Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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C. Friedrich Engels:
Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
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Friedrich Engels
Nachwort (1894) [zu "Soziales aus Rußland"]
Zunächst habe ich zu berichtigen, daß Herr P. Tkatschow, genau
gesprochen, nicht ein Bakunist, d.h. Anarchist, war, sondern sich
für einen "Blanquisten" ausgab. Der Irrtum war natürlich, da be-
sagter Herr, nach der damaligen russischen Flüchtlingssitte, sich
dem Westen gegenüber mit der ganzen russischen Emigration solida-
risch machte und in der Tat in seiner Broschüre [407] auch Baku-
nin und Genossen gegen meine Angriffe verteidigte, als wenn diese
ihm selbst gegolten hätten.
Die Ansichten über die russische kommunistische Bauerngemeinde,
die er mir gegenüber vertrat, waren im wesentlichen die von Her-
zen. Dieser zum Revolutionär aufgebauschte panslawistische Belle-
trist hatte aus Haxthausens "Studien über Rußland" erfahren, daß
die leibeignen Bauern auf seinen Gütern kein Privateigentum am
Boden kennen, sondern das Acker- und Wiesenland von Zeit zu Zeit
unter sich neu umteilen. Als Belletrist brauchte er nicht zu ler-
nen, was bald darauf allgemein bekannt wurde, daß das Gemeinei-
gentum am Boden eine bei Deutschen, Kelten, Indiern, kurz, allen
indogermanischen Völkern in der Urzeit herrschende, in Indien
noch bestehende, in Irland und Schottland erst neuerdings gewalt-
sam unterdrückte, in Deutschland sogar hie und da noch vorkom-
mende, eben aussterbende Besitzform ist, die in der Tat auf einer
gewissen Entwicklungsstufe allen Völkern gemeinsam ist. Aber als
Panslawist fand er, der höchstens der Phrase nach Sozialist war,
hierin einen neuen Vorwand, sein "heiliges" Rußland und dessen
Mission, den verrotteten, abgelebten Westen, nötigenfalls durch
Waffengewalt, zu verjüngen und wiederzugebären, diesem selbigen
faulen Westen gegenüber in noch glänzenderes Licht zu stellen.
Was die verschlissenen Franzosen und Engländer mit aller Mühe
nicht fertigbringen können, das haben die Russen fertig bei sich
zu Hause.
"Die Bauerngemeinde aufrechterhalten und die Freiheit der Person
herstellen, die Selbstverwaltung des Dorfes auf die Städte und
den ganzen Staat ausdehnen, unter Bewahrung der nationalen Ein-
heit - darin ist die ganze Frage von der Zukunft Rußlands
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zusammengefaßt, d.h. die Frage derselben sozialen Antinomie, de-
ren Lösung die Geister des Westens beschäftigt und bewegt."
(Herzen, "Briefe an Linton".)
Also eine politische Frage mag es für Rußland geben ; die
"soziale Frage" ist für Rußland bereits gelöst.
Ebenso leicht wie Herzen machte es sich sein Nachtreter
Tkatschow. Wenn er auch im Jahr 1875 nicht mehr behaupten konnte,
die "soziale Frage" sei in Rußland schon gelöst, so stehn nach
ihm die russischen Bauern als geborne Kommunisten doch unendlich
näher zum Sozialismus und befinden sich obendrein unendlich
wohler als die armen, gottverlassenen westeuropäischen Proleta-
rier. Wenn die französischen Republikaner kraft ihrer hundertjäh-
rigen revolutionären Tätigkeit ihr Volk für das politisch aus-
erwählte Volk halten, so erklärten manche damalige russische So-
zialisten Rußland für das sozial auserwählte Volk; nicht aus den
Kämpfen des westeuropäischen Proletariats, sondern aus dem inner-
sten Innern des russischen Bauern heraus sollte der alten ökono-
mischen Welt ihre Wiedergeburt kommen. Gegen diese kindische Auf-
fassung wandte sich mein Angriff.
Nun aber hat die russische Gemeinde auch Beachtung und Anerken-
nung gefunden unter Leuten, die unendlich höher stehn als die
Herzen und Tkatschow. Darunter auch Nikolai Tschernyschewski, je-
ner große Denker, dem Rußland so unendlich viel verdankt und des-
sen langsamer Mord durch jahrelange Verbannung unter sibirische
Jakuten ein ewiger Schandfleck bleiben wird auf dem Gedächtnis
Alexanders II., des "Befreiers".
Tschernyschewski, infolge der russischen intellektuellen Grenz-
sperre, hat nie die Werke von Marx gekannt, und als "Das Kapital"
erschien, saß er längst in Mittel-Wiljuisk unter den Jakuten.
Seine ganze geistige Entwicklung hatte stattzufinden in dem umge-
benden Mittel, das durch diese intellektuelle Grenzsperre ge-
schaffen wurde. Was die russische Zensur nicht hineinließ, das
existierte für Rußland kaum oder gar nicht. Finden sich da ein-
zelne Schwächen, einzelne Schranken des Ausblicks, so muß man nur
bewundern, daß ihrer nicht mehr sind.
