vor jedem andern Land gebe, welches dasselbe System annehme;
erst wenn die ältesten Jahrgänge aus gedienten Leuten beständen,
trete Gleichheit mit Preußen ein; Das scheint man jetzt vergessen
zu haben, wie auch, daß in Frankreich nur die Hälfte des Jahres-
kontingents wirklich dient, die andere Hälfte nach sechsmonatli-
chem Dienst (was bei den heutigen pedantischen Reglements gänz-
lich ungenügend) entlassen wird, Reserve und Landwehr in Frank-
reich also großenteils, im Vergleich mit der preußischen, aus Re-
kruten besteht. Und da tut man, als ob man sich vor der jetzigen
französischen Territorialarmee fürchte, die aus demselben ungeüb-
ten Kanonenfutter besteht,
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das 1870 und 1871 an der Loire und bei Le Mans vor halb so star-
ken aber disziplinierten deutschen Abteilungen sich nicht halten
konnte! [423]
Damit noch nicht genug. In Preußen hat man, nach bittern Erfah-
rungen, das Mobilmachen endlich gelernt. In elf Tagen ist die
ganze Armee schlagfertig, die Infanterie schon weit früher. Dazu
gehört aber, daß alles auf die einfachste Weise eingerichtet und
daß namentlich jeder einzelne Beurlaubte schon im voraus dem
Truppenteil zugewiesen ist, in den er eintreten soll. Die Grund-
lage hierzu ist, daß jedes Regiment seinen ständigen Rekrutie-
rungsbezirk hat, aus dem sich auch das entsprechende Landwehrre-
giment in erster Linie ergänzt. Das neue französische Gesetz da-
gegen weist die Rekruten und Reservisten demjenigen Regiment zu,
das sich bei der Mobilmachung grade im Bezirk befindet. Es ge-
schah dies einer seit Napoleon eingebürgerten Tradition zuliebe,
nach der die einzelnen Regimenter abwechselnd in allen Teilen
Frankreichs garnisonieren und sich möglichst aus ganz Frankreich
rekrutieren sollen. Mußte man das letztere fallenlassen, so be-
harrte man um so entschiedener auf dem ersteren und machte damit
jenen beständigen organischen Zusammenhang zwischen Regiments-
kommando und Landwehr-Bezirkskommando unmöglich, der in Preußen
die Raschheit der Mobilmachung sicherstellt. Wenn diese sinnlose
Änderung, die bei den Spezialwaffen noch viel mehr Störungen an-
richten muß als bei der Infanterie, bei dieser letzteren die Mo-
bilmachung auch nur um drei Tage verlängern sollte, so sind das,
einem aktiven Gegner gegenüber, die drei wichtigsten Tage des
ganzen Feldzugs.
Was bedeuten also alle die gewaltigen französischen Rüstungen?
Eine der deutschen an Zahl gleiche, aber schlechter organisierte
Linieninfanterie, die obendrein, um sich auf Kriegsfuß zu setzen,
eine Anzahl Leute von nur sechsmonatlicher Dienstzeit einziehen
muß; eine erste Reserve, worin nur sechs Monate gediente Leute
vorherrschen und für die höchstens ein Viertel der Offiziere und
Unteroffiziere vorhanden ist; eine zweite Reserve von vorwiegend
ungedienten Leuten ohne alle und jede Offiziere, und für beide
Reserven selbstredend totaler Mangel an festen Cadres. Dabei die
sichere Aussicht, daß die fehlenden Offiziere mit den jetzigen
Einrichtungen nie zu beschaffen sein werden, so daß beide Reser-
ven im Kriegsfall keiner höheren Leistungen fähig sein werden als
die im Herbst und Winter 1870 in der Eile gebildeten Bataillone.
Und nun sehen wir uns einmal das lammfromme Deutsche Reich an,
das angeblich keine Zähne hat und noch weniger solche zeigt. Eine
Linieninfanterie von 468 Bataillonen mit, auf Kriegsfuß, 490 480
Mann haben wir bereits nachgewiesen. Dazu kommen aber noch fol-
gende Neubildungen:
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Man hat seit Anfang 1872 in jedes Bataillon 36 Rekruten mehr ein-
gestellt, macht rund 17 000 Mann jährlich. Ferner hat man nach
zweijähriger Dienstzeit ein volles Viertel der Leute entlassen,
dafür aber ebenfalls eine gleiche Anzahl neuer Rekruten einge-
stellt, macht rund 28 000 Mann. Es werden also jährlich im ganzen
45 000 Mann mehr eingestellt und ausgebildet als vorher; macht
bis Ende 1875, in drei Jahren, 135 000 Mann, wozu noch 12 000
einjährige Freiwillige (à 4000 per Jahr) kommen; zusammen 147 000
Mann oder gerade genug, um für jedes der 148 Regimenter ein vier-
tes Bataillon zu bilden. Die überzähligen Ersatzkompanien zu die-
sem Zweck sind bei allen Linienregimentern bereits seit derselben
Zeit "organisatorisch vorbereitet", d.h. die Linien- und Reserve-
offiziere und Unteroffiziere, die in diese Bataillone eintreten
sollen, sind bereits festgestellt. Die vierten Bataillone können
also längstens zwei bis drei Tage nach den ersten dreien sich auf
den Marsch begeben und die Armee um 148 Bataillone à 1050 Mann =
155 400 Mann verstärken. Diese Zahlen aber drücken noch bei
weitem nicht den Machtzuwachs aus, den die Feldarmee damit er-
hält. Wer 1866 die preußischen vierten Bataillone gesehen hat,
der weiß, daß sie, vorwiegend aus kräftigen, körperlich gesetzten
Leuten von 24-27 Jahren bestehend, die Kerntruppe der Armee aus-
machen.
