Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875


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       C. Friedrich Engels:
       
       Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
       
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       Friedrich Engels
       
       Nachwort (1894) [zu "Soziales aus Rußland"]
       
       Zunächst habe  ich zu  berichtigen, daß  Herr P. Tkatschow, genau
       gesprochen, nicht ein Bakunist, d.h. Anarchist, war, sondern sich
       für einen  "Blanquisten" ausgab. Der Irrtum war natürlich, da be-
       sagter Herr, nach der damaligen russischen Flüchtlingssitte, sich
       dem Westen gegenüber mit der ganzen russischen Emigration solida-
       risch machte  und in der Tat in seiner Broschüre [407] auch Baku-
       nin und Genossen gegen meine Angriffe verteidigte, als wenn diese
       ihm selbst gegolten hätten.
       Die Ansichten  über die  russische kommunistische Bauerngemeinde,
       die er  mir gegenüber vertrat, waren im wesentlichen die von Her-
       zen. Dieser zum Revolutionär aufgebauschte panslawistische Belle-
       trist hatte  aus Haxthausens "Studien über Rußland" erfahren, daß
       die leibeignen  Bauern auf  seinen Gütern  kein Privateigentum am
       Boden kennen,  sondern das Acker- und Wiesenland von Zeit zu Zeit
       unter sich neu umteilen. Als Belletrist brauchte er nicht zu ler-
       nen, was  bald darauf  allgemein bekannt wurde, daß das Gemeinei-
       gentum am  Boden eine bei Deutschen, Kelten, Indiern, kurz, allen
       indogermanischen Völkern  in der  Urzeit herrschende,  in  Indien
       noch bestehende, in Irland und Schottland erst neuerdings gewalt-
       sam unterdrückte,  in Deutschland  sogar hie  und da noch vorkom-
       mende, eben aussterbende Besitzform ist, die in der Tat auf einer
       gewissen Entwicklungsstufe  allen Völkern gemeinsam ist. Aber als
       Panslawist fand  er, der höchstens der Phrase nach Sozialist war,
       hierin einen  neuen Vorwand,  sein "heiliges"  Rußland und dessen
       Mission, den  verrotteten, abgelebten  Westen, nötigenfalls durch
       Waffengewalt, zu  verjüngen und  wiederzugebären, diesem selbigen
       faulen Westen  gegenüber in  noch glänzenderes  Licht zu stellen.
       Was die  verschlissenen Franzosen  und Engländer  mit aller  Mühe
       nicht fertigbringen  können, das haben die Russen fertig bei sich
       zu Hause.
       
       "Die Bauerngemeinde  aufrechterhalten und die Freiheit der Person
       herstellen, die  Selbstverwaltung des  Dorfes auf  die Städte und
       den ganzen  Staat ausdehnen,  unter Bewahrung der nationalen Ein-
       heit - darin ist die ganze Frage von der Zukunft Rußlands
       
       #664# Beilagen
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       zusammengefaßt, d.h.  die Frage derselben sozialen Antinomie, de-
       ren Lösung  die Geister  des  Westens  beschäftigt  und  bewegt."
       (Herzen, "Briefe an Linton".)
       
       Also eine  politische Frage  mag  es  für  Rußland  geben  ;  die
       "soziale Frage" ist für Rußland bereits gelöst.
       Ebenso  leicht   wie  Herzen   machte  es  sich  sein  Nachtreter
       Tkatschow. Wenn er auch im Jahr 1875 nicht mehr behaupten konnte,
       die "soziale  Frage" sei  in Rußland  schon gelöst, so stehn nach
       ihm die  russischen Bauern als geborne Kommunisten doch unendlich
       näher zum  Sozialismus  und  befinden  sich  obendrein  unendlich
       wohler als  die armen,  gottverlassenen westeuropäischen Proleta-
       rier. Wenn die französischen Republikaner kraft ihrer hundertjäh-
       rigen revolutionären  Tätigkeit ihr  Volk für  das politisch aus-
       erwählte Volk  halten, so erklärten manche damalige russische So-
       zialisten Rußland  für das sozial auserwählte Volk; nicht aus den
       Kämpfen des westeuropäischen Proletariats, sondern aus dem inner-
       sten Innern  des russischen Bauern heraus sollte der alten ökono-
       mischen Welt ihre Wiedergeburt kommen. Gegen diese kindische Auf-
       fassung wandte sich mein Angriff.
       Nun aber  hat die  russische Gemeinde auch Beachtung und Anerken-
       nung gefunden  unter Leuten,  die unendlich  höher stehn  als die
       Herzen und Tkatschow. Darunter auch Nikolai Tschernyschewski, je-
       ner große Denker, dem Rußland so unendlich viel verdankt und des-
       sen langsamer  Mord durch  jahrelange Verbannung unter sibirische
       Jakuten ein  ewiger Schandfleck  bleiben wird  auf dem Gedächtnis
       Alexanders II., des "Befreiers".
       Tschernyschewski, infolge  der russischen  intellektuellen Grenz-
       sperre, hat nie die Werke von Marx gekannt, und als "Das Kapital"
       erschien, saß  er längst  in Mittel-Wiljuisk  unter den  Jakuten.
       Seine ganze geistige Entwicklung hatte stattzufinden in dem umge-
       benden Mittel,  das durch  diese intellektuelle  Grenzsperre  ge-
       schaffen wurde.  Was die  russische Zensur  nicht hineinließ, das
       existierte für  Rußland kaum  oder gar nicht. Finden sich da ein-
       zelne Schwächen, einzelne Schranken des Ausblicks, so muß man nur
       bewundern, daß ihrer nicht mehr sind.
       Auch Tschernyschewski  sieht in der russischen Bauerngemeinde ein
       Mittel, um  aus der  bestehenden Gesellschaftsform zu einer neuen
       Entwicklungsstufe zu  kommen, die  höher ist  als einerseits  die
       russische Gemeinde  und andrerseits die westeuropäische kapitali-
       stische Gesellschaft mit ihren Klassengegensätzen. Und darin, daß
       Rußland dies  Mittel besitzt, während es dem Westen abgeht, darin
       sieht er einen Vorzug.
       "Die Einführung  einer bessern Gesellschaftsordnung wird in West-
       europa überaus  erschwert durch  die grenzenlose  Erweiterung der
       Rechte der  einzelnen Persönlichkeit  ... man verzichtet nicht so
       leicht auch  nur auf  einen kleinen  Teil dessen, was man gewohnt
       ist zu  genießen; in Westeuropa ist der einzelne schon gewöhnt an
       die Unbegrenztheit  der Privatrechte.  Den Vorteil und die Unver-
       meidlichkeit gegenseitiger  Konzessionen lehrt  nur bittre Erfah-
       rung und  lange Überlegung.  Im Westen ist eine beßre Ordnung der
       ökonomischen Verhältnisse mit Opfern verbunden und daher schwer
       
