Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur


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       Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen [255]
       
       Die Arbeit  ist die Quelle alles Reichtums, sagen die politischen
       Ökonomen. Sie  ist dies - neben der Natur, die ihr den Stoff lie-
       fert, den sie in Reichtum verwandelt. Aber sie ist noch unendlich
       mehr als  dies. Sie  ist die erste Grundbedingung alles menschli-
       chen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daß wir in gewissem
       Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen.
       Vor mehreren hunderttausend Jahren, während eines noch nicht fest
       bestimmbaren Abschnitts  jener Erdperiode,  die die  Geologen die
       tertiäre nennen,  vermutlich gegen  deren Ende, lebte irgendwo in
       der heißen  Erdzone -  wahrscheinlich auf einem großen, jetzt auf
       den Grund  des Indischen  Ozeans versunkenen  Festlande - ein Ge-
       schlecht menschenähnlicher Affen von besonders hoher Entwicklung.
       Darwin hat uns eine annähernde Beschreibung dieser unsrer Vorfah-
       ren gegeben.  Sie waren  über und  über behaart, hatten Barte und
       spitze Ohren, und lebten in Rudeln auf Bäumen. [256]
       Wohl zunächst durch ihre Lebensweise veranlaßt, die beim Klettern
       den Händen  andre Geschäfte  zuweist als  den Füßen, fingen diese
       Affen an,  auf ebner  Erde sich der Beihülfe der Hände beim Gehen
       zu entwöhnen  und einen mehr und mehr aufrechten Gang anzunehmen.
       Damit war    d e r    e n t  s c h e i d e n d e    S c h r i t t
       g e t a n   f ü r   d e n  Ü b e r g a n g  v o m  A ß e n  z u m
       M e n s c h e n.
       Alle noch  jetzt lebenden menschenähnlichen Affen können aufrecht
       stehn und  sich auf den beiden Füßen allein fortbewegen. Aber nur
       zur Not  und höchst  unbehülflich. Ihr natürlicher Gang geschieht
       in halbaufgerichteter  Stellung und  schließt  den  Gebrauch  der
       Hände ein.  Die meisten stützen die Knöchel der Faust auf den Bo-
       den und schwingen den Körper mit eingezogenen Beinen zwischen den
       langen Armen  durch, wie  ein Lahmer, der auf Krücken geht. Über-
       haupt können wir bei den Affen alle Übergangsstufen
       
       #445# Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen
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       vom Gehen auf allen vieren bis zum Gang auf den beiden Füßen noch
       jetzt beobachten. Aber bei keinem von ihnen ist der letztere mehr
       als ein Notbehelf geworden.
       Wenn der aufrechte Gang bei unsern behaarten Vorfahren zuerst Re-
       gel und  mit der  Zeit eine Notwendigkeit werden sollte, so setzt
       dies voraus, daß den Händen inzwischen mehr und mehr anderweitige
       Tätigkeiten zufielen.  Auch bei den Affen herrscht schon eine ge-
       wisse Teilung der Verwendung von Hand und Fuß. Die Hand wird, wie
       schon erwähnt,  beim Klettern  in andrer  Weise gebraucht als der
       Fuß. Sie  dient vorzugsweise zum Pflücken und Festhalten der Nah-
       rung, wie  dies schon bei niederen Säugetieren mit den Vorderpfo-
       ten geschieht. Mit ihr bauen sich manche Affen Nester in den Bäu-
       men oder gar, wie der Schimpanse, Dächer zwischen den Zweigen zum
       Schutz gegen  die Witterung.  Mit ihr  ergreifen sie  Knüttel zur
       Verteidigung gegen  Feinde oder  bombardieren diese  mit Früchten
       und Steinen.  Mit ihr  vollziehen sie  in der Gefangenschaft eine
       Anzahl einfacher,  den Menschen  abgesehener Verrichtungen.  Aber
       grade hier  zeigt sich, wie groß der Abstand ist zwischen der un-
       entwickelten Hand  selbst der  menschenähnlichsten Affen  und der
       durch die Arbeit von Jahrhunderttausenden hoch ausgebildeten Men-
       schenhand. Die Zahl und allgemeine Anordnung der Knochen und Mus-
       keln stimmen  bei beiden;  aber die  Hand des  niedrigsten Wilden
       kann Hunderte  von Verrichtungen  ausführen, die  keine Affenhand
       ihr nachmacht. Keine Affenhand hat je das rohste Steinmesser ver-
       fertigt.
       Die Verrichtungen,  denen unsre  Vorfahren im  Übergang vom Affen
       zum Menschen im Lauf vieler Jahrtausende allmählich ihre Hand an-
       passen lernten,  können daher  anfangs nur  sehr einfache gewesen
       sein. Die  niedrigsten Wilden,  selbst diejenigen,  bei denen ein
       Rückfall in  einen mehr  tierähnlichen Zustand mit gleichzeitiger
       körperlicher Rückbildung  anzunehmen ist,  stehn immer  noch weit
       höher als  jene Übergangsgeschöpfe.  Bis der  erste Kiesel  durch
       Menschenhand zum  Messer verarbeitet  wurde, darüber  mögen Zeit-
       räume verflossen  sein, gegen die die uns bekannte geschichtliche
       Zeit unbedeutend  erscheint. Aber  der entscheidende  Schritt war
       getan: Die   H a n d  w a r  f r e i  g e w o r d e n  und konnte
       sich nun  immer neue  Geschicklichkeiten erwerben,  und die damit
       erworbene größere  Biegsamkeit vererbte  und vermehrte  sich  von
       Geschlecht zu Geschlecht.
       So ist  die Hand  nicht nur  das Organ  der Arbeit,  s i e  i s t
       a u c h  i h r  P r o d u k t.  Nur durch Arbeit, durch Anpassung
       an immer neue Verrichtungen, durch Vererbung der dadurch erworbe-
       nen besondern  Ausbildung der  Muskel, Bänder,  und  in  längeren
       Zeiträumen auch  der Knochen, und durch immer erneuerte Anwendung
       dieser vererbten Verfeinerung auf neue, stets verwickeltere
       
