Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur

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       #456#
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       [Notizen und Fragmente] [Aus der Geschichte der Wissenschaft]
       
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       D i e   s u k z e s s i v e  E n t w i c k l u n g  der einzelnen
       Zweige der  Naturwissenschaft zu  studieren. - Zuerst  A s t r o-
       n o m i e  - schon der Jahreszeiten halber für Hirten- wie Acker-
       bauvölker absolut  nötig. Astronomie kann sich nur entwickeln mit
       Hülfe der   M a t h e m a t i k.  Diese also ebenfalls in Angriff
       genommen. -  Ferner auf einer gewissen Stufe des Ackerbaus und in
       gewissen Gegenden  (Wasserhebung zur  Bewässerung in Ägypten) und
       namentlich mit der Entstehung der Städte, der großen Bauwerke und
       der Entwicklung der Gewerbe die  M e c h a n i k.  Bedürfnis bald
       auch für   S c h i f f a h r t   und   K r i e g.    -  Auch  sie
       braucht die  Hülfe der  Mathematik und  treibt so  zu deren  Ent-
       wicklung. So  schon von  Anfang an die Entstehung und Entwicklung
       der Wissenschaften durch die Produktion bedingt.
       Eigentliche wissenschaftliche  Untersuchung  bleibt  während  des
       ganzen Altertums  auf diese 3 Fächer beschränkt, und zwar als ex-
       akte und systematische Forschung auch erst in der nachklassischen
       Periode (die  Alexandriner [25],  Archimedes etc.). In Physik und
       Chemie, die  in den  Köpfen noch kaum getrennt (Elementartheorie,
       Abwesenheit der  Vorstellung eines chemischen Elements), in Bota-
       nik, Zoologie, Anatomie des Menschen und der Tiere konnte man bis
       dahin nur  Tatsachen sammeln  und sie möglichst systematisch ord-
       nen. Die Physiologie war ein bloßes Raten, sowie man sich von den
       handgreiflichsten Dingen  - Verdauung  und Exkretion z. B. - ent-
       fernte, wie das nicht anders sein konnte, solange selbst die Zir-
       kulation nicht  erkannt. - Am Ende der Periode erscheint die Che-
       mie in der Urform der Alchimie.
       Wenn nach  der finstern  Nacht des  Mittelalters auf  einmal  die
       Wissenschaften neu  und in  ungeahnter Kraft  erstehn und mit der
       Schnelle des Mirakels emporwachsen, so verdankten wir dies Wunder
       wieder - der Produktion.
       
       #457# Aus der Geschichte der Wissenschaft
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       Erstens war  seit den  Kreuzzügen die  Industrie enorm entwickelt
       und hatte  eine Menge  neuer mechanischer  (Weberei, Uhrmacherei,
       Mühlen), chemischer (Färberei, Metallurgie, Alkohol) und physika-
       lischer Tatsachen  (Brillen) ans  Licht gebracht, und diese gaben
       nicht nur  ungeheures Material zur Beobachtung, sondern lieferten
       auch durch  sich selbst schon ganz andre Mittel zum Experimentie-
       ren als bisher und erlaubten die Konstruktion  n e u e r  Instru-
       mente; man kann sagen, daß eigentlich systematische Experimental-
       wissenschaft jetzt  erst möglich  geworden. Zweitens  entwickelte
       sich jetzt  ganz West-  und Mitteleuropa inkl. Polen im Zusammen-
       hang, wenn auch Italien kraft seiner altüberkommenen Zivilisation
       noch an  der Spitze stand. Drittens eröffneten die geographischen
       Entdeckungen -  rein im  Dienst des  Erwerbs, also in letzter In-
       stanz der Produktion gemacht - ein endloses bis dahin unzugängli-
       ches Material  in meteorologischer, zoologischer, botanischer und
       physiologischer  (des   Menschen)  Beziehung.  Viertens  war  die
       P r e s s e  da. 1*)
       Jetzt -  von Mathematik,  Astronomie und  Mechanik abgesehn,  die
       schon bestanden - scheidet sich die Physik definitiv von der Che-
       mie (Torricelli, Galilei - ersterer in Abhängigkeit von industri-
       ellen Wasserbauten  studiert zuerst  die Bewegung der Flüssigkei-
       ten, siehe  Clerk Maxwell).  Boyle stabiliert die Chemie als Wis-
       senschaft, Harvey  durch die  Entdeckung der Zirkulation die Phy-
       siologie (des  Menschen, resp.  der Tiere).  Zoologie und Botanik
       bleiben  zunächst  Sammelwissenschaften,  bis  die  Paläontologie
       hinzutritt -  Cuvier -  und bald  darauf die Entdeckung der Zelle
       und die  Entwicklung der  organischen Chemie. Damit vergleichende
       Morphologie und  Physiologie möglich,  und von  da an beide wahre
       Wissenschaften. Ende vorigen Jahrhunderts die Geologie gegründet,
       neuerdings die  schlecht sog.  Anthropologie  -  Vermittlung  des
       Übergangs von Morphologie und Physiologie des Menschen und seiner
       Rassen zur  Geschichte. Weiter zu studieren im Detail und zu ent-
       wickeln.
       
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       1*) Am Rande  des Manuskripts  ist gegenüber  diesem  Absatz  ge-
       schrieben: "Bisher  nur geprahlt,  was die Produktion der Wissen-
       schaft verdankt,  aber die  Wissenschaft verdankt  der Produktion
       unendlich mehr"
       
       #458# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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       Naturanschauung der Alten
       
       (Hegel, "Geschichte der Philosophie", Bd. I.-
       Griechische Philosophie) [261]
       
       Von den ersten Philosophen sagt Aristoteles ("Metaphysik", I, 3),
       sie behaupten,
       
       "woraus alles  Seiende ist, und woraus es als aus dem Ersten ent-
       steht, und worein als in das Letzte es zugrunde geht, das als die
       Substanz (?????)  immer dasselbe bleibt und nur in seinen Bestim-
       mungen (??????) sich ändert, dies sei das Element (?????????) und
       dies das  Prinzip (?????)  alles Seienden. Deshalb halten sie da-
       für, daß  kein Ding  werde (????  ????????? ?????)  noch vergehe,
       weil dieselbe Natur sich immer erhält." (p. 198).
       
