Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875


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       #643#
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       Beilagen
       
       #644#
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       Verzeichnis der Beilagen
       A. Friedrich Engels:  Vorwort zur  zweiten durchgesehenen Auflage
       "Zur Wohnungsfrage"
       B. Friedrich Engels:  Vorbemerkung (1894)  zu "Die  Bakunisten an
       der Arbeit.  Denkschrift über  den Aufstand  in Spanien im Sommer
       1873"
       C. Friedrich Engels: Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
       D. Aufzeichnungen und Dokumente (April 1872 - September 1873)
       
       #645#
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       A. Friedrich Engels:
       Vorwort zur zweiten durchgesehenen Auflage "Zur Wohnungsfrage"
       
       #646#
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       #647#
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       Friedrich Engels
       
       Vorwort [zur zweiten durchgesehenen Auflage
       "Zur Wohnungsfrage" [214]
       
       Die nachfolgende  Schrift ist  der Wiederabdruck  dreier Artikel,
       die ich  1872 in den Leipziger "Volksstaat" schrieb. Damals ergoß
       sich grade  der französische  Milliardenregen [226] über Deutsch-
       land; Staatsschulden wurden abgezahlt, Festungen und Kasernen ge-
       baut, die  Bestände von  Waffen und Militäreffekten erneuert; das
       disponible Kapital  nicht minder  als die zirkulierende Geldmenge
       wurden plötzlich  enorm vermehrt,  und das  alles grade  zu einer
       Zeit, wo  Deutschland nicht nur als "einiges Reich", sondern auch
       als großes  Industrieland auf der Weltbühne auftrat. Die Milliar-
       den gaben  der jungen  Großindustrie einen  mächtigen Aufschwung;
       sie vor  allem waren  es, die  die kurze, illusionsreiche Periode
       der Prosperität nach dem Krieg, und gleich darauf, 1873/1874, den
       großen Krach  [384] zuwege  brachten, durch  welchen  Deutschland
       sich als weltmarktfähiges Industrieland bewährte.
       Die Zeit,  worin ein  altes Kulturland  einen solchen,  obendrein
       durch so  günstige Umstände beschleunigten Übergang von der Manu-
       faktur und  dem Kleinbetrieb zur großen Industrie macht, ist auch
       vorwiegend die  Zeit der  "Wohnungsnot". Einerseits werden Massen
       ländlicher Arbeiter  plötzlich in  die großen Städte gezogen, die
       sich zu  industriellen Mittelpunkten entwickeln; andrerseits ent-
       spricht die Bauanlage dieser älteren Städte nicht mehr den Bedin-
       gungen der  neuen Großindustrie  und des  ihr entsprechenden Ver-
       kehrs; Straßen werden erweitert und neu durchgebrochen, Eisenbah-
       nen mitten  durchgeführt. In  demselben Augenblick,  wo  Arbeiter
       haufenweis zuströmen,  werden  die  Arbeiterwohnungen  massenweis
       eingerissen. Daher  die plötzliche  Wohnungsnot der  Arbeiter und
       des auf Arbeiterkundschaft angewiesenen Kleinhandels und Kleinge-
       werbs. In  Städten, die  von vornherein als Industriezentren ent-
       standen, ist  diese Wohnungsnot  so gut wie unbekannt. So in Man-
       chester, Leeds,  Bradford, Barmen-Elberfeld.  Dagegen in  London,
       Paris, Berlin,  Wien hat  sie ihrerzeit akute Form angenommen und
       besteht meist chronisch fort.
       Es war  also grade diese akute Wohnungsnot, dies Symptom der sich
       in Deutschland vollziehenden industriellen Revolution, die damals
       die Presse
       