       #446# Dialektik der Natur
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       Verrichtungen hat  die Menschenhand jenen hohen Grad von Vollkom-
       menheit erhalten,  auf dem  sie Raffaelsche Gemälde, Thorvaldsen-
       sche Statuen, Paganinische Musik hervorzaubern konnte.
       Aber die Hand stand nicht allein. Sie war nur ein einzelnes Glied
       eines ganzen,  höchst zusammengesetzten  Organismus. Und  was der
       Hand zugute  kam, kam  auch dem  ganzen Körper  zugute, in dessen
       Dienst sie arbeitete - und zwar in doppelter Weise.
       Zuerst infolge  des Gesetzes  der Korrelation  des Wachstums, wie
       Darwin es  genannt hat.  Nach diesem Gesetz sind bestimmte Formen
       einzelner Teile  eines organischen Wesens stets an gewisse Formen
       andrer Teile  geknüpft, die scheinbar gar keinen Zusammenhang mit
       jenen haben.  So haben  alle Tiere,  welche rote  Blutzellen ohne
       Zellenkern besitzen  und deren  Hinterkopf mit  dem ersten  Rück-
       gratswirbel durch  zwei Gelenkstellen  (Kondylen) verbunden  ist,
       ohne Ausnahme auch Milchdrüsen zum Säugen der Jungen. So sind bei
       Säugetieren gespaltene Klauen regelmäßig mit dem mehrfachen Magen
       zum Wiederkäuen verbunden. Änderungen bestimmter Formen ziehn Än-
       derungen der  Form andrer Körperteile nach sich, ohne daß wir den
       Zusammenhang erklären  können. Ganz weiße Katzen mit blauen Augen
       sind immer,  oder  beinahe  immer,  taub.  Die  allmähliche  Ver-
       feinerung der  Menschenhand und die mit ihr Schritt haltende Aus-
       bildung des  Fußes für den aufrechten Gang hat unzweifelhaft auch
       durch solche  Korrelation auf  andre Teile des Organismus rückge-
       wirkt. Doch  ist diese  Einwirkung noch viel zu wenig untersucht,
       als daß  wir hier  mehr tun könnten, als sie allgemein konstatie-
       ren.
       Weit wichtiger  ist die  direkte,  nachweisbare  Rückwirkung  der
       Entwicklung der  Hand auf  den übrigen  Organismus. Wie schon ge-
       sagt, waren  unsre äffischen  Vorfahren gesellig;  es ist  augen-
       scheinlich unmöglich,  den Menschen, das geselligste aller Tiere,
       von einem ungeselligen nächsten Vorfahren abzuleiten. Die mit der
       Ausbildung der  Hand, mit  der Arbeit, beginnende Herrschaft über
       die Natur  erweiterte bei  jedem neuen  Fortschritt den Gesichts-
       kreis des  Menschen. An  den Naturgegenständen entdeckte er fort-
       während neue,  bisher unbekannte  Eigenschaften. Andrerseits trug
       die Ausbildung  der Arbeit notwendig dazu bei, die Gesellschafts-
       glieder näher  aneinanderzuschließen, indem  sie die Fälle gegen-
       seitiger Unterstützung, gemeinsamen Zusammenwirkens vermehrte und
       das Bewußtsein  von der  Nützlichkeit dieses  Zusammenwirkens für
       jeden einzelnen klärte. Kurz, die werdenden Menschen kamen dahin,
       daß sie  einander   e t w a s   z u  s a g e n  h a t t e n.  Das
       Bedürfnis schuf  sich sein  Organ: Der unentwickelte Kehlkopf des
       Affen bildete  sich langsam  aber sicher um, durch Modulation für
       stets gesteigerte
       