Auch Tschernyschewski sieht in der russischen Bauerngemeinde ein
Mittel, um aus der bestehenden Gesellschaftsform zu einer neuen
Entwicklungsstufe zu kommen, die höher ist als einerseits die
russische Gemeinde und andrerseits die westeuropäische kapitali-
stische Gesellschaft mit ihren Klassengegensätzen. Und darin, daß
Rußland dies Mittel besitzt, während es dem Westen abgeht, darin
sieht er einen Vorzug.
"Die Einführung einer bessern Gesellschaftsordnung wird in West-
europa überaus erschwert durch die grenzenlose Erweiterung der
Rechte der einzelnen Persönlichkeit ... man verzichtet nicht so
leicht auch nur auf einen kleinen Teil dessen, was man gewohnt
ist zu genießen; in Westeuropa ist der einzelne schon gewöhnt an
die Unbegrenztheit der Privatrechte. Den Vorteil und die Unver-
meidlichkeit gegenseitiger Konzessionen lehrt nur bittre Erfah-
rung und lange Überlegung. Im Westen ist eine beßre Ordnung der
ökonomischen Verhältnisse mit Opfern verbunden und daher schwer
#665# Engels: Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
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herzustellen. Sie geht gegen die Gewohnheiten des englischen und
französischen Landmanns." Aber: "Was dort eine Utopie scheint,
existiert hier als Tatsache... jene Gewohnheiten, deren Überfüh-
rung ins Volksleben dem Engländer und Franzosen unermeßlich
schwierig erscheint, bestehn bei dem Russen als Tatsache seines
Volkslebens ... die Ordnung der Dinge, zu der der Westen auf ei-
nem langen und schwierigen Weg erst hinstrebt, besteht schon bei
uns in der machtvollen Volkssitte unsres ländlichen Daseins...
Wir sehn, welche traurigen Folgen im Westen der Untergang des Ge-
meineigentums am Boden erzeugt hat und wie schwierig es den west-
lichen Völkern wird, das Verlorne wiederherzustellen. Das Bei-
spiel des Westens darf uns nicht umsonst gegeben sein."
(Tschernyschewski, Werke, Genfer Ausgabe, V, p. 16-19; zitiert
bei Plechanow, "Nasi raznoglasija", Genf 1885.)
Und von den uralischen Kosaken, bei denen noch gemeinsame Bebau-
ung des Bodens und nachherige Teilung des Produkts unter die Ein-
zelfamilien herrschte, sagt er:
"Wenn diese Uralier mit ihren jetzigen Einrichtungen fortbestehn
bis zu der Zeit, wo in die Kornproduktion Maschinen eingeführt
werden, dann werden sie sehr froh sein, daß sie eine Eigentums-
ordnung beibehalten haben, die ihnen die Anwendung auch solcher
Maschinen gestattet, welche Wirtschaftseinheiten von kolossalem
Maßstab, von Hunderten von Deßjatinen voraussetzen" (ib., p.
131).
Wobei nur nicht zu vergessen, daß die Uralier mit ihrer - durch
militärische Rücksichten (wir haben ja auch den Kasernenkommunis-
mus) vor dem Untergang bewahrten - gemeinsamen Bebauung ganz ein-
sam in Rußland dastehn, ungefähr wie die Gehöferschaffen an der
Mosel bei uns mit ihren zeitweiligen Neuteilungen. Und bleiben
sie bei ihrer jetzigen Verfassung, bis sie reif sind zur Einfüh-
rung der Maschinen, so haben nicht sie den Vorteil davon, sondern
der russische Militärfiskus, dessen Knechte sie sind.
Jedenfalls war die Tatsache da: Um dieselbe Zeit, wo in Westeu-
ropa die kapitalistische Gesellschaft zerfällt und an den notwen-
digen Widersprüchen ihrer eignen Entwicklung zugrunde zu gehn
droht, um dieselbe Zeit findet sich in Rußland noch ungefähr die
Hälfte des ganzen bebauten Bodens im Gemeineigentum der Bauernge-
meinden. Wenn nun im Westen die Lösung der Widersprüche durch
eine Neuorganisation der Gesellschaft zur Voraussetzung hat die
Übernahme sämtlicher Produktionsmittel, also auch des Bodens, in
das Gemeineigentum der Gesellschaft, wie verhält sich zu diesem
erst zu schaffenden Gemeineigentum des Westens das schon oder
vielmehr noch bestehende Gemeineigentum in Rußland? Kann es nicht
dienen als Ausgangspunkt einer nationalen Aktion, die, unter
Überspringung der ganzen kapitalistischen Periode, den russischen
Bauernkommunismus sofort hinüberführt in das moderne sozialisti-
sche Gemeineigentum an allen Produktionsmitteln, indem sie ihn
bereichert mit den sämtlichen technischen Errungenschaften der
kapitalistischen Ära? Oder, um die Worte zu gebrauchen, worin
Marx in einem weiter unten zu zitierenden Brief die Auffassung
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Tschernyschewskis zusammenfaßt: "soll Rußland zunächst die Bau-
ernkommune zerstören, wie die Liberalen dies verlangen, um dann
zu kapitalistischen System überzugehn, oder kann es, im Gegen-
teil, ohne die Qualen dieses Systems durchzumachen, sich alle
Früchte desselben aneignen, indem es seine eignen, geschichtlich
gegebnen Voraussetzungen weiter entwickelt?" [430]
Die Stellung der Frage selbst gibt schon die Richtung an, in der
ihre Lösung zu suchen ist. Die russische Gemeinde hat Hunderte
von Jahren bestanden, ohne daß aus ihr je ein Antrieb hervorge-
gangen wäre, aus ihr selbst eine höhere Form des Gemeineigentums
zu entwickeln; ebensowenig wie dies der Fall war mit der deut-
schen Markverfassung, den keltischen Clans, den indischen und
sonstigen Gemeinden mit primitiv-kommunistischen Einrichtungen.
