Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875


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       Friedrich Engels
       
       [Vorbemerkung zu der Broschüre "Soziales aus Rußland" [409]]
       
       Die folgenden Zeilen 1*) wurden geschrieben bei Gelegenheit einer
       Polemik, in  die ich  mit einem  Herrn Peter Nikititsch Tkatschow
       verwickelt wurde.  In einem  Artikel über  die in London erschei-
       nende russische  Zeitschrift "Vorwärts" [402] ("Volksstaat" 1874,
       Nr. 117  und 118)  2*) hatte  ich Veranlassung,  den Namen dieses
       Herrn ganz  nebenbei, aber  in einer  Weise zu  erwähnen, die mir
       seine werte  Feindschaft zuzog.  Herr Tkatschow erließ unverweilt
       einen "Offenen  Brief an  Herrn Friedrich  Engels", Zürich  1874,
       worin er  mir allerhand wunderliche Dinge nachsagt und dann, mei-
       ner krassen Unwissenheit gegenüber, seine eigne Meinung vom Stand
       der Dinge  und von  den Aussichten  einer sozialen  Revolution in
       Rußland zum besten gibt. Form wie Inhalt des Machwerks trugen den
       gewöhnlichen bakunistischen  Stempel. Da  es in deutscher Sprache
       erschienen war,  hielt ich  es der  Mühe wert, im "Volksstaat" zu
       antworten (s.  "Flüchtlingsliteratur", Nr. IV und V, "Volksstaat"
       1875, Nr.  36 und  folgende 3*)).  Der erste  Teil meiner Antwort
       schilderte vorwiegend  die bakunistische  Art  des  literarischen
       Kampfs, die  einfach darin  besteht,  dem  Gegner  eine  tüchtige
       Tracht direkter  Lügen anzuhängen.  Durch Abdruck im "Volksstaat"
       war diesem vorherrschend persönlichen Teil hinlänglich Genüge ge-
       schehn. Ich  unterdrücke ihn daher hier und lasse bei dem von der
       Verlagshandlung gewünschten  Sonderabdruck nur  den zweiten  Teil
       bestehn, der  sich hauptsächlich  mit den  gesellschaftlichen Zu-
       ständen Rußlands  beschäftigt, wie  sie sich  seit 1861, seit der
       sogenannten Bauern-Emanzipation gestaltet haben.
       Die Entwicklung  der  Dinge  in  Rußland  ist  von  der  höchsten
       Wichtigkeit für  die deutsche Arbeiterklasse. Das bestehende Rus-
       sische Reich bildet
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       1*) Siehe vorl.  Band, S. 556-567 - 2*) siehe vorl. Band, S. 536-
       545 - 3*) siehe vorl. Band, S. 546-567
       
       #585# Vorbemerkung zu der Broschüre "Soziales aus Rußland"
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       den letzten  großen Rückhalt aller westeuropäischen Reaktion. Das
       hat sich  1848 und  1849 schlagend gezeigt. Weil Deutschland 1848
       versäumte, Polen  zu insurgieren und den russischen Zar mit Krieg
       zu überziehen  (wie dies die "Neue Rheinische Zeitung" von Anfang
       an verlangt  hatte), konnte  derselbe Zar 1*) 1849 die bis an die
       Tore Wiens  vorgedrungne  ungarische  Revolution  niederschlagen,
       1850 über  Österreich, Preußen  und die deutschen Kleinstaaten in
       Warschau zu Gericht sitzen und den alten Bundestag wiederherstel-
       len. Und  noch vor wenig Tagen - Anfang Mai 1875 - hat der russi-
       sche Zar  2*) ganz  wie vor  fünfundzwanzig Jahren  die Huldigung
       seiner Vasallen  in Berlin  entgegengenommen und bewiesen, daß er
       auch heute  noch der Schiedsrichter von Europa ist. Keine Revolu-
       tion in  Westeuropa kann  endgültig siegen,  solange der  jetzige
       russische Staat  neben ihr  besteht. Deutschland  aber  ist  sein
       nächster Nachbar,  auf Deutschland  fällt also  der erste Anprall
       der russischen  Reaktionsarmeen. Der  Sturz des russischen Zaren-
       staats, die  Ablösung des Russischen Reichs ist also eine der er-
       sten Bedingungen  für den endgültigen Sieg des deutschen Proleta-
       riats.
       Dieser Sturz  braucht aber  keineswegs von außen herbeigeführt zu
       werden, obwohl  ein  auswärtiger  Krieg  ihn  sehr  beschleunigen
       könnte. Im  Innern des Russischen Reichs selbst gibt es Elemente,
       die kräftig an seinem Ruin arbeiten.
       Das erste  sind die  Polen. Sie  sind durch hundertjährige Unter-
       drückung in  eine Lage  versetzt, wo  sie  entweder  revolutionär
       sein, jede wirklich revolutionäre Erhebung des Westens als ersten
       Schritt zur  Befreiung Polens  unterstützen oder  aber untergehen
       müssen. Und  gerade jetzt  sind sie  in einer  Lage, wo  sie ihre
       westeuropäischen Bundesgenossen nur im Lager des Proletariats su-
       chen können. Seit hundert Jahren werden sie fortwährend von allen
       bürgerlichen Parteien  des Westens verraten. In Deutschland zählt
       die Bourgeoisie  überhaupt erst  seit 1848,  und seitdem  war sie
       stets polenfeindlich.  In Frankreich  verriet Napoleon Polen 1812
       und verlor  infolge dieses Verrats Feldzug, Krone und Reich; sei-
       nem Beispiel  folgte 1830  und 1846  das Bürgerkönigtum, 1848 die
       bürgerliche Republik, im Krimkrieg und 1863 das zweite Kaisertum.
       Eins verriet  Polen so  schnöde wie  das andere.  Und heute  noch
       kriechen die  radikalen bürgerlichen Republikaner Frankreichs vor
       dem Zaren, um für einen erneuerten Verrat an Polen eine Revanche-
       Allianz gegen  Preußen zu  erschachern, ganz  wie  die  deutschen
       Reichsbourgeois denselben  Zar vergöttern als den Schirmherrn des
       europäischen Friedens,  d.h. des deutsch-preußischen Annexionsbe-
       standes.
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       1*) Nikolaus I. - 2*) Alexander II.
       
