Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur
zurück
#16#
-----
Einleitung
I. Allgemeines
Der moderne Sozialismus ist seinem Inhalte nach zunächst das
Erzeugnis der Anschauung, einerseits der in der modernen Gesell-
schaft herrschenden Klassengegensätze von Besitzenden und Besitz-
losen, Lohnarbeitern und Bourgeois, andrerseits der in der Pro-
duktion herrschenden Anarchie. Aber seiner theoretischen Form
nach erscheint er anfänglich als eine weitergetriebne, angeblich
konsequentere Fortführung der von den großen französischen Auf-
klärern des 18. Jahrhunderts aufgestellten Grundsätze. 1*) Wie
jede neue Theorie, mußte er zunächst anknüpfen an das vorgefundne
Gedankenmaterial, sosehr auch seine Wurzel in den ökonomischen
Tatsachen lag.
Die großen Männer, die in Frankreich die Köpfe für die kommende
Revolution klärten, traten selbst äußerst revolutionär auf. Sie
erkannten keine äußere Autorität an, welcher Art sie auch sei.
Religion, Naturanschauung, Gesellschaft, Staatsordnung, alles
wurde der schonungslosesten Kritik unterworfen; alles sollte
seine Existenz vor dem Richterstuhl der Vernunft rechtfertigen
oder auf die Existenz verzichten. Der denkende Verstand wurde als
alleiniger Maßstab an alles angelegt. Es war die Zeit, wo, wie
Hegel sagt, die Welt auf den Kopf gestellt wurde [20], zuerst in
dem Sinn, daß der menschliche Kopf und die durch sein Denken ge-
fundnen Sätze den Anspruch
-----
1*) Im ersten Entwurf der "Einleitung" wird diese Stelle in fol-
gender Fassung gebracht: "Der moderne Sozialismus, sosehr er auch
der Sache nach entstanden ist aus der Anschauung der in der vor-
gefundenen Gesellschaft bestehenden Klassengegensätze von Besit-
zenden und Besitzlosen, Arbeitern und Ausbeutern, erscheint doch
in seiner theoretischen Form zunächst als eine konsequentere,
weitergetriebne Fortführung der von den großen französischen Auf-
klärern des 18. Jahrhunderts aufgestellten Grundsätze, wie denn
seine ersten Vertreter. Morelly und Mably, auch zu diesen gehör-
ten."
#17# I. Allgemeines
-----
machten, als Grundlage aller menschlichen Handlung und
Vergesellschaftung zu gelten; dann aber später auch in dem weitem
Sinn, daß die Wirklichkeit, die diesen Sätzen widersprach, in der
Tat von oben bis unten umgekehrt wurde. Alle bisherigen Gesell-
schafts- und Staatsformen, alle altüberlieferten Vorstellungen
wurden als unvernünftig in die Rumpelkammer geworfen; die Welt
hatte sich bisher lediglich von Vorurteilen leiten lassen; alles
Vergangene verdiente nur Mitleid und Verachtung. Jetzt erst brach
das Tageslicht an; von nun an sollte der Aberglaube, das Unrecht,
das Privilegium und die Unterdrückung verdrängt werden durch die
ewige Wahrheit, die ewige Gerechtigkeit, die in der Natur begrün-
dete Gleichheit und die unveräußerlichen Menschenrechte.
Wir wissen jetzt, daß dies Reich der Vernunft weiter nichts war,
als das idealisierte Reich der Bourgeoisie; daß die ewige Gerech-
tigkeit ihre Verwirklichung fand in der Bourgeoisjustiz; daß die
Gleichheit hinauslief auf die bürgerliche Gleichheit vor dem Ge-
setz; daß als eins der wesentlichsten Menschenrechte proklamiert
wurde - das bürgerliche Eigentum; und daß der Vernunftstaat, der
Rousseausche Gesellschaftsvertragt [21] ins Leben trat und nur
ins Leben treten konnte als bürgerliche, demokratische Republik.
Sowenig wie alle ihre Vorgänger, konnten die großen Denker des
18. Jahrhunderts über die Schranken hinaus, die ihnen ihre eigne
Epoche gesetzt hatte.
Aber neben dem Gegensatz von Feudaladel und Bürgertum bestand der
allgemeine Gegensatz von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von rei-
chen Müßiggängern und arbeitenden Armen. War es doch grade dieser
Umstand, der es den Vertretern der Bourgeoisie möglich machte,
sich als Vertreter, nicht einer besondren Klasse, sondern der
ganzen leidenden Menschheit hinzustellen. Noch mehr. Von ihrem
Ursprung an war die Bourgeoisie behaftet mit ihrem Gegensatz: Ka-
pitalisten können nicht bestehn ohne Lohnarbeiter, und im selben
Verhältnis wie der mittelalterliche Zunftbürger sich zum modernen
Bourgeois, im selben Verhältnis entwickelte sich auch der Zunft-
geselle und nichtzünftige Tagelöhner zum Proletarier. Und wenn
auch im ganzen und großen das Bürgertum beanspruchen durfte, im
Kampf mit dem Adel gleichzeitig die Interessen der verschiednen
arbeitenden Klassen jener Zeit mitzuvertreten, so brachen doch
bei jeder großen bürgerlichen Bewegung selbständige Regungen der-
jenigen Klasse hervor, die die mehr oder weniger entwickelte Vor-
gängerin des modernen Proletariats war. So in der deutschen Re-
formations- und Bauernkriegszeit die Thomas Münzersche Richtung;
in der großen englischen Revolution die Levellers [22]; in der
großen französischen Revolution Babeuf. Neben diesen
#18# Anti-Dühring - Einleitung
-----
revolutionären Schilderhebungen einer noch unfertigen Klasse gin-
gen entsprechende theoretische Manifestationen her; im 16. und
17. Jahrhundert utopische Schilderungen idealer Gesellschaftszu-
stände [23], im 18. schon direkt kommunistische Theorien (Morelly
und Mably). Die Forderung der Gleichheit wurde nicht mehr auf die
politischen Rechte beschränkt, sie sollte sich auch auf die ge-
sellschaftliche Lage der einzelnen erstrecken; nicht bloß die
Klassenprivilegien sollten aufgehoben werden, sondern die
Klassenunterschiede selbst. Ein asketischer, an Sparta anknüpfen-
der Kommunismus war so die erste Erscheinungsform der neuen
Lehre. Dann folgten die drei großen Utopisten: Saint-Simon, bei
dem die bürgerliche Richtung noch neben der proletarischen eine
gewisse Geltung behielt; Fourier, und Owen, der, im Lande der
entwickeltsten kapitalistischen Produktion und unter dem Eindruck
der durch diese erzeugten Gegensätze, seine Vorschläge zur Besei-
tigung der Klassenunterschiede in direkter Anknüpfung an den
französischen Materialismus systematisch entwickelte.
