Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur


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       DRITTER ABSCHNITT
       
       Sozialismus
       
       I. Geschichtliches
       
       Wir sahen in der Einleitung *), wie die französischen Philosophen
       des 18. Jahrhunderts, die Vorbereiter der Revolution, an die Ver-
       nunft appellierten,  als einzige  Richterin über  alles, was  be-
       stand. Ein  vernünftiger  Staat,  eine  vernünftige  Gesellschaft
       sollten hergestellt,  alles, was der ewigen Vernunft widersprach,
       sollte ohne Barmherzigkeit beseitigt werden. Wir sahen ebenfalls,
       daß diese  ewige Vernunft  in Wirklichkeit nichts andres war, als
       der idealisierte  Verstand des  eben damals  zum  Bourgeois  sich
       fortentwickelnden Mittelbürgers. Als nun die französische Revolu-
       tion diese Vernunftgesellschaft und diesen Vernunftstaat verwirk-
       licht hatte,  stellten sich daher die neuen Einrichtungen, so ra-
       tionell sie  auch waren  gegenüber den frühern Zuständen, keines-
       wegs als  absolut vernünftige heraus. Der Vernunftstaat war voll-
       ständig in  die Brüche  gegangen. Der Rousseausche Gesellschafts-
       vertrag  [21]   hatte  seine   Verwirklichung  gefunden   in  der
       Schreckenszeit, aus  der das  an seiner  eignen  politischen  Be-
       fähigung irre  gewordne Bürgertum sich geflüchtet hatte zuerst in
       die Korruption  des Direktoriums und schließlich unter den Schutz
       des napoleonischen Despotismus. [130] Der verheißene ewige Friede
       war umgeschlagen in einen endlosen Eroberungskrieg. Die Vernunft-
       gesellschaft war  nicht besser  gefahren. Der Gegensatz von reich
       und arm,  statt sich  aufzulösen im  allgemeinen Wohlergehn,  war
       verschärft worden  durch die  Beseitigung der  ihn überbrückenden
       zünftigen und  andern Privilegien und der ihn mildernden kirchli-
       chen Wohltätigkeitsanstalten;  der Aufschwung  der Industrie  auf
       kapitalistischer Grundlage  erhob Armut und Elend der arbeitenden
       Massen zu  einer Lebensbedingung  der Gesellschaft.  Die Zahl der
       Verbrechen nahm zu von
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       *) Vgl. "Philosophie" I. [129]
       
       #240# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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       Jahr zu Jahr. Waren die früher am hellen Tage sich ungescheut er-
       gehenden feudalen Laster zwar nicht vernichtet, so doch vorläufig
       in den Hintergrund gedrängt, so schössen dafür die, bisher nur in
       der Stille  gehegten, bürgerlichen  Laster um  so üppiger  in die
       Blüte. Der  Handel entwickelte  sich mehr und mehr zur Prellerei.
       Die "Brüderlichkeit" der revolutionären Devise verwirklichte sich
       in den Schikanen und dem Neid des Konkurrenzkampfs. An die Stelle
       der gewaltsamen  Unterdrückung trat die Korruption, an die Stelle
       des Degens,  als des  ersten gesellschaftlichen  Machthebels, das
       Geld. Das  Recht der  ersten Nacht ging über von den Feudalherren
       auf die  bürgerlichen Fabrikanten. Die Prostitution breitete sich
       aus in bisher unerhörtem Maß. Die Ehe selbst blieb, nach wie vor,
       gesetzlich anerkannte  Form, offizieller Deckmantel der Prostitu-
       tion, und ergänzte sich zudem durch reichlichen Ehebruch. Kurzum,
       verglichen mit den prunkhaften Verheißungen der Aufklärer, erwie-
       sen sich  die durch den "Sieg der Vernunft" hergestellten gesell-
       schaftlichen und  politischen Einrichtungen  als  bitter  enttäu-
       schende Zerrbilder. Es fehlten nur noch die Leute, die diese Ent-
       täuschung konstatierten,  und diese kamen mit der Wende des Jahr-
       hunderts. 1802  erschienen Saint-Simons  Genfer Briefe;  1808 er-
       schien Fouriers  erstes Werk, obwohl die Grundlage seiner Theorie
       schon von  1799 datierte;  am ersten  Januar 1800 übernahm Robert
       Owen die Leitung von New Lanark [131].
       Um diese  Zeit aber  war die kapitalistische Produktionsweise und
       mit ihr  der Gegensatz  von Bourgeoisie und Proletariat noch sehr
       unentwickelt. Die  große Industrie, in England eben erst entstan-
       den, war  in Frankreich noch unbekannt. Aber erst die große Indu-
       strie entwickelt einerseits die Konflikte, die eine Umwälzung der
       Produktionsweise zur zwingenden Notwendigkeit erheben - Konflikte
       nicht nur der von ihr erzeugten Klassen, sondern auch der von ihr
       geschaffnen Produktivkräfte und Austauschformen selbst -; und sie
       entwickelt andrerseits  in eben  diesen riesigen Produktivkräften
       auch die Mittel, diese Konflikte zu lösen. Waren also um 1800 die
       der neuen  Gesellschaftsordnung entspringenden  Konflikte erst im
       Werden begriffen, so gilt dies noch weit mehr von den Mitteln ih-
       rer Lösung.  Hatten die  besitzlosen Massen von Paris während der
       Schreckenszeit einen Augenblick die Herrschaft erobern können, so
       hatten sie damit nur bewiesen, wie unmöglich diese Herrschaft un-
       ter den  damaligen Verhältnissen war. Das sich aus diesen besitz-
       losen Massen  eben erst  als Stamm einer neuen Klasse absondernde
       Proletariat, noch  ganz unfähig  zu selbständiger politischer Ak-
       tion, stellte sich dar als unterdrückter, leidender Stand, dem in
       seiner Unfähigkeit,  sich selbst  zu helfen,  höchstens von außen
       her, von oben herab Hülfe zu bringen war.
       
       #241# I. Geschichtliches
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       Diese geschichtliche Lage beherrschte auch die Stifter des Sozia-
       lismus. Dem  unreifen Stand  der kapitalistischen Produktion, der
       unreifen Klassenlage entsprachen unreife Theorien. Die Lösung der
       gesellschaftlichen Aufgaben,  die in  den unentwickelten ökonomi-
       schen Verhältnissen  noch verborgen lag, sollte aus dem Kopfe er-
       zeugt werden. Die Gesellschaft bot nur Mißstände; sie zu beseiti-
       gen war  Aufgabe der  denkenden Vernunft. Es handelte sich darum,
       ein neues  vollkommneres System der gesellschaftlichen Ordnung zu
       erfinden und  dies der  Gesellschaft von  außen her,  durch  Pro-
       paganda, womöglich  durch  das  Beispiel  von  Musterexperimenten
       aufzuoktroyieren. Diese neuen sozialen Systeme waren von vornher-
       ein zur Utopie verdammt; je weiter sie in ihren Einzelheiten aus-
       gearbeitet wurden,  desto mehr  mußten sie  in reine Phantasterei
       verlaufen.
       Dies einmal  festgestellt, halten  wir uns bei dieser, Jetzt ganz
       der Vergangenheit angehörigen Seite keinen Augenblick länger auf.
       Wir können es literarischen Kleinkrämern à la Dühring überlassen,
       an diesen,  heute nur  noch erheiternden Phantastereien feierlich
       herumzuklauben und die Überlegenheit ihrer eignen nüchternen Den-
       kungsart geltend  zu machen  gegenüber  solchem  "Wahnwitz".  Wir
       freuen uns  lieber der  genialen Gedankenkeime  und Gedanken, die
       unter der phantastischen Hülle überall hervorbrechen, und für die
       jene Philister blind sind.
       Saint-Simon stellt bereits in seinen Genfer Briefen den Satz auf,
       daß
       
       "alle Menschen arbeiten sollen".
       
       In derselben  Schrift weiß er schon, daß die Schreckensherrschaft
       die Herrschaft der besitzlosen Massen war.
       
       "Seht an", ruft er ihnen zu, "was sich in Frankreich ereignet hat
       zu der  Zeit, als  eure Kameraden  dort geherrscht; sie haben die
       Hungersnot erzeugt." [132]
       
       Die französische  Revolution aber als einen Klassenkampf zwischen
       Adel, Bürgertum  und Besitzlosen  aufzufassen, war  im Jahr  1802
       eine höchst  geniale Entdeckung.  1816 erklärt er die Politik für
       die Wissenschaft  der Produktion  und sagt  voraus das  gänzliche
       Aufgehn der  Politik in  der Ökonomie.  [133] Wenn hierin die Er-
       kenntnis, daß die ökonomische Lage die Basis der politischen Ein-
       richtungen ist,  nur erst  im Keime  sich zeigt,  so ist doch die
       Überführung der  politischen Regierung über Menschen in eine Ver-
       waltung von  Dingen und  eine Leitung  von  Produktionsprozessen,
       also die  neuerdings mit  so viel  Lärm breitgetretné Abschaffung
       des Staats hier schon klar ausgesprochen. Mit gleicher Überlegen-
       heit über  seine Zeitgenossen  proklamiert er  1814,  unmittelbar
       nach dem  Einzug der Verbündeten in Paris, und noch 1815, während
       des Kriegs der Hundert Tage, die Allianz
       
       #242# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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       Frankreichs mit  England und  in zweiter  Linie beider Länder mit
       Deutschland als  einzige Gewähr  für die  gedeihliche Entwicklung
       und den  Frieden Europas.  [1349 Allianz  den Franzosen  von 1815
       predigen mit  den Siegern  von Waterloo,  dazu gehörte allerdings
       etwas mehr  Mut, als den deutschen Professoren einen Klatschkrieg
       zu erklären. [135]
       Wenn wir bei Saint-Simon eine geniale Weite des Blicks entdecken,
       vermöge deren  fast alle  nicht streng  ökonomischen Gedanken der
       spätem Sozialisten  bei ihm im Keim enthalten sind, so finden wir
       bei Fourier  eine echt  französisch-geistreiche, aber darum nicht
       minder tief  eindringende Kritik der bestehenden Gesellschaftszu-
       stände. Fourier  nimmt die Bourgeoisie, ihre begeisterten Prophe-
       ten von vor, und ihre interessierten Lobhudler von nach der Revo-
       lution beim  Worte. Er deckt die materielle und moralische Misère
       der bürgerlichen  Welt unbarmherzig  auf, er  hält daneben sowohl
       die gleißenden Versprechungen der Aufklärer von der Gesellschaft,
       in der nur die Vernunft herrschen werde, von der alles beglücken-
       den Zivilisation,  von der grenzenlosen menschlichen Vervollkomm-
       nungsfähigkeit,  wie  auch  die  schönfärbenden  Redensarten  der
       gleichzeitigen Bourgeois-Ideologen;  er weist nach, wie der hoch-
       tönendsten Phrase  überall die  erbärmlichste  Wirklichkeit  ent-
       spricht, und überschüttet dies rettungslose Fiasko der Phrase mit
       beißendem Spott.  Fourier ist nicht nur Kritiker, seine ewig hei-
       tere Natur macht ihn zum Satiriker, und zwar zu einem der größten
       Satiriker aller Zeiten. Die mit dem Niedergang der Revolution em-
       porblühende Schwindelspekulation  ebenso wie  die allgemeine Krä-
       merhaftigkeit des  damaligen französischen  Handels schildert  er
       ebenso meisterhaft  wie ergötzlich.  Noch meisterhafter ist seine
       Kritik der  bürgerlichen Gestaltung  der  Geschlechtsverhältnisse
       und der  Stellung des Weibes in der bürgerlichen Gesellschaft. Er
       spricht es  zuerst aus,  daß in  einer gegebnen  Gesellschaft der
       Grad der weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemei-
       nen Emanzipation  ist. [136] Am großartigsten aber erscheint Fou-
       rier in  seiner Auffassung  der Geschichte  der Gesellschaft.  Er
       teilt ihren ganzen bisherigen Verlauf in vier Entwicklungsstufen:
       Wildheit, Patriarchat, Barbarei, Zivilisation, welch letztere mit
       der jetzt  sogenannten bürgerlichen  Gesellschaft  zusammenfällt,
       und weist nach,
       
       "daß die  zivilisierte Ordnung jedes Laster, welches die Barbarei
       auf eine  einfache Weise ausübt, zu einer zusammengesetzten, dop-
       pelsinnigen, zweideutigen, heuchlerischen Daseinsweise erhebt",
       
       daß die  Zivilisation sich  in einem "fehlerhaften Kreislauf" be-
       wegt, in Widersprüchen, die sie stets neu erzeugt, ohne sie über-
       winden zu können,
       
       #243# I. Geschichtliches
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       so daß sie stets das Gegenteil erreicht von dem, was sie erlangen
       will oder erlangen zu wollen vorgibt. [137] So daß z.B.
       
       "in der  Zivilisation die  Armut aus  dem  Überfluß  selbst  ent-
       springt". [138]
       
       Fourier, wie  man sieht,  handhabt die  Dialektik  mit  derselben
       Meisterschaft wie  sein Zeitgenosse Hegel. Mit gleicher Dialektik
       hebt er  hervor, gegenüber  dem Gerede  von der unbegrenzten men-
       schlichen  Vervollkommnungsfähigkeit,   daß  jede  geschichtliche
       Phase ihren  aufsteigenden, aber  auch ihren absteigenden Ast hat
       [139], und wendet diese Anschauungsweise auch auf die Zukunft der
       gesamten Menschheit an. Wie Kant den künftigen Untergang der Erde
       in die  Naturwissenschaft, führt  Fourier den künftigen Untergang
       der Menschheit in die Geschichtsbetrachtung ein. -
       Während in Frankreich der Orkan der Revolution das Land ausfegte,
       ging in  England eine stillere, aber darum nicht minder gewaltige
       Umwälzung vor  sich. Der  Dampf und  die neue Werkzeugmaschinerie
       verwandelten die  Manufaktur in  die moderne  große Industrie und
       revolutionierten damit  die ganze  Grundlage der bürgerlichen Ge-
       sellschaft. Der  schläfrige Entwicklungsgang  der  Manufakturzeit
       verwandelte sich  in eine  wahre Sturm- und Drangperiode der Pro-
       duktion. Mit  stets wachsender  Schnelligkeit  vollzog  sich  die
       Scheidung der  Gesellschaft in  große Kapitalisten und besitzlose
       Proletarier, zwischen  denen, statt  des frühern stabilen Mittel-
       standes, jetzt  eine unstete Masse von Handwerkern und Kleinhänd-
       lern eine  schwankende Existenz  führte, der fluktuierendste Teil
       der Bevölkerung.  Noch war  die neue Produktionsweise erst im An-
       fang ihres  aufsteigenden Asts; noch war sie die normale, die un-
       ter den  Umständen einzig  mögliche Produktionsweise.  Aber schon
       damals erzeugte  sie schreiende  soziale Mißstände: Zusammendrän-
       gung einer heimatlosen Bevölkerung in den schlechtesten Wohnstät-
       ten großer  Städte - Lösung aller hergebrachten Bande des Herkom-
       mens, der  patriarchalischen Unterordnung,  der Familie - Überar-
       beit besonders der Weiber und Kinder in schreckenerregendem Maß -
       massenhafte Demoralisation  der plötzlich  in ganz  neue Verhält-
       nisse geworfnen  arbeitenden Klasse.  Da trat ein neunundzwanzig-
       jähriger Fabrikant als Reformator auf, ein Mann von bis zur Erha-
       benheit kindlicher  Einfachheit des  Charakters und  zugleich ein
       geborner Lenker  von Menschen  wie wenige. Robert Owen hatte sich
       die Lehre  der materialistischen  Aufklärer angeeignet,  daß  der
       Charakter des  Menschen das Produkt sei einerseits der angebornen
       Organisation und  andrerseits der den Menschen während seiner Le-
       benszeit, besonders aber während der Entwicklungsperiode umgeben-
       den Umstände. In der industriellen Revolution sahen die meisten
       
       #244# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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       seiner Standesgenossen  nur Verwirrung und Chaos, gut, um im trü-
       ben zu  fischen und  sich rasch  zu bereichern. Er sah in ihr die
       Gelegenheit, seinen Lieblingssatz zur Anwendung und damit Ordnung
       in das  Chaos zu bringen. Er hatte es schon in Manchester als Di-
       rigent über  fünfhundert Arbeiter  einer Fabrik  erfolgreich ver-
       sucht; von  1800 bis  1829 leitete er die große Baumwollspinnerei
       von New Lanark in Schottland als dirigierender Associé in demsel-
       ben Sinn,  nur mit  größerer Freiheit des Handelns, und mit einem
       Erfolg, der  ihm europäischen  Ruf eintrug.  Eine allmählich  auf
       2500 Köpfe  anwachsende, ursprünglich  aus den  gemischtesten und
       größtenteils stark  demoralisierten Elementen  sich  zusammenset-
       zende Bevölkerung wandelte er um in eine vollständige Musterkolo-
       nie, in  der Trunkenheit, Polizei, Strafrichter, Prozesse, Armen-
       pflege, Wohltätigkeitsbedürfnis  unbekannte Dinge waren. Und zwar
       einfach dadurch,  daß er  die Leute in menschenwürdigere Umstände
       versetzte und namentlich die heranwachsende Generation sorgfältig
       erziehen ließ.  Er war  der Erfinder  der Kleinkinderschulen  und
       führte sie  hier zuerst ein. Vom zweiten Lebensjahre an kamen die
       Kinder in  die Schule,  wo sie  sich so gut unterhielten, daß sie
       kaum wieder heimzubringen waren. Während seine Konkurrenten drei-
       zehn bis vierzehn Stunden täglich arbeiteten, wurde in New Lanark
       nur zehneinhalb  Stunden gearbeitet. Als eine Baumwollenkrisis zu
       viermonatigem Stillstand zwang, wurde den feiernden Arbeitern der
       volle Lohn  fortbezahlt. Und dabei hatte das Etablissement seinen
       Wert mehr als verdoppelt und bis zuletzt den Eigentümern reichli-
       chen Gewinn abgeworfen.
       Mit alledem war Owen nicht zufrieden. Die Existenz, die er seinen
       Arbeitern geschaffen,  war in  seinen Augen noch lange keine men-
       schenwürdige;
       
       "die Leute waren meine Sklaven":
       
       die relativ  günstigen Umstände,  in die  er sie  versetzt, waren
       noch weit entfernt davon, eine allseitige und rationelle Entwick-
       lung des Charakters und des Verstandes, geschweige eine freie Le-
       benstätigkeit zu gestatten.
       
       "Und doch  produzierte der  arbeitende Teil  dieser 2500 Menschen
       ebensoviel wirklichen Reichtum für die Gesellschaft, wie kaum ein
       halbes Jahrhundert  vorher eine  Bevölkerung von 600 000 erzeugen
       konnte. Ich  frug mich:  was wird  aus der Differenz zwischen dem
       von 2500  Personen verzehrten  Reichtum und  demjenigen, den  die
       600 000 hätten verzehren müssen?"
       
       Die Antwort  war klar.  Er war  verwandt worden, um den Besitzern
       des Etablissements  fünf Prozent Zinsen vom Anlagekapital und au-
       ßerdem noch  mehr als  300 000 Pfd. Sterling (6 000 000 Mark) Ge-
       winn abzuwerfen.  Und was von New Lanark, galt in noch höherm Maß
       von allen Fabriken Englands.
       
       #245# I. Geschichtliches
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       "Ohne diesen neuen, durch die Maschinen geschaffnen Reichtum hät-
       ten die  Kriege zum Sturz Napoleons und zur Aufrechterhaltung der
       aristokratischen Gesellschaftsprinzipien  nicht durchgeführt wer-
       den können.  Und doch  war diese neue Macht die Schöpfung der ar-
       beitenden Klasse." [140]
       
       Ihr gehörten  daher  auch  die  Früchte.  Die  neuen,  gewaltigen
       Produktivkräfte, bisher  nur der  Bereicherung einzelner  und der
       Knechtung der Massen dienend, boten für Owen die Grundlage zu ei-
       ner gesellschaftlichen  Neubildung, und  waren dazu bestimmt, als
       gemeinsames Eigentum aller nur für die gemeinsame Wohlfahrt aller
       zu arbeiten.
       Auf solche  rein geschäftsmäßige  Weise, als Frucht sozusagen der
       kaufmännischen  Berechnung  entstand  der  Owensche  Kommunismus.
       Denselben auf  das Praktische  gerichteten  Charakter  behält  er
       durchweg. So  schlug Owen  1823 Hebung  des irischen Elends durch
       kommunistische Kolonien  vor und  legte vollständige Berechnungen
       über Anlagekosten,  jährliche Auslagen  und voraussichtliche  Er-
       träge bei.  [141] So  ist in  seinem definitiven Zukunftsplan die
       technische Ausarbeitung der Einzelheiten mit solcher Sachkenntnis
       durchgeführt, daß,  die Owensche  Methode der Gesellschaftsreform
       einmal zugegeben,  sich gegen  die Detaileinrichtung  selbst  vom
       fachmännischen Standpunkt nur wenig sagen läßt.
       Der Fortschritt  zum Kommunismus  war der Wendepunkt in Owens Le-
       ben. Solange  er als  bloßer Philanthrop  aufgetreten,  hatte  er
       nichts geerntet  als Reichtum, Beifall, Ehre und Ruhm. Er war der
       populärste Mann  in Europa. Nicht nur seine Standesgenossen, auch
       Staatsmänner und Fürsten hörten ihm beifällig zu. Als er aber mit
       seinen kommunistischen  Theorien  hervortrat,  wendete  sich  das
       Blatt. Drei große Hindernisse waren es, die ihm vor allem den Weg
       zur gesellschaftlichen Reform zu versperren schienen: das Privat-
       eigentum, die  Religion und  die gegenwärtige  Form der  Ehe.  Er
       wußte, was  ihm bevorstand,  wenn er  sie angriff: die allgemeine
       Ächtung durch  die offizielle  Gesellschaft, der  Verlust  seiner
       ganzen sozialen  Stellung. Aber  er ließ sich nicht abhalten, sie
       rücksichtslos anzugreifen,  und es  geschah, wie er vorhergesehn.
       Verbannt aus der offiziellen Gesellschaft, totgeschwiegen von der
       Presse, verarmt  durch fehlgeschlagne  kommunistische Versuche in
       Amerika, in  denen er  sein ganzes  Vermögen geopfert,  wandte er
       sich direkt  an die  Arbeiterklasse und blieb in ihrer Mitte noch
       dreißig Jahre  tätig. Alle  gesellschaftlichen  Bewegungen,  alle
       wirklichen Fortschritte, die in England im Interesse der Arbeiter
       zustande gekommen,  knüpfen sich  an den Namen Owen. So setzte er
       1819 nach fünfjähriger Anstrengung das erste Gesetz zur Beschrän-
       kung der Weiber- und Kinderarbeit in den Fabriken durch. [142] So
       präsidierte er dem ersten Kongreß,
       
       #246# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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       auf dem  die Trade-Unions  von ganz  England sich in eine einzige
       große Gewerksgenossenschaft  vereinigten. [143]  So führte er als
       Übergangsmaßregeln zur  vollständig  kommunistischen  Einrichtung
       der  Gesellschaft  einerseits  die  Kooperativgesellschaften  ein
       (Konsum- und  Produktivgenossenschaften), die  seitdem wenigstens
       den praktischen  Beweis geliefert  haben, daß sowohl der Kaufmann
       wie der  Fabrikant sehr  entbehrliche Personen  sind; andrerseits
       die Arbeitsbasars,  Anstalten zum  Austausch von Arbeitsprodukten
       vermittelst eines  Arbeitspapiergeldes, dessen  Einheit  die  Ar-
       beitsstunde bildete  [144]; Anstalten,  die  notwendig  scheitern
       mußten, die  aber die  weit spätere Proudhonsche Tauschbank [145]
       vollständig antizipierten  und sich  nur dadurch  von ihr  unter-
       schieden, daß  sie nicht  das Universalheilmittel  aller  gesell-
       schaftlichen Übel, sondern nur einen ersten Schritt zu einer weit
       radikaleren Umgestaltung der Gesellschaft darstellten.
       Das sind  die Männer,  auf die der souveräne Herr Dühring von der
       Höhe seiner  "endgültigen Wahrheit  letzter Instanz" mit der Ver-
       achtung herabsieht,  von der  wir in  der Einleitung  einige Bei-
       spiele gegeben  haben. Und  diese Verachtung ist nach Einer Seite
       hin nicht  ohne ihren  zureichenden Grund: sie beruht nämlich we-
       sentlich auf einer wahrhaft erschreckenden Unwissenheit in Bezie-
       hung auf die Schriften der drei Utopisten. So heißt es von Saint-
       Simon, daß
       
       "sein Grundgedanke  im wesentlichen  zutreffend gewesen  ist und,
       von einigen  Einseitigkeiten abgesehn,  noch heute  den leitenden
       Antrieb zu wirklichen Gestaltungen liefert".
       
       Trotzdem aber Herr Dühring in der Tat einige der Saint-Simonschen
       Werke in  der Hand  gehabt zu haben scheint, sehn wir uns auf den
       betreffenden siebenundzwanzig  Druckseiten ebenso vergeblich nach
       dem "Grundgedanken"  Saint-Simons um,  wie früher  nach dem,  was
       Quesnays ökonomisches  Tableau "bei  Quesnay selbst  zu  bedeuten
       hat", und müssen uns schließlich abspeisen lassen mit der Phrase,
       
       "daß die  Imagination und der philanthropische Affekt ... mit der
       ihm zugehörigen  Überspannung der  Phantasie den  gesamten Ideen-
       kreis Saint-Simons beherrschte"!
       
       Von Fourier  kennt und  beachtet er nur die in romanhaftes Detail
       ausgemalten Zukunftsphantasien,  was allerdings  zur Feststellung
       der unendlichen  Überlegenheit des  Herrn  Dühring  über  Fourier
       "weit wichtiger  ist" als zu untersuchen, wie dieser "die wirkli-
       chen Zustände  g e l e g e n t l i c h  zu kritisieren versucht".
       Gelegentlich! Nämlich  fast auf  jeder Seite seiner Werke sprühen
       die Funken der Satire und der Kritik über die Miseren der vielge-
       priesenen Zivilisation.  Es ist,  als wollte man sagen, Herr Düh-
       ring erkläre
       
       
       #247# I. Geschichtliches
       -----
       nur "gelegentlich" den Herrn Dühring für den größten Denker aller
       Zeiten. Was aber gar die zwölf, Robert Owen gewidmeten Seiten an-
       geht, so  hat Herr  Dühring dafür  absolut keine andre Quelle als
       die miserable Biographie des Philisters Sargant, der die wichtig-
       sten Schriften  Owens -  über die Ehe und die kommunistische Ein-
       richtung -  ebenfalls nicht  kannte. [146] Herr Dühring kann sich
       daher kühnlich  zu der  Behauptung versteigen, man dürfe bei Owen
       "keinen entschiednen Kommunismus voraussetzen". Allerdings, hätte
       Herr Dühring  Owens "Book of the New Moral World" auch nur in der
       Hand gehabt, so hätte er darin nicht nur den allerentschiedensten
       Kommunismus, mit  gleicher Arbeitspflicht und gleichem Anrecht am
       Produkt - gleich je nach dem Alter, wie Owen stets ergänzt - aus-
       gesprochen gefunden,  sondern auch  die vollständige Ausarbeitung
       des Gebäudes  für die  kommunistische Gemeinde  der Zukunft,  mit
       Grundriß, Aufriß  und Ansicht  aus der Vogelperspektive. Wenn man
       aber das "unmittelbare Studium der eignen Schriften der Vertreter
       der sozialistischen  Ideenkreise" auf die Kenntnis des Titels und
       höchstens noch - des  M o t t o s  einiger weniger dieser Schrif-
       ten beschränkt,  wie Herr  Dühring  hier,  so  bleibt  allerdings
       nichts übrig  als solche  alberne und direkt erfundne Behauptung.
       Nicht nur  gepredigt hat  Owen den "entschiednen Kommunismus", er
       hat ihn  auch während fünf Jahren (Ende der dreißiger und anfangs
       der vierziger)  praktiziert in  der Kolonie  von Harmony  Hall in
       Hampshire [147],  deren Kommunismus  an Entschiedenheit nichts zu
       wünschen übrigließ.  Ich habe selbst mehrere ehemalige Mitglieder
       dieses kommunistischen  Musterexperiments gekannt. Aber von alle-
       dem, wie  überhaupt von  Owens Tätigkeit  zwischen 1836  und 1850
       weiß  Sargant  absolut  nichts,  und  daher  verbleibt  auch  die
       "tiefere Geschichtschreibung"  des Herrn  Dühring in  pechdunkler
       Ignoranz. Herr  Dühring nennt  Owen "in jeder Hinsicht ein wahres
       Monstrum philanthropischer  Aufdringlichkeit". Wenn aber derselbe
       Herr Dühring  uns über  den Inhalt  von Büchern unterrichtet, von
       denen er kaum Titel und Motto kennt, so dürfen wir beileibe nicht
       sagen, er  sei "in  jeder Hinsicht ein wahres Monstrum von unwis-
       sender Aufdringlichkeit", denn das wäre in  u n s e r m  Munde ja
       "geschimpft".
       Die Utopisten, sahen wir, waren Utopisten, weil sie nichts andres
       sein konnten  zu einer  Zeit, wo  die kapitalistische  Produktion
       noch so  wenig entwickelt  war. Sie waren genötigt, sich die Ele-
       mente einer  neuen Gesellschaft  aus dem  Kopfe zu  konstruieren,
       weil diese  Elemente in  der alten Gesellschaft selbst noch nicht
       allgemein sichtbar  hervortraten; sie  waren beschränkt  für  die
       Grundzüge ihres  Neubaus auf den Appell an die Vernunft, weil sie
       eben noch nicht an die gleichzeitige Geschichte appellieren konn-
       ten.
       
