Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Beilagen
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Verzeichnis der Beilagen
A. Friedrich Engels: Vorwort zur zweiten durchgesehenen Auflage
"Zur Wohnungsfrage"
B. Friedrich Engels: Vorbemerkung (1894) zu "Die Bakunisten an
der Arbeit. Denkschrift über den Aufstand in Spanien im Sommer
1873"
C. Friedrich Engels: Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
D. Aufzeichnungen und Dokumente (April 1872 - September 1873)
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A. Friedrich Engels:
Vorwort zur zweiten durchgesehenen Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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Friedrich Engels
Vorwort [zur zweiten durchgesehenen Auflage
"Zur Wohnungsfrage" [214]
Die nachfolgende Schrift ist der Wiederabdruck dreier Artikel,
die ich 1872 in den Leipziger "Volksstaat" schrieb. Damals ergoß
sich grade der französische Milliardenregen [226] über Deutsch-
land; Staatsschulden wurden abgezahlt, Festungen und Kasernen ge-
baut, die Bestände von Waffen und Militäreffekten erneuert; das
disponible Kapital nicht minder als die zirkulierende Geldmenge
wurden plötzlich enorm vermehrt, und das alles grade zu einer
Zeit, wo Deutschland nicht nur als "einiges Reich", sondern auch
als großes Industrieland auf der Weltbühne auftrat. Die Milliar-
den gaben der jungen Großindustrie einen mächtigen Aufschwung;
sie vor allem waren es, die die kurze, illusionsreiche Periode
der Prosperität nach dem Krieg, und gleich darauf, 1873/1874, den
großen Krach [384] zuwege brachten, durch welchen Deutschland
sich als weltmarktfähiges Industrieland bewährte.
Die Zeit, worin ein altes Kulturland einen solchen, obendrein
durch so günstige Umstände beschleunigten Übergang von der Manu-
faktur und dem Kleinbetrieb zur großen Industrie macht, ist auch
vorwiegend die Zeit der "Wohnungsnot". Einerseits werden Massen
ländlicher Arbeiter plötzlich in die großen Städte gezogen, die
sich zu industriellen Mittelpunkten entwickeln; andrerseits ent-
spricht die Bauanlage dieser älteren Städte nicht mehr den Bedin-
gungen der neuen Großindustrie und des ihr entsprechenden Ver-
kehrs; Straßen werden erweitert und neu durchgebrochen, Eisenbah-
nen mitten durchgeführt. In demselben Augenblick, wo Arbeiter
haufenweis zuströmen, werden die Arbeiterwohnungen massenweis
eingerissen. Daher die plötzliche Wohnungsnot der Arbeiter und
des auf Arbeiterkundschaft angewiesenen Kleinhandels und Kleinge-
werbs. In Städten, die von vornherein als Industriezentren ent-
standen, ist diese Wohnungsnot so gut wie unbekannt. So in Man-
chester, Leeds, Bradford, Barmen-Elberfeld. Dagegen in London,
Paris, Berlin, Wien hat sie ihrerzeit akute Form angenommen und
besteht meist chronisch fort.
Es war also grade diese akute Wohnungsnot, dies Symptom der sich
in Deutschland vollziehenden industriellen Revolution, die damals
die Presse
#648# Beilagen
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mit Abhandlungen über die "Wohnungsfrage" füllte und den Anlaß
bot zu allerhand sozialer Quacksalberei. Eine Reihe solcher Arti-
kel verlief sich auch in den "Volksstaat". Der anonyme Verfasser,
der sich später als Herr Dr. med. A. Mülberger aus Württemberg zu
erkennen gab, hielt die Gelegenheit für günstig, den deutschen
Arbeitern an dieser Frage die Wunderwirkungen der Proudhonschen
sozialen Universalmedizin einleuchtend zu machen. Als ich der Re-
daktion meine Verwunderung über die Aufnahme dieser sonderbaren
Artikel zu erkennen gab, wurde ich aufgefordert, zu antworten,
was ich auch tat. (S. Erster Abschnitt: "Wie Proudhon die Woh-
nungsfrage löst" 1*).) An diese Reihe von Artikeln knüpfte ich
bald darauf eine zweite, worin an der Hand einer Schrift von Dr.
