Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur


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       Einleitung
       
       I. Allgemeines
       
       Der moderne  Sozialismus ist  seinem Inhalte  nach  zunächst  das
       Erzeugnis der  Anschauung, einerseits der in der modernen Gesell-
       schaft herrschenden Klassengegensätze von Besitzenden und Besitz-
       losen, Lohnarbeitern  und Bourgeois,  andrerseits der in der Pro-
       duktion herrschenden  Anarchie. Aber  seiner  theoretischen  Form
       nach erscheint  er anfänglich als eine weitergetriebne, angeblich
       konsequentere Fortführung  der von  den großen französischen Auf-
       klärern des  18. Jahrhunderts  aufgestellten Grundsätze.  1*) Wie
       jede neue Theorie, mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne
       Gedankenmaterial, sosehr  auch seine  Wurzel in  den ökonomischen
       Tatsachen lag.
       Die großen  Männer, die  in Frankreich die Köpfe für die kommende
       Revolution klärten,  traten selbst  äußerst revolutionär auf. Sie
       erkannten keine  äußere Autorität  an, welcher  Art sie auch sei.
       Religion,  Naturanschauung,  Gesellschaft,  Staatsordnung,  alles
       wurde der  schonungslosesten  Kritik  unterworfen;  alles  sollte
       seine Existenz  vor dem  Richterstuhl der  Vernunft rechtfertigen
       oder auf die Existenz verzichten. Der denkende Verstand wurde als
       alleiniger Maßstab  an alles  angelegt. Es  war die Zeit, wo, wie
       Hegel sagt,  die Welt auf den Kopf gestellt wurde [20], zuerst in
       dem Sinn,  daß der menschliche Kopf und die durch sein Denken ge-
       fundnen Sätze den Anspruch
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       1*) Im ersten  Entwurf der "Einleitung" wird diese Stelle in fol-
       gender Fassung gebracht: "Der moderne Sozialismus, sosehr er auch
       der Sache  nach entstanden ist aus der Anschauung der in der vor-
       gefundenen Gesellschaft  bestehenden Klassengegensätze von Besit-
       zenden und  Besitzlosen, Arbeitern und Ausbeutern, erscheint doch
       in seiner  theoretischen Form  zunächst als  eine  konsequentere,
       weitergetriebne Fortführung der von den großen französischen Auf-
       klärern des  18. Jahrhunderts  aufgestellten Grundsätze, wie denn
       seine ersten  Vertreter. Morelly und Mably, auch zu diesen gehör-
       ten."
       
       #17# I. Allgemeines
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       machten,  als   Grundlage   aller   menschlichen   Handlung   und
       Vergesellschaftung zu gelten; dann aber später auch in dem weitem
       Sinn, daß die Wirklichkeit, die diesen Sätzen widersprach, in der
       Tat von  oben bis  unten umgekehrt wurde. Alle bisherigen Gesell-
       schafts- und  Staatsformen, alle  altüberlieferten  Vorstellungen
       wurden als  unvernünftig in  die Rumpelkammer  geworfen; die Welt
       hatte sich  bisher lediglich von Vorurteilen leiten lassen; alles
       Vergangene verdiente nur Mitleid und Verachtung. Jetzt erst brach
       das Tageslicht an; von nun an sollte der Aberglaube, das Unrecht,
       das Privilegium  und die Unterdrückung verdrängt werden durch die
       ewige Wahrheit, die ewige Gerechtigkeit, die in der Natur begrün-
       dete Gleichheit und die unveräußerlichen Menschenrechte.
       Wir wissen  jetzt, daß dies Reich der Vernunft weiter nichts war,
       als das idealisierte Reich der Bourgeoisie; daß die ewige Gerech-
       tigkeit ihre  Verwirklichung fand in der Bourgeoisjustiz; daß die
       Gleichheit hinauslief  auf die bürgerliche Gleichheit vor dem Ge-
       setz; daß  als eins der wesentlichsten Menschenrechte proklamiert
       wurde -  das bürgerliche Eigentum; und daß der Vernunftstaat, der
       Rousseausche Gesellschaftsvertragt  [21] ins  Leben trat  und nur
       ins Leben  treten konnte als bürgerliche, demokratische Republik.
       Sowenig wie  alle ihre  Vorgänger, konnten  die großen Denker des
       18. Jahrhunderts  über die Schranken hinaus, die ihnen ihre eigne
       Epoche gesetzt hatte.
       Aber neben dem Gegensatz von Feudaladel und Bürgertum bestand der
       allgemeine Gegensatz  von Ausbeutern  und Ausgebeuteten, von rei-
       chen Müßiggängern und arbeitenden Armen. War es doch grade dieser
       Umstand, der  es den  Vertretern der  Bourgeoisie möglich machte,
       sich als  Vertreter, nicht  einer besondren  Klasse, sondern  der
       ganzen leidenden  Menschheit hinzustellen.  Noch mehr.  Von ihrem
       Ursprung an war die Bourgeoisie behaftet mit ihrem Gegensatz: Ka-
       pitalisten können  nicht bestehn ohne Lohnarbeiter, und im selben
       Verhältnis wie der mittelalterliche Zunftbürger sich zum modernen
       Bourgeois, im  selben Verhältnis entwickelte sich auch der Zunft-
       geselle und  nichtzünftige Tagelöhner  zum Proletarier.  Und wenn
       auch im  ganzen und  großen das Bürgertum beanspruchen durfte, im
       Kampf mit  dem Adel  gleichzeitig die Interessen der verschiednen
       arbeitenden Klassen  jener Zeit  mitzuvertreten, so  brachen doch
       bei jeder großen bürgerlichen Bewegung selbständige Regungen der-
       jenigen Klasse hervor, die die mehr oder weniger entwickelte Vor-
       gängerin des  modernen Proletariats  war. So in der deutschen Re-
       formations- und  Bauernkriegszeit die Thomas Münzersche Richtung;
       in der  großen englischen  Revolution die  Levellers [22]; in der
       großen französischen Revolution Babeuf. Neben diesen
       