Allen dreien ist gemeinsam, daß sie nicht als Vertreter der In-
teressen des inzwischen historisch erzeugten Proletariats auftre-
ten. Wie die Aufklärer, wollen sie nicht eine bestimmte Klasse,
sondern die ganze Menschheit befreien. Wie jene, wollen sie das
Reich der Vernunft und der ewigen Gerechtigkeit einführen; aber
ihr Reich ist himmelweit verschieden von dem der Aufklärer. Auch
die nach den Grundsätzen dieser Aufklärer eingerichtete bürgerli-
che Welt ist unvernünftig und ungerecht und wandert daher ebenso-
gut in den Topf des Verwerflichen wie der Feudalismus und alle
frühern Gesellschaftszustände. Daß die wirkliche Vernunft und
Gerechtigkeit bisher nicht in der Welt geherrscht haben, kommt
nur daher, daß man sie bisher nicht richtig erkannt hatte. Es
fehlte eben der geniale einzelne Mann, der jetzt aufgetreten, und
der die Wahrheit erkannt hat; daß er jetzt aufgetreten, daß die
Wahrheit grade jetzt erkannt worden, ist nicht ein aus dem Zusam-
menhang der geschichtlichen Entwicklung mit Notwendigkeit folgen-
des, unvermeidliches Ereignis, sondern ein reiner Glücksfall. Er
hätte ebensogut 500 Jahre früher geboren werden können und hätte
dann der Menschheit 500 Jahre Irrtum, Kämpfe und Leiden erspart.
Diese Anschauungsweise ist wesentlich die aller englischen und
französischen und der ersten deutschen Sozialisten, Weitling ein-
begriffen. Der Sozialismus ist der Ausdruck der absoluten Wahr-
heit, Vernunft und Gerechtigkeit, und braucht nur entdeckt zu
werden, um durch eigne Kraft die Welt zu erobern; da die absolute
Wahrheit unabhängig von Zeit, Raum und menschlicher, geschichtli-
cher Entwicklung ist, so ist es bloßer Zufall, wann
#19# I. Allgemeines
-----
und wo sie entdeckt wird. Dabei ist dann die absolute Wahrheit,
Vernunft und Gerechtigkeit wieder bei jedem Schulstifter ver-
schieden; und da bei einem jeden die besondre Art der absoluten
Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit wieder bedingt ist durch
seinen subjektiven Verstand, seine Lebensbedingungen, sein Maß
von Kenntnissen und Denkschulung, so ist in diesem Konflikt abso-
luter Wahrheiten keine andre Lösung möglich, als daß sie sich an-
einander abschleißen. Dabei konnte dann nichts andres her-
auskommen, als eine Art von eklektischem Durchschnittssozialis-
mus, wie er in der Tat bis heute in den Köpfen der meisten sozia-
listischen Arbeiter in Frankreich und England herrscht, eine, äu-
ßerst mannigfaltige Schattierungen zulassende, Mischung aus den
weniger auffälligen kritischen Auslassungen, ökonomischen Lehr-
sätzen und gesellschaftlichen Zukunftsvorstellungen der ver-
schiednen Sektenstifter, eine Mischung, die sich um so leichter
bewerkstelligt, je mehr den einzelnen Bestandteilen im Strom der
Debatte die scharfen Ecken der Bestimmtheit abgeschliffen sind
wie runden Kieseln im Bach. Um aus dem Sozialismus eine Wissen-
schaft zu machen, mußte er erst auf einen realen Boden gestellt
werden.
Inzwischen war neben und nach der französischen Philosophie des
18. Jahrhunderts die neuere deutsche Philosophie entstanden und
hatte in Hegel ihren Abschluß gefunden. Ihr größtes Verdienst war
die Wiederaufnahme der Dialektik als der höchsten Form des Den-
kens. Die alten griechischen Philosophen waren alle geborne, na-
turwüchsige Dialektiker, und der universellste Kopf unter ihnen,
Aristoteles, hat auch bereits die wesentlichsten Formen des dia-
lektischen Denkens untersucht. 1*) Die neuere Philosophie dage-
gen, obwohl auch in ihr die Dialektik glänzende Vertreter hatte
(z.B. Descartes und Spinoza), war besonders durch englischen Ein-
fluß mehr und mehr in der sog. metaphysischen Denkweise festge-
fahren, von der auch die Franzosen des 18. Jahrhunderts, wenig-
stens in ihren speziell philosophischen Arbeiten, fast aus-
schließlich beherrscht wurden. Außerhalb der eigentlichen Philo-
sophie waren sie ebenfalls imstande, Meisterwerke der Dialektik
zu liefern; wir erinnern nur an "Rameaus Neffen" von Diderot [24]
und die "Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit unter den
Menschen" [21] von Rousseau. - Wir geben hier kurz das Wesent-
liche beider Denkmethoden an; wir werden noch ausführlicher dar-
auf zurückzukommen haben.
-----
1*) Im ersten Entwurf der "Einleitung" lautet diese Stelle: "Die
alten griechischen Philosophen waren alle geborne, naturwüchsige
Dialektiker, und Aristoteles, der Hegel der alten Welt, hat auch
bereits die wesentlichsten Formen des dialektischen Denkens un-
tersucht."
