Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur


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       Wärme [235]
       
       Wie wir  sahen, gibt  es zweierlei  Formen, in  denen mechanische
       Bewegung, lebendige  Kraft verschwindet.  Die erste ist ihre Ver-
       wandlung in  mechanische potentielle  Energie, durch Hebung eines
       Gewichts zum  Beispiel! Diese Form hat das Eigentümliche, daß sie
       nicht nur  sich in  mechanische Bewegung rückverwandeln kann, und
       zwar in  mechanische Bewegung  von derselben lebendigen Kraft wie
       die ursprüngliche,  sondern auch,  daß sie nur dieses einen Form-
       wechsels fähig  ist. Mechanische  potentielle  Energie  kann  nie
       Wärme oder Elektrizität erzeugen, es sei denn, sie gehe vorher in
       wirkliche mechanische  Bewegung über.  Es ist, um einen Clausius-
       schen Ausdruck zu gebrauchen, ein "umkehrbarer Prozeß".
       Die zweite  Form des  Verschwindens mechanischer  Bewegung findet
       statt bei  Reibung und Stoß - die beide nur dem Grade nach unter-
       schieden sind.  Reibung kann  gefaßt werden  als eine Reihe nach-
       und nebeneinander  vorgehender kleiner  Stöße, Stoß  als in einem
       Zeitmoment und  auf einen  Ort konzentrierte Reibung. Reibung ist
       chronischer Stoß,  Stoß akute  Reibung. Die mechanische Bewegung,
       die hier verschwindet, verschwindet  a l s  s o l c h e.  Sie ist
       aus sich selbst zunächst nicht wieder herstellbar. Der Prozeß ist
       nicht unmittelbar  umkehrbar. Sie hat sich verwandelt in qualita-
       tiv verschiedne  Bewegungsformen, in  Wärme, in Elektrizität - in
       Formen der Molekularbewegung.
       Reibung und  Stoß führen also hinüber von der Massenbewegung, dem
       Gegenstand der  Mechanik, zur  Molekularbewegung, dem  Gegenstand
       der Physik.
       Wenn wir die Physik als Mechanik der Molekularbewegung bezeichnet
       haben 1*),  so wurde  dabei nicht  übersehn, daß  dieser Ausdruck
       keineswegs das  Gebiet der heutigen Physik ganz umfaßt. Im Gegen-
       teil. Die Ätherschwingungen,
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       1*) Siehe vorl. Band. S. 51, 350 und 354
       
       #391# Wärme
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       die die  Erscheinungen des  Lichts und der strahlenden Wärme ver-
       mitteln, sind  sicher keine  Molekularbewegungen im heutigen Sinn
       des Worts.  Aber ihre  irdischen Wirkungen  treffen zunächst  die
       Moleküle:  Lichtbrechung,  Lichtpolarisation  usw.  sind  bedingt
       durch die  Molekularkonstitution der  betreffenden Körper. Ebenso
       wird jetzt  von den  bedeutendsten Forschern  fast allgemein  die
       Elektrizität als  eine Bewegung  von Ätherteilchen  angesehn, und
       von der Wärme sogar sagt Clausius, daß an der
       
       "Bewegung der  ponderablen Atome"  (wofür wohl besser Moleküle zu
       setzen wäre) "... auch der im Körper befindliche Äther teilnehmen
       kann" ("Mech. Wärmetheorie", I, S. 22).
       
