Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur


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       FRIEDRICH ENGELS
       
       Dialektik der Natur [162]
       
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       Geschrieben 1873  bis 1883; einzelne Ergänzungen wurden 1885/1886
       verfaßt.
       Zum erstenmal  in deutscher und russischer Sprache veröffentlicht
       in: Archiw K. Marksa i F. Engelsa. Kniga wtoraja.
       Moskau-Leningrad 1925.
       
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       [Planskizzen]
       
       [Skizze des Gesamtplans] [163]
       
       1. Historische Einleitung:  in der  Naturwissenschaft durch  ihre
       eigene Entwicklung  die metaphysische Auffassung unmöglich gewor-
       den.
       2. Gang der  theoretischen Entwicklung  in Deutschland seit Hegel
       (alte Vorrede  1*)). Rückkehr  zur Dialektik vollzieht sich unbe-
       wußt, daher widerspruchsvoll und langsam.
       3. Dialektik als  Wissenschaft des  Gesamtzusammenhangs. Hauptge-
       setze: Umschlag von Quantität und Qualität - Gegenseitiges Durch-
       dringen der  polaren Gegensätze  und Ineinander-Umschlagen,  wenn
       auf die Spitze getrieben - Entwicklung durch den Widerspruch oder
       Negation der Negation - Spirale Form der Entwicklung.
       4. Zusammenhang der Wissenschaften. Mathematik, Mechanik, Physik,
       Chemie, Biologie. St. Simon (Comte) und Hegel.
       5. Aperçus 2*)  über die  einzelnen Wissenschaften und deren dia-
       lektischen Inhalt:
        1. Mathematik: dialektische Hülfsmittel und Wendungen. - Das Ma-
       thematisch-Unendliche wirklich vorkommend;
        2. Mechanik  des Himmels - jetzt aufgelöst in einen  P r o z e ß
       - Mechanik: Ausgegangen von der Inertia 3*), die nur der negative
       Ausdruck der Unzerstörbarkeit der Bewegung ist;
        3. Physik -  Übergänge der  molekularen  Bewegungen  ineinander.
       Clausius und Loschmidt;
        4. Chemie: Theorien. Energie;
        5. Biologie. Darwinismus. Notwendigkeit und Zufälligkeit.
       6. Die Grenzen des Erkennens. Du Bois-Reymond und Nägeli [164]. -
       Helmholtz, Kant, Hume.
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       1*) Siehe vorl.  Band, S. 328-336 - 2*) Bemerkungen, (kurze) Dar-
       stellungen - 3*) Trägheit
       
       #308# Dialektik der Natur
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       7. Die mechanische Theorie. Haeckel [165].
       8. Die Plastidulseele - Haeckel und Nägeli [166].
       9. Wissenschaft und Lehre - Virchow [167].
       10. Zellenstaat - Virchow [19].
       11. Darwinistische Politik  und Gesellschaftslehre  - Haeckel und
       Schmidt [168]. - Differentiation des Menschen durch  A r b e i t.
       - Anwendung  der Ökonomie  auf die  Naturwissenschaft. Helmholtz'
       "A r b e i t"  ("Populäre Vorträge", II) [169].
       
       [Skizze des Teilplans [170]]
       
       1. Bewegung im Allgemeinen.
       2. Attraktion und Repulsion. Übertragung von Bewegung.
       3. [Gesetz der]  Erhaltung der  Energie hierauf angewandt. Repul-
       sion + Attraktion. - Zutritt von Repulsion = Energie.
       4. Schwere - Himmelskörper - irdische Mechanik.
       5. Physik. Wärme. Elektrizität.
       6. Chemie.
       7. Resumé.
       a) Vor 4: Mathematik. Unendliche Linie. + und - gleich.
       b) Bei Astronomie: Arbeitsleistung durch Flutwelle.
       Doppelrechnung  bei Helmholtz, II, 120  1*).
       "Kräfte"        bei Helmholtz, II, 190  2*).
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       1*) Siehe vorl.  Band, S. 366-369 - 2*) siehe vorl. Band, S. 364-
       366
       
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       Skizze des Gesamtplans für "Dialektik der Natur"
       
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       [Artikel]
       
       Einleitung [171]
       
       Die  moderne   Naturforschung,  die  einzige,  die  es  zu  einer
       wissenschaftlichen, systematischen,  allseitigen Entwicklung  ge-
       bracht hat  im Gegensatz zu den genialen naturphilosophischen In-
       tuitionen der  Alten und zu den höchst bedeutenden, aber sporadi-
       schen und  größtenteils resultatlos  dahingegangnen  Entdeckungen
       der Araber  - die  moderne Naturforschung  datiert wie  die ganze
       neuere Geschichte  von jener gewaltigen Epoche, die wir Deutsche,
       nach  dem   uns  damals  zugestoßenen  Nationalunglück,  die  Re-
       formation, die  Franzosen die  Renaissance und  die Italiener das
       Cinquecento nennen,  und die keiner dieser Namen erschöpfend aus-
       drückt. Es  ist die  Epoche, die  mit der  letzten Hälfte des 15.
       Jahrhunderts anhebt.  Das Königtum, sich stützend auf die Städte-
       bürger, brach  die  Macht  des  Feudaladels  und  begründete  die
       großen, wesentlich  auf  Nationalität  basierten  Monarchien,  in
       denen die  modernen europäischen Nationen und die moderne bürger-
       liche Gesellschaft zur Entwicklung kamen; und während noch Bürger
       und Adel  sich in den Haaren lagen, wies der deutsche Bauernkrieg
       prophetisch hin  auf zukünftige Klassenkämpfe, indem er nicht nur
       die empörten  Bauern auf  die Bühne führte - das war nichts Neues
       mehr -,  sondern hinter ihnen die Anfänge des jetzigen Proletari-
       ats, die  rote Fahne  in der  Hand und die Forderung der Güterge-
       meinschaft auf  den Lippen. In den aus dem Fall von Byzanz geret-
       teten Manuskripten, in den aus den Ruinen Roms ausgegrabnen anti-
       ken Statuen  ging dem  erstaunten Westen  eine neue Welt auf, das
       griechische Altertum;  vor seinen  lichten Gestalten verschwanden
       die Gespenster  des Mittelalters; Italien erhob sich zu einer un-
       geahnten Blüte der Kunst, die wie ein Widerschein des klassischen
       Altertums erschien  und die  nie wieder  erreicht worden. In Ita-
       lien, Frankreich,  Deutschland entstand  eine neue, die erste mo-
       derne Literatur;  England und  Spanien erlebten  bald darauf ihre
       klassische Literaturepoche. Die Schranken
       