       #665# Engels: Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
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       herzustellen. Sie  geht gegen die Gewohnheiten des englischen und
       französischen Landmanns."  Aber: "Was  dort eine  Utopie scheint,
       existiert hier  als Tatsache... jene Gewohnheiten, deren Überfüh-
       rung ins  Volksleben  dem  Engländer  und  Franzosen  unermeßlich
       schwierig erscheint,  bestehn bei  dem Russen als Tatsache seines
       Volkslebens ...  die Ordnung der Dinge, zu der der Westen auf ei-
       nem langen  und schwierigen Weg erst hinstrebt, besteht schon bei
       uns in  der machtvollen  Volkssitte unsres  ländlichen Daseins...
       Wir sehn, welche traurigen Folgen im Westen der Untergang des Ge-
       meineigentums am Boden erzeugt hat und wie schwierig es den west-
       lichen Völkern  wird, das  Verlorne wiederherzustellen.  Das Bei-
       spiel  des   Westens  darf   uns  nicht  umsonst  gegeben  sein."
       (Tschernyschewski, Werke,  Genfer Ausgabe,  V, p.  16-19; zitiert
       bei Plechanow, "Nasi raznoglasija", Genf 1885.)
       
       Und von  den uralischen Kosaken, bei denen noch gemeinsame Bebau-
       ung des Bodens und nachherige Teilung des Produkts unter die Ein-
       zelfamilien herrschte, sagt er:
       
       "Wenn diese  Uralier mit ihren jetzigen Einrichtungen fortbestehn
       bis zu  der Zeit,  wo in  die Kornproduktion Maschinen eingeführt
       werden, dann  werden sie  sehr froh sein, daß sie eine Eigentums-
       ordnung beibehalten  haben, die  ihnen die Anwendung auch solcher
       Maschinen gestattet,  welche Wirtschaftseinheiten  von kolossalem
       Maßstab, von  Hunderten von  Deßjatinen  voraussetzen"  (ib.,  p.
       131).
       
       Wobei nur  nicht zu  vergessen, daß die Uralier mit ihrer - durch
       militärische Rücksichten (wir haben ja auch den Kasernenkommunis-
       mus) vor dem Untergang bewahrten - gemeinsamen Bebauung ganz ein-
       sam in  Rußland dastehn,  ungefähr wie die Gehöferschaffen an der
       Mosel bei  uns mit  ihren zeitweiligen  Neuteilungen. Und bleiben
       sie bei  ihrer jetzigen Verfassung, bis sie reif sind zur Einfüh-
       rung der Maschinen, so haben nicht sie den Vorteil davon, sondern
       der russische Militärfiskus, dessen Knechte sie sind.
       Jedenfalls war  die Tatsache  da: Um dieselbe Zeit, wo in Westeu-
       ropa die kapitalistische Gesellschaft zerfällt und an den notwen-
       digen Widersprüchen  ihrer eignen  Entwicklung zugrunde  zu  gehn
       droht, um  dieselbe Zeit findet sich in Rußland noch ungefähr die
       Hälfte des ganzen bebauten Bodens im Gemeineigentum der Bauernge-
       meinden. Wenn  nun im  Westen die  Lösung der  Widersprüche durch
       eine Neuorganisation  der Gesellschaft  zur Voraussetzung hat die
       Übernahme sämtlicher  Produktionsmittel, also auch des Bodens, in
       das Gemeineigentum  der Gesellschaft,  wie verhält sich zu diesem
       erst zu  schaffenden Gemeineigentum  des Westens  das schon  oder
       vielmehr noch bestehende Gemeineigentum in Rußland? Kann es nicht
       dienen als  Ausgangspunkt einer  nationalen  Aktion,  die,  unter
       Überspringung der ganzen kapitalistischen Periode, den russischen
       Bauernkommunismus sofort  hinüberführt in das moderne sozialisti-
       sche Gemeineigentum  an allen  Produktionsmitteln, indem  sie ihn
       bereichert mit  den sämtlichen  technischen Errungenschaften  der
       kapitalistischen Ära?  Oder, um  die Worte  zu gebrauchen,  worin
       Marx in  einem weiter  unten zu  zitierenden Brief die Auffassung
       