       Hier also schon ganz der ursprüngliche, naturwüchsige Materialis-
       mus, der  ganz natürlich  in seinem Anfang die Einheit in der un-
       endlichen Mannigfaltigkeit  der Naturerscheinungen als selbstver-
       ständlich ansieht  und in  etwas Bestimmt-Körperlichem, einem Be-
       sonderen sucht, wie Thales im Wasser.
       Cicero sagt:
       
       "T h a l e s   1*) aus  Milet ... erklärte das Wasser für den Ur-
       stoff der  Dinge, die  Gottheit aber für einen Geist, der aus dem
       Wasser alles bilde" [262] ("De Natura Deorum" I, 10).
       
       Hegel erklärt  dies ganz  richtig für einen Zusatz des Cicero und
       fügt hinzu:
       
       "Allein diese  Frage, ob  Thales noch  außerdem an Gott geglaubt,
       geht uns  hier nichts  an; es  ist nicht  von Annehmen,  Glauben,
       Volksreligion die Rede ... und ob er von Gott als dem Bildner al-
       ler Dinge aus jenem Wasser gesprochen, so wüßten wir damit nichts
       mehr von  diesem Wesen  ... es  ist leeres  Wort ohne  seinen Be-
       griff." [S.] 209 (ca. 600 [v.u.Z.]).
       
       Die ältesten griechischen Philosophen gleichzeitig Naturforscher:
       T h a l e s  Geometer, bestimmte das Jahr auf 365 Tage, soll eine
       Sonnenfinsternis vorhergesagt  haben.  -    A n a x i m a n d e r
       machte eine Sonnenuhr, eine Art Karte (??????????) des Landes und
       Meeres und  verschiedne astronomische  Instrumente. -  Pythagoras
       Mathematiker.
       A n a x i m a n d e r  aus Milet läßt, nach Plutarch ("Quaest[io-
       nes] convival[es]",  VIII, 8)   "d e n   M e n s c h e n    a u s
       e i n e m  F i s c h  w e r d e n,  h e r v o r g e h e n  a u s
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       1*) Hervorhebung von Engels
       
       #459# Aus der Geschichte der Wissenschaft
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       d e m   W a s s e r   a u f  d a s  L a n d  1*)" ([S.] 213). Für
       ihn die  ???? ??? ????????? ?? ??????? 2*), ohne es als Luft oder
       Wasser oder  etwas andres zu bestimmen (????????) (Diogenes Laer-
       tius, II, § 1). Dies Unendliche von Hegel (p. 215) als "die unbe-
       stimmte Materie" richtig wiedergegeben (ca. 580).
       
       A n a x i m e n e s   aus Milet  setzt die   L u f t  als Prinzip
       und Grundelement,  die unendlich  sei (Cicero "De Natura Deorum",
       I, 10) und
       
       "aus ihr  trete alles  hervor, und  in sie löse alles sich wieder
       auf" (Plutarch "De placitis philos[ophorum]" [263], I, 3).
       
       Dabei die Luft ??? = ?????? 3*):
       
       "Wie unsre  Seele, die  Luft ist,  uns zusammenhält, so hält auch
       die ganze  Welt ein  Geist (??????)  und Luft zusammen; Geist und
       Luft ist gleichbedeutend" (Plutarch) [S. 215/216].
       
       Seele und Luft als allgemeines Medium gefaßt (ca. 555).
       Aristoteles schon sagt, daß diese älteren Philosophen das Urwesen
       in eine Weise der Materie setzen: Luft und Wasser (und vielleicht
       Anaximander in  ein Mittelding  zwischen beiden), später Heraklit
       ins Feuer,  aber keiner in die Erde wegen ihrer vielfachen Zusam-
       mensetzung (??? ??? ?????????????), "Metaphysik", I, 8 (S. 217).
       Von ihnen  allen sagt  Aristoteles richtig,  daß sie den Ursprung
       der Bewegung unerklärt lassen, ([p.] 218 ff.)
       P y t h a g o r a s   aus Samos  (ca. 540): Die  Z a h l  ist das
       Grundprinzip:
       
       "daß die   Z a h l   das  Wesen aller Dinge, und die Organisation
       des Universums  überhaupt in  seinen Bestimmungen   e i n  h a r-
       m o n i s c h e s   S y s t e m   v o n  Z a h l e n  u n d  d e-
       r e n   V e r h ä l t n i s s e n   ist" 4*) (Aristoteles, "Meta-
       physik", I, 5 passim).
       
       Hegel macht mit Recht aufmerksam auf
       
       "die Kühnheit  einer solchen Rede, die alles, was der Vorstellung
       als seiend  und wesenhaft  (für wahr) gilt, auf einmal so nieder-
       schlägt und  das sinnliche  Wesen vertilgt"  [p. 237/238] und das
       Wesen in  eine, wenn auch noch so sehr beschränkte und einseitige
       Gedankenbestimmung setzt.
       
       Wie die Zahl bestimmten Gesetzen unterworfen, so auch das Univer-
       sum; seine Gesetzmäßigkeit hiermit zuerst ausgesprochen. Pythago-
       ras wird die Reduzierung der musikalischen Harmonien auf mathema-
       tische Verhältnisse zugeschrieben.
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       1*) Hervorhebung von  Engels -  2*) Anfang und  Urelement sei das
       Unbegrenzte (Hervorhebung  von Engels)  -  3*) Hauch  =  Geist  -
       4*) Hervorhebung von Engels
       
       #460# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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       Ebenso:
       
       "In die  Mitte haben  die Pythagoräer das Feuer gesetzt, die Erde
       aber als  einen Stern, der sich um diesen Zentralkörper im Kreise
       herumbewegt" (Aristoteles "De coelo", II, 13 [p. 265]).
       
       Dieses Feuer  aber nicht  die Sonne;  immer die erste Ahnung, daß
       d i e  E r d e  s i c h  b e w e g t.
       Hegel über das Planetensystem:
       
       "...das Harmonische, wodurch sich die Abstände [zwischen den Pla-
       neten] bestimmen  - dafür  hat alle  Mathematik noch keinen Grund
       anzugeben vermocht.  Die empirischen Zahlen kennt man genau; aber
       alles hat  den Schein  der Zufälligkeit, nicht der Notwendigkeit.
       Man kennt  eine ungefähre  Regelmäßigkeit der Abstände und hat so
       zwischen Mars  und Jupiter  mit Glück noch Planeten da geahnt, wo
       man später  die Cares, Vesta, Pallas usw. entdeckt hat; aber eine
       konsequente Reihe, worin Vernunft, Verstand ist, hat die Astrono-
       mie noch  nicht darin gefunden. Sie sieht vielmehr mit Verachtung
       auf die  regelmäßige Darstellung  dieser Reihe;  für sich  ist es
       aber ein höchst wichtiger Punkt, der nicht aufzugeben ist." ([p.]
       267[/268].)
       
