Quelle: MEW 18 März 1872 - Mai 1875
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Vorwort
Der achtzehnte Band der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels
enthält die Arbeiten, die von März 1872 bis Mai 1875 entstanden
sind.
Die Pariser Kommune war zur Grenzscheide einer neuen Periode der
Weltgeschichte geworden. Die weltwirtschaftlichen und weltpoliti-
schen Veränderungen, hervorgerufen dadurch, daß der "freie" Kapi-
talismus begonnen hatte, in den Imperialismus hinüberzuwachsen,
der sich abzeichnende Verfall der bürgerlichen Demokratie und das
Hinüberschwenken zur Reaktion hatten eine neue Lage für die For-
tentwicklung der Arbeiterbewegung geschaffen und ihr neue Aufga-
ben gestellt. Nach der Kommune beginnt in der Geschichte der in-
ternationalen Arbeiterbewegung eine Periode der Entwicklung des
Marxismus in die Breite, eine Periode der Kristallisation und
Konzentration der Kräfte des Proletariats, "die Periode der Her-
ausbildung, des Wachstums und des Reifens sozialistischer Massen-
parteien mit klassenmäßiger, proletarischer Zusammensetzung"
(W.I. Lenin, Werke, Berlin 1965, Band 19, S. 285/286).
Zu Beginn der siebziger Jahre traten die bezeichnenden Wesenszüge
der neuen Entwicklungsetappe in der internationalen Arbeiterbewe-
gung schon deutlich hervor. Die Propaganda der Theorie des wis-
senschaftlichen Kommunismus dehnte sich beträchtlich aus. Die Or-
ganisationen der Internationalen Arbeiterassoziation (I. Inter-
nationale), welche in nahezu allen Ländern Europas, in Nord- und
Südamerika, in Australien, Neuseeland und Indien bestanden,
förderten das Eindringen der Theorie in breitere Massen des
Proletariats; in einer Reihe von Ländern wurden die Fundamente
für selbständige proletarische Parteien gelegt. In Deutschland
führte diesen Kampf die erste marxistische Partei, die Sozi-
aldemokratische Arbeiterpartei, an deren Spitze Bebel und Lieb-
knecht standen, die Mitkämpfer von Marx und Engels. Ein weiterer
Schritt zur Loslösung der Arbeiterklasse von der
#VI# Vorwort
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kleinbürgerlichen Demokratie wurde getan: Die politische Bühne
betrat die junge Arbeiterbewegung Rußlands, Italiens, Spaniens
und anderer Länder. Das Wachstum des Klassenbewußtseins des Pro-
letariats fand seine Widerspiegelung in der organisierten Abfuhr,
welche die in der Internationale vereinigten fortgeschrittenen
Arbeiter dem Wüten der Reaktion erteilten, das der Niederlage der
Pariser Kommune gefolgt war.
Der geniale Scharfblick der Begründer des wissenschaftlichen
Kommunismus zeigte sich darin, daß sie schon zu Beginn dieser jä-
hen geschichtlichen Wende die objektive Situation richtig einzu-
schätzen wußten und in zähem Kampf gegen verschiedene kleinbür-
gerliche Tendenzen, in erster Linie gegen den Anarchismus, die
Aufgaben und die Taktik der revolutionären Partei des Proletari-
ats unter den konkreten Bedingungen vorzeichneten, die sich zu
Beginn der siebziger Jahre herausgebildet hatten. In der Erkennt-
nis, daß auf der Tagesordnung die Aufgabe einer sorgfältigen
ideologisch-politischen und organisatorischen Vorbereitung der
Arbeitermassen für die künftigen proletarischen Revolutionen
stand, arbeiteten Marx und Engels weiterhin unermüdlich an der
Verschmelzung von revolutionärer Theorie und revolutionärer Pra-
xis, lehrten sie die Arbeiter, ihre selbständige, von der Bour-
geoisie unabhängige Politik zu verfolgen. Die Durcharbeitung der
wichtigsten programmatischen, taktischen und organisatorischen
Fragen durch Marx und Engels in diesen Jahren hob die inter-
nationale Arbeiterbewegung auf ein neues, höheres Niveau und
legte das Fundament für die spätere Bildung sozialistischer pro-
letarischer Massenparteien in den verschiedenen Ländern.
Marx setzte in diesen Jahren die Riesenarbeit an der Vollendung
des "Kapitals" fort: Er entwickelte seine ökonomische Lehre wei-
ter. Zugleich arbeitet Marx systematisch daran, daß die im
"Kapital" dargelegte Lehre möglichst schnell zum Gemeingut der
breiten Massen der Arbeiterklasse in den verschiedenen Ländern
wird. Ende März 1872 erschien in Petersburg die russische Ausgabe
des ersten Bandes des "Kapitals", die erste Übersetzung dieses
grundlegenden Werkes des wissenschaftlichen Kommunismus in eine
fremde Sprache. Im Sommer 1872 erschien in Hamburg die zweite
deutsche Auflage des ersten Bandes des "Kapitals", und von 1872
bis 1875 kam in Einzellieferungen auch die französische Überset-
zung heraus. Die deutsche, englische, spanische Arbeiterpresse
veröffentlichte in ihren Spalten einzelne Kapitel und Abschnitte
der programmatischen Werke des Marxismus: des "Manifests der Kom-
munistischen Partei" und des ersten Bandes des "Kapitals". Die
kolossale Arbeit, die Marx leistete bei der Vorbereitung der Aus-
gaben des ersten Bandes des "Kapitals" in
#VII# Vorwort
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einer Reihe europäischer Sprachen, spielte eine große Rolle bei
der ideologisch-theoretischen Schulung des revolutionären Prole-
tariats. Engels schafft in diesen Jahren eine Reihe Werke über
die wichtigsten Fragen der Theorie des Staats und der Revolution;
er beginnt, sich mit philosophischen Problemen der Naturwissen-
schaft zu beschäftigen, was im weiteren zur Niederschrift seiner
hervorragenden Forschungsarbeiten "Dialektik der Natur" und
"Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft" führt.
Alle diese Jahre hindurch widmen Marx und Engels größte Aufmerk-
samkeit dem weiteren Studium und der theoretischen Verallgemeine-
rung der geschichtlichen Erfahrungen der Pariser Kommune, Erfah-
rungen, die sie ausgiebig propagieren, um sie zum Gemeingut der
werktätigen Massen zu machen. Marx und Engels lenken das Augen-
merk des Proletariats auf eine der wichtigsten Lehren, die aus
der Erfahrung des Heldenkampfs der Pariser Kommunarden zu ziehen
ist: auf die Notwendigkeit, den alten Staatsapparat zu zerbrechen
und ihn durch einen Staat von neuem Typus, dem Typus der Pariser
Kommune, zu ersetzen. Die praktischen Erfahrungen der Kommunarden
boten die Möglichkeit, die Schlußfolgerung zu ergänzen, die Marx
aus der Revolution von 1848/49 in seiner Arbeit "Der achtzehnte
Brumaire des Louis Bonaparte" gezogen hatte. Die Kommune war
nicht nur der erste Versuch des Proletariats gewesen, den bürger-
lichen Staatsapparat zu zerschlagen, sondern sie hatte zugleich
gezeigt, wodurch dieser zerschlagene Apparat zu ersetzen sei.
Marx und Engels maßen dieser historischen Lehre außerordentliche
Bedeutung bei: 1872 erachteten sie es als notwendig, im Zusammen-
hang hiermit das "Manifest der Kommunistischen Partei" zu ergän-
zen. Im Vorwort zur deutschen Neuausgabe schrieben sie: "Nament-
lich hat die Kommune den Beweis geliefert, daß 'die Arbei-
terklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz neh-
men und sie für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen kann'."
(Siehe vorl. Band, S. 96.)
Die zutiefst wissenschaftliche Einschätzung der weltgeschichtli-
chen Bedeutung der Pariser Kommune war für Marx und Engels ein
Mittel zur revolutionären Erziehung der Arbeiter, ein Mittel, die
Idee der Diktatur des Proletariats zu propagieren und dem Bewußt-
sein der proletarischen Massen einzuprägen. Unermüdlich erläuter-
ten sie der Arbeiterklasse das historische Wesen der Pariser Kom-
mune. Hochinteressant sind in diesem Zusammenhang die kurzen Re-
solutionen, die Marx für eine Massenkundgebung von Mitgliedern
der Internationale und von emigrierten Kommunarden in London ver-
faßte, die den ersten Jahrestag der Pariser Kommune begingen. Das
Proletariat wird die Pariser Kommune, schrieb Marx, "als
#VIII# Vorwort
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Morgenröte der großen sozialen Revolution" ansehen, "die die Men-
schen für immer vom Klassenregime befreien wird" (siehe vorl.
Band, S. 56).
Während Marx und Engels von den Erfahrungen der Pariser Kommune
ausgehen, wendet sich ihr schöpferisches Denken in diesen Jahren
immer wieder der Lehre vom Staat zu, der Durcharbeitung der Frage
nach der politischen Herrschaft der Arbeiterklasse, nach den Be-
dingungen der Machterringung, nach den Funktionen des proletari-
schen Staats. Unlöslich verbunden sind mit diesen Problemen die
Fragen der Politik, Taktik und Organisation der Arbeiterbewegung,
die Fragen nach dem Charakter und den Aufgaben der proletarischen
Parteien. Die Bewertung der Pariser Kommune wurde zum Prüfstein
für die Klassennatur, für den wahren Charakter der einen oder an-
dern sozialistischen Denkrichtung. Gerade in diesen Hauptfragen
der revolutionären Theorie und Praxis, welche für das Los des
Proletariats und seiner Partei bestimmend waren, wurde der theo-
retische Sieg des Marxismus in der Arbeiterbewegung über die
nichtproletarischen Formen des Sozialismus (den Proudhonismus,
das Lassalleanertum, den Bakunismus und dergleichen) errungen. In
dem sich in diesen Jahren zuspitzenden Kampf gegen die Reformi-
sten und die anarchistischen Sektierer verfochten und entwickel-
ten Marx und Engels weiterhin die Ideen der proletarischen Revo-
lution und der Diktatur des Proletariats als des historisch ge-
setzmäßigen Weges zur Liquidierung der ausbeuterischen kapitali-
stischen Produktionsweise und zum Aufbau des Sozialismus.
