Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur
zurück
#354#
-----
Grundformen der Bewegung [207]
Bewegung in dem allgemeinsten Sinn, in dem sie als Daseinsweise,
als inhärentes Attribut der Materie gefaßt wird, begreift alle im
Universum vorgehenden Veränderungen und Prozesse in sich, von der
bloßen Ortsveränderung bis zum Denken. Die Untersuchung über die
Natur der Bewegung mußte selbstredend von den niedrigsten, ein-
fachsten Formen dieser Bewegung ausgehn und diese begreifen ler-
nen, ehe sie in der Erklärung der höheren und verwickelten Formen
etwas leisten konnte. So sehen wir, wie in der geschichtlichen
Entwicklung der Naturwissenschaften die Theorie der einfachen
Ortsveränderung, die Mechanik der Weltkörper wie der irdischen
Massen, zuerst ausgebildet wird; ihr folgt die Theorie der Mole-
kularbewegung, die Physik, und gleich hinter, fast neben ihr und
stellenweise ihr voraus, die Wissenschaft von der Bewegung der
Atome, die Chemie. Erst nachdem diese verschiednen Zweige der Er-
kenntnis der die leblose Natur beherrschenden Bewegungsformen
einen hohen Grad der Ausbildung erreicht, konnte die Erklärung
der den Lebensprozeß darstellenden Bewegungsvorgänge mit Erfolg
angefaßt werden. Sie schritt fort im Verhältnis, wie Mechanik,
Physik, Chemie fortschritten. Während also die Mechanik schon
seit längerer Zeit imstande war, im tierischen Körper die Wirkun-
gen der durch Muskelzusammenziehung in Bewegung gesetzten Kno-
chenhebel genügend auf ihre auch in der unbelebten Natur gelten-
den Gesetze zurückzuführen, steht die physikalisch-chemische Be-
gründung der übrigen Lebenserscheinungen noch so ziemlich am An-
fang ihrer Laufbahn. Wenn wir hier also die Natur der Bewegung
untersuchen, so sind wir gezwungen, die organischen Bewegungsfor-
men aus dem Spiel zu lassen. Wir beschränken uns daher notgedrun-
gen - dem Stand der Wissenschaft gemäß - auf die Bewegungsformen
der unbelebten Natur.
Alle Bewegung ist mit irgendwelcher Ortsveränderung verbunden,
sei es nun Ortsveränderung von Weltkörpern, von irdischen Massen,
von Molekülen,
#355# Grundformen der Bewegung
-----
Atomen oder Ätherteilchen. Je höher die Bewegungsform, desto ge-
ringer wird diese Ortsveränderung. Sie erschöpft die Natur der
betreffenden Bewegung in keiner Weise, aber sie ist untrennbar
von ihr. Sie ist also vor allen Dingen zu untersuchen.
Die ganze uns zugängliche Natur bildet ein System, einen Gesamt-
zusammenhang von Körpern, und zwar verstehn wir hier unter Kör-
pern alle materiellen Existenzen vom Gestirn bis zum Atom, ja bis
zum Ätherteilchen, soweit dessen Existenz zugegeben. Darin, daß
diese Körper in einem Zusammenhang stehn, liegt schon einbegrif-
fen, daß sie aufeinander einwirken, und diese ihre gegenseitige
Einwirkung ist eben die Bewegung. Es zeigt sich hier schon, daß
Materie undenkbar ist ohne Bewegung. Und wenn uns weiter die Ma-
terie gegenübersteht als etwas Gegebnes, ebensosehr Unerschaff-
bares wie Unzerstörbares, so folgt daraus, daß auch die Bewegung
so unerschaffbar wie unzerstörbar ist. Diese Folgerung wurde un-
abweisbar, sobald einmal das Universum als ein System, als ein
Zusammenhang von Körpern erkannt war. Und da diese Erkenntnis von
der Philosophie gewonnen wurde, lange bevor sie in der Naturwis-
senschaft wirksame Geltung gewann, so ist es erklärlich, warum
die Philosophie volle 200 Jahre vor der Naturwissenschaft den
Schluß auf die Unerschaffbarkeit und Unzerstörbarkeit der Bewe-
gung zog. Selbst die Form, in der sie es tat, ist der heutigen
naturwissenschaftlichen Formulierung noch immer überlegen. Der
Descartessche Satz, daß die Menge der im Universum vorhandnen Be-
wegung stets dieselbe sei [37], fehlt nur formell in der Anwen-
dung eines endlichen Ausdrucks auf eine unendliche Größe. Dagegen
gelten in der Naturwissenschaft jetzt zwei Ausdrücke desselben
Gesetzes: der Helmholtzsche von der Erhaltung der K r a f t und
der neuere, präzisere von der Erhaltung der E n e r g i e, wo-
von der eine, wie wir sehn werden, das grade Gegenteil vom andern
besagt und wovon zudem jeder nur die eine Seite des Verhältnisses
ausspricht.
Wenn zwei Körper aufeinander wirken, so daß eine Ortsveränderung
eines derselben oder beider die Folge ist, so kann diese Ortsver-
änderung nur bestehn in einer Annäherung oder einer Entfernung.
Entweder ziehen sie einander an, oder sie stoßen einander ab.
Oder, wie sich die Mechanik ausdrückt, die zwischen ihnen wirksa-
men Kräfte sind zentral, wirken in der Richtung der Verbindungs-
linie ihrer Mittelpunkte. Daß dies geschieht, stets und ausnahms-
los im Universum geschieht, so kompliziert auch manche Bewegungen
erscheinen, gilt uns heutzutage als selbstverständlich. Es würde
uns widersinnig vorkommen anzunehmen, daß zwei aufeinander wir-
kende Körper, deren gegenseitiger Einwirkung kein Hindernis oder
#356# Dialektik der Natur
-----
keine Einwirkung dritter Körper entgegensteht, diese Einwirkung
anders ausüben sollten als auf dem kürzesten und direktesten
Wege, in der Richtung der ihre Mittelpunkte verbindenden Geraden
1*). Bekanntlich hat aber Helmholtz ("Erhaltung der Kraft", Ber-
lin 1847, Abschn. I und II) auch den mathematischen Beweis gelie-
fert, daß zentrale Wirkung und Unveränderlichkeit der Bewegungs-
menge [209] sich gegenseitig bedingen, und daß die Annahme andrer
als zentraler Wirkungen zu Resultaten führt, bei denen Bewegung
entweder erschaffen oder vernichtet werden könnte. Die Grundform
aller Bewegung ist hiernach Annäherung und Entfernung, Zusammen-
ziehung und Ausdehnung - kurz, der alte polare Gegensatz von
A t t r a k t i o n und R e p u l s i o n.