       #648# Beilagen
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       mit Abhandlungen  über die  "Wohnungsfrage" füllte  und den Anlaß
       bot zu allerhand sozialer Quacksalberei. Eine Reihe solcher Arti-
       kel verlief sich auch in den "Volksstaat". Der anonyme Verfasser,
       der sich später als Herr Dr. med. A. Mülberger aus Württemberg zu
       erkennen gab,  hielt die  Gelegenheit für  günstig, den deutschen
       Arbeitern an  dieser Frage  die Wunderwirkungen der Proudhonschen
       sozialen Universalmedizin einleuchtend zu machen. Als ich der Re-
       daktion meine  Verwunderung über  die Aufnahme dieser sonderbaren
       Artikel zu  erkennen gab,  wurde ich  aufgefordert, zu antworten,
       was ich  auch tat.  (S. Erster  Abschnitt: "Wie Proudhon die Woh-
       nungsfrage löst"  1*).) An  diese Reihe  von Artikeln knüpfte ich
       bald darauf  eine zweite, worin an der Hand einer Schrift von Dr.
       Emil Sax die philanthropisch-bürgerliche Auffassung der Frage un-
       tersucht wurde. (Zweiter Abschnitt: "Wie die Bourgeoisie die Woh-
       nungsfrage löst"  2*).) Nach  längerer Pause  beehrte mich sodann
       Herr Dr. Mülberger mit einer Antwort auf meine Artikel [428], die
       mich zu einer Erwiderung zwang (Dritter Abschnitt: "Nachtrag über
       Proudhon und die Wohnungsfrage" 3*)), womit denn sowohl die Pole-
       mik wie  meine spezielle  Beschäftigung mit  dieser Frage zum Ab-
       schluß kam. Dies die Entstehungsgeschichte dieser drei Reihen von
       Artikeln, die  ebenfalls als  Sonderabdruck in Broschürenform er-
       schienen. Wenn  jetzt ein  neuer Abdruck  nötig wird, so verdanke
       ich dies zweifellos wiederum der wohlwollenden Fürsorge der deut-
       schen Reichsregierung,  die den Absatz durch ein Verbot wie immer
       mächtig förderte  und der  ich hiermit meinen Dank ergebenst aus-
       spreche.
       Für den  neuen Abdruck  habe ich den Text revidiert, einzelne Zu-
       sätze und  Anmerkungen eingefügt  und einen  kleinen ökonomischen
       Irrtum im  ersten Abschnitt  berichtigt [219], da mein Gegner Dr.
       Mülberger ihn leider nicht herausgefunden hat.
       Bei dieser  Durchsicht kommt  mir so recht zum Bewußtsein, welche
       Riesenfortschritte die  internationale  Arbeiterbewegung  in  den
       letzten vierzehn  Jahren gemacht.  Damals war es noch eine Tatsa-
       che, daß  "die romanisch  redenden Arbeiter  seit zwanzig  Jahren
       keine andre  Geistesnahrung hatten  als die Werke Proudhons" 4*),
       und allenfalls  die  weitere  Vereinseitigung  des  Proudhonismus
       durch den  Vater des  "Anarchismus",  Bakunin,  der  in  Proudhon
       "unser aller  Meister", notre  maître ànous tous, sah. Waren auch
       die Proudhonisten  in Frankreich  nur eine kleine Sekte unter den
       Arbeitern, so  waren sie doch die einzigen, die ein bestimmt for-
       muliertes Programm  hatten und  die unter der Kommune die Führung
       auf ökonomischen  Gebiet übernehmen konnten. In Belgien herrschte
       der Proudhonismus  unter den wallonischen Arbeitern unbestritten,
       und in  Spanien und Italien war, mit sehr vereinzelten Ausnahmen,
       in der Arbeiterbewegung alles, was nicht
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       1*) Siehe vorl.  Band, S.  213-232 -  2*) ebenda,  S.  233-263  -
       3*) ebenda, S. 264-287 - 4*) vgl. ebenda, S. 232
       