Von großer theoretischer Bedeutung ist die im vorliegenden Band
veröffentlichte Arbeit "Zur Wohnungsfrage" von Friedrich Engels,
eines der grundlegenden Werke des Marxismus. Geschrieben in le-
bendiger, polemischer Form, richtet sich diese Arbeit gegen die
Versuche der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Sozialreformer,
die Geschwüre der Bourgeoisgesellschaft irgendwie zu übertünchen
und hierbei deren kapitalistische Basis hoch und heilig zu hal-
ten. Den utopischen und reaktionären Projekten des Proudhonisten
Mülberger und des Bourgeoisphilanthropen Sax stellt Engels das
wirklich sozialistische Programm des revolutionären Proletariats
entgegen, das sich die radikale Umgestaltung der Gesellschaft
nach den Prinzipien des Kollektiveigentums zum Ziel setzt. Die
Wohnungsnot, sagt Engels, ist eine gesetzmäßige Folge des ganzen
kapitalistischen Systems und wird mit der Entwicklung des Kapita-
lismus zwangsläufig immer größer, und nur das Proletariat wird
nach seinem Sieg, bei der Lösung der Grundprobleme des Aufbaus
der sozialistischen Gesellschaft, auch die Wohnungsfrage lösen.
#IX# Vorwort
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Die Wohnungsnot ist lediglich eine Erscheinungsform der ausbeute-
rischen Wesensart des Kapitalismus. Aber gerade weil diese We-
sensart sich hier in der verschleiertsten Form zeigt, weil unter
der Wohnungsnot nicht nur die Arbeiter, sondern auch andere Be-
völkerungsschichten leiden, schieben bürgerliche Soziologen die
Wohnungsfrage in den Vordergrund, um auf diese Weise das Proleta-
riat vom Klassenkampf gegen die Grundlagen der Bourgeoisgesell-
schaft abzulenken. Engels enthüllt, daß die Abmachung zwischen
Mieter und Hausbesitzer dem Wesen nach ein gewöhnliches Handels-
geschäft ist, und zeigt, daß dieses sich von der Abmachung zwi-
schen Lohnarbeiter und Kapitalist wesentlich unterscheidet; hier-
bei legt Engels in einer dem Arbeiterleser faßlichen Form die
wichtigsten Leitsätze aus dem ersten Band des "Kapitals" dar und
tritt hier wie in einer Reihe anderer Arbeiten als unermüdlicher
Propagandist der ökonomischen Lehre von Marx auf.
Diese Arbeit, die Engels gegen die Versuche, den kleinbürgerli-
chen Sozialismus à la Proudhon in die deutsche Arbeiterbewegung
hineinzutragen, verfaßt hatte, war von größter Bedeutung für die
ideologische Schulung der deutschen Sozialdemokratie im Geiste
des revolutionären Marxismus. Durch seine vernichtende Kritik an
den Artikeln Mülbergers vervollständigte Engels die 1847 von Marx
in seiner Arbeit "Das Elend der Philosophie" begonnene theoreti-
sche Zerschlagung des Proudhonismus.
Besonders interessant sind die von Engels in der Schrift "Zur
Wohnungsfrage" geäußerten Gedanken über die sozialistische Umge-
staltung auf dem Lande. Indem er die These Mülbergers widerlegt,
daß der Gegensatz zwischen Stadt und Land etwas "Natürliches" sei
und daß das Bestreben, ihn zu tilgen, in das Reich der "Utopie"
gehöre, beweist Engels, daß mit der Vernichtung der Ausbeuter-
klassen dank der sozialistischen Revolution diesem Gegensatz für
alle Zeit ein Ende gesetzt ist. In der sozialistischen Gesell-
schaft reißt die enge innere Verbindung zwischen industrieller
und landwirtschaftlicher Produktion die Landbevölkerung aus der
Isoliertheit und Abstumpfung heraus, in der sie jahrtausendelang
verharrte.
Die mit der sozialistischen Umgestaltung auf dem Lande verbun-
denen Probleme werden ferner von Marx in seiner Arbeit "Über die
Nationalisierung des Grund und Bodens" analysiert. Diese Arbeit
ist ein wichtiges Dokument des Marxismus zur Agrarfrage. Marx be-
trachtet die Lösung dieses nach seinen Worten sehr großen Pro-
blems in unlöslichem Zusammenhang mit den Aufgaben der proletari-
schen Revolution und der sozialistischen Umgestaltung der ganzen
Gesellschaft. Er zeigt, daß die ökonomische Entwicklung der Ge-
sellschaft, das Wachstum und die Konzentration
#X# Vorwort
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der Bevölkerung naturnotwendig in Zukunft die Anwendung kollekti-
ver, nach sozialistischen Prinzipien organisierter Arbeit in der
Landwirtschaft erheischen. Das unentwegte Wachstum der landwirt-
schaftlichen Produktion kann nur auf der Grundlage umfassender
Nutzung der Errungenschaften moderner Wissenschaft und Technik
gewährleistet werden. Aber, betont Marx, "die wissenschaftlichen
Kenntnisse, die wir besitzen, und die technischen Mittel der
Landbearbeitung, die wir beherrschen, wie Maschinerie etc., kön-
nen wir nie erfolgreich anwenden, wenn wir nicht einen Teil des
Bodens in großem Maßstab bearbeiten" (siehe vorl. Band, S. 60).
Indem Marx die historische Bedeutung der Nationalisierung des
Grund und Bodens hervorhob, ging er stets von der Analyse der Be-
sonderheiten in der Agrarordnung dieses oder jenes Landes aus.
Für England, wo bäuerliches Grundeigentum fehlt und Großgrundbe-
sitz vorherrscht, ist die Nationalisierung des Grund und Bodens
nach einem Ausdruck von Marx zu einer "gesellschaftlichen Notwen-
digkeit" geworden. Zugleich widerlegt Marx die bürgerlich-refor-
mistischen Ideen, man könne die Agrarfrage endgültig lösen durch
die Nationalisierung des Bodens im Rahmen der kapitalistischen
Gesellschaft. "Die Nationalisierung des Bodens und seine Ver-
pachtung in kleinen Parzellen an Einzelpersonen oder an Arbeiter-
genossenschaften würde unter einer bürgerlichen Regierung nur
eine rücksichtslose Konkurrenz unter ihnen auslösen und eine
gewisse Steigerung der 'Rente' mit sich bringen und dadurch den
Aneignern neue Möglichkeiten bieten, auf Kosten der Produzenten
zu leben." (Siehe vorl. Band, S. 61.)
Die endgültige Lösung der Agrarfrage ist nur möglich in einem
Staat, wo die Arbeiterklasse an der Macht ist. Dann werden
"Landwirtschaft, Bergbau, Industrie, mit einem Wort alle Zweige
der Produktion... allmählich auf die nutzbringendste Art organi-
siert werden. Die nationale Zentralisation der Produktionsmittel
wird die natürliche Basis einer Gesellschaft werden, die sich aus
Assoziationen freier und gleichgestellter, nach einem gemeinsamen
und rationellen Plan bewußt tätiger Produzenten zusammensetzt"
(siehe vorl. Band, S. 62).
Bei der Entwicklung seiner Ideen zur Agrarfrage weist Marx darauf
hin, daß die Wege zur Lösung dieses Problems von den konkreten
sozialökonomischen Verhältnissen des einen oder andern Staates,
den Besonderheiten der Agrarordnung, der Lebenslage der Bauern-
schaft, den geschichtlichen Überlieferungen usw. abhängen. Für
ein Land wie Frankreich mit seiner Bauernparzelle kann der Weg
zur sozialistischen Umgestaltung ein anderer sein. In seinen Be-
merkungen zu Bakunins Buch "Staatlichkeit und
#XI# Vorwort
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Anarchie" konstatiert Marx, daß das Proletariat, um sich der
Unterstützung der Arbeiterrevolution durch die Massen der werktä-
tigen Bauernschaft zu versichern, "als Regierung Maßregeln er-
greifen" muß, "wodurch der Bauer seine Lage unmittelbar verbes-
sert findet, die ihn also für die Revolution gewinnen; Maßregeln,
die aber im Keim den Übergang aus dem Privateigentum am Boden in
Kollektiveigentum erleichtern..." (siehe vorl. Band, S. 633).
Unermüdlich verfocht Marx die Idee der proletarischen Revolution
und der Diktatur des Proletariats; er zeigte, wie man schöpfe-
risch an die Lösung der Frage nach den Formen des Übergangs der
verschiedenen Länder vom Kapitalismus zum Sozialismus herangehen
muß, indem man die konkreten historischen Bedingungen, die Grup-
pierung und Wechselbeziehung der Klassenkräfte des jeweiligen
Landes untersucht und berücksichtigt. Auf der Grundlage seiner
Analyse der sozialökonomischen und politischen Verhältnisse zu
Beginn der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts lieferte Marx
einen wichtigen Beitrag zur Theorie der proletarischen Revolution
. In der Rede, die er am 8. September 1872 auf einer Kundgebung
der Internationale in Amsterdam hielt (siehe vorl. Band, S. 159-
161), entwickelte und begründete er die These, daß neben der re-
volutionären Gewaltanwendung - dem Mittel, das unter jenen Bedin-
gungen in den weitaus meisten Ländern unvermeidlich ist zur Er-
richtung und Aufrechterhaltung der Diktatur des Proletariats -
das Proletariat in einigen Ländern: in England, den USA, Holland,
infolge bestimmter historischer Bedingungen, die sich in ihnen
herausgebildet haben (damals das Fehlen eines entwickelten büro-
kratischen und militaristischen Apparats), seine Herrschaft "auf
friedlichem Wege" errichten könne. Dieser Gedanke, den Marx be-
reits in den fünfziger Jahren im Hinblick auf England äußerte,
hat hier seine Fortentwicklung erfahren. Gerichtet war diese
These auch gegen die anarchistischen Sektierer, die eine unver-
zügliche "'Abschaffung des Staats' durch 'revolutionäre Spren-
gung'" predigten, sowie gegen die Reformisten, die behaupteten,
der einzige Weg der Arbeiterklasse zur Macht führe nur über den
parlamentarischen Kampf.
Lenin entlarvte die Versuche der Opportunisten, diese Schlußfol-
gerung von Marx im Sinne revisionistischen Verzichts auf die Idee
der sozialistischen Revolution und der Diktatur des Proletariats
auszulegen. (Siehe W.I. Lenin, Werke, Band 28, Berlin 1959, S.
236.) Marx' Schlußfolgerung, neben den gewaltsamen Wegen zur Er-
ringung der Diktatur des Proletariats seien auch "friedliche
Wege" möglich, bezeugte, daß die marxistische Theorie, der jeder
Dogmatismus fremd ist, nicht nur die Einsicht in die allgemeinen
#XII# Vorwort
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Entwicklungsgesetze der proletarischen Revolution und der Dikta-
tur des Proletariats verlangt, sondern auch die Berücksichtigung
des Besonderen, Eigenartigen, das sich aus den konkreten ökonomi-
schen und politischen Verhältnissen des einen oder andern Landes
ergibt.
