Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur
zurück
#305#
-----
FRIEDRICH ENGELS
Dialektik der Natur [162]
#306#
-----
Geschrieben 1873 bis 1883; einzelne Ergänzungen wurden 1885/1886
verfaßt.
Zum erstenmal in deutscher und russischer Sprache veröffentlicht
in: Archiw K. Marksa i F. Engelsa. Kniga wtoraja.
Moskau-Leningrad 1925.
#307#
-----
[Planskizzen]
[Skizze des Gesamtplans] [163]
1. Historische Einleitung: in der Naturwissenschaft durch ihre
eigene Entwicklung die metaphysische Auffassung unmöglich gewor-
den.
2. Gang der theoretischen Entwicklung in Deutschland seit Hegel
(alte Vorrede 1*)). Rückkehr zur Dialektik vollzieht sich unbe-
wußt, daher widerspruchsvoll und langsam.
3. Dialektik als Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs. Hauptge-
setze: Umschlag von Quantität und Qualität - Gegenseitiges Durch-
dringen der polaren Gegensätze und Ineinander-Umschlagen, wenn
auf die Spitze getrieben - Entwicklung durch den Widerspruch oder
Negation der Negation - Spirale Form der Entwicklung.
4. Zusammenhang der Wissenschaften. Mathematik, Mechanik, Physik,
Chemie, Biologie. St. Simon (Comte) und Hegel.
5. Aperçus 2*) über die einzelnen Wissenschaften und deren dia-
lektischen Inhalt:
1. Mathematik: dialektische Hülfsmittel und Wendungen. - Das Ma-
thematisch-Unendliche wirklich vorkommend;
2. Mechanik des Himmels - jetzt aufgelöst in einen P r o z e ß
- Mechanik: Ausgegangen von der Inertia 3*), die nur der negative
Ausdruck der Unzerstörbarkeit der Bewegung ist;
3. Physik - Übergänge der molekularen Bewegungen ineinander.
Clausius und Loschmidt;
4. Chemie: Theorien. Energie;
5. Biologie. Darwinismus. Notwendigkeit und Zufälligkeit.
6. Die Grenzen des Erkennens. Du Bois-Reymond und Nägeli [164]. -
Helmholtz, Kant, Hume.
-----
1*) Siehe vorl. Band, S. 328-336 - 2*) Bemerkungen, (kurze) Dar-
stellungen - 3*) Trägheit
#308# Dialektik der Natur
-----
7. Die mechanische Theorie. Haeckel [165].
8. Die Plastidulseele - Haeckel und Nägeli [166].
9. Wissenschaft und Lehre - Virchow [167].
10. Zellenstaat - Virchow [19].
11. Darwinistische Politik und Gesellschaftslehre - Haeckel und
Schmidt [168]. - Differentiation des Menschen durch A r b e i t.
- Anwendung der Ökonomie auf die Naturwissenschaft. Helmholtz'
"A r b e i t" ("Populäre Vorträge", II) [169].
[Skizze des Teilplans [170]]
1. Bewegung im Allgemeinen.
2. Attraktion und Repulsion. Übertragung von Bewegung.
3. [Gesetz der] Erhaltung der Energie hierauf angewandt. Repul-
sion + Attraktion. - Zutritt von Repulsion = Energie.
4. Schwere - Himmelskörper - irdische Mechanik.
5. Physik. Wärme. Elektrizität.
6. Chemie.
7. Resumé.
a) Vor 4: Mathematik. Unendliche Linie. + und - gleich.
b) Bei Astronomie: Arbeitsleistung durch Flutwelle.
Doppelrechnung bei Helmholtz, II, 120 1*).
"Kräfte" bei Helmholtz, II, 190 2*).
------
1*) Siehe vorl. Band, S. 366-369 - 2*) siehe vorl. Band, S. 364-
366
#309#
-----
Skizze des Gesamtplans für "Dialektik der Natur"
#310#
-----
#311#
-----
[Artikel]
Einleitung [171]
Die moderne Naturforschung, die einzige, die es zu einer
wissenschaftlichen, systematischen, allseitigen Entwicklung ge-
bracht hat im Gegensatz zu den genialen naturphilosophischen In-
tuitionen der Alten und zu den höchst bedeutenden, aber sporadi-
schen und größtenteils resultatlos dahingegangnen Entdeckungen
der Araber - die moderne Naturforschung datiert wie die ganze
neuere Geschichte von jener gewaltigen Epoche, die wir Deutsche,
nach dem uns damals zugestoßenen Nationalunglück, die Re-
formation, die Franzosen die Renaissance und die Italiener das
Cinquecento nennen, und die keiner dieser Namen erschöpfend aus-
drückt. Es ist die Epoche, die mit der letzten Hälfte des 15.
Jahrhunderts anhebt. Das Königtum, sich stützend auf die Städte-
bürger, brach die Macht des Feudaladels und begründete die
großen, wesentlich auf Nationalität basierten Monarchien, in
denen die modernen europäischen Nationen und die moderne bürger-
liche Gesellschaft zur Entwicklung kamen; und während noch Bürger
und Adel sich in den Haaren lagen, wies der deutsche Bauernkrieg
prophetisch hin auf zukünftige Klassenkämpfe, indem er nicht nur
die empörten Bauern auf die Bühne führte - das war nichts Neues
mehr -, sondern hinter ihnen die Anfänge des jetzigen Proletari-
ats, die rote Fahne in der Hand und die Forderung der Güterge-
meinschaft auf den Lippen. In den aus dem Fall von Byzanz geret-
teten Manuskripten, in den aus den Ruinen Roms ausgegrabnen anti-
ken Statuen ging dem erstaunten Westen eine neue Welt auf, das
griechische Altertum; vor seinen lichten Gestalten verschwanden
die Gespenster des Mittelalters; Italien erhob sich zu einer un-
geahnten Blüte der Kunst, die wie ein Widerschein des klassischen
Altertums erschien und die nie wieder erreicht worden. In Ita-
lien, Frankreich, Deutschland entstand eine neue, die erste mo-
derne Literatur; England und Spanien erlebten bald darauf ihre
klassische Literaturepoche. Die Schranken
#312# Dialektik der Natur
-----
des alten Orbis terrarum 1*) wurden durchbrochen, die Erde wurde
eigentlich jetzt erst entdeckt und der Grund gelegt zum späteren
Welthandel und zum Übergang des Handwerks in die Manufaktur, die
wieder den Ausgangspunkt bildete für die moderne große Industrie.
Die geistige Diktatur der Kirche wurde gebrochen; die germani-
schen Völker warfen sie der Mehrzahl nach direkt ab und nahmen
den Protestantismus an, während bei den Romanen eine von den Ara-
bern übernommene und von der neuentdeckten griechischen Philoso-
phie genährte heitre Freigeisterei mehr und mehr Wurzel faßte und
den Materialismus des 18. Jahrhunderts vorbereitete.
Es war die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis
dahin erlebt hatte, eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen
zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Viel-
seitigkeit und Gelehrsamkeit. Die Männer, die die moderne Herr-
schaft der Bourgeoisie begründeten, waren alles, nur nicht bür-
gerlich beschränkt. Im Gegenteil, der abenteuernde Charakter der
Zeit hat sie mehr oder weniger angehaucht. Fast kein bedeutender
Mann lebte damals, der nicht weite Reisen gemacht, der nicht vier
bis fünf Sprachen sprach, der nicht in mehreren Fächern glänzte.