Ausdrücklich zu merken: Attraktion und Repulsion werden hier
nicht gefaßt als sogenannte "K r ä f t e", sondern als e i n-
f a c h e F o r m e n d e r B e w e g u n g. Wie denn schon
Kant die Materie aufgefaßt hat als die Einheit von Attraktion und
Repulsion. Was es mit den "Kräften" auf sich hat, wird sich
seinerzeit zeigen.
In dem Wechselspiel von Attraktion und Repulsion besteht alle Be-
wegung. Sie ist aber nur möglich, wenn jede einzelne Attraktion
kompensiert wird durch eine entsprechende Repulsion an andrer
Stelle. Sonst müßte die eine Seite mit der Zeit das Übergewicht
erhalten über die andre, und damit hörte die Bewegung schließlich
auf. Also müssen sich alle Attraktionen und alle Repulsionen im
Universum gegenseitig aufwiegen. Das Gesetz von der Unzerstörbar-
keit und Unerschaffbarkeit der Bewegung erhält hiermit den Aus-
druck, daß jede Attraktionsbewegung im Universum durch eine
gleichwertige Repulsionsbewegung ergänzt werden muß, und umge-
kehrt; oder, wie die ältere Philosophie - lange vor der natur-
wissenschaftlichen Aufstellung des Gesetzes von der Erhaltung der
Kraft, resp. Energie - dies aussprach: daß die Summe aller
Attraktionen im Weltall gleich ist der Summe aller Repulsionen.
Hier scheinen indes zwei Möglichkeiten noch immer offen, daß alle
Bewegung einmal aufhöre, nämlich entweder dadurch, daß Repulsion
und Attraktion sich endlich einmal tatsächlich ausgleichen, oder
dadurch, daß die gesamte Repulsion sich eines Teils der Materie
endgültig bemächtigt und die gesamte Attraktion des übrigen
Teils. Für die dialektische Auffassung können diese Möglichkeiten
von vornherein nicht existieren. Sobald
-----
1*) Am Rande des Manuskripts findet sich hier folgende mit Blei-
stift geschriebene Notiz: "Kant [sagt], p. 22, daß die 3 Raumdi-
mensionen dadurch bedingt sind, daß diese Attraktion oder Repul-
sion nach dem umgekehrten Quadrat der Entfernung geschieht."
[208]
#357# Grundformen der Bewegung
-----
die Dialektik einmal aus den Resultaten unserer bisherigen Na-
turerfahrung nachgewiesen hat, daß alle polaren Gegensätze über-
haupt bedingt sind durch das wechselnde Spiel der beiden entge-
gengesetzten Pole aufeinander, daß die Trennung und Entgegenset-
zung dieser Pole nur besteht innerhalb ihrer Zusammengehörigkeit
und Vereinigung, und umgekehrt ihre Vereinigung nur in ihrer
Trennung, ihre Zusammengehörigkeit nur in ihrer Entgegensetzung,
kann weder von einer endgültigen Ausgleichung von Repulsion und
Attraktion, noch von einer endgültigen Verteilung der einen Bewe-
gungsform auf die eine, der andren auf die andre Hälfte der Mate-
rie, also weder von der gegenseitigen Durchdringung 1*), noch von
der absoluten Scheidung beider Pole die Rede sein. Es wäre ganz
dasselbe, als wollte man im ersten Fall verlangen, der Nordpol
und der Südpol eines Magnets sollten sich gegen- und durcheinan-
der ausgleichen, und im zweiten Fall, die Durchfeilung eines Ma-
gnets in der Mitte zwischen beiden Polen solle hier eine Nord-
hälfte ohne Südpol, dort eine Südhälfte ohne Nordpol herstellen.
Wenn aber auch die Unzulässigkeit solcher Annahmen schon aus der
dialektischen Natur des polaren Gegensatzes folgt, so spielt
doch, dank der herrschenden metaphysischen Denkweise der
Naturforscher wenigstens die zweite Annahme in der physikalischen
Theorie eine gewisse Rolle. Hiervon wird an seinem Ort die Rede
sein.
Wie stellt sich nun die Bewegung dar in der Wechselwirkung von
Attraktion und Repulsion? Dies untersuchen wir am besten an den
einzelnen Formen der Bewegung selbst. Das Fazit wird sich dann am
Schluß ergeben.
Nehmen wir die Bewegung eines Planeten um seinen Zentralkörper.
Die gewöhnliche Schulastronomie erklärt die beschriebne Ellipse
mit Newton aus der Zusammenwirkung zweier Kräfte, der Attraktion
des Zentralkörpers und einer den Planeten normal zur Richtung
dieser Attraktion forttreibenden Tangentialkraft. Sie nimmt also
außer der zentral vor sich gehenden Bewegungsform noch eine an-
dre, senkrecht zur Verbindungslinie der Mittelpunkte erfolgende
Bewegungsrichtung oder sogenannte "Kraft" an. Sie setzt sich da-
mit in Widerspruch mit dem oben erwähnten Grundgesetz, wonach in
unserm Universum alle Bewegung nur in der Richtung der Mittel-
punkte der aufeinander einwirkenden Körper stattfinden kann,
oder, wie man sich ausdrückt, nur durch zentral wirkende "Kräfte"
verursacht wird. Sie bringt eben damit ein Bewegungselement in
die Theorie, das, wie wir ebenfalls sahen, notwendig auf die
Erschaffung und Vernichtung von Bewegung hinausläuft und daher
auch einen Schöpfer voraussetzt. Es kam
#358# Dialektik der Natur
-----
also darauf an, diese geheimnisvolle Tangentialkraft auf eine
zentral vor sich gehende Bewegungsform zu reduzieren, und dies
tat die Kant-Laplacesche kosmogonische Theorie. Bekanntlich läßt
diese Auffassung das ganze Sonnensystem aus einer rotierenden,
äußerst verdünnten Gasmasse durch allmähliche Zusammenziehung
entstehn, wobei am Äquator dieses Gasballs die Rotationsbewegung
selbstredend am stärksten ist und einzelne Gasringe von der Masse
losreißt, die sich dann zu Planeten, Planetoiden etc. zusammen-
ballen und den Zentralkörper in der Richtung der ursprünglichen
Rotation umkreisen. Diese Rotation selbst wird gewöhnlich erklärt
aus der Eigenbewegung der einzelnen Gasteilchen, die in den ver-
schiedensten Richtungen erfolgt, wobei aber schließlich ein Über-
schuß in einer bestimmten Richtung sich durchsetzt und so die
drehende Bewegung verursacht, die mit dem Fortschritt der Zusam-
menziehung des Gasballs immer stärker werden muß. Welche Hypo-
these man aber auch über den Ursprung der Rotation annimmt, mit
einer jeden ist die Tangentialkraft beseitigt, aufgelöst in eine
besondre Erscheinungsform einer in zentraler Richtung erfolgenden
Bewegung. Wenn das eine, direkt zentrale Element der Planeten-
bewegung durch die Schwere, die Attraktion zwischen ihm und dem
Zentralkörper, dargestellt wird, so erscheint nun das andre, tan-
gentielle Element als ein Rest, in übertragner oder verwandelter
Form, der ursprünglichen Repulsion der einzelnen Teilchen des
Gasballs. Der Daseinsprozeß eines Sonnensystems stellt sich nun
dar als ein Wechselspiel von Attraktion und Repulsion, in welchem
die Attraktion allmählich mehr und mehr die Oberhand dadurch be-
kommt, daß die Repulsion in der Form von Wärme in den Weltraum
ausgestrahlt wird, dem System also mehr und mehr verlorengeht.
