Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur


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       Die Naturforschung in der Geisterwelt [188]
       
       Es ist  ein alter  Satz der in das Volksbewußtsein übergegangenen
       Dialektik, daß  die Extreme sich berühren. Wir werden uns demnach
       schwerlich irren,  wenn wir die äußersten Grade von Phantasterei,
       Leichtgläubigkeit und  Aberglauben suchen nicht etwa bei derjeni-
       gen naturwissenschaftlichen  Richtung, die,  wie die deutsche Na-
       turphilosophie, die  objektive Welt in den Rahmen ihres subjekti-
       ven Denkens  einzuzwängen suchte, sondern vielmehr bei der entge-
       gengesetzten Richtung,  die, auf die bloße Erfahrung pochend, das
       Denken mit souveräner Verachtung behandelt und es wirklich in der
       Gedankenlosigkeit auch  am weitesten  gebracht hat.  Diese Schule
       herrscht in  England. Bereits ihr Vater, der vielgepriesene Franz
       Bacon, verlangt, daß seine neue empirische, induktive Methode be-
       trieben werde,  um vor  allem dadurch zu erreichen : Verlängerung
       des Lebens,  Verjüngung in  einem gewissen Grade, Veränderung der
       Statur und  der Züge,  Verwandlung der Körper in andre, Erzeugung
       neuer Arten,  Gewalt über  die Luft und Erregung von Ungewittern;
       er beschwert  sich, daß  solche Untersuchungen  verlassen  worden
       seien, und  gibt in  seiner Naturhistorie förmliche Rezepte, Gold
       zu machen  und mancherlei  Wunder zu verrichten [189]. Ebenso be-
       schäftigte sich  Isaak Newton  auf seine  alten Tage viel mit der
       Auslegung der  Offenbarung Johannis  [190]. Was Wunder also, wenn
       in den  letzten Jahren der englische Empirismus in einigen seiner
       Vertreter - und es sind nicht die schlechtesten - der von Amerika
       importierten Geisterklopferei und Geisterseherei anscheinend ret-
       tungslos verfallen ist.
       Der erste  hierher gehörige  Naturforscher ist  der hochverdiente
       Zoologe  und  Botaniker  Alfred  Rüssel  Wallace,  derselbe,  der
       gleichzeitig mit  Darwin die Theorie von der Artveränderung durch
       natürliche Zuchtwahl  aufstellte. In  seinem Schriftchen  "On Mi-
       racles and modern Spiritualism", London, Burns, 1875, erzählt er,
       daß seine ersten Erfahrungen in diesem
       
       #338# Dialektik der Natur
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       Zweig der Naturkunde von 1844 datieren, wo er den Vorlesungen des
       Herrn Spencer Hall über Mesmerismus [191] beiwohnte, und infolge-
       dessen an seinen Schülern ähnliche Experimente machte.
       
       "Ich war  aufs äußerste  von dem Gegenstand interessiert und ver-
       folgte ihn mit Leidenschaft" (ardour) [p. 119].
       
