Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur
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Die Naturforschung in der Geisterwelt [188]
Es ist ein alter Satz der in das Volksbewußtsein übergegangenen
Dialektik, daß die Extreme sich berühren. Wir werden uns demnach
schwerlich irren, wenn wir die äußersten Grade von Phantasterei,
Leichtgläubigkeit und Aberglauben suchen nicht etwa bei derjeni-
gen naturwissenschaftlichen Richtung, die, wie die deutsche Na-
turphilosophie, die objektive Welt in den Rahmen ihres subjekti-
ven Denkens einzuzwängen suchte, sondern vielmehr bei der entge-
gengesetzten Richtung, die, auf die bloße Erfahrung pochend, das
Denken mit souveräner Verachtung behandelt und es wirklich in der
Gedankenlosigkeit auch am weitesten gebracht hat. Diese Schule
herrscht in England. Bereits ihr Vater, der vielgepriesene Franz
Bacon, verlangt, daß seine neue empirische, induktive Methode be-
trieben werde, um vor allem dadurch zu erreichen : Verlängerung
des Lebens, Verjüngung in einem gewissen Grade, Veränderung der
Statur und der Züge, Verwandlung der Körper in andre, Erzeugung
neuer Arten, Gewalt über die Luft und Erregung von Ungewittern;
er beschwert sich, daß solche Untersuchungen verlassen worden
seien, und gibt in seiner Naturhistorie förmliche Rezepte, Gold
zu machen und mancherlei Wunder zu verrichten [189]. Ebenso be-
schäftigte sich Isaak Newton auf seine alten Tage viel mit der
Auslegung der Offenbarung Johannis [190]. Was Wunder also, wenn
in den letzten Jahren der englische Empirismus in einigen seiner
Vertreter - und es sind nicht die schlechtesten - der von Amerika
importierten Geisterklopferei und Geisterseherei anscheinend ret-
tungslos verfallen ist.
Der erste hierher gehörige Naturforscher ist der hochverdiente
Zoologe und Botaniker Alfred Rüssel Wallace, derselbe, der
gleichzeitig mit Darwin die Theorie von der Artveränderung durch
natürliche Zuchtwahl aufstellte. In seinem Schriftchen "On Mi-
racles and modern Spiritualism", London, Burns, 1875, erzählt er,
daß seine ersten Erfahrungen in diesem
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Zweig der Naturkunde von 1844 datieren, wo er den Vorlesungen des
Herrn Spencer Hall über Mesmerismus [191] beiwohnte, und infolge-
dessen an seinen Schülern ähnliche Experimente machte.
"Ich war aufs äußerste von dem Gegenstand interessiert und ver-
folgte ihn mit Leidenschaft" (ardour) [p. 119].
Er erzeugte nicht nur den magnetischen Schlaf nebst den Erschei-
nungen der Gliederstarre und lokalen Empfindungslosigkeit, son-
dern er bestätigte auch die Richtigkeit der Gallschen Schädel-
karte [192], indem auf Berührung je eines beliebigen Gallschen
Organs die betreffende Tätigkeit beim magnetisierten Patienten
erregt und durch lebhafte Gesten vorschriftsmäßig betätigt wurde.
Er stellte ferner fest, daß sein Patient, wenn er ihn nur dabei
berührte, an allen Sinnesempfindungen des Operators teilnahm; er
machte ihn betrunken mit einem Glase Wasser, sobald er ihm nur
sagte, es sei Kognak. Einen der Jungen konnte er selbst im wa-
chenden Zustand so dumm machen, daß er seinen eignen Namen nicht
mehr wußte, was andre Schulmeister indes auch ohne Mesmerismus
fertigbringen. Und so weiter.
