Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Friedrich Engels
[Über die Beziehungen zwischen den irischen Sektionen
und dem Britischen Föderalrat [95]]
[Eigene Aufzeichnung der Rede auf der Sitzung des Generalrats
am 14. Mai 1872]
Bürger Engels sagte, der wahre Sinn des vorliegenden Antrages
wäre, die irischen Sektionen der Jurisdiktion des Britischen Fö-
deralrats zu unterstellen, eine Sache, in die die irischen Sek-
tionen niemals einwilligen würden; und der Generalrat habe weder
das Recht noch die Macht, sie ihnen aufzuzwingen. Gemäß Statut
und Geschäftsordnung habe dieser Rat auch nicht die Macht, ir-
gendeine Sektion oder Zweigstelle zu zwingen, das Supremat ir-
gendeines Föderalrats anzuerkennen. Er sei allerdings verpflich-
tet, vor Zulassung oder Abweisung irgendeines neuen Zweigs, der
sich innerhalb der Jurisdiktion irgendeines Föderalrats befinde,
diesen Rat zu konsultieren. Bürger Engels stellte mit Nachdruck
fest, daß die irischen Sektionen in England der Jurisdiktion des
Britischen Föderalrats so wenig unterständen wie die französi-
schen, deutschen oder italienischen 1*) Sektionen in diesem
Lande. Die Iren bildeten in jeder Hinsicht eine klar erkennbare
eigene Nationalität, und die Tatsache, daß sie sich der engli-
schen Sprache bedienten, könnte sie nicht des für alle geltenden
Rechts berauben, eine unabhängige nationale Organisation inner-
halb der Internationale zu haben.
Bürger Haies habe von den Beziehungen zwischen England und Irland
gesprochen, als ob sie höchst idyllischer Natur seien, etwa wie
die zwischen England und Frankreich zur Zeit des Krimkrieges, als
die herrschenden Klassen der beiden Länder niemals müde wurden,
einander Lob zu spenden, und alles die vollkommenste Harmonie at-
mete. Aber der Fall liege ganz anders. Da sei die Tatsache einer
sieben Jahrhunderte langen englischen Eroberung und Unterdrückung
Irlands, und so lange diese Unterdrückung existiere, sei es eine
Verhöhnung der irischen Arbeiter, von ihnen
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1*) Im Protokollbuch des Generalrats folgt: oder polnischen
#80# Friedrich Engels
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zu fordern, sich einem Britischen Föderalrat zu unterwerfen. Die
Stellung Irlands zu England sei nicht die eines Gleichberechtig-
ten, es wäre die Polens zu Rußland. Was würde man dazu sagen,
wenn der Generalrat polnische Sektionen aufforderte, das Supremat
eines Russischen Föderalrats in Petersburg anzuerkennen, oder
Sektionen im preußischen Polen, in Nordschleswig und im Elsaß
aufriefe, sich einem Föderalrat in Berlin zu unterwerfen? Doch
was von den irischen Sektionen gefordert würde, sei dem Wesen
nach dasselbe. Wenn Mitglieder der Internationale, die einer er-
obernden Nation angehören, die Nation, die erobert worden ist und
weiterhin unterdrückt wird, aufforderten, ihre spezifische Natio-
nalität und Lage zu vergessen, "nationale Differenzen beizulegen"
usf., so wäre das kein Internationalismus, sondern nichts weiter,
als ihnen Unterwerfung unter das Joch zu predigen, und ein Ver-
such, die Herrschaft des Eroberers unter dem Deckmantel des In-
ternationalismus zu rechtfertigen und zu verewigen. Das würde die
unter den englischen Arbeitern nur zu sehr verbreitete Meinung
sanktionieren, daß sie, verglichen mit den Iren, überlegene Wesen
wären und ebensolche Aristokraten wie jene, für die sich die nie-
derträchtigen Weißen in den Sklavenhalterstaaten den Negern
gegenüber hielten.