Leonardo da Vinci war nicht nur ein großer Maler, sondern auch
ein großer Mathematiker, Mechaniker und Ingenieur, dem die ver-
schiedensten Zweige der Physik wichtige Entdeckungen verdanken;
Albrecht Dürer war Maler, Kupferstecher, Bildhauer, Architekt und
erfand außerdem ein System der Fortifikation, das schon manche
der weit später durch Montalembert und die neuere deutsche Befe-
stigung wiederaufgenommenen Ideen enthält. Machiavelli war
Staatsmann, Geschichtschreiber, Dichter und zugleich der erste
nennenswerte Militärschriftsteller der neueren Zeit. Luther fegte
nicht nur den Augiasstall der Kirche, sondern auch den der deut-
schen Sprache aus, schuf die moderne deutsche Prosa und dichtete
Text und Melodie jenes siegesgewissen Chorals, der die Marseil-
laise des 16. Jahrhunderts wurde*. Die Heroen jener Zeit waren
eben noch nicht unter die Teilung der Arbeit geknechtet, deren
beschränkende, einseitig machende Wirkungen wir so oft an ihren
Nachfolgern verspüren. Was ihnen aber besonders eigen, das ist,
daß sie fast alle mitten in der Zeitbewegung, im praktischen
Kampf leben und weben, Partei ergreifen und mitkämpfen, der mit
Wort und Schrift, der mit dem Degen, manche mit beidem. Daher
jene Fülle und Kraft des Charakters, die sie zu ganzen Männern
macht. Stubengelehrte sind die Ausnahme: entweder Leute zweiten
und dritten Rangs oder vorsichtige Philister, die sich die Finger
nicht verbrennen wollen.
-----
1*) Erdkreises
#313# Einleitung
-----
Auch die Naturforschung bewegte sich damals mitten in der allge-
meinen Revolution und war selbst durch und durch revolutionär;
hatte sie sich doch das Recht der Existenz zu erkämpfen. Hand in
Hand mit den großen Italienern, von denen die neuere Philosophie
datiert, lieferte sie ihre Märtyrer auf den Scheiterhaufen und in
die Gefängnisse der Inquisition. Und bezeichnend ist, daß Prote-
stanten den Katholiken vorauseilten in der Verfolgung der freien
Naturforschung. Calvin verbrannte Servet, als dieser auf dem
Sprunge stand, den Lauf der Blutzirkulation zu entdecken, und
zwar ließ er ihn zwei Stunden lebendig braten; die Inquisition
begnügte sich wenigstens damit, Giordano Bruno einfach zu ver-
brennen.
Der revolutionäre Akt, wodurch die Naturforschung ihre Unabhän-
gigkeit erklärte und die Bullenverbrennung Luthers gleichsam wie-
derholte, war die Herausgabe des unsterblichen Werks, womit Ko-
pernikus, schüchtern zwar und sozusagen erst auf dem Totenbett,
der kirchlichen Autorität in natürlichen Dingen den Fehdehand-
schuh hinwarf [172]. Von da an datiert die Emanzipation der Na-
turforschung von der Theologie, wenn auch die Auseinandersetzung
der einzelnen gegenseitigen Ansprüche sich bis in unsre Tage hin-
geschleppt und sich in manchen Köpfen noch lange nicht vollzogen
hat. Aber von da an ging auch die Entwicklung der Wissenschaften
mit Riesenschritten vor sich und gewann an Kraft, man kann wohl
sagen im quadratischen Verhältnis der (zeitlichen) Entfernung von
ihrem Ausgangspunkt. Es war, als sollte der Welt bewiesen werden,
daß von jetzt an für das höchste Produkt der organischen Materie,
den menschlichen Geist, das umgekehrte Bewegungsgesetz gelte wie
für den anorganischen Stoff.
Die Hauptarbeit in der nun angebrochnen ersten Periode der Natur-
wissenschaft war die Bewältigung des nächstliegenden Stoffs. Auf
den meisten Gebieten mußte ganz aus dem Rohen angefangen werden.
Das Altertum hatte den Euklid und das ptolemäische Sonnensystem,
die Araber die Dezimalnotation, die Anfänge der Algebra, die mo-
dernen Zahlen und die Alchimie hinterlassen; das christliche Mit-
telalter gar nichts. Notwendig nahm in dieser Lage die elementar-
ste Naturwissenschaft, die Mechanik der irdischen und himmlischen
Körper, den ersten Rang ein, und neben ihr, in ihrem Dienst, die
Entdeckung und Vervollkommnung der mathematischen Methoden. Hier
wurde Großes geleistet. Am Ende der Periode, das durch Newton und
Linné bezeichnet wird, finden wir diese Zweige der Wissenschaft
zu einem gewissen Abschluß gebracht. Die wesentlichsten mathe-
matischen Methoden sind in den Grundzügen festgestellt; die ana-
lytische Geometrie vorzüglich durch Descartes, die Logarithmen
durch Neper, die Differential- und Integralrechnung durch Leibniz
und vielleicht Newton.
#314# Dialektik der Natur
-----
Dasselbe gilt von der Mechanik fester Körper, deren Hauptgesetze
ein für allemal klargestellt waren. Endlich in der Astronomie des
Sonnensystems hatte Kepler die Gesetze der Planetenbewegung ent-
deckt und Newton sie unter dem Gesichtspunkt allgemeiner Bewe-
gungsgesetze der Materie gefaßt. Die andern Zweige der Naturwis-
senschaft waren weit entfernt selbst von diesem vorläufigen Ab-
schluß. Die Mechanik der flüssigen und gasförmigen Körper wurde
erst gegen Ende der Periode mehr bearbeitet. 1*) Die eigentliche
Physik war noch nicht über die ersten Anfänge hinaus, wenn wir
die Optik ausnehmen, deren ausnahmsweise Fortschritte durch das
praktische Bedürfnis der Astronomie hervorgerufen wurden. Die
Chemie emanzipierte sich eben erst durch die phlogistische Theo-
rie [173] von der Alchimie. Die Geologie war noch nicht über die
embryonische Stufe der Mineralogie hinaus; die Paläontologie
konnte also noch gar nicht existieren. Endlich im Gebiet der Bio-
logie war man noch wesentlich beschäftigt mit der Sammlung und
ersten Sichtung des ungeheuren Stoffs, sowohl des botanischen und
zoologischen wie des anatomischen und eigentlich physiologischen.
Von Vergleichung der Lebensformen untereinander, von Untersuchung
ihrer geographischen Verbreitung, ihren klimatologischen etc. Le-
bensbedingungen, konnte noch kaum die Rede sein. Hier erreichte
nur Botanik und Zoologie einen annähernden Abschluß durch Linné.
Was diese Periode aber besonders charakterisiert, ist die Heraus-
arbeitung einer eigentümlichen Gesamtanschauung, deren Mittel-
punkt die Ansicht v o n d e r a b s o l u t e n U n v e r-
ä n d e r l i c h h e i t d e r N a t u r bildet. Wie auch
immer die Natur selbst zustande gekommen sein mochte reinmal
vorhanden, blieb sie, wie sie war, solange sie bestand. Die
Planeten und ihre Satelliten, einmal in Bewegung gesetzt von dem
geheimnisvollen "ersten Anstoß", kreisten fort und fort in ihren
vorgeschriebnen Ellipsen in alle Ewigkeit oder doch bis zum Ende
aller Dinge. Die Sterne ruhten für immer fest und unbeweglich auf
ihren Plätzen, einander darin haltend durch die "allgemeine
Gravitation". Die Erde war von jeher oder auch von ihrem
Schöpfungstage an (je nachdem) unverändert dieselbe geblieben.