       Bei aller  naiv-materialistischen Gesamtauffassung  der Kern  der
       spätem Spaltung  bereits bei den ältesten Griechen. Die Seele ist
       schon bei Thales etwas Besondres, vom Körper Verschiednes (wie er
       auch dem  Magnet eine  Seele zuschreibt),  bei Anaximenes ist sie
       Luft (wie in der Genesis [264]), bei den Pythagoräern ist sie be-
       reits unsterblich und wandernd, der Körper für sie rein zufällig.
       Auch bei  den Pythagoräern ist die Seele "ein Splitter des Äthers
       (????????? ???????)"  (Diogenes Laertius,  VIII, 26-28),  wo  der
       Äther -  der kalte  - die Luft, der dicke das Meer und die Feuch-
       tigkeit ist. [p. 279/280.]
       Aristoteles wirft auch den Pythagoräern richtig vor:
       
       Mit ihren  Zahlen "sagen  sie nicht,  wie die  Bewegung wird, und
       wie, ohne  Bewegung und  Veränderung, Entstehen und Vergehen ist,
       oder  die   Zustände  und   Tätigkeiten  der  himmlischen  Dinge"
       ("Metaphysik", I, 8 [p. 277]).
       
       Pythagoras soll  erkannt haben  die  Identität  des  Morgen-  und
       Abendsterns, daß  der Mond sein Licht von der Sonne bekommt. End-
       lich den pythagoräischen Lehrsatz.
       
       "Pythagoras soll  eine Hekatombe  geschlachtet haben  bei Findung
       dieses Satzes...  Und merkwürdig  mag es  wohl  sein,  daß  seine
       Freude so  weit gegangen,  deshalb ein großes Fest anzuordnen, wo
       die Reichen  und das  ganze Volk  eingeladen waren; der Mühe wert
       war es.  Es ist  Fröhlichkeit, Freude  des Geistes (Erkenntnis) -
       auf Kosten der Ochsen." (S. 279.)
       
       E l e a t e n.
       
                                    *
       
       #461# Aus der Geschichte der Wissenschaft
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       L e u k i p p  u n d  D e m o k r i t  [265]
       
       "Leukippos aber  und sein  Schüler Demokritos  setzen als Element
       das   V o l l e   und das  Leere, womit  sie das  Seiende und das
       Nichtseiende meinen,  indem sie  hier unter dem  V o l l e n  und
       dem   F e s t e n"   (nämlich ?? ????? 1*)) "das Seiende, dagegen
       unter dem  Leeren und  dem  H o h l e n  das Nichtseiende verste-
       hen. Darum  lassen sie auch das Seiende um nichts mehr existieren
       als das  Nichtseiende... Diese  Elemente sind  ihnen aber  Seins-
       gründe in  Weise der  Materie. Und wie diejenigen, welche die zu-
       grunde liegende Substanz" (die Materie) "als eins setzen, das an-
       dere durch ihre Eigenschaften erzeugen..., ganz in gleicher Weise
       bezeichnen auch diese die  U n t e r s c h i e d e"  (nämlich der
       Atome)  "als  Ursache  des  übrigen.  Solcher  Unterschiede  aber
       n e h m e n   s i e  d r e i  a n:  G e s t a l t,  O r d n u n g
       und  Lage...   So  unterscheidet   sich  A   von  N   durch   die
       G e s t a l t,   AN von  NA durch die  O r d n u n g  und Z von N
       durch die  Lage." (Aristoteles,  "Metaphysik", Buch I, Kapitel 4.
       [266]
       "Er" (Leukippos)  "hat zuerst  Atome als das Ursprüngliche hinge-
       stellt..., mit  welchen Ausdrücken  er die  Elemente  bezeichnet.
       Daraus entstehen  unzählige Welten  und lösen sich auch wieder in
       die Elemente  auf. Die  Welten aber entstehen auf folgende Weise:
       N a c h   M a ß g a b e   d e r   A b l ö s u n g   v o n   d e m
       U n e n d l i c h e n  bewegen sich zahlreiche Körper von mannig-
       fachster  Gestaltung  in  den  großen  leeren  Raum  hinein,  die
       zusammengeballt einen   e i n z i g e n  g r o ß e n  W i r b e l
       a u s m a c h e n,  durch den sie, gegeneinander stoßend und man-
       nigfach im  Kreise sich umschwingend, in der Weise gesondert wer-
       den, daß  sich das  Gleiche zum  Gleichen gesellt.  Wenn sie  nun
       n a c h    h e r g e s t e l l t e m    G l e i c h g e w i c h t
       sich wegen  der Menge  nicht mehr  im Kreise  umschwingen können,
       e n t w e i c h e n   d i e   f e i n e r e n    (leichteren)  in
       d e r   R i c h t u n g   n a c h   d e m   ä u ß e r e n  L e e-
       r e n,   als wären  sie durchgesiebt, die übrigen bleiben beisam-
       men, halten,  sich miteinander verflechtend, die gleiche Bahn ein
       und bilden so die erste kugelförmige Massengestaltung." (Diogenes
       Laertius, Buch IX, Kapitel 6.)
       
       F o l g e n d e s  ü b e r  E p í k u r:
       
       "Die Atome  b e w e g e n  s i c h  aber unablässig. Weiter unten
       aber sagt  er, daß sie sich auch  g l e i c h  s c h n e l l  be-
       wegen, da  der   l e e r e   R a u m   die gleiche Nachgiebigkeit
       zeigt   s o w o h l  g e g e n  d a s  l e i c h t e s t e  w i e
       g e g e n   d a s   s c h w e r s t e   A t o m...  Die Atome be-
       säßen auch  keine Qualitäten, sondern nur  G e s t a l t,  G r ö-
       ß e   und   S c h w e r e...    A u c h    k o m m e    i h n e n
       n i c h t   j e d e   b e l i e b i g e   G r ö ß e   z u.   W e-
       n i g s t e n s    w u r d e    n o c h    n i e m a l s    e i n
       A t o m    d u r c h    S i n n e s w a h r n e h m u n g    e r-
       s c h a u t."   (Diogenes Laertius,  Buch X,  §  43-44.)  "Ferner
       kommt den  Atomen notwendig  die gleiche Geschwindigkeit zu, wenn
       sie bei  ihrer Bewegung  durch den  leeren Raum auf keinen Wider-
       stand stoßen. Denn weder werden die schweren sich schneller bewe-
       gen als die kleinen und leichten, wenigstens wenn ihnen kein Hin-
       dernis entgegentritt,  noch werden  die kleinen  den großen  vor-
       auseilen,   o b s c h o n   s i e  ü b e r a l l  b e q u e m e n
       D u r c h g a n g   f i n d e n;  nur darf den großen kein Wider-
       stand entgegentreten." (Ebenda, § 61.) [267]
       -----
       1*) den Atomen
       
       #462# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
       -----
       "Daß also  das   E i n s   in jeder  Gattung [der Dinge] eine be-
       stimmte Natur  ist, und bei keinem eben dies, das Eins, seine Na-
       tur ist, leuchtet ein" (Aristoteles, "Metaphysik", Buch IX, Kapi-
       tel 2) [268].
       
