Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur
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DRITTER ABSCHNITT
Sozialismus
I. Geschichtliches
Wir sahen in der Einleitung *), wie die französischen Philosophen
des 18. Jahrhunderts, die Vorbereiter der Revolution, an die Ver-
nunft appellierten, als einzige Richterin über alles, was be-
stand. Ein vernünftiger Staat, eine vernünftige Gesellschaft
sollten hergestellt, alles, was der ewigen Vernunft widersprach,
sollte ohne Barmherzigkeit beseitigt werden. Wir sahen ebenfalls,
daß diese ewige Vernunft in Wirklichkeit nichts andres war, als
der idealisierte Verstand des eben damals zum Bourgeois sich
fortentwickelnden Mittelbürgers. Als nun die französische Revolu-
tion diese Vernunftgesellschaft und diesen Vernunftstaat verwirk-
licht hatte, stellten sich daher die neuen Einrichtungen, so ra-
tionell sie auch waren gegenüber den frühern Zuständen, keines-
wegs als absolut vernünftige heraus. Der Vernunftstaat war voll-
ständig in die Brüche gegangen. Der Rousseausche Gesellschafts-
vertrag [21] hatte seine Verwirklichung gefunden in der
Schreckenszeit, aus der das an seiner eignen politischen Be-
fähigung irre gewordne Bürgertum sich geflüchtet hatte zuerst in
die Korruption des Direktoriums und schließlich unter den Schutz
des napoleonischen Despotismus. [130] Der verheißene ewige Friede
war umgeschlagen in einen endlosen Eroberungskrieg. Die Vernunft-
gesellschaft war nicht besser gefahren. Der Gegensatz von reich
und arm, statt sich aufzulösen im allgemeinen Wohlergehn, war
verschärft worden durch die Beseitigung der ihn überbrückenden
zünftigen und andern Privilegien und der ihn mildernden kirchli-
chen Wohltätigkeitsanstalten; der Aufschwung der Industrie auf
kapitalistischer Grundlage erhob Armut und Elend der arbeitenden
Massen zu einer Lebensbedingung der Gesellschaft. Die Zahl der
Verbrechen nahm zu von
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*) Vgl. "Philosophie" I. [129]
#240# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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Jahr zu Jahr. Waren die früher am hellen Tage sich ungescheut er-
gehenden feudalen Laster zwar nicht vernichtet, so doch vorläufig
in den Hintergrund gedrängt, so schössen dafür die, bisher nur in
der Stille gehegten, bürgerlichen Laster um so üppiger in die
Blüte. Der Handel entwickelte sich mehr und mehr zur Prellerei.
Die "Brüderlichkeit" der revolutionären Devise verwirklichte sich
in den Schikanen und dem Neid des Konkurrenzkampfs. An die Stelle
der gewaltsamen Unterdrückung trat die Korruption, an die Stelle
des Degens, als des ersten gesellschaftlichen Machthebels, das
Geld. Das Recht der ersten Nacht ging über von den Feudalherren
auf die bürgerlichen Fabrikanten. Die Prostitution breitete sich
aus in bisher unerhörtem Maß. Die Ehe selbst blieb, nach wie vor,
gesetzlich anerkannte Form, offizieller Deckmantel der Prostitu-
tion, und ergänzte sich zudem durch reichlichen Ehebruch. Kurzum,
verglichen mit den prunkhaften Verheißungen der Aufklärer, erwie-
sen sich die durch den "Sieg der Vernunft" hergestellten gesell-
schaftlichen und politischen Einrichtungen als bitter enttäu-
schende Zerrbilder. Es fehlten nur noch die Leute, die diese Ent-
täuschung konstatierten, und diese kamen mit der Wende des Jahr-
hunderts. 1802 erschienen Saint-Simons Genfer Briefe; 1808 er-
schien Fouriers erstes Werk, obwohl die Grundlage seiner Theorie
schon von 1799 datierte; am ersten Januar 1800 übernahm Robert
Owen die Leitung von New Lanark [131].
Um diese Zeit aber war die kapitalistische Produktionsweise und
mit ihr der Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat noch sehr
unentwickelt. Die große Industrie, in England eben erst entstan-
den, war in Frankreich noch unbekannt. Aber erst die große Indu-
strie entwickelt einerseits die Konflikte, die eine Umwälzung der
Produktionsweise zur zwingenden Notwendigkeit erheben - Konflikte
nicht nur der von ihr erzeugten Klassen, sondern auch der von ihr
geschaffnen Produktivkräfte und Austauschformen selbst -; und sie
entwickelt andrerseits in eben diesen riesigen Produktivkräften
auch die Mittel, diese Konflikte zu lösen. Waren also um 1800 die
der neuen Gesellschaftsordnung entspringenden Konflikte erst im
Werden begriffen, so gilt dies noch weit mehr von den Mitteln ih-
rer Lösung. Hatten die besitzlosen Massen von Paris während der
Schreckenszeit einen Augenblick die Herrschaft erobern können, so
hatten sie damit nur bewiesen, wie unmöglich diese Herrschaft un-
ter den damaligen Verhältnissen war. Das sich aus diesen besitz-
losen Massen eben erst als Stamm einer neuen Klasse absondernde
Proletariat, noch ganz unfähig zu selbständiger politischer Ak-
tion, stellte sich dar als unterdrückter, leidender Stand, dem in
seiner Unfähigkeit, sich selbst zu helfen, höchstens von außen
her, von oben herab Hülfe zu bringen war.
#241# I. Geschichtliches
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Diese geschichtliche Lage beherrschte auch die Stifter des Sozia-
lismus. Dem unreifen Stand der kapitalistischen Produktion, der
unreifen Klassenlage entsprachen unreife Theorien. Die Lösung der
gesellschaftlichen Aufgaben, die in den unentwickelten ökonomi-
schen Verhältnissen noch verborgen lag, sollte aus dem Kopfe er-
zeugt werden. Die Gesellschaft bot nur Mißstände; sie zu beseiti-
gen war Aufgabe der denkenden Vernunft. Es handelte sich darum,
ein neues vollkommneres System der gesellschaftlichen Ordnung zu
erfinden und dies der Gesellschaft von außen her, durch Pro-
paganda, womöglich durch das Beispiel von Musterexperimenten
aufzuoktroyieren. Diese neuen sozialen Systeme waren von vornher-
ein zur Utopie verdammt; je weiter sie in ihren Einzelheiten aus-
gearbeitet wurden, desto mehr mußten sie in reine Phantasterei
verlaufen.
Dies einmal festgestellt, halten wir uns bei dieser, Jetzt ganz
der Vergangenheit angehörigen Seite keinen Augenblick länger auf.
Wir können es literarischen Kleinkrämern à la Dühring überlassen,
an diesen, heute nur noch erheiternden Phantastereien feierlich
herumzuklauben und die Überlegenheit ihrer eignen nüchternen Den-
kungsart geltend zu machen gegenüber solchem "Wahnwitz". Wir
freuen uns lieber der genialen Gedankenkeime und Gedanken, die
unter der phantastischen Hülle überall hervorbrechen, und für die
jene Philister blind sind.
Saint-Simon stellt bereits in seinen Genfer Briefen den Satz auf,
daß
"alle Menschen arbeiten sollen".
In derselben Schrift weiß er schon, daß die Schreckensherrschaft
die Herrschaft der besitzlosen Massen war.
"Seht an", ruft er ihnen zu, "was sich in Frankreich ereignet hat
zu der Zeit, als eure Kameraden dort geherrscht; sie haben die
Hungersnot erzeugt." [132]
Die französische Revolution aber als einen Klassenkampf zwischen
Adel, Bürgertum und Besitzlosen aufzufassen, war im Jahr 1802
eine höchst geniale Entdeckung. 1816 erklärt er die Politik für
die Wissenschaft der Produktion und sagt voraus das gänzliche
Aufgehn der Politik in der Ökonomie. [133] Wenn hierin die Er-
kenntnis, daß die ökonomische Lage die Basis der politischen Ein-
richtungen ist, nur erst im Keime sich zeigt, so ist doch die
Überführung der politischen Regierung über Menschen in eine Ver-
waltung von Dingen und eine Leitung von Produktionsprozessen,
also die neuerdings mit so viel Lärm breitgetretné Abschaffung
des Staats hier schon klar ausgesprochen. Mit gleicher Überlegen-
heit über seine Zeitgenossen proklamiert er 1814, unmittelbar
nach dem Einzug der Verbündeten in Paris, und noch 1815, während
des Kriegs der Hundert Tage, die Allianz
#242# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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Frankreichs mit England und in zweiter Linie beider Länder mit
Deutschland als einzige Gewähr für die gedeihliche Entwicklung
und den Frieden Europas. [1349 Allianz den Franzosen von 1815
predigen mit den Siegern von Waterloo, dazu gehörte allerdings
etwas mehr Mut, als den deutschen Professoren einen Klatschkrieg
zu erklären. [135]
Wenn wir bei Saint-Simon eine geniale Weite des Blicks entdecken,
vermöge deren fast alle nicht streng ökonomischen Gedanken der
spätem Sozialisten bei ihm im Keim enthalten sind, so finden wir
bei Fourier eine echt französisch-geistreiche, aber darum nicht
minder tief eindringende Kritik der bestehenden Gesellschaftszu-
stände. Fourier nimmt die Bourgeoisie, ihre begeisterten Prophe-
ten von vor, und ihre interessierten Lobhudler von nach der Revo-
lution beim Worte. Er deckt die materielle und moralische Misère
der bürgerlichen Welt unbarmherzig auf, er hält daneben sowohl
die gleißenden Versprechungen der Aufklärer von der Gesellschaft,
in der nur die Vernunft herrschen werde, von der alles beglücken-
den Zivilisation, von der grenzenlosen menschlichen Vervollkomm-
nungsfähigkeit, wie auch die schönfärbenden Redensarten der
gleichzeitigen Bourgeois-Ideologen; er weist nach, wie der hoch-
tönendsten Phrase überall die erbärmlichste Wirklichkeit ent-
spricht, und überschüttet dies rettungslose Fiasko der Phrase mit
beißendem Spott. Fourier ist nicht nur Kritiker, seine ewig hei-
tere Natur macht ihn zum Satiriker, und zwar zu einem der größten
Satiriker aller Zeiten. Die mit dem Niedergang der Revolution em-
porblühende Schwindelspekulation ebenso wie die allgemeine Krä-
merhaftigkeit des damaligen französischen Handels schildert er
ebenso meisterhaft wie ergötzlich. Noch meisterhafter ist seine
Kritik der bürgerlichen Gestaltung der Geschlechtsverhältnisse
und der Stellung des Weibes in der bürgerlichen Gesellschaft. Er
spricht es zuerst aus, daß in einer gegebnen Gesellschaft der
Grad der weiblichen Emanzipation das natürliche Maß der allgemei-
nen Emanzipation ist. [136] Am großartigsten aber erscheint Fou-
rier in seiner Auffassung der Geschichte der Gesellschaft. Er
teilt ihren ganzen bisherigen Verlauf in vier Entwicklungsstufen:
Wildheit, Patriarchat, Barbarei, Zivilisation, welch letztere mit
der jetzt sogenannten bürgerlichen Gesellschaft zusammenfällt,
und weist nach,
"daß die zivilisierte Ordnung jedes Laster, welches die Barbarei
auf eine einfache Weise ausübt, zu einer zusammengesetzten, dop-
pelsinnigen, zweideutigen, heuchlerischen Daseinsweise erhebt",
daß die Zivilisation sich in einem "fehlerhaften Kreislauf" be-
wegt, in Widersprüchen, die sie stets neu erzeugt, ohne sie über-
winden zu können,
#243# I. Geschichtliches
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so daß sie stets das Gegenteil erreicht von dem, was sie erlangen
will oder erlangen zu wollen vorgibt. [137] So daß z.B.
"in der Zivilisation die Armut aus dem Überfluß selbst ent-
springt". [138]
Fourier, wie man sieht, handhabt die Dialektik mit derselben
Meisterschaft wie sein Zeitgenosse Hegel. Mit gleicher Dialektik
hebt er hervor, gegenüber dem Gerede von der unbegrenzten men-
schlichen Vervollkommnungsfähigkeit, daß jede geschichtliche
Phase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast hat
[139], und wendet diese Anschauungsweise auch auf die Zukunft der
gesamten Menschheit an. Wie Kant den künftigen Untergang der Erde
in die Naturwissenschaft, führt Fourier den künftigen Untergang
der Menschheit in die Geschichtsbetrachtung ein. -
Während in Frankreich der Orkan der Revolution das Land ausfegte,
ging in England eine stillere, aber darum nicht minder gewaltige
Umwälzung vor sich. Der Dampf und die neue Werkzeugmaschinerie
verwandelten die Manufaktur in die moderne große Industrie und
revolutionierten damit die ganze Grundlage der bürgerlichen Ge-
sellschaft. Der schläfrige Entwicklungsgang der Manufakturzeit
verwandelte sich in eine wahre Sturm- und Drangperiode der Pro-
duktion. Mit stets wachsender Schnelligkeit vollzog sich die
Scheidung der Gesellschaft in große Kapitalisten und besitzlose
Proletarier, zwischen denen, statt des frühern stabilen Mittel-
standes, jetzt eine unstete Masse von Handwerkern und Kleinhänd-
lern eine schwankende Existenz führte, der fluktuierendste Teil
der Bevölkerung. Noch war die neue Produktionsweise erst im An-
fang ihres aufsteigenden Asts; noch war sie die normale, die un-
ter den Umständen einzig mögliche Produktionsweise. Aber schon
damals erzeugte sie schreiende soziale Mißstände: Zusammendrän-
gung einer heimatlosen Bevölkerung in den schlechtesten Wohnstät-
ten großer Städte - Lösung aller hergebrachten Bande des Herkom-
mens, der patriarchalischen Unterordnung, der Familie - Überar-
beit besonders der Weiber und Kinder in schreckenerregendem Maß -
massenhafte Demoralisation der plötzlich in ganz neue Verhält-
nisse geworfnen arbeitenden Klasse. Da trat ein neunundzwanzig-
jähriger Fabrikant als Reformator auf, ein Mann von bis zur Erha-
benheit kindlicher Einfachheit des Charakters und zugleich ein
geborner Lenker von Menschen wie wenige. Robert Owen hatte sich
die Lehre der materialistischen Aufklärer angeeignet, daß der
Charakter des Menschen das Produkt sei einerseits der angebornen
Organisation und andrerseits der den Menschen während seiner Le-
benszeit, besonders aber während der Entwicklungsperiode umgeben-
den Umstände. In der industriellen Revolution sahen die meisten
#244# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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seiner Standesgenossen nur Verwirrung und Chaos, gut, um im trü-
ben zu fischen und sich rasch zu bereichern. Er sah in ihr die
Gelegenheit, seinen Lieblingssatz zur Anwendung und damit Ordnung
in das Chaos zu bringen. Er hatte es schon in Manchester als Di-
rigent über fünfhundert Arbeiter einer Fabrik erfolgreich ver-
sucht; von 1800 bis 1829 leitete er die große Baumwollspinnerei
von New Lanark in Schottland als dirigierender Associé in demsel-
ben Sinn, nur mit größerer Freiheit des Handelns, und mit einem
Erfolg, der ihm europäischen Ruf eintrug. Eine allmählich auf
2500 Köpfe anwachsende, ursprünglich aus den gemischtesten und
größtenteils stark demoralisierten Elementen sich zusammenset-
zende Bevölkerung wandelte er um in eine vollständige Musterkolo-
nie, in der Trunkenheit, Polizei, Strafrichter, Prozesse, Armen-
pflege, Wohltätigkeitsbedürfnis unbekannte Dinge waren. Und zwar
einfach dadurch, daß er die Leute in menschenwürdigere Umstände
versetzte und namentlich die heranwachsende Generation sorgfältig
erziehen ließ. Er war der Erfinder der Kleinkinderschulen und
führte sie hier zuerst ein. Vom zweiten Lebensjahre an kamen die
Kinder in die Schule, wo sie sich so gut unterhielten, daß sie
kaum wieder heimzubringen waren. Während seine Konkurrenten drei-
zehn bis vierzehn Stunden täglich arbeiteten, wurde in New Lanark
nur zehneinhalb Stunden gearbeitet. Als eine Baumwollenkrisis zu
viermonatigem Stillstand zwang, wurde den feiernden Arbeitern der
volle Lohn fortbezahlt. Und dabei hatte das Etablissement seinen
Wert mehr als verdoppelt und bis zuletzt den Eigentümern reichli-
chen Gewinn abgeworfen.
Mit alledem war Owen nicht zufrieden. Die Existenz, die er seinen
Arbeitern geschaffen, war in seinen Augen noch lange keine men-
schenwürdige;
"die Leute waren meine Sklaven":
die relativ günstigen Umstände, in die er sie versetzt, waren
noch weit entfernt davon, eine allseitige und rationelle Entwick-
lung des Charakters und des Verstandes, geschweige eine freie Le-
benstätigkeit zu gestatten.
"Und doch produzierte der arbeitende Teil dieser 2500 Menschen
ebensoviel wirklichen Reichtum für die Gesellschaft, wie kaum ein
halbes Jahrhundert vorher eine Bevölkerung von 600 000 erzeugen
konnte. Ich frug mich: was wird aus der Differenz zwischen dem
von 2500 Personen verzehrten Reichtum und demjenigen, den die
600 000 hätten verzehren müssen?"
Die Antwort war klar. Er war verwandt worden, um den Besitzern
des Etablissements fünf Prozent Zinsen vom Anlagekapital und au-
ßerdem noch mehr als 300 000 Pfd. Sterling (6 000 000 Mark) Ge-
winn abzuwerfen. Und was von New Lanark, galt in noch höherm Maß
von allen Fabriken Englands.
#245# I. Geschichtliches
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"Ohne diesen neuen, durch die Maschinen geschaffnen Reichtum hät-
ten die Kriege zum Sturz Napoleons und zur Aufrechterhaltung der
aristokratischen Gesellschaftsprinzipien nicht durchgeführt wer-
den können. Und doch war diese neue Macht die Schöpfung der ar-
beitenden Klasse." [140]
Ihr gehörten daher auch die Früchte. Die neuen, gewaltigen
Produktivkräfte, bisher nur der Bereicherung einzelner und der
Knechtung der Massen dienend, boten für Owen die Grundlage zu ei-
ner gesellschaftlichen Neubildung, und waren dazu bestimmt, als
gemeinsames Eigentum aller nur für die gemeinsame Wohlfahrt aller
zu arbeiten.
Auf solche rein geschäftsmäßige Weise, als Frucht sozusagen der
kaufmännischen Berechnung entstand der Owensche Kommunismus.
Denselben auf das Praktische gerichteten Charakter behält er
durchweg. So schlug Owen 1823 Hebung des irischen Elends durch
kommunistische Kolonien vor und legte vollständige Berechnungen
über Anlagekosten, jährliche Auslagen und voraussichtliche Er-
träge bei. [141] So ist in seinem definitiven Zukunftsplan die
technische Ausarbeitung der Einzelheiten mit solcher Sachkenntnis
durchgeführt, daß, die Owensche Methode der Gesellschaftsreform
einmal zugegeben, sich gegen die Detaileinrichtung selbst vom
fachmännischen Standpunkt nur wenig sagen läßt.
Der Fortschritt zum Kommunismus war der Wendepunkt in Owens Le-
ben. Solange er als bloßer Philanthrop aufgetreten, hatte er
nichts geerntet als Reichtum, Beifall, Ehre und Ruhm. Er war der
populärste Mann in Europa. Nicht nur seine Standesgenossen, auch
Staatsmänner und Fürsten hörten ihm beifällig zu. Als er aber mit
seinen kommunistischen Theorien hervortrat, wendete sich das
Blatt. Drei große Hindernisse waren es, die ihm vor allem den Weg
zur gesellschaftlichen Reform zu versperren schienen: das Privat-
eigentum, die Religion und die gegenwärtige Form der Ehe. Er
wußte, was ihm bevorstand, wenn er sie angriff: die allgemeine
Ächtung durch die offizielle Gesellschaft, der Verlust seiner
ganzen sozialen Stellung. Aber er ließ sich nicht abhalten, sie
rücksichtslos anzugreifen, und es geschah, wie er vorhergesehn.
Verbannt aus der offiziellen Gesellschaft, totgeschwiegen von der
Presse, verarmt durch fehlgeschlagne kommunistische Versuche in
Amerika, in denen er sein ganzes Vermögen geopfert, wandte er
sich direkt an die Arbeiterklasse und blieb in ihrer Mitte noch
dreißig Jahre tätig. Alle gesellschaftlichen Bewegungen, alle
wirklichen Fortschritte, die in England im Interesse der Arbeiter
zustande gekommen, knüpfen sich an den Namen Owen. So setzte er
1819 nach fünfjähriger Anstrengung das erste Gesetz zur Beschrän-
kung der Weiber- und Kinderarbeit in den Fabriken durch. [142] So
präsidierte er dem ersten Kongreß,
#246# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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auf dem die Trade-Unions von ganz England sich in eine einzige
große Gewerksgenossenschaft vereinigten. [143] So führte er als
Übergangsmaßregeln zur vollständig kommunistischen Einrichtung
der Gesellschaft einerseits die Kooperativgesellschaften ein
(Konsum- und Produktivgenossenschaften), die seitdem wenigstens
den praktischen Beweis geliefert haben, daß sowohl der Kaufmann
wie der Fabrikant sehr entbehrliche Personen sind; andrerseits
die Arbeitsbasars, Anstalten zum Austausch von Arbeitsprodukten
vermittelst eines Arbeitspapiergeldes, dessen Einheit die Ar-
beitsstunde bildete [144]; Anstalten, die notwendig scheitern
mußten, die aber die weit spätere Proudhonsche Tauschbank [145]
vollständig antizipierten und sich nur dadurch von ihr unter-
schieden, daß sie nicht das Universalheilmittel aller gesell-
schaftlichen Übel, sondern nur einen ersten Schritt zu einer weit
radikaleren Umgestaltung der Gesellschaft darstellten.
Das sind die Männer, auf die der souveräne Herr Dühring von der
Höhe seiner "endgültigen Wahrheit letzter Instanz" mit der Ver-
achtung herabsieht, von der wir in der Einleitung einige Bei-
spiele gegeben haben. Und diese Verachtung ist nach Einer Seite
hin nicht ohne ihren zureichenden Grund: sie beruht nämlich we-
sentlich auf einer wahrhaft erschreckenden Unwissenheit in Bezie-
hung auf die Schriften der drei Utopisten. So heißt es von Saint-
Simon, daß
"sein Grundgedanke im wesentlichen zutreffend gewesen ist und,
von einigen Einseitigkeiten abgesehn, noch heute den leitenden
Antrieb zu wirklichen Gestaltungen liefert".
Trotzdem aber Herr Dühring in der Tat einige der Saint-Simonschen
Werke in der Hand gehabt zu haben scheint, sehn wir uns auf den
betreffenden siebenundzwanzig Druckseiten ebenso vergeblich nach
dem "Grundgedanken" Saint-Simons um, wie früher nach dem, was
Quesnays ökonomisches Tableau "bei Quesnay selbst zu bedeuten
hat", und müssen uns schließlich abspeisen lassen mit der Phrase,
"daß die Imagination und der philanthropische Affekt ... mit der
ihm zugehörigen Überspannung der Phantasie den gesamten Ideen-
kreis Saint-Simons beherrschte"!
Von Fourier kennt und beachtet er nur die in romanhaftes Detail
ausgemalten Zukunftsphantasien, was allerdings zur Feststellung
der unendlichen Überlegenheit des Herrn Dühring über Fourier
"weit wichtiger ist" als zu untersuchen, wie dieser "die wirkli-
chen Zustände g e l e g e n t l i c h zu kritisieren versucht".
Gelegentlich! Nämlich fast auf jeder Seite seiner Werke sprühen
die Funken der Satire und der Kritik über die Miseren der vielge-
priesenen Zivilisation. Es ist, als wollte man sagen, Herr Düh-
ring erkläre
#247# I. Geschichtliches
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nur "gelegentlich" den Herrn Dühring für den größten Denker aller
Zeiten. Was aber gar die zwölf, Robert Owen gewidmeten Seiten an-
geht, so hat Herr Dühring dafür absolut keine andre Quelle als
die miserable Biographie des Philisters Sargant, der die wichtig-
sten Schriften Owens - über die Ehe und die kommunistische Ein-
richtung - ebenfalls nicht kannte. [146] Herr Dühring kann sich
daher kühnlich zu der Behauptung versteigen, man dürfe bei Owen
"keinen entschiednen Kommunismus voraussetzen". Allerdings, hätte
Herr Dühring Owens "Book of the New Moral World" auch nur in der
Hand gehabt, so hätte er darin nicht nur den allerentschiedensten
Kommunismus, mit gleicher Arbeitspflicht und gleichem Anrecht am
Produkt - gleich je nach dem Alter, wie Owen stets ergänzt - aus-
gesprochen gefunden, sondern auch die vollständige Ausarbeitung
des Gebäudes für die kommunistische Gemeinde der Zukunft, mit
Grundriß, Aufriß und Ansicht aus der Vogelperspektive. Wenn man
aber das "unmittelbare Studium der eignen Schriften der Vertreter
der sozialistischen Ideenkreise" auf die Kenntnis des Titels und
höchstens noch - des M o t t o s einiger weniger dieser Schrif-
ten beschränkt, wie Herr Dühring hier, so bleibt allerdings
nichts übrig als solche alberne und direkt erfundne Behauptung.
