Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur


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       Maß der Bewegung. - Arbeit [214]
       
       "Dagegen habe  ich bisher  immer noch  gefunden, daß die Grundbe-
       griffe dieses  Gebiets" (d.h.  "die physikalischen  Grundbegriffe
       der Arbeit  und ihrer  Unveränderlichkeit") "denjenigen Personen,
       welche nicht  durch die Schule der mathematischen Mechanik gegan-
       gen sind, bei allem Eifer, aller Intelligenz und selbst bei einem
       ziemlich  hohen   Maße  naturwissenschaftlicher  Kenntnisse  sehr
       schwer faßlich  sind. Auch  ist nicht  zu verkennen,  daß es  Ah-
       strakta von  ganz eigentümlicher  Art sind.  Ist ihr  Verständnis
       doch [selbst] einem Geiste, wie I. Kant, nicht ohne Schwierigkeit
       aufgegangen, wie seine darüber gegen Leibniz geführte Polemik be-
       weist." So  Helmholtz ("Pop.  wiss.  Vortr.",  II,  Vorrede,  [S.
       VI/VII]).
       
       Hiernach wagen wir uns jetzt auf ein sehr gefährliches Gebiet, um
       so mehr,  als wir uns nicht gut erlauben können, den Leser "durch
       die Schule  der mathematischen  Mechanik" zu  führen.  Vielleicht
       aber stellt  sich heraus, daß da, wo es sich um Begriffe handelt,
       dialektisches Denken  mindestens ebenso weit führt wie mathemati-
       sches Rechnen.
       Galilei entdeckte einerseits das Fallgesetz, wonach die durchlau-
       fenen Räume  fallender Körper sich verhalten wie die Quadrate der
       Fallzeiten. Daneben  stellte er  den, wie wir sehn werden, diesem
       nicht ganz  entsprechenden Satz auf, daß die Bewegungsgröße eines
       Körpers (sein  impeto oder momenta 1*)) bestimmt wird durch Masse
       und Geschwindigkeit, derart, daß sie bei konstanter Masse der Ge-
       schwindigkeit proportional  ist. Descartes  nahm diesen letzteren
       Satz auf und machte das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit ei-
       nes sich  bewegenden Körpers  ganz allgemein zum Maß seiner Bewe-
       gung.
       Huygens fand  bereits, daß  beim elastischen  Stoß die  Summe der
       Produkte aus den Massen in die Quadrate der Geschwindigkeiten vor
       und nach dem Stoß dieselbe sei, und daß ein analoges Gesetz gelte
       für verschiedne  andere Fälle  von Bewegung  zu einem System ver-
       bundner Körper.
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       1*) Impuls oder Moment
       
       #371# Maß der Bewegung. - Arbeit
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       Leibniz war  der erste, der einsah, daß das Descartessche Maß der
       Bewegung mit  dem Fallgesetz  in Widerspruch  stehe.  Andrerseits
       ließ sich nicht leugnen, daß das Descartessche Maß in vielen Fäl-
       len richtig  sei. Leibniz  teilte also  die bewegenden  Kräfte in
       tote und  lebendige. Die toten waren die "Drucke" oder "Züge" ru-
       hender Körper,  ihr Maß das Produkt der Masse in die Geschwindig-
       keit, mit  der der Körper sich bewegen würde, wenn er aus dem Ru-
       hezustand in  die Bewegung  überginge;  als  Maß  der  lebendigen
       Kraft, der  wirklichen Bewegung eines Körpers dagegen, stellte er
       das Produkt der Masse in das Quadrat der Geschwindigkeit auf. Und
       zwar direkt  aus dem Fallgesetz leitete er dieses neue Bewegungs-
       maß her.
       
       "Es ist",  so schloß  Leibniz, "die  nämliche Kraft erforderlich,
       einen Körper  von vier  Pfund Gewicht einen Fuß, wie einen Körper
       von einem  Pfund Gewicht  um vier Fuß zu heben; nun sind aber die
       Wege dem  Quadrat der Geschwindigkeit proportional, denn wenn ein
       Körper um vier Fuß gefallen ist, so hat er die doppelte Geschwin-
       digkeit erlangt,  wie wenn er nur um einen Fuß gefallen ist. Beim
       Fallen erlangen  aber die  Körper die  Kraft, wieder auf dieselbe
       Höhe zu  steigen, von der sie gefallen sind; also sind die Kräfte
       dem Quadrat  der Geschwindigkeit  proportional." (Suter,  "Gesch.
       der mathematischen Wissenschaften]", II, S. 367.)
       
       Weiter aber  wies er nach, daß das Bewegungsmaß mv im Widerspruch
       stehe mit  dem Cartesischen  Satz von der Konstanz der Bewegungs-
       quantität, indem,  wenn es  wirklich gelte,  sich die Kraft (d.h.
       Bewegungsmenge) in  der Natur  fortwährend vermehre  oder vermin-
       dere. Er  entwarf sogar  einen Apparat ("Acta Eruditorum", 1690),
       der, wenn das Maß mv richtig sei, ein Perpetuum mobile mit steter
       Kraftgewinnung darstellen müsse, was doch absurd sei. [215] Helm-
       holtz hat  neuerdings diese  Art der  Argumentation wieder häufig
       angewandt.
       Die Cartesianer  protestierten aus Leibeskräften, und es entspann
       sich ein  langjähriger und  berühmter Streit, an dem auch Kant in
       seiner ersten Schrift ("Gedanken von der wahren Schätzung der le-
       bendigen Kräfte",  1746 [216]) sich beteiligte, ohne indes in der
       Sache klar zu sehn. Die heutigen Mathematiker schauen mit ziemli-
       cher Verachtung herab auf diesen "unfruchtbaren" Streit, der
       
       "über 40  Jahre lang hinausgezogen wurde und die Mathematiker Eu-
       ropas in  zwei feindliche  Lager teilte,  bis endlich  d'Alembert
       durch seinen  'Traité de  dynamique' (1743)  gleichsam wie  durch
       einen Machtspruch  dem   u n n ü t z e n    W o r t s t r e i t e
       1*), denn  etwas andres  war es  nicht, ein Ende machte". (Suter,
       a.a.O., S. 366.)
       