Neben der Bildung der vierten Bataillone geht die Organisation
der Ersatzbataillone - 148 an der Zahl, von den Ersatzkompanien
der Jäger gar nicht zu sprechen - ihren Gang voran. Sie setzen
sich zusammen aus den überzähligen gedienten Reservisten und den
ungedienten Leuten der Ersatzreserve [424]. Ihre Stärke wurde
1871 auf 188 690 Mann offiziell angegeben. Dies ist aber so zu
verstehn, daß die bereits in Friedenszeiten festgestellten Cadres
an Offizieren und Unteroffizieren imstande sind, eine solche An-
zahl von Leuten einzuexerzieren, denn die Ersatzreserve allein,
in deren erste Klasse jetzt jährlich zirka 45 000 Mann einge-
stellt werden, liefert auf sieben Jahrgänge weit mehr als obige
Anzahl. Die Ersatzbataillone sind nämlich die Behälter, aus denen
die im Felde stehenden, durch Kämpfe und mehr noch durch Strapa-
zen geschwächten Bataillone die nötigen Verstärkungen an mehr
oder weniger ausgebildeten Leuten erhalten und die sich dann
selbst immer wieder aus der Ersatzreserve ergänzen.
Gleichzeitig mit Linie und Ersatztruppen wird die Landwehr mobil
gemacht. Die ebenfalls im Frieden schon festgestellten Cadres der
Landwehr umfassen 287 Bataillone (die auf 301 gebracht werden
sollen). In den beiden letzten Kriegen wurden die Landwehrbatail-
lone nur auf 800 Mann gebracht; nehmen wir nur diese geringe
Sollstärke an, so stellt das Deutsche Reich an Landwehrinfanterie
229 600 Mann organisierter Truppen, wobei
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aber noch eine jährlich wachsende Zahl Überzähliger zur späteren
Verfügung bleibt.
Damit nicht genug, ist denn auch noch der Landsturm wieder ins
Leben gerufen worden. Nach offiziösen Nachrichten war Ende 1874
die Kriegsstärke der deutschen Infanterie bereits vermehrt worden
um 234 Bataillone Landsturm (à 800 Mann = 187 200 Mann), die Jä-
gerkompanien ungerechnet; was doch nur heißen kann, daß die
Cadres für diese Bataillone wenigstens notdürftig festgestellt
sind. Damit ist aber der Landsturm noch lange nicht erschöpft,
denn nach der triumphierenden Äußerung Voigts-Rhetz's im Reichs-
tage umfaßt er "fünf Prozent der Bevölkerung, zwei Millionen
Mann" [425].
Wie stellt sich nun die Rechnung?
Frankreich hat an Linieninfanterie, einschließlich der in Algier
dienenden Truppen, 530 800 Mann, und das ist seine gesamte orga-
nisierte Infanterie. Rechnen wir aber auch noch die ganze erste
Reserve hinzu, soweit sie irgendwelche Scheinorganisation besitzt
- 254 600 Mann (288 Depotkompanien à 800 Mann, 30 Jägerdepots à
540 Mann und 8000 überzählige Sträflinge), so gibt das im ganzen
nur 785 400 Mann zu Fuß.
Das Deutsche Reich tritt auf, elf Tage nach dem Mobilmachungsbe-
fehl,
mit einer Linieninfanterie von 490 480 Mann,
zwei bis drei Tage später
mit 148 weiteren Bataillonen 155 400 "
nach weiteren vierzehn Tagen
mit 287 Landwehrbataillonen à 800 Mann 229 600 "
und nach noch vierzehn Tagen
mit 234 Landsturmbataillonen à 800 Mann 187 200 "
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zusammen mit einer Infanterie von 1 062 680 Mann,
die bereits in Friedenszeiten fix und fertig organisiert und im
voraus mit allem Nötigen versehen ist und die 148 Ersatzbatail-
lone von der Stärke (s. oben) von 188 690 Mann zur Ergänzung der
durch den Feldzug verursachten Lücken hinter sich hat. Im ganzen
eine organisierte Infanterie-Masse von 1 251 370 Mann.