Sie alle haben im Laufe der Zeit, unter dem Einfluß der sie umge-
benden resp. in ihrer eignen Mitte entspringenden und sie allmäh-
lich durchdringenden Warenproduktion und des Austausches zwischen
Einzelfamilien und Einzelpersonen mehr und mehr von ihrem kommu-
nistischen Charakter verloren und sich in Gemeinden gegeneinander
selbständiger Grundbesitzer aufgelöst. Wenn also überhaupt die
Frage aufgeworfen werden kann, ob die russische Gemeinde ein an-
dres und besseres Schicksal haben wird, so ist nicht sie selbst
schuld daran, sondern einzig der Umstand, daß sie sich in einem
europäischen Land in relativer Lebenskraft erhalten hatte bis zu
einer Zeit, wo nicht nur die Warenproduktion überhaupt, sondern
selbst deren höchste und letzte Form, die kapitalistische Produk-
tion, in Westeuropa in Widerspruch geraten ist mit den von ihr
selbst erzeugten Produktivkräften, wo sie sich unfähig beweist,
diese Kräfte fernerhin zu leiten, und wo sie an diesen innern Wi-
dersprüchen und den ihnen entsprechenden Klassenkonflikten zu-
grunde geht. Schon hieraus geht hervor, daß die Initiative zu ei-
ner solchen etwaigen Umgestaltung der russischen Gemeinde nur
ausgehn kann nicht von ihr selbst, sondern einzig von den indu-
striellen Proletariern des Westens. Der Sieg des westeuropäischen
Proletariats über die Bourgeoisie, die damit verknüpfte Ersetzung
der kapitalistischen Produktion durch die gesellschaftlich gelei-
tete, das ist die notwendige Vorbedingung einer Erhebung der rus-
sischen Gemeinde auf dieselbe Stufe.
In der Tat: Nie und nirgends hat der aus der Gentilgesellschaft
überkommene Agrarkommunismus aus sich selbst heraus etwas andres
entwickelt als seine eigne Zersetzung. Die russische Bauernge-
meinde selbst war schon 1861 eine relativ abgeschwächte Form die-
ses Kommunismus; die in einzelnen Gegenden Indiens und in der
südslawischen Hausgenossenschaft (Zádruga), der wahrscheinlichen
Mutter der russischen Gemeinde, noch bestehende gemeinsame Bebau-
ung des Bodens hatte der Bewirtschaftung durch Einzelfamilien
Platz machen müssen; das Gemeineigentum machte sich nur noch gel-
tend bei den je nach den verschiedenen Lokalitäten in sehr
#667# Engels: Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
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verschiedenen Zeiträumen wiederholten Neuteilungen des Bodens.
Diese Neuteilungen brauchen nur einzuschlafen oder durch Beschluß
abgeschafft zu werden, und das Dorf von Parzellenbauern ist fer-
tig.
Die bloße Tatsache aber, daß neben der russischen Bauerngemeinde
gleichzeitig in Westeuropa die kapitalistische Produktion sich
dem Punkt nähert, wo sie in die Brüche geht und wo sie selbst
schon auf eine neue Produktiortsform hinweist, bei der die Pro-
duktionsmittel als gesellschaftliches Eigentum planmäßig ange-
wandt werden - diese bloße Tatsache kann der russischen Gemeinde
nicht die Kraft verleihen, aus sich selbst diese neue Gesell-
schaftsform zu entwickeln. Wie sollte sie die riesigen Produktiv-
kräfte der kapitalistischen Gesellschaft sich als gesellschaftli-
ches Eigentum und Werkzeug aneignen können, noch ehe die kapita-
listische Gesellschaft selbst diese Revolution vollbracht; wie
sollte die russische Gemeinde der Welt zeigen können, wie man
große Industrie für gemeinsame Rechnung betreibt, nachdem sie
schon verlernt hat, ihren Boden für gemeinsame Rechnung zu be-
bauen?
