Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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KARL MARX und FRIEDRICH ENGELS
Aus dem handschriftlichen Nachlaß
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Friedrich Engels
[Varia über Deutschland [426]]
I. Einleitung 1500-1789
1. Deutschland mehr und mehr zersplittert und das Zentrum ge-
schwächt Ende 15. Jahrhunderts, wo Frankreich und England schon
mehr oder weniger zentralisiert und die Nation sich bildet. Dies
in Deutschland unmöglich, weil 1. der Feudalismus später entwic-
kelt als bei den durch die Eroberung gegangenen Ländern; 2.
Deutschland französische und slawische Bestandteile hatte und
Italien als ihm gehörig und Rom als Zentrum ansah - also kein na-
tionaler Komplex; 3. weil, und dies ist Hauptsache, die einzelnen
Provinzen und Provinzgruppen noch vollständig isoliert von-
einander, kein Verkehr etc. (s. Bauernkrieg). Die Hansa, rheini-
scher Städtebund und schwäbischer Städtebund vertraten natürli-
che, aber getrennte Gruppen.
Ad I, 1. Spanien, Frankreich, England Ende 15. Jahrhunderts in
konstit[uierte] Nation[al-] Staaten zusammengewachsen. Diese Kon-
solidierung epochemachend fürs 15. Jahrhundert. (Spanien - Ver-
ein[igung] der katalonischen und kastilischen Nation[alitäten],
Portugal, das iber[ische] Holland, hatte sich durch seine Schif-
fahrt die Berechtigung zu besondrer Existenz erworben, Frankreich
- durch die Dynastie-Hausmacht, die allmählich die Nation absor-
bierte. England - {England erst soweit, nachdem es seine quicho-
tischen Eroberungspläne in Frankreich - den deutschen Römerzügen
ähnlich - hatte aufgeben müssen, an denen es verblutet wäre wie
Deutschland an den seinigen} durch die Rosenkriege, die den hohen
Adel vernichtet.) Deutschland wäre trotz der ökonomischen Zusam-
menhangslosigkeit doch zentralisiert, und früher schon (z.B. un-
ter den Ottonen), wenn nicht 1. die römische Kaiserwürde mit dem
Weltherrschaftsanspruch die Konstituierung eines Nationalstaats
ausgeschlossen und die Kräfte in den italienischen Eroberungszü-
gen verschleudert (Nachwirkung in Östreich
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bis 1866!) wobei die deutschen Interessen stets verraten, und 2.
das 1*) ... Wahlkaisertum, das nie ein Aufgehn der Nation in die
kaiserliche Hausmacht zuließ, sondern stets - und besonders im
entscheidenden 15. Jahrhundert - die Dynastien wechselte, sobald
ihre Hausmacht den Fürsten zu groß wurde. - Auch in Frankreich
und Spanien bestand ökonomische Zersplitterung, d[ur]ch die Ge-
walt überwunden.
Der "Kulturkampf" zwischen Kaiser und Papst im Mittelalter
zersplitterte Deutschland und Italien (wo der Papst Hindernis der
nationalen Einheit und zugleich oft scheinbar ihr Vertreter, aber
doch so, daß z.B. Dante im fremden Kaiser den Retter Italiens
sah), und 1500 hatte der Papst als Mittelfürst sich schon quer
durch Italien gelegt und die Einheit materiell unmöglich gemacht.
2. Dennoch wäre Deutschland durch die naturgemäße Entwicklung des
Handels und durch Germanisierung der Slawen und durch Verlust der
französischen Provinzen und Italiens zusammengewachsen, weil der
Weg des Welthandels durch Deutschland ging, wenn nicht jetzt 2
entscheidende Ereignisse einträten:
a) Das deutsche Bürgertum machte seine Revolution - die zeitgemäß
in religiöser Form erschien -, die Reformation. Aber wie lausig!