       Er erzeugte  nicht nur den magnetischen Schlaf nebst den Erschei-
       nungen der  Gliederstarre und  lokalen Empfindungslosigkeit, son-
       dern er  bestätigte auch  die Richtigkeit  der Gallschen Schädel-
       karte [192],  indem auf  Berührung je  eines beliebigen Gallschen
       Organs die  betreffende Tätigkeit  beim magnetisierten  Patienten
       erregt und durch lebhafte Gesten vorschriftsmäßig betätigt wurde.
       Er stellte  ferner fest,  daß sein Patient, wenn er ihn nur dabei
       berührte, an  allen Sinnesempfindungen des Operators teilnahm; er
       machte ihn  betrunken mit  einem Glase  Wasser, sobald er ihm nur
       sagte, es  sei Kognak.  Einen der  Jungen konnte er selbst im wa-
       chenden Zustand  so dumm machen, daß er seinen eignen Namen nicht
       mehr wußte,  was andre  Schulmeister indes  auch ohne Mesmerismus
       fertigbringen. Und so weiter.
       Nun trifft  es sich,  daß ich diesen Herrn Spencer Hall ebenfalls
       im Winter  1843/44 in  Manchester sah.  Er war ein ganz ordinärer
       Scharlatan, der  unter der  Protektion einiger  Pfaffen im  Lande
       herumzog und  an einem  jungen Mädchen  magnetisch-phrenologische
       Schaustellungen vornahm,  um dadurch die Existenz Gottes, die Un-
       sterblichkeit der  Seele und  die Nichtigkeit  des damals von den
       Owenisten in  allen großen  Städten gepredigten  Materialismus zu
       beweisen. Die Dame wurde in magnetischen Schlaf versetzt und gab,
       sobald der Operator ein beliebiges Gallsches Organ ihres Schädels
       berührte, theatralisch-demonstrative Gesten und Posen zum besten,
       die die  Betätigung des betreffenden Organs darstellten; beim Or-
       gan der  Kinderliebe (philoprogenitiveness)  z.B. hätschelte  und
       küßte sie  ein Phantasiebaby  usw. Der brave Hall hatte dabei die
       Gallsche Schädelgeographie um eine neue Insel Barataria [193] be-
       reichert: Ganz  zu oberst  auf dem  Scheitel hatte er nämlich ein
       Organ der  Anbetung entdeckt,  bei dessen Berührung sein hypnoti-
       sches Fräulein in die Knie sank, die Hände faltete und dem ersta-
       unten versammelten  Philisterium den in Anbetung verzückten Engel
       vorführte. Das war der Schluß und Glanzpunkt der Vorstellung. Die
       Existenz Gottes war bewiesen.
       Es ging  mir und  einem Bekannten  ähnlich wie Herrn Wallace: Die
       Phänomene interessierten uns, und wir versuchten, wieweit wir sie
       reproduzieren konnten.  Ein aufgeweckter  Junge von  zwölf Jahren
       bot sich als Subjekt.
       
       #339# Die Naturforschung in der Geisterwelt
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       Gelindes Anstieren oder Bestreichen versetzte ihn ohne Schwierig-
       keit in den hypnotischen Zustand. Da wir aber etwas weniger gläu-
       big und  etwas weniger hitzig zu Werk gingen als Herr Wallace, so
       kamen wir auch zu ganz andern Resultaten. Abgesehn von der leicht
       zu erzeugenden  Muskelstarre und Empfindungslosigkeit, fanden wir
       einen Zustand vollständiger Passivität des Willens, verbunden mit
       eigentümlich überspannter  Erregbarkeit der Empfindung. Der Pati-
       ent, durch irgendeine Anregung von außen aus seiner Lethargie ge-
       rissen, bezeugte  noch weit  mehr Lebhaftigkeit  als in wachendem
       Zustande. Von  geheimnisvollem Rapport  zum Operator  keine Spur:
       jeder andre  konnte den  Schlummernden ebenso leicht in Tätigkeit
       versetzen. Die  Gallschen Schädelorgane wirken zu lassen, war für
       uns das  wenigste; wir  gingen noch  viel weiter: Wir konnten sie
       nicht nur  vertauschen und  über den ganzen Körper verlegen, son-
       dern wir  fabrizierten noch  eine beliebige  Menge andrer Organe,
       des Singens,  Pfeifens, Tutens,  Tanzens, Boxens,  Nähens,  Schu-
       sterns, Tabakrauchens usw., und verlegten sie, wohin wir wollten.
       Wenn Wallace  seinen Patienten  mit Wasser  betrunken machte,  so
       entdeckten wir  in der  großen Zehe  ein Organ der Betrunkenheit,
       das wir nur zu berühren brauchten, um die schönste betrunkene Ko-
       mödie in  Gang zu bringen. Aber wohlverstanden: Kein Organ zeigte
       einen Schatten  von Wirkung,  bis dem Patienten zu verstehn gege-
       ben, was  von ihm  erwartet wurde; der Junge vervollkommnete sich
       bald durch die Praxis so, daß die geringste Andeutung hinreichte.
       Diese so erzeugten Organe blieben dann auch für spätere Einschlä-
       ferungen ein  für allemal  in Geltung, solange sie nicht auf dem-
       selben Wege abgeändert wurden. Der Patient hatte eben ein doppel-
       tes Gedächtnis,  eins für den wachenden, ein zweites, ganz geson-
       dertes, für den hypnotischen Zustand. Was die Passivität des Wil-
       lens, seine  absolute Unterwerfung unter den Willen eines Dritten
       angeht, so verliert sie allen Wunderschein, sobald wir nicht ver-
       gessen, daß  der ganze  Zustand mit  der Unterwerfung des Willens
       des Patienten  unter den des Operators begann, und ohne sie nicht
       hergestellt werden  kann. Der  zaubermächtigste  Magnetiseur  der
       Erde ist  mit seinem  Latein zu Ende, sobald sein Patient ihm ins
       Gesicht lacht.
       Während wir  so, mit  unsrer frivolen  Skepsis, als Grundlage der
       magnetisch-phrenologischen Scharlatanerie eine Reihe von Erschei-
       nungen fanden,  die von  denen des  wachenden Zustandes meist nur
       dem Grade nach verschieden sind und keiner mystischen Interpreta-
       tion bedürfen, führte die Leidenschaft (ardour) des Herrn Wallace
       ihn zu  einer Reihe  von Selbsttäuschungen,  kraft deren  er  die
       Gallsche Schädelkarte in allen ihren Details bestätigte und einen
       geheimnisvollen Rapport zwischen Operator und
       