Allerdings gibt es in Rußland Leute genug, die die westliche
kapitalistische Gesellschaft mit all ihren unversöhnlichen Gegen-
sätzen und Konflikten genau kennen und auch über den Ausweg mit
sich im reinen sind, der aus dieser scheinbaren Sackgasse führt.
Aber erstens leben die paar tausend Leute, die dies begreifen,
nicht in der Gemeinde, und die vielleicht fünfzig Millionen, die
in Großrußland noch im Gemeineigentum am Boden leben, haben von
alledem nicht die entfernteste Ahnung. Die stehn jenen paar tau-
send mindestens ebenso fremd und verständnislos gegenüber, wie
die englischen Proletarier 1800-1840 den Plänen gegenüberstanden,
die Robert Owen zu ihrer Rettung ersann. Und unter den Arbeitern,
die Owen in seiner Fabrik in New-Lanark beschäftigte, bestand die
Mehrzahl ebenfalls aus Leuten, die in den Einrichtungen und Ge-
wohnheiten einer zerfallenden kommunistischen Gentilgesellschaft,
im keltisch-schottischen Clan, herangewachsen waren; aber mit
keiner Silbe berichtet er, daß er bei diesen beßres Verständnis
gefunden. Und zweitens ist es eine historische Unmöglichkeit, daß
eine niedrigere ökonomische Entwicklungsstufe die Rätsel und Kon-
flikte lösen soll, die erst auf einer weit höhern Stufe ent-
sprungen sind und entspringen konnten. Alle vor der Warenproduk-
tion und dem Einzelaustausch entstandnen Formen der Gentilgenos-
senschaft haben mit der künftigen sozialistischen Gesellschaft
dies eine gemein: daß gewisse Dinge, Produktionsmittel, im ge-
meinsamen Eigentum und gemeinsamer Nutzung gewisser Gruppen sind.
Diese eine gemeinschaftliche Eigenschaft befähigt aber nicht die
niedre Gesellschaftsform, die künftige sozialistische Gesell-
schaft, dies eigenste und letzte Produkt des Kapitalismus, aus
sich zu erzeugen. Jede gegebne ökonomische Formation hat ihre
eignen, aus ihr selbst entspringenden Probleme zu lösen; die ei-
ner andern, wildfremden Formation lösen zu wollen, wäre absoluter
Widersinn. Und dies gilt von der
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russischen Gemeinde nicht minder als von der südslawischen Zá-
druga, von der indischen Gentilhaushaltung oder jeder andern
durch Gemeinbesitz an Produktionsmitteln gekennzeichneten Gesell-
schaftsform der Wildheit oder Barbarei.
Dagegen ist es nicht nur möglich, sondern gewiß, daß, nach dem
Sieg des Proletariats und nach Überführung der Produktionsmittel
in Gemeinbesitz bei den westeuropäischen Völkern, den Ländern,
die der kapitalistischen Produktion erst eben verfallen und noch
Gentileinrichtungen oder Reste davon gerettet haben, in diesen
Resten von Gemeinbesitz und in den entsprechenden Volksgewohnhei-
ten ein mächtiges Mittel gegeben ist, ihren Entwicklungsprozeß
zur sozialistischen Gesellschaft bedeutend abzukürzen und sich
den größten Teil der Leiden und Kämpfe zu ersparen, durch die wir
in Westeuropa uns durcharbeiten müssen. Aber dazu ist das Bei-
spiel und der aktive Beistand des bisher kapitalistischen Westens
eine unumgängliche Bedingung. Nur wenn die kapitalistische Wirt-
schaft in ihrer Heimat und in den Ländern ihrer Blüte überwunden
ist, nur wenn die zurückgebliebnen Länder an diesem Beispiel
sehn, "wie man's macht", wie man die modernen industriellen Pro-
duktivkräfte als gesellschaftliches Eigentum in den Dienst der
Gesamtheit stellt, nur dann können sie diesen abgekürzten Ent-
wicklungsprozeß in Angriff nehmen. Dann aber auch mit sicherm Er-
folg. Und dies gilt von allen Ländern vorkapitalistischer Stufe,
nicht nur von Rußland. In Rußlandaber wird es verhältnismäßig am
leichtesten sein, weil hier ein Teil der einheimischen Bevölke-
rung sich bereits die intellektuellen Resultate der kapitalisti-
schen Entwicklung angeeignet hat und es dadurch möglich wird, in
revolutionärer Zeit hier die gesellschaftliche Umgestaltung ziem-
lich gleichzeitig mit dem Westen zu vollziehn.