Emil Sax die philanthropisch-bürgerliche Auffassung der Frage un-
tersucht wurde. (Zweiter Abschnitt: "Wie die Bourgeoisie die Woh-
nungsfrage löst" 2*).) Nach längerer Pause beehrte mich sodann
Herr Dr. Mülberger mit einer Antwort auf meine Artikel [428], die
mich zu einer Erwiderung zwang (Dritter Abschnitt: "Nachtrag über
Proudhon und die Wohnungsfrage" 3*)), womit denn sowohl die Pole-
mik wie meine spezielle Beschäftigung mit dieser Frage zum Ab-
schluß kam. Dies die Entstehungsgeschichte dieser drei Reihen von
Artikeln, die ebenfalls als Sonderabdruck in Broschürenform er-
schienen. Wenn jetzt ein neuer Abdruck nötig wird, so verdanke
ich dies zweifellos wiederum der wohlwollenden Fürsorge der deut-
schen Reichsregierung, die den Absatz durch ein Verbot wie immer
mächtig förderte und der ich hiermit meinen Dank ergebenst aus-
spreche.
Für den neuen Abdruck habe ich den Text revidiert, einzelne Zu-
sätze und Anmerkungen eingefügt und einen kleinen ökonomischen
Irrtum im ersten Abschnitt berichtigt [219], da mein Gegner Dr.
Mülberger ihn leider nicht herausgefunden hat.
Bei dieser Durchsicht kommt mir so recht zum Bewußtsein, welche
Riesenfortschritte die internationale Arbeiterbewegung in den
letzten vierzehn Jahren gemacht. Damals war es noch eine Tatsa-
che, daß "die romanisch redenden Arbeiter seit zwanzig Jahren
keine andre Geistesnahrung hatten als die Werke Proudhons" 4*),
und allenfalls die weitere Vereinseitigung des Proudhonismus
durch den Vater des "Anarchismus", Bakunin, der in Proudhon
"unser aller Meister", notre maître ànous tous, sah. Waren auch
die Proudhonisten in Frankreich nur eine kleine Sekte unter den
Arbeitern, so waren sie doch die einzigen, die ein bestimmt for-
muliertes Programm hatten und die unter der Kommune die Führung
auf ökonomischen Gebiet übernehmen konnten. In Belgien herrschte
der Proudhonismus unter den wallonischen Arbeitern unbestritten,
und in Spanien und Italien war, mit sehr vereinzelten Ausnahmen,
in der Arbeiterbewegung alles, was nicht
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1*) Siehe vorl. Band, S. 213-232 - 2*) ebenda, S. 233-263 -
3*) ebenda, S. 264-287 - 4*) vgl. ebenda, S. 232
#649# Engels: Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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anarchistisch war, entschieden proudhonistisch. Und heute? In
Frankreich ist Proudhon unter den Arbeitern vollständig abgetan
und hat nur noch Anhänger unter den radikalen Bourgeois und
Kleinbürgern, die sich als Proudhonisten auch "Sozialisten" nen-
nen, aber von den sozialistischen Arbeitern aufs heftigste be-
kämpft werden. In Belgien haben die Flamländer die Wallonen von
der Leitung der Bewegung verdrängt, den Proudhonismus abgesetzt
und die Bewegung mächtig gehoben. In Spanien wie in Italien hat
sich die anarchistische Hochflut der siebziger Jahre verlaufen
und die Reste des Proudhonismus mit weggeschwemmt; wenn in Ita-
lien die neue Partei noch in der Klärung und Bildung begriffen
ist, so hat sich in Spanien der kleine Kern, der als Nueva Fe-
deracion Madrileña treu zum Generalrat der Internationale hielt,
zu einer kräftigen Partei entwickelt [148], die - wie aus der re-
publikanischen Presse selbst zu ersehn - den Einfluß der bürger-
lichen Republikaner auf die Arbeiter weit wirksamer zerstört, als
ihre lärmvollen anarchistischen Vorgänger dies je gekonnt. An die
Stelle der vergessenen Werke Proudhons sind bei den romanischen
Arbeitern "Das Kapital", das "Kommunistische Manifest" und eine
Reihe anderer Schriften der Marxschen Schule getreten, und die
Hauptforderung von Marx: Besitzergreifung sämtlicher Produktions-
mittel, namens der Gesellschaft, durch das zur politischen Al-
leinherrschaft emporgestiegene Proletariat, ist heute die For-
derung der gesamten revolutionären Arbeiterklasse auch in den ro-
manischen Ländern.