       #340# Dialektik der Natur
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       Patienten feststellte.  *) Überall  in der  bis zur Naivität auf-
       richtigen Erzählung  des Herrn  Wallace blickt  durch, daß es ihm
       viel weniger  darum zu tun war, den tatsächlichen Hintergrund der
       Scharlatanerie zu  untersuchen, als  die sämtlichen Erscheinungen
       um jeden  Preis wieder  hervorzubringen. Es braucht nur diese Ge-
       mütsstimmung, um  in kurzer Frist den anfänglichen Forscher, ver-
       mittelst einfacher  und leichter  Selbsttäuschung, in den Adepten
       zu verwandeln. Herr Wallace endigte mit dem Glauben an die magne-
       tisch-phrenologischen Wunder und stand nun schon mit einem Fuß in
       der Geisterwelt.
       Den andern Fuß zog er nach im Jahr 1865. Zurückgekehrt von seinen
       zwölfjährigen Reisen in der heißen Zone, führten ihn Tischrückex-
       perimente in  die Gesellschaft  verschiedner "Medien".  Wie rasch
       seine Fortschritte  waren, wie vollständig seine Beherrschung des
       Gegenstands ist,  davon legt das obige Schriftchen Zeugnis ab. Er
       mutet uns  nicht nur zu, alle angeblichen Wunder der Home, Gebrü-
       der Davenport  und andrer  sich mehr  oder weniger für Geld sehen
       lassenden und  großenteils des  öfteren als  Betrüger  entlarvten
       "Medien" für  bare Münze zu nehmen, sondern auch eine ganze Reihe
       angeblich beglaubigter  Geistergeschichten aus früherer Zeit. Die
       Pythonissen des  griechischen Orakels, die Hexen des Mittelalters
       waren "Medien",  und Jamblichos "De divinatione" beschreibt schon
       ganz genau
       
       "die erstaunlichsten Erscheinungen des modernen Spiritualismus".
       
       Wie leicht  Herr Wallace  es mit der wissenschaftlichen Feststel-
       lung und  Beglaubigung dieser  Wunder nimmt,  davon nur  ein Bei-
       spiel. Es ist gewiß eine starke Zumutung, daß wir glauben sollen,
       die p.p.  Geister ließen sich photographieren, und wir haben doch
       sicher das  Recht, zu verlangen, daß solche Geisterphotographien,
       ehe wir  sie für  echt annehmen,  auf die unzweifelhafteste Weise
       beglaubigt seien.  Nun erzählt  Herr Wallace  S. 187, daß im März
       1872 Frau Guppy, geborene Nichol, ein Hauptmedium, mit ihrem Mann
       und ihrem  kleinen Jungen  sich bei  Herrn Hudson in Notting Hill
       photographieren ließ,  und bei  zwei verschiedenen Aufnahmen eine
       hohe weibliche Gestalt, in weißer Gaze künstlerisch (finely) dra-
       piert, mit etwas orientalischen Zügen, in segnender Stellung hin-
       ter ihr erschien.
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       *) Wie schon  gesagt, die Patienten vervollkommnen sich durch die
       Übung. Es  ist also  wohl möglich, daß, wenn die Willensunterwer-
       fung erst gewohnheitsmäßig geworden, das Verhältnis der Beteilig-
       ten intimer wird, einzelne Erscheinungen sich steigern und selbst
       im wachenden Zustande schwach reflektiert werden.
       