Nicht nur gepredigt hat Owen den "entschiednen Kommunismus", er
hat ihn auch während fünf Jahren (Ende der dreißiger und anfangs
der vierziger) praktiziert in der Kolonie von Harmony Hall in
Hampshire [147], deren Kommunismus an Entschiedenheit nichts zu
wünschen übrigließ. Ich habe selbst mehrere ehemalige Mitglieder
dieses kommunistischen Musterexperiments gekannt. Aber von alle-
dem, wie überhaupt von Owens Tätigkeit zwischen 1836 und 1850
weiß Sargant absolut nichts, und daher verbleibt auch die
"tiefere Geschichtschreibung" des Herrn Dühring in pechdunkler
Ignoranz. Herr Dühring nennt Owen "in jeder Hinsicht ein wahres
Monstrum philanthropischer Aufdringlichkeit". Wenn aber derselbe
Herr Dühring uns über den Inhalt von Büchern unterrichtet, von
denen er kaum Titel und Motto kennt, so dürfen wir beileibe nicht
sagen, er sei "in jeder Hinsicht ein wahres Monstrum von unwis-
sender Aufdringlichkeit", denn das wäre in u n s e r m Munde ja
"geschimpft".
Die Utopisten, sahen wir, waren Utopisten, weil sie nichts andres
sein konnten zu einer Zeit, wo die kapitalistische Produktion
noch so wenig entwickelt war. Sie waren genötigt, sich die Ele-
mente einer neuen Gesellschaft aus dem Kopfe zu konstruieren,
weil diese Elemente in der alten Gesellschaft selbst noch nicht
allgemein sichtbar hervortraten; sie waren beschränkt für die
Grundzüge ihres Neubaus auf den Appell an die Vernunft, weil sie
eben noch nicht an die gleichzeitige Geschichte appellieren konn-
ten.
#248# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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Wenn aber jetzt, fast achtzig Jahre nach ihrem Auftreten, Herr
Dühring auf die Bühne tritt mit dem Anspruch, ein "maßgebendes"
System einer neuen Gesellschaftsordnung nicht aus dem vorliegen-
den geschichtlich entwickelten Material als dessen notwendiges
Ergebnis zu entwickeln, nein, aus seinemsouveränen Kopf, aus sei-
ner mit endgültigen Wahrheiten schwangern Vernunft zu konstruie-
ren, so ist er, der überall Epigonen riecht, selbst nur der Epi-
gone der Utopisten, der neueste Utopist. Er nennt die großen Uto-
pisten "soziale Alchimisten". Mag sein. Die Alchimie war ihrer-
zeit notwendig. Aber seit jener Zeit hat die große Industrie die
Widersprüche, die in der kapitalistischen Produktionsweise
schlummerten, zu so schreienden Gegensätzen entwickelt, daß der
herannahende Zusammenbruch dieser Produktionsweise sozusagen mit
Händen zu greifen ist; daß die neuen Produktivkräfte selbst nur
erhalten und weiter ausgebildet werden können durch Einführung
einer neuen, ihrem gegenwärtigen Entwicklungsgrad entsprechenden
Produktionsweise; daß der Kampf der beiden, durch die bisherige
Produktionsweise erzeugten und stets in verschärftem Gegensatz
reproduzierten Klassen alle zivilisierten Länder ergriffen hat
und täglich heftiger wird, und daß die Einsicht in diesen ge-
schichtlichen Zusammenhang, in die Bedingungen der durch ihn not-
wendig gemachten sozialen Umgestaltung und in die ebenfalls durch
ihn bedingten Grundzüge dieser Umgestaltung auch bereits gewonnen
ist. Und wenn jetzt Herr Dühring, statt aus dem vorliegenden öko-
nomischen Material, aus seinem allerhöchsten Hirnschädel heraus
eine neue utopische Gesellschaftsordnung fabriziert, so treibt er
nicht nur einfache "soziale Alchimie". Er benimmt sich vielmehr
wie jemand, der nach der Entdeckung und Feststellung der Gesetze
der modernen Chemie die alte Alchimie wiederherstellen und die
Atomgewichte, die Molekularformeln, die Quantivalenz der Atome,
die Kristallographie und die Spektralanalyse benutzen wollte ein-
zig zur Entdeckung - d e s S t e i n s d e r W e i s e n.
II. Theoretisches
Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz
aus, daß die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch
ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß
in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung
der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder
Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das
Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die
#249# II. Theoretisches
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letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und poli-
tischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen,
in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerech-
tigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austausch-
weise; sie sind zu suchen nicht in der P h i l o s o p h i e,
sondern in der Ö k o n o m i e der betreffenden Epoche. Die er-
wachende Einsicht, daß die bestehenden gesellschaftlichen Ein-
richtungen unvernünftig und ungerecht sind, daß Vernunft Unsinn,
Wohltat Plage geworden, ist nur ein Anzeichen davon, daß in den
Produktionsmethoden und Austauschformen in aller Stille Ver-
änderungen vor sich gegangen sind, zu denen die auf frühere öko-
nomische Bedingungen zugeschnittne gesellschaftliche Ordnung
nicht mehr stimmt. Damit ist zugleich gesagt, daß die Mittel zur
Beseitigung der entdeckten Mißstände ebenfalls in den veränderten
Produktionsverhältnissen selbst - mehr oder minder entwickelt -
vorhanden sein müssen. Diese Mittel sind nicht etwa aus dem Kopf
zu e r f i n d e n, sondern vermittelst des Kopfes in den
vorliegenden materiellen Tatsachen der Produktion zu
e n t d e c k e n.
Wie steht es nun hiernach mit dem modernen Sozialismus?
Die bestehende Gesellschaftsordnung - das ist nun so ziemlich
allgemein zugegeben - ist geschaffen worden von der jetzt herr-
schenden Klasse, der Bourgeoisie. Die der Bourgeoisie eigentümli-
che Produktionsweise, seit Marx mit dem Namen kapitalistische
Produktionsweise bezeichnet, war unverträglich mit den lokalen
und ständischen Privilegien wie mit den gegenseitigen persönli-
chen Banden der feudalen Ordnung; die Bourgeoisie zerschlug die
feudale Ordnung und stellte auf ihren Trümmern die bürgerliche
Gesellschaftsverfassung her, das Reich der freien Konkurrenz, der
Freizügigkeit, der Gleichberechtigung der Warenbesitzer und wie
die bürgerlichen Herrlichkeiten alle heißen. Die kapitalistische
Produktionsweise konnte sich jetzt frei entfalten. Die unter der
Leitung der Bourgeoisie herausgearbeiteten Produktivkräfte ent-
wickelten sich, seit der Dampf und die neue Werkzeugmaschinerie
die alte Manufaktur in die große Industrie umgewandelt, mit bis-
her unerhörter Schnelligkeit und in bisher unerhörtem Maßstab.
Aber wie ihrerzeit die Manufaktur und das unter ihrer Einwirkung
weiterentwickelte Handwerk mit den feudalen Fesseln der Zünfte in
Konflikt kam, so kommt die große Industrie in ihrer volleren Aus-
bildung in Konflikt mit den Schranken, in denen die kapitalisti-
sche Produktionsweise sie eingeengt hält. Die neuen Produktiv-
kräfte 1*) sind der bürgerlichen Form ihrer
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1*) Umgeändert aus "Produktionskräfte", da Engels in der Ausgabe
von 1894 an allen übrigen Stellen diese Korrektur gegenüber den
beiden vorhergehenden Ausgaben selbst vornahm
#250# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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Ausnutzung bereits über den Kopf gewachsen; und dieser Konflikt
zwischen Produktivkräften und Produktionsweise ist nicht ein in
den Köpfen der Menschen entstandner Konflikt, wie etwa der der
menschlichen Erbsünde mit der göttlichen Gerechtigkeit, sondern
er besteht in den Tatsachen, objektiv, außer uns, unabhängig vom
Wollen oder Laufen selbst derjenigen Menschen, die ihn herbeige-
führt. Der moderne Sozialismus ist weiter nichts als der Gedan-
kenreflex dieses tatsächlichen Konflikts, seine ideelle Rück-
spiegelung in den Köpfen zunächst der Klasse, die direkt unter
ihm leidet, der Arbeiterklasse.
Worin besteht nun dieser Konflikt?
Vor der kapitalistischen Produktion, also im Mittelalter, bestand
allgemeiner Kleinbetrieb auf Grundlage des Privateigentums der
Arbeiter an ihren Produktionsmitteln: der Ackerbau der kleinen,
freien oder hörigen Bauern, das Handwerk der Städte. Die Arbeits-
mittel - Land, Ackergerät, Werkstatt, Handwerkszeug - waren Ar-
beitsmittel des einzelnen, nur für den Einzelgebrauch berechnet,
also notwendig kleinlich, zwerghaft, beschränkt. Aber sie gehör-
ten eben deshalb auch in der Regel dem Produzenten selbst. Diese
zersplitterten, engen Produktionsmittel zu konzentrieren, auszu-
weiten, sie in die mächtig wirkenden Produktionshebel der Gegen-
wart umzuwandeln, war grade die historische Rolle der kapitali-
stischen Produktionsweise und ihrer Trägerin, der Bourgeoisie.
Wie sie dies seit dem 15. Jahrhundert auf den drei Stufen der
einfachen Kooperation, der Manufaktur und der großen Industrie
geschichtlich durchgeführt, hat Marx im vierten Abschnitt des
"Kapital" ausführlich geschildert. 1*) Aber die Bourgeoisie, wie
dort ebenfalls nachgewiesen ist, konnte jene beschränkten Produk-
tionsmittel nicht in gewaltige Produktivkräfte 2*) verwandeln,
ohne sie aus Produktionsmitteln des einzelnen in g e s e l l-
s c h a f t l i c h e, nur von einer G e s a m t h e i t v o n
M e n s c h e n anwendbare Produktionsmittel zu verwandeln. An
die Stelle des Spinnrads, des Handwebstuhls, des Schmiedehammers
trat die Spinnmaschine, der mechanische Webstuhl, der Dampf-
hammer; an die Stelle der Einzelwerkstatt, die das Zusammenwirken
von Hunderten und Tausenden gebietende Fabrik. Und wie die
Produktionsmittel, so verwandelte sich die Produktion selbst aus
einer Reihe von Einzelhandlungen in eine Reihe gesellschaftlicher
Akte und die Produkte aus Produkten einzelner in gesell-
schaftliche Produkte. Das Garn, das Gewebe, die Metallwaren, die
jetzt aus der Fabrik kamen, waren das gemeinsame Produkt vieler
Arbeiter, durch deren Hände sie der Reihe nach gehn mußten, ehe
sie fertig wurden.
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 331-530 - 2*) siehe Fußnote
auf S. 249
#251# II. Theoretisches
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Kein einzelner kann von ihnen sagen: Das habe ich gemacht, das
ist m e i n Produkt.
Wo aber die naturwüchsige Teilung der Arbeit innerhalb der Ge-
sellschaft Grundform der Produktion ist, da drückt sie den Pro-
dukten die Form von W a r e n auf, deren gegenseitiger Aus-
tausch, Kauf und Verkauf die einzelnen Produzenten in den Stand
setzt, ihre mannigfachen Bedürfnisse zu befriedigen. Und dies war
im Mittelalter der Fall. Der Bauer z.B. verkaufte Ackerprodukte
an den Handwerker und kaufte dafür von diesem Hand-
werkserzeugnisse. In diese Gesellschaft von Einzelproduzenten,
Warenproduzenten, schob sich nun die neue Produktionsweise ein.
Mitten in die naturwüchsige p l a n l o s e Teilung der Arbeit,
wie sie in der ganzen Gesellschaft herrschte, stellte sie die
p l a n m ä ß i g e Teilung der Arbeit, wie sie in der einzelnen
Fabrik organisiert war; neben die E i n z e l produktion trat
die g e s e l l s c h a f t l i c h e Produktion. Die Produkte
beider wurden auf demselben Markt verkauft, also zu wenigstens
annähernd gleichen Preisen. Aber die planmäßige Organisation war
mächtiger als die naturwüchsige Arbeitsteilung; die gesellschaft-
lich arbeitenden Fabriken stellten ihre Erzeugnisse wohlfeiler
her als die vereinzelten Kleinproduzenten. Die Einzelproduktion
erlag auf einem Gebiete nach dem andern, die gesellschaftliche
Produktion revolutionierte die ganze alte Produktionsweise. Aber
dieser ihr revolutionärer Charakter wurde so wenig erkannt, daß
sie im Gegenteil eingeführt wurde als Mittel zur Hebung und För-
derung der Warenproduktion. Sie entstand in direkter Anknüpfung
an bestimmte, bereits vorgefundne Hebel der Warenproduktion und
des Warenaustausches: Kaufmannskapital, Handwerk; Lohnarbeit. In-
dem sie selbst auftrat als eine neue Form der Warenproduktion,
blieben die Aneignungsformen der Warenproduktion auch für sie in
voller Geltung.
In der Warenproduktion, wie sie sich im Mittelalter entwickelt
hatte, konnte die Frage gar nicht entstehn, wem das Erzeugnis der
Arbeit gehören solle. Der einzelne Produzent hatte es, in der Re-
gel aus. ihm gehörenden, oft selbst erzeugtem Rohstoff, mit eig-
nen Arbeitsmitteln und mit eigner Handarbeit oder der seiner Fa-
milie hergestellt. Es brauchte gar nicht erst von ihm angeeignet
zu werden, es gehörte ihm ganz von selbst. Das Eigentum der Pro-
dukte beruhte also a u f e i g n e r A r b e i t. Selbst wo
fremde Hülfe gebraucht ward, blieb diese in der Regel Nebensache
und erhielt häufig außer dem Lohn noch andre Vergütung: der zünf-
tige Lehrling und Geselle arbeiteten weniger wegen der Kost und
des Lohns, als wegen ihrer eignen Ausbildung zur Meisterschaft.
Da kam die Konzentration der Produktionsmittel in großen Werk-
stätten und Manufakturen, ihre Verwandlung in tatsächlich
#252# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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gesellschaftliche Produktionsmittel. Aber die gesellschaftlichen
Produktionsmittel und Produkte wurden behandelt, als wären sie
nach wie vor die Produktionsmittel und Produkte einzelner. Hatte
bisher der Besitzer der Arbeitsmittel sich das Produkt ange-
eignet, weil es in der Regel sein eignes Produkt und fremde
Hülfsarbeit die Ausnahme war, so fuhr jetzt der Besitzer der Ar-
beitsmittel fort, sich das Produkt anzueignen, obwohl es nicht
mehr s e i n Produkt war, sondern ausschließlich Produkt
f r e m d e r A r b e i t. So wurden also die nunmehr gesell-
schaftlich erzeugten Produkte angeeignet nicht von denen, die die
Produktionsmittel wirklich in Bewegung gesetzt und die Produkte
wirklich erzeugt hatten, sondern vom K a p i t a l i s t e n.
Produktionsmittel und Produktion sind wesentlich gesellschaftlich
geworden. Aber sie werden unterworfen einer Aneignungsform, die
die Privatproduktion einzelner zur Voraussetzung hat, wobei also
jeder sein eignes Produkt besitzt und zu Markte bringt. Die Pro-
duktionsweise wird dieser Aneignungsform unterworfen, obwohl sie
deren Voraussetzung aufhebt. *) In diesem Widerspruch, der der
neuen Produktionsweise ihren kapitalistischen Charakter verleiht,
l i e g t d i e g a n z e K o l l i s i o n d e r G e-
g e n w a r t b e r e i t s i m K e i m. Je mehr die neue
Produktionsweise auf allen entscheidenden Produktionsfeldern und
in allen ökonomisch entscheidenden Ländern zur Herrschaft kam und
damit die Einzelproduktion bis auf unbedeutende Reste verdrängte,
d e s t o g r e l l e r m u ß t e a u c h a n d e n T a g
t r e t e n d i e U n v e r t r ä g l i c h k e i t v o n
g e s e l l s c h a f t l i c h e r P r o d u k t i o n u n d
k a p i t a l i s t i s c h e r A n e i g n u n g.
Die ersten Kapitalisten fanden, wie gesagt, die Form der Lohnar-
beit bereits vor. Aber Lohnarbeit als Ausnahme, als Nebenbeschäf-
tigung, als Aushülfe, als Durchgangspunkt. Der Landarbeiter, der
zeitweise taglöhnern ging, hatte seine paar Morgen eignes Land,
von denen allein er zur Not leben konnte. Die Zunftordnungen
sorgten dafür, daß der Geselle von heute in den Meister von mor-
gen überging. Sobald aber die Produktionsmittel in gesellschaft-
liche verwandelt und in den Händen von Kapitalisten konzentriert
wurden, änderte sich dies. Das Produktionsmittel wie das Produkt
des
---
*) Es braucht hier nicht auseinandergesetzt zu werden, daß, wenn
auch die Aneignungsform dieselbe bleibt, der Charakter der Aneig-
nung durch den oben geschilderten Vorgang nicht minder revolutio-
niert wird, als die Produktion. Ob ich mir mein eignes Produkt
aneigne oder das Produkt andrer, das sind natürlich zwei sehr
verschiedne Arten von Aneignung. Nebenbei: die Lohnarbeit, in der
die ganze kapitalistische Produktionsweise bereits im Keime
steckt, ist sehr alt; vereinzelt und zerstreut ging sie jahrhun-
dertelang her neben der Sklaverei. Aber zur kapitalistischen
Produktionsweise entfalten konnte sich der Keim erst, als die ge-
schichtlichen Vorbedingungen hergestellt waren.
#253# II. Theoretisches
-----
kleinen Einzelproduzenten wurden mehr und mehr wertlos; es blieb
ihm nichts übrig, als zum Kapitalisten auf Lohn zu gehn. Die
Lohnarbeit, früher Ausnahme und Aushülfe, wurde Regel und Grund-
form der ganzen Produktion; früher Nebenbeschäftigung, wurde sie
jetzt ausschließliche Tätigkeit des Arbeiters. Der zeitweilige
Lohnarbeiter verwandelte sich in den lebenslänglichen. Die Menge
der lebenslänglichen Lohnarbeiter wurde zudem kolossal vermehrt
durch den gleichzeitigen Zusammenbruch der feudalen Ordnung. Auf-
lösung der Gefolgschaften der Feudalherren, Vertreibung von Bau-
ern aus ihren Hofstellen etc. Die Scheidung war vollzogen zwi-
schen den in den Händen der Kapitalisten konzentrierten Produkti-
onsmitteln hier und den auf den Besitz von nichts als ihrer Ar-
beitskraft reduzierten Produzenten dort. D e r W i d e r-
s p r u c h z w i s c h e n g e s e l l s c h a f t l i c h e r
P r o d u k t i o n u n d k a p i t a l i s t i s c h e r A n-
e i g n u n g t r i t t a n d e n T a g a l s G e g e n-
s a t z v o n P r o l e t a r i a t u n d B o u r g e o i-
s i e.
Wir sahen, daß die kapitalistische Produktionsweise sich einschob
in eine Gesellschaft von Warenproduzenten, Einzelproduzenten, de-
ren gesellschaftlicher Zusammenhang vermittelt wurde durch den
Austausch ihrer Produkte. Aber jede auf Warenproduktion beruhende
Gesellschaft hat das Eigentümliche, daß in ihr die Produzenten
die Herrschaft über ihre eignen gesellschaftlichen Beziehungen
verloren haben. Jeder produziert für sich mit seinen zufälligen
Produktionsmitteln und für sein individuelles Austauschbedürfnis.
Keiner weiß, wieviel von seinem Artikel auf den Markt kommt, wie-
viel davon überhaupt gebraucht wird, keiner weiß, ob sein Einzel-
produkt einen wirklichen Bedarf vorfindet, ob er seine Kosten
herausschlagen oder überhaupt wird verkaufen können. Es herrscht
Anarchie der gesellschaftlichen Produktion. Aber die Warenproduk-
tion, wie jede andre Produktionsform, hat ihre eigentümlichen,
inhärenten, von ihr untrennbaren Gesetze; und diese Gesetze set-
zen sich durch, trotz der Anarchie, in ihr, durch sie. Sie kommen
zum Vorschein in der einzigen fortbestehenden Form des gesell-
schaftlichen Zusammenhangs, im Austausch, und machen sich geltend
gegenüber den einzelnen Produzenten als Zwangsgesetze der Konkur-
renz. Sie sind diesen Produzenten also anfangs selbst unbekannt
und müssen erst durch lange Erfahrung nach und nach von ihnen
entdeckt werden. Sie setzen sich also durch ohne die Produzenten
und gegen die Produzenten, als blindwirkende Naturgesetze ihrer
Produktionsform. Das Produkt beherrscht die Produzenten.
In der mittelalterlichen Gesellschaft, namentlich in den ersten
Jahrhunderten, war die Produktion wesentlich auf den Selbstge-
brauch gerichtet. Sie befriedigte vorwiegend nur die Bedürfnisse
des Produzenten und seiner
#254# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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Familie. Wo, wie auf dem Lande, persönliche Abhängigkeitsverhält-
nisse bestanden, trug sie auch bei zur Befriedigung der Bedürf-
nisse des Feudalherrn. Hierbei fand also kein Austausch statt,
die Produkte nahmen daher auch nicht den Charakter von Waren an.
Die Familie des Bauern produzierte fast alles, was sie brauchte,
Geräte und Kleider nicht minder als Lebensmittel. Erst als sie
dahin kam, einen Überschuß über ihren eignen Bedarf und über die
dem Feudalherrn geschuldeten Naturalabgaben zu produzieren, erst
da produzierte sie auch Waren; dieser Überschuß, in den gesell-
schaftlichen Austausch geworfen, zum Verkauf ausgeboten, wurde
Ware. Die städtischen Handwerker mußten allerdings schon gleich
anfangs für den Austausch produzieren. Aber auch sie erarbeiteten
den größten Teil ihres Eigenbedarfs selbst; sie hatten Gärten und
kleine Felder; sie schickten ihr Vieh in den Gemeindewald, der
ihnen zudem Nutzholz und Feuerung lieferte; die Frauen spannen
Flachs, Wolle usw. Die Produktion zum Zweck des Austausches, die
Warenproduktion, war erst im Entstehn. Daher beschränkter Aus-
tausch, beschränkter Markt, stabile Produktionsweise, lokaler Ab-
schluß nach außen, lokale Vereinigung nach innen: die Mark [148]
auf dem Lande, die Zunft in der Stadt.
Mit der Erweiterung der Warenproduktion aber, und namentlich mit
dem Auftreten der kapitalistischen Produktionsweise, traten auch
die bisher schlummernden Gesetze der Warenproduktion offener und
mächtiger in Wirksamkeit. Die alten Verbände wurden gelockert,
die alten Abschließungsschranken durchbrochen, die Produzenten
mehr und mehr in unabhängige, vereinzelte Warenproduzenten ver-
wandelt. Die Anarchie der gesellschaftlichen Produktion trat an
den Tag und wurde mehr und mehr auf die Spitze getrieben. Das
Hauptwerkzeug aber, womit die kapitalistische Produktionsweise
diese Anarchie in der gesellschaftlichen Produktion steigerte,
war das grade Gegenteil der Anarchie: die steigende Organisation
der Produktion als gesellschaftlicher in jedem einzelnen Produk-
tionsetablissement. Mit diesem Hebel machte sie der alten fried-
lichen Stabilität ein Ende. Wo sie in einem Industriezweig einge-
führt wurde, litt sie keine ältere Methode des Betriebs neben
sich. Wo sie sich des Handwerks bemächtigte, vernichtete sie das
alte Handwerk. Das Arbeitsfeld wurde ein Kampfplatz. Die großen
geographischen Entdeckungen und die ihnen folgenden Kolonisierun-
gen vervielfältigten das Absatzgebiet und beschleunigten die Ver-
wandlung des Handwerks in die Manufaktur. Nicht nur brach der
Kampf aus zwischen den einzelnen Lokalproduzenten; die lokalen
Kämpfe wuchsen ihrerseits an zu nationalen, den Handelskriegen
des 17. und 18. Jahrhunderts [149]. Die große Industrie endlich
und die Herstellung des Weltmarkts
#255# II. Theoretisches
-----
haben den Kampf universell gemacht und gleichzeitig ihm eine un-
erhörte Heftigkeit gegeben. Zwischen einzelnen Kapitalisten wie
zwischen ganzen Industrien und ganzen Ländern entscheidet die
Gunst der natürlichen oder geschaffenen Produktionsbedingungen
über die Existenz. Der Unterliegende wird schonungslos beseitigt.
Es ist der Darwinsche Kampf ums Einzeldasein, aus der Natur mit
potenzierter Wut übertragen in die Gesellschaft. Der Naturstand-
punkt des Tiers erscheint als Gipfelpunkt der menschlichen Ent-
wicklung. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion
und kapitalistischer Aneignung reproduziert sich als G e g e n-
s a t z z w i s c h e n d e r O r g a n i s a t i o n d e r
P r o d u k t i o n i n d e r e i n z e l n e n F a b r i k
u n d d e r A n a r c h i e d e r P r o d u k t i o n i n
d e r g a n z e n G e s e l l s c h a f t.