#20# Anti-Dühring - Einleitung
-----
Wenn wir die Natur oder die Menschengeschichte oder unsre eigne
geistige Tätigkeit der denkenden Betrachtung unterwerfen, so bie-
tet sich uns zunächst dar das Bild einer unendlichen Verschlin-
gung von Zusammenhängen und Wechselwirkungen, in der nichts
bleibt, was, wo und wie es war, sondern alles sich bewegt, sich
verändert, wird und vergeht. Diese ursprüngliche, naive, aber der
Sache nach richtige Anschauung von der Welt ist die der alten
griechischen Philosophie und ist zuerst klar ausgesprochen von
Heraklit: Alles ist und ist auch nicht, denn alles f l i e ß t,
ist in steter Veränderung, in stetem Werden und Vergehn begrif-
fen. Aber diese Anschauung, so richtig sie auch den allgemeinen
Charakter des Gesamtbildes der Erscheinungen erfaßt, genügt doch
nicht, die Einzelheiten zu erklären, aus denen sich dies Gesamt-
bild zusammensetzt; und solange wir dies nicht können, sind wir
auch über das Gesamtbild nicht klar. Um diese Einzelheiten zu er-
kennen, müssen wir sie aus ihrem natürlichen oder geschichtlichen
Zusammenhang herausnehmen und sie, jede für sich, nach ihrer Be-
schaffenheit, ihren besondern Ursachen und Wirkungen etc. unter-
suchen. Dies ist zunächst die Aufgabe der Naturwissenschaft und
Geschichtsforschung; Untersuchungszweige, die aus sehr guten
Gründen bei den Griechen der klassischen Zeit einen nur unterge-
ordneten Rang einnahmen, weil diese vor allem erst das Material
zusammenschleppen mußten. Die Anfänge der exakten Naturforschung
werden erst bei den Griechen der alexandrinischen Periode [25]
und später, im Mittelalter, von den Arabern, weiter entwickelt;
eine wirkliche Naturwissenschaft datiert indes erst von der zwei-
ten Hälfte des 15. Jahrhunderts, und von da an hat sie mit stets
wachsender Geschwindigkeit Fortschritte gemacht. Die Zerlegung
der Natur in ihre einzelnen Teile, die Sonderung der verschiednen
Naturvorgänge und Naturgegenstände in bestimmte Klassen, die Un-
tersuchung des Innern der organischen Körper nach ihren mannigfa-
chen anatomischen Gestaltungen war die Grundbedingung der Riesen-
fortschritte, die die letzten 400 Jahre uns in der Erkenntnis der
Natur gebracht. Aber sie hat uns ebenfalls die Gewohnheit hinter-
lassen, die Naturdinge und Naturvorgänge in ihrer Vereinzelung,
außerhalb des großen Gesamtzusammenhangs aufzufassen; daher nicht
in ihrer Bewegung, sondern in ihrem Stillstand, nicht als wesent-
lich veränderliche, sondern als feste Bestände, nicht in ihrem
Leben, sondern in ihrem Tod. Und indem, wie dies durch Bacon und
Locke geschah, diese Anschauungsweise aus der Naturwissenschaft
sich in die Philosophie übertrug, schuf sie die spezifische Bor-
niertheit der letzten Jahrhunderte, die metaphysische Denkweise.
Für den Metaphysiker sind die Dinge und ihre Gedankenabbildcr,
die
#21# I. Allgemeines
-----
Begriffe, vereinzelte, eins nach dem andern und ohne das andre zu
betrachtende, feste, starre, ein für allemal gegebne Gegenstände
der Untersuchung. Er denkt in lauter unvermittelten Gegensätzen:
seine Rede ist ja, ja, nein, nein, was darüber ist, ist vom Übel.
Für ihn existiert ein Ding entweder, oder es existiert nicht: ein
Ding kann ebensowenig zugleich es selbst und ein andres sein. Po-
sitiv und negativ schließen einander absolut aus; Ursache und
Wirkung stehn ebenso in starrem Gegensatz zueinander. Diese Denk-
weise erscheint «ins auf den ersten Blick deswegen äußerst plau-
sibel, weil sie diejenige des sogenannten gesunden Menschenver-
standes ist. Allein der gesunde Menschenverstand, ein so respek-
tabler Geselle er auch in dem hausbackenen Gebiet seiner vier
Wände ist, erlebt ganz wunderbare Abenteuer, sobald er sich in
die weite Welt der Forschung wagt; und die metaphysische Anschau-
ungsweise, auf so weiten, je nach der Natur des Gegenstandes aus-
gedehnten Gebieten sie auch berechtigt und sogar notwendig ist,
stößt doch jedesmal früher oder später auf eine Schranke, jen-
seits welcher sie einseitig, borniert, abstrakt wird und sich in
unlösliche Widersprüche verirrt, weil sie über den einzelnen Din-
gen deren Zusammenhang, über ihrem Sein ihr Werden und Vergehn,
über ihrer Ruhe ihre Bewegung vergißt, weil sie vor lauter Bäumen
den Wald nicht sieht. Für alltägliche Fälle wissen wir z.B. und
können mit Bestimmtheit sagen, ob ein Tier existiert oder nicht;
bei genauerer Untersuchung finden wir aber, daß dies manchmal
eine höchst verwickelte Sache ist, wie das die Juristen sehr gut
wissen, die sich umsonst abgeplagt haben, eine rationelle Grenze
zu entdecken, von der an die Tötung des Kindes im Mutterleibe
Mord ist; und ebenso unmöglich ist es, den Moment des Todes fest-
zustellen, indem die Physiologie nachweist, daß der Tod nicht ein
einmaliges, augenblickliches Ereignis, sondern ein sehr langwie-
riger Vorgang ist. Ebenso ist jedes organische Wesen in jedem Au-
genblick dasselbe und nicht dasselbe; in jedem Augenblick verar-
beitet es von außen zugeführte Stoffe und scheidet andre aus, in
jedem Augenblick sterben Zellen seines Körpers ab und bilden sich
neue; je nach einer längern oder kürzern Zeit ist der Stoff die-
ses Körpers vollständig erneuert, durch andre Stoffatome ersetzt
worden, so daß jedes organisierte Wesen stets dasselbe und doch
ein andres ist. Auch finden wir bei genauerer Betrachtung, daß
die beiden Pole eines Gegensatzes, wie positiv und negativ,
ebenso untrennbar voneinander wie entgegengesetzt sind, und daß
sie trotz aller Gegensätzlichkeit sich gegenseitig durchdringen;
ebenso, daß Ursache und Wirkung Vorstellungen sind, die nur in
der Anwendung auf den einzelnen Fall als solche Gültigkeit haben,
daß sie aber, sowie wir den einzelnen Fall in seinem allgemeinen
Zusammenhang
#22# Anti-Dühring - Einleitung
-----
mit dem Weltganzen betrachten, zusammengehn, sich auflösen in der
Anschauung der universellen Wechselwirkung, wo Ursachen und Wir-
kungen fortwährend ihre Stelle wechseln, das was jetzt oder hier
Wirkung, dort oder dann Ursache wird und umgekehrt.