       #312# Dialektik der Natur
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       des alten  Orbis terrarum 1*) wurden durchbrochen, die Erde wurde
       eigentlich jetzt  erst entdeckt und der Grund gelegt zum späteren
       Welthandel und  zum Übergang des Handwerks in die Manufaktur, die
       wieder den Ausgangspunkt bildete für die moderne große Industrie.
       Die geistige  Diktatur der  Kirche wurde  gebrochen; die germani-
       schen Völker  warfen sie  der Mehrzahl  nach direkt ab und nahmen
       den Protestantismus an, während bei den Romanen eine von den Ara-
       bern übernommene  und von der neuentdeckten griechischen Philoso-
       phie genährte heitre Freigeisterei mehr und mehr Wurzel faßte und
       den Materialismus des 18. Jahrhunderts vorbereitete.
       Es war  die größte  progressive Umwälzung, die die Menschheit bis
       dahin erlebt  hatte, eine  Zeit, die  Riesen brauchte  und Riesen
       zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Viel-
       seitigkeit und  Gelehrsamkeit. Die  Männer, die die moderne Herr-
       schaft der  Bourgeoisie begründeten,  waren alles, nur nicht bür-
       gerlich beschränkt.  Im Gegenteil, der abenteuernde Charakter der
       Zeit hat  sie mehr oder weniger angehaucht. Fast kein bedeutender
       Mann lebte damals, der nicht weite Reisen gemacht, der nicht vier
       bis fünf  Sprachen sprach, der nicht in mehreren Fächern glänzte.
       Leonardo da  Vinci war  nicht nur  ein großer Maler, sondern auch
       ein großer  Mathematiker, Mechaniker  und Ingenieur, dem die ver-
       schiedensten Zweige  der Physik  wichtige Entdeckungen verdanken;
       Albrecht Dürer war Maler, Kupferstecher, Bildhauer, Architekt und
       erfand außerdem  ein System  der Fortifikation,  das schon manche
       der weit  später durch Montalembert und die neuere deutsche Befe-
       stigung  wiederaufgenommenen   Ideen  enthält.   Machiavelli  war
       Staatsmann, Geschichtschreiber,  Dichter und  zugleich der  erste
       nennenswerte Militärschriftsteller der neueren Zeit. Luther fegte
       nicht nur  den Augiasstall der Kirche, sondern auch den der deut-
       schen Sprache  aus, schuf die moderne deutsche Prosa und dichtete
       Text und  Melodie jenes  siegesgewissen Chorals, der die Marseil-
       laise des  16. Jahrhunderts  wurde*. Die  Heroen jener Zeit waren
       eben noch  nicht unter  die Teilung  der Arbeit geknechtet, deren
       beschränkende, einseitig  machende Wirkungen  wir so oft an ihren
       Nachfolgern verspüren.  Was ihnen  aber besonders eigen, das ist,
       daß sie  fast alle  mitten in  der Zeitbewegung,  im  praktischen
       Kampf leben  und weben,  Partei ergreifen und mitkämpfen, der mit
       Wort und  Schrift, der  mit dem  Degen, manche  mit beidem. Daher
       jene Fülle  und Kraft  des Charakters,  die sie zu ganzen Männern
       macht. Stubengelehrte  sind die  Ausnahme: entweder Leute zweiten
       und dritten Rangs oder vorsichtige Philister, die sich die Finger
       nicht verbrennen wollen.
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       1*) Erdkreises
       
       #313# Einleitung
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       Auch die  Naturforschung bewegte sich damals mitten in der allge-
       meinen Revolution  und war  selbst durch  und durch revolutionär;
       hatte sie  sich doch das Recht der Existenz zu erkämpfen. Hand in
       Hand mit  den großen Italienern, von denen die neuere Philosophie
       datiert, lieferte sie ihre Märtyrer auf den Scheiterhaufen und in
       die Gefängnisse  der Inquisition. Und bezeichnend ist, daß Prote-
       stanten den  Katholiken vorauseilten in der Verfolgung der freien
       Naturforschung. Calvin  verbrannte Servet,  als  dieser  auf  dem
       Sprunge stand,  den Lauf  der Blutzirkulation  zu entdecken,  und
       zwar ließ  er ihn  zwei Stunden  lebendig braten; die Inquisition
       begnügte sich  wenigstens damit,  Giordano Bruno  einfach zu ver-
       brennen.
       Der revolutionäre  Akt, wodurch  die Naturforschung ihre Unabhän-
       gigkeit erklärte und die Bullenverbrennung Luthers gleichsam wie-
       derholte, war  die Herausgabe  des unsterblichen Werks, womit Ko-
       pernikus, schüchtern  zwar und  sozusagen erst auf dem Totenbett,
       der kirchlichen  Autorität in  natürlichen Dingen  den Fehdehand-
       schuh hinwarf  [172]. Von  da an datiert die Emanzipation der Na-
       turforschung von  der Theologie, wenn auch die Auseinandersetzung
       der einzelnen gegenseitigen Ansprüche sich bis in unsre Tage hin-
       geschleppt und  sich in manchen Köpfen noch lange nicht vollzogen
       hat. Aber  von da an ging auch die Entwicklung der Wissenschaften
       mit Riesenschritten  vor sich  und gewann an Kraft, man kann wohl
       sagen im quadratischen Verhältnis der (zeitlichen) Entfernung von
       ihrem Ausgangspunkt. Es war, als sollte der Welt bewiesen werden,
       daß von jetzt an für das höchste Produkt der organischen Materie,
       den menschlichen  Geist, das umgekehrte Bewegungsgesetz gelte wie
       für den anorganischen Stoff.
       Die Hauptarbeit in der nun angebrochnen ersten Periode der Natur-
       wissenschaft war  die Bewältigung des nächstliegenden Stoffs. Auf
       den meisten  Gebieten mußte ganz aus dem Rohen angefangen werden.
       Das Altertum  hatte den Euklid und das ptolemäische Sonnensystem,
       die Araber  die Dezimalnotation, die Anfänge der Algebra, die mo-
       dernen Zahlen und die Alchimie hinterlassen; das christliche Mit-
       telalter gar nichts. Notwendig nahm in dieser Lage die elementar-
       ste Naturwissenschaft, die Mechanik der irdischen und himmlischen
       Körper, den  ersten Rang ein, und neben ihr, in ihrem Dienst, die
       Entdeckung und  Vervollkommnung der mathematischen Methoden. Hier
       wurde Großes geleistet. Am Ende der Periode, das durch Newton und
       Linné bezeichnet  wird, finden  wir diese Zweige der Wissenschaft
       zu einem  gewissen Abschluß  gebracht. Die  wesentlichsten mathe-
       matischen Methoden  sind in den Grundzügen festgestellt; die ana-
       lytische Geometrie  vorzüglich durch  Descartes, die  Logarithmen
       durch Neper, die Differential- und Integralrechnung durch Leibniz
       und vielleicht Newton.
       
       #314# Dialektik der Natur
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       Dasselbe gilt  von der Mechanik fester Körper, deren Hauptgesetze
       ein für allemal klargestellt waren. Endlich in der Astronomie des
       Sonnensystems hatte  Kepler die Gesetze der Planetenbewegung ent-
       deckt und  Newton sie  unter dem  Gesichtspunkt allgemeiner Bewe-
       gungsgesetze der  Materie gefaßt. Die andern Zweige der Naturwis-
       senschaft waren  weit entfernt  selbst von diesem vorläufigen Ab-
       schluß. Die  Mechanik der  flüssigen und gasförmigen Körper wurde
       erst gegen  Ende der Periode mehr bearbeitet. 1*) Die eigentliche
       Physik war  noch nicht  über die  ersten Anfänge hinaus, wenn wir
       die Optik  ausnehmen, deren  ausnahmsweise Fortschritte durch das
       praktische Bedürfnis  der Astronomie  hervorgerufen  wurden.  Die
       Chemie emanzipierte  sich eben erst durch die phlogistische Theo-
       rie [173]  von der Alchimie. Die Geologie war noch nicht über die
       embryonische Stufe  der  Mineralogie  hinaus;  die  Paläontologie
       konnte also noch gar nicht existieren. Endlich im Gebiet der Bio-
       logie war  man noch  wesentlich beschäftigt  mit der Sammlung und
       ersten Sichtung des ungeheuren Stoffs, sowohl des botanischen und
       zoologischen wie des anatomischen und eigentlich physiologischen.
       Von Vergleichung der Lebensformen untereinander, von Untersuchung
       ihrer geographischen Verbreitung, ihren klimatologischen etc. Le-
       bensbedingungen, konnte  noch kaum  die Rede sein. Hier erreichte
       nur Botanik und Zoologie einen annähernden Abschluß durch Linné.
       Was diese Periode aber besonders charakterisiert, ist die Heraus-
       arbeitung einer  eigentümlichen Gesamtanschauung,  deren  Mittel-
       punkt die  Ansicht   v o n   d e r  a b s o l u t e n  U n v e r-
       ä n d e r l i c h h e i t   d e r   N a t u r   bildet. Wie  auch
       immer die  Natur selbst  zustande gekommen  sein  mochte  reinmal
       vorhanden, blieb  sie, wie  sie war,  solange  sie  bestand.  Die
       Planeten und  ihre Satelliten, einmal in Bewegung gesetzt von dem
       geheimnisvollen "ersten  Anstoß", kreisten fort und fort in ihren
       vorgeschriebnen Ellipsen  in alle Ewigkeit oder doch bis zum Ende
       aller Dinge. Die Sterne ruhten für immer fest und unbeweglich auf
       ihren Plätzen,  einander  darin  haltend  durch  die  "allgemeine
       Gravitation".  Die  Erde  war  von  jeher  oder  auch  von  ihrem
       Schöpfungstage an  (je nachdem)  unverändert dieselbe  geblieben.
       Die jetzigen  "fünf  Weltteile"  hatten  immer  bestanden,  immer
       dieselben Berge, Täler und Flüsse, dasselbe Klima, dieselbe Flora
       und Fauna gehabt, es sei denn, daß durch Menschenhand Veränderung
       oder Verpflanzung stattgefunden. Die Arten der Pflanzen und Tiere
       waren bei ihrer Entstehung ein für allemal festgestellt, Gleiches
       zeugte fortwährend Gleiches, und es war schon viel, wenn
       -----
       1*) Am Rande  des Manuskripts  vermerkte  Engels  mit  Bleistift:
       "Torricelli bei Gelegenheit der Alpenstromregulierung"
       