       #649# Engels: Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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       anarchistisch war,  entschieden proudhonistisch.  Und  heute?  In
       Frankreich ist  Proudhon unter  den Arbeitern vollständig abgetan
       und hat  nur noch  Anhänger unter  den  radikalen  Bourgeois  und
       Kleinbürgern, die  sich als Proudhonisten auch "Sozialisten" nen-
       nen, aber  von den  sozialistischen Arbeitern  aufs heftigste be-
       kämpft werden.  In Belgien  haben die Flamländer die Wallonen von
       der Leitung  der Bewegung  verdrängt, den Proudhonismus abgesetzt
       und die  Bewegung mächtig  gehoben. In Spanien wie in Italien hat
       sich die  anarchistische Hochflut  der siebziger  Jahre verlaufen
       und die  Reste des  Proudhonismus mit weggeschwemmt; wenn in Ita-
       lien die  neue Partei  noch in  der Klärung und Bildung begriffen
       ist, so  hat sich  in Spanien  der kleine Kern, der als Nueva Fe-
       deracion Madrileña  treu zum Generalrat der Internationale hielt,
       zu einer kräftigen Partei entwickelt [148], die - wie aus der re-
       publikanischen Presse  selbst zu ersehn - den Einfluß der bürger-
       lichen Republikaner auf die Arbeiter weit wirksamer zerstört, als
       ihre lärmvollen anarchistischen Vorgänger dies je gekonnt. An die
       Stelle der  vergessenen Werke  Proudhons sind bei den romanischen
       Arbeitern "Das  Kapital", das  "Kommunistische Manifest" und eine
       Reihe anderer  Schriften der  Marxschen Schule  getreten, und die
       Hauptforderung von Marx: Besitzergreifung sämtlicher Produktions-
       mittel, namens  der Gesellschaft,  durch das  zur politischen Al-
       leinherrschaft emporgestiegene  Proletariat, ist  heute die  For-
       derung der gesamten revolutionären Arbeiterklasse auch in den ro-
       manischen Ländern.
       Wenn hiernach  der Proudhonismus bei den Arbeitern auch der roma-
       nischen Länder endgültig verdrängt ist, wenn er nur noch - seiner
       eigentlichen Bestimmung entsprechend - französischen, spanischen,
       italienischen und  belgischen bürgerlichen Radikalen als Ausdruck
       ihrer bürgerlichen  und kleinbürgerlichen  Gelüste  dient,  warum
       dann heute  noch auf ihn zurückkommen? Warum aufs neue einen ver-
       storbenen Gegner bekämpfen durch Wiederabdruck dieser Artikel?
       Erstens weil  diese Artikel  sich nicht  auf bloße  Polemik gegen
       Proudhon und  seinen deutschen Vertreter beschränken. Infolge der
       Teilung der  Arbeit, die  zwischen Marx  und mir bestand, fiel es
       mir zu, unsere Ansichten in der periodischen Presse, also nament-
       lich im  Kampf mit  gegnerischen Ansichten,  zu vertreten,  damit
       Marx, für die Ausarbeitung seines großen Hauptwerks Zeit behielt.
       Ich kam dadurch in die Lage, unsere Anschauungsweise meist in po-
       lemischer Form, im Gegensatz zu anderen Anschauungsweisen, darzu-
       stellen. So  auch hier.  Die Abschnitte I und III enthalten nicht
       nur eine  Kritik der  Proudhonschen Auffassung der Frage, sondern
       auch die Darstellung unsrer eignen Auffassung."
       Zweitens aber hat Proudhon in der Geschichte der europäischen Ar-
       beiterbewegung eine viel zu bedeutende Rolle gespielt, als daß er
       so ohne  weiteres der Vergessenheit verfallen könnte. Theoretisch
       abgetan, praktisch  beiseite geschoben,  behält er  sein histori-
       sches Interesse. Wer sich einigermaßen
       