       #666# Beilagen
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       Tschernyschewskis zusammenfaßt:  "soll Rußland  zunächst die Bau-
       ernkommune zerstören,  wie die  Liberalen dies verlangen, um dann
       zu kapitalistischen  System überzugehn,  oder kann  es, im Gegen-
       teil, ohne  die Qualen  dieses Systems  durchzumachen, sich  alle
       Früchte desselben  aneignen, indem es seine eignen, geschichtlich
       gegebnen Voraussetzungen weiter entwickelt?" [430]
       Die Stellung  der Frage selbst gibt schon die Richtung an, in der
       ihre Lösung  zu suchen  ist. Die  russische Gemeinde hat Hunderte
       von Jahren  bestanden, ohne  daß aus ihr je ein Antrieb hervorge-
       gangen wäre,  aus ihr selbst eine höhere Form des Gemeineigentums
       zu entwickeln;  ebensowenig wie  dies der  Fall war mit der deut-
       schen Markverfassung,  den keltischen  Clans, den  indischen  und
       sonstigen Gemeinden  mit primitiv-kommunistischen  Einrichtungen.
       Sie alle haben im Laufe der Zeit, unter dem Einfluß der sie umge-
       benden resp. in ihrer eignen Mitte entspringenden und sie allmäh-
       lich durchdringenden Warenproduktion und des Austausches zwischen
       Einzelfamilien und  Einzelpersonen mehr und mehr von ihrem kommu-
       nistischen Charakter verloren und sich in Gemeinden gegeneinander
       selbständiger Grundbesitzer  aufgelöst. Wenn  also überhaupt  die
       Frage aufgeworfen  werden kann, ob die russische Gemeinde ein an-
       dres und  besseres Schicksal  haben wird, so ist nicht sie selbst
       schuld daran,  sondern einzig  der Umstand, daß sie sich in einem
       europäischen Land  in relativer Lebenskraft erhalten hatte bis zu
       einer Zeit,  wo nicht  nur die Warenproduktion überhaupt, sondern
       selbst deren höchste und letzte Form, die kapitalistische Produk-
       tion, in  Westeuropa in  Widerspruch geraten  ist mit den von ihr
       selbst erzeugten  Produktivkräften, wo  sie sich unfähig beweist,
       diese Kräfte fernerhin zu leiten, und wo sie an diesen innern Wi-
       dersprüchen und  den ihnen  entsprechenden Klassenkonflikten  zu-
       grunde geht. Schon hieraus geht hervor, daß die Initiative zu ei-
       ner solchen  etwaigen Umgestaltung  der russischen  Gemeinde  nur
       ausgehn kann  nicht von  ihr selbst, sondern einzig von den indu-
       striellen Proletariern des Westens. Der Sieg des westeuropäischen
       Proletariats über die Bourgeoisie, die damit verknüpfte Ersetzung
       der kapitalistischen Produktion durch die gesellschaftlich gelei-
       tete, das ist die notwendige Vorbedingung einer Erhebung der rus-
       sischen Gemeinde auf dieselbe Stufe.
       In der  Tat: Nie  und nirgends hat der aus der Gentilgesellschaft
       überkommene Agrarkommunismus  aus sich selbst heraus etwas andres
       entwickelt als  seine eigne  Zersetzung. Die  russische Bauernge-
       meinde selbst war schon 1861 eine relativ abgeschwächte Form die-
       ses Kommunismus;  die in  einzelnen Gegenden  Indiens und  in der
       südslawischen Hausgenossenschaft  (Zádruga), der wahrscheinlichen
       Mutter der russischen Gemeinde, noch bestehende gemeinsame Bebau-
       ung des  Bodens hatte  der Bewirtschaftung  durch  Einzelfamilien
       Platz machen müssen; das Gemeineigentum machte sich nur noch gel-
       tend bei den je nach den verschiedenen Lokalitäten in sehr
       