                                    *
       
       A r i s t a r c h   v o n  S a m o s  270 v. Chr. hatte schon die
       K o p e r n i k a n i s c h e   T h e o r i e    v o n    E r d e
       u n d   S o n n e   (Mädler [180],  [S.] 44; Wolf [269], [S.] 35-
       37).
       D e m o k r i t  hatte schon vermutet, die  M i l c h s t r a ß e
       werfe uns das vereinigte Licht zahlloser kleiner Sterne zu (Wolf,
       [S.] 313).
       
                                    *
       
       Unterschied der Lage bei Ende der Alten Welt ca. 300 -
       und Ende des Mittelalters - 1453
       
       1. Anstatt eines  dünnen Kulturstreifens  entlang der  Küste  des
       Mittelmeers, der  seine Arme sporadisch ins Innere und bis an die
       Atlantische Küste von Spanien, Frankreich und England ausstreckte
       und so leicht von den Deutschen und Slawen von Norden und Arabern
       von Südosten  durchbrochen und  aufgerollt werden  konnte - jetzt
       ein geschlossenes  Kulturgebiet -  ganz Westeuropa  mit Skandina-
       vien, Polen und Ungarn als Vorposten.
       2. Anstatt des  Gegensatzes von  Griechen resp. Römern und Barba-
       ren, jetzt 6 Kulturvölker mit Kultursprachen, die skandinavischen
       etc. nicht gezählt, die alle soweit entwickelt waren, daß sie den
       gewaltigen Literaturaufschwung  des  14.  Jahrhunderts  mitmachen
       konnten  und   eine  weit   größere  Vielseitigkeit  der  Bildung
       garantierten als  die Ende  des Altertums  bereits verfallene und
       absterbende griechische und lateinische Sprache.
       3. Eine unendlich höhere Entwicklung der industriellen Produktion
       und des Handels, geschaffen durch das mittelalterliche Bürgertum;
       einerseits die Produktion vervollkommneter, mannigfacher und mas-
       senhafter,  andrerseits  der  Handelsverkehr  weit  stärker,  die
       Schiffahrt seit  der Sachsen-,  Friesen- und Normannenzeit unend-
       lich kühner, und andrerseits die Menge Erfindungen und Import von
       orientalischen Erfindungen,  die den  Import und  Verbreitung der
       griechischen Literatur,  die See-Entdeckungen und die bürgerliche
       religiöse Revolution  nicht nur erst möglich machten, sondern ih-
       nen auch  ganz andre  und raschere Tragweite gaben, und obendrein
       eine Masse  wissenschaftlicher Tatsachen, wenn auch noch ungeord-
       net, lieferten,
       
       #463# Aus der Geschichte der Wissenschaft
       -----
       wie sie dem Altertum nie vorgelegen (Magnetnadel, Druck, Lettern,
       Leinenpapier -  von Arabern  und spanischen  Juden seit  dem  12.
       Jahrhundert gebraucht,  Baumwollpapier seit  dem 10.  Jahrhundert
       allmählich aufkommend,  im 13. und 14. Jahrhundert schon verbrei-
       teter, Papyrus  seit den  Arabern in  Ägypten ganz eingegangen) -
       Schießpulver,   B r i l l e n,  m e c h a n i s c h e  U h r e n,
       großer Fortschritt  sowohl der  Z e i t r e c h n u n g  wie auch
       der  M e c h a n i k.
       (Erfindungen siehe No. 11.) 1*)
       Dazu der  R e i s e stoff  (Marco Polo ca. 1272 etc.).
       Viel verbreitetere  allgemeine Bildung, wenn auch noch schlechte,
       durch die Universitäten.
       Mit der  Erhebung von  Konstantinopel und  dem Fall Roms schließt
       die alte  Zeit, mit  dem Fall von Konstantinopel ist das Ende des
       Mittelalters unlösbar  verknüpft. Die  neue Zeit fängt an mit der
       Rückkehr zu den Griechen. - Negation der Negation!
       
                                    *
       
       Historisches. - Erfindungen
       
       Vor Chr.
       Feuerspritze, Wasseruhr  ca. 200  v. Chr., Straßenpflaster (Rom).
       Pergament ca. 160.
       Nach Chr.
       Wassermühlen   a n  d e r  M o s e l,  ca. 340, in Deutschland zu
       Karls des Großen Zeit.
       Erste Spur von Glasfenstern. Straßenbeleuchtung in Antiochien ca.
       370.
       Seidenwürmer aus China ca. 550 in Griechenland.
       Schreibfedern im 6. Jahrhundert.
       Baumwollpapier aus  China zu den Arabern im 7. Jahrhundert, im 9.
       in Italien.
       Wasserorgeln in Frankreich im 8. Jahrhundert.
       Silbergruben am Harz bearbeitet seit 10. Jahrhundert.
       Windmühlen gegen 1000.
       Noten, Tonleiter des Guido von Arezzo gegen 1000.
       Seidenzucht nach Italien gegen 1100.
       Uhren mit Rädern - do.
       Magnetnadel von den Arabern zu den Europäern ca. 1180.
       Straßenpflaster in Paris 1184.
       -----
       1*) Engels meint  das 11.  Blatt seiner  Notizen. Die  auf diesem
       Blatt niedergeschriebene  chronologische Tabelle  der Erfindungen
       wird weiter unten wiedergegeben
       
       #464# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
       -----
       Brillen in Florenz. Glasspiegel.          } Zweite Hälfte
       Heringeinsalzen. Schleusen.               } des 13. Jahr-
       Schlaguhren. Baumwollpapier in Frankreich.] hunderts.
       Lumpenpapier Anfang 14. Jahrhundert.
       Wechsel - Mitte do.
       Erste Papiermühle in Deutschland (Nürnberg) 1390.
       Straßenbeleuchtung in London Anfang 15. Jahrhundert.
       ost in Venedig - do.
       Holzschnitt und Druck - do.
       Kupferstecherkunst - Mitte do.
       Reitende Posten in Frankreich 1464.
       Erzgebirgisch-sächsische Silbergruben 1471.
       Pedalklavier erfunden 1472.
       Taschenuhren. Windbüchsen. Flintenschloß - Ende 15. Jahrhundert.
       Spinnrad 1530.
       Taucherglocke 1538.
       