Wenn hiernach der Proudhonismus bei den Arbeitern auch der roma-
nischen Länder endgültig verdrängt ist, wenn er nur noch - seiner
eigentlichen Bestimmung entsprechend - französischen, spanischen,
italienischen und belgischen bürgerlichen Radikalen als Ausdruck
ihrer bürgerlichen und kleinbürgerlichen Gelüste dient, warum
dann heute noch auf ihn zurückkommen? Warum aufs neue einen ver-
storbenen Gegner bekämpfen durch Wiederabdruck dieser Artikel?
Erstens weil diese Artikel sich nicht auf bloße Polemik gegen
Proudhon und seinen deutschen Vertreter beschränken. Infolge der
Teilung der Arbeit, die zwischen Marx und mir bestand, fiel es
mir zu, unsere Ansichten in der periodischen Presse, also nament-
lich im Kampf mit gegnerischen Ansichten, zu vertreten, damit
Marx, für die Ausarbeitung seines großen Hauptwerks Zeit behielt.
Ich kam dadurch in die Lage, unsere Anschauungsweise meist in po-
lemischer Form, im Gegensatz zu anderen Anschauungsweisen, darzu-
stellen. So auch hier. Die Abschnitte I und III enthalten nicht
nur eine Kritik der Proudhonschen Auffassung der Frage, sondern
auch die Darstellung unsrer eignen Auffassung."
Zweitens aber hat Proudhon in der Geschichte der europäischen Ar-
beiterbewegung eine viel zu bedeutende Rolle gespielt, als daß er
so ohne weiteres der Vergessenheit verfallen könnte. Theoretisch
abgetan, praktisch beiseite geschoben, behält er sein histori-
sches Interesse. Wer sich einigermaßen
#650# Beilagen
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eingehend mit dem modernen Sozialismus beschäftigt, der muß auch
die "überwundnen Standpunkte" der Bewegung kennenlernen. Marx'
"Elend der Philosophie" 1*) erschien mehrere Jahre, ehe Proudhon
seine praktischen Vorschläge der Gesellschaftsreform aufstellte;
Marx konnte hier nur die Proudhonsche Tauschbank im Keim entdec-
ken und kritisieren. Seine Schrift wird also nach dieser Seite
durch die vorliegende ergänzt, leider unvollkommen genug. Marx
würde das alles viel besser und schlagender abgemacht haben.