Ohne Reichsritterschaft und Bauern nicht durchzuführen; aber alle
3 Stände verhindert durch widersprechende Interessen: Ritter oft
Räuber der Städte (s. Mangold von Eberstein) und Bedrücker der
Bauern, und Städte ebenso Bauernschinder (Ulmer Rat und Bauern!);
Reichsritter zuerst erheben sich, werden von Bürgern im Stich
gelassen, gehn unter; Bauern erheben sich, werden von Bürgern di-
rekt bekämpft. Gleichzeitig die bürgerlich-religiöse Revolution
so kastriert, daß sie den Fürsten zusagen kann und diese die
Leitung in die Hand bekommen. - Spezifisch theologisch-theo-
retischer Charakter der deutschen Revolution des 16. Jahrhundert.
Vorherrschendes Interesse für die Dinge, die nicht von dieser
Welt. Die Abstraktion von der miserablen Wirklichkeit - Basis der
späteren theoretischen Überlegenheit der Deutschen von Leibniz
bis Hegel.
b) Der Welthandelsweg wird Deutschland entzogen und Deutschland
in einen isolierten Winkel gedrängt, dadurch die Macht der Bürger
gebrochen, d[er] Reformation dito.
c) Resultat, daß 2*)... cuius regio, eius religio 3*), und daß
tatsächlich Deutschland in einen überwiegend protestantischen
Norden, überwiegend
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1*) Hier folgt in der Handschrift ein nicht zu entzifferndes Wort
- 2*) hier folgt in der Handschrift ein nicht zu entzifferndes
Wort - 3*) wessen das Land, dessen die Religion
#591# Varia über Deutschland
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katholischen, aber stark gemischten Südwesten und ausschließlich
katholischen Südosten zerfällt. Hierin schon die Mängel der Ent-
wicklung 1740 bis 1870 (Preußen, Spaltung von Nord und Süd, end-
lich Kleindeutschland und Östreich). Gegensatz gegen Frankreich.
Unterdrückung der Hugenotten (s. "Varia" p. 2 1*)).
3. Deutschland, einmal industriell zur Passivität und zum Rück-
schlag verurteilt, mußte den Einflüssen der politischen Konjunk-
turen mehr ausgesetzt sein als industriell aktive und fort-
schrittliche] Länder. (Dies allgemein zu entwickeln.) Die Spal-
tung in 2 Parteien brachte den Bürgerkrieg auf die Tagesordnung;
Aufzählung der Kriege bis 1648 - der Bürgerkrieg. Die französi-
sche Benutzung der Gelegenheit und Bündnis mit und Bezahlung der
protestantischen Fürsten und deutschen Mietstruppen. Kulminiert
im Dreißigjährigen Krieg. Dreißigjähriger Krieg - Irländer in
Deutschland, Deutsche in Irland 1693 und 1806. Schilderung der
Verwüstung. Resultat: ökonomisch, sozial, politisch - Verluste an
Frankreich; Festsetzung von Schweden und Dänemark in Deutschland;
Einmischungsrecht der Garantiemächte; totaler Zusammenbruch der
Zentralmacht; das Recht auf Empörung gegen den Kaiser, Bürger-
krieg und Landesverrat den deutschen Fürsten von Europa garan-
tiert.
4. 1648-1789.
a) Politischer Zustand. Die deutschen Fürsten beuten den Westfä-
lischen Frieden aus, indem sie sich um die Wette ans Ausland ver-
kaufen, und dies - Frankreich und die Fürsten - beutet die Schwä-
che Deutschlands aus, sich allmählich alle französischen Be-
sitz[ungen] Deutschlands anzueignen und Elsaß zu arrondieren. Hi-
storisches Recht Frankreichs und Geschrei der Teutonen über
"Raub". Unveränderlichkeit der Sprachgrenze (s. Menke) seit ca.
anno 1000, ausgenommen die linksvogesischen Distrikte. Dies das
Allgemeine. Im besondern: Aufkommen einer Konkurrenzmacht gegen
Östreich und das Kaisertum im Norden : Preußen. Anfang der Reali-
sierung] der Scheidung in N[ord] und S[üd], Kritik der preußi-
schen Geschichte. Fr[iedrich] II. - Rußlands Aufkommen und
Fr[iedrichs] II. Unterwerfung unter die russische Politik - durch
Preußen die Bürgerkriege jetzt Konkurrenzkriege zwischen Östreich
und Preußen.
b) Ökonomisches. Bei alledem langsame Erholung von den Folgen des
Dreißigjährigen Krieges und Wiederemporkriechen des Bürgertums.