Die jetzigen "fünf Weltteile" hatten immer bestanden, immer
dieselben Berge, Täler und Flüsse, dasselbe Klima, dieselbe Flora
und Fauna gehabt, es sei denn, daß durch Menschenhand Veränderung
oder Verpflanzung stattgefunden. Die Arten der Pflanzen und Tiere
waren bei ihrer Entstehung ein für allemal festgestellt, Gleiches
zeugte fortwährend Gleiches, und es war schon viel, wenn
-----
1*) Am Rande des Manuskripts vermerkte Engels mit Bleistift:
"Torricelli bei Gelegenheit der Alpenstromregulierung"
#315# Einleitung
-----
Linné zugab, daß hier und da durch Kreuzung möglicherweise neue
Arten entstehn konnten. Im Gegensatz zur Geschichte der Mensch-
heit, die in der Zeit sich entwickelt, wurde der Naturgeschichte
nur eine Entfaltung im Raum zugeschrieben. Alle Veränderung, alle
Entwicklung in der Natur wurde verneint. Die anfangs so revolu-
tionäre Naturwissenschaft stand plötzlich vor einer durch und
durch konservativen Natur, in der alles noch heute so war, wie es
von Anfang an gewesen, und in der - bis zum Ende der Welt oder in
Ewigkeit - alles so bleiben sollte, wie es von Anfang an gewesen.
So hoch die Naturwissenschaft der ersten Hälfte des achtzehnten
Jahrhunderts über dem griechischen Altertum stand an Kenntnis und
selbst an Sichtung des Stoffs, so tief stand sie unter ihm in der
ideellen Bewältigung desselben, in der allgemeinen Naturanschau-
ung. Den griechischen Philosophen war die Welt wesentlich etwas
aus dem Chaos Hervorgegangnes, etwas Entwickeltes, etwas Gewor-
denes. Den Naturforschern der Periode, die wir behandeln, war sie
etwas Verknöchertes, etwas Unwandelbares, den meisten etwas mit
einem Schlage Gemachtes. Die Wissenschaft stak noch tief in der
Theologie. Überall sucht sie und findet sie als Letztes einen An-
stoß von außen, der aus der Natur selbst nicht zu erklären. Wird
auch die Anziehung, von Newton pompöserweise allgemeine Gravita-
tion getauft, als wesentliche Eigenschaft der Materie aufgefaßt,
woher kommt die unerklärte Tangentialkraft, die erst die Plane-
tenbahnen zustande bringt? Wie sind die zahllosen Arten der
Pflanzen und Tiere entstanden? Und wie nun gar erst der Mensch,
von dem doch feststand, daß er nicht von Ewigkeit her da war? Auf
solche Fragen antwortete die Naturwissenschaft nur zu oft, indem
sie den Schöpfer aller Dinge dafür verantwortlich machte. Koper-
nikus, im Anfang der Periode, schreibt der Theologie den Absage-
brief; Newton schließt sie mit dem Postulat des göttlichen ersten
Anstoßes. Der höchste allgemeine Gedanke, zu dem diese Naturwis-
senschaft sich aufschwang, war der der Zweckmäßigkeit der Natur-
einrichtungen, die flache Wolffsche Teleologie, wonach die Katzen
geschaffen wurden, um die Mäuse zu fressen, die Mäuse, um von den
Katzen gefressen zu werden, und die ganze Natur, um die Weisheit
des Schöpfers darzutun. Es gereicht der damaligen Philosophie zur
höchsten Ehre, daß sie sich durch den beschränkten Stand der
gleichzeitigen Naturkenntnisse nicht beirren ließ, daß sie - von
Spinoza bis zu den großen französischen Materialisten - darauf
beharrte, die Welt aus sich selbst zu erklären, und der Naturwis-
senschaft der Zukunft die Rechtfertigung im Detail überließ.
Ich rechne die Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts noch
mit zu dieser Periode, weil ihnen kein andres naturwissenschaft-
liches Material zu
#316# Dialektik der Natur
-----
Gebote stand als das oben geschilderte. Kants epochemachende
Schrift blieb ihnen ein Geheimnis, und Laplace kam lange nach ih-
nen [26]. Vergessen wir nicht, daß diese veraltete Naturanschau-
ung, obwohl an allen Ecken und Enden durchlöchert durch den Fort-
schritt der Wissenschaft, die ganze erste Hälfte des neunzehnten
Jahrhunderts beherrscht hat 1*) und noch jetzt, der Hauptsache
nach, auf allen Schulen gelehrt wird *).
Die erste Bresche in diese versteinerte Naturanschauung wurde
geschossen nicht durch einen Naturforscher, sondern durch einen
Philosophen. 1755 erschien K a n t s "Allgemeine Naturge-
schichte und Theorie des Himmels". Die Frage nach dem ersten An-
stoß war beseitigt: die Erde und das ganze Sonnensystem erschie-
nen als etwas im Verlauf der Zeit G e w o r d e n e s. Hätte
die große Mehrzahl der Naturforscher weniger von dem Abscheu vor
dem Denken gehabt, den Newton mit der Warnung ausspricht: Physik,
hüte dich vor der Metaphysik! [174] - sie hätten aus dieser einen
genialen Entdeckung Kants Folgerungen ziehn müssen, die ihnen
endlose Abwege, unermeßliche Mengen in falschen Richtungen ver-
geudeter Zeit und Arbeit ersparte. Denn in Kants Entdeckung lag
der Springpunkt alles ferneren Fortschritts. War die Erde etwas
Gewordenes, so mußte ihr gegenwärtiger geologischer, geographi-
scher, klimatischer Zustand, mußten ihre Pflanzen und Tiere eben-
falls etwas Gewordenes sein, mußte sie eine Geschichte haben
nicht nur im Raum nebeneinander, sondern auch in der Zeit nach-
einander. Wäre sofort in dieser Richtung entschlossen fortunter-
sucht worden, die Naturwissenschaft wäre jetzt bedeutend weiter,
als sie ist. Aber was
---
*) Wie unerschütterlich noch 1861 ein Mann an diese Ansicht glau-
ben kann, dessen wissenschaftliche Leistungen höchst bedeutendes
Material zu ihrer Beseitigung geliefert haben, zeigen folgende
klassischen Worte:
"Alle [Einrichtungen im System unserer Sonne zielen, soweit wir
sie zu durchschauen imstande sind, auf Erhaltung des Bestehenden
und unabänderliche Dauer. Wie kein Tier, keine Pflanze der Erde
seit den ältesten Zeiten vollkommener oder überhaupt ein anderes
geworden ist, wie wir in allen Organismen nur Stufenfolgen neben-
einander, nicht nacheinander antreffen, wie unser eigenes Ge-
schlecht in körperlicher Beziehung stets dasselbe geblieben ist -
so wird auch selbst die größte Mannigfaltigkeit der koexistieren-
den Weltkörper uns nicht berechtigen, in diesen Formen bloß ver-
schiedene Entwicklungsstufen anzunehmen, vielmehr ist alles Er-
schaffene gleich vollkommen] in sich" (Mädler, "Pop. Astrono-
mie]", Berlin 1861, 5. Aufl., S. 316).