Äußerst wichtige Gedanken über den Staat, über die proletarische
Revolution und die Diktatur des Proletariats, über die Wege zur
Verwirklichung des Bündnisses der Arbeiterklasse mit der Bauern-
schaft hat Marx in seinen kritischen Bemerkungen zu Bakunins Buch
"Staatlichkeit und Anarchie" formuliert. Als Marx 1874 diese Ba-
kunismus-Bibel eigener Art konspektiert, macht er eine Reihe aus-
führlicher Bemerkungen, in denen die im Prozeß des Kampfes gegen
den Anarchismus erfolgte Weiterentwicklung der fundamentalen
Leitsätze des wissenschaftlichen Kommunismus ihre Widerspiegelung
gefunden hat. Im Gegensatz zu dem subjektivistischen und volunta-
ristischen Gerede Bakunins über die Möglichkeit der "sozialen Re-
volution" zu beliebiger Zeit und an beliebigem Ort, über die
Unumgänglichkeit, die Revolution mit der "Abschaffung des Staats"
zu beginnen, formuliert Marx präzis den unmittelbaren Zusammen-
hang der proletarischen Revolution mit bestimmten geschichtlichen
Bedingungen der ökonomischen Entwicklung und des Klassenkampfs
des Proletariats. Marx begründet die Unausbleiblichkeit und Not-
wendigkeit der Diktatur des Proletariats zur Beseitigung oder Um-
gestaltung der "ökonomischen Bedingungen, worauf der Klassenkampf
beruht und die Existenz der Klassen" (siehe vorl. Band, S. 630).
Zugleich hebt Marx den provisorischen, vorübergehenden Charakter
der revolutionären Gewalt hervor: "Die Klassenherrschaft der Ar-
beiter über den mit ihnen kämpfenden Schichten der alten Welt"
kann "nur so lang bestehn, ... als die ökonomische Grundlage der
Klassenexistenz nicht vernichtet ist." (Siehe vorl. Band, S.
636.) Marx widerlegt glänzend die anarchistische Kritik an der
Diktatur des Proletariats, eine Kritik, die angeblich zum Schutze
der "Demokratie" geübt wurde, und er beweist, daß nur die Arbei-
terklasse, sobald sie zur Macht gelangt, die echte Demokratie für
die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung verwirklicht.
Einen beträchtlichen Teil des vorliegenden Bandes bilden die Ar-
tikel und die Dokumente, die mit Marx' und Engels' unmittelbarer
Tätigkeit in der letzten Periode des Bestehens der Internationa-
len Arbeiterassoziation zusammenhängen. Diese Dokumente sind ein
Spiegelbild dessen, wie Marx und Engels Tag für Tag das ganze
mannigfaltige Leben der Internationale lenkten, ein Spiegelbild
ihres unversöhnlichen Kampfes gegen die dem wissenschaftlichen
Kommunismus feindlichen Strömungen und
#XIII# Vorwort
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Gruppen, in erster Linie gegen die Anarchisten, die die Leitung
der internationalen Arbeiterbewegung an sich zu reißen suchten.
Die von Marx und Engels verfaßten und in den vorliegenden Band
aufgenommenen Dokumente der Internationale zeigen anschaulich,
daß der Kampf gegen den Anarchismus an allen Kardinalfragen der
Theorie und Praxis des revolutionären Kampfes des Proletariats
entbrannt war, die die Pariser Kommune in voller Größe gestellt
hatte. Der Kampf verschärfte sich besonders nach der Londoner
Konferenz von 1871; diese Konferenz und ihre Beschlüsse über die
Notwendigkeit der Eroberung der politischen Macht durch die Ar-
beiterklasse für den Aufbau der klassenlosen sozialistischen Ge-
sellschaft sowie über die Notwendigkeit, im Zusammenhang hiermit
selbständige Arbeiterparteien zu gründen, versetzten den sektie-
rerischen Elementen einen wuchtigen Schlag und zogen zwischen den
Zielen und den Aufgaben der Internationale einerseits und den an-
archistischen Prinzipien andererseits eine deutliche Grenze. In
einem Rundschreiben, das der Anarchistenkongreß in Sonvillier im
November 1871 annahm, wurde der Idee der revolutionären Diktatur
des Proletariats die Bakuninsche Doktrin der Enthaltung der Ar-
beiter von politischer Tätigkeit entgegengestellt, und der prole-
tarischen Parteilichkeit setzte man die Verneinung der Disziplin
und das Prinzip der "Autonomie" entgegen. Die Verwirklichung die-
ser Forderungen der Anarchisten hätte den Zerfall und die Desor-
ganisierung der Arbeiterverbände, die Entwaffnung der Arbeiter-
klasse vor der Bourgeoisie, die Unterwerfung der Arbeiterklasse
unter die bürgerliche Politik und Ideologie bedeutet. Die Unver-
einbarkeit der Bakuninschen Ideen mit den Zielen der Internatio-
nale machte in einer Periode, wo die Sammlung der Kräfte der Ar-
beiterklasse für künftige proletarische Revolutionen einsetzte,
die ideologische und organisatorische Zertrümmerung des Anarchis-
mus in der Arbeiterbewegung zu einer unaufschiebbaren Aufgabe.
Ein vernichtender Schlag für den Bakunismus war das von Marx und
Engels verfaßte Rundschreiben des Generalrats "Die angeblichen
Spaltungen in der Internationale". Die Bedeutung dieser Arbeit
besteht darin, daß Marx und Engels in ihr den Bakunismus als eine
Erscheinungsform des der proletarischen Massenbewegung feindli-
chen Sektierertums entlarvten und die sozialen Wurzeln des Sek-
tierertums bloßlegten, die in der Einwirkung des kleinbürgerli-
chen Milieus auf die Arbeiterklasse bestehen. Marx und Engels
stellen fest, daß in der Periode der Herausbildung und Entstehung
der Arbeiterbewegung das Aufkommen von Sekten seine historische
Gesetzmäßigkeit hatte; aber je mehr die Arbeiterbewegung
#XIV# Vorwort
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anwächst und das Proletariat als Klasse sich seiner besonderen
Lage und seiner besonderen Aufgaben bewußt wird, desto mehr wer-
den die Sekten mit ihren phantastischen Projekten, mit denen sie
die sozialen Widersprüche auflösen wollen, zu einem Hemmschuh,
der die weitere Entwicklung der proletarischen Massenbewegung be-
hindert. Dieses Sektierertum ist eben "die Kindheit der Proleta-
rierbewegung..., wie die Astrologie und die Alchimie die Kindheit
der Wissenschaft" sind. "Damit die Gründung der Internationalen
zur Möglichkeit wurde, mußte das Proletariat diese Entwicklungs-
stufe überschritten haben." (Siehe vorl. Band, S. 34.)
Marx und Engels enthüllten die charakteristischen Züge des Bakun-
inschen Sektierertums: die theoretische Rückständigkeit und die
Losgerissenheit von der revolutionären Massenbewegung, den Dogma-
tismus und das "revolutionäre" Abenteurertum. Als Gegengewicht
gegen die Sekten, so betonten Marx und Engels, muß die Arbeiter-
klasse ihre revolutionäre Massenorganisation besitzen. Eine sol-
che Organisation ist die Internationale, eine echte Kampforgani-
sation der Proletarier aller Länder, "verbunden unter sich in ih-
rem Kampfe gegen die Kapitalisten, die Grundeigentümer und ihre
im Staate organisierte Klassenmacht" (siehe vorl. Band, S. 34).
Marx und Engels verfolgten die Geschichte des Kampfes der Inter-
nationale gegen die Bakuninsche Organisation - die Allianz der
sozialistischen Demokratie - und zeigten, daß das Programm, das
die Allianz der Assoziation aufzwingen wollte, "nur eine Anhäu-
fung längst überwundener Ideen... in tönende Phrasen verhüllt"
(siehe vorl. Band, S. 34) darstellt. Bei der Entlarvung des
desorganisierenden Treibens der Allianz innerhalb der Internatio-
nale enthüllten Marx und Engels den Sinn der Ausfälle der Allianz
gegen den Generalrat der Assoziation als Ausfälle gegen die lei-
tende Körperschaft, die berufen war, die Einheit und Gemeinsam-
keit der Aktionen zu sichern, die die Organisationen der Interna-
tionale in den verschiedenen Ländern durchführten. Die Verwirkli-
chung der Forderung der Bakuninisten, die Funktionen des General-
rats auf die Rolle eines simplen Büros für Korrespondenz und Sta-
tistik zu reduzieren, hätte den Verzicht des Proletariats auf die
Schaffung seiner eigenen disziplinierten, ideologisch einheitli-
chen Organisation bedeutet. Marx' und Engels' Kampf um die Klar-
stellung und Sicherung der Funktionen des Generalrats war im
Grunde ein Kampf für die Organisationsprinzipien der proletari-
schen Partei.
In einer Reihe Dokumente, die als Fortsetzung zu "Die angeblichen
Spaltungen in der Internationale" zu betrachten sind, spiegelt
sich der intensive
#XV# Vorwort
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Kampf von Marx und Engels gegen die Anarchisten kurz vor der Ein-
berufung des Haager Kongresses wider. Im Sommer 1872 trat dieser
Kampf innerhalb der Internationale in eine neue Phase. Den Baku-
nisten, die sich innerhalb der Organisationen der Internationale
in Italien, in der Schweiz und besonders in Spanien verschanzt
hatten, schlössen sich die belgischen Proudhonisten, die gegen
die proletarische Parteilichkeit auftraten, die bürgerlichen Re-
former in den USA und die englischen Trade-Unionisten an; auch
die Lassalleaner bildeten in ihren Ausfällen gegen die Interna-
tionale einen Block mit den Bakunisten.
Zur Hauptarena des Kampfs gegen den Anarchismus wurde im Sommer
1872 Spanien, wo sich die Bakuninsche geheime Allianz am tiefsten
verwurzelt hatte. Spaniens Zurückbleiben in der ökonomischen Ent-
wicklung hatte zur Folge, daß ein bedeutender Teil der spanischen
Arbeiterklasse mit bürgerlichen und kleinbürgerlichen Anschauun-
gen noch nicht resolut zu brechen vermochte. Die "revolutionären"
Phrasen der Anarchisten fanden Anklang bei dem vom Ruin betroffe-
nen Kleinbürgertum, das die Reihen des spanischen Proletariats
auffüllte. In dem "Bericht an den Generalrat der Internationalen
Arbeiterassoziation über die Lage der Assoziation in Spanien,
Portugal und Italien" stellte Engels fest, daß in den von Baku-
nisten gegründeten Sektionen "die besonderen Lehren der Allianz -
sofortige Abschaffung des Staates, Anarchie, Antiautoritarismus,
Enthaltung von jeder politischen Tätigkeit etc. - in Spanien als
die Lehren der Internationale verkündet" wurden (siehe vorl.