In diesen beiden Erscheinungsformen des ihr durch ihren Ursprung
immanenten Widerspruchs bewegt sich die kapitalistische Produkti-
onsweise, beschreibt sie auswegslos jenen "fehlerhaften Kreis-
lauf", den schon Fourier an ihr entdeckte [137]. Was Fourier al-
lerdings zu seiner Zeit noch nicht sehn konnte, ist, daß sich
dieser Kreislauf allmählich verengert, daß die Bewegung vielmehr
eine Spirale darstellt und ihr Ende erreichen muß, wie die der
Planeten, durch Zusammenstoß mit dem Zentrum. Es ist die trei-
bende Kraft der gesellschaftlichen Anarchie der Produktion, die
die große Mehrzahl der Menschen mehr und mehr in Proletarier ver-
wandelt, und es sind wieder die Proletariermassen, die schließ-
lich der Produktionsanarchie ein Ende machen werden. Es ist die
treibende Kraft der sozialen Produktionsanarchie, die die unend-
liche Vervollkommnungsfähigkeit der Maschinen der großen Indu-
strie in ein Zwangsgebot verwandelt für jeden einzelnen industri-
ellen Kapitalisten, seine Maschinerie mehr und mehr zu vervoll-
kommnen, bei Strafe des Untergangs. Aber Vervollkommnung der Ma-
schinerie, das heißt Überflüssigmachung von Menschenarbeit. Wenn
die Einführung und Vermehrung der Maschinerie Verdrängung von
Millionen von Handarbeitern durch wenige Maschinenarbeiter bedeu-
tet, so bedeutet Verbesserung der Maschinerie Verdrängung von
mehr und mehr Maschinenarbeitern selbst und in letzter Instanz
Erzeugung einer das durchschnittliche Beschäftigungsbedürfnis des
Kapitals überschreitenden Anzahl disponibler Lohnarbeiter, einer
vollständigen industriellen Reservearmee, wie ich sie schon 1845
*) nannte, disponibel für die Zeiten, wo die Industrie mit Hoch-
druck arbeitet, aufs Pflaster geworfen durch den notwendig fol-
genden Krach, zu allen
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*) "Lage der arbeitenden Klasse in England", S. 109 1*)
-----
1*) Vgl. Band 2 unserer Ausgabe, S. 314/315
#256# Anti-Dühring - Dritter Anschnitt: Sozialismus
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Zeiten ein Bleigewicht an den Füßen der Arbeiterklasse in ihrem
Existenzkampf mit dem Kapital, ein Regulator zur Niederhaltung
des Arbeitslohns auf dem dem kapitalistischen Bedürfnis angemes-
senen niedrigen Niveau. So geht es zu, daß die Maschinerie, um
mit Marx zu reden, das machtvollste Kriegsmittel des Kapitals ge-
gen die Arbeiterklasse wird, daß das Arbeitsmittel dem Arbeiter
fortwährend das Lebensmittel aus der Hand schlägt, daß das eigne
Produkt des Arbeiters sich verwandelt in ein Werkzeug zur Knech-
tung des Arbeiters 1*). So kommt es, daß die Ökonomisierung der
Arbeitsmittel von vornherein zugleich rücksichtsloseste Ver-
schwendung der Arbeitskraft und Raub an den normalen Vorausset-
zungen der Arbeitsfunktion wird 2*); daß die Maschinerie, das ge-
waltigste Mittel zur Verkürzung der Arbeitszeit, umschlägt in das
unfehlbarste Mittel, alle Lebenszeit des Arbeiters und seiner Fa-
milie in disponible Arbeitszeit für die Verwertung des Kapitals
zu verwandeln; so kommt es, daß die Überarbeitung der einen die
Voraussetzung wird für die Beschäftigungslosigkeit der andern und
daß die große Industrie, die den ganzen Erdkreis nach neuen Kon-
sumenten abjagt, zu Hause die Konsumtion der Massen auf ein Hun-
germinimum beschränkt und sich damit den eignen innern Markt un-
tergräbt. "Das Gesetz, welches die relative Surpluspopulation
oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und Energie der
Kapitalakkumulation im Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter
fester an das Kapital, als den Prometheus die Keile des Hephästos
an den Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital ent-
sprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichtum
auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend,
Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Bestialisierung und morali-
scher Degradation auf dem Gegenpol, das heißt auf Seite der
Klasse, die ihr e i g n e s P r o d u k t a l s K a p i t a l
p r o d u z i e r t 3*)" (Marx, Kapital, Seite 671 4*) [65]).
Und von der kapitalistischen Produktionsweise eine andre Vertei-
lung der Produkte erwarten, hieße verlangen, die Elektroden einer
Batterie sollten das Wasser unzersetzt lassen, solange sie mit
der Batterie in Verbindung stehn, und nicht am positiven Pol Sau-
erstoff entwickeln und am negativen Wasserstoff.
Wir sahen, wie die aufs höchste gesteigerte Verbesserungsfähig-
keit der modernen Maschinerie, vermittelst der Anarchie der Pro-
duktion in der Gesellschaft, sich verwandelt in ein Zwangsgebot
für den einzelnen industriellen Kapitalisten, seine Maschinerie
stets zu verbessern, ihre Produktionskraft stets zu erhöhen. In
ein ebensolches Zwangsgebot verwandelt sich für ihn
-----
1*) Vgl. Band 23 unserer Ausgabe. S. 459 und 511 - 2*) vgl.
ebenda. S. 486 - 3*) Hervorhebung von Engels - 4*) vgl. Band 23
unserer Ausgabe, S. 675
#257# II. Theoretisches
-----
die bloße faktische Möglichkeit, seinen Produktionsbereich zu er-
weitern. Die enorme Ausdehnungskraft der großen Industrie, gegen
die diejenige der Gase ein wahres Kinderspiel ist, tritt uns
jetzt vor die Augen als ein qualitatives und quantitatives Aus-
dehnung b e d ü r f n i s, das jedes Gegendrucks spottet. Der
Gegendruck wird gebildet durch die Konsumtion, den Absatz, die
Märkte für die Produkte der großen Industrie. Aber die
Ausdehnungsfähigkeit der Märkte, extensive wie intensive, wird
beherrscht zunächst durch ganz andre, weit weniger energisch wir-
kende Gesetze. Die Ausdehnung der Märkte kann nicht Schritt hal-
ten mit der Ausdehnung der Produktion. Die Kollision wird unver-
meidlich, und da sie keine Lösung erzeugen kann, solange sie
nicht die kapitalistische Produktionsweise selbst sprengt, wird
sie periodisch. Die kapitalistische Produktion erzeugt einen
neuen "fehlerhaften Kreislauf".
In der Tat, seit 1825, wo die erste allgemeine Krisis ausbrach,
geht die ganze industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion
und der Austausch sämtlicher zivilisierter Völker und ihrer mehr
oder weniger barbarischen Anhängsel so ziemlich alle zehn Jahre
einmal aus den Fugen. Der Verkehr stockt, die Märkte sind über-
füllt, die Produkte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar,
das bare Geld wird unsichtbar, der Kredit verschwindet, die Fa-
briken stehn still, die arbeitenden Massen ermangeln der Lebens-
mittel, weil sie zuviel Lebensmittel produziert haben, Bankrott
folgt auf Bankrott, Zwangsverkauf auf Zwangsverkauf. Jahrelang
dauert die Stockung, Produktivkräfte wie Produkte werden massen-
haft vergeudet und zerstört, bis die aufgehäuften Waren massen
unter größerer oder geringerer Entwertung endlich abfließen, bis
Produktion und Austausch allmählich wieder in Gang kommen. Nach
und nach beschleunigt sich die Gangart, fällt in Trab, der indu-
strielle Trab geht über in Galopp, und dieser steigert sich wie-
der bis zur zügellosen Karriere einer vollständigen industriel-
len, kommerziellen, kreditlichen und spekulativen Steeple-chase
1*), um endlich nach den halsbrechendsten Sprüngen wieder anzu-
langen - im Graben des Krachs. Und so immer von neuem. Das haben
wir nun seit 1825 volle fünfmal erlebt und erleben es in diesem
Augenblick (1877) zum sechstenmal. Und der Charakter dieser Kri-
sen ist so scharf ausgeprägt, daß Fourier sie alle traf, als er
die erste bezeichnete als: crise pléthorique, Krisis aus Über-
fluß. [150]
In den Krisen kommt der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher
Produktion und kapitalistischer Aneignung zum gewaltsamen Aus-
bruch. Der
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1*) Hindernisrennen
#258# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
-----
Warenumlauf ist momentan vernichtet; das Zirkulationsmittel, das
Geld, wird Zirkulationshindernis; alle Gesetze der Warenproduk-
tion und Warenzirkulation werden auf den Kopf gestellt. Die öko-
nomische Kollision hat ihren Höhepunkt erreicht: d i e P r o-
d u k t i o n s w e i s e r e b e l l i e r t g e g e n d i e
A u s t a u s c h w e i s e, d i e P r o d u k t i v k r ä f-
t e r e b e l l i e r e n g e g e n d i e P r o d u k-
t i o n s w e i s e, d e r s i e e n t w a c h s e n s i n d:
Die Tatsache, daß die gesellschaftliche Organisation der Produk-
tion innerhalb der Fabrik sich zu dem Punkt entwickelt hat, wo
sie unverträglich geworden ist mit der neben und über ihr beste-
henden Anarchie der Produktion in der Gesellschaft - diese Tatsa-
che wird den Kapitalisten selbst handgreiflich gemacht durch die
gewaltsame Konzentration der Kapitale, die sich während der Kri-
sen vollzieht vermittelst des Ruins vieler großen und noch mehr
kleiner Kapitalisten. Der gesamte Mechanismus der kapitalisti-
schen Produktionsweise versagt unter dem Druck der von ihr selbst
erzeugten Produktivkräfte. Sie kann diese Masse von Produktions-
mitteln nicht mehr alle in Kapital verwandeln; sie liegen brach,
und ebendeshalb muß auch die industrielle Reservearmee brachlie-
gen. Produktionsmittel, Lebensmittel, disponible Arbeiter, alle
Elemente der Produktion und des allgemeinen Reichtums sind im
Überfluß vorhanden. Aber "der Überfluß wird Quelle der Not und
des Mangels" (Fourier), weil er es grade ist, der die Verwandlung
der Produktions- und Lebensmittel in Kapital verhindert. Denn in
der kapitalistischen Gesellschaft können die Produktionsmittel
nicht in Tätigkeit treten, es sei denn, sie hätten sich zuvor in
Kapital, in Mittel zur Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ver-
wandelt. Wie ein Gespenst steht die Notwendigkeit der Kapitalei-
genschaft der Produktions- und Lebensmittel zwischen ihnen und
den Arbeitern. Sie allein verhindert das Zusammentreten der sach-
lichen und der persönlichen Hebel der Produktion ; sie allein
verbietet den Produktionsmitteln zu fungieren, den Arbeitern, zu
arbeiten und zu leben. Einesteils also wird die kapitalistische
Produktionsweise ihrer eignen Unfähigkeit zur fernem Verwaltung
dieser Produktivkräfte überführt. Andrerseits drängen diese Pro-
duktivkräfte selbst mit steigender Macht nach Aufhebung des Wi-
derspruchs, nach ihrer Erlösung von ihrer Eigenschaft als Kapi-
tal, n a c h t a t s ä c h l i c h e r A n e r k e n n u n g
i h r e s C h a r a k t e r s a l s g e s e l l s c h a f t-
l i c h e r P r o d u k t i v k r ä f t e.
Es ist dieser Gegendruck der gewaltig anwachsenden Produktiv-
kräfte gegen ihre Kapitaleigenschaft, dieser steigende Zwang zur
Anerkennung ihrer gesellschaftlichen Natur, der die Kapitalisten-
klasse selbst nötigt, mehr und mehr, soweit dies innerhalb des
Kapitalverhältnisses überhaupt möglich, sie als gesellschaftliche
Produktivkräfte zu behandeln. Sowohl die industrielle
#259# II. Theoretisches
-----
Hochdruckperiode mit ihrer schrankenlosen Kreditaufblähung, wie
der Krach selbst durch den Zusammenbruch großer kapitalistischer
Etablissements, treiben zu derjenigen Form der Vergesellschaftung
größerer Massen von Produktionsmitteln, die uns in den verschied-
nen Arten von Aktiengesellschaften gegenübertritt. Manche dieser
Produktions- und Verkehrsmittel sind von vornherein so kolossal,
daß sie, wie die Eisenbahnen, jede andre Form kapitalistischer
Ausbeutung ausschließen. Auf einer gewissen Entwicklungsstufe ge-
nügt auch diese Form nicht mehr: der offizielle Repräsentant der
kapitalistischen Gesellschaft, der Staat, muß ihre Leitung über-
nehmen. *) Diese Notwendigkeit der Verwandlung in Staatseigentum
tritt zuerst hervor bei den großen Verkehrsanstalten: Post, Tele-
graphen, Eisenbahnen.
Wenn die Krisen die Unfähigkeit der Bourgeoisie zur fernem
Verwaltung der modernen Produktivkräfte auf deckten, so zeigt die
Verwandlung der großen Produktions- und Verkehrsanstalten in Ak-
tiengesellschaften und Staatseigentum die Entbehrlichkeit der
Bourgeoisie für jenen Zweck. Alle gesellschaftlichen Funktionen
des Kapitalisten werden jetzt von besoldeten Angestellten ver-
sehn. Der Kapitalist hat keine gesellschaftliche Tätigkeit mehr,
außer Revenuen-Einstreichen, Kupon-Abschneiden und Spielen an der
Börse, wo die verschiednen Kapitalisten untereinander sich ihr
Kapital abnehmen. Hat die kapitalistische Produktionsweise zuerst
Arbeiter verdrängt,
---
*) Ich sage, muß. Denn nur in dem Falle, daß die Produktions-
oder Verkehrsmittel der Leitung durch Aktiengesellschaften wirk-
lich entwachsen sind, daß also die Verstaatlichung ökonomisch un-
abweisbar geworden, nur in diesem Falle bedeutet sie, auch wenn
der heutige Staat sie vollzieht, einen ökonomischen Fortschritt,
die Erreichung einer neuen Vorstufe zur Besitzergreifung aller
Produktivkräfte durch die Gesellschaft selbst. Es ist aber neuer-
dings, seit Bismarck sich aufs Verstaatlichen geworfen, ein ge-
wisser falscher Sozialismus aufgetreten und hier und da sogar in
einige Wohldienerei ausgeartet, der jede Verstaatlichung, selbst
die Bismarcksche, ohne weiteres für sozialistisch erklärt. Aller-
dings, wäre die Verstaatlichung des Tabaks sozialistisch, so
zählten Napoleon und Metternich mit unter den Gründern des Sozia-
lismus. Wenn der belgische Staat aus ganz alltäglichen politi-
schen und finanziellen Gründen seine Haupteisenbahn selbst baute,
wenn Bismarck ohne jede ökonomische Notwendigkeit die Hauptbahn-
linien Preußens verstaatlichte, einfach um sie für den Kriegsfall
besser einrichten und ausnützen zu können, um die Eisenbahnbeam-
ten zum Regierungsstimmvieh zu erziehen und hauptsächlich, um
sich eine neue, von Parlamentsbeschlüssen unabhängige Einkommen-
quelle zu verschaffen - so waren das keineswegs sozialistische
Schritte, direkt oder indirekt, bewußt oder unbewußt. Sonst wären
auch die königliche Seehandlung [151], die königliche
Porzellanmanufaktur und sogar der Kompanieschneider beim Militär
sozialistische Einrichtungen.
#260# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
-----
so verdrängt sie jetzt die Kapitalisten und verweist sie, ganz
wie die Arbeiter, in die überflüssige Bevölkerung, wenn auch
zunächst noch nicht in die industrielle Reservearmee.
Aber weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften noch die in
Staatseigentum, hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte
auf. Bei den Aktiengesellschaften liegt dies auf der Hand. Und
der moderne Staat ist wieder nur die Organisation, welche sich
die bürgerliche Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äußern Be-
dingungen der kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhal-
ten gegen Übergriffe, sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapi-
talisten. Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine we-
sentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der
ideelle Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Ei-
gentum übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist,
desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohn-
arbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgeho-
ben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben. Aber auf der
Spitze schlägt es um. Das Staatseigentum an den Produktivkräften
ist nicht die Lösung des Konflikts, aber es birgt in sich das
formelle Mittel, die Handhabe der Lösung.
Diese Lösung kann nur darin liegen, daß die gesellschaftliche Na-
tur der modernen Produktivkräfte tatsächlich anerkannt, daß also
die Produktions-, Aneignungs- und Austauschweise in Einklang ge-
setzt wird mit dem gesellschaftlichen Charakter der Produktions-
mittel. Und dies kann nur dadurch geschehn, daß die Gesellschaft
offen und ohne Umwege Besitz ergreift von den jeder andern Lei-
tung außer der ihrigen entwachsenen Produktivkräften. Damit wird
der gesellschaftliche Charakter der Produktionsmittel und Pro-
dukte, der sich heute gegen die Produzenten selbst kehrt, der die
Produktions- und Austauschweise periodisch durchbricht und sich
nur als blindwirkendes Naturgesetz gewalttätig und zerstörend
durchsetzt, von den Produzenten mit vollem Bewußtsein zur Geltung
gebracht und verwandelt sich aus einer Ursache der Störung und
des periodischen Zusammenbruchs in den mächtigsten Hebel der Pro-
duktion selbst.
Die gesellschaftlich wirksamen Kräfte wirken ganz wie die Natur-
kräfte: blindlings, gewaltsam, zerstörend, solange wir sie nicht
erkennen und nicht mit ihnen rechnen. Haben wir sie aber einmal
erkannt, ihre Tätigkeit, ihre Richtungen, ihre Wirkungen begrif-
fen, so hängt es nur von uns ab, sie mehr und mehr unserm Willen
zu unterwerfen und vermittelst ihrer unsre Zwecke zu erreichen.
Und ganz besonders gilt dies von den heutigen gewaltigen Produk-
tivkräften. Solange wir uns hartnäckig weigern, ihre Natur und
ihren Charakter zu verstehn - und gegen dieses Verständnis
sträubt sich die kapitalistische
#261# II. Theoretisches
-----
Produktionsweise und ihre Verteidiger -, solange wirken diese
Kräfte sich aus trotz uns, gegen uns, solange beherrschen sie
uns, wie wir das ausführlich dargestellt haben. Aber einmal in
ihrer Natur begriffen, können sie in den Händen der assoziierten
Produzenten aus dämonischen Herrschern in willige Diener verwan-
delt werden. Es ist der Unterschied zwischen der zerstörenden Ge-
walt der Elektrizität im Blitze des Gewitters und der gebändigten
Elektrizität des Telegraphen und des Lichtbogens; der Unterschied
der Feuersbrunst und des im Dienst des Menschen wirkenden Feuers.
Mit dieser Behandlung der heutigen Produktivkräfte nach ihrer
endlich erkannten Natur tritt an die Stelle der gesellschaftli-
chen Produktionsanarchie eine gesellschaftlich-planmäßige Rege-
lung der Produktion nach den Bedürfnissen der Gesamtheit wie je-
des einzelnen; damit wird die kapitalistische Aneignungsweise, in
der das Produkt zuerst den Produzenten, dann aber auch den Aneig-
ner knechtet, ersetzt durch die in der Natur der modernen Produk-
tionsmittel selbst begründete Aneignungsweise der Produkte: ei-
nerseits direkt gesellschaftliche Aneignung als Mittel zur Erhal-
tung und Erweiterung der Produktion, andrerseits direkt individu-
elle Aneignung als Lebens- und Genußmittel.
Indem die kapitalistische Produktionsweise mehr und mehr die
große Mehrzahl der Bevölkerung in Proletarier verwandelt, schafft
sie die Macht, die diese Umwälzung, bei Strafe des Untergangs, zu
vollziehn genötigt ist. Indem sie mehr und mehr auf Verwandlung
der großen, vergesellschafteten Produktionsmittel in Staatseigen-
tum drängt, zeigt sie selbst den Weg an zur Vollziehung dieser
Umwälzung. D a s P r o l e t a r i a t e r g r e i f t d i e
S t a a t s g e w a l t u n d v e r w a n d e l t d i e
P r o d u k t i o n s m i t t e l z u n ä c h s t i n
S t a a t s e i g e n t u m. Aber damit hebt es sich selbst als
Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und Klassen-
gegensätze auf, und damit auch den Staat als Staat. Die bishe-
rige, sich in Klassengegensätzen bewegende Gesellschaft hatte den
Staat nötig, das heißt eine Organisation der jedesmaligen ausbeu-
tenden Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer äußern Produktionsbe-
dingungen, also namentlich zur gewaltsamen Niederhaltung der aus-
gebeuteten Klasse in den durch die bestehende Produktionsweise
gegebnen Bedingungen der Unterdrückung (Sklaverei, Leibeigen-
schaft oder Hörigkeit, Lohnarbeit). Der Staat war der offizielle
Repräsentant der ganzen Gesellschaft, ihre Zusammenfassung in ei-
ner sichtbaren Körperschaft, aber er war dies nur, insofern er
der Staat derjenigen Klasse war, welche selbst für ihre Zeit die
ganze Gesellschaft vertrat: im Altertum Staat der sklavenhalten-
den Staatsbürger, im Mittelalter des Feudaladels, in unsrer Zeit
der Bourgeoisie. Indem er endlich tatsächlich Repräsentant der
ganzen Gesellschaft wird, macht er sich selbst überflüssig.
#262# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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Sobald es keine Gesellschaftsklasse mehr in der Unterdrückung zu
halten gibt, sobald mit der Klassenherrschaft und dem in der bis-
herigen Anarchie der Produktion begründeten Kampf ums Einzelda-
sein auch die daraus entspringenden Kollisionen und Exzesse be-
seitigt sind, gibt es nichts mehr zu reprimieren, das eine beson-
dre Repressionsgewalt, einen Staat, nötig machte. Der erste Akt,
worin der Staat wirklich als Repräsentant der ganzen Gesellschaft
auftritt - die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen
der Gesellschaft - ist zugleich sein letzter selbständiger Akt
als Staat. Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche
Verhältnisse wird auf einem Gebiete nach dem andern überflüssig
und schläft dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über
Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Pro-
duktionsprozessen. Der Staat wird nicht "abgeschafft", e r
s t i r b t a b. Hieran ist die Phrase vom "freien Volksstaat"
[152] zu messen, also sowohl nach ihrer zeitweiligen agitatori-
schen Berechtigung wie nach ihrer endgültigen wissenschaftlichen
Unzulänglichkeit; hieran ebenfalls die Forderung der sogenannten
Anarchisten, der Staat solle von heute auf morgen abgeschafft
werden.
Die Besitzergreifung der sämtlichen Produktionsmittel durch die
Gesellschaft hat, seit dem geschichtlichen Auftreten der kapita-
listischen Produktionsweise, einzelnen wie ganzen Sekten öfters
mehr oder weniger unklar als Zukunftsideal vorgeschwebt. Aber sie
konnte erst möglich, erst geschichtliche Notwendigkeit werden,
als die materiellen Bedingungen ihrer Durchführung vorhanden wa-
ren. Sie, wie jeder andre gesellschaftliche Fortschritt, wird
ausführbar nicht durch die gewonnene Einsicht, daß das Dasein der
Klassen der Gerechtigkeit, der Gleichheit etc. widerspricht,
nicht durch den bloßen Willen, diese Klassen abzuschaffen, son-
dern durch gewisse neue ökonomische Bedingungen. Die Spaltung der
Gesellschaft in eine ausbeutende und eine ausgebeutete, eine
herrschende und eine unterdrückte Klasse war die notwendige Folge
der frühern geringen Entwicklung der Produktion. Solange die ge-
sellschaftliche Gesamtarbeit nur einen Ertrag liefert, der das
zur notdürftigen Existenz aller Erforderliche nur um wenig über-
steigt, solange also die Arbeit alle oder fast alle Zeit der
großen Mehrzahl der Gesellschaftsglieder in Anspruch nimmt, so-
lange teilt sich die Gesellschaft notwendig in Klassen. Neben
dieser ausschließlich der Arbeit frönenden großen Mehrheit bildet
sich eine von direkt-produktiver Arbeit befreite Klasse, die die
gemeinsamen Angelegenheiten der Gesellschaft besorgt: Arbeitslei-
tung, Staatsgeschäfte, Justiz, Wissenschaft, Künste usw. Das Ge-
setz der Arbeitsteilung ist es also, was der Klassenteilung zu-
grunde liegt. Aber das hindert nicht, daß diese Einteilung in
Klassen nicht durch
#263# II. Theoretisches
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Gewalt und Raub, List und Betrug durchgesetzt worden und daß die
herrschende Klasse, einmal im Sattel, nie verfehlt hat, ihre
Herrschaft auf Kosten der arbeitenden Klasse zu befestigen und
die gesellschaftliche Leitung umzuwandeln in Ausbeutung der Mas-
sen.