Dies wurde bereits ausgesprochen von Marx und mir am 21. Januar
1882 in der Vorrede zu der von Plechanow verfaßten russischen
Übersetzung des "Kommunistischen Manifests". Es heißt dort:
"Neben einem sich rasch entwickelnden kapitalistischen Schwindel
und einem sich erst eben bildenden bürgerlichen Grundeigentum
finden wir in Rußland die größre Hälfte des Bodens im Gemeinei-
gentum der Bauern. Es fragt sich nun: Kann die russische Ge-
meinde, diese in der Tat schon stark in der Zersetzung begriffene
Form des ursprünglichen gemeinsamen Eigentums am Boden, un-
mittelbar übergehn in eine höhere kommunistische Form des
Grundeigentums - oder muß sie vorher denselben Auflösungsprozeß
durchmachen, der die geschichtliche Entwicklung des Westens cha-
rakterisiert? - Die einzige, heute mögliche Antwort auf diese
Frage ist folgende: Wenn die russische Revolution das Signal gibt
zu einer Arbeiterrevolution im Westen, so daß beide einander er-
gänzen, dann kann das russische Grundeigentum zum Ausgangspunkt
einer kommunistischen Entwicklung werden." [431]
Nun aber ist nicht zu vergessen, daß die hier erwähnte starke
Zersetzung des russischen Gemeineigentums seitdem bedeutende
Fortschritte
#669# Engels: Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
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gemacht hat. Die Niederlagen im Krimkrieg hatten die Notwendig-
keit rascher industrieller Entwicklung für Rußland klargelegt.
Vor allem brauchte man Eisenbahnen, und diese sind ohne einheimi-
sche große Industrie nicht auf großem Maßstab möglich. Die Vorbe-
dingung für diese war die sog. Bauernbefreiung; mit ihr brach die
kapitalistische Ära für Rußland an; damit aber auch die Ära der
raschen Untergrabung des Gemeineigentums am Boden. Die den Bauern
auferlegten Ablösungszahlungen, neben erhöhten Steuern und
gleichzeitiger Verkleinerung und Verschlechterung des ihnen zuge-
teilten Bodens, warfen sie unfehlbar in die Hände der Wucherer,
meist reichgewordner Mitglieder der Bauerngemeinde. Die Eisen-
bahnen eröffneten vielen bisher abgelegnen Gegenden einen Absatz-
markt für ihr Korn, brachten aber auch die wohlfeilen Produkte
der großen Industrie dahin und verdrängten durch diese die Haus-
industrie der Bauern, die bisher ähnliche Erzeugnisse teils für
Selbstbedarf, teils für Verkauf angefertigt hatten. Die altge-
wohnten Erwerbsverhältnisse wurden in Unordnung gebracht, die
Zerrüttung trat ein, die überall den Übergang der Naturalwirt-
schaft in die Geldwirtschaft begleitet, in der Gemeinde traten
große Vermögensunterschiede zwischen den Mitgliedern hervor - die
Armem wurden die Schuldsklaven der Reichen. Kurz, derselbe Pro-
zeß, der in der Zeit vor Solon die athenische Gens vermittelst
des Einbruchs der Geldwirtschaft zersetzt hatte *), begann hier
die russische Gemeinde zu zersetzen. Solon konnte zwar durch
einen revolutionären Eingriff in das, damals noch ziemlich junge,
Recht des Privateigentums die Schuldsklaven befreien, indem er
die Schulden einfach annullierte. Aber die altathenische Gens
konnte er nicht wieder ins Leben zurückrufen, und ebensowenig
wird irgendeine Macht der Welt imstande sein, die russische Ge-
meinde wiederherzustellen, sobald deren Zerrüttung einen bestimm-
ten Höhepunkt erreicht hat. Und obendrein hat die russische Re-
gierung verboten, die Umteilungen des Bodens unter den Gemeinde-
mitgliedern öfter als alle 12 Jahre zu wiederholen, damit der
Bauer sich mehr und mehr davon entwöhnen und anfangen soll, sich
als Privateigentümer seines Anteils anzusehn.
In diesem Sinne sprach sich auch bereits im Jahre 1877 Marx aus
in einem Brief nach Rußland. Ein Herr Shukowski, derselbe, der
jetzt als Kassierer der Staatsbank mit seiner Unterschrift die
russischen Kreditbilletts einweiht, hatte im "Europäischen Boten"
(Vestnik Jevropy) etwas über Marx geschrieben, worauf ein anderer
Schriftsteller 1*) geantwortet hatte in den "Vaterländischen
Denkschriften" (Otecestvennija Zapiski). Zur Berichtigung dieses
Artikels schrieb Marx einen Brief an den Redakteur der
"Denkschriften", der, nachdem er in Abschriften des französischen
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*) Vgl. Engels, "Der Ursprung der Familie etc.", 5. Aufl., Stutt-
gart 1892. S. 109 bis 113.
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1*) N.K. Michailowski
#670# Beilagen
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Originals lange in Rußland zirkuliert hatte, im "Boten des Volks-
willens" (Vestnik Narodnoj Voli) 1886 in Genf und später auch in
Rußland selbst in russischer Übersetzung erschien. Der Brief hat
in russischen Kreisen, wie alles, was von Marx ausging, große Be-
achtung und verschiedenartige Deutung gefunden; und deshalb gebe
ich hier seinen wesentlichen Inhalt.