       #315# Einleitung
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       Linné zugab,  daß hier  und da durch Kreuzung möglicherweise neue
       Arten entstehn  konnten. Im  Gegensatz zur Geschichte der Mensch-
       heit, die  in der Zeit sich entwickelt, wurde der Naturgeschichte
       nur eine Entfaltung im Raum zugeschrieben. Alle Veränderung, alle
       Entwicklung in  der Natur  wurde verneint. Die anfangs so revolu-
       tionäre Naturwissenschaft  stand plötzlich  vor einer  durch  und
       durch konservativen Natur, in der alles noch heute so war, wie es
       von Anfang an gewesen, und in der - bis zum Ende der Welt oder in
       Ewigkeit - alles so bleiben sollte, wie es von Anfang an gewesen.
       So hoch  die Naturwissenschaft  der ersten Hälfte des achtzehnten
       Jahrhunderts über dem griechischen Altertum stand an Kenntnis und
       selbst an Sichtung des Stoffs, so tief stand sie unter ihm in der
       ideellen Bewältigung  desselben, in der allgemeinen Naturanschau-
       ung. Den  griechischen Philosophen  war die Welt wesentlich etwas
       aus dem  Chaos Hervorgegangnes,  etwas Entwickeltes, etwas Gewor-
       denes. Den Naturforschern der Periode, die wir behandeln, war sie
       etwas Verknöchertes,  etwas Unwandelbares,  den meisten etwas mit
       einem Schlage  Gemachtes. Die  Wissenschaft stak noch tief in der
       Theologie. Überall sucht sie und findet sie als Letztes einen An-
       stoß von  außen, der aus der Natur selbst nicht zu erklären. Wird
       auch die  Anziehung, von Newton pompöserweise allgemeine Gravita-
       tion getauft,  als wesentliche Eigenschaft der Materie aufgefaßt,
       woher kommt  die unerklärte  Tangentialkraft, die erst die Plane-
       tenbahnen zustande  bringt? Wie  sind  die  zahllosen  Arten  der
       Pflanzen und  Tiere entstanden?  Und wie nun gar erst der Mensch,
       von dem doch feststand, daß er nicht von Ewigkeit her da war? Auf
       solche Fragen  antwortete die Naturwissenschaft nur zu oft, indem
       sie den  Schöpfer aller Dinge dafür verantwortlich machte. Koper-
       nikus, im  Anfang der Periode, schreibt der Theologie den Absage-
       brief; Newton schließt sie mit dem Postulat des göttlichen ersten
       Anstoßes. Der  höchste allgemeine Gedanke, zu dem diese Naturwis-
       senschaft sich  aufschwang, war der der Zweckmäßigkeit der Natur-
       einrichtungen, die flache Wolffsche Teleologie, wonach die Katzen
       geschaffen wurden, um die Mäuse zu fressen, die Mäuse, um von den
       Katzen gefressen  zu werden, und die ganze Natur, um die Weisheit
       des Schöpfers darzutun. Es gereicht der damaligen Philosophie zur
       höchsten Ehre,  daß sie  sich durch  den beschränkten  Stand  der
       gleichzeitigen Naturkenntnisse  nicht beirren ließ, daß sie - von
       Spinoza bis  zu den  großen französischen  Materialisten - darauf
       beharrte, die Welt aus sich selbst zu erklären, und der Naturwis-
       senschaft der Zukunft die Rechtfertigung im Detail überließ.
       Ich rechne  die Materialisten  des achtzehnten  Jahrhunderts noch
       mit zu  dieser Periode, weil ihnen kein andres naturwissenschaft-
       liches Material zu
       
       #316# Dialektik der Natur
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       Gebote stand  als das  oben  geschilderte.  Kants  epochemachende
       Schrift blieb ihnen ein Geheimnis, und Laplace kam lange nach ih-
       nen [26].  Vergessen wir nicht, daß diese veraltete Naturanschau-
       ung, obwohl an allen Ecken und Enden durchlöchert durch den Fort-
       schritt der  Wissenschaft, die ganze erste Hälfte des neunzehnten
       Jahrhunderts beherrscht  hat 1*)  und noch  jetzt, der Hauptsache
       nach, auf allen Schulen gelehrt wird *).
       Die erste  Bresche in  diese versteinerte  Naturanschauung  wurde
       geschossen nicht  durch einen  Naturforscher, sondern durch einen
       Philosophen. 1755  erschien    K a n t s    "Allgemeine  Naturge-
       schichte und  Theorie des Himmels". Die Frage nach dem ersten An-
       stoß war  beseitigt: die Erde und das ganze Sonnensystem erschie-
       nen als  etwas im  Verlauf der  Zeit  G e w o r d e n e s.  Hätte
       die große  Mehrzahl der Naturforscher weniger von dem Abscheu vor
       dem Denken gehabt, den Newton mit der Warnung ausspricht: Physik,
       hüte dich vor der Metaphysik! [174] - sie hätten aus dieser einen
       genialen Entdeckung  Kants Folgerungen  ziehn müssen,  die  ihnen
       endlose Abwege,  unermeßliche Mengen  in falschen Richtungen ver-
       geudeter Zeit  und Arbeit  ersparte. Denn in Kants Entdeckung lag
       der Springpunkt  alles ferneren  Fortschritts. War die Erde etwas
       Gewordenes, so  mußte ihr  gegenwärtiger geologischer, geographi-
       scher, klimatischer Zustand, mußten ihre Pflanzen und Tiere eben-
       falls etwas  Gewordenes sein,  mußte sie  eine  Geschichte  haben
       nicht nur  im Raum  nebeneinander, sondern auch in der Zeit nach-
       einander. Wäre  sofort in dieser Richtung entschlossen fortunter-
       sucht worden,  die Naturwissenschaft wäre jetzt bedeutend weiter,
       als sie ist. Aber was
       ---
       *) Wie unerschütterlich noch 1861 ein Mann an diese Ansicht glau-
       ben kann,  dessen wissenschaftliche Leistungen höchst bedeutendes
       Material zu  ihrer Beseitigung  geliefert haben,  zeigen folgende
       klassischen Worte:
       "Alle [Einrichtungen  im System  unserer Sonne zielen, soweit wir
       sie zu  durchschauen imstande sind, auf Erhaltung des Bestehenden
       und unabänderliche  Dauer. Wie  kein Tier, keine Pflanze der Erde
       seit den  ältesten Zeiten vollkommener oder überhaupt ein anderes
       geworden ist, wie wir in allen Organismen nur Stufenfolgen neben-
       einander, nicht  nacheinander antreffen,  wie unser  eigenes  Ge-
       schlecht in körperlicher Beziehung stets dasselbe geblieben ist -
       so wird auch selbst die größte Mannigfaltigkeit der koexistieren-
       den Weltkörper  uns nicht berechtigen, in diesen Formen bloß ver-
       schiedene Entwicklungsstufen  anzunehmen, vielmehr  ist alles Er-
       schaffene gleich  vollkommen] in  sich" (Mädler,  "Pop.  Astrono-
       mie]", Berlin 1861, 5. Aufl., S. 316).
       -----
       1*) Am Rande  des Manuskripts  vermerkte Engels:  "Die Festigkeit
       der alten  Naturanschauung lieferte den Boden zur allgemeinen Zu-
       sammenfassung der  gesamten Naturwissenschaft als ein Ganzes. Die
       französischen  Enzyklopädisten,   noch  rein   mechanisch  neben-
       einander, dann  gleichzeitig St. Simon und deutsche Naturphiloso-
       phie, vollendet durch Hegel."
       