Endlich aber ist der Bourgeois- und kleinbürgerliche Sozialismus
in Deutschland bis auf diese Stunde stark vertreten. Und zwar ei-
nerseits durch Kathedersozialisten und Menschenfreunde aller Art,
bei denen der Wunsch, die Arbeiter in Eigentümer ihrer Wohnung zu
verwandeln, noch immer eine große Rolle spielt, denen gegenüber
also meine Arbeit noch immer am Platze ist. Andererseits aber in
der Sozialdemokratischen Partei selbst, bis in die Reichstags-
fraktion hinein, findet ein gewisser kleinbürgerlicher Sozia-
lismus seine Vertretung. Und zwar in der Weise, daß man zwar die
Grundanschauungen des modernen Sozialismus und die Forderung der
Verwandlung aller Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigen-
tum als berechtigt anerkennt, aber ihre Verwirklichung nur in
entfernter, praktisch unabsehbarer Zeit für möglich erklärt. Da-
mit ist man denn für die Gegenwart auf bloßes soziales Flickwerk
angewiesen und kann je nach Umständen selbst mit den reaktionär-
sten Bestrebungen zur sogenannten "Hebung der arbeitenden Klasse"
sympathisieren. Das Bestehen einer solchen Richtung ist ganz un-
vermeidlich in Deutschland, dem Land des Spießbürgertums par ex-
cellence, und zu einer Zeit, wo die industrielle Entwicklung dies
alteingewurzelte Spießbürgertum gewaltsam und massenweise entwur-
zelt. Es ist auch für die Bewegung ganz ungefährlich bei dem wun-
derbar gesunden Sinn unserer Arbeiter, der sich gerade in den
letzten acht Jahren des Kampfs gegen Sozialistengesetz, Polizei
und Richter so glänzend bewährt hat. Aber es ist nötig, daß man
sich darüber klarwerde, daß eine solche Richtung besteht. Und
wenn, wie dies notwendig und sogar wünschenswert ist, diese Rich-
tung später einmal festere Form und bestimmtere Umrisse annimmt,
dann wird sie zur Formulierung ihres Programms auf ihre Vorgänger
zurückgehn müssen, und dabei wird auch Proudhon schwerlich über-
gangen werden.
Der Kern sowohl der großbürgerlichen wie der kleinbürgerlichen
Lösung der "Wohnungsfrage" ist das Eigentum des Arbeiters an sei-
ner Wohnung. Dies ist aber ein Punkt, der durch die industrielle
Entwicklung Deutschlands in den letzten zwanzig Jahren eine ganz
eigentümliche Beleuchtung erhalten hat. In keinem andern Land
existieren soviel Lohnarbeiter, die Eigentümer nicht nur ihrer
Wohnung, sondern auch noch eines Gartens
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1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe
#651# Engels: Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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oder Feldes sind; daneben noch zahlreiche andere, die Haus und
Garten oder Feld als Pächter, mit tatsächlich ziemlich gesicher-
tem Besitz innehaben. Die ländliche Hausindustrie, betrieben im
Verein mit Gartenbau oder kleiner Ackerwirtschaft, bildet die
breite Grundlage der jungen Großindustrie Deutschlands; im Westen
sind die Arbeiter vorwiegend Eigentümer, im Osten vorwiegend
Pächter ihrer Heimstätten. Diese Verbindung der Hausindustrie mit
Garten- und Feldbau, und daher mit gesicherter Wohnung, finden
wir nicht nur überall, wo Handweberei noch ankämpft gegen den me-
chanischen Webstuhl: am Niederrhein und in Westfalen, im sächsi-
schen Erzgebirge und in Schlesien; wir finden sie überall, wo
Hausindustrie irgendeiner Art sich als ländliches Gewerbe einge-
drängt hat, z.B. im Thüringer Wald und in der Rhön. Bei Gelegen-
heit der Tabaksmonopol-Verhandlungen stellte sich heraus, wie
sehr auch schon die Zigarrenmacherei als ländliche Hausarbeit be-
trieben wird; und wo irgendein Notstand unter den Kleinbauern
eintritt, wie vor einigen Jahren in der Eifel [429], da erhebt
die bürgerliche Presse sofort den Ruf nach Einführung einer pas-
senden Hausindustrie als dem einzigen Hülfsmittel. In der Tat
drängt sowohl die wachsende Notlage der deutschen Parzellenbauern
wie die allgemeine Lage der deutschen Industrie zu einer immer
weitern Ausdehnung der ländlichen Hausindustrie. Es ist dies eine
Erscheinung, die Deutschland eigentümlich ist. Etwas Ähnliches
finden wir in Frankreich nur ganz ausnahmsweise, z.B. in den Ge-
genden der Seidenzucht; in England, wo es keine Kleinbauern gibt,
beruht die ländliche Hausindustrie auf der Arbeit der Frauen und
Kinder der Ackerbautaglöhner; nur in Irland sehn wir die
Hausindustrie der Kleiderkonfektion, ähnlich wie in Deutschland,
von wirklichen Bauernfamilien betrieben. Von Rußland und andern
auf dem industriellen Weltmarkt nicht vertretnen Ländern sprechen
wir hier natürlich nicht.
