Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875


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       #587#
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       KARL MARX und FRIEDRICH ENGELS
       
       Aus dem handschriftlichen Nachlaß
       
       #588#
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       Friedrich Engels
       
       [Varia über Deutschland [426]]
       
       I. Einleitung 1500-1789
       1. Deutschland mehr  und mehr  zersplittert und  das Zentrum  ge-
       schwächt Ende  15. Jahrhunderts,  wo Frankreich und England schon
       mehr oder  weniger zentralisiert und die Nation sich bildet. Dies
       in Deutschland  unmöglich, weil 1. der Feudalismus später entwic-
       kelt als  bei den  durch die  Eroberung  gegangenen  Ländern;  2.
       Deutschland französische  und slawische  Bestandteile  hatte  und
       Italien als ihm gehörig und Rom als Zentrum ansah - also kein na-
       tionaler Komplex; 3. weil, und dies ist Hauptsache, die einzelnen
       Provinzen  und  Provinzgruppen  noch  vollständig  isoliert  von-
       einander, kein  Verkehr etc. (s. Bauernkrieg). Die Hansa, rheini-
       scher Städtebund  und schwäbischer  Städtebund vertraten natürli-
       che, aber getrennte Gruppen.
       Ad I,  1. Spanien,  Frankreich, England  Ende 15. Jahrhunderts in
       konstit[uierte] Nation[al-] Staaten zusammengewachsen. Diese Kon-
       solidierung epochemachend  fürs 15.  Jahrhundert. (Spanien - Ver-
       ein[igung] der  katalonischen und  kastilischen Nation[alitäten],
       Portugal, das  iber[ische] Holland, hatte sich durch seine Schif-
       fahrt die Berechtigung zu besondrer Existenz erworben, Frankreich
       - durch  die Dynastie-Hausmacht, die allmählich die Nation absor-
       bierte. England  - {England erst soweit, nachdem es seine quicho-
       tischen Eroberungspläne  in Frankreich - den deutschen Römerzügen
       ähnlich -  hatte aufgeben  müssen, an denen es verblutet wäre wie
       Deutschland an den seinigen} durch die Rosenkriege, die den hohen
       Adel vernichtet.)  Deutschland wäre trotz der ökonomischen Zusam-
       menhangslosigkeit doch  zentralisiert, und früher schon (z.B. un-
       ter den  Ottonen), wenn nicht 1. die römische Kaiserwürde mit dem
       Weltherrschaftsanspruch die  Konstituierung eines  Nationalstaats
       ausgeschlossen und  die Kräfte in den italienischen Eroberungszü-
       gen verschleudert (Nachwirkung in Östreich
       