       #18# Anti-Dühring - Einleitung
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       revolutionären Schilderhebungen einer noch unfertigen Klasse gin-
       gen entsprechende  theoretische Manifestationen  her; im  16. und
       17. Jahrhundert  utopische Schilderungen idealer Gesellschaftszu-
       stände [23], im 18. schon direkt kommunistische Theorien (Morelly
       und Mably). Die Forderung der Gleichheit wurde nicht mehr auf die
       politischen Rechte  beschränkt, sie  sollte sich auch auf die ge-
       sellschaftliche Lage  der einzelnen  erstrecken; nicht  bloß  die
       Klassenprivilegien  sollten   aufgehoben  werden,   sondern   die
       Klassenunterschiede selbst. Ein asketischer, an Sparta anknüpfen-
       der Kommunismus  war so  die  erste  Erscheinungsform  der  neuen
       Lehre. Dann  folgten die  drei großen Utopisten: Saint-Simon, bei
       dem die  bürgerliche Richtung  noch neben der proletarischen eine
       gewisse Geltung  behielt; Fourier,  und Owen,  der, im  Lande der
       entwickeltsten kapitalistischen Produktion und unter dem Eindruck
       der durch diese erzeugten Gegensätze, seine Vorschläge zur Besei-
       tigung der  Klassenunterschiede in  direkter  Anknüpfung  an  den
       französischen Materialismus systematisch entwickelte.
       Allen dreien  ist gemeinsam,  daß sie nicht als Vertreter der In-
       teressen des inzwischen historisch erzeugten Proletariats auftre-
       ten. Wie  die Aufklärer,  wollen sie nicht eine bestimmte Klasse,
       sondern die  ganze Menschheit  befreien. Wie jene, wollen sie das
       Reich der  Vernunft und  der ewigen Gerechtigkeit einführen; aber
       ihr Reich  ist himmelweit verschieden von dem der Aufklärer. Auch
       die nach den Grundsätzen dieser Aufklärer eingerichtete bürgerli-
       che Welt ist unvernünftig und ungerecht und wandert daher ebenso-
       gut in  den Topf  des Verwerflichen  wie der Feudalismus und alle
       frühern Gesellschaftszustände.  Daß die  wirkliche  Vernunft  und
       Gerechtigkeit bisher  nicht in  der Welt  geherrscht haben, kommt
       nur daher,  daß man  sie bisher  nicht richtig  erkannt hatte. Es
       fehlte eben der geniale einzelne Mann, der jetzt aufgetreten, und
       der die  Wahrheit erkannt  hat; daß er jetzt aufgetreten, daß die
       Wahrheit grade jetzt erkannt worden, ist nicht ein aus dem Zusam-
       menhang der geschichtlichen Entwicklung mit Notwendigkeit folgen-
       des, unvermeidliches  Ereignis, sondern ein reiner Glücksfall. Er
       hätte ebensogut  500 Jahre früher geboren werden können und hätte
       dann der Menschheit 500 Jahre Irrtum, Kämpfe und Leiden erspart.
       Diese Anschauungsweise  ist wesentlich  die aller  englischen und
       französischen und der ersten deutschen Sozialisten, Weitling ein-
       begriffen. Der  Sozialismus ist  der Ausdruck der absoluten Wahr-
       heit, Vernunft  und Gerechtigkeit,  und braucht  nur entdeckt  zu
       werden, um durch eigne Kraft die Welt zu erobern; da die absolute
       Wahrheit unabhängig von Zeit, Raum und menschlicher, geschichtli-
       cher Entwicklung ist, so ist es bloßer Zufall, wann
       
       #19# I. Allgemeines
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       und wo  sie entdeckt  wird. Dabei ist dann die absolute Wahrheit,
       Vernunft und  Gerechtigkeit wieder  bei jedem  Schulstifter  ver-
       schieden; und  da bei  einem jeden die besondre Art der absoluten
       Wahrheit, Vernunft  und Gerechtigkeit  wieder bedingt  ist  durch
       seinen subjektiven  Verstand, seine  Lebensbedingungen, sein  Maß
       von Kenntnissen und Denkschulung, so ist in diesem Konflikt abso-
       luter Wahrheiten keine andre Lösung möglich, als daß sie sich an-
       einander  abschleißen.  Dabei  konnte  dann  nichts  andres  her-
       auskommen, als  eine Art  von eklektischem Durchschnittssozialis-
       mus, wie er in der Tat bis heute in den Köpfen der meisten sozia-
       listischen Arbeiter in Frankreich und England herrscht, eine, äu-
       ßerst mannigfaltige  Schattierungen zulassende,  Mischung aus den
       weniger auffälligen  kritischen Auslassungen,  ökonomischen Lehr-
       sätzen  und  gesellschaftlichen  Zukunftsvorstellungen  der  ver-
       schiednen Sektenstifter,  eine Mischung,  die sich um so leichter
       bewerkstelligt, je  mehr den einzelnen Bestandteilen im Strom der
       Debatte die  scharfen Ecken  der Bestimmtheit  abgeschliffen sind
       wie runden  Kieseln im  Bach. Um aus dem Sozialismus eine Wissen-
       schaft zu  machen, mußte  er erst auf einen realen Boden gestellt
       werden.
       Inzwischen war  neben und  nach der französischen Philosophie des
       18. Jahrhunderts  die neuere  deutsche Philosophie entstanden und
       hatte in Hegel ihren Abschluß gefunden. Ihr größtes Verdienst war
       die Wiederaufnahme  der Dialektik  als der höchsten Form des Den-
       kens. Die  alten griechischen Philosophen waren alle geborne, na-
       turwüchsige Dialektiker,  und der universellste Kopf unter ihnen,
       Aristoteles, hat  auch bereits die wesentlichsten Formen des dia-
       lektischen Denkens  untersucht. 1*)  Die neuere Philosophie dage-
       gen, obwohl  auch in  ihr die Dialektik glänzende Vertreter hatte
       (z.B. Descartes und Spinoza), war besonders durch englischen Ein-
       fluß mehr  und mehr  in der sog. metaphysischen Denkweise festge-
       fahren, von  der auch  die Franzosen des 18. Jahrhunderts, wenig-
       stens in  ihren  speziell  philosophischen  Arbeiten,  fast  aus-
       schließlich beherrscht  wurden. Außerhalb der eigentlichen Philo-
       sophie waren  sie ebenfalls  imstande, Meisterwerke der Dialektik
       zu liefern; wir erinnern nur an "Rameaus Neffen" von Diderot [24]
       und die  "Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit unter den
       Menschen" [21]  von Rousseau.  - Wir  geben hier kurz das Wesent-
       liche beider  Denkmethoden an; wir werden noch ausführlicher dar-
       auf zurückzukommen haben.
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       1*) Im ersten  Entwurf der "Einleitung" lautet diese Stelle: "Die
       alten griechischen  Philosophen waren alle geborne, naturwüchsige
       Dialektiker, und  Aristoteles, der Hegel der alten Welt, hat auch
       bereits die  wesentlichsten Formen  des dialektischen Denkens un-
       tersucht."
       