       Aber bei den elektrischen und Wärmeerscheinungen kommen doch wie-
       der in  erster Linie  Molekularbewegungen in  Betracht, wie  dies
       nicht anders  sein kann, solange wir über den Äther so wenig wis-
       sen. Sind wir aber erst so weit, die Mechanik des Äthers darstel-
       len zu  können, so wird sie auch wohl manches umfassen, was heute
       notgedrungen zur Physik geschlagen wird.
       Von den  physikalischen Vorgängen, bei denen die Struktur der Mo-
       leküle verändert  oder gar  aufgehoben wird, soll später die Rede
       sein. Sie bilden den Übergang von der Physik zur Chemie.
       Mit der  Molekularbewegung erst  erhält der Formwechsel der Bewe-
       gung seine  volle Freiheit.  Während, an der Grenze der Mechanik,
       die Massenbewegung nur einzelne andre Formen annehmen kann: Wärme
       oder Elektrizität,  sehen wir  hier eine  ganz andre Lebendigkeit
       des Formwechsels:  Wärme geht über in Elektrizität in der Thermo-
       säule, wird identisch mit dem Licht auf gewisser Stufe der Strah-
       lung, erzeugt  ihrerseits wieder mechanische Bewegung; Elektrizi-
       tät und  Magnetismus, ein  ähnliches Geschwisterpaar  bildend wie
       Wärme und  Licht, schlagen um, nicht nur ineinander, sondern auch
       in Wärme und Licht und ebenfalls in mechanische Bewegung. Und das
       nach so  bestimmten Maßverhältnissen,  daß wir eine gegebne Menge
       einer jeden in jeder andern, in Meterkilogrammen, in Wärmeeinhei-
       ten, in Volts ausdrücken können [236] und ebenso jedes Maß in je-
       des andre übersetzen.
       
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       Die praktische  Entdeckung der  Verwandlung mechanischer Bewegung
       in  Wärme"  ist  so  uralt,  daß  man  von  ihr  den  Anfang  der
       Menschheitsgeschichte datieren  könnte.  Welche  Erfindungen  von
       Werkzeugen und Tierzähmung auch vorhergegangen sein mögen, es war
       das Reibfeuer,  wodurch die  Menschen zum  erstenmal eine leblose
       Naturkraft in ihren Dienst
       
       #392# Dialektik der Natur
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       preßten. Und wie sehr sich die fast unermeßliche Tragweite dieses
       Riesenfortschritts ihrem  Gefühl einprägte,  das zeigt  noch  der
       heutige Volksaberglaube.  Die Erfindung des Steinmessers, des er-
       sten Werkzeugs,  wurde lange  Zeit nach Einführung der Bronze und
       des Eisens  noch gefeiert,  indem alle religiösen Opferhandlungen
       mit Steinmessern  vollzogen wurden.  Nach der jüdischen Sage ließ
       Josua  die   in  der   Wüste  gebornen  Männer  mit  Steinmessern
       beschneiden; Kelten  und Germanen gebrauchten nur Steinmesser bei
       ihren Menschenopfern.  Das alles  ist längst  verschollen. Anders
       mit dem  Reibfeuer. Lange nachdem man andre Arten der Feuererzeu-
       gung kannte,  mußte alles  heilige Feuer  bei den meisten Völkern
       durch Reibung erzeugt sein. Aber bis auf den heutigen Tag besteht
       der Volksaberglaube  in den  meisten europäischen Ländern darauf,
       daß wunderkräftiges  Feuer (z.B.  unser deutsches Notfeuer [237])
       nur durch  Reibung entzündet sein darf. So daß bis auf unsre Zeit
       das dankbare Gedächtnis des ersten großen Siegs des Menschen über
       die  Natur   im  Volksaberglauben,   in  den   Resten  heidnisch-
       mythologischer Erinnerung der gebildetsten Völker der Welt noch -
       halb unbewußt - fortlebt.
       Indes ist  der Prozeß  beim Reibfeuer noch einseitig. Es wird me-
       chanische  Bewegung  in  Wärme  verwandelt.  Um  den  Vorgang  zu
       vervollständigen, muß  er umgekehrt, muß Wärme in mechanische Be-
       wegung verwandelt werden. Dann erst ist der Dialektik des Prozes-
       ses Genüge  geleistet, der Prozeß im Kreislauf erschöpft - wenig-
       stens zunächst. Aber die Geschichte hat ihren eignen Gang, und so
       dialektisch dieser  schließlich auch  verlaufen mag,  so muß  die
       Dialektik doch  oft lange  genug auf  die Geschichte  warten. Der
       Zeitraum muß nach Jahrtausenden zu messen sein, der seit der Ent-
       deckung des  Reibfeuers verfloß,  bis Hero von Alexandrien (gegen
       -120) eine  Maschine erfand,  die durch den von ihr ausströmenden
       Wasserdampf in  rotierende Bewegung  versetzt wurde.  Und  wieder
       verflossen fast  2000 Jahre, bis die erste Dampfmaschine, die er-
       ste Vorrichtung  zur Verwandlung  von Wärme  in wirklich nutzbare
       mechanische Bewegung, hergestellt wurde.
       Die Dampfmaschine  war die  erste wirklich  internationale Erfin-
       dung, und  diese Tatsache  bekundet wieder  einen gewaltigen  ge-
       schichtlichen Fortschritt.  Der Franzose  Papin erfand  sie,  und
       zwar in  Deutschland. Der  Deutsche Leibniz,  wie  immer  geniale
       Ideen um  sich streuend ohne Rücksicht darauf, ob ihm oder andern
       das Verdienst  daran zugerechnet  würde -  Leibniz, wie wir jetzt
       aus Papins Briefwechsel (herausgegeben von Gerland) [238] wissen,
       gab ihm  die Hauptidee  dabei an:  die Anwendung von Zylinder und
       Kolben. Die  Engländer Savery  und Newcomen  erfanden bald darauf
       ähnliche Maschinen; ihr Landsmann Watt endlich brachte sie, durch
       