Glaubt man etwa, wir übertreiben? Keineswegs. Wir bleiben noch
hinter der Wahrheit zurück, indem wir verschiedene kleine Fakto-
ren vernachlässigen, die aber bei der Zusammenzählung eine ganz
respektable Summe ergeben. Hier der Beweis.
Die "Kölnische Z[ei]t[un]g" vom 27. Dez. 1874 enthält eine aus
dem Kriegsministerium stammende "militärische Mitteilung", aus
der wir
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folgendes ersehen: Ende 1873 betrug der Kriegsfuß der deutschen
Armee
1 361 400 M[ann], wovon Infanterie 994 900 Mann.
Dazu kamen 1874 die vierten Bataillone 155 400 "
und 234 Bataillone Landsturm 187 200 "
---------------
total Infanterie 1 337 500 Mann,
also noch fast 100 000 Mann mehr als unser Anschlag. Derselbe Ar-
tikel berechnet den gesamten Kriegsfuß aller Waffen auf 1 723 148
Mann, worunter 39 948 Offiziere; und die Franzosen haben dagegen
höchstens 950 000 Mann im voraus organisierter Truppen, worunter
785 000 Mann Infanterie!
Was die Qualität der Truppen angeht, so ist - gleiche durch-
schnittliche kriegerische Anlagen bei beiden Nationen angenommen
- die der französischen Armee seit dem Krieg sicher nicht gehoben
worden. Die Regierung hat alles getan, um die Truppen zu demora-
lisieren, namentlich durch deren Verlegung in Barackenlager, wo
der Soldat im Winter weder exerzieren noch sonst etwas treiben
konnte und sozusagen ausschließlich aufs Absinthtrinken angewie-
sen war. Es fehlt an Unteroffizieren, die Kompanien sind schwach,
die Kavallerieregimenter haben lange nicht Pferde genug. Die
"Norddeutsche] Allg[emeine] Z[ei]t[un]g" hob dies selbst noch am
14. Januar hervor; damals predigte sie noch Frieden!
Aber die neue Armeegesetzgebung stellt dem französischen Kriegs-
minister zur Verfügung: an Linie 704 714 Mann, Reserve 510 294
Mann, Territorialarmee 582 523 und Reserve derselben 625 633
Mann, zusammen 2 423 164 Mann, die im Notfall auf 2 600 000 Mann
gebracht werden können! Allerdings, obwohl General Lewal nach ge-
nauer Untersuchung der betreffenden Dokumente erklärt, diese
Summe auf 2 377 000 Mann herabsetzen zu müssen. Und auch diese
sind noch genug, um dem besten Kriegsminister den Kopf toll zu
machen. Was in aller Welt soll er mit dieser Masse zu fast zwei
Dritteln ungeübter Menschen anfangen? Wo die Offiziere und Unter-
offiziere herbekommen, ohne die er sie nicht einüben, geschweige
organisieren kann?
In Deutschland sieht es ganz anders aus. Die Stärke des Kriegsfu-
ßes wird schon in den Motiven des Reichsmilitärgesetzes angenom-
men gleich 1 500 000 Mann. Dazu kommen aber infolge dieses Geset-
zes selbst die fünf Jahrgänge der Ersatzreserve, deren Dienst-
pflicht vom 27. bis zum vollendeten 31. Jahre ausgedehnt wurde -
45 000 Mann jedes Jahr - also zirka 200 000 Mann. Mindestens
200 000 Mann Überzählige über den Kriegsfuß
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hinaus waren schon vorher auf den Registern geführt. Und dazu
kommt der Landsturm mit vollen zwei Millionen Mann; so daß der
deutsche Kriegsminister 3 900 000, wo nicht vier Millionen Mann
zu seiner Disposition hat, wobei die Armee, wie der angeführte
Offiziöse sagt,
"auch bei einem Aufgebot bis 1 800 000 Mann und darüber, mit Aus-
nahme der in die Ersatzarmee eingestellten Rekruten, durchgehend
aus gedienten und vollkommen militärisch vorgeübten Soldaten be-
stehen wird, was in Frankreich bis zur Territorialreserve auf-
wärts erst binnen zwanzig Jahren bewirkt werden möchte".
Man sieht, nicht Frankreich, sondern das Deutsche Reich preußi-
scher Nation ist der wahre Repräsentant des Militarismus. Vier
Millionen Soldaten, zehn Prozent der Bevölkerung! Nur zu. Uns
kann es ganz recht sein, daß das System bis auf die äußerste
Spitze getrieben wird. Nicht von außen durch einen andern sieg-
reichen Militärstaat, nur von innen, durch seine eignen notwendi-
gen Konsequenzen, kann dies System endgültig gebrochen werden.
Und je mehr es übertrieben wird, desto eher muß es zusammen-
brechen. Vier Millionen Soldaten! Auch die Sozialdemokratie wird
es Bismarck Dank wissen, wenn er die Zahl auf fünf oder sechs
Millionen erhöht und dann baldmöglichst auch noch die Mädchen
einstellt.
F. E.
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