Man sieht auf den ersten Blick, daß die Bewegungsform, die hier
als Repulsion gefaßt ist, dieselbe ist, die von der modernen Phy-
sik als "Energie" bezeichnet wird. Durch die Zusammenziehung des
Systems und die daraus folgende Sonderung der einzelnen Körper,
aus denen es heute besteht, hat das System "Energie" verloren,
und zwar beträgt dieser Verlust nach der bekannten Rechnung von
Helmholtz jetzt schon 453/454 der ganzen ursprünglich darin in
der Form von Repulsion vorhandenen Bewegungsmenge.
Nehmen wir ferner eine körperliche Masse auf unsrer Erde selbst.
Sie ist mit der Erde verbunden durch die Schwere, wie die Erde
ihrerseits mit der Sonne; aber ungleich der Erde ist sie einer
freien planetarischen Bewegung unfähig. Sie kann nur bewegt wer-
den durch Anstoß von außen, und auch dann, sobald der Anstoß auf-
hört, kommt ihre Bewegung bald zum Stillstand, sei es durch die
Wirkung der Schwere allein, sei es durch sie in
#359# Grundformen der Bewegung
-----
Verbindung mit dem Widerstand des Mittels, in dem sie sich be-
wegt. Auch dieser Widerstand ist in letzter Instanz eine Wirkung
der Schwere, ohne die die Erde kein widerstehendes Mittel, keine
Atmosphäre an ihrer Oberfläche haben würde. Wir haben [es] also
in der rein mechanischen Bewegung auf der Erdoberfläche zu tun
mit einer Lage, in der die Schwere, die Attraktion entschieden
vorherrscht, wo also die Herstellung von Bewegung die beiden Pha-
sen zeigt: zuerst der Schwere entgegenzuwirken, und dann die
Schwere wirken zu lassen - in einem Worte: heben und fallenlas-
sen.
Wir haben also wieder die Wechselwirkung zwischen der Anziehung
auf der einen, und einer in entgegengesetzter Richtung zur ihri-
gen erfolgenden, also repellierenden Bewegungsform auf der andern
Seite. Nun kommt aber innerhalb des Gebiets der irdischen
r e i n e n Mechanik (die mit Massen von g e g e b n e n, für
sie unveränderlichen Aggregat- und Kohäsionszuständen rechnet)
diese repeliierende Bewegungsform nicht in der Natur vor. Die
physikalischen und chemischen Bedingungen, unter denen ein Fels-
block sich von der Bergkuppe losreißt oder unter denen ein Was-
sergefälle möglich wird, liegen außerhalb ihres Bereichs. Die re-
pellierende, hebende Bewegung muß also in der irdischen reinen
Mechanik künstlich erzeugt werden: durch Menschenkraft, Tier-
kraft, Wasserkraft, Dampfkraft usw. Und dieser Umstand, diese
Notwendigkeit, die natürliche Anziehung künstlich zu bekämpfen,
ruft bei den Mechanikern die Anschauung hervor, daß die Anzie-
hung, die Schwere, oder wie sie sagen, die Schwer k r a f t die
wesentlichste, ja die Grundbewegungsform in der Natur ist.
Wenn z.B. ein Gewicht gehoben wird und durch seinen direkten oder
indirekten Fall andren Körpern Bewegung mitteilt, so ist es nach
der üblichen mechanischen Auffassung nicht die H e b u n g des
Gewichts, die diese Bewegung mitteilt, sondern die S c h w e r-
k r a f t. So läßt z.B. Helmholtz
"die uns am besten bekannte und einfachste Kraft, die Schwere,
als Triebkraft wirken... z.B. in denjenigen Wanduhren, welche
durch ein Gewicht getrieben werden. Das Gewicht... kann dem Zuge
der Schwere nicht folgen, ohne das ganze Uhrwerk in Bewegung zu
setzen." Aber es kann das Uhrwerk nicht in Bewegung setzen, ohne
selbst zu sinken, und sinkt endlich so weit, bis die Schnur, an
der es hängt, ganz abgewickelt ist. "Dann bleibt die Uhr stehn,
dann ist die Leistungsfähigkeit ihres Gewichts vorläufig er-
schöpft. Seine Schwere ist nicht verloren oder vermindert, es
wird nach wie vor in gleichem Maße von der Erde angezogen, aber
die Fähigkeit dieser Schwere, Bewegungen hervorzubringen, ist
verlorengegangen... Wir können die Uhr aber aufziehen durch die
Kraft unsres Arms, wobei das Gewicht wieder emporgehoben wird.
Sowie das geschehn ist, hat es seine frühere Leistungsfähigkeit
wieder erlangt, und kann die Uhr wieder in Bewegung erhalten."
(Helmholtz, "Populäre Vorträge", II, [S.] 144 bis 145.)