       #341# Die Naturforschung in der Geisterwelt
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       "Hier nun von zwei Dingen  s i n d  eins absolut gewiß. *) Entwe-
       der war  ein lebendes, intelligentes, aber unsichtbares Wesen ge-
       genwärtig, oder  Herr und  Frau Guppy, der Photograph und irgend-
       eine vierte Person haben einen schändlichen" (wicked) "Betrug ge-
       plant und  ihn stets  seitdem aufrechterhalten.  Ich  kenne  aber
       Herrn und  Frau Guppy  sehr gut  und habe  die    a b s o l u t e
       Ü b e r z e u g u n g,   daß sie  eines Betrugs dieser Art ebenso
       unfähig sind  wie irgendein ernster Wahrheitsforscher auf dem Ge-
       biet der Naturwissenschaft." 2*) [S. 188.]
       
       Also entweder Betrug oder Geisterphotographie. Einverstanden. Und
       bei dem  Betrug war entweder der Geist schon vorher auf den Plat-
       ten, oder es müssen vier Personen beteiligt gewesen sein, respek-
       tive drei,  wenn wir den alten Herrn Guppy, der im Januar 1875 im
       Alter von  84 Jahren  starb, als  unzurechnungsfähig oder düpiert
       beiseite lassen  (er brauchte  nur hinter  die spanische Wand des
       Hintergrunds geschickt  zu werden).  Daß ein Photograph sich ohne
       Schwierigkeit ein "Modell" für den Geist verschaffen konnte, dar-
       über brauchen  wir kein  Wort zu verlieren. Der Photograph Hudson
       aber ist  bald darauf  der gewohnheitsmäßigen  Fälschung von Gei-
       sterphotographien öffentlich bezüchtigt worden, so zwar, daß Herr
       Wallace begütigend sagt:
       
       "Eins ist  klar, daß,  falls Betrug  stattgefunden hat, er sofort
       von Spiritualisten selbst entdeckt wurde." [p. 189.]
       
       Auf den Photographen ist also auch nicht viel Verlaß. Bleibt Frau
       Guppy, und  für sie spricht "die absolute Überzeugung" von Freund
       Wallace und sonst weiter nichts. - Weiter nichts? Keineswegs. Für
       die absolute  Zuverlässigkeit der Frau Guppy spricht ihre Behaup-
       tung, eines  Abends, gegen  Anfang Juni  1871, aus ihrem Hause in
       Highbury Hill Park nach 69, Lambs Conduit Street - drei englische
       Meilen in grader Linie - bewußtlosen Zustandes durch die Luft ge-
       tragen und  in besagtem Hause Nr. 69 inmitten einer Geisterseher-
       sitzung auf  dem Tisch  deponiert worden  zu sein.  Die Türen des
       Zimmers waren verschlossen und obwohl Frau Guppy eine der beleib-
       testen Damen  von London  war, was gewiß etwas sagen will, so hat
       ihr plötzlicher  Einbruch doch  weder in  den Türen,  noch in der
       Decke  das  geringste  Loch  hinterlassen  (erzählt  im  Londoner
       "Echo"[194], 8. Juni
       ---
       *) Here, then,  one of two things  a r e  absolutely certain. Die
       Geisterwelt steht  über der  Grammatik. Ein  Spaßvogel ließ einst
       den Geist  des Grammatikers  Lindley  Murray  zitieren.  Auf  die
       Frage, ob  er da  sei, antwortete er: I are (amerikanisch statt I
       am 1*)). Das Medium war aus Amerika.
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       1*) ich bin - 2*) alle Hervorhebungen von Engels
       
       #342# Dialektik der Natur
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       1871). Und  wer jetzt  nicht an die Echtheit der Geisterphotogra-
       phie glaubt, dem ist nicht zu helfen.
       Der zweite namhafte Adept unter den englischen Naturforschern ist
       Herr William Crookes, der Entdecker des chemischen Elements Thal-
       lium und des Radiometers (in Deutschland auch Lichtmühle genannt)
       [195]. Herr Crookes fing gegen 1871 an, die spiritistischen Mani-
       festationen zu  untersuchen, und  wandte dabei  eine ganze  Reihe
       physikalischer und mechanischer Apparate an, Federwagen, elektri-
       sche Batterien  usw. Ob er den Hauptapparat, einen skeptisch-kri-
       tischen Kopf,  mitbrachte oder bis zum Ende in arbeitsfähigem Zu-
       stande erhielt,  werden wir  sehn. Jedenfalls war Herr Crookes in
       nicht gar  langer Zeit  ebenso vollständig  eingefangen wie  Herr
       Wallace.
       