       #20# Anti-Dühring - Einleitung
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       Wenn wir  die Natur  oder die Menschengeschichte oder unsre eigne
       geistige Tätigkeit der denkenden Betrachtung unterwerfen, so bie-
       tet sich  uns zunächst  dar das Bild einer unendlichen Verschlin-
       gung von  Zusammenhängen  und  Wechselwirkungen,  in  der  nichts
       bleibt, was,  wo und  wie es war, sondern alles sich bewegt, sich
       verändert, wird und vergeht. Diese ursprüngliche, naive, aber der
       Sache nach  richtige Anschauung  von der  Welt ist  die der alten
       griechischen Philosophie  und ist  zuerst klar  ausgesprochen von
       Heraklit: Alles  ist und ist auch nicht, denn alles  f l i e ß t,
       ist in  steter Veränderung,  in stetem Werden und Vergehn begrif-
       fen. Aber  diese Anschauung,  so richtig sie auch den allgemeinen
       Charakter des  Gesamtbildes der Erscheinungen erfaßt, genügt doch
       nicht, die  Einzelheiten zu erklären, aus denen sich dies Gesamt-
       bild zusammensetzt;  und solange  wir dies nicht können, sind wir
       auch über das Gesamtbild nicht klar. Um diese Einzelheiten zu er-
       kennen, müssen wir sie aus ihrem natürlichen oder geschichtlichen
       Zusammenhang herausnehmen  und sie, jede für sich, nach ihrer Be-
       schaffenheit, ihren  besondern Ursachen und Wirkungen etc. unter-
       suchen. Dies  ist zunächst  die Aufgabe der Naturwissenschaft und
       Geschichtsforschung;  Untersuchungszweige,  die  aus  sehr  guten
       Gründen bei  den Griechen der klassischen Zeit einen nur unterge-
       ordneten Rang  einnahmen, weil  diese vor allem erst das Material
       zusammenschleppen mußten.  Die Anfänge der exakten Naturforschung
       werden erst  bei den  Griechen der  alexandrinischen Periode [25]
       und später,  im Mittelalter,  von den Arabern, weiter entwickelt;
       eine wirkliche Naturwissenschaft datiert indes erst von der zwei-
       ten Hälfte  des 15. Jahrhunderts, und von da an hat sie mit stets
       wachsender Geschwindigkeit  Fortschritte gemacht.  Die  Zerlegung
       der Natur in ihre einzelnen Teile, die Sonderung der verschiednen
       Naturvorgänge und  Naturgegenstände in bestimmte Klassen, die Un-
       tersuchung des Innern der organischen Körper nach ihren mannigfa-
       chen anatomischen Gestaltungen war die Grundbedingung der Riesen-
       fortschritte, die die letzten 400 Jahre uns in der Erkenntnis der
       Natur gebracht. Aber sie hat uns ebenfalls die Gewohnheit hinter-
       lassen, die  Naturdinge und  Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung,
       außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs aufzufassen; daher nicht
       in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand, nicht als wesent-
       lich veränderliche,  sondern als  feste Bestände,  nicht in ihrem
       Leben, sondern  in ihrem Tod. Und indem, wie dies durch Bacon und
       Locke geschah,  diese Anschauungsweise  aus der Naturwissenschaft
       sich in  die Philosophie übertrug, schuf sie die spezifische Bor-
       niertheit der letzten Jahrhunderte, die metaphysische Denkweise.
       Für den  Metaphysiker sind  die Dinge  und ihre Gedankenabbildcr,
       die
       
       #21# I. Allgemeines
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       Begriffe, vereinzelte, eins nach dem andern und ohne das andre zu
       betrachtende, feste,  starre, ein für allemal gegebne Gegenstände
       der Untersuchung.  Er denkt in lauter unvermittelten Gegensätzen:
       seine Rede ist ja, ja, nein, nein, was darüber ist, ist vom Übel.
       Für ihn existiert ein Ding entweder, oder es existiert nicht: ein
       Ding kann ebensowenig zugleich es selbst und ein andres sein. Po-
       sitiv und  negativ schließen  einander absolut  aus; Ursache  und
       Wirkung stehn ebenso in starrem Gegensatz zueinander. Diese Denk-
       weise erscheint  «ins auf den ersten Blick deswegen äußerst plau-
       sibel, weil  sie diejenige  des sogenannten gesunden Menschenver-
       standes ist.  Allein der gesunde Menschenverstand, ein so respek-
       tabler Geselle  er auch  in dem  hausbackenen Gebiet  seiner vier
       Wände ist,  erlebt ganz  wunderbare Abenteuer,  sobald er sich in
       die weite Welt der Forschung wagt; und die metaphysische Anschau-
       ungsweise, auf so weiten, je nach der Natur des Gegenstandes aus-
       gedehnten Gebieten  sie auch  berechtigt und sogar notwendig ist,
       stößt doch  jedesmal früher  oder später  auf eine Schranke, jen-
       seits welcher  sie einseitig, borniert, abstrakt wird und sich in
       unlösliche Widersprüche verirrt, weil sie über den einzelnen Din-
       gen deren  Zusammenhang, über  ihrem Sein ihr Werden und Vergehn,
       über ihrer Ruhe ihre Bewegung vergißt, weil sie vor lauter Bäumen
       den Wald  nicht sieht.  Für alltägliche Fälle wissen wir z.B. und
       können mit  Bestimmtheit sagen, ob ein Tier existiert oder nicht;
       bei genauerer  Untersuchung finden  wir aber,  daß dies  manchmal
       eine höchst  verwickelte Sache ist, wie das die Juristen sehr gut
       wissen, die  sich umsonst abgeplagt haben, eine rationelle Grenze
       zu entdecken,  von der  an die  Tötung des  Kindes im Mutterleibe
       Mord ist; und ebenso unmöglich ist es, den Moment des Todes fest-
       zustellen, indem die Physiologie nachweist, daß der Tod nicht ein
       einmaliges, augenblickliches  Ereignis, sondern ein sehr langwie-
       riger Vorgang ist. Ebenso ist jedes organische Wesen in jedem Au-
       genblick dasselbe  und nicht dasselbe; in jedem Augenblick verar-
       beitet es  von außen zugeführte Stoffe und scheidet andre aus, in
       jedem Augenblick sterben Zellen seines Körpers ab und bilden sich
       neue; je  nach einer längern oder kürzern Zeit ist der Stoff die-
       ses Körpers  vollständig erneuert, durch andre Stoffatome ersetzt
       worden, so  daß jedes  organisierte Wesen stets dasselbe und doch
       ein andres  ist. Auch  finden wir  bei genauerer Betrachtung, daß
       die beiden  Pole eines  Gegensatzes,  wie  positiv  und  negativ,
       ebenso untrennbar  voneinander wie  entgegengesetzt sind, und daß
       sie trotz  aller Gegensätzlichkeit sich gegenseitig durchdringen;
       ebenso, daß  Ursache und  Wirkung Vorstellungen  sind, die nur in
       der Anwendung auf den einzelnen Fall als solche Gültigkeit haben,
       daß sie  aber, sowie wir den einzelnen Fall in seinem allgemeinen
       Zusammenhang
       