       #248# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       Wenn aber  jetzt, fast  achtzig Jahre  nach ihrem Auftreten, Herr
       Dühring auf  die Bühne  tritt mit dem Anspruch, ein "maßgebendes"
       System einer  neuen Gesellschaftsordnung nicht aus dem vorliegen-
       den geschichtlich  entwickelten Material  als dessen  notwendiges
       Ergebnis zu entwickeln, nein, aus seinemsouveränen Kopf, aus sei-
       ner mit  endgültigen Wahrheiten schwangern Vernunft zu konstruie-
       ren, so  ist er, der überall Epigonen riecht, selbst nur der Epi-
       gone der Utopisten, der neueste Utopist. Er nennt die großen Uto-
       pisten "soziale  Alchimisten". Mag  sein. Die Alchimie war ihrer-
       zeit notwendig.  Aber seit jener Zeit hat die große Industrie die
       Widersprüche,  die   in  der   kapitalistischen  Produktionsweise
       schlummerten, zu  so schreienden  Gegensätzen entwickelt, daß der
       herannahende Zusammenbruch  dieser Produktionsweise sozusagen mit
       Händen zu  greifen ist;  daß die neuen Produktivkräfte selbst nur
       erhalten und  weiter ausgebildet  werden können  durch Einführung
       einer neuen,  ihrem gegenwärtigen Entwicklungsgrad entsprechenden
       Produktionsweise; daß  der Kampf  der beiden, durch die bisherige
       Produktionsweise erzeugten  und stets  in verschärftem  Gegensatz
       reproduzierten Klassen  alle zivilisierten  Länder ergriffen  hat
       und täglich  heftiger wird,  und daß  die Einsicht  in diesen ge-
       schichtlichen Zusammenhang, in die Bedingungen der durch ihn not-
       wendig gemachten sozialen Umgestaltung und in die ebenfalls durch
       ihn bedingten Grundzüge dieser Umgestaltung auch bereits gewonnen
       ist. Und wenn jetzt Herr Dühring, statt aus dem vorliegenden öko-
       nomischen Material,  aus seinem  allerhöchsten Hirnschädel heraus
       eine neue utopische Gesellschaftsordnung fabriziert, so treibt er
       nicht nur  einfache "soziale  Alchimie". Er benimmt sich vielmehr
       wie jemand,  der nach der Entdeckung und Feststellung der Gesetze
       der modernen  Chemie die  alte Alchimie  wiederherstellen und die
       Atomgewichte, die  Molekularformeln, die  Quantivalenz der Atome,
       die Kristallographie und die Spektralanalyse benutzen wollte ein-
       zig zur Entdeckung -  d e s  S t e i n s  d e r  W e i s e n.
       
       II. Theoretisches
       
       Die materialistische  Anschauung der Geschichte geht von dem Satz
       aus, daß  die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch
       ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß
       in jeder  geschichtlich auftretenden  Gesellschaft die Verteilung
       der Produkte,  und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder
       Stände, sich  danach richtet,  was und wie produziert und wie das
       Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die
       
       #249# II. Theoretisches
       -----
       letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und poli-
       tischen Umwälzungen  zu suchen  nicht in den Köpfen der Menschen,
       in ihrer  zunehmenden Einsicht  in die ewige Wahrheit und Gerech-
       tigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austausch-
       weise; sie  sind zu  suchen nicht  in der  P h i l o s o p h i e,
       sondern in der  Ö k o n o m i e  der betreffenden Epoche. Die er-
       wachende Einsicht,  daß die  bestehenden gesellschaftlichen  Ein-
       richtungen unvernünftig  und ungerecht sind, daß Vernunft Unsinn,
       Wohltat Plage  geworden, ist  nur ein Anzeichen davon, daß in den
       Produktionsmethoden und  Austauschformen  in  aller  Stille  Ver-
       änderungen vor  sich gegangen sind, zu denen die auf frühere öko-
       nomische  Bedingungen   zugeschnittne  gesellschaftliche  Ordnung
       nicht mehr  stimmt. Damit ist zugleich gesagt, daß die Mittel zur
       Beseitigung der entdeckten Mißstände ebenfalls in den veränderten
       Produktionsverhältnissen selbst  - mehr  oder minder entwickelt -
       vorhanden sein  müssen. Diese Mittel sind nicht etwa aus dem Kopf
       zu   e r f i n d e n,   sondern vermittelst  des  Kopfes  in  den
       vorliegenden   materiellen    Tatsachen   der    Produktion    zu
       e n t d e c k e n.
       Wie steht es nun hiernach mit dem modernen Sozialismus?
       Die bestehende  Gesellschaftsordnung -  das ist  nun so  ziemlich
       allgemein zugegeben  - ist  geschaffen worden von der jetzt herr-
       schenden Klasse, der Bourgeoisie. Die der Bourgeoisie eigentümli-
       che Produktionsweise,  seit Marx  mit dem  Namen  kapitalistische
       Produktionsweise bezeichnet,  war unverträglich  mit den  lokalen
       und ständischen  Privilegien wie  mit den gegenseitigen persönli-
       chen Banden  der feudalen  Ordnung; die Bourgeoisie zerschlug die
       feudale Ordnung  und stellte  auf ihren  Trümmern die bürgerliche
       Gesellschaftsverfassung her, das Reich der freien Konkurrenz, der
       Freizügigkeit, der  Gleichberechtigung der  Warenbesitzer und wie
       die bürgerlichen  Herrlichkeiten alle heißen. Die kapitalistische
       Produktionsweise konnte  sich jetzt frei entfalten. Die unter der
       Leitung der  Bourgeoisie herausgearbeiteten  Produktivkräfte ent-
       wickelten sich,  seit der  Dampf und die neue Werkzeugmaschinerie
       die alte  Manufaktur in die große Industrie umgewandelt, mit bis-
       her unerhörter  Schnelligkeit und  in bisher  unerhörtem Maßstab.
       Aber wie  ihrerzeit die Manufaktur und das unter ihrer Einwirkung
       weiterentwickelte Handwerk mit den feudalen Fesseln der Zünfte in
       Konflikt kam, so kommt die große Industrie in ihrer volleren Aus-
       bildung in  Konflikt mit den Schranken, in denen die kapitalisti-
       sche Produktionsweise  sie eingeengt  hält. Die  neuen Produktiv-
       kräfte 1*) sind der bürgerlichen Form ihrer
       -----
       1*) Umgeändert aus  "Produktionskräfte", da Engels in der Ausgabe
       von 1894  an allen  übrigen Stellen diese Korrektur gegenüber den
       beiden vorhergehenden Ausgaben selbst vornahm
       
       #250# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       Ausnutzung bereits  über den  Kopf gewachsen; und dieser Konflikt
       zwischen Produktivkräften  und Produktionsweise  ist nicht ein in
       den Köpfen  der Menschen  entstandner Konflikt,  wie etwa der der
       menschlichen Erbsünde  mit der  göttlichen Gerechtigkeit, sondern
       er besteht  in den Tatsachen, objektiv, außer uns, unabhängig vom
       Wollen oder  Laufen selbst derjenigen Menschen, die ihn herbeige-
       führt. Der  moderne Sozialismus  ist weiter nichts als der Gedan-
       kenreflex dieses  tatsächlichen Konflikts,  seine  ideelle  Rück-
       spiegelung in  den Köpfen  zunächst der  Klasse, die direkt unter
       ihm leidet, der Arbeiterklasse.
       Worin besteht nun dieser Konflikt?
       Vor der kapitalistischen Produktion, also im Mittelalter, bestand
       allgemeiner Kleinbetrieb  auf Grundlage  des Privateigentums  der
       Arbeiter an  ihren Produktionsmitteln:  der Ackerbau der kleinen,
       freien oder hörigen Bauern, das Handwerk der Städte. Die Arbeits-
       mittel -  Land, Ackergerät,  Werkstatt, Handwerkszeug - waren Ar-
       beitsmittel des  einzelnen, nur für den Einzelgebrauch berechnet,
       also notwendig  kleinlich, zwerghaft, beschränkt. Aber sie gehör-
       ten eben  deshalb auch in der Regel dem Produzenten selbst. Diese
       zersplitterten, engen  Produktionsmittel zu konzentrieren, auszu-
       weiten, sie  in die mächtig wirkenden Produktionshebel der Gegen-
       wart umzuwandeln,  war grade  die historische Rolle der kapitali-
       stischen Produktionsweise  und ihrer  Trägerin, der  Bourgeoisie.
       Wie sie  dies seit  dem 15.  Jahrhundert auf  den drei Stufen der
       einfachen Kooperation,  der Manufaktur  und der  großen Industrie
       geschichtlich durchgeführt,  hat Marx  im vierten  Abschnitt  des
       "Kapital" ausführlich  geschildert. 1*) Aber die Bourgeoisie, wie
       dort ebenfalls nachgewiesen ist, konnte jene beschränkten Produk-
       tionsmittel nicht  in gewaltige  Produktivkräfte 2*)  verwandeln,
       ohne sie  aus Produktionsmitteln  des einzelnen  in  g e s e l l-
       s c h a f t l i c h e,  nur von einer  G e s a m t h e i t  v o n
       M e n s c h e n   anwendbare Produktionsmittel  zu verwandeln. An
       die Stelle  des Spinnrads, des Handwebstuhls, des Schmiedehammers
       trat die  Spinnmaschine, der  mechanische  Webstuhl,  der  Dampf-
       hammer; an die Stelle der Einzelwerkstatt, die das Zusammenwirken
       von Hunderten  und  Tausenden  gebietende  Fabrik.  Und  wie  die
       Produktionsmittel, so  verwandelte sich die Produktion selbst aus
       einer Reihe von Einzelhandlungen in eine Reihe gesellschaftlicher
       Akte  und   die  Produkte  aus  Produkten  einzelner  in  gesell-
       schaftliche Produkte.  Das Garn, das Gewebe, die Metallwaren, die
       jetzt aus  der Fabrik  kamen, waren das gemeinsame Produkt vieler
       Arbeiter, durch  deren Hände  sie der Reihe nach gehn mußten, ehe
       sie fertig wurden.
       -----
       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 331-530 - 2*) siehe Fußnote
       auf S. 249
       
       #251# II. Theoretisches
       -----
       Kein einzelner  kann von  ihnen sagen:  Das habe ich gemacht, das
       ist  m e i n  Produkt.
       Wo aber  die naturwüchsige  Teilung der  Arbeit innerhalb der Ge-
       sellschaft Grundform  der Produktion  ist, da drückt sie den Pro-
       dukten die  Form von   W a r e n   auf,  deren gegenseitiger Aus-
       tausch, Kauf  und Verkauf  die einzelnen Produzenten in den Stand
       setzt, ihre mannigfachen Bedürfnisse zu befriedigen. Und dies war
       im Mittelalter  der Fall.  Der Bauer z.B. verkaufte Ackerprodukte
       an  den   Handwerker  und   kaufte   dafür   von   diesem   Hand-
       werkserzeugnisse. In  diese Gesellschaft  von  Einzelproduzenten,
       Warenproduzenten, schob  sich nun  die neue Produktionsweise ein.
       Mitten in die naturwüchsige  p l a n l o s e  Teilung der Arbeit,
       wie sie  in der  ganzen Gesellschaft  herrschte, stellte  sie die
       p l a n m ä ß i g e  Teilung der Arbeit, wie sie in der einzelnen
       Fabrik organisiert  war; neben  die  E i n z e l produktion  trat
       die   g e s e l l s c h a f t l i c h e  Produktion. Die Produkte
       beider wurden  auf demselben  Markt verkauft,  also zu wenigstens
       annähernd gleichen  Preisen. Aber die planmäßige Organisation war
       mächtiger als die naturwüchsige Arbeitsteilung; die gesellschaft-
       lich arbeitenden  Fabriken stellten  ihre Erzeugnisse  wohlfeiler
       her als  die vereinzelten  Kleinproduzenten. Die Einzelproduktion
       erlag auf  einem Gebiete  nach dem  andern, die gesellschaftliche
       Produktion revolutionierte  die ganze alte Produktionsweise. Aber
       dieser ihr  revolutionärer Charakter  wurde so wenig erkannt, daß
       sie im  Gegenteil eingeführt wurde als Mittel zur Hebung und För-
       derung der  Warenproduktion. Sie  entstand in direkter Anknüpfung
       an bestimmte,  bereits vorgefundne  Hebel der Warenproduktion und
       des Warenaustausches: Kaufmannskapital, Handwerk; Lohnarbeit. In-
       dem sie  selbst auftrat  als eine  neue Form der Warenproduktion,
       blieben die  Aneignungsformen der Warenproduktion auch für sie in
       voller Geltung.
       In der  Warenproduktion, wie  sie sich  im Mittelalter entwickelt
       hatte, konnte die Frage gar nicht entstehn, wem das Erzeugnis der
       Arbeit gehören solle. Der einzelne Produzent hatte es, in der Re-
       gel aus.  ihm gehörenden, oft selbst erzeugtem Rohstoff, mit eig-
       nen Arbeitsmitteln  und mit eigner Handarbeit oder der seiner Fa-
       milie hergestellt.  Es brauchte gar nicht erst von ihm angeeignet
       zu werden,  es gehörte ihm ganz von selbst. Das Eigentum der Pro-
       dukte beruhte  also   a u f  e i g n e r  A r b e i t.  Selbst wo
       fremde Hülfe  gebraucht ward, blieb diese in der Regel Nebensache
       und erhielt häufig außer dem Lohn noch andre Vergütung: der zünf-
       tige Lehrling  und Geselle  arbeiteten weniger wegen der Kost und
       des Lohns,  als wegen  ihrer eignen Ausbildung zur Meisterschaft.
       Da kam  die Konzentration  der Produktionsmittel  in großen Werk-
       stätten und Manufakturen, ihre Verwandlung in tatsächlich
       
       #252# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       gesellschaftliche Produktionsmittel. Aber die  gesellschaftlichen
       Produktionsmittel und  Produkte wurden  behandelt, als  wären sie
       nach wie  vor die Produktionsmittel und Produkte einzelner. Hatte
       bisher der  Besitzer der  Arbeitsmittel sich  das  Produkt  ange-
       eignet, weil  es in  der Regel  sein eignes  Produkt  und  fremde
       Hülfsarbeit die  Ausnahme war, so fuhr jetzt der Besitzer der Ar-
       beitsmittel fort,  sich das  Produkt anzueignen,  obwohl es nicht
       mehr   s e i n    Produkt  war,  sondern  ausschließlich  Produkt
       f r e m d e r   A r b e i t.   So wurden also die nunmehr gesell-
       schaftlich erzeugten Produkte angeeignet nicht von denen, die die
       Produktionsmittel wirklich  in Bewegung  gesetzt und die Produkte
       wirklich erzeugt  hatten, sondern  vom   K a p i t a l i s t e n.
       Produktionsmittel und Produktion sind wesentlich gesellschaftlich
       geworden. Aber  sie werden  unterworfen einer Aneignungsform, die
       die Privatproduktion  einzelner zur Voraussetzung hat, wobei also
       jeder sein  eignes Produkt besitzt und zu Markte bringt. Die Pro-
       duktionsweise wird  dieser Aneignungsform unterworfen, obwohl sie
       deren Voraussetzung  aufhebt. *)  In diesem  Widerspruch, der der
       neuen Produktionsweise ihren kapitalistischen Charakter verleiht,
       l i e g t   d i e   g a n z e   K o l l i s i o n   d e r    G e-
       g e n w a r t   b e r e i t s   i m   K e i m.   Je mehr die neue
       Produktionsweise auf  allen entscheidenden Produktionsfeldern und
       in allen ökonomisch entscheidenden Ländern zur Herrschaft kam und
       damit die Einzelproduktion bis auf unbedeutende Reste verdrängte,
       d e s t o   g r e l l e r   m u ß t e  a u c h  a n  d e n  T a g
       t r e t e n   d i e    U n v e r t r ä g l i c h k e i t    v o n
       g e s e l l s c h a f t l i c h e r   P r o d u k t i o n   u n d
       k a p i t a l i s t i s c h e r  A n e i g n u n g.
       Die ersten  Kapitalisten fanden, wie gesagt, die Form der Lohnar-
       beit bereits vor. Aber Lohnarbeit als Ausnahme, als Nebenbeschäf-
       tigung, als  Aushülfe, als Durchgangspunkt. Der Landarbeiter, der
       zeitweise taglöhnern  ging, hatte  seine paar Morgen eignes Land,
       von denen  allein er  zur Not  leben konnte.  Die  Zunftordnungen
       sorgten dafür,  daß der Geselle von heute in den Meister von mor-
       gen überging.  Sobald aber die Produktionsmittel in gesellschaft-
       liche verwandelt  und in den Händen von Kapitalisten konzentriert
       wurden, änderte  sich dies. Das Produktionsmittel wie das Produkt
       des
       ---
       *) Es braucht  hier nicht auseinandergesetzt zu werden, daß, wenn
       auch die Aneignungsform dieselbe bleibt, der Charakter der Aneig-
       nung durch den oben geschilderten Vorgang nicht minder revolutio-
       niert wird,  als die  Produktion. Ob  ich mir mein eignes Produkt
       aneigne oder  das Produkt  andrer, das  sind natürlich  zwei sehr
       verschiedne Arten von Aneignung. Nebenbei: die Lohnarbeit, in der
       die  ganze  kapitalistische  Produktionsweise  bereits  im  Keime
       steckt, ist  sehr alt; vereinzelt und zerstreut ging sie jahrhun-
       dertelang her  neben der  Sklaverei.  Aber  zur  kapitalistischen
       Produktionsweise entfalten konnte sich der Keim erst, als die ge-
       schichtlichen Vorbedingungen hergestellt waren.
       
       #253# II. Theoretisches
       -----
       kleinen Einzelproduzenten  wurden mehr und mehr wertlos; es blieb
       ihm nichts  übrig, als  zum Kapitalisten  auf Lohn  zu gehn.  Die
       Lohnarbeit, früher  Ausnahme und Aushülfe, wurde Regel und Grund-
       form der  ganzen Produktion; früher Nebenbeschäftigung, wurde sie
       jetzt ausschließliche  Tätigkeit des  Arbeiters. Der  zeitweilige
       Lohnarbeiter verwandelte  sich in den lebenslänglichen. Die Menge
       der lebenslänglichen  Lohnarbeiter wurde  zudem kolossal vermehrt
       durch den gleichzeitigen Zusammenbruch der feudalen Ordnung. Auf-
       lösung der  Gefolgschaften der Feudalherren, Vertreibung von Bau-
       ern aus  ihren Hofstellen  etc. Die  Scheidung war vollzogen zwi-
       schen den in den Händen der Kapitalisten konzentrierten Produkti-
       onsmitteln hier  und den  auf den Besitz von nichts als ihrer Ar-
       beitskraft reduzierten  Produzenten  dort.    D e r    W i d e r-
       s p r u c h  z w i s c h e n  g e s e l l s c h a f t l i c h e r
       P r o d u k t i o n  u n d  k a p i t a l i s t i s c h e r  A n-
       e i g n u n g   t r i t t   a n   d e n  T a g  a l s  G e g e n-
       s a t z   v o n   P r o l e t a r i a t   u n d  B o u r g e o i-
       s i e.
       Wir sahen, daß die kapitalistische Produktionsweise sich einschob
       in eine Gesellschaft von Warenproduzenten, Einzelproduzenten, de-
       ren gesellschaftlicher  Zusammenhang vermittelt  wurde durch  den
       Austausch ihrer Produkte. Aber jede auf Warenproduktion beruhende
       Gesellschaft hat  das Eigentümliche,  daß in  ihr die Produzenten
       die Herrschaft  über ihre  eignen gesellschaftlichen  Beziehungen
       verloren haben.  Jeder produziert  für sich mit seinen zufälligen
       Produktionsmitteln und für sein individuelles Austauschbedürfnis.
       Keiner weiß, wieviel von seinem Artikel auf den Markt kommt, wie-
       viel davon überhaupt gebraucht wird, keiner weiß, ob sein Einzel-
       produkt einen  wirklichen Bedarf  vorfindet, ob  er seine  Kosten
       herausschlagen oder  überhaupt wird verkaufen können. Es herrscht
       Anarchie der gesellschaftlichen Produktion. Aber die Warenproduk-
       tion, wie  jede andre  Produktionsform, hat  ihre eigentümlichen,
       inhärenten, von  ihr untrennbaren Gesetze; und diese Gesetze set-
       zen sich durch, trotz der Anarchie, in ihr, durch sie. Sie kommen
       zum Vorschein  in der  einzigen fortbestehenden  Form des gesell-
       schaftlichen Zusammenhangs, im Austausch, und machen sich geltend
       gegenüber den einzelnen Produzenten als Zwangsgesetze der Konkur-
       renz. Sie  sind diesen  Produzenten also anfangs selbst unbekannt
       und müssen  erst durch  lange Erfahrung  nach und  nach von ihnen
       entdeckt werden.  Sie setzen sich also durch ohne die Produzenten
       und gegen  die Produzenten,  als blindwirkende Naturgesetze ihrer
       Produktionsform. Das Produkt beherrscht die Produzenten.
       In der  mittelalterlichen Gesellschaft,  namentlich in den ersten
       Jahrhunderten, war  die Produktion  wesentlich auf  den Selbstge-
       brauch gerichtet.  Sie befriedigte vorwiegend nur die Bedürfnisse
       des Produzenten und seiner
       
       #254# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       Familie. Wo, wie auf dem Lande, persönliche Abhängigkeitsverhält-
       nisse bestanden,  trug sie  auch bei zur Befriedigung der Bedürf-
       nisse des  Feudalherrn. Hierbei  fand also  kein Austausch statt,
       die Produkte  nahmen daher auch nicht den Charakter von Waren an.
       Die Familie  des Bauern produzierte fast alles, was sie brauchte,
       Geräte und  Kleider nicht  minder als  Lebensmittel. Erst als sie
       dahin kam,  einen Überschuß über ihren eignen Bedarf und über die
       dem Feudalherrn  geschuldeten Naturalabgaben zu produzieren, erst
       da produzierte  sie auch  Waren; dieser Überschuß, in den gesell-
       schaftlichen Austausch  geworfen, zum  Verkauf ausgeboten,  wurde
       Ware. Die  städtischen Handwerker  mußten allerdings schon gleich
       anfangs für den Austausch produzieren. Aber auch sie erarbeiteten
       den größten Teil ihres Eigenbedarfs selbst; sie hatten Gärten und
       kleine Felder;  sie schickten  ihr Vieh  in den Gemeindewald, der
       ihnen zudem  Nutzholz und  Feuerung lieferte;  die Frauen spannen
       Flachs, Wolle  usw. Die Produktion zum Zweck des Austausches, die
       Warenproduktion, war  erst im  Entstehn. Daher  beschränkter Aus-
       tausch, beschränkter Markt, stabile Produktionsweise, lokaler Ab-
       schluß nach  außen, lokale Vereinigung nach innen: die Mark [148]
       auf dem Lande, die Zunft in der Stadt.
       Mit der  Erweiterung der Warenproduktion aber, und namentlich mit
       dem Auftreten  der kapitalistischen Produktionsweise, traten auch
       die bisher  schlummernden Gesetze der Warenproduktion offener und
       mächtiger in  Wirksamkeit. Die  alten Verbände  wurden gelockert,
       die alten  Abschließungsschranken durchbrochen,  die  Produzenten
       mehr und  mehr in  unabhängige, vereinzelte Warenproduzenten ver-
       wandelt. Die  Anarchie der  gesellschaftlichen Produktion trat an
       den Tag  und wurde  mehr und  mehr auf  die Spitze getrieben. Das
       Hauptwerkzeug aber,  womit die  kapitalistische  Produktionsweise
       diese Anarchie  in der  gesellschaftlichen Produktion  steigerte,
       war das  grade Gegenteil der Anarchie: die steigende Organisation
       der Produktion  als gesellschaftlicher in jedem einzelnen Produk-
       tionsetablissement. Mit  diesem Hebel machte sie der alten fried-
       lichen Stabilität ein Ende. Wo sie in einem Industriezweig einge-
       führt wurde,  litt sie  keine ältere  Methode des  Betriebs neben
       sich. Wo  sie sich des Handwerks bemächtigte, vernichtete sie das
       alte Handwerk.  Das Arbeitsfeld  wurde ein Kampfplatz. Die großen
       geographischen Entdeckungen und die ihnen folgenden Kolonisierun-
       gen vervielfältigten das Absatzgebiet und beschleunigten die Ver-
       wandlung des  Handwerks in  die Manufaktur.  Nicht nur  brach der
       Kampf aus  zwischen den  einzelnen Lokalproduzenten;  die lokalen
       Kämpfe wuchsen  ihrerseits an  zu nationalen,  den Handelskriegen
       des 17.  und 18.  Jahrhunderts [149]. Die große Industrie endlich
       und die Herstellung des Weltmarkts
       