       #447# Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen
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       Modulation, und  die Organe  des Mundes  lernten allmählich einen
       artikulierten Buchstaben nach dem andern aussprechen.
       Daß diese  Erklärung der  Entstehung der  Sprache aus und mit der
       Arbeit die  einzig richtige  ist, beweist  der Vergleich  mit den
       Tieren. Das  wenige, was  diese, selbst  die  höchstentwickelten,
       einander mitzuteilen haben, können sie einander auch ohne artiku-
       lierte Sprache  mitteilen. Im Naturzustand fühlt kein Tier es als
       einen Mangel,  nicht sprechen oder menschliche Sprache nicht ver-
       stehn zu können. Ganz anders, wenn es durch Menschen gezähmt ist.
       Der Hund  und das Pferd'haben im Umgang mit Menschen ein so gutes
       Ohr für  artikulierte Sprache  erhalten,  daß  sie  jede  Sprache
       leicht soweit  verstehn lernen, wie ihr Vorstellungskreis reicht.
       Sie haben  sich ferner die Fähigkeit für Empfindungen wie Anhäng-
       lichkeit an Menschen, Dankbarkeit usw. erworben, die ihnen früher
       fremd waren; und wer viel mit solchen Tieren umgegangen ist, wird
       sich kaum der Überzeugung verschließen können, daß es Fälle genug
       gibt, wo  sie   j e t z t   die Unfähigkeit zu sprechen als einen
       Mangel empfinden,  dem allerdings  bei  ihren  allzusehr  in  be-
       stimmter Richtung  spezialisierten Stimmorganen leider nicht mehr
       abzuhelfen ist.  Wo aber  das Organ  vorhanden ist, da fällt auch
       diese Unfähigkeit  innerhalb gewisser Grenzen weg. Die Mundorgane
       der Vögel  sind sicher  so verschieden  wie nur möglich von denen
       des Menschen,  und doch  sind Vögel die einzigen Tiere, die spre-
       chen lernen;  und der  Vogel mit  der abscheulichsten Stimme, der
       Papagei, spricht  am besten.  Man sage  nicht, er verstehe nicht,
       was er  spricht. Allerdings wird er aus reinem Vergnügen am Spre-
       chen und an der Gesellschaft von Menschen stundenlang seinen gan-
       zen Wortreichtum plappernd wiederholen. Aber soweit sein Vorstel-
       lungskreis reicht,  soweit kann  er auch verstehen lernen, was er
       sagt. Man  lehre einen Papagei Schimpfwörter, so daß er eine Vor-
       stellung von ihrer Bedeutung bekommt (ein Hauptvergnügen aus hei-
       ßen Ländern  zurücksegelnder Matrosen);  man reize  ihn, und  man
       wird bald  finden, daß  er seine  Schimpfwörter ebenso richtig zu
       verwerten weiß  wie eine Berliner Gemüsehökerin. Ebenso beim Bet-
       teln um Leckereien.
       Arbeit zuerst,  nach und  dann mit ihr die Sprache - das sind die
       beiden wesentlichsten  Antriebe, unter  deren Einfluß  das Gehirn
       eines Affen  in das  bei aller Ähnlichkeit weit größere und voll-
       kommnere eines  Menschen allmählich  übergegangen  ist.  Mit  der
       Fortbildung des  Gehirns aber  ging Hand  in Hand die Fortbildung
       seiner nächsten  Werkzeuge, der Sinnesorgane. Wie schon die Spra-
       che in ihrer allmählichen Ausbildung notwendig begleitet wird von
       einer entsprechenden Verfeinerung des Gehörorgans, so die Ausbil-
       dung des Gehirns überhaupt von der der sämtlichen Sinne. Der
       
       #448# Dialektik der Natur
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       Adler sieht  viel weiter  als der  Mensch, aber des Menschen Auge
       sieht viel  mehr an  den Dingen  als das des Adlers. Der Hund hat
       eine weit  feinere Spürnase als der Mensch, aber er unterscheidet
       nicht den  hundertsten Teil der Gerüche, die für diesen bestimmte
       Merkmale verschiedner  Dinge sind. Und der Tastsinn, der beim Af-
       fen kaum  in seinen  rohsten Anfängen existiert, ist erst mit der
       Menschenhand selbst, durch die Arbeit, herausgebildet worden.
       Die Rückwirkung  der Entwicklung des Gehirns und seiner dienstba-
       ren Sinne, des sich mehr und mehr klärenden Bewußtseins, Abstrak-
       tions- und  Schlußvermögens auf Arbeit und Sprache gab beiden im-
       mer neuen  Anstoß zur  Weiterbildung,  einer  Weiterbildung,  die
       nicht etwa  einen Abschluß  fand, sobald der Mensch endgültig vom
       Affen geschieden  war, sondern  die seitdem bei verschiednen Völ-
       kern und  zu verschiednen  Zeiten verschieden nach Grad und Rich-
       tung, stellenweise  selbst unterbrochen durch örtlichen und zeit-
       lichen Rückgang, im ganzen und großen gewaltig vorangegangen ist;
       einerseits mächtig  vorangetrieben,  andrerseits  in  bestimmtere
       Richtungen gelenkt  durch ein mit dem Auftreten des fertigen Men-
       schen  neu   hinzutretendes  Element   -    d i e    G e s e l l-
       s c h a f t.
       Hunderttausende von  Jahren -  in der  Geschichte der  Erde nicht
       mehr als  eine Sekunde  im Menschenleben *) - sind sicher vergan-
       gen, ehe  aus dem  Rudel baumkletternder  Affen eine Gesellschaft
       von Menschen hervorgegangen war. Aber schließlich war sie da. Und
       was finden  wir wieder als den bezeichnenden Unterschied zwischen
       Affenrudel und  Menschengesellschaft?   D i e   A r b e i t.  Das
       Affenrudel begnügte  sich damit,  seinen Futterbezirk abzuweiden,
       der ihm  durch die  geographische Lage  oder durch den Widerstand
       benachbarter Rudel  zugeteilt war;  es unternahm  Wanderungen und
       Kämpfe, um  neues Futtergebiet  zu gewinnen, aber es war unfähig,
       aus dem Futterbezirk mehr herauszuschlagen, als er von Natur bot,
       außer daß es ihn unbewußt mit seinen Abfällen düngte. Sobald alle
       möglichen Futterbezirke  besetzt waren,  konnte keine  Vermehrung
       der Affenbevölkerung  mehr stattfinden; die Zahl der Tiere konnte
       sich höchstens  gleichbleiben. Aber  bei allen Tieren findet Nah-
       rungsverschwendung in hohem Grade statt, und daneben Ertötung des
       Nahrungsnachwuchses im  Keime. Der Wolf schont nicht, wie der Jä-
       ger, die  Rehgeiß, die  ihm im nächsten Jahr die Böcklein liefern
       soll; die  Ziegen in  Griechenland, die das junge Gestrüpp abwei-
       den,
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       *) Eine Autorität  ersten Rangs in dieser Beziehung, Sir W. Thom-
       son, hat  berechnet, daß  nicht viel  mehr als  hundert Millionen
       Jahre verflossen  sein können  seit der  Zeit, wo die Erde soweit
       abgekühlt war,  daß Pflanzen  und Tiere  auf ihr  leben  konnten.
       [257]
       