       #667# Engels: Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
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       verschiedenen Zeiträumen  wiederholten Neuteilungen  des  Bodens.
       Diese Neuteilungen brauchen nur einzuschlafen oder durch Beschluß
       abgeschafft zu  werden, und das Dorf von Parzellenbauern ist fer-
       tig.
       Die bloße  Tatsache aber, daß neben der russischen Bauerngemeinde
       gleichzeitig in  Westeuropa die  kapitalistische Produktion  sich
       dem Punkt  nähert, wo  sie in  die Brüche  geht und wo sie selbst
       schon auf  eine neue  Produktiortsform hinweist, bei der die Pro-
       duktionsmittel als  gesellschaftliches Eigentum  planmäßig  ange-
       wandt werden  - diese bloße Tatsache kann der russischen Gemeinde
       nicht die  Kraft verleihen,  aus sich  selbst diese  neue Gesell-
       schaftsform zu entwickeln. Wie sollte sie die riesigen Produktiv-
       kräfte der kapitalistischen Gesellschaft sich als gesellschaftli-
       ches Eigentum  und Werkzeug aneignen können, noch ehe die kapita-
       listische Gesellschaft  selbst diese  Revolution vollbracht;  wie
       sollte die  russische Gemeinde  der Welt  zeigen können,  wie man
       große Industrie  für gemeinsame  Rechnung betreibt,  nachdem  sie
       schon verlernt  hat, ihren  Boden für  gemeinsame Rechnung zu be-
       bauen?
       Allerdings gibt  es in  Rußland Leute  genug, die  die  westliche
       kapitalistische Gesellschaft mit all ihren unversöhnlichen Gegen-
       sätzen und  Konflikten genau  kennen und auch über den Ausweg mit
       sich im  reinen sind, der aus dieser scheinbaren Sackgasse führt.
       Aber erstens  leben die  paar tausend  Leute, die dies begreifen,
       nicht in  der Gemeinde, und die vielleicht fünfzig Millionen, die
       in Großrußland  noch im  Gemeineigentum am Boden leben, haben von
       alledem nicht  die entfernteste Ahnung. Die stehn jenen paar tau-
       send mindestens  ebenso fremd  und verständnislos  gegenüber, wie
       die englischen Proletarier 1800-1840 den Plänen gegenüberstanden,
       die Robert Owen zu ihrer Rettung ersann. Und unter den Arbeitern,
       die Owen in seiner Fabrik in New-Lanark beschäftigte, bestand die
       Mehrzahl ebenfalls  aus Leuten,  die in den Einrichtungen und Ge-
       wohnheiten einer zerfallenden kommunistischen Gentilgesellschaft,
       im keltisch-schottischen  Clan, herangewachsen  waren;  aber  mit
       keiner Silbe  berichtet er,  daß er bei diesen beßres Verständnis
       gefunden. Und zweitens ist es eine historische Unmöglichkeit, daß
       eine niedrigere ökonomische Entwicklungsstufe die Rätsel und Kon-
       flikte lösen  soll, die  erst auf  einer weit  höhern Stufe  ent-
       sprungen sind  und entspringen konnten. Alle vor der Warenproduk-
       tion und  dem Einzelaustausch entstandnen Formen der Gentilgenos-
       senschaft haben  mit der  künftigen sozialistischen  Gesellschaft
       dies eine  gemein: daß  gewisse Dinge,  Produktionsmittel, im ge-
       meinsamen Eigentum und gemeinsamer Nutzung gewisser Gruppen sind.
       Diese eine  gemeinschaftliche Eigenschaft befähigt aber nicht die
       niedre Gesellschaftsform,  die  künftige  sozialistische  Gesell-
       schaft, dies  eigenste und  letzte Produkt  des Kapitalismus, aus
       sich zu  erzeugen. Jede  gegebne ökonomische  Formation hat  ihre
       eignen, aus  ihr selbst entspringenden Probleme zu lösen; die ei-
       ner andern, wildfremden Formation lösen zu wollen, wäre absoluter
       Widersinn. Und dies gilt von der
       
       #668# Beilagen
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       russischen Gemeinde  nicht minder  als von  der südslawischen Zá-
       druga, von  der indischen  Gentilhaushaltung  oder  jeder  andern
       durch Gemeinbesitz an Produktionsmitteln gekennzeichneten Gesell-
       schaftsform der Wildheit oder Barbarei.
       Dagegen ist  es nicht  nur möglich,  sondern gewiß, daß, nach dem
       Sieg des  Proletariats und nach Überführung der Produktionsmittel
       in Gemeinbesitz  bei den  westeuropäischen Völkern,  den Ländern,
       die der  kapitalistischen Produktion erst eben verfallen und noch
       Gentileinrichtungen oder  Reste davon  gerettet haben,  in diesen
       Resten von Gemeinbesitz und in den entsprechenden Volksgewohnhei-
       ten ein  mächtiges Mittel  gegeben ist,  ihren Entwicklungsprozeß
       zur sozialistischen  Gesellschaft bedeutend  abzukürzen und  sich
       den größten Teil der Leiden und Kämpfe zu ersparen, durch die wir
       in Westeuropa  uns durcharbeiten  müssen. Aber  dazu ist das Bei-
       spiel und der aktive Beistand des bisher kapitalistischen Westens
       eine unumgängliche  Bedingung. Nur wenn die kapitalistische Wirt-
       schaft in  ihrer Heimat und in den Ländern ihrer Blüte überwunden
       ist, nur  wenn die  zurückgebliebnen Länder  an  diesem  Beispiel
       sehn, "wie  man's macht", wie man die modernen industriellen Pro-
       duktivkräfte als  gesellschaftliches Eigentum  in den  Dienst der
       Gesamtheit stellt,  nur dann  können sie  diesen abgekürzten Ent-
       wicklungsprozeß in Angriff nehmen. Dann aber auch mit sicherm Er-
       folg. Und  dies gilt von allen Ländern vorkapitalistischer Stufe,
       nicht nur  von Rußland. In Rußlandaber wird es verhältnismäßig am
       leichtesten sein,  weil hier  ein Teil der einheimischen Bevölke-
       rung sich  bereits die intellektuellen Resultate der kapitalisti-
       schen Entwicklung  angeeignet hat und es dadurch möglich wird, in
       revolutionärer Zeit hier die gesellschaftliche Umgestaltung ziem-
       lich gleichzeitig mit dem Westen zu vollziehn.
       Dies wurde  bereits ausgesprochen  von Marx und mir am 21. Januar
       1882 in  der Vorrede  zu der  von Plechanow  verfaßten russischen
       Übersetzung  des  "Kommunistischen  Manifests".  Es  heißt  dort:
       "Neben einem  sich rasch entwickelnden kapitalistischen Schwindel
       und einem  sich erst  eben bildenden  bürgerlichen  Grundeigentum
       finden wir  in Rußland  die größre Hälfte des Bodens im Gemeinei-
       gentum der  Bauern. Es  fragt sich  nun: Kann  die russische  Ge-
       meinde, diese in der Tat schon stark in der Zersetzung begriffene
       Form des  ursprünglichen  gemeinsamen  Eigentums  am  Boden,  un-
       mittelbar  übergehn   in  eine  höhere  kommunistische  Form  des
       Grundeigentums -  oder muß  sie vorher denselben Auflösungsprozeß
       durchmachen, der  die geschichtliche Entwicklung des Westens cha-
       rakterisiert? -  Die einzige,  heute mögliche  Antwort auf  diese
       Frage ist folgende: Wenn die russische Revolution das Signal gibt
       zu einer  Arbeiterrevolution im Westen, so daß beide einander er-
       gänzen, dann  kann das  russische Grundeigentum zum Ausgangspunkt
       einer kommunistischen Entwicklung werden." [431]
       Nun aber  ist nicht  zu vergessen,  daß die  hier erwähnte starke
       Zersetzung  des  russischen  Gemeineigentums  seitdem  bedeutende
       Fortschritte
       