Zunächst weist Marx die ihm in den "Denkschriften" untergescho-
bene Ansicht zurück, als sei er der Ansicht der russischen Libe-
ralen, wonach Rußland nichts Eiligeres zu tun habe, als das Ge-
meineigentum der Bauern aufzulösen und sich in den Kapitalismus
zu stürzen. Seine kurze Notiz über Herzen im Anhang zur ersten
Ausgabe des "Kapital" beweise nichts. Diese Notiz lautet: "Wenn
auf dem Kontinent von Europa der Einfluß der kapitalistischen
Produktion, welche die Menschenrace unterwühlt..., sich, wie bis-
her, Hand in Hand entwickelt mit der Konkurrenz in Größe der na-
tionalen Soldateska, Staatsschulden, Steuern, eleganter Kriegs-
führung usw., möchte die vom Halbrussen und ganzen Moskowiter
Herzen (dieser Belletrist hat, nebenbei bemerkt, seine Ent-
deckungen über den 'russischen Kommunismus' nicht in Rußland ge-
macht, sondern in dem Werk des preußischen Regierungsrats Haxt-
hausen) so ernst prophezeite Verjüngung Europas durch die Knute
und obligate Infusion von Kalmückenblut schließlich unvermeidlich
werden." ("Kapital", I, erste Ausgabe, p. 763.) - Dann fährt Marx
fort: Diese Stelle "kann in keinem Fall den Schlüssel liefern zu
meiner Ansicht über die Bemühungen" (das Folgende ist im Original
in russischer Sprache zitiert) "'russischer Männer, für ihr
Vaterland einen Entwicklungsgang zu finden, verschieden von dem,
den das westliche Europa gegangen ist und noch geht', usw. - Im
Nachwort zur zweiten deutschen Auflage des 'Kapitals' spreche ich
von einem 'großen russischen Gelehrten und Kritiker'" (Tscherny-
schewski) "mit der Hochachtung, die er verdient. Dieser hat in
bemerkenswerten Artikeln die Frage behandelt, ob Rußland, wie die
liberalen Ökonomen verlangen, mit der Zerstörung der Bauern-
gemeinde anfangen und dann zum kapitalistischen Regime übergehn
muß, oder ob es im Gegenteil, ohne die Qualen dieses Systems
durchzumachen, sich alle Früchte desselben aneignen kann, indem
es seine eignen geschichtlich gegebnen Voraussetzungen weiterent-
wickelt. Er spricht sich in diesem letztern Sinn aus.
Kurzum, da ich nicht gern 'etwas zu erraten' lassen möchte, will
ich ohne Rückhalt sprechen. Um die ökonomische Entwicklung Ruß-
lands in voller Sachkenntnis beurteilen zu können, habe ich Rus-
sisch gelernt und dann lange Jahre hindurch die darauf bezügli-
chen offiziellen und sonstigen Druckschriften studiert. Das Re-
sultat, wobei ich angekommen bin, ist dies: Fährt Rußland fort,
den Weg zu verfolgen, den es seit 1861 eingeschlagen hat, so wird
es die schönste Chance verlieren, die die Geschichte jemals einem
Volk dargeboten hat, um dafür alle Verhängnisvollen Wechselfälle
des kapitalistischen Systems durchzumachen." [430]
#671# Engels: Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
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Weiterhin klärt Marx einige fernere Mißverständnisse seines Kri-
tikers auf; die einzige auf unsre vorliegende Frage bezügliche
Stelle lautet:
"Welche Anwendung auf Rußland konnte nun mein Kritiker machen von
dieser geschichtlichen Skizze?" (Der Darstellung der ursprüngli-
chen Akkumulation im "Kapital".) "Einfach nur diese: Strebt Ruß-
land dahin, eine kapitalistische Nation nach westeuropäischem
Vorbild zu werden - und in den letzten Jahren hat es sich in die-
ser Richtung sehr viel Mühe kosten lassen -, so wird es dies
nicht fertigbringen, ohne vorher einen guten Teil seiner Bauern
in Proletarier verwandelt zu haben; und dann, einmal hineingeris-
sen in den Wirbel der kapitalistischen Wirtschaft, wird es die
unerbittlichen Gesetze dieses Systems zu ertragen haben, genauso
wie die andern profanen Völker. Das ist alles." [430]
So schrieb Marx 1877. Damals gab es in Rußland zwei Regierungen:
die des Zaren und die des geheimen Vollziehungsausschusses
(ispolnitel'nyj komitet) der terroristischen Verschwörer. Die
Macht dieser geheimen, Nebenregierung stieg von Tag zu Tag. Der
Sturz des Zarentums schien bevorzustehn; eine Revolution in Ruß-
land mußte die gesamte europäische Reaktion ihrer stärksten
Stütze, ihrer großen Reservearmee berauben und dadurch auch der
politischen Bewegung des Westens einen neuen, gewaltigen Anstoß
und obendrein unendlich günstigere Operationsbedingungen geben.
Kein Wunder, daß Marx da den Russen rät, es weniger eilig zu ha-
ben mit dem Sprung in den Kapitalismus.