Somit besteht auf weiten Gebieten Deutschlands heute ein indu-
strieller Zustand, der auf den ersten Blick dem Zustand gleicht,
wie er vor Einführung der Maschinerie der allgemein herrschende
war. Aber auch nur auf den ersten Blick. Die ländliche, mit Gar-
ten- und Feldbau verbundne Hausindustrie der frühern Zeit war,
wenigstens in den industriell fortschreitenden Ländern, die
Grundlage einer materiell erträglichen und stellenweise behagli-
chen Lage der arbeitenden Klasse, aber auch ihrer geistigen und
politischen Nullität. Das Handprodukt und seine Kosten bestimmten
den Marktpreis, und bei der gegen heute verschwindend geringen
Produktivität der Arbeit wuchsen die Absatzmärkte in der Regel
rascher als das Angebot. Dies gilt, um die Mitte des vorigen
Jahrhunderts, für England und teilweise für Frankreich, und na-
mentlich für die Textilindustrie. In dem damals eben erst aus der
Verwüstung des Dreißigjährigen Kriegs und unter den ungünstigsten
Umständen sich wieder emporarbeitenden Deutschland sah es aller-
dings ganz anders aus; die einzige Hausindustrie, die hier für
#652# Beilagen
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den Weltmarkt arbeitete, die Leinenweberei, wurde durch Steuern
und Feudallasten so gedrückt, daß sie den webenden Bauer nicht
über das sehr niedrige Niveau der übrigen Bauernschaft erhob.
Aber immerhin hatte damals der ländliche Industriearbeiter eine
gewisse Sicherheit der Existenz.
Mit der Einführung der Maschinerie änderte sich das alles. Der
Preis wurde nun bestimmt durch das Maschinenprodukt, und der Lohn
des hausindustriellen Arbeiters fiel mit diesem Preise. Aber der
Arbeiter mußte ihn nehmen oder andre Arbeit suchen, und das
konnte er nicht, ohne Proletarier zu werden, d.h. ohne sein Häus-
chen, Gärtchen und Feldchen - eigen oder gepachtet - aufzugeben.
Und das wollte er nur im seltensten Fall. So wurde der Garten-
und Feldbau der alten ländlichen Handweber die Ursache, kraft de-
ren der Kampf des Handwebstuhls gegen den mechanischen Webstuhl
sich überall so sehr in die Länge zog und in Deutschland noch
nicht ausgefochten ist. In diesem Kampf zeigte es sich zum ersten
Mal, namentlich in England, daß derselbe Umstand, der früher
einen verhältnismäßigen Wohlstand der Arbeiter begründet hatte -
der Besitz des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln, - jetzt
für sie ein Hindernis und ein Unglück geworden war. In der Indu-
strie schlug der mechanische Webstuhl seinen Handwebstuhl, im
Landbau schlug die große Agrikultur seinen Kleinbetrieb aus dem
Felde. Aber während auf beiden Produktionsgebieten die vereinigte
Arbeit vieler und die Anwendung der Maschinerie und der Wissen-
schaft gesellschaftliche Regel wurden, fesselten ihn sein Häus-
chen, Gärtchen, Feldchen und sein Webstuhl an die veraltete Me-
thode der Einzelproduktion und der Handarbeit. Der Besitz von
Haus und Garten war jetzt weit weniger wert als die vogelfreie
Beweglichkeit. Kein Fabrikarbeiter hätte getauscht mit dem lang-
sam aber sicher verhungernden ländlichen Handweber.