       "Seit einigen  Jahren", erzählt  dieser, "hat  eine  junge  Dame,
       Fräulein Florence Cook, bemerkenswerte Mediumeigenschaft gezeigt;
       und in  der letzten  Zeit erreichte  diese ihren Höhepunkt in der
       Produktion einer  vollständigen weiblichen  Gestalt, die geister-
       haften Ursprungs  zu sein  behauptet und die barfuß und in weißer
       fließender Gewandung  erschien, während  das Medium,  in  dunkler
       Kleidung, gebunden  und in  tiefem  Schlaf  in  einem  verhängten
       Räume" (cabinet) "oder Nebenzimmer lag." [p. 181.]
       
       Dieser Geist,  der sich den Namen Katey beilegte und der Fräulein
       Cook merkwürdig  ähnlich sah,  wurde eines  Abends plötzlich  von
       Herrn Volckman  - dem  jetzigen Gemahl  der Frau  Guppy -  um die
       Taille gefaßt  und festgehalten,  um zu  sehn, ob  er nicht  eben
       Fräulein Cook  in andrer Ausgabe sei. Der Geist bewährte sich als
       ein durchaus  handfestes Frauenzimmer,  wehrte sich herzhaft, die
       Zuschauer mischten  sich ein,  das Gas  wurde abgedreht,  und als
       nach einigem  Hin- und Herkämpfen die Ruhe wieder hergestellt und
       das Zimmer  erleuchtet, war  der Geist verschwunden, und Fräulein
       Cook lag gebunden und bewußtlos in ihrer Ecke. Herr Volckman soll
       aber bis  heute behaupten,  er habe Fräulein Cook gefaßt und nie-
       mand anderes.  Um dies wissenschaftlich festzustellen, führte ein
       berühmter Elektriker,  Herr Varley,  bei einem  neuen Versuch den
       Strom einer  Batterie so  durch das  Medium, Frl. Cook, daß diese
       den Geist nicht hätte vorstellen können, ohne den Strom zu unter-
       brechen. Dennoch  erschien der  Geist. Es war also in der Tat ein
       von dem  Frl. Cook  verschiedenes Wesen Dies ferner zu konstatie-
       ren, war  die Aufgabe des Herrn Crookes. Sein erster Schritt war,
       sich das  V e r t r a u e n  der geisterhaften Dame zu erwerben
       
       Dies Vertrauen  - so  sagt er  selbst im  "Spiritualist", 5. Juni
       1874 -  "wuchs allmählich so, daß sie sich weigerte, eine Sitzung
       zu geben, es sei denn, daß  i c h  d i e  A r r a n g e m e n t s
       l e i t e t e.   Sie sagte, sie wünschte  m i c h  stets in ihrer
       Nähe und  in der Nähe des Kabinetts; ich fand, daß - nachdem dies
       Vertrauen hergestellt und sie sicher war, daß ich
       
       #343# Die Naturforschung in der Geisterwelt
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       k e i n   i h r  g e m a c h t e s  V e r s p r e c h e n  b r e-
       c h e n   würde - die Erscheinungen bedeutend an Stärke zunahmen,
       und Beweismittel freiwillig gestattet wurden, die auf anderm Wege
       unerreichbar gewesen  wären. Sie k o n s u l t i e r t e  m i c h
       häufig in bezug auf bei den Sitzungen anwesende Personen und über
       die ihnen  anzuweisenden Plätze,  denn sie  war  neuerdings  sehr
       ängstlich" (nervous)  "geworden  infolge  gewisser  übelberatener
       Andeutungen, man  solle  neben  andern,  mehr  wissenschaftlichen
       Untersuchungsmethoden doch  auch die  G e w a l t  anwenden." 1*)
       [196]
       
       Das  Geisterfräulein  belohnte  dies  ebenso  liebenswürdige  wie
       wissenschaftliche Vertrauen  in vollstem  Maß. Sie erschien - was
       uns jetzt  nicht mehr  wundern kann  - sogar  im Hause  des Herrn
       Crookes, spielte mit seinen Kindern und erzählte ihnen "Anekdoten
       aus ihren  Abenteuern in  Indien", gab Herrn Crookes auch "einige
       der bittern Erfahrungen ihres vergangnen Lebens" zum besten, ließ
       sich von  ihm in  den Arm nehmen, damit er sich von ihrer handfe-
       sten Materialität  überzeuge, ließ ihn die Zahl ihrer Pulsschläge
       und Atemzüge in der Minute feststellen und ließ sich zuletzt auch
       neben Herrn Crookes photographieren.
       