       #650# Beilagen
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       eingehend mit  dem modernen Sozialismus beschäftigt, der muß auch
       die "überwundnen  Standpunkte" der  Bewegung kennenlernen.  Marx'
       "Elend der  Philosophie" 1*) erschien mehrere Jahre, ehe Proudhon
       seine praktischen  Vorschläge der Gesellschaftsreform aufstellte;
       Marx konnte  hier nur die Proudhonsche Tauschbank im Keim entdec-
       ken und  kritisieren. Seine  Schrift wird  also nach dieser Seite
       durch die  vorliegende ergänzt,  leider unvollkommen  genug. Marx
       würde das alles viel besser und schlagender abgemacht haben.
       Endlich aber  ist der Bourgeois- und kleinbürgerliche Sozialismus
       in Deutschland bis auf diese Stunde stark vertreten. Und zwar ei-
       nerseits durch Kathedersozialisten und Menschenfreunde aller Art,
       bei denen der Wunsch, die Arbeiter in Eigentümer ihrer Wohnung zu
       verwandeln, noch  immer eine  große Rolle spielt, denen gegenüber
       also meine  Arbeit noch immer am Platze ist. Andererseits aber in
       der Sozialdemokratischen  Partei selbst,  bis in  die Reichstags-
       fraktion hinein,  findet ein  gewisser  kleinbürgerlicher  Sozia-
       lismus seine  Vertretung. Und zwar in der Weise, daß man zwar die
       Grundanschauungen des  modernen Sozialismus und die Forderung der
       Verwandlung aller  Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigen-
       tum als  berechtigt anerkennt,  aber ihre  Verwirklichung nur  in
       entfernter, praktisch  unabsehbarer Zeit für möglich erklärt. Da-
       mit ist  man denn für die Gegenwart auf bloßes soziales Flickwerk
       angewiesen und  kann je nach Umständen selbst mit den reaktionär-
       sten Bestrebungen zur sogenannten "Hebung der arbeitenden Klasse"
       sympathisieren. Das  Bestehen einer solchen Richtung ist ganz un-
       vermeidlich in  Deutschland, dem Land des Spießbürgertums par ex-
       cellence, und zu einer Zeit, wo die industrielle Entwicklung dies
       alteingewurzelte Spießbürgertum gewaltsam und massenweise entwur-
       zelt. Es ist auch für die Bewegung ganz ungefährlich bei dem wun-
       derbar gesunden  Sinn unserer  Arbeiter, der  sich gerade  in den
       letzten acht  Jahren des  Kampfs gegen Sozialistengesetz, Polizei
       und Richter  so glänzend  bewährt hat. Aber es ist nötig, daß man
       sich darüber  klarwerde, daß  eine solche  Richtung besteht.  Und
       wenn, wie dies notwendig und sogar wünschenswert ist, diese Rich-
       tung später  einmal festere Form und bestimmtere Umrisse annimmt,
       dann wird sie zur Formulierung ihres Programms auf ihre Vorgänger
       zurückgehn müssen,  und dabei wird auch Proudhon schwerlich über-
       gangen werden.
       Der Kern  sowohl der  großbürgerlichen wie  der kleinbürgerlichen
       Lösung der "Wohnungsfrage" ist das Eigentum des Arbeiters an sei-
       ner Wohnung.  Dies ist aber ein Punkt, der durch die industrielle
       Entwicklung Deutschlands  in den letzten zwanzig Jahren eine ganz
       eigentümliche Beleuchtung  erhalten hat.  In keinem  andern  Land
       existieren soviel  Lohnarbeiter, die  Eigentümer nicht  nur ihrer
       Wohnung, sondern auch noch eines Gartens
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       1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe
       