Nun trifft es sich, daß ich diesen Herrn Spencer Hall ebenfalls
im Winter 1843/44 in Manchester sah. Er war ein ganz ordinärer
Scharlatan, der unter der Protektion einiger Pfaffen im Lande
herumzog und an einem jungen Mädchen magnetisch-phrenologische
Schaustellungen vornahm, um dadurch die Existenz Gottes, die Un-
sterblichkeit der Seele und die Nichtigkeit des damals von den
Owenisten in allen großen Städten gepredigten Materialismus zu
beweisen. Die Dame wurde in magnetischen Schlaf versetzt und gab,
sobald der Operator ein beliebiges Gallsches Organ ihres Schädels
berührte, theatralisch-demonstrative Gesten und Posen zum besten,
die die Betätigung des betreffenden Organs darstellten; beim Or-
gan der Kinderliebe (philoprogenitiveness) z.B. hätschelte und
küßte sie ein Phantasiebaby usw. Der brave Hall hatte dabei die
Gallsche Schädelgeographie um eine neue Insel Barataria [193] be-
reichert: Ganz zu oberst auf dem Scheitel hatte er nämlich ein
Organ der Anbetung entdeckt, bei dessen Berührung sein hypnoti-
sches Fräulein in die Knie sank, die Hände faltete und dem ersta-
unten versammelten Philisterium den in Anbetung verzückten Engel
vorführte. Das war der Schluß und Glanzpunkt der Vorstellung. Die
Existenz Gottes war bewiesen.
Es ging mir und einem Bekannten ähnlich wie Herrn Wallace: Die
Phänomene interessierten uns, und wir versuchten, wieweit wir sie
reproduzieren konnten. Ein aufgeweckter Junge von zwölf Jahren
bot sich als Subjekt.
#339# Die Naturforschung in der Geisterwelt
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Gelindes Anstieren oder Bestreichen versetzte ihn ohne Schwierig-
keit in den hypnotischen Zustand. Da wir aber etwas weniger gläu-
big und etwas weniger hitzig zu Werk gingen als Herr Wallace, so
kamen wir auch zu ganz andern Resultaten. Abgesehn von der leicht
zu erzeugenden Muskelstarre und Empfindungslosigkeit, fanden wir
einen Zustand vollständiger Passivität des Willens, verbunden mit
eigentümlich überspannter Erregbarkeit der Empfindung. Der Pati-
ent, durch irgendeine Anregung von außen aus seiner Lethargie ge-
rissen, bezeugte noch weit mehr Lebhaftigkeit als in wachendem
Zustande. Von geheimnisvollem Rapport zum Operator keine Spur:
jeder andre konnte den Schlummernden ebenso leicht in Tätigkeit
versetzen. Die Gallschen Schädelorgane wirken zu lassen, war für
uns das wenigste; wir gingen noch viel weiter: Wir konnten sie
nicht nur vertauschen und über den ganzen Körper verlegen, son-
dern wir fabrizierten noch eine beliebige Menge andrer Organe,
des Singens, Pfeifens, Tutens, Tanzens, Boxens, Nähens, Schu-
sterns, Tabakrauchens usw., und verlegten sie, wohin wir wollten.
Wenn Wallace seinen Patienten mit Wasser betrunken machte, so
entdeckten wir in der großen Zehe ein Organ der Betrunkenheit,
das wir nur zu berühren brauchten, um die schönste betrunkene Ko-
mödie in Gang zu bringen. Aber wohlverstanden: Kein Organ zeigte
einen Schatten von Wirkung, bis dem Patienten zu verstehn gege-
ben, was von ihm erwartet wurde; der Junge vervollkommnete sich
bald durch die Praxis so, daß die geringste Andeutung hinreichte.
Diese so erzeugten Organe blieben dann auch für spätere Einschlä-
ferungen ein für allemal in Geltung, solange sie nicht auf dem-
selben Wege abgeändert wurden. Der Patient hatte eben ein doppel-
tes Gedächtnis, eins für den wachenden, ein zweites, ganz geson-
dertes, für den hypnotischen Zustand. Was die Passivität des Wil-
lens, seine absolute Unterwerfung unter den Willen eines Dritten
angeht, so verliert sie allen Wunderschein, sobald wir nicht ver-
gessen, daß der ganze Zustand mit der Unterwerfung des Willens
des Patienten unter den des Operators begann, und ohne sie nicht
hergestellt werden kann. Der zaubermächtigste Magnetiseur der
Erde ist mit seinem Latein zu Ende, sobald sein Patient ihm ins
Gesicht lacht.