       #22# Anti-Dühring - Einleitung
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       mit dem Weltganzen betrachten, zusammengehn, sich auflösen in der
       Anschauung der  universellen Wechselwirkung, wo Ursachen und Wir-
       kungen fortwährend  ihre Stelle wechseln, das was jetzt oder hier
       Wirkung, dort oder dann Ursache wird und umgekehrt.
       Alle diese  Vorgänge und  Denkmethoden passen nicht in den Rahmen
       des metaphysischen Denkens hinein. Für die Dialektik dagegen, die
       die Dinge und ihre begrifflichen Abbilder wesentlich in ihrem Zu-
       sammenhang, ihrer  Verkettung, ihrer Bewegung, ihrem Entstehn und
       Vergehn auffaßt,  sind Vorgänge wie die obigen, ebensoviel Bestä-
       tigungen ihrer  eignen Verfahrungsweise.  Die Natur ist die Probe
       auf die  Dialektik, und  wir müssen  es der modernen Naturwissen-
       schaft nachsagen,  daß sie  für diese  Probe ein äußerst reichli-
       ches, sich  täglich häufendes  Material geliefert  und damit  be-
       wiesen hat,  daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch
       und nicht  metaphysisch hergeht.  Da aber  die Naturforscher  bis
       jetzt zu zählen sind, die dialektisch zu denken gelernt haben, so
       erklärt sich aus diesem Konflikt der entdeckten Resultate mit der
       hergebrachten Denkweise  die grenzenlose Verwirrung, die jetzt in
       der theoretischen  Naturwissenschaft herrscht  und die Lehrer wie
       Schüler, Schriftsteller wie Leser zur Verzweiflung bringt.
       Eine exakte  Darstellung des  Weltganzen, seiner  Entwicklung und
       der der Menschheit, sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in
       den Köpfen  der Menschen,  kann also  nur auf dialektischem Wege,
       mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens
       und Vergehens, der fort-oder rückschreitenden Änderungen zustande
       kommen. Und  in diesem  Sinn trat die neuere deutsche Philosophie
       auch sofort  auf. Kant eröffnete seine Laufbahn damit, daß er das
       stabile Newtonsche  Sonnensystem und  seine -  nachdem der famose
       erste Anstoß  einmal gegeben  - ewige Dauer auflöste in einen ge-
       schichtlichen Vorgang: in die Entstehung der Sonne und aller Pla-
       neten aus  einer rotierenden Nebelmasse. Dabei zog er bereits die
       Folgerung, daß  mit  dieser  Entstehung  ebenfalls  der  künftige
       Untergang des Sonnensystems notwendig gegeben sei. [15] Seine An-
       sicht wurde  ein halbes Jahrhundert später durch Laplace mathema-
       tisch begründet,  und noch ein halbes Jahrhundert später wies das
       Spektroskop die  Existenz solcher  glühenden Gasmassen,  in  ver-
       schiednen Stufen der Verdichtung, im Weltraum nach. [26]
       Ihren Abschluß  fand diese  neuere deutsche Philosophie im Hegel-
       schen System,  worin zum erstenmal - und das ist sein großes Ver-
       dienst -  die ganze  natürliche, geschichtliche und geistige Welt
       als ein  Prozeß, d.h. als in steter Bewegung, Veränderung, Umbil-
       dung und  Entwicklung begriffen  dargestellt und  der Versuch ge-
       macht wurde, den inneren Zusammenhang
       
       #23# I. Allgemeines
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       in dieser  Bewegung und  Entwicklung nachzuweisen 1*). Von diesem
       Gesichtspunkt aus  erschien die  Geschichte der  Menschheit nicht
       mehr als  ein wüstes  Gewirr sinnloser Gewalttätigkeiten, die vor
       dem Richterstuhl  der jetzt  gereiften  Philosophenvernunft  alle
       gleich verwerflich  sind und  die man am besten so rasch wie mög-
       lich vergißt,  sondern als  der Entwicklungsprozeß der Menschheit
       selbst, dessen allmählichen Stufengang durch alle Irrwege zu ver-
       folgen und  dessen innere  Gesetzmäßigkeit durch alle scheinbaren
       Zufälligkeiten hindurch  nachzuweisen jetzt  die Aufgabe des Den-
       kens wurde.
       Daß Hegel  diese Aufgabe nicht löste, ist hier gleichgültig. Sein
       epochemachendes Verdienst war, sie gestellt zu haben. Es ist eben
       eine Aufgabe, die kein einzelner je wird lösen können. Obwohl He-
       gel - neben Saint-Simon - der universellste Kopf seiner Zeit war,
       so war  er doch beschränkt erstens durch den notwendig begrenzten
       Umfang seiner  eignen Kenntnisse und zweitens durch die ebenfalls
       nach Umfang und Tiefe begrenzten Kenntnisse und Anschauungen sei-
       ner Epoche.  Dazu kam  aber noch ein Drittes. Hegel war Idealist,
       d.h., ihm  galten die  Gedanken seines  Kopfs nicht  als die mehr
       oder weniger  abstrakten Abbilder  der wirklichen  Dinge und Vor-
       gänge, sondern  umgekehrt galten  ihm die Dinge und ihre Entwick-
       lung nur  als die  verwirklichten Abbilder der irgendwo schon vor
       der Welt  existierenden "Idee".  Damit war alles auf den Kopf ge-
       stellt und  der wirkliche Zusammenhang der Welt vollständig umge-
       kehrt. Und  so richtig und genial auch manche Einzelzusammenhänge
       von Hegel  aufgefaßt worden,  so mußte  doch aus  den  angegebnen
       Gründen auch  im Detail vieles geflickt, gekünstelt, konstruiert,
       kurz verkehrt  ausfallen. Das  Hegeische System  als solches  war
       eine kolossale  Fehlgeburt -  aber auch  die letzte ihrer Art. Es
       litt nämlich noch an einem unheilbaren innern Widerspruch: einer-
       seits hatte es zur wesentlichen Voraussetzung die historische An-
       schauung, wonach  die menschliche Geschichte ein Entwicklungspro-
       zeß ist,  der seiner  Natur nach nicht durch die Entdeckung einer
       sogenannten absoluten Wahrheit
       -----
       1*) Im ersten  Entwurf der "Einleitung" wird die Hegelsche Philo-
       sophie so  charakterisiert: "Das Hegelsche System war die letzte,
       vollendetste Form  der Philosophie,  insofern diese als besondre,
       allen andren  Wissenschaften überlegne besondre Wissenschaft vor-
       gestellt wird. Mit ihm scheiterte die ganze Philosophie. Was aber
       blieb, war  die dialektische Denkweise und die Auffassung der na-
       türlichen, geschichtlichen  und intellektuellen  Welt  als  einer
       sich ohne Ende bewegenden, umbildenden, in stetem Prozeß von Wer-
       den und  Vergehn begriffenen.  Nicht nur  an die  Philosophie, an
       alle Wissenschaften  war jetzt  die Forderung gestellt, die Bewe-
       gungsgesetze dieses  steten Umbildungsprozesses  auf ihrem beson-
       dern Gebiet aufzuweisen. Und dies war das Erbteil, das die Hegel-
       sche Philosophie ihren Nachfolgern hinterließ."
       