       Nun sollte  es doch  scheinen, als  ob eine  Streitfrage nicht so
       ganz auf einem unnützen Wortstreit beruhen kann, wenn sie von ei-
       nem Leibniz
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       1*) Hervorhebung von Engels
       
       #372# Dialektik der Natur
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       gegenüber einem  Descartes aufgeworfen  wurde und  einen Mann wie
       Kant derart  beschäftigte, daß  er  ihr  seine  Erstlingsschrift,
       einen ziemlich  starken Band, widmete. Und in der Tat, wie ist es
       zu reimen,  daß die  Bewegung zwei  einander widersprechende Maße
       hat, das  eine Mal der Geschwindigkeit, das andre Mal dem Quadrat
       der Geschwindigkeit  proportional ist? Suter macht sich die Sache
       sehr leicht;  er sagt,  beide Teile hatten recht und beide hatten
       unrecht;
       
       "der Ausdruck 'lebendige Kraft' hat sich dennoch bis heute erhal-
       ten;  a l l e i n  e r  g i l t  n i c h t  m e h r  a l s  M a ß
       d e r   K r a f t  1*), sondern ist eine bloße einmal angenommene
       Bezeichnung für  das in  der Mechanik  so bedeutungsvolle Produkt
       der Masse in das halbe Quadrat der Geschwindigkeit" [S. 368],
       
       Also mv  bleibt Maß der Bewegung, und lebendige Kraft ist nur ein
       andrer Ausdruck  für mv²/2, von welcher Formel wir zwar erfahren,
       daß sie  in der Mechanik sehr bedeutungsvoll ist, jetzt aber erst
       recht nicht mehr wissen, was sie denn bedeutet.
       Nehmen wir indes den rettenden "Traité de dynamique" zur Hand und
       sehen wir  uns d'Alemberts "Machtspruch" näher an: derselbe steht
       in der  V o r r e d e.
       
       Im Text,  heißt es,  komme die  ganze Frage  gar nicht vor, wegen
       "des Umstandes,  daß sie  für die Mechanik ohne jeden Nutzen ist"
       [p. XVIl]. [217]
       
       Dies ist für die  r e i n  r e c h n e n d e  Mechanik ganz rich-
       tig, bei  der, wie  oben bei  Suter, Wortbezeichnungen  nur andre
       Ausdrücke, Namen  für algebraische Formeln sind, Namen, bei denen
       man sich am besten gar nichts denkt.
       
       Indes, da  so bedeutende  Leute sich  mit der  Sache beschäftigt,
       wolle er  sie doch  in der  Vorrede kurz  untersuchen. Unter  der
       Kraft sich  bewegender Körper  könne man,  klar gedacht, nur ihre
       Eigenschaft verstehn, Hindernisse zu überwinden oder ihnen zu wi-
       derstehn. Also  weder durch  mv noch  durch mv²  sei die Kraft zu
       messen, sondern  einzig durch  die Hindernisse  und deren  Wider-
       stand.
       Nun gebe  es drei  Arten Hindernisse: 1. unüberwindliche, die die
       Bewegung total  vernichten, und  diese können schon deswegen hier
       nicht in  Betracht kommen; 2. Hindernisse, deren Widerstand grade
       hinreicht, die  Bewegung aufzuheben, und dies augenblicklich tun:
       Fall des  Gleichgewichts; 3.  Hindernisse, die  die Bewegung  nur
       allmählich  aufheben:   Fall  der   verzögerten   Bewegung,   [p.
       XVII/XVIII.] "Nun sind darüber wohl alle einig, daß zwischen zwei
       Körpern Gleichgewicht  besteht, sobald  die Produkte ihrer Massen
       mit ihren  virtuellen Geschwindigkeiten, d.h. den Geschwindigkei-
       ten, mit  denen sie  sich zu  bewegen streben,  auf beiden Seiten
       gleich sind. Somit
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       1*) Hervorhebung von Engels
       
       #373# Maß der Bewegung. - Arbeit
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       kann im  Gleichgewichtsfalle das  Produkt der  Masse mit  der Ge-
       schwindigkeit, oder, was dasselbe ist, die Bewegungsquantität die
       Kraft darstellen.  Jedermann gesteht auch zu, daß bei verzögerter
       Bewegung die  Anzahl der überwundenen Hindernisse dem Quadrat der
       Geschwindigkeit proportional ist, so daß ein Körper, der z.B. mit
       einer gewissen Geschwindigkeit eine Feder gespannt hat, mit einer
       doppelten Geschwindigkeit imstande sein wird, entweder gleichzei-
       tig oder nacheinander nicht zwei, sondern vier der ersten gleiche
       Federn zu spannen, mit einer dreifachen Geschwindigkeit neun, und
       so fort.  Daraus schließen  die Anhänger  der lebendigen  Kräfte"
       (die Leibnizianer),  "daß die  Kraft der in Bewegung befindlichen
       Körper allgemein  dem Produkte  der Masse mit dem Quadrat der Ge-
       schwindigkeit proportional  sei.  Welchen  Nachteil  kann  es  im
       Grunde haben,  wenn das  Maß der Kräfte für das Gleichgewicht und
       für die  verzögerte Bewegung  verschieden ist, da bei Zugrundele-
       gung völlig  klarer Ideen  unter dem Worte  K r a f t  nur die in
       der Überwindung  eines Hindernisses  oder in dem demselben gelei-
       steten Widerstande  bestehende Wirkung  verstanden werden  soll?"
       (Vorrede, S. XIX/XX der Originalausgabe.) [218]
       
       Nun aber  ist d'Alembert  noch viel  zu sehr  Philosoph, um nicht
       einzusehn, daß  er so  leichten Kaufs  doch nicht über den Wider-
       spruch eines  doppelten Maßes  einer und  derselben Kraft hinweg-
       kommt. Nachdem  er also  im Grunde  nur dasselbe  wiederholt, was
       Leibniz schon  gesagt -  denn sein  "équilibre" 1*) ist ganz das-
       selbe, was bei Leibniz die "toten Drucke" -, schlägt er plötzlich
       um auf die Seite der Cartesianer und findet folgenden Ausweg:
       