Während wir so, mit unsrer frivolen Skepsis, als Grundlage der
magnetisch-phrenologischen Scharlatanerie eine Reihe von Erschei-
nungen fanden, die von denen des wachenden Zustandes meist nur
dem Grade nach verschieden sind und keiner mystischen Interpreta-
tion bedürfen, führte die Leidenschaft (ardour) des Herrn Wallace
ihn zu einer Reihe von Selbsttäuschungen, kraft deren er die
Gallsche Schädelkarte in allen ihren Details bestätigte und einen
geheimnisvollen Rapport zwischen Operator und
#340# Dialektik der Natur
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Patienten feststellte. *) Überall in der bis zur Naivität auf-
richtigen Erzählung des Herrn Wallace blickt durch, daß es ihm
viel weniger darum zu tun war, den tatsächlichen Hintergrund der
Scharlatanerie zu untersuchen, als die sämtlichen Erscheinungen
um jeden Preis wieder hervorzubringen. Es braucht nur diese Ge-
mütsstimmung, um in kurzer Frist den anfänglichen Forscher, ver-
mittelst einfacher und leichter Selbsttäuschung, in den Adepten
zu verwandeln. Herr Wallace endigte mit dem Glauben an die magne-
tisch-phrenologischen Wunder und stand nun schon mit einem Fuß in
der Geisterwelt.
Den andern Fuß zog er nach im Jahr 1865. Zurückgekehrt von seinen
zwölfjährigen Reisen in der heißen Zone, führten ihn Tischrückex-
perimente in die Gesellschaft verschiedner "Medien". Wie rasch
seine Fortschritte waren, wie vollständig seine Beherrschung des
Gegenstands ist, davon legt das obige Schriftchen Zeugnis ab. Er
mutet uns nicht nur zu, alle angeblichen Wunder der Home, Gebrü-
der Davenport und andrer sich mehr oder weniger für Geld sehen
lassenden und großenteils des öfteren als Betrüger entlarvten
"Medien" für bare Münze zu nehmen, sondern auch eine ganze Reihe
angeblich beglaubigter Geistergeschichten aus früherer Zeit. Die
Pythonissen des griechischen Orakels, die Hexen des Mittelalters
waren "Medien", und Jamblichos "De divinatione" beschreibt schon
ganz genau
"die erstaunlichsten Erscheinungen des modernen Spiritualismus".
Wie leicht Herr Wallace es mit der wissenschaftlichen Feststel-
lung und Beglaubigung dieser Wunder nimmt, davon nur ein Bei-
spiel. Es ist gewiß eine starke Zumutung, daß wir glauben sollen,
die p.p. Geister ließen sich photographieren, und wir haben doch
sicher das Recht, zu verlangen, daß solche Geisterphotographien,
ehe wir sie für echt annehmen, auf die unzweifelhafteste Weise
beglaubigt seien. Nun erzählt Herr Wallace S. 187, daß im März
1872 Frau Guppy, geborene Nichol, ein Hauptmedium, mit ihrem Mann
und ihrem kleinen Jungen sich bei Herrn Hudson in Notting Hill
photographieren ließ, und bei zwei verschiedenen Aufnahmen eine
hohe weibliche Gestalt, in weißer Gaze künstlerisch (finely) dra-
piert, mit etwas orientalischen Zügen, in segnender Stellung hin-
ter ihr erschien.
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*) Wie schon gesagt, die Patienten vervollkommnen sich durch die
Übung. Es ist also wohl möglich, daß, wenn die Willensunterwer-
fung erst gewohnheitsmäßig geworden, das Verhältnis der Beteilig-
ten intimer wird, einzelne Erscheinungen sich steigern und selbst
im wachenden Zustande schwach reflektiert werden.
