Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Karl Marx
Über die Nationalisierung des Grund und Bodens [79]
Das Eigentum an Grund und Boden... 1*), diese ursprüngliche
Quelle allen Reichtums, ist das große Problem geworden, von des-
sen Lösung die Zukunft der Arbeiterklasse abhängt.
Ohne hier alle Argumente diskutieren zu wollen, die von den
Verteidigern des Privateigentums an Grund und Boden - Juristen,
Philosophen und politischen Ökonomen - vorgebracht werden, werden
wir zunächst nur feststellen, daß sie das ursprüngliche Faktum
der Eroberung unter dem Mantel des "Naturrechts" verbergen. Wenn
die Eroberung ein Naturrecht der wenigen schuf, dann brauchen die
vielen nur genügend Kraft zu sammeln, um das Naturrecht auf Rück-
eroberung dessen zu erlangen, was ihnen genommen worden ist.
Im Verlauf der Geschichte versuchen die Eroberer vermittels der
von ihnen selbst erlassenen Gesetze, ihrem ursprünglich der Ge-
walt entstammenden Besitzrecht eine gewisse gesellschaftliche Be-
stätigung 2*) zu geben. Zum Schluß kommt der Philosoph und er-
klärt, diese Gesetze besäßen die allgemeine Zustimmung der Ge-
sellschaft 3*). Gründete sich das Privateigentum an Grund und Bo-
den tatsächlich auf solch eine allgemeine Zustimmung, so wäre es
offensichtlich in dem Augenblick aufgehoben, wo es von der Mehr-
heit einer Gesellschaft nicht mehr anerkannt wird.
Lassen wir indessen die sogenannten "Rechte" des Eigentums bei-
seite, so stellen wir fest, daß die ökonomische Entwicklung der
Gesellschaft, das Wachstum und die Konzentration der Bevölkerung,
die 4*) Notwendigkeit der
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1*) Im "International Herald" ohne Auslassungspunkte - 2 im
"International Herald": Beständigkeit - 3*) im "International
Herald": Menschheit - 4*) im "International Herald" lautet der
folgende Teil des Satzes: Umstände, die den kapitalistischen Far-
mer dazu zwingen, zur kollektiven und organisierten Arbeit über-
zugehen und zur Maschinerie und anderen Erfindungen Zuflucht zu
nehmen, die Nationalisierung des Grund und Bodens immer mehr zu
einer "gesellschaftlichen Notwendigkeit" machen werden, wogegen
kein Gerede über Eigentumsrechte aufkommen kann
#60# Karl Marx
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kollektiven und organisierten Arbeit sowie die Maschinerie und
andere Erfindungen für die Landwirtschaft, die Nationalisierung
des Grund und Bodens zu einer "gesellschaftlichen Notwendigkeit"
machen, wogegen kein Gerede über Eigentumsrechte aufkommen kann.
Änderungen, die von einer gesellschaftlichen Notwendigkeit dik-
tiert werden, bahnen sich früher oder später ihren Weg; wenn sie
zu einem dringenden Bedürfnis der Gesellschaft geworden sind,
müssen sie befriedigt werden, und die Gesetzgebung wird immer ge-
zwungen sein, sich ihnen anzupassen.
Was wir brauchen, ist eine tägliche Steigerung der Produktion,
deren Erfordernisse nicht befriedigt werden können, wenn es eini-
gen wenigen Individuen erlaubt ist, sie nach ihren Launen und
privaten Interessen zu regeln oder aus Unwissenheit die Kräfte
des Bodens zu erschöpfen. Sämtliche modernen Methoden wie Bewäs-
serung, Entwässerung, Anwendung des Dampfpflugs, chemische Bear-
beitung etc. müßten endlich 1*) in der Landwirtschaft Eingang
finden. Aber die wissenschaftlichen Kenntnisse, die wir besitzen,
und die technischen Mittel der Landbearbeitung, die wir beherr-
schen, wie Maschinerie etc., können wir nie erfolgreich anwenden,
wenn wir nicht einen Teil des Bodens in großem Maßstab bearbei-
ten.
Wenn die Bearbeitung des Bodens in großem Maßstab - sogar in sei-
ner jetzigen kapitalistischen Form, die den Produzenten zum blo-
ßen Arbeitstier herabwürdigt - zu Ergebnissen führt, die 2*)
denen der Bearbeitung kleiner und zersplitterter Flächen weit
überlegen sind, würde sie dann nicht, in nationalem Maßstab ange-
wendet, der Produktion zweifellos einen ungeheuren Impuls geben?
Die ständig wachsenden Bedürfnisse der Bevölkerung einerseits,
das dauernde Steigen der Preise landwirtschaftlicher Erzeugnisse
andererseits liefern den unbestreitbaren Beweis, daß die Nationa-
lisierung des Grund und Bodens zu einer "gesellschaftlichen Not-
wendigkeit" geworden ist.
Der Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion, der seine Ursa-
che im individuellen Mißbrauch hat, wird unmöglich, sobald die
Bodenbearbeitung unter der Kontrolle, auf Kosten 3*) und zum Nut-
zen der Nation durchgeführt wird. 4*)
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1*) Im "International Herald": im großen - 2*) im "International
Herald" eingefügt: vom ökonomischen Standpunkt aus gesehen -
3*) im "International Herald" fehlt: auf Kosten - 4*) im
"International Herald" hinzugefügt: "Alle Bürger, die ich hier im
Verlaufe der Debatte über diese Frage hörte, verteidigten die Na-
tionalisierung des Grund und Bodens, aber sie äußerten sehr ver-
schiedene Ansichten darüber." (Dieser Satz stammt anscheinend von
Dupont.)