Alle diese Vorgänge und Denkmethoden passen nicht in den Rahmen
des metaphysischen Denkens hinein. Für die Dialektik dagegen, die
die Dinge und ihre begrifflichen Abbilder wesentlich in ihrem Zu-
sammenhang, ihrer Verkettung, ihrer Bewegung, ihrem Entstehn und
Vergehn auffaßt, sind Vorgänge wie die obigen, ebensoviel Bestä-
tigungen ihrer eignen Verfahrungsweise. Die Natur ist die Probe
auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissen-
schaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst reichli-
ches, sich täglich häufendes Material geliefert und damit be-
wiesen hat, daß es in der Natur, in letzter Instanz, dialektisch
und nicht metaphysisch hergeht. Da aber die Naturforscher bis
jetzt zu zählen sind, die dialektisch zu denken gelernt haben, so
erklärt sich aus diesem Konflikt der entdeckten Resultate mit der
hergebrachten Denkweise die grenzenlose Verwirrung, die jetzt in
der theoretischen Naturwissenschaft herrscht und die Lehrer wie
Schüler, Schriftsteller wie Leser zur Verzweiflung bringt.
Eine exakte Darstellung des Weltganzen, seiner Entwicklung und
der der Menschheit, sowie des Spiegelbildes dieser Entwicklung in
den Köpfen der Menschen, kann also nur auf dialektischem Wege,
mit steter Beachtung der allgemeinen Wechselwirkungen des Werdens
und Vergehens, der fort-oder rückschreitenden Änderungen zustande
kommen. Und in diesem Sinn trat die neuere deutsche Philosophie
auch sofort auf. Kant eröffnete seine Laufbahn damit, daß er das
stabile Newtonsche Sonnensystem und seine - nachdem der famose
erste Anstoß einmal gegeben - ewige Dauer auflöste in einen ge-
schichtlichen Vorgang: in die Entstehung der Sonne und aller Pla-
neten aus einer rotierenden Nebelmasse. Dabei zog er bereits die
Folgerung, daß mit dieser Entstehung ebenfalls der künftige
Untergang des Sonnensystems notwendig gegeben sei. [15] Seine An-
sicht wurde ein halbes Jahrhundert später durch Laplace mathema-
tisch begründet, und noch ein halbes Jahrhundert später wies das
Spektroskop die Existenz solcher glühenden Gasmassen, in ver-
schiednen Stufen der Verdichtung, im Weltraum nach. [26]
Ihren Abschluß fand diese neuere deutsche Philosophie im Hegel-
schen System, worin zum erstenmal - und das ist sein großes Ver-
dienst - die ganze natürliche, geschichtliche und geistige Welt
als ein Prozeß, d.h. als in steter Bewegung, Veränderung, Umbil-
dung und Entwicklung begriffen dargestellt und der Versuch ge-
macht wurde, den inneren Zusammenhang
#23# I. Allgemeines
-----
in dieser Bewegung und Entwicklung nachzuweisen 1*). Von diesem
Gesichtspunkt aus erschien die Geschichte der Menschheit nicht
mehr als ein wüstes Gewirr sinnloser Gewalttätigkeiten, die vor
dem Richterstuhl der jetzt gereiften Philosophenvernunft alle
gleich verwerflich sind und die man am besten so rasch wie mög-
lich vergißt, sondern als der Entwicklungsprozeß der Menschheit
selbst, dessen allmählichen Stufengang durch alle Irrwege zu ver-
folgen und dessen innere Gesetzmäßigkeit durch alle scheinbaren
Zufälligkeiten hindurch nachzuweisen jetzt die Aufgabe des Den-
kens wurde.
Daß Hegel diese Aufgabe nicht löste, ist hier gleichgültig. Sein
epochemachendes Verdienst war, sie gestellt zu haben. Es ist eben
eine Aufgabe, die kein einzelner je wird lösen können. Obwohl He-
gel - neben Saint-Simon - der universellste Kopf seiner Zeit war,
so war er doch beschränkt erstens durch den notwendig begrenzten
Umfang seiner eignen Kenntnisse und zweitens durch die ebenfalls
nach Umfang und Tiefe begrenzten Kenntnisse und Anschauungen sei-
ner Epoche. Dazu kam aber noch ein Drittes. Hegel war Idealist,
d.h., ihm galten die Gedanken seines Kopfs nicht als die mehr
oder weniger abstrakten Abbilder der wirklichen Dinge und Vor-
gänge, sondern umgekehrt galten ihm die Dinge und ihre Entwick-
lung nur als die verwirklichten Abbilder der irgendwo schon vor
der Welt existierenden "Idee". Damit war alles auf den Kopf ge-
stellt und der wirkliche Zusammenhang der Welt vollständig umge-
kehrt. Und so richtig und genial auch manche Einzelzusammenhänge
von Hegel aufgefaßt worden, so mußte doch aus den angegebnen
Gründen auch im Detail vieles geflickt, gekünstelt, konstruiert,
kurz verkehrt ausfallen. Das Hegeische System als solches war
eine kolossale Fehlgeburt - aber auch die letzte ihrer Art. Es
litt nämlich noch an einem unheilbaren innern Widerspruch: einer-
seits hatte es zur wesentlichen Voraussetzung die historische An-
schauung, wonach die menschliche Geschichte ein Entwicklungspro-
zeß ist, der seiner Natur nach nicht durch die Entdeckung einer
sogenannten absoluten Wahrheit
-----
1*) Im ersten Entwurf der "Einleitung" wird die Hegelsche Philo-
sophie so charakterisiert: "Das Hegelsche System war die letzte,
vollendetste Form der Philosophie, insofern diese als besondre,
allen andren Wissenschaften überlegne besondre Wissenschaft vor-
gestellt wird. Mit ihm scheiterte die ganze Philosophie. Was aber
blieb, war die dialektische Denkweise und die Auffassung der na-
türlichen, geschichtlichen und intellektuellen Welt als einer
sich ohne Ende bewegenden, umbildenden, in stetem Prozeß von Wer-
den und Vergehn begriffenen. Nicht nur an die Philosophie, an
alle Wissenschaften war jetzt die Forderung gestellt, die Bewe-
gungsgesetze dieses steten Umbildungsprozesses auf ihrem beson-
dern Gebiet aufzuweisen. Und dies war das Erbteil, das die Hegel-
sche Philosophie ihren Nachfolgern hinterließ."