#360# Dialektik der Natur
-----
Nach Helmholtz ist es also nicht die aktive Bewegungsmitteilung,
das Heben des Gewichts, die die Uhr in Bewegung setzt, sondern
die passive Schwere des Gewichts, obwohl diese selbe Schwere erst
durch das Heben aus ihrer Passivität herausgerissen wird und auch
nach Ablauf der Gewichtsschnur wieder in ihre Passivität zurück-
tritt. War also nach der neueren Auffassung, wie wir soeben sa-
hen, E n e r g i e nur ein andrer Ausdruck für R e p u l-
s i o n, so erscheint hier in der älteren, Helmholtzschen,
K r a f t als ein andrer Ausdruck für das Gegenteil der Repul-
sion, für A t t r a k t i o n. Wir konstatieren dies einstwei-
len.
Wenn nun der Prozeß der irdischen Mechanik sein Ende erreicht
hat, wenn die schwere Masse zuerst gehoben und dann wieder um
dieselbe Höhe gefallen ist, was wird aus der Bewegung, die diesen
Prozeß ausmachte? Sie ist für die reine Mechanik verschwunden.
Aber wir wissen jetzt, daß sie keineswegs vernichtet ist. Sie ist
zum kleineren Teil in Schallwellenschwingung der Luft, zum weit
größeren in Wärme umgesetzt worden - Wärme, die teils der wider-
stehenden Atmosphäre, teils dem fallenden Körper selbst, teils
endlich dem Aufschlagsboden mitgeteilt wurde. Auch das Uhrgewicht
hat seine Bewegung in der Form von Reibungswärme an die einzelnen
Triebräder des Uhrwerks nach und nach abgegeben. Es ist aber
nicht, wie man sich wohl ausdrückt, die Fallbewegung, d.h. die
Attraktion, die in Wärme, also in eine Form der Repulsion überge-
gangen ist. Im Gegenteil, die Attraktion, die Schwere, bleibt,
wie Helmholtz richtig bemerkt, was sie vorher war, und wird, ge-
nau gesprochen, sogar größer. Es ist vielmehr die dem gehobenen
Körper durch die Hebung mitgeteilte Repulsion, die durch den Fall
m e c h a n i s c h vernichtet wird und als Wärme wieder ent-
steht. Massenrepulsion ist verwandelt in Molekularrepulsion.
Die Wärme ist, wie schon gesagt, eine Form der Repulsion. Sie
versetzt die Moleküle fester Körper in Schwingungen, lockert da-
durch den Zusammenhang der einzelnen Moleküle, bis endlich der
Übergang in den flüssigen Zustand eintritt; sie steigert auch in
diesem, bei fortdauernder Wärmezufuhr, die Bewegung der Moleküle
bis zu einem Grad, wo diese sich von der Masse vollständig los-
reißen und mit einer für jedes Molekül durch seine chemische Kon-
stitution bedingten, bestimmten Geschwindigkeit einzeln frei
fortbewegen; bei weiter fortgesetzter Wärmezufuhr steigert sie
auch diese Geschwindigkeit noch weiter und repelliert damit die
Moleküle immer mehr voneinander,
Wärme ist aber eine Form der sogenannten "Energie"; diese erweist
sich auch hier wieder als identisch mit der Repulsion.
#361# Grundformen der Bewegung
-----
Bei den Erscheinungen der statischen Elektrizität und des Magne-
tismus haben wir Attraktion und Repulsion polarisch verteilt.
Welche Hypothese man auch gelten lassen möge in Beziehung auf den
modus operandi 1*) dieser beiden Bewegungsformen, so zweifelt
doch angesichts der Tatsachen kein Mensch daran, daß Attraktion
und Repulsion, soweit sie durch statische Elektrizität oder Ma-
gnetismus hervorgerufen sind und sich ungehindert entfalten kön-
nen, einander vollständig kompensieren, wie dies in der Tat auch
schon aus der Natur der polaren Verteilung mit Notwendigkeit
folgt. Zwei Pole, deren Betätigung sich nicht vollständig kompen-
siert, wären eben keine Pole, und sind bisher in der Natur auch
nicht aufzufinden gewesen. Den Galvanismus lassen wir hier einst-
weilen aus dem Spiel, weil bei ihm der Prozeß durch chemische
Vorgänge bedingt und dadurch verwickelt gemacht wird. Untersuchen
wir daher lieber die chemischen Bewegungsvorgänge selbst.
Wenn zwei Gewichtsteile Wasserstoff sich mit 15,96 Gewichtsteilen
Sauerstoff zu Wasserdampf verbinden, so entwickelt sich während
dieses Vorgangs eine Wärmemenge von 68,924 Wärmeeinheiten. Umge-
kehrt, wenn 17,96 Gewichtsteile Wasserdampf in 2 Gewichtsteile
Wasserstoff und 15,96 Gewichtsteile Sauerstoff zerlegt werden
sollen, so ist dies nur möglich unter der Bedingung, daß dem Was-
serdampf eine Bewegungsmenge zugeführt wird, die mit 68,924 Wär-
meeinheiten gleichwertig ist - sei es in der Form von Wärme
selbst oder von elektrischer Bewegung. Dasselbe gilt von allen
andern chemischen Prozessen. In der sehr großen Mehrzahl der
Fälle wird bei der Zusammensetzung Bewegung abgegeben, bei der
Zerlegung muß Bewegung zugeführt werden. Auch hier ist die Repul-
sion in der Regel die aktive, mit Bewegung begabtere oder Bewe-
gungszufuhr heischende, die Attraktion die passive, Bewegung
überflüssig machende und abgebende Seite des Prozesses. Daher
auch die moderne Theorie wieder erklärt, im ganzen und großen
werde bei der Vereinigung von Elementen Energie frei, bei der
Zerlegung werde sie gebunden. Energie steht hier also wieder für
Repulsion. Und wieder erklärt Helmholtz:
"Diese Kraft" (die chemische Verwandtschaftskraft) "können wir
uns als eine A n z i e h u n g s k r a f t vorstellen... Diese
Anziehungskraft nun zwischen den Atomen des Kohlenstoffs und des
Sauerstoffs leistet geradesogut Arbeit, wie die, welche die Erde
in der Form der Schwere auf ein gehobenes Gewicht ausübt... Wenn
Kohlenstoff- und Sauerstoffatome aufeinander losgestürzt sind und
sich zu Kohlensäure vereinigt haben, so müssen die neugebildeten
Teilchen der Kohlensäure in heftigster Molekularbewegung
-----
1*) die Wirkungsweise
#362# Dialektik der Natur
-----
sein, das heißt in Wärmebewegung... Wenn sie später ihre Wärme an
die Umgebung abgegeben hat, so haben wir in der Kohlensäure noch
den ganzen Kohlenstoff, noch den ganzen Sauerstoff und auch noch
die Verwandtschaftskraft beider ebenso kräftig wie vorher beste-
hend. Aber letztere äußert sich jetzt nur noch darin, daß sie die
Kohlenstoff- und Sauerstoffatome fest aneinander heftet, ohne
eine Trennung derselben zu gestatten." (l.c., [S.] 169[/170].)