                                    *
       
       Historisches [270]
       
       Die moderne  Naturwissenschaft -  die einzige,  von der  qua  1*)
       Wissenschaft die  Rede sein kann gegenüber den genialen Intuitio-
       nen der  Griechen und  den sporadisch zusammenhangslosen Untersu-
       chungen der Araber - beginnt mit jener gewaltigen Epoche, die den
       Feudalismus durch das Bürgertum brach - im Hintergrund des Kampfs
       zwischen Städtebürgern und Feudaladel die rebellischen Bauern und
       hinter den  Bauern die revolutionären Anfänge des modernen Prole-
       tariats, schon die rote Fahne in der Hand und den Kommunismus auf
       den Lippen,  zeigte -, die großen Monarchien in Europa schuf, die
       geistige Diktatur  des Papstes  brach, das  griechische  Altertum
       wieder heraufbeschwor  und mit  ihm die  höchste Kunstentwicklung
       der neuen  Zeit, die  Grenzen des  alten Orbis 2*) durchbrach und
       die Erde erst eigentlich entdeckte.
       Es war  die größte  Revolution, die  die Erde  bis  dahin  erlebt
       hatte. Auch die Naturwissenschaft lebte und webte in dieser Revo-
       lution, war  revolutionär durch  und durch, ging Hand in Hand mit
       der erwachenden  modernen Philosophie  der großen  Italiener, und
       lieferte ihre Märtyrer auf die Scheiterzhaufen
       -----
       1*) als - 2*) Orbis terrarum - des Erdkreises
       
       #465# Aus der Geschichte der Wissenschaft
       -----
       und in  die Gefängnisse. Es ist bezeichnend, daß Protestanten wie
       Katholiken in  ihrer Verfolgung wetteiferten. Die einen verbrann-
       ten Servet, die andern Giordano Bruno. Es war eine Zeit, die Rie-
       sen brauchte  und Riesen  hervorbrachte, Riesen an Gelehrsamkeit,
       Geist und  Charakter, die Zeit, die die Franzosen richtig die Re-
       naissance, das  protestantische Europa einseitig borniert die der
       Reformation benannten.
       Auch die  Naturwissenschaft hatte  damals ihre Unabhängigkeitser-
       klärung, die freilich nicht gleich im Anfang kam, ebensowenig wie
       Luther der  erste Protestant  gewesen. Was  auf religiösem Gebiet
       die Bullenverbrennung  Luthers, war  auf  naturwissenschaftlichem
       des Kopernikus  großes Werk,  worin  er,  schüchtern  zwar,  nach
       36jährigem Zögern  und sozusagen  auf dem Totenbett, dem kirchli-
       chen Aberglauben  den Fehdehandschuh hinwarf. [172] Von da an war
       die Naturforschung  von der  Religion wesentlich emanzipiert, ob-
       wohl die  vollständige Auseinandersetzung aller Details sich noch
       bis heute  hingezogen und in manchen Köpfen noch lange nicht fer-
       tig ist.  Aber von  da an  ging auch  die Entwicklung der Wissen-
       schaft mit  Riesenschritten, sie  nahm zu  sozusagen im quadrati-
       schen Verhältnis  der zeitlichen  Entfernung von  ihrem Ausgangs-
       punkt, gleichsam  als ob  sie der Welt zeigen wollte, daß für die
       Bewegung der  höchsten Blüte  der organischen  Materie, den  Men-
       schengeist, das  umgekehrte Gesetz gelte wie für die Bewegung un-
       organischer Materie.
       Die erste  Periode der  neueren Naturwissenschaft  schließt - auf
       dem Gebiet  des Unorganischen - mit Newton ab. Es ist die Periode
       der Bewältigung des gegebnen Stoffs, und sie hatte im Bereich des
       Mathematischen, der Mechanik und Astronomie, der Statik und Dyna-
       mik, Großes  geleistet, besonders  durch Kepler  und Galilei, aus
       denen Newton die Schlußfolgerungen zog. Auf dem Gebiete des Orga-
       nischen aber  war man  nicht über  die ersten Anfänge hinaus. Die
       Untersuchung der  historisch aufeinanderfolgenden  und sich  ver-
       drängenden Lebensformen  sowie die der ihnen entsprechenden wech-
       selnden Lebensbedingungen-Paläontologie  und Geologie - existier-
       ten noch  nicht. Die  Natur galt  überhaupt nicht  für etwas, das
       sich historisch entwickelt, das seine Geschichte in der Zeit hat;
       bloß die  Ausdehnung im Raum kam in Betracht; nicht nacheinander,
       nur nebeneinander  waren die  verschiedenen Formen gruppiert wor-
       den; die  Naturgeschichte galt für alle Zeiten, wie die Ellipsen-
       bahnen der  Planeten. Es fehlten für alle nähere Untersuchung der
       organischen Gebilde  die beiden ersten Grundlagen, die Chemie und
       die Kenntnis  der wesentlichen  organischen Struktur,  der Zelle.
       Die anfangs revolutionäre Naturwissenschaft stand vor einer durch
       und durch konservativen Natur, in der alles noch
       
       #466# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
       -----
       heute so  war wie von Anfang der Welt an, und in der bis zum Ende
       der Welt alles so bleiben werde, wie es von Anfang an gewesen.
       Es ist bezeichnend, daß diese konservative Naturanschauung sowohl
       im Anorganischen wie im Organischen [...] 1*)
       
       Astronomie          Geologie       Pflanzenphysiologie
                  Physik                                     Therapeutik
       Mechanik            Paläontologie  Tierphysiologie
                  Chemie                                     Diagnostik.
       Mathematik          Mineralogie    Anatomie
       