       #669# Engels: Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
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       gemacht hat.  Die Niederlagen  im Krimkrieg hatten die Notwendig-
       keit rascher  industrieller Entwicklung  für Rußland  klargelegt.
       Vor allem brauchte man Eisenbahnen, und diese sind ohne einheimi-
       sche große Industrie nicht auf großem Maßstab möglich. Die Vorbe-
       dingung für diese war die sog. Bauernbefreiung; mit ihr brach die
       kapitalistische Ära  für Rußland  an; damit aber auch die Ära der
       raschen Untergrabung des Gemeineigentums am Boden. Die den Bauern
       auferlegten  Ablösungszahlungen,   neben  erhöhten   Steuern  und
       gleichzeitiger Verkleinerung und Verschlechterung des ihnen zuge-
       teilten Bodens,  warfen sie  unfehlbar in die Hände der Wucherer,
       meist reichgewordner  Mitglieder der  Bauerngemeinde. Die  Eisen-
       bahnen eröffneten vielen bisher abgelegnen Gegenden einen Absatz-
       markt für  ihr Korn,  brachten aber  auch die wohlfeilen Produkte
       der großen  Industrie dahin und verdrängten durch diese die Haus-
       industrie der  Bauern, die  bisher ähnliche Erzeugnisse teils für
       Selbstbedarf, teils  für Verkauf  angefertigt hatten.  Die altge-
       wohnten Erwerbsverhältnisse  wurden in  Unordnung  gebracht,  die
       Zerrüttung trat  ein, die  überall den  Übergang der Naturalwirt-
       schaft in  die Geldwirtschaft  begleitet, in  der Gemeinde traten
       große Vermögensunterschiede zwischen den Mitgliedern hervor - die
       Armem wurden  die Schuldsklaven  der Reichen. Kurz, derselbe Pro-
       zeß, der  in der  Zeit vor  Solon die athenische Gens vermittelst
       des Einbruchs  der Geldwirtschaft  zersetzt hatte *), begann hier
       die russische  Gemeinde zu  zersetzen. Solon  konnte  zwar  durch
       einen revolutionären Eingriff in das, damals noch ziemlich junge,
       Recht des  Privateigentums die  Schuldsklaven befreien,  indem er
       die Schulden  einfach annullierte.  Aber die  altathenische  Gens
       konnte er  nicht wieder  ins Leben  zurückrufen, und  ebensowenig
       wird irgendeine  Macht der  Welt imstande sein, die russische Ge-
       meinde wiederherzustellen, sobald deren Zerrüttung einen bestimm-
       ten Höhepunkt  erreicht hat.  Und obendrein hat die russische Re-
       gierung verboten,  die Umteilungen des Bodens unter den Gemeinde-
       mitgliedern öfter  als alle  12 Jahre  zu wiederholen,  damit der
       Bauer sich  mehr und mehr davon entwöhnen und anfangen soll, sich
       als Privateigentümer seines Anteils anzusehn.
       In diesem  Sinne sprach  sich auch bereits im Jahre 1877 Marx aus
       in einem  Brief nach  Rußland. Ein  Herr Shukowski, derselbe, der
       jetzt als  Kassierer der  Staatsbank mit  seiner Unterschrift die
       russischen Kreditbilletts einweiht, hatte im "Europäischen Boten"
       (Vestnik Jevropy) etwas über Marx geschrieben, worauf ein anderer
       Schriftsteller 1*)  geantwortet  hatte  in  den  "Vaterländischen
       Denkschriften" (Otecestvennija  Zapiski). Zur Berichtigung dieses
       Artikels  schrieb   Marx  einen   Brief  an   den  Redakteur  der
       "Denkschriften", der, nachdem er in Abschriften des französischen
       ---
       *) Vgl. Engels, "Der Ursprung der Familie etc.", 5. Aufl., Stutt-
       gart 1892. S. 109 bis 113.
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       1*) N.K. Michailowski
       
