Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur

       zurück

       #384#
       -----
       Flutreibung. Kant und Thomson-Tait
       
       Erdrotation und Mondanziehung [230]
       
       Thomson and Tait, "Nat. Philos." I. S. 191 (§ 276) [231]:
       "Bei allen  Körpern, deren  freie Oberflächen  zum Teil aus einer
       Flüssigkeit bestehen,  wie es  bei der Erde der Fall ist, gibt es
       auch indirekte  Widerstände [232], die aus der Reibung herrühren,
       welche den  Bewegungen der  Ebbe und Flut hindernd entgegentritt.
       Diese Widerstände müssen, solange solche Körper sich in Beziehung
       auf benachbarte  Körper bewegen,  ihren relativen  Bewegungen be-
       ständig Energie entziehen. Wenn wir zunächst die Wirkung betrach-
       ten, welche  der Mond  allein auf die Erde mit ihren Meeren, Seen
       und Flüssen  ausübt, so erkennen wir, daß diese Wirkung die Peri-
       oden der Rotation der Erde um ihre Achse und der Umdrehung beider
       Körper um  ihren Trägheitsmittelpunkt gleichzumachen streben muß,
       da, solange diese Perioden voneinander verschieden sind, die Wir-
       kung der  Ebbe und  Flut der  Erdoberfläche den Bewegungen beider
       beständig Energie  entziehen muß.  Um den Gegenstand etwas einge-
       hender zu  betrachten, und  um zugleich unnötige Verwicklungen zu
       vermeiden, wollen  wir annehmen,  der Mond sei eine gleichförmige
       Kugel. Die  wechselseitige Wirkung und Gegenwirkung zwischen sei-
       ner Masse  und derjenigen  der Erde  wird einer  einzelnen  Kraft
       äquivalent sein,  die in irgendeiner durch seinen Mittelpunkt ge-
       henden Linie  wirkt   u n d   s o   b e s c h a f f e n    i s t,
       d a ß   s i e   d i e   E r d r o t a t i o n  z u  h i n d e r n
       s t r e b t,   s o l a n g e   d i e s e   i n  e i n e r  k ü r-
       z e r e n   P e r i o d e   e r f o l g t  a l s  d i e  B e w e-
       g u n g   d e s   M o n d e s   u m  d i e  E r d e  1*). Sie muß
       daher in einer Linie wie MQ wirken, also vom Mittelpunkt der Erde
       um OQ abweichen;
       