       #393# Wärme
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       Einführung des getrennten Kondensators, im Prinzip auf den heuti-
       gen Standpunkt.  Der Kreislauf der Erfindungen war auf diesem Ge-
       biet vollendet: Die Verwandlung von Wärme in mechanische Bewegung
       war durchgeführt. Was nachher kam, waren Einzelverbesserungen.
       Die Praxis  hatte also in ihrer Weise die Frage von den Beziehun-
       gen zwischen  mechanischer Bewegung  und Wärme  gelöst. Sie hatte
       zuvörderst die erste in die zweite und dann die zweite in die er-
       ste verwandelt. Wie aber sah es mit der Theorie aus?
       Kläglich genug. Obwohl grade im 17. und 18. Jahrhundert die zahl-
       losen Reisebeschreibungen wimmelten von Schilderungen wilder Völ-
       ker, die keine andre Art der Feuererzeugung kannten als das Reib-
       feuer, so  blieben die  Physiker doch  davon fast  unberührt; und
       ebenso gleichgültig  blieb ihnen im ganzen 18. Jahrhundert und in
       den ersten  Jahrzehnten des  19. die Dampfmaschine. Sie begnügten
       sich meistens damit, die Tatsachen einfach zu registrieren.
       Endlich, in den zwanziger Jahren, nahm Sadi Carnot die Sache auf,
       und zwar  in sehr  geschickter Weise, so daß seine besten nachher
       von Clapeyron  geometrisch dargestellten  Rechnungen bis  auf den
       heutigen Tag  bei Clausius  und Clerk Maxwell ihre Geltung haben,
       und er der Sache fast auf den Grund kam. Was ihn verhinderte, sie
       vollständig zu  ergründen, war  nicht der Mangel an tatsächlichem
       Material,  es   war  einzig  -  eine  vorgefaßte    f a l s c h e
       T h e o r i e.   Und zwar eine falsche Theorie, die den Physikern
       nicht durch  irgendeine bösartige  Philosophie  aufgenötigt  war,
       sondern eine, die sie mit ihrer eignen, der metaphysisch-philoso-
       phierenden so sehr überlegnen, naturalistischen Denkweise heraus-
       geklügelt hatten.
       Im 17.  Jahrhundert galt,  wenigstens in  England, die  Wärme als
       eine Eigenschaft der Körper, als
       
       "eine  B e w e g u n g  1*) besondrer Art" ("a motion of a parti-
       cular kind, the nature of which has never been explained in a sa-
       tisfactory manner" 2*)).
       
       So bezeichnet  sie Th.  Thomson zwei Jahre vor der Entdeckung der
       mechanischen Wärmetheorie  ("Outline of  the Sciences of Heat and
       Electricity", 2nd  ed., London 1840, [p. 281]). Aber im 18. Jahr-
       hundert trat mehr und mehr die Auffassung in den Vordergrund, die
       Wärme sei  wie auch das Licht, die Elektrizität, der Magnetismus,
       ein besondrer  Stoff, und alle diese eigentümlichen Stoffe unter-
       schieden sich  von der alltäglichen Materie dadurch, daß sie kein
       Gewicht hätten, Imponderabilien seien.
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       1*) Hervorhebung von  Engels - 2*) "eine Bewegung besonderer Art,
       deren Wesen nie auf eine befriedigende Art erklärt worden ist"

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