Aber wenn hiernach die Einteilung in Klassen eine gewisse
geschichtliche Berechtigung hat, so hat sie eine solche doch nur
für einen gegebnen Zeitraum, für gegebne gesellschaftliche Bedin-
gungen. Sie gründete sich auf die Unzulänglichkeit der Produk-
tion; sie wird weggefegt werden durch die volle Entfaltung der
modernen Produktivkräfte. Und in der Tat hat die Abschaffung der-
gesellschaftlichen Klassen zur Voraussetzung einen geschichtli-
chen Entwicklungsgrad, auf dem das Bestehn nicht bloß dieser oder
jener bestimmten herrschenden Klasse, sondern einer herrschenden
Klasse überhaupt, also des Klassenunterschieds selbst, ein
Anachronismus geworden, veraltet ist. Sie hat also zur Vorausset-
zung einen Höhegrad der Entwicklung der Produktion, auf dem An-
eignung der Produktionsmittel und Produkte, und damit der politi-
schen Herrschaft, des Monopols der Bildung und der geistigen Lei-
tung durch eine besondre Gesellschaftsklasse nicht nur über-
flüssig, sondern auch ökonomisch, politisch und intellektuell ein
Hindernis der Entwicklung geworden ist. Dieser Punkt ist jetzt
erreicht. Ist der politische und intellektuelle Bankrott der
Bourgeoisie ihr selbst kaum noch ein Geheimnis, so wiederholt
sich ihr ökonomischer Bankrott regelmäßig alle zehn Jahre. In je-
der Krise erstickt die Gesellschaft unter der Wucht ihrer eignen,
für sie unverwendbaren Produktivkräfte und Produkte und steht
hülflos vor dem absurden Widerspruch, daß die Produzenten nichts
zu konsumieren haben, weil es an Konsumenten fehlt. Die Expansi-
onskraft der Produktionsmittel sprengt die Bande, die ihr die ka-
pitalistische Produktionsweise angelegt. Ihre Befreiung aus die-
sen Banden ist die einzige Vorbedingung einer ununterbrochenen,
stets rascher fortschreitenden Entwicklung der Produktivkräfte
und damit einer praktisch schrankenlosen Steigerung der Produk-
tion selbst. Damit nicht genug. Die gesellschaftliche Aneignung
der Produktionsmittel beseitigt nicht nur die jetzt bestehende
künstliche Hemmung der Produktion, sondern auch die positive
Vergeudung und Verheerung von Produktivkräften und Produkten, die
gegenwärtig die unvermeidliche Begleiterin der Produktion ist und
ihren Höhepunkt in den Krisen erreicht. Sie setzt ferner eine
Masse von Produktionsmitteln und Produkten für die Gesamtheit
frei durch Beseitigung der blödsinnigen Luxusverschwendung der
jetzt herrschenden Klassen und ihrer politischen Repräsentanten.
Die Möglichkeit, vermittelst der gesellschaftlichen Produktion
allen Gcsellschaftsgliedern eine Existenz zu sichern, die nicht
nur
#264# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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materiell vollkommen ausreichend ist und von Tag zu Tag reicher
wird, sondern die ihnen auch die vollständige freie Ausbildung
und Betätigung ihrer körperlichen und geistigen Anlagen garan-
tiert, diese Möglichkeit ist jetzt zum erstenmal da, aber sie
i s t d a *)
Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesell-
schaft ist die Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft
des Produkts über die Produzenten. Die Anarchie innerhalb der ge-
sellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planmäßige bewußte
Organisation. Der Kampf ums Einzeldasein hört auf. Damit erst
scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tier-
reich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich men-
schliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingun-
gen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter
die Herrschaft und Kontrolle der Menschen, die nun zum ersten
Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Her-
ren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. Die Gesetze ihres
eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie
beherrschende Naturgesetze gegenüberstanden, werden dann von den
Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht.
Die eigne Vergesellschaftung der Menschen, die ihnen bisher als
von Natur und Geschichte oktroyiert gegenüberstand, wird jetzt
ihre eigne freie Tat. Die objektiven, fremden Mächte, die bisher
die Geschichte beherrschten, treten unter die Kontrolle der Men-
schen selbst. Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte
mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die
von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vor-
wiegend und in stets steigendem Maße auch die von ihnen gewollten
Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reiche
der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.
---
*) Ein paar Zahlen mögen eine annähernde Vorstellung geben von
der enormen Expansionskraft der modernen Produktionsmittel,
selbst unter dem kapitalistischen Druck. Nach der neuesten Be-
rechnung von Giffen [153] betrug der Gesamtreichtum von Großbri-
tannien und Irland in runder Zahl:
1814 - 2200 Millionen Pfd. St. = 44 Milliarden Mark
1865 - 6100 " " " = 122 " "
1875 - 8500 " " " = 170 " "
Was die Verheerung von Produktionsmitteln und Produkten in den
Krisen betrifft, so wurde auf dem zweiten Kongreß deutscher Indu-
strieller, Berlin, 21. Februar 1878, der Gesamtverlust allein der
deutschen Eisenindustrie im letzten Krach auf 455 Millionen Mark
berechnet.
#265# III. Produktion
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Diese weltbefreiende Tat durchzuführen, ist der geschichtliche
Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen
und damit ihre Natur selbst zu ergründen, und so der zur Aktion
berufenen, heute unterdrückten Klasse die Bedingungen und die Na-
tur ihrer eignen Aktion zum Bewußtsein zu bringen, ist die Auf-
gabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des
wissenschaftlichen Sozialismus.
III. Produktion
Nach allem Vorhergegangenen wird es den Leser nicht wundern, zu
erfahren, daß die im letzten Kapitel gegebne Entwicklung der
Grundzüge des Sozialismus keineswegs nach dem Sinn des Herrn Düh-
ring ist. Im Gegenteil. Er muß sie schleudern in den Abgrund al-
les Verworfenen, zu den übrigen "Bastarden historischer und logi-
scher Phantastik", den "wüsten Konzeptionen", den "konfusen Nebel
Vorstellungen" usw. Für ihn ist der Sozialismus ja keineswegs ein
notwendiges Erzeugnis der geschichtlichen Entwicklung, und noch
viel weniger der grobmateriellen, auf bloße Futterzwecke gerich-
teten ökonomischen Bedingungen der Gegenwart. Er hat es viel bes-
ser. Sein Sozialismus ist eine endgültige Wahrheit letzter In-
stanz;
er ist "das natürliche System der Gesellschaft", er findet seine
Wurzel in einem "universellen Prinzip der Gerechtigkeit",
und wenn er nicht umhin kann, von dem bestehenden, durch die bis-
herige sündhafte Geschichte geschaffnen Zustand Notiz zu nehmen,
um ihn zu verbessern, so ist das eher als ein Unglück für das
reine Prinzip der Gerechtigkeit zu betrachten. Herr Dühring
schafft seinen Sozialismus, wie alles andre, vermittelst seiner
famosen beiden Männer. Statt daß diese beiden Marionetten, wie
bisher, Herr und Knecht spielen, führen sie zur Abwechslung ein-
mal das Stück von der Gleichberechtigung auf - und der Dühring-
sche Sozialismus ist in seiner Grundlage fertig.
Demnach ist es selbstredend, daß bei Herrn Dühring die periodi-
schen industriellen Krisen keineswegs die geschichtliche Bedeu-
tung haben, die wir ihnen zuschreiben mußten.
Die Krisen sind bei ihm nur gelegentliche Abweichungen von der
"Normalität" und geben höchstens Anlaß zur "Entfaltung einer ge-
regelteren Ordnung". Die "gewöhnliche Weise", die Krisen aus der
Überproduktion zu erklären, genügt seiner "exakteren Auffassung"
keineswegs. Allerdings sei eine solche für "Spezialkrisen in be-
sondern Gebieten wohl zulässig". So z.B. "eine Überfüllung des
Büchermarktes mit
#266# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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Ausgaben von Werken, die plötzlich für den Nachdruck freigegeben
werden und sich für Massenabsatz eignen".
Herr Dühring kann sich nun allerdings mit dem wohltuenden Bewußt-
sein zu Bette legen, daß seine unsterblichen Werke ein solches
Weltunglück nie anrichten werden.
Für die großen Krisen sei es aber nicht die Überproduktion, son-
dern vielmehr "das Zurückbleiben der Volkskonsumtion ... die
künstlich erzeugte Unterkonsumtion ... die Hinderung des
V o l k s b e d a r f s (!) an seinem natürlichen Wachstum, was
die Kluft zwischen Vorrat und Abnahme schließlich so kritisch
weit macht".
Und für diese seine Krisentheorie hat er denn auch glücklich
einen Jünger gefunden.
Nun ist aber leider die Unterkonsumtion der Massen, die Beschrän-
kung der Massenkonsumtion auf das zum Unterhalt und zur Fort-
pflanzung Notwendige nicht erst eine neue Erscheinung. Sie hat
bestanden, solange es ausbeutende und ausgebeutete Klassen gege-
ben hat. Selbst in den Geschichtsabschnitten, wo die Lage der
Massen besonders günstig war, also z.B. in England im
15.Jahrhundert, unterkonsumierten sie. Sie waren weit davon ent-
fernt, ihr eignes jährliches Gesamtprodukt zur Verzehrung verfüg-
bar zu haben. Wenn nun also die Unterkonsumtion eine stehende ge-
schichtliche Erscheinung seit Jahrtausenden, die in den Krisen
ausbrechende allgemeine Absatzstockung infolge von Produktions-
überschuß aber erst seit fünfzig Jahren sichtbar geworden ist, so
gehört die ganze vulgärökonomische Flachheit des Herrn Dühring
dazu, die neue Kollision zu erklären, nicht aus der n e u e n
Erscheinung der Überproduktion, sondern aus der Jahrtausende al-
ten der Unterkonsumtion. Es ist, als wollte man in der Mathematik
die Veränderung des Verhältnisses zweier Größen, einer konstanten
und einer veränderlichen, erklären, nicht daraus, daß die verän-
derliche sich verändert, sondern daraus, daß die konstante die-
selbe geblieben ist. Die Unterkonsumtion der Massen ist eine not-
wendige Bedingung aller auf Ausbeutung beruhenden Gesellschafts-
formen, also auch der kapitalistischen; aber erst die
kapitalistische Form der Produktion bringt es zu Krisen. Die Un-
terkonsumtion der Massen ist also auch eine Vorbedingung der Kri-
sen und spielt in ihnen eine längst anerkannte Rolle; aber sie
sagt uns ebensowenig über die Ursachen des heutigen Daseins der
Krisen, wie über die ihrer frühern Abwesenheit.
Herr Dühring hat überhaupt merkwürdige Vorstellungen vom Welt-
markt. Wir sahen, wie er sich wirkliche industrielle Spezialkri-
sen als echter deutscher Literatus an eingebildeten Krisen auf
dem Leipziger Büchermarkt
#267# III. Produktion
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klarzumachen sucht, den Sturm auf der See am Sturm im Glase Was-
ser. Er bildet sich ferner ein, die heutige Unternehmerproduktion
müsse "sich mit ihrem Absatz vornehmlich i m K r e i s e d e r
b e s i t z e n d e n K l a s s e n selbst drehn", was ihn
nicht verhindert, nur sechzehn Seiten weiter als die entscheiden-
den modernen Industrien in bekannter Weise die Eisen- und Baum-
wollindustrie hinzustellen, also grade die beiden Produktions-
zweige, deren Erzeugnisse nur zu einem verschwindend kleinen Teil
im Kreise der besitzenden Klassen konsumiert werden und vor allen
andern auf den Massenverbrauch angewiesen sind. Wohin wir uns bei
ihm wenden, nichts als leeres, widerspruchsvolles Hin- und Herge-
schwätz. Aber nehmen wir ein Beispiel aus der Baumwollindustrie.
Wenn in der einzigen, verhältnismäßig kleinen Stadt Oldham - ei-
ner aus dem Dutzend Städte von 50 bis 100 000 Einwohnern um Man-
chester, die die Baumwollindustrie betreiben -, wenn in dieser
einzigen Stadt in den vier Jahren 1872 bis 1875 die Zahl der
Spindeln, die nur die einzige Nummer 32 spinnen, sich von 2 1/2
auf 5 Millionen vermehrte, so daß in einer einzigen Mittelstadt
Englands ebensoviel Spindeln eine einzige Nummer spinnen, wie die
Baumwollindustrie von ganz Deutschland mitsamt dem Elsaß über-
haupt besitzt, und wenn die Ausdehnung in den übrigen Zweigen und
Lokalitäten der Baumwollindustrie Englands und Schottlands in an-
nähernd demselben Verhältnis stattgefunden hat, so gehört eine
starke Dosis wurzelhafter Unverfrorenheit dazu, die jetzige to-
tale Absatzstockung der Baumwollgarne und Gewebe zu erklären aus
der Unterkonsumtion der englischen Massen und nicht aus der Über-
produktion der englischen Baumwollfabrikanten. *)
Genug. Man streitet nicht mit Leuten, die in der Ökonomie unwis-
send genug sind, den Leipziger Büchermarkt überhaupt für einen
Markt im Sinne der modernen Industrie anzusehn. Konstatieren wir
daher bloß, daß uns Herr Dühring des fernem über die Krisen nur
mitzuteilen weiß, daß es sich bei ihnen um nichts handelt,
"als um ein gewöhnliches Spiel zwischen Überspannung und Er-
schlaffung", daß die Überspekulation "nicht allein von der plan-
losen Häufung der Privatunternehmungen herrührt", sondern daß
"auch die Voreiligkeit der einzelnen Unternehmer und der Mangel
an Privatumsicht zu den Entstehungsursachen des Überangebots zu
rechnen" sind.
---
*) Die Erklärung der Krisen aus Unterkonsumtion rührt her von
Sismondi und hat bei ihm noch einen gewissen Sinn. Von Sismondi
hat Rodbertus sie entlehnt, und von Rodbertus hat wieder Herr
Dühring sie in seiner gewohnten verflachenden Weise ab-
geschrieben.
#268# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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Und was ist wiederum die "Entstehungsursache" der Voreiligkeit
und des Mangels an Privatumsicht? Eben dieselbe Planlosigkeit der
kapitalistischen Produktion, die in der planlosen Häufung der
Privatunternehmungen sich zeigt. Die Übersetzung einer ökonomi-
schen Tatsache in einen moralischen Vorwurf für die Entdeckung
einer neuen Ursache zu versehn, ist eben auch eine starke
"Voreiligkeit".
Verlassen wir hiermit die Krisen. Nachdem wir im vorigen Kapitel
ihre notwendige Erzeugung aus der kapitalistischen Produktions-
weise und ihre Bedeutung als Krisen dieser Produktionsweise
selbst, als Zwangsmittel der gesellschaftlichen Umwälzung nachge-
wiesen, brauchen wir den Seichtigkeiten des Herrn Dühring über
diesen Gegenstand kein Wort weiter entgegenzusetzen. Gehn wir
über zu seinen positiven Schöpfungen, zum "natürlichen System der
Gesellschaft".
Dies auf einem "universellen Prinzip der Gerechtigkeit", also
frei von aller Rücksichtnahme auf lästige materielle Tatsachen
aufgebaute System besteht aus einer Föderation von Wirtschafts-
kommunen, zwischen denen
"Freizügigkeit und Notwendigkeit der Aufnahme neuer Mitglieder
nach bestimmten Gesetzen und Verwaltungsnormen" besteht.
Die Wirtschaftskommune selbst ist vor allem
"ein umfassender Schematismus von menschheitsgeschichtlicher
Tragweite" und weit hinaus über die "abirrenden Halbheiten" z.B.
eines gewissen Marx. Sie bedeutet "eine Gemeinschaft von Perso-
nen, die durch ihr öffentliches Recht der Verfügung über einen
Bezirk von Grund und Boden und über eine Gruppe von Produktionse-
tablissements zu gemeinsamer Tätigkeit und gemeinsamer Teilnahme
am Ertrage verbunden sind". Das öffentliche Recht ist ein "Recht
an der Sache... im Sinne eines r e i n p u b l i z i s t i-
s c h e n V e r h ä l t n i s s e s z u r N a t u r und zu
den Produktionseinrichtungen".
Was das heißen soll, darüber mögen sich die Zukunftsjuristen der
Wirtschaftskommune die Köpfe zerbrechen, wir geben jeden Versuch
auf. Nur soviel erfahren wir,
daß es keineswegs einerlei ist mit dem "körperschaftlichen Eigen-
tum von Arbeitergesellschaften", die gegenseitige Konkurrenz und
selbst Lohnausbeutung nicht ausschließen würden.
Wobei dann fallengelassen wird,
die Vorstellung eines "Gesamteigentums", wie sie sich auch bei
Marx finde, sei "mindestens unklar und bedenklich, da diese Zu-
kunftsvorstellung immer den Anschein gewinnt, als wenn sie nichts
als ein körperschaftliches Eigentum der Arbeitergruppen zu bedeu-
ten hätte".
#269# III. Produktion
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Es ist dies wieder eins der vielen bei Herrn Dühring üblichen
"schnöden Manierchen" der Unterschiebung, "für deren vulgäre Ei-
genschaft" (wie er selbst sagt) "nur das vulgäre Wort schnoddrig
ganz passend sein würde"; es ist eine ebenso aus der Luft ge-
griffne Unwahrheit, wie die andre Erfindung des Herrn Dühring,
das Gesamteigentum bei Marx sei ein "zugleich individuelles und
gesellschaftliches Eigentum".
Jedenfalls scheint soviel klar: das publizistische Recht einer
Wirtschaftskommune an ihren Arbeitsmitteln ist ein ausschließli-
ches Eigentumsrecht wenigstens gegenüber jeder andern Wirt-
schaftskommune und auch gegenüber der Gesellschaft und dem Staat.
Es soll aber nicht die Macht haben, "nach außen... abschließend
zu verfahren, denn zwischen den verschiednen Wirtschaftskommunen
besteht Freizügigkeit und Notwendigkeit der Aufnahme neuer Mit-
glieder nach bestimmten Gesetzen und Verwaltungsnormen ... ähn-
lich ... wie heute die Angehörigkeit zu einem politischen Gebilde
und wie die Teilnahme an den wirtschaftlichen Gemeindezuständig-
keiten".
Es wird also reiche und arme Wirtschaftskommunen geben, und die
Ausgleichung findet statt durch den Andrang der Bevölkerung zu
den reichen und den Wegzug von den armen Kommunen. Wenn also Herr
Dühring die Konkurrenz in Produkten zwischen den einzelnen Kommu-
nen durch nationale Organisation des Handels beseitigen will, so
läßt er die Konkurrenz in Produzenten ruhig fortbestehen. Die
Dinge werden der Konkurrenz entzogen, die Menschen bleiben ihr
unterworfen.
Indes sind wir damit noch lange nicht im klaren über das
"publizistische Recht". Zwei Seiten weiter erklärt uns Herr Düh-
ring:
Die Handelskommune reiche "zunächst so weit, als dasjenige poli-
tisch-gesellschaftliche Gebiet, dessen Angehörige zu einem ein-
heitlichen Rechtssubjekt zusammengefaßt sind und in dieser Eigen-
schaft die Verfügung über den gesamten Boden, die Wohnstätten und
die Produktionseinrichtungen haben".
Es ist also doch nicht die einzelne Kommune, die die Verfügung
hat, sondern die ganze Nation. Das "öffentliche Recht", das
"Recht an der Sache", das "publizistische Verhältnis zur Natur"
usw. ist also nicht bloß "mindestens unklar- und bedenklich", es
ist in direktem Widerspruch mit sich selbst. Es ist in der Tat,
wenigstens soweit jede einzelne Wirtschaftskommune ebenfalls ein
Rechtssubjekt, ein "zugleich individuelles und gesellschaftliches
Eigentum", und diese letztere "nebelhafte Zwittergestalt" daher
wieder nur bei Herrn Dühring selbst anzutreffen.
Jedenfalls verfügt die Wirtschaftskommune über ihre Arbeitsmittel
zum Zweck der Produktion. Wie geht diese Produktion vor sich?
Nach
#270# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
-----
allem, was wir bei Herrn Dühring erfahren, ganz im alten Stil,
nur daß an die Stelle des Kapitalisten die Kommune tritt.
Höchstens erfahren wir, daß die Berufswahl jetzt erst für jeden
einzelnen frei wird und daß gleiche Verpflichtung zur Arbeit be-
steht.
Die Grundform aller bisherigen Produktion ist die Teilung der Ar-
beit, einerseits innerhalb der Gesellschaft, andrerseits inner-
halb jeder einzelnen Produktionsanstalt. Wie verhält sich die
Dühringsche "Sozialität" zu ihr?
Die erste große gesellschaftliche Arbeitsteilung ist die Schei-
dung von Stadt und Land.
Dieser Antagonismus ist nach Herrn Dühring "der Natur der Sache
nach unvermeidlich". Aber "es ist überhaupt bedenklich, sich die
Kluft zwischen Landwirtschaft und Industrie ... als unausfüllbar
zu denken. In der Tat besteht bereits ein gewisses Maß von Ste-
tigkeit der Überleitung, welche für die Zukunft noch erheblich
zuzunehmen verspricht." Schon jetzt hätten sich zwei Industrien
in den Ackerbau und ländlichen Betrieb eingeschoben: "in erster
Linie die Brennerei und in zweiter die Bereitung von Rübenzucker
... die Spirituserzeugung ist von einer solchen Bedeutung, daß
man sie eher unterschätzen als überschätzen wird". Und "wäre es
möglich, daß sich ein größerer Kreis von Industrien infolge ir-
gendwelcher Entdeckungen derartig bildete, daß hierbei eine Nöti-
gung obwaltete, den Betrieb ländlich zu lokalisieren und un-
mittelbar an die Produktion der Rohstoffe anzulehnen", so würde
dadurch der Gegensatz von Stadt und Land geschwächt und "die al-
lerausgedehnteste Grundlage der Zivilisationsentfaltung gewonnen
werden". Indes "könnte etwas Ähnliches doch auch noch auf einem
andern Wege in Frage stehn. Außer den technischen Nötigungen kom-
men mehr und mehr die sozialen Bedürfnisse in Frage, und wenn
diese letztem für die Gruppierungen der menschlichen Tätigkeiten
maßgebend werden, wird es nicht mehr möglich sein, diejenigen
Vorteile zu vernachlässigen, die sich aus einer systematisch na-
hen Verbindung der Beschäftigungen des platten Landes mit den
Verrichtungen der technischen Umwandlungsarbeit ergeben."
Nun kommen in der Wirtschaftskommune ja grade die sozialen Be-
dürfnisse in Frage, und so wird sie sich wohl beeilen, die oben-
erwähnten Vorteile der Vereinigung von Ackerbau und Industrie
sich in vollstem Maße anzueignen? Herr Dühring wird nicht verfeh-
len, uns über die Stellung der Wirtschaftskommune zu dieser Frage
seine "exakteren Auffassungen" in beliebter Breite mitzuteilen?
Geprellt wäre der Leser, der das glaubte. Die obigen magern, ver-
legenen, wiederum in dem schnapsbrennenden und rübenzuckernden
Geltungsbereich des preußischen Landrechts sich im Kreise herum-
drehenden Gemeinplätze sind alles, was uns Herr Dühring über den
Gegensatz von Stadt und Land in Gegenwart und Zukunft zu sagen
hat.
#271# III. Produktion
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Gehn wir über zur Arbeitsteilung im einzelnen. Hier ist Herr Düh-
ring schon etwas "exakter". Er spricht von
"einer Person, die sich mit e i n e r Gattung von Tätigkeit
a u s s c h l i e ß l i c h abgeben soll". Handelt es sich um
die Einführung eines neuen Produktionszweigs, so besteht die
Frage einfach darin, ob man eine gewisse Zahl von E x i s t e n-
z e n, die sich d e r E r z e u g u n g e i n e s A r t i-
k e l s w i d m e n sollen, mit der für sie erforderlichen
Konsumtion (!) gleichsam schaffen könne. Ein beliebiger Pro-
duktionszweig wird in der Sozialität "nicht viel B e v ö l-
k e r u n g i n A n s p r u c h n e h m e n". Und auch in der
Sozialität gibt es "sich nach der Lebensweise sondernde
ö k o n o m i s c h e S p i e l a r t e n" von Menschen.
Hiernach bleibt innerhalb der Sphäre der Produktion so ziemlich
alles beim alten. Allerdings herrscht in der bisherigen Gesell-
schaft eine "falsche Arbeitsteilung"; worin aber diese besteht
und wodurch sie in der Wirtschaftskommune ersetzt werden soll,
darüber erfahren wir nur dies:
"Was die Rücksichten der Arbeitsteilung selbst anbetrifft, so ha-
ben wir schon oben gesagt, daß sie als erledigt gelten können,
sobald den Tatsachen der verschiednen Naturgelegenheiten und den
persönlichen Fähigkeiten Rechnung getragen ist."
Neben den Fähigkeiten kommt noch die persönliche Neigung zur Gel-
tung:
"Der Reiz des Aufsteigens zu Tätigkeiten, die mehr Fähigkeiten
und Vorbildung ins Spiel setzen, würde ausschließlich auf der
Neigung zu der betreffenden Beschäftigung und auf der Freude an
der Ausübung g r a d e d i e s e r u n d k e i n e r a n-
d e r n S a c h e" (Ausübung einer Sache!) "beruhen."
Hiermit aber wird in der Sozialität der Wetteifer angeregt und
"die Produktion selbst ein Interesse erhalten, und der stumpfe
Betrieb, der sie nur als Mittel zum Gewinnzweck würdigt, wird
nicht mehr das beherrschende Gepräge der Zustände sein".