Band, S. 182). Als korrespondierender Sekretär des Generalrats
für Spanien scharte Engels die Besten der spanischen Mitglieder
der Internationale um sich und stellte mit ihrer Hilfe die Dop-
pelzüngigkeit der Bakunisten bloß. "Dieselben Männer", schrieb
er, "die den Generalrat des Autoritarismus beschuldigen, ohne je-
mals imstande gewesen zu sein, auch nur eine einzige autoritäre
Handlung von seiner Seite aufzuzeigen, die bei jeder Gelegenheit
von der Autonomie der Sektionen, von der freien Föderation der
Gruppen reden, die den Generalrat der Absicht bezichtigen, der
Internationale seine offizielle und orthodoxe Doktrin aufzuzwin-
gen und unsere Assoziation in eine hierarchisch konstituierte Or-
ganisation zu verwandeln - dieselben Männer konstituieren sich in
der Praxis als eine Geheimgesellschaft mit einer hierarchischen
Organisation und unter einem nicht nur autoritären, sondern abso-
lut diktatorischen Regime; sie treten jede Spur von Autonomie der
Sektionen und Föderationen mit Füßen; sie streben danach, der In-
ternationale vermittels dieser geheimen Organisationen die per-
sönlichen und orthodoxen Doktrinen M. Bakunins aufzuzwingen."
(Siehe vorl. Band, S. 117.) Vor sämtlichen
#XVI# Vorwort
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Mitgliedern der Internationale wurde die Existenz der Geheimge-
sellschaft mit ihrem besonderen, den Aufgaben und den Zielen der
Internationale feindlichen Programm bloßgelegt (siehe Karl
Marx/Friedrich Engels: "An die spanischen Sektionen der Interna-
tionalen Arbeiterassoziation", Friedrich Engels: "Bericht über
die Allianz der sozialistischen Demokratie, vorgelegt dem Haager
Kongreß im Namen des Generalrats"). "Zum erstenmal in der Ge-
schichte der Kämpfe der Arbeiterklasse", schrieb Engels, "stoßen
wir auf eine geheime Verschwörung, die angezettelt worden ist in-
mitten dieser Klasse selbst und dazu bestimmt ist, nicht das be-
stehende Ausbeuterregime zu unterminieren, sondern gerade die As-
soziation, die es aufs energischste bekämpft." (Siehe vorl. Band,
S. 120.)
Die Riesenarbeit, die Engels geleistet hat, um die revolutionären
Kräfte in der spanischen Arbeiterbewegung zusammenzuschweißen und
zu erziehen, um das Wesen des Anarchismus zu entlarven, hat das
Fundament zur späteren Gründung einer selbständigen Arbeiterpar-
tei Spaniens gelegt.
Gleichzeitig mit der Entlarvung des dem Proletariat feindlichen
Treibens der Bakunisten mußten Marx und Engels und ihre Mitstrei-
ter einen Kampf für die Säuberung der Organisationen der Interna-
tionale von kleinbürgerlichen und bürgerlich-reformerischen Ele-
menten führen, die die Internationale Arbeiterassoziation zu ih-
ren Zwecken zu mißbrauchen suchten. Dieser Kampf fand seine Wi-
derspiegelung in den von Marx verfaßten Beschlüsse des General-
rats vom 5. und 12. März 1872 anläßlich der Spaltung in der Nord-
amerikanischen Föderation der Internationale (siehe vorl. Band,
S. 52-54) sowie in Engels' Artikel "Die Internationale in Ame-
rika" und in einem Dokument des Generalrats, das verfaßt worden
war im Zusammenhang mit den Versuchen einer Gruppe englischer
Funktionäre und kleinbürgerlicher französischer Emigranten, den
Namen und die Autorität des Generalrats für ihre Zwecke zu miß-
brauchen (siehe Karl Marx' "Erklärung des Generalrats der Inter-
nationalen Arbeiterassoziation" im vorl. Band, S. 82-84).
Den Kampf innerhalb der Internationale mußten Marx und Engels bei
ununterbrochenen Angriffen von außen führen: Angriffen bürgerli-
cher Politiker, korrupter Journalisten und dergleichen, die ver-
suchten, den Charakter und die Bedeutung der Internationalen Ar-
beiterassoziation zu verzerren und zu entstellen und ihre Führer
zu diskreditieren. Im Verlauf dieser Arbeit, die zu einem Be-
standteil des ideologischen Kampfs zwischen Proletariat und Bour-
geoisie wurde, enthüllten Marx und Engels die Methoden der bür-
gerlichen Politik, propagierten sie in der Presse die Ideen der
Internationale und deren Bedeutung. In einer Erklärung des Gene-
ralrats, die
#XVII# Vorwort
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Marx anläßlich einer verleumderischen Unterhausrede des Parla-
mentsmitglieds Cochrane verfaßte, prangerte Marx mit ätzender
Ironie die vereinten Bemühungen der Reaktionäre aller Länder an,
mit allen möglichen Mitteln die Organisation des Proletariats zu
vernichten. "Die Heldentaten" der französischen und der spani-
schen Reaktion, bemerkt Marx, "weckten so recht in den Herzen der
Vertreter der oberen Zehntausend im britischen Unterhaus den ed-
len Geist des Nacheiferns" (siehe vorl. Band, S. 66). In einem
Artikel in der italienischen demokratischen Zeitung "Gazzettino
Rosa", betitelt "Noch einmal Stefanoni und die Internationale",
deckt Marx die Kniffe bürgerlicher Journalisten auf, die vor kei-
nerlei schmutzigen Mitteln zurückschraken, um die Führer des Pro-
letariats zu verleumden.
Eine zornige Abfuhr erteilte Marx dem Vulgärökonomen Brentano,
der versucht hatte, Marx einer Fälschung des Materials zu
"überführen", das er bei der Abfassung der "Inauguraladresse" be-
nutzt hatte. In der "Antwort auf den ersten Artikel Brentanos"
und der "Antwort auf den zweiten Artikel Brentanos" zerrupfte
Marx das eigentliche Gewebe dieser Lügenmär, die in der Kette der
Verleumdungen wieder einmal fällig gewesen war.
Eine Reihe von Dokumenten, die im vorliegenden Band Aufnahme ge-
funden hat, gibt ein Bild von der großen systematischen und tag-
täglichen Arbeit, die Marx und Engels bei der Anleitung der na-
tionalen Organisationen der Internationale geleistet haben. Als
korrespondierende Sekretäre des Generalrats für mehrere Länder
waren Marx und Engels die Urheber zahlreicher offizieller Schrei-
ben und Dokumente an Sektionen und einzelne Funktionäre der In-
ternationale. In offiziellen Schreiben (siehe Karl Marx: "An die
streikenden Bergarbeiter im Ruhrtal" und Friedrich Engels: "An
den spanischen Föderalrat", "An die Bürger Delegierten des spani-
schen Landeskongresses in Saragossa", "An die Arbeitergesell-
schaft von Ferrara", "An das Komitee für die Befreiung der arbei-
tenden Klassen in Parma" u.a.) erläuterten Marx und Engels die
organisatorische Struktur der Internationale und propagierten de-
ren Beschlüsse.
Der wichtigste Teil der ideologischen und organisatorischen Ar-
beit, die Marx und Engels in der Internationale leisteten, war
ihr publizistisches Wirken zur Erziehung und Zusammenschweißung
der revolutionären Kräfte in der internationalen Arbeiterbewe-
gung. Die Dokumente und Artikel von Marx und Engels erschienen im
"Volksstaat" sowie in der deutschsprachigen "Arbeiter-Zeitung"
(USA), in den englischen Blättern "Eastern Post" und "Interna-
tional Herald", in der spanischen "Emancipacion", im portugie-
sischen "Pensamento Social", in den italienischen Zeitungen "Ple-
be" und "Gazzettino Rosa" und anderwärts.
#XVIII# Vorwort
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Von großer Bedeutung für die Herausbildung der italienischen
Arbeiterbewegung war Engels' ständige Mitarbeit an der soziali-
stischen Zeitung "Plebe" während des Jahres 1872. Engels' Bei-
träge über den Streik der englischen Landarbeiter, über die Reden
irischer Mitglieder der Internationale zur Verteidigung der ver-
hafteten Fenier, über die Lage in Spanien und andere, die unter
dem gemeinsamen Titel "Briefe aus London" (siehe vorl. Band, S.
74-76, 177/178 und 188-193) veröffentlicht wurden, machten die
italienischen Arbeiter mit der Arbeiterbewegung anderer Länder
vertraut und förderten die Festigung der internationalen Verbin-
dungen der Arbeiterklasse Italiens, die Ausmerzung des anarchi-
stischen Einflusses.
Einen wichtigen Abschnitt des Bandes bilden die Dokumente und Ar-
tikel, die mit dem Haager Kongreß der Internationalen Arbeiteras-
soziation zusammenhängen. Während des Sommers 1872 leisteten Marx
und Engels eine kolossale Arbeit zur Vorbereitung des nächsten
Kongresses der Internationale, auf dem die Frage des Kampfs gegen
die Bakunisten endgültig entschieden werden sollte. Auf Vorschlag
Marx' und Engels' wurde die Tagesordnung angenommen und der Kon-
greß nach Den Haag einberufen (siehe Friedrich Engels:
"Beschlüsse des Generalrats der Internationalen Arbeiterassozia-
tion vom 18. Juni 1872").
Der Haager Kongreß vom 2. bis zum 7. September 1872 wurde ebenso
wie die Londoner Konferenz von 1871 zu einer höchst wichtigen
Etappe in Marx' und Engels' Kampf für die ideologischen und orga-
nisatorischen Grundlagen der proletarischen Partei. Dieser Kon-
greß der Internationale, der unter Marx' und Engels' unmittelba-
rer Leitung und ihrer aktivsten Teilnahme verlief/bedeutete einen
großen Sieg des Marxismus über die kleinbürgerliche Weltanschau-
ung der Anarchisten. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Kon-
gresses standen zwei miteinander unlöslich verknüpfte Fragen: Die
Grundidee des wissenschaftlichen Kommunismus, die Diktatur des
Proletariats als Werkzeug und Mittel zum Aufbau der klassenlosen
Gesellschaft, wurde offen als programmatischer Leitsatz der In-
ternationale anerkannt, und die Bildung politischer, von der
Bourgeoisie unabhängiger Massenparteien des Proletariats wurde
als leitendes Prinzip für die Entwicklung der internationalen Ar-
beiterbewegung proklamiert. Die Entscheidung dieser Fragen fand
in den Kongreßresolutionen ihre Widerspiegelung.