-----
1*) Am Rande des Manuskripts vermerkte Engels: "Die Festigkeit
der alten Naturanschauung lieferte den Boden zur allgemeinen Zu-
sammenfassung der gesamten Naturwissenschaft als ein Ganzes. Die
französischen Enzyklopädisten, noch rein mechanisch neben-
einander, dann gleichzeitig St. Simon und deutsche Naturphiloso-
phie, vollendet durch Hegel."
#317# Einleitung
-----
konnte von der Philosophie Gutes kommen? Kants Schrift blieb ohne
unmittelbares Resultat, bis lange Jahre später Laplace und Her-
schel ihren Inhalt ausführten und näher begründeten und damit die
"Nebularhypothese" allmählich zu Ehren brachten. Fernere Entdec-
kungen verschafften ihr endlich den Sieg; die wichtigsten darun-
ter waren: die Eigenbewegung der Fixsterne, der Nachweis eines
widerstehenden Mittels im Weltraum, der durch die Spektralanalyse
geführte Beweis der chemischen Identität der Weltmaterie und des
Bestehens solcher glühenden Nebelmassen, wie Kant sie vorausge-
setzt 1*).
Es ist aber erlaubt zu zweifeln, ob der Mehrzahl der Naturfor-
scher der Widerspruch einer sich verändernden Erde, die unverän-
derliche Organismen tragen soll, so bald zum Bewußtsein gekommen
wäre, hätte die aufdämmernde Anschauung, daß die Natur nicht
i s t, sondern w i r d und v e r g e h t, nicht von andrer
Seite Sukkurs bekommen. Die Geologie entstand und wies nicht nur
nacheinander gebildete und übereinander gelagerte Erdschichten
auf, sondern auch in diesen Schichten die erhaltenen Schalen und
Skelette ausgestorbner Tiere, die Stämme, Blätter und Früchte
nicht mehr vorkommender Pflanzen. Man mußte sich entschließen an-
zuerkennen, daß nicht nur die Erde im ganzen und großen, daß auch
ihre jetzige Oberfläche und die darauf lebenden Pflanzen und
Tiere eine zeitliche Geschichte hatten. Die Anerkennung geschah
anfangs widerwillig genug. Cuviers Theorie von den Revolutionen
der Erde war revolutionär in der Phrase und reaktionär in der Sa-
che. An die Stelle der Einen göttlichen Schöpfung setzte sie eine
ganze Reihe wiederholter Schöpfungsakte, machte das Mirakel zu
einem wesentlichen Hebel der Natur. Erst Lyell brachte Verstand
in die Geologie, indem er die plötzlichen, durch die Launen des
Schöpfers hervorgerufenen Revolutionen ersetzte durch die allmäh-
lichen Wirkungen einer langsamen Umgestaltung der Erde. *)
Die Lyellsche Theorie war noch unverträglicher mit der Annahme
beständiger organischer Arten als alle ihre Vorgängerinnen. All-
mähliche Umgestaltung der Erdoberfläche und aller Lebensbedingun-
gen führte direkt
---
*) Der Mangel der Lyellschen Anschauung - wenigstens in ihrer er-
sten Form - lag darin, daß sie die auf der Erde wirkenden Kräfte
als konstant auffaßte, konstant nach Qualität und Quantität. Die
Abkühlung der Erde besteht nicht für ihn; die Erde entwickelt
sich nicht in bestimmter Richtung, sie verändert sich bloß in zu-
sammenhangsloser, zufälliger Weise.
-----
1*) Am Rande des Manuskripts vermerkte Engels mit Bleistift:
"Flutwellenrotationshemmung, auch von Kant, erst jetzt verstan-
den"
#318# Dialektik der Natur
-----
auf allmähliche Umgestaltung der Organismen und ihre Anpassung an
die sich ändernde Umgebung, auf die Wandelbarkeit der Arten. Aber
die Tradition ist eine Macht nicht nur in der katholischen Kir-
che, sondern auch in der Naturwissenschaft. Lyell selbst sah jah-
relang den Widerspruch nicht, seine Schüler noch weniger. Es ist
dies nur zu erklären durch die inzwischen in der Naturwissen-
schaft herrschend gewordne Teilung der Arbeit, die jeden auf sein
spezielles Fach mehr oder weniger beschränkte und nur wenige
nicht des allgemeinen Überblicks beraubte.
Inzwischen hatte die Physik gewaltige Fortschritte gemacht, deren
Resultate in dem für diesen Zweig der Naturforschung epochema-
chenden Jahr 1842 von drei verschiedenen Männern fast gleichzei-
tig zusammengefaßt wurden. Mayer in Heilbronn und Joule in Man-
chester wiesen den Umschlag von Wärme in mechanische Kraft und
von mechanischer Kraft in Wärme nach. Die Feststellung des mecha-
nischen Äquivalents der Wärme stellte dies Resultat außer Frage.
Gleichzeitig bewies Grovet [175] - kein Naturforscher von Profes-
sion, sondern ein englischer Advokat - durch einfache Verarbei-
tung der bereits erreichten einzelnen physikalischen Resultate
die Tatsache, daß alle sog. physikalischen Kräfte, mechanische
Kraft, Wärme, Licht, Elektrizität, Magnetismus, ja selbst die
sog. chemische Kraft, unter bestimmten Bedingungen die eine in
die andre umschlagen, ohne daß irgendwelcher Kraftverlust statt-
findet, und bewies so nachträglich auf physikalischem Wege den
Satz des Descartes, daß die Quantität der in der Welt vorhandenen
Bewegung unveränderlich ist [37]. Hiermit waren die besondren
physikalischen Kräfte, sozusagen die unveränderlichen "Arten" der
Physik, in verschieden differenzierte und nach bestimmten Geset-
zen ineinander übergehende Bewegungsformen der Materie aufgelöst.
Die Zufälligkeit des Bestehens von soundso viel physikalischen
Kräften war aus der Wissenschaft beseitigt, indem ihre Zusammen-
hänge und Übergänge nachgewiesen. Die Physik war, wie schon die
Astronomie, bei einem Resultat angekommen, das mit Notwendigkeit
auf den ewigen Kreislauf der sich bewegenden Materie als Letztes
hinwies.
Die wunderbar rasche Entwicklung der Chemie seit Lavoisier und
besonders seit Dalton griff die alten Vorstellungen von der Natur
von einer andern Seite an. Durch Herstellung von bisher nur im
lebenden Organismus erzeugten Verbindungen auf anorganischem Wege
wies sie nach, daß die Gesetze der Chemie für organische Körper
dieselbe Gültigkeit haben wie für unorganische, und füllte sie
einen großen Teil der noch nach Kant auf ewig unüberschreitbaren
Kluft zwischen unorganischer und organischer Natur aus.