In jeder Gesellschaft mit naturwüchsiger Produktionsentwicklung -
und die heutige gehört dazu - beherrschen nicht die Produzenten
die Produktionsmittel, sondern die Produktionsmittel beherrschen
die Produzenten. In einer solchen Gesellschaft schlägt jeder neue
Hebel der Produktion notwendig um in ein neues Mittel der Knech-
tung der Produzenten unter die Produktionsmittel. Das gilt vor
allem von demjenigen Hebel der Produktion, der bis zur Einführung
der großen Industrie weitaus der mächtigste war - von der Teilung
der Arbeit. Gleich die erste große Arbeitsteilung, die Scheidung
von Stadt und Land, verurteilte die Landbevölkerung zu jahrtau-
sendelanger Verdummung und die Städter zur Knechtung eines jeden
unter sein Einzelhandwerk. Sie vernichtete die Grundlage der gei-
stigen Entwicklung der
#272# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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einen und der körperlichen der andern. Wenn sich der Bauer den
Boden, der Städter sein Handwerk aneignet, so eignet sich ebenso-
sehr der Boden den Bauer, das Handwerk den Handwerker an. Indem
die Arbeit geteilt wird, wird auch der Mensch geteilt. Der Aus-
bildung einer einzigen Tätigkeit werden alle übrigen körperlichen
und geistigen Fähigkeiten zum Opfer gebracht. Diese Verkümmerung
des Menschen wächst im selben Maße wie die Arbeitsteilung, die
ihre höchste Entwicklung in der Manufaktur erreicht. Die Manufak-
tur zerlegt das Handwerk in seine einzelnen Teiloperationen,
weist jede derselben einem einzelnen Arbeiter als Lebensberuf zu
und kettet ihn so lebenslänglich an eine bestimmte Teilfunktion
und ein bestimmtes Werkzeug. "Sie verkrüppelt den Arbeiter in
eine Abnormität, indem sie sein Detailgeschick treibhausmäßig
fördert durch Unterdrückung einer Welt von produktiven Trieben
und Anlagen... Das Individuum selbst wird geteilt, in das automa-
tische Triebwerk einer Teilarbeit verwandelt" (Marx) 1*) - ein
Triebwerk, das in vielen Fällen seine Vollkommenheit erst durch
buchstäbliche, leibliche und geistige Verkrüppelung des Arbeiters
erlangt. Die Maschinerie der großen Industrie degradiert den Ar-
beiter aus einer Maschine zum bloßen Zubehör einer Maschine. "Aus
der lebenslangen Spezialität, ein Teilwerkzeug zu führen, wird
die lebenslange Spezialität, einer Teilmaschine zu dienen. Die
Maschinerie wird mißbraucht, um den Arbeiter selbst von Kindes-
beinen an in den Teil einer Teilmaschine zu verwandeln" (Marx).
2*) Und nicht nur die Arbeiter, auch die die Arbeiter direkt oder
indirekt ausbeutenden Klassen werden vermittelst der Teilung der
Arbeit geknechtet unter das Werkzeug ihrer Tätigkeit; der gei-
stesöde Bourgeois unter sein eignes Kapital und seine eigne Pro-
fitwut, der Jurist unter seine verknöcherten Rechtsvorstellungen,
die ihn als eine selbständige Macht beherrschen; die "gebildeten
Stände" überhaupt unter die mannigfachen Lokalborniertheiten und
Einseitigkeiten, unter ihre eigne körperliche und geistige Kurz-
sichtigkeit, unter ihre Verkrüppelung durch die auf eine Spezia-
lität zugeschnittne Erziehung und durch die lebenslange Fesselung
an diese Spezialität selbst - auch dann, wenn diese Spezialität
das reine Nichtstun ist.
Die Utopisten waren bereits vollständig im reinen über die Wir-
kungen der Teilung der Arbeit, über die Verkümmerung einerseits
des Arbeiters, andrerseits der Arbeitstätigkeit selbst, die auf
lebenslängliche, einförmige, mechanische Wiederholung eines und
desselben Aktes beschränkt wird. Die Aufhebung des Gegensatzes
von Stadt und Land wird von Fourier wie von
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 381 - 2*) ebenda, S. 445
#273# III. Produktion
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Owen als erste Grundbedingung der Aufhebung der alten Arbeitstei-
lung überhaupt gefordert. Bei beiden soll die Bevölkerung sich in
Gruppen von sechzehnhundert bis dreitausend über das Land vertei-
len; jede Gruppe bewohnt im Zentrum ihres Bodenbezirks einen Rie-
senpalast mit gemeinsamem Haushalt. Fourier spricht zwar hier und
da von Städten, diese aber bestehn selbst wieder nur aus vier bis
fünf solcher näher zusammenliegenden Paläste. Bei beiden betei-
ligt sich jedes Gesellschaftsglied sowohl am Ackerbau wie an der
Industrie ; bei Fourier spielen in dieser letztern Handwerk und
Manufaktur, bei Owen dagegen schon die große Industrie die
Hauptrolle und wird von ihm bereits die Einführung der Dampfkraft
und Maschinerie in die Haushaltungsarbeit verlangt. Aber auch in-
nerhalb des Ackerbaus wie der Industrie fordern beide die mög-
lichst große Abwechslung der Beschäftigung für jeden einzelnen,
und dementsprechend die Ausbildung der Jugend für möglichst all-
seitige technische Tätigkeit. Bei beiden soll der Mensch sich
universell entwickeln durch universelle praktische Betätigung und
soll die Arbeit den ihr durch die Teilung abhanden gekommnen Reiz
der Anziehung wieder erhalten, zunächst durch diese Abwechslung
und die ihr entsprechende kurze Dauer der jeder einzelnen Arbeit
gewidmeten "Sitzung", um Fouriers Ausdruck zu gebrauchen [154].
Beide sind weit hinaus über die dem Herrn Dühring überkommne
Denkweise der ausbeutenden Klassen, die den Gegensatz von Stadt
und Land für der Natur der Sache nach unvermeidlich hält, die in
der Borniertheit befangen ist, als müßte eine Anzahl von
"Existenzen" unter allen Umständen zur Erzeugung e i n e s Ar-
tikels verdammt sein, und die die sich nach der Lebensweise son-
dernden "ökonomischen Spielarten" von Menschen verewigen will,
die Leute, die Freude an der Ausübung grade dieser und keiner an-
dern Sache haben, die also so weit heruntergekommen sind, daß sie
sich über ihre eigne Knechtung und Vereinseitigung f r e u e n.
Gegenüber den Grundgedanken selbst der tollkühnsten Phantasien
des "Idioten" Fourier, gegenüber selbst den dürftigsten Ideen des
"rohen, matten und dürftigen" Owen steht der selbst noch ganz un-
ter die Teilung der Arbeit geknechtete Herr Dühring da wie ein
vorlauter Zwerg.
Indem sich die Gesellschaft zur Herrin der sämtlichen Produkti-
onsmittel macht, um sie gesellschaftlich planmäßig zu verwenden,
vernichtet sie die bisherige Knechtung der Menschen unter ihre
eignen Produktionsmittel. Die Gesellschaft kann sich selbstredend
nicht befreien, ohne daß jeder einzelne befreit wird. Die alte
Produktionsweise muß also von Grund aus umgewälzt werden, und na-
mentlich muß die alte Teilung der Arbeit verschwinden. An ihre
Stelle muß eine Organisation der Produktion treten,
#274# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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in der einerseits kein einzelner seinen Anteil an der produktiven
Arbeit, dieser Naturbedingung der menschlichen Existenz, auf an-
dre abwälzen kann; in der andrerseits die produktive Arbeit,
statt Mittel der Knechtung, Mittel der Befreiung der Menschen
wird, indem sie jedem einzelnen die Gelegenheit bietet, seine
sämtlichen Fähigkeiten, körperliche wie geistige, nach allen
Richtungen hin auszubilden und zu betätigen, und in der sie so
aus einer Last eine Lust wird.
Dies ist heute keine Phantasie, kein frommer Wunsch mehr. Bei der
gegenwärtigen Entwicklung der produktiven Kräfte genügt schon
diejenige Steigerung der Produktion, die mit der Tatsache der
Vergesellschaftung der Produktivkräfte selbst gegeben ist, die
Beseitigung der aus der kapitalistischen Produktionsweise ent-
springenden Hemmungen und Störungen, der Vergeudung von Produkten
und Produktionsmitteln, um bei allgemeiner Teilnahme an der Ar-
beit die Arbeitszeit auf ein nach jetzigen Vorstellungen geringes
Maß zu reduzieren.
Ebensowenig ist die Aufhebung der alten Teilung der Arbeit eine
Forderung, die nur auf Kosten der Produktivität der Arbeit durch-
zuführen wäre. Im Gegenteil. Sie ist eine Bedingung der Produk-
tion selbst geworden durch die große Industrie. "Der Maschinenbe-
trieb hebt die Notwendigkeit auf, die Verteilung der Arbeiter-
gruppen an die verschiednen Maschinen manufakturmäßig zu befesti-
gen durch fortwährende Aneignung derselben Arbeiter an dieselbe
Funktion. Da die Gesamtbewegung der Fabrik nicht vom Arbeiter
ausgeht, sondern von der Maschine, kann fortwährender Per-
sonenwechsel stattfinden, ohne Unterbrechung des Arbeitsprozesses
... Die Geschwindigkeit endlich, womit die Arbeit an der Maschine
im jugendlichen Alter erlernt wird, beseitigt ebenso die Notwen-
digkeit, eine besondre Klasse Arbeiter ausschließlich zu Maschi-
nenarbeitern zu erziehn." 1*) Während aber die kapitalistische
Anwendungsweise der Maschinerie die alte Teilung der Arbeit mit
ihren knöchernen Partikularitäten weiter fortführen muß, trotzdem
diese technisch überflüssig geworden, rebelliert die Maschinerie
selbst gegen diesen Anachronismus. Die technische Basis der gro-
ßen Industrie ist revolutionär. "Durch Maschinerie, chemische
Prozesse und andre Methoden wälzt sie beständig mit der techni-
schen Grundlage der Produktion die Funktionen der Arbeiter und
die gesellschaftlichen Kombinationen des Arbeitsprozesses um. Sie
revolutioniert damit ebenso beständig die Teilung der Arbeit im
Innern der Gesellschaft und schleudert unaufhörlich Kapitalmassen
und Arbeitermassen aus einem Produktionszweig
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1*) Vgl. Band 23 unserer Ausgabe, S. 443/444
#275# III. Produktion
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in den andern. Die Natur der großen Industrie bedingt daher Wech-
sel der Arbeit, Fluß der Funktion, allseitige Beweglichkeit des
Arbeiters... Man hat gesehn, wie dieser absolute Widerspruch ...
im ununterbrochenen Opferfest der Arbeiterklasse, maßlosester
Vergeudung der Arbeitskräfte und den Verheerungen gesellschaftli-
cher Anarchie sich austobt. Dies ist die negative Seite. Wenn
aber der Wechsel der Arbeit sich jetzt nur als überwältigendes
Naturgesetz und mit der blind zerstörenden Wirkung des Naturge-
setzes durchsetzt, das überall auf Hindernisse stößt, macht die
große Industrie durch ihre Katastrophen selbst es zur Frage von
Leben oder Tod, den Wechsel der Arbeiten und daher möglichste
Vielseitigkeit des Arbeiters als allgemeines gesellschaftliches
Produktionsgesetz anzuerkennen und seiner normalen Verwirklichung
die Verhältnisse anzupassen. Sie macht es zu einer Frage von
Leben oder Tod, die Ungeheuerlichkeit einer elenden, für das
wechselnde Exploitationsbedürfnis des Kapitals in Reserve gehalt-
nen disponiblen Arbeiterbevölkerung zu ersetzen durch die abso-
lute Disponibilität des Menschen für wechselnde Arbeitserforder-
nisse; das Teilindividuum, den bloßen Träger einer gesellschaft-
lichen Detailfunktion, durch das total entwickelte Individuum,
für welches verschiedne gesellschaftliche Funktionen einander ab-
lösende Betätigungsweisen sind." (Marx, Kapital.) 1*)
Indem die große Industrie uns gelehrt hat, die mehr oder weniger
überall herstellbare Molekularbewegung in Massenbewegung zu tech-
nischen Zwecken zu verwandeln, hat sie die industrielle Produk-
tion in bedeutendem Maße von lokalen Schranken befreit. Die Was-
serkraft war lokal, die Dampfkraft ist frei. Wenn die Wasserkraft
notwendig ländlich ist, so ist die Dampfkraft keineswegs notwen-
dig städtisch. Es ist ihre kapitalistische Anwendung, die sie
vorwiegend in den Städten konzentriert und Fabrikdörfer in
Fabrikstädte umschafft. Damit aber untergräbt sie gleichzeitig
die Bedingungen ihres eignen Betriebs. Erstes Erfordernis der
Dampfmaschine und Haupterfordernis fast aller Betriebszweige der
großen Industrie ist verhältnismäßig reines Wasser. Die Fabrik-
stadt aber verwandelt alles Wasser in stinkende Jauche. Sosehr
also die städtische Konzentrierung Grundbedingung der kapitali-
stischen Produktion ist, sosehr strebt jeder einzelne industri-
elle Kapitalist stets von den durch sie notwendig erzeugten
großen Städten weg und dem ländlichen Betrieb zu. Dieser Prozeß
kann in den Bezirken der Textilindustrie von Lancashire und
Yorkshire im einzelnen studiert werden; die kapitalistische Groß-
industrie erzeugt dort stets neue Großstädte da
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1*) Vgl. ebenda, S. 511/512
#276# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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durch, daß sie fortwährend von der Stadt aufs Land flieht. Ähn-
lich in den Bezirken der Metallindustrie, wo teilweise andre Ur-
sachen dieselben Wirkungen erzeugen.
Diesen neuen fehlerhaften Kreislauf, diesen sich stets neu erzeu-
genden Widerspruch der modernen Industrie aufzuheben, vermag wie-
derum nur die Aufhebung ihres kapitalistischen Charakters. Nur
eine Gesellschaft, die ihre Produktivkräfte nach einem einzigen
großen Plan harmonisch ineinandergreifen läßt, kann der Industrie
erlauben, sich in derjenigen Zerstreuung über das ganze Land an-
zusiedeln, die ihrer eignen Entwicklung und der Erhaltung resp.
Entwicklung der übrigen Elemente der Produktion am angemessensten
ist.
Die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land ist hiernach
nicht nur möglich. Sie ist eine direkte Notwendigkeit der indu-
striellen Produktion selbst geworden, wie sie ebenfalls eine Not-
wendigkeit der Agrikulturproduktion und obendrein der öffentli-
chen Gesundheitspflege geworden ist. Nur durch Verschmelzung von
Stadt und Land kann die heutige Luft-, Wasser- und Bodenvergif-
tung beseitigt, nur durch sie die jetzt in den Städten hinsie-
chenden Massen dahin gebracht werden, daß ihr Dünger zur Er-
zeugung von Pflanzen verwandt wird, statt zur Erzeugung von
Krankheiten.
Die kapitalistische Industrie hat sich bereits relativ unabhängig
gemacht von den lokalen Schranken der Produktionsstätten ihrer
Rohstoffe. Die Textilindustrie verarbeitet der großen Masse nach
importierte Rohstoffe. Spanische Eisenerze werden in England und
Deutschland, spanische und südamerikanische Kupfererze werden in
England verarbeitet. Jedes Kohlenfeld versieht weit über seine
Grenzen hinaus einen jährlich wachsenden industriellen Umkreis
mit Brennstoff. An der ganzen europäischen Küste werden Dampfma-
schinen mit englischer, stellenweise deutscher und belgischer
Kohle getrieben. Die von den Schranken der kapitalistischen
Produktion befreite Gesellschaft kann noch viel weiter gehn. In-
dem sie ein Geschlecht von allseitig ausgebildeten Produzenten
erzeugt, die die wissenschaftlichen Grundlagen der gesamten indu-
striellen Produktion verstehn und von denen jeder eine ganze
Reihe von Produktionszweigen von Anfang bis zu Ende praktisch
durchgemacht, schafft sie eine neue Produktivkraft 1*), die die
Transportarbeit der aus größerer Entfernung bezognen Roh- oder
Brennstoffe überreichlich aufwiegt.
Die Aufhebung der Scheidung von Stadt und Land ist also keine
Utopie, auch nach der Seite hin, nach der sie die möglichst
gleichmäßige Verteilung
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1*) Siehe Fußnote S. 249
#277# III. Produktion
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der großen Industrie über das ganze Land zur Bedingung hat. Die
Zivilisation hat uns freilich in den großen Städten eine Erb-
schaft hinterlassen, die zu beseitigen viel Zeit und Mühe kosten
wird. Aber sie müssen und werden beseitigt werden, mag es auch
ein langwieriger Prozeß sein. Welche Geschicke auch dem Deutschen
Reich preußischer Nation vorbehalten sein mögen, Bismarck kann
mit dem stolzen Bewußtsein in die Grube fahren, daß sein Lieb-
lingswunsch sicher erfüllt wird: der Untergang der großen Städte.
[155]
Und nun besehe man sich die kindliche Vorstellung des Herrn Düh-
ring, als könne die Gesellschaft Besitz ergreifen von der Gesamt-
heit der Produktionsmittel, ohne die alte Art des Produzierens
von Grund aus umzuwälzen und vor allem die alte Teilung der Ar-
beit abzuschaffen; als sei alles abgemacht, sobald nur
"den Naturgelegenheiten und den persönlichen Fähigkeiten Rechnung
getragen" -
wobei dann nach wie vor ganze Massen von Existenzen unter die
Erzeugung e i n e s Artikels geknechtet, ganze "Bevölkerungen"
von einem einzelnen Produktionszweig in Anspruch genommen werden,
und die Menschheit sich nach wie vor in eine Anzahl verschieden
verkrüppelter "ökonomischer Spielarten" teilt, als da sind
"Karrenschieber" und "Architekten". Die Gesellschaft soll Herrin
der Produktionsmittel im ganzen werden, damit jeder einzelne
Sklave seines Produktionsmittels bleibt und nur die Wahl hat
w e l c h e s Produktionsmittels. Und ebenso besehe man sich die
Art, wie Herr Dühring die Scheidung von Stadt und Land für "der
Natur der Sache nach unvermeidlich" hält, und nur ein kleines
Palliativmittelchen entdecken kann in den in ihrer Verbindung
spezifisch preußischen Zweigen der Schnapsbrennerei und Rübenzu-
ckerbereitung; der die Zerstreuung der Industrie über das Land
abhängig macht von irgendwelchen künftigen Entdeckungen und von
der N ö t i g u n g, den Betrieb unmittelbar an die Gewinnung
der Rohstoffe anzulehnen - der Rohstoffe, die schon jetzt in
immer wachsender Entfernung von ihrem Ursprungsort verbraucht
werden! - und der sich schließlich den Rücken zu decken sucht mit
der Versicherung, die sozialen Bedürfnisse würden schließlich die
Verbindung von Ackerbau und Industrie doch wohl auch g e g e n
die ökonomischen Rücksichten durchsetzen, als ob damit ein
ökonomisches Opfer gebracht würde!
Freilich, um zu sehn, daß die revolutionären Elemente, die die
alte Teilung der Arbeit mitsamt der Scheidung von Stadt und Land
beseitigen und die ganze Produktion umwälzen werden, daß diese
Elemente bereits in den Produktionsbedingungen der modernen
großen Industrie im Keim enthalten
#278# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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sind und durch die heutige kapitalistische Produktionsweise an
ihrer Entfaltung gehindert werden, dazu muß man einen etwas wei-
tern Horizont haben als den Geltungsbereich des preußischen Land-
rechts, das Land, wo Schnaps und Rübenzucker die entscheidenden
Industrieprodukte sind und wo man die Handelskrisen auf dem Bü-
chermarkt studieren kann. Dazu muß man die wirkliche große Indu-
strie in ihrer Geschichte und in ihrer gegenwärtigen Wirklichkeit
kennen, namentlich in dem einen Lande, wo sie ihre Heimat und wo
allein sie ihre klassische Ausbildung erreicht hat; und dann wird
man auch nicht daran denken, den modernen wissenschaftlichen
Sozialismus verseichtigen und herunterbringen zu wollen auf den
s p e z i f i s c h p r e u ß i s c h e n S o z i a l i s-
m u s des Herrn Dühring.
IV. Verteilung
Wir sahen bereits früher 1*), daß die Dühringsche Ökonomie auf
den Satz hinauslief: Die kapitalistische P r o d u k t i o n s-
w e i s e ist ganz gut und kann bestehn bleiben, aber die
kapitalistische V e r t e i l u n g s w e i s e ist vom Übel
und muß verschwinden. Wir finden jetzt, daß die "Sozialität" des
Herrn Dühring weiter nichts ist als die Durchführung dieses
Satzes in der Phantasie. In der Tat zeigte sich, daß Herr Dühring
an der Produktionsweise - als solcher - der kapitalistischen
Gesellschaft fast gar nichts auszusetzen hat, daß er die alte
Teilung der Arbeit in allen wesentlichen Beziehungen beibehalten
will, und daher auch über die Produktion innerhalb seiner Wirt-
schaftskommune kaum ein Wort zu sagen weiß. Die Produktion ist
allerdings ein Gebiet, auf dem es sich um handfeste Tatsachen
handelt, auf dem daher die "rationelle Phantasie" dem Flü-
gelschlag ihrer freien Seele [156] nur wenig Raum geben darf,
weil die Gefahr der Blamage zu nahe liegt. Dagegen die
Verteilung, die nach der Ansicht des Herrn Dühring ja gar nicht
mit der Produktion zusammenhängt, die nach ihm nicht durch die
Produktion, sondern durch einen reinen Willensakt bestimmt wird -
die Verteilung ist das prädestinierte Feld seiner "sozialen
Alchimisterei".
Der gleichen Produktionspflicht tritt gegenüber das gleiche Kon-
sumtionsrecht, organisiert in der Wirtschaftskommune und der eine
größere Anzahl der letztern umfassenden Handelskommune. Hier wird
"Arbeit... nach dem Grundsatz der gleichen Schätzung gegen andre
Arbeit ausgetauscht ... Leistung und Gegenleistung stellen hier
wirkliche Gleichheit der Arbeitsgrößen vor". Und zwar gilt diese
"Gleichsetzung
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1*) Siehe vorl. Band. S. 173
#279# IV. Verteilung
-----
der Menschenkräfte, mögen die einzelnen nun mehr oder weniger
oder zufällig a u c h n i c h t s geleistet haben" ; denn man
kann alle Verrichtungen, insofern sie Zeit und Kräfte in Anspruch
nehmen, als Arbeitsleistungen ansehn - also auch Kegelschieben
und Spazierengehn. Dieser Austausch findet aber nicht statt zwi-
schen den einzelnen, da die Gesamtheit Besitzerin aller Produkti-
onsmittel, also auch aller Produkte ist, sondern einerseits zwi-
schen jeder Wirtschaftskommune und ihren einzelnen Mitgliedern,
andrerseits zwischen den verschiednen Wirtschafts- und Handels-
kommunen selbst. "Namentlich werden die einzelnen Wirtschaftskom-
munen innerhalb ihres eignen Rahmens den Kleinhandel durch völlig
planmäßigen Vertrieb ersetzen." Ebenso wird der Handel im großen
organisiert: "Das System der freien Wirtschaftsgesellschaft...
bleibt daher eine große Tauscheinrichtung, deren Vornahmen sich
vermittelst der durch die edlen Metalle gegebnen Grundlagen voll-
ziehn. Durch die Einsicht in die unumgängliche Notwendigkeit die-
ser Grundeigenschaft unterscheidet sich unser Schema von allen
jenen Nebelhaftigkeiten, die auch noch den rationellsten Formen
der heute umlaufenden sozialistischen Vorstellungen anhaften."
Die Wirtschaftskommune, als erste Aneignerin der gesellschaftli-
chen Produkte, hat behufs dieses Austausches "für jeden Zweig von
Artikeln einen einheitlichen Preis" nach den durchschnittlichen
Produktionskosten festzusetzen. "Was gegenwärtig die sogenannten
Selbstkosten der Produktion ... für Wert und Preis bedeuten, das
werden" (in der Sozialität) "...die Anschläge der zu verwendenden
Arbeitsmenge leisten. Diese Anschläge, die sich nach dem Grund-
satz des auch wirtschaftlich gleichen Rechts jeder Persönlichkeit
schließlich auf die Berücksichtigung der beteiligten Personenzahl
zurückführen lassen, werden das zugleich den Naturverhältnissen
der Produktion und dem gesellschaftlichen Verwertungsrecht ent-
sprechende Verhältnis der Preise ergeben. Die Produktion der ed-
len Metalle wird ähnlich wie heute für die Wertbestimmung des
Geldes maßgebend bleiben ... Man sieht hieraus, daß man in der
veränderten Gesellschaftsverfassung zunächst für die Werte und
mithin für die Verhältnisse, in denen die Erzeugnisse sich gegen-
einander umsetzen, nicht nur Bestimmungsgrund und Maß nicht ver-
liert, sondern erst gehörig gewinnt."
Der berühmte "absolute Wert" ist endlich realisiert.
Andrerseits aber wird die Kommune nun auch die einzelnen in den
Stand setzen müssen, die produzierten Artikel von ihr zu kaufen,
indem sie jedem eine gewisse tägliche, wöchentliche oder monatli-
che Geldsumme, die für jeden gleich zu sein hat, als Gegenlei-
stung für seine Arbeit auszahlt. "Es ist daher vom Standpunkt der
Sozialität gleichgültig, ob man sagt, daß der Arbeitslohn ver-
schwinden oder daß er die ausschließliche Form der ökonomischen
Einkünfte werden müsse." Gleiche Löhne und gleiche Preise aber
stellen die "quantitative, wenn auch nicht qualitative Gleichheit
der Konsumtion" her, und damit ist das "universelle Prinzip der
Gerechtigkeit" ökonomisch verwirklicht.