       1te Bresche:  Kant und  Laplace. 2te:  Geologie und Paläontologie
       (Lyell, langsame Entwicklung). 3te : organische Chemie, die orga-
       nische Körper herstellt und die Gültigkeit der chemischen Gesetze
       für  die   lebenden  Körper  darstellt.  4te:  1842,  mechanische
       [Theorie der]  Wärme, Grove.  5te: Darwin,  Lamarck,  Zelle  etc.
       (Kampf, Cuvier  und Agassiz). 6te: das  v e r g l e i c h e n d e
       E l e m e n t   in Anatomie, Klimatologie (Isothermen), Tier- und
       Pflanzengeographie  (wissenschaftliche   Reiseexpeditionen   seit
       Mitte  18.  Jahrhunderts),  überhaupt  physikalischer  Geographie
       (Humboldt), das  Zusammenbringen des  Materials in  Zusammenhang.
       Morphologie (Embryologie, Baer) 2*).
       Die alte Teleologie ist zum Teufel, aber fest steht jetzt die Ge-
       wißheit, daß  die Materie in ihrem ewigen Kreislauf nach Gesetzen
       sich bewegt,  die auf  bestimmter Stufe - bald hier, bald da - in
       organischen Wesen den denkenden Geist mit Notwendigkeit produzie-
       ren.
       Die normale  Existenz der  Tiere gegeben  in  den  gleichzeitigen
       Verhältnissen, worin  sie leben  und denen  sie sich adaptieren -
       die des  Menschen, sobald  er sich vom Tier im engern Sinn diffe-
       renziert, sind  noch nie  dagewesen, erst durch künftige histori-
       sche Entwicklung  herauszuarbeiten. Der  Mensch ist  das  einzige
       Tier, das  sich aus  dem bloß  tierischen Zustand  herausarbeiten
       kann -  sein Normalzustand  ein seinem  Bewußtsein  angemessener,
       v o n  i h m  s e l b s t  z u  s c h a f f e n d e r.
       
                                    *
       
       Ausgelassenes aus "Feuerbach" [271]
       
       [Die vulgarisierenden  Hausierer, die  in den  fünziger Jahren in
       Deutschland in  Materialismus machten, kamen in keiner Weise über
       diese Schranken
       -----
       1*) Der Satz  ist unvollendet geblieben - 2*) bis hierher ist der
       gesamte Text  der Notiz  im Manuskript,  als von Engels im ersten
       Teil der  "Einleitung"  benutzt,  mit  einem  senkrechten  Strich
       durchstrichen (siehe  vorl. Band, S. 311-320). Weiter folgen noch
       zwei Absätze,  die teilweise im zweiten Teil der "Einleitung" (S.
       320-327) benutzt wurden, aber im Manuskript nicht gestrichen sind
       
       #467# Aus der Geschichte der Wissenschaft
       -----
       ihrer Lehrer  1*) hinaus. Alle seitdem gemachten Fortschritte der
       Naturwissenschaft dienten ihnen nur] als neue Argumente gegen den
       Glauben an den Weltschöpfer; und in der Tat lag es ganz außerhalb
       ihres Geschäfts,  die Theorie  weiterzuentwickeln. Der Idealismus
       war durch 1848 schwer getroffen, aber der Materialismus in dieser
       seiner erneuten  Gestalt war  noch tiefer  heruntergekommen.  Daß
       Feuerbach die  Verantwortlichkeit für  d i e s e n  Materialismus
       ablehnte, darin  hatte er  entschieden recht;  nur durfte  er die
       Lehre der  Reiseprediger nicht  mit dem  Materialismus  überhaupt
       zusammenwerfen.
       Um dieselbe Zeit aber nahm die empirische Naturwissenschaft einen
       solchen Aufschwung  und erreichte so glänzende Resultate, daß da-
       durch nicht  nur eine  vollständige Überwindung  der mechanischen
       Einseitigkeit des  18. Jahrhunderts  möglich wurde,  sondern auch
       die Naturwissenschaft  selbst durch den Nachweis der in der Natur
       selbst vorhandenen  Zusammenhänge der verschiednen Untersuchungs-
       gebiete (der  Mechanik, Physik,  Chemie, Biologie etc.) aus einer
       empirischen in  eine theoretische Wissenschaft und bei der Zusam-
       menfassung des Gewonnenen in ein System der materialistischen Na-
       turerkenntnis sich verwandelte. Die Mechanik der Gase; die neuge-
       schaffene organische  Chemie, die  einer sogenannten  organischen
       Verbindung nach der andern den letzten Rest der Unbegreiflichkeit
       abstreifte, indem  sie sie  aus anorganischen Stoffen herstellte;
       die von 1818 datierende wissenschaftliche Embryologie; die Geolo-
       gie und  Paläontologie; die  vergleichende Anatomie  der Pflanzen
       und Tiere  - sie  alle lieferten neuen Stoff in bisher unerhörtem
       Maß. Von entscheidender Wichtigkeit aber waren drei große Entdec-
       kungen.
       Die erste war der von der Entdeckung des mechanischen Äquivalents
       der Wärme  (durch Robert  Mayer, Joule  und Colding) sich herlei-
       tende Nachweis  der Verwandlung  der Energie.  Alle die zahllosen
       wirkenden Ursachen in der Natur, die bisher als sogenannte Kräfte
       ein geheimnisvolles,  unerklärtes Dasein  führten  -  mechanische
       Kraft, Wärme,  Strahlung (Licht und strahlende Wärme), Elektrizi-
       tät, Magnetismus,  chemische Kraft der Verbindung und Trennung -,
       sind jetzt  nachgewiesen als besondre Formen, Daseinsweisen einer
       und derselben  Energie, d.h.  Bewegung; wir können nicht nur ihre
       in der  Natur stets  vorgehende Verwandlung aus einer Form in die
       andre nachweisen,  sondern sie  selbst im Laboratorium und in der
       Industrie vollführen,  und zwar  so, daß einer gegebnen Menge von
       Energie in  der einen Form stets eine bestimmte Menge von Energie
       in dieser oder jener
       -----
       1*) d.h. der französischen Materialisten des 18. Jahrhunderts
       