#319# Einleitung
-----
Endlich hatten auch auf dem Gebiet der biologischen Forschung,
namentlich die seit Mitte des vorigen Jahrhunderts systematisch
betriebnen wissenschaftlichen Reisen und Expeditionen, die ge-
nauere Durchforschung der europäischen Kolonien in allen Welttei-
len durch dort lebende Fachleute, ferner die Fortschritte der Pa-
läontologie, der Anatomie und Physiologie überhaupt, besonders
seit systematischer Anwendung des Mikroskops und Entdeckung der
Zelle, so viel Material gesammelt, daß die Anwendung der verglei-
chenden Methode möglich und zugleich notwendig wurde. 1*) Einer-
seits wurden durch die vergleichende physische Geographie die
Lebensbedingungen der verschiednen Floren und Faunen festge-
stellt, andrerseits die verschiednen Organismen nach ihren homo-
logen Organen untereinander verglichen, und zwar nicht nur im Zu-
stand der Reife, sondern auf allen ihren Entwicklungsstufen. Je
tiefer und genauer diese Untersuchung geführt wurde, desto mehr
zerfloß ihr unter den Händen jenes starre System einer unverän-
derlich fixierten organischen Natur. Nicht nur, daß immer mehr
einzelne Arten von Pflanzen und Tieren rettungslos ineinander
verschwammen, es tauchten Tiere auf, wie Amphioxus und Lepidosi-
ren [176], die aller bisherigen Klassifikation spotteten 2*), und
endlich stieß man auf Organismen, von denen nicht einmal zu sagen
war, ob sie zum Pflanzenreich oder zum Tierreich gehörten. Die
Lücken im paläontologischen Archiv füllten sich mehr und mehr und
zwangen auch dem Widerstrebendsten den schlagenden Parallelismus
auf, der zwischen der Entwicklungsgeschichte der organischen Welt
im ganzen und großen und der des einzelnen Organismus besteht,
den Ariadnefaden, der aus dem Labyrinth führen sollte, worin Bo-
tanik und Zoologie sich tiefer und tiefer zu verirren schienen.
Es war bezeichnend, daß fast gleichzeitig mit Kants Angriff auf
die Ewigkeit des Sonnensystems C.F. Wolff 1759 den ersten Angriff
auf die Beständigkeit der Arten erließ und die Abstammungslehre
proklamierte [178]. Aber was bei ihm nur noch geniale Antizipa-
tion, das nahm bei Oken, Lamarck, Baer feste Gestalt an und wurde
genau 100 Jahre später, 1859, von Darwin sieghaft durchgeführt
[179]. Fast gleichzeitig wurde konstatiert, daß Protoplasma und
Zelle, die schon früher als letzte Formbestandteile aller Orga-
nismen nachgewiesen, als niedrigste organische Formen selbständig
lebend vorkommen. Damit war sowohl die Kluft zwischen anorgani-
scher und organischer Natur auf ein Minimum reduziert, wie auch
eine der wesentlichsten Schwierigkeiten beseitigt, die der Ab-
stammungstheorie der Organismen bisher entgegenstand.
-----
1*) Am Rande des Manuskripts vermerkte Engels: "Embryologie" - 2
am Rande des Manuskripts vermerkte Engels: "Ceratodus. Dito Ar-
chaeopteryx etc." [177]
#320# Dialektik der Natur
-----
Die neue Naturanschauung war in ihren Grundzügen fertig: Alles
Starre war aufgelöst, alles Fixierte verflüchtigt, alles für ewig
gehaltene Besondere vergänglich geworden, die ganze Natur als in
ewigem Fluß und Kreislauf sich bewegend nachgewiesen.
---
Und so sind wir denn wieder zurückgekehrt zu der Anschauungsweise
der großen Gründer der griechischen Philosophie, daß die gesamte
Natur, vom Kleinsten bis zum Größten, von den Sandkörnern bis zu
den Sonnen, von den Protisten [42] bis zum Menschen, in ewigem
Entstehen und Vergehen, in unaufhörlichem Fluß, in rastloser Be-
wegung und Veränderung ihr Dasein hat. Nur mit dem wesentlichen
Unterschied, daß, was bei den Griechen geniale Intuition war, bei
uns Resultat streng wissenschaftlicher, erfahrungsmäßiger For-
schung ist und daher auch in viel bestimmterer und klarerer Form
auftritt. Allerdings ist der empirische Nachweis dieses Kreis-
laufs nicht ganz und gar frei von Lücken, aber diese sind unbe-
deutend im Vergleich zu dem, was bereits sichergestellt ist, und
füllen sich mit jedem Jahr mehr und mehr aus. Und wie könnte der
Nachweis im Detail anders als lückenhaft sein, wenn man bedenkt,
daß die wesentlichsten Zweige der Wissenschaft - die transplane-
tarische Astronomie, die Chemie, die Geologie - kaum ein Jahrhun-
dert, die vergleichende Methode in der Physiologie kaum fünfzig
Jahre wissenschaftlicher Existenz zählen, daß die Grundform fast
aller Lebensentwicklung, die Zelle, noch nicht vierzig Jahre ent-
deckt ist! 1*)
---
Aus wirbelnden, glühenden Dunstmassen, deren Bewegungsgesetze
vielleicht erschlossen werden, nachdem die Beobachtungen einiger
Jahrhunderte uns über die Eigenbewegung der Sterne Klarheit ver-
schafft, entwickelten sich durch Zusammenziehung und Abkühlung
die zahllosen Sonnen und Sonnensysteme unsrer von den äußersten
Sternringen der Milchstraße begrenzten Weltinsel. Diese Entwick-
lung ging offenbar nicht überall gleich schnell vor sich. Die
Existenz dunkler, nicht bloß planetarischer Körper, also ausge-
glühter Sonnen in unserm Sternsystem, drängt sich der Astronomie
mehr und mehr auf (Mädler); andrerseits gehört (nach
-----
1*) Dieser Absatz ist im Engelsschen Manuskript vom vorhergehen-
den und vom folgenden Absatz durch horizontale Striche getrennt
und schräg durchgestrichen, wie es Engels mit solchen Absätzen
eines Manuskripts zu tun pflegte, die er in anderen Arbeiten be-
nutzt hatte.
#321# Einleitung
-----
Secchi) ein Teil der dunstförmigen Nebelflecke als noch nicht
fertige Sonnen zu unserm Sternsystem, wodurch nicht ausgeschlos-
sen ist, daß andre Nebel, wie Mädler behauptet, ferne selbstän-
dige Weltinseln sind, deren relative Entwicklungsstufe das Spek-
troskop festzustellen hat. [180]
Wie aus einer einzelnen Dunstmasse ein Sonnensystem sich entwic-
kelt, hat Laplace im Detail in bis jetzt unübertroffner Weise
nachgewiesen; die spätere Wissenschaft hat ihn mehr und mehr be-
stätigt.
Auf den so gebildeten einzelnen Körpern - Sonnen wie Planeten und
Satelliten - herrscht anfangs diejenige Bewegungsform der Materie
vor, die wir Wärme nennen. Von chemischen Verbindungen der Ele-
mente kann selbst bei einer Temperatur, wie sie heute noch die
Sonne hat, keine Rede sein; inwieweit die Wärme sich dabei in
Elektrizität oder Magnetismus umsetzt, werden fortgesetzte Son-
nenbeobachtungen zeigen; daß die auf der Sonne vorgehenden mecha-
nischen Bewegungen lediglich aus dem Konflikt der Wärme mit der
Schwere hervorgehn, ist schon jetzt so gut wie ausgemacht.