       Bild ansehen
       
       -----
       1*) Hervorhebung von Engels
       
       #385# Flutreibung. Kant und Thomson-Tait
       -----
       diese Abweichung  hat in  der Figur  bedeutend vergrößert  werden
       müssen. Man  kann sich  nun die  auf den  Mond in der Richtung MQ
       wirklich wirkende Kraft als aus zwei Teilen bestehend vorstellen;
       die Größe des ersteren Teils, der in der nach dem Mittelpunkt der
       Erde zu  gehenden Linie  MO wirkt,  weicht nicht merklich von der
       Größe der  ganzen Kraft  ab; die  Richtung MT der vergleichsweise
       sehr kleinen zweiten Komponente ist senkrecht zu MO. Dieser letz-
       tere Teil  ist für  die Mondbahn ganz nahezu tangential und wirkt
       i m   S i n n e   der Bewegung des Mondes. Wenn eine solche Kraft
       plötzlich zu  wirken anfinge, so würde sie zunächst die Geschwin-
       digkeit des  Mondes vergrößern;  nach einer  gewissen Zeit  würde
       sich derselbe  aber infolge  dieser Beschleunigung um eine solche
       Strecke von  der Erde weiter entfernt haben, daß er, da seine Be-
       wegung gegen die Anziehung der Erde erfolgt, so viel Geschwindig-
       keit verloren hätte, als durch die tangentiale Beschleunigung ge-
       wonnen war.  Die Wirkung  einer ununterbrochen fortdauernden tan-
       gentialen Kraft,  die im  Sinne der  Bewegung wirkt,  aber von so
       kleinem Betrage  ist, daß sie in jedem Augenblick nur eine kleine
       Abweichung von der kreisförmigen Form der Bahn zur Folge hat, be-
       steht darin,  daß sie  allmählich den  Abstand vom  Zentralkörper
       vergrößert und bewirkt, daß von der kinetischen Energie der Bewe-
       gung wieder  so viel verloren wird, als ihre eigene gegen die An-
       ziehung des Zentralkörpers zu leistende Arbeit ausmacht. Man wird
       die Umstände  leicht verstehen,  wenn man  diese Bewegung  um den
       Zentralkörper in  einer sich sehr langsam erweiternden spiralför-
       migen Bahn  betrachtet. Vorausgesetzt,  daß die Kraft dem Quadrat
       der Entfernung  umgekehrt proportional  ist, wird die tangentiale
       Komponente der Schwere gegen die Bewegung doppelt so groß wie die
       störende tangentiale Kraft sein, die im Sinne der Bewegung wirkt,
       und daher  wird eine Hälfte der gegen die erstere geleisteten Ar-
       beit durch die letztere und die andere Hälfte durch die der Bewe-
       gung entzogene  kinetische Energie verrichtet. Die Gesamtwirkung,
       welche die  jetzt betrachtete  besondere störende Ursache auf die
       Bewegung des  Mondes hat,  erhält man  sehr leicht,  wenn man das
       Prinzip der  Momente der  Bewegungsgrößen in Anwendung bringt. So
       sehen wir,  daß das Moment der Bewegungsgröße, welches in irgend-
       einer Zeit  durch die  Bewegungen der  Trägheitsmittelpunkte  des
       Mondes und  der Er  de in  Beziehung auf ihren gemeinschaftlichen
       Trägheitsmittelpunkt gewonnen  wird, dem jenigen gleich ist, wel-
       ches durch die Rotation der Erde um ihre Achse verloren wird. Die
       Summe der  Momente der  Bewegungsgröße der  Trägheitsmittelpunkte
       des Mondes und der Erde, wie sie sich jetzt bewegen, ist ungefähr
       4,45 mal  so groß  wie das gegenwärtige Moment der Bewegungsgröße
       der Erdrotation.  Die mittlere  Ebene der ersteren ist die Eklip-
       tik, und daher ist die mittlere Neigung der Achsen der beiden Mo-
       mente gegeneinander  gleich 23° 27 1/2',  welchen Winkel  wir, da
       wir den  Einfluß der  Sonne auf  die Ebene  der Mondbewegung hier
       vernachlässigen, als  die wirkliche gegenwärtige Neigung der bei-
       den Achsen  annehmen können. Die Resultante oder das ganze Moment
       der Bewegungsgröße  ist daher 5,38 mal so groß wie das der jetzi-
       gen Erdrotation,  und ihre Achse hat gegen die Erdachse eine Nei-
       gung von  19° 13'. Das  letzte Streben  der    E b b e n    u n d
       F l u t e n   1*)   ist also,  zu bewirken,  daß die Erde und der
       Mond
       -----
       1*) Hervorhebung von Engels
       
       #386# Dialektik der Natur
       -----
       mit diesem  resultierenden Moment  um diese  resultierende  Achse
       gleichförmig rotieren,  wie wenn sie zwei Teile  e i n e s  star-
       ren Körpers  wären: In diesem Zustande würde der Abstand des Mon-
       des von  der Erde  (näherungsweise) in dem Verhältnis 1:1,46 ver-
       größert sein, d.i. in dem Verhältnis des Quadrats des gegenwärti-
       gen Moments der Bewegungsgröße der Trägheitsmittelpunkte zum Qua-
       drat des  ganzen Moments  der Bewegungsgröße; die Periode der Um-
       drehung würde  im Verhältnis  der Kuben derselben Größen, also im
       Verhältnis 1:1,77  vergrößert sein.  Der Abstand  würde also  auf
       347 100 englische Meilen und die Periode auf 48,36 Tage gestiegen
       sein. Gäbe  es außer  der Erde und dem Monde keine anderen Körper
       im Weltall,  so könnten  diese beiden Körper sich in dieser Weise
       ewig in  kreisförmigen Bahnen  um ihren  gemeinschaftlichen Träg-
       heitsmittelpunkt weiterbewegen,  und während  eines Umlaufs würde
       die Erde  eine Rotation um ihre Achse vollenden, so daß sie stets
       dieselbe Seite  dem Monde zukehrte, daß also alle flüssigen Teile
       ihrer Oberfläche  in Beziehung auf die festen Teile in Ruhe blie-
       ben. Aber  die Existenz  der Sonne würde verhindern, daß ein sol-
       cher Zustand  der Dinge  von Dauer wäre. Es würde nämlich Sonnen-
       fluten geben,  zweimal hohen und zweimal niedrigen Wasserstand in
       der Periode  der Rotation  der Erde  in Beziehung  auf die  Sonne
       (d.h. zweimal im Sonnentage oder, was dasselbe sein würde, im Mo-
       nat). Dies  könnte nicht  vor sich  gehen, ohne  daß    d u r c h
       d i e  R e i b u n g  d e r  F l ü s s i g k e i t  E n e r g i e
       v e r l o r e n   w ü r d e  1*). Es ist nicht leicht, den ganzen
       Verlauf der  Störung in den Bewegungen der Erde und des Mondes zu
       skizzieren, welche diese Ursache erzeugen würde; aber schließlich
       würde sie  zur Folge  haben, daß  Erde, Mond  und Sonne  um ihren
       gemeinschaftlichen  Trägheitsmittelpunkt  wie  Teile    e i n e s
       starren Körpers rotierten."
       