Nur durch den Besitz infamer Tugenden dies Wiederaufkommen unter
solchem Zustand möglich. Bei alledem der ökonomische Fortschritt
nur durch politische
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1*) Siehe vorl. Band, S. 594
#592# Friedrich Engels
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Intervention ermöglicht - durch die Infamie der Fürsten und die
ihnen vom Ausland gezahlten Gelder. Dies beweist, wie tief
Deutschland ökonomisch erniedrigt. Diese Zeit die Quelle des pa-
triarchalischen Regimes. Nach 1648 der Staat wirklich zu sozialen
Funktionen berufen und durch Finanznot gezwungen; wo er sie nicht
ausübte, Stagnation (d[ie] westfälischen] Bist[ümer]). Welcher
Zustand der Erniedrigung! Und wie lausig die Staatshilfe! Dem
Weltmarkte gegenüber rein leidend; nur als Neutrale in großen
Weltkriegen was zu verdienen (amerikanischer und Revolutionskrieg
bis 1801 ). Dagegen geg[enüber] d[en] Raubstaaten ohnmächtig.
(Dank der Französischen Revolution dieser europäische Schandzu-
stand beseitigt.)
c) Literatur und Sprache total verkommen; die Theologie knöcherne
Dogmatik; in andren Wissenschaften Deutschland verkommen, aber
doch Lichtblicke; J[akob] Böhme (wieder Vorzeichen der kommenden
Philosophen), Kepler, Leibniz - wiedrum Abstraktion vom Bestehen-
den, Wirklichen. Bach.
d) Zustand Deutschlands 1789. a) Ackerbau - Bauernverhältnisse.
Leibeigenschaft, Prügel, Abgaben, b) Industrie - reine Hungerlei-
derei, wesentlich Handarbeit, aber in England schon der Anfang
der großen Industrie und die deutsche, schon ehe sie voll entwic-
kelt, dem Tod geweiht, c) Handel - passiv, d) Soziale Stellung
des Bürgers gegenüber Adel und Regierung, e) Politisches Hinder-
nis der Entwicklung: Zersplitterung. Schilderung nach Menke.
Zölle, Verhinderung der Flußschiffahrt. Free trade 1*) an den in-
neren Grenzen erzwungen durch die Zerstückelung, Zölle meist
städtische Konsumabgaben.
Diese Fürsten, hülflos zum Gut[en], selbst wenn aufgeklärt - wie
die Beschützer Schubarts und Karl August -, gingen auch alle mit
Vergnügen lieber in den Rheinbund, als einen Krieg ausfechten.
Die Invasion 1806 die Probe, wo es ihnen an den Kragen ging. Und
dabei jeder dieser 1000 Fürsten absolut, rohe, ungebildete Lum-
pen, von denen Zusammenwirken nie zu erwarten, Launen stets in
Masse (Schlözer). Soldatenhandel im amerikanischen Krieg. - Doch
ihre größte Schandtat war ihre bloße Existenz. Und daneben an der
Ostgrenze im Norden Preußen, im Süden Östreich - gierig die Hand
nach den Gebieten ausstreckend - die beiden einzigen, die noch
hätten retten können, wenn nur einer von beiden dagewesen, deren
notwendige Konkurrenz aber so jeden Ausweg unmöglich machte. Die
reine Sackgasse, nur von außen konnte Hülfe kommen - die Franzö-
sische Revolution
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1*) Freihandel
#593# Varia über Deutschland
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brachte sie. Nur 2 Lebenszeichen: die Kriegstüchtigkeit, die
Literatur und Philosophie und die gewissenhafte objektive wissen-
schaftliche Untersuchung, während in Frankreich schon ab 18.