Über die Bestimmung der Höhe dieses Zukunftslohns sagt uns Herr
Dühring nur,
#280# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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daß auch hier, wie in allen andern Fällen, "gleiche Arbeit gegen
gleiche Arbeit" ausgetauscht wird. Für sechsstündige Arbeit wird
daher eine Geldsumme zu zahlen sein, die ebenfalls sechs Arbeits-
stunden in sich verkörpert.
Indes ist das "universelle Prinzip der Gerechtigkeit" keineswegs
mit jener rohen Gleichmacherei zu verwechseln, die den Bürger so
sehr aufbringt gegen jeden, namentlich den naturwüchsigen Arbei-
terkommunismus. Es ist lange nicht so unerbittlich, als es gern
aussehn möchte.
Die "prinzipielle Gleichheit der ökonomischen Rechtsansprüche
schließt nicht aus, daß f r e i w i l l i g zu dem, was die Ge-
rechtigkeit erfordert, auch noch ein Ausdruck der besondern Aner-
kennung und Ehre gefügt werde ... Die Gesellschaft e h r t
s i c h s e l b s t, indem sie die höher gesteigerten Lei-
stungsgattungen d u r c h e i n e m ä ß i g e M e h r a u s-
s t a t t u n g für die Konsumtion auszeichnet."
Und auch Herr Dühring ehrt sich selbst, indem er, Taubenunschuld
und Schlangenklugheit verschmelzend, so rührend für die mäßige
Mehrkonsumtion der Zukunfts-Dührings besorgt ist.
Hiermit ist die kapitalistische Verteilungsweise endgültig besei-
tigt. Denn
"gesetzt, es hätte jemand unter Voraussetzung eines solchen Zu-
stands wirklich einen Überschuß von privaten Mitteln zur Verfü-
gung, so würde er für denselben keine kapitalmäßige Verwendung
ausfindig machen können. Kein einzelner oder keine Gruppe würde
ihm denselben für die Produktion anders als im Wege des Austau-
sches oder Kaufs abnehmen, niemals aber in den Fall kommen, ihm
Zinsen oder Gewinn zu zahlen." Hiermit wird "eine dem Grundsatz
der Gleichheit entsprechende Vererbung" zulässig. Sie ist unver-
meidlich, denn "eine gewisse Vererbung wird immer die notwendige
Begleitung des Familienprinzips sein". Auch das Erbrecht wird "zu
keiner Ansammlung umfangreicher Vermögen führen können, da hier
die Eigentumsbildung ... namentlich nie mehr den Zweck haben
kann, Produktionsmittel und reine Rentenexistenzen zu schaffen".
Hiermit wäre die Wirtschaftskommune glücklich fertig. Sehn wir
nun zu, wie sie wirtschaftet.
Wir nehmen an, alle Unterstellungen des Herrn Dühring seien voll-
ständig realisiert; wir setzen also voraus, daß die Wirtschafts-
kommune jedem ihrer Mitglieder für täglich sechsstündige Arbeit
eine Geldsumme zahlt, in der ebenfalls sechs Arbeitsstunden ver-
körpert sind, meinetwegen zwölf Mark. Wir nehmen ebenfalls an,
daß die Preise genau den Werten entsprechen, also unter unsern
Voraussetzungen nur die Kosten der Rohstoffe, den Verschleiß der
Maschinerie, den Verbrauch von Arbeitsmitteln und den gezahlten
Arbeitslohn umfassen. Eine Wirtschaftskommune von hundert arbei-
tenden Mitgliedern produziert dann täglich Waren im Wert von 1200
Mark, im Jahr bei dreihundert Arbeitstagen für 360 000 Mark,
#281# IV. Verteilung
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und zahlt dieselbe Summe an ihre Mitglieder aus, deren jedes mit
seinem Anteil von täglich 12 oder jährlich 3600 Mark macht, was
es will. Am Ende des Jahres, und am Ende von hundert Jahren ist
die Kommune nicht reicher als am Anfang. Sie wird während dieser
Zeit nicht einmal imstande sein, die mäßige Mehrausstattung für
die Konsumtion des Herrn Dühring zu leisten, falls sie nicht ih-
ren Stamm von Produktionsmitteln angreifen will. Die Akkumulation
ist total vergessen worden. Noch schlimmer: da die Akkumulation
eine gesellschaftliche Notwendigkeit, und in der Beibehaltung des
Geldes eine bequeme Form der Akkumulation gegeben, so fordert die
Organisation der Wirtschaftskommune ihre Mitglieder direkt auf
zur Privatakkumulation, und damit zu ihrer eignen Zerstörung.
Wie diesem Zwiespalt der Natur der Wirtschaftskommune entgehn?
Sie könnte Zuflucht nehmen zu der beliebten "Bezollung", dem
Preisaufschlag, und ihre Jahresproduktion statt für 360 000 Mark
für 480 000 Mark verkaufen. Da aber alle andern Wirtschaftskommu-
nen in derselben Lage sind, also dasselbe tun müßten, so würde
jede im Austausch mit der andern ebensoviel "Bezollung" zahlen
müssen wie sie einsteckt, und der "Tribut" also nur auf ihre eig-
nen Mitglieder fallen.
Oder aber, sie macht die Sache kurz und bündig ab, indem sie je-
dem Mitglied für sechsstündige Arbeit das Produkt von weniger als
sechsstündiger Arbeit, meinetwegen von vier Arbeitsstunden zahlt,
also statt zwölf Mark nur acht Mark täglich, die Warenpreise aber
auf der alten Höhe bestehn läßt. Sie tut in diesem Falle direkt
und offen, was sie im vorigen versteckt und auf einem Umweg ver-
sucht: sie bildet Marxschen Mehrwert im jährlichen Betrag von
120 00 Mark, indem sie ihre Mitglieder in durchaus kapitali-
tischer Weise unter dem Wert ihrer Leistung bezahlt und ihnen
obendrein die Waren, die sie nur bei ihr kaufen können, zum
vollen Wert anrechnet. Die Wirtschaftskommune kann also nur zu
einem Reservefonds kommen, indem sie sich enthüllt als das "ver-
delte" Trucksystem *) auf breitester kommunistischer Grundlage.
Also eins von zweien: Entweder tauscht die Wirtschaftskommune
"gleiche Arbeit aus gegen gleiche Arbeit", und dann kann nicht
sie, sondern nur die Privaten einen Fonds zur Erhaltung und Aus-
dehnung der Produktion akkumulieren. Oder aber, sie bildet einen
solchen Fonds, und dann tauscht sie nicht "gleiche Arbeit aus ge-
gen gleiche Arbeit".
---
*) Trucksystem nennt man in England das auch in Deutschland wohl-
bekannte System, wobei die Fabrikanten selbst Läden halten und
ihre Arbeiter nötigen, sich bei ihnen mit Waren zu versehn.
#282# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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So steht's mit dem Inhalt des Austausches in der Wirtschaftskom-
mune. Wie mit der Form? Der Austausch wird durch Metallgeld ver-
mittelt, und Herr Dühring tut sich nicht wenig zugut auf die
"menschheitsgeschichtliche Tragweite" dieser Verbesserung. Aber
im Verkehr zwischen der Kommune und ihren Mitgliedern i s t das
Geld gar kein Geld, fungiert es gar nicht als Geld. Es dient als
reines Arbeitszertifikat, es konstatiert, um mit Marx zu reden,
"nur den individuellen Anteil des Produzenten an der Gemeinarbeit
und seinen individuellen Anspruch auf den zur Konsumtion be-
stimmten Teil des Gemeinprodukts", und ist in dieser Funktion
"ebensowenig 'Geld' wie etwa eine Theatermarke" 1*). Es kann
hiermit durch jedes beliebige Zeichen ersetzt werden, wie Weit-
ling es durch ein "Kommerzbuch" ersetzt, worin auf der einen
Seite die Arbeitsstunden und auf der andern die dafür bezognen
Genüsse abgestempelt werden. [157] Kurz, es fungiert im Verkehr
der Wirtschaftskommune mit ihren Mitgliedern einfach als das
Owensche "Arbeitsstundengeld", dies "Wahngebilde", auf das Herr
Dühring so vornehm herabsieht und das er dennoch selbst in seine
Zukunftswirtschaft einführen muß. Ob die Marke, die das Maß der
erfüllten "Produktionspflicht" und des damit erworbnen "Kon-
sumtionsrechts" bezeichnet, ein Wisch Papier, ein Rechenpfennig
oder ein Goldstück ist, bleibt sich für d i e s e n Zweck
vollständig gleich. Für andre Zwecke aber durchaus nicht, wie
sich zeigen wird.
Wenn das Metallgeld also schon im Verkehr der Wirtschaftskommune
mit ihren Mitgliedern nicht als Geld fungiert, sondern als ver-
kleidete Arbeitsmarke, so kommt es noch weniger zu seiner Geld-
funktion im Austausch zwischen den verschiednen Wirtschaftskommu-
nen. Hier ist, unter den Voraussetzungen des Herrn Dühring, das
Metallgeld total überflüssig. In der Tat würde eine bloße Buch-
führung hinreichen, die den Austausch von Produkten gleicher Ar-
beit gegen Produkte gleicher Arbeit viel einfacher vollzieht,
wenn sie mit dem natürlichen Maßstab der Arbeit - der Zeit, der
Arbeitsstunde als Einheit - rechnet, als wenn sie die Arbeits-
stunden erst in Geld übersetzt. Der Austausch ist in Wirklichkeit
reiner Naturalaustausch; alle Mehrforderungen sind leicht und
einfach ausgleichbar durch Anweisungen auf andre Kommunen. Wenn
aber eine Kommune wirklich gegenüber andern Kommunen ein Defizit
haben sollte, so kann alles "im Universum vorhandne Gold", und
wenn es noch so sehr "von Natur Geld" sein sollte, dieser Kommune
das Schicksal nicht ersparen, dies Defizit durch vermehrte eigne
Arbeit zu ersetzen, falls sie nicht in Schuldabhängigkeit
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 109/110
#283# IV. Verteilung
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von andern Kommunen geraten will. Übrigens möge der Leser fort-
während im Gedächtnis halten, daß wir hier keineswegs Zukunfts-
konstruktion machen. Wir nehmen einfach die Voraussetzungen des
Herrn Dühring an und ziehen nur die unvermeidlichen Folgerungen
daraus.
Also weder im Austausch zwischen der Wirtschaftskommune und ihren
Mitgliedern noch in dem zwischen den verschiednen Kommunen kann
das Gold, das "von Natur Geld ist", dahin kommen, diese seine Na-
tur zu verwirklichen. Trotzdem schreibt ihm Herr Dühring vor,
auch in der "Sozialität" Geldfunktion zu vollziehn. Wir müssen
uns also nach einem andern Spielraum für diese Geldfunktion um-
sehn. Und dieser Spielraum existiert. Herr Dühring befähigt zwar
jeden zur "quantitativ gleichen Konsumtion", aber er kann nieman-
den dazu zwingen. Im Gegenteil, er ist stolz darauf, daß in sei-
ner Welt jeder mit seinem Gelde machen kann, was er will. Er kann
also nicht verhindern, daß die einen sich einen kleinen Geld-
schatz zurücklegen, während die andern mit dem ihnen gezahlten
Lohn nicht auskommen. Er macht dies sogar unvermeidlich, indem er
das Gemeineigentum der Familie im Erbrecht ausdrücklich aner-
kennt, woraus sich dann weiter die Verpflichtung der Eltern zur
Erhaltung der Kinder ergibt. Damit aber bekommt die quantitativ
gleiche Konsumtion einen gewaltigen Riß. Der Junggesell lebt
herrlich und in Freuden von seinen acht oder zwölf Mark täglich,
während der Witwer mit acht unmündigen Kindern damit kümmerlich
auskommt. Andrerseits aber läßt die Kommune, indem sie Geld ohne
weiteres in Zahlung nimmt, die Möglichkeit offen, daß dies Geld
anders als durch eigne Arbeit erworben sei. Non olet. 1*) Sie
weiß nicht, woher es kommt. Hiermit sind aber alle Bedingungen
gegeben, um das Metallgeld, das bisher nur die Rolle einer Ar-
beitsmarke spielte, in wirkliche Geldfunktion treten zu lassen.
Es liegen vor die Gelegenheit und das Motiv, einerseits zur
Schatzbildung, andrerseits zur Verschuldung. Der Bedürftige borgt
beim Schatzbildner. Das geborgte Geld, von der Kommune in Zahlung
genommen für Lebensmittel, wird damit wieder, was es in der heu-
tigen Gesellschaft ist, gesellschaftliche Inkarnation der men-
schlichen Arbeit, wirkliches Maß der Arbeit, allgemeines Zirkula-
tionsmittel. Alle "Gesetze und Verwaltungsnormen" der Welt sind
ebenso ohnmächtig dagegen, wie gegen das Einmaleins oder gegen
die chemische Zusammensetzung des Wassers. Und da der Schatzbild-
ner in der Lage ist, vom Bedürftigen Zinsen zu erzwingen, so ist
mit dem als Geld fungierenden Metallgeld auch der Zinswucher wie-
derhergestellt.
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1*) Geld stinkt nicht.
#284# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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Soweit haben wir nur die Wirkungen der Beibehaltung des Metall-
geldes betrachtet innerhalb des Geltungsbereichs der Dühringschen
Wirtschaftskommune. Aber jenseits dieses Bereichs geht die übrige
verworfne Welt einstweilen ihren alten Gang ruhig weiter. Gold
und Silber bleiben, auf dem Weltmarkt, W e l t g e l d, allge-
meines Kauf- und Zahlungsmittel, absolut gesellschaftliche Ver-
körperung des Reichtums. Und mit dieser Eigenschaft des edlen Me-
talls tritt vor die einzelnen Wirtschaftskommunisten ein neues
Motiv zur Schatzbildung, zur Bereicherung, zum Wucher, das Motiv,
sich gegenüber der Kommune und jenseits ihrer Grenzen frei und
unabhängig zu bewegen und den aufgehäuften Einzelreichtum auf dem
Weltmarkt zu verwerten. Die Wucherer verwandeln sich in Händler
mit dem Zirkulationsmittel, in Bankiers, in Beherrscher des Zir-
kulationsmittels und des Weltgelds, damit in Beherrscher der Pro-
duktion und damit in Beherrscher der Produktionsmittel, mögen
diese auch noch jahrelang dem Namen nach als Eigentum der Wirt-
schafts- und Handelskommune figurieren. Damit sind aber die in
Bankiers übergegangnen Schatzbildner und Wucherer auch die Herren
der "Wirtschafts- und Handelskommune selbst. Die "Sozialität" des
Herrn Dühring unterscheidet sich in der Tat sehr wesentlich von
den "Nebelhaftigkeiten" der übrigen Sozialisten. Sie hat weiter
keinen Zweck als die Wiedererzeugung der hohen Finanz, unter de-
ren Kontrolle und für deren Säckel sie sich tapfer abarbeiten
wird - wenn sie überhaupt zusammenkommt und zusammenhält. Die
einzige Rettung für sie läge darin, daß die Schatzbildner vorzö-
gen, vermittelst ihres Weltgeldes eiligst aus der Kommune - da-
vonzulaufen.
Bei der in Deutschland herrschenden ausgedehnten Unbekanntschaft
mit dem älteren Sozialismus könnte nun ein unschuldiger Jüngling
die Frage aufwerfen, ob nicht auch z.B. die Owenschen Arbeitsmar-
ken zu einem ähnlichen Mißbrauch Anlaß geben könnten. Obwohl wir
hier nicht die Bedeutung dieser Arbeitsmarken zu entwickeln ha-
ben, so mag doch zur Vergleichung des Dühringschen "umfassenden
Schematismus" mit den "rohen, matten und dürftigen Ideen" Owens
folgendes Platz finden : Erstens wäre zu einem solchen Mißbrauch
der Owenschen Arbeitsmarken ihre Verwandlung in wirkliches Geld
nötig, während Herr Dühring wirkliches Geld voraussetzt, ihm aber
verbieten will, anders als bloße Arbeitsmarke zu fungieren. Wäh-
rend dort wirklicher Mißbrauch stattfände, setzt sich hier die
immanente, vom menschlichen Willen unabhängige Natur des Geldes
durch, setzt das Geld seinen ihm eigentümlichen, richtigen Ge-
brauch durch gegenüber dem Mißbrauch, den Herr Dühring ihm auf-
zwingen will kraft seiner eignen Unwissenheit über die Natur des
Geldes. Zweitens sind bei Owen
#285# IV. Verteilung
-----
die Arbeitsmarken nur eine Übergangsform zur vollständigen
Gemeinschaft und freien Benutzung der gesellschaftlichen Ressour-
cen, nebenbei höchstens noch ein Mittel, dem britischen Publikum
den Kommunismus plausibel zu machen. Wenn also etwelcher Miß-
brauch die Owensche Gesellschaft zur Abschaffung der Arbeitsmar-
ken zwingen sollte, so tut diese Gesellschaft einen Schritt wei-
ter voran zu ihrem Ziel und tritt in eine vollkommnere Entwick-
lungsstufe ein. Schafft dagegen die Dühringsche Wirtschafts-
kommune das Geld ab, so vernichtet sie mit einem Schlage ihre
"menschheitsgeschichtliche Tragweite", so beseitigt sie ihre
eigentümlichste Schönheit, hört auf, Dühringsche Wirtschaftskom-
mune zu sein und sinkt herab zu den Nebelhaftigkeiten, aus denen
sie herauszuheben Herr Dühring soviel saure Arbeit der rationel-
len Phantasie aufgewandt hat. *)
Woraus entstehn nun alle die sonderbaren Irrungen und Wirrungen,
in denen die Dühringsche Wirtschaftskommune herumfährt? Einfach
aus der Nebelhaftigkeit, die im Kopf des Herrn Dühring die Be-
griffe von Wert und Geld umhüllt, und die ihn schließlich dahin
treibt, den Wert der Arbeit entdecken zu wollen. Da aber Herr
Dühring keineswegs das Monopol solcher Nebelhaftigkeit für
Deutschland besitzt, im Gegenteil zahlreiche Konkurrenz findet,
so wollen wir "uns einen Augenblick überwinden, das Knäuel aufzu-
lösen", das er hier angerichtet hat.
Der einzige Wert, den die Ökonomie kennt, ist der Wert von Waren.
Was sind Waren? Produkte, erzeugt in einer Gesellschaft mehr oder
weniger vereinzelter Privatproduzenten, also zunächst Privatpro-
dukte. Aber diese Privatprodukte werden erst Waren, sobald sie
nicht für den Selbstverbrauch, sondern für den Verbrauch durch
andre, also für den gesellschaftlichen Verbrauch produziert wer-
den; sie treten ein in den gesellschaftlichen Verbrauch durch den
Austausch. Die Privatproduzenten stehn also in einem gesell-
schaftlichen Zusammenhang, bilden eine Gesellschaft. Ihre
Produkte, obwohl Privatprodukte jedes einzelnen, sind daher
gleichzeitig, aber unabsichtlich und gleichsam widerwillig, auch
gesellschaftliche Produkte. Worin besteht nun der gesellschaftli-
che Charakter dieser Privatprodukte? Offenbar in zwei Eigenschaf-
ten: erstens darin, daß sie alle irgendein menschliches Bedürfnis
befriedigen, einen Gebrauchswert haben nicht nur für den
---
*) Beiläufig ist die Rolle, die die Arbeitsmarken in der Owen-
schen kommunistischen Gesellschaft spielen, dem Herrn Dühring
gänzlich unbekannt. Er kennt diese Marken - aus Sargant [146] -
nur, soweit sie in den, natürlich fehlgeschlagnen, Labour
Exchange Bazaars [144] figurieren, Versuchen, vermittelst direk-
ten Arbeitsaustausches aus der bestehenden in die kommunistische
Gesellschaft überzuführen.
#286# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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Produzenten, sondern auch für andre; und zweitens darin, daß sie,
obwohl Produkte der verschiedensten Privatarbeiten, gleichzeitig
Produkte menschlicher Arbeit schlechthin, allgemein menschlicher
Arbeit sind. Insofern sie auch für andre einen Gebrauchswert ha-
ben, können sie überhaupt in den Austausch treten; insofern in
ihnen allen allgemein menschliche Arbeit, einfache Aufwendung
menschlicher Arbeitskraft steckt, können sie nach der in einer
jeden steckenden Menge dieser Arbeit miteinander im Austausch
verglichen, gleich oder ungleich gesetzt werden. In zwei gleichen
Privatprodukten kann, unter gleichbleibenden gesellschaftlichen
Verhältnissen, ungleich viel Privatarbeit stecken, aber immer nur
gleich viel allgemein menschliche Arbeit. Ein ungeschickter
Schmied kann in derselben Zeit fünf Hufeisen machen, in der ein
geschickter zehn macht. Aber die Gesellschaft verwertet nicht das
zufällige Ungeschick des einen, sie erkennt als allgemein men-
schliche Arbeit nur Arbeit von jedesmal normalem Durchschnittsge-
schick an. Eins der fünf Hufeisen des ersten hat im Austausch
also nicht mehr Wert als eins der in gleicher Arbeitszeit ge-
schmiedeten zehn des andern. Nur insofern sie gesellschaftlich
notwendig, enthält die Privatarbeit allgemein menschliche Arbeit.
Indem ich also sage, eine Ware hat diesen bestimmten Wert, sage
ich 1. daß sie ein gesellschaftlich nützliches Produkt ist; 2.
daß sie von einer Privatperson für Privatrechnung produziert ist;
3. daß sie, obwohl Produkt von Privatarbeit, dennoch gleichzeitig
und gleichsam ohne es zu wissen oder zu wollen, auch Produkt von
gesellschaftlicher Arbeit ist, und zwar von einer bestimmten, auf
einem gesellschaftlichen Wege, durch den Austausch festgestellten
Menge derselben; 4. drücke ich diese Menge nicht aus in Arbeit
selbst, in soundso viel Arbeitsstunden, sondern i n e i n e r
a n d e r n W a r e. Wenn ich also sage, diese Uhr ist soviel
wert wie dies Stück Tuch und jedes von beiden ist fünfzig Mark
wert, so sage ich: in der Uhr, dem Tuch und dem Geld steckt
gleich viel gesellschaftliche Arbeit. Ich konstatiere also, daß
die in ihnen repräsentierte gesellschaftliche Arbeitszeit gesell-
schaftlich gemessen und gleichgefunden worden ist. Aber nicht di-
rekt, absolut, wie man sonst Arbeitszeit mißt, in Arbeitsstunden
oder Tagen usw., sondern auf einem Umweg, vermittelst des Austau-
sches, relativ. Ich kann daher auch dieses festgestellte Quantum
Arbeitszeit nicht in Arbeitsstunden ausdrücken, deren Zahl mir
unbekannt bleibt, sondern ebenfalls nur auf einem Umweg, relativ,
in einer andern Ware, die das gleiche Quantum gesellschaftlicher
Arbeitszeit vorstellt. Die Uhr ist soviel wert wie das Stück
Tuch.
Indem aber Warenproduktion und Warenaustausch die auf ihnen be-
ruhende Gesellschaft zu diesem Umweg zwingen, zwingen sie ebenso
zu
#287# IV. Verteilung
-----
seiner möglichsten Verkürzung. Sie sondern aus dem gemeinen
Warenpöbel eine fürstliche Ware aus, in der der Wert aller andern
Waren ein für allemal ausdrückbar ist, eine Ware, die als unmit-
telbare Inkarnation der gesellschaftlichen Arbeit gilt und daher
gegen alle Waren unmittelbar und unbedingt austauschbar wird -
das Geld. Das Geld ist im Wertbegriff bereits im Keim enthalten,
es ist nur der entwickelte Wert. Aber indem der Warenwert sich,
gegenüber den Waren selbst, verselbständigt im Geld, tritt ein
neuer Faktor ein in die Waren produzierende und austauschende
Gesellschaft, ein Faktor mit neuen gesellschaftlichen Funktionen
und Wirkungen. Wir haben dies vorderhand nur festzustellen, ohne
näher darauf einzugehn.
Die Ökonomie der Warenproduktion ist keineswegs die einzige
Wissenschaft, die nur mit relativ bekannten Faktoren zu rechnen
hat. Auch in der Physik wissen wir nicht, wieviel einzelne Gasmo-
leküle in einem gegebnen Gasvolumen, Druck und Temperatur eben-
falls gegeben, vorhanden sind. Aber wir wissen, daß, soweit das
Boylesche Gesetz richtig, ein solches gegebnes Volumen irgendwel-
ches Gases ebensoviel Moleküle enthält, wie ein gleiches Volumen
eines beliebigen andern Gases bei gleichem Druck und gleicher
Temperatur. Wir können daher die verschiedensten Volumen der ver-
schiedensten Gase, unter den verschiedensten Druck- und
Temperaturbedingungen, auf ihren Molekulargehalt vergleichen; und
wenn wir 1 Liter Gas bei 0° C und 760 mm Druck als Einheit anneh-
men, an dieser Einheit jenen Molekulargehalt messen. - In der
Chemie sind uns die absoluten Atomgewichte der einzelnen Elemente
ebenfalls unbekannt. Aber wir kennen sie relativ, indem wir ihre
gegenseitigen Verhältnisse kennen. Wie also die Warenproduktion
und ihre Ökonomie für die in den einzelnen Waren steckenden, ihr
unbekannten Arbeitsquanta einen relativen Ausdruck erhält, indem
sie diese Waren auf ihren relativen Arbeitsgehalt vergleicht, so
verschafft sich die Chemie einen relativen Ausdruck für die Größe
der ihr unbekannten Atomgewichte, indem sie die einzelnen Ele-
mente auf ihr Atomgewicht vergleicht, das Atomgewicht des einen
in Vielfachen oder Bruchteilen des andern (Schwefel, Sauerstoff,
Wasserstoff) ausdrückt. Und wie die Warenproduktion das Gold zur
absoluten Ware, zum allgemeinen Äquivalent der übrigen Waren, zum
Maß aller Werte erhebt, so erhebt die Chemie den Wasserstoff zur
chemischen Geldware, indem sie sein Atomgewicht = 1 setzt und die
Atomgewichte aller übrigen Elemente auf Wasserstoff reduziert, in
Vielfachen seines Atomgewichts ausdrückt.