       Kant stellte  1754 zuerst  die Ansicht  auf, daß die Rotation der
       Erde durch  die Flutreibung  verzögert, und  diese  Wirkung  erst
       vollendet sein werde,
       
       "wenn ihre"  (der Erde) "Oberfläche in Ansehung des Mondes in re-
       spektiver Ruhe  sein wird,  d.i., wenn sie sich in derselben Zeit
       um die  Achse drehen  wird, darin der Mond um sie läuft, folglich
       ihm immer dieselbe Seite zukehren wird" [233].
       
       Er war  dabei der Ansicht, daß diese Verzögerung nur der Flutrei-
       bung, also dem Vorhandensein flüssiger Massen auf der Erde, ihren
       Ursprung verdanke.
       
       "Wenn die  Erde eine  ganz feste  Masse ohne  alle  Flüssigkeiten
       wäre, so würde die Anziehung weder der Sonne, noch des Mondes et-
       was tun,  ihre freie  Achsendrehung zu  verändern; denn sie zieht
       die östlichen  sowohl als  die westlichen  Teile der Erdkugel mit
       gleicher Kraft  und verursacht dadurch keinen Hang weder nach der
       einen noch  nach der  andern Seite; folglich läßt sie die Erde in
       völliger Freiheit,  diese Umdrehung so wie ohne allen äußerlichen
       Einfluß ungehindert fortzusetzen." [234]
       
       Mit diesem  Resultat durfte  Kant sich  begnügen. Tiefer  in  die
       Einwirkung des  Mondes auf  die  Erdrotation  einzudringen,  dazu
       fehlten damals
       -----
       1*) Hervorhebung von Engels
       
       #387# Flutreibung. Kant und Thomson-Tait
       -----
       alle wissenschaftlichen  Vorbedingungen. Hat es doch fast hundert
       Jahre bedurft, bis Kants Theorie zur allgemeinen Anerkennung kam,
       und noch  länger, bis  man entdeckte,  daß Ebbe  und Flut nur die
       s i c h t b a r e   Seite einer  die Erdrotation  beeinflussenden
       Wirkung der Attraktion von Sonne und Mond sind.
       Diese allgemeinere  Auffassung der Sache ist eben von Thomson und
       Tait entwickelt.  Nicht allein  auf die Flüssigkeiten des Erdkör-
       pers oder  seiner Oberfläche,  auf die  ganze Erdmasse  überhaupt
       wirkt die  Anziehung von  Mond und Sonne in einer die Erdrotation
       hemmenden Weise. Solange die Periode der Erdrotation nicht zusam-
       menfällt mit der Periode des Mondumlaufs um die Erde, solange hat
       die Anziehung des Mondes - um zunächst bei dieser allein zu blei-
       ben - die Wirkung, beide Perioden einander immer mehr anzunähern.
       Wäre die  Rotationsperiode des  (relativen) Zentralkörpers länger
       als die  Umlaufszeit des Satelliten, so würde die erstere allmäh-
       lich verkürzt; ist sie kürzer, wie bei der Erde der Fall, so wird
       sie verlangsamt. Aber weder wird im einen Fall kinetische Energie
       aus nichts erschaffen, noch wird sie im andern vernichtet. Im er-
       sten Fall würde der Satellit näher an den Zentralkörper heranrüc-
       ken und  seine Umlaufszeit  verkürzen, im  zweiten würde  er sich
       weiter von  ihm entfernen  und eine längere Umlaufszeit erhalten.
       Im ersten Fall verliert der Satellit durch Annäherung an den Zen-
       tralkörper ebensoviel  potentielle Energie, als der Zentralkörper
       bei beschleunigter  Rotation an  kinetischer Energie  gewinnt, im
       zweiten gewinnt  der Satellit durch Vergrößerung seines Abstandes
       genau dasselbe  an potentieller Energie, was der Zentralkörper an
       kinetischer Energie  der Rotation einbüßt. Die Gesamtsumme der im
       System Erde-Mond vorhandnen dynamischen Energie, potentieller und
       kinetischer, bleibt  dieselbe; das  System ist durchaus konserva-
       tiv.
       Man sieht,  diese Theorie  ist  vollständig  unabhängig  von  der
       physikalisch-chemischen Beschaffenheit  der betreffenden  Körper.
       Sie leitet  sich ab  aus den allgemeinen Bewegungsgesetzen freier
       Weltkörper, deren  Zusammenhang hergestellt wird durch Attraktion
       im Verhältnis  der Massen  und im umgekehrten Verhältnis des Qua-
       drats der  Abstände. Sie  ist augenscheinlich entstanden als eine
       Verallgemeinerung der  Kantschen Theorie von der Flutreibung, und
       wird uns  hier von  Thomson und  Tait dargestellt sogar als deren
       Begründung auf mathematischem Weg. Aber in Wirklichkeit - und da-
       von haben  die Verfasser  merkwürdigerweise schlechterdings keine
       Ahnung -,  in Wirklichkeit  schließt sie den Spezialfall der Flu-
       treibung aus.
       Reibung ist Hemmung von Massenbewegung, und galt jahrhundertelang
       als Vernichtung von Massenbewegung, also von kinetischer Energie.
       