Jahrhundert vorherrschend] Parteischr[iften], wenn auch I. Ranges
- in Deutschland dies alles Flucht aus der Wirklichkeit in ideale
Regionen. "Der Mensch" und Entwicklung der Sprache; 1700 Bar-
barei, 1750 Less[ing] und Kant, bald Goethe, Sch[iller],
Wiel[and], H[er]d[e]r; H[än]d[e]l, Gluck, Mozart.
1789-1815
1. Die deutschen Enklav[en] in Elsaß-Lothringen etc. - schon halb
unter französischer Hoheit - schlössen sich der Französischen Re-
volution an; daher Vorwand zum Krieg. Preußen und Östreich jetzt
plötzlich einig. Valmy. Niederlage der Lineartaktik durch Massen-
artillerie. Fleurus und Jemmapes. Niederlage der östreichischen
Kordontaktik? Eroberung des linken Rheinufers. Jubel der Bauern
und freisinnigen] Städte selbst nicht durch einzelne Erpressun-
gen, nicht durch die Blutsteuern Nap[o]l[eons] zu verbannen.
Amienser Frieden und R[ei]chsdep[utations]h[au]ptschl[uß] -Auflö-
sung des Reichs. Rheinbund. Wegfegung von Kleinstaalen durch
Nap[oleon], leider lange nicht genug. Er stets Revolutionär ge-
genüber den Fürsten. Wäre weitergegangen, wenn nicht die Klein-
fürsten sich so platt vor ihm erniedrigt. 1806 Fehler
Nap[oleon]s, nicht Preußen ganz zu vernichten. Ökonomisches über
Deutschland unter der Kontinentalsperre. - Das unter der größten
Erniedrigung von außen koinzidiert mit der Glanzperiode der Lite-
ratur und Philosophie und der Kulmination der Musik in
Beethov[en].
[Aus dem zweiten Manuskript]
Varia über Deutschland 1789-1873
... Preußische Armee: hungrig von jeher. Höpfner 1788-1806.
...1*) verfall unter F[riedrich] W[ilhelm] III. Unterschleife (1.
und 9. G[arde-]Art[illerie] Komp. Mäntel 1842). Altes Geschirr im
Zeughaus. F[riedrich] W[ilhelm] III. auch friedlich wegen der
Notwendigkeit, bei jedem Krieg die Stände berufen zu müssen. 1.
Wendepunkt 1848 - Waldersee und Zündnadelgewehr. 2. Wendepunkt -
die Mobilmachung 1852 2*); und endlich der italienische
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1*) In der Handschrift ist der Anfang des Wortes nicht zu entzif-
fern - 2*) wahrscheinlich ein Schreibfehler; denn gemeint ist of-
fenbar die sog. "große Mobilisierung" der preußischen Armee 1850
#594# Friedrich Engels
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Krieg, Armee-Reorganisation, Wegwerfen des Schlendrians. Seit
1864 große Selbstkritik und rein sachliches Verfahren. Trotzdem
totales Verkennen des Charakters der preußischen Armee-Organisa-
tion. Tragikom[ischer] Konflikt: der Staat muß politische Kriege
führen für entfernte Interessen, die nie nationale Begeisterung
erregen, und hat dazu eine Armee nötig, die nur zur nationalen
Verteidigung und der daraus unmittelbar folgenden Offensive taugt
(1814 und 1870). In diesem Konflikt geht der preußische Staat und
die preußische Armee kaputt - wahrscheinlich in einem Krieg mit
Rußland, der 4 Jahre dauern kann und wo nichts zu holen als
Krankheiten und zerschoßne Knochen...