Marx erstattete auf dem Kongreß im Namen des Generalrats den
Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit der Internationale (siehe
vorl. Band, S. 129-137); dieser Bericht analysierte tiefgründig
die Situation, in der die
#XIX# Vorwort
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Internationale nach der Pariser Kommune gewirkt hatte, und die
qualitativen Veränderungen, die in der Arbeiterbewegung vor sich
gegangen waren.
Da Marx und Engels der Erläuterung ihrer Ansichten große Bedeu-
tung beimaßen und den Zusammenschluß der revolutionären proleta-
rischen Kräfte sowie die Isolierung der Anarchisten anstrebten,
sprachen sie auf dem Kongreß zu fast allen Fragen, die zur De-
batte standen. Die in den Beilagen publizierten Aufzeichnungen
einiger Reden von Marx und Engels veranschaulichen ihren beharr-
lichen Kampf für die Festigung der politischen und organisatori-
schen Prinzipien der Internationale und für deren Säuberung von
kleinbürgerlichen Elementen.
Im vorliegenden Band gelangen die Resolutionen des Haager Kon-
gresses zum Abdruck. Sie wurden größtenteils von Marx und Engels
verfaßt; die übrigen beruhten auf Anträgen, die Marx und Engels
bei der Vorbereitung des Kongresses auf den Sitzungen des Gene-
ralrats gestellt hatten. Im Auftrag des Kongresses redigierten
Marx und Engels sämtliche Resolutionen und machten sie druckreif.
Von großer Bedeutung war es, daß in die Allgemeinen Statuten der
Internationale der Hauptinhalt einer Resolution der Londoner Kon-
ferenz von 1871 über die politische Wirksamkeit der Arbeiter-
klasse (siehe vorl. Band, S. 149) und in die Verwaltungsverord-
nungen die Artikel über die Erweiterung der Vollmachten des Gene-
ralrats aufgenommen wurden. Das Fazit des Kampfes von Marx und
Engels und ihren Anhängern gegen die Anarchisten wurde in der Re-
solution über den Ausschluß der Bakunistenführer aus der Interna-
tionale gezogen. Auf Antrag von Marx und Engels, welche von der
realen historischen Lage ausgingen, die sich in Europa zu Beginn
der siebziger Jahre herausgebildet hatte, wurde eine Resolution
über die Verlegung des Sitzes des Generalrats nach New York ange-
nommen (siehe vorl. Band, S. 157). Die Rede von Engels (siehe
vorl. Band, S. 688/689) enthält die Begründung dieses Antrags.
In ihrer Gesamtheit waren die Kongreßbeschlüsse richtungweisend
für die Aufgaben und Perspektiven der Arbeiterbewegung unter den
neuen historischen Bedingungen. Sie legten das Fundament für die
baldige Bildung proletarischer Massenparteien im Rahmen der Na-
tionalstaaten.
In unmittelbarem Zusammenhang mit den Dokumenten des Haager Kon-
gresses steht eine große Reihe Artikel, die Marx und Engels zur
Propagierung seiner wichtigsten Beschlüsse in der Arbeiterbewe-
gung verfaßten. Zu ihnen gehören Marx' Rede über das Fazit des
Kongresses auf einer Kundgebung der Internationale in Amsterdam
("Rede über den Haager Kongreß"), Engels' Artikel "Der Haager
Kongreß (Brief an Bignami)" und "Nochmals über den Haager Kon-
greß" ("Briefe aus London · II"), publiziert
#XX# Vorwort
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in der italienischen Zeitung "Plebe". In dem Presseorgan der
Neuen Madrider Föderation, der "Emancipacion", erschien der Arti-
kel "Die imperativen Mandate auf dem Haager Kongreß", in dem En-
gels, während er das Treiben der bakunistischen Kongreßdelegier-
ten in Den Haag enthüllte, abermals zeigte, daß die pseudorevolu-
tionären Phrasen von Autonomie, freier Föderation der Gemeinden
und dergleichen mehr zwangsläufig den Zerfall der Arbeiterorgani-
sationen herbeiführen.
Das Fazit des Kampfs gegen die Bakunisten zogen Marx und Engels
in dem Bericht an alle Mitglieder der Internationale, den sie im
Auftrag des Kongresses verfaßten und der 1873 unter dem Titel
"L'Alliance de la Démocratie Socialiste et l'Association Interna-
tionale des Travailleurs" (siehe "Ein Komplott gegen die Interna-
tionale Arbeiterassoziation" im vorl. Band) erschien. Diese Ar-
beit, die auf einer Menge konkret-historischer Tatsachen beruht,
diente der Aufgabe, die Bakunisten in der Internationale end-
gültig zu schlagen. In der Arbeit wurde an Hand zahlreicher Doku-
mente, die zum Teil von den Bakunisten selber herrühren, klipp
und klar bewiesen, daß innerhalb der Internationale eine Geheim-
organisation der Anarchisten, die Allianz der sozialistischen De-
mokratie, existierte, und es wurde der direkte Gegensatz ihrer
organisatorischen und ideologischen Prinzipien zu den Zielen und
den Aufgaben der Arbeiterbewegung aufgedeckt. In diesem Werk ver-
folgten Marx und Engels die Zersetzungstätigkeit der Bakunisten
in den europäischen Ländern und enthüllten den unmittelbaren
Zusammenhang ihres desorganisierenden Treibens innerhalb der As-
soziation mit den Attacken von außen her, von Seiten der Reak-
tion. Marx und Engels zeigten, welch großen Schaden die anarchi-
stischen Sektierer der Arbeiterbewegung zufügen. In dem Kapitel
"Die Allianz in Rußland" brachten Marx und Engels das Treiben der
Agenten Bakunins in Rußland ans Tageslicht und unterzogen es ei-
ner strengen Beurteilung: Es wurden die Methoden des Betrugs und
der Lüge, deren sich Netschajew, ein Vertrauter Bakunins, be-
diente, bloßgelegt und gezeigt, welchen Schaden Bakunins und Net-
schajews Abenteurerei der russischen revolutionären Bewegung zu-
gefügt hatte.
Nachdem Marx und Engels die Enthüllung des subversiven Treibens
der Bakunisten und den Ausschluß ihrer Anführer aus der Interna-
tionale durchgesetzt hatten, führten sie weiterhin gegen die Ba-
kunisten den theoretischen Kampf in solchen Grundfragen des Mar-
xismus wie der politischen Machtergreifung durch das Proletariat
und der Rolle der Diktatur des Proletariats.
In der Arbeit "Der politische Indifferentismus" enthüllte Marx
die ganze theoretische Haltlosigkeit und politische Schädlichkeit
der von den
#XXI# Vorwort
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Bakunisten gepredigten proudhonistischen Doktrin des Verzichts
der Arbeiterklasse auf den politischen Kampf und der anarchisti-
schen Idee einer unverzüglichen "Abschaffung des Staats"; er
legte dar, daß diese Ideen in Wirklichkeit die Arbeiter gegenüber
der kapitalistischen Gesellschaft entwaffnen und sie zu der Rolle
gehorsamer Diener verdammen. Bei der Kritik an diesen anarchisti-
schen Anschauungen begründet Marx die historische Notwendigkeit
der revolutionären Diktatur des Proletariats.
Als Lenin unmittelbar vor der Großen Sozialistischen Oktober-
revolution die Frage des Staats, der Revolution und der Diktatur
des Proletariats durcharbeitete und die revisionistische Ver-
fälschung der Marxschen Lehre bloßlegte, erschloß er den theo-
retischen Gehalt und die historische Bedeutung des Auftretens von
Marx und Engels gegen die Anarchisten in diesen Fragen. "Marx",
schrieb W.I. Lenin, "betont absichtlich - um einer Entstellung
des wahren Sinnes seines Kampfes gegen den Anarchismus vorzu-
beugen - die 'revolutionäre und vorübergehende Form' des Staates,
den das Proletariat braucht." (W.I. Lenin, Werke, Band 25, Berlin
1960, S. 449.)
Eine tiefgründige Kritik an den Anschauungen der sogenannten An-
tiautoritarier und eine Begründung der marxistischen Ansichten
über das Verhältnis der proletarischen Revolution zum Staat ist
in Engels' Arbeit "Von der Autorität" dargelegt, die Lenin im
Kampf gegen den Opportunismus breit auswertete. Engels enthüllte
das unwissenschaftliche und revolutionsfeindliche Wesen der anar-
chistischen Idee einer "Abschaffung des Staats" noch vor dem
Zeitpunkt, da die sozialen Verhältnisse abgeschafft sein werden,
die ihn hervorgebracht haben. Er kritisierte aufs schärfste die
verworrenen und rückständigen Ansichten der Anarchisten, die zur
Vernichtung jedweder Autorität aufforderten. "Eine Revolution",
schrieb Engels, "ist gewiß das autoritärste Ding, das es gibt;
sie ist der Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung dem anderen
Teil seinen Willen vermittelst Gewehren, Bajonetten und Kanonen,
also mit denkbar autoritärsten Mitteln aufzwingt; und die sieg-
reiche Partei muß, wenn sie nicht umsonst gekämpft haben will,
dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre
Waffen den Reaktionären einflößen...
Also von zwei Dingen eins: Entweder wissen die Antiautoritarier
nicht, was sie sagen, und in diesem Falle säen sie nur Konfusion;
oder sie wissen es, und in diesem Falle üben sie Verrat an der
Bewegung des Proletariats. In dem einen wie in dem anderen Falle
dienen sie der Reaktion." (Siehe vorl. Band, S. 308.)
Bei der Analyse dieser Arbeit von Engels hob W.I. Lenin den gan-
zen prinzipiellen Unterschied zwischen der Kritik am Anarchismus,
die Marx
#XXII# Vorwort
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und Engels geübt hatten, und jener Kritik hervor, mit deren Hilfe
die Revisionisten aus der II. Internationale ihren Verrat am Mar-
xismus, ihr Bestreben tarnten, das Klassenwesen des Bourgeois-
staats zu vertuschen und dessen Existenz zu verewigen. "Die Sozi-
aldemokraten, die Schüler von Engels sein wollen", schrieb Lenin,
"haben sich seit 1873 millionenmal mit den Anarchisten herumge-
stritten, aber eben nicht so, wie Marxisten streiten können und
sollen. Die anarchistische Vorstellung von der Abschaffung des
Staates ist konfus und unrevolutionär - so stellte Engels die
Frage." (W.I. Lenin, Werke, Band 25, Berlin 1960, S. 452.)