       #590# Friedrich Engels
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       bis 1866!)  wobei die deutschen Interessen stets verraten, und 2.
       das 1*)  ... Wahlkaisertum, das nie ein Aufgehn der Nation in die
       kaiserliche Hausmacht  zuließ, sondern  stets -  und besonders im
       entscheidenden 15.  Jahrhundert - die Dynastien wechselte, sobald
       ihre Hausmacht  den Fürsten  zu groß  wurde. - Auch in Frankreich
       und Spanien  bestand ökonomische  Zersplitterung, d[ur]ch die Ge-
       walt überwunden.
       Der  "Kulturkampf"  zwischen  Kaiser  und  Papst  im  Mittelalter
       zersplitterte Deutschland und Italien (wo der Papst Hindernis der
       nationalen Einheit und zugleich oft scheinbar ihr Vertreter, aber
       doch so,  daß z.B.  Dante im  fremden Kaiser  den Retter Italiens
       sah), und  1500 hatte  der Papst  als Mittelfürst sich schon quer
       durch Italien gelegt und die Einheit materiell unmöglich gemacht.
       2. Dennoch wäre Deutschland durch die naturgemäße Entwicklung des
       Handels und durch Germanisierung der Slawen und durch Verlust der
       französischen Provinzen  und Italiens zusammengewachsen, weil der
       Weg des  Welthandels durch  Deutschland ging,  wenn nicht jetzt 2
       entscheidende Ereignisse einträten:
       a) Das deutsche Bürgertum machte seine Revolution - die zeitgemäß
       in religiöser  Form erschien -, die Reformation. Aber wie lausig!
       Ohne Reichsritterschaft und Bauern nicht durchzuführen; aber alle
       3 Stände  verhindert durch widersprechende Interessen: Ritter oft
       Räuber der  Städte (s.  Mangold von  Eberstein) und Bedrücker der
       Bauern, und Städte ebenso Bauernschinder (Ulmer Rat und Bauern!);
       Reichsritter zuerst  erheben sich,  werden von  Bürgern im  Stich
       gelassen, gehn unter; Bauern erheben sich, werden von Bürgern di-
       rekt bekämpft.  Gleichzeitig die  bürgerlich-religiöse Revolution
       so kastriert,  daß sie  den Fürsten  zusagen kann  und diese  die
       Leitung in  die Hand  bekommen.  -  Spezifisch  theologisch-theo-
       retischer Charakter der deutschen Revolution des 16. Jahrhundert.
       Vorherrschendes Interesse  für die  Dinge, die  nicht von  dieser
       Welt. Die Abstraktion von der miserablen Wirklichkeit - Basis der
       späteren theoretischen  Überlegenheit der  Deutschen von  Leibniz
       bis Hegel.
       b) Der Welthandelsweg  wird Deutschland  entzogen und Deutschland
       in einen isolierten Winkel gedrängt, dadurch die Macht der Bürger
       gebrochen, d[er] Reformation dito.
       c) Resultat, daß  2*)... cuius  regio, eius  religio 3*), und daß
       tatsächlich Deutschland  in  einen  überwiegend  protestantischen
       Norden, überwiegend
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       1*) Hier folgt in der Handschrift ein nicht zu entzifferndes Wort
       - 2*) hier  folgt in  der Handschrift  ein nicht zu entzifferndes
       Wort - 3*) wessen das Land, dessen die Religion
       
       #591# Varia über Deutschland
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       katholischen, aber  stark gemischten Südwesten und ausschließlich
       katholischen Südosten  zerfällt. Hierin schon die Mängel der Ent-
       wicklung 1740  bis 1870 (Preußen, Spaltung von Nord und Süd, end-
       lich Kleindeutschland  und Östreich). Gegensatz gegen Frankreich.
       Unterdrückung der Hugenotten (s. "Varia" p. 2  1*)).
       3. Deutschland, einmal  industriell zur  Passivität und zum Rück-
       schlag verurteilt,  mußte den Einflüssen der politischen Konjunk-
       turen mehr  ausgesetzt sein  als  industriell  aktive  und  fort-
       schrittliche] Länder.  (Dies allgemein  zu entwickeln.) Die Spal-
       tung in  2 Parteien brachte den Bürgerkrieg auf die Tagesordnung;
       Aufzählung der  Kriege bis  1648 - der Bürgerkrieg. Die französi-
       sche Benutzung  der Gelegenheit und Bündnis mit und Bezahlung der
       protestantischen Fürsten  und deutschen  Mietstruppen. Kulminiert
       im Dreißigjährigen  Krieg. Dreißigjähriger  Krieg -  Irländer  in
       Deutschland, Deutsche  in Irland  1693 und  1806. Schilderung der
       Verwüstung. Resultat: ökonomisch, sozial, politisch - Verluste an
       Frankreich; Festsetzung von Schweden und Dänemark in Deutschland;
       Einmischungsrecht der  Garantiemächte; totaler  Zusammenbruch der
       Zentralmacht; das  Recht auf  Empörung gegen  den Kaiser, Bürger-
       krieg und  Landesverrat den  deutschen Fürsten  von Europa garan-
       tiert.
       4. 1648-1789.
       a) Politischer Zustand.  Die deutschen Fürsten beuten den Westfä-
       lischen Frieden aus, indem sie sich um die Wette ans Ausland ver-
       kaufen, und dies - Frankreich und die Fürsten - beutet die Schwä-
       che Deutschlands  aus, sich  allmählich  alle  französischen  Be-
       sitz[ungen] Deutschlands anzueignen und Elsaß zu arrondieren. Hi-
       storisches Recht  Frankreichs  und  Geschrei  der  Teutonen  über
       "Raub". Unveränderlichkeit  der Sprachgrenze  (s. Menke) seit ca.
       anno 1000,  ausgenommen die  linksvogesischen Distrikte. Dies das
       Allgemeine. Im  besondern: Aufkommen  einer Konkurrenzmacht gegen
       Östreich und das Kaisertum im Norden : Preußen. Anfang der Reali-
       sierung] der  Scheidung in  N[ord] und  S[üd], Kritik der preußi-
       schen  Geschichte.  Fr[iedrich]  II.  -  Rußlands  Aufkommen  und
       Fr[iedrichs] II. Unterwerfung unter die russische Politik - durch
       Preußen die Bürgerkriege jetzt Konkurrenzkriege zwischen Östreich
       und Preußen.
       b) Ökonomisches. Bei alledem langsame Erholung von den Folgen des
       Dreißigjährigen Krieges  und Wiederemporkriechen  des Bürgertums.
       Nur durch  den Besitz infamer Tugenden dies Wiederaufkommen unter
       solchem Zustand  möglich. Bei alledem der ökonomische Fortschritt
       nur durch politische
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 594
       