       Das Produkt  mv kann  auch bei verzögerter Bewegung als Kräftemaß
       gelten, "wenn  man im  letzteren Falle  die Kraft nicht durch die
       absolute Größe  der Hindernisse,  sondern durch die Summe der Wi-
       derstände dieser Hindernisse mißt. Denn man darf wohl nicht zwei-
       feln, daß  diese Summe  der Widerstände  der Bewegungsgröße" (mv)
       "proportional ist,  da, wie jedermann zugibt, die Bewegungsgröße,
       welche der  Körper in jedem Augenblicke verliert, dem Produkt aus
       dem Widerstand  und der  unendlich kleinen Zeitdauer proportional
       und die  Summe dieser  Produkte augenscheinlich  der Ausdruck für
       den  ganzen  Widerstand  ist."  Diese  letztere  Berechnungsweise
       scheint ihm  die natürlichere,  "denn ein  Hindernis ist ein sol-
       ches, nur  so lange  es Widerstand leistet, und der richtige Aus-
       druck für  das überwundene  Hindernis ist die Summe seiner Wider-
       stände. Man  hat übrigens,  wenn man  die Kraft  in dieser  Weise
       mißt, den  Vorteil, für Gleichgewicht und verzögerte Bewegung ein
       gemeinsames Maß  zu haben."  Doch könne  das jeder halten, wie er
       wolle, [p. XX/XXI.] [219]
       
       Und nachdem  er so, wie selbst Suter zugibt, mit einem mathemati-
       schen Bock  die Frage  gelöst glaubt, schließt er mit unliebsamen
       Bemerkungen über  die Konfusion,  die bei  seinen Vorgängern  ge-
       herrscht, und behauptet,
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       1*) "Gleichgewicht"
       
       #374# Dialektik der Natur
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       nach obigen  Bemerkungen sei nur noch eine sehr futile metaphysi-
       sche Diskussion  oder gar ein noch unwürdigerer bloßer Wortstreit
       möglich.
       D'Alemberts Versöhnungsvorschlag läuft auf folgende Rechnung hin-
       aus:
       Masse 1  mit Geschwindigkeit  1 schließt  I  Springfeder  in  der
       Zeiteinheit.
       Masse 1  mit Geschwindigkeit  2 schließt  4 Federn,  braucht dazu
       aber 2 Zeiteinheiten, also in der Zeiteinheit nur 2 Federn.
       Masse 1  mit Geschwindigkeit 3 schließt 9 Federn in drei Zeitein-
       heiten, also in der Zeiteinheit nur 3 Federn.
       Dividieren wir  also die  Wirkung durch die dazu erforderte Zeit,
       so kommen wir von mv² wieder auf mv.
       Es ist dasselbe Argument, das namentlich Catelan [220] schon frü-
       her gegen Leibniz angewandt hatte: Ein Körper mit Geschwindigkeit
       2 steigt  allerdings gegen  die Schwere viermal so hoch als einer
       mit Geschwindigkeit  I; aber  er braucht  auch die  doppelte Zeit
       dazu; folglich  ist die Bewegungsmenge durch die Zeit zu dividie-
       ren und  = 2,  nicht =  4. Und dies ist sonderbarerweise auch die
       Ansicht Suters, der ja dem Ausdruck "lebendige Kraft" allen logi-
       schen Sinn  genommen und  ihm nur  einen mathematischen gelassen.
       Dies ist  indes natürlich.  Für Suter  handelt es sich darum, die
       Formel mv  in ihrer Bedeutung als einziges Maß der Bewegungsmenge
       zu retten,  und deshalb  wird mv²  logisch geopfert, um im Himmel
       der Mathematik verklärt wieder aufzuerstehn.
       Soviel ist.  indes richtig:  Die Catelansche Argumentation bildet
       eine der  Brücken, die  mv² mit  mv vermittelt, und ist damit von
       Bedeutung.
       Die Mechaniker  nach d'Alembert  nahmen keineswegs  seinen Macht-
       spruch an, denn sein schließliches Urteil war ja zugunsten von mv
       als Maß  der Bewegung. Sie hielten sich eben an den Ausdruck, den
       er der  schon von  Leibniz gemachten Unterscheidung von toten und
       lebendigen Kräften gegeben hatte: Für das Gleichgewicht, also für
       die Statik,  gilt mv; für die gehemmte Bewegung, also für die Dy-
       namik, gilt mv². Obwohl im ganzen und großen richtig, hat - diese
       Unterscheidung in  dieser Form doch nicht mehr logischen Sinn als
       die bekannte Unteroffiziersentscheidung: Im Dienst immer Mir, au-
       ßerm Dienst  immer Mich.  Man nimmt sie schweigend an, es ist nun
       einmal so, wir können es nicht ändern, und wenn in diesem doppel-
       ten Maß ein Widerspruch steckt, was können wir dafür?
       So z.B.  Thomson and  Tait  "A  Treatise  on  Natural  Philosophy
       [221]", Oxford 1867, p. 162:
       
       #375# Maß der Bewegung. - Arbeit
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       "Die   Q u a n t i t ä t  d e r  B e w e g u n g,  oder die Bewe-
       gungsgröße eines  starren, ohne  Rotation sich bewegenden Körpers
       ist  seiner   Masse  und  zugleich  seiner  Geschwindigkeit  pro-
       portional. Eine doppelte Masse oder eine doppelte Geschwindigkeit
       würde einer doppelten Bewegungsgröße entsprechen."
       