Die Warenproduktion ist indes keineswegs die ausschließliche Form
der gesellschaftlichen Produktion. In dem altindischen Gemeinwe-
sen, in der südslawischen Familiengemeinde verwandeln sich die
Produkte nicht in
#288# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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Waren. Die Mitglieder der Gemeinde sind unmittelbar zur Produk-
tion vergesellschaftet, die Arbeit wird nach Herkommen und Be-
dürfnis verteilt, die Produkte, soweit sie zur Konsumtion kommen,
ebenfalls. Die unmittelbar gesellschaftliche Produktion wie die
direkte Verteilung schließen allen Warenaustausch aus, also auch
die Verwandlung der Produkte in Waren (wenigstens innerhalb der
Gemeinde), und damit auch ihre Verwandlung in W e r t e.
Sobald die Gesellschaft sich in den Besitz der Produktionsmittel
setzt und sie in unmittelbarer Vergesellschaftung zur Produktion
verwendet, wird die Arbeit eines jeden, wie verschieden auch ihr
spezifisch nützlicher Charakter sei, von vornherein und direkt
gesellschaftliche Arbeit. Die in einem Produkt steckende Menge
gesellschaftlicher Arbeit braucht dann nicht erst auf einem Umweg
festgestellt zu werden; die tägliche Erfahrung zeigt direkt an,
wieviel davon im Durchschnitt nötig ist. Die Gesellschaft kann
einfach berechnen, wieviel Arbeitsstunden in einer Dampfmaschine,
einem Hektoliter Weizen der letzten Ernte, in hundert Quadratme-
ter Tuch von bestimmter Qualität stecken. Es kann ihr also nicht
einfallen, die in den Produkten niedergelegten Arbeitsquanta, die
sie alsdann direkt und absolut kennt noch fernerhin in einem nur
relativen, schwankenden, unzulänglichen, früher als Notbehelf un-
vermeidlichen Maß, in einem dritten Produkt auszudrücken und
nicht in ihrem natürlichen, adäquaten, absoluten Maß, der
Z e i t. Ebensowenig wie es der Chemie einfallen würde, die
Atomgewichte auch dann auf dem Umwege des Wasserstoffatoms rela-
tiv auszudrücken, sobald sie imstande wäre, sie absolut, in ihrem
adäquaten Maß auszudrücken, nämlich in wirklichem Gewicht, in
Billiontel oder Quadrilliontel Gramm. Die Gesellschaft schreibt
also unter obigen Voraussetzungen den Produkten auch keine Werte
zu. Sie wird die einfache Tatsache, daß die hundert Quadratmeter
Tuch meinetwegen tausend Arbeitsstunden zu ihrer Produktion er-
fordert haben, nicht in der schielenden und sinnlosen Weise aus-
drücken, sie seien tausend Arbeitsstunden w e r t. Allerdings
wird auch dann die Gesellschaft wissen müssen, wieviel Arbeit je-
der Gebrauchsgegenstand zu seiner Herstellung bedarf. Sie wird
den Produktionsplan einzurichten haben nach den Produktionsmit-
teln, wozu besonders auch die Arbeitskräfte gehören. Die Nutzef-
fekte der verschiednen Gebrauchsgegenstände, abgewogen unterein-
ander und gegenüber den zu ihrer Herstellung nötigen Arbeitsmen-
gen, werden den Plan schließlich bestimmen. Die Leute machen al-
les sehr einfach ab ohne Dazwischenkunft des vielberühmten
"Werts". *)
---
*) Daß obige Abwägung von Nutzeffekt und Arbeitsaufwand bei der
Entscheidung über die Produktion alles ist, was in einer kommuni-
stischen Gesellschaft vom Wertbegriff
#289# IV. Verteilung
-----
Der Wertbegriff ist der allgemeinste und daher umfassendste Aus-
druck der ökonomischen Bedingungen der Warenproduktion. Im Wert-
begriff ist daher der Keim enthalten, nicht nur des Geldes, son-
dern auch aller weiter entwickelten Formen der Warenproduktion
und des Warenaustausches. Darin, daß der Wert der Ausdruck der in
den Privatprodukten enthaltnen gesellschaftlichen Arbeit ist,
liegt schon die Möglichkeit der Differenz zwischen dieser und der
im selben Produkt enthaltnen Privatarbeit. Produziert also ein
Privatproduzent nach alter Weise weiter, während die gesell-
schaftliche Produktionsweise fortschreitet, so wird ihm diese
Differenz empfindlich fühlbar. Dasselbe geschieht, sobald die Ge-
samtheit der Privatanfertiger einer bestimmten Warengattung ein
den gesellschaftlichen Bedarf überschießendes Quantum davon pro-
duziert. Darin, daß der Wert einer Ware nur in einer andern Ware
ausgedrückt und nur im Austausch gegen sie realisiert werden
kann, liegt die Möglichkeit, daß der Austausch überhaupt nicht
zustande kommt oder doch nicht den richtigen Wert realisiert.
Endlich, tritt die spezifische Ware Arbeitskraft auf den Markt,
so bestimmt sich ihr Wert, wie der jeder andern Ware, nach der zu
ihrer Produktion gesellschaftlich nötigen Arbeitszeit. In der
Wertform der Produkte steckt daher bereits im Keim die ganze ka-
pitalistische Produktionsform, der Gegensatz von Kapitalisten und
Lohnarbeitern, die industrielle Reservearmee, die Krisen. Die ka-
pitalistische Produktionsform abschaffen wollen durch Herstellung
des "wahren Werts", heißt daher den Katholizismus abschaffen wol-
len durch die Herstellung des "wahren" Papstes oder eine Gesell-
schaft, in der die Produzenten endlich einmal ihr Produkt beherr-
schen, herstellen durch konsequente Durchführung einer ökonomi-
schen Kategorie, die der umfassendste Ausdruck der Knechtung der
Produzenten durch ihr eignes Produkt ist.
Hat die Waren produzierende Gesellschaft die den Waren, als sol-
chen, inhärente Wertform weiterentwickelt zur Geldform, so bre-
chen bereits verschiedne der im Wert noch verborgnen Keime an den
Tag. Die nächste und wesentlichste Wirkung ist die Verallgemeine-
rung der Warenform. Auch den bisher für direkten Selbstverbrauch
produzierten Gegenständen zwingt das Geld Warenform auf, reißt
sie in den Austausch. Damit dringt die Warenform und das Geld ein
in den innern Haushalt der zur Produktion unmittelbar vergesell-
schafteten Gemeinwesen, bricht ein Band der
---
der politischen Ökonomie übrigbleibt, habe ich schon 1844 ausge-
sprochen. ("Deutsch-Französische Jahrbücher", Seite 95.) [158]
Die wissenschaftliche Begründung dieses Satzes ist aber, wie man
sieht, erst durch Marx' "Kapital" möglich geworden.
#290# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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Gemeinschaft nach dem andern und löst das Gemeinwesen auf in
einen Haufen von Privatproduzenten. Das Geld setzt zuerst, wie in
Indien zu sehn, an die Stelle der gemeinsamen Bodenbebauung die
Einzelkultur; später löst es das noch in zeitweilig wiederholter
Umteilung zutage tretende gemeinsame Eigentum am Ackerland auf
durch endgültige Aufteilung (z.B. in den Gehöferschaften an der
Mosel [78], beginnend auch in der russischen Gemeinde); endlich
drängt es zur Verteilung des noch übrigen gemeinsamen Wald- und
Weidebesitzes. Welche andern, in der Entwicklung der Produktion
begründeten Ursachen auch hier mitarbeiten, das Geld bleibt immer
das mächtigste Mittel ihrer Einwirkung auf die Gemeinwesen. Und
mit derselben Naturnotwendigkeit müßte das Geld, allen "Gesetzen
und Verwaltungsnormen" zum Trotz, die Dühringsche Wirtschaftskom-
mune auflösen, käme sie je zustande.
Wir haben bereits oben (Ökonomie, VI) gesehn, daß es ein Wider-
spruch in sich selbst ist, von einem Wert der Arbeit zu sprechen.
Da Arbeit unter gewissen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht
nur Produkte erzeugt, sondern auch Wert, und dieser Wert durch
die Arbeit gemessen wird, so kann sie ebensowenig einen besondern
Wert haben wie die Schwere als solche ein besondres Gewicht oder
die Wärme eine besondre Temperatur. Es ist aber die charakteri-
stische Eigenschaft aller über den "wahren Wert" grübelnden Sozi-
alkonfusion, sich einzubilden, der Arbeiter erhalte in der heu-
tigen Gesellschaft nicht den vollen "Wert" seiner Arbeit und der
Sozialismus sei berufen, dem abzuhelfen. Dazu gehört dann
zunächst, auszufinden, was der Wert der Arbeit ist; und diesen
findet man, indem man versucht, die Arbeit nicht an ihrem adäqua-
ten Maß, der Zeit, zu messen, sondern an ihrem Produkt. Der Ar-
beiter soll den "vollen Arbeitsertrag" [92] erhalten. Nicht nur
Arbeitsprodukt, sondern Arbeit selbst soll unmittelbar aus-
tauschbar sein gegen Produkt, eine Arbeitsstunde gegen das Pro-
dukt einer andren Arbeitsstunde. Dies hat aber sofort einen sehr
"bedenklichen" Haken. Das g a n z e P r o d u k t wird ver-
teilt. Die wichtigste progressive Funktion der Gesellschaft, die
Akkumulation, wird der Gesellschaft entzogen und in die Hände und
die Willkür der einzelnen gelegt. Die einzelnen mögen mit ihren
"Erträgen" machen, was sie wollen, die Gesellschaft bleibt im be-
sten Fall so reich oder so arm, wie sie war. Man hat also die in
der Vergangenheit akkumulierten Produktionsmittel nur deshalb in
den Händen der Gesellschaft zentralisiert, damit alle in Zukunft
akkumulierten Produktionsmittel wieder in den Händen der einzel-
nen zersplittert werden. Man schlägt seinen eignen Voraussetzun-
gen ins Gesicht, man ist angekommen bei einer puren Absurdität.
#291# IV. Verteilung
-----
Flüssige Arbeit, tätige Arbeitskraft soll ausgetauscht werden ge-
gen Arbeitsprodukt. Dann ist sie Ware, ebenso wie das Produkt,
wogegen sie ausgetauscht werden soll. Dann wird der Wert dieser
Arbeitskraft bestimmt keineswegs nach ihrem Produkt, sondern nach
der in ihr verkörperten gesellschaftlichen Arbeit, also nach dem
heutigen Gesetz des Arbeitslohns.
Aber das soll ja grade nicht sein. Die flüssige Arbeit, die Ar-
beitskraft soll austauschbar sein gegen ihr volles Produkt. Das
heißt, sie soll austauschbar sein nicht gegen ihren W e r t,
sondern gegen ihren G e b r a u c h s w e r t; das Wertgesetz
soll für alle andern Waren gelten, aber es soll aufgehoben sein
für die Arbeitskraft. Und diese sich selbst aufhebende Konfusion
ist es, die sich hinter dem "Wert der Arbeit" verbirgt.
Der "Austausch von Arbeit gegen Arbeit nach dem Grundsatz der
gleichen Schätzung", soweit er einen Sinn hat, also die Aus-
tauschbarkeit von Produkten gleicher gesellschaftlichen Arbeit
gegeneinander, also das Wertgesetz, ist das Grundgesetz grade der
Warenproduktion, also auch der höchsten Form derselben, der kapi-
talistischen Produktion. Es setzt sich in der heutigen Gesell-
schaft durch in derselben Weise, in der allein ökonomische Ge-
setze in einer Gesellschaft von Privatproduzenten sich durch-
setzen können: als in den Dingen und Verhältnissen liegendes, vom
Wollen oder Laufen der Produzenten unabhängiges, blind wirkendes
Naturgesetz. Indem Herr Dühring dies Gesetz zum Grundgesetz sei-
ner Wirtschaftskommune erhebt und verlangt, daß diese es mit
vollem Bewußtsein durchführen soll, macht er das Grundgesetz der
bestehenden Gesellschaft zum Grundgesetz seiner Phantasiegesell-
schaft. Er will die bestehende Gesellschaft, aber ohne ihre Miß-
stände. Er bewegt sich dabei ganz auf demselben Boden wie Proud-
hon. Wie dieser will er die Mißstände, die aus der Entwicklung
der Warenproduktion zur kapitalistischen Produktion entstanden
sind, beseitigen, indem er ihnen gegenüber das Grundgesetz der
Warenproduktion geltend macht, dessen Betätigung grade diese Miß-
stände erzeugt hat. Wie Proudhon will er die wirklichen Konse-
quenzen des Wertgesetzes aufheben durch phantastische.
Wie stolz er aber auch hinausreite, unser moderner Don Quijote,
auf seiner edlen Rosinante, dem "universellen Prinzip der Gerech-
tigkeit", und gefolgt von seinem wackern Sancho Pansa Abraham
Enß, auf der irrenden Ritterfahrt zur Eroberung des Helms des
Mambrin, des "Werts der Arbeit" - wir fürchten, wir fürchten, er
bringt nichts heim, als das alte bekannte Barbierbecken.
#292# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
-----
V. Staat, Familie, Erziehung
Mit den beiden vorigen Abschnitten hätten wir nun den ökonomi-
schen Inhalt der "neuen sozialitären Gebilde" des Herrn Dühring
so ziemlich erschöpft. Höchstens wäre noch zu bemerken, daß "die
universelle Weite des geschichtlichen Umblicks" ihn keineswegs
verhindert, seine Spezialinteressen wahrzunehmen, auch abgesehn
von der bekannten mäßigen Mehrkonsumtion. Da die alte Teilung der
Arbeit in der Sozialität fortbesteht, wird die Wirtschaftskommune
außer mit Architekten und Karrenschiebern auch mit Literaten von
Profession zu rechnen haben, wobei dann die Frage entsteht, wie
es alsdann mit dem Autorrecht gehalten werden soll. Diese Frage
beschäftigt Herrn Dühring mehr als jede andre. Überall, z.B. bei
Gelegenheit von Louis Blanc und Proudhon, gerät das Autorrecht
dem Leser zwischen die Beine, um endlich auf neun Seiten des
"Cursus" des breitern breitgetreten und in der Form einer
mysteriösen "Arbeitsbelohnung" - ob mit oder ohne mäßige
Mehrkonsumtion wird nicht gesagt - glücklich in den Hafen der
Sozialität hinübergerettet zu werden. Ein Kapitel über die Stel-
lung der Flöhe im natürlichen System der Gesellschaft wäre ebenso
angebracht gewesen und jedenfalls weniger langweilig.
Über die Staatsordnung der Zukunft gibt die "Philosophie"
ausführliche Vorschriften. Hier hat Rousseau, obwohl "der einzige
bedeutende Vorgänger" des Herrn Dühring, dennoch den Grund nicht
tief genug gelegt; sein tieferer Nachfolger hilft dem gründlich
ab, indem er den Rousseau aufs alleräußerste verwässert und mit
ebenfalls zu breiter Bettelsuppe verkochten Abfällen der Hegel-
schen Rechtsphilosophie versetzt. "Die Souveränetät des Individu-
ums" bildet die Grundlage des Dühringschen Zukunftsstaats; sie
soll in der Herrschaft der Majorität nicht unterdrückt werden,
sondern erst recht kulminieren. Wie geht das zu? Sehr einfach.
"Wenn man in allen Richtungen Übereinkünfte eines jeden mit jedem
andern voraussetzt, und wenn diese Verträge die gegenseitige Hül-
feleistung gegen ungerechte Verletzungen zum Gegenstand haben -
alsdann wird nur die Macht zur Aufrechterhaltung des Rechts ver-
stärkt und aus keiner bloßen Übergewalt der Menge über den ein-
zelnen oder der Mehrheit über die Minderheit ein Recht abgelei-
tet."
Mit solcher Leichtigkeit setzt die lebendige Kraft des
wirklichkeitsphilosophischen Hokuspokus über die unpassierbarsten
Hindernisse hinweg, und wenn der Leser meint, er sei hiernach
nicht klüger als zuvor, so antwortet ihm Herr Dühring, er möge
die Sache nur ja nicht so leicht nehmen, denn
#293# V. Staat, Familie, Erziehung
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"der g e r i n g s t e F e h l g r i f f in der Auffassung der
Rolle des Gesamtwillens würde die Souveränetät des Individuums
v e r n i c h t e n, und diese Souveränetät ist es allein, was
(!) zur Ableitung wirklicher Rechte führt".
Herr Dühring behandelt sein Publikum ganz wie es verdient, wenn
er es zum besten hält. Er konnte sogar noch bedeutend dicker auf-
tragen; die Studiosen der Wirklichkeitsphilosophie hätten es doch
nicht gemerkt.
Die Souveränität des Individuums besteht nun wesentlich darin,
daß
"der einzelne dem Staat gegenüber in a b s o l u t e r W e i-
s e g e z w u n g e n wird", dieser Zwang aber sich nur
insoweit rechtfertigen kann, als er "wirklich der natürlichen
Gerechtigkeit dient". Zu diesem Zweck wird es "Gesetzgebung und
Richtertum" geben, aber sie "müssen bei der Gesamtheit bleiben";
ferner einen Wehrbund, der sich im "Zusammenstehn im Heere oder
in einer zum innern Sicherheitsdienste gehörigen Exeku-
tivabteilung" äußert,
also auch Armee, Polizei, Gensdarmen. Herr Dühring hat sich zwar
schon so oft als braver Preuße bewährt; hier beweist er seine
Ebenbürtigkeit mit jenem Musterpreußen, der nach dem weiland Mi-
nister von Rochow "seinen Gensdarmen in der Brust trägt". Diese
Zukunftsgensdarmerie wird aber nicht so gefährlich sein, wie die
heutigen "Zarucker" [159]. Was sie auch an dem souveränen Indivi-
duum verüben möge, dieses hat immer e i n e n T r o s t:
"das Recht oder Unrecht, welches ihm alsdann, je nach den Umstän-
den, von Seiten der freien Gesellschaft widerfährt, kann nie
e t w a s S c h l i m m e r e s sein, als was auch der N a-
t u r z u s t a n d mit sich bringen würde"!
Und dann, nachdem Herr Dühring uns noch einmal über sein unver-
meidliches Autorrecht hat stolpern lassen, versichert er uns, es
werde in seiner Zukunftswelt eine
"selbstverständlich völlig freie und allgemeine Advokatur"
geben. "Die heute erdachte freie Gesellschaft" wird immer ge-
mischter. Architekten, Karrenschieber, Literaten, Gensdarmen, und
nun auch noch Advokaten! Dies "solide und kritische Gedanken-
reich" gleicht aufs Haar den verschiednen Himmelreichen der ver-
schiednen Religionen, in denen der Gläubige immer das verklärt
wiederfindet, was ihm sein irdisches Leben versüßt hat. Und Herr
Dühring gehört ja dem Staate an, wo "jeder nach seiner Fasson se-
lig werden kann" [160]. Was wollen wir mehr?
Was wir wollen mögen, ist indes hier gleichgültig. Es kommt dar-
auf an, was Herr Dühring will. Und dieser unterscheidet sich von
Friedrich II. dadurch, daß im Dühringschen Zukunftsstaat keines-
wegs jeder nach seiner Fasson selig werden kann. In der Verfas-
sung dieses Zukunftsstaats heißt es:
#294# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
-----
"In der freien Gesellschaft kann es keinen Kultus geben; d e n n
von jedem ihrer Glieder ist die kindische Ureinbildung überwun-
den, daß es hinter oder über der Natur Wesen gebe, auf die sich
durch Opfer oder Gebete wirken lasse." Ein "richtig verstandnes
Sozialitätssystem h a t daher ... alle Zurüstungen zur geistli-
chen Zauberei und mithin alle wesentlichen Bestandteile der Kulte
a b z u t u n".
Die Religion wird verboten.
Nun ist alle Religion nichts andres als die phantastische
Widerspiegelungen den Köpfen der Menschen, derjenigen äußern
Mächte, die ihr alltägliches Dasein beherrschen, eine Widerspie-
gelung, in der die irdischen Mächte die Form von überirdischen
annehmen. In den Anfängen der Geschichte sind es zuerst die
Mächte der Natur, die diese Rückspiegelung erfahren und in der
weitern Entwicklung bei den verschiednen Völkern die mannigfach-
sten und buntesten Personifikationen durchmachen. Dieser erste
Prozeß ist wenigstens für die indoeuropäischen Völker durch die
vergleichende Mythologie bis auf seinen Ursprung in den indischen
Vedas zurückverfolgt und in seinem Fortgang bei Indern, Persern,
Griechen, Römern, Germanen und, soweit das Material reicht, auch
bei Kelten, Litauern und Slawen im einzelnen nachgewiesen worden.
Aber bald treten neben den Naturmächten auch gesellschaftliche
Mächte in Wirksamkeit, Mächte, die den Menschen ebenso fremd und
im Anfang ebenso unerklärlich gegenüberstehn, sie mit derselben
scheinbaren Naturnotwendigkeit beherrschen wie die Naturmächte
selbst. Die Phantasiegestalten, in denen sich anfangs nur die ge-
heimnisvollen Kräfte der Natur widerspiegelten, erhalten damit
gesellschaftliche Attribute, werden Repräsentanten geschichtli-
cher Mächte. *) Auf einer noch weitern Entwicklungsstufe werden
sämtliche natürlichen und gesellschaftlichen Attribute der vielen
Götter auf Einen allmächtigen Gott übertragen, der selbst wieder
nur der Reflex des abstrakten Menschen ist. So entstand der
Monotheismus, der geschichtlich das letzte Produkt der spätem
griechischen Vulgärphilosophie war und im jüdischen ausschließ-
lichen Nationalgott Jahve seine Verkörperung vorfand. In dieser
bequemen, handlichen und allem anpaßbaren Gestalt kann die Reli-
gion fortbestehn als unmittelbare, das heißt gefühlsmäßige Form
des Verhaltens der Menschen
---
*) Dieser spätere Doppelcharakter der Göttergestalten ist ein von
der vergleichenden Mythologie, die sich einseitig an deren Cha-
rakter als Reflexe von Naturmächten hält, übersehener Grund der
später einreißenden Verwirrung der Mythologien. So heißt bei ei-
nigen germanischen Stämmen der Kriegsgott altnordisch Tyr,
althochdeutsch Zio, entspricht also dem griechischen Zeus, latei-
nisch Jupiter für Diespiter; bei andern Er, Eor, entspricht also
dem griechischen Ares, lateinisch Mars.
#295# V. Staat, Familie, Erziehung
-----
zu den sie beherrschenden fremden, natürlichen und gesellschaft-
lichen Mächten, solange die Menschen unter der Herrschaft solcher
Mächte stehn Wir haben aber mehrfach gesehn, daß in der heutigen
bürgerlichen Gesellschaft die Menschen von den von ihnen selbst
geschaffnen ökonomischen Verhältnissen, von den von ihnen selbst
produzierten Produktionsmitteln wie von einer fremden Macht be-
herrscht werden. Die tatsächliche Grundlage der religiösen Re-
flexaktion dauert also fort und mit ihr der religiöse Reflex
selbst. Und wenn auch die bürgerliche Ökonomie eine gewisse
Einsicht in den ursächlichen Zusammenhang dieser Fremdherrschaft
eröffnet, so ändert dies der Sache nach nichts. Die bürgerliche
Ökonomie kann weder die Krisen im ganzen verhindern noch den
einzelnen Kapitalisten vor Verlusten, schlechten Schulden und
Bankrott oder den einzelnen Arbeiter vor Arbeitslosigkeit und
Elend schützen. Es heißt noch immer: der Mensch denkt und Gott
(das heißt die Fremdherrschaft der kapitalistischen Produktions-
weise) lenkt. Die bloße Erkenntnis, und ginge sie weiter und
tiefer als die der bürgerlichen Ökonomie, genügt nicht, um
gesellschaftliche Mächte der Herrschaft der Gesellschaft zu
unterwerfen. Dazu gehört vor allem eine gesellschaftliche T a t.
Und wenn diese Tat vollzogen, wenn die Gesellschaft durch Besitz-
ergreifung und planvolle Handhabung der gesamten Produktions-
mittel sich selbst und alle ihre Mitglieder aus der Knechtung
befreit hat, in der sie gegenwärtig gehalten werden durch diese
von ihnen selbst produzierten, aber ihnen als übergewaltige
fremde Macht gegenüberstehenden Produktionsmittel, wenn der
Mensch also nicht mehr bloß denkt, sondern auch lenkt, dann erst
verschwindet die letzte fremde Macht, die sich jetzt noch in der
Religion widerspiegelt, und damit verschwindet auch die religiöse
Widerspiegelung selbst, aus dem einfachen Grunde, weil es dann
nichts mehr widerzuspiegeln gibt.