       #24# Anti-Dühring - Einleitung
       -----
       seinen intellektuellen  Abschluß finden  kann;  andrerseits  aber
       behauptet es,  der Inbegriff  eben dieser  absoluten Wahrheit  zu
       sein. Ein  allumfassendes, ein  für allemal abschließendes System
       der Erkenntnis  von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit
       den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs
       ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systemati-
       sche Erkenntnis  der gesamten  äußern Welt  von Geschlecht zu Ge-
       schlecht Riesenschritte machen kann.
       Die Einsicht  in die totale Verkehrtheit des bisherigen deutschen
       Idealismus führte  notwendig zum Materialismus, aber wohlgemerkt,
       nicht zum  bloß metaphysischen, ausschließlich mechanischen Mate-
       rialismus des  18. Jahrhunderts.  Gegenüber  der  naiv-revolutio-
       nären, einfachen  Verwerfung aller  frühern Geschichte, sieht der
       moderne Materialismus  in der  Geschichte den  Entwicklungsprozeß
       der Menschheit,  dessen Bewegungsgesetze  zu entdecken seine Auf-
       gabe ist. Gegenüber der sowohl bei den Franzosen des 18. Jahrhun-
       derts wie  bei Hegel  herrschenden Vorstellung  von der Natur als
       eines sich in engen Kreisläufen bewegenden, sich gleichbleibenden
       Ganzen  mit  ewigen  Weltkörpern,  wie  sie  Newton,  und  unver-
       änderlichen Arten  von organischen  Wesen, wie  sie Linné gelehrt
       hatte, faßt er die neueren Fortschritte der Naturwissenschaft zu-
       sammen, wonach  die Natur  ebenfalls ihre  Geschichte in der Zeit
       hat, die  Weltkörper wie  die Artungen  der Organismen, von denen
       sie unter  günstigen Umständen  bewohnt werden, entstehn und ver-
       gehn, und die Kreisläufe, soweit sie überhaupt zulässig sind, un-
       endlich großartigere  Dimensionen annehmen.  In beiden Fällen ist
       er wesentlich  dialektisch und braucht keine über den andern Wis-
       senschaften stehende  Philosophie mehr.  Sobald an  jede einzelne
       Wissenschaft die  Forderung herantritt,  über  ihre  Stellung  im
       Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich
       klarzuwerden, ist  jede besondre Wissenschaft vom Gesamtzusammen-
       hang überflüssig.  Was von der ganzen bisherigen Philosophie dann
       noch selbständig  bestehn bleibt,  ist die  Lehre vom  Denken und
       seinen Gesetzen - die formelle Logik und die Dialektik. Alles an-
       dre geht  auf in  die positive  Wissenschaft von  Natur  und  Ge-
       schichte.
       Während jedoch  der Umschwung  der Naturanschauung nur in dem Maß
       sich vollziehn  konnte,  als  die  Forschung  den  entsprechenden
       positiven Erkenntnisstoff lieferte, hatten sich schon viel früher
       historische Tatsachen geltend gemacht, die für die Geschichtsauf-
       fassung eine  entscheidende Wendung  herbeiführten. 1831 hatte in
       Lyon der  erste Arbeiteraufstand stattgefunden; 1838 bis 1842 er-
       reichte die  erste nationale Arbeiterbewegung, die der englischen
       Chartisten, ihren Höhepunkt. Der Klassenkampf
       
       #25# I. Allgemeines
       -----
       zwischen Proletariat  und Bourgeoisie trat in den Vordergrund der
       Geschichte der  fortgeschrittensten Länder  Europas, in demselben
       Maß, wie  sich dort  einerseits die  große Industrie, andrerseits
       die neueroberte  politische Herrschaft  der  Bourgeoisie  entwic-
       kelte. Die Lehren der bürgerlichen Ökonomie von der Identität der
       Interessen von  Kapital und  Arbeit, von der allgemeinen Harmonie
       und dem  allgemeinen Volkswohlstand  als Folge der freien Konkur-
       renz, wurden  immer schlagender von den Tatsachen Lügen gestraft.
       1*) Alle diese Dinge waren nicht mehr abzuweisen, ebensowenig wie
       der  französische   und  englische  Sozialismus,  der  ihr  theo-
       retischer, wenn  auch höchst unvollkommner Ausdruck war. Aber die
       alte idealistische Geschichtsauffassung, die noch nicht verdrängt
       war, kannte  keine auf materiellen Interessen beruhenden Klassen-
       kämpfe, überhaupt  keine materiellen  Interessen; die  Produktion
       wie alle  ökonomischen Verhältnisse kamen in ihr nur so nebenbei,
       als untergeordnete Elemente der - Kulturgeschichte " vor.
       Die neuen  Tatsachen zwangen dazu, die ganze bisherige Geschichte
       einer neuen  Untersuchung zu unterwerfen, und da zeigte sich, daß
       a l l e   bisherige Geschichte  die Geschichte von Klassenkämpfen
       war [27],  daß diese  einander bekämpfenden  Klassen der  Gesell-
       schaft jedesmal  Erzeugnisse sind  der Produktions- und Verkehrs-
       verhältnisse, mit  Einem Wort  der  ö k o n o m i s c h e n  Ver-
       hältnisse ihrer  Epoche; daß  also  die  jedesmalige  ökonomische
       Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage bildet, aus der der
       gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen so-
       wie der  religiösen, philosophischen  und sonstigen Vorstellungs-
       weise eines  jeden geschichtlichen Zeitabschnittes in letzter In-
       stanz zu  erklären sind.  Hiermit war  der Idealismus  aus seinem
       letzten Zufluchtsort,  aus der  Geschichtsauffassung, vertrieben,
       eine materialistische  Geschichtsauffassung gegeben  und der  Weg
       gefunden, um  das Bewußtsein  der Menschen  aus ihrem Sein, statt
       wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.
       Mit dieser  materialistischen Geschichtsauffassung  war aber  der
       bisherige Sozialismus  ebenso unverträglich  wie die Naturauffas-
       sung des  französischen Materialismus  mit der  Dialektik und der
       neueren Naturwissenschaft.
       -----
       1*) Im ersten  Entwurf der  "Einleitung"  heißt  es  weiter:  "In
       Frankreich hatte  die Lyoner  Insurrektion von 1834 ebenfalls den
       Kampf des  Proletariats gegen  die Bourgeoisie  proklamiert.  Die
       englischen und französischen sozialistischen Theorien bekamen hi-
       storische Bedeutung  und mußten auch in Deutschland Widerhall und
       Kritik hervorrufen,  obwohl dort  dieProduktion eben erst anfing,
       sich aus  dem Kleinbetrieb herauszuarbeiten. Der theoretische So-
       zialismus, wie er sich Jetzt nicht so sehr in Deutschland als un-
       ter Deutschen  bildete, hatte also sein ganzes Material zu impor-
       tieren..."
       