       Und gleich dahinter:
       
       "Die   l e b e n d i g e   K r a f t   oder   k i n e t i s c h e
       E n e r g i e   eines in Bewegung befindlichen Körpers ist seiner
       Masse und zugleich dem Quadrate seiner Geschwindigkeit proportio-
       nal." [222]
       
       In dieser  ganz krassen  Form werden  die beiden widersprechenden
       Bewegungsmaße nebeneinander  gestellt. Auch  nicht der  geringste
       Versuch wird  gemacht, den Widerspruch zu erklären, oder auch nur
       zu vertuschen. Das Denken ist im Buch dieser beiden Schotten ver-
       boten, es  darf nur gerechnet werden. Kein Wunder, daß wenigstens
       einer von  ihnen, Tait, zu den gläubigsten Christen des gläubigen
       Schottlands zählt.
       In Kirchhoffs  Vorlesungen über mathematische Mechanik [223] kom-
       men die  Formeln mv und mv²  i n  d i e s e r  F o r m  gar nicht
       vor.
       Vielleicht hilft  uns Helmholtz.  In der  "Erhaltung  der  Kraft"
       [224] schlägt  er vor, die lebendige Kraft durch mv²/2 auszudrüc-
       ken, ein  Punkt, auf den wir noch zurückkommen. Dann zählt er, S.
       20 ff.,  die Fälle  kurz auf, in denen das Prinzip von der Erhal-
       tung der  lebendigen Kraft  (also von mv²/2) bisher schon benutzt
       und anerkannt ist. Dazu gehört dann unter Nr. 2:
       
       "Die Übertragung  der Bewegung  durch die  inkompressiblen festen
       und flüssigen  Körper, sobald  nicht Reibung  oder Stoß unelasti-
       scher Stoffe  stattfindet. Unser  allgemeines  Prinzip  wird  für
       diese Fälle  gewöhnlich als  die Regel  ausgesprochen,  daß  eine
       durch mechanische  Potenzen fortgepflanzte  und abgeänderte Bewe-
       gung stets  in demselben  Verhältnis an  Kraftintensität abnimmt,
       als sie  an Geschwindigkeit  zunimmt. Denken  wir uns  also durch
       eine Maschine,  in welcher durch irgendeinen Vorgang gleichmäßige
       Arbeitskraft erzeugt  wird, das Gewicht m mit der Geschwindigkeit
       c gehoben,  so wird  durch eine andre mechanische Einrichtung das
       Gewicht nm  gehoben werden  können, aber nur mit der Geschwindig-
       keit -  , so  daß in  beiden Fällen die Quantität der von der Ma-
       schine in  der Zeiteinheit  erzeugten Spannkraft durch mgc darzu-
       stellen ist,  wo g die Intensität der Schwerkraft darstellt." [S.
       21.]
       
       Also auch  hier der  Widerspruch, daß eine "Kraftintensität", die
       im einfachen  Verhältnis der Geschwindigkeit ab- und zunimmt, zum
       Beweise dienen  soll für die Erhaltung einer Kraftintensität, die
       nach dem Quadrat der Geschwindigkeit ab- und zunimmt.
       
       #376# Dialektik der Natur
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       Allerdings zeigt  sich hier,  daß mv  und  mv²/2  zur  Bestimmung
       zweier ganz  verschiedner Vorgänge dienen, aber das hatten wir ja
       längst gewußt, mv² kann ja nicht = mv sein, es sei denn v " 1. Es
       handelt sich  darum, uns  verständlich zu machen, warum die Bewe-
       gung zweierlei  Maß hat, eine Sache, die doch auch in der Wissen-
       schaft sonst  ebenso unzulässig  ist wie im Handel. Versuchen wir
       es also anders. Nach mv wird also gemessen
       
       "eine durch  mechanische Potenzen  fortgepflanzte und abgeänderte
       Bewegung";
       
       dies Maß gilt also für den Hebel und alle seine abgeleiteten For-
       men, Räder,  Schrauben etc.,  kurz für alle Übertragungsmaschine-
       rie. Nun stellt sich aber durch eine sehr einfache und keineswegs
       neue Betrachtung heraus, daß hier, soweit mv gilt, auch mv² seine
       Geltung hat.  Wir nehmen  irgendeine mechanische  Vorrichtung, an
       der die Summen der Hebelarme der beiden Seiten sich verhalten wie
       4:1, an  der also ein Gewicht von 1 kg einem von 4 kg das Gleich-
       gewicht hält.  Durch einen ganz geringen Kraftzusatz an dem einen
       Hebelarm heben  wir also  1 kg um 20 Meter; derselbe Kraftzusatz,
       alsdann am  andern Hebelarm angebracht, hebt nun 4 kg um 5 Meter,
       und zwar  sinkt das  überwiegende Gewicht  in derselben Zeit, die
       das andre  zum Steigen braucht. Massen und Geschwindigkeiten ver-
       halten sich umgekehrt: mv, 1 × 20 = m'v', 4 × 5. Lassen wir dage-
       gen jedes  der Gewichte, nachdem es gehoben, frei herabfallen auf
       das ursprüngliche  Niveau, so erlangt das eine, 1 kg, nach durch-
       laufenem Fallraum  von 20  Meter (die  Beschleunigung der Schwere
       hier rund  = 10 m, statt 9,81 m gesetzt) eine Geschwindigkeit von
       20 Meter;  das andre,  4 kg,  dagegen nach einem Fallraum von 5 m
       eine Geschwindigkeit von 10 m [225].
       mv² = 1 × 20 × 20 = 400 = m'v'² = 4 × 10 × 10 = 400.
       Dagegen sind  die Fallzeiten  verschieden :  Die 4 kg durchlaufen
       ihre 5  Meter in  1 Sekunde,  das 1  kg seine 20 m in 2 Sekunden.
       Reibung und Luftwiderstand sind hier selbstredend vernachlässigt.
       Nachdem aber  jeder der beiden Körper von seiner Höhe herabgefal-
       len, hat  seine Bewegung  aufgehört. Hier  zeigt sich also mv als
       Maß einfach  übertragner, also  fortdauernder, mv²  als Maß  ver-
       schwundener mechanischer Bewegung.
       Weiter. Beim  Stoß vollkommen  elastischer Körper  gilt dasselbe:
       Die Summe  der mv,  wie die  Summe der  mv² sind vor wie nach dem
       Stoße unverändert. Beide Maße haben gleiche Geltung.
       