       #449# Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen
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       eh' es  heranwächst, haben  alle Berge  des Landes kahlgefressen.
       Dieser "Raubbau" der Tiere spielt bei der allmählichen Umwandlung
       der Arten  eine wichtige  Rolle, indem  er sie zwingt, andrer als
       der gewohnten  Nahrung sich  anzubequemen, wodurch ihr Blut andre
       chemische Zusammensetzung  bekommt und  die ganze Körperkonstitu-
       tion allmählich eine andre wird, während die einmal fixierten Ar-
       ten absterben.  Es ist  nicht zu  bezweifeln, daß  dieser Raubbau
       mächtig zur  Menschwerdung unsrer  Vorfahren beigetragen hat. Bei
       einer Affenrasse,  die an Intelligenz und Anpassungsfähigkeit al-
       len andern  weit voraus  war, mußte er dahin führen, daß die Zahl
       der Nahrungspflanzen  sich mehr  und mehr  ausdehnte, daß von den
       Nahrungspflanzen mehr und mehr eßbare Teile zur Verzehrung kamen,
       kurz, daß die Nahrung immer mannigfacher wurde und mit ihr die in
       den Körper  eingehenden Stoffe,  die chemischen  Bedingungen  der
       Menschwerdung. Das  alles war aber noch keine eigentliche Arbeit.
       Die Arbeit  fängt an mit der Verfertigung von Werkzeugen. Und was
       sind die  ältesten Werkzeuge,  die wir  vorfinden? Die  ältesten,
       nach den vorgefundenen Erbstücken vorgeschichtlicher Menschen und
       nach der Lebensweise der frühesten geschichtlichen Völker wie der
       rohesten jetzigen  Wilden zu urteilen? Werkzeuge der Jagd und des
       Fischfangs, erstere zugleich Waffen. Jagd und Fischfang aber set-
       zen den  Übergang von der bloßen Pflanzennahrung zum Mitgenuß des
       Fleisches voraus,  und hier  haben wir  wieder einen wesentlichen
       Schritt  zur   Menschwerdung.     D i e     F l e i s c h k o s t
       enthielt in  fast fertigem Zustand die wesentlichsten Stoffe, de-
       ren der  Körper zu seinem Stoffwechsel bedarf; sie kürzte mit der
       Verdauung die  Zeitdauer der übrigen vegetativen, dem Pflanzenle-
       ben entsprechenden  Vorgänge im  Körper ab  und gewann damit mehr
       Zeit, mehr  Stoff und mehr Lust für die Betätigung des eigentlich
       tierischen (animalischen) Lebens. Und je mehr der werdende Mensch
       sich von  der Pflanze  entfernte, desto  mehr erhob  er sich auch
       über das  Tier. Wie  die Gewöhnung  an Pflanzennahrung  neben dem
       Fleisch die  wilden Katzen  und Hunde zu Dienern des Menschen ge-
       macht, so  hat die  Angewöhnung an  die Fleischnahrung  neben der
       Pflanzenkost wesentlich  dazu beigetragen, dem werdenden Menschen
       Körperkraft und  Selbständigkeit zu geben. Am wesentlichsten aber
       war die Wirkung der Fleischnahrung auf das Gehirn, dem nun die zu
       seiner Ernährung  und Entwicklung nötigen Stoffe weit reichlicher
       zuflössen als  vorher, und  das sich  daher von Geschlecht zu Ge-
       schlecht rascher  und vollkommener  ausbilden konnte. Mit Verlaub
       der Herren Vegetarianer, der Mensch ist nicht ohne Fleischnahrung
       zustande gekommen, und wenn die Fleischnahrung auch bei allen uns
       bekannten Völkern  zu irgendeiner Zeit einmal zur Menschenfresse-
       rei
       