Deutsche kaufmännische Kolonien im Ausland schon vor 1789, aber
erst bedeutend seit 1814 und erst seit 1848 wirklicher Hebel des
Hereinziehens von Deutschland in den Welthandel, dann aber enorm
wirksam. Allmählicher Anwuchs. Charakter der Kaufmannskolonien
bis 1848 - meist ungebildet und sich ihrer Nation schämend.
(M[an]ch[este]r-[Kolonie] Englisch in 10 deutschen Dialekten.)
Mangelnder Schutz. (Weerths mexikanische Geschichte und seine Er-
fahrungen von den deutschen Diplomaten in Südamerika überhaupt.)
Deutsch Welthandelssprache durch die Kolonien und die Juden in
Osteuropa (Details über diese) und durch Hamburgerposten in Skan-
dinavien. Daß im Handel außer des romanischen Europa und allen-
falls der Levante Deutsch weiter reicht als Französisch, Italie-
nisch, Spanisch, Portugiesisch, kurz als alle Sprachen außer Eng-
lisch. Jetzt rasches Vordringen der deutschen Kolonien - vgl. die
Angst der Engländer in London selbst...
Während der Hugenottenkriege der Respekt vor dem die Nation ver-
tretenden Königtum schon so groß, daß nur dem König fremde Alli-
anzen und Hülfstruppen rechtlich und durch öffentliche Meinung
gestattet. Die anderen stets Rebellen und Verräter. Dies nie
deutlicher als beim Tod H[einrichs] III., wo H[einrich] IV. bloß
durch Gewicht des königlichen Namens in Stand gesetzt wird, den
schließlichen Sieg zu erringen.
Die schließliche Unterdrückung des Protestantismus in Frankreich
kein Pech für Frankreich - teste 1*) Bayle, Voltaire und Diderot.
Desgleichen wäre diese Erdrückung in Deutschland nicht ein Un-
glück für Deutschland gewesen, wohl aber für die Welt. Sie hätte
Deutschland die katholische Entwicklungsform der romanischen Län-
der aufgezwungen, und da die englische Entwicklungsform auch halb
katholisch und mittelalterlich war (Universitäten etc. Colleges
2*), public schools 3*), alles protestantische Klöster), wäre die
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1*) bezeugt durch - 2*) höhere Bildungsanstalten - 3*) (gewisse
ältere) höhere Schulen
#595# Varia über Deutschland
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ganz protestantisch deutsche Bildungsform (Erziehung zu Hause
oder in Privathäusern, freiwohnende und kollegwählende Studenten)
weggefallen und die europäische geistige Entwicklung unendlich
einförmig geworden. Frankreich und England haben die Vorurteile
in der Sache, Deutschland hat die der Form, die Schablone ge-
sprengt. Daher auch teilweise die Formlosigkeit alles Deutschen,
bis jetzt noch mit großen Nachteilen verknüpft, wie die Klein-
staaterei, aber für die Entwicklungsfähigkeit der Nation ein
enormer Gewinn und erst in der Zukunft volle Früchte tragend,
wenn dies selbst einseitiges Stadium überwunden.
Dann : der deutsche Protestantismus die einzige moderne Form des
Christentums, die der Kritik wert. Der Katholizismus schon im 18.
Jahrhundert unter der Kritik, Gegenstand der Polemik (welche Esel
also die Altkatholiken!); der englische [Protestantismus] in x
Sekten zerfahren, ohne theologische Entwicklung, oder eine, deren
jede Stufe sich als Sekte fixierte. Der deutsche allein hat eine
Theologie und damit einen Gegenstand der Kritik - der histori-
schen, philologischen und philosophischen. Diese von Deutschland
geliefert, ohne den deutschen Protestantismus unmöglich und doch
absolut nötig. Eine Religion wie das Christentum wird nicht mit
Spott und Invektive allein vernichtet, sie will auch wissen-
schaftlich überwunden sein, d.h. geschichtlich erklärt, und das
bringt auch die Naturwissenschaft nicht fertig.