Die einzelnen Körper kühlen sich um so rascher ab, je kleiner sie
sind. Satelliten, Asteroiden, Meteore zuerst, wie denn ja unser
Mond längst verstorben ist. Langsamer die Planeten, am langsam-
sten der Zentralkörper.
Mit der fortschreitenden Abkühlung tritt das Wechselspiel der
ineinander umschlagenden physikalischen Bewegungsformen mehr und
mehr in den Vordergrund, bis endlich ein Punkt erreicht wird, von
wo an die chemische Verwandtschaft anfängt, sich geltend zu ma-
chen, wo die bisher chemisch indifferenten Elemente sich nachein-
ander chemisch differenzieren, chemische Eigenschaften erlangen,
Verbindungen miteinander eingehn. Diese Verbindungen wechseln
fortwährend mit der abnehmenden Temperatur, die nicht nur jedes
Element, sondern auch jede einzelne Verbindung von Elementen ver-
schieden beeinflußt, mit dem davon abhängenden Übergang eines
Teils der gasförmigen Materie zuerst in den flüssigen, dann in
den festen Zustand und mit den dadurch geschaffenen neuen Bedin-
gungen.
Die Zeit, wo der Planet eine feste Rinde und Wasseransammlungen
auf seiner Oberfläche hat, fällt zusammen mit der, von wo an
seine Eigenwärme mehr und mehr zurücktritt gegen die ihm zuge-
sandte Wärme des Zentralkörpers. Seine Atmosphäre wird der Schau-
platz meteorologischer Erscheinungen in dem Sinne, wie wir das
Wort jetzt verstehn, seine Oberfläche der Schauplatz geologischer
Veränderungen, bei denen die durch atmosphärische Niederschläge
herbeigeführten Ablagerungen immer mehr Übergewicht erlangen über
die sich langsam abschwächenden Wirkungen nach außen des heiß-
flüssigen Innern.
#322# Dialektik der Natur
-----
Gleicht sich endlich die Temperatur so weit aus, daß sie wenig-
stens an einer beträchtlichen Stelle der Oberfläche die Grenzen
nicht mehr überschreitet, in denen das Eiweiß lebensfähig ist, so
bildet sich, unter sonst günstigen chemischen Vorbedingungen, le-
bendiges Protoplasma. Welches diese Vorbedingungen sind, wissen
wir heute noch nicht, was nicht zu verwundern, da nicht einmal
die chemische Formel des Eiweißes bis jetzt feststeht, wir, noch
nicht einmal wissen, wieviel chemisch verschiedene Eiweißkörper
es gibt, und da erst seit ungefähr zehn Jahren die Tatsache be-
kannt ist, daß vollkommen strukturloses Eiweiß alle wesentlichen
Funktionen des Lebens, Verdauung, Ausscheidung, Bewegung, Kon-
traktion, Reaktion gegen Reize, Fortpflanzung, vollzieht.
Es mag Jahrtausende gedauert haben, bis die Bedingungen eintra-
ten, unter denen der nächste Fortschritt geschehn und dies form-
lose Eiweiß durch Bildung von Kern und Haut die erste Zelle her-
stellen konnte. Aber mit dieser ersten Zelle war auch die Grund-
lage der Formbildung der ganzen organischen Welt gegeben; zuerst
entwickelten sich, wie wir nach der ganzen Analogie des paläonto-
logischen Archivs annehmen dürfen, zahllose Arten zellenloser und
zelliger Protisten, wovon das einzige Eozoon canadense [181] uns
überliefert, und wovon einige allmählich zu den ersten Pflanzen,
andre zu den ersten Tieren sich differenzierten. Und von den er-
sten Tieren aus entwickelten sich, wesentlich durch weitere Dif-
ferenzierung, die zahllosen Klassen, Ordnungen, Familien, Gattun-
gen und Arten der Tiere, zuletzt die Form, in der das Nervensy-
stem zu seiner vollsten Entwicklung kommt, die der Wirbeltiere,
und wieder zuletzt unter diesen das Wirbeltier, in dem die Natur
das Bewußtsein ihrer selbst erlangt - der Mensch.
Auch der Mensch entsteht durch Differenzierung. Nicht nur indivi-
duell, aus einer einzigen Eizelle bis zum kompliziertesten Orga-
nismus differenziert, den die Natur hervorbringt - nein, auch hi-
storisch. Als nach jahrtausendelangem Ringen die Differenzierung
der Hand vom Fuß, der aufrechte Gang, endlich festgestellt, da
war der Mensch vom Affen geschieden, da war der Grund gelegt zur
Entwicklung der artikulierten Sprache und zu der gewaltigen Aus-
bildung des Gehirns, die seitdem die Kluft zwischen Menschen und
Affen unübersteiglich gemacht hat. Die Spezialisierung der Hand -
das bedeutet das W e r k z e u g, und das Werkzeug bedeutet die
spezifisch menschliche Tätigkeit, die umgestaltende Rückwirkung
des Menschen auf die Natur, die Produktion. Auch Tiere im engern
Sinne haben Werkzeuge, aber nur als Glieder ihres Leibes - die
Ameise, die Biene, der Biber; auch Tiere produzieren, aber ihre
produktive Einwirkung auf die umgebende Natur ist dieser gegen-
über gleich Null. Nur der Mensch hat es fertiggebracht,
#323# Einleitung
-----
der Natur seinen Stempel aufzudrücken, indem er nicht nur Pflan-
zen und Tiere versetzte, sondern auch den Aspekt, das Klima sei-
nes Wohnorts, ja die Pflanzen und Tiere selbst so veränderte, daß
die Folgen seiner Tätigkeit nur mit dem allgemeinen Absterben des
Erdballs verschwinden können. Und das hat er fertiggebracht
zunächst und wesentlich vermittelst der H a n d. Selbst die
Dampfmaschine, bis jetzt sein mächtigstes Werkzeug zur Umgestal-
tung der Natur, beruht, weil Werkzeug, in letzter Instanz auf der
Hand. Aber mit der Hand entwickelte sich Schritt für Schritt der
Kopf, kam das Bewußtsein zuerst der Bedingungen einzelner prakti-
scher Nutzeffekte, und später, bei den begünstigteren Völkern,
daraus hervorgehend die Einsicht in die sie bedingenden Naturge-
setze. Und mit der rasch wachsenden Kenntnis der Naturgesetze
wuchsen die Mittel der Rückwirkung auf die Natur; die Hand allein
hätte die Dampfmaschine nie fertiggebracht, hätte das Gehirn des
Menschen sich nicht mit und neben ihr und teilweise durch sie
korrelativ entwickelt.
Mit dem Menschen treten wir ein in die G e s c h i c h t e.