Die russische Revolution ist nicht gekommen. Das Zarentum ist
Herr geworden über den Terrorismus, der jenem sogar alle besit-
zenden, "ordnungsliebenden" Klassen für den Augenblick wieder in
die Arme getrieben hat. Und während der 17 Jahre, die seit jenem
Brief verflossen, hat sowohl der Kapitalismus wie die Auflösung
der Bauerngemeinde in Rußland enorme Fortschritte gemacht. Wie
steht die Frage nun heute, 1894?
Als nach den Niederlagen des Krimkriegs und dem Selbstmord des
Kaisers Nikolaus [432] der alte zarische Despotismus unverändert
fortbestand, war nur ein Weg offen: der möglichst rasche Übergang
zur kapitalistischen Industrie. Die Armee war zugrunde gegangen
an den Riesendimensionen des Reichs, auf den langen Märschen nach
dem Kriegsschauplatz; die Entfernungen mußten vernichtet werden
durch ein strategisches Eisenbahnnetz. Aber Eisenbahnen, die be-
deuten kapitalistische Industrie und Revolutionierung des primi-
tiven Ackerbaus. Einerseits tritt das Ackerbauprodukt auch der
entlegensten Striche in direkte Verbindung mit dem Weltmarkt,
andrerseits ist ein ausgedehntes Eisenbahnsystem nicht zu bauen
und in Betrieb zu halten ohne eine einheimische Industrie, die
Schienen, Lokomotiven, Waggons etc. liefert. Man kann aber nicht
einen Zweig der großen Industrie einführen, ohne das ganze System
mit in den Kauf zu nehmen; die Textilindustrie auf relativ moder-
nem Fuß, die schon vorher in der Gegend von Moskau und Wladimir
sowie an den Ostseeküsten
#672# Beilagen
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Wurzel gefaßt, erhielt einen neuen Aufschwung. Den Eisenbahnen
und Fabriken schlössen sich die Ausdehnungen schon bestehender
und Gründungen neuer Banken an; die Freisetzung der Bauern aus
der Leibeigenschaft stellte die Freizügigkeit her, in Erwartung
der bald von selbst erfolgenden Freisetzung eines großen Teils
dieser Bauern auch vom Bodenbesitz. Damit waren in kurzer Zeit
alle Grundlagen der kapitalistischen Produktionsweise in Rußland
gelegt. Aber es war auch die Axt gelegt an die Wurzel der russi-
schen Bauerngemeinde.
Darüber jetzt zu wehklagen, ist nutzlos. Hätte man nach dem Krim-
krieg den Zarendespotismus ersetzt durch eine direkte parlamenta-
rische Adels- und Bürokratenherrschaft, so wäre der Prozeß viel-
leicht etwas verlangsamt worden; kam das aufkeimende Bürgertum
ans Ruder, so wurde er sicher noch beschleunigt. Wie die Dinge
lagen, war keine andre Wahl. Neben dem Zweiten Kaiserreich in
Frankreich, neben dem glänzendsten Aufschwung der kapitalisti-
schen Industrie in England, konnte doch wahrlich nicht von Ruß-
land verlangt werden, es solle sich auf Grund der Bauerngemeinde
in staatssozialistische Experimente von oben herab stürzen. Etwas
mußte geschehen. Was unter den Umständen möglich war, geschah,
wie überall und immer in Ländern der Warenproduktion, meist mit
nur halbem Bewußtsein oder ganz mechanisch und ohne zu wissen,
was man tat.
Nun kam die neue Zeit der Revolutionen von oben, die von Deutsch-
land ausging, und damit die Zeit des raschen Wachstums des Sozia-
lismus in allen europäischen Ländern. Rußland nahm teil an der
allgemeinen Bewegung. Hier erhielt diese - wie selbstverständlich
- die Form des Ansturms zum Sturz des zarischen Despotismus, zur
Eroberung intellektueller und politischer Bewegungsfreiheit für
die Nation. Der Glaube an die Wunderkraft der Bauerngemeinde, aus
der die soziale Wiedergeburt kommen könne und müsse - ein Glaube,
an dem, wie wir sehn, Tschernyschewski nicht ganz unschuldig war
-, dieser Glaube tat das Seinige, die Begeisterung und die Tat-
kraft der heroischen russischen Vorkämpfer zu steigern. Mit den
Leuten, die, kaum ein paar Hundert an Zahl, durch ihre Auf-
opferung und ihren Heldenmut das absolute Zarentum dahin brach-
ten, daß es schon die Möglichkeit und die Bedingungen einer Kapi-
tulation in Erwägung ziehn mußte - mit diesen Leuten rechten wir
nicht, wenn sie ihr russisches Volk hielten für das auserwählte
Volk der sozialen Revolution. Aber ihre Illusion brauchen wir
deshalb nicht zu teilen. Die Zeit der auserwählten Völker ist für
immer vorbei.
Während dieses Kampfs aber ging der Kapitalismus flott voran in
Rußland und erreichte mehr und mehr das, was der Terrorismus
nicht fertiggebracht: das Zarentum zur Kapitulation zu bringen.