       #592# Friedrich Engels
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       Intervention ermöglicht  - durch  die Infamie der Fürsten und die
       ihnen vom  Ausland  gezahlten  Gelder.  Dies  beweist,  wie  tief
       Deutschland ökonomisch  erniedrigt. Diese Zeit die Quelle des pa-
       triarchalischen Regimes. Nach 1648 der Staat wirklich zu sozialen
       Funktionen berufen und durch Finanznot gezwungen; wo er sie nicht
       ausübte, Stagnation  (d[ie] westfälischen]  Bist[ümer]).  Welcher
       Zustand der  Erniedrigung! Und  wie lausig  die Staatshilfe!  Dem
       Weltmarkte gegenüber  rein leidend;  nur als  Neutrale in  großen
       Weltkriegen was zu verdienen (amerikanischer und Revolutionskrieg
       bis 1801  ). Dagegen  geg[enüber] d[en]  Raubstaaten  ohnmächtig.
       (Dank der  Französischen Revolution  dieser europäische Schandzu-
       stand beseitigt.)
       c) Literatur und Sprache total verkommen; die Theologie knöcherne
       Dogmatik; in  andren Wissenschaften  Deutschland verkommen,  aber
       doch Lichtblicke;  J[akob] Böhme (wieder Vorzeichen der kommenden
       Philosophen), Kepler, Leibniz - wiedrum Abstraktion vom Bestehen-
       den, Wirklichen. Bach.
       d) Zustand Deutschlands  1789. a)  Ackerbau - Bauernverhältnisse.
       Leibeigenschaft, Prügel, Abgaben, b) Industrie - reine Hungerlei-
       derei, wesentlich  Handarbeit, aber  in England  schon der Anfang
       der großen Industrie und die deutsche, schon ehe sie voll entwic-
       kelt, dem  Tod geweiht,  c) Handel  - passiv, d) Soziale Stellung
       des Bürgers  gegenüber Adel und Regierung, e) Politisches Hinder-
       nis der  Entwicklung:  Zersplitterung.  Schilderung  nach  Menke.
       Zölle, Verhinderung der Flußschiffahrt. Free trade 1*) an den in-
       neren Grenzen  erzwungen durch  die  Zerstückelung,  Zölle  meist
       städtische Konsumabgaben.
       Diese Fürsten,  hülflos zum Gut[en], selbst wenn aufgeklärt - wie
       die Beschützer  Schubarts und Karl August -, gingen auch alle mit
       Vergnügen lieber  in den  Rheinbund, als  einen Krieg ausfechten.
       Die Invasion  1806 die Probe, wo es ihnen an den Kragen ging. Und
       dabei jeder  dieser 1000  Fürsten absolut, rohe, ungebildete Lum-
       pen, von  denen Zusammenwirken  nie zu  erwarten, Launen stets in
       Masse (Schlözer).  Soldatenhandel im amerikanischen Krieg. - Doch
       ihre größte Schandtat war ihre bloße Existenz. Und daneben an der
       Ostgrenze im  Norden Preußen, im Süden Östreich - gierig die Hand
       nach den  Gebieten ausstreckend  - die  beiden einzigen, die noch
       hätten retten  können, wenn nur einer von beiden dagewesen, deren
       notwendige Konkurrenz  aber so jeden Ausweg unmöglich machte. Die
       reine Sackgasse,  nur von außen konnte Hülfe kommen - die Franzö-
       sische Revolution
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       1*) Freihandel
       