       #388# Dialektik der Natur
       -----
       Wir wissen jetzt, daß Reibung und Stoß die beiden Formen sind, in
       denen kinetische  Energie sich  in Molekularenergie, in Wärme um-
       setzt. Bei  jeder Reibung geht also kinetische Energie als solche
       verloren, um  wiederzuerscheinen nicht als potentielle Energie im
       Sinne der  Dynamik, sondern als Molekularbewegung in der bestimm-
       ten Form der Wärme. Die durch Reibung verlorengegangne kinetische
       Energie ist also zunächst für die dynamischen Beziehungen des be-
       treffenden Systems  w i r k l i c h  v e r l o r e n.  Sie könnte
       nur dann  wieder dynamisch  wirksam werden, wenn sie aus der Form
       der Wärme  r ü c k v e r w a n d e l t  würde in kinetische Ener-
       gie.
       Wie stellt sich nun der Fall der Flutreibung? Es ist augenschein-
       lich, daß auch hier die ganze den Wassermassen an der Erdoberflä-
       che durch  die Mondanziehung  mitgeteilte kinetische  Energie  in
       Wärme verwandelt  wird, sei  es durch  Reibung der Wasserteilchen
       aneinander vermöge  der Viskosität des Wassers, sei es durch Rei-
       bung an  der festen Erdoberfläche und Zerkleinerung der der Flut-
       bewegung sich  entgegenstemmenden Gesteine. Von dieser Wärme wird
       nur der  verschwindend kleine  Teil wieder  in kinetische Energie
       rückverwandelt, der  zur Verdunstung  der Wasseroberflächen  bei-
       trägt. Aber auch diese verschwindend kleine Menge der vom Gesamt-
       system Erde-Mond  an einen  Teil der  Erdoberfläche  abgetretenen
       kinetischen Energie  bleibt zunächst  an der Erdoberfläche unter-
       worfen den  dort geltenden  Bedingungen, und diese bereiten aller
       dort tätigen  Energie ein und dasselbe Endschicksal: schließliche
       Verwandlung in Wärme und Ausstrahlung in den Weltraum.
       Insofern also  die Flutreibung  unbestreitbar auf die Erdrotation
       hemmend wirkt, insofern geht die hierzu verwendete kinetische En-
       ergie dem dynamischen System Erde-Mond absolut verloren. Sie kann
       also nicht  innerhalb dieses  Systems als  dynamische potentielle
       Energie wiedererscheinen.  Mit andern Worten: Von der vermittelst
       der Mondanziehung auf die Hemmung der Erdrotation verwendeten ki-
       netischen Energie  kann als  dynamische potentielle  Energie ganz
       wiedererscheinen,  also   durch  entsprechende  Vergrößerung  des
       Mondabstands kompensiert  werden nur  derjenige Teil, der auf die
       f e s t e  M a s s e  des Erdkörpers wirkt. Der Teil dagegen, der
       auf flüssige  Massen der  Erde wirkt,  kann dies nur, insofern er
       nicht diese Massen selbst in eine der Erdrotation entgegengerich-
       tete Bewegung  versetzt,  denn  diese  Bewegung  verwandelt  sich
       g a n z  in Wärme und geht schließlich durch Ausstrahlung dem Sy-
       stem verloren.
       Was von  Flutreibung an  der Oberfläche der Erde, gilt ebensosehr
       von der manchmal hypothetisch angenommenen Flutreibung eines sup-
       ponierten flüssigen Erdkerns.
       
       #389# Flutreibung. Kant und Thomson-Tait
       -----
       Das Eigentümliche  an der  Sache ist,  daß Thomson und Tait nicht
       merken, wie  sie zur  Begründung der  Theorie von der Flutreibung
       eine Theorie aufstellen, die von der stillschweigenden Vorausset-
       zung ausgeht,  daß die  Erde ein   d u r c h w e g  s t a r r e r
       Körper ist  und damit  jede Möglichkeit  einer Flut und also auch
       einer Flutreibung ausschließt.
       

       zurück