       "Diese Gestalt",  sagt Herr Wallace, "nachdem man sie gesehn, be-
       tastet,  photographiert  und  sich  mit  ihr  unterhalten  hatte,
       v e r s c h w a n d  a b s o l u t  aus einem kleinen Zimmer, aus
       dem kein  andrer Ausgang  war als  durch ein anstoßendes, mit Zu-
       schauern gefülltes Zimmer" [p. 183] -
       was keine  so große Kunst ist, vorausgesetzt, die Zuschauer waren
       höflich genug,  dem Herrn  Crookes, in dessen Hause dies geschah,
       nicht weniger Vertrauen zu beweisen, als dieser dem Geist bewies.
       Leider sind diese "vollständig beglaubigten Erscheinungen" selbst
       für Spiritualisten nicht ohne weiteres glaublich. Wir sahen oben,
       wie der  sehr spiritualistische Herr Volckman sich einen sehr ma-
       teriellen Zugriff gestattete. Und nun hat ein Geistlicher und Ko-
       miteemitglied der  "Britischen National-Assoziation der Spiritua-
       listen" ebenfalls  einer Sitzung des Fräulein Cook beigewohnt und
       ohne Schwierigkeit festgestellt, daß das Zimmer, durch dessen Tür
       der Geist kam und verschwand, durch eine  z w e i t e  T ü r  mit
       der  Außenwelt   kommunizierte.  Das   Benehmen   des   ebenfalls
       gegenwärtigen Herrn  Crookes gab  "meinem Glauben,  daß etwas  an
       diesen Manifestationen  sein könne,  den schließlichen Todesstoß"
       ("Mystic London",  by the Rev. C. Maurice Davies, London, Tinsley
       Brothers) [197].  Und zum  Überfluß kam es in Amerika an den Tag,
       wie man  "Kateys" "materialisiert".  Ein Ehepaar  Holmes  gab  in
       Philadelphia Vorstellungen, bei denen ebenfalls
       -----
       1*) Alle Hervorhebungen von Engels
       
       #344# Dialektik der Natur
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       eine "Katey"  erschien, und von den Gläubigen reichlich beschenkt
       wurde. Ein  Skeptiker jedoch  ruhte nicht, bis er besagter Katey,
       die übrigens  schon einmal  wegen Mangel  [an] Zahlung Strike ge-
       macht hatte, auf die Spur kam: Er entdeckte sie in einem boarding
       house  (Privathotel)  als  eine  junge  Dame  von  unbestrittenem
       Fleisch und  Bein und im Besitz aller der dem Geist gemachten Ge-
       schenke.
       Indes auch der Kontinent sollte seine wissenschaftlichen Geister-
       seher erleben. Eine Petersburger wissenschaftliche Körperschaft -
       ich weiß  nicht genau, ob die Universität oder gar die Akademie -
       delegierte die  Herren Staatsrat  Aksakow und den Chemiker Butle-
       row, die  spiritistischen Phänomene  zu  ergründen,  wobei  indes
       nicht viel  herausgekommen zu  sein scheint [198]. Dagegen - wenn
       anders den  lauten Verkündigungen der Spiritisten zu trauen ist -
       hat jetzt auch Deutschland seinen Mann gestellt in der Person des
       Herrn Professor Zöllner in Leipzig.
       Bekanntlich hat  Herr Zöllner  seit Jahren  stark in der "vierten
       Dimension" des  Raumes gearbeitet  und entdeckt, daß viele Dinge,
       die in  einem Raum  von drei  Dimensionen unmöglich sind, sich in
       einem Raum von vier Dimensionen ganz von selbst verstehn. So kann
       man in diesem letzteren Raum eine geschlossene Metallkugel umkeh-
       ren wie  einen Handschuh, ohne ein Loch darin zu machen, desglei-
       chen einen Knoten schlingen in einen beiderseits endlosen oder an
       beiden Enden  befestigten Faden, auch zwei getrennte geschlossene
       Ringe ineinander  verschlingen, ohne  einen von  ihnen zu öffnen,
       und was  dergleichen Kunststücke  mehr sind.  Nach neueren trium-
       phierenden Berichten aus der Geisterwelt hätte sich nun Herr Pro-
       fessor Zöllner  an ein  oder mehrere Medien gewandt, um mit ihrer
       Hülfe über die Lokalität der vierten Dimension das Nähere festzu-
       stellen. Der Erfolg sei überraschend gewesen. Die Stuhllehne, auf
       die er  den Arm gestützt, während die Hand den Tisch nie verließ,
       sei nach  der Sitzung  mit dem  Arm verschlungen  gewesen, ein an
       beiden Enden  auf den  Tisch angesiegelter Faden habe vier Knoten
       bekommen usw.  Kürz, alle  Wunder der vierten Dimension seien von
       den Geistern  spielend geleistet  worden. Wohlgemerkt: relata re-
       fero 1*), ich stehe nicht ein für die Richtigkeit der Geisterbul-
       letins, und  sollten sie  Unrichtiges enthalten,  so dürfte  Herr
       Zöllner mir Dank wissen, daß ich ihm Gelegenheit gebe, sie zu be-
       richtigen. Sollten sie aber die Erfahrungen des Herrn Zöllner un-
       verfälscht wiedergeben,  so bezeichnen sie offenbar eine neue Ära
       in der Geisterwissenschaft wie in der Mathematik.
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       1*) Ich erzähle  das Erzählte,  d.h. ich kann nicht für die Rich-
       tigkeit der Mitteilung bürgen
       