#24# Anti-Dühring - Einleitung
-----
seinen intellektuellen Abschluß finden kann; andrerseits aber
behauptet es, der Inbegriff eben dieser absoluten Wahrheit zu
sein. Ein allumfassendes, ein für allemal abschließendes System
der Erkenntnis von Natur und Geschichte steht im Widerspruch mit
den Grundgesetzen des dialektischen Denkens; was indes keineswegs
ausschließt, sondern im Gegenteil einschließt, daß die systemati-
sche Erkenntnis der gesamten äußern Welt von Geschlecht zu Ge-
schlecht Riesenschritte machen kann.
Die Einsicht in die totale Verkehrtheit des bisherigen deutschen
Idealismus führte notwendig zum Materialismus, aber wohlgemerkt,
nicht zum bloß metaphysischen, ausschließlich mechanischen Mate-
rialismus des 18. Jahrhunderts. Gegenüber der naiv-revolutio-
nären, einfachen Verwerfung aller frühern Geschichte, sieht der
moderne Materialismus in der Geschichte den Entwicklungsprozeß
der Menschheit, dessen Bewegungsgesetze zu entdecken seine Auf-
gabe ist. Gegenüber der sowohl bei den Franzosen des 18. Jahrhun-
derts wie bei Hegel herrschenden Vorstellung von der Natur als
eines sich in engen Kreisläufen bewegenden, sich gleichbleibenden
Ganzen mit ewigen Weltkörpern, wie sie Newton, und unver-
änderlichen Arten von organischen Wesen, wie sie Linné gelehrt
hatte, faßt er die neueren Fortschritte der Naturwissenschaft zu-
sammen, wonach die Natur ebenfalls ihre Geschichte in der Zeit
hat, die Weltkörper wie die Artungen der Organismen, von denen
sie unter günstigen Umständen bewohnt werden, entstehn und ver-
gehn, und die Kreisläufe, soweit sie überhaupt zulässig sind, un-
endlich großartigere Dimensionen annehmen. In beiden Fällen ist
er wesentlich dialektisch und braucht keine über den andern Wis-
senschaften stehende Philosophie mehr. Sobald an jede einzelne
Wissenschaft die Forderung herantritt, über ihre Stellung im
Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich
klarzuwerden, ist jede besondre Wissenschaft vom Gesamtzusammen-
hang überflüssig. Was von der ganzen bisherigen Philosophie dann
noch selbständig bestehn bleibt, ist die Lehre vom Denken und
seinen Gesetzen - die formelle Logik und die Dialektik. Alles an-
dre geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Ge-
schichte.
Während jedoch der Umschwung der Naturanschauung nur in dem Maß
sich vollziehn konnte, als die Forschung den entsprechenden
positiven Erkenntnisstoff lieferte, hatten sich schon viel früher
historische Tatsachen geltend gemacht, die für die Geschichtsauf-
fassung eine entscheidende Wendung herbeiführten. 1831 hatte in
Lyon der erste Arbeiteraufstand stattgefunden; 1838 bis 1842 er-
reichte die erste nationale Arbeiterbewegung, die der englischen
Chartisten, ihren Höhepunkt. Der Klassenkampf
#25# I. Allgemeines
-----
zwischen Proletariat und Bourgeoisie trat in den Vordergrund der
Geschichte der fortgeschrittensten Länder Europas, in demselben
Maß, wie sich dort einerseits die große Industrie, andrerseits
die neueroberte politische Herrschaft der Bourgeoisie entwic-
kelte. Die Lehren der bürgerlichen Ökonomie von der Identität der
Interessen von Kapital und Arbeit, von der allgemeinen Harmonie
und dem allgemeinen Volkswohlstand als Folge der freien Konkur-
renz, wurden immer schlagender von den Tatsachen Lügen gestraft.
1*) Alle diese Dinge waren nicht mehr abzuweisen, ebensowenig wie
der französische und englische Sozialismus, der ihr theo-
retischer, wenn auch höchst unvollkommner Ausdruck war. Aber die
alte idealistische Geschichtsauffassung, die noch nicht verdrängt
war, kannte keine auf materiellen Interessen beruhenden Klassen-
kämpfe, überhaupt keine materiellen Interessen; die Produktion
wie alle ökonomischen Verhältnisse kamen in ihr nur so nebenbei,
als untergeordnete Elemente der - Kulturgeschichte " vor.
Die neuen Tatsachen zwangen dazu, die ganze bisherige Geschichte
einer neuen Untersuchung zu unterwerfen, und da zeigte sich, daß
a l l e bisherige Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen
war [27], daß diese einander bekämpfenden Klassen der Gesell-
schaft jedesmal Erzeugnisse sind der Produktions- und Verkehrs-
verhältnisse, mit Einem Wort der ö k o n o m i s c h e n Ver-
hältnisse ihrer Epoche; daß also die jedesmalige ökonomische
Struktur der Gesellschaft die reale Grundlage bildet, aus der der
gesamte Überbau der rechtlichen und politischen Einrichtungen so-
wie der religiösen, philosophischen und sonstigen Vorstellungs-
weise eines jeden geschichtlichen Zeitabschnittes in letzter In-
stanz zu erklären sind. Hiermit war der Idealismus aus seinem
letzten Zufluchtsort, aus der Geschichtsauffassung, vertrieben,
eine materialistische Geschichtsauffassung gegeben und der Weg
gefunden, um das Bewußtsein der Menschen aus ihrem Sein, statt
wie bisher ihr Sein aus ihrem Bewußtsein zu erklären.
Mit dieser materialistischen Geschichtsauffassung war aber der
bisherige Sozialismus ebenso unverträglich wie die Naturauffas-
sung des französischen Materialismus mit der Dialektik und der
neueren Naturwissenschaft.