In einem Falle wie dem der Iren muß wahrer Internationalismus
notwendigerweise auf einer selbständigen nationalen Organisation
begründet sein; die Iren sowohl als andere unterdrückte Nationa-
litäten können nur als gleichberechtigt mit den Vertretern der
erobernden Nation und unter Protest gegen die Eroberung in die
Assoziation eintreten. Die irischen Sektionen seien daher nicht
nur berechtigt, sondern geradezu genötigt, in der Präambel zu ih-
rem Statut zu erklären, daß es ihre erste und dringendste Pflicht
als Iren ist, ihre eigene nationale Unabhängigkeit zu erlangen.
Der Antagonismus zwischen den irischen und englischen Arbeitern
in England war immer eines der mächtigsten Mittel gewesen, die
Klassenherrschaft in England aufrechtzuerhalten. Er erinnere sich
der Zeit, als er miterlebte, wie Feargus O'Connor und die engli-
schen Chartisten von den Iren aus dem Hall of Science in Manche-
ster hinausgeworfen wurden. [96] Nun gäbe es zum erstenmal eine
günstige Gelegenheit, englische und irische Arbeiter ge-
meinschaftlich für ihre gemeinsame Emanzipation handeln zu las-
sen, ein Resultat, das durch keine bisherige Bewegung in ihrem
Lande erreicht worden war. Und noch ehe man dies zuwege gebracht
habe, da werde man aufgefordert, den Iren zu diktieren und ihnen
zu sagen, sie sollten die Bewegung nicht auf ihre eigene Weise
führen, sondern sich der Führung eines englischen Rats fügen!
Nun, das hieße, die Unterjochung der Iren durch
#81# Beziehungen zw. irischen Sektionen und dem Brit. Föderalrat
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die Engländer in die Internationale einführen. Wenn die Initiato-
ren dieses Antrages so bis zum Rande vom wahren internationalen
Geist erfüllt sind, so mögen sie das dadurch beweisen, daß sie
den Sitz des Britischen Föderalrats nach Dublin verlegen und ei-
nem Rat von Iren unterstellen.
Was die angeblichen Zusammenstöße zwischen irischen und engli-
schen Zweigen betrifft, so seien sie dadurch provoziert worden,
daß Mitglieder des Britischen Föderalrats versucht hätten, sich
in die Angelegenheiten der irischen Sektionen einzumischen, um
sie dahin zu bringen, daß sie ihren spezifisch nationalen Charak-
ter aufgeben und sich unter die Führung des Britischen Rats bege-
ben.
Dann könnten die irischen Sektionen in England nicht von den iri-
schen Sektionen in Irland getrennt werden; es ginge nicht an, daß
einige Iren von einem Londoner und andere von einem Dubliner Fö-
deralrat abhängig wären. Die irischen Sektionen in England seien
unsere Operationsbasis in bezug auf die irischen Arbeiter in Ir-
land; sie seien fortgeschrittener, da sie in günstigeren Verhält-
nissen leben und die Bewegung in Irland könne nur durch ihre Ver-
mittlung propagiert und organisiert werden. Und soll man bereit-
willig die eigene Operationsbasis zerstören und auf die einzigen
Mittel verzichten, durch die Irland wirksam für die Internatio-
nale gewonnen werden könne? Denn es dürfe nicht vergessen werden,
daß die irischen Sektionen, und das mit Recht, niemals einwilli-
gen würden, ihre selbständige nationale Organisation aufzugeben
und dem Britischen Rat zu unterstellen. Die Frage läuft also dar-
auf hinaus: soll man die Iren unter sich lassen, oder soll man
sie aus der Assoziation ausstoßen? Würde der Antrag vom Rat ange-
nommen, so möge der Rat den irischen Arbeitern erklären, etwa in
folgenden Worten, daß sie nach der Herrschaft der englischen Ari-
stokratie über Irland, nach der Herrschaft der englischen Bour-
geoisie über Irland nun der Herrschaft der englischen Arbeiter-
klasse über Irland entgegensehen müßten.
Geschrieben um den 14. Mai 1872.
Nach der Handschrift.
Aus dem Englischen.
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