Es ist ganz wie vorhin: Helmholtz besteht darauf, daß in der Che-
mie wie in der Mechanik die Kraft nur in der A t t r a k t i o n
bestehe und also das grade Gegenteil von dem sei, was bei andern
Physikern Energie heißt und identisch ist mit der
R e p u l s i o n.
Wir haben jetzt also nicht mehr die beiden einfachen Grundformen
der Attraktion und Repulsion, sondern eine ganze Reihe von Unter-
formen, in denen der im Gegensatz jener beiden sich ab- und auf-
wickelnde Prozeß der universellen Bewegung vor sich geht. Es ist
aber keineswegs bloß unser Verstand, der diese mannigfachen Er-
scheinungsformen unter den Einen Ausdruck der Bewegung zusammen-
faßt. Im Gegenteil, sie selbst beweisen sich durch die Tat als
Formen einer und derselben Bewegung, indem sie unter Umständen
die eine in die andre übergehn. Mechanische Massenbewegung geht
über in Wärme, in Elektrizität, in Magnetismus; Wärme und Elek-
trizität gehen über in chemische Zersetzung; chemische Vereini-
gung ihrerseits entwickelt wieder Wärme und Elektrizität, und
vermittelst dieser letzteren Magnetismus; und endlich produzieren
Wärme und Elektrizität wiederum mechanische Massenbewegung. Und
zwar derart, daß einer bestimmten Bewegungsmenge der einen Form
stets eine genau bestimmte Bewegungsmenge der andern Form ent-
spricht; wobei es wieder gleichgültig ist, welcher Bewegungsform
die Maßeinheit entlehnt ist, an der diese Bewegungsmenge gemessen
wird: ob sie zur Messung von Massenbewegung, von Wärme, von sog.
elektromotorischer Kraft, oder von der bei chemischen Vorgängen
umgesetzten Bewegung dient.
Wir stehn hiermit auf dem Boden der von J.R. Mayer 1842 begründe-
ten *) und seitdem mit so glänzendem Erfolg international ausge-
arbeiteten
---
*) In den "Pop. Vorles." II, S. 113, scheint Helmholtz, außer
Mayer, Joule und Colding, auch sich selbst einen gewissen Anteil
an der naturwissenschaftlichen Beweisführung für den Descar-
tesschen Satz von der quantitativen Unveränderlichkeit der Bewe-
gung'37! zuzuschreiben. "Ich selbst hatte, ohne von Mayer und
Colding etwas zu wissen, und mit Joules Versuchen erst am Ende
meiner Arbeit bekannt geworden, d e n s e l b e n W e g
b e t r e t e n; ich bemühte mich namentlich, alle Beziehungen
zwischen den verschiedenen Naturprozessen aufzusuchen, welche aus
der angegebnen Betrachtungsweise zu folgern waren, und v e r-
ö f f e n t l i c h t e m e i n e U n t e r s u c h u n g e n
1847 in einer kleinen
#363# Grundformen der Bewegung
-----
Theorie von der "Erhaltung der Energie" und haben nun die Grund-
vorstellungen zu untersuchen, mit denen diese Theorie heutzutage
operiert. Dies sind die Vorstellungen von "Kraft" oder "Energie"
und von "Arbeit".
Es hat sich schon oben gezeigt, daß die neuere, jetzt wohl ziem-
lich allgemein angenommene Anschauung unter Energie die Repulsion
versteht, während Helmholtz mit dem Wort Kraft vorzugsweise die
Attraktion ausdrückt. Man könnte hierin einen gleichgültigen For-
munterschied sehn, da ja Attraktion und Repulsion im Universum
sich kompensieren, und da es demnach gleichgültig erscheint, wel-
che Seite des Verhältnisses man positiv oder negativ setzt; wie
es ja auch an sich gleichgültig ist, ob man von einem Punkt in
einer beliebigen Linie aus die positiven Abszissen nach rechts
oder nach links zählt. Dies ist indes nicht absolut der Fall.
Es handelt sich hier nämlich zunächst nicht um das Universum,
sondern um Erscheinungen, die auf der Erde vorgehn und bedingt
sind durch die genau bestimmte Stellung der Erde im Sonnensystem
und des Sonnensystems im Weltall. Unser Sonnensystem gibt aber in
jedem Augenblick enorme Mengen von Bewegung an den Weltraum ab,
und zwar Bewegung von ganz bestimmter Qualität: Sonnenwärme, d.h.
Repulsion. Unsre Erde selbst aber ist belebt nur durch die Son-
nenwärme und strahlt ihrerseits die empfangne Sonnenwärme, nach-
dem sie diese zum Teil in andre Bewegungsformen umgesetzt,
schließlich ebenfalls in den Weltraum aus. Im Sonnensystem und
ganz besonders auf der Erde hat also die Attraktion schon ein be-
deutendes Übergewicht über die Repulsion erhalten. Ohne die uns
von der Sonne zugestrahlte Repulsionsbewegung müßte alle Bewegung
auf der Erde aufhören. Wäre morgen die Sonne erkaltet, so bliebe
die Attraktion auf der Erde bei sonst gleichbleibenden Umständen,
was sie heute ist. Ein
---
Schrift unter dem Titel: 'Über die Erhaltung der Kraft'." 1*) -
Aber in dieser Schrift findet sich durchaus nichts für den Stand
von 1847 Neues außer der oben erwähnten mathematischen übrigens
sehr wertvollen Entwicklung, daß "Erhaltung der Kraft" und zen-
trale Wirkung der zwischen den verschiednen Körpern eines Systems
tätigen Kräfte nur zwei verschiedne Ausdrücke für dieselbe Sache
sind, und ferner eine genauere Formulierung des Gesetzes, daß die
Summe der lebendigen und Spannkräfte in einem gegebnen m e-
c h a n i s c h e n System konstant sei. In allen andern war sie
seit Mayers zweiter Abhandlung von 1845 bereits überholt. Mayer
behauptet schon 1842 die "Unzerstörlichkeit der Kraft" und weiß
über die "Beziehungen zwischen den verschiednen Naturprozessen"
von seinem neuen Standpunkt aus 1845 weit genialere Dinge zu
sagen als Helmholtz 1847. [210]
-----
1*) Alle Hervorhebungen von Engels
#364# Dialektik der Natur
-----
Stein von 100 Kilogramm würde nach wie vor da, wo er einmal
liegt, 100 Kilogramm wiegen. Aber die Bewegung, sowohl der Massen
wie der Moleküle und Atome, käme zu einem nach unsern Vorstellun-
gen absoluten Stillstand. Es ist also klar: Für Prozesse, die auf
der heutigen E r d e vorgehn, ist es durchaus nicht gleichgül-
tig, ob man die Attraktion oder die Repulsion als die aktive
Seite der Bewegung, also als "Kraft" oder "Energie" auffaßt. Auf
der heutigen Erde ist die Attraktion im Gegenteil bereits durch
ihr entschiednes Übergewicht über die Repulsion d u r c h a u s
p a s s i v geworden: alle aktive Bewegung verdanken wir der Zu-
fuhr von Repulsion durch die Sonne. Und daher hat die neuere
Schule - wenn sie auch über die Natur des Bewegungsverhältnisses
im unklaren bleibt - dennoch der Sache nach und für
i r d i s c h e Vorgänge, ja für das ganze Sonnensystem, voll-
ständig recht, wenn sie Energie als Repulsion faßt.