       #255# II. Theoretisches
       -----
       haben den  Kampf universell gemacht und gleichzeitig ihm eine un-
       erhörte Heftigkeit  gegeben. Zwischen  einzelnen Kapitalisten wie
       zwischen ganzen  Industrien und  ganzen Ländern  entscheidet  die
       Gunst der  natürlichen oder  geschaffenen  Produktionsbedingungen
       über die Existenz. Der Unterliegende wird schonungslos beseitigt.
       Es ist  der Darwinsche  Kampf ums Einzeldasein, aus der Natur mit
       potenzierter Wut  übertragen in die Gesellschaft. Der Naturstand-
       punkt des  Tiers erscheint  als Gipfelpunkt der menschlichen Ent-
       wicklung. Der  Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion
       und kapitalistischer  Aneignung reproduziert sich als  G e g e n-
       s a t z   z w i s c h e n   d e r  O r g a n i s a t i o n  d e r
       P r o d u k t i o n   i n   d e r  e i n z e l n e n  F a b r i k
       u n d   d e r   A n a r c h i e   d e r  P r o d u k t i o n  i n
       d e r  g a n z e n  G e s e l l s c h a f t.
       In diesen  beiden Erscheinungsformen des ihr durch ihren Ursprung
       immanenten Widerspruchs bewegt sich die kapitalistische Produkti-
       onsweise, beschreibt  sie auswegslos  jenen "fehlerhaften  Kreis-
       lauf", den  schon Fourier an ihr entdeckte [137]. Was Fourier al-
       lerdings zu  seiner Zeit  noch nicht  sehn konnte,  ist, daß sich
       dieser Kreislauf  allmählich verengert, daß die Bewegung vielmehr
       eine Spirale  darstellt und  ihr Ende  erreichen muß, wie die der
       Planeten, durch  Zusammenstoß mit  dem Zentrum.  Es ist die trei-
       bende Kraft  der gesellschaftlichen  Anarchie der Produktion, die
       die große Mehrzahl der Menschen mehr und mehr in Proletarier ver-
       wandelt, und  es sind  wieder die Proletariermassen, die schließ-
       lich der  Produktionsanarchie ein  Ende machen werden. Es ist die
       treibende Kraft  der sozialen Produktionsanarchie, die die unend-
       liche Vervollkommnungsfähigkeit  der Maschinen  der großen  Indu-
       strie in ein Zwangsgebot verwandelt für jeden einzelnen industri-
       ellen Kapitalisten,  seine Maschinerie  mehr und mehr zu vervoll-
       kommnen, bei  Strafe des Untergangs. Aber Vervollkommnung der Ma-
       schinerie, das  heißt Überflüssigmachung von Menschenarbeit. Wenn
       die Einführung  und Vermehrung  der Maschinerie  Verdrängung  von
       Millionen von Handarbeitern durch wenige Maschinenarbeiter bedeu-
       tet, so  bedeutet Verbesserung  der Maschinerie  Verdrängung  von
       mehr und  mehr Maschinenarbeitern  selbst und  in letzter Instanz
       Erzeugung einer das durchschnittliche Beschäftigungsbedürfnis des
       Kapitals überschreitenden  Anzahl disponibler Lohnarbeiter, einer
       vollständigen industriellen  Reservearmee, wie ich sie schon 1845
       *) nannte,  disponibel für die Zeiten, wo die Industrie mit Hoch-
       druck arbeitet,  aufs Pflaster  geworfen durch den notwendig fol-
       genden Krach, zu allen
       ---
       *) "Lage der arbeitenden Klasse in England", S. 109  1*)
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       1*) Vgl. Band 2 unserer Ausgabe, S. 314/315
       
       #256# Anti-Dühring - Dritter Anschnitt: Sozialismus
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       Zeiten ein  Bleigewicht an  den Füßen der Arbeiterklasse in ihrem
       Existenzkampf mit  dem Kapital,  ein Regulator  zur Niederhaltung
       des Arbeitslohns  auf dem dem kapitalistischen Bedürfnis angemes-
       senen niedrigen  Niveau. So  geht es  zu, daß die Maschinerie, um
       mit Marx zu reden, das machtvollste Kriegsmittel des Kapitals ge-
       gen die  Arbeiterklasse wird,  daß das Arbeitsmittel dem Arbeiter
       fortwährend das  Lebensmittel aus der Hand schlägt, daß das eigne
       Produkt des  Arbeiters sich verwandelt in ein Werkzeug zur Knech-
       tung des  Arbeiters 1*).  So kommt es, daß die Ökonomisierung der
       Arbeitsmittel  von  vornherein  zugleich  rücksichtsloseste  Ver-
       schwendung der  Arbeitskraft und  Raub an den normalen Vorausset-
       zungen der Arbeitsfunktion wird 2*); daß die Maschinerie, das ge-
       waltigste Mittel zur Verkürzung der Arbeitszeit, umschlägt in das
       unfehlbarste Mittel, alle Lebenszeit des Arbeiters und seiner Fa-
       milie in  disponible Arbeitszeit  für die Verwertung des Kapitals
       zu verwandeln;  so kommt  es, daß die Überarbeitung der einen die
       Voraussetzung wird für die Beschäftigungslosigkeit der andern und
       daß die  große Industrie, die den ganzen Erdkreis nach neuen Kon-
       sumenten abjagt,  zu Hause die Konsumtion der Massen auf ein Hun-
       germinimum beschränkt  und sich damit den eignen innern Markt un-
       tergräbt. "Das  Gesetz, welches  die  relative  Surpluspopulation
       oder industrielle  Reservearmee stets  mit Umfang und Energie der
       Kapitalakkumulation im Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter
       fester an das Kapital, als den Prometheus die Keile des Hephästos
       an den  Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital ent-
       sprechende Akkumulation  von Elend. Die Akkumulation von Reichtum
       auf dem  einen Pol  ist also  zugleich  Akkumulation  von  Elend,
       Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Bestialisierung und morali-
       scher Degradation  auf dem  Gegenpol, das  heißt  auf  Seite  der
       Klasse, die ihr  e i g n e s  P r o d u k t  a l s  K a p i t a l
       p r o d u z i e r t   3*)" (Marx,  Kapital, Seite 671  4*) [65]).
       Und von  der kapitalistischen Produktionsweise eine andre Vertei-
       lung der Produkte erwarten, hieße verlangen, die Elektroden einer
       Batterie sollten  das Wasser  unzersetzt lassen,  solange sie mit
       der Batterie in Verbindung stehn, und nicht am positiven Pol Sau-
       erstoff entwickeln und am negativen Wasserstoff.
       Wir sahen,  wie die  aufs höchste gesteigerte Verbesserungsfähig-
       keit der  modernen Maschinerie, vermittelst der Anarchie der Pro-
       duktion in  der Gesellschaft,  sich verwandelt in ein Zwangsgebot
       für den  einzelnen industriellen  Kapitalisten, seine Maschinerie
       stets zu  verbessern, ihre  Produktionskraft stets zu erhöhen. In
       ein ebensolches Zwangsgebot verwandelt sich für ihn
       -----
       1*) Vgl. Band  23 unserer  Ausgabe. S.  459 und  511  -  2*) vgl.
       ebenda. S.  486 -  3*) Hervorhebung von Engels - 4*) vgl. Band 23
       unserer Ausgabe, S. 675
       
       #257# II. Theoretisches
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       die bloße faktische Möglichkeit, seinen Produktionsbereich zu er-
       weitern. Die  enorme Ausdehnungskraft der großen Industrie, gegen
       die diejenige  der Gase  ein wahres  Kinderspiel ist,  tritt  uns
       jetzt vor  die Augen als ein qualitatives und quantitatives  Aus-
       dehnung b e d ü r f n i s,   das jedes  Gegendrucks spottet.  Der
       Gegendruck wird  gebildet durch  die Konsumtion,  den Absatz, die
       Märkte  für   die  Produkte   der  großen   Industrie.  Aber  die
       Ausdehnungsfähigkeit der  Märkte, extensive  wie intensive,  wird
       beherrscht zunächst durch ganz andre, weit weniger energisch wir-
       kende Gesetze.  Die Ausdehnung der Märkte kann nicht Schritt hal-
       ten mit  der Ausdehnung der Produktion. Die Kollision wird unver-
       meidlich, und  da sie  keine Lösung  erzeugen kann,  solange  sie
       nicht die  kapitalistische Produktionsweise  selbst sprengt, wird
       sie periodisch.  Die  kapitalistische  Produktion  erzeugt  einen
       neuen "fehlerhaften Kreislauf".
       In der  Tat, seit  1825, wo die erste allgemeine Krisis ausbrach,
       geht die ganze industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion
       und der  Austausch sämtlicher zivilisierter Völker und ihrer mehr
       oder weniger  barbarischen Anhängsel  so ziemlich alle zehn Jahre
       einmal aus  den Fugen.  Der Verkehr stockt, die Märkte sind über-
       füllt, die Produkte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar,
       das bare  Geld wird  unsichtbar, der Kredit verschwindet, die Fa-
       briken stehn  still, die arbeitenden Massen ermangeln der Lebens-
       mittel, weil  sie zuviel  Lebensmittel produziert haben, Bankrott
       folgt auf  Bankrott, Zwangsverkauf  auf Zwangsverkauf.  Jahrelang
       dauert die  Stockung, Produktivkräfte wie Produkte werden massen-
       haft vergeudet  und zerstört,  bis die  aufgehäuften Waren massen
       unter größerer  oder geringerer Entwertung endlich abfließen, bis
       Produktion und  Austausch allmählich  wieder in Gang kommen. Nach
       und nach  beschleunigt sich die Gangart, fällt in Trab, der indu-
       strielle Trab  geht über in Galopp, und dieser steigert sich wie-
       der bis  zur zügellosen  Karriere einer vollständigen industriel-
       len, kommerziellen,  kreditlichen und  spekulativen Steeple-chase
       1*), um  endlich nach  den halsbrechendsten Sprüngen wieder anzu-
       langen -  im Graben des Krachs. Und so immer von neuem. Das haben
       wir nun  seit 1825  volle fünfmal erlebt und erleben es in diesem
       Augenblick (1877)  zum sechstenmal. Und der Charakter dieser Kri-
       sen ist  so scharf  ausgeprägt, daß Fourier sie alle traf, als er
       die erste  bezeichnete als:  crise pléthorique,  Krisis aus Über-
       fluß. [150]
       In den  Krisen kommt  der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher
       Produktion und  kapitalistischer Aneignung  zum gewaltsamen  Aus-
       bruch. Der
       -----
       1*) Hindernisrennen
       
       #258# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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       Warenumlauf ist  momentan vernichtet; das Zirkulationsmittel, das
       Geld, wird  Zirkulationshindernis; alle  Gesetze der Warenproduk-
       tion und  Warenzirkulation werden auf den Kopf gestellt. Die öko-
       nomische Kollision  hat ihren  Höhepunkt erreicht:  d i e  P r o-
       d u k t i o n s w e i s e   r e b e l l i e r t  g e g e n  d i e
       A u s t a u s c h w e i s e,   d i e   P r o d u k t i v k r ä f-
       t e   r e b e l l i e r e n    g e g e n    d i e    P r o d u k-
       t i o n s w e i s e,  d e r  s i e  e n t w a c h s e n  s i n d:
       Die Tatsache,  daß die gesellschaftliche Organisation der Produk-
       tion innerhalb  der Fabrik  sich zu  dem Punkt entwickelt hat, wo
       sie unverträglich  geworden ist mit der neben und über ihr beste-
       henden Anarchie der Produktion in der Gesellschaft - diese Tatsa-
       che wird  den Kapitalisten selbst handgreiflich gemacht durch die
       gewaltsame Konzentration  der Kapitale, die sich während der Kri-
       sen vollzieht  vermittelst des  Ruins vieler großen und noch mehr
       kleiner Kapitalisten.  Der gesamte  Mechanismus der  kapitalisti-
       schen Produktionsweise versagt unter dem Druck der von ihr selbst
       erzeugten Produktivkräfte.  Sie kann diese Masse von Produktions-
       mitteln nicht  mehr alle in Kapital verwandeln; sie liegen brach,
       und ebendeshalb  muß auch die industrielle Reservearmee brachlie-
       gen. Produktionsmittel,  Lebensmittel, disponible  Arbeiter, alle
       Elemente der  Produktion und  des allgemeinen  Reichtums sind  im
       Überfluß vorhanden.  Aber "der  Überfluß wird  Quelle der Not und
       des Mangels" (Fourier), weil er es grade ist, der die Verwandlung
       der Produktions-  und Lebensmittel in Kapital verhindert. Denn in
       der kapitalistischen  Gesellschaft können  die  Produktionsmittel
       nicht in  Tätigkeit treten, es sei denn, sie hätten sich zuvor in
       Kapital, in  Mittel zur Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ver-
       wandelt. Wie  ein Gespenst steht die Notwendigkeit der Kapitalei-
       genschaft der  Produktions- und  Lebensmittel zwischen  ihnen und
       den Arbeitern. Sie allein verhindert das Zusammentreten der sach-
       lichen und  der persönlichen  Hebel der  Produktion ;  sie allein
       verbietet den  Produktionsmitteln zu fungieren, den Arbeitern, zu
       arbeiten und  zu leben.  Einesteils also wird die kapitalistische
       Produktionsweise ihrer  eignen Unfähigkeit  zur fernem Verwaltung
       dieser Produktivkräfte  überführt. Andrerseits drängen diese Pro-
       duktivkräfte selbst  mit steigender  Macht nach Aufhebung des Wi-
       derspruchs, nach  ihrer Erlösung  von ihrer Eigenschaft als Kapi-
       tal,   n a c h   t a t s ä c h l i c h e r  A n e r k e n n u n g
       i h r e s   C h a r a k  t e r s  a l s  g e s e l l s c h a f t-
       l i c h e r  P r o d u k t i v k r ä f t e.
       Es ist  dieser Gegendruck  der gewaltig  anwachsenden  Produktiv-
       kräfte gegen  ihre Kapitaleigenschaft, dieser steigende Zwang zur
       Anerkennung ihrer gesellschaftlichen Natur, der die Kapitalisten-
       klasse selbst  nötigt, mehr  und mehr,  soweit dies innerhalb des
       Kapitalverhältnisses überhaupt möglich, sie als gesellschaftliche
       Produktivkräfte zu behandeln. Sowohl die industrielle
       
       #259# II. Theoretisches
       -----
       Hochdruckperiode mit  ihrer schrankenlosen  Kreditaufblähung, wie
       der Krach  selbst durch den Zusammenbruch großer kapitalistischer
       Etablissements, treiben zu derjenigen Form der Vergesellschaftung
       größerer Massen von Produktionsmitteln, die uns in den verschied-
       nen Arten  von Aktiengesellschaften gegenübertritt. Manche dieser
       Produktions- und  Verkehrsmittel sind von vornherein so kolossal,
       daß sie,  wie die  Eisenbahnen, jede  andre Form kapitalistischer
       Ausbeutung ausschließen. Auf einer gewissen Entwicklungsstufe ge-
       nügt auch  diese Form nicht mehr: der offizielle Repräsentant der
       kapitalistischen Gesellschaft,  der Staat, muß ihre Leitung über-
       nehmen. *)  Diese Notwendigkeit der Verwandlung in Staatseigentum
       tritt zuerst hervor bei den großen Verkehrsanstalten: Post, Tele-
       graphen, Eisenbahnen.
       Wenn die  Krisen  die  Unfähigkeit  der  Bourgeoisie  zur  fernem
       Verwaltung der modernen Produktivkräfte auf deckten, so zeigt die
       Verwandlung der  großen Produktions- und Verkehrsanstalten in Ak-
       tiengesellschaften und  Staatseigentum  die  Entbehrlichkeit  der
       Bourgeoisie für  jenen Zweck.  Alle gesellschaftlichen Funktionen
       des Kapitalisten  werden jetzt  von besoldeten  Angestellten ver-
       sehn. Der  Kapitalist hat keine gesellschaftliche Tätigkeit mehr,
       außer Revenuen-Einstreichen, Kupon-Abschneiden und Spielen an der
       Börse, wo  die verschiednen  Kapitalisten untereinander  sich ihr
       Kapital abnehmen. Hat die kapitalistische Produktionsweise zuerst
       Arbeiter verdrängt,
       ---
       *) Ich sage,  muß. Denn  nur in  dem Falle,  daß die Produktions-
       oder Verkehrsmittel  der Leitung durch Aktiengesellschaften wirk-
       lich entwachsen sind, daß also die Verstaatlichung ökonomisch un-
       abweisbar geworden,  nur in  diesem Falle bedeutet sie, auch wenn
       der heutige  Staat sie vollzieht, einen ökonomischen Fortschritt,
       die Erreichung  einer neuen  Vorstufe zur  Besitzergreifung aller
       Produktivkräfte durch die Gesellschaft selbst. Es ist aber neuer-
       dings, seit  Bismarck sich  aufs Verstaatlichen geworfen, ein ge-
       wisser falscher  Sozialismus aufgetreten und hier und da sogar in
       einige Wohldienerei  ausgeartet, der jede Verstaatlichung, selbst
       die Bismarcksche, ohne weiteres für sozialistisch erklärt. Aller-
       dings, wäre  die Verstaatlichung  des  Tabaks  sozialistisch,  so
       zählten Napoleon und Metternich mit unter den Gründern des Sozia-
       lismus. Wenn  der belgische  Staat aus  ganz alltäglichen politi-
       schen und finanziellen Gründen seine Haupteisenbahn selbst baute,
       wenn Bismarck  ohne jede ökonomische Notwendigkeit die Hauptbahn-
       linien Preußens verstaatlichte, einfach um sie für den Kriegsfall
       besser einrichten  und ausnützen zu können, um die Eisenbahnbeam-
       ten zum  Regierungsstimmvieh zu  erziehen und  hauptsächlich,  um
       sich eine  neue, von Parlamentsbeschlüssen unabhängige Einkommen-
       quelle zu  verschaffen -  so waren  das keineswegs sozialistische
       Schritte, direkt oder indirekt, bewußt oder unbewußt. Sonst wären
       auch   die   königliche   Seehandlung   [151],   die   königliche
       Porzellanmanufaktur und  sogar der Kompanieschneider beim Militär
       sozialistische Einrichtungen.
       
       #260# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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       so verdrängt  sie jetzt  die Kapitalisten  und verweist sie, ganz
       wie die  Arbeiter, in  die überflüssige  Bevölkerung,  wenn  auch
       zunächst noch nicht in die industrielle Reservearmee.
       Aber weder  die Verwandlung  in Aktiengesellschaften  noch die in
       Staatseigentum, hebt  die Kapitaleigenschaft  der Produktivkräfte
       auf. Bei  den Aktiengesellschaften  liegt dies  auf der Hand. Und
       der moderne  Staat ist  wieder nur  die Organisation, welche sich
       die bürgerliche  Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äußern Be-
       dingungen der  kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhal-
       ten gegen Übergriffe, sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapi-
       talisten. Der  moderne Staat,  was auch  seine Form, ist eine we-
       sentlich kapitalistische  Maschine, Staat  der Kapitalisten,  der
       ideelle Gesamtkapitalist.  Je mehr Produktivkräfte er in sein Ei-
       gentum übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist,
       desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohn-
       arbeiter, Proletarier.  Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgeho-
       ben, es  wird vielmehr  auf die  Spitze getrieben.  Aber auf  der
       Spitze schlägt  es um. Das Staatseigentum an den Produktivkräften
       ist nicht  die Lösung  des Konflikts,  aber es  birgt in sich das
       formelle Mittel, die Handhabe der Lösung.
       Diese Lösung kann nur darin liegen, daß die gesellschaftliche Na-
       tur der  modernen Produktivkräfte tatsächlich anerkannt, daß also
       die Produktions-,  Aneignungs- und Austauschweise in Einklang ge-
       setzt wird  mit dem gesellschaftlichen Charakter der Produktions-
       mittel. Und  dies kann nur dadurch geschehn, daß die Gesellschaft
       offen und  ohne Umwege  Besitz ergreift von den jeder andern Lei-
       tung außer  der ihrigen entwachsenen Produktivkräften. Damit wird
       der gesellschaftliche  Charakter der  Produktionsmittel und  Pro-
       dukte, der sich heute gegen die Produzenten selbst kehrt, der die
       Produktions- und  Austauschweise periodisch  durchbricht und sich
       nur als  blindwirkendes Naturgesetz  gewalttätig  und  zerstörend
       durchsetzt, von den Produzenten mit vollem Bewußtsein zur Geltung
       gebracht und  verwandelt sich  aus einer  Ursache der Störung und
       des periodischen Zusammenbruchs in den mächtigsten Hebel der Pro-
       duktion selbst.
       Die gesellschaftlich  wirksamen Kräfte wirken ganz wie die Natur-
       kräfte: blindlings,  gewaltsam, zerstörend, solange wir sie nicht
       erkennen und  nicht mit  ihnen rechnen. Haben wir sie aber einmal
       erkannt, ihre  Tätigkeit, ihre Richtungen, ihre Wirkungen begrif-
       fen, so  hängt es nur von uns ab, sie mehr und mehr unserm Willen
       zu unterwerfen  und vermittelst  ihrer unsre Zwecke zu erreichen.
       Und ganz  besonders gilt dies von den heutigen gewaltigen Produk-
       tivkräften. Solange  wir uns  hartnäckig weigern,  ihre Natur und
       ihren Charakter  zu  verstehn  -  und  gegen  dieses  Verständnis
       sträubt sich die kapitalistische
       
       #261# II. Theoretisches
       -----
       Produktionsweise und  ihre Verteidiger  -, solange  wirken  diese
       Kräfte sich  aus trotz  uns, gegen  uns, solange  beherrschen sie
       uns, wie  wir das  ausführlich dargestellt  haben. Aber einmal in
       ihrer Natur  begriffen, können sie in den Händen der assoziierten
       Produzenten aus  dämonischen Herrschern in willige Diener verwan-
       delt werden. Es ist der Unterschied zwischen der zerstörenden Ge-
       walt der Elektrizität im Blitze des Gewitters und der gebändigten
       Elektrizität des Telegraphen und des Lichtbogens; der Unterschied
       der Feuersbrunst und des im Dienst des Menschen wirkenden Feuers.
       Mit dieser  Behandlung der  heutigen Produktivkräfte  nach  ihrer
       endlich erkannten  Natur tritt  an die Stelle der gesellschaftli-
       chen Produktionsanarchie  eine gesellschaftlich-planmäßige  Rege-
       lung der  Produktion nach den Bedürfnissen der Gesamtheit wie je-
       des einzelnen; damit wird die kapitalistische Aneignungsweise, in
       der das Produkt zuerst den Produzenten, dann aber auch den Aneig-
       ner knechtet, ersetzt durch die in der Natur der modernen Produk-
       tionsmittel selbst  begründete Aneignungsweise  der Produkte: ei-
       nerseits direkt gesellschaftliche Aneignung als Mittel zur Erhal-
       tung und Erweiterung der Produktion, andrerseits direkt individu-
       elle Aneignung als Lebens- und Genußmittel.
       Indem die  kapitalistische Produktionsweise  mehr  und  mehr  die
       große Mehrzahl der Bevölkerung in Proletarier verwandelt, schafft
       sie die Macht, die diese Umwälzung, bei Strafe des Untergangs, zu
       vollziehn genötigt  ist. Indem  sie mehr und mehr auf Verwandlung
       der großen, vergesellschafteten Produktionsmittel in Staatseigen-
       tum drängt,  zeigt sie  selbst den  Weg an zur Vollziehung dieser
       Umwälzung.   D a s  P r o l e t a r i a t  e r g r e i f t  d i e
       S t a a t s g e w a l t     u n d    v e r w a n d e l t    d i e
       P r o d u k t i o n s m i t t e l       z u n ä c h s t       i n
       S t a a t s e i g e n t u m.   Aber damit hebt es sich selbst als
       Proletariat, damit  hebt es alle Klassenunterschiede und Klassen-
       gegensätze auf,  und damit  auch den  Staat als Staat. Die bishe-
       rige, sich in Klassengegensätzen bewegende Gesellschaft hatte den
       Staat nötig, das heißt eine Organisation der jedesmaligen ausbeu-
       tenden Klasse  zur Aufrechterhaltung  ihrer äußern Produktionsbe-
       dingungen, also namentlich zur gewaltsamen Niederhaltung der aus-
       gebeuteten Klasse  in den  durch die  bestehende Produktionsweise
       gegebnen Bedingungen  der  Unterdrückung  (Sklaverei,  Leibeigen-
       schaft oder  Hörigkeit, Lohnarbeit). Der Staat war der offizielle
       Repräsentant der ganzen Gesellschaft, ihre Zusammenfassung in ei-
       ner sichtbaren  Körperschaft, aber  er war  dies nur, insofern er
       der Staat  derjenigen Klasse war, welche selbst für ihre Zeit die
       ganze Gesellschaft  vertrat: im Altertum Staat der sklavenhalten-
       den Staatsbürger,  im Mittelalter des Feudaladels, in unsrer Zeit
       der Bourgeoisie.  Indem er  endlich tatsächlich  Repräsentant der
       ganzen Gesellschaft wird, macht er sich selbst überflüssig.
       
       #262# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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       Sobald es  keine Gesellschaftsklasse mehr in der Unterdrückung zu
       halten gibt, sobald mit der Klassenherrschaft und dem in der bis-
       herigen Anarchie  der Produktion  begründeten Kampf ums Einzelda-
       sein auch  die daraus  entspringenden Kollisionen und Exzesse be-
       seitigt sind, gibt es nichts mehr zu reprimieren, das eine beson-
       dre Repressionsgewalt,  einen Staat, nötig machte. Der erste Akt,
       worin der Staat wirklich als Repräsentant der ganzen Gesellschaft
       auftritt -  die Besitzergreifung  der Produktionsmittel  im Namen
       der Gesellschaft  - ist  zugleich sein  letzter selbständiger Akt
       als Staat. Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche
       Verhältnisse wird  auf einem  Gebiete nach dem andern überflüssig
       und schläft dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über
       Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Pro-
       duktionsprozessen. Der  Staat  wird  nicht  "abgeschafft",    e r
       s t i r b t   a b.  Hieran ist die Phrase vom "freien Volksstaat"
       [152] zu  messen, also  sowohl nach ihrer zeitweiligen agitatori-
       schen Berechtigung  wie nach ihrer endgültigen wissenschaftlichen
       Unzulänglichkeit; hieran  ebenfalls die Forderung der sogenannten
       Anarchisten, der  Staat solle  von heute  auf morgen  abgeschafft
       werden.
       Die Besitzergreifung  der sämtlichen  Produktionsmittel durch die
       Gesellschaft hat,  seit dem geschichtlichen Auftreten der kapita-
       listischen Produktionsweise,  einzelnen wie  ganzen Sekten öfters
       mehr oder weniger unklar als Zukunftsideal vorgeschwebt. Aber sie
       konnte erst  möglich, erst  geschichtliche Notwendigkeit  werden,
       als die  materiellen Bedingungen ihrer Durchführung vorhanden wa-
       ren. Sie,  wie jeder  andre gesellschaftliche  Fortschritt,  wird
       ausführbar nicht durch die gewonnene Einsicht, daß das Dasein der
       Klassen der  Gerechtigkeit,  der  Gleichheit  etc.  widerspricht,
       nicht durch  den bloßen  Willen, diese Klassen abzuschaffen, son-
       dern durch gewisse neue ökonomische Bedingungen. Die Spaltung der
       Gesellschaft in  eine ausbeutende  und  eine  ausgebeutete,  eine
       herrschende und eine unterdrückte Klasse war die notwendige Folge
       der frühern  geringen Entwicklung der Produktion. Solange die ge-
       sellschaftliche Gesamtarbeit  nur einen  Ertrag liefert,  der das
       zur notdürftigen  Existenz aller Erforderliche nur um wenig über-
       steigt, solange  also die  Arbeit alle  oder fast  alle Zeit  der
       großen Mehrzahl  der Gesellschaftsglieder  in Anspruch nimmt, so-
       lange teilt  sich die  Gesellschaft notwendig  in Klassen.  Neben
       dieser ausschließlich der Arbeit frönenden großen Mehrheit bildet
       sich eine  von direkt-produktiver Arbeit befreite Klasse, die die
       gemeinsamen Angelegenheiten der Gesellschaft besorgt: Arbeitslei-
       tung, Staatsgeschäfte,  Justiz, Wissenschaft, Künste usw. Das Ge-
       setz der  Arbeitsteilung ist  es also, was der Klassenteilung zu-
       grunde liegt.  Aber das  hindert nicht,  daß diese  Einteilung in
       Klassen nicht durch
       
