Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Karl Marx
[Erklärung des Generalrats der Internationalen
Arbeiterassoziation zum Auftreten Cochranes im Unterhaus [82]]
Die Heldentaten der Versailler Krautjunker-Versammlung und der
Spanischen Cortes, die darauf abzielten, die Internationale zu
vernichten, weckten so recht in den Herzen der Vertreter der obe-
ren Zehntausend im britischen Unterhaus den edlen Geist des Nach-
eiferns. So lenkte am 12. April 1872 Herr B. Cochrane, einer der
repräsentativsten Männer, soweit es den Intellekt der oberen
Klassen betrifft, die Aufmerksamkeit des Hauses auf die Worte und
Taten dieser schrecklichen Gesellschaft. Da er ein Mensch ist,
der vom Lesen nicht viel hält, bereitete er sich auf seine Auf-
gabe durch eine Inspektionsreise vor, die er im vergangenen
Herbst zu einigen der kontinentalen Hauptquartiere der Interna-
tionale unternahm, und nach seiner Rückkehr verschaffte er sich
eiligst durch einen Brief an die "Times" so was wie einen einst-
weiligen Schutz seiner Priorität auf dies Thema. Seine Rede im
Parlament verrät, was bei jedem anderen Menschen als bewußte und
vorbedachte Ignoranz des Gegenstandes, über den er spricht, be-
trachtet würde. Bis auf eine Ausnahme sind ihm die vielen offi-
ziellen Veröffentlichungen der Internationale unbekannt; an ihrer
Stelle zitiert er einen Mischmasch von Auszügen aus unbedeutenden
Veröffentlichungen privater Individuen in der Schweiz, für die
die Internationale als Körperschaft ebensowenig verantwortlich
ist, wie das britische Kabinett für die Rede des Herrn Cochrane.
Dieser Rede zufolge
"befand sich die große Mehrheit derjenigen, die der Gesellschaft
in England beitraten - ihre Zahl betrug 180 000 -, in völliger
Unkenntnis der Prinzipien, die man zu verwirklichen trachtete und
die man vor ihnen sorgfältig verborgen hielt, als sie ihren Bei-
tritt erklärten" [83].
Nun sind die Prinzipien, die die Internationale verwirklichen
will, in der Präambel zu den Allgemeinen Statuten niedergelegt,
und Herr Cochrane schwebt in glücklicher Unkenntnis der Tatsache,
daß niemand der
#67# Erklärung des Generalrats zum Auftreten Cochranes
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Assoziation beitreten kann, ohne diese Prinzipien ausdrücklich
anzuerkennen. Und dann heißt es,
"die Assoziation wurde ursprünglich auf den Prinzipien der Trade-
Unions gegründet und erhielt damals keinen politischen Charak-
ter".
Nun trägt nicht nur die Präambel zu den ursprünglichen Allgemei-
nen Statuten einen betont politischen Charakter, sondern die po-
litischen Tendenzen der Assoziation sind ausführlich in der Inau-
guraladresse dargelegt, die 1864 gleichzeitig mit diesen Statuten
veröffentlicht worden ist. [84] Eine andere erstaunliche Entdec-
kung ist die, daß Bakunin "beauftragt" worden sei, im Namen der
Internationale auf die Angriffe Mazzinis zu antworten, was ein-
fach eine Unwahrheit ist. Nach einem Zitat aus der Broschüre Ba-
kunins [85] fährt Herr Cochrane fort:
"Wir mögen über solch bombastischen Unsinn lächeln, doch als
diese Schriftstücke von London ausgingen" (von wo sie nicht aus-
gingen), "war es da verwunderlich, daß ausländische Regierungen
in Unruhe gerieten?"
Und ist es da verwunderlich, daß Herr Cochrane zu ihrem Wortfüh-
rer in England wird? Eine weitere Anschuldigung besteht darin,
daß die Internationale gerade mit der Herausgabe einer "Zeitung"
in London begonnen habe, was ebenfalls eine Unwahrheit ist. Möge
sich jedoch Herr Cochrane damit trösten, daß die Internationale
eine große Anzahl eigener Organe in Europa und Amerika und in den
Sprachen fast aller zivilisierter Länder besitzt.