Holland und Belgien - getrennt von Deutschland durch die Moore
zwischen Rhein und Nordsee, durch die Ardennen und Venn im Süden
- spielen gegen Deutschland die Rolle Phöniziens gegen Palästina,
und auch derselbe Jammer wie in den alten Propheten in Deutsch-
land gang und gäbe.
Flandern von der Teilung von Verdun bis nach 1500 Teil von Frank-
reich - daher das Festsetzen der französischen Sprache, vermehrt
durch den flämischen Handel im Mittelalter, wo die Kaufleute si-
cher kein Flämisch mit den italienischen etc. Kaufleuten spra-
chen. Und jetzt verlangen die Teutomanen die Herstellung der
flämischen Sprache, die selbst die Holländer nicht für voll aner-
kennen; die flämische Bewegung der Pfaffen! It is time 1*), daß
die Flamander endlich eine Sprache haben statt 2, und das kann
nur Französisch sein.
Nach der Entdeckung Amerikas der Ackerbau, Industrie und Handel
Deutschlands ein ewiges geduldiges Experimentieren - Ackerbau s.
die vielen mißlungnen Versuche bei Langethal; Industrie überall
und immer Sachen, die, kaum eingerichtet, wieder vom Weltmarkt
verdrängt - größtes
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1*) Es ist Zeit
#596# Friedrich Engels
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Beispiel Leinen, im kleinen z.B. die Wuppertaler Industrie 1820-
1860; Handel dito. Dies erst jetzt auf normalen Fuß gesetzt.
Noch 1848 Hauptausfuhrartikel von Deutschland - Menschen. 1. die
gewöhnliche Emigration; 2. die Prostitution: In Ostpreußen förm-
liche Etablissements höheren und niederen Rangs, worin Mädchen zu
Huren jeder Gattung und fit for anything 1*) - vom Matrosenbor-
dell bis zur jebildeten Kavaliermaitresse - ausgebildet und unter
allerlei falschen Vorwänden ins Ausland geschickt wurden, wo die
meisten erst ihr Schicksal erfuhren. Viele der gut Untergebrach-
ten fanden sich darin und schrieben wohl gar der Maquerelle 2*)
zärtliche Dankbriefe, worin ihre Hurenstellung stets verschwie-
gen, wo sie als Gouvernanten, Gesellschaftsdamen resp. als bril-
lant verheiratet figurierten. Bergenroth war der Ansicht, daß
dies alles nicht möglich war, ohne daß die Behörden - for a con-
sideration? 3*) - ein Auge zudrückten, auch sei es bei gerichtli-
chen Untersuchungen stets sehr schwer gewesen, Faßbares in die
Hand zu bekommen. Von Petersburg und Stockholm bis Antwerpen
wurde die ganze Ost- und Nordseeküste mit Ostreußinnen versorgt;
3. die Landgänger aus dem hessischen und nassauischen Vogelsberg,
die in England als broomgirls 4*) auf den Messen herumzogen,
ältere auch mit Drehorgeln, besonders aber als hurdy-gurdies 5*)
nach Amerika verschifft und dort die allertiefste Schicht der
Prostitution lieferten; 4. die jungen Kaufleute der Hanse und
rheinischen Fabrikstädte, später auch Sachsens und Berlins, und
5. damals schon anfangend, später stark entwickelt, die Chemiker
(Liebigsche Schule in Gießen), neben den Huren Hauptexport des
Großherzogtums Hessen; Hollandgänger aus Westfalen - jetzt häufig
die holländischen Arbeiter in den westfälischen Industrie-
bezirken.
Geschrieben Ende 1873/Anfang 1874.
Nach der Handschrift.
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1*) passend für alles - 2*) Kupplerin - 3*) für eine Gegenlei-
stung? - 4*) junge Mädchen, die nach England kamen und mit Gesang
Besen zum Verkauf anboten - 5*) junge Mädchen, die in New York
als Tanzmädchen in öffentlichen Lokalen auftraten
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