       #317# Einleitung
       -----
       konnte von der Philosophie Gutes kommen? Kants Schrift blieb ohne
       unmittelbares Resultat,  bis lange  Jahre später Laplace und Her-
       schel ihren Inhalt ausführten und näher begründeten und damit die
       "Nebularhypothese" allmählich  zu Ehren brachten. Fernere Entdec-
       kungen verschafften  ihr endlich den Sieg; die wichtigsten darun-
       ter waren:  die Eigenbewegung  der Fixsterne,  der Nachweis eines
       widerstehenden Mittels im Weltraum, der durch die Spektralanalyse
       geführte Beweis  der chemischen Identität der Weltmaterie und des
       Bestehens solcher  glühenden Nebelmassen,  wie Kant sie vorausge-
       setzt 1*).
       Es ist  aber erlaubt  zu zweifeln,  ob der Mehrzahl der Naturfor-
       scher der  Widerspruch einer sich verändernden Erde, die unverän-
       derliche Organismen  tragen soll, so bald zum Bewußtsein gekommen
       wäre, hätte  die aufdämmernde  Anschauung, daß  die  Natur  nicht
       i s t, sondern   w i r d   und   v e r g e h t,  nicht von andrer
       Seite Sukkurs  bekommen. Die Geologie entstand und wies nicht nur
       nacheinander gebildete  und übereinander  gelagerte  Erdschichten
       auf, sondern  auch in diesen Schichten die erhaltenen Schalen und
       Skelette ausgestorbner  Tiere, die  Stämme, Blätter  und  Früchte
       nicht mehr vorkommender Pflanzen. Man mußte sich entschließen an-
       zuerkennen, daß nicht nur die Erde im ganzen und großen, daß auch
       ihre jetzige  Oberfläche und  die darauf  lebenden  Pflanzen  und
       Tiere eine  zeitliche Geschichte  hatten. Die Anerkennung geschah
       anfangs widerwillig  genug. Cuviers  Theorie von den Revolutionen
       der Erde war revolutionär in der Phrase und reaktionär in der Sa-
       che. An die Stelle der Einen göttlichen Schöpfung setzte sie eine
       ganze Reihe  wiederholter Schöpfungsakte,  machte das  Mirakel zu
       einem wesentlichen  Hebel der  Natur. Erst Lyell brachte Verstand
       in die  Geologie, indem  er die plötzlichen, durch die Launen des
       Schöpfers hervorgerufenen Revolutionen ersetzte durch die allmäh-
       lichen Wirkungen einer langsamen Umgestaltung der Erde. *)
       Die Lyellsche  Theorie war  noch unverträglicher  mit der Annahme
       beständiger organischer  Arten als alle ihre Vorgängerinnen. All-
       mähliche Umgestaltung der Erdoberfläche und aller Lebensbedingun-
       gen führte direkt
       ---
       *) Der Mangel der Lyellschen Anschauung - wenigstens in ihrer er-
       sten Form  - lag darin, daß sie die auf der Erde wirkenden Kräfte
       als konstant  auffaßte, konstant nach Qualität und Quantität. Die
       Abkühlung der  Erde besteht  nicht für  ihn; die  Erde entwickelt
       sich nicht in bestimmter Richtung, sie verändert sich bloß in zu-
       sammenhangsloser, zufälliger Weise.
       -----
       1*) Am  Rande des  Manuskripts vermerkte  Engels  mit  Bleistift:
       "Flutwellenrotationshemmung, auch  von Kant,  erst jetzt verstan-
       den"
       
       #318# Dialektik der Natur
       -----
       auf allmähliche Umgestaltung der Organismen und ihre Anpassung an
       die sich ändernde Umgebung, auf die Wandelbarkeit der Arten. Aber
       die Tradition  ist eine  Macht nicht nur in der katholischen Kir-
       che, sondern auch in der Naturwissenschaft. Lyell selbst sah jah-
       relang den  Widerspruch nicht, seine Schüler noch weniger. Es ist
       dies nur  zu erklären  durch die  inzwischen in  der Naturwissen-
       schaft herrschend gewordne Teilung der Arbeit, die jeden auf sein
       spezielles Fach  mehr oder  weniger beschränkte  und  nur  wenige
       nicht des allgemeinen Überblicks beraubte.
       Inzwischen hatte die Physik gewaltige Fortschritte gemacht, deren
       Resultate in  dem für  diesen Zweig  der Naturforschung epochema-
       chenden Jahr  1842 von drei verschiedenen Männern fast gleichzei-
       tig zusammengefaßt  wurden. Mayer  in Heilbronn und Joule in Man-
       chester wiesen  den Umschlag  von Wärme  in mechanische Kraft und
       von mechanischer Kraft in Wärme nach. Die Feststellung des mecha-
       nischen Äquivalents  der Wärme stellte dies Resultat außer Frage.
       Gleichzeitig bewies Grovet [175] - kein Naturforscher von Profes-
       sion, sondern  ein englischer  Advokat - durch einfache Verarbei-
       tung der  bereits erreichten  einzelnen physikalischen  Resultate
       die Tatsache,  daß alle  sog. physikalischen  Kräfte, mechanische
       Kraft, Wärme,  Licht, Elektrizität,  Magnetismus, ja  selbst  die
       sog. chemische  Kraft, unter  bestimmten Bedingungen  die eine in
       die andre  umschlagen, ohne daß irgendwelcher Kraftverlust statt-
       findet, und  bewies so  nachträglich auf  physikalischem Wege den
       Satz des Descartes, daß die Quantität der in der Welt vorhandenen
       Bewegung unveränderlich  ist [37].  Hiermit waren  die  besondren
       physikalischen Kräfte, sozusagen die unveränderlichen "Arten" der
       Physik, in  verschieden differenzierte und nach bestimmten Geset-
       zen ineinander übergehende Bewegungsformen der Materie aufgelöst.
       Die Zufälligkeit  des Bestehens  von soundso  viel physikalischen
       Kräften war  aus der Wissenschaft beseitigt, indem ihre Zusammen-
       hänge und  Übergänge nachgewiesen.  Die Physik war, wie schon die
       Astronomie, bei  einem Resultat angekommen, das mit Notwendigkeit
       auf den  ewigen Kreislauf der sich bewegenden Materie als Letztes
       hinwies.
       Die wunderbar  rasche Entwicklung  der Chemie  seit Lavoisier und
       besonders seit Dalton griff die alten Vorstellungen von der Natur
       von einer  andern Seite  an. Durch  Herstellung von bisher nur im
       lebenden Organismus erzeugten Verbindungen auf anorganischem Wege
       wies sie  nach, daß  die Gesetze der Chemie für organische Körper
       dieselbe Gültigkeit  haben wie  für unorganische,  und füllte sie
       einen großen  Teil der noch nach Kant auf ewig unüberschreitbaren
       Kluft zwischen unorganischer und organischer Natur aus.
       