       #586# Friedrich Engels
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       Nirgends als  bei den  revolutionären Arbeitern  finden die Polen
       aufrichtige und  rückhaltlose Stütze,  weil beide gleiches Inter-
       esse am  Sturz des gemeinsamen Feindes haben und weil die Befrei-
       ung Polens gleichbedeutend ist mit diesem Sturz.
       Aber die  Tätigkeit der Polen ist eine örtlich begrenzte. Sie be-
       schränkt sich  auf Polen, Litauen und Kleinrußland; der eigentli-
       che Kern  des Russischen  Reichs, Großrußland, bleibt ihrer Wirk-
       samkeit so gut wie verschlossen. Die vierzig Millionen Großrussen
       sind ein viel zu großes Volk und haben eine viel zu eigentümliche
       Entwicklung gehabt,  als daß ihnen eine Bewegung von außen aufge-
       zwungen werden könnte. Dies ist aber auch gar nicht nötig. Aller-
       dings hat  die Masse des russischen Volks, die Bauern, seit Jahr-
       hunderten in einer Art geschichtsloser Versumpfung von Geschlecht
       zu Geschlecht dumpf dahingelebt; und die einzige Abwechslung, die
       diesen öden Zustand etwa unterbrach, bestand in einzelnen frucht-
       losen Aufständen  und in neuen Bedrückungen durch Adel und Regie-
       rung. Dieser  Geschichtslosigkeit  hat  die  russische  Regierung
       selbst ein  Ende gemacht  (1861) durch die nicht länger mehr auf-
       schiebbare Abschaffung  der Leibeigenschaft  und die Ablösung der
       Frondienste -  eine Maßregel, die in einer so überpfiffigen Weise
       angelegt wurde,  daß sie  die Mehrzahl  sowohl der Bauern wie der
       Adligen dem sichern Ruin entgegenführt. Die Zustände selbst also,
       in die der russische Bauer jetzt versetzt ist, treiben ihn in die
       Bewegung hinein,  eine Bewegung,  die allerdings erst im allerer-
       sten Entstehen  sich befindet,  die aber  durch die  täglich sich
       verschlimmernde ökonomische  Lage  der  Bauernmasse  unaufhaltsam
       weitergetrieben wird.  Die grollende  Unzufriedenheit der  Bauern
       ist schon  jetzt eine  Tatsache, mit der sowohl die Regierung wie
       alle unzufriedenen und Oppositionsparteien rechnen müssen.
       Es folgt  hieraus, daß,  wenn im  folgenden von  Rußland die Rede
       ist, darunter  nicht das  ganze  Russische  Reich,  sondern  aus-
       schließlich Großrußland zu verstehen ist, d.h. das Gebiet, dessen
       westlichste Gouvernements  Pskow und Smolensk und dessen südlich-
       ste Kursk und Woronesh sind.
       Geschrieben im Mai 1875.
       Nach: "Soziales aus Rußland", Leipzig 1875.

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