Doch der Kern der ganzen Rede ist in folgendem enthalten:
"Er sollte in der Lage sein zu zeigen, daß die Kommune und die
Internationale Assoziation in Wirklichkeit eins sind und daß die
sich in London befindliche" (?) "Internationale Gesellschaft der
Kommune den Befehl gegeben habe, Paris niederzubrennen und den
Erzbischof dieser Stadt zu ermorden."
Und nun die Beweise: Eugène Dupont stellte als Vorsitzender des
Brüsseler Kongresses im September 1868 wahrheitsgemäß fest, daß
die Internationale nach einer sozialen Revolution strebe. Und
welches ist das geheime Kettenglied zwischen dieser Feststellung
Eugène Duponts von 1868 und den Taten der Kommune von 1871? Daß
"Eugène Dupont erst vergangene Woche in Paris verhaftet wurde,
wohin er sich von hier auf geheimem Wege begeben hatte. Nun, die-
ser Herr Eugène Dupont war Mitglied der Kommune und ebenso Mit-
glied der Internationalen Gesellschaft."
Zum Unglück für diese äußerst zwingende Art der Beweisführung war
A[nthime] Dupont, das Mitglied der Kommune, das in Paris verhaf-
tet
#68# Karl Marx
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worden war, nicht Mitglied der Internationale und E[ugène] Du-
pont, das Mitglied der Internationale, war nicht Mitglied der
Kommune. Der zweite Beweis ist, daß Bakunin sagte,
"als der Kongreß zu Genf im Juli 1869 unter seinem Vorsitz zusam-
mentrat: 'Die Internationale erklärt sich als atheistisch.'"
Nun fand aber in Genf im Juli 1869 niemals ein internationaler
Kongreß statt; Bakunin hatte nie den Vorsitz auf irgendeinem in-
ternationalen Kongreß und war nie beauftragt worden, im Namen
desselben Erklärungen abzugeben. Dritter Beweis: Die "Volks-
stimme" [86], das Organ der Internationale in Wien, schrieb:
"Obwohl die rote Fahne das Symbol weltweiter Liebe ist, mögen
sich unsere Feinde davor hüten, daß sie sie nicht in ein Symbol
weltweiten Terrors verwandeln."
Mehr als das, die gleiche Zeitung stellte wiederholt in ihren
Worten fast, daß der Londoner Generalrat tatsächlich der General-
rat der Internationale, das heißt, ihr delegiertes zentrales Ver-
waltungsorgan sei. Vierter Beweis: Auf einer der französischen
Gerichtsverhandlungen gegen die Internationale machte sich Tolain
über die Behauptung des Staatsanwalts lustig, daß
"es für den Präsidenten der Internationale" (den es nicht gibt)
"genügte, seinen Finger zu erheben, um sich die ganze Welt Unter-
tan zu machen".
Das verworrene Gehirn des Herrn Cochrane macht aus Tolains
Verneinung eine Bestätigung. Fünfter Beweis: Die Adresse des Ge-
neralrats über den Bürgerkrieg in Frankreich, aus der Herr Co-
chrane die Stelle zitiert, die die Repressalien gegen die Geiseln
und die Anwendung von Feuer als unter diesen Umständen notwendige
Kriegsmaßnahmen rechtfertigt. Da Herr Cochrane die durch die Ver-
sailler begangenen Massaker gutheißt, sollten wir nun daraus
schließen, daß er sie b e f o h l e n hatte, obgleich er si-
cherlich keiner Mordtat an irgend etwas schuldig ist, es sei denn
an Wild? Sechster Beweis:
"Vor dem Brand von Paris fand eine Zusammenkunft zwischen den
Führern der Internationale und der Kommune statt."
Dies ist genauso wahr, wie der Bericht, der kürzlich in der ita-
lienischen Presse zirkulierte und der besagte, daß der Generalrat
der Internationale seinen so aufrichtig und innig geliebten Ale-
xander Baillie Cochrane auf eine Inspektionsreise nach dem Konti-
nent entsandt hätte, der über das Gedeihen der Organisation äu-
ßerst zufriedenstellende Berichte gäbe und feststellte, daß sie
17 Millionen Mitglieder zähle. Abschließender Beweis:
#69# Erklärung des Generalrats zum Auftreten Cochranes
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"In dem Dekret der Kommune, das die Zerstörung der Säule auf der
Place Vendôme anordnete, ist die Zustimmung der Internationale
kundgetan."