       #319# Einleitung
       -----
       Endlich hatten  auch auf  dem Gebiet  der biologischen Forschung,
       namentlich die  seit Mitte  des vorigen Jahrhunderts systematisch
       betriebnen wissenschaftlichen  Reisen und  Expeditionen, die  ge-
       nauere Durchforschung der europäischen Kolonien in allen Welttei-
       len durch dort lebende Fachleute, ferner die Fortschritte der Pa-
       läontologie, der  Anatomie und  Physiologie überhaupt,  besonders
       seit systematischer  Anwendung des  Mikroskops und Entdeckung der
       Zelle, so viel Material gesammelt, daß die Anwendung der verglei-
       chenden Methode  möglich und zugleich notwendig wurde. 1*) Einer-
       seits wurden  durch die  vergleichende physische  Geographie  die
       Lebensbedingungen der  verschiednen  Floren  und  Faunen  festge-
       stellt, andrerseits  die verschiednen Organismen nach ihren homo-
       logen Organen untereinander verglichen, und zwar nicht nur im Zu-
       stand der  Reife, sondern  auf allen ihren Entwicklungsstufen. Je
       tiefer und  genauer diese  Untersuchung geführt wurde, desto mehr
       zerfloß ihr  unter den  Händen jenes starre System einer unverän-
       derlich fixierten  organischen Natur.  Nicht nur,  daß immer mehr
       einzelne Arten  von Pflanzen  und Tieren  rettungslos  ineinander
       verschwammen, es  tauchten Tiere auf, wie Amphioxus und Lepidosi-
       ren [176], die aller bisherigen Klassifikation spotteten 2*), und
       endlich stieß man auf Organismen, von denen nicht einmal zu sagen
       war, ob  sie zum  Pflanzenreich oder  zum Tierreich gehörten. Die
       Lücken im paläontologischen Archiv füllten sich mehr und mehr und
       zwangen auch  dem Widerstrebendsten den schlagenden Parallelismus
       auf, der zwischen der Entwicklungsgeschichte der organischen Welt
       im ganzen  und großen  und der  des einzelnen Organismus besteht,
       den Ariadnefaden,  der aus dem Labyrinth führen sollte, worin Bo-
       tanik und  Zoologie sich  tiefer und tiefer zu verirren schienen.
       Es war  bezeichnend, daß  fast gleichzeitig mit Kants Angriff auf
       die Ewigkeit des Sonnensystems C.F. Wolff 1759 den ersten Angriff
       auf die  Beständigkeit der  Arten erließ und die Abstammungslehre
       proklamierte [178].  Aber was  bei ihm nur noch geniale Antizipa-
       tion, das nahm bei Oken, Lamarck, Baer feste Gestalt an und wurde
       genau 100  Jahre später,  1859, von  Darwin sieghaft durchgeführt
       [179]. Fast  gleichzeitig wurde  konstatiert, daß Protoplasma und
       Zelle, die  schon früher  als letzte Formbestandteile aller Orga-
       nismen nachgewiesen, als niedrigste organische Formen selbständig
       lebend vorkommen.  Damit war  sowohl die Kluft zwischen anorgani-
       scher und  organischer Natur  auf ein Minimum reduziert, wie auch
       eine der  wesentlichsten Schwierigkeiten  beseitigt, die  der Ab-
       stammungstheorie der Organismen bisher entgegenstand.
       -----
       1*) Am Rande  des Manuskripts vermerkte Engels: "Embryologie" - 2
       am Rande  des Manuskripts  vermerkte Engels: "Ceratodus. Dito Ar-
       chaeopteryx etc." [177]
       
       #320# Dialektik der Natur
       -----
       Die neue  Naturanschauung war  in ihren  Grundzügen fertig: Alles
       Starre war aufgelöst, alles Fixierte verflüchtigt, alles für ewig
       gehaltene Besondere  vergänglich geworden, die ganze Natur als in
       ewigem Fluß und Kreislauf sich bewegend nachgewiesen.
       
                                   ---
       
       Und so sind wir denn wieder zurückgekehrt zu der Anschauungsweise
       der großen  Gründer der griechischen Philosophie, daß die gesamte
       Natur, vom  Kleinsten bis zum Größten, von den Sandkörnern bis zu
       den Sonnen,  von den  Protisten [42]  bis zum Menschen, in ewigem
       Entstehen und  Vergehen, in unaufhörlichem Fluß, in rastloser Be-
       wegung und  Veränderung ihr  Dasein hat. Nur mit dem wesentlichen
       Unterschied, daß, was bei den Griechen geniale Intuition war, bei
       uns Resultat  streng wissenschaftlicher,  erfahrungsmäßiger  For-
       schung ist  und daher auch in viel bestimmterer und klarerer Form
       auftritt. Allerdings  ist der  empirische Nachweis  dieses Kreis-
       laufs nicht  ganz und  gar frei von Lücken, aber diese sind unbe-
       deutend im  Vergleich zu dem, was bereits sichergestellt ist, und
       füllen sich  mit jedem Jahr mehr und mehr aus. Und wie könnte der
       Nachweis im  Detail anders als lückenhaft sein, wenn man bedenkt,
       daß die  wesentlichsten Zweige der Wissenschaft - die transplane-
       tarische Astronomie, die Chemie, die Geologie - kaum ein Jahrhun-
       dert, die  vergleichende Methode  in der Physiologie kaum fünfzig
       Jahre wissenschaftlicher  Existenz zählen, daß die Grundform fast
       aller Lebensentwicklung, die Zelle, noch nicht vierzig Jahre ent-
       deckt ist! 1*)
       
                                   ---
       
       Aus wirbelnden,  glühenden  Dunstmassen,  deren  Bewegungsgesetze
       vielleicht erschlossen  werden, nachdem die Beobachtungen einiger
       Jahrhunderte uns  über die Eigenbewegung der Sterne Klarheit ver-
       schafft, entwickelten  sich durch  Zusammenziehung und  Abkühlung
       die zahllosen  Sonnen und  Sonnensysteme unsrer von den äußersten
       Sternringen der  Milchstraße begrenzten Weltinsel. Diese Entwick-
       lung ging  offenbar nicht  überall gleich  schnell vor  sich. Die
       Existenz dunkler,  nicht bloß  planetarischer Körper, also ausge-
       glühter Sonnen  in unserm Sternsystem, drängt sich der Astronomie
       mehr und mehr auf (Mädler); andrerseits gehört (nach
       -----
       1*) Dieser Absatz  ist im Engelsschen Manuskript vom vorhergehen-
       den und  vom folgenden  Absatz durch horizontale Striche getrennt
       und schräg  durchgestrichen, wie  es Engels  mit solchen Absätzen
       eines Manuskripts  zu tun pflegte, die er in anderen Arbeiten be-
       nutzt hatte.
       