       #377# Maß der Bewegung. - Arbeit
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       Nicht so beim Stoß unelastischer Körper. Hier lehren die landläu-
       figen elementaren  Lehrbücher (die  höhere  Mechanik  beschäftigt
       sich fast  gar nicht  mehr mit  solchen Kleinigkeiten), daß eben-
       falls nach wie vor dem Stoße die Summe der mv dieselbe sei. Dage-
       gen finde  ein Verlust  an lebendiger  Kraft statt, denn wenn man
       die Summe der mv² nach dem Stoße von der vor dem Stoß abziehe, so
       bleibe ein unter allen Umständen positiver Rest: um diesen Betrag
       (oder dessen Hälfte, je nach der Auffassungsweise) sei die leben-
       dige Kraft  durch das  gegenseitige Eindringen  sowie  durch  die
       Formveränderung der  stoßenden Körper  verringert worden.  - Dies
       letztere ist nun klar und augenscheinlich. Nicht so die erste Be-
       hauptung, daß  die Summe  der mv dieselbe bleibe nach wie vor dem
       Stoß. Lebendige Kraft ist trotz Suter Bewegung, und wenn ein Teil
       von ihr  verlorengeht, so  geht Bewegung  verloren. Entweder also
       drückt mv  die Bewegungsmenge  hier unrichtig aus, oder die obige
       Behauptung ist falsch. Überhaupt ist der ganze Lehrsatz aus einer
       Zeit überkommen, in der man von der Verwandlung der Bewegung noch
       keine Ahnung hatte, wo also ein Verschwinden von mechanischer Be-
       wegung nur  da zugegeben  wurde, wo es nicht anders ging. So wird
       hier die Gleichheit der Summe der mv vor und nach dem Stoß daraus
       bewiesen, daß  ein Verlust  oder Gewinn  derselben nirgends zuge-
       führt wird. Geben die Körper aber in der ihrer Unelastizität ent-
       sprechenden inneren Reibung lebendige Kraft ab, so geben sie auch
       Geschwindigkeit ab, und die Summe der mv muß nach dem Stoß gerin-
       ger sein  als vorher. Denn es geht doch nicht an, die innere Rei-
       bung bei  Berechnung der  mv zu vernachlässigen, wenn sie bei Be-
       rechnung der mv² so deutlich sich geltend macht.
       Indes verschlägt  dies nichts. Selbst wenn wir den Lehrsatz zuge-
       ben und  die Geschwindigkeit  nach dem Stoß unter der Annahme be-
       rechnen, daß  die Summe  der mv  dieselbe geblieben,  selbst dann
       finden wir  jene Abnahme  der Summe  der mv². Hier also kommen mv
       und mv²  in Konflikt,  und zwar  um die  Differenz wirklich  ver-
       schwundener mechanischer  Bewegung. Und  die Rechnung  selbst be-
       weist, daß  die Summe  der mv²  die Bewegungsmenge  richtig,  die
       Summe der mv sie unrichtig ausdrückt.
       Dies sind so ziemlich alle Fälle, in denen mv in der Mechanik an-
       gewandt wird.  Sehen wir  uns nun  einige Fälle an, bei denen mv²
       verwandt wird.
       Wenn eine  Kanonenkugel abgefeuert wird, so erschöpft sie auf ih-
       rer Flugbahn  eine  Bewegungsgröße,  die  mv²  proportional  ist,
       gleichviel ob  sie gegen  ein festes  Ziel einschlägt  oder durch
       Luftwiderstand und  Schwere zum Stillstand kommt. Wenn ein Eisen-
       bahnzug in  einen zweiten,  stehenden hineinfährt, so ist die Ge-
       walt, mit  der dies  geschieht, und  die entsprechende Zerstörung
       seinem mv² proportional. Ebenso gilt mv² bei der
       
       #378# Dialektik der Natur
       -----
       Berechnung jeder  zur Überwindung  eines Widerstandes erforderli-
       chen mechanischen Kraft.
       Was heißt  aber diese  bequeme, den  Mechanikern so geläufige Re-
       densart: Überwindung eines Widerstandes?
       Wenn wir  durch Hebung  eines Gewichts den Widerstand der Schwere
       überwinden, so verschwindet dabei eine Bewegungsmenge, eine Menge
       mechanischer Kraft,  welche gleich ist derjenigen, die wieder er-
       zeugt werden kann durch den direkten oder indirekten Fall des ge-
       hobenen Gewichts  aus der  erlangten Höhe  bis herab auf sein ur-
       sprüngliches Niveau.  Sie wird  gemessen durch  das halbe Produkt
       seiner Masse in das Quadrat der im Fall erlangten Endgeschwindig-
       keit, mv²/2. Was ist bei der Hebung also geschehn?
       Mechanische Bewegung oder Kraft ist als solche verschwunden. Aber
       sie ist  nicht zu  nichts geworden:  Sie ist verwandelt worden in
       mechanische Spannkraft,  um Helmholtz' Ausdruck zu gebrauchen; in
       potentielle Energie,  wie die  Neueren sagen; in Ergal, wie Clau-
       sius es  nennt, und diese kann jeden Augenblick, und in jeder be-
       liebigen, mechanisch  zulässigen  Weise  wieder  zurückverwandelt
       werden in  dasselbe Quantum  mechanischer Bewegung,  das zu ihrer
       Erzeugung notwendig  war. Die potentielle Energie ist nur der ne-
       gative Ausdruck der lebendigen Kraft und umgekehrt.
       Eine 24pfündige  Kanonenkugel schlägt  mit einer  Geschwindigkeit
       von 400  Meter in  der Sekunde gegen die einen Meter dicke Eisen-
       wand eines  Panzerschiffs und  hat unter  diesen Umständen  keine
       sichtbare Wirkung  auf den  Panzer. Es  ist also eine mechanische
       Bewegung verschwunden, die = mv²/2 also, da die 24 Zollpfund = 12
       kg sind, = 12 × 400 x 400 × 1/2 = 960 000 Meterkilogramm war. Was
       ist aus ihr geworden? Ein kleiner Teil von ihr ist verwendet wor-
       den zur Erschütterung und molekularen Umsetzung des Eisenpanzers.
       Ein zweiter  zur Zersprengung  der Kugel in zahllose Stücke. Aber
       der größte  Teil hat  sich in  Wärme verwandelt und die Kugel zur
       Glühhitze erwärmt.  Als die Preußen beim Übergang nach Alsen 1864
       ihre schweren  Batterien gegen  die Panzerwände  des "Rolf Krake"
       [226] spielen  ließen, sahn sie in der Dunkelheit bei jedem Tref-
       fer das Aufblitzen der plötzlich erglühenden Kugel, und Whitworth
       hatte schon  früher durch  Versuche bewiesen, daß Sprenggeschosse
       gegen Panzerschiffe keines Zünders bedürfen ; das glühende Metall
       selbst entzündet die Sprengladung. Das mechanische Äquivalent der
       Wärmeeinheit zu  424 Meterkilogramm  [227] angenommen, entspricht
       obiger Menge  mechanischer Bewegung eine Wärmemenge von 2264 Ein-
       heiten. Die spezifische Wärme des Eisens
       