Nichts dergleichen wird in dem Dekret gesagt, obwohl die Kommune
zweifellos wußte, daß die ganze Internationale in aller Welt die-
sem Beschluß ihre Zustimmung geben würde.
So sieht also laut "Times" der unwiderlegbare Beweis für die
Behauptungen Cochranes aus, daß auf direkte Anweisung des Londo-
ner Generalrats der Internationale der Erzbischof von Paris 1*)
getötet und Paris in Flammen gesetzt wurde. Vergleicht man seinen
zusammenhanglosen Wortschwall mit dem Bericht des Herrn Sacaze in
Versailles über das Gesetz gegen die Internationale, und man wird
den noch immer bestehenden Abstand zwischen einem französischen
Krautjunker und einem britischen Dogberry verstehen lernen.
Von Herrn Cochranes fidus Achates 2*), Herrn Eastwick, sollten
wir mit Dante sagen: "Sieh ihn an und geh weiter", aber da ist
seine unsinnige Behauptung, daß die Internationale verantwortlich
sei für "Le Père Duchêne" [87] des Herrn Vermersch, den der ge-
bildete Herr Cochrane Vermuth nennt.
Ist es ein reines Vergnügen, einen Gegner wie Herrn Cochrane zu
haben, so ist es ein schmerzliches Unglück, sich der Gönnerschaft
des Herrn Fawcett, soweit man sie so nennen kann, unterziehen zu
müssen. Wenn er auch kühn genug ist, die Internationale gegen Ge-
waltmaßnahmen zu verteidigen, die die britische Regierung zwar
nicht ergreifen wird, weil sie es weder wagt noch daran sehr in-
teressiert ist, so besitzt er gleichzeitig jenes Pflichtgefühl
und jenen hohen moralischen Mut, die ihn nötigen, über die Inter-
nationale sein höchstes professorales Verdammungsurteil zu fäl-
len. Unglücklicherweise sind die angeblichen Lehren der Interna-
tionale, die er angreift, nichts als Erfindungen seines armen Ge-
hirns.
"Der Staat", so sagt er, "sollte dies und das tun und Geld für
die Ausführung aller Projekte der Internationale auftreiben. Der
erste Punkt des Programms lautete, daß der Staat den ganzen Grund
und Boden sowie alle Produktionsinstrumente aufkaufen und an das
Volk zu einem gerechten und angemessenen Preis verpachten
sollte."
Was den Aufkauf des Grund und Bodens durch den Staat unter gewis-
sen Bedingungen und seine Verpachtung an das Volk zu einem ge-
rechten und angemessenen Preis betrifft, so möge sich Herr Faw-
cett mit seinem theoretischen Lehrer Herrn John Stuart Mill und
seinem politischen Chef Herrn John Bright einigen. Der zweite
Punkt "schlägt vor, daß der Staat
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1*) Georges Darboy - 2*) treuen Gefährten
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die Arbeitszeit regulieren sollte". Das geschichtliche Studium
unseres Professors erstrahlt hell, wenn er die Internationale zum
Autor der britischen Fabrik- und Werkstättengesetze macht, und
seine wirtschaftliche Tüchtigkeit zeigt sich gleich günstig in
seiner Wertschätzung dieser Gesetze. Dritter Punkt:
"Daß der Staat unentgeltliche Erziehung ermöglichen sollte."
Was sind solche allgemein bekannten Tatsachen, wie das Bestehen
unentgeltlicher Erziehung in den Vereinigten Staaten und in der
Schweiz und ihre wohltätigen Ergebnisse im Vergleich mit den dü-
steren Prophezeiungen des Professor Fawcett? Vierter Punkt:
"Daß der Staat an Genossenschaften Kapital verleihen sollte."