       
       #321# Einleitung
       -----
       Secchi) ein  Teil der  dunstförmigen Nebelflecke  als noch  nicht
       fertige Sonnen  zu unserm Sternsystem, wodurch nicht ausgeschlos-
       sen ist,  daß andre  Nebel, wie Mädler behauptet, ferne selbstän-
       dige Weltinseln  sind, deren relative Entwicklungsstufe das Spek-
       troskop festzustellen hat. [180]
       Wie aus  einer einzelnen Dunstmasse ein Sonnensystem sich entwic-
       kelt, hat  Laplace im  Detail in  bis jetzt  unübertroffner Weise
       nachgewiesen; die  spätere Wissenschaft hat ihn mehr und mehr be-
       stätigt.
       Auf den so gebildeten einzelnen Körpern - Sonnen wie Planeten und
       Satelliten - herrscht anfangs diejenige Bewegungsform der Materie
       vor, die  wir Wärme  nennen. Von chemischen Verbindungen der Ele-
       mente kann  selbst bei  einer Temperatur,  wie sie heute noch die
       Sonne hat,  keine Rede  sein; inwieweit  die Wärme  sich dabei in
       Elektrizität oder  Magnetismus umsetzt,  werden fortgesetzte Son-
       nenbeobachtungen zeigen; daß die auf der Sonne vorgehenden mecha-
       nischen Bewegungen  lediglich aus  dem Konflikt der Wärme mit der
       Schwere hervorgehn, ist schon jetzt so gut wie ausgemacht.
       Die einzelnen Körper kühlen sich um so rascher ab, je kleiner sie
       sind. Satelliten,  Asteroiden, Meteore  zuerst, wie denn ja unser
       Mond längst  verstorben ist.  Langsamer die Planeten, am langsam-
       sten der Zentralkörper.
       Mit der  fortschreitenden Abkühlung  tritt das  Wechselspiel  der
       ineinander umschlagenden  physikalischen Bewegungsformen mehr und
       mehr in den Vordergrund, bis endlich ein Punkt erreicht wird, von
       wo an  die chemische  Verwandtschaft anfängt, sich geltend zu ma-
       chen, wo die bisher chemisch indifferenten Elemente sich nachein-
       ander chemisch  differenzieren, chemische Eigenschaften erlangen,
       Verbindungen miteinander  eingehn.  Diese  Verbindungen  wechseln
       fortwährend mit  der abnehmenden  Temperatur, die nicht nur jedes
       Element, sondern auch jede einzelne Verbindung von Elementen ver-
       schieden beeinflußt,  mit dem  davon abhängenden  Übergang  eines
       Teils der  gasförmigen Materie  zuerst in  den flüssigen, dann in
       den festen  Zustand und mit den dadurch geschaffenen neuen Bedin-
       gungen.
       Die Zeit,  wo der  Planet eine feste Rinde und Wasseransammlungen
       auf seiner  Oberfläche hat,  fällt zusammen  mit der,  von wo  an
       seine Eigenwärme  mehr und  mehr zurücktritt  gegen die ihm zuge-
       sandte Wärme des Zentralkörpers. Seine Atmosphäre wird der Schau-
       platz meteorologischer  Erscheinungen in  dem Sinne,  wie wir das
       Wort jetzt verstehn, seine Oberfläche der Schauplatz geologischer
       Veränderungen, bei  denen die  durch atmosphärische Niederschläge
       herbeigeführten Ablagerungen immer mehr Übergewicht erlangen über
       die sich  langsam abschwächenden  Wirkungen nach  außen des heiß-
       flüssigen Innern.
       
       #322# Dialektik der Natur
       -----
       Gleicht sich  endlich die  Temperatur so weit aus, daß sie wenig-
       stens an  einer beträchtlichen  Stelle der Oberfläche die Grenzen
       nicht mehr überschreitet, in denen das Eiweiß lebensfähig ist, so
       bildet sich, unter sonst günstigen chemischen Vorbedingungen, le-
       bendiges Protoplasma.  Welches diese  Vorbedingungen sind, wissen
       wir heute  noch nicht,  was nicht  zu verwundern, da nicht einmal
       die chemische  Formel des Eiweißes bis jetzt feststeht, wir, noch
       nicht einmal  wissen, wieviel  chemisch verschiedene Eiweißkörper
       es gibt,  und da  erst seit ungefähr zehn Jahren die Tatsache be-
       kannt ist,  daß vollkommen strukturloses Eiweiß alle wesentlichen
       Funktionen des  Lebens, Verdauung,  Ausscheidung, Bewegung,  Kon-
       traktion, Reaktion gegen Reize, Fortpflanzung, vollzieht.
       Es mag  Jahrtausende gedauert  haben, bis die Bedingungen eintra-
       ten, unter  denen der nächste Fortschritt geschehn und dies form-
       lose Eiweiß  durch Bildung von Kern und Haut die erste Zelle her-
       stellen konnte.  Aber mit dieser ersten Zelle war auch die Grund-
       lage der  Formbildung der ganzen organischen Welt gegeben; zuerst
       entwickelten sich, wie wir nach der ganzen Analogie des paläonto-
       logischen Archivs annehmen dürfen, zahllose Arten zellenloser und
       zelliger Protisten,  wovon das einzige Eozoon canadense [181] uns
       überliefert, und  wovon einige allmählich zu den ersten Pflanzen,
       andre zu  den ersten Tieren sich differenzierten. Und von den er-
       sten Tieren  aus entwickelten sich, wesentlich durch weitere Dif-
       ferenzierung, die zahllosen Klassen, Ordnungen, Familien, Gattun-
       gen und  Arten der  Tiere, zuletzt die Form, in der das Nervensy-
       stem zu  seiner vollsten  Entwicklung kommt, die der Wirbeltiere,
       und wieder  zuletzt unter diesen das Wirbeltier, in dem die Natur
       das Bewußtsein ihrer selbst erlangt - der Mensch.
       Auch der Mensch entsteht durch Differenzierung. Nicht nur indivi-
       duell, aus  einer einzigen Eizelle bis zum kompliziertesten Orga-
       nismus differenziert, den die Natur hervorbringt - nein, auch hi-
       storisch. Als  nach jahrtausendelangem Ringen die Differenzierung
       der Hand  vom Fuß,  der aufrechte  Gang, endlich festgestellt, da
       war der  Mensch vom Affen geschieden, da war der Grund gelegt zur
       Entwicklung der  artikulierten Sprache und zu der gewaltigen Aus-
       bildung des  Gehirns, die seitdem die Kluft zwischen Menschen und
       Affen unübersteiglich gemacht hat. Die Spezialisierung der Hand -
       das bedeutet das  W e r k z e u g,  und das Werkzeug bedeutet die
       spezifisch menschliche  Tätigkeit, die  umgestaltende Rückwirkung
       des Menschen  auf die Natur, die Produktion. Auch Tiere im engern
       Sinne haben  Werkzeuge, aber  nur als  Glieder ihres Leibes - die
       Ameise, die  Biene, der  Biber; auch Tiere produzieren, aber ihre
       produktive Einwirkung  auf die  umgebende Natur ist dieser gegen-
       über gleich Null. Nur der Mensch hat es fertiggebracht,
       
       #323# Einleitung
       -----
       der Natur  seinen Stempel aufzudrücken, indem er nicht nur Pflan-
       zen und  Tiere versetzte, sondern auch den Aspekt, das Klima sei-
       nes Wohnorts, ja die Pflanzen und Tiere selbst so veränderte, daß
       die Folgen seiner Tätigkeit nur mit dem allgemeinen Absterben des
       Erdballs verschwinden  können.  Und  das  hat  er  fertiggebracht
       zunächst und  wesentlich vermittelst  der   H a n d.   Selbst die
       Dampfmaschine, bis  jetzt sein mächtigstes Werkzeug zur Umgestal-
       tung der Natur, beruht, weil Werkzeug, in letzter Instanz auf der
       Hand. Aber  mit der Hand entwickelte sich Schritt für Schritt der
       Kopf, kam das Bewußtsein zuerst der Bedingungen einzelner prakti-
       scher Nutzeffekte,  und später,  bei den  begünstigteren Völkern,
       daraus hervorgehend  die Einsicht in die sie bedingenden Naturge-
       setze. Und  mit der  rasch wachsenden  Kenntnis der  Naturgesetze
       wuchsen die Mittel der Rückwirkung auf die Natur; die Hand allein
       hätte die  Dampfmaschine nie fertiggebracht, hätte das Gehirn des
       Menschen sich  nicht mit  und neben  ihr und  teilweise durch sie
       korrelativ entwickelt.
       Mit dem  Menschen treten  wir ein  in die    G e s c h i c h t e.
       Auch die  Tiere haben  eine Geschichte,  die ihrer Abstammung und
       allmählichen Entwicklung bis auf ihren heutigen Stand. Aber diese
       Geschichte wird  für sie  gemacht, und  soweit sie  selbst  daran
       teilnehmen, geschieht es ohne ihr Wissen und Wollen. Die Menschen
       dagegen, je mehr sie sich vom Tier im engeren Sinn entfernen, de-
       sto mehr machen sie ihre Geschichte selbst, mit Bewußtsein, desto
       geringer wird der Einfluß unvorhergesehener Wirkungen, unkontrol-
       lierter Kräfte auf diese Geschichte, desto genauer entspricht der
       geschichtliche Erfolg  dem vorher festgestellten Zweck. Legen wir
       aber diesen  Maßstab an  die menschliche  Geschichte, selbst  der
       entwickeltsten Völker der Gegenwart, so finden wir, daß hier noch
       immer ein  kolossales Mißverhältnis  besteht zwischen  den vorge-
       steckten Zielen  und den erreichten Resultaten, daß die unvorher-
       gesehenen Wirkungen vorherrschen, daß die unkontrollierten Kräfte
       weit mächtiger  sind als die planmäßig in Bewegung gesetzten. Und
       dies kann nicht anders sein, solange die wesentlichste geschicht-
       liche Tätigkeit der Menschen, diejenige, die sie aus der Tierheit
       zur Menschheit emporgehoben hat, die die materielle Grundlage al-
       ler ihrer  übrigen Tätigkeiten  bildet, die  Produktion ihrer Le-
       bensbedürfnisse, d.h.  heutzutage die  gesellschaftliche  Produk-
       tion, erst  recht dem  Wechselspiel unbeabsichtigter Einwirkungen
       von unkontrollierten  Kräften unterworfen  ist und  den gewollten
       Zweck nur ausnahmsweise, weit häufiger aber sein grades Gegenteil
       realisiert. Wir haben in den fortgeschrittensten Industrieländern
       die Naturkräfte gebändigt und in den Dienst der Menschen gepreßt;
       wir haben damit die Produktion ins unendliche vervielfacht, so
       