Auch die Tiere haben eine Geschichte, die ihrer Abstammung und
allmählichen Entwicklung bis auf ihren heutigen Stand. Aber diese
Geschichte wird für sie gemacht, und soweit sie selbst daran
teilnehmen, geschieht es ohne ihr Wissen und Wollen. Die Menschen
dagegen, je mehr sie sich vom Tier im engeren Sinn entfernen, de-
sto mehr machen sie ihre Geschichte selbst, mit Bewußtsein, desto
geringer wird der Einfluß unvorhergesehener Wirkungen, unkontrol-
lierter Kräfte auf diese Geschichte, desto genauer entspricht der
geschichtliche Erfolg dem vorher festgestellten Zweck. Legen wir
aber diesen Maßstab an die menschliche Geschichte, selbst der
entwickeltsten Völker der Gegenwart, so finden wir, daß hier noch
immer ein kolossales Mißverhältnis besteht zwischen den vorge-
steckten Zielen und den erreichten Resultaten, daß die unvorher-
gesehenen Wirkungen vorherrschen, daß die unkontrollierten Kräfte
weit mächtiger sind als die planmäßig in Bewegung gesetzten. Und
dies kann nicht anders sein, solange die wesentlichste geschicht-
liche Tätigkeit der Menschen, diejenige, die sie aus der Tierheit
zur Menschheit emporgehoben hat, die die materielle Grundlage al-
ler ihrer übrigen Tätigkeiten bildet, die Produktion ihrer Le-
bensbedürfnisse, d.h. heutzutage die gesellschaftliche Produk-
tion, erst recht dem Wechselspiel unbeabsichtigter Einwirkungen
von unkontrollierten Kräften unterworfen ist und den gewollten
Zweck nur ausnahmsweise, weit häufiger aber sein grades Gegenteil
realisiert. Wir haben in den fortgeschrittensten Industrieländern
die Naturkräfte gebändigt und in den Dienst der Menschen gepreßt;
wir haben damit die Produktion ins unendliche vervielfacht, so
#324# Dialektik der Natur
-----
daß ein Kind jetzt mehr erzeugt als früher hundert Erwachsene.
Und was ist die Folge? Steigende Überarbeit und steigendes Elend
der Massen und alle zehn Jahre ein großer Krach. Darwin wußte
nicht, welch bittre Satire er auf die Menschen und besonders auf
seine Landsleute schrieb, als er nachwies, daß die freie Konkur-
renz, der Kampf ums Dasein, den die Ökonomen als höchste ge-
schichtliche Errungenschaft feiern, der Normalzustand des
T i e r r e i c h s ist. Erst eine bewußte Organisation der ge-
sellschaftlichen Produktion, in der planmäßig produziert und ver-
teilt wird, kann die Menschen ebenso in gesellschaftlicher Bezie-
hung aus der übrigen Tierwelt herausheben, wie dies die Produk-
tion überhaupt für die Menschen in spezifischer Beziehung getan
hat. Die geschichtliche Entwicklung macht eine solche Organisa-
tion täglich unumgänglicher, aber auch täglich möglicher. Von ihr
wird eine neue Geschichtsepoche datieren, in der die Menschen
selbst, und mit ihnen alle Zweige ihrer Tätigkeit, namentlich
auch die Naturwissenschaft, einen Aufschwung nehmen werden, der
alles Bisherige in tiefen Schatten stellt.
Indes, "alles was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht"
[182]. Millionen Jahre mögen darüber vergehn, Hunderttausende von
Geschlechtern geboren werden und sterben; aber unerbittlich rückt
die Zeit heran, wo die sich erschöpfende Sonnenwärme nicht mehr
ausreicht, das von den Polen herandrängende Eis zu schmelzen, wo
die sich mehr und mehr um den Äquator zusammendrängenden Menschen
endlich auch dort nicht mehr Wärme genug zum Leben finden, wo
nach und nach auch die letzte Spur organischen Lebens verschwin-
det und die Erde, ein erstorbner, erfrorner Ball wie der Mond, in
tiefer Finsternis und in immer engeren Bahnen um die ebenfalls
erstorbne Sonne kreist und endlich hineinfällt. Andre Planeten
werden ihr vorangegangen sein, andre folgen ihr; anstatt des har-
monisch gegliederten, hellen, warmen Sonnensystems verfolgt nur
noch eine kalte, tote Kugel ihren einsamen Weg durch den Welt-
raum. Und so wie unserm Sonnensystem ergeht es früher oder später
allen andern Systemen unsrer Weltinsel, ergeht es denen aller üb-
rigen zahllosen Weltinseln, selbst denen, deren Licht nie die
Erde erreicht, solange ein menschliches Auge auf ihr lebt, es zu
empfangen.
Und wenn nun ein solches Sonnensystem seinen Lebenslauf voll-
bracht und dem Schicksal alles Endlichen, dem Tode verfallen ist,
wie dann? Wird die Sonnenleiche in Ewigkeit als Leiche durch den
unendlichen Raum fortrollen und alle die ehemals unendlich man-
nigfaltig differenzierten Naturkräfte für immer in die eine Bewe-
gungsform der Attraktion aufgehn?
#325# Einleitung
-----
"Oder", wie Secchi fragt (p. 810), "sind Kräfte in der Natur vor-
handen, welche das tote System in den anfänglichen Zustand des
glühenden Nebels zurückversetzen und es zu neuem Leben wieder
aufwecken können? Wir wissen es nicht." [183]
Allerdings wissen wir das nicht in dem Sinn, wie wir wissen, daß
2 × 2 = 4 ist, oder daß die Attraktion der Materie zu- und ab-
nimmt nach dem Quadrat der Entfernung. Aber in der theoretischen
Naturwissenschaft, die ihre Naturanschauung möglichst zu einem
harmonischen Ganzen verarbeitet und ohne die heutzutage selbst
der gedankenloseste Empiriker nicht vom Fleck kommt, haben wir
sehr oft mit unvollkommen bekannten Größen zu rechnen und hat die
Konsequenz des Gedankens zu allen Zeiten der mangelhaften Kennt-
nis forthelfen müssen. Nun hat die moderne Naturwissenschaft den
Satz von der Unzerstörbarkeit der Bewegung von der Philosophie
adoptieren müssen; ohne ihn kann sie nicht mehr bestehn. Die Be-
wegung der Materie aber, das ist nicht bloß die grobe mechanische
Bewegung, die bloße Ortsveränderung, das ist Wärme und Licht,
elektrische und magnetische Spannung, chemisches Zusammengehn und
Auseinandergehn, Leben und schließlich Bewußtsein. Sagen, daß die
Materie während ihrer ganzen zeitlos unbegrenzten Existenz nur
ein einziges Mal und für eine ihrer Ewigkeit gegenüber verschwin-
dend kurze Zeit in der Möglichkeit sich befindet, ihre Bewegung
zu differenzieren und dadurch den ganzen Reichtum dieser Bewegung
zu entfalten, und daß sie vor- und nachher in Ewigkeit auf bloße
Ortsveränderung beschränkt bleibt - das heißt behaupten, daß die
Materie sterblich und die Bewegung vergänglich ist. Die Unzer-
störbarkeit der Bewegung kann nicht bloß quantitativ, sie muß
auch qualitativ gefaßt werden; eine Materie, deren rein mechani-
sche Ortsveränderung zwar die Möglichkeit in sich trägt, unter
günstigen Bedingungen in Wärme, Elektrizität, chemische Aktion,
Leben umzuschlagen, die aber außerstande ist, diese Bedingungen
aus sich selbst zu erzeugen, eine solche Materie hat B e w e-
g u n g e i n g e b ü ß t; eine Bewegung, die die Fähigkeit
verloren hat, sich in die ihr zukommenden verschiedenen Formen
umzusetzen, hat zwar noch Dynamis 1*), aber keine Energeia 2*)
mehr, und ist damit teilweise zerstört worden. Beides aber ist
undenkbar.