       #593# Varia über Deutschland
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       brachte sie.  Nur 2  Lebenszeichen:  die  Kriegstüchtigkeit,  die
       Literatur und Philosophie und die gewissenhafte objektive wissen-
       schaftliche Untersuchung,  während in  Frankreich  schon  ab  18.
       Jahrhundert vorherrschend] Parteischr[iften], wenn auch I. Ranges
       - in Deutschland dies alles Flucht aus der Wirklichkeit in ideale
       Regionen. "Der  Mensch" und  Entwicklung der  Sprache; 1700  Bar-
       barei,  1750   Less[ing]  und   Kant,  bald  Goethe,  Sch[iller],
       Wiel[and], H[er]d[e]r; H[än]d[e]l, Gluck, Mozart.
       
       1789-1815
       1. Die deutschen Enklav[en] in Elsaß-Lothringen etc. - schon halb
       unter französischer Hoheit - schlössen sich der Französischen Re-
       volution an;  daher Vorwand zum Krieg. Preußen und Östreich jetzt
       plötzlich einig. Valmy. Niederlage der Lineartaktik durch Massen-
       artillerie. Fleurus  und Jemmapes.  Niederlage der östreichischen
       Kordontaktik? Eroberung  des linken  Rheinufers. Jubel der Bauern
       und freisinnigen]  Städte selbst  nicht durch einzelne Erpressun-
       gen, nicht  durch die  Blutsteuern  Nap[o]l[eons]  zu  verbannen.
       Amienser Frieden und R[ei]chsdep[utations]h[au]ptschl[uß] -Auflö-
       sung des  Reichs. Rheinbund.  Wegfegung  von  Kleinstaalen  durch
       Nap[oleon], leider  lange nicht  genug. Er stets Revolutionär ge-
       genüber den  Fürsten. Wäre  weitergegangen, wenn nicht die Klein-
       fürsten  sich   so  platt   vor  ihm   erniedrigt.  1806   Fehler
       Nap[oleon]s, nicht  Preußen ganz zu vernichten. Ökonomisches über
       Deutschland unter  der Kontinentalsperre. - Das unter der größten
       Erniedrigung von außen koinzidiert mit der Glanzperiode der Lite-
       ratur  und   Philosophie  und   der  Kulmination   der  Musik  in
       Beethov[en].
       
       [Aus dem zweiten Manuskript]
       
       Varia über Deutschland 1789-1873
       
       ... Preußische  Armee:  hungrig  von  jeher.  Höpfner  1788-1806.
       ...1*) verfall unter F[riedrich] W[ilhelm] III. Unterschleife (1.
       und 9. G[arde-]Art[illerie] Komp. Mäntel 1842). Altes Geschirr im
       Zeughaus. F[riedrich]  W[ilhelm] III.  auch friedlich  wegen  der
       Notwendigkeit, bei  jedem Krieg  die Stände berufen zu müssen. 1.
       Wendepunkt 1848  - Waldersee und Zündnadelgewehr. 2. Wendepunkt -
       die Mobilmachung 1852  2*); und endlich der italienische
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       1*) In der Handschrift ist der Anfang des Wortes nicht zu entzif-
       fern - 2*) wahrscheinlich ein Schreibfehler; denn gemeint ist of-
       fenbar die sog. "große Mobilisierung" der preußischen Armee 1850
       