       #263# II. Theoretisches
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       Gewalt und  Raub, List und Betrug durchgesetzt worden und daß die
       herrschende Klasse,  einmal im  Sattel, nie  verfehlt  hat,  ihre
       Herrschaft auf  Kosten der  arbeitenden Klasse  zu befestigen und
       die gesellschaftliche  Leitung umzuwandeln in Ausbeutung der Mas-
       sen.
       Aber  wenn  hiernach  die  Einteilung  in  Klassen  eine  gewisse
       geschichtliche Berechtigung  hat, so hat sie eine solche doch nur
       für einen gegebnen Zeitraum, für gegebne gesellschaftliche Bedin-
       gungen. Sie  gründete sich  auf die  Unzulänglichkeit der Produk-
       tion; sie  wird weggefegt  werden durch  die volle Entfaltung der
       modernen Produktivkräfte. Und in der Tat hat die Abschaffung der-
       gesellschaftlichen Klassen  zur Voraussetzung  einen geschichtli-
       chen Entwicklungsgrad, auf dem das Bestehn nicht bloß dieser oder
       jener bestimmten  herrschenden Klasse, sondern einer herrschenden
       Klasse  überhaupt,   also  des  Klassenunterschieds  selbst,  ein
       Anachronismus geworden, veraltet ist. Sie hat also zur Vorausset-
       zung einen  Höhegrad der  Entwicklung der Produktion, auf dem An-
       eignung der Produktionsmittel und Produkte, und damit der politi-
       schen Herrschaft, des Monopols der Bildung und der geistigen Lei-
       tung durch  eine besondre  Gesellschaftsklasse  nicht  nur  über-
       flüssig, sondern auch ökonomisch, politisch und intellektuell ein
       Hindernis der  Entwicklung geworden  ist. Dieser  Punkt ist jetzt
       erreicht. Ist  der politische  und  intellektuelle  Bankrott  der
       Bourgeoisie ihr  selbst kaum  noch ein  Geheimnis, so  wiederholt
       sich ihr ökonomischer Bankrott regelmäßig alle zehn Jahre. In je-
       der Krise erstickt die Gesellschaft unter der Wucht ihrer eignen,
       für sie  unverwendbaren Produktivkräfte  und Produkte  und  steht
       hülflos vor  dem absurden Widerspruch, daß die Produzenten nichts
       zu konsumieren  haben, weil es an Konsumenten fehlt. Die Expansi-
       onskraft der Produktionsmittel sprengt die Bande, die ihr die ka-
       pitalistische Produktionsweise  angelegt. Ihre Befreiung aus die-
       sen Banden  ist die  einzige Vorbedingung einer ununterbrochenen,
       stets rascher  fortschreitenden Entwicklung  der  Produktivkräfte
       und damit  einer praktisch  schrankenlosen Steigerung der Produk-
       tion selbst.  Damit nicht  genug. Die gesellschaftliche Aneignung
       der Produktionsmittel  beseitigt nicht  nur die  jetzt bestehende
       künstliche Hemmung  der Produktion,  sondern  auch  die  positive
       Vergeudung und Verheerung von Produktivkräften und Produkten, die
       gegenwärtig die unvermeidliche Begleiterin der Produktion ist und
       ihren Höhepunkt  in den  Krisen erreicht.  Sie setzt  ferner eine
       Masse von  Produktionsmitteln und  Produkten für  die  Gesamtheit
       frei durch  Beseitigung der  blödsinnigen Luxusverschwendung  der
       jetzt herrschenden  Klassen und ihrer politischen Repräsentanten.
       Die Möglichkeit,  vermittelst der  gesellschaftlichen  Produktion
       allen Gcsellschaftsgliedern  eine Existenz  zu sichern, die nicht
       nur
       
       #264# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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       materiell vollkommen  ausreichend ist  und von Tag zu Tag reicher
       wird, sondern  die ihnen  auch die  vollständige freie Ausbildung
       und Betätigung  ihrer körperlichen  und geistigen  Anlagen garan-
       tiert, diese  Möglichkeit ist  jetzt zum  erstenmal da,  aber sie
       i s t  d a  *)
       Mit der  Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesell-
       schaft ist die Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft
       des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie innerhalb der ge-
       sellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige bewußte
       Organisation. Der  Kampf ums  Einzeldasein hört  auf. Damit  erst
       scheidet der  Mensch, in  gewissem Sinn,  endgültig aus dem Tier-
       reich, tritt  aus tierischen  Daseinsbedingungen in wirklich men-
       schliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingun-
       gen, der  die Menschen  bis jetzt  beherrschte, tritt jetzt unter
       die Herrschaft  und Kontrolle  der Menschen,  die nun  zum ersten
       Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Her-
       ren ihrer  eignen Vergesellschaftung  werden. Die  Gesetze  ihres
       eignen gesellschaftlichen  Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie
       beherrschende Naturgesetze  gegenüberstanden, werden dann von den
       Menschen mit  voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht.
       Die eigne  Vergesellschaftung der  Menschen, die ihnen bisher als
       von Natur  und Geschichte  oktroyiert gegenüberstand,  wird jetzt
       ihre eigne  freie Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher
       die Geschichte  beherrschten, treten unter die Kontrolle der Men-
       schen selbst.  Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte
       mit vollem  Bewußtsein selbst  machen, erst  von da an werden die
       von ihnen  in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vor-
       wiegend und in stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten
       Wirkungen haben.  Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche
       der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.
       ---
       *) Ein paar  Zahlen mögen  eine annähernde  Vorstellung geben von
       der  enormen   Expansionskraft  der  modernen  Produktionsmittel,
       selbst unter  dem kapitalistischen  Druck. Nach  der neuesten Be-
       rechnung von  Giffen [153] betrug der Gesamtreichtum von Großbri-
       tannien und Irland in runder Zahl:
       1814 - 2200 Millionen Pfd. St. =  44 Milliarden Mark
       1865 - 6100   "        "   "   = 122    "        "
       1875 - 8500   "        "   "   = 170    "        "
       Was die  Verheerung von  Produktionsmitteln und  Produkten in den
       Krisen betrifft, so wurde auf dem zweiten Kongreß deutscher Indu-
       strieller, Berlin, 21. Februar 1878, der Gesamtverlust allein der
       deutschen Eisenindustrie  im letzten Krach auf 455 Millionen Mark
       berechnet.
       
       #265# III. Produktion
       -----
       Diese weltbefreiende  Tat durchzuführen,  ist der  geschichtliche
       Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen
       und damit  ihre Natur  selbst zu ergründen, und so der zur Aktion
       berufenen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Na-
       tur ihrer  eignen Aktion  zum Bewußtsein zu bringen, ist die Auf-
       gabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des
       wissenschaftlichen Sozialismus.
       
       III. Produktion
       Nach allem  Vorhergegangenen wird  es den Leser nicht wundern, zu
       erfahren, daß  die im  letzten Kapitel  gegebne  Entwicklung  der
       Grundzüge des Sozialismus keineswegs nach dem Sinn des Herrn Düh-
       ring ist.  Im Gegenteil. Er muß sie schleudern in den Abgrund al-
       les Verworfenen, zu den übrigen "Bastarden historischer und logi-
       scher Phantastik", den "wüsten Konzeptionen", den "konfusen Nebel
       Vorstellungen" usw. Für ihn ist der Sozialismus ja keineswegs ein
       notwendiges Erzeugnis  der geschichtlichen  Entwicklung, und noch
       viel weniger  der grobmateriellen, auf bloße Futterzwecke gerich-
       teten ökonomischen Bedingungen der Gegenwart. Er hat es viel bes-
       ser. Sein  Sozialismus ist  eine endgültige  Wahrheit letzter In-
       stanz;
       
       er ist  "das natürliche System der Gesellschaft", er findet seine
       Wurzel in einem "universellen Prinzip der Gerechtigkeit",
       
       und wenn er nicht umhin kann, von dem bestehenden, durch die bis-
       herige sündhafte  Geschichte geschaffnen Zustand Notiz zu nehmen,
       um ihn  zu verbessern,  so ist  das eher  als ein Unglück für das
       reine Prinzip  der  Gerechtigkeit  zu  betrachten.  Herr  Dühring
       schafft seinen  Sozialismus, wie  alles andre, vermittelst seiner
       famosen beiden  Männer. Statt  daß diese  beiden Marionetten, wie
       bisher, Herr  und Knecht spielen, führen sie zur Abwechslung ein-
       mal das  Stück von  der Gleichberechtigung auf - und der Dühring-
       sche Sozialismus ist in seiner Grundlage fertig.
       Demnach ist  es selbstredend,  daß bei Herrn Dühring die periodi-
       schen industriellen  Krisen keineswegs  die geschichtliche Bedeu-
       tung haben, die wir ihnen zuschreiben mußten.
       
       Die Krisen  sind bei  ihm nur  gelegentliche Abweichungen von der
       "Normalität" und  geben höchstens Anlaß zur "Entfaltung einer ge-
       regelteren Ordnung".  Die "gewöhnliche Weise", die Krisen aus der
       Überproduktion zu  erklären, genügt seiner "exakteren Auffassung"
       keineswegs. Allerdings  sei eine solche für "Spezialkrisen in be-
       sondern Gebieten  wohl zulässig".  So z.B.  "eine Überfüllung des
       Büchermarktes mit
       
       #266# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       Ausgaben von  Werken, die plötzlich für den Nachdruck freigegeben
       werden und sich für Massenabsatz eignen".
       
       Herr Dühring kann sich nun allerdings mit dem wohltuenden Bewußt-
       sein zu  Bette legen,  daß seine  unsterblichen Werke ein solches
       Weltunglück nie anrichten werden.
       
       Für die  großen Krisen sei es aber nicht die Überproduktion, son-
       dern vielmehr  "das Zurückbleiben  der  Volkskonsumtion  ...  die
       künstlich  erzeugte   Unterkonsumtion  ...   die  Hinderung   des
       V o l k s b e d a r f s   (!) an seinem natürlichen Wachstum, was
       die Kluft  zwischen Vorrat  und Abnahme  schließlich so  kritisch
       weit macht".
       
       Und für  diese seine  Krisentheorie hat  er denn  auch  glücklich
       einen Jünger gefunden.
       Nun ist aber leider die Unterkonsumtion der Massen, die Beschrän-
       kung der  Massenkonsumtion auf  das zum  Unterhalt und  zur Fort-
       pflanzung Notwendige  nicht erst  eine neue  Erscheinung. Sie hat
       bestanden, solange  es ausbeutende und ausgebeutete Klassen gege-
       ben hat.  Selbst in  den Geschichtsabschnitten,  wo die  Lage der
       Massen  besonders   günstig  war,   also  z.B.   in  England   im
       15.Jahrhundert, unterkonsumierten  sie. Sie waren weit davon ent-
       fernt, ihr eignes jährliches Gesamtprodukt zur Verzehrung verfüg-
       bar zu haben. Wenn nun also die Unterkonsumtion eine stehende ge-
       schichtliche Erscheinung  seit Jahrtausenden,  die in  den Krisen
       ausbrechende allgemeine  Absatzstockung infolge  von Produktions-
       überschuß aber erst seit fünfzig Jahren sichtbar geworden ist, so
       gehört die  ganze vulgärökonomische  Flachheit des  Herrn Dühring
       dazu, die  neue Kollision  zu erklären,  nicht aus der  n e u e n
       Erscheinung der  Überproduktion, sondern aus der Jahrtausende al-
       ten der Unterkonsumtion. Es ist, als wollte man in der Mathematik
       die Veränderung des Verhältnisses zweier Größen, einer konstanten
       und einer  veränderlichen, erklären, nicht daraus, daß die verän-
       derliche sich  verändert, sondern  daraus, daß die konstante die-
       selbe geblieben ist. Die Unterkonsumtion der Massen ist eine not-
       wendige Bedingung  aller auf Ausbeutung beruhenden Gesellschafts-
       formen,  also   auch  der   kapitalistischen;   aber   erst   die
       kapitalistische Form  der Produktion bringt es zu Krisen. Die Un-
       terkonsumtion der Massen ist also auch eine Vorbedingung der Kri-
       sen und  spielt in  ihnen eine  längst anerkannte Rolle; aber sie
       sagt uns  ebensowenig über  die Ursachen des heutigen Daseins der
       Krisen, wie über die ihrer frühern Abwesenheit.
       Herr Dühring  hat überhaupt  merkwürdige Vorstellungen  vom Welt-
       markt. Wir  sahen, wie er sich wirkliche industrielle Spezialkri-
       sen als  echter deutscher  Literatus an  eingebildeten Krisen auf
       dem Leipziger Büchermarkt
       
       #267# III. Produktion
       -----
       klarzumachen sucht,  den Sturm auf der See am Sturm im Glase Was-
       ser. Er bildet sich ferner ein, die heutige Unternehmerproduktion
       müsse "sich mit ihrem Absatz vornehmlich  i m  K r e i s e  d e r
       b e s i t z e n d e n   K l a s s e n   selbst  drehn",  was  ihn
       nicht verhindert, nur sechzehn Seiten weiter als die entscheiden-
       den modernen  Industrien in  bekannter Weise die Eisen- und Baum-
       wollindustrie hinzustellen,  also grade  die beiden  Produktions-
       zweige, deren Erzeugnisse nur zu einem verschwindend kleinen Teil
       im Kreise der besitzenden Klassen konsumiert werden und vor allen
       andern auf den Massenverbrauch angewiesen sind. Wohin wir uns bei
       ihm wenden, nichts als leeres, widerspruchsvolles Hin- und Herge-
       schwätz. Aber  nehmen wir ein Beispiel aus der Baumwollindustrie.
       Wenn in  der einzigen, verhältnismäßig kleinen Stadt Oldham - ei-
       ner aus  dem Dutzend Städte von 50 bis 100 000 Einwohnern um Man-
       chester, die  die Baumwollindustrie  betreiben -,  wenn in dieser
       einzigen Stadt  in den  vier Jahren  1872 bis  1875 die  Zahl der
       Spindeln, die  nur die  einzige Nummer 32 spinnen, sich von 2 1/2
       auf 5  Millionen vermehrte,  so daß in einer einzigen Mittelstadt
       Englands ebensoviel Spindeln eine einzige Nummer spinnen, wie die
       Baumwollindustrie von  ganz Deutschland  mitsamt dem  Elsaß über-
       haupt besitzt, und wenn die Ausdehnung in den übrigen Zweigen und
       Lokalitäten der Baumwollindustrie Englands und Schottlands in an-
       nähernd demselben  Verhältnis stattgefunden  hat, so  gehört eine
       starke Dosis  wurzelhafter Unverfrorenheit  dazu, die jetzige to-
       tale Absatzstockung  der Baumwollgarne und Gewebe zu erklären aus
       der Unterkonsumtion der englischen Massen und nicht aus der Über-
       produktion der englischen Baumwollfabrikanten. *)
       Genug. Man  streitet nicht mit Leuten, die in der Ökonomie unwis-
       send genug  sind, den  Leipziger Büchermarkt  überhaupt für einen
       Markt im  Sinne der modernen Industrie anzusehn. Konstatieren wir
       daher bloß,  daß uns  Herr Dühring des fernem über die Krisen nur
       mitzuteilen weiß, daß es sich bei ihnen um nichts handelt,
       
       "als um  ein gewöhnliches  Spiel zwischen  Überspannung  und  Er-
       schlaffung", daß  die Überspekulation "nicht allein von der plan-
       losen Häufung  der Privatunternehmungen  herrührt",  sondern  daß
       "auch die  Voreiligkeit der  einzelnen Unternehmer und der Mangel
       an Privatumsicht  zu den  Entstehungsursachen des Überangebots zu
       rechnen" sind.
       ---
       *) Die Erklärung  der Krisen  aus Unterkonsumtion  rührt her  von
       Sismondi und  hat bei  ihm noch einen gewissen Sinn. Von Sismondi
       hat Rodbertus  sie entlehnt,  und von  Rodbertus hat  wieder Herr
       Dühring  sie   in  seiner   gewohnten  verflachenden   Weise  ab-
       geschrieben.
       
       #268# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       Und was  ist wiederum  die "Entstehungsursache"  der Voreiligkeit
       und des Mangels an Privatumsicht? Eben dieselbe Planlosigkeit der
       kapitalistischen Produktion,  die in  der planlosen  Häufung  der
       Privatunternehmungen sich  zeigt. Die  Übersetzung einer ökonomi-
       schen Tatsache  in einen  moralischen Vorwurf  für die Entdeckung
       einer neuen  Ursache  zu  versehn,  ist  eben  auch  eine  starke
       "Voreiligkeit".
       Verlassen wir  hiermit die Krisen. Nachdem wir im vorigen Kapitel
       ihre notwendige  Erzeugung aus  der kapitalistischen Produktions-
       weise und  ihre  Bedeutung  als  Krisen  dieser  Produktionsweise
       selbst, als Zwangsmittel der gesellschaftlichen Umwälzung nachge-
       wiesen, brauchen  wir den  Seichtigkeiten des  Herrn Dühring über
       diesen Gegenstand  kein Wort  weiter entgegenzusetzen.  Gehn  wir
       über zu seinen positiven Schöpfungen, zum "natürlichen System der
       Gesellschaft".
       Dies auf  einem "universellen  Prinzip der  Gerechtigkeit",  also
       frei von  aller Rücksichtnahme  auf lästige  materielle Tatsachen
       aufgebaute System  besteht aus  einer Föderation von Wirtschafts-
       kommunen, zwischen denen
       
       "Freizügigkeit und  Notwendigkeit der  Aufnahme neuer  Mitglieder
       nach bestimmten Gesetzen und Verwaltungsnormen" besteht.
       
       Die Wirtschaftskommune selbst ist vor allem
       
       "ein  umfassender   Schematismus  von  menschheitsgeschichtlicher
       Tragweite" und  weit hinaus über die "abirrenden Halbheiten" z.B.
       eines gewissen  Marx. Sie  bedeutet "eine Gemeinschaft von Perso-
       nen, die  durch ihr  öffentliches Recht  der Verfügung über einen
       Bezirk von Grund und Boden und über eine Gruppe von Produktionse-
       tablissements zu  gemeinsamer Tätigkeit und gemeinsamer Teilnahme
       am Ertrage  verbunden sind". Das öffentliche Recht ist ein "Recht
       an der  Sache... im  Sinne eines   r e i n   p u b l i z i s t i-
       s c h e n   V e r h ä l t n i s s e s   z u r   N a t u r  und zu
       den Produktionseinrichtungen".
       
       Was das  heißen soll, darüber mögen sich die Zukunftsjuristen der
       Wirtschaftskommune die  Köpfe zerbrechen, wir geben jeden Versuch
       auf. Nur soviel erfahren wir,
       
       daß es keineswegs einerlei ist mit dem "körperschaftlichen Eigen-
       tum von  Arbeitergesellschaften", die gegenseitige Konkurrenz und
       selbst Lohnausbeutung nicht ausschließen würden.
       Wobei dann fallengelassen wird,
       
       die Vorstellung  eines "Gesamteigentums",  wie sie  sich auch bei
       Marx finde,  sei "mindestens  unklar und bedenklich, da diese Zu-
       kunftsvorstellung immer den Anschein gewinnt, als wenn sie nichts
       als ein körperschaftliches Eigentum der Arbeitergruppen zu bedeu-
       ten hätte".
       
       #269# III. Produktion
       -----
       Es ist  dies wieder  eins der  vielen bei  Herrn Dühring üblichen
       "schnöden Manierchen"  der Unterschiebung, "für deren vulgäre Ei-
       genschaft" (wie  er selbst sagt) "nur das vulgäre Wort schnoddrig
       ganz passend  sein würde";  es ist  eine ebenso  aus der Luft ge-
       griffne Unwahrheit,  wie die  andre Erfindung  des Herrn Dühring,
       das Gesamteigentum  bei Marx  sei ein "zugleich individuelles und
       gesellschaftliches Eigentum".
       Jedenfalls scheint  soviel klar:  das publizistische  Recht einer
       Wirtschaftskommune an  ihren Arbeitsmitteln ist ein ausschließli-
       ches  Eigentumsrecht  wenigstens  gegenüber  jeder  andern  Wirt-
       schaftskommune und auch gegenüber der Gesellschaft und dem Staat.
       
       Es soll  aber nicht  die Macht haben, "nach außen... abschließend
       zu verfahren,  denn zwischen den verschiednen Wirtschaftskommunen
       besteht Freizügigkeit  und Notwendigkeit  der Aufnahme neuer Mit-
       glieder nach  bestimmten Gesetzen  und Verwaltungsnormen ... ähn-
       lich ... wie heute die Angehörigkeit zu einem politischen Gebilde
       und wie  die Teilnahme an den wirtschaftlichen Gemeindezuständig-
       keiten".
       
       Es wird  also reiche  und arme Wirtschaftskommunen geben, und die
       Ausgleichung findet  statt durch  den Andrang  der Bevölkerung zu
       den reichen und den Wegzug von den armen Kommunen. Wenn also Herr
       Dühring die Konkurrenz in Produkten zwischen den einzelnen Kommu-
       nen durch  nationale Organisation des Handels beseitigen will, so
       läßt er  die Konkurrenz  in Produzenten  ruhig fortbestehen.  Die
       Dinge werden  der Konkurrenz  entzogen, die  Menschen bleiben ihr
       unterworfen.
       Indes sind  wir  damit  noch  lange  nicht  im  klaren  über  das
       "publizistische Recht".  Zwei Seiten weiter erklärt uns Herr Düh-
       ring:
       
       Die Handelskommune  reiche "zunächst so weit, als dasjenige poli-
       tisch-gesellschaftliche Gebiet,  dessen Angehörige  zu einem ein-
       heitlichen Rechtssubjekt zusammengefaßt sind und in dieser Eigen-
       schaft die Verfügung über den gesamten Boden, die Wohnstätten und
       die Produktionseinrichtungen haben".
       
       Es ist  also doch  nicht die  einzelne Kommune, die die Verfügung
       hat, sondern  die ganze  Nation.  Das  "öffentliche  Recht",  das
       "Recht an  der Sache",  das "publizistische Verhältnis zur Natur"
       usw. ist  also nicht bloß "mindestens unklar- und bedenklich", es
       ist in  direktem Widerspruch  mit sich selbst. Es ist in der Tat,
       wenigstens soweit  jede einzelne Wirtschaftskommune ebenfalls ein
       Rechtssubjekt, ein "zugleich individuelles und gesellschaftliches
       Eigentum", und  diese letztere  "nebelhafte Zwittergestalt" daher
       wieder nur bei Herrn Dühring selbst anzutreffen.
       Jedenfalls verfügt die Wirtschaftskommune über ihre Arbeitsmittel
       zum Zweck  der Produktion.  Wie geht  diese Produktion  vor sich?
       Nach
       
       #270# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       allem, was  wir bei  Herrn Dühring  erfahren, ganz im alten Stil,
       nur daß  an  die  Stelle  des  Kapitalisten  die  Kommune  tritt.
       Höchstens erfahren  wir, daß  die Berufswahl jetzt erst für jeden
       einzelnen frei  wird und daß gleiche Verpflichtung zur Arbeit be-
       steht.
       Die Grundform aller bisherigen Produktion ist die Teilung der Ar-
       beit, einerseits  innerhalb der  Gesellschaft, andrerseits inner-
       halb jeder  einzelnen Produktionsanstalt.  Wie verhält  sich  die
       Dühringsche "Sozialität" zu ihr?
       Die erste  große gesellschaftliche  Arbeitsteilung ist die Schei-
       dung von Stadt und Land.
       
       Dieser Antagonismus  ist nach  Herrn Dühring "der Natur der Sache
       nach unvermeidlich".  Aber "es ist überhaupt bedenklich, sich die
       Kluft zwischen  Landwirtschaft und Industrie ... als unausfüllbar
       zu denken.  In der  Tat besteht bereits ein gewisses Maß von Ste-
       tigkeit der  Überleitung, welche  für die  Zukunft noch erheblich
       zuzunehmen verspricht."  Schon jetzt  hätten sich zwei Industrien
       in den  Ackerbau und  ländlichen Betrieb eingeschoben: "in erster
       Linie die  Brennerei und in zweiter die Bereitung von Rübenzucker
       ... die  Spirituserzeugung ist  von einer  solchen Bedeutung, daß
       man sie  eher unterschätzen  als überschätzen wird". Und "wäre es
       möglich, daß  sich ein  größerer Kreis von Industrien infolge ir-
       gendwelcher Entdeckungen derartig bildete, daß hierbei eine Nöti-
       gung obwaltete,  den Betrieb  ländlich zu  lokalisieren  und  un-
       mittelbar an  die Produktion  der Rohstoffe anzulehnen", so würde
       dadurch der  Gegensatz von Stadt und Land geschwächt und "die al-
       lerausgedehnteste Grundlage  der Zivilisationsentfaltung gewonnen
       werden". Indes  "könnte etwas  Ähnliches doch auch noch auf einem
       andern Wege in Frage stehn. Außer den technischen Nötigungen kom-
       men mehr  und mehr  die sozialen  Bedürfnisse in  Frage, und wenn
       diese letztem  für die Gruppierungen der menschlichen Tätigkeiten
       maßgebend werden,  wird es  nicht mehr  möglich sein,  diejenigen
       Vorteile zu  vernachlässigen, die sich aus einer systematisch na-
       hen Verbindung  der Beschäftigungen  des platten  Landes mit  den
       Verrichtungen der technischen Umwandlungsarbeit ergeben."
       
       Nun kommen  in der  Wirtschaftskommune ja  grade die sozialen Be-
       dürfnisse in  Frage, und so wird sie sich wohl beeilen, die oben-
       erwähnten Vorteile  der Vereinigung  von Ackerbau  und  Industrie
       sich in vollstem Maße anzueignen? Herr Dühring wird nicht verfeh-
       len, uns über die Stellung der Wirtschaftskommune zu dieser Frage
       seine "exakteren  Auffassungen" in  beliebter Breite mitzuteilen?
       Geprellt wäre der Leser, der das glaubte. Die obigen magern, ver-
       legenen, wiederum  in dem  schnapsbrennenden und  rübenzuckernden
       Geltungsbereich des  preußischen Landrechts sich im Kreise herum-
       drehenden Gemeinplätze  sind alles, was uns Herr Dühring über den
       Gegensatz von  Stadt und  Land in  Gegenwart und Zukunft zu sagen
       hat.
       
       #271# III. Produktion
       -----
       Gehn wir über zur Arbeitsteilung im einzelnen. Hier ist Herr Düh-
       ring schon etwas "exakter". Er spricht von
       
       "einer Person,  die sich  mit   e i n e r   Gattung von Tätigkeit
       a u s s c h l i e ß l i c h   abgeben soll".  Handelt es  sich um
       die Einführung  eines neuen  Produktionszweigs,  so  besteht  die
       Frage einfach darin, ob man eine gewisse Zahl von  E x i s t e n-
       z e n,   die sich   d e r  E r z e u g u n g  e i n e s  A r t i-
       k e l s   w i d m e n   sollen, mit  der für  sie  erforderlichen
       Konsumtion (!)  gleichsam schaffen  könne.  Ein  beliebiger  Pro-
       duktionszweig wird  in der  Sozialität "nicht  viel    B e v ö l-
       k e r u n g  i n  A n s p r u c h  n e h m e n".  Und auch in der
       Sozialität  gibt   es  "sich   nach  der   Lebensweise  sondernde
       ö k o n o m i s c h e  S p i e l a r t e n"  von Menschen.
       
       Hiernach bleibt  innerhalb der  Sphäre der Produktion so ziemlich
       alles beim  alten. Allerdings  herrscht in der bisherigen Gesell-
       schaft eine  "falsche Arbeitsteilung";  worin aber  diese besteht
       und wodurch  sie in  der Wirtschaftskommune  ersetzt werden soll,
       darüber erfahren wir nur dies:
       
       "Was die Rücksichten der Arbeitsteilung selbst anbetrifft, so ha-
       ben wir  schon oben  gesagt, daß  sie als erledigt gelten können,
       sobald den  Tatsachen der verschiednen Naturgelegenheiten und den
       persönlichen Fähigkeiten Rechnung getragen ist."
       
       Neben den Fähigkeiten kommt noch die persönliche Neigung zur Gel-
       tung:
       
       "Der Reiz  des Aufsteigens  zu Tätigkeiten,  die mehr Fähigkeiten
       und Vorbildung  ins Spiel  setzen, würde  ausschließlich auf  der
       Neigung zu  der betreffenden  Beschäftigung und auf der Freude an
       der Ausübung   g r a d e   d i e s e r   u n d  k e i n e r  a n-
       d e r n  S a c h e"  (Ausübung einer Sache!) "beruhen."
       
       Hiermit aber wird in der Sozialität der Wetteifer angeregt und
       
       "die Produktion  selbst ein  Interesse erhalten,  und der stumpfe
       Betrieb, der  sie nur  als Mittel  zum Gewinnzweck  würdigt, wird
       nicht mehr das beherrschende Gepräge der Zustände sein".
       