Das Zarentum brauchte Geld. Nicht nur für seinen Hofluxus, seine
Bürokratie, vor allem für seine Armee und seine auf Bestechung
beruhende auswärtige Politik, sondern namentlich auch für seine
elende Finanzwirtschaft
#673# Engels: Nachwort (1894) zu "Soziales aus Rußland"
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und die ihr entsprechende alberne Eisenbahnpolitik. Das Ausland
wollte und konnte nicht länger für alle Defizits des Zaren auf-
kommen; das Inland mußte helfen. Ein Teil der Eisenbahnaktien
mußte im Lande selbst untergebracht werden, ein Teil der Anleihen
ebenfalls. Der erste Sieg der russischen Bourgeoisie bestand in
den Eisenbahnkonzessionen, die den Aktionären alle künftigen Ge-
winne, dem Staat aber alle künftigen Verluste aufluden. Dann ka-
men die Subventionen und Prämien für industrielle Unternehmungen,
die Schutzzölle zugunsten der einheimischen Industrie, die zu-
letzt die Einfuhr vieler Artikel gradezu unmöglich machten. Der
russische Staat hat bei seiner grenzenlosen Verschuldung und bei
seinem fast total ruinierten Kredit im Auslande ein direkt fiska-
lisches Interesse an einer treibhausmäßigen Entwicklung der ein-
heimischen Industrie. Er braucht fortwährend Gold zur Zahlung der
Schuldzinsen ans Ausland. Aber in Rußland ist kein Gold, da zir-
kuliert nur Papier. Ein Teil wird geliefert durch die vor-
schriftsmäßige Zahlung der Zölle in Gold, die beiläufig auch
diese Zölle um 50% erhöht. Aber der größte Teil soll geliefert
werden durch den Überschuß der Ausfuhr russischer Rohstoffe über
die Einfuhr fremder Industrieprodukte; die für diesen Überschuß
gezognen Wechsel aufs Ausland kauft die Regierung im Inland für
Papier auf und erhält Gold dafür. Will also die Regierung die
Zinsenzahlung ans Ausland anders als durch neue ausländische An-
leihen bestreiten, so hat sie dafür zu sorgen, daß die russische
Industrie rasch so weit erstarkt, um den ganzen inländischen Be-
darf zu befriedigen. Daher die Forderung, Rußland müsse ein vom
Ausland unabhängiges, sich selbst genügendes Industrieland wer-
den, daher die krampfhaften Anstrengungen der Regierung, die ka-
pitalistische Entwicklung Rußlands in wenigen Jahren auf den Hö-
hepunkt zu bringen. Denn geschieht dies nicht, so bleibt nichts,
als den in der Staatsbank und im Staatsschatz angehäuften metal-
lischen Kriegsfonds anzugreifen, oder aber der Staatsbankerott.
Und in beiden Fällen wäre es aus mit der russischen auswärtigen
Politik.
Das eine ist klar: Unter solchen Umständen hat die junge russi-
sche Bourgeoisie den Staat vollkommen in der Gewalt. In allen
wichtigen ökonomischen Fragen muß er ihr zu Willen sein. Wenn sie
sich inzwischen die despotische Selbstherrlichkeit des Zaren und
seiner Beamten noch gefallen läßt, so nur, weil diese Selbstherr-
lichkeit, ohnehin gemildert durch die Bestechlichkeit der Büro-
kratie, ihr mehr Garantien bietet als Veränderungen selbst im
bürgerlich-liberalen Sinn, deren Folgen, bei der innern Lage Ruß-
lands, niemand absehn kann. Und so geht die Umwandlung des Landes
in ein kapitalistisch-industrielles, die Proletarisierung eines
großen Teils der Bauern und der Verfall der alten kommunistischen
Gemeinde in immer rascherem Tempo voran.
Ob von dieser Gemeinde noch so viel gerettet ist, daß sie
gegebenenfalls, wie Marx und ich 1882 noch hofften, im Einklang
mit einem Umschwung
#674# Beilagen
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in Westeuropa zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung
werden kann, das zu beantworten maße ich mir nicht an. Das aber
ist sicher: Soll noch ein Rest von dieser Gemeinde erhalten blei-
ben, so ist die erste Bedingung dafür der Sturz des zarischen
Despotismus, die Revolution in Rußland. Diese wird nicht nur die
große Masse der Nation, die Bauern, aus der Isolierung ihrer Dör-
fer, die ihren "mir", ihre "Welt" bilden, herausreißen und auf
die große Bühne führen, wo sie die Außenwelt und damit sich
selbst, ihre eigne Lage und die Mittel zur Rettung aus der gegen-
wärtigen Not kennenlernt, sondern sie wird auch der Arbeiter-
bewegung des Westens einen neuen Anstoß und neue, bessere
Kampfesbedingungen geben und damit den Sieg des modernen indu-
striellen Proletariats beschleunigen, ohne den das heutige Ruß-
land weder aus der Gemeinde noch aus dem Kapitalismus heraus zu
einer sozialistischen Umgestaltung kommen kann.
Nach: "Internationales
aus dem 'Volksstaat' (1871-75)",
Berlin 1894.
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