-----
1*) Im ersten Entwurf der "Einleitung" heißt es weiter: "In
Frankreich hatte die Lyoner Insurrektion von 1834 ebenfalls den
Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie proklamiert. Die
englischen und französischen sozialistischen Theorien bekamen hi-
storische Bedeutung und mußten auch in Deutschland Widerhall und
Kritik hervorrufen, obwohl dort dieProduktion eben erst anfing,
sich aus dem Kleinbetrieb herauszuarbeiten. Der theoretische So-
zialismus, wie er sich Jetzt nicht so sehr in Deutschland als un-
ter Deutschen bildete, hatte also sein ganzes Material zu impor-
tieren..."
#26# Anti-Dühring - Einleitung
-----
Der bisherige Sozialismus kritisierte zwar die bestehende
kapitalistische Produktionsweise und ihre Folgen, konnte sie aber
nicht erklären, also auch nicht mit ihr fertig werden; er konnte
sie nur einfach als. schlecht verwerfen. Es handelte sich aber
darum, diese kapitalistische Produktionsweise einerseits in ihrem
geschichtlichen Zusammenhang und ihrer Notwendigkeit für einen
bestimmten geschichtlichen Zeitabschnitt, also auch die Notwen-
digkeit ihres Untergangs, darzustellen, andrerseits aber auch ih-
ren innern Charakter zu enthüllen, der noch immer verborgen war,
da die bisherige Kritik sich mehr auf die üblen Folgen als auf
den Gang der Sache selbst geworfen hätte. Dies geschah durch die
Entdeckung des M e h r w e r t s. Es wurde bewiesen, daß die
Aneignung unbezahlter Arbeit die Grundform der kapitalistischen
Produktionsweise und der durch sie vollzognen Ausbeutung des Ar-
beiters ist; daß der Kapitalist, selbst wenn er die Arbeitskraft
seines Arbeiters zum vollen Wert kauft, den sie als Ware auf dem
Warenmarkt hat, dennoch mehr Wert aus ihr herausschlägt, als er
für sie bezahlt hat; und daß dieser Mehrwert in letzter Instanz
die Wertsumme bildet, aus der sich die stets wachsende Kapital-
masse in den Händen der besitzenden Klassen aufhäuft. Der Hergang
sowohl der kapitalistischen Produktion wie der Produktion von Ka-
pital war erklärt.
Diese beiden großen Entdeckungen: die materialistische
Geschichtsauffassung und die Enthüllung des Geheimnisses der ka-
pitalistischen Produktion vermittelst des Mehrwerts, verdanken
wir M a r x. Mit ihnen wurde der Sozialismus eine Wissenschaft,
die es sich nun zunächst darum handelt, in allen ihren Einzeln-
heiten und Zusammenhängen weiter auszuarbeiten.
So etwa standen die Sachen auf dem Gebiete des theoretischen
Sozialismus und der verstorbenen Philosophie, als Herr Eugen Düh-
ring nicht ohne beträchtliches Gepolter auf die Bühne sprang und
eine durch ihn vollzogene, totale Umwälzung der Philosophie, der
politischen Ökonomie und des Sozialismus ankündigte.
Sehn wir zu, was Herr Dühring uns verspricht und - was er hält.
II. Was Herr Dühring verspricht
Herrn Dührings zunächst hierher gehörige Schriften sind sein
"Cursus der Philosophie", sein "Cursus der National- und Social-
ökonomie" und seine "Kritische Geschichte der Nationalökonomie
und des Socialismus". Zunächst interessiert uns vorwiegend das
erste Werk.
#27# II. Was Herr Dühring verspricht
-----
Gleich auf der ersten Seite kündigt Herr Dühring sich an als
"denjenigen, der die V e r t r e t u n g dieser Macht" (der
Philosophie) "in seiner Zeit und für die zunächst absehbare Ent-
faltung derselben i n A n s p r u c h n i m m t" 1*).
Er erklärt sich also für den einzig wahren Philosophen der Gegen-
wart und "absehbaren" Zukunft. Wer von ihm abweicht, weicht ab
von der Wahrheit. Viele Leute haben, schon vor Herrn Dühring, so
etwas von sich selbst g e d a c h t, aber er ist - außer
Richard Wagner - wohl der erste, der es von sich selbst gelassen
ausspricht. Und zwar ist die Wahrheit, um die es sich bei ihm
handelt,
"eine endgültige Wahrheit letzter Instanz".
Die Philosophie des Herrn Dühring ist
"das n a t ü r l i c h e System oder die W i r k l i c h-
k e i t s p h i l o s o p h i e ... die Wirklichkeit wird in ihm
in einer Weise gedacht, die j e d e A n w a n d l u n g zu ei-
ner traumhaften und subjektivistisch beschränkten Weltvorstellung
a u s s c h l i e ß t".
Diese Philosophie ist also so beschaffen, daß sie Herrn Dühring
über die von ihm selbst nicht zu leugnenden Schranken seiner per-
sönlich-subjektiven Beschränktheit hinaushebt. Es ist dies aller-
dings nötig, wenn er imstande sein soll, endgültige Wahrheiten
letzter Instanz festzustellen, obwohl wir bis jetzt noch nicht
einsehn, wie dies Wunder sich bewerkstelligen soll.
Dies "natürliche System des an sich für den Geist wertvollen Wis-
sens" hat, "ohne der Tiefe des Gedankens etwas zu vergeben, die
Grundgestaltcn des Seins s i c h e r f e s t g e s t e l l t".