Der Ausdruck "Energie" spricht zwar keineswegs das ganze
Bewegungsverhältnis richtig aus, indem er nur die eine Seite um-
faßt, die Aktion, aber nicht die Reaktion. Er läßt auch noch den
Schein zu, als sei "Energie" etwas der Materie Äußerliches, ihr
Eingepflanztes. Aber er ist dem Ausdruck "Kraft" unter allen Um-
ständen vorzuziehn.
Die Vorstellung von Kraft ist, wie allerseits zugegeben (von He-
gel bis Helmholtz), der Betätigung des menschlichen Organismus
innerhalb seiner Umgebung entlehnt. Wir sprechen von der Muskel-
kraft, von der Hebungskraft der Arme, von der Sprungkraft der
Beine, von der Verdauungskraft des Magens und Darmkanals, von der
Empfindungskraft der Nerven, der Ausscheidungskraft der Drüsen
usw. Mit andern Worten, um uns die Angabe der wirklichen Ursache
einer durch eine Funktion unsres Organismus herbeigeführten Ver-
änderung zu ersparen, schieben wir eine fiktive Ursache unter,
eine der Veränderung entsprechende sog. Kraft. Diese bequeme Me-
thode übertragen wir dann auch auf die Außenwelt und erfinden da-
mit ebensoviel Kräfte, wie es verschiedne Erscheinungen gibt.
In diesem naiven Stadium befand sich die Naturwissenschaft (mit
Ausnahme etwa der himmlischen und irdischen Mechanik) noch zur
Zeit H e g e l s, der mit vollem Recht gegen die damalige Ma-
nier der Kräfteernennung losfährt (Stelle zu zitieren) [211].
Ebenso an einer andern Stelle:
"Es ist besser" (zu sagen), "der Magnet habe eine S e e l e"
(wie Thales sich ausdrückt), "als er habe die Kraft anzuziehen;
Kraft ist eine Art von Eigenschaft, die v o n d e r M a t e-
r i e t r e n n b a r, als ein Prädikat vorgestellt wird, -
Seele hingegen d i e s B e w e g e n s e i n e r, m i t
d e r N a t u r d e r M a t e r i e d a s s e l b e." 1*)
("Gesch. d. Phil.", I, [S.] 208.) [212]
-----
1*) Alle Hervorhebungen von Engels
#365# Grundformen der Bewegung
-----
So ganz leicht, wie damals, machen wir es uns nun heute mit den
Kräften nicht mehr. Hören wir Helmholtz:
"Wenn wir ein Naturgesetz vollständig kennen, müssen wir auch
Ausnahmslosigkeit seiner Geltung fordern... So tritt uns das Ge-
setz als eine objektive Macht entgegen, und demgemäß nennen wir
es K r a f t. Wir objektivieren z.B. das Gesetz der Lichtbre-
chung als eine Lichtbrechungskraft der durchsichtigen Substanzen,
das Gesetz der chemischen Wahlverwandtschaften als eine Verwandt-
schaftskraft der verschiednen Stoffe zueinander. So sprechen wir
von einer elektrischen Kontaktkraft der Metalle, von einer Adhä-
sionskraft, Kapillarkraft und andern mehr. In diesen Namen sind
Gesetze objektiviert, welche zunächst erst kleinere Reihen von
Naturvorgängen umfassen, d e r e n B e d i n g u n g e n
n o c h z i e m l i c h v e r w i c k e l t s i n d 1*) ...
die Kraft ist nur das objektivierte Gesetz der Wirkung... Der ab-
strakte Begriff der Kraft, den wir einschieben, fügt nur das noch
hinzu, daß wir dieses Gesetz nicht willkürlich erfunden, daß es
ein zwingendes Gesetz der Erscheinungen sei. Unsere Forderung,
die Naturerscheinungen z u b e g r e i f e n, d.h. ihre G e-
s e t z e zu finden, nimmt so eine andre Form [des Ausdrucks]
an, die nämlich, daß wir die K r ä f t e aufzusuchen haben,
welche die Ursachen der Erscheinungen sind." (l.c., S. 189-191.
Innsbrucker Vortrag von 1869.)
Erstens ist es jedenfalls eine eigentümliche Art "zu objektivie-
ren", wenn man in ein bereits als unabhängig von unsrer Subjekti-
vität festgestelltes, also schon vollkommen o b j e k t i v e s
Naturgesetz die rein s u b j e k t i v e Vorstellung von
K r a f t hineinträgt. Dergleichen dürfte sich höchstens ein
Althegelianer von der striktesten Observanz gestatten, nicht aber
ein Neukantianer wie Helmholtz. Weder dem einmal festgestellten
Gesetz, noch seiner Objektivität oder derjenigen seiner Wirkung
tritt die geringste neue Objektivität hinzu, wenn wir ihm eine
Kraft unterschieben; was hinzutritt, ist unsre s u b j e k-
t i v e B e h a u p t u n g, daß es vermöge einer einstweilen
gänzlich unbekannten Kraft wirke. Aber der geheime Sinn dieser
Unterschiebung zeigt sich, sobald Helmholtz uns Beispiele gibt:
Lichtbrechung, chemische Verwandtschaft, Kontaktelektrizität,
Adhäsion, Kapillarität, und die diese Erscheinungen regelnden
Gesetze in den "objektiven" Adelstand von K r ä f t e n erhebt.