       #450# Dialektik der Natur
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       geführt hat  (die Vorfahren der Berliner, die Weletaben oder Wil-
       zen, aßen ihre Eltern noch im 10. Jahrhundert [258]), so kann uns
       das heute nichts mehr ausmachen.
       Die Fleischkost  führte zu zwei neuen Fortschritten von entschei-
       dender Bedeutung: zur Dienstbarmachung des Feuers und zur Zähmung
       von Tieren. Die erstere kürzte den Verdauungsprozeß noch mehr ab,
       indem sie  die Kost  schon  sozusagen  halbverdaut  an  den  Mund
       brachte; die zweite machte die Fleischkost reichlicher, indem sie
       neben der  Jagd eine neue regelmäßigere Bezugsquelle dafür eröff-
       nete, und  lieferte außerdem in der Milch und ihren Produkten ein
       neues, dem  Fleisch an  Stoffmischung  mindestens  gleichwertiges
       Nahrungsmittel. So  wurden beide schon direkt neue Emanzipations-
       mittel für  den Menschen;  auf ihre  indirekten Wirkungen im ein-
       zelnen einzugehn,  würde uns  hier zu  weit führen,  von so hoher
       Wichtigkeit sie auch für die Entwicklung des Menschen und der Ge-
       sellschaft gewesen sind.
       Wie der  Mensch alles  Eßbare essen  lernte, so lernte er auch in
       jedem Klima  leben. Er verbreitete sich über die ganze bewohnbare
       Erde, er,  das einzige Tier, das in sich selbst die Machtvollkom-
       menheit dazu  besaß. Die  andren Tiere,  die sich an alle Klimata
       gewöhnt haben,  haben dies  nicht aus sich selbst, nur im Gefolge
       des Menschen, gelernt: Haustiere und Ungeziefer. Und der Übergang
       aus dem  gleichmäßig heißen  Klima der Urheimat in kältere Gegen-
       den, wo das Jahr sich in Winter und Sommer teilte, schuf neue Be-
       dürfnisse: Wohnung und Kleidung zum Schutz gegen Kälte und Nässe,
       neue Arbeitsgebiete und damit neue Betätigungen, die den Menschen
       immer weiter vom Tier entfernten.
       Durch das Zusammenwirken von Hand, Sprachorganen und Gehirn nicht
       allein bei  jedem einzelnen,  sondern auch  in der  Gesellschaft,
       wurden die  Menschen befähigt,  immer verwickeitere Verrichtungen
       auszuführen, immer höhere Ziele sich zu stellen und zu erreichen.
       Die Arbeit  selbst wurde von Geschlecht zu Geschlecht eine andre,
       vollkommnere, vielseitigere.  Zur Jagd und Viehzucht trat der Ac-
       kerbau, zu  diesem Spinnen  und Weben,  Verarbeitung der Metalle,
       Töpferei, Schiffahrt. Neben Handel und Gewerbe trat endlich Kunst
       und Wissenschaft,  aus Stämmen wurden Nationen und Staaten. Recht
       und Politik  entwickelten sich,  und mit  ihnen das phantastische
       Spiegelbild der  menschlichen Dinge im menschlichen Kopf: die Re-
       ligion. Vor  allen diesen Gebilden, die zunächst als Produkte des
       Kopfs sich darstellten und die die menschlichen Gesellschaften zu
       beherrschen schienen,  traten die  bescheidneren Erzeugnisse  der
       arbeitenden Hand in den Hintergrund; und zwar um so mehr, als der
       die Arbeit planende
       
       #451# Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen
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       Kopf schon  auf einer  sehr frühen  Entwicklungsstufe der Gesell-
       schaft (z.B.  schon in der einfachen Familie) die geplante Arbeit
       durch andre  Hände ausführen  lassen konnte als die seinigen. Dem
       Kopf, der Entwicklung und Tätigkeit des Gehirns, wurde alles Ver-
       dienst an  der rasch fortschreitenden Zivilisation zugeschrieben;
       die Menschen  gewöhnten sich  daran, ihr  Tun aus ihrem Denken zu
       erklären statt  aus ihren  Bedürfnissen (die  dabei allerdings im
       Kopf sich widerspiegeln, zum Bewußtsein kommen) - und so entstand
       mit der  Zeit jene  idealistische Weltanschauung,  die namentlich
       seit Untergang  der antiken  Welt die  Köpfe beherrscht  hat. Sie
       herrscht noch  so sehr, daß selbst die materialistischsten Natur-
       forscher der Darwinschen Schule sich noch keine klare Vorstellung
       von der  Entstehung des  Menschen machen  können, weil  sie unter
       jenem ideologischen Einfluß die Rolle nicht erkennen, die die Ar-
       beit dabei gespielt hat.
       Die Tiere,  wie schon  angedeutet, verändern durch ihre Tätigkeit
       die äußere"  Natur ebensogut, wenn auch nicht in dem Maße wie der
       Mensch, und diese durch sie vollzogenen Änderungen ihrer Umgebung
       wirken, wie wir sahen, wieder verändernd auf ihre Urheber zurück.
       Denn in  der Natur  geschieht nichts vereinzelt. Jedes wirkt aufs
       andre und  umgekehrt, und  es ist meist das Vergessen dieser all-
       seitigen Bewegung  und Wechselwirkung,  das  unsre  Naturforscher
       verhindert, in  den einfachsten Dingen klarzusehn. Wir sahen, wie
       die Ziegen  die Wiederbewaldung  von Griechenland  verhindern; in
       Sankt Helena  haben die  von den  ersten Anseglern  ans Land  ge-
       setzten Ziegen  und Schweine  es fertiggebracht, die alte Vegeta-
       tion der  Insel fast ganz auszurotten, und so den Boden bereitet,
       auf dem  die von  späteren Schiffern  und Kolonisten  zugeführten
       Pflanzen sich  ausbreiten konnten.  Aber wenn die Tiere eine dau-
       ernde Einwirkung auf ihre Umgebung ausüben, so geschieht dies un-
       absichtlich und ist, für diese Tiere selbst, etwas Zufälliges. Je
       mehr die  Menschen sich aber vom Tier entfernen, desto mehr nimmt
       ihre Einwirkung  auf die  Natur den Charakter vorbedachter, plan-
       mäßiger, auf  bestimmte, vorher  bekannte Ziele gerichteter Hand-
       lung an.  Das Tier  vernichtet die  Vegetation eines Landstrichs,
       ohne zu  wissen, was es tut. Der Mensch vernichtet sie, um in den
       freigewordnen Boden  Feldfrüchte zu  säen oder Bäume und Reben zu
       pflanzen, von  denen er weiß, daß sie ihm ein Vielfaches der Aus-
       saat einbringen  werden. Er  versetzt Nutzpflanzen  und Haustiere
       von einem  Land ins  andre und  ändert so  die Vegetation und das
       Tierleben ganzer  Weltteile. Noch mehr. Durch künstliche Züchtung
       werden Pflanzen  wie Tiere  unter der  Hand des Menschen in einer
       Weise verändert,  daß sie nicht wiederzuerkennen sind. Die wilden
       Pflanzen, von  denen unsre  Getreidearten abstammen,  werden noch
       vergebens
       