       #324# Dialektik der Natur
       -----
       daß ein  Kind jetzt  mehr erzeugt  als früher hundert Erwachsene.
       Und was  ist die Folge? Steigende Überarbeit und steigendes Elend
       der Massen  und alle  zehn Jahre  ein großer  Krach. Darwin wußte
       nicht, welch  bittre Satire er auf die Menschen und besonders auf
       seine Landsleute  schrieb, als er nachwies, daß die freie Konkur-
       renz, der  Kampf ums  Dasein, den  die Ökonomen  als höchste  ge-
       schichtliche  Errungenschaft   feiern,  der   Normalzustand   des
       T i e r r e i c h s   ist. Erst eine bewußte Organisation der ge-
       sellschaftlichen Produktion, in der planmäßig produziert und ver-
       teilt wird, kann die Menschen ebenso in gesellschaftlicher Bezie-
       hung aus  der übrigen  Tierwelt herausheben, wie dies die Produk-
       tion überhaupt  für die  Menschen in spezifischer Beziehung getan
       hat. Die  geschichtliche Entwicklung  macht eine solche Organisa-
       tion täglich unumgänglicher, aber auch täglich möglicher. Von ihr
       wird eine  neue Geschichtsepoche  datieren, in  der die  Menschen
       selbst, und  mit ihnen  alle Zweige  ihrer Tätigkeit,  namentlich
       auch die  Naturwissenschaft, einen  Aufschwung nehmen werden, der
       alles Bisherige in tiefen Schatten stellt.
       Indes, "alles  was entsteht,  ist wert,  daß  es  zugrunde  geht"
       [182]. Millionen Jahre mögen darüber vergehn, Hunderttausende von
       Geschlechtern geboren werden und sterben; aber unerbittlich rückt
       die Zeit  heran, wo  die sich erschöpfende Sonnenwärme nicht mehr
       ausreicht, das  von den Polen herandrängende Eis zu schmelzen, wo
       die sich mehr und mehr um den Äquator zusammendrängenden Menschen
       endlich auch  dort nicht  mehr Wärme  genug zum  Leben finden, wo
       nach und  nach auch die letzte Spur organischen Lebens verschwin-
       det und die Erde, ein erstorbner, erfrorner Ball wie der Mond, in
       tiefer Finsternis  und in  immer engeren  Bahnen um die ebenfalls
       erstorbne Sonne  kreist und  endlich hineinfällt.  Andre Planeten
       werden ihr vorangegangen sein, andre folgen ihr; anstatt des har-
       monisch gegliederten,  hellen, warmen  Sonnensystems verfolgt nur
       noch eine  kalte, tote  Kugel ihren  einsamen Weg durch den Welt-
       raum. Und so wie unserm Sonnensystem ergeht es früher oder später
       allen andern Systemen unsrer Weltinsel, ergeht es denen aller üb-
       rigen zahllosen  Weltinseln, selbst  denen, deren  Licht nie  die
       Erde erreicht,  solange ein menschliches Auge auf ihr lebt, es zu
       empfangen.
       Und wenn  nun ein  solches Sonnensystem  seinen Lebenslauf  voll-
       bracht und dem Schicksal alles Endlichen, dem Tode verfallen ist,
       wie dann?  Wird die Sonnenleiche in Ewigkeit als Leiche durch den
       unendlichen Raum  fortrollen und  alle die ehemals unendlich man-
       nigfaltig differenzierten Naturkräfte für immer in die eine Bewe-
       gungsform der Attraktion aufgehn?
       
       #325# Einleitung
       -----
       "Oder", wie Secchi fragt (p. 810), "sind Kräfte in der Natur vor-
       handen, welche  das tote  System in  den anfänglichen Zustand des
       glühenden Nebels  zurückversetzen und  es zu  neuem Leben  wieder
       aufwecken können? Wir wissen es nicht." [183]
       
       Allerdings wissen  wir das nicht in dem Sinn, wie wir wissen, daß
       2 × 2 =  4 ist,  oder daß  die Attraktion der Materie zu- und ab-
       nimmt nach  dem Quadrat der Entfernung. Aber in der theoretischen
       Naturwissenschaft, die  ihre Naturanschauung  möglichst zu  einem
       harmonischen Ganzen  verarbeitet und  ohne die  heutzutage selbst
       der gedankenloseste  Empiriker nicht  vom Fleck  kommt, haben wir
       sehr oft mit unvollkommen bekannten Größen zu rechnen und hat die
       Konsequenz des  Gedankens zu allen Zeiten der mangelhaften Kennt-
       nis forthelfen  müssen. Nun hat die moderne Naturwissenschaft den
       Satz von  der Unzerstörbarkeit  der Bewegung  von der Philosophie
       adoptieren müssen;  ohne ihn kann sie nicht mehr bestehn. Die Be-
       wegung der Materie aber, das ist nicht bloß die grobe mechanische
       Bewegung, die  bloße Ortsveränderung,  das ist  Wärme und  Licht,
       elektrische und magnetische Spannung, chemisches Zusammengehn und
       Auseinandergehn, Leben und schließlich Bewußtsein. Sagen, daß die
       Materie während  ihrer ganzen  zeitlos unbegrenzten  Existenz nur
       ein einziges Mal und für eine ihrer Ewigkeit gegenüber verschwin-
       dend kurze  Zeit in  der Möglichkeit sich befindet, ihre Bewegung
       zu differenzieren und dadurch den ganzen Reichtum dieser Bewegung
       zu entfalten,  und daß sie vor- und nachher in Ewigkeit auf bloße
       Ortsveränderung beschränkt  bleibt - das heißt behaupten, daß die
       Materie sterblich  und die  Bewegung vergänglich  ist. Die Unzer-
       störbarkeit der  Bewegung kann  nicht bloß  quantitativ, sie  muß
       auch qualitativ  gefaßt werden; eine Materie, deren rein mechani-
       sche Ortsveränderung  zwar die  Möglichkeit in  sich trägt, unter
       günstigen Bedingungen  in Wärme,  Elektrizität, chemische Aktion,
       Leben umzuschlagen,  die aber  außerstande ist, diese Bedingungen
       aus sich  selbst zu  erzeugen, eine  solche Materie hat  B e w e-
       g u n g   e i n g e b ü ß t;   eine Bewegung,  die die  Fähigkeit
       verloren hat,  sich in  die ihr  zukommenden verschiedenen Formen
       umzusetzen, hat  zwar noch  Dynamis 1*),  aber keine Energeia 2*)
       mehr, und  ist damit  teilweise zerstört  worden. Beides aber ist
       undenkbar.
       Soviel ist  sicher: Es  gab eine  Zeit,  wo  die  Materie  unsrer
       Weltinsel eine  solche Menge  Bewegung -  welcher Art, wissen wir
       bis jetzt  nicht -  in Wärme  umgesetzt hatte,  daß daraus die zu
       (nach Mädler) mindestens 20 Millionen Sternen gehörigen Sonnensy-
       steme sich entwickeln konnten, deren allmähliches Absterben eben-
       falls gewiß ist. Wie ging dieser Umsatz
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       1*) Potenz, zu wirken - 2*) Wirksamkeit
       