       In jeder Gesellschaft mit naturwüchsiger Produktionsentwicklung -
       und die  heutige gehört  dazu - beherrschen nicht die Produzenten
       die Produktionsmittel,  sondern die Produktionsmittel beherrschen
       die Produzenten. In einer solchen Gesellschaft schlägt jeder neue
       Hebel der  Produktion notwendig um in ein neues Mittel der Knech-
       tung der  Produzenten unter  die Produktionsmittel.  Das gilt vor
       allem von demjenigen Hebel der Produktion, der bis zur Einführung
       der großen Industrie weitaus der mächtigste war - von der Teilung
       der Arbeit.  Gleich die erste große Arbeitsteilung, die Scheidung
       von Stadt  und Land,  verurteilte die Landbevölkerung zu jahrtau-
       sendelanger Verdummung  und die Städter zur Knechtung eines jeden
       unter sein Einzelhandwerk. Sie vernichtete die Grundlage der gei-
       stigen Entwicklung der
       
       #272# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       einen und  der körperlichen  der andern.  Wenn sich der Bauer den
       Boden, der Städter sein Handwerk aneignet, so eignet sich ebenso-
       sehr der  Boden den  Bauer, das Handwerk den Handwerker an. Indem
       die Arbeit  geteilt wird,  wird auch der Mensch geteilt. Der Aus-
       bildung einer einzigen Tätigkeit werden alle übrigen körperlichen
       und geistigen  Fähigkeiten zum Opfer gebracht. Diese Verkümmerung
       des Menschen  wächst im  selben Maße  wie die Arbeitsteilung, die
       ihre höchste Entwicklung in der Manufaktur erreicht. Die Manufak-
       tur zerlegt  das Handwerk  in  seine  einzelnen  Teiloperationen,
       weist jede  derselben einem einzelnen Arbeiter als Lebensberuf zu
       und kettet  ihn so  lebenslänglich an eine bestimmte Teilfunktion
       und ein  bestimmtes Werkzeug.  "Sie verkrüppelt  den Arbeiter  in
       eine Abnormität,  indem sie  sein  Detailgeschick  treibhausmäßig
       fördert durch  Unterdrückung einer  Welt von  produktiven Trieben
       und Anlagen... Das Individuum selbst wird geteilt, in das automa-
       tische Triebwerk  einer Teilarbeit  verwandelt" (Marx)  1*) - ein
       Triebwerk, das  in vielen  Fällen seine Vollkommenheit erst durch
       buchstäbliche, leibliche und geistige Verkrüppelung des Arbeiters
       erlangt. Die  Maschinerie der großen Industrie degradiert den Ar-
       beiter aus einer Maschine zum bloßen Zubehör einer Maschine. "Aus
       der lebenslangen  Spezialität, ein  Teilwerkzeug zu  führen, wird
       die lebenslange  Spezialität, einer  Teilmaschine zu  dienen. Die
       Maschinerie wird  mißbraucht, um  den Arbeiter selbst von Kindes-
       beinen an  in den  Teil einer Teilmaschine zu verwandeln" (Marx).
       2*) Und nicht nur die Arbeiter, auch die die Arbeiter direkt oder
       indirekt ausbeutenden  Klassen werden vermittelst der Teilung der
       Arbeit geknechtet  unter das  Werkzeug ihrer  Tätigkeit; der gei-
       stesöde Bourgeois  unter sein eignes Kapital und seine eigne Pro-
       fitwut, der Jurist unter seine verknöcherten Rechtsvorstellungen,
       die ihn  als eine selbständige Macht beherrschen; die "gebildeten
       Stände" überhaupt  unter die mannigfachen Lokalborniertheiten und
       Einseitigkeiten, unter  ihre eigne körperliche und geistige Kurz-
       sichtigkeit, unter  ihre Verkrüppelung durch die auf eine Spezia-
       lität zugeschnittne Erziehung und durch die lebenslange Fesselung
       an diese  Spezialität selbst  - auch dann, wenn diese Spezialität
       das reine Nichtstun ist.
       Die Utopisten  waren bereits  vollständig im reinen über die Wir-
       kungen der  Teilung der  Arbeit, über die Verkümmerung einerseits
       des Arbeiters,  andrerseits der  Arbeitstätigkeit selbst, die auf
       lebenslängliche, einförmige,  mechanische Wiederholung  eines und
       desselben Aktes  beschränkt wird.  Die Aufhebung  des Gegensatzes
       von Stadt und Land wird von Fourier wie von
       -----
       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 381 - 2*) ebenda, S. 445
       
       #273# III. Produktion
       -----
       Owen als erste Grundbedingung der Aufhebung der alten Arbeitstei-
       lung überhaupt gefordert. Bei beiden soll die Bevölkerung sich in
       Gruppen von sechzehnhundert bis dreitausend über das Land vertei-
       len; jede Gruppe bewohnt im Zentrum ihres Bodenbezirks einen Rie-
       senpalast mit gemeinsamem Haushalt. Fourier spricht zwar hier und
       da von Städten, diese aber bestehn selbst wieder nur aus vier bis
       fünf solcher  näher zusammenliegenden  Paläste. Bei beiden betei-
       ligt sich  jedes Gesellschaftsglied sowohl am Ackerbau wie an der
       Industrie ;  bei Fourier  spielen in dieser letztern Handwerk und
       Manufaktur, bei  Owen  dagegen  schon  die  große  Industrie  die
       Hauptrolle und wird von ihm bereits die Einführung der Dampfkraft
       und Maschinerie in die Haushaltungsarbeit verlangt. Aber auch in-
       nerhalb des  Ackerbaus wie  der Industrie  fordern beide die mög-
       lichst große  Abwechslung der  Beschäftigung für jeden einzelnen,
       und dementsprechend  die Ausbildung der Jugend für möglichst all-
       seitige technische  Tätigkeit. Bei  beiden soll  der Mensch  sich
       universell entwickeln durch universelle praktische Betätigung und
       soll die Arbeit den ihr durch die Teilung abhanden gekommnen Reiz
       der Anziehung  wieder erhalten,  zunächst durch diese Abwechslung
       und die  ihr entsprechende kurze Dauer der jeder einzelnen Arbeit
       gewidmeten "Sitzung",  um Fouriers  Ausdruck zu gebrauchen [154].
       Beide sind  weit hinaus  über die  dem Herrn  Dühring  überkommne
       Denkweise der  ausbeutenden Klassen,  die den Gegensatz von Stadt
       und Land  für der Natur der Sache nach unvermeidlich hält, die in
       der  Borniertheit   befangen  ist,  als  müßte  eine  Anzahl  von
       "Existenzen" unter  allen Umständen zur Erzeugung  e i n e s  Ar-
       tikels verdammt  sein, und die die sich nach der Lebensweise son-
       dernden "ökonomischen  Spielarten" von  Menschen verewigen  will,
       die Leute, die Freude an der Ausübung grade dieser und keiner an-
       dern Sache haben, die also so weit heruntergekommen sind, daß sie
       sich über  ihre eigne Knechtung und Vereinseitigung  f r e u e n.
       Gegenüber den  Grundgedanken selbst  der tollkühnsten  Phantasien
       des "Idioten" Fourier, gegenüber selbst den dürftigsten Ideen des
       "rohen, matten und dürftigen" Owen steht der selbst noch ganz un-
       ter die  Teilung der  Arbeit geknechtete  Herr Dühring da wie ein
       vorlauter Zwerg.
       Indem sich  die Gesellschaft  zur Herrin der sämtlichen Produkti-
       onsmittel macht,  um sie gesellschaftlich planmäßig zu verwenden,
       vernichtet sie  die bisherige  Knechtung der  Menschen unter ihre
       eignen Produktionsmittel. Die Gesellschaft kann sich selbstredend
       nicht befreien,  ohne daß  jeder einzelne  befreit wird. Die alte
       Produktionsweise muß also von Grund aus umgewälzt werden, und na-
       mentlich muß  die alte  Teilung der  Arbeit verschwinden. An ihre
       Stelle muß eine Organisation der Produktion treten,
       
       #274# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       in der einerseits kein einzelner seinen Anteil an der produktiven
       Arbeit, dieser  Naturbedingung der menschlichen Existenz, auf an-
       dre abwälzen  kann; in  der andrerseits  die  produktive  Arbeit,
       statt Mittel  der Knechtung,  Mittel der  Befreiung der  Menschen
       wird, indem  sie jedem  einzelnen die  Gelegenheit bietet,  seine
       sämtlichen Fähigkeiten,  körperliche  wie  geistige,  nach  allen
       Richtungen hin  auszubilden und  zu betätigen,  und in der sie so
       aus einer Last eine Lust wird.
       Dies ist heute keine Phantasie, kein frommer Wunsch mehr. Bei der
       gegenwärtigen Entwicklung  der produktiven  Kräfte  genügt  schon
       diejenige Steigerung  der Produktion,  die mit  der Tatsache  der
       Vergesellschaftung der  Produktivkräfte selbst  gegeben ist,  die
       Beseitigung der  aus der  kapitalistischen Produktionsweise  ent-
       springenden Hemmungen und Störungen, der Vergeudung von Produkten
       und Produktionsmitteln,  um bei  allgemeiner Teilnahme an der Ar-
       beit die Arbeitszeit auf ein nach jetzigen Vorstellungen geringes
       Maß zu reduzieren.
       Ebensowenig ist  die Aufhebung  der alten Teilung der Arbeit eine
       Forderung, die nur auf Kosten der Produktivität der Arbeit durch-
       zuführen wäre.  Im Gegenteil.  Sie ist eine Bedingung der Produk-
       tion selbst geworden durch die große Industrie. "Der Maschinenbe-
       trieb hebt  die Notwendigkeit  auf, die  Verteilung der Arbeiter-
       gruppen an die verschiednen Maschinen manufakturmäßig zu befesti-
       gen durch  fortwährende Aneignung  derselben Arbeiter an dieselbe
       Funktion. Da  die Gesamtbewegung  der Fabrik  nicht vom  Arbeiter
       ausgeht,  sondern  von  der  Maschine,  kann  fortwährender  Per-
       sonenwechsel stattfinden, ohne Unterbrechung des Arbeitsprozesses
       ... Die Geschwindigkeit endlich, womit die Arbeit an der Maschine
       im jugendlichen  Alter erlernt wird, beseitigt ebenso die Notwen-
       digkeit, eine  besondre Klasse Arbeiter ausschließlich zu Maschi-
       nenarbeitern zu  erziehn." 1*)  Während aber  die kapitalistische
       Anwendungsweise der  Maschinerie die  alte Teilung der Arbeit mit
       ihren knöchernen Partikularitäten weiter fortführen muß, trotzdem
       diese technisch  überflüssig geworden, rebelliert die Maschinerie
       selbst gegen  diesen Anachronismus. Die technische Basis der gro-
       ßen Industrie  ist revolutionär.  "Durch  Maschinerie,  chemische
       Prozesse und  andre Methoden  wälzt sie beständig mit der techni-
       schen Grundlage  der Produktion  die Funktionen  der Arbeiter und
       die gesellschaftlichen Kombinationen des Arbeitsprozesses um. Sie
       revolutioniert damit  ebenso beständig  die Teilung der Arbeit im
       Innern der Gesellschaft und schleudert unaufhörlich Kapitalmassen
       und Arbeitermassen aus einem Produktionszweig
       -----
       1*) Vgl. Band 23 unserer Ausgabe, S. 443/444
       
       #275# III. Produktion
       -----
       in den andern. Die Natur der großen Industrie bedingt daher Wech-
       sel der  Arbeit, Fluß  der Funktion, allseitige Beweglichkeit des
       Arbeiters... Man  hat gesehn, wie dieser absolute Widerspruch ...
       im ununterbrochenen  Opferfest  der  Arbeiterklasse,  maßlosester
       Vergeudung der Arbeitskräfte und den Verheerungen gesellschaftli-
       cher Anarchie  sich austobt.  Dies ist  die negative  Seite. Wenn
       aber der  Wechsel der  Arbeit sich  jetzt nur als überwältigendes
       Naturgesetz und  mit der  blind zerstörenden Wirkung des Naturge-
       setzes durchsetzt,  das überall  auf Hindernisse stößt, macht die
       große Industrie  durch ihre  Katastrophen selbst es zur Frage von
       Leben oder  Tod, den  Wechsel der  Arbeiten und  daher möglichste
       Vielseitigkeit des  Arbeiters als  allgemeines gesellschaftliches
       Produktionsgesetz anzuerkennen und seiner normalen Verwirklichung
       die Verhältnisse  anzupassen. Sie  macht es  zu einer  Frage  von
       Leben oder  Tod, die  Ungeheuerlichkeit einer  elenden,  für  das
       wechselnde Exploitationsbedürfnis des Kapitals in Reserve gehalt-
       nen disponiblen  Arbeiterbevölkerung zu  ersetzen durch die abso-
       lute Disponibilität  des Menschen für wechselnde Arbeitserforder-
       nisse; das  Teilindividuum, den bloßen Träger einer gesellschaft-
       lichen Detailfunktion,  durch das  total entwickelte  Individuum,
       für welches verschiedne gesellschaftliche Funktionen einander ab-
       lösende Betätigungsweisen sind." (Marx, Kapital.) 1*)
       Indem die  große Industrie uns gelehrt hat, die mehr oder weniger
       überall herstellbare Molekularbewegung in Massenbewegung zu tech-
       nischen Zwecken  zu verwandeln,  hat sie die industrielle Produk-
       tion in  bedeutendem Maße von lokalen Schranken befreit. Die Was-
       serkraft war lokal, die Dampfkraft ist frei. Wenn die Wasserkraft
       notwendig ländlich  ist, so ist die Dampfkraft keineswegs notwen-
       dig städtisch.  Es ist  ihre kapitalistische  Anwendung, die  sie
       vorwiegend  in  den  Städten  konzentriert  und  Fabrikdörfer  in
       Fabrikstädte umschafft.  Damit aber  untergräbt sie  gleichzeitig
       die Bedingungen  ihres eignen  Betriebs. Erstes  Erfordernis  der
       Dampfmaschine und  Haupterfordernis fast aller Betriebszweige der
       großen Industrie  ist verhältnismäßig  reines Wasser. Die Fabrik-
       stadt aber  verwandelt alles  Wasser in  stinkende Jauche. Sosehr
       also die  städtische Konzentrierung  Grundbedingung der kapitali-
       stischen Produktion  ist, sosehr  strebt jeder einzelne industri-
       elle Kapitalist  stets von  den  durch  sie  notwendig  erzeugten
       großen Städten  weg und  dem ländlichen Betrieb zu. Dieser Prozeß
       kann in  den Bezirken  der  Textilindustrie  von  Lancashire  und
       Yorkshire im einzelnen studiert werden; die kapitalistische Groß-
       industrie erzeugt dort stets neue Großstädte da
       -----
       1*) Vgl. ebenda, S. 511/512
       
       #276# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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       durch, daß  sie fortwährend  von der Stadt aufs Land flieht. Ähn-
       lich in  den Bezirken der Metallindustrie, wo teilweise andre Ur-
       sachen dieselben Wirkungen erzeugen.
       Diesen neuen fehlerhaften Kreislauf, diesen sich stets neu erzeu-
       genden Widerspruch der modernen Industrie aufzuheben, vermag wie-
       derum nur  die Aufhebung  ihres kapitalistischen  Charakters. Nur
       eine Gesellschaft,  die ihre  Produktivkräfte nach einem einzigen
       großen Plan harmonisch ineinandergreifen läßt, kann der Industrie
       erlauben, sich  in derjenigen Zerstreuung über das ganze Land an-
       zusiedeln, die  ihrer eignen  Entwicklung und der Erhaltung resp.
       Entwicklung der übrigen Elemente der Produktion am angemessensten
       ist.
       Die Aufhebung  des Gegensatzes  von Stadt  und Land  ist hiernach
       nicht nur  möglich. Sie  ist eine direkte Notwendigkeit der indu-
       striellen Produktion selbst geworden, wie sie ebenfalls eine Not-
       wendigkeit der  Agrikulturproduktion und  obendrein der öffentli-
       chen Gesundheitspflege  geworden ist. Nur durch Verschmelzung von
       Stadt und  Land kann  die heutige Luft-, Wasser- und Bodenvergif-
       tung beseitigt,  nur durch  sie die  jetzt in den Städten hinsie-
       chenden Massen  dahin gebracht  werden, daß  ihr Dünger  zur  Er-
       zeugung von  Pflanzen verwandt  wird,  statt  zur  Erzeugung  von
       Krankheiten.
       Die kapitalistische Industrie hat sich bereits relativ unabhängig
       gemacht von  den lokalen  Schranken der  Produktionsstätten ihrer
       Rohstoffe. Die  Textilindustrie verarbeitet der großen Masse nach
       importierte Rohstoffe.  Spanische Eisenerze werden in England und
       Deutschland, spanische  und südamerikanische Kupfererze werden in
       England verarbeitet.  Jedes Kohlenfeld  versieht weit  über seine
       Grenzen hinaus  einen jährlich  wachsenden industriellen  Umkreis
       mit Brennstoff.  An der ganzen europäischen Küste werden Dampfma-
       schinen mit  englischer, stellenweise  deutscher  und  belgischer
       Kohle getrieben.  Die  von  den  Schranken  der  kapitalistischen
       Produktion befreite  Gesellschaft kann noch viel weiter gehn. In-
       dem sie  ein Geschlecht  von allseitig  ausgebildeten Produzenten
       erzeugt, die die wissenschaftlichen Grundlagen der gesamten indu-
       striellen Produktion  verstehn und  von denen  jeder  eine  ganze
       Reihe von  Produktionszweigen von  Anfang bis  zu Ende  praktisch
       durchgemacht, schafft  sie eine  neue Produktivkraft 1*), die die
       Transportarbeit der  aus größerer  Entfernung bezognen  Roh- oder
       Brennstoffe überreichlich aufwiegt.
       Die Aufhebung  der Scheidung  von Stadt  und Land  ist also keine
       Utopie, auch  nach der  Seite hin,  nach der  sie  die  möglichst
       gleichmäßige Verteilung
       -----
       1*) Siehe Fußnote S. 249
       
       #277# III. Produktion
       -----
       der großen  Industrie über  das ganze Land zur Bedingung hat. Die
       Zivilisation hat  uns freilich  in den  großen Städten  eine Erb-
       schaft hinterlassen,  die zu beseitigen viel Zeit und Mühe kosten
       wird. Aber  sie müssen  und werden  beseitigt werden, mag es auch
       ein langwieriger Prozeß sein. Welche Geschicke auch dem Deutschen
       Reich preußischer  Nation vorbehalten  sein mögen,  Bismarck kann
       mit dem  stolzen Bewußtsein  in die  Grube fahren, daß sein Lieb-
       lingswunsch sicher erfüllt wird: der Untergang der großen Städte.
       [155]
       Und nun  besehe man sich die kindliche Vorstellung des Herrn Düh-
       ring, als könne die Gesellschaft Besitz ergreifen von der Gesamt-
       heit der  Produktionsmittel, ohne  die alte  Art des Produzierens
       von Grund  aus umzuwälzen  und vor allem die alte Teilung der Ar-
       beit abzuschaffen; als sei alles abgemacht, sobald nur
       
       "den Naturgelegenheiten und den persönlichen Fähigkeiten Rechnung
       getragen" -
       
       wobei dann  nach wie  vor ganze  Massen von  Existenzen unter die
       Erzeugung   e i n e s  Artikels geknechtet, ganze "Bevölkerungen"
       von einem einzelnen Produktionszweig in Anspruch genommen werden,
       und die  Menschheit sich  nach wie vor in eine Anzahl verschieden
       verkrüppelter  "ökonomischer   Spielarten"  teilt,  als  da  sind
       "Karrenschieber" und  "Architekten". Die Gesellschaft soll Herrin
       der Produktionsmittel  im ganzen  werden,  damit  jeder  einzelne
       Sklave seines  Produktionsmittels bleibt  und nur  die  Wahl  hat
       w e l c h e s  Produktionsmittels. Und ebenso besehe man sich die
       Art, wie  Herr Dühring  die Scheidung von Stadt und Land für "der
       Natur der  Sache nach  unvermeidlich" hält,  und nur  ein kleines
       Palliativmittelchen entdecken  kann in  den in  ihrer  Verbindung
       spezifisch preußischen  Zweigen der Schnapsbrennerei und Rübenzu-
       ckerbereitung; der  die Zerstreuung  der Industrie  über das Land
       abhängig macht  von irgendwelchen  künftigen Entdeckungen und von
       der   N ö t i g u n g,   den Betrieb unmittelbar an die Gewinnung
       der Rohstoffe  anzulehnen -  der Rohstoffe,  die schon  jetzt  in
       immer wachsender  Entfernung von  ihrem  Ursprungsort  verbraucht
       werden! - und der sich schließlich den Rücken zu decken sucht mit
       der Versicherung, die sozialen Bedürfnisse würden schließlich die
       Verbindung von  Ackerbau und  Industrie doch wohl auch  g e g e n
       die  ökonomischen  Rücksichten  durchsetzen,  als  ob  damit  ein
       ökonomisches Opfer gebracht würde!
       Freilich, um  zu sehn,  daß die  revolutionären Elemente, die die
       alte Teilung  der Arbeit mitsamt der Scheidung von Stadt und Land
       beseitigen und  die ganze  Produktion umwälzen  werden, daß diese
       Elemente  bereits  in  den  Produktionsbedingungen  der  modernen
       großen Industrie im Keim enthalten
       
       #278# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       sind und  durch die  heutige kapitalistische  Produktionsweise an
       ihrer Entfaltung  gehindert werden, dazu muß man einen etwas wei-
       tern Horizont haben als den Geltungsbereich des preußischen Land-
       rechts, das  Land, wo  Schnaps und Rübenzucker die entscheidenden
       Industrieprodukte sind  und wo  man die Handelskrisen auf dem Bü-
       chermarkt studieren  kann. Dazu muß man die wirkliche große Indu-
       strie in ihrer Geschichte und in ihrer gegenwärtigen Wirklichkeit
       kennen, namentlich  in dem einen Lande, wo sie ihre Heimat und wo
       allein sie ihre klassische Ausbildung erreicht hat; und dann wird
       man auch  nicht daran  denken,  den  modernen  wissenschaftlichen
       Sozialismus verseichtigen  und herunterbringen  zu wollen auf den
       s p e z i f i s c h    p r e u  ß i s c h e n    S o z i a l i s-
       m u s  des Herrn Dühring.
       
       IV. Verteilung
       
       Wir sahen  bereits früher  1*), daß  die Dühringsche Ökonomie auf
       den Satz  hinauslief: Die kapitalistische  P r o d u k t i o n s-
       w e i s e   ist ganz  gut und  kann  bestehn  bleiben,  aber  die
       kapitalistische   V e r t e i l u n g s w e i s e   ist vom  Übel
       und muß  verschwinden. Wir finden jetzt, daß die "Sozialität" des
       Herrn Dühring  weiter nichts  ist  als  die  Durchführung  dieses
       Satzes in der Phantasie. In der Tat zeigte sich, daß Herr Dühring
       an der  Produktionsweise -  als solcher  -  der  kapitalistischen
       Gesellschaft fast  gar nichts  auszusetzen hat,  daß er  die alte
       Teilung der  Arbeit in allen wesentlichen Beziehungen beibehalten
       will, und  daher auch  über die Produktion innerhalb seiner Wirt-
       schaftskommune kaum  ein Wort  zu sagen  weiß. Die Produktion ist
       allerdings ein  Gebiet, auf  dem es  sich um  handfeste Tatsachen
       handelt, auf  dem  daher  die  "rationelle  Phantasie"  dem  Flü-
       gelschlag ihrer  freien Seele  [156] nur  wenig Raum  geben darf,
       weil  die   Gefahr  der   Blamage  zu  nahe  liegt.  Dagegen  die
       Verteilung, die  nach der  Ansicht des Herrn Dühring ja gar nicht
       mit der  Produktion zusammenhängt,  die nach  ihm nicht durch die
       Produktion, sondern durch einen reinen Willensakt bestimmt wird -
       die Verteilung  ist  das  prädestinierte  Feld  seiner  "sozialen
       Alchimisterei".
       
       Der gleichen  Produktionspflicht tritt gegenüber das gleiche Kon-
       sumtionsrecht, organisiert in der Wirtschaftskommune und der eine
       größere Anzahl der letztern umfassenden Handelskommune. Hier wird
       "Arbeit... nach  dem Grundsatz der gleichen Schätzung gegen andre
       Arbeit ausgetauscht  ... Leistung  und Gegenleistung stellen hier
       wirkliche Gleichheit  der Arbeitsgrößen vor". Und zwar gilt diese
       "Gleichsetzung
       -----
       1*) Siehe vorl. Band. S. 173
       
       #279# IV. Verteilung
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       der Menschenkräfte,  mögen die  einzelnen nun  mehr oder  weniger
       oder zufällig   a u c h  n i c h t s  geleistet haben" ; denn man
       kann alle Verrichtungen, insofern sie Zeit und Kräfte in Anspruch
       nehmen, als  Arbeitsleistungen ansehn  - also  auch Kegelschieben
       und Spazierengehn.  Dieser Austausch findet aber nicht statt zwi-
       schen den einzelnen, da die Gesamtheit Besitzerin aller Produkti-
       onsmittel, also  auch aller Produkte ist, sondern einerseits zwi-
       schen jeder  Wirtschaftskommune und  ihren einzelnen Mitgliedern,
       andrerseits zwischen  den verschiednen  Wirtschafts- und Handels-
       kommunen selbst. "Namentlich werden die einzelnen Wirtschaftskom-
       munen innerhalb ihres eignen Rahmens den Kleinhandel durch völlig
       planmäßigen Vertrieb  ersetzen." Ebenso wird der Handel im großen
       organisiert: "Das  System der  freien  Wirtschaftsgesellschaft...
       bleibt daher  eine große  Tauscheinrichtung, deren Vornahmen sich
       vermittelst der durch die edlen Metalle gegebnen Grundlagen voll-
       ziehn. Durch die Einsicht in die unumgängliche Notwendigkeit die-
       ser Grundeigenschaft  unterscheidet sich  unser Schema  von allen
       jenen Nebelhaftigkeiten,  die auch  noch den rationellsten Formen
       der heute umlaufenden sozialistischen Vorstellungen anhaften."
       Die Wirtschaftskommune,  als erste Aneignerin der gesellschaftli-
       chen Produkte, hat behufs dieses Austausches "für jeden Zweig von
       Artikeln einen  einheitlichen Preis"  nach den durchschnittlichen
       Produktionskosten festzusetzen.  "Was gegenwärtig die sogenannten
       Selbstkosten der  Produktion ... für Wert und Preis bedeuten, das
       werden" (in der Sozialität) "...die Anschläge der zu verwendenden
       Arbeitsmenge leisten.  Diese Anschläge,  die sich nach dem Grund-
       satz des auch wirtschaftlich gleichen Rechts jeder Persönlichkeit
       schließlich auf die Berücksichtigung der beteiligten Personenzahl
       zurückführen lassen,  werden das  zugleich den Naturverhältnissen
       der Produktion  und dem  gesellschaftlichen Verwertungsrecht ent-
       sprechende Verhältnis  der Preise ergeben. Die Produktion der ed-
       len Metalle  wird ähnlich  wie heute  für die  Wertbestimmung des
       Geldes maßgebend  bleiben ...  Man sieht  hieraus, daß man in der
       veränderten Gesellschaftsverfassung  zunächst für  die Werte  und
       mithin für die Verhältnisse, in denen die Erzeugnisse sich gegen-
       einander umsetzen,  nicht nur Bestimmungsgrund und Maß nicht ver-
       liert, sondern erst gehörig gewinnt."
       
       Der berühmte "absolute Wert" ist endlich realisiert.
       