       #26# Anti-Dühring - Einleitung
       -----
       Der  bisherige   Sozialismus  kritisierte   zwar  die  bestehende
       kapitalistische Produktionsweise und ihre Folgen, konnte sie aber
       nicht erklären,  also auch nicht mit ihr fertig werden; er konnte
       sie nur  einfach als.  schlecht verwerfen.  Es handelte sich aber
       darum, diese kapitalistische Produktionsweise einerseits in ihrem
       geschichtlichen Zusammenhang  und ihrer  Notwendigkeit für  einen
       bestimmten geschichtlichen  Zeitabschnitt, also  auch die Notwen-
       digkeit ihres Untergangs, darzustellen, andrerseits aber auch ih-
       ren innern  Charakter zu enthüllen, der noch immer verborgen war,
       da die  bisherige Kritik  sich mehr  auf die üblen Folgen als auf
       den Gang  der Sache selbst geworfen hätte. Dies geschah durch die
       Entdeckung des   M e h r w e r t s.   Es  wurde bewiesen, daß die
       Aneignung unbezahlter  Arbeit die  Grundform der kapitalistischen
       Produktionsweise und  der durch sie vollzognen Ausbeutung des Ar-
       beiters ist;  daß der Kapitalist, selbst wenn er die Arbeitskraft
       seines Arbeiters  zum vollen Wert kauft, den sie als Ware auf dem
       Warenmarkt hat,  dennoch mehr  Wert aus ihr herausschlägt, als er
       für sie  bezahlt hat;  und daß dieser Mehrwert in letzter Instanz
       die Wertsumme  bildet, aus  der sich die stets wachsende Kapital-
       masse in den Händen der besitzenden Klassen aufhäuft. Der Hergang
       sowohl der kapitalistischen Produktion wie der Produktion von Ka-
       pital war erklärt.
       Diese   beiden    großen   Entdeckungen:   die   materialistische
       Geschichtsauffassung und  die Enthüllung des Geheimnisses der ka-
       pitalistischen Produktion  vermittelst des  Mehrwerts,  verdanken
       wir  M a r x.  Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft,
       die es  sich nun  zunächst darum handelt, in allen ihren Einzeln-
       heiten und Zusammenhängen weiter auszuarbeiten.
       So etwa  standen die  Sachen auf  dem Gebiete  des  theoretischen
       Sozialismus und der verstorbenen Philosophie, als Herr Eugen Düh-
       ring nicht  ohne beträchtliches Gepolter auf die Bühne sprang und
       eine durch  ihn vollzogene, totale Umwälzung der Philosophie, der
       politischen Ökonomie und des Sozialismus ankündigte.
       Sehn wir zu, was Herr Dühring uns verspricht und - was er hält.
       
       II. Was Herr Dühring verspricht
       
       Herrn Dührings  zunächst hierher  gehörige  Schriften  sind  sein
       "Cursus der  Philosophie", sein "Cursus der National- und Social-
       ökonomie" und  seine "Kritische  Geschichte der  Nationalökonomie
       und des  Socialismus". Zunächst  interessiert uns  vorwiegend das
       erste Werk.
       
       #27# II. Was Herr Dühring verspricht
       -----
       Gleich auf der ersten Seite kündigt Herr Dühring sich an als
       
       "denjenigen, der  die   V e r t r e t u n g   dieser Macht"  (der
       Philosophie) "in  seiner Zeit und für die zunächst absehbare Ent-
       faltung derselben  i n  A n s p r u c h  n i m m t"  1*).
       
       Er erklärt sich also für den einzig wahren Philosophen der Gegen-
       wart und  "absehbaren" Zukunft.  Wer von  ihm abweicht, weicht ab
       von der  Wahrheit. Viele Leute haben, schon vor Herrn Dühring, so
       etwas von  sich selbst   g e d a c h t,   aber  er  ist  -  außer
       Richard Wagner  - wohl der erste, der es von sich selbst gelassen
       ausspricht. Und  zwar ist  die Wahrheit,  um die  es sich bei ihm
       handelt,
       
       "eine endgültige Wahrheit letzter Instanz".
       
       Die Philosophie des Herrn Dühring ist
       "das   n a t ü r l i c h e   System oder  die    W i r k l i c h-
       k e i t s p h i l o s o p h i e  ... die Wirklichkeit wird in ihm
       in einer Weise gedacht, die  j e d e  A n w a n d l u n g  zu ei-
       ner traumhaften und subjektivistisch beschränkten Weltvorstellung
       a u s s c h l i e ß t".
       
       Diese Philosophie  ist also  so beschaffen, daß sie Herrn Dühring
       über die von ihm selbst nicht zu leugnenden Schranken seiner per-
       sönlich-subjektiven Beschränktheit hinaushebt. Es ist dies aller-
       dings nötig,  wenn er  imstande sein  soll, endgültige Wahrheiten
       letzter Instanz  festzustellen, obwohl  wir bis  jetzt noch nicht
       einsehn, wie dies Wunder sich bewerkstelligen soll.
       
       Dies "natürliche System des an sich für den Geist wertvollen Wis-
       sens" hat,  "ohne der  Tiefe des Gedankens etwas zu vergeben, die
       Grundgestaltcn des Seins  s i c h e r  f e s t  g e s t e l l t".
       Von seinem  "wirklich kritischen  Standpunkt" aus  bietet es "die
       Elemente einer  wirklichen und  demgemäß auf die Wirklichkeit der
       Natur und  des Lebens gerichteten Philosophie, welche keinen bloß
       scheinbaren  Horizont   gelten  läßt,   sondern  in     i h r e r
       m ä c h t i g   u m w ä l z e n d e n   B e w e g u n g   a l l e
       E r d e n   u n d   H i m m e l   d e r    ä u ß e r e n    u n d
       i n n e r e n   N a t u r   a u f r o l l t";   es ist eine "neue
       Denkweise", und  ihre Resultate sind "von Grund aus eigentümliche
       Ergebnisse und  Anschauungen ...  systemschaffende  Gedanken  ...
       festgestellte Wahrheiten". Wir haben in ihr vor uns "eine Arbeit,
       die ihre Kraft in der konzentrierten Initiative suchen muß" - was
       das auch  immer heißen  möge; eine   "b i s   a n   d i e  W u r-
       z e l n   r e i c h e n d e   Untersuchung ... eine  w u r z e l-
       h a f t e   Wissenschaft ...  eine    s t r e n g    w i s s e n-
       s c h a f t l i c h e   Auffassung von  Dingen und  Menschen  ...
       eine   a l l s e i t i g   d u r c h d r i n g e n d e  Gedanken-
       arbeit ...  ein   s c h ö p f e r i s c h e s   Entwerfen der vom
       Gedanken beherrschbaren  Voraussetzungen und Folgen ... das  a b-
       s o l u t  F u n d a m e n t a l e".
       