#341# Die Naturforschung in der Geisterwelt
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"Hier nun von zwei Dingen s i n d eins absolut gewiß. *) Entwe-
der war ein lebendes, intelligentes, aber unsichtbares Wesen ge-
genwärtig, oder Herr und Frau Guppy, der Photograph und irgend-
eine vierte Person haben einen schändlichen" (wicked) "Betrug ge-
plant und ihn stets seitdem aufrechterhalten. Ich kenne aber
Herrn und Frau Guppy sehr gut und habe die a b s o l u t e
Ü b e r z e u g u n g, daß sie eines Betrugs dieser Art ebenso
unfähig sind wie irgendein ernster Wahrheitsforscher auf dem Ge-
biet der Naturwissenschaft." 2*) [S. 188.]
Also entweder Betrug oder Geisterphotographie. Einverstanden. Und
bei dem Betrug war entweder der Geist schon vorher auf den Plat-
ten, oder es müssen vier Personen beteiligt gewesen sein, respek-
tive drei, wenn wir den alten Herrn Guppy, der im Januar 1875 im
Alter von 84 Jahren starb, als unzurechnungsfähig oder düpiert
beiseite lassen (er brauchte nur hinter die spanische Wand des
Hintergrunds geschickt zu werden). Daß ein Photograph sich ohne
Schwierigkeit ein "Modell" für den Geist verschaffen konnte, dar-
über brauchen wir kein Wort zu verlieren. Der Photograph Hudson
aber ist bald darauf der gewohnheitsmäßigen Fälschung von Gei-
sterphotographien öffentlich bezüchtigt worden, so zwar, daß Herr
Wallace begütigend sagt:
"Eins ist klar, daß, falls Betrug stattgefunden hat, er sofort
von Spiritualisten selbst entdeckt wurde." [p. 189.]
Auf den Photographen ist also auch nicht viel Verlaß. Bleibt Frau
Guppy, und für sie spricht "die absolute Überzeugung" von Freund
Wallace und sonst weiter nichts. - Weiter nichts? Keineswegs. Für
die absolute Zuverlässigkeit der Frau Guppy spricht ihre Behaup-
tung, eines Abends, gegen Anfang Juni 1871, aus ihrem Hause in
Highbury Hill Park nach 69, Lambs Conduit Street - drei englische
Meilen in grader Linie - bewußtlosen Zustandes durch die Luft ge-
tragen und in besagtem Hause Nr. 69 inmitten einer Geisterseher-
sitzung auf dem Tisch deponiert worden zu sein. Die Türen des
Zimmers waren verschlossen und obwohl Frau Guppy eine der beleib-
testen Damen von London war, was gewiß etwas sagen will, so hat
ihr plötzlicher Einbruch doch weder in den Türen, noch in der
Decke das geringste Loch hinterlassen (erzählt im Londoner
"Echo"[194], 8. Juni
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*) Here, then, one of two things a r e absolutely certain. Die
Geisterwelt steht über der Grammatik. Ein Spaßvogel ließ einst
den Geist des Grammatikers Lindley Murray zitieren. Auf die
Frage, ob er da sei, antwortete er: I are (amerikanisch statt I
am 1*)). Das Medium war aus Amerika.
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1*) ich bin - 2*) alle Hervorhebungen von Engels
#342# Dialektik der Natur
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1871). Und wer jetzt nicht an die Echtheit der Geisterphotogra-
phie glaubt, dem ist nicht zu helfen.
Der zweite namhafte Adept unter den englischen Naturforschern ist
Herr William Crookes, der Entdecker des chemischen Elements Thal-
lium und des Radiometers (in Deutschland auch Lichtmühle genannt)
[195]. Herr Crookes fing gegen 1871 an, die spiritistischen Mani-
festationen zu untersuchen, und wandte dabei eine ganze Reihe
physikalischer und mechanischer Apparate an, Federwagen, elektri-
sche Batterien usw. Ob er den Hauptapparat, einen skeptisch-kri-
tischen Kopf, mitbrachte oder bis zum Ende in arbeitsfähigem Zu-
stande erhielt, werden wir sehn. Jedenfalls war Herr Crookes in
nicht gar langer Zeit ebenso vollständig eingefangen wie Herr
Wallace.