       #326# Dialektik der Natur
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       vor sich?  Wir wissen  es ebensowenig,  wie Pater Secchi weiß, ob
       das künftige  caput mortuum 1*) unsres Sonnensystems je wieder in
       Rohstoff zu  neuen Sonnensystemen  verwandelt wird. Aber entweder
       müssen wir  hier auf  den Schöpfer  rekurrieren, oder wir sind zu
       der Schlußfolgerung  gezwungen, daß  der glühende Rohstoff zu den
       Sonnensystemen unsrer  Weltinsel  auf  natürlichem  Wege  erzeugt
       wurde, durch  Bewegungsverwandlungen, die der sich bewegenden Ma-
       terie   v o n   N a t u r   z u s t e h n,  und deren Bedingungen
       also auch von der Materie, wenn auch erst nach Millionen und aber
       Millionen Jahren,  mehr oder  weniger zufällig, aber mit der auch
       dem Zufall inhärenten Notwendigkeit sich reproduzieren müssen.
       Die Möglichkeit  einer solchen  Umwandlung wird mehr und mehr zu-
       gegeben. Man  kommt  zu  der  Ansicht,  daß  die  Weltkörper  die
       schließliche Bestimmung  haben, ineinander zu fallen, und man be-
       rechnet sogar,  die Wärmemenge, die sich bei solchen Zusammenstö-
       ßen entwickeln  muß. Das  plötzliche Aufblitzen neuer Sterne, das
       ebenso plötzliche  hellere Aufleuchten  altbekannter, von dem die
       Astronomie uns berichtet, erklärt sich am leichtesten aus solchen
       Zusammenstößen. Dabei  bewegt sich nicht nur unsre Planetengruppe
       um die  Sonne und unsre Sonne innerhalb unsrer Weltinsel, sondern
       auch unsre  ganze Weltinsel  bewegt sich fort im Weltraum in tem-
       porärem, relativem Gleichgewicht mit den übrigen Weltinseln; denn
       selbst relatives  Gleichgewicht frei  schwebender Körper kann nur
       bestehn bei gegenseitig bedingter Bewegung; und manche nehmen an,
       daß die  Temperatur  im  Weltraum  nicht  überall  dieselbe  ist.
       Endlich: Wir wissen, daß mit Ausnahme eines verschwindend kleinen
       Teils die  Wärme der  zahllosen Sonnen  unsrer Weltinsel  im Raum
       verschwindet und sich vergeblich abmüht, die Temperatur des Welt-
       raums auch  nur um  ein Milliontel  Grad Celsius  zu erhöhen. Was
       wird aus all dieser enormen Wärmequantität? Ist sie für alle Zei-
       ten aufgegangen  in dem  Versuch, den Weltraum zu heizen, hat sie
       praktisch aufgehört  zu existieren und besteht sie nur noch theo-
       retisch weiter  in der Tatsache, daß der Weltraum wärmer geworden
       ist um  einen Graddezimalbruchteil, der mit zehn oder mehr Nullen
       anfängt? Diese Annahme leugnet die Unzerstörbarkeit der Bewegung;
       sie läßt die Möglichkeit zu, daß durch sukzessives Ineinanderfal-
       len der  Weltkörper alle vorhandene mechanische Bewegung in Wärme
       verwandelt und  diese in  den Weltraum  ausgestrahlt werde, womit
       trotz aller  "Unzerstörbarkeit der Kraft" alle Bewegung überhaupt
       aufgehört hätte.  (Es zeigt  sich hier  beiläufig, wie schief die
       Bezeichnung: Unzerstörbarkeit  der Kraft,  statt Unzerstörbarkeit
       der Bewegung ist.) Wir kommen also zu dem Schluß, daß auf
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       1*) der tote Überrest
       
       #327# Einleitung
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       einem Wege,  den es  später einmal die Aufgabe der Naturforschung
       sein wird  aufzuzeigen, die  in den  Weltraum ausgestrahlte Wärme
       die Möglichkeit haben muß, in eine andre Bewegungsform sich umzu-
       setzen, in  der sie  wieder zur  Sammlung und  Betätigung  kommen
       kann. Und  damit fällt  die Hauptschwierigkeit,  die der Rückver-
       wandlung abgelebter Sonnen in glühenden Dunst entgegenstand.
       Übrigens ist  die sich  ewig wiederholende  Aufeinanderfolge  der
       Welten in  der endlosen  Zeit  nur  die  logische  Ergänzung  des
       Nebeneinanderbestehens zahlloser  Welten im  endlosen Raum  - ein
       Satz,  dessen   Notwendigkeitsich  sogar   dem  antitheoretischen
       Yankee-Gehirn Drapers aufzwingt. *)
       Es ist  ein ewiger Kreislauf, in dem die Materie sich bewegt, ein
       Kreislauf, der  seine Bahn wohl erst in Zeiträumen vollendet, für
       die unser  Erdenjahr kein  ausreichender Maßstab  mehr  ist,  ein
       Kreislauf, in dem die Zeit der höchsten Entwicklung, die Zeit des
       organischen Lebens  und noch  mehr die des Lebens selbst- und na-
       turbewußter Wesen  ebenso knapp bemessen ist wie der Raum, in dem
       Leben und  Selbstbewußtsein zur Geltung kommen; ein Kreislauf, in
       dem jede  endliche Daseinsweise  der Materie,  sei sie Sonne oder
       Dunstnebel, einzelnes Tier oder Tiergattung, chemische Verbindung
       oder Trennung,  gleicherweise vergänglich,  und worin nichts ewig
       ist als  die ewig  sich verändernde,  ewig sich bewegende Materie
       und die  Gesetze, nach  denen sie sich bewegt und verändert. Aber
       wie oft  und wie unbarmherzig auch in Zeit und Raum dieser Kreis-
       lauf sich vollzieht; wieviel Millionen Sonnen und Erden auch ent-
       stehn und vergehn mögen; wie lange es auch dauern mag, bis in ei-
       nem Sonnensystem nur auf Einem Planeten die Bedingungen des orga-
       nischen Lebens  sich herstellen;  wie zahllose  organische  Wesen
       auch vorhergehn  und vorher untergehn müssen, ehe aus ihrer Mitte
       sich Tiere  mit denkfähigem  Gehirn entwickeln und für eine kurze
       Spanne Zeit lebensfähige Bedingungen vorfinden, um dann auch ohne
       Gnade ausgerottet  zu werden  - wir  haben die Gewißheit, daß die
       Materie in allen ihren Wandlungen ewig dieselbe bleibt, daß keins
       ihrer Attribute  je verlorengehn kann, und daß sie daher auch mit
       derselben eisernen  Notwendigkeit, womit  sie auf  der Erde  ihre
       höchste Blüte,  den denkenden  Geist, wieder  ausrotten wird, ihn
       anderswo und in andrer Zeit wieder erzeugen muß.
       ---
       *) "The multiplicity  of worlds  in infinite  space leads  to the
       conception of  a succession  of worlds  in  infinite  time."  1*)
       (Draper, "Hist[ory  of the]  Int[ellectual] Devel[opment  of  Eu-
       rope]". Vol. II, p. [325].
       -----
       1*) "Die Vielheit  der Welten  im endlosen Raum führt zur Auffas-
       sung von einer Aufeinanderfolge der Welten in der endlosen Zeit."
       

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