       Er gibt uns auf ökonomisch-politischem Gebiet nicht nur
       
       "historisch und  systematisch umfassende Arbeiten", von denen die
       historischen sich  obendrein durch   "m e i n e  Geschichtszeich-
       nung  g r o ß e n  S t i l s"  auszeichnen und welche in der Öko-
       nomie "schöpferische Wendungen" zuwege brachten,
       -----
       1*) Alle Hervorhebungen in den Zitaten aus den Schriften Dührings
       stammen von Engels
       
       #28# Anti-Dühring - Einleitung
       -----
       sondern schließt  auch mit einem eignen vollständig ausgearbeite-
       ten sozialistischen Plan für die Zukunftsgesellschaft ab, der die
       
       "praktische Frucht  einer   k l a r e n   und   b i s  a n  d i e
       l e t z t e n  W u r z e l n  r e i c h e n d e n  Theorie",
       
       und daher  ebenso unfehlbar  und alleinseligmachend  ist wie  die
       Dühringsche Philosophie; denn
       
       "nur   i n  d e m j e n i g e n  sozialistischen Gebilde, welches
       i c h   i n  m e i n e m   'Cursus der National- und Socialökono-
       mie' gekennzeichnet habe, kann ein echtes Eigen an die Stelle des
       bloß scheinbaren  und vorläufigen oder aber gewaltsamen Eigentums
       treten". Wonach die Zukunft sich zu richten hat.
       
       Diese Blumenlese  von Lobpreisungen des Herrn Dühring durch Herrn
       Dühring ließe  sich leicht  ums Zehnfache  vermehren. Sie  dürfte
       schon jetzt  beim Leser  einige Zweifel rege gemacht haben, ob er
       es wirklich mit einem Philosophen zu tun habe oder mit - aber wir
       müssen den  Leser bitten,  sein Urteil zurückzuhalten, bis er die
       besagte Wurzelhaftigkeit  wird näher kennengelernt haben. Wir ge-
       ben obige  Blumenlese auch nur, um zu zeigen, daß wir nicht einen
       gewöhnlichen Philosophen und Sozialisten vor uns haben, der seine
       Gedanken einfach  ausspricht und es der weitern Entwicklung über-
       läßt, über  ihren Wert zu entscheiden, sondern mit einem ganz au-
       ßergewöhnlichen Wesen,  das nicht  weniger unfehlbar  zu sein be-
       hauptet, als  der Papst, und dessen alleinseligmachende Lehre man
       einfach anzunehmen hat, wenn man nicht der verwerflichsten Ketze-
       rei verfallen  will. Wir  haben es keineswegs mit einer jener Ar-
       beiten zu tun, an denen alle sozialistischen Literaturen und neu-
       erdings auch  die deutsche  überreich sind,  Arbeiten,  in  denen
       Leute verschiednen  Kalibers sich in der aufrichtigsten Weise von
       der Welt  über Fragen  klarzuwerden suchen, zu deren Beantwortung
       ihnen das Material vielleicht mehr oder weniger abgeht; Arbeiten,
       bei denen,  was auch  ihre wissenschaftlichen  und  literarischen
       Mängel, der  sozialistische gute Wille immer anerkennenswert ist.
       Im Gegenteil,  Herr Dühring  bietet uns Sätze, die er für endgül-
       tige Wahrheiten  letzter Instanz  erklärt, neben denen jede andre
       Meinung also  von vornherein  falsch ist; wie die ausschließliche
       Wahrheit, so hat er auch die einzige streng wissenschaftliche Me-
       thode der  Untersuchung, neben der alle andern unwissenschaftlich
       sind. Entweder  hat er recht - und dann stehn wir vor dem größten
       Genie aller Zeiten, dem ersten übermenschlichen, weil unfehlbaren
       Menschen. Oder  er hat  unrecht, und  auch dann, wie unser Urteil
       immer ausfallen möge, wäre wohlwollende Rücksichtnahme auf seinen
       etwaigen guten  Willen immer  noch die tödlichste Beleidigung für
       Herrn Dühring.
       
       #29# II. Was Herr Dühring verspricht
       -----
       Wenn man  im Besitz  der endgültigen Wahrheit letzter Instanz und
       der  einzig   strengen  Wissenschaftlichkeit   ist,  so  muß  man
       selbstredend  für  die  übrige  irrende  und  unwissenschaftliche
       Menschheit eine  ziemliche Verachtung  haben. Wir dürfen uns also
       nicht wundern,  wenn Herr  Dühring von  seinen Vorgängern mit der
       äußersten Wegwerfung  spricht, und wenn nur wenige, ausnahmsweise
       von ihm  selbst ernannte große Männer vor seiner Wurzelhaftigkeit
       Gnade finden.
       Hören wir ihn zuerst über die Philosophen:
       
       "Der jeder besseren Gesinnung bare  L e i b n i z,...  dieser be-
       ste unter allen höfisch möglichen Philosophierern."
       
       K a n t   wird noch  soeben geduldet;  aber nach  ihm ging  alles
       drunter und drüber:
       
       es kamen  die "Wüstheiten und ebenso läppischen als windigen Tor-
       heiten der  nächsten Epigonen, also namentlich eines  F i c h t e
       und  S c h e l l i n g  ... ungeheuerliche Zerrbilder unwissender
       Naturphilosophastrik ...  die nachkantischen Ungeheuerlichkeiten"
       und  "Fieberphantasien",   denen   die   Krone   aufsetzte   "ein
       H e g e l".   Dieser sprach  einen "Hegel-Jargon" und verbreitete
       die "Hegel-Seuche"  vermittelst seiner "überdies noch in der Form
       unwissenschaftlichen Manier" und seiner "Kruditäten".
       
       Den Naturforschern  geht's nicht  besser, doch  wird  nur  Darwin
       namentlich aufgeführt, und so müssen wir uns auf diesen beschrän-
       ken:
       
       "Darwinistische Halbpoesie  und Metamorphosenfertigkeit mit ihrer
       grobsinnlichen Enge der Auffassung und Stumpfheit der Unterschei-
       dungskraft... Unseres  Erachtens ist der spezifische Darwinismus,
       wovon natürlich  die Lamarckschen Aufstellungen auszunehmen sind,
       e i n   S t ü c k,   g e g e n   d i e   H u m a n i t ä t   g e-
       r i c h t e t e  B r u t a l i t ä t."
       