       #651# Engels: Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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       oder Feldes  sind; daneben  noch zahlreiche  andere, die Haus und
       Garten oder  Feld als Pächter, mit tatsächlich ziemlich gesicher-
       tem Besitz  innehaben. Die  ländliche Hausindustrie, betrieben im
       Verein mit  Gartenbau oder  kleiner Ackerwirtschaft,  bildet  die
       breite Grundlage der jungen Großindustrie Deutschlands; im Westen
       sind die  Arbeiter vorwiegend  Eigentümer,  im  Osten  vorwiegend
       Pächter ihrer Heimstätten. Diese Verbindung der Hausindustrie mit
       Garten- und  Feldbau, und  daher mit  gesicherter Wohnung, finden
       wir nicht nur überall, wo Handweberei noch ankämpft gegen den me-
       chanischen Webstuhl:  am Niederrhein und in Westfalen, im sächsi-
       schen Erzgebirge  und in  Schlesien; wir  finden sie  überall, wo
       Hausindustrie irgendeiner  Art sich als ländliches Gewerbe einge-
       drängt hat,  z.B. im Thüringer Wald und in der Rhön. Bei Gelegen-
       heit der  Tabaksmonopol-Verhandlungen stellte  sich  heraus,  wie
       sehr auch schon die Zigarrenmacherei als ländliche Hausarbeit be-
       trieben wird;  und wo  irgendein Notstand  unter den  Kleinbauern
       eintritt, wie  vor einigen  Jahren in  der Eifel [429], da erhebt
       die bürgerliche  Presse sofort den Ruf nach Einführung einer pas-
       senden Hausindustrie  als dem  einzigen Hülfsmittel.  In der  Tat
       drängt sowohl die wachsende Notlage der deutschen Parzellenbauern
       wie die  allgemeine Lage  der deutschen  Industrie zu einer immer
       weitern Ausdehnung der ländlichen Hausindustrie. Es ist dies eine
       Erscheinung, die  Deutschland eigentümlich  ist. Etwas  Ähnliches
       finden wir  in Frankreich nur ganz ausnahmsweise, z.B. in den Ge-
       genden der Seidenzucht; in England, wo es keine Kleinbauern gibt,
       beruht die  ländliche Hausindustrie auf der Arbeit der Frauen und
       Kinder  der   Ackerbautaglöhner;  nur  in  Irland  sehn  wir  die
       Hausindustrie der  Kleiderkonfektion, ähnlich wie in Deutschland,
       von wirklichen  Bauernfamilien betrieben.  Von Rußland und andern
       auf dem industriellen Weltmarkt nicht vertretnen Ländern sprechen
       wir hier natürlich nicht.
       Somit besteht  auf weiten  Gebieten Deutschlands  heute ein indu-
       strieller Zustand,  der auf den ersten Blick dem Zustand gleicht,
       wie er  vor Einführung  der Maschinerie der allgemein herrschende
       war. Aber  auch nur auf den ersten Blick. Die ländliche, mit Gar-
       ten- und  Feldbau verbundne  Hausindustrie der  frühern Zeit war,
       wenigstens  in  den  industriell  fortschreitenden  Ländern,  die
       Grundlage einer  materiell erträglichen und stellenweise behagli-
       chen Lage  der arbeitenden  Klasse, aber auch ihrer geistigen und
       politischen Nullität. Das Handprodukt und seine Kosten bestimmten
       den Marktpreis,  und bei  der gegen  heute verschwindend geringen
       Produktivität der  Arbeit wuchsen  die Absatzmärkte  in der Regel
       rascher als  das Angebot.  Dies gilt,  um die  Mitte des  vorigen
       Jahrhunderts, für  England und  teilweise für Frankreich, und na-
       mentlich für die Textilindustrie. In dem damals eben erst aus der
       Verwüstung des Dreißigjährigen Kriegs und unter den ungünstigsten
       Umständen sich  wieder emporarbeitenden Deutschland sah es aller-
       dings ganz anders aus; die einzige Hausindustrie, die hier für
       
       #652# Beilagen
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       den Weltmarkt  arbeitete, die  Leinenweberei, wurde durch Steuern
       und Feudallasten  so gedrückt,  daß sie  den webenden Bauer nicht
       über das  sehr niedrige  Niveau der  übrigen Bauernschaft  erhob.
       Aber immerhin  hatte damals  der ländliche Industriearbeiter eine
       gewisse Sicherheit der Existenz.
       Mit der  Einführung der  Maschinerie änderte  sich das alles. Der
       Preis wurde nun bestimmt durch das Maschinenprodukt, und der Lohn
       des hausindustriellen  Arbeiters fiel mit diesem Preise. Aber der
       Arbeiter mußte  ihn nehmen  oder andre  Arbeit  suchen,  und  das
       konnte er nicht, ohne Proletarier zu werden, d.h. ohne sein Häus-
       chen, Gärtchen  und Feldchen - eigen oder gepachtet - aufzugeben.
       Und das  wollte er  nur im  seltensten Fall. So wurde der Garten-
       und Feldbau der alten ländlichen Handweber die Ursache, kraft de-
       ren der  Kampf des  Handwebstuhls gegen den mechanischen Webstuhl
       sich überall  so sehr  in die  Länge zog  und in Deutschland noch
       nicht ausgefochten ist. In diesem Kampf zeigte es sich zum ersten
       Mal, namentlich  in England,  daß derselbe  Umstand,  der  früher
       einen verhältnismäßigen  Wohlstand der Arbeiter begründet hatte -
       der Besitz  des Arbeiters  an seinen  Produktionsmitteln, - jetzt
       für sie  ein Hindernis und ein Unglück geworden war. In der Indu-
       strie schlug  der mechanische  Webstuhl seinen  Handwebstuhl,  im
       Landbau schlug  die große  Agrikultur seinen Kleinbetrieb aus dem
       Felde. Aber während auf beiden Produktionsgebieten die vereinigte
       Arbeit vieler  und die  Anwendung der Maschinerie und der Wissen-
       schaft gesellschaftliche  Regel wurden,  fesselten ihn sein Häus-
       chen, Gärtchen,  Feldchen und  sein Webstuhl an die veraltete Me-
       thode der  Einzelproduktion und  der Handarbeit.  Der Besitz  von
       Haus und  Garten war  jetzt weit  weniger wert als die vogelfreie
       Beweglichkeit. Kein  Fabrikarbeiter hätte getauscht mit dem lang-
       sam aber sicher verhungernden ländlichen Handweber.
       Deutschland erschien  spät auf  dem Weltmarkt;  unsre große Indu-
       strie datiert von den vierziger Jahren, erhielt ihren ersten Auf-
       schwung durch  die Revolution  von 1848 und konnte sich erst voll
       entfalten, als  die Revolutionen von 1866 und 1870 ihr wenigstens
       die schlimmsten  politischen Hindernisse  aus dem  Wege  geräumt.
       Aber sie  fand den Weltmarkt großenteils besetzt. Die Massenarti-
       kel lieferte  England, die  geschmackvollen  Luxusartikel  Frank-
       reich. Die  einen konnte  Deutschland nicht im Preise, die andern
       nicht  in  der  Qualität  schlagen.  So  blieb  nichts  übrig«als
       zunächst, dem  Geleise der  bisherigen deutschen  Produktion ent-
       sprechend, sich  in den Weltmarkt einzuschieben mit Artikeln, die
       für die  Engländer zu kleinlich, für die Franzosen zu schäbig wa-
       ren. Die  beliebte deutsche Praxis der Prellerei, zuerst gute Mu-
       ster zu  schicken und nachher schlechte Ware, strafte sich aller-
       dings auf  dem Weltmarkt  bald hart  genug und  kam in ziemlichen
       Verfall; andrerseits  drängte die  Konkurrenz der  Überproduktion
       selbst die  soliden Engländer allmählich auf die abschüssige Bahn
       der Qualitätsverschlechterung  und leistete so den Deutschen Vor-
       schub, die auf diesem
       