       #670# Beilagen
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       Originals lange in Rußland zirkuliert hatte, im "Boten des Volks-
       willens" (Vestnik  Narodnoj Voli) 1886 in Genf und später auch in
       Rußland selbst  in russischer Übersetzung erschien. Der Brief hat
       in russischen Kreisen, wie alles, was von Marx ausging, große Be-
       achtung und  verschiedenartige Deutung gefunden; und deshalb gebe
       ich hier seinen wesentlichen Inhalt.
       Zunächst weist  Marx die  ihm in den "Denkschriften" untergescho-
       bene Ansicht  zurück, als sei er der Ansicht der russischen Libe-
       ralen, wonach  Rußland nichts  Eiligeres zu tun habe, als das Ge-
       meineigentum der  Bauern aufzulösen  und sich in den Kapitalismus
       zu stürzen.  Seine kurze  Notiz über  Herzen im Anhang zur ersten
       Ausgabe des  "Kapital" beweise  nichts. Diese Notiz lautet: "Wenn
       auf dem  Kontinent von  Europa der  Einfluß der  kapitalistischen
       Produktion, welche die Menschenrace unterwühlt..., sich, wie bis-
       her, Hand  in Hand entwickelt mit der Konkurrenz in Größe der na-
       tionalen Soldateska,  Staatsschulden, Steuern,  eleganter Kriegs-
       führung usw.,  möchte die  vom Halbrussen  und ganzen  Moskowiter
       Herzen (dieser  Belletrist  hat,  nebenbei  bemerkt,  seine  Ent-
       deckungen über  den 'russischen Kommunismus' nicht in Rußland ge-
       macht, sondern  in dem  Werk des preußischen Regierungsrats Haxt-
       hausen) so  ernst prophezeite  Verjüngung Europas durch die Knute
       und obligate Infusion von Kalmückenblut schließlich unvermeidlich
       werden." ("Kapital", I, erste Ausgabe, p. 763.) - Dann fährt Marx
       fort: Diese  Stelle "kann in keinem Fall den Schlüssel liefern zu
       meiner Ansicht über die Bemühungen" (das Folgende ist im Original
       in russischer  Sprache  zitiert)  "'russischer  Männer,  für  ihr
       Vaterland einen  Entwicklungsgang zu finden, verschieden von dem,
       den das  westliche Europa  gegangen ist und noch geht', usw. - Im
       Nachwort zur zweiten deutschen Auflage des 'Kapitals' spreche ich
       von einem  'großen russischen Gelehrten und Kritiker'" (Tscherny-
       schewski) "mit  der Hochachtung,  die er  verdient. Dieser hat in
       bemerkenswerten Artikeln die Frage behandelt, ob Rußland, wie die
       liberalen Ökonomen  verlangen, mit  der  Zerstörung  der  Bauern-
       gemeinde anfangen  und dann  zum kapitalistischen Regime übergehn
       muß, oder  ob es  im Gegenteil,  ohne die  Qualen dieses  Systems
       durchzumachen, sich  alle Früchte  desselben aneignen kann, indem
       es seine eignen geschichtlich gegebnen Voraussetzungen weiterent-
       wickelt. Er spricht sich in diesem letztern Sinn aus.
       Kurzum, da  ich nicht gern 'etwas zu erraten' lassen möchte, will
       ich ohne  Rückhalt sprechen.  Um die ökonomische Entwicklung Ruß-
       lands in  voller Sachkenntnis beurteilen zu können, habe ich Rus-
       sisch gelernt  und dann  lange Jahre hindurch die darauf bezügli-
       chen offiziellen  und sonstigen  Druckschriften studiert. Das Re-
       sultat, wobei  ich angekommen  bin, ist dies: Fährt Rußland fort,
       den Weg zu verfolgen, den es seit 1861 eingeschlagen hat, so wird
       es die schönste Chance verlieren, die die Geschichte jemals einem
       Volk dargeboten  hat, um dafür alle Verhängnisvollen Wechselfälle
       des kapitalistischen Systems durchzumachen." [430]
       
       #671# Engels: Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
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       Weiterhin klärt  Marx einige fernere Mißverständnisse seines Kri-
       tikers auf;  die einzige  auf unsre  vorliegende Frage bezügliche
       Stelle lautet:
       "Welche Anwendung auf Rußland konnte nun mein Kritiker machen von
       dieser geschichtlichen  Skizze?" (Der Darstellung der ursprüngli-
       chen Akkumulation  im "Kapital".) "Einfach nur diese: Strebt Ruß-
       land dahin,  eine kapitalistische  Nation  nach  westeuropäischem
       Vorbild zu werden - und in den letzten Jahren hat es sich in die-
       ser Richtung  sehr viel  Mühe kosten  lassen -,  so wird  es dies
       nicht fertigbringen,  ohne vorher  einen guten Teil seiner Bauern
       in Proletarier verwandelt zu haben; und dann, einmal hineingeris-
       sen in  den Wirbel  der kapitalistischen  Wirtschaft, wird es die
       unerbittlichen Gesetze  dieses Systems zu ertragen haben, genauso
       wie die andern profanen Völker. Das ist alles." [430]
       So schrieb  Marx 1877. Damals gab es in Rußland zwei Regierungen:
       die  des  Zaren  und  die  des  geheimen  Vollziehungsausschusses
       (ispolnitel'nyj komitet)  der  terroristischen  Verschwörer.  Die
       Macht dieser  geheimen, Nebenregierung  stieg von Tag zu Tag. Der
       Sturz des  Zarentums schien bevorzustehn; eine Revolution in Ruß-
       land mußte  die  gesamte  europäische  Reaktion  ihrer  stärksten
       Stütze, ihrer  großen Reservearmee  berauben und dadurch auch der
       politischen Bewegung  des Westens  einen neuen, gewaltigen Anstoß
       und obendrein  unendlich günstigere  Operationsbedingungen geben.
       Kein Wunder,  daß Marx da den Russen rät, es weniger eilig zu ha-
       ben mit dem Sprung in den Kapitalismus.
       Die russische  Revolution ist  nicht gekommen.  Das Zarentum  ist
       Herr geworden  über den  Terrorismus, der jenem sogar alle besit-
       zenden, "ordnungsliebenden"  Klassen für den Augenblick wieder in
       die Arme  getrieben hat. Und während der 17 Jahre, die seit jenem
       Brief verflossen,  hat sowohl  der Kapitalismus wie die Auflösung
       der Bauerngemeinde  in Rußland  enorme Fortschritte  gemacht. Wie
       steht die Frage nun heute, 1894?
       Als nach  den Niederlagen  des Krimkriegs  und dem Selbstmord des
       Kaisers Nikolaus  [432] der alte zarische Despotismus unverändert
       fortbestand, war nur ein Weg offen: der möglichst rasche Übergang
       zur kapitalistischen  Industrie. Die  Armee war zugrunde gegangen
       an den Riesendimensionen des Reichs, auf den langen Märschen nach
       dem Kriegsschauplatz;  die Entfernungen  mußten vernichtet werden
       durch ein  strategisches Eisenbahnnetz. Aber Eisenbahnen, die be-
       deuten kapitalistische  Industrie und Revolutionierung des primi-
       tiven Ackerbaus.  Einerseits tritt  das Ackerbauprodukt  auch der
       entlegensten Striche  in direkte  Verbindung mit  dem  Weltmarkt,
       andrerseits ist  ein ausgedehntes  Eisenbahnsystem nicht zu bauen
       und in  Betrieb zu  halten ohne  eine einheimische Industrie, die
       Schienen, Lokomotiven,  Waggons etc. liefert. Man kann aber nicht
       einen Zweig der großen Industrie einführen, ohne das ganze System
       mit in den Kauf zu nehmen; die Textilindustrie auf relativ moder-
       nem Fuß,  die schon  vorher in der Gegend von Moskau und Wladimir
       sowie an den Ostseeküsten
       