In seiner bedeutenden Schrift "Die Bakunisten an der Arbeit" er-
gänzte Engels die kritische Analyse der fehlerhaften theoreti-
schen Doktrinen der Anarchisten durch eine nicht weniger profunde
Kritik an ihrer abenteuerlichen Taktik. Er schrieb seinen Artikel
anläßlich des völligen Scheiterns der Versuche der Bakunisten,
ihre Doktrinen während der spanischen bürgerlich-demokratischen
Revolution von 1873 in die Tat umzusetzen. Der Artikel ist ein
Muster streng wissenschaftlichen Herangehens an die Bestimmung
der Aufgaben für die Arbeiterklasse, unter Berücksichtigung der
konkret-historischen Besonderheiten der Entwicklung des Landes,
der politischen und ökonomischen Verhältnisse, die sich in ihm
herausgebildet haben, und des Entwicklungsstandes des Proletari-
ats selbst. Engels' Artikel "Die Bakunisten an der Arbeit" war
ein wichtiger Beitrag zur Ausarbeitung der marxistischen Lehre
von der Taktik des Proletariats in der bürgerlich-demokratischen
Revolution, von dem bewaffneten Aufstand als einer Kunst, von der
Ausnutzung der revolutionären Macht durch das Proletariat, von
der Ergänzung der revolutionären Aktionen der Massen "von unten"
durch die Aktionen der revolutionären Regierung "von oben". En-
gels weist darauf hin, daß die Taktik des Proletariats in einem
sozialökonomisch so rückständigen Land wie Spanien vor allem von
der Notwendigkeit bestimmt wird, die bürgerlich-demokratische Re-
volution zu Ende zu führen. Die Ignorierung der Aufgaben der bür-
gerlich-demokratischen Revolution durch die Bakunisten bildet,
wie Engels feststellt, eine der fehlerhaftesten Seiten ihrer Tak-
tik. Engels deckt auf, wie die Bakunisten, denen damals ein be-
deutender Teil des spanischen Proletariats folgte, sich bemühten,
ihre Doktrinen zu verwirklichen, und wie sie in der Praxis unwei-
gerlich, trotz all ihrer "ultrarevolutionären Phrasen", ins
Schlepptau der Bourgeoisie geraten mußten. "Die Bakunisten in
Spanien", sagt Engels abschließend, "haben uns ein unübertreffli-
ches Muster davon geliefert, wie man eine Revolution nicht machen
muß." (Siehe vorl. Band, S. 493.)
#XXIII# Vorwort
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Ein Teil der im vorliegenden Band veröffentlichten Dokumente
steht in Zusammenhang mit Marx' und Engels' unmittelbarer Teil-
nahme an der englischen Arbeiterbewegung in diesen Jahren. Die
Haltung der Internationale, die sich mit der Pariser Kommune of-
fen solidarisierte, sowie die Entschließungen der Londoner Konfe-
renz von 1871 führten zum endgültigen Bruch des Generalrats der
Internationale mit den opportunistischen Führern bedeutender
Trade-Unions. Zu einem Stützpunkt im Kampf um die breiten Massen
der englischen Arbeiterklasse wurde in den Jahren 1871 bis 1873
für Marx und Engels der Britische Föderalrat, der im Oktober 1871
auf Beschluß der Londoner Konferenz gegründet worden war. Der
Kampf gegen die Opportunisten, für den Britischen Föderalrat war
ein Teil ihres Kampfs für die Verstärkung der revolutionären
Richtung in der englischen Arbeiterbewegung, gegen den liberalen
Trade-Unionismus. Marx und Engels halfen dem Britischen Rat, die
Verbindungen mit den Arbeitermassen zu festigen, sie propagierten
durch seine Mitglieder die Ideen des wissenschaftlichen Kommunis-
mus, sie leiteten den Kampf gegen die reformistischen Elemente,
die in den Rat eingedrungen waren.
Auf jede Weise trugen Marx und Engels dazu bei, die junge irische
Arbeiterbewegung in die Internationale einzureihen. Sie unter-
stützten die Idee der Schaffung einer selbständigen irischen Mas-
senorganisation der Internationale, die sie als die Grundlage für
die künftige Bildung einer von den bürgerlichen Nationalisten un-
abhängigen irischen Arbeiterpartei betrachteten. Beharrlich und
folgerichtig kämpften Marx und Engels für die Überwindung der von
der englischen Bourgeoisie künstlich geschürten Feindschaft zwi-
schen englischen und irischen Arbeitern, und gegen die von den
englischen reformistischen Führern gepredigten chauvinistischen
Anschauungen. Dieser Kampf von Marx und Engels für die Erziehung
der englischen Arbeiter im Geiste des proletarischen Internatio-
nalismus spiegelt sich wider in der zum erstenmal veröffentlich-
ten großen Rede von Engels auf der Sitzung des Generalrats der
Internationale vom 14. Mai 1872. Engels' Rede während der Diskus-
sion "Über die Beziehungen zwischen den irischen Sektionen und
dem Britischen Föderalrat" ist ein glänzendes Beispiel für die
Bloßstellung des Großmacht-Chauvinismus und für die Verteidigung
der Prinzipien des proletarischen Internationalismus. "Wenn Mit-
glieder der Internationale, die einer erobernden Nation angehö-
ren", so konstatierte Engels, "die Nation, die erobert worden ist
und weiterhin unterdrückt wird, aufforderten, ihre spezifische
Nationalität und Lage zu vergessen, 'nationale Differenzen beizu-
legen' usf., so wäre das kein Internationalismus, sondern nichts
weiter, als ihnen Unterwerfung unter
#XXIV# Vorwort
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das Joch zu predigen, und ein Versuch, die Herrschaft des Erobe-
rers unter dem Deckmantel des Internationalismus zu rechtfertigen
und zu verewigen...
In einem Falle wie dem der Iren muß wahrer Internationalismus
notwendigerweise auf einer selbständigen nationalen Organisation
begründet sein." (Siehe vorl. Band, S. 80.)
Engels stützt sich in seiner Rede auf den wichtigen theoretischen
Leitsatz des wissenschaftlichen Kommunismus von der unlöslichen
Verbundenheit des Befreiungskampfs der Arbeiterklasse in den
"Mutterländern" mit der nationalen Befreiungsbewegung der un-
terdrückten Völker.
Marx' und Engels' unermüdliches Wirken in der Internationale zur
Erziehung der englischen und der irischen Arbeiter im Geiste des
proletarischen Internationalismus zeitigte seine Früchte. In ei-
nem Artikel, der im November 1872 in der italienischen Zeitung
"Plebe" erschien und von einer gemeinsamen Kundgebung der iri-
schen und der englischen Mitglieder der Internationale handelte,
die die Freilassung der irischen politischen Gefangenen forder-
ten, konnte Engels erklären: "Es ist das erste Mal, daß sich eng-
lische und irische Elemente unserer Bevölkerung herzlich
zusammenschlössen. Diese zwei Elemente der Arbeiterklasse, deren
gegenseitige Feindschaft vorzüglich den Interessen der Regierung
und der reichen Klassen diente, reichen sich nun die Hand; diese
erfreuliche Tatsache verdanken wir vor allem dem Einfluß des vo-
rigen Generalrats der Internationale, der stets alle seine An-
strengungen darauf gerichtet hatte, das Bündnis zwischen den Ar-
beitern der beiden Nationen auf der Grundlage einer vollständigen
Gleichheit vorzubereiten." (Siehe vorl. Band, S. 189/190.)
Die in die Statuten der Internationale aufgenommene Entschließung
des Haager Kongresses über die Gründung unabhängiger Arbeiterpar-
teien versetzte den opportunistischen Elementen einen schweren
Schlag. Im Zusammenhang hiermit verschärfte sich der Kampf gegen
die reformistischen Elemente, die im Dezember 1872 den Britischen
Föderalrat spalteten. Eine Reihe Dokumente, verfaßt von Marx und
Engels, widerspiegelt ihren Kampf zum Zusammenschluß der revolu-
tionären Kräfte in der Britischen Föderation. Die einschlägigen,
von Marx im Namen des Rats verfaßten Schriftstücke "Adresse des
Britischen Föderalrats an die Sektionen, Zweige, angeschlossenen
Gesellschaften und Mitglieder" und "Antwort auf das neue Zirkular
der angeblichen Majorität des Britischen Föderalrats" sowie der
von Engels herrührende Appell "Die Manchester Foreign Section an
alle Sektionen und Mitglieder der Britischen Föderation" enthüll-
ten die Machenschaften der aus der Internationale verjagten Re-
formisten. Marx
#XXV# Vorwort
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und Engels förderten die Verankerung des Siegs über die Reformi-
sten auf dem Kongreß der englischen Sektionen, der im Juni 1873
in Manchester stattfand. Mit ihrer Hilfe eroberte die Vorhut des
englischen Proletariats die Ausgangsstellungen für den weiteren
Kampf zur Verbreitung der Theorie des wissenschaftlichen Kommu-
nismus in der englischen Arbeiterbewegung (siehe vorl. Band S.
472/473).
Mit aller gebührenden Anerkennung für die Erfolge der revolutio-
nären Richtung in der englischen Arbeiterbewegung deckten Marx
und Engels zugleich die allgemeine Entwicklungstendenz der Bewe-
gung auf, die durch Englands sozialökonomische Lage bedingt war.
Eine profunde Analyse der sozialen Quellen des Opportunismus, der
sich in der Führung der Arbeiterklasse Englands zeitweilig einni-
stete, enthält Engels' Artikel "Die englischen Wahlen", den er im
Februar 1874 verfaßte. Es gibt, schrieb Engels, "in England keine
besondere politische Arbeiterpartei mehr... Es ist dies er-
klärlich in einem Lande, wo die Arbeiterklasse mehr als anderswo
an den Vorteilen der ungeheuren Ausdehnung der großen Industrie
teilgenommen hat, wie dies in dem den Weltmarkt beherrschenden
England nicht anders sein konnte" (siehe vorl. Band, S. 496). En-
gels stellte fest, daß in letzter Zeit die englischen Arbeiter in
ihrer Masse am politischen Kampf teilnehmen "fast nur als äußer-
ster linker Flügel der 'großen liberalen Partei'". Er betonte,
daß dem englischen Proletariat die unaufschiebbare Aufgabe ge-
stellt ist, eine starke, selbständige Arbeiterpartei zu organi-
sieren.