"In diesen Namen sind Gesetze objektiviert, welche zunächst erst
kleinere Reihen von Naturvorgängen umfassen, deren Bedingungen
n o c h z i e m l i c h v e r w i c k e l t s i n d."
Und eben hier erhält die "Objektivierung", die vielmehr Subjekti-
vierung ist, einen Sinn: Nicht weil wir das Gesetz vollständig
erkannt haben, sondern eben weil dies n i c h t der Fall, weil
wir über die "ziemlich verwickelten Bedingungen" dieser Erschei-
nungen noch n i c h t im klaren sind, ebendeshalb nehmen wir
hier manchmal Zuflucht zum Worte Kraft. Wir drücken also
-----
1*) Hervorhebung von Engels
#366# Dialektik der Natur
-----
damit nicht unsre Wissenschaft, sondern unsern M a n g e l an
Wissenschaft von der Natur des Gesetzes und seiner Wirkungsweise
aus. In diesem Sinn, als kurzer Ausdruck eines noch nicht ergrün-
deten Kausalzusammenhangs, als Notbehelf der Sprache, mag es im
Handgebrauch passieren. Was darüber ist, das ist vom Übel. Mit
demselben Recht, wie Helmholtz physikalische Erscheinungen aus
einer sog. Lichtbrechungskraft, elektrischen Kontaktkraft usw.
erklärt, mit demselben Recht erklärten die Scholastiker des Mit-
telalters die Temperaturveränderungen aus einer vis calorifica
1*) und einer vis frigifaciens 2*) und ersparten sich damit alle
weitere Untersuchung der Wärmeerscheinungen.
Und auch in diesem Sinn hat es seine Schiefheit. Es drückt näm-
lich alles einseitig aus. Alle Naturvorgänge sind doppelseitig,
beruhen auf dem Verhältnis von mindestens zwei wirkenden Teilen,
auf Aktion und Reaktion. Die Vorstellung von Kraft, infolge ihres
Ursprungs aus der Aktion des menschlichen Organismus auf die Au-
ßenwelt und weiterhin aus der irdischen Mechanik, schließt aber
ein, daß nur der eine Teil aktiv, wirkend, der andre Teil aber
passiv, empfangend sei, statuiert also eine bisher nicht nach-
weisbare Ausdehnung der Geschlechtsdifferenz auf leblose Existen-
zen. Die Reaktion des zweiten Teils, auf den die Kraft wirkt, er-
scheint höchstens als eine passive, als ein W i d e r s t a n d.
Nun ist diese Auffassungsweise auf einer Reihe von Gebieten auch
außerhalb der reinen Mechanik zulässig, nämlich da, wo es sich um
einfache Übertragung von Bewegung und deren quantitative Berech-
nung handelt. Aber schon in den verwickelteren Vorgängen der Phy-
sik reicht sie nicht mehr aus, wie grade Helmholtz' eigne Bei-
spiele beweisen. Die Lichtbrechungskraft liegt ebensosehr im
Licht selbst wie in den durchsichtigen Körpern. Bei der Adhäsion
und Kapillarität liegt die "Kraft" doch sicher ebensosehr in der
festen Oberfläche wie in der Flüssigkeit. Bei der Kontaktelektri-
zität ist jedenfalls soviel sicher, daß b e i d e Metalle dazu
das ihrige beitragen, und die "chemische Verwandtschaftskraft"
liegt, wenn irgendwo, jedenfalls in b e i d e n sich verbinden-
den Teilen. Eine Kraft aber, die aus zwei getrennten Kräften be-
steht, eine Wirkung, die ihre Gegenwirkung nicht hervorruft, son-
dern in sich selbst faßt und trägt, ist keine Kraft im Sinn der
irdischen Mechanik, der einzigen Wissenschaft, in der man wirk-
lich weiß, was eine Kraft bedeutet. Denn die Grundbedingungen der
irdischen Mechanik sind erstens die Weigerung, die Ursachen des
Anstoßes, d.h. die Natur der jedesmaligen Kraft zu untersuchen,
und zweitens die Anschauung von der Einseitigkeit der Kraft, der
-----
1*) wärmeerzeugenden Kraft - 2*) kälteerzeugenden Kraft
#367# Grundformen der Bewegung
-----
eine an jedem Ort stets sich selbst gleiche Schwere entgegenge-
setzt wird, dergestalt, daß gegenüber jedem irdischen Fallraum
der Erdhalbmesser = oo gilt.
Sehen wir aber weiter, wie Helmholtz seine "Kräfte" in die Natur-
gesetze hinein "objektiviert".
In einer Vorlesung von 1854 (l.c., S. 119) [213] untersucht er
den "Vorrat von Arbeitskraft", den der Nebelball, aus dem unser
Sonnensystem gebildet, ursprünglich enthielt.
"In der Tat war ihm eine ungeheuer große Mitgift in dieser Bezie-
hung schon allein in Form der allgemeinen Anziehungskraft aller
seiner Teile zueinander mitgeteilt."
Dies ist unzweifelhaft. Ebenso unzweifelhaft aber ist, daß diese
ganze Mitgift von Schwere oder Gravitation im heutigen Sonnensy-
stem noch unverkümmert vorhanden ist; abgerechnet etwa das ge-
ringe Quantum, das mit Materie verlorenging, die möglicherweise
unwiederbringlich in den Weltraum hinausgeschleudert wurde. Wei-
ter:
"Auch die chemischen Kräfte mußten schon vorhanden sein, bereit
zu wirken; aber da diese Kräfte erst bei der innigsten Berührung
der verschiedenartigen Massen in Wirksamkeit treten können, mußte
erst Verdichtung eingetreten sein, ehe ihr Spiel begann" [S.
120].
Wenn wir, wie Helmholtz oben, diese chemischen Kräfte als
Verwandtschaftskräfte, also a l s A n z i e h u n g, fassen,
so müssen wir auch hier sagen, daß die Gesamtsumme dieser chemi-
schen Anziehungskräfte noch unvermindert innerhalb des Sonnensy-
stems fortbesteht.