       Am schlimmsten  aber kommen die Sozialisten weg. Mit Ausnahme von
       allenfalls Louis Blanc - dem unbedeutendsten von allen - sind sie
       allzumal Sünder  und mangeln des Ruhms, den sie vor (oder hinter)
       Herrn Dühring  haben sollten. Und nicht nur der Wahrheit und Wis-
       senschaftlichkeit, nein,  auch dem  Charakter nach.  Mit Ausnahme
       von Babeuf  und einigen  Kommunards von  1871 sind  sie  allesamt
       keine "Männer".  Die drei Utopisten heißen "soziale Alchimisten".
       Von ihnen  wird Saint-Simon  noch insoweit  glimpflich behandelt,
       als ihm  bloß "Überspanntheit" vorgeworfen und mitleidig angedeu-
       tet wird,  er habe  an religiösem  Wahnsinn gelitten. Bei Fourier
       dagegen reißt Herrn Dühring die Geduld vollständig. Denn Fourier
       
       "enthüllte alle  Elemente des Wahnwitzes ... Ideen, die man sonst
       am ehesten  in Irrenhäusern  aufsucht ... wüsteste Träume ... Er-
       zeugnisse des  Wahnwitzes. ...  Der unsäglich  alberne  Fourier",
       dieses "Kinderköpfchen",  dieser "Idiot"  ist dabei  nicht einmal
       ein Sozialist;  sein Phalanstère [28] ist durchaus kein Stück ra-
       tioneller Sozialismus,  sondern "ein  nach der  Schablone des ge-
       wöhnlichen Verkehrs konstruiertes Mißgebilde".
       
       #30# Anti-Dühring - Einleitung
       -----
       Und endlich:
       
       "Wem diese  Auslassungen" (Fouriers  über Newton) "...nicht genü-
       gen, um  sich zu  überzeugen, daß in Fouriers Namen und am ganzen
       Fourierismus nur  die erste Silbe" (fou = verrückt) "etwas Wahres
       besagt, der dürfte  s e l b s t  u n t e r  i r g e n d e i n e r
       K a t e g o r i e   v o n   I d i o t e n   e i n z u r e i h e n
       s e i n."
       
       Endlich, Robert Owen
       
       "hatte matte  und dürftige  Ideen ... sein im Punkte der Moral so
       rohes Denken ... einige ins Verschrobene ausgeartete Gemeinplätze
       ... widersinnige  und rohe  Anschauungsweise .,.  Owens  Vorstel-
       lungslauf ist kaum wert, daß man eine ernstere Kritik zur Geltung
       bringe ... seine Eitelkeit" usw.
       
       Wenn also  Herr Dühring  die Utopisten  nach ihren  Namen äußerst
       geistreich  folgendermaßen   kennzeichnet:  Saint-Simon  -  saint
       (heilig), Fourier - fou (verrückt), Enfantin - enfant (kindisch),
       so fehlt nur noch, daß er hinzusetzt: Owen - o weh! und eine ganz
       bedeutende Periode  der Geschichte  des Sozialismus  ist mit vier
       Worten einfach  - verdonnert, und wer daran zweifelt, der "dürfte
       selbst unter irgendeine Kategorie von Idioten einzureihen sein".
       Von den  Dühringschen Urteilen über die spätem Sozialisten nehmen
       wir der Kürze halber nur noch die über Lassalle und Marx heraus:
       
       Lassalle:  "Pedantisch-klaubende   Popularisierungsversuche   ...
       überwuchernde Scholastik  ... ungeheuerliches  Gemisch von allge-
       meiner Theorie  und kleinlichem  Quark ... sinn- und formlose He-
       gel-Superstition  ...   abschreckendes  Beispiel  ...  eigne  Be-
       schränktheit ... Wichtigtuerei mit dem gleichgültigsten Kleinkram
       ... unser  jüdischer Held  ... Pamphletschreiber  ... ordinär ...
       innere Haltungslosigkeit der Lebens- und Weltanschauung."
       Marx: "Beengtheit  der Auffassung ... seine Arbeiten und Leistun-
       gen sind  an und  für sich, d.h. rein theoretisch betrachtet, für
       unser Gebiet"  (die kritische  Geschichte des  Sozialismus) "ohne
       dauernde Bedeutung  und für die allgemeine Geschichte der geisti-
       gen Strömung  höchstens als  Symptome der Einwirkung eines Zweigs
       der neueren  Sektenscholastik anzuführen ... Ohnmacht der konzen-
       trierenden und  ordnenden Fähigkeiten  ... Unförmlicbkeit der Ge-
       danken und  des Stils,  würdelose Allüren  der Sprache ... engli-
       sierte Eitelkeit ... Düpierung ... wüste Konzeptionen, die in der
       Tat nur  Bastarde historischer  und logischer Phantastik sind ...
       trügerische Wendung ... persönliche Eitelkeit ... schnöde Manier-
       chen ...  schnoddrig ... schöngeistige Plätzchen und Mätzchen ...
       Chinesengelehrsamkeit ...  philosophische  und  wissenschaftliche
       Rückständigkeit."
       
       Und so weiter, und so weiter - denn auch dies ist nur eine kleine
       oberflächliche  Blumenlese   aus  dem  Dühringschen  Rosengarten.
       Wohlverstanden, vorderhand  geht es  uns noch  gar nichts  an, ob
       diese liebenswürdigen
       
       #31# II. Was Herr Dühring verspricht
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       Schimpfereien, die es Herrn Dühring, bei einiger Bildung, verbie-
       ten sollten,   i r g e n d   e t w a s  schnöde und schnoddrig zu
       finden, ebenfalls  endgültige Wahrheiten  letzter  Instanz  sind.
       Auch werden  wir uns - jetzt noch - hüten, irgendeinen Zweifel an
       ihrer Wurzelhaftigkeit  laut worden  zu lassen,  da man uns sonst
       vielleicht sogar  verbieten dürfte,  die  Kategorie  von  Idioten
       auszusuchen, zu  der wir  gehören. Wir  haben es  nur  für  unsre
       Schuldigkeit gehalten,  einerseits ein  Beispiel davon  zu geben,
       was Herr Dühring
       
       "das Gewählte  der rücksichtsvollen  und im echten Sinn des Worts
       bescheidnen Ausdrucksart"
       
       nennt, und  andrerseits festzustellen,  daß bei Herrn Dühring die
       Verwerflichkeit seiner  Vorgänger  nicht  minder  feststeht,  als
       seine eigne  Unfehlbarkeit. Hiernach  ersterben wir  in  tiefster
       Ehrerbietung vor dem gewaltigsten Genius aller Zeiten - wenn sich
       das alles nämlich so verhält.

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