Deutschland erschien spät auf dem Weltmarkt; unsre große Indu-
strie datiert von den vierziger Jahren, erhielt ihren ersten Auf-
schwung durch die Revolution von 1848 und konnte sich erst voll
entfalten, als die Revolutionen von 1866 und 1870 ihr wenigstens
die schlimmsten politischen Hindernisse aus dem Wege geräumt.
Aber sie fand den Weltmarkt großenteils besetzt. Die Massenarti-
kel lieferte England, die geschmackvollen Luxusartikel Frank-
reich. Die einen konnte Deutschland nicht im Preise, die andern
nicht in der Qualität schlagen. So blieb nichts übrig«als
zunächst, dem Geleise der bisherigen deutschen Produktion ent-
sprechend, sich in den Weltmarkt einzuschieben mit Artikeln, die
für die Engländer zu kleinlich, für die Franzosen zu schäbig wa-
ren. Die beliebte deutsche Praxis der Prellerei, zuerst gute Mu-
ster zu schicken und nachher schlechte Ware, strafte sich aller-
dings auf dem Weltmarkt bald hart genug und kam in ziemlichen
Verfall; andrerseits drängte die Konkurrenz der Überproduktion
selbst die soliden Engländer allmählich auf die abschüssige Bahn
der Qualitätsverschlechterung und leistete so den Deutschen Vor-
schub, die auf diesem
#653# Engels: Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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Feld unerreichbar sind. Und so sind wir denn endlich dahin gekom-
men, eine große Industrie zu besitzen und eine Rolle auf dem
Weltmarkt zu spielen. Aber unsre große Industrie arbeitet fast
ausschließlich für den innern Markt (die Eisenindustrie ausgenom-
men, die weit über den innern Bedarf erzeugt), und unsre massen-
hafte Ausfuhr setzt sich zusammen aus einer Umsumme kleiner Arti-
kel, zu denen die große Industrie höchstens die nötigen Halbfa-
brikate liefert, die aber selbst geliefert werden großenteils
durch die ländliche Hausindustrie.
Und hier zeigt sich in vollem Glanz der "Segen" des eignen Haus-
und Grundbesitzes für den modernen Arbeiter. Nirgends, selbst die
irische Hausindustrie kaum ausgenommen, werden so infam niedrige
Löhne gezahlt wie in der deutschen Hausindustrie. Was die Familie
auf ihrem eignen Gärtchen und Feldchen erarbeitet, das erlaubt
die Konkurrenz dem Kapitalisten vom Preis der Arbeitskraft abzu-
ziehen; die Arbeiter müssen eben jeden Akkordlohn nehmen, weil
sie sonst gar nichts erhalten und vom Produkt ihres Landbaus al-
lein nicht leben können; und weil andrerseits eben dieser Landbau
und Grundbesitz sie an den Ort fesselt, sie hindert, sich nach
andrer Beschäftigung umzusehn. Und hierin liegt der Grund, der
Deutschland in einer ganzen Reihe von kleinen Artikeln auf dem
Weltmarkt konkurrenzfähig erhält. Man schlägt den ganzen Kapital-
profit heraus aus einem Abzug Vom normalen Arbeitslohn und kann
den ganzen Mehrwert dem Käufer schenken. Das ist das Geheimnis
der erstaunlichen Wohlfeilheit der meisten deutschen Ausfuhrarti-
kel.