       #594# Friedrich Engels
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       Krieg, Armee-Reorganisation,  Wegwerfen  des  Schlendrians.  Seit
       1864 große  Selbstkritik und  rein sachliches Verfahren. Trotzdem
       totales Verkennen  des Charakters der preußischen Armee-Organisa-
       tion. Tragikom[ischer]  Konflikt: der Staat muß politische Kriege
       führen für  entfernte Interessen,  die nie nationale Begeisterung
       erregen, und  hat dazu  eine Armee  nötig, die nur zur nationalen
       Verteidigung und der daraus unmittelbar folgenden Offensive taugt
       (1814 und 1870). In diesem Konflikt geht der preußische Staat und
       die preußische  Armee kaputt  - wahrscheinlich in einem Krieg mit
       Rußland, der  4 Jahre  dauern kann  und wo  nichts zu  holen  als
       Krankheiten und zerschoßne Knochen...
       Deutsche kaufmännische  Kolonien im  Ausland schon vor 1789, aber
       erst bedeutend  seit 1814 und erst seit 1848 wirklicher Hebel des
       Hereinziehens von  Deutschland in den Welthandel, dann aber enorm
       wirksam. Allmählicher  Anwuchs. Charakter  der  Kaufmannskolonien
       bis 1848  - meist  ungebildet und  sich  ihrer  Nation  schämend.
       (M[an]ch[este]r-[Kolonie] Englisch  in 10  deutschen  Dialekten.)
       Mangelnder Schutz. (Weerths mexikanische Geschichte und seine Er-
       fahrungen von  den deutschen Diplomaten in Südamerika überhaupt.)
       Deutsch Welthandelssprache  durch die  Kolonien und  die Juden in
       Osteuropa (Details über diese) und durch Hamburgerposten in Skan-
       dinavien. Daß  im Handel  außer des romanischen Europa und allen-
       falls der  Levante Deutsch weiter reicht als Französisch, Italie-
       nisch, Spanisch, Portugiesisch, kurz als alle Sprachen außer Eng-
       lisch. Jetzt rasches Vordringen der deutschen Kolonien - vgl. die
       Angst der Engländer in London selbst...
       Während der  Hugenottenkriege der Respekt vor dem die Nation ver-
       tretenden Königtum  schon so groß, daß nur dem König fremde Alli-
       anzen und  Hülfstruppen rechtlich  und durch  öffentliche Meinung
       gestattet. Die  anderen stets  Rebellen und  Verräter.  Dies  nie
       deutlicher als  beim Tod H[einrichs] III., wo H[einrich] IV. bloß
       durch Gewicht  des königlichen  Namens in Stand gesetzt wird, den
       schließlichen Sieg zu erringen.
       Die schließliche  Unterdrückung des Protestantismus in Frankreich
       kein Pech für Frankreich - teste 1*) Bayle, Voltaire und Diderot.
       Desgleichen wäre  diese Erdrückung  in Deutschland  nicht ein Un-
       glück für  Deutschland gewesen, wohl aber für die Welt. Sie hätte
       Deutschland die katholische Entwicklungsform der romanischen Län-
       der aufgezwungen, und da die englische Entwicklungsform auch halb
       katholisch und  mittelalterlich war  (Universitäten etc. Colleges
       2*), public schools 3*), alles protestantische Klöster), wäre die
       -----
       1*) bezeugt durch  - 2*) höhere  Bildungsanstalten - 3*) (gewisse
       ältere) höhere Schulen
       
       #595# Varia über Deutschland
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       ganz protestantisch  deutsche Bildungsform  (Erziehung  zu  Hause
       oder in Privathäusern, freiwohnende und kollegwählende Studenten)
       weggefallen und  die europäische  geistige Entwicklung  unendlich
       einförmig geworden.  Frankreich und  England haben die Vorurteile
       in der  Sache, Deutschland  hat die  der Form,  die Schablone ge-
       sprengt. Daher  auch teilweise die Formlosigkeit alles Deutschen,
       bis jetzt  noch mit  großen Nachteilen  verknüpft, wie die Klein-
       staaterei, aber  für die  Entwicklungsfähigkeit  der  Nation  ein
       enormer Gewinn  und erst  in der  Zukunft volle  Früchte tragend,
       wenn dies selbst einseitiges Stadium überwunden.
       Dann :  der deutsche Protestantismus die einzige moderne Form des
       Christentums, die der Kritik wert. Der Katholizismus schon im 18.
       Jahrhundert unter der Kritik, Gegenstand der Polemik (welche Esel
       also die  Altkatholiken!); der  englische [Protestantismus]  in x
       Sekten zerfahren, ohne theologische Entwicklung, oder eine, deren
       jede Stufe  sich als Sekte fixierte. Der deutsche allein hat eine
       Theologie und  damit einen  Gegenstand der  Kritik - der histori-
       schen, philologischen  und philosophischen. Diese von Deutschland
       geliefert, ohne  den deutschen Protestantismus unmöglich und doch
       absolut nötig.  Eine Religion  wie das Christentum wird nicht mit
       Spott und  Invektive allein  vernichtet, sie  will  auch  wissen-
       schaftlich überwunden  sein, d.h.  geschichtlich erklärt, und das
       bringt auch die Naturwissenschaft nicht fertig.
       Holland und  Belgien -  getrennt von  Deutschland durch die Moore
       zwischen Rhein  und Nordsee, durch die Ardennen und Venn im Süden
       - spielen gegen Deutschland die Rolle Phöniziens gegen Palästina,
       und auch  derselbe Jammer  wie in den alten Propheten in Deutsch-
       land gang und gäbe.
       Flandern von der Teilung von Verdun bis nach 1500 Teil von Frank-
       reich -  daher das Festsetzen der französischen Sprache, vermehrt
       durch den  flämischen Handel im Mittelalter, wo die Kaufleute si-
       cher kein  Flämisch mit  den italienischen  etc. Kaufleuten spra-
       chen. Und  jetzt verlangen  die Teutomanen  die  Herstellung  der
       flämischen Sprache, die selbst die Holländer nicht für voll aner-
       kennen; die  flämische Bewegung  der Pfaffen! It is time 1*), daß
       die Flamander  endlich eine  Sprache haben  statt 2, und das kann
       nur Französisch sein.
       Nach der  Entdeckung Amerikas  der Ackerbau, Industrie und Handel
       Deutschlands ein  ewiges geduldiges Experimentieren - Ackerbau s.
       die vielen  mißlungnen Versuche  bei Langethal; Industrie überall
       und immer  Sachen, die,  kaum eingerichtet,  wieder vom Weltmarkt
       verdrängt - größtes
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       1*) Es ist Zeit
       