       #468# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
       -----
       andern Form  entspricht. Wir  können so die Wärmeeinheit in Kilo-
       gramm-Metern, und  die Einheiten oder beliebigen Mengen von elek-
       trischer oder  chemischer Energie  wieder in  Wärmeeinheiten aus-
       drücken und umgekehrt; wir können ebenso den Energieverbrauch und
       die Energiezufuhr eines lebendigen Organismus messen und in einer
       beliebigen Einheit, z. B. in Wärmeeinheiten, ausdrücken. Die Ein-
       heit aller  Bewegung in der Natur ist nicht mehr eine philosophi-
       sche Behauptung, sondern eine naturwissenschaftliche Tatsache.
       Die zweite - der Zeit nach frühere - ist die Entdeckung der orga-
       nischen Zelle durch Schwann und Schleiden, der Zelle als der Ein-
       heit, aus  deren Vervielfältigung  und Differenzierung alle Orga-
       nismen mit  Ausnahme der niedrigsten entstehen und herauswachsen.
       Erst mit  dieser Entdeckung  erhielt die Untersuchung der organi-
       schen, lebendigen Naturprodukte - sowohl die vergleichende Anato-
       mie und Physiologie wie die Embryologie - einen festen Boden. Der
       Entstehung, dem  Wachstum und der Struktur der Organismen war das
       Geheimnis abgestreift;  das bisher  unbegreifliche  Wunder  hatte
       sich aufgelöst in einen nach einem für alle vielzelligen Organis-
       men wesentlich identischen Gesetz sich vollziehenden Prozeß.
       Aber noch  blieb eine  wesentliche Lücke.  Wenn alle vielzelligen
       Organismen -  Pflanzen wie Tiere mit Einschluß des Menschen - aus
       je einer  Zelle nach  dem Gesetz  der Zellspaltung herauswachsen,
       woher dann  die  unendliche  Verschiedenheit  dieser  Organismen?
       Diese Frage  wurde beantwortet durch die dritte große Entdeckung,
       die Entwicklungstheorie,  die zuerst  von Darwin  im Zusammenhang
       dargestellt und  begründet wurde.  So manche  Umwandlungen  diese
       Theorie auch  noch im  einzelnen durchmachen wird, so löst sie im
       ganzen und  großen schon jetzt das Problem in mehr als genügender
       Weise. Die Entwicklungsreihe der Organismen von wenigen einfachen
       zu stets  mannigfacheren und  komplizierteren, wie  wir sie heute
       vor uns  sehn, und  bis zum  Menschen herauf,  ist in  den großen
       Grundzügen nachgewiesen; es ist damit nicht nur die Erklärung er-
       möglicht für den vorgefundnen Bestand an organischen Naturproduk-
       ten, sondern auch die Grundlage gegeben für die Vorgeschichte des
       Menschengeistes, für  die Verfolgung seiner verschiednen Entwick-
       lungsstufen vom  einfachen strukturlosen, aber Reize empfindenden
       Protoplasma der  niedrigsten Organismen  bis zum  denkenden  Men-
       schenhirn. Ohne  diese Vorgeschichte  aber bleibt  das Dasein des
       denkenden Menschenhirns ein Wunder.
       Mit diesen  drei großen  Entdeckungen sind  die Hauptvorgänge der
       Natur erklärt,  auf natürliche  Ursachen zurückgeführt. Nur eines
       bleibt hier  noch zu tun; die Entstehung des Lebens aus der unor-
       ganischen Natur zu
       
       #469# Aus der Geschichte der Wissenschaft
       -----
       erklären. Das  heißt auf  der  heutigen  Stufe  der  Wissenschaft
       nichts andres  als: Eiweißkörper aus unorganischen Stoffen herzu-
       stellen. Dieser  Aufgabe rückt  die Chemie  immer näher.  Sie ist
       noch weit von ihr entfernt. Wenn wir aber bedenken, daß erst 1828
       der erste  organische Körper, der Harnstoff, von Wöhler aus unor-
       ganischem Material  dargestellt wurde,  und wie  unzählige  soge-
       nannte organische  Zusammensetzungen jetzt künstlich ohne irgend-
       welche organische  Stoffe dargestellt werden, werden wir der Che-
       mie kein Halt! vor dem Eiweiß gebieten wollen. Bis jetzt kann sie
       jeden organischen  Stoff darstellen,  dessen Zusammensetzung  sie
       genau kennt.  Sobald die  Zusammensetzung der Eiweißkörper einmal
       bekannt ist,  wird sie  an die  Herstellung von lebendigem Eiweiß
       gehn können.  Daß sie aber von heute auf morgen das leisten soll,
       was der  Natur selbst nur unter sehr günstigen Umständen auf ein-
       zelnen Weltkörpern  nach Millionen Jahren gelingt - das hieße ein
       Wunder verlangen.
       Somit steht  die materialistische  Naturanschauung heute auf ganz
       anders festen  Füßen als  im vorigen  Jahrhundert. Damals war nur
       die Bewegung  der Himmelskörper und die von irdischen festen Kör-
       pern unter  dem Einfluß der Schwere einigermaßen erschöpfend ver-
       standen; fast  das ganze  Gebiet der Chemie und die ganze organi-
       sche Natur  blieben unverstandne  Geheimnisse.  Heute  liegt  die
       ganze Natur als ein wenigstens in den großen Grundzügen erklärtes
       und begriffenes  System von  Zusammenhängen und Vorgängen vor uns
       ausgebreitet. Allerdings  heißt materialistische  Naturanschauung
       weiter nichts  als einfache Auffassung der Natur so, wie sie sich
       gibt, ohne  fremde Zutat,  und daher  verstand sie  sich bei  den
       griechischen Philosophen  ursprünglich von  selbst. Aber zwischen
       jenen alten  Griechen und  uns liegen  mehr als zwei Jahrtausende
       wesentlich idealistischer Weltanschauung, und da ist die Rückkehr
       auch zum  Selbstverständlichen schwerer,  als es  auf den  ersten
       Blick scheint.  Denn es  handelt sich keineswegs um einfache Ver-
       werfung des  ganzen Gedankeninhalts jener zwei Jahrtausende, son-
       dern um  seine Kritik,  um  die  Losschälung  der  innerhalb  der
       falschen, aber  für ihre Zeit und den Entwicklungsgang selbst un-
       vermeidlichen idealistischen Form gewonnenen Resultate aus dieser
       vergänglichen Form.  Und wie  schwer das  ist, beweisen  uns jene
       zahlreichen Naturforscher, die innerhalb ihrer Wissenschaft uner-
       bittliche Materialisten  sind, außerhalb derselben aber nicht nur
       Idealisten, sondern selbst fromme, ja orthodoxe Christen.
       Alle diese  epochemachenden  Fortschritte  der  Naturwissenschaft
       gingen an  Feuerbach vorüber, ohne ihn wesentlich zu berühren. Es
       war dies nicht so sehr seine Schuld als die der elenden deutschen
       Verhältnisse, kraft deren
       