Von seinem "wirklich kritischen Standpunkt" aus bietet es "die
Elemente einer wirklichen und demgemäß auf die Wirklichkeit der
Natur und des Lebens gerichteten Philosophie, welche keinen bloß
scheinbaren Horizont gelten läßt, sondern in i h r e r
m ä c h t i g u m w ä l z e n d e n B e w e g u n g a l l e
E r d e n u n d H i m m e l d e r ä u ß e r e n u n d
i n n e r e n N a t u r a u f r o l l t"; es ist eine "neue
Denkweise", und ihre Resultate sind "von Grund aus eigentümliche
Ergebnisse und Anschauungen ... systemschaffende Gedanken ...
festgestellte Wahrheiten". Wir haben in ihr vor uns "eine Arbeit,
die ihre Kraft in der konzentrierten Initiative suchen muß" - was
das auch immer heißen möge; eine "b i s a n d i e W u r-
z e l n r e i c h e n d e Untersuchung ... eine w u r z e l-
h a f t e Wissenschaft ... eine s t r e n g w i s s e n-
s c h a f t l i c h e Auffassung von Dingen und Menschen ...
eine a l l s e i t i g d u r c h d r i n g e n d e Gedanken-
arbeit ... ein s c h ö p f e r i s c h e s Entwerfen der vom
Gedanken beherrschbaren Voraussetzungen und Folgen ... das a b-
s o l u t F u n d a m e n t a l e".
Er gibt uns auf ökonomisch-politischem Gebiet nicht nur
"historisch und systematisch umfassende Arbeiten", von denen die
historischen sich obendrein durch "m e i n e Geschichtszeich-
nung g r o ß e n S t i l s" auszeichnen und welche in der Öko-
nomie "schöpferische Wendungen" zuwege brachten,
-----
1*) Alle Hervorhebungen in den Zitaten aus den Schriften Dührings
stammen von Engels
#28# Anti-Dühring - Einleitung
-----
sondern schließt auch mit einem eignen vollständig ausgearbeite-
ten sozialistischen Plan für die Zukunftsgesellschaft ab, der die
"praktische Frucht einer k l a r e n und b i s a n d i e
l e t z t e n W u r z e l n r e i c h e n d e n Theorie",
und daher ebenso unfehlbar und alleinseligmachend ist wie die
Dühringsche Philosophie; denn
"nur i n d e m j e n i g e n sozialistischen Gebilde, welches
i c h i n m e i n e m 'Cursus der National- und Socialökono-
mie' gekennzeichnet habe, kann ein echtes Eigen an die Stelle des
bloß scheinbaren und vorläufigen oder aber gewaltsamen Eigentums
treten". Wonach die Zukunft sich zu richten hat.
Diese Blumenlese von Lobpreisungen des Herrn Dühring durch Herrn
Dühring ließe sich leicht ums Zehnfache vermehren. Sie dürfte
schon jetzt beim Leser einige Zweifel rege gemacht haben, ob er
es wirklich mit einem Philosophen zu tun habe oder mit - aber wir
müssen den Leser bitten, sein Urteil zurückzuhalten, bis er die
besagte Wurzelhaftigkeit wird näher kennengelernt haben. Wir ge-
ben obige Blumenlese auch nur, um zu zeigen, daß wir nicht einen
gewöhnlichen Philosophen und Sozialisten vor uns haben, der seine
Gedanken einfach ausspricht und es der weitern Entwicklung über-
läßt, über ihren Wert zu entscheiden, sondern mit einem ganz au-
ßergewöhnlichen Wesen, das nicht weniger unfehlbar zu sein be-
hauptet, als der Papst, und dessen alleinseligmachende Lehre man
einfach anzunehmen hat, wenn man nicht der verwerflichsten Ketze-
rei verfallen will. Wir haben es keineswegs mit einer jener Ar-
beiten zu tun, an denen alle sozialistischen Literaturen und neu-
erdings auch die deutsche überreich sind, Arbeiten, in denen
Leute verschiednen Kalibers sich in der aufrichtigsten Weise von
der Welt über Fragen klarzuwerden suchen, zu deren Beantwortung
ihnen das Material vielleicht mehr oder weniger abgeht; Arbeiten,
bei denen, was auch ihre wissenschaftlichen und literarischen
Mängel, der sozialistische gute Wille immer anerkennenswert ist.
Im Gegenteil, Herr Dühring bietet uns Sätze, die er für endgül-
tige Wahrheiten letzter Instanz erklärt, neben denen jede andre
Meinung also von vornherein falsch ist; wie die ausschließliche
Wahrheit, so hat er auch die einzige streng wissenschaftliche Me-
thode der Untersuchung, neben der alle andern unwissenschaftlich
sind. Entweder hat er recht - und dann stehn wir vor dem größten
Genie aller Zeiten, dem ersten übermenschlichen, weil unfehlbaren
Menschen. Oder er hat unrecht, und auch dann, wie unser Urteil
immer ausfallen möge, wäre wohlwollende Rücksichtnahme auf seinen
etwaigen guten Willen immer noch die tödlichste Beleidigung für
Herrn Dühring.
#29# II. Was Herr Dühring verspricht
-----
Wenn man im Besitz der endgültigen Wahrheit letzter Instanz und
der einzig strengen Wissenschaftlichkeit ist, so muß man
selbstredend für die übrige irrende und unwissenschaftliche
Menschheit eine ziemliche Verachtung haben. Wir dürfen uns also
nicht wundern, wenn Herr Dühring von seinen Vorgängern mit der
äußersten Wegwerfung spricht, und wenn nur wenige, ausnahmsweise
von ihm selbst ernannte große Männer vor seiner Wurzelhaftigkeit
Gnade finden.
Hören wir ihn zuerst über die Philosophen:
"Der jeder besseren Gesinnung bare L e i b n i z,... dieser be-
ste unter allen höfisch möglichen Philosophierern."
K a n t wird noch soeben geduldet; aber nach ihm ging alles
drunter und drüber:
es kamen die "Wüstheiten und ebenso läppischen als windigen Tor-
heiten der nächsten Epigonen, also namentlich eines F i c h t e
und S c h e l l i n g ... ungeheuerliche Zerrbilder unwissender
Naturphilosophastrik ... die nachkantischen Ungeheuerlichkeiten"
und "Fieberphantasien", denen die Krone aufsetzte "ein
H e g e l". Dieser sprach einen "Hegel-Jargon" und verbreitete
die "Hegel-Seuche" vermittelst seiner "überdies noch in der Form
unwissenschaftlichen Manier" und seiner "Kruditäten".
Den Naturforschern geht's nicht besser, doch wird nur Darwin
namentlich aufgeführt, und so müssen wir uns auf diesen beschrän-
ken:
"Darwinistische Halbpoesie und Metamorphosenfertigkeit mit ihrer
grobsinnlichen Enge der Auffassung und Stumpfheit der Unterschei-
dungskraft... Unseres Erachtens ist der spezifische Darwinismus,
wovon natürlich die Lamarckschen Aufstellungen auszunehmen sind,
e i n S t ü c k, g e g e n d i e H u m a n i t ä t g e-
r i c h t e t e B r u t a l i t ä t."