       #672# Beilagen
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       Wurzel gefaßt,  erhielt einen  neuen Aufschwung.  Den Eisenbahnen
       und Fabriken  schlössen sich  die Ausdehnungen  schon bestehender
       und Gründungen  neuer Banken  an; die  Freisetzung der Bauern aus
       der Leibeigenschaft  stellte die  Freizügigkeit her, in Erwartung
       der bald  von selbst  erfolgenden Freisetzung  eines großen Teils
       dieser Bauern  auch vom  Bodenbesitz. Damit  waren in kurzer Zeit
       alle Grundlagen  der kapitalistischen Produktionsweise in Rußland
       gelegt. Aber  es war auch die Axt gelegt an die Wurzel der russi-
       schen Bauerngemeinde.
       Darüber jetzt zu wehklagen, ist nutzlos. Hätte man nach dem Krim-
       krieg den Zarendespotismus ersetzt durch eine direkte parlamenta-
       rische Adels-  und Bürokratenherrschaft, so wäre der Prozeß viel-
       leicht etwas  verlangsamt worden;  kam das  aufkeimende Bürgertum
       ans Ruder,  so wurde  er sicher  noch beschleunigt. Wie die Dinge
       lagen, war  keine andre  Wahl. Neben  dem Zweiten  Kaiserreich in
       Frankreich, neben  dem glänzendsten  Aufschwung der  kapitalisti-
       schen Industrie  in England,  konnte doch wahrlich nicht von Ruß-
       land verlangt  werden, es solle sich auf Grund der Bauerngemeinde
       in staatssozialistische Experimente von oben herab stürzen. Etwas
       mußte geschehen.  Was unter  den Umständen  möglich war, geschah,
       wie überall  und immer  in Ländern der Warenproduktion, meist mit
       nur halbem  Bewußtsein oder  ganz mechanisch  und ohne zu wissen,
       was man tat.
       Nun kam die neue Zeit der Revolutionen von oben, die von Deutsch-
       land ausging, und damit die Zeit des raschen Wachstums des Sozia-
       lismus in  allen europäischen  Ländern. Rußland  nahm teil an der
       allgemeinen Bewegung. Hier erhielt diese - wie selbstverständlich
       - die  Form des Ansturms zum Sturz des zarischen Despotismus, zur
       Eroberung intellektueller  und politischer  Bewegungsfreiheit für
       die Nation. Der Glaube an die Wunderkraft der Bauerngemeinde, aus
       der die soziale Wiedergeburt kommen könne und müsse - ein Glaube,
       an dem,  wie wir sehn, Tschernyschewski nicht ganz unschuldig war
       -, dieser  Glaube tat  das Seinige, die Begeisterung und die Tat-
       kraft der  heroischen russischen  Vorkämpfer zu steigern. Mit den
       Leuten, die,  kaum ein  paar Hundert  an Zahl,  durch  ihre  Auf-
       opferung und  ihren Heldenmut  das absolute Zarentum dahin brach-
       ten, daß es schon die Möglichkeit und die Bedingungen einer Kapi-
       tulation in  Erwägung ziehn mußte - mit diesen Leuten rechten wir
       nicht, wenn  sie ihr  russisches Volk hielten für das auserwählte
       Volk der  sozialen Revolution.  Aber ihre  Illusion brauchen  wir
       deshalb nicht zu teilen. Die Zeit der auserwählten Völker ist für
       immer vorbei.
       Während dieses  Kampfs aber  ging der Kapitalismus flott voran in
       Rußland und  erreichte mehr  und mehr  das, was  der  Terrorismus
       nicht fertiggebracht: das Zarentum zur Kapitulation zu bringen.
       Das Zarentum  brauchte Geld. Nicht nur für seinen Hofluxus, seine
       Bürokratie, vor  allem für  seine Armee  und seine auf Bestechung
       beruhende auswärtige  Politik, sondern  namentlich auch für seine
       elende Finanzwirtschaft
       