       #470# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
       -----
       die Lehrstühle  der Universitäten  von hohlköpfigen, eklektischen
       Flohknackern in  Beschlag genommen wurden, während Feuerbach, der
       sie turmhoch  überragte, in  einsamer  Dorfabgeschiedenheit  fast
       verbauern mußte. Daher kommt es, daß er über die Natur - bei ein-
       zelnen genialen Zusammenfassungen - soviel belletristisches Stroh
       dreschen muß. So sagt er:
       
       "Das Leben  ist allerdings nicht Produkt eines chemischen Prozes-
       ses, nicht  Produkt überhaupt  einer vereinzelten Naturkraft oder
       Erscheinung, worauf der metaphysische Materialist das Leben redu-
       ziert; es ist ein Resultat der ganzen Natur". [272]
       
       Daß das  Leben ein  Resultat der  ganzen Natur  ist, widerspricht
       keineswegs dem Umstand, daß das Eiweiß, welches der ausschließli-
       che selbständige  Träger des  Lebens ist, unter bestimmten, durch
       den ganzen  Naturzusammenhang gegebnen Bedingungen entsteht, aber
       eben als Produkt eines chemischen Prozesses entsteht. (Hätte Feu-
       erbach unter Umständen gelebt, die ihm erlaubten, die Entwicklung
       der Naturwissenschaft  auch nur  oberflächlich zu  verfolgen,  so
       würde er nie in den Fall gekommen sein, von einem chemischen Pro-
       zeß zu  sprechen als  von der  Wirkung einer  vereinzelten Natur-
       kraft.) 1*)  Derselben Vereinsamung  ist es  zuzuschreiben,  wenn
       Feuerbach sich  in eine  Reihe unfruchtbarer  und sich  im Kreise
       drehender Spekulationen  über das Verhältnis des Denkens zum den-
       kenden Organ,  dem Gehirn,  verliert -  ein  Gebiet,  worauf  ihm
       Starcke mit Vorliebe folgt.
       Genug, Feuerbach  sträubt sich  gegen  den  Namen  Materialismus.
       [273] Und nicht ganz mit Unrecht; denn er wird den Idealisten nie
       ganz los.  Auf dem  Gebiet der Natur ist er Materialist; aber auf
       dem Gebiet der menschlichen [...] 2*)
       
                                    *
       
       Gott wird  nirgends schlechter  behandelt als  bei den  Naturfor-
       schern, die an ihn glauben. Die Materialisten explizieren einfach
       die   S a c h e,  ohne auf solche Phrasen einzugehn, sie tun dies
       erst, wenn  zudringliche Gläubige  ihnen den Gott aufdrängen wol-
       len, und  da antworten  sie kurz,  sei es  wie Laplace:  Sire, je
       n'avais etc.  [274], sei  es derber  in der Art der holländischen
       Kaufleute, die  deutsche Handelsreisende  bei  Aufdrängung  ihrer
       Schundfabrikate
       -----
       1*) Dieser Satz  ist im Manuskript gestrichen - 2*) hier endet S.
       19 des  ursprünglichen Manuskripts  "Ludwig Feuerbach".  Das Ende
       dieses Satzes  befindet sich  auf der  folgenden Seite, die nicht
       erhalten ist.  Auf Grund des gedruckten Textes des "Ludwig Feuer-
       bach" kann  man annehmen,  daß der zweite Teil des letzten Satzes
       so lautete:  "aber auf dem Gebiet der menschlichen Geschichte ist
       er Idealist"
       
       #471# Aus der Geschichte der Wissenschaft
       -----
       fabrikate mit  den Worten  abzuweisen pflegen:  Ik kan  die zaken
       niet gebruiken,  und damit  ist's abgetan.  Aber was hat Gott von
       seinen Verteidigern erdulden müssen! In der Geschichte der moder-
       nen Naturwissenschaften  wird Gott von seinen Verteidigern behan-
       delt wie Friedrich Wilhelm III. in der Kampagne von Jena [34] von
       seinen Generalen  und Beamten.  Ein  Armeeteil  nach  dem  andern
       streckt das  Gewehr, eine Festung nach der andern kapituliert vor
       dem Anmarsch  der Wissenschaft,  bis zuletzt das ganze unendliche
       Gebiet der Natur von ihr erobert und keine Stätte mehr in ihr ist
       für den  Schöpfer. Newton ließ ihm noch den "ersten Anstoß", ver-
       bat sich  aber jede  fernere Einmischung  in  sein  Sonnensystem.
       P[ater] Secchi  komplimentiert ihn,  zwar mit  allen  kanonischen
       Honneurs, aber darum nicht weniger kategorisch, aus dem Sonnensy-
       stem ganz  heraus und  erlaubt ihm  nur noch in Beziehung auf den
       Urnebel einen  Schöpfungsakt. Und  so auf  allen Gebieten. In der
       Biologie mutet  ihm sein letzter großer Don Quixote, Agassiz, so-
       gar positiven  Unsinn zu: Er soll nicht nur die wirklichen Tiere,
       sondern auch abstrakte Tiere, den Fisch als solchen schaffen! 1*)
       Und zuletzt verbietet ihm Tyndall gar den Zutritt zur Natur total
       und verweist  ihn in  die Welt der Gefühlsbewegungen und läßt ihn
       nur zu,  weil es doch jemand geben muß, der von allen diesen Din-
       gen (der Natur) mehr weiß als J. Tyndall! [275] Welch ein Abstand
       vom alten  Gott -  Schöpfer Himmels und der Erden, Erhalter aller
       Dinge, ohne den kein Haar vom Haupt fallen kann!
       Das emotionale  Bedürfnis Tyndalls  beweist nichts. Der Chevalier
       des Grieux hatte auch das emotionale Bedürfnis, die Manon Lescaut
       zu lieben und zu besitzen, die sich und ihn einmal über das andre
       Mal verkaufte;  er wurde ihr zuliebe Falschspieler und Maquereau,
       und wenn  Tyndall ihm  dann Vorwürfe machen will, so antwortet er
       mit seinem "emotionalen Bedürfnis"!
       Gott =  nescio 2*);  aber ignorantia  non est argumentum 3*) [56]
       (Spinoza).
       -----
       1*) Siehe  vorl.   Band,  S.  477  -  2*) ich  weiß  es  nicht  -
       3*) Unwissenheit ist kein Beweisgrund
       

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