       #379# Maß der Bewegung. - Arbeit
       -----
       ist =  0,1140, d.h.  dieselbe Wärmemenge,  die 1  kg Wasser um 1°
       Cerwärmt (die als Wärmeeinheit gilt), reicht hin, um die Tempera-
       tur von  1/0,1140 = 8,772 kg Eisen um 1° C zu erhöhen. Obige 2264
       Wärmeeinheiten erhöhen  also die  Temperatur von  1 kg  Eisen  um
       8,772 × 2264 = 19 860° oder 19 860 kg Eisen um 1°C. Da sich diese
       Wärmemenge auf  Panzer und  Geschoß gleichmäßig  verteilt,  würde
       dieses um  19860°/(2 x  12) = 828° erhitzt werden, was schon eine
       ganz hübsche  Glühhitze ergibt. Da aber die vordere aufschlagende
       Seite jedenfalls  den weitaus  größten Teil der Erhitzung erhält,
       wohl doppelt  soviel als  die hintere  Hälfte, so  würde jene auf
       1104°, diese  auf 552°  C erhitzt,  was zur Erklärung des Glühef-
       fekts vollständig  hinreicht, selbst  wenn wir noch für beim Auf-
       schlag wirklich geleistetes mechanisches Werk einen starken Abzug
       machen.
       Bei der  Reibung verschwindet  ebenfalls mechanische Bewegung, um
       als Wärme  wiederzuerscheinen; durch möglichst genaue Messung der
       beiden sich  entsprechenden Vorgänge  gelang es bekanntlich Joule
       in Manchester  und Colding  in Kopenhagen, zuerst das mechanische
       Äquivalent der Wärme experimentell annähernd festzustellen.
       Ebenso bei  der Erzeugung  eines  elektrischen  Stroms  in  einer
       magnetoelektrischen Maschine vermittelst mechanischer Kraft, z.B.
       einer Dampfmaschine.  Die in einer bestimmten Zeit erzeugte Menge
       sog. elektromotorischer  Kraft ist proportional und, wenn in dem-
       selben Maß ausgedrückt, gleich der in derselben Zeit verbrauchten
       Menge mechanischer Bewegung. Diese können wir uns erzeugt denken,
       statt durch  die Dampfmaschine,  durch ein sinkendes Gewicht, das
       dem Druck  der Schwere folgt. Die mechanische Kraft, die dies ab-
       zugeben imstande  ist, wird  gemessen durch  die lebendige Kraft,
       die es erhalten würde, wenn es durch die gleiche Höhe frei fiele,
       oder durch die Kraft, die erforderlich, um es auf die ursprüngli-
       che Höhe wieder zu heben : beide Male mv²/2.
       Wir finden also, daß die mechanische Bewegung allerdings ein dop-
       peltes Maß  hat, aber  auch, daß  jedes dieser Maße für eine sehr
       bestimmt abgegrenzte  Reihe von  Erscheinungen gilt.  Wenn  schon
       vorhandene mechanische  Bewegung derart  übertragen wird, daß sie
       als mechanische  Bewegung erhalten  bleibt, so überträgt sie sich
       nach dem  Verhältnis des  Produkts der  Masse in die Geschwindig-
       keit. Wird  sie aber  derart übertragen,  daß sie als mechanische
       Bewegung verschwindet,  um in  der Form von potentieller Energie,
       von Wärme, von Elektrizität usw. neu zu erstehn, wird sie mit
       