       #345# Die Naturforschung in der Geisterwelt
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       Die Geister  beweisen das  Dasein der  vierten Dimension, wie die
       vierte Dimension  einsteht für  das Dasein  der Geister. Und wenn
       das einmal  feststeht, so eröffnet sich der Wissenschaft ein ganz
       neues, unermeßliches  Feld. Alle  bisherige Mathematik und Natur-
       wissenschaft wird nur eine Vorschule für die Mathematik der vier-
       ten und  noch höheren  Dimensionen und  für die Mechanik, Physik,
       Chemie und  Physiologie der  sich in  diesen höheren  Dimensionen
       aufhaltenden Geister.  Hat  doch  Herr  Crookes  wissenschaftlich
       festgestellt, wieviel  Gewichtsverlust Tische und andre Möbel bei
       ihrem Übergang  - wir dürfen jetzt wohl sagen - in die vierte Di-
       mertsiön-erleiden, und  erklärt Herr  Wallace es  für ausgemacht,
       daß dort  das Feuer  den menschlichen  Körper nicht verletzt. Und
       nun gar  die Physiologie dieser Geisterkörper! Sie atmen, sie ha-
       ben einen  Puls, also  Lungen, Herz  und Zirkulationsapparat, und
       sind demzufolge  auch in  betreff der übrigen Leibesorgane sicher
       mindestens ebenso vortrefflich beschlagen wie unsereins. Denn zum
       Atmen gehören Kohlenwasserstoffe, die in der Lunge verbrannt wer-
       den, und diese können nur von außen zugeführt werden: also Magen,
       Darm und  Zubehör -  und haben  wir erst  soviel konstatiert,  so
       folgt das  übrige ohne Schwierigkeit. Die Existenz solcher Organe
       aber schließt  die Möglichkeit  ihrer Erkrankung  ein, und  somit
       kann es  Herrn Virchow noch passieren, daß er eine Zellularpatho-
       logie der  Geisterwelt verfassen  muß. Und  da die meisten dieser
       Geister wunderschöne  junge Damen  sind, die  sich durch  nichts,
       aber auch  gar nichts  von irdischen  Frauenzimmern unterscheiden
       als durch  ihre überirdische  Schönheit, wie  könnte es  da lange
       dauern, bis  sie einmal  ankommen "bei Männern, welche Liebe füh-
       len" [199];  und wenn da das von Herrn Crookes am Pulsschlag kon-
       statierte "weiblich  Herze nicht fehlt", so eröffnet sich der na-
       türlichen Zuchtwahl  ebenfalls eine  vierte Dimension, in der sie
       nicht mehr  zu befürchten braucht, mit der bösen Sozialdemokratie
       verwechselt zu werden [200].
       
       Genug. Es  zeigt sich  hier handgreiflich,  welches der sicherste
       Weg von  der Naturwissenschaft  zum Mystizismus  ist.  Nicht  die
       überwuchernde Theorie  der Naturphilosophie,  sondern die  aller-
       platteste, alle  Theorie verachtende, gegen alles Denken mißtrau-
       ische Empirie. Es ist nicht die aprioristische Notwendigkeit, die
       die Existenz  der Geister  beweist, sondern  die erfahrungsmäßige
       Beobachtung der  Herren Wallace, Crookes & Co. Wenn wir den spek-
       tralanalytischen Beobachtungen  von Crookes glauben, die zur Ent-
       deckung des  Metalls Thallium  führten, oder den reichen zoologi-
       schen Entdeckungen  von Wallace  im Malaiischen Archipel, so ver-
       langt man von
       