Herr Dühring dagegen kann es nicht abwarten, bis die Religion
dieses ihres natürlichen Todes verstirbt. Er verfährt wurzelhaf-
ter. Er überbismarckt den Bismarck; er dekretiert verschärfte
Maigesetze [161], nicht bloß gegen den Katholizismus, sondern ge-
gen alle Religion überhaupt; er hetzt seine Zukunftsgensdarmen
auf die Religion und verhilft ihr damit zum Märtyrertum und zu
einer verlängerten Lebensfrist. Wohin wir blicken, spezifisch
preußischer Sozialismus.
Nachdem Herr Dühring so die Religion glücklich vernichtet,
"kann nun der allein auf sich und die Natur gestellte und zur Er-
kenntnis seiner Kollektivkräfte gereifte Mensch kühn alle Wege
einschlagen, die ihm der Lauf der Dinge und sein eignes Wesen er-
öffnen".
#296# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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Betrachten wir nun zur Abwechslung, welchen "Lauf der Dinge" der
auf sich selbst gestellte Mensch an der Hand des Herrn Dühring
kühn einschlagen kann.
Der erste Lauf der Dinge, wodurch der Mensch auf sich selbst ge-
stellt wird, ist der, geboren zu werden. Dann bleibt er
für die Zeit der natürlichen Unmündigkeit der "natürlichen Erzie-
herin der Kinder", der Mutter anvertraut. "Diese Periode mag, wie
im alten römischen Recht, bis zur Pubertät, also etwa bis zum
vierzehnten Jahr reichen." Nur wo ungezogene ältere Knaben das
Ansehn der Mutter nicht gehörig respektieren, wird der väterliche
Beistand, namentlich aber die öffentlichen Erziehungsvorkehrungen
diesen Mangel unschädlich machen. Mit der Pubertät tritt das Kind
unter "die natürliche Vormundschaft des Vaters", wenn nämlich ein
solcher mit "unbestrittner wirklicher Vaterschaft" vorhanden ist;
andernfalls stellt die Gemeinde einen Vormund.
Wie Herr Dühring sich früher vorstellte, man könne die kapitali-
stische Produktionsweise durch die gesellschaftliche ersetzen,
ohne die Produktion selbst umzugestalten, so bildet er sich hier
ein, man könne die modernbürgerliche Familie von ihrer ganzen
ökonomischen Grundlage losreißen, ohne dadurch ihre ganze Form zu
verändern. Diese Form ist für ihn so unwandelbar, daß er sogar
das "alte römische Recht", wenn auch in etwas "veredelter" Ge-
stalt, für die Familie in alle Ewigkeit maßgebend macht und sich
eine Familie nur als "vererbende", das heißt als besitzende Ein-
heit vorstellen kann. Die Utopisten stehn hier weit über Herrn
Dühring. Ihnen war mit der freien Vergesellschaftung der Menschen
und der Verwandlung der häuslichen Privatarbeit in eine öffentli-
che Industrie auch die Vergesellschaftung der Jugenderziehung und
damit ein wirklich freies gegenseitiges Verhältnis der Familien-
glieder unmittelbar gegeben. Und ferner hat bereits Marx
(Kapital, Seite 515 u.f.) nachgewiesen, wie "die große Industrie
mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern, jungen Perso-
nen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organi-
sierten Produktionsprozessen jenseits der Sphäre des Hauswesens
zuweist, die neue ökonomische Grundlage schafft für eine höhere
Form der Familie und des Verhältnisses beider Geschlechter" 1*).
"Jeder sozialreformatorische Phantast", sagt Herr Dühring, "hat
natürlich die seinem neuen sozialen Leben entsprechende Pädagogik
in Bereitschaft."
An diesem Satze gemessen, erscheint Herr Dühring als "ein wahres
Monstrum" unter den sozialreformatorischen Phantasten. Die Zu-
kunftsschule
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1*) Vgl. Band 23 unserer Ausgabe, S. 514
#297# V. Staat, Familie, Erziehung
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beschäftigt ihn mindestens ebensoviel wie das Autorrecht, und das
will wahrhaftig viel sagen. Nicht nur für die ganze "absehbare
Zukunft" hat er Schulplan und Universitätsplan fix und fertig,
sondern auch für die Übergangsperiode. Beschränken wir uns indes
darauf, was der Jugend beiderlei Geschlechts in der endgültigen
Sozialität letzter Instanz beigebracht werden soll.
Die allgemeine Volksschule bietet
"alles, was an sich selbst und prinzipiell für den Menschen einen
Reiz haben kann", also namentlich die "Grundlagen und Hauptergeb-
nisse aller die Welt- und Lebensansichten berührenden Wissen-
schaften". Sie lehrt also vor allem Mathematik und zwar so, daß
der Kreis aller prinzipiellen Begriffe und Mittel vom einfachen
Zählen und Addieren bis zur Integralrechnung "vollständig durch-
messen" wird.
Das heißt aber nicht, daß in dieser Schule wirklich differenziert
und integriert werden soll, im Gegenteil. Es sollen vielmehr dort
ganz neue Elemente der Gesamtmathematik gelehrt werden, die
sowohl die gewöhnliche elementare, wie auch die höhere Mathematik
im Keime in sich enthalten. Obwohl nun Herr Dühring von sich be-
hauptet, auch schon
"den Inhalt der Lehrbücher" dieser Zukunftsschule "in seinen
Hauptzügen schematisch vor Augen"
zu haben, so hat es ihm doch leider bis jetzt nicht gelingen wol-
len, diese
"Elemente der gesamten Mathematik"
zu entdecken; und was er nicht leisten kann, das
"ist auch wirklich erst von den freien und gesteigerten Kräften
des neuen Gesellschaftszustandes zu erwarten".
Wenn aber die Trauben der Zukunftsmathematik einstweilen noch
sehr sauer sind, so wird die Astronomie, Mechanik und Physik der
Zukunft desto weniger Schwierigkeiten machen und
"den Kern aller Schulung abgeben", während "Pflanzen- und Tier-
kunde, mit ihrer, trotz aller Theorien, noch immer vornehmlich
beschreibenden Art und Weise ... mehr zur leichtern Unterhaltung"
dienen werden.
So steht's gedruckt, "Philosophie", Seite 417. Herr Dühring kennt
bis auf den heutigen Tag keine andre als eine vornehmlich be-
schreibende Pflanzen-und Tierkunde. Die ganze organische Morpho-
logie, die die vergleichende Anatomie, Embryologie und Paläonto-
logie der organischen Welt umfaßt, ist ihm selbst dem Namen nach
unbekannt. Während hinter seinem Rücken im Bereich der Biologie
ganz neue Wissenschaften fast zu Dutzenden
#298# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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entstehn, holt sein kindliches Gemüt sich noch immer "die eminent
modernen Bildungselemente der naturwissenschaftlichen Denkweise"
aus Raffs "Naturgeschichte für Kinder", und oktroyiert diese Ver-
fassung der organischen Welt ebenfalls der ganzen "absehbaren Zu-
kunft". Die Chemie ist, wie gewöhnlich bei ihm, auch hier total
vergessen worden.
Für die ästhetische Seite des Unterrichts wird Herr Dühring alles
neu zu beschaffen haben. Die bisherige Poesie taugt dazu nicht.
Wo alle Religion verboten ist, kann die bei den frühern Poeten
übliche "Zurichtung mythologischer oder sonst religiöser Art"
selbstredend nicht in der Schule geduldet werden. Auch "der poe-
tische Mystizismus, wie ihn z.B. Goethe stark gepflegt hat", ist
verwerflich. Herr Dühring wird sich also selbst entschließen müs-
sen, uns jene dichterischen Meisterwerke zu liefern, die "den hö-
hern Ansprüchen einer mit dem Verstände ausgeglichenen Phantasie
entsprechen" und das echte Ideal darstellen, welches "die Vollen-
dung der Welt bedeutet". Möge er nicht damit zaudern. Welte-
robernd kann die Wirtschaftskommurie erst wirken, sobald sie in
dem mit dem Verstand ausgeglichnen Sturmschritt des Alexandriners
einherwandelt.
Mit der Philologie wird der heranwachsende Zukunftsbürger nicht
viel geplagt werden.
"Die toten Sprachen kommen ganz in Wegfall... die fremden leben-
den Sprachen aber werden ... etwas Nebensächliches bleiben." Nur
wo der Verkehr unter den Völkern sich auf die Bewegung der Volks-
massen selbst erstreckt, sollen sie jedem in leichter Weise, je
nach Bedürfnis, Zugänglich gemacht werden. "Die wirklich bildende
Sprachschulung" wird gefunden in einer Art allgemeiner Grammatik
und namentlich in "Stoff und Form der eignen Sprache".
Die nationale Borniertheit der heutigen Menschen ist noch viel zu
kosmopolitisch für Herrn Dühring. Er will auch noch die beiden
Hebel abschaffen, die in der heutigen Welt wenigstens die Gele-
genheit zur Erhebung über den beschränkten nationalen Standpunkt
bieten: die Kenntnis der alten Sprachen, die wenigstens den klas-
sisch gebildeten Leuten aller Völker einen gemeinsamen erweiter-
ten Horizont eröffnet, und die Kenntnis der neuern Sprachen, ver-
mittelst deren die Leute der verschiednen Nationen allein unter-
einander sich verständigen und sich mit dem bekannt machen kön-
nen, was außerhalb ihrer eignen Grenzen vorgeht. Dagegen soll die
Grammatik der Landessprache gründlich eingepaukt werden. "Stoff
und Form der eignen Sprache" sind aber nur dann verständlich,
wenn man ihre Entstehung und allmähliche Entwicklung verfolgt,
und dies ist nicht möglich ohne Berücksichtigung erstens ihrer
eignen abgestorbnen Formen und zweitens der verwandten lebenden
und toten Sprachen. Damit sind wir aber wieder auf
#299# V. Staat, Familie, Erziehung
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dem ausdrücklich verbotnen Gebiet. Wenn aber hiermit Herr Dühring
die ganze moderne historische Grammatik aus seinem Schulplan aus-
streicht, so bleibt ihm nichts für den Sprachunterricht als die
altfränkische, ganz im Stil der alten klassischen Philologie zu-
gestutzte, technische Grammatik mit allen ihren, auf dem Mangel
an geschichtlicher Grundlage beruhenden Kasuistereien und Will-
kürlichkeiten. Der Haß gegen die alte Philologie bringt ihn dazu,
das allerschlechteste Produkt der alten Philologie zum "Mittel-
punkt der wirklich bildenden Sprachschulung" zu erheben. Man
sieht klar, daß wir es mit einem Sprachgelehrten zu tun haben,
der von der ganzen, seit sechzig Jahren so gewaltig und so
erfolgreich entwickelten historischen Sprachforschung nie reden
gehört hat, und der daher "die eminent modernen Bildungselemente"
der Sprachschulung nicht sucht bei Bopp, Grimm und Diez, sondern
bei Heyse und Becker seligen Andenkens.
Mit allem diesem wäre aber der angehende Zukunftsbürger noch
lange nicht "auf sich selbst gestellt". Hierzu gehört wieder eine
tiefere Grundlegung, vermittelst der
"Aneignung der letzten philosophischen Grundlagen". "Eine solche
Vertiefung wird aber ... nichts weniger als eine Riesenaufgabe
bleiben", seitdem Herr Dühring hier reine Bahn gemacht hat. In
der Tat, "säubert man das wenige strenge Wissen, dessen sich die
allgemeine Schematik des Seins rühmen kann, von den falschen,
scholastischen Verschnörkelungen, und entschließt man sich, über-
all nur die" von Herrn Dühring "beglaubigte Wirklichkeit gelten
zu lassen", so ist die Elementarphilosophie auch der Zukunftsju-
gend vollständig zugänglich gemacht. "Man erinnere sich der
h ö c h s t e i n f a c h e n Wendungen, mit denen wir den Un-
endlichkeitsbegriffen und deren Kritik zu einer bisher ungekann-
ten Tragweite verholfen haben" - so ist "gar nicht abzusehn,
warum die durch die gegenwärtige Vertiefung und Verschärfung so
einfach gestalteten Elemente der universellen Raum- und Zeitauf-
fassung nicht schließlich in die Reihe der Vorkenntnisse Übergehn
sollten ... die wurzelhaftesten Gedanken" des Herrn Dühring
"dürfen in der universellen Bildungssystematik der neuen Gesell-
schaft keine Nebenrolle spielen". Der sich selbst gleiche Zustand
der Materie und die abgezählte Unzahl sind im Gegenteil dazu be-
rufen, den Menschen "nicht nur auf eignen Füßen stehn, sondern
auch aus sich selbst wissen zu lassen, daß er das sogenannte
A b s o l u t e u n t e r d e n F ü ß e n h a t".
Die Volksschule der Zukunft, wie man sieht, ist nichts als eine
etwas "veredelte" preußische Pennalia, auf der Griechisch und La-
teinisch durch etwas mehr reine und angewandte Mathematik und na-
mentlich durch die Elemente der Wirklichkeitsphilosophie ersetzt
und der deutsche Unterricht wieder auf Becker selig, also etwa
bis auf Tertia heruntergebracht wird. Es ist in der Tat "gar
nicht abzusehn", warum die nunmehr von uns auf allen von ihm be-
rührten Gebieten als höchst schülerhaft nachgewiesenen "Kennt-
nisse"
#300# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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des Herrn Dühring oder vielmehr, was nach vorgängiger gründlicher
"Säuberung" überhaupt von ihnen übrigbleibt, nicht samt und
sonders "schließlich in die Reihe der Vorkenntnisse übergehn
sollten", sintemal sie diese Reihe in Wirklichkeit nie verlassen
haben. Freilich hat Herr Dühring auch etwas davon läuten gehört,
daß in der sozialistischen Gesellschaft Arbeit und Erziehung
verbunden und dadurch eine vielseitige technische Ausbildung,
sowie eine praktische Grundlage für die wissenschaftliche Er-
ziehung gesichert werden solle; auch dieser Punkt wird daher für
die Sozialität in üblicher Weise dienstbar gemacht. Da aber, wie
wir sahen, die alte Arbeitsteilung in der Dühringschen Zukunfts-
produktion im wesentlichen ruhig fortbesteht, so ist dieser
technischen Schulbildung jede spätere praktische Anwendung, jede
Bedeutung für die Produktion selbst, abgeschnitten, sie hat eben
nur einen Schulzweck: sie soll die Gymnastik ersetzen, von der
unser wurzelhafter Umwälzer nichts wissen will. Er kann uns daher
auch nur ein paar Phrasen bieten, wie z.B.:
"die Jugend und das Alter arbeiten im ernsten Sinne des Worts".
Wahrhaft jammervoll aber erscheint diese haltungslose und in-
haltslose Kannegießerei, wenn man sie vergleicht mit der Stelle
im "Kapital", Seite 508 bis 515 1*), wo Marx den Satz entwic-
kelt, daß "aus dem Fabriksystem, wie man im Detail bei Robert
Owen verfolgen kann, der Keim der Erziehung der Zukunft entsproß,
welche für alle Kinder über einem gewissen Alter produktive Ar-
beit mit Unterricht und Gymnastik verbinden wird, nicht nur als
eine Methode zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktion,
sondern als die einzige Methode zur Produktion vollseitig ent-
wickelter Menschen" 2*).
Übergehn wir die Universität der Zukunft, in der die
Wirklichkeitsphilosophie den Kern alles Wissens bilden wird und
in der neben der medizinischen auch die juristische Fakultät in
voller Blüte fortbesteht; übergehn wir auch die "speziellen
Fachanstalten", von denen wir bloß erfahren, daß sie nur "für ein
paar Gegenstände" gelten sollen. Nehmen wir an, der junge Zu-
kunftsbürger sei nach Absolvierung aller Schulkurse endlich so-
weit "auf sich gestellt", daß er sich nach einer Frau umsehn
kann. Welchen Lauf der Dinge eröffnet ihm hier Herr Dühring?
"Angesichts der Bedeutsamkeit der Fortpflanzung für Festhaltung,
Ausmerzung und Mischung sowie sogar für neue gestaltende Entwick-
lung von Eigenschaften, muß man die letzten Wurzeln des Menschli-
chen oder Unmenschlichen zu einem großen
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 507-514 - 2*) vgl. ebenda,
S. 507/508
#301# V. Staat, Familie. Erziehung
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Teil in der geschlechtlichen Gesellung und Auswahl und überdies
noch in der Sorge für oder gegen einen bestimmten Ausfall der Ge-
burten suchen. Das Gericht über die Wüstheit und Stumpfheit, wel-
che in diesem Gebiet herrschen, muß praktisch einer spätem Epoche
überlassen bleiben. Jedoch ist wenigstens soviel von vornherein
auch unter dem Druck der Vorurteile begreiflich zu machen, daß
weit mehr als die Zahl, sicherlich die der Natur oder menschli-
chen Umsicht gelungne oder mißlungne Beschaffenheit der Geburten
in Anschlag kommen muß. Ungeheuer sind allerdings zu allen Zeiten
und unter allen Rechtszust+nden der Vernichtung anheimgegeben
worden; aber die Stufenleiter vom Regelrechten bis zur Verzerrung
in das nicht mehr Menschenähnliche hat viele Sprossen ... Wird
dem Entstehn eines Menschen vorgebeugt, der doch nur ein
schlechtes Erzeugnis werden würde, so ist diese Tatsache offenbar
ein Vorteil."
Ebenso heißt es an einer andern Stelle:
"Der philosophischen Betrachtung kann es nicht schwerfallen, das
Recht der ungebornen Welt auf eine möglichst gute Komposition ...
zu begreifen ... Die Konzeption und allenfalls auch noch die Ge-
burt bieten die Gelegenheit dar, um in dieser Beziehung eine vor-
beugende oder ausnahmsweise auch sichtende Fürsorge eintreten zu
lassen."
Und ferner:
"Die griechische Kunst, den Menschen in Marmor zu idealisieren,
wird nicht das gleiche geschichtliche Gewicht behalten können,
sobald die weniger künstlerisch spielende und daher für das Le-
bensschicksal der Millionen weit ernstere Aufgabe in die Hand ge-
nommen wird, die Menschenbildung in Fleisch und Blut zu vervoll-
kommnen. Diese Art Kunst ist keine bloß steinerne, und ihre Äs-
thetik betrifft nicht die Anschauung toter Formen" usw.
Unser angehender Zukunftsbürger fällt aus den Wolken. Daß es sich
beim Heiraten um keine bloß steinerne Kunst handelt, auch nicht
um die Anschauung toter Formen, das wußte er allerdings auch ohne
Herrn Dühring; aber dieser hatte ihm ja versprochen, er könne
alle Wege einschlagen, die ihm der Lauf der Dinge und sein eignes
Wesen eröffnen, um ein mitempfindendes weibliches Herz samt dazu-
gehörigem Körper zu finden. Keineswegs, donnert ihm jetzt die
"tiefere und strengere Moralität" entgegen. Es handelt sich zu-
erst darum, die Wüstheit und Stumpfheit abzulegen, die auf dem
Gebiet der geschlechtlichen Gesellung und Auswahl herrschen, und
dem Recht der neugebornen Welt auf eine möglichst gute Komposi-
tion Rechnung zu tragen. Es handelt sich für ihn in diesem feier-
lichen Moment darum, die Menschenbildung in Fleisch und Blut zu
vervollkommnen, sozusagen ein Phidias in Fleisch und Blut zu wer-
den. Wie das anfangen? Die obigen mysteriösen Äußerungen des
Herrn Dühring
#302# Anti-Dühring - Dritter Abschnitt: Sozialismus
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geben ihm nicht die geringste Anleitung dazu, obwohl dieser
selbst sagt, es sei eine "Kunst". Sollte Herr Dühring vielleicht
auch schon ein Handbuch zu dieser Kunst "schematisch vor Augen"
haben, ähnlich etwa wie deren so mancherlei heutzutage verklebt
im deutschen Buchhandel umlaufen? In der Tat befinden wir uns
hier schon nicht mehr in der Sozialität, sondern vielmehr in der
"Zauberflöte", nur daß der behäbige Freimaurerpfaff Sarastro kaum
als ein "Priester zweiter Klasse" gelten kann, gegenüber unserm
tiefern und strengern Moralisten. Die Proben, die jener mit sei-
nem Liebespärchen von Adepten vornahm, sind ein wahres Kinder-
spiel gegen die Schauerprüfung, die Herr Dühring seinen beiden
souveränen Individuen aufnötigt, ehe er ihnen gestattet, in den
Stand der "sittlichen und freien Ehe" zu treten. So kann es ja
vorkommen, daß unser "auf sich selbst gestellter" Zukunfts-Tamino
zwar das sogenannte Absolute unter den Füßen hat, einer dieser
Füße aber um ein paar Leitersprossen vom Regelrechten abweicht,
so daß böse Zungen ihn einen Klumpfuß nennen. Auch liegt es im
Bereich der Möglichkeit, daß seine herzallerliebste Zukunfts-Pa-
mina auf besagtem Absoluten nicht ganz grade steht, infolge einer
leichten Verschiebung zugunsten der rechten Schulter, die der
Neid sogar für ein gelindes Buckelchen ausgibt. Was dann? Wird
unser tieferer und strengerer Sarastro ihnen verbieten, die Kunst
der Menschenvervollkommnung in Fleisch und Blut zu praktizieren,
wird er seine "vorbeugende Fürsorge" bei der "Konzeption" oder
seine "sichtende" bei der "Geburt" geltend machen? Zehn gegen
eins, die Dinge verlaufen anders; das Liebespärchen läßt Sa-
rastro-Dühring stehn und geht zum Standesbeamten.
Halt! ruft Herr Dühring. So war es nicht gemeint. Laßt doch mit
euch reden.
Bei den "höhern, echt menschlichen Beweggründen der heilsamen
Geschlechtsverbindungen ... ist die menschlich veredelte Gestalt
der Geschlechtserregung, deren Steigerung sich als l e i d e n-
s c h a f t l i c h e L i e b e kundgibt, in ihrer Doppelsei-
tigkeit die beste Bürgschaft für die auch in ihrem Ergebnis
zuträgliche Verbindung ... es ist nur eine Wirkung zweiter
Ordnung, daß aus einer an sich harmonischen Beziehung auch ein
Erzeugnis von zusammenstimmendem Gepräge hervorgehe. Hieraus
folgt wiederum, daß jeder Zwang schädlich wirken muß" usw.
Und hiermit erledigt sich alles aufs schönste in der schönsten
der Sozialitäten. Klumpfuß und Buckelchen lieben einander leiden-
schaftlich und bieten daher auch in ihrer Doppelseitigkeit die
beste Bürgschaft für eine harmonische "Wirkung zweiter Ordnung",
es geht wie im Roman, sie lieben sich, sie kriegen sich, und all
die tiefere und strengere Moralität verläuft wie gewöhnlich in
harmonischem Larifari.
#303# V. Staat, Familie, Erziehung
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Welche noblen Vorstellungen Herr Dühring überhaupt vom weiblichen
Geschlecht hat, ergibt sich aus folgender Anklage gegen die heu-
tige Gesellschaft:
"Die Prostitution gilt in der auf Verkauf des Menschen an den
Menschen gegründeten Unterdrückungsgesellschaft als selbstver-
ständliche Ergänzung der Zwangsehe zugunsten der Männer, und es
ist eine der begreiflichsten, aber auch b e d e u t u n g s-
v o l l s t e n Tatsachen, d a ß e s e t w a s Ä h n l i-
c h e s f ü r d i e F r a u e n n i c h t g e b e n
k a n n."
Den Dank, der Herrn Dühring für dies Kompliment von seiten der
Frauen zuteil werden dürfte, möchte ich nicht um alles in der
Welt einheimsen. Sollte indes Herrn Dühring die nicht mehr ganz
ungewöhnliche Einkünfteart der Schürzenstipendien gänzlich unbe-
kannt sein? Und Herr Dühring ist doch selbst Referendar gewesen
und wohnt in Berlin, wo doch schon zu meiner Zeit, vor sechsund-
dreißig Jahren, um von den Lieutenants nicht zu reden, Referenda-
rius sich oft genug reimte auf Schürzenstipendarius!
*
Man gestatte uns, von unserm Gegenstand, der sicher oft trocken
und trist genug war, in versöhnend-heiterer Weise Abschied zu
nehmen. Solange wir die einzelnen Fragepunkte abzuhandeln hatten,
war das Urteil gebunden durch die objektiven, unbestreitbaren
Tatsachen; es mußte nach diesen Tatsachen oft genug scharf und
selbst hart ausfallen. Jetzt, wo Philosophie, Ökonomie und Sozia-
lität hinter uns liegen, wo das Gesamtbild des Schriftstellers
vor uns steht, den wir im einzelnen zu beurteilen hatten, jetzt
können menschliche Rücksichten in den Vordergrund treten; jetzt
wird es uns gestattet, manche sonst unbegreifliche wissenschaft-
liche Abirrungen und Überhebungen zurückzuführen auf persönliche
Ursachen, und unser Gesamturteil über Herrn Dühring zusammenzu-
fassen in den Worten: U n z u r e c h n u n g s f ä h i g-
k e i t a u s G r ö ß e n w a h n.
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