Der Haager Kongreß war faktisch der letzte Kongreß der Interna-
tionale. Die neue Lage und die spezifischen Besonderheiten der
Arbeiterbewegung in den verschiedenen Ländern erforderten neue
Formen der Organisation der Arbeiterklasse. Die Internationale
Arbeiterassoziation als die organisierte Form des Zusammenschlus-
ses der Kampfkräfte des Proletariats hatte aufgehört, der in die
Breite wachsenden internationalen Arbeiterbewegung zu entspre-
chen. Das Leben machte zur wichtigsten Aufgabe in jedem Lande die
Bildung und Festigung proletarischer Parteien, für deren Gründung
die Internationale Arbeiterassoziation die Voraussetzungen ge-
schaffen hatte.
Die fortgesetzte Offensive der Reaktion in den europäischen Län-
dern, die zeitweilige Unterordnung der englischen Arbeiterbewe-
gung unter die Politik der liberalen Bourgeoisie und die desorga-
nisierenden Machenschaften der Bakunisten, denen es gelungen war,
von der Internationalen Arbeiterassoziation einen Teil der Orga-
nisation abzuspalten, - all das machte ein aktives Wirken der In-
ternationale in ihrer früheren Form gleichfalls unmöglich.
#XXVI# Vorwort
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Eine doktrinäre Behandlung des Problems der Organisationsformen
der Bewegung der Arbeiterklasse lag Marx und Engels stets fern.
Ihnen war klar geworden, daß die Internationale als Organisati-
onsform sich historisch überlebt und ihre Möglichkeiten erschöpft
hatte.
Diese tiefreichende und nüchterne Analyse der Verhältnisse, die
sich herausgebildet hatten, spiegelt sich in Marx' und Engels'
Briefen an ihre Mitkämpfer in den Jahren 1873/1874 wider. Ihre
Briefe an Sorge, Bebel, Liebknecht und andere enthalten nicht nur
eine Situationsanalyse, sondern weisen auch die Wege zur Schaf-
fung neuer Organisationsformen, die den Aufgaben der Arbeiterbe-
wegung in ihrer neuen Entwicklungsphase entsprechen. Den Gedan-
ken, daß es notwendig sei, sich von den entstandenen Organisati-
onsformen der Internationale loszusagen, äußert Marx in einem
Brief an Sorge vom 27. September 1873, in dem er hervorhebt, daß
der Verzicht auf eine solche Organisationsform wie die Interna-
tionale keinen Abbruch des internationalen proletarischen Zusam-
menwirkens bedeutet. Engels resümierte die Tätigkeit der Interna-
tionale in seinem Brief an Sorge vom 12.bis 17. September 1874:
"... die alte Internationale ist vollständig abgeschlossen und zu
Ende... in ihrer alten Form hat sie sich überlebt " ; die künf-
tige Internationale, sagt Engels voraus, wird ein Bündnis der
proletarischen Parteien aller Länder sein. Engels spricht die fe-
ste Zuversicht aus, daß die Zeit kommen werde, wo eine kommuni-
stische Internationale geschaffen sein wird, die vorbehaltlos auf
den Prinzipien des Marxismus gegründet ist.
Die Internationale Arbeiterassoziation hatte bei der Entwicklung
der internationalen Arbeiterbewegung eine sehr bedeutende histo-
rische Rolle gespielt. Zum erstenmal in der Geschichte hatte die
Arbeiterklasse die Möglichkeit, die Kraft ihrer organisierten Ak-
tionen im Kampf gegen die Klasse der Kapitalisten zu fühlen. Un-
ter der Führung von Marx und Engels wurde in zähem Kampf allen
Formen des vormarxschen, des nichtproletarischen Sozialismus ein
vernichtender Schlag versetzt. Die Internationale war eine
Schule, in der sich die Vorhut des internationalen Proletariats
die Ideen des wissenschaftlichen Kommunismus zu eigen machte, in
der sie proletarischen Internationalismus lernte. In der Interna-
tionale erzogen Marx und Engels die proletarischen Kader, die zur
künftigen Gründung nationaler Arbeiterparteien notwendig waren.
Die I. Internationale legte unter Marx' und Engels' Führung das
Fundament des proletarischen internationalen Kampfes für den So-
zialismus. W.I. Lenin stellte fest, daß "die Tätigkeit der
I.Internationale der Arbeiterbewegung aller Länder große Dienste
erwies und bleibende Spuren hinterließ" (W.I. Lenin, "Über
Deutschland und die deutsche Arbeiterbewegung", Berlin 1960, S.
163).
#XXVII# Vorwort
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In ihrer unermüdlichen Tätigkeit bei der Leitung der internatio-
nalen Arbeiterbewegung richteten die Begründer des Marxismus ihr
besonderes Augenmerk auf die deutsche Arbeiterklasse, da sie
meinten, ihr werde in nächster Zeit die Rolle der Vorhut des
Weltproletariats zufallen. Diese Rolle bestimmten sie vor allem
danach, daß es in Deutschland die erste marxistische Massenpartei
im nationalen Maßstab gab. Marx und Engels standen in dauerndem
Kontakt mit den Führern der deutschen Sozialdemokratischen Arbei-
terpartei, mit Bebel, Liebknecht und anderen; sie halfen ihnen,
die Fehler opportunistischer und versöhnlerischer Art zu überwin-
den. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei diente ihnen als
Rückhalt im Kampfe für den Zusammenschluß der revolutionären
Kräfte des internationalen Proletariats.
In diesem Band werden zahlreiche Artikel veröffentlicht, die En-
gels eigens für das Zentralorgan der deutschen Sozialdemokrati-
schen Arbeiterpartei, den "Volksstaat", verfaßte. Zu dieser Zeit
zeichnet sich immer deutlicher jene Arbeitsteilung zwischen Marx
und Engels ab, von der Engels selber schrieb: "... es fiel mir
zu, unsere Ansichten in der periodischen Presse, also namentlich
im Kampf mit gegnerischen Ansichten, zu vertreten, damit Marx für
die Ausarbeitung seines großen Hauptwerks Zeit behielt" (siehe
vorl. Band, S. 649). Gerade im "Volksstaat" erschienen zum er-
stenmal die von Engels 1872-1875 verfaßten glänzenden publizisti-
schen Werke ("Zur Wohnungsfrage", "Die Bakunisten an der Arbeit",
"Flüchtlingsliteratur" und andere).
Der Band enthält die 1874 geschriebene Ergänzung des 1870 verfaß-
ten Vorworts zu "Der deutsche Bauernkrieg", die äußerst wichtige
Bemerkungen von Engels aufweist über die Bedeutung der Theorie in
der sozialistischen Bewegung und in der Arbeiterbewegung allge-
mein. Diese Bemerkungen charakterisierte W.I. Lenin als "Worte,
die er (Engels) der praktisch und politisch erstarkten deutschen
Arbeiterbewegung mit auf den Weg gibt..." (W.I. Lenin, Werke,
Band 5, Berlin 1955, S. 381). Engels formuliert hier den tiefen
Gedanken, daß die proletarische Partei ihre historische Aufgabe
nur lösen kann, wenn sie mit einer revolutionären Theorie gewapp-
net ist. Er sieht eine Verpflichtung für die Parteiführer, stän-
dig die Theorie zu studieren, den kleinbürgerlichen Einfluß zu
überwinden; "... der Sozialismus ", schrieb Engels, "seitdem er
eine Wissenschaft geworden", will "auch wie eine Wissenschaft be-
trieben, d.h. studiert werden... Es wird darauf ankommen, die so
gewonnene, immer mehr geklärte Einsicht unter den Arbeitermassen
mit gesteigertem Eifer zu verbreiten, die Organisation der Partei
wie der Gewerksgenossenschaften immer fester zusammenzuschließen"
#XXVIII# Vorwort
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(siehe vorl. Band, S. 517). Besonders vermerkt Engels die Notwen-
digkeit, die Massen im Geiste des proletarischen Internationalis-
mus zu erziehen.
Die Ergänzung zu jenem Vorwort enthält wichtige theoretische Hin-
weise auf den Charakter, die Aufgaben und Formen des Kampfes der
Arbeiterklasse und ihrer Partei. Engels bestimmt die drei mitein-
ander unlöslich verbundenen Richtungen, in denen der Kampf der
Arbeiterklasse geführt werden muß: auf dem theoretischen, dem po-
litischen und dem praktisch-ökonomischen Gebiete (siehe vorl.
Band, S. 516/517). Zur erstrangigen Aufgabe der deutschen Arbei-
terpartei erklären Marx und Engels die Gewinnung breiter Massen
der Werktätigen und im Zusammenhang hiermit die Notwendigkeit,
den Einfluß des lassalleanischen Sektierertums vollständig zu
überwinden.
Während sie für die Überwindung der Spaltung in der deutschen Ar-
beiterbewegung und für den Zusammenschluß der Sozialisten zu ei-
ner einheitlichen Partei eintraten, hoben Marx und Engels
zugleich hervor, daß der Zusammenschluß nur auf prinzipieller
Grundlage erfolgen dürfe, ohne die geringsten ideologischen Zuge-
ständnisse an das Lassalleanertum, dessen kleinbürgerliches Wesen
sie weiterhin enthüllten. Mit der Kritik an der Haltung der Las-
salleaner zur Internationale, mit der Bloßstellung ihres verleum-
derischen Auftretens gegen den Haager Kongreß und gegen die neue
Zusammensetzung des Generalrats befassen sich zwei von Engels
geschriebene Dokumente: "Zu den Artikeln im 'Neuen Social-
Demokrat' (Aus einem Brief an A. Hepner)" und "Die Internationale
und der 'Neue'".
"Das Reichs-Militärgesetz", "Offiziöses Kriegsgeheul" und andere
Artikel von Engels waren wirkungsvolle Mittel, den deutschen Ar-
beitern das reaktionäre Wesen des aggressiven, 1871 unter der He-
gemonie Preußens gegründeten Deutschen Reichs klarzumachen. Als
ein unermüdlicher Kämpfer gegen den Militarismus entlarvt Engels
das "deutsche Reich preußischer Nation" als eigentlichen Reprä-
sentanten des Militarismus, enthüllt er das feige, knechtische
Benehmen der deutschen Bourgeoisie gegenüber der Regierung Bis-
marck (siehe den Artikel "Die 'Krisis' in Preußen"). Engels er-
klärt dabei, daß das vorherrschende Prinzip der Bourgeoispolitik
die Angst vor dem Proletariat ist.
In der Ergänzung des Vorworts von 1870 zu "Der deutsche Bauern-
krieg" und in der Arbeit "Zur Wohnungsfrage" analysiert Engels
den bonapartistischen Charakter des Deutschen Reichs und be-
zeichnet es als Aufgabe eigener Art, die Deutschland durch seine
historische Entwicklung gestellt ist, "... seine bürgerliche Re-
volution, die es 1808-1813 begonnen.... Ende
#XXIX# Vorwort
-----
dieses Jahrhunderts in der angenehmen Form des Bonapartismus zu
vollenden" (siehe vorl. Band, S. 513). Am Beispiel der preußisch-
bismarckschen Variante des Bonapartismus deckt Engels eine Reihe
Besonderheiten der bonapartistischen Monarchie auf.