       Andrerseits aber  wird die  Kommune nun auch die einzelnen in den
       Stand setzen  müssen, die produzierten Artikel von ihr zu kaufen,
       indem sie jedem eine gewisse tägliche, wöchentliche oder monatli-
       che Geldsumme,  die für  jeden gleich  zu sein hat, als Gegenlei-
       stung für seine Arbeit auszahlt. "Es ist daher vom Standpunkt der
       Sozialität gleichgültig,  ob man  sagt, daß  der Arbeitslohn ver-
       schwinden oder  daß er  die ausschließliche Form der ökonomischen
       Einkünfte werden  müsse." Gleiche  Löhne und  gleiche Preise aber
       stellen die "quantitative, wenn auch nicht qualitative Gleichheit
       der Konsumtion"  her, und  damit ist das "universelle Prinzip der
       Gerechtigkeit" ökonomisch verwirklicht.
       
       Über die  Bestimmung der  Höhe dieses Zukunftslohns sagt uns Herr
       Dühring nur,
       
       #280# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       daß auch  hier, wie in allen andern Fällen, "gleiche Arbeit gegen
       gleiche Arbeit"  ausgetauscht wird. Für sechsstündige Arbeit wird
       daher eine Geldsumme zu zahlen sein, die ebenfalls sechs Arbeits-
       stunden in sich verkörpert.
       
       Indes ist  das "universelle Prinzip der Gerechtigkeit" keineswegs
       mit jener  rohen Gleichmacherei zu verwechseln, die den Bürger so
       sehr aufbringt  gegen jeden, namentlich den naturwüchsigen Arbei-
       terkommunismus. Es  ist lange  nicht so unerbittlich, als es gern
       aussehn möchte.
       
       Die "prinzipielle  Gleichheit  der  ökonomischen  Rechtsansprüche
       schließt nicht aus, daß  f r e i w i l l i g  zu dem, was die Ge-
       rechtigkeit erfordert, auch noch ein Ausdruck der besondern Aner-
       kennung und  Ehre gefügt  werde ...  Die  Gesellschaft    e h r t
       s i c h   s e l b s t,   indem sie  die höher  gesteigerten  Lei-
       stungsgattungen   d u r c h  e i n e  m ä ß i g e  M e h r a u s-
       s t a t t u n g  für die Konsumtion auszeichnet."
       
       Und auch  Herr Dühring ehrt sich selbst, indem er, Taubenunschuld
       und Schlangenklugheit  verschmelzend, so  rührend für  die mäßige
       Mehrkonsumtion der Zukunfts-Dührings besorgt ist.
       Hiermit ist die kapitalistische Verteilungsweise endgültig besei-
       tigt. Denn
       
       "gesetzt, es  hätte jemand  unter Voraussetzung eines solchen Zu-
       stands wirklich  einen Überschuß  von privaten Mitteln zur Verfü-
       gung, so  würde er  für denselben  keine kapitalmäßige Verwendung
       ausfindig machen  können. Kein  einzelner oder keine Gruppe würde
       ihm denselben  für die  Produktion anders als im Wege des Austau-
       sches oder  Kaufs abnehmen,  niemals aber in den Fall kommen, ihm
       Zinsen oder  Gewinn zu  zahlen." Hiermit wird "eine dem Grundsatz
       der Gleichheit  entsprechende Vererbung" zulässig. Sie ist unver-
       meidlich, denn  "eine gewisse Vererbung wird immer die notwendige
       Begleitung des Familienprinzips sein". Auch das Erbrecht wird "zu
       keiner Ansammlung  umfangreicher Vermögen  führen können, da hier
       die Eigentumsbildung  ... namentlich  nie mehr  den  Zweck  haben
       kann, Produktionsmittel und reine Rentenexistenzen zu schaffen".
       
       Hiermit wäre  die Wirtschaftskommune  glücklich fertig.  Sehn wir
       nun zu, wie sie wirtschaftet.
       Wir nehmen an, alle Unterstellungen des Herrn Dühring seien voll-
       ständig realisiert;  wir setzen also voraus, daß die Wirtschafts-
       kommune jedem  ihrer Mitglieder  für täglich sechsstündige Arbeit
       eine Geldsumme  zahlt, in der ebenfalls sechs Arbeitsstunden ver-
       körpert sind,  meinetwegen zwölf  Mark. Wir  nehmen ebenfalls an,
       daß die  Preise genau  den Werten  entsprechen, also unter unsern
       Voraussetzungen nur  die Kosten der Rohstoffe, den Verschleiß der
       Maschinerie, den  Verbrauch von  Arbeitsmitteln und den gezahlten
       Arbeitslohn umfassen.  Eine Wirtschaftskommune von hundert arbei-
       tenden Mitgliedern produziert dann täglich Waren im Wert von 1200
       Mark, im Jahr bei dreihundert Arbeitstagen für 360 000 Mark,
       
       #281# IV. Verteilung
       -----
       und zahlt  dieselbe Summe an ihre Mitglieder aus, deren jedes mit
       seinem Anteil  von täglich  12 oder jährlich 3600 Mark macht, was
       es will.  Am Ende  des Jahres, und am Ende von hundert Jahren ist
       die Kommune  nicht reicher als am Anfang. Sie wird während dieser
       Zeit nicht  einmal imstande  sein, die mäßige Mehrausstattung für
       die Konsumtion  des Herrn Dühring zu leisten, falls sie nicht ih-
       ren Stamm von Produktionsmitteln angreifen will. Die Akkumulation
       ist total  vergessen worden.  Noch schlimmer: da die Akkumulation
       eine gesellschaftliche Notwendigkeit, und in der Beibehaltung des
       Geldes eine bequeme Form der Akkumulation gegeben, so fordert die
       Organisation der  Wirtschaftskommune ihre  Mitglieder direkt  auf
       zur Privatakkumulation, und damit zu ihrer eignen Zerstörung.
       Wie diesem  Zwiespalt der  Natur der  Wirtschaftskommune entgehn?
       Sie könnte  Zuflucht nehmen  zu der  beliebten  "Bezollung",  dem
       Preisaufschlag, und  ihre Jahresproduktion statt für 360 000 Mark
       für 480 000 Mark verkaufen. Da aber alle andern Wirtschaftskommu-
       nen in  derselben Lage  sind, also  dasselbe tun müßten, so würde
       jede im  Austausch mit  der andern  ebensoviel "Bezollung" zahlen
       müssen wie sie einsteckt, und der "Tribut" also nur auf ihre eig-
       nen Mitglieder fallen.
       Oder aber,  sie macht die Sache kurz und bündig ab, indem sie je-
       dem Mitglied für sechsstündige Arbeit das Produkt von weniger als
       sechsstündiger Arbeit, meinetwegen von vier Arbeitsstunden zahlt,
       also statt zwölf Mark nur acht Mark täglich, die Warenpreise aber
       auf der  alten Höhe  bestehn läßt. Sie tut in diesem Falle direkt
       und offen,  was sie im vorigen versteckt und auf einem Umweg ver-
       sucht: sie  bildet Marxschen  Mehrwert im  jährlichen Betrag  von
       120 00 Mark,  indem sie  ihre Mitglieder  in  durchaus  kapitali-
       tischer Weise  unter dem  Wert ihrer  Leistung bezahlt  und ihnen
       obendrein die  Waren, die  sie nur  bei ihr  kaufen  können,  zum
       vollen Wert  anrechnet. Die  Wirtschaftskommune kann  also nur zu
       einem Reservefonds  kommen, indem sie sich enthüllt als das "ver-
       delte" Trucksystem *) auf breitester kommunistischer Grundlage.
       Also eins  von zweien:  Entweder tauscht  die  Wirtschaftskommune
       "gleiche Arbeit  aus gegen  gleiche Arbeit",  und dann kann nicht
       sie, sondern  nur die Privaten einen Fonds zur Erhaltung und Aus-
       dehnung der  Produktion akkumulieren. Oder aber, sie bildet einen
       solchen Fonds, und dann tauscht sie nicht "gleiche Arbeit aus ge-
       gen gleiche Arbeit".
       ---
       *) Trucksystem nennt man in England das auch in Deutschland wohl-
       bekannte System,  wobei die  Fabrikanten selbst  Läden halten und
       ihre Arbeiter nötigen, sich bei ihnen mit Waren zu versehn.
       
       #282# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       So steht's  mit dem Inhalt des Austausches in der Wirtschaftskom-
       mune. Wie  mit der Form? Der Austausch wird durch Metallgeld ver-
       mittelt, und  Herr Dühring  tut sich  nicht wenig  zugut auf  die
       "menschheitsgeschichtliche Tragweite"  dieser Verbesserung.  Aber
       im Verkehr zwischen der Kommune und ihren Mitgliedern  i s t  das
       Geld gar  kein Geld, fungiert es gar nicht als Geld. Es dient als
       reines Arbeitszertifikat,  es konstatiert,  um mit Marx zu reden,
       "nur den individuellen Anteil des Produzenten an der Gemeinarbeit
       und seinen  individuellen Anspruch  auf den  zur  Konsumtion  be-
       stimmten Teil  des Gemeinprodukts",  und ist  in dieser  Funktion
       "ebensowenig 'Geld'  wie etwa  eine Theatermarke"  1*).  Es  kann
       hiermit durch  jedes beliebige  Zeichen ersetzt werden, wie Weit-
       ling es  durch ein  "Kommerzbuch" ersetzt,  worin auf  der  einen
       Seite die  Arbeitsstunden und  auf der  andern die dafür bezognen
       Genüsse abgestempelt  werden. [157]  Kurz, es fungiert im Verkehr
       der Wirtschaftskommune  mit ihren  Mitgliedern  einfach  als  das
       Owensche "Arbeitsstundengeld",  dies "Wahngebilde",  auf das Herr
       Dühring so  vornehm herabsieht und das er dennoch selbst in seine
       Zukunftswirtschaft einführen  muß. Ob  die Marke, die das Maß der
       erfüllten "Produktionspflicht"  und  des  damit  erworbnen  "Kon-
       sumtionsrechts" bezeichnet,  ein Wisch  Papier, ein Rechenpfennig
       oder ein  Goldstück ist,  bleibt sich  für   d i e s e n    Zweck
       vollständig gleich.  Für andre  Zwecke aber  durchaus nicht,  wie
       sich zeigen wird.
       Wenn das  Metallgeld also schon im Verkehr der Wirtschaftskommune
       mit ihren  Mitgliedern nicht  als Geld fungiert, sondern als ver-
       kleidete Arbeitsmarke,  so kommt  es noch weniger zu seiner Geld-
       funktion im Austausch zwischen den verschiednen Wirtschaftskommu-
       nen. Hier  ist, unter  den Voraussetzungen des Herrn Dühring, das
       Metallgeld total  überflüssig. In  der Tat würde eine bloße Buch-
       führung hinreichen,  die den Austausch von Produkten gleicher Ar-
       beit gegen  Produkte gleicher  Arbeit viel  einfacher  vollzieht,
       wenn sie  mit dem  natürlichen Maßstab der Arbeit - der Zeit, der
       Arbeitsstunde als  Einheit -  rechnet, als  wenn sie die Arbeits-
       stunden erst in Geld übersetzt. Der Austausch ist in Wirklichkeit
       reiner Naturalaustausch;  alle Mehrforderungen  sind  leicht  und
       einfach ausgleichbar  durch Anweisungen  auf andre Kommunen. Wenn
       aber eine  Kommune wirklich gegenüber andern Kommunen ein Defizit
       haben sollte,  so kann  alles "im  Universum vorhandne Gold", und
       wenn es noch so sehr "von Natur Geld" sein sollte, dieser Kommune
       das Schicksal  nicht ersparen, dies Defizit durch vermehrte eigne
       Arbeit zu ersetzen, falls sie nicht in Schuldabhängigkeit
       -----
       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 109/110
       
       #283# IV. Verteilung
       -----
       von andern  Kommunen geraten  will. Übrigens möge der Leser fort-
       während im  Gedächtnis halten,  daß wir hier keineswegs Zukunfts-
       konstruktion machen.  Wir nehmen  einfach die Voraussetzungen des
       Herrn Dühring  an und  ziehen nur die unvermeidlichen Folgerungen
       daraus.
       Also weder im Austausch zwischen der Wirtschaftskommune und ihren
       Mitgliedern noch  in dem  zwischen den verschiednen Kommunen kann
       das Gold, das "von Natur Geld ist", dahin kommen, diese seine Na-
       tur zu  verwirklichen. Trotzdem  schreibt ihm  Herr Dühring  vor,
       auch in  der "Sozialität"  Geldfunktion zu  vollziehn. Wir müssen
       uns also  nach einem  andern Spielraum für diese Geldfunktion um-
       sehn. Und  dieser Spielraum existiert. Herr Dühring befähigt zwar
       jeden zur "quantitativ gleichen Konsumtion", aber er kann nieman-
       den dazu  zwingen. Im Gegenteil, er ist stolz darauf, daß in sei-
       ner Welt jeder mit seinem Gelde machen kann, was er will. Er kann
       also nicht  verhindern, daß  die einen  sich einen  kleinen Geld-
       schatz zurücklegen,  während die  andern mit  dem ihnen gezahlten
       Lohn nicht auskommen. Er macht dies sogar unvermeidlich, indem er
       das Gemeineigentum  der Familie  im Erbrecht  ausdrücklich  aner-
       kennt, woraus  sich dann  weiter die Verpflichtung der Eltern zur
       Erhaltung der  Kinder ergibt.  Damit aber bekommt die quantitativ
       gleiche Konsumtion  einen gewaltigen  Riß.  Der  Junggesell  lebt
       herrlich und  in Freuden von seinen acht oder zwölf Mark täglich,
       während der  Witwer mit  acht unmündigen Kindern damit kümmerlich
       auskommt. Andrerseits  aber läßt die Kommune, indem sie Geld ohne
       weiteres in  Zahlung nimmt,  die Möglichkeit offen, daß dies Geld
       anders als  durch eigne  Arbeit erworben  sei. Non  olet. 1*) Sie
       weiß nicht,  woher es  kommt. Hiermit  sind aber alle Bedingungen
       gegeben, um  das Metallgeld,  das bisher  nur die Rolle einer Ar-
       beitsmarke spielte,  in wirkliche  Geldfunktion treten zu lassen.
       Es liegen  vor die  Gelegenheit und  das  Motiv,  einerseits  zur
       Schatzbildung, andrerseits zur Verschuldung. Der Bedürftige borgt
       beim Schatzbildner. Das geborgte Geld, von der Kommune in Zahlung
       genommen für  Lebensmittel, wird damit wieder, was es in der heu-
       tigen Gesellschaft  ist, gesellschaftliche  Inkarnation der  men-
       schlichen Arbeit, wirkliches Maß der Arbeit, allgemeines Zirkula-
       tionsmittel. Alle  "Gesetze und  Verwaltungsnormen" der Welt sind
       ebenso ohnmächtig  dagegen, wie  gegen das  Einmaleins oder gegen
       die chemische Zusammensetzung des Wassers. Und da der Schatzbild-
       ner in  der Lage ist, vom Bedürftigen Zinsen zu erzwingen, so ist
       mit dem als Geld fungierenden Metallgeld auch der Zinswucher wie-
       derhergestellt.
       -----
       1*) Geld stinkt nicht.
       
       #284# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       Soweit haben  wir nur  die Wirkungen der Beibehaltung des Metall-
       geldes betrachtet innerhalb des Geltungsbereichs der Dühringschen
       Wirtschaftskommune. Aber jenseits dieses Bereichs geht die übrige
       verworfne Welt  einstweilen ihren  alten Gang  ruhig weiter. Gold
       und Silber  bleiben, auf dem Weltmarkt,  W e l t g e l d,  allge-
       meines Kauf-  und Zahlungsmittel,  absolut gesellschaftliche Ver-
       körperung des Reichtums. Und mit dieser Eigenschaft des edlen Me-
       talls tritt  vor die  einzelnen Wirtschaftskommunisten  ein neues
       Motiv zur Schatzbildung, zur Bereicherung, zum Wucher, das Motiv,
       sich gegenüber  der Kommune  und jenseits  ihrer Grenzen frei und
       unabhängig zu bewegen und den aufgehäuften Einzelreichtum auf dem
       Weltmarkt zu  verwerten. Die  Wucherer verwandeln sich in Händler
       mit dem  Zirkulationsmittel, in Bankiers, in Beherrscher des Zir-
       kulationsmittels und des Weltgelds, damit in Beherrscher der Pro-
       duktion und  damit in  Beherrscher der  Produktionsmittel,  mögen
       diese auch  noch jahrelang  dem Namen nach als Eigentum der Wirt-
       schafts- und  Handelskommune figurieren.  Damit sind  aber die in
       Bankiers übergegangnen Schatzbildner und Wucherer auch die Herren
       der "Wirtschafts- und Handelskommune selbst. Die "Sozialität" des
       Herrn Dühring  unterscheidet sich  in der Tat sehr wesentlich von
       den "Nebelhaftigkeiten"  der übrigen  Sozialisten. Sie hat weiter
       keinen Zweck  als die Wiedererzeugung der hohen Finanz, unter de-
       ren Kontrolle  und für  deren Säckel  sie sich  tapfer abarbeiten
       wird -  wenn sie  überhaupt zusammenkommt  und zusammenhält.  Die
       einzige Rettung  für sie läge darin, daß die Schatzbildner vorzö-
       gen, vermittelst  ihres Weltgeldes  eiligst aus der Kommune - da-
       vonzulaufen.
       Bei der  in Deutschland herrschenden ausgedehnten Unbekanntschaft
       mit dem  älteren Sozialismus könnte nun ein unschuldiger Jüngling
       die Frage aufwerfen, ob nicht auch z.B. die Owenschen Arbeitsmar-
       ken zu  einem ähnlichen Mißbrauch Anlaß geben könnten. Obwohl wir
       hier nicht  die Bedeutung  dieser Arbeitsmarken zu entwickeln ha-
       ben, so  mag doch  zur Vergleichung des Dühringschen "umfassenden
       Schematismus" mit  den "rohen,  matten und dürftigen Ideen" Owens
       folgendes Platz  finden : Erstens wäre zu einem solchen Mißbrauch
       der Owenschen  Arbeitsmarken ihre  Verwandlung in wirkliches Geld
       nötig, während Herr Dühring wirkliches Geld voraussetzt, ihm aber
       verbieten will,  anders als bloße Arbeitsmarke zu fungieren. Wäh-
       rend dort  wirklicher Mißbrauch  stattfände, setzt  sich hier die
       immanente, vom  menschlichen Willen  unabhängige Natur des Geldes
       durch, setzt  das Geld  seinen ihm  eigentümlichen, richtigen Ge-
       brauch durch  gegenüber dem  Mißbrauch, den Herr Dühring ihm auf-
       zwingen will  kraft seiner eignen Unwissenheit über die Natur des
       Geldes. Zweitens sind bei Owen
       
       #285# IV. Verteilung
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       die  Arbeitsmarken   nur  eine  Übergangsform  zur  vollständigen
       Gemeinschaft und freien Benutzung der gesellschaftlichen Ressour-
       cen, nebenbei  höchstens noch ein Mittel, dem britischen Publikum
       den Kommunismus  plausibel zu  machen. Wenn  also etwelcher  Miß-
       brauch die  Owensche Gesellschaft zur Abschaffung der Arbeitsmar-
       ken zwingen  sollte, so tut diese Gesellschaft einen Schritt wei-
       ter voran  zu ihrem  Ziel und tritt in eine vollkommnere Entwick-
       lungsstufe ein.  Schafft  dagegen  die  Dühringsche  Wirtschafts-
       kommune das  Geld ab,  so vernichtet  sie mit  einem Schlage ihre
       "menschheitsgeschichtliche  Tragweite",  so  beseitigt  sie  ihre
       eigentümlichste Schönheit,  hört auf, Dühringsche Wirtschaftskom-
       mune zu  sein und sinkt herab zu den Nebelhaftigkeiten, aus denen
       sie herauszuheben  Herr Dühring soviel saure Arbeit der rationel-
       len Phantasie aufgewandt hat. *)
       Woraus entstehn  nun alle die sonderbaren Irrungen und Wirrungen,
       in denen  die Dühringsche  Wirtschaftskommune herumfährt? Einfach
       aus der  Nebelhaftigkeit, die  im Kopf  des Herrn Dühring die Be-
       griffe von  Wert und  Geld umhüllt, und die ihn schließlich dahin
       treibt, den  Wert der  Arbeit entdecken  zu wollen.  Da aber Herr
       Dühring  keineswegs   das  Monopol  solcher  Nebelhaftigkeit  für
       Deutschland besitzt,  im Gegenteil  zahlreiche Konkurrenz findet,
       so wollen wir "uns einen Augenblick überwinden, das Knäuel aufzu-
       lösen", das er hier angerichtet hat.
       Der einzige Wert, den die Ökonomie kennt, ist der Wert von Waren.
       Was sind Waren? Produkte, erzeugt in einer Gesellschaft mehr oder
       weniger vereinzelter  Privatproduzenten, also zunächst Privatpro-
       dukte. Aber  diese Privatprodukte  werden erst  Waren, sobald sie
       nicht für  den Selbstverbrauch,  sondern für  den Verbrauch durch
       andre, also  für den gesellschaftlichen Verbrauch produziert wer-
       den; sie treten ein in den gesellschaftlichen Verbrauch durch den
       Austausch. Die  Privatproduzenten stehn  also  in  einem  gesell-
       schaftlichen  Zusammenhang,   bilden  eine   Gesellschaft.   Ihre
       Produkte,  obwohl  Privatprodukte  jedes  einzelnen,  sind  daher
       gleichzeitig, aber  unabsichtlich und gleichsam widerwillig, auch
       gesellschaftliche Produkte. Worin besteht nun der gesellschaftli-
       che Charakter dieser Privatprodukte? Offenbar in zwei Eigenschaf-
       ten: erstens darin, daß sie alle irgendein menschliches Bedürfnis
       befriedigen, einen Gebrauchswert haben nicht nur für den
       ---
       *) Beiläufig ist  die Rolle,  die die  Arbeitsmarken in der Owen-
       schen kommunistischen  Gesellschaft spielen,  dem  Herrn  Dühring
       gänzlich unbekannt.  Er kennt  diese Marken - aus Sargant [146] -
       nur,  soweit   sie  in  den,  natürlich  fehlgeschlagnen,  Labour
       Exchange Bazaars  [144] figurieren, Versuchen, vermittelst direk-
       ten Arbeitsaustausches  aus der bestehenden in die kommunistische
       Gesellschaft überzuführen.
       
       #286# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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       Produzenten, sondern auch für andre; und zweitens darin, daß sie,
       obwohl Produkte  der verschiedensten Privatarbeiten, gleichzeitig
       Produkte menschlicher  Arbeit schlechthin, allgemein menschlicher
       Arbeit sind.  Insofern sie auch für andre einen Gebrauchswert ha-
       ben, können  sie überhaupt  in den  Austausch treten; insofern in
       ihnen allen  allgemein menschliche  Arbeit,  einfache  Aufwendung
       menschlicher Arbeitskraft  steckt, können  sie nach  der in einer
       jeden steckenden  Menge dieser  Arbeit miteinander  im  Austausch
       verglichen, gleich oder ungleich gesetzt werden. In zwei gleichen
       Privatprodukten kann,  unter gleichbleibenden  gesellschaftlichen
       Verhältnissen, ungleich viel Privatarbeit stecken, aber immer nur
       gleich  viel  allgemein  menschliche  Arbeit.  Ein  ungeschickter
       Schmied kann  in derselben  Zeit fünf Hufeisen machen, in der ein
       geschickter zehn macht. Aber die Gesellschaft verwertet nicht das
       zufällige Ungeschick  des einen,  sie erkennt  als allgemein men-
       schliche Arbeit nur Arbeit von jedesmal normalem Durchschnittsge-
       schick an.  Eins der  fünf Hufeisen  des ersten  hat im Austausch
       also nicht  mehr Wert  als eins  der in  gleicher Arbeitszeit ge-
       schmiedeten zehn  des andern.  Nur insofern  sie gesellschaftlich
       notwendig, enthält die Privatarbeit allgemein menschliche Arbeit.
       Indem ich  also sage,  eine Ware hat diesen bestimmten Wert, sage
       ich 1.  daß sie  ein gesellschaftlich  nützliches Produkt ist; 2.
       daß sie von einer Privatperson für Privatrechnung produziert ist;
       3. daß sie, obwohl Produkt von Privatarbeit, dennoch gleichzeitig
       und gleichsam  ohne es zu wissen oder zu wollen, auch Produkt von
       gesellschaftlicher Arbeit ist, und zwar von einer bestimmten, auf
       einem gesellschaftlichen Wege, durch den Austausch festgestellten
       Menge derselben;  4. drücke  ich diese  Menge nicht aus in Arbeit
       selbst, in  soundso viel  Arbeitsstunden, sondern  i n  e i n e r
       a n d e r n   W a r e.   Wenn ich also sage, diese Uhr ist soviel
       wert wie  dies Stück  Tuch und  jedes von beiden ist fünfzig Mark
       wert, so  sage ich:  in der  Uhr, dem  Tuch und  dem Geld  steckt
       gleich viel  gesellschaftliche Arbeit.  Ich konstatiere also, daß
       die in ihnen repräsentierte gesellschaftliche Arbeitszeit gesell-
       schaftlich gemessen und gleichgefunden worden ist. Aber nicht di-
       rekt, absolut,  wie man sonst Arbeitszeit mißt, in Arbeitsstunden
       oder Tagen usw., sondern auf einem Umweg, vermittelst des Austau-
       sches, relativ.  Ich kann daher auch dieses festgestellte Quantum
       Arbeitszeit nicht  in Arbeitsstunden  ausdrücken, deren  Zahl mir
       unbekannt bleibt, sondern ebenfalls nur auf einem Umweg, relativ,
       in einer  andern Ware, die das gleiche Quantum gesellschaftlicher
       Arbeitszeit vorstellt.  Die Uhr  ist soviel  wert wie  das  Stück
       Tuch.
       Indem aber  Warenproduktion und  Warenaustausch die auf ihnen be-
       ruhende Gesellschaft  zu diesem Umweg zwingen, zwingen sie ebenso
       zu
       
       #287# IV. Verteilung
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       seiner möglichsten  Verkürzung.  Sie  sondern  aus  dem  gemeinen
       Warenpöbel eine fürstliche Ware aus, in der der Wert aller andern
       Waren ein  für allemal ausdrückbar ist, eine Ware, die als unmit-
       telbare Inkarnation  der gesellschaftlichen Arbeit gilt und daher
       gegen alle  Waren unmittelbar  und unbedingt  austauschbar wird -
       das Geld.  Das Geld ist im Wertbegriff bereits im Keim enthalten,
       es ist  nur der  entwickelte Wert. Aber indem der Warenwert sich,
       gegenüber den  Waren selbst,  verselbständigt im  Geld, tritt ein
       neuer Faktor  ein in  die Waren  produzierende und  austauschende
       Gesellschaft, ein  Faktor mit neuen gesellschaftlichen Funktionen
       und Wirkungen.  Wir haben dies vorderhand nur festzustellen, ohne
       näher darauf einzugehn.
       Die Ökonomie  der  Warenproduktion  ist  keineswegs  die  einzige
       Wissenschaft, die  nur mit  relativ bekannten Faktoren zu rechnen
       hat. Auch in der Physik wissen wir nicht, wieviel einzelne Gasmo-
       leküle in  einem gegebnen  Gasvolumen, Druck und Temperatur eben-
       falls gegeben,  vorhanden sind.  Aber wir wissen, daß, soweit das
       Boylesche Gesetz richtig, ein solches gegebnes Volumen irgendwel-
       ches Gases  ebensoviel Moleküle enthält, wie ein gleiches Volumen
       eines beliebigen  andern Gases  bei gleichem  Druck und  gleicher
       Temperatur. Wir können daher die verschiedensten Volumen der ver-
       schiedensten  Gase,   unter  den   verschiedensten   Druck-   und
       Temperaturbedingungen, auf ihren Molekulargehalt vergleichen; und
       wenn wir 1 Liter Gas bei 0° C und 760 mm Druck als Einheit anneh-
       men, an  dieser Einheit  jenen Molekulargehalt  messen. -  In der
       Chemie sind uns die absoluten Atomgewichte der einzelnen Elemente
       ebenfalls unbekannt.  Aber wir kennen sie relativ, indem wir ihre
       gegenseitigen Verhältnisse  kennen. Wie  also die Warenproduktion
       und ihre  Ökonomie für die in den einzelnen Waren steckenden, ihr
       unbekannten Arbeitsquanta  einen relativen Ausdruck erhält, indem
       sie diese  Waren auf ihren relativen Arbeitsgehalt vergleicht, so
       verschafft sich die Chemie einen relativen Ausdruck für die Größe
       der ihr  unbekannten Atomgewichte,  indem sie  die einzelnen Ele-
       mente auf  ihr Atomgewicht  vergleicht, das Atomgewicht des einen
       in Vielfachen  oder Bruchteilen des andern (Schwefel, Sauerstoff,
       Wasserstoff) ausdrückt.  Und wie die Warenproduktion das Gold zur
       absoluten Ware, zum allgemeinen Äquivalent der übrigen Waren, zum
       Maß aller  Werte erhebt, so erhebt die Chemie den Wasserstoff zur
       chemischen Geldware, indem sie sein Atomgewicht = 1 setzt und die
       Atomgewichte aller übrigen Elemente auf Wasserstoff reduziert, in
       Vielfachen seines Atomgewichts ausdrückt.
       Die Warenproduktion ist indes keineswegs die ausschließliche Form
       der gesellschaftlichen  Produktion. In dem altindischen Gemeinwe-
       sen, in  der südslawischen  Familiengemeinde verwandeln  sich die
       Produkte nicht in
       