       #452# Dialektik der Natur
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       gesucht. Von  welchem wilden  Tier unsre  Hunde, die selbst unter
       sich so  verschieden sind,  oder unsre ebenso zahlreichen Pferde-
       rassen abstammen, ist noch immer streitig.
       Es versteht  sich übrigens von selbst, daß es uns nicht einfällt,
       den Tieren die Fähigkeit planmäßiger, vorbedachter Handlungsweise
       abzustreiten. Im  Gegenteil. Planmäßige  Handlungsweise existiert
       im Keime  schon überall;  wo Protoplasma,  lebendiges Eiweiß exi-
       stiert und  reagiert, d.h.  bestimmte, wenn auch noch so einfache
       Bewegungen als Folge bestimmter Reize von außen vollzieht. Solche
       Reaktion findet  statt, wo  noch gar keine Zelle, geschweige eine
       Nervenzelle, besteht.  Die Art,  wie  insektenfressende  Pflanzen
       ihre Beute  abfangen, erscheint  ebenfalls in  gewisser Beziehung
       als planmäßig,  obwohl vollständig bewußtlos. Bei den Tieren ent-
       wickelt sich  die Fähigkeit  bewußter, planmäßiger Aktion im Ver-
       hältnis zur  Entwicklung des  Nervensystems und  erreicht bei den
       Säugetieren eine  schon hohe  Stufe. Auf der englischen Fuchspar-
       forcejagd kann  man täglich beobachten, wie genau der Fuchs seine
       große Ortskenntnis  zu verwenden  weiß, um  seinen Verfolgern  zu
       entgehn und  wie gut er alle Bodenvorteile kennt und benutzt, die
       die Fährte  unterbrechen. Bei unsern im Umgang mit Menschen höher
       entwickelten Haustieren  kann man tagtäglich Streiche der Schlau-
       heit beobachten,  die mit denen menschlicher Kinder ganz auf der-
       selben Stufe  stehn. Denn wie die Entwicklungsgeschichte des men-
       schlichen Keims  im Mutterleibe  nur eine abgekürzte Wiederholung
       der millionenjährigen  körperlichen Entwicklungsgeschichte unsrer
       tierischen Vorfahren, vom Wurm angefangen, darstellt, so die gei-
       stige Entwicklung des menschlichen Kindes eine, nur noch mehr ab-
       gekürzte, Wiederholung  der intellektuellen Entwicklung derselben
       Vorfahren, wenigstens  der späteren.  Aber alle planmäßige Aktion
       aller Tiere  hat es  nicht fertiggebracht,  der Erde  den Stempel
       ihres Willens aufzudrücken. Dazu gehörte der Mensch.
       Kurz, das  Tier   b e n u t z t  die äußere Natur bloß und bringt
       Änderungen in  ihr einfach  durch seine Anwesenheit zustande; der
       Mensch macht sie durch seine Änderungen seinen Zwecken dienstbar,
       b e h e r r s c h t  sie. Und das ist der letzte, wesentliche Un-
       terschied des  Menschen von den übrigen Tieren, und es ist wieder
       die Arbeit, die diesen Unterschied bewirkt. 1*)
       Schmeicheln wir  uns indes  nicht zu sehr mit unsern menschlichen
       Siegen über  die Natur.  Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an
       uns. Jeder  hat in  erster Linie zwar die Folgen, auf die wir ge-
       rechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, un-
       vorhergesehene Wirkungen, die nur zu
       -----
       1*) Am  Rande   des  Manuskripts   ist  mit  Bleistift  vermerkt:
       "Veredlung"
       