       #653# Engels: Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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       Feld unerreichbar sind. Und so sind wir denn endlich dahin gekom-
       men, eine  große Industrie  zu besitzen  und eine  Rolle auf  dem
       Weltmarkt zu  spielen. Aber  unsre große  Industrie arbeitet fast
       ausschließlich für den innern Markt (die Eisenindustrie ausgenom-
       men, die  weit über den innern Bedarf erzeugt), und unsre massen-
       hafte Ausfuhr setzt sich zusammen aus einer Umsumme kleiner Arti-
       kel, zu  denen die  große Industrie höchstens die nötigen Halbfa-
       brikate liefert,  die aber  selbst geliefert  werden  großenteils
       durch die ländliche Hausindustrie.
       Und hier  zeigt sich in vollem Glanz der "Segen" des eignen Haus-
       und Grundbesitzes für den modernen Arbeiter. Nirgends, selbst die
       irische Hausindustrie  kaum ausgenommen, werden so infam niedrige
       Löhne gezahlt wie in der deutschen Hausindustrie. Was die Familie
       auf ihrem  eignen Gärtchen  und Feldchen  erarbeitet, das erlaubt
       die Konkurrenz  dem Kapitalisten vom Preis der Arbeitskraft abzu-
       ziehen; die  Arbeiter müssen  eben jeden  Akkordlohn nehmen, weil
       sie sonst  gar nichts erhalten und vom Produkt ihres Landbaus al-
       lein nicht leben können; und weil andrerseits eben dieser Landbau
       und Grundbesitz  sie an  den Ort  fesselt, sie hindert, sich nach
       andrer Beschäftigung  umzusehn. Und  hierin liegt  der Grund, der
       Deutschland in  einer ganzen  Reihe von  kleinen Artikeln auf dem
       Weltmarkt konkurrenzfähig erhält. Man schlägt den ganzen Kapital-
       profit heraus  aus einem  Abzug Vom normalen Arbeitslohn und kann
       den ganzen  Mehrwert dem  Käufer schenken.  Das ist das Geheimnis
       der erstaunlichen Wohlfeilheit der meisten deutschen Ausfuhrarti-
       kel.
       Es ist dieser Umstand, der mehr als irgendein andrer auch auf an-
       dern industriellen  Gebieten die  Arbeitslöhne und die Lebenshal-
       tung der Arbeiter in Deutschland unter dem Stand der westeuropäi-
       schen Länder  hält. Das Bleigewicht solcher traditionell tief un-
       ter dem Wert der Arbeitskraft gehaltnen Arbeitspreise drückt auch
       die Löhne der städtischen und selbst der großstädtischen Arbeiter
       unter den  Wert der  Arbeitskraft hinab, und dies um so mehr, als
       auch in  den Städten  die schlechtgelohnte  Hausindustrie an  die
       Stelle des  alten Handwerks getreten ist und auch hier das allge-
       meine Niveau des Lohnes herabdrückt.
       Hier sehn wir es deutlich: Was auf einer früheren geschichtlichen
       Stufe die  Grundlage eines relativen Wohlstands der Arbeiter war:
       die Verbindung von Landbau und Industrie, der Besitz von Haus und
       Garten und  Feld, die Sicherheit der Wohnung, das wird heute, un-
       ter der  Herrschaft der  großen Industrie,  nicht nur  die ärgste
       Fessel für den Arbeiter, sondern das größte Unglück für die ganze
       Arbeiterklasse, die  Grundlage einer  beispiellosen Herabdrückung
       des Arbeitslohns  unter seine normale Höhe, und das nicht nur für
       einzelne Geschäftszweige  und Gegenden, sondern für das ganze na-
       tionale Gebiet. Kein Wunder, daß die Groß- und Kleinbürgerschaft,
       die von diesen abnormen Abzügen vom Arbeitslohn lebt und sich be-
       reichert, für  ländliche Industrie,  für hausbesitzende  Arbeiter
       schwärmt, für alle
       