Es ist dieser Umstand, der mehr als irgendein andrer auch auf an-
dern industriellen Gebieten die Arbeitslöhne und die Lebenshal-
tung der Arbeiter in Deutschland unter dem Stand der westeuropäi-
schen Länder hält. Das Bleigewicht solcher traditionell tief un-
ter dem Wert der Arbeitskraft gehaltnen Arbeitspreise drückt auch
die Löhne der städtischen und selbst der großstädtischen Arbeiter
unter den Wert der Arbeitskraft hinab, und dies um so mehr, als
auch in den Städten die schlechtgelohnte Hausindustrie an die
Stelle des alten Handwerks getreten ist und auch hier das allge-
meine Niveau des Lohnes herabdrückt.
Hier sehn wir es deutlich: Was auf einer früheren geschichtlichen
Stufe die Grundlage eines relativen Wohlstands der Arbeiter war:
die Verbindung von Landbau und Industrie, der Besitz von Haus und
Garten und Feld, die Sicherheit der Wohnung, das wird heute, un-
ter der Herrschaft der großen Industrie, nicht nur die ärgste
Fessel für den Arbeiter, sondern das größte Unglück für die ganze
Arbeiterklasse, die Grundlage einer beispiellosen Herabdrückung
des Arbeitslohns unter seine normale Höhe, und das nicht nur für
einzelne Geschäftszweige und Gegenden, sondern für das ganze na-
tionale Gebiet. Kein Wunder, daß die Groß- und Kleinbürgerschaft,
die von diesen abnormen Abzügen vom Arbeitslohn lebt und sich be-
reichert, für ländliche Industrie, für hausbesitzende Arbeiter
schwärmt, für alle
#654# Beilagen
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ländlichen Notstände das einzige Heilmittel sieht in der Einfüh-
rung neuer Hausindustrien!
Das ist die eine Seite der Sache; aber sie hat auch eine Kehr-
seite. Die Hausindustrie ist die breite Grundlage des deutschen
Ausfuhrhandels und damit der ganzen Großindustrie geworden. Damit
ist sie über weite Striche von Deutschland verbreitet und dehnt
sich täglich mehr aus. Der Ruin des Kleinbauern, unvermeidlich
von der Zeit an, wo seine industrielle Hausarbeit für den Selbst-
gebrauch durch das wohlfeile Konfektions- und Maschinenprodukt,
und sein Viehstand, also seine Düngerproduktion, durch die Zer-
störung der Markverfassung, der gemeinen Mark und des Flurzwangs
vernichtet wurden - dieser Ruin treibt die dem Wucherer verfalle-
nen Kleinbauern der modernen Hausindustrie gewaltsam zu. Wie in
Irland die Bodenrente des Grundbesitzers, können in Deutschland
die Zinsen des Hypothekenwucherers gezahlt werden, nicht aus dem
Bodenertrag, sondern nur aus dem Arbeitslohn des industriellen
Bauern. Mit der Ausdehnung der Hausindustrie aber wird eine Bau-
erngegend nach der andern in die industrielle Bewegung der Gegen-
wart hineingerissen. Es ist diese Revolutionierung der Landdi-
strikte durch die Hausindustrie, die die industrielle Revolution
in Deutschland über ein weit größeres Gebiet ausbreitet als in
England und Frankreich der Fall; es ist die verhältnismäßig nied-
rige Stufe unsrer Industrie, die ihre Ausdehnung in die Breite um
so nötiger macht. Dies erklärt, warum in Deutschland, im Gegen-
satz zu England und Frankreich, die revolutionäre Arbeiterbewe-
gung eine so gewaltige Verbreitung über den größten Teil des Lan-
des gefunden hat, statt ausschließlich an städtische Zentren ge-
bunden zu sein. Und dies wiederum erklärt den ruhigen, sichern,
unaufhaltsamen Fortschritt der Bewegung. In Deutschland leuchtet
es von selbst ein, daß eine siegreiche Erhebung in der Hauptstadt
und den andern großen Städten erst dann möglich wird, wenn auch
die Mehrzahl der kleinen Städte und ein großer Teil der ländli-
chen Bezirke für den Umschwung reif geworden ist. Wir können, bei
einigermaßen normaler Entwicklung, nie in den Fall kommen, Arbei-
tersiege zu erfechten wie die Pariser von 1848 und 1871, aber
ebendeshalb auch nicht Niederlagen der revolutionären Hauptstadt
durch die reaktionäre Provinz erleiden, wie Paris sie in beiden
Fällen erlitt. In Frankreich ging die Bewegung stets von der
Hauptstadt aus, in Deutschland von den Bezirken der großen Indu-
strie, der Manufaktur und der Hausindustrie; die Hauptstadt wurde
erst später erobert. Daher wird vielleicht auch in Zukunft die
Rolle der Initiative den Franzosen vorbehalten bleiben; aber die
Entscheidung kann nur in Deutschland ausgekämpft werden.