"Seit einigen Jahren", erzählt dieser, "hat eine junge Dame,
Fräulein Florence Cook, bemerkenswerte Mediumeigenschaft gezeigt;
und in der letzten Zeit erreichte diese ihren Höhepunkt in der
Produktion einer vollständigen weiblichen Gestalt, die geister-
haften Ursprungs zu sein behauptet und die barfuß und in weißer
fließender Gewandung erschien, während das Medium, in dunkler
Kleidung, gebunden und in tiefem Schlaf in einem verhängten
Räume" (cabinet) "oder Nebenzimmer lag." [p. 181.]
Dieser Geist, der sich den Namen Katey beilegte und der Fräulein
Cook merkwürdig ähnlich sah, wurde eines Abends plötzlich von
Herrn Volckman - dem jetzigen Gemahl der Frau Guppy - um die
Taille gefaßt und festgehalten, um zu sehn, ob er nicht eben
Fräulein Cook in andrer Ausgabe sei. Der Geist bewährte sich als
ein durchaus handfestes Frauenzimmer, wehrte sich herzhaft, die
Zuschauer mischten sich ein, das Gas wurde abgedreht, und als
nach einigem Hin- und Herkämpfen die Ruhe wieder hergestellt und
das Zimmer erleuchtet, war der Geist verschwunden, und Fräulein
Cook lag gebunden und bewußtlos in ihrer Ecke. Herr Volckman soll
aber bis heute behaupten, er habe Fräulein Cook gefaßt und nie-
mand anderes. Um dies wissenschaftlich festzustellen, führte ein
berühmter Elektriker, Herr Varley, bei einem neuen Versuch den
Strom einer Batterie so durch das Medium, Frl. Cook, daß diese
den Geist nicht hätte vorstellen können, ohne den Strom zu unter-
brechen. Dennoch erschien der Geist. Es war also in der Tat ein
von dem Frl. Cook verschiedenes Wesen Dies ferner zu konstatie-
ren, war die Aufgabe des Herrn Crookes. Sein erster Schritt war,
sich das V e r t r a u e n der geisterhaften Dame zu erwerben
Dies Vertrauen - so sagt er selbst im "Spiritualist", 5. Juni
1874 - "wuchs allmählich so, daß sie sich weigerte, eine Sitzung
zu geben, es sei denn, daß i c h d i e A r r a n g e m e n t s
l e i t e t e. Sie sagte, sie wünschte m i c h stets in ihrer
Nähe und in der Nähe des Kabinetts; ich fand, daß - nachdem dies
Vertrauen hergestellt und sie sicher war, daß ich
#343# Die Naturforschung in der Geisterwelt
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k e i n i h r g e m a c h t e s V e r s p r e c h e n b r e-
c h e n würde - die Erscheinungen bedeutend an Stärke zunahmen,
und Beweismittel freiwillig gestattet wurden, die auf anderm Wege
unerreichbar gewesen wären. Sie k o n s u l t i e r t e m i c h
häufig in bezug auf bei den Sitzungen anwesende Personen und über
die ihnen anzuweisenden Plätze, denn sie war neuerdings sehr
ängstlich" (nervous) "geworden infolge gewisser übelberatener
Andeutungen, man solle neben andern, mehr wissenschaftlichen
Untersuchungsmethoden doch auch die G e w a l t anwenden." 1*)
[196]
Das Geisterfräulein belohnte dies ebenso liebenswürdige wie
wissenschaftliche Vertrauen in vollstem Maß. Sie erschien - was
uns jetzt nicht mehr wundern kann - sogar im Hause des Herrn
Crookes, spielte mit seinen Kindern und erzählte ihnen "Anekdoten
aus ihren Abenteuern in Indien", gab Herrn Crookes auch "einige
der bittern Erfahrungen ihres vergangnen Lebens" zum besten, ließ
sich von ihm in den Arm nehmen, damit er sich von ihrer handfe-
sten Materialität überzeuge, ließ ihn die Zahl ihrer Pulsschläge
und Atemzüge in der Minute feststellen und ließ sich zuletzt auch
neben Herrn Crookes photographieren.