       #654# Beilagen
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       ländlichen Notstände  das einzige Heilmittel sieht in der Einfüh-
       rung neuer Hausindustrien!
       Das ist  die eine  Seite der  Sache; aber sie hat auch eine Kehr-
       seite. Die  Hausindustrie ist  die breite Grundlage des deutschen
       Ausfuhrhandels und damit der ganzen Großindustrie geworden. Damit
       ist sie  über weite  Striche von Deutschland verbreitet und dehnt
       sich täglich  mehr aus.  Der Ruin  des Kleinbauern, unvermeidlich
       von der Zeit an, wo seine industrielle Hausarbeit für den Selbst-
       gebrauch durch  das wohlfeile  Konfektions- und Maschinenprodukt,
       und sein  Viehstand, also  seine Düngerproduktion, durch die Zer-
       störung der  Markverfassung, der gemeinen Mark und des Flurzwangs
       vernichtet wurden - dieser Ruin treibt die dem Wucherer verfalle-
       nen Kleinbauern  der modernen  Hausindustrie gewaltsam zu. Wie in
       Irland die  Bodenrente des  Grundbesitzers, können in Deutschland
       die Zinsen  des Hypothekenwucherers gezahlt werden, nicht aus dem
       Bodenertrag, sondern  nur aus  dem Arbeitslohn  des industriellen
       Bauern. Mit  der Ausdehnung der Hausindustrie aber wird eine Bau-
       erngegend nach der andern in die industrielle Bewegung der Gegen-
       wart hineingerissen.  Es ist  diese Revolutionierung  der Landdi-
       strikte durch  die Hausindustrie, die die industrielle Revolution
       in Deutschland  über ein  weit größeres  Gebiet ausbreitet als in
       England und Frankreich der Fall; es ist die verhältnismäßig nied-
       rige Stufe unsrer Industrie, die ihre Ausdehnung in die Breite um
       so nötiger  macht. Dies  erklärt, warum in Deutschland, im Gegen-
       satz zu  England und  Frankreich, die revolutionäre Arbeiterbewe-
       gung eine so gewaltige Verbreitung über den größten Teil des Lan-
       des gefunden  hat, statt ausschließlich an städtische Zentren ge-
       bunden zu  sein. Und  dies wiederum erklärt den ruhigen, sichern,
       unaufhaltsamen Fortschritt  der Bewegung. In Deutschland leuchtet
       es von selbst ein, daß eine siegreiche Erhebung in der Hauptstadt
       und den  andern großen  Städten erst dann möglich wird, wenn auch
       die Mehrzahl  der kleinen  Städte und ein großer Teil der ländli-
       chen Bezirke für den Umschwung reif geworden ist. Wir können, bei
       einigermaßen normaler Entwicklung, nie in den Fall kommen, Arbei-
       tersiege zu  erfechten wie  die Pariser  von 1848  und 1871, aber
       ebendeshalb auch  nicht Niederlagen der revolutionären Hauptstadt
       durch die  reaktionäre Provinz  erleiden, wie Paris sie in beiden
       Fällen erlitt.  In Frankreich  ging die  Bewegung stets  von  der
       Hauptstadt aus,  in Deutschland von den Bezirken der großen Indu-
       strie, der Manufaktur und der Hausindustrie; die Hauptstadt wurde
       erst später  erobert. Daher  wird vielleicht  auch in Zukunft die
       Rolle der  Initiative den Franzosen vorbehalten bleiben; aber die
       Entscheidung kann nur in Deutschland ausgekämpft werden.
       Nun ist aber diese ländliche Hausindustrie und Manufaktur, die in
       ihrer Ausdehnung  der entscheidende Produktionszweig Deutschlands
       geworden und die damit das deutsche Bauerntum mehr und mehr revo-
       lutioniert, selbst nur die Vorstufe einer weiteren Umwälzung. Wie
       schon Marx nachgewiesen
       