       #288# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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       Waren. Die  Mitglieder der  Gemeinde sind unmittelbar zur Produk-
       tion vergesellschaftet,  die Arbeit  wird nach  Herkommen und Be-
       dürfnis verteilt, die Produkte, soweit sie zur Konsumtion kommen,
       ebenfalls. Die  unmittelbar gesellschaftliche  Produktion wie die
       direkte Verteilung  schließen allen Warenaustausch aus, also auch
       die Verwandlung  der Produkte  in Waren (wenigstens innerhalb der
       Gemeinde), und damit auch ihre Verwandlung in  W e r t e.
       Sobald die  Gesellschaft sich in den Besitz der Produktionsmittel
       setzt und  sie in unmittelbarer Vergesellschaftung zur Produktion
       verwendet, wird  die Arbeit eines jeden, wie verschieden auch ihr
       spezifisch nützlicher  Charakter sei,  von vornherein  und direkt
       gesellschaftliche Arbeit.  Die in  einem Produkt  steckende Menge
       gesellschaftlicher Arbeit braucht dann nicht erst auf einem Umweg
       festgestellt zu  werden; die  tägliche Erfahrung zeigt direkt an,
       wieviel davon  im Durchschnitt  nötig ist.  Die Gesellschaft kann
       einfach berechnen, wieviel Arbeitsstunden in einer Dampfmaschine,
       einem Hektoliter  Weizen der letzten Ernte, in hundert Quadratme-
       ter Tuch  von bestimmter Qualität stecken. Es kann ihr also nicht
       einfallen, die in den Produkten niedergelegten Arbeitsquanta, die
       sie alsdann  direkt und absolut kennt noch fernerhin in einem nur
       relativen, schwankenden, unzulänglichen, früher als Notbehelf un-
       vermeidlichen Maß,  in einem  dritten  Produkt  auszudrücken  und
       nicht  in   ihrem  natürlichen,  adäquaten,  absoluten  Maß,  der
       Z e i t.   Ebensowenig wie  es der  Chemie einfallen  würde,  die
       Atomgewichte auch  dann auf dem Umwege des Wasserstoffatoms rela-
       tiv auszudrücken, sobald sie imstande wäre, sie absolut, in ihrem
       adäquaten Maß  auszudrücken, nämlich  in wirklichem  Gewicht,  in
       Billiontel oder  Quadrilliontel Gramm.  Die Gesellschaft schreibt
       also unter  obigen Voraussetzungen den Produkten auch keine Werte
       zu. Sie  wird die einfache Tatsache, daß die hundert Quadratmeter
       Tuch meinetwegen  tausend Arbeitsstunden  zu ihrer Produktion er-
       fordert haben,  nicht in der schielenden und sinnlosen Weise aus-
       drücken, sie  seien tausend  Arbeitsstunden  w e r t.  Allerdings
       wird auch dann die Gesellschaft wissen müssen, wieviel Arbeit je-
       der Gebrauchsgegenstand  zu seiner  Herstellung bedarf.  Sie wird
       den Produktionsplan  einzurichten haben  nach den Produktionsmit-
       teln, wozu  besonders auch die Arbeitskräfte gehören. Die Nutzef-
       fekte der  verschiednen Gebrauchsgegenstände, abgewogen unterein-
       ander und  gegenüber den zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsmen-
       gen, werden  den Plan schließlich bestimmen. Die Leute machen al-
       les  sehr  einfach  ab  ohne  Dazwischenkunft  des  vielberühmten
       "Werts". *)
       ---
       *) Daß obige  Abwägung von  Nutzeffekt und Arbeitsaufwand bei der
       Entscheidung über die Produktion alles ist, was in einer kommuni-
       stischen Gesellschaft vom Wertbegriff
       
       #289# IV. Verteilung
       -----
       Der Wertbegriff  ist der allgemeinste und daher umfassendste Aus-
       druck der  ökonomischen Bedingungen der Warenproduktion. Im Wert-
       begriff ist  daher der Keim enthalten, nicht nur des Geldes, son-
       dern auch  aller weiter  entwickelten Formen  der Warenproduktion
       und des Warenaustausches. Darin, daß der Wert der Ausdruck der in
       den Privatprodukten  enthaltnen  gesellschaftlichen  Arbeit  ist,
       liegt schon die Möglichkeit der Differenz zwischen dieser und der
       im selben  Produkt enthaltnen  Privatarbeit. Produziert  also ein
       Privatproduzent nach  alter Weise  weiter,  während  die  gesell-
       schaftliche Produktionsweise  fortschreitet, so  wird  ihm  diese
       Differenz empfindlich fühlbar. Dasselbe geschieht, sobald die Ge-
       samtheit der  Privatanfertiger einer  bestimmten Warengattung ein
       den gesellschaftlichen  Bedarf überschießendes Quantum davon pro-
       duziert. Darin,  daß der Wert einer Ware nur in einer andern Ware
       ausgedrückt und  nur im  Austausch gegen  sie  realisiert  werden
       kann, liegt  die Möglichkeit,  daß der  Austausch überhaupt nicht
       zustande kommt  oder doch  nicht den  richtigen Wert  realisiert.
       Endlich, tritt  die spezifische  Ware Arbeitskraft auf den Markt,
       so bestimmt sich ihr Wert, wie der jeder andern Ware, nach der zu
       ihrer Produktion  gesellschaftlich nötigen  Arbeitszeit.  In  der
       Wertform der  Produkte steckt daher bereits im Keim die ganze ka-
       pitalistische Produktionsform, der Gegensatz von Kapitalisten und
       Lohnarbeitern, die industrielle Reservearmee, die Krisen. Die ka-
       pitalistische Produktionsform abschaffen wollen durch Herstellung
       des "wahren Werts", heißt daher den Katholizismus abschaffen wol-
       len durch  die Herstellung des "wahren" Papstes oder eine Gesell-
       schaft, in der die Produzenten endlich einmal ihr Produkt beherr-
       schen, herstellen  durch konsequente  Durchführung einer ökonomi-
       schen Kategorie,  die der umfassendste Ausdruck der Knechtung der
       Produzenten durch ihr eignes Produkt ist.
       Hat die  Waren produzierende Gesellschaft die den Waren, als sol-
       chen, inhärente  Wertform weiterentwickelt  zur Geldform, so bre-
       chen bereits verschiedne der im Wert noch verborgnen Keime an den
       Tag. Die nächste und wesentlichste Wirkung ist die Verallgemeine-
       rung der  Warenform. Auch den bisher für direkten Selbstverbrauch
       produzierten Gegenständen  zwingt das  Geld Warenform  auf, reißt
       sie in den Austausch. Damit dringt die Warenform und das Geld ein
       in den  innern Haushalt der zur Produktion unmittelbar vergesell-
       schafteten Gemeinwesen, bricht ein Band der
       ---
       der politischen  Ökonomie übrigbleibt, habe ich schon 1844 ausge-
       sprochen. ("Deutsch-Französische  Jahrbücher", Seite  95.)  [158]
       Die wissenschaftliche  Begründung dieses Satzes ist aber, wie man
       sieht, erst durch Marx' "Kapital" möglich geworden.
       
       #290# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       Gemeinschaft nach  dem andern  und löst  das Gemeinwesen  auf  in
       einen Haufen von Privatproduzenten. Das Geld setzt zuerst, wie in
       Indien zu  sehn, an  die Stelle der gemeinsamen Bodenbebauung die
       Einzelkultur; später  löst es das noch in zeitweilig wiederholter
       Umteilung zutage  tretende gemeinsame  Eigentum am  Ackerland auf
       durch endgültige  Aufteilung (z.B.  in den Gehöferschaften an der
       Mosel [78],  beginnend auch  in der russischen Gemeinde); endlich
       drängt es  zur Verteilung  des noch übrigen gemeinsamen Wald- und
       Weidebesitzes. Welche  andern, in  der Entwicklung der Produktion
       begründeten Ursachen auch hier mitarbeiten, das Geld bleibt immer
       das mächtigste  Mittel ihrer  Einwirkung auf die Gemeinwesen. Und
       mit derselben  Naturnotwendigkeit müßte das Geld, allen "Gesetzen
       und Verwaltungsnormen" zum Trotz, die Dühringsche Wirtschaftskom-
       mune auflösen, käme sie je zustande.
       Wir haben  bereits oben  (Ökonomie, VI) gesehn, daß es ein Wider-
       spruch in sich selbst ist, von einem Wert der Arbeit zu sprechen.
       Da Arbeit  unter gewissen  gesellschaftlichen Verhältnissen nicht
       nur Produkte  erzeugt, sondern  auch Wert,  und dieser Wert durch
       die Arbeit gemessen wird, so kann sie ebensowenig einen besondern
       Wert haben  wie die Schwere als solche ein besondres Gewicht oder
       die Wärme  eine besondre  Temperatur. Es ist aber die charakteri-
       stische Eigenschaft aller über den "wahren Wert" grübelnden Sozi-
       alkonfusion, sich  einzubilden, der  Arbeiter erhalte in der heu-
       tigen Gesellschaft  nicht den vollen "Wert" seiner Arbeit und der
       Sozialismus  sei   berufen,  dem  abzuhelfen.  Dazu  gehört  dann
       zunächst, auszufinden,  was der  Wert der  Arbeit ist; und diesen
       findet man, indem man versucht, die Arbeit nicht an ihrem adäqua-
       ten Maß,  der Zeit,  zu messen, sondern an ihrem Produkt. Der Ar-
       beiter soll  den "vollen  Arbeitsertrag" [92] erhalten. Nicht nur
       Arbeitsprodukt,  sondern  Arbeit  selbst  soll  unmittelbar  aus-
       tauschbar sein  gegen Produkt,  eine Arbeitsstunde gegen das Pro-
       dukt einer  andren Arbeitsstunde. Dies hat aber sofort einen sehr
       "bedenklichen" Haken.  Das   g a n z e   P r o d u k t  wird ver-
       teilt. Die  wichtigste progressive Funktion der Gesellschaft, die
       Akkumulation, wird der Gesellschaft entzogen und in die Hände und
       die Willkür  der einzelnen  gelegt. Die einzelnen mögen mit ihren
       "Erträgen" machen, was sie wollen, die Gesellschaft bleibt im be-
       sten Fall  so reich oder so arm, wie sie war. Man hat also die in
       der Vergangenheit  akkumulierten Produktionsmittel nur deshalb in
       den Händen  der Gesellschaft zentralisiert, damit alle in Zukunft
       akkumulierten Produktionsmittel  wieder in den Händen der einzel-
       nen zersplittert  werden. Man schlägt seinen eignen Voraussetzun-
       gen ins Gesicht, man ist angekommen bei einer puren Absurdität.
       
       #291# IV. Verteilung
       -----
       Flüssige Arbeit, tätige Arbeitskraft soll ausgetauscht werden ge-
       gen Arbeitsprodukt.  Dann ist  sie Ware,  ebenso wie das Produkt,
       wogegen sie  ausgetauscht werden  soll. Dann wird der Wert dieser
       Arbeitskraft bestimmt keineswegs nach ihrem Produkt, sondern nach
       der in  ihr verkörperten gesellschaftlichen Arbeit, also nach dem
       heutigen Gesetz des Arbeitslohns.
       Aber das  soll ja  grade nicht sein. Die flüssige Arbeit, die Ar-
       beitskraft soll  austauschbar sein  gegen ihr volles Produkt. Das
       heißt, sie  soll austauschbar  sein nicht  gegen ihren   W e r t,
       sondern gegen  ihren   G e b r a u c h s w e r t;  das Wertgesetz
       soll für  alle andern  Waren gelten, aber es soll aufgehoben sein
       für die  Arbeitskraft. Und diese sich selbst aufhebende Konfusion
       ist es, die sich hinter dem "Wert der Arbeit" verbirgt.
       Der "Austausch  von Arbeit  gegen Arbeit  nach dem  Grundsatz der
       gleichen Schätzung",  soweit er  einen Sinn  hat, also  die  Aus-
       tauschbarkeit von  Produkten gleicher  gesellschaftlichen  Arbeit
       gegeneinander, also das Wertgesetz, ist das Grundgesetz grade der
       Warenproduktion, also auch der höchsten Form derselben, der kapi-
       talistischen Produktion.  Es setzt  sich in  der heutigen Gesell-
       schaft durch  in derselben  Weise, in  der allein ökonomische Ge-
       setze in  einer Gesellschaft  von Privatproduzenten  sich  durch-
       setzen können: als in den Dingen und Verhältnissen liegendes, vom
       Wollen oder  Laufen der Produzenten unabhängiges, blind wirkendes
       Naturgesetz. Indem  Herr Dühring dies Gesetz zum Grundgesetz sei-
       ner Wirtschaftskommune  erhebt und  verlangt, daß  diese  es  mit
       vollem Bewußtsein  durchführen soll, macht er das Grundgesetz der
       bestehenden Gesellschaft  zum Grundgesetz seiner Phantasiegesell-
       schaft. Er  will die bestehende Gesellschaft, aber ohne ihre Miß-
       stände. Er  bewegt sich dabei ganz auf demselben Boden wie Proud-
       hon. Wie  dieser will  er die  Mißstände, die aus der Entwicklung
       der Warenproduktion  zur kapitalistischen  Produktion  entstanden
       sind, beseitigen,  indem er  ihnen gegenüber  das Grundgesetz der
       Warenproduktion geltend macht, dessen Betätigung grade diese Miß-
       stände erzeugt  hat. Wie  Proudhon will  er die wirklichen Konse-
       quenzen des Wertgesetzes aufheben durch phantastische.
       Wie stolz  er aber  auch hinausreite, unser moderner Don Quijote,
       auf seiner edlen Rosinante, dem "universellen Prinzip der Gerech-
       tigkeit", und  gefolgt von  seinem wackern  Sancho Pansa  Abraham
       Enß, auf  der irrenden  Ritterfahrt zur  Eroberung des  Helms des
       Mambrin, des  "Werts der Arbeit" - wir fürchten, wir fürchten, er
       bringt nichts heim, als das alte bekannte Barbierbecken.
       
       #292# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       V. Staat, Familie, Erziehung
       
       Mit den  beiden vorigen  Abschnitten hätten  wir nun den ökonomi-
       schen Inhalt  der "neuen  sozialitären Gebilde" des Herrn Dühring
       so ziemlich  erschöpft. Höchstens wäre noch zu bemerken, daß "die
       universelle Weite  des geschichtlichen  Umblicks" ihn  keineswegs
       verhindert, seine  Spezialinteressen wahrzunehmen,  auch abgesehn
       von der bekannten mäßigen Mehrkonsumtion. Da die alte Teilung der
       Arbeit in der Sozialität fortbesteht, wird die Wirtschaftskommune
       außer mit  Architekten und Karrenschiebern auch mit Literaten von
       Profession zu  rechnen haben,  wobei dann die Frage entsteht, wie
       es alsdann  mit dem  Autorrecht gehalten werden soll. Diese Frage
       beschäftigt Herrn  Dühring mehr als jede andre. Überall, z.B. bei
       Gelegenheit von  Louis Blanc  und Proudhon,  gerät das Autorrecht
       dem Leser  zwischen die  Beine, um  endlich auf  neun Seiten  des
       "Cursus"  des  breitern  breitgetreten  und  in  der  Form  einer
       mysteriösen  "Arbeitsbelohnung"   -  ob   mit  oder  ohne  mäßige
       Mehrkonsumtion wird  nicht gesagt  - glücklich  in den  Hafen der
       Sozialität hinübergerettet  zu werden. Ein Kapitel über die Stel-
       lung der Flöhe im natürlichen System der Gesellschaft wäre ebenso
       angebracht gewesen und jedenfalls weniger langweilig.
       Über  die   Staatsordnung  der  Zukunft  gibt  die  "Philosophie"
       ausführliche Vorschriften. Hier hat Rousseau, obwohl "der einzige
       bedeutende Vorgänger"  des Herrn Dühring, dennoch den Grund nicht
       tief genug  gelegt; sein  tieferer Nachfolger hilft dem gründlich
       ab, indem  er den  Rousseau aufs alleräußerste verwässert und mit
       ebenfalls zu  breiter Bettelsuppe  verkochten Abfällen der Hegel-
       schen Rechtsphilosophie versetzt. "Die Souveränetät des Individu-
       ums" bildet  die Grundlage  des Dühringschen  Zukunftsstaats; sie
       soll in  der Herrschaft  der Majorität  nicht unterdrückt werden,
       sondern erst recht kulminieren. Wie geht das zu? Sehr einfach.
       
       "Wenn man in allen Richtungen Übereinkünfte eines jeden mit jedem
       andern voraussetzt, und wenn diese Verträge die gegenseitige Hül-
       feleistung gegen  ungerechte Verletzungen  zum Gegenstand haben -
       alsdann wird  nur die Macht zur Aufrechterhaltung des Rechts ver-
       stärkt und  aus keiner  bloßen Übergewalt der Menge über den ein-
       zelnen oder  der Mehrheit  über die Minderheit ein Recht abgelei-
       tet."
       
       Mit  solcher   Leichtigkeit  setzt   die  lebendige   Kraft   des
       wirklichkeitsphilosophischen Hokuspokus über die unpassierbarsten
       Hindernisse hinweg,  und wenn  der Leser  meint, er  sei hiernach
       nicht klüger  als zuvor,  so antwortet  ihm Herr Dühring, er möge
       die Sache nur ja nicht so leicht nehmen, denn
       
       #293# V. Staat, Familie, Erziehung
       -----
       "der  g e r i n g s t e  F e h l g r i f f  in der Auffassung der
       Rolle des  Gesamtwillens würde  die Souveränetät  des Individuums
       v e r n i c h t e n,   und diese  Souveränetät ist es allein, was
       (!) zur Ableitung wirklicher Rechte führt".
       
       Herr Dühring  behandelt sein  Publikum ganz wie es verdient, wenn
       er es zum besten hält. Er konnte sogar noch bedeutend dicker auf-
       tragen; die Studiosen der Wirklichkeitsphilosophie hätten es doch
       nicht gemerkt.
       Die Souveränität  des Individuums  besteht nun  wesentlich darin,
       daß
       
       "der einzelne  dem Staat  gegenüber in  a b s o l u t e r  W e i-
       s e   g e z w u n g e n    wird",  dieser  Zwang  aber  sich  nur
       insoweit rechtfertigen  kann, als  er "wirklich  der  natürlichen
       Gerechtigkeit dient".  Zu diesem  Zweck wird es "Gesetzgebung und
       Richtertum" geben,  aber sie "müssen bei der Gesamtheit bleiben";
       ferner einen  Wehrbund, der  sich im "Zusammenstehn im Heere oder
       in  einer   zum  innern   Sicherheitsdienste   gehörigen   Exeku-
       tivabteilung" äußert,
       
       also auch  Armee, Polizei, Gensdarmen. Herr Dühring hat sich zwar
       schon so  oft als  braver Preuße  bewährt; hier  beweist er seine
       Ebenbürtigkeit mit  jenem Musterpreußen, der nach dem weiland Mi-
       nister von  Rochow "seinen  Gensdarmen in der Brust trägt". Diese
       Zukunftsgensdarmerie wird  aber nicht so gefährlich sein, wie die
       heutigen "Zarucker" [159]. Was sie auch an dem souveränen Indivi-
       duum verüben möge, dieses hat immer  e i n e n  T r o s t:
       
       "das Recht oder Unrecht, welches ihm alsdann, je nach den Umstän-
       den, von  Seiten der  freien Gesellschaft  widerfährt,  kann  nie
       e t w a s   S c h l i m m e r e s   sein, als  was auch der  N a-
       t u r z u s t a n d  mit sich bringen würde"!
       
       Und dann,  nachdem Herr  Dühring uns noch einmal über sein unver-
       meidliches Autorrecht  hat stolpern lassen, versichert er uns, es
       werde in seiner Zukunftswelt eine
       
       "selbstverständlich völlig freie und allgemeine Advokatur"
       
       geben. "Die  heute erdachte  freie Gesellschaft"  wird immer  ge-
       mischter. Architekten, Karrenschieber, Literaten, Gensdarmen, und
       nun auch  noch Advokaten!  Dies "solide  und kritische  Gedanken-
       reich" gleicht  aufs Haar den verschiednen Himmelreichen der ver-
       schiednen Religionen,  in denen  der Gläubige  immer das verklärt
       wiederfindet, was  ihm sein irdisches Leben versüßt hat. Und Herr
       Dühring gehört ja dem Staate an, wo "jeder nach seiner Fasson se-
       lig werden kann" [160]. Was wollen wir mehr?
       Was wir  wollen mögen, ist indes hier gleichgültig. Es kommt dar-
       auf an,  was Herr Dühring will. Und dieser unterscheidet sich von
       Friedrich II.  dadurch, daß im Dühringschen Zukunftsstaat keines-
       wegs jeder  nach seiner  Fasson selig werden kann. In der Verfas-
       sung dieses Zukunftsstaats heißt es:
       
       #294# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       "In der freien Gesellschaft kann es keinen Kultus geben;  d e n n
       von jedem  ihrer Glieder  ist die kindische Ureinbildung überwun-
       den, daß  es hinter  oder über der Natur Wesen gebe, auf die sich
       durch Opfer  oder Gebete  wirken lasse." Ein "richtig verstandnes
       Sozialitätssystem  h a t  daher ... alle Zurüstungen zur geistli-
       chen Zauberei und mithin alle wesentlichen Bestandteile der Kulte
       a b z u t u n".
       
       Die Religion wird verboten.
       Nun  ist  alle  Religion  nichts  andres  als  die  phantastische
       Widerspiegelungen den  Köpfen  der  Menschen,  derjenigen  äußern
       Mächte, die  ihr alltägliches Dasein beherrschen, eine Widerspie-
       gelung, in  der die  irdischen Mächte  die Form von überirdischen
       annehmen. In  den Anfängen  der Geschichte  sind  es  zuerst  die
       Mächte der  Natur, die  diese Rückspiegelung  erfahren und in der
       weitern Entwicklung  bei den verschiednen Völkern die mannigfach-
       sten und  buntesten Personifikationen  durchmachen. Dieser  erste
       Prozeß ist  wenigstens für  die indoeuropäischen Völker durch die
       vergleichende Mythologie bis auf seinen Ursprung in den indischen
       Vedas zurückverfolgt  und in seinem Fortgang bei Indern, Persern,
       Griechen, Römern,  Germanen und, soweit das Material reicht, auch
       bei Kelten, Litauern und Slawen im einzelnen nachgewiesen worden.
       Aber bald  treten neben  den Naturmächten  auch gesellschaftliche
       Mächte in  Wirksamkeit, Mächte, die den Menschen ebenso fremd und
       im Anfang  ebenso unerklärlich  gegenüberstehn, sie mit derselben
       scheinbaren Naturnotwendigkeit  beherrschen wie  die  Naturmächte
       selbst. Die Phantasiegestalten, in denen sich anfangs nur die ge-
       heimnisvollen Kräfte  der Natur  widerspiegelten, erhalten  damit
       gesellschaftliche Attribute,  werden Repräsentanten  geschichtli-
       cher Mächte.  *) Auf  einer noch weitern Entwicklungsstufe werden
       sämtliche natürlichen und gesellschaftlichen Attribute der vielen
       Götter auf  Einen allmächtigen Gott übertragen, der selbst wieder
       nur der  Reflex des  abstrakten Menschen  ist.  So  entstand  der
       Monotheismus, der  geschichtlich das  letzte Produkt  der  spätem
       griechischen Vulgärphilosophie  war und  im jüdischen ausschließ-
       lichen Nationalgott  Jahve seine  Verkörperung vorfand. In dieser
       bequemen, handlichen  und allem anpaßbaren Gestalt kann die Reli-
       gion fortbestehn  als unmittelbare,  das heißt gefühlsmäßige Form
       des Verhaltens der Menschen
       ---
       *) Dieser spätere Doppelcharakter der Göttergestalten ist ein von
       der vergleichenden  Mythologie, die  sich einseitig an deren Cha-
       rakter als  Reflexe von  Naturmächten hält, übersehener Grund der
       später einreißenden  Verwirrung der Mythologien. So heißt bei ei-
       nigen  germanischen   Stämmen  der  Kriegsgott  altnordisch  Tyr,
       althochdeutsch Zio, entspricht also dem griechischen Zeus, latei-
       nisch Jupiter  für Diespiter; bei andern Er, Eor, entspricht also
       dem griechischen Ares, lateinisch Mars.
       
       #295# V. Staat, Familie, Erziehung
       -----
       zu den  sie beherrschenden fremden, natürlichen und gesellschaft-
       lichen Mächten, solange die Menschen unter der Herrschaft solcher
       Mächte stehn  Wir haben aber mehrfach gesehn, daß in der heutigen
       bürgerlichen Gesellschaft  die Menschen  von den von ihnen selbst
       geschaffnen ökonomischen  Verhältnissen, von den von ihnen selbst
       produzierten Produktionsmitteln  wie von  einer fremden Macht be-
       herrscht werden.  Die tatsächliche  Grundlage der  religiösen Re-
       flexaktion dauert  also fort  und mit  ihr der  religiöse  Reflex
       selbst. Und  wenn auch  die  bürgerliche  Ökonomie  eine  gewisse
       Einsicht in  den ursächlichen Zusammenhang dieser Fremdherrschaft
       eröffnet, so  ändert dies  der Sache nach nichts. Die bürgerliche
       Ökonomie kann  weder die  Krisen im  ganzen verhindern  noch  den
       einzelnen Kapitalisten  vor Verlusten,  schlechten  Schulden  und
       Bankrott oder  den einzelnen  Arbeiter vor  Arbeitslosigkeit  und
       Elend schützen.  Es heißt  noch immer:  der Mensch denkt und Gott
       (das heißt  die Fremdherrschaft der kapitalistischen Produktions-
       weise) lenkt.  Die bloße  Erkenntnis, und  ginge sie  weiter  und
       tiefer als  die  der  bürgerlichen  Ökonomie,  genügt  nicht,  um
       gesellschaftliche  Mächte  der  Herrschaft  der  Gesellschaft  zu
       unterwerfen. Dazu gehört vor allem eine gesellschaftliche  T a t.
       Und wenn diese Tat vollzogen, wenn die Gesellschaft durch Besitz-
       ergreifung und  planvolle Handhabung  der  gesamten  Produktions-
       mittel sich  selbst und  alle ihre  Mitglieder aus  der Knechtung
       befreit hat,  in der  sie gegenwärtig gehalten werden durch diese
       von ihnen  selbst  produzierten,  aber  ihnen  als  übergewaltige
       fremde  Macht   gegenüberstehenden  Produktionsmittel,  wenn  der
       Mensch also  nicht mehr bloß denkt, sondern auch lenkt, dann erst
       verschwindet die  letzte fremde Macht, die sich jetzt noch in der
       Religion widerspiegelt, und damit verschwindet auch die religiöse
       Widerspiegelung selbst,  aus dem  einfachen Grunde,  weil es dann
       nichts mehr widerzuspiegeln gibt.
       Herr Dühring  dagegen kann  es nicht  abwarten, bis  die Religion
       dieses ihres  natürlichen Todes verstirbt. Er verfährt wurzelhaf-
       ter. Er  überbismarckt den  Bismarck; er  dekretiert  verschärfte
       Maigesetze [161], nicht bloß gegen den Katholizismus, sondern ge-
       gen alle  Religion überhaupt;  er hetzt  seine Zukunftsgensdarmen
       auf die  Religion und  verhilft ihr  damit zum Märtyrertum und zu
       einer verlängerten  Lebensfrist. Wohin  wir  blicken,  spezifisch
       preußischer Sozialismus.
       Nachdem Herr Dühring so die Religion glücklich vernichtet,
       
       "kann nun der allein auf sich und die Natur gestellte und zur Er-
       kenntnis seiner  Kollektivkräfte gereifte  Mensch kühn  alle Wege
       einschlagen, die ihm der Lauf der Dinge und sein eignes Wesen er-
       öffnen".
       