"Diese Gestalt", sagt Herr Wallace, "nachdem man sie gesehn, be-
tastet, photographiert und sich mit ihr unterhalten hatte,
v e r s c h w a n d a b s o l u t aus einem kleinen Zimmer, aus
dem kein andrer Ausgang war als durch ein anstoßendes, mit Zu-
schauern gefülltes Zimmer" [p. 183] -
was keine so große Kunst ist, vorausgesetzt, die Zuschauer waren
höflich genug, dem Herrn Crookes, in dessen Hause dies geschah,
nicht weniger Vertrauen zu beweisen, als dieser dem Geist bewies.
Leider sind diese "vollständig beglaubigten Erscheinungen" selbst
für Spiritualisten nicht ohne weiteres glaublich. Wir sahen oben,
wie der sehr spiritualistische Herr Volckman sich einen sehr ma-
teriellen Zugriff gestattete. Und nun hat ein Geistlicher und Ko-
miteemitglied der "Britischen National-Assoziation der Spiritua-
listen" ebenfalls einer Sitzung des Fräulein Cook beigewohnt und
ohne Schwierigkeit festgestellt, daß das Zimmer, durch dessen Tür
der Geist kam und verschwand, durch eine z w e i t e T ü r mit
der Außenwelt kommunizierte. Das Benehmen des ebenfalls
gegenwärtigen Herrn Crookes gab "meinem Glauben, daß etwas an
diesen Manifestationen sein könne, den schließlichen Todesstoß"
("Mystic London", by the Rev. C. Maurice Davies, London, Tinsley
Brothers) [197]. Und zum Überfluß kam es in Amerika an den Tag,
wie man "Kateys" "materialisiert". Ein Ehepaar Holmes gab in
Philadelphia Vorstellungen, bei denen ebenfalls
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1*) Alle Hervorhebungen von Engels
#344# Dialektik der Natur
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eine "Katey" erschien, und von den Gläubigen reichlich beschenkt
wurde. Ein Skeptiker jedoch ruhte nicht, bis er besagter Katey,
die übrigens schon einmal wegen Mangel [an] Zahlung Strike ge-
macht hatte, auf die Spur kam: Er entdeckte sie in einem boarding
house (Privathotel) als eine junge Dame von unbestrittenem
Fleisch und Bein und im Besitz aller der dem Geist gemachten Ge-
schenke.
Indes auch der Kontinent sollte seine wissenschaftlichen Geister-
seher erleben. Eine Petersburger wissenschaftliche Körperschaft -
ich weiß nicht genau, ob die Universität oder gar die Akademie -
delegierte die Herren Staatsrat Aksakow und den Chemiker Butle-
row, die spiritistischen Phänomene zu ergründen, wobei indes
nicht viel herausgekommen zu sein scheint [198]. Dagegen - wenn
anders den lauten Verkündigungen der Spiritisten zu trauen ist -
hat jetzt auch Deutschland seinen Mann gestellt in der Person des
Herrn Professor Zöllner in Leipzig.
Bekanntlich hat Herr Zöllner seit Jahren stark in der "vierten
Dimension" des Raumes gearbeitet und entdeckt, daß viele Dinge,
die in einem Raum von drei Dimensionen unmöglich sind, sich in
einem Raum von vier Dimensionen ganz von selbst verstehn. So kann
man in diesem letzteren Raum eine geschlossene Metallkugel umkeh-
ren wie einen Handschuh, ohne ein Loch darin zu machen, desglei-
chen einen Knoten schlingen in einen beiderseits endlosen oder an
beiden Enden befestigten Faden, auch zwei getrennte geschlossene
Ringe ineinander verschlingen, ohne einen von ihnen zu öffnen,
und was dergleichen Kunststücke mehr sind. Nach neueren trium-
phierenden Berichten aus der Geisterwelt hätte sich nun Herr Pro-
fessor Zöllner an ein oder mehrere Medien gewandt, um mit ihrer
Hülfe über die Lokalität der vierten Dimension das Nähere festzu-
stellen. Der Erfolg sei überraschend gewesen. Die Stuhllehne, auf
die er den Arm gestützt, während die Hand den Tisch nie verließ,
sei nach der Sitzung mit dem Arm verschlungen gewesen, ein an
beiden Enden auf den Tisch angesiegelter Faden habe vier Knoten
bekommen usw. Kürz, alle Wunder der vierten Dimension seien von
den Geistern spielend geleistet worden. Wohlgemerkt: relata re-
fero 1*), ich stehe nicht ein für die Richtigkeit der Geisterbul-
letins, und sollten sie Unrichtiges enthalten, so dürfte Herr
Zöllner mir Dank wissen, daß ich ihm Gelegenheit gebe, sie zu be-
richtigen. Sollten sie aber die Erfahrungen des Herrn Zöllner un-
verfälscht wiedergeben, so bezeichnen sie offenbar eine neue Ära
in der Geisterwissenschaft wie in der Mathematik.