       #346# Dialektik der Natur
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       uns denselben  Glauben für  die spiritistischen  Erfahrungen  und
       Entdeckungen dieser  beiden Forscher.  Und wenn  wir meinen,  daß
       hier doch  ein kleiner  Unterschied stattfinde,  nämlich der, daß
       wir die  einen verifizieren  können und die andern nicht, so ent-
       gegnen uns die Geisterseher, daß dies nicht der Fall, und daß sie
       bereit sind,  uns Gelegenheit  zu geben, auch die Geistererschei-
       nungen zu verifizieren.
       Man verachtet  in der Tat die Dialektik nicht ungestraft. Man mag
       noch so viel Geringschätzung hegen für alles theoretische Denken,
       so kann  man doch nicht zwei Naturtatsachen in Zusammenhang brin-
       gen oder  ihren bestehenden  Zusammenhang einsehn  ohne theoreti-
       sches Denken. Es fragt sich dabei nur, ob man dabei richtig denkt
       oder nicht,  und die Geringschätzung der Theorie ist selbstredend
       der sicherste  Weg, naturalistisch  und damit  falsch zu  denken.
       Falsches Denken,  zur vollen  Konsequenz durchgeführt, kommt aber
       nach einem  altbekannten dialektischen  Gesetz regelmäßig an beim
       Gegenteil seines  Ausgangspunkts. Und  so straft sich die empiri-
       sche Verachtung der Dialektik dadurch, daß sie einzelne der nüch-
       ternsten Empiriker  in den  ödesten aller Aberglauben, in den mo-
       dernen Spiritismus führt.
       Ebenso geht  es mit  der Mathematik.  Die gewöhnlichen metaphysi-
       schen Mathematiker  pochen mit  gewaltigem Stolz auf die absolute
       Unumstößlichkeit der  Resultate ihrer Wissenschaft. Zu diesen Re-
       sultaten gehören  aber auch  die imaginären  Größen, denen  damit
       auch eine  gewisse Realität zukommt. Hat man sich aber erst daran
       gewöhnt, der
         ___
       \/ -1  oder der vierten Dimension irgendwelche Realität außerhalb
       unsres Kopfes  zuzuschreiben, so kommt es nicht darauf an, ob man
       noch einen  Schritt weiter  geht und auch die Geisterwelt der Me-
       dien akzeptiert. Es ist, wie Ketteler von Döllinger sagte:
       
       "Der Mann hat in seinem Leben soviel Unsinn verteidigt, da konnte
       er wahrhaftig  auch noch  die Unfehlbarkeit  in den Kauf nehmen!"
       [201]
       
       In der  Tat ist  die bloße  Empirie unfähig,  mit den Spiritisten
       fertigzuwerden. Erstens werden die "höheren" Phänomene immer erst
       dann gezeigt, wenn der betreffende "Forscher" schon soweit einge-
       fangen ist,  daß er nur noch sieht, was er sehen soll oder will -
       wie Crookes  das  mit  so  unnachahmlicher  Naivität  selbst  be-
       schreibt. Zweitens aber macht es den Spiritisten nichts aus, wenn
       Hunderte angeblicher  Tatsachen als Prellerei und Dutzende angeb-
       licher Medien  als ordinäre  Taschenspieler enthüllt  werden. So-
       lange nicht   j e d e s   einzelne  angebliche Wunder  wegerklärt
       ist, bleibt  ihnen Terrain  genug übrig, wie dies ja auch Wallace
       bei Gelegenheit der gefälschten
       
       #347# Die Naturforschung in der Geisterwelt
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       Geisterphotographien deutlich  sagt. Die Existenz der Fälschungen
       beweist die Echtheit der echten.
       Und so sieht sich denn die/Empirie gezwungen, die Zudringlichkeit
       der Geisterseher  nicht mit empirischen Experimenten, sondern mit
       theoretischen Erwägungen abzufertigen und mit Huxley zu sagen:
       
       "Das einzige  Gute, das  meiner Ansicht nach bei dem Nachweis der
       Wahrheit des  Spiritualismus herauskommen  könnte, wäre dies, ein
       neues Argument  gegen den Selbstmord zu liefern. Lieber als Stra-
       ßenkehrer leben,  denn als  Verstorbner Blech schwätzen durch den
       Mund eines  Mediums, das sich für eine Guinea per Sitzung vermie-
       tet!" [202]

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