Nun aber gibt Helmholtz auf derselben Seite als das Resultat sei-
ner Berechnung an,
"daß nur noch etwa der 454ste Teil der ursprünglichen mechani-
schen Kraft als solche besteht" -
nämlich im Sonnensystem. Wie ist dies zu reimen? Die Anziehungs-
kraft, allgemeine wie chemische, ist noch unversehrt im Sonnensy-
stem vorhanden. Eine andre sichere Kraftquelle gibt Helmholtz
nicht an. Allerdings haben, nach Helmholtz, jene Kräfte eine un-
geheure Arbeit geleistet. Aber sie haben sich dadurch weder ver-
mehrt noch vermindert. Wie oben dem Uhrgewicht, geht es jedem Mo-
lekül im Sonnensystem und dem ganzen Sonnensystem selbst. "Seine
Schwere ist nicht verloren oder vermindert." Wie vorhin dem Koh-
lenstoff und dem Sauerstoff geht es allen chemischen Elementen:
Wir haben die sämtliche gegebne Menge eines jeden noch immer,
auch noch die gesamte "Verwandtschaftskraft ebenso kräftig wie
vorher
#368# Dialektik der Natur
-----
bestehend". Was haben wir denn verloren? Und welche "Kraft" hat
denn die enorme Arbeit geleistet, die 453mal so groß ist als die-
jenige, die das Sonnensystem nach seiner Berechnung noch leisten
kann? Soweit gibt uns Helmholtz keine Antwort. Aber weiter sagt
er:
"Ob noch ein weiterer K r a f t v o r r a t i n G e s t a l t
v o n W ä r m e [im Uranfange] vorhanden war, wissen wir
nicht." 1*) [S. 120.]
Mit Verlaub. Die Wärme ist eine repulsive "Kraft", wirkt also der
Richtung der Schwere wie der chemischen Anziehung e n t g e-
g e n, ist minus, wenn diese plus gesetzt werden. Wenn Helmholtz
also seinen ursprünglichen Kraftvorrat aus allgemeiner und
chemischer A n z i e h u n g zusammensetzt, so müßte ein Vorrat
von Wärme, der außerdem noch vorhanden, nicht zu jenem Kraftvor-
rat hinzugezählt, sondern von ihm abgezogen werden. Sonst müßte
die Sonnenwärme die Anziehungskraft der Erde v e r s t ä r-
k e n, wenn sie - ihr grade e n t g e g e n - Wasser verdun-
stet und den Dunst in die Höhe hebt; oder die Wärme eines
glühenden Eisenrohrs, durch das man Wasserdampf leitet, müßte die
chemische Anziehung von Sauerstoff und Wasserstoff v e r-
s t ä r k e n, während sie sie grade außer Tätigkeit setzt.
Oder, um dieselbe Sache in andrer Form zu verdeutlichen: Wir
nehmen an, der Nebelball von r Radius, also vom Volumen
4/3 pi r³, habe die Temperatur t. Wir nehmen ferner an, ein
zweiter Nebelball von gleicher Masse habe bei der höheren
Temperatur T den größeren Radius R und das Volumen 473 pi R³. Nun
ist es einleuchtend, daß in dem zweiten Nebelball die Attraktion,
mechanische wie physikalische und chemische, erst dann mit
gleicher Kraft wirken kann wie im ersten, wenn er von Radius R
auf Radius r zusammengeschrumpft ist, d.h. die der Tempera-
turdifferenz T-t entsprechende Wärme in den Weltraum ausgestrahlt
hat. Der wärmere Nebelball wird also später zur Verdichtung
kommen als der kältere, folglich ist die Wärme, als Hindernis der
Verdichtung, vom Helmholtzschen Standpunkt betrachtet, kein Plus,
sondern ein Minus des "Kraftvorrats". Indem Helmholtz die
Möglichkeit eines zu a t t r a k t i v e n Bewegungsformen hin-
zutretenden und ihre Summe vermehrenden Quantums von r e p u l-
s i v e r Bewegung in der Form von Wärme voraussetzt, begeht er
also einen entschiednen Rechnungsfehler.
Bringen wir nun diesen sämtlichen "Kräftevorrat", möglichen wie
nachweisbaren, auf dasselbe Vorzeichen, damit eine Addition mög-
lich wird. Da
-----
1*) Hervorhebung von Engels
#369# Grundformen der Bewegung
-----
wir vorläufig die Wärme noch nicht umkehren, statt ihrer Repul-
sion die äquivalente Attraktion setzen können, so werden wir
diese Umkehrung bei den beiden Anziehungsformen vornehmen müssen.
Dann haben wir statt der allgemeinen Anziehungskraft, statt der
chemischen Verwandtschaftskraft und statt der außerdem möglicher-
weise als solcher bereits im Anfang existierenden Wärme einfach
zu setzen - die Summe der im Gasball, im Moment seiner Verselb-
ständigung, vorhandenen Repulsionsbewegung oder sogenannten Ener-
gie. Und damit stimmt denn auch die Rechnung von Helmholtz, bei
der er "die Erwärmung" berechnen will,
"welche durch die angenommene anfängliche Verdichtung der Him-
melskörper unsres Systems aus nebelartigem zerstreutem Stoffe
entstehen mußte" [S. 134].
Indem er so den ganzen "Kraftvorrat" auf Wärme, Repulsion, redu-
ziert, macht er es auch möglich, den vermutlichen "Kraftvorrat
von Wärme" hinzuzuaddieren. Dann drückt die Rechnung aus, daß
453/454 aller ursprünglich im Gasball vorhandenen Energie, d.h.
Repulsion, in Gestalt von Wärme in den Weltraum ausgestrahlt ist,
oder, genau gesprochen, daß die Summe aller Attraktion im heuti-
gen Sonnensystem zur Summe aller darin noch vorhandenen Repulsion
sich verhält wie 454:1. Dann widerspricht sie aber gradezu dem
Text des Vortrags, dem sie als Belegstück beigefügt ist.
Wenn nun aber die Vorstellung der Kraft selbst bei einem Physiker
wie Helmholtz zu solcher Begriffsverwirrung Anlaß gibt, so ist
dies der beste Beweis, daß sie überhaupt wissenschaftlich un-
brauchbar ist in allen Forschungszweigen, die über die rechnende
Mechanik hinausgehn. In der Mechanik nimmt man die Bewegungsursa-
chen als gegeben an und kümmert sich nicht um ihren Ursprung,
sondern nur um ihre Wirkungen. Bezeichnet man also eine Bewe-
gungsursache als eine Kraft, so tut das der Mechanik als solcher
keinen Abbruch; aber man gewöhnt sich daran, diese Bezeichnung
auch in die Physik, Chemie und Biologie zu übertragen, und dann
ist die Konfusion unvermeidlich. Das haben wir gesehn und werden
es noch öfter sehn.
Über den Begriff der Arbeit im nächsten Kapitel.
zurück