       #453# Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen
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       oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die Leute, die in Mesopo-
       tamien, Griechenland,  Kleinasien und anderswo die Wälder ausrot-
       teten, um urbares Land zu gewinnen, träumten nicht, daß sie damit
       den Grund  zur jetzigen  Verödung jener  Länder legten, indem sie
       ihnen mit  den Wäldern  die Ansammlungszentren  und Behälter  der
       Feuchtigkeit entzogen. [259] Die Italiener der Alpen, als sie die
       am Nordabhang  des Gebirgs  so sorgsam  gehegten Tannenwälder  am
       Südabhang vernutzten,  ahnten nicht,  daß sie damit der Sennwirt-
       schaft auf  ihrem Gebiet die Wurzel abgruben; sie ahnten noch we-
       niger, daß sie dadurch ihren Bergquellen für den größten Teil des
       Jahrs das Wasser entzogen, damit diese zur Regenzeit um so wüten-
       dere Flutströme  über die  Ebene ergießen könnten. Die Verbreiter
       der Kartoffel  in Europa  wußten nicht,  daß sie mit den mehligen
       Knollen zugleich die Skrofelkrankheit verbreiteten. Und so werden
       wir bei  jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Na-
       tur beherrschen,  wie ein  Eroberer ein  fremdes Volk beherrscht,
       wie jemand,  der außer  der Natur  steht -  sondern daß  wir  mit
       Fleisch und  Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn,
       und daß  unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug
       vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig an-
       wenden zu können.
       Und in  der Tat  lernen wir  mit jedem Tag ihre Gesetze richtiger
       verstehn und  die näheren  und entfernteren  Nachwirkungen unsrer
       Eingriffe in  den herkömmlichen  Gang der Natur erkennen. Nament-
       lich seit  den gewaltigen  Fortschritten der Naturwissenschaft in
       diesem Jahrhundert werden wir mehr und mehr in den Stand gesetzt,
       auch die entfernteren natürlichen Nachwirkungen wenigstens unsrer
       gewöhnlichsten Produktionshandlungen kennen und damit beherrschen
       zu lernen.  Je mehr  dies aber  geschieht, desto mehr werden sich
       die Menschen wieder als Eins mit der Natur nicht nur fühlen, son-
       dern auch  wissen, und  je unmöglicher wird jene widersinnige und
       widernatürliche Vorstellung  von einem  Gegensatz Zwischen  Geist
       und Materie,  Mensch und  Natur, Seele und Leib, wie sie seit dem
       Verfall des  klassischen Altertums  in Europa  aufgekommen und im
       Christentum ihre höchste Ausbildung erhalten hat.
       Hat es aber schon die Arbeit von Jahrtausenden erfordert, bis wir
       einigermaßen lernten, die entferntem  n a t ü r l i c h e n  Wir-
       kungen unsrer  auf die  Produktion gerichteten  Handlungen zu be-
       rechnen, so  war dies noch weit schwieriger in bezug auf die ent-
       fernteren   g e s e l l s c h a f t l i c h e n  Wirkungen dieser
       Handlungen. Wir  erwähnten die Kartoffel und in ihrem Gefolge die
       Ausbreitung der  Skrofeln. Aber  was sind  die Skrofeln gegen die
       Wirkungen, die  die Reduktion  der Arbeiter  auf Kartoffelnahrung
       auf die Lebenslage der Volksmassen ganzer Länder hatte, gegen die
       Hungersnot, die 1847 im
       