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1*) Ich erzähle das Erzählte, d.h. ich kann nicht für die Rich-
tigkeit der Mitteilung bürgen
#345# Die Naturforschung in der Geisterwelt
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Die Geister beweisen das Dasein der vierten Dimension, wie die
vierte Dimension einsteht für das Dasein der Geister. Und wenn
das einmal feststeht, so eröffnet sich der Wissenschaft ein ganz
neues, unermeßliches Feld. Alle bisherige Mathematik und Natur-
wissenschaft wird nur eine Vorschule für die Mathematik der vier-
ten und noch höheren Dimensionen und für die Mechanik, Physik,
Chemie und Physiologie der sich in diesen höheren Dimensionen
aufhaltenden Geister. Hat doch Herr Crookes wissenschaftlich
festgestellt, wieviel Gewichtsverlust Tische und andre Möbel bei
ihrem Übergang - wir dürfen jetzt wohl sagen - in die vierte Di-
mertsiön-erleiden, und erklärt Herr Wallace es für ausgemacht,
daß dort das Feuer den menschlichen Körper nicht verletzt. Und
nun gar die Physiologie dieser Geisterkörper! Sie atmen, sie ha-
ben einen Puls, also Lungen, Herz und Zirkulationsapparat, und
sind demzufolge auch in betreff der übrigen Leibesorgane sicher
mindestens ebenso vortrefflich beschlagen wie unsereins. Denn zum
Atmen gehören Kohlenwasserstoffe, die in der Lunge verbrannt wer-
den, und diese können nur von außen zugeführt werden: also Magen,
Darm und Zubehör - und haben wir erst soviel konstatiert, so
folgt das übrige ohne Schwierigkeit. Die Existenz solcher Organe
aber schließt die Möglichkeit ihrer Erkrankung ein, und somit
kann es Herrn Virchow noch passieren, daß er eine Zellularpatho-
logie der Geisterwelt verfassen muß. Und da die meisten dieser
Geister wunderschöne junge Damen sind, die sich durch nichts,
aber auch gar nichts von irdischen Frauenzimmern unterscheiden
als durch ihre überirdische Schönheit, wie könnte es da lange
dauern, bis sie einmal ankommen "bei Männern, welche Liebe füh-
len" [199]; und wenn da das von Herrn Crookes am Pulsschlag kon-
statierte "weiblich Herze nicht fehlt", so eröffnet sich der na-
türlichen Zuchtwahl ebenfalls eine vierte Dimension, in der sie
nicht mehr zu befürchten braucht, mit der bösen Sozialdemokratie
verwechselt zu werden [200].
Genug. Es zeigt sich hier handgreiflich, welches der sicherste
Weg von der Naturwissenschaft zum Mystizismus ist. Nicht die
überwuchernde Theorie der Naturphilosophie, sondern die aller-
platteste, alle Theorie verachtende, gegen alles Denken mißtrau-
ische Empirie. Es ist nicht die aprioristische Notwendigkeit, die
die Existenz der Geister beweist, sondern die erfahrungsmäßige
Beobachtung der Herren Wallace, Crookes & Co. Wenn wir den spek-
tralanalytischen Beobachtungen von Crookes glauben, die zur Ent-
deckung des Metalls Thallium führten, oder den reichen zoologi-
schen Entdeckungen von Wallace im Malaiischen Archipel, so ver-
langt man von
#346# Dialektik der Natur
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uns denselben Glauben für die spiritistischen Erfahrungen und
Entdeckungen dieser beiden Forscher. Und wenn wir meinen, daß
hier doch ein kleiner Unterschied stattfinde, nämlich der, daß
wir die einen verifizieren können und die andern nicht, so ent-
gegnen uns die Geisterseher, daß dies nicht der Fall, und daß sie
bereit sind, uns Gelegenheit zu geben, auch die Geistererschei-
nungen zu verifizieren.