Nun ist aber diese ländliche Hausindustrie und Manufaktur, die in
ihrer Ausdehnung der entscheidende Produktionszweig Deutschlands
geworden und die damit das deutsche Bauerntum mehr und mehr revo-
lutioniert, selbst nur die Vorstufe einer weiteren Umwälzung. Wie
schon Marx nachgewiesen
#655# Engels: Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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("Kapital" I, 3. Aufl., S. 484- 495 1*)), schlägt auch für sie,
auf einer gewissen Entwicklungsstufe, die Stunde des Untergangs
durch die Maschinerie und den Fabrikbetrieb. Und diese Stunde
scheint nahe bevorzustehn. Aber Vernichtung der ländlichen Haus-
industrie und Manufaktur durch Maschinerie und Fabrikbetrieb, das
heißt in Deutschland Vernichtung der Existenz von Millionen länd-
licher Produzenten, Expropriation fast der halben deutschen
Kleinbauernschaft, Verwandlung nicht nur der Hausindustrie in
Fabrikbetrieb, sondern auch der Bauernwirtschaft in große, kapi-
talistische Agrikultur und des kleinen Grundbesitzes in große
Herrengüter - industrielle und landwirtschaftliche Revolution zu-
gunsten des Kapitals und Großgrundbesitzes auf Kosten der Bauern.
Sollte es Deutschland beschieden sein, auch diese Umwandlung noch
unter den alten gesellschaftlichen Bedingungen durchzumachen, so
wird sie unbedingt den Wendepunkt bilden. Hat bis dahin die Ar-
beiterklasse keines anderen Landes die Initiative ergriffen, so
schlägt dann unbedingt Deutschland los, und die Bauernsöhne des
"herrlichen Kriegsheers" helfen tapfer mit.
Und jetzt nimmt die bürgerliche und kleinbürgerliche Utopie, die
jedem Arbeiter ein eigentümlich besessenes Häuschen geben und ihn
damit an seinen Kapitalisten in halbfeudaler Weise fesseln will,
eine ganz andre Gestalt an. Als ihre Verwirklichung erscheint die
Verwandlung aller kleinen ländlichen Hauseigentümer in industri-
elle Hausarbeiter; die Vernichtung der alten Abgeschlossenheit
und damit der politischen Nullität der Kleinbauern, die in den
"sozialen Wirbel" hineingerissen werden; die Ausbreitung der in-
dustriellen Revolution über das platte Land, und damit die Um-
wandlung der stabilsten, konservativsten Klasse der Bevölkerung
in eine revolutionäre Pflanzschule, und als Abschluß des ganzen
die Expropriation der hausindustriellen Bauern durch die Maschi-
nerie, die sie mit Gewalt in den Aufstand treibt.
Wir können den bürgerlich-sozialistischen Philanthropen den
Privatgenuß ihres Ideals gern gönnen, solange sie in ihrer öf-
fentlichen Funktion als Kapitalisten fortfahren, es in dieser um-
gekehrten Weise zu verwirklichen, zu Nutz und Frommen der sozia-
len Revolution.
London, 10. Januar 1887
Friedrich Engels
Nach: "Zur Wohnungsfrage",
zweite durchgesehene Auflage,
Hottingen-Zürich 1887.
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 494-504
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