       #673# Engels: Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
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       und die  ihr entsprechende  alberne Eisenbahnpolitik. Das Ausland
       wollte und  konnte nicht  länger für alle Defizits des Zaren auf-
       kommen; das  Inland mußte  helfen. Ein  Teil der  Eisenbahnaktien
       mußte im Lande selbst untergebracht werden, ein Teil der Anleihen
       ebenfalls. Der  erste Sieg  der russischen Bourgeoisie bestand in
       den Eisenbahnkonzessionen,  die den Aktionären alle künftigen Ge-
       winne, dem  Staat aber alle künftigen Verluste aufluden. Dann ka-
       men die Subventionen und Prämien für industrielle Unternehmungen,
       die Schutzzölle  zugunsten der  einheimischen Industrie,  die zu-
       letzt die  Einfuhr vieler  Artikel gradezu unmöglich machten. Der
       russische Staat  hat bei seiner grenzenlosen Verschuldung und bei
       seinem fast total ruinierten Kredit im Auslande ein direkt fiska-
       lisches Interesse  an einer treibhausmäßigen Entwicklung der ein-
       heimischen Industrie. Er braucht fortwährend Gold zur Zahlung der
       Schuldzinsen ans  Ausland. Aber in Rußland ist kein Gold, da zir-
       kuliert nur  Papier. Ein  Teil  wird  geliefert  durch  die  vor-
       schriftsmäßige Zahlung  der Zölle  in Gold,  die  beiläufig  auch
       diese Zölle  um 50%  erhöht. Aber  der größte Teil soll geliefert
       werden durch  den Überschuß der Ausfuhr russischer Rohstoffe über
       die Einfuhr  fremder Industrieprodukte;  die für diesen Überschuß
       gezognen Wechsel  aufs Ausland  kauft die Regierung im Inland für
       Papier auf  und erhält  Gold dafür.  Will also  die Regierung die
       Zinsenzahlung ans  Ausland anders als durch neue ausländische An-
       leihen bestreiten,  so hat sie dafür zu sorgen, daß die russische
       Industrie rasch  so weit erstarkt, um den ganzen inländischen Be-
       darf zu  befriedigen. Daher  die Forderung, Rußland müsse ein vom
       Ausland unabhängiges,  sich selbst  genügendes Industrieland wer-
       den, daher  die krampfhaften Anstrengungen der Regierung, die ka-
       pitalistische Entwicklung  Rußlands in wenigen Jahren auf den Hö-
       hepunkt zu  bringen. Denn geschieht dies nicht, so bleibt nichts,
       als den  in der Staatsbank und im Staatsschatz angehäuften metal-
       lischen Kriegsfonds  anzugreifen, oder  aber der Staatsbankerott.
       Und in  beiden Fällen  wäre es aus mit der russischen auswärtigen
       Politik.
       Das eine  ist klar:  Unter solchen Umständen hat die junge russi-
       sche Bourgeoisie  den Staat  vollkommen in  der Gewalt.  In allen
       wichtigen ökonomischen Fragen muß er ihr zu Willen sein. Wenn sie
       sich inzwischen  die despotische Selbstherrlichkeit des Zaren und
       seiner Beamten noch gefallen läßt, so nur, weil diese Selbstherr-
       lichkeit, ohnehin  gemildert durch  die Bestechlichkeit der Büro-
       kratie, ihr  mehr Garantien  bietet als  Veränderungen selbst  im
       bürgerlich-liberalen Sinn, deren Folgen, bei der innern Lage Ruß-
       lands, niemand absehn kann. Und so geht die Umwandlung des Landes
       in ein  kapitalistisch-industrielles, die  Proletarisierung eines
       großen Teils der Bauern und der Verfall der alten kommunistischen
       Gemeinde in immer rascherem Tempo voran.
       Ob von  dieser Gemeinde  noch  so  viel  gerettet  ist,  daß  sie
       gegebenenfalls, wie  Marx und  ich 1882 noch hofften, im Einklang
       mit einem Umschwung
       
       #674# Beilagen
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       in Westeuropa zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung
       werden kann,  das zu  beantworten maße ich mir nicht an. Das aber
       ist sicher: Soll noch ein Rest von dieser Gemeinde erhalten blei-
       ben, so  ist die  erste Bedingung  dafür der  Sturz des zarischen
       Despotismus, die  Revolution in Rußland. Diese wird nicht nur die
       große Masse der Nation, die Bauern, aus der Isolierung ihrer Dör-
       fer, die  ihren "mir",  ihre "Welt"  bilden, herausreißen und auf
       die große  Bühne führen,  wo sie  die Außenwelt  und  damit  sich
       selbst, ihre eigne Lage und die Mittel zur Rettung aus der gegen-
       wärtigen Not  kennenlernt, sondern  sie wird  auch der  Arbeiter-
       bewegung  des  Westens  einen  neuen  Anstoß  und  neue,  bessere
       Kampfesbedingungen geben  und damit  den Sieg  des modernen indu-
       striellen Proletariats  beschleunigen, ohne  den das heutige Ruß-
       land weder  aus der  Gemeinde noch aus dem Kapitalismus heraus zu
       einer sozialistischen Umgestaltung kommen kann.
       Nach: "Internationales
       aus dem 'Volksstaat' (1871-75)",
       Berlin 1894.

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