Man verachtet in der Tat die Dialektik nicht ungestraft. Man mag
noch so viel Geringschätzung hegen für alles theoretische Denken,
so kann man doch nicht zwei Naturtatsachen in Zusammenhang brin-
gen oder ihren bestehenden Zusammenhang einsehn ohne theoreti-
sches Denken. Es fragt sich dabei nur, ob man dabei richtig denkt
oder nicht, und die Geringschätzung der Theorie ist selbstredend
der sicherste Weg, naturalistisch und damit falsch zu denken.
Falsches Denken, zur vollen Konsequenz durchgeführt, kommt aber
nach einem altbekannten dialektischen Gesetz regelmäßig an beim
Gegenteil seines Ausgangspunkts. Und so straft sich die empiri-
sche Verachtung der Dialektik dadurch, daß sie einzelne der nüch-
ternsten Empiriker in den ödesten aller Aberglauben, in den mo-
dernen Spiritismus führt.
Ebenso geht es mit der Mathematik. Die gewöhnlichen metaphysi-
schen Mathematiker pochen mit gewaltigem Stolz auf die absolute
Unumstößlichkeit der Resultate ihrer Wissenschaft. Zu diesen Re-
sultaten gehören aber auch die imaginären Größen, denen damit
auch eine gewisse Realität zukommt. Hat man sich aber erst daran
gewöhnt, der
___
\/ -1 oder der vierten Dimension irgendwelche Realität außerhalb
unsres Kopfes zuzuschreiben, so kommt es nicht darauf an, ob man
noch einen Schritt weiter geht und auch die Geisterwelt der Me-
dien akzeptiert. Es ist, wie Ketteler von Döllinger sagte:
"Der Mann hat in seinem Leben soviel Unsinn verteidigt, da konnte
er wahrhaftig auch noch die Unfehlbarkeit in den Kauf nehmen!"
[201]
In der Tat ist die bloße Empirie unfähig, mit den Spiritisten
fertigzuwerden. Erstens werden die "höheren" Phänomene immer erst
dann gezeigt, wenn der betreffende "Forscher" schon soweit einge-
fangen ist, daß er nur noch sieht, was er sehen soll oder will -
wie Crookes das mit so unnachahmlicher Naivität selbst be-
schreibt. Zweitens aber macht es den Spiritisten nichts aus, wenn
Hunderte angeblicher Tatsachen als Prellerei und Dutzende angeb-
licher Medien als ordinäre Taschenspieler enthüllt werden. So-
lange nicht j e d e s einzelne angebliche Wunder wegerklärt
ist, bleibt ihnen Terrain genug übrig, wie dies ja auch Wallace
bei Gelegenheit der gefälschten
#347# Die Naturforschung in der Geisterwelt
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Geisterphotographien deutlich sagt. Die Existenz der Fälschungen
beweist die Echtheit der echten.
Und so sieht sich denn die/Empirie gezwungen, die Zudringlichkeit
der Geisterseher nicht mit empirischen Experimenten, sondern mit
theoretischen Erwägungen abzufertigen und mit Huxley zu sagen:
"Das einzige Gute, das meiner Ansicht nach bei dem Nachweis der
Wahrheit des Spiritualismus herauskommen könnte, wäre dies, ein
neues Argument gegen den Selbstmord zu liefern. Lieber als Stra-
ßenkehrer leben, denn als Verstorbner Blech schwätzen durch den
Mund eines Mediums, das sich für eine Guinea per Sitzung vermie-
tet!" [202]
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