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#456#
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[Notizen und Fragmente] [Aus der Geschichte der Wissenschaft]
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D i e s u k z e s s i v e E n t w i c k l u n g der einzelnen
Zweige der Naturwissenschaft zu studieren. - Zuerst A s t r o-
n o m i e - schon der Jahreszeiten halber für Hirten- wie Acker-
bauvölker absolut nötig. Astronomie kann sich nur entwickeln mit
Hülfe der M a t h e m a t i k. Diese also ebenfalls in Angriff
genommen. - Ferner auf einer gewissen Stufe des Ackerbaus und in
gewissen Gegenden (Wasserhebung zur Bewässerung in Ägypten) und
namentlich mit der Entstehung der Städte, der großen Bauwerke und
der Entwicklung der Gewerbe die M e c h a n i k. Bedürfnis bald
auch für S c h i f f a h r t und K r i e g. - Auch sie
braucht die Hülfe der Mathematik und treibt so zu deren Ent-
wicklung. So schon von Anfang an die Entstehung und Entwicklung
der Wissenschaften durch die Produktion bedingt.
Eigentliche wissenschaftliche Untersuchung bleibt während des
ganzen Altertums auf diese 3 Fächer beschränkt, und zwar als ex-
akte und systematische Forschung auch erst in der nachklassischen
Periode (die Alexandriner [25], Archimedes etc.). In Physik und
Chemie, die in den Köpfen noch kaum getrennt (Elementartheorie,
Abwesenheit der Vorstellung eines chemischen Elements), in Bota-
nik, Zoologie, Anatomie des Menschen und der Tiere konnte man bis
dahin nur Tatsachen sammeln und sie möglichst systematisch ord-
nen. Die Physiologie war ein bloßes Raten, sowie man sich von den
handgreiflichsten Dingen - Verdauung und Exkretion z. B. - ent-
fernte, wie das nicht anders sein konnte, solange selbst die Zir-
kulation nicht erkannt. - Am Ende der Periode erscheint die Che-
mie in der Urform der Alchimie.
Wenn nach der finstern Nacht des Mittelalters auf einmal die
Wissenschaften neu und in ungeahnter Kraft erstehn und mit der
Schnelle des Mirakels emporwachsen, so verdankten wir dies Wunder
wieder - der Produktion.
#457# Aus der Geschichte der Wissenschaft
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Erstens war seit den Kreuzzügen die Industrie enorm entwickelt
und hatte eine Menge neuer mechanischer (Weberei, Uhrmacherei,
Mühlen), chemischer (Färberei, Metallurgie, Alkohol) und physika-
lischer Tatsachen (Brillen) ans Licht gebracht, und diese gaben
nicht nur ungeheures Material zur Beobachtung, sondern lieferten
auch durch sich selbst schon ganz andre Mittel zum Experimentie-
ren als bisher und erlaubten die Konstruktion n e u e r Instru-
mente; man kann sagen, daß eigentlich systematische Experimental-
wissenschaft jetzt erst möglich geworden. Zweitens entwickelte
sich jetzt ganz West- und Mitteleuropa inkl. Polen im Zusammen-
hang, wenn auch Italien kraft seiner altüberkommenen Zivilisation
noch an der Spitze stand. Drittens eröffneten die geographischen
Entdeckungen - rein im Dienst des Erwerbs, also in letzter In-
stanz der Produktion gemacht - ein endloses bis dahin unzugängli-
ches Material in meteorologischer, zoologischer, botanischer und
physiologischer (des Menschen) Beziehung. Viertens war die
P r e s s e da. 1*)
Jetzt - von Mathematik, Astronomie und Mechanik abgesehn, die
schon bestanden - scheidet sich die Physik definitiv von der Che-
mie (Torricelli, Galilei - ersterer in Abhängigkeit von industri-
ellen Wasserbauten studiert zuerst die Bewegung der Flüssigkei-
ten, siehe Clerk Maxwell). Boyle stabiliert die Chemie als Wis-
senschaft, Harvey durch die Entdeckung der Zirkulation die Phy-
siologie (des Menschen, resp. der Tiere). Zoologie und Botanik
bleiben zunächst Sammelwissenschaften, bis die Paläontologie
hinzutritt - Cuvier - und bald darauf die Entdeckung der Zelle
und die Entwicklung der organischen Chemie. Damit vergleichende
Morphologie und Physiologie möglich, und von da an beide wahre
Wissenschaften. Ende vorigen Jahrhunderts die Geologie gegründet,
neuerdings die schlecht sog. Anthropologie - Vermittlung des
Übergangs von Morphologie und Physiologie des Menschen und seiner
Rassen zur Geschichte. Weiter zu studieren im Detail und zu ent-
wickeln.
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1*) Am Rande des Manuskripts ist gegenüber diesem Absatz ge-
schrieben: "Bisher nur geprahlt, was die Produktion der Wissen-
schaft verdankt, aber die Wissenschaft verdankt der Produktion
unendlich mehr"
#458# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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Naturanschauung der Alten
(Hegel, "Geschichte der Philosophie", Bd. I.-
Griechische Philosophie) [261]
Von den ersten Philosophen sagt Aristoteles ("Metaphysik", I, 3),
sie behaupten,
"woraus alles Seiende ist, und woraus es als aus dem Ersten ent-
steht, und worein als in das Letzte es zugrunde geht, das als die
Substanz (?????) immer dasselbe bleibt und nur in seinen Bestim-
mungen (??????) sich ändert, dies sei das Element (?????????) und
dies das Prinzip (?????) alles Seienden. Deshalb halten sie da-
für, daß kein Ding werde (???? ????????? ?????) noch vergehe