       #655# Engels: Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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       ("Kapital" I,  3. Aufl., S. 484- 495  1*)), schlägt auch für sie,
       auf einer  gewissen Entwicklungsstufe,  die Stunde des Untergangs
       durch die  Maschinerie und  den Fabrikbetrieb.  Und diese  Stunde
       scheint nahe  bevorzustehn. Aber Vernichtung der ländlichen Haus-
       industrie und Manufaktur durch Maschinerie und Fabrikbetrieb, das
       heißt in Deutschland Vernichtung der Existenz von Millionen länd-
       licher  Produzenten,  Expropriation  fast  der  halben  deutschen
       Kleinbauernschaft, Verwandlung  nicht nur  der  Hausindustrie  in
       Fabrikbetrieb, sondern  auch der Bauernwirtschaft in große, kapi-
       talistische Agrikultur  und des  kleinen Grundbesitzes  in  große
       Herrengüter - industrielle und landwirtschaftliche Revolution zu-
       gunsten des Kapitals und Großgrundbesitzes auf Kosten der Bauern.
       Sollte es Deutschland beschieden sein, auch diese Umwandlung noch
       unter den  alten gesellschaftlichen Bedingungen durchzumachen, so
       wird sie  unbedingt den  Wendepunkt bilden. Hat bis dahin die Ar-
       beiterklasse keines  anderen Landes  die Initiative ergriffen, so
       schlägt dann  unbedingt Deutschland  los, und die Bauernsöhne des
       "herrlichen Kriegsheers" helfen tapfer mit.
       Und jetzt  nimmt die bürgerliche und kleinbürgerliche Utopie, die
       jedem Arbeiter ein eigentümlich besessenes Häuschen geben und ihn
       damit an  seinen Kapitalisten in halbfeudaler Weise fesseln will,
       eine ganz andre Gestalt an. Als ihre Verwirklichung erscheint die
       Verwandlung aller  kleinen ländlichen Hauseigentümer in industri-
       elle Hausarbeiter;  die Vernichtung  der alten  Abgeschlossenheit
       und damit  der politischen  Nullität der  Kleinbauern, die in den
       "sozialen Wirbel"  hineingerissen werden; die Ausbreitung der in-
       dustriellen Revolution  über das  platte Land,  und damit die Um-
       wandlung der  stabilsten, konservativsten  Klasse der Bevölkerung
       in eine  revolutionäre Pflanzschule,  und als Abschluß des ganzen
       die Expropriation  der hausindustriellen Bauern durch die Maschi-
       nerie, die sie mit Gewalt in den Aufstand treibt.
       Wir  können   den  bürgerlich-sozialistischen  Philanthropen  den
       Privatgenuß ihres  Ideals gern  gönnen, solange  sie in ihrer öf-
       fentlichen Funktion als Kapitalisten fortfahren, es in dieser um-
       gekehrten Weise  zu verwirklichen, zu Nutz und Frommen der sozia-
       len Revolution.
       London, 10. Januar 1887
       Friedrich Engels
       Nach: "Zur Wohnungsfrage",
       zweite durchgesehene Auflage,
       Hottingen-Zürich 1887.
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       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 494-504

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