#61# Über die Nationalisierung des Grund und Bodens
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Es ist oft auf Frankreich hingewiesen worden, aber mit seinen
bäuerlichen Eigentumsverhältnissen ist es weiter von der Nationa-
lisierung des Grund und Bodens entfernt als England mit seiner
Großgrundbesitzerwirtschaft. In Frankreich ist zwar der Grund und
Boden allen zugänglich, die ihn kaufen können, aber gerade diese
Möglichkeit führte zur Aufteilung des Grund und Bodens in kleine
Parzellen, die von Menschen bearbeitet werden, welche nur über
spärliche Mittel verfügen und vornehmlich auf ihre eigene körper-
liche Arbeit und die ihrer Familien angewiesen sind. Diese Form
des Grundeigentums mit seiner Bearbeitung zersplitterter Flächen
schließt nicht nur jede Anwendung moderner landwirtschaftlicher
Verbesserungen aus, sondern macht zugleich den Landmann selbst
zum entschiedensten Feind jeden gesellschaftlichen Fortschritts
und vor allem der Nationalisierung des Grund und Bodens.
Gefesselt an den Boden, an den er alle seine Lebenskraft wenden
muß, um einen verhältnismäßig kleinen Ertrag zu erzielen; gezwun-
gen, den größeren Teil seiner Erzeugnisse in Form von Steuern dem
Staat, in Form von Gerichtskosten dem Juristenklüngel und in Form
von Zinsen dem Wucherer abzutreten; in völliger Unkenntnis der
gesellschaftlichen Bewegung außerhalb seines engen Tätigkeitsfel-
des - hängt er trotzdem mit blinder Liebe an seinem Stückchen
Erde und seinem bloß nominellen Besitzrecht. Dadurch ist der
französische Bauer in einen höchst verhängnisvollen Gegensatz zur
Industriearbeiterklasse gedrängt worden. Eben weil die bäuerli-
chen Eigentumsverhältnisse das größte Hindernis für die "Natio-
nalisierung des Grund und Bodens" sind, ist Frankreich in seinem
jetzigen Zustand gewiß nicht der Ort, wo wir eine Lösung dieses
großen Problems suchen müssen.
Die Nationalisierung des Bodens und seine Verpachtung in kleinen
Parzellen an Einzelpersonen oder an Arbeitergenossenschaften
würde unter einer bürgerlichen Regierung nur eine rücksichtslose
Konkurrenz unter ihnen auslösen und eine gewisse Steigerung der
"Rente" mit sich bringen und dadurch den Aneignern neue Möglich-
keiten bieten, auf Kosten der Produzenten zu leben.
Auf dem Internationalen Kongreß in Brüssel 1868 sagte einer mei-
ner Freunde:
"Das kleine Privateigentum hat der Urteilsspruch der Wissenschaft
zum Untergang verdammt, das große die Gerechtigkeit. Es bleibt
also nur eine Alternative. Der Boden muß entweder das Eigentum
von landwirtschaftlichen Assoziationen werden oder das Eigentum
der gesamten Nation. Die Zukunft wird diese Frage entscheiden."
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Ich hingegen sage: Die Zukunft 1*) wird entscheiden, daß der Bo-
den nur nationales Eigentum sein kann. Das Land an assoziierte
Landarbeiter zu übergeben, würde heißen, die ganze Gesellschaft
einer besonderen Klasse von Produzenten auszuliefern. Die Natio-
nalisierung des Grund und Bodens wird eine vollkommene Änderung
in den Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital mit sich bringen
und schließlich die gesamte kapitalistische Produktion beseiti-
gen, sowohl in der Industrie wie in der Landwirtschaft. Nur dann
werden die Klassenunterschiede und Privilegien verschwinden, zu-
sammen mit der ökonomischen Basis, der sie entspringen, und die
Gesellschaft wird in eine Assoziation freier "Produzenten" ver-
wandelt werden. Von anderer Leute Arbeit zu leben wird eine Ange-
legenheit der Vergangenheit sein! Dann wird es weder eine Regie-
rung noch einen Staat geben, die im Gegensatz zur Gesellschaft
selbst stehen!
Landwirtschaft, Bergbau, Industrie, mit einem Wort alle Zweige
der Produktion werden allmählich auf die nutzbringendste Art or-
ganisiert werden. Die nationale Zentralisation der Produktions-
mittel wird die natürliche 2*) Basis einer Gesellschaft werden,
die sich aus Assoziationen freier und gleichgestellter, nach ei-
nem gemeinsamen und rationellen Plan bewußt tätiger Produzenten
zusammensetzt. Das ist das 3*) Ziel, welchem die große öko-
nomische Bewegung des 19. Jahrhunderts zustrebt.
Geschrieben März bis April 1872.
Nach der Handschrift.
Aus dem Englischen.
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1*) Im "International Herald": Die soziale Bewegung - 2*) im
"International Herald": nationale 3*) im "International Herald"
eingefügt: die Interessen der Menschheit umfassende
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