Am schlimmsten aber kommen die Sozialisten weg. Mit Ausnahme von
allenfalls Louis Blanc - dem unbedeutendsten von allen - sind sie
allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den sie vor (oder hinter)
Herrn Dühring haben sollten. Und nicht nur der Wahrheit und Wis-
senschaftlichkeit, nein, auch dem Charakter nach. Mit Ausnahme
von Babeuf und einigen Kommunards von 1871 sind sie allesamt
keine "Männer". Die drei Utopisten heißen "soziale Alchimisten".
Von ihnen wird Saint-Simon noch insoweit glimpflich behandelt,
als ihm bloß "Überspanntheit" vorgeworfen und mitleidig angedeu-
tet wird, er habe an religiösem Wahnsinn gelitten. Bei Fourier
dagegen reißt Herrn Dühring die Geduld vollständig. Denn Fourier
"enthüllte alle Elemente des Wahnwitzes ... Ideen, die man sonst
am ehesten in Irrenhäusern aufsucht ... wüsteste Träume ... Er-
zeugnisse des Wahnwitzes. ... Der unsäglich alberne Fourier",
dieses "Kinderköpfchen", dieser "Idiot" ist dabei nicht einmal
ein Sozialist; sein Phalanstère [28] ist durchaus kein Stück ra-
tioneller Sozialismus, sondern "ein nach der Schablone des ge-
wöhnlichen Verkehrs konstruiertes Mißgebilde".
#30# Anti-Dühring - Einleitung
-----
Und endlich:
"Wem diese Auslassungen" (Fouriers über Newton) "...nicht genü-
gen, um sich zu überzeugen, daß in Fouriers Namen und am ganzen
Fourierismus nur die erste Silbe" (fou = verrückt) "etwas Wahres
besagt, der dürfte s e l b s t u n t e r i r g e n d e i n e r
K a t e g o r i e v o n I d i o t e n e i n z u r e i h e n
s e i n."
Endlich, Robert Owen
"hatte matte und dürftige Ideen ... sein im Punkte der Moral so
rohes Denken ... einige ins Verschrobene ausgeartete Gemeinplätze
... widersinnige und rohe Anschauungsweise .,. Owens Vorstel-
lungslauf ist kaum wert, daß man eine ernstere Kritik zur Geltung
bringe ... seine Eitelkeit" usw.
Wenn also Herr Dühring die Utopisten nach ihren Namen äußerst
geistreich folgendermaßen kennzeichnet: Saint-Simon - saint
(heilig), Fourier - fou (verrückt), Enfantin - enfant (kindisch),
so fehlt nur noch, daß er hinzusetzt: Owen - o weh! und eine ganz
bedeutende Periode der Geschichte des Sozialismus ist mit vier
Worten einfach - verdonnert, und wer daran zweifelt, der "dürfte
selbst unter irgendeine Kategorie von Idioten einzureihen sein".
Von den Dühringschen Urteilen über die spätem Sozialisten nehmen
wir der Kürze halber nur noch die über Lassalle und Marx heraus:
Lassalle: "Pedantisch-klaubende Popularisierungsversuche ...
überwuchernde Scholastik ... ungeheuerliches Gemisch von allge-
meiner Theorie und kleinlichem Quark ... sinn- und formlose He-
gel-Superstition ... abschreckendes Beispiel ... eigne Be-
schränktheit ... Wichtigtuerei mit dem gleichgültigsten Kleinkram
... unser jüdischer Held ... Pamphletschreiber ... ordinär ...
innere Haltungslosigkeit der Lebens- und Weltanschauung."
Marx: "Beengtheit der Auffassung ... seine Arbeiten und Leistun-
gen sind an und für sich, d.h. rein theoretisch betrachtet, für
unser Gebiet" (die kritische Geschichte des Sozialismus) "ohne
dauernde Bedeutung und für die allgemeine Geschichte der geisti-
gen Strömung höchstens als Symptome der Einwirkung eines Zweigs
der neueren Sektenscholastik anzuführen ... Ohnmacht der konzen-
trierenden und ordnenden Fähigkeiten ... Unförmlicbkeit der Ge-
danken und des Stils, würdelose Allüren der Sprache ... engli-
sierte Eitelkeit ... Düpierung ... wüste Konzeptionen, die in der
Tat nur Bastarde historischer und logischer Phantastik sind ...
trügerische Wendung ... persönliche Eitelkeit ... schnöde Manier-
chen ... schnoddrig ... schöngeistige Plätzchen und Mätzchen ...
Chinesengelehrsamkeit ... philosophische und wissenschaftliche
Rückständigkeit."
Und so weiter, und so weiter - denn auch dies ist nur eine kleine
oberflächliche Blumenlese aus dem Dühringschen Rosengarten.
Wohlverstanden, vorderhand geht es uns noch gar nichts an, ob
diese liebenswürdigen
#31# II. Was Herr Dühring verspricht
-----
Schimpfereien, die es Herrn Dühring, bei einiger Bildung, verbie-
ten sollten, i r g e n d e t w a s schnöde und schnoddrig zu
finden, ebenfalls endgültige Wahrheiten letzter Instanz sind.
Auch werden wir uns - jetzt noch - hüten, irgendeinen Zweifel an
ihrer Wurzelhaftigkeit laut worden zu lassen, da man uns sonst
vielleicht sogar verbieten dürfte, die Kategorie von Idioten
auszusuchen, zu der wir gehören. Wir haben es nur für unsre
Schuldigkeit gehalten, einerseits ein Beispiel davon zu geben,
was Herr Dühring
"das Gewählte der rücksichtsvollen und im echten Sinn des Worts
bescheidnen Ausdrucksart"
nennt, und andrerseits festzustellen, daß bei Herrn Dühring die
Verwerflichkeit seiner Vorgänger nicht minder feststeht, als
seine eigne Unfehlbarkeit. Hiernach ersterben wir in tiefster
Ehrerbietung vor dem gewaltigsten Genius aller Zeiten - wenn sich
das alles nämlich so verhält.
zurück