       #296# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       Betrachten wir  nun zur Abwechslung, welchen "Lauf der Dinge" der
       auf sich  selbst gestellte  Mensch an  der Hand des Herrn Dühring
       kühn einschlagen kann.
       Der erste  Lauf der Dinge, wodurch der Mensch auf sich selbst ge-
       stellt wird, ist der, geboren zu werden. Dann bleibt er
       
       für die Zeit der natürlichen Unmündigkeit der "natürlichen Erzie-
       herin der Kinder", der Mutter anvertraut. "Diese Periode mag, wie
       im alten  römischen Recht,  bis zur  Pubertät, also  etwa bis zum
       vierzehnten Jahr  reichen." Nur  wo ungezogene  ältere Knaben das
       Ansehn der Mutter nicht gehörig respektieren, wird der väterliche
       Beistand, namentlich aber die öffentlichen Erziehungsvorkehrungen
       diesen Mangel unschädlich machen. Mit der Pubertät tritt das Kind
       unter "die natürliche Vormundschaft des Vaters", wenn nämlich ein
       solcher mit "unbestrittner wirklicher Vaterschaft" vorhanden ist;
       andernfalls stellt die Gemeinde einen Vormund.
       
       Wie Herr  Dühring sich früher vorstellte, man könne die kapitali-
       stische Produktionsweise  durch die  gesellschaftliche  ersetzen,
       ohne die  Produktion selbst umzugestalten, so bildet er sich hier
       ein, man  könne die  modernbürgerliche Familie  von ihrer  ganzen
       ökonomischen Grundlage losreißen, ohne dadurch ihre ganze Form zu
       verändern. Diese  Form ist  für ihn  so unwandelbar, daß er sogar
       das "alte  römische Recht",  wenn auch  in etwas "veredelter" Ge-
       stalt, für  die Familie in alle Ewigkeit maßgebend macht und sich
       eine Familie  nur als "vererbende", das heißt als besitzende Ein-
       heit vorstellen  kann. Die  Utopisten stehn  hier weit über Herrn
       Dühring. Ihnen war mit der freien Vergesellschaftung der Menschen
       und der Verwandlung der häuslichen Privatarbeit in eine öffentli-
       che Industrie auch die Vergesellschaftung der Jugenderziehung und
       damit ein  wirklich freies gegenseitiges Verhältnis der Familien-
       glieder  unmittelbar   gegeben.  Und   ferner  hat  bereits  Marx
       (Kapital, Seite  515 u.f.) nachgewiesen, wie "die große Industrie
       mit der  entscheidenden Rolle, die sie den Weibern, jungen Perso-
       nen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organi-
       sierten Produktionsprozessen  jenseits der  Sphäre des Hauswesens
       zuweist, die  neue ökonomische  Grundlage schafft für eine höhere
       Form der Familie und des Verhältnisses beider Geschlechter" 1*).
       
       "Jeder sozialreformatorische  Phantast", sagt  Herr Dühring, "hat
       natürlich die seinem neuen sozialen Leben entsprechende Pädagogik
       in Bereitschaft."
       
       An diesem  Satze gemessen, erscheint Herr Dühring als "ein wahres
       Monstrum" unter  den sozialreformatorischen  Phantasten. Die  Zu-
       kunftsschule
       -----
       1*) Vgl. Band 23 unserer Ausgabe, S. 514
       
       #297# V. Staat, Familie, Erziehung
       -----
       beschäftigt ihn mindestens ebensoviel wie das Autorrecht, und das
       will wahrhaftig  viel sagen.  Nicht nur  für die ganze "absehbare
       Zukunft" hat  er Schulplan  und Universitätsplan  fix und fertig,
       sondern auch  für die Übergangsperiode. Beschränken wir uns indes
       darauf, was  der Jugend  beiderlei Geschlechts in der endgültigen
       Sozialität letzter Instanz beigebracht werden soll.
       Die allgemeine Volksschule bietet
       
       "alles, was an sich selbst und prinzipiell für den Menschen einen
       Reiz haben kann", also namentlich die "Grundlagen und Hauptergeb-
       nisse aller  die Welt-  und Lebensansichten  berührenden  Wissen-
       schaften". Sie  lehrt also  vor allem Mathematik und zwar so, daß
       der Kreis  aller prinzipiellen  Begriffe und Mittel vom einfachen
       Zählen und  Addieren bis zur Integralrechnung "vollständig durch-
       messen" wird.
       
       Das heißt aber nicht, daß in dieser Schule wirklich differenziert
       und integriert werden soll, im Gegenteil. Es sollen vielmehr dort
       ganz neue  Elemente  der  Gesamtmathematik  gelehrt  werden,  die
       sowohl die gewöhnliche elementare, wie auch die höhere Mathematik
       im Keime  in sich enthalten. Obwohl nun Herr Dühring von sich be-
       hauptet, auch schon
       
       "den Inhalt  der Lehrbücher"  dieser  Zukunftsschule  "in  seinen
       Hauptzügen schematisch vor Augen"
       
       zu haben, so hat es ihm doch leider bis jetzt nicht gelingen wol-
       len, diese
       
       "Elemente der gesamten Mathematik"
       
       zu entdecken; und was er nicht leisten kann, das
       
       "ist auch  wirklich erst  von den freien und gesteigerten Kräften
       des neuen Gesellschaftszustandes zu erwarten".
       
       Wenn aber  die Trauben  der Zukunftsmathematik  einstweilen  noch
       sehr sauer  sind, so wird die Astronomie, Mechanik und Physik der
       Zukunft desto weniger Schwierigkeiten machen und
       
       "den Kern  aller Schulung  abgeben", während "Pflanzen- und Tier-
       kunde, mit  ihrer, trotz  aller Theorien,  noch immer vornehmlich
       beschreibenden Art und Weise ... mehr zur leichtern Unterhaltung"
       dienen werden.
       
       So steht's gedruckt, "Philosophie", Seite 417. Herr Dühring kennt
       bis auf  den heutigen  Tag keine  andre als  eine vornehmlich be-
       schreibende Pflanzen-und  Tierkunde. Die ganze organische Morpho-
       logie, die  die vergleichende Anatomie, Embryologie und Paläonto-
       logie der  organischen Welt umfaßt, ist ihm selbst dem Namen nach
       unbekannt. Während  hinter seinem  Rücken im Bereich der Biologie
       ganz neue Wissenschaften fast zu Dutzenden
       
       #298# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       entstehn, holt sein kindliches Gemüt sich noch immer "die eminent
       modernen Bildungselemente  der naturwissenschaftlichen Denkweise"
       aus Raffs "Naturgeschichte für Kinder", und oktroyiert diese Ver-
       fassung der organischen Welt ebenfalls der ganzen "absehbaren Zu-
       kunft". Die  Chemie ist,  wie gewöhnlich bei ihm, auch hier total
       vergessen worden.
       Für die ästhetische Seite des Unterrichts wird Herr Dühring alles
       neu zu  beschaffen haben.  Die bisherige Poesie taugt dazu nicht.
       Wo alle  Religion verboten  ist, kann  die bei den frühern Poeten
       übliche "Zurichtung  mythologischer oder  sonst  religiöser  Art"
       selbstredend nicht  in der Schule geduldet werden. Auch "der poe-
       tische Mystizismus,  wie ihn z.B. Goethe stark gepflegt hat", ist
       verwerflich. Herr Dühring wird sich also selbst entschließen müs-
       sen, uns jene dichterischen Meisterwerke zu liefern, die "den hö-
       hern Ansprüchen  einer mit dem Verstände ausgeglichenen Phantasie
       entsprechen" und das echte Ideal darstellen, welches "die Vollen-
       dung der  Welt bedeutet".  Möge er  nicht damit  zaudern.  Welte-
       robernd kann  die Wirtschaftskommurie  erst wirken, sobald sie in
       dem mit dem Verstand ausgeglichnen Sturmschritt des Alexandriners
       einherwandelt.
       Mit der  Philologie wird  der heranwachsende Zukunftsbürger nicht
       viel geplagt werden.
       
       "Die toten  Sprachen kommen ganz in Wegfall... die fremden leben-
       den Sprachen  aber werden ... etwas Nebensächliches bleiben." Nur
       wo der Verkehr unter den Völkern sich auf die Bewegung der Volks-
       massen selbst  erstreckt, sollen  sie jedem in leichter Weise, je
       nach Bedürfnis, Zugänglich gemacht werden. "Die wirklich bildende
       Sprachschulung" wird  gefunden in einer Art allgemeiner Grammatik
       und namentlich in "Stoff und Form der eignen Sprache".
       
       Die nationale Borniertheit der heutigen Menschen ist noch viel zu
       kosmopolitisch für  Herrn Dühring.  Er will  auch noch die beiden
       Hebel abschaffen,  die in  der heutigen Welt wenigstens die Gele-
       genheit zur  Erhebung über den beschränkten nationalen Standpunkt
       bieten: die Kenntnis der alten Sprachen, die wenigstens den klas-
       sisch gebildeten  Leuten aller Völker einen gemeinsamen erweiter-
       ten Horizont eröffnet, und die Kenntnis der neuern Sprachen, ver-
       mittelst deren  die Leute der verschiednen Nationen allein unter-
       einander sich  verständigen und  sich mit dem bekannt machen kön-
       nen, was außerhalb ihrer eignen Grenzen vorgeht. Dagegen soll die
       Grammatik der  Landessprache gründlich  eingepaukt werden. "Stoff
       und Form  der eignen  Sprache" sind  aber nur  dann verständlich,
       wenn man  ihre Entstehung  und allmähliche  Entwicklung verfolgt,
       und dies  ist nicht  möglich ohne  Berücksichtigung erstens ihrer
       eignen abgestorbnen  Formen und  zweitens der verwandten lebenden
       und toten Sprachen. Damit sind wir aber wieder auf
       
       #299# V. Staat, Familie, Erziehung
       -----
       dem ausdrücklich verbotnen Gebiet. Wenn aber hiermit Herr Dühring
       die ganze moderne historische Grammatik aus seinem Schulplan aus-
       streicht, so  bleibt ihm  nichts für den Sprachunterricht als die
       altfränkische, ganz  im Stil der alten klassischen Philologie zu-
       gestutzte, technische  Grammatik mit  allen ihren, auf dem Mangel
       an geschichtlicher  Grundlage beruhenden  Kasuistereien und Will-
       kürlichkeiten. Der Haß gegen die alte Philologie bringt ihn dazu,
       das allerschlechteste  Produkt der  alten Philologie zum "Mittel-
       punkt der  wirklich bildenden  Sprachschulung"  zu  erheben.  Man
       sieht klar,  daß wir  es mit  einem Sprachgelehrten zu tun haben,
       der von  der ganzen,  seit sechzig  Jahren  so  gewaltig  und  so
       erfolgreich entwickelten  historischen Sprachforschung  nie reden
       gehört hat, und der daher "die eminent modernen Bildungselemente"
       der Sprachschulung  nicht sucht bei Bopp, Grimm und Diez, sondern
       bei Heyse und Becker seligen Andenkens.
       Mit allem  diesem wäre  aber der  angehende  Zukunftsbürger  noch
       lange nicht "auf sich selbst gestellt". Hierzu gehört wieder eine
       tiefere Grundlegung, vermittelst der
       
       "Aneignung der  letzten philosophischen Grundlagen". "Eine solche
       Vertiefung wird  aber ...  nichts weniger  als eine Riesenaufgabe
       bleiben", seitdem  Herr Dühring  hier reine  Bahn gemacht hat. In
       der Tat,  "säubert man das wenige strenge Wissen, dessen sich die
       allgemeine Schematik  des Seins  rühmen kann,  von den  falschen,
       scholastischen Verschnörkelungen, und entschließt man sich, über-
       all nur  die" von  Herrn Dühring "beglaubigte Wirklichkeit gelten
       zu lassen",  so ist die Elementarphilosophie auch der Zukunftsju-
       gend vollständig  zugänglich  gemacht.  "Man  erinnere  sich  der
       h ö c h s t   e i n f a c h e n  Wendungen, mit denen wir den Un-
       endlichkeitsbegriffen und  deren Kritik zu einer bisher ungekann-
       ten Tragweite  verholfen haben"  - so  ist "gar  nicht  abzusehn,
       warum die  durch die  gegenwärtige Vertiefung und Verschärfung so
       einfach gestalteten  Elemente der universellen Raum- und Zeitauf-
       fassung nicht schließlich in die Reihe der Vorkenntnisse Übergehn
       sollten ...  die  wurzelhaftesten  Gedanken"  des  Herrn  Dühring
       "dürfen in  der universellen Bildungssystematik der neuen Gesell-
       schaft keine Nebenrolle spielen". Der sich selbst gleiche Zustand
       der Materie  und die abgezählte Unzahl sind im Gegenteil dazu be-
       rufen, den  Menschen "nicht  nur auf  eignen Füßen stehn, sondern
       auch aus  sich selbst  wissen zu  lassen, daß  er das  sogenannte
       A b s o l u t e  u n t e r  d e n  F ü ß e n  h a t".
       
       Die Volksschule  der Zukunft,  wie man sieht, ist nichts als eine
       etwas "veredelte" preußische Pennalia, auf der Griechisch und La-
       teinisch durch etwas mehr reine und angewandte Mathematik und na-
       mentlich durch  die Elemente der Wirklichkeitsphilosophie ersetzt
       und der  deutsche Unterricht  wieder auf  Becker selig, also etwa
       bis auf  Tertia heruntergebracht  wird. Es  ist in  der Tat  "gar
       nicht abzusehn",  warum die nunmehr von uns auf allen von ihm be-
       rührten Gebieten  als höchst  schülerhaft nachgewiesenen  "Kennt-
       nisse"
       
       #300# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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       des Herrn Dühring oder vielmehr, was nach vorgängiger gründlicher
       "Säuberung" überhaupt  von  ihnen  übrigbleibt,  nicht  samt  und
       sonders "schließlich  in die  Reihe  der  Vorkenntnisse  übergehn
       sollten", sintemal  sie diese Reihe in Wirklichkeit nie verlassen
       haben. Freilich  hat Herr Dühring auch etwas davon läuten gehört,
       daß in  der sozialistischen  Gesellschaft  Arbeit  und  Erziehung
       verbunden und  dadurch eine  vielseitige  technische  Ausbildung,
       sowie eine  praktische Grundlage  für die  wissenschaftliche  Er-
       ziehung gesichert  werden solle; auch dieser Punkt wird daher für
       die Sozialität  in üblicher Weise dienstbar gemacht. Da aber, wie
       wir sahen,  die alte Arbeitsteilung in der Dühringschen Zukunfts-
       produktion im  wesentlichen  ruhig  fortbesteht,  so  ist  dieser
       technischen Schulbildung  jede spätere praktische Anwendung, jede
       Bedeutung für  die Produktion selbst, abgeschnitten, sie hat eben
       nur einen  Schulzweck: sie  soll die  Gymnastik ersetzen, von der
       unser wurzelhafter Umwälzer nichts wissen will. Er kann uns daher
       auch nur ein paar Phrasen bieten, wie z.B.:
       
       "die Jugend und das Alter arbeiten im ernsten Sinne des Worts".
       
       Wahrhaft jammervoll  aber erscheint  diese haltungslose  und  in-
       haltslose Kannegießerei,  wenn man  sie vergleicht mit der Stelle
       im "Kapital",  Seite 508  bis 515   1*), wo Marx den Satz entwic-
       kelt, daß  "aus dem  Fabriksystem, wie  man im  Detail bei Robert
       Owen verfolgen kann, der Keim der Erziehung der Zukunft entsproß,
       welche für  alle Kinder  über einem gewissen Alter produktive Ar-
       beit mit  Unterricht und  Gymnastik verbinden wird, nicht nur als
       eine Methode  zur Steigerung  der gesellschaftlichen  Produktion,
       sondern als  die einzige  Methode zur  Produktion vollseitig ent-
       wickelter Menschen" 2*).
       Übergehn  wir   die  Universität   der  Zukunft,   in   der   die
       Wirklichkeitsphilosophie den  Kern alles  Wissens bilden wird und
       in der  neben der  medizinischen auch die juristische Fakultät in
       voller Blüte  fortbesteht;  übergehn  wir  auch  die  "speziellen
       Fachanstalten", von denen wir bloß erfahren, daß sie nur "für ein
       paar Gegenstände"  gelten sollen.  Nehmen wir  an, der  junge Zu-
       kunftsbürger sei  nach Absolvierung  aller Schulkurse endlich so-
       weit "auf  sich gestellt",  daß er  sich nach  einer Frau  umsehn
       kann. Welchen Lauf der Dinge eröffnet ihm hier Herr Dühring?
       
       "Angesichts der  Bedeutsamkeit der Fortpflanzung für Festhaltung,
       Ausmerzung und Mischung sowie sogar für neue gestaltende Entwick-
       lung von Eigenschaften, muß man die letzten Wurzeln des Menschli-
       chen oder Unmenschlichen zu einem großen
       -----
       1*) Siehe Band  23 unserer Ausgabe, S. 507-514 - 2*) vgl. ebenda,
       S. 507/508
       
       #301# V. Staat, Familie. Erziehung
       -----
       Teil in  der geschlechtlichen  Gesellung und Auswahl und überdies
       noch in der Sorge für oder gegen einen bestimmten Ausfall der Ge-
       burten suchen. Das Gericht über die Wüstheit und Stumpfheit, wel-
       che in diesem Gebiet herrschen, muß praktisch einer spätem Epoche
       überlassen bleiben.  Jedoch ist  wenigstens soviel von vornherein
       auch unter  dem Druck  der Vorurteile  begreiflich zu machen, daß
       weit mehr  als die  Zahl, sicherlich die der Natur oder menschli-
       chen Umsicht  gelungne oder mißlungne Beschaffenheit der Geburten
       in Anschlag kommen muß. Ungeheuer sind allerdings zu allen Zeiten
       und unter  allen Rechtszust+nden  der  Vernichtung  anheimgegeben
       worden; aber die Stufenleiter vom Regelrechten bis zur Verzerrung
       in das  nicht mehr  Menschenähnliche hat  viele Sprossen ... Wird
       dem  Entstehn   eines  Menschen  vorgebeugt,  der  doch  nur  ein
       schlechtes Erzeugnis werden würde, so ist diese Tatsache offenbar
       ein Vorteil."
       
       Ebenso heißt es an einer andern Stelle:
       
       "Der philosophischen  Betrachtung kann es nicht schwerfallen, das
       Recht der ungebornen Welt auf eine möglichst gute Komposition ...
       zu begreifen  ... Die Konzeption und allenfalls auch noch die Ge-
       burt bieten die Gelegenheit dar, um in dieser Beziehung eine vor-
       beugende oder  ausnahmsweise auch sichtende Fürsorge eintreten zu
       lassen."
       
       Und ferner:
       
       "Die griechische  Kunst, den  Menschen in Marmor zu idealisieren,
       wird nicht  das gleiche  geschichtliche Gewicht  behalten können,
       sobald die  weniger künstlerisch  spielende und daher für das Le-
       bensschicksal der Millionen weit ernstere Aufgabe in die Hand ge-
       nommen wird,  die Menschenbildung in Fleisch und Blut zu vervoll-
       kommnen. Diese  Art Kunst  ist keine bloß steinerne, und ihre Äs-
       thetik betrifft nicht die Anschauung toter Formen" usw.
       
       Unser angehender Zukunftsbürger fällt aus den Wolken. Daß es sich
       beim Heiraten  um keine  bloß steinerne Kunst handelt, auch nicht
       um die Anschauung toter Formen, das wußte er allerdings auch ohne
       Herrn Dühring;  aber dieser  hatte ihm  ja versprochen,  er könne
       alle Wege einschlagen, die ihm der Lauf der Dinge und sein eignes
       Wesen eröffnen, um ein mitempfindendes weibliches Herz samt dazu-
       gehörigem Körper  zu finden.  Keineswegs, donnert  ihm jetzt  die
       "tiefere und  strengere Moralität"  entgegen. Es handelt sich zu-
       erst darum,  die Wüstheit  und Stumpfheit  abzulegen, die auf dem
       Gebiet der  geschlechtlichen Gesellung und Auswahl herrschen, und
       dem Recht  der neugebornen  Welt auf eine möglichst gute Komposi-
       tion Rechnung zu tragen. Es handelt sich für ihn in diesem feier-
       lichen Moment  darum, die  Menschenbildung in Fleisch und Blut zu
       vervollkommnen, sozusagen ein Phidias in Fleisch und Blut zu wer-
       den. Wie  das anfangen?  Die obigen  mysteriösen  Äußerungen  des
       Herrn Dühring
       
       #302# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
       -----
       geben ihm  nicht die  geringste  Anleitung  dazu,  obwohl  dieser
       selbst sagt,  es sei eine "Kunst". Sollte Herr Dühring vielleicht
       auch schon  ein Handbuch  zu dieser Kunst "schematisch vor Augen"
       haben, ähnlich  etwa wie  deren so mancherlei heutzutage verklebt
       im deutschen  Buchhandel umlaufen?  In der  Tat befinden  wir uns
       hier schon  nicht mehr in der Sozialität, sondern vielmehr in der
       "Zauberflöte", nur daß der behäbige Freimaurerpfaff Sarastro kaum
       als ein  "Priester zweiter  Klasse" gelten kann, gegenüber unserm
       tiefern und  strengern Moralisten. Die Proben, die jener mit sei-
       nem Liebespärchen  von Adepten  vornahm, sind  ein wahres Kinder-
       spiel gegen  die Schauerprüfung,  die Herr  Dühring seinen beiden
       souveränen Individuen  aufnötigt, ehe  er ihnen gestattet, in den
       Stand der  "sittlichen und  freien Ehe"  zu treten. So kann es ja
       vorkommen, daß unser "auf sich selbst gestellter" Zukunfts-Tamino
       zwar das  sogenannte Absolute  unter den  Füßen hat, einer dieser
       Füße aber  um ein  paar Leitersprossen vom Regelrechten abweicht,
       so daß  böse Zungen  ihn einen  Klumpfuß nennen. Auch liegt es im
       Bereich der  Möglichkeit, daß seine herzallerliebste Zukunfts-Pa-
       mina auf besagtem Absoluten nicht ganz grade steht, infolge einer
       leichten Verschiebung  zugunsten der  rechten Schulter,  die  der
       Neid sogar  für ein  gelindes Buckelchen  ausgibt. Was dann? Wird
       unser tieferer und strengerer Sarastro ihnen verbieten, die Kunst
       der Menschenvervollkommnung  in Fleisch und Blut zu praktizieren,
       wird er  seine "vorbeugende  Fürsorge" bei  der "Konzeption" oder
       seine "sichtende"  bei der  "Geburt" geltend  machen? Zehn  gegen
       eins, die  Dinge verlaufen  anders; das  Liebespärchen  läßt  Sa-
       rastro-Dühring stehn und geht zum Standesbeamten.
       Halt! ruft  Herr Dühring.  So war es nicht gemeint. Laßt doch mit
       euch reden.
       
       Bei den  "höhern, echt  menschlichen Beweggründen  der  heilsamen
       Geschlechtsverbindungen ...  ist die menschlich veredelte Gestalt
       der Geschlechtserregung,  deren Steigerung sich als  l e i d e n-
       s c h a f t l i c h e   L i e b e   kundgibt, in ihrer Doppelsei-
       tigkeit die  beste Bürgschaft  für die  auch  in  ihrem  Ergebnis
       zuträgliche Verbindung  ...  es  ist  nur  eine  Wirkung  zweiter
       Ordnung, daß  aus einer  an sich  harmonischen Beziehung auch ein
       Erzeugnis  von  zusammenstimmendem  Gepräge  hervorgehe.  Hieraus
       folgt wiederum, daß jeder Zwang schädlich wirken muß" usw.
       
       Und hiermit  erledigt sich  alles aufs  schönste in der schönsten
       der Sozialitäten. Klumpfuß und Buckelchen lieben einander leiden-
       schaftlich und  bieten daher  auch in  ihrer Doppelseitigkeit die
       beste Bürgschaft  für eine harmonische "Wirkung zweiter Ordnung",
       es geht  wie im Roman, sie lieben sich, sie kriegen sich, und all
       die tiefere  und strengere  Moralität verläuft  wie gewöhnlich in
       harmonischem Larifari.
       
       #303# V. Staat, Familie, Erziehung
       -----
       Welche noblen Vorstellungen Herr Dühring überhaupt vom weiblichen
       Geschlecht hat,  ergibt sich aus folgender Anklage gegen die heu-
       tige Gesellschaft:
       
       "Die Prostitution  gilt in  der auf  Verkauf des  Menschen an den
       Menschen gegründeten  Unterdrückungsgesellschaft  als  selbstver-
       ständliche Ergänzung  der Zwangsehe  zugunsten der Männer, und es
       ist eine  der begreiflichsten,  aber auch    b e d e u t u n g s-
       v o l l s t e n   Tatsachen,   d a ß   e s  e t w a s  Ä h n l i-
       c h e s   f ü r    d i e    F r a u e n    n i c h t    g e b e n
       k a n n."
       
       Den Dank,  der Herrn  Dühring für  dies Kompliment von seiten der
       Frauen zuteil  werden dürfte,  möchte ich  nicht um  alles in der
       Welt einheimsen.  Sollte indes  Herrn Dühring die nicht mehr ganz
       ungewöhnliche Einkünfteart  der Schürzenstipendien gänzlich unbe-
       kannt sein?  Und Herr  Dühring ist doch selbst Referendar gewesen
       und wohnt  in Berlin, wo doch schon zu meiner Zeit, vor sechsund-
       dreißig Jahren, um von den Lieutenants nicht zu reden, Referenda-
       rius sich oft genug reimte auf Schürzenstipendarius!
       
                                    *
       
       Man gestatte  uns, von  unserm Gegenstand, der sicher oft trocken
       und trist  genug war,  in versöhnend-heiterer  Weise Abschied  zu
       nehmen. Solange wir die einzelnen Fragepunkte abzuhandeln hatten,
       war das  Urteil gebunden  durch die  objektiven,  unbestreitbaren
       Tatsachen; es  mußte nach  diesen Tatsachen  oft genug scharf und
       selbst hart ausfallen. Jetzt, wo Philosophie, Ökonomie und Sozia-
       lität hinter  uns liegen,  wo das  Gesamtbild des Schriftstellers
       vor uns  steht, den  wir im einzelnen zu beurteilen hatten, jetzt
       können menschliche  Rücksichten in  den Vordergrund treten; jetzt
       wird es  uns gestattet, manche sonst unbegreifliche wissenschaft-
       liche Abirrungen  und Überhebungen zurückzuführen auf persönliche
       Ursachen, und  unser Gesamturteil  über Herrn Dühring zusammenzu-
       fassen  in   den  Worten:    U n z u r e c h n u n g s f ä h i g-
       k e i t  a u s  G r ö ß e n w a h n.

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