       #380# Dialektik der Natur
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       einem Wort in eine andre Form der Bewegung verwandelt, so ist die
       Menge dieser neuen Bewegungsform proportional dem Produkt der ur-
       sprünglich bewegten Masse in das Quadrat der Geschwindigkeit. Mit
       einem Wort: mv ist mechanische Bewegung, gemessen in mechanischer
       Bewegung; mv²/2  ist mechanische  Bewegung, gemessen an ihrer Fä-
       higkeit, sich  in ein  bestimmtes Quantum einer andern Bewegungs-
       form zu  verwandeln. Und daß diese beiden Maße, weil verschieden,
       sich dennoch nicht widersprechen, haben wir gesehn.
       Es stellt sich somit heraus, daß der Streit Leibniz' mit den Car-
       tesianern  keineswegs   ein  bloßer   Wortstreit  war,   und  daß
       d'Alemberts  "Machtspruch"  in  der  Tat  gar  nichts  erledigte.
       D'Alembert hätte  sich seine  Tiraden über  die Unklarheit seiner
       Vorgänger ersparen können, denn er war ebenso unklar wie sie. Und
       in der  Tat, solange  man nicht wußte, was aus der scheinbar ver-
       nichteten mechanischen Bewegung wird, mußte man im unklaren blei-
       ben. Und solange mathematische Mechaniker wie Suter hartnäckig in
       den vier  Wänden ihrer  Spèzialwissenschaft befangen bleiben, so-
       lange bleiben  sie auch  ebenso unklar  wie d'AIembert und müssen
       uns mit leeren und widerspruchsvollen Redensarten abspeisen.
       Wie aber drückt die moderne Mechanik diese Verwandlung von mecha-
       nischer Bewegung in eine andre, ihr der Menge nach proportionelle
       Form der Bewegung aus? - Sie hat  A r b e i t  g e l e i s t e t,
       und zwar soundso viel Arbeit.
       Aber der  Begriff Arbeit im physikalischen Sinn ist hiermit nicht
       erschöpft. Wenn,  wie in  der Dampf-  oder kalorischen  Maschine,
       Wärme in  mechanische Bewegung, also Molekularbewegung in Massen-
       bewegung umgesetzt  wird, wenn  Wärme eine  chemische  Verbindung
       löst, wenn  sie in  der Thermosäule  sich in Elektrizität verwan-
       delt, wenn  ein elektrischer  Strom die  Elemente des Wassers aus
       verdünnter Schwefelsäure  abscheidet, oder  umgekehrt die bei dem
       chemischen Prozeß einer Erregerzelle freigesetzte Bewegung (alias
       Energie) die Form von Elektrizität annimmt, und diese wiederum im
       Schließungskreis sich in Wärme umsetzt - bei allen diesen Vorgän-
       gen verrichtet  die Bewegungsform,  die den  Prozeß einleitet und
       durch ihn in eine andre verwandelt wird, Arbeit, und zwar ein ih-
       rer eignen Menge entsprechendes Quantum.
       Arbeit ist  also Formwechsel der Bewegung, betrachtet nach seiner
       quantitativen Seite hin.
       Aber wie? Wenn ein gehobnes Gewicht oben ruhig hängen bleibt, ist
       seine potentielle  Energie, während  der Ruhe, auch eine Form der
       Bewegung? Allerdings. Sogar Tait ist bei der Überzeugung angekom-
       men, daß
       
       #381# Maß der Bewegung. - Arbeit
       -----
       potentielle Energie  demnächst sich  in eine Form aktueller Bewe-
       gung auflösen  werde ("Nature")  [228]. Und  abgesehen davon geht
       Kirchhoff noch  viel  weiter,  wenn  er  sagt  ("Math.  [Physik.]
       Mech.", S. 32):
       
       "Die Ruhe ist ein spezieller Fall der Bewegung",
       
       und damit beweist, daß er nicht nur rechnen, sondern auch dialek-
       tisch denken kann.
       Der Begriff  der Arbeit,  der uns ohne mathematische Mechanik als
       so schwer faßbar geschildert wurde, hat sich uns also ganz neben-
       bei, spielend und fast von selbst, aus der Betrachtung der beiden
       Maße der mechanischen Bewegung ergeben. Und jedenfalls wissen wir
       jetzt mehr  davon, als  wir aus  dem Vortrag Helmholtz' "Über die
       Erhaltung der Kraft" von 1862 erfahren, und worin er grade
       
       "die physikalischen  Grundbegriffe der  Arbeit und ihrer Unverän-
       derlichkcit möglichst klarzumachen" [Vorrede, S. VI]
       
       bezweckt. Alles  was wir von der Arbeit da erfahren, ist, daß sie
       etwas ist, was in Fußpfunden oder auch Wärmeeinheiten ausgedrückt
       wird, und  daß die  Zahl dieser Fußpfunde oder Wärmeeinheiten für
       ein bestimmtes Quantum Arbeit unveränderlich ist. Ferner, daß au-
       ßer mechanischen Kräften und Wärme auch chemische und elektrische
       Kräfte Arbeit leisten können, daß aber alle diese Kräfte ihre Ar-
       beitsfähigkeit erschöpfen  in dem  Maß, als  sie Arbeit  wirklich
       hervorbringen. Und  daß daraus folgt: daß die Summe der wirkungs-
       fähigen Kraftmengen im Naturganzen bei allen Veränderungen in der
       Natur ewig  und unverändert  dieselbe bleibt. Der Begriff der Ar-
       beit wird weder entwickelt noch auch nur definiert. *) Und es ist
       grade die  quantitative Unveränderlichkeit  der Arbeitsgröße, die
       ihm die  Einsicht verbirgt,  daß die qualitative Veränderung, der
       Formwechsel, Grundbedingung  aller physikalischen Arbeit ist. Und
       so kann sich denn Helmholtz zu der Behauptung versteigen:
       
       "Reibung und  unelastischer Stoß  sind Vorgänge,  bei denen  m e-
       c h a n i s c h e   A r b e i t  v e r n i c h t e t  3*) und da-
       für Wärme erzeugt wird." ("Pop. Vortr.", II, S. 166.)
       
       Ganz im Gegenteil. Hier wird nicht mechanische Arbeit vernichtet,
       hier
       ---
       *) Nicht weiter  kommen wir, wenn wir Clerk Maxwell konsultieren.
       Dieser sagt  ("Theory of  Heat", 4th  ed., London  1875), S.  87:
       "Work is  done when  resistance is overcome" 1*) und S. 185: "The
       energy of a body is its capacity for doing work" 2*). Das ist al-
       les, was wir darüber erfahren.
       -----
       1*) "Arbeit wird  geleistet, wenn  Widerstand überwunden  wird" -
       2*) "Die Kraft  eines Körpers ist seine Fähigkeit, Arbeit zu lei-
       sten" - 3*) Hervorhebung von Engels
       
       #382# Dialektik der Natur
       -----
       wird mechanische Arbeit  g e t a n.  Mechanische  B e w e g u n g
       ist es, die  s c h e i n b a r  vernichtet wird. Aber mechanische
       Bewegung   k a n n   nie und nimmer für ein Milliontel Meterkilo-
       gramm Arbeit tun, ohne als solche scheinbar vernichtet zu werden,
       ohne sich in eine andre Form der Bewegung zu verwandeln.
       Das Arbeitsvermögen  nun, das  in einer bestimmten Menge mechani-
       scher Bewegung  steckt, heißt,  wie wir gesehn haben, ihre leben-
       dige Kraft und würde bis vor kurzem gemessen durch mv². Hier aber
       entstand ein  neuer Widerspruch.  Hören wir  Helmholtz ("Erh.  d.
       Kraft", S.  9). Hier  heißt es,  die Arbeitsgröße sei ausdrückbar
       durch ein  in die Höhe h gehobnes Gewicht m, wo dann, die Schwer-
       kraft durch  g ausgedrückt,  die Arbeitsgröße = mgh ist. Um senk-
       recht frei in die Höhe h zu steigen, braucht die Geschwindigkeit
            _____
       v =\/ 2gh  , und erlangt dieselbe wieder beim Herabfallen.
       Also ist mgh = mv²/2, und Helmholtz schlägt vor,
       