Hier gibt es einen kleinen Irrtum: Herr Fawcett verwechselt die
Prinzipien der Internationale mit den Forderungen Lassalles, der
vor der Gründung der Internationale starb. Er war es, der den
Präzedenzfall der Staatsanleihe beschwor, die sich die britischen
Großgrundbesitzer unter dem Vorwand landwirtschaftlicher Verbes-
serungen und vermittels des Parlaments so großzügig selbst ge-
währt hatten. Fünfter Punkt:
"Um den Dingen die Krone aufzusetzen, wurde vorgeschlagen, daß
die gesamten Einkünfte des Landes durch eine gestaffelte Eigen-
tumssteuer aufgebracht werden sollten."
Es ist gar zu arg, die Forderungen des Herrn Robert Gladstone und
seiner Liverpooler bürgerlichen Finanzreformatoren zur "Krone"
der Internationale zu machen!
Dieser große Vertreter der politischen Ökonomie, Herr Fawcett,
dessen Anspruch auf wissenschaftlichen Ruhm ausschließlich darauf
beruht, daß er Herrn John Stuart Mills Kompendium der politischen
Ökonomie für Schulkinder vulgarisierte, gesteht, daß "die vor 25
Jahren mit Zuversicht gemachten Voraussagen" (der Freihändler)
"durch Tatsachen widerlegt worden wären".
Gleichzeitig glaubt er an seine Fähigkeit, er könne die giganti-
sche proletarische Bewegung unserer Tage beschwichtigen, indem er
immer wieder und in einer immer mehr verwässerten Form dieselben
abgestandenen Phrasen wiederholt, durch die diese falschen Vor-
aussagen vor 25 Jahren gestützt wurden. Es ist zu hoffen, daß
seine geheuchelte Verteidigung der Internationale, die in Wirk-
lichkeit eine demütige Entschuldigung für seine früheren vorgeb-
lichen Sympathien mit den arbeitenden Klassen darstellt, die Au-
gen der englischen Arbeiter öffnen wird, die noch immer von dem
#71# Erklärung des Generalrats zum Auftreten Cochranes
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Sentimentalismus beeindruckt sind, unter dem Herr Fawcett bisher
seine wissenschaftliche Nichtigkeit zu verbergen suchte.
Wenn nun Herr B. Cochrane den politischen Intellekt und Herr Faw-
cett die ökonomische Wissenschaft des britischen Unterhauses
repräsentiert, wie steht dann dieser "angenehmste aller Londoner
Klubs" im Vergleich mit dem amerikanischen Repräsentantenhaus da,
das am 13. Dezember 1871 ein Gesetz über die Errichtung eines ar-
beitsstatistischen Büros [88] annahm und erklärte, daß dieses Ge-
setz auf ausdrücklichen Wunsch der Internationalen Arbeiterasso-
ziation angenommen worden sei, was das Haus als eine der bedeu-
tendsten Tatsachen der Gegenwart ansähe?
Der Generalrat:
R. Applegarth, A. Arnaud, M. Barry, M. J. Boon, F. Bradnick, G.H.
Buttery, F. Cournet, P. Delahaye, Eugène Dupont, W. Hales, Hurli-
man, Jules Johannard, C. Keen, Harriet Law, F. Leßner, Lochner,
C. Longuet, Marguerite, C. Martin, Zevý Maurice, H. Mayo, G. Mil-
ner, Ch. Murray, Pfänder, J. Rozwadowski, V. Regis, J. Roach,
Rühl, G. Ranvier, Sadler, Cowell Stepney, A. Taylor, W. Towns-
hend, É. Vaillant, J. Weston, De Wolfers, F.J. Yarrow
Korrespondierende Sekretäre:
Leo Frankel, für Österreich und Ungarn; A. Herman, Belgien; T.
Mottershead, Dänemark; A. Serraillier, Frankreich: Karl Marx,
Deutschland und Rußland; C. Rochat, Holland; J.P. Mac Donnel, Ir-
land; F. Engels, Italien und Spanien; Walery Wróblewski, Polen;
Hermann Jung, Schweiz; J.G. Eccarius, Vereinigte Staaten; Le
Moussu, für die französischen Sektionen in den Vereinigten Staa-
ten
J. Hales, Generalsekretär
London, 17. April 1872
Geschrieben zwischen 13. und 16. April 1872.
Nach dem Flugblatt.
Aus dem Englischen.
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