An diese Arbeiten von Engels schließen sich die "Varia über
Deutschland" an, die aus dem handschriftlichen Nachlaß veröffent-
licht werden. In ihnen ist in gedrängter Form die marxistische
Konzeption der deutschen Geschichte vom Ausgang des Mittelalters
bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts dargelegt. Engels deckt die
Ursachen der historischen Zerstückelung Deutschlands und seiner
politischen und ökonomischen Rückständigkeit auf. Die volksfeind-
liche Abenteurerpolitik der herrschenden Klassen der deutschen
Staaten, insbesondere des junkerlichen Preußens, die Unfähigkeit
der deutschen Bourgeoisie, die Fragen des Kampfes gegen den Feu-
dalismus revolutionär zu entscheiden, führten dazu, daß Deutsch-
land bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts keine bürgerlichen Umge-
staltungen vollzog.
Eine Reihe im vorliegenden Band wiedergegebener Artikel zeugen
von der steten und nicht nachlassenden Aufmerksamkeit, mit der
sich Marx und Engels zu Rußland und der russischen revolutionären
Bewegung verhielten. Die Begründer des wissenschaftlichen Kommu-
nismus beobachteten sorgsam alle Erscheinungsformen der revolu-
tionären Bewegung in Rußland; sie vermerkten jeden ihrer
Schritte. Ihr Scharfblick sagte der russischen Revolution eine
große Zukunft voraus.
Viel Zeit wandten Marx und Engels auf, um die Wirtschaftsstruk-
tur, die Agrarordnung und die gesellschaftlichen Verhältnisse des
Rußlands nach der Bauernreform zu erforschen und die Gruppierung
der Klassen zu studieren, die sich dort herausbildeten. Sie stu-
dieren russische Kultur und die russische Sprache, die nach En-
gels Worten "sowohl um ihrer selbst willen, als einer der kraft-
vollsten und reichsten lebenden Sprachen, wie wegen der durch sie
aufgeschlossenen Literatur das Studium reichlich lohnt..." (siehe
vorl. Band, S. 545).
In der Artikelserie "Flüchtlingsliteratur", in der die neuen Ten-
denzen der demokratischen Bewegung und der Arbeiterbewegung cha-
rakterisiert werden, kennzeichnet Engels die entscheidenden Fak-
toren für das Herannahen einer revolutionären Krise in Rußland:
das Auftreten der russischen Arbeiterklasse auf der politischen
Bühne und das unausbleibliche Anwachsen der bäuerlichen Massenbe-
wegung als Antwort auf die Ausplünderung der Bauernschaft nach
der Abschaffung der Leibeigenschaft. Wie Engels hervorhebt, sind
für die Tiefe und Stärke der russischen revolutionären Bewegung
"zwei sozialistische Lessings" bezeichnend: Tschernyschewski und
Dobroljubow,
#XXX# Vorwort
-----
die überragenden Vorkämpfer des revolutionären Rußlands. In die-
sen Artikeln offenbart sich der Glaube der Begründer des wissen-
schaftlichen Kommunismus an den unausbleiblichen Sieg der russi-
schen Revolution. In der Arbeit "Flüchtlingsliteratur", Teil III,
IV und besonders V ("Soziales aus Rußland"), sind die Hauptrich-
tungen der russischen Volkstümlerbewegung zu Beginn der siebziger
Jahre kritisiert und zwar in der Person solcher Volkstümler-Ideo-
logen wie P. Lawrow und P. Tkatschow. Engels weist die den Volks-
tümlern eigene idealistische, voluntaristische Geschichtsauffas-
sung nach, ihr Unverständnis für die materialistischen Grundlagen
der gesellschaftlichen Entwicklung. Die allgemeine Analyse der
sozialen Verhältnisse in Rußland nach 1861 führt Engels zu dem
Schluß, daß sich der Kapitalismus in diesem Lande immer stärker
entwickeln und hieraus die Zersetzung des Gemeindeeigentums auf
dem Lande resultieren wird. Scharf kritisiert er die Idealisie-
rung der Bauerngemeinde durch die Volkstümler, er spottet dar-
über, wie sie den engen Zusammenhang zwischen dem zaristischen
Absolutismus und den materiellen Interessen der Gutsherren und
der Kapitalisten ignorieren.
Diese kritischen Bemerkungen von Engels waren grundlegend für
jene in der marxistischen Literatur geübte allseitige Kritik an
der russischen Volkstümlerei, die in den neunziger Jahren des 19.
Jahrhunderts von Lenin vollendet wurde und ihren völligen ideolo-
gisch-theoretischen Zusammenbruch herbeiführte.
In unmittelbarem Zusammenhang mit den Aufgaben und Perspektiven
der russischen Revolution betrachtet Engels auch die Fragen der
Zukunft Polens. In der Arbeit "Flüchtlingsliteratur" und in den
Reden von Marx und Engels auf einer Kundgebung zum Jahrestag des
polnischen Aufstands von 1863 (siehe vorl. Band, S. 572-575) ist
die bedeutsame Fragestellung enthalten, wieweit der Kampf der Ar-
beiterklasse gegen die Ausbeutergesellschaft mit dem Kampf der
unterdrückten Völker für ihre nationale Befreiung verknüpft ist.
In der Arbeit "Flüchtlingsliteratur" formuliert Engels abermals
den wichtigen Leitsatz des wissenschaftlichen Kommunismus: "Ein
Volk, das andere unterdrückt, kann sich nicht selbst emanzipie-
ren." (Siehe vorl. Band, S. 527). Die Befreiung des polnischen
Volkes von der sozialen und nationalen Unterdrückung verbanden
Marx und Engels mit dem Kampf der russischen Volksmassen gegen
die zaristische Selbstherrschaft.
Die im achtzehnten Band enthaltenen Dokumente und Materialien
charakterisieren die Hauptrichtung der theoretischen und politi-
schen Tätigkeit Marx' und Engels' von Anfang 1872 bis Mai 1875;
sie zeigen, wie Marx und Engels die Grundfragen der Theorie und
Praxis des revolutionären
#XXXI# Vorwort
-----
Kampfes des Proletariats im Hinblick auf die neuen historischen
Bedingungen schöpferisch ausgearbeitet haben. Im Laufe des
Kampfes gegen den Opportunismus und das anarchistische Sektierer-
tum lehrten Marx und Engels die proletarische Vorhut, in ihrer
Tätigkeit revolutionäre Prinzipientreue mit nüchterner Einschät-
zung der sich herausbildenden historischen Bedingungen zu verbin-
den; sie wappneten die rasch anwachsende Arbeiterbewegung mit der
Einsicht in ihre revolutionären Aufgaben und Perspektiven ...
In den Beilagen zu diesem Band werden Dokumente veröffentlicht,
an deren Abfassung oder Redaktion Marx und Engels beteiligt gewe-
sen sind, sowie die protokollarischen Aufzeichnungen ihrer Reden
auf den Sitzungen des Generalrats und des Haager Kongresses; fer-
ner Dokumente des Generalrats, die Marx' und Engels' leitende Tä-
tigkeit in der Internationale bezeugen...
Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der KPdSU
Der vorliegende achtzehnte Band enthält gegenüber dem achtzehnten
Band der russischen Ausgabe als Beilagen zusätzlich folgende Ar-
beiten von Friedrich Engels: "Vorwort zur zweiten durchgesehenen
Auflage 'Zur Wohnungsfrage'", "Vorbemerkung (1894) zu 'Die Baku-
nisten an der Arbeit. Denkschrift über den Aufstand in Spanien im
Sommer 1873'" und "Nachwort (1894) zu 'Soziales aus Rußland'".
Der Text des vorliegenden Bandes wird nach den Originalen ge-
bracht. Bei jeder Arbeit ist die für den Abdruck oder die Über-
setzung herangezogene Quelle vermerkt. Der größte Teil der fremd-
sprachigen Arbeiten wurde neu übersetzt und wird erstmalig in
deutscher Sprache veröffentlicht. Frühere Übersetzungen wurden
nochmals sorgfältig mit dem Originaltext verglichen.
In den deutschsprachigen Texten sind Rechtschreibung und Zeichen-
setzung, soweit vertretbar, modernisiert; der Lautstand der Wör-
ter ist nicht verändert worden. Alle in eckigen Klammern stehen-
den Titel, Wörter und Wortteile stammen von der Redaktion. Offen-
sichtliche Druck- und Schreibfehler in Eigennamen, geographischen
Bezeichnungen, Daten usw. sind an Hand von Tatsachen geprüft und
korrigiert; in Zweifels fällen wird in Fußnoten die Schreibweise
des Originals angeführt. Die Wiedergabe russischer Personennamen
erfolgt nach der Duden-Transkription, während die von
#XXXII# Vorwort
-----
Marx und Engels bei russischen Buch- und Zeitungstiteln ange-
wandte Transliteration beibehalten worden ist. Wo sich ein von
diesen Regeln abweichendes Verfahren als zweckmäßig erwies, wird
dies in Anmerkungen oder anderen redaktionellen Hinweisen er-
klärt.
Die von Marx und Engels angeführten Zitate wurden ebenfalls über-
prüft, soweit die Quellen zur Verfügung standen. Längere Zitate
werden zur leichteren Übersicht in kleinerem Druck gebracht.
Im Text vorkommende fremdsprachige Zitate und fremdsprachige Wör-
ter sind in Fußnoten übersetzt. Fußnoten von Marx und Engels wer-
den durch Sternchen gekennzeichnet, Fußnoten der Redaktion sind
durch eine durchgehende Linie vom Text abgetrennt und durch Zif-
fern kenntlich gemacht.
Zur Erläuterung ist der Band mit Anmerkungen versehen, auf die im
Text durch hochgestellte Zahlen in eckigen Klammern hingewiesen
wird; außerdem sind ein Literaturverzeichnis, Daten über das Le-
ben und die Tätigkeit von Marx und Engels, ein Personenverzeich-
nis, ein Verzeichnis der literarischen, biblischen und mythologi-
schen Namen, eine Liste der geographischen Namen, ein Verzeichnis
der Gewichte, Maße und Münzen sowie eine Erklärung der Fremdwör-
ter, der fremdsprachigen und seltenen Ausdrücke und der nicht
allgemein gebräuchlichen Abkürzungen beigefügt.
Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED
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