       "gleich die  Größe 1/2  mv² als Quantität der lebendigen Kraft zu
       bezeichnen, wodurch  sie identisch  wird mit dem Maß der Arbeits-
       größe. Für  die bisherige  Anwendung des  Begriffs der lebendigen
       Kraft ... ist diese Abänderung ohne Bedeutung, während sie uns im
       folgenden wesentliche Vorteile gewähren wird."
       
       Es ist  kaum zu  glauben. So  wenig klar  war sich Helmholtz 1847
       über die  gegenseitige Beziehung von lebendiger Kraft und Arbeit,
       daß er  gar nicht einmal merkt, wie er das frühere proportionelle
       Maß der  lebendigen Kraft  in ihr  absolutes verwandelt;  daß ihm
       ganz unbewußt  bleibt, welche bedeutende Entdeckung er mit seinem
       kühnen Griff  gemacht, und er sein mv²/2 nur aus Bequemlichkeits-
       rücksichten empfiehlt gegenüber dem mv²!
       Und aus  Bequemlichkeit haben  die Mechaniker das mv²/2 sich ein-
       bürgern lassen.  Erst allmählich  hat man das mv²/2 auch mathema-
       tisch bewiesen;  eine algebraische  Entwicklung findet  sich  bei
       Naumann, "Allg.  Chemie", S.  7, eine  analytische bei  Clausius,
       "Mech. Wärmetheorie",  2. Aufl., I, S. 18, die dann bei Kirchhoff
       (a.a.O., S. 27) anders abgeleitet und ausgeführt wird.
       Eine hübsche  algebraische Ableitung  von aus  mv²/2 aus  mv gibt
       Clerk Maxwell  (a.a.O., S. 88). Was unsre beiden Schotten Thomson
       und Tait nicht verhindert zu sagen (a.a.O., S. 163):
       
       "Die  l e b e n d i g e  K r a f t  oder kinetische Energie eines
       in Bewegung  befindlichen Körpers  ist seiner  Masse und zugleich
       dem Quadrate  seiner Geschwindigkeit  proportional. Wenn  wir die
       früheren Einheiten  der Masse [und der Geschwindigkeit] beibehal-
       ten"
       
       #383# Maß der Bewegung. - Arbeit
       -----
       (nämlich unit  of mass moving with unit velocity 1*)), "so ist es
       von  b e s o n d e r e m  V o r t e i l  2*), die lebendige Kraft
       als das   h a l b e   Produkt  der Masse  in das  Quadrat der Ge-
       schwindigkeit zu definieren." [229]
       
       Hier ist also bei den beiden ersten Mechanikern Schottlands nicht
       nur das Denken, sondern auch das Rechnen zum Stillstand gekommen.
       Der particular  advantage 3*), die Handlichkeit der Formel, erle-
       digt alles aufs schönste.
       Für uns,  die wir gesehn haben, daß lebendige Kraft nichts andres
       ist als  das Vermögen einer gegebnen mechanischen Bewegungsmenge,
       Arbeit zu leisten, für uns ist es selbstverständlich, daß der me-
       chanische Maßausdruck dieses Arbeitsvermögens und der der von ihm
       wirklich geleisteten  Arbeit einander  gleich  sein  müssen;  daß
       also, wenn  mv²/2 die  Arbeit mißt, die lebendige Kraft ebenfalls
       mv²/2 zum  Maß haben muß. Aber so geht's in der Wissenschaft. Die
       theoretische Mechanik kommt auf den Begriff der lebendigen Kraft,
       die praktische  der Ingenieurs auf den der Arbeit, und zwingt ihn
       den Theoretikern  auf. Und  so sehr hat man sich über dem Rechnen
       des Denkens entwöhnt, daß man jahrelang den Zusammenhang beider
       nicht erkennt,  die eine nach mv², die andre nach mv²/2 mißt, und
       endlich für  beide mv²/2  akzeptiert, nicht aus Einsicht, sondern
       der Einfachheit der Rechnung halber! *)
       ---
       *) Das Wort  Arbeit wie die Vorstellung kommen von den englischen
       Ingenieuren her.  Aber im  Englischen heißt die praktische Arbeit
       work, die  Arbeit im  ökonomischen Sinn labour. Die physikalische
       Arbeit wird  daher auch mit work bezeichnet, und alle Vermischung
       mit der  Arbeit im ökonomischen Sinn ist ausgeschlossen. Dies ist
       im Deutschen  nicht der Fall, und daher sind in der neueren pseu-
       dowissenschaftlichen Literatur verschiedne sonderbare Anwendungen
       der Arbeit im physikalischen Sinn auf ökonomische Arbeitsverhält-
       nisse und  umgekehrt möglich  geworden. Wir  haben aber  auch das
       Wort  W e r k,  das sich wie das englische work ganz vortrefflich
       zur Bezeichnung  der physikalischen  Arbeit eignet.  Da aber  die
       Ökonomie unsern  Naturforschern viel  zu weit abliegt, werden sie
       sich schwerlich  entschließen, es statt des einmal eingebürgerten
       Worts Arbeit  einzuführen -  es sei  denn, wenn  es schon zu spät
       ist. Nur  bei Clausius wird der Versuch gemacht, wenigstens neben
       dem Ausdruck Arbeit den Ausdruck Werk beizubehalten.
       -----
       1*) die Einheit der Masse, die sich mit der Einheit der Geschwin-
       digkeit bewegt - 2*) Hervorhebung von Engels - 3*) besondere Vor-
       teil

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