       #596# Friedrich Engels
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       Beispiel Leinen,  im kleinen z.B. die Wuppertaler Industrie 1820-
       1860; Handel dito. Dies erst jetzt auf normalen Fuß gesetzt.
       Noch 1848  Hauptausfuhrartikel von Deutschland - Menschen. 1. die
       gewöhnliche Emigration;  2. die Prostitution: In Ostpreußen förm-
       liche Etablissements höheren und niederen Rangs, worin Mädchen zu
       Huren jeder  Gattung und  fit for anything 1*) - vom Matrosenbor-
       dell bis zur jebildeten Kavaliermaitresse - ausgebildet und unter
       allerlei falschen  Vorwänden ins Ausland geschickt wurden, wo die
       meisten erst  ihr Schicksal erfuhren. Viele der gut Untergebrach-
       ten fanden  sich darin  und schrieben wohl gar der Maquerelle 2*)
       zärtliche Dankbriefe,  worin ihre  Hurenstellung stets verschwie-
       gen, wo  sie als Gouvernanten, Gesellschaftsdamen resp. als bril-
       lant verheiratet  figurierten. Bergenroth  war der  Ansicht,  daß
       dies alles  nicht möglich war, ohne daß die Behörden - for a con-
       sideration? 3*) - ein Auge zudrückten, auch sei es bei gerichtli-
       chen Untersuchungen  stets sehr  schwer gewesen,  Faßbares in die
       Hand zu  bekommen. Von  Petersburg und  Stockholm  bis  Antwerpen
       wurde die  ganze Ost- und Nordseeküste mit Ostreußinnen versorgt;
       3. die Landgänger aus dem hessischen und nassauischen Vogelsberg,
       die in  England als  broomgirls 4*)  auf den  Messen  herumzogen,
       ältere auch  mit Drehorgeln, besonders aber als hurdy-gurdies 5*)
       nach Amerika  verschifft und  dort die  allertiefste Schicht  der
       Prostitution lieferten;  4. die  jungen Kaufleute  der Hanse  und
       rheinischen Fabrikstädte,  später auch  Sachsens und Berlins, und
       5. damals  schon anfangend, später stark entwickelt, die Chemiker
       (Liebigsche Schule  in Gießen),  neben den  Huren Hauptexport des
       Großherzogtums Hessen; Hollandgänger aus Westfalen - jetzt häufig
       die  holländischen   Arbeiter  in  den  westfälischen  Industrie-
       bezirken.
       Geschrieben Ende 1873/Anfang 1874.
       Nach der Handschrift.
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       1*) passend für  alles -  2*) Kupplerin - 3*)  für eine Gegenlei-
       stung? - 4*) junge Mädchen, die nach England kamen und mit Gesang
       Besen zum  Verkauf anboten  - 5*) junge  Mädchen, die in New York
       als Tanzmädchen in öffentlichen Lokalen auftraten

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