Soviel ist sicher: Es gab eine Zeit, wo die Materie unsrer
Weltinsel eine solche Menge Bewegung - welcher Art, wissen wir
bis jetzt nicht - in Wärme umgesetzt hatte, daß daraus die zu
(nach Mädler) mindestens 20 Millionen Sternen gehörigen Sonnensy-
steme sich entwickeln konnten, deren allmähliches Absterben eben-
falls gewiß ist. Wie ging dieser Umsatz
-----
1*) Potenz, zu wirken - 2*) Wirksamkeit
#326# Dialektik der Natur
-----
vor sich? Wir wissen es ebensowenig, wie Pater Secchi weiß, ob
das künftige caput mortuum 1*) unsres Sonnensystems je wieder in
Rohstoff zu neuen Sonnensystemen verwandelt wird. Aber entweder
müssen wir hier auf den Schöpfer rekurrieren, oder wir sind zu
der Schlußfolgerung gezwungen, daß der glühende Rohstoff zu den
Sonnensystemen unsrer Weltinsel auf natürlichem Wege erzeugt
wurde, durch Bewegungsverwandlungen, die der sich bewegenden Ma-
terie v o n N a t u r z u s t e h n, und deren Bedingungen
also auch von der Materie, wenn auch erst nach Millionen und aber
Millionen Jahren, mehr oder weniger zufällig, aber mit der auch
dem Zufall inhärenten Notwendigkeit sich reproduzieren müssen.
Die Möglichkeit einer solchen Umwandlung wird mehr und mehr zu-
gegeben. Man kommt zu der Ansicht, daß die Weltkörper die
schließliche Bestimmung haben, ineinander zu fallen, und man be-
rechnet sogar, die Wärmemenge, die sich bei solchen Zusammenstö-
ßen entwickeln muß. Das plötzliche Aufblitzen neuer Sterne, das
ebenso plötzliche hellere Aufleuchten altbekannter, von dem die
Astronomie uns berichtet, erklärt sich am leichtesten aus solchen
Zusammenstößen. Dabei bewegt sich nicht nur unsre Planetengruppe
um die Sonne und unsre Sonne innerhalb unsrer Weltinsel, sondern
auch unsre ganze Weltinsel bewegt sich fort im Weltraum in tem-
porärem, relativem Gleichgewicht mit den übrigen Weltinseln; denn
selbst relatives Gleichgewicht frei schwebender Körper kann nur
bestehn bei gegenseitig bedingter Bewegung; und manche nehmen an,
daß die Temperatur im Weltraum nicht überall dieselbe ist.
Endlich: Wir wissen, daß mit Ausnahme eines verschwindend kleinen
Teils die Wärme der zahllosen Sonnen unsrer Weltinsel im Raum
verschwindet und sich vergeblich abmüht, die Temperatur des Welt-
raums auch nur um ein Milliontel Grad Celsius zu erhöhen. Was
wird aus all dieser enormen Wärmequantität? Ist sie für alle Zei-
ten aufgegangen in dem Versuch, den Weltraum zu heizen, hat sie
praktisch aufgehört zu existieren und besteht sie nur noch theo-
retisch weiter in der Tatsache, daß der Weltraum wärmer geworden
ist um einen Graddezimalbruchteil, der mit zehn oder mehr Nullen
anfängt? Diese Annahme leugnet die Unzerstörbarkeit der Bewegung;
sie läßt die Möglichkeit zu, daß durch sukzessives Ineinanderfal-
len der Weltkörper alle vorhandene mechanische Bewegung in Wärme
verwandelt und diese in den Weltraum ausgestrahlt werde, womit
trotz aller "Unzerstörbarkeit der Kraft" alle Bewegung überhaupt
aufgehört hätte. (Es zeigt sich hier beiläufig, wie schief die
Bezeichnung: Unzerstörbarkeit der Kraft, statt Unzerstörbarkeit
der Bewegung ist.) Wir kommen also zu dem Schluß, daß auf
-----
1*) der tote Überrest
#327# Einleitung
-----
einem Wege, den es später einmal die Aufgabe der Naturforschung
sein wird aufzuzeigen, die in den Weltraum ausgestrahlte Wärme
die Möglichkeit haben muß, in eine andre Bewegungsform sich umzu-
setzen, in der sie wieder zur Sammlung und Betätigung kommen
kann. Und damit fällt die Hauptschwierigkeit, die der Rückver-
wandlung abgelebter Sonnen in glühenden Dunst entgegenstand.
Übrigens ist die sich ewig wiederholende Aufeinanderfolge der
Welten in der endlosen Zeit nur die logische Ergänzung des
Nebeneinanderbestehens zahlloser Welten im endlosen Raum - ein
Satz, dessen Notwendigkeitsich sogar dem antitheoretischen
Yankee-Gehirn Drapers aufzwingt. *)
Es ist ein ewiger Kreislauf, in dem die Materie sich bewegt, ein
Kreislauf, der seine Bahn wohl erst in Zeiträumen vollendet, für
die unser Erdenjahr kein ausreichender Maßstab mehr ist, ein
Kreislauf, in dem die Zeit der höchsten Entwicklung, die Zeit des
organischen Lebens und noch mehr die des Lebens selbst- und na-
turbewußter Wesen ebenso knapp bemessen ist wie der Raum, in dem
Leben und Selbstbewußtsein zur Geltung kommen; ein Kreislauf, in
dem jede endliche Daseinsweise der Materie, sei sie Sonne oder
Dunstnebel, einzelnes Tier oder Tiergattung, chemische Verbindung
oder Trennung, gleicherweise vergänglich, und worin nichts ewig
ist als die ewig sich verändernde, ewig sich bewegende Materie
und die Gesetze, nach denen sie sich bewegt und verändert. Aber
wie oft und wie unbarmherzig auch in Zeit und Raum dieser Kreis-
lauf sich vollzieht; wieviel Millionen Sonnen und Erden auch ent-
stehn und vergehn mögen; wie lange es auch dauern mag, bis in ei-
nem Sonnensystem nur auf Einem Planeten die Bedingungen des orga-
nischen Lebens sich herstellen; wie zahllose organische Wesen
auch vorhergehn und vorher untergehn müssen, ehe aus ihrer Mitte
sich Tiere mit denkfähigem Gehirn entwickeln und für eine kurze
Spanne Zeit lebensfähige Bedingungen vorfinden, um dann auch ohne
Gnade ausgerottet zu werden - wir haben die Gewißheit, daß die
Materie in allen ihren Wandlungen ewig dieselbe bleibt, daß keins
ihrer Attribute je verlorengehn kann, und daß sie daher auch mit
derselben eisernen Notwendigkeit, womit sie auf der Erde ihre
höchste Blüte, den denkenden Geist, wieder ausrotten wird, ihn
anderswo und in andrer Zeit wieder erzeugen muß.
---
*) "The multiplicity of worlds in infinite space leads to the
conception of a succession of worlds in infinite time." 1*)
(Draper, "Hist[ory of the] Int[ellectual] Devel[opment of Eu-
rope]". Vol. II, p. [325].
-----
1*) "Die Vielheit der Welten im endlosen Raum führt zur Auffas-
sung von einer Aufeinanderfolge der Welten in der endlosen Zeit."
zurück