       #454# Dialektik der Natur
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       Gefolge der  Kartoffelkrankheit Irland  betraf, eine Million kar-
       toffel- und  fast nur  kartoffelessender Irländer  unter die Erde
       und zwei Millionen über das Meer warf? Als die Araber den Alkohol
       destillieren lernten,  ließen sie sich nicht im Traume einfallen,
       daß sie  damit eins  der Hauptwerkzeuge geschaffen, womit die Ur-
       einwohner des  damals noch  gar nicht entdeckten Amerikas aus der
       Welt geschafft werden sollten. Und als dann Kolumbus dies Amerika
       entdeckte, wußte  er nicht,  daß er  damit die  in Europa  längst
       überwundne Sklaverei  zu neuem  Leben erweckte  und die Grundlage
       zum Negerhandel  legte. Die  Männer, die im siebzehnten und acht-
       zehnten Jahrhundert an der Herstellung der Dampfmaschine arbeite-
       ten, ahnten  nicht, daß sie das Werkzeug fertigstellten, das mehr
       als jedes andre die Gesellschaftszustände der ganzen Welt revolu-
       tionieren und  namentlich  in  Europa  durch  Konzentrierung  des
       Reichtums auf  Seite der  Minderzahl, und der Besitzlosigkeit auf
       Seite der ungeheuren Mehrzahl, zuerst der Bourgeoisie die soziale
       und politische  Herrschaft verschaffen,  dann aber einen Klassen-
       kampf zwischen  Bourgeoisie und  Proletariat erzeugen sollte, der
       nur mit dem Sturz der Bourgeoisie und der Abschaffung aller Klas-
       sengegensätze endigen  kann. - Aber auch auf diesem Gebiet lernen
       wir allmählich, durch lange, oft harte Erfahrung und durch Zusam-
       menstellung und Untersuchung des geschichtlichen Stoffs, uns über
       die mittelbaren, entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen unsrer
       produktiven Tätigkeit Klarheit zu verschaffen, und damit wird uns
       die Möglichkeit  gegeben, auch diese Wirkungen zu beherrschen und
       zu regeln.
       Um diese  Regelung aber  durchzuführen, dazu  gehört mehr als die
       bloße Erkenntnis.  Dazu gehört eine vollständige Umwälzung unsrer
       bisherigen Produktionsweise  und mit ihr unsrer jetzigen gesamten
       gesellschaftlichen Ordnung.
       Alle bisherigen  Produktionsweisen sind  nur  auf  Erzielung  des
       nächsten, unmittelbarsten Nutzeffekts der Arbeit ausgegangen. Die
       weiteren erst  in späterer  Zeit eintretenden,  durch allmähliche
       Wiederholung und Anhäufung wirksam werdenden Folgen blieben gänz-
       lich vernachlässigt. Das ursprüngliche gemeinsame Eigentum am Bo-
       den entsprach  einerseits einem Entwicklungszustand der Menschen,
       der  ihren  Gesichtskreis  überhaupt  auf  das  Allernächste  be-
       schränkte, und setzte andrerseits einen gewissen Überfluß an ver-
       fügbarem Boden  voraus, der gegenüber den etwaigen schlimmen Fol-
       gen dieser waldursprünglichen Wirtschaft einen gewissen Spielraum
       ließ. Wurde  dieser Überschuß von Land erschöpft, so verfiel auch
       das Gemeineigentum.  Alle höheren Formen der Produktion aber sind
       zur Trennung der Bevölkerung in verschiedne Klassen und damit zum
       Gegensatz
       
       #455# Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen
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       von herrschenden  und unterdrückten  Klassen vorangegangen; damit
       aber wurde  das Interesse  der herrschenden  Klasse das treibende
       Element der  Produktion, soweit diese sich nicht auf den notdürf-
       tigsten Lebensunterhalt  der Unterdrückten  beschränkte. Am voll-
       ständigsten ist  dies in der jetzt in Westeuropa herrschenden ka-
       pitalistischen Produktionsweise durchgeführt. Die einzelnen, Pro-
       duktion und Austausch beherrschenden Kapitalisten können sich nur
       um den  unmittelbarsten Nutzeffekt  ihrer Handlungen  kümmern. Ja
       selbst dieser  Nutzeffekt -  soweit es sich um den Nutzen des er-
       zeugten oder  ausgetauschten Artikels handelt - tritt vollständig
       in den  Hintergrund; der  beim Verkauf  zu erzielende Profit wird
       die einzige Triebfeder.
       
                                   ---
       
       Die Sozialwissenschaft der Bourgeoisie, die klassische politische
       Ökonomie, beschäftigt sich vorwiegend nur mit den unmittelbar be-
       absichtigten gesellschaftlichen  Wirkungen der auf Produktion und
       Austausch gerichteten  menschlichen Handlungen.  Dies  entspricht
       ganz der  gesellschaftlichen  Organisation,  deren  theoretischer
       Ausdruck sie  ist. Wo  einzelne Kapilalisten um des unmittelbaren
       Profits willen  produzieren und austauschen, können in erster Li-
       nie nur  die nächsten, unmittelbarsten Resultate in Betracht kom-
       men. Wenn  der einzelne  Fabrikant oder  Kaufmann die fabrizierte
       oder eingekaufte  Ware nur  mit dem üblichen Profitchen verkauft,
       so ist  er zufrieden,  und es  kümmert ihn nicht, was nachher aus
       der Ware  und deren  Käufer wird. Ebenso mit den natürlichen Wir-
       kungen derselben Handlungen. Die spanischen Pflanzer in Kuba, die
       die Wälder an den Abhängen niederbrannten und in der Asche Dünger
       genug für   e i n e  Generation höchst rentabler Kaffeebäume vor-
       fanden -  was lag  ihnen daran, daß nachher die tropischen Regen-
       güsse die nun schutzlose Dammerde herabschwemmten und nur nackten
       Fels hinterließen? Gegenüber der Natur wie der Gesellschaft kommt
       bei der heutigen Produktionsweise vorwiegend nur der erste, hand-
       greiflichste Erfolg  in Betracht; und dann wundert man sich noch,
       daß die  entfernteren Nachwirkungen der hierauf gerichteten Hand-
       lungen ganz andre, meist ganz entgegengesetzte sind, daß die Har-
       monie von  Nachfrage und  Angebot in  deren polaren Gegensatz um-
       schlägt, wie  der Verlauf jedes zehnjährigen industriellen Zyklus
       ihn vorführt  und wie auch Deutschland im "Krach" [260] ein klei-
       nes Vorspiel  davon erlebt  hat; daß das auf eigne Arbeit gegrün-
       dete Privateigentum sich mit Notwendigkeit fortentwickelt zur Ei-
       gentumslosigkeit der Arbeiter, während aller Besitz sich mehr und
       mehr in den Händen von Nichtarbeitern konzentriert; daß [...] 1*)
       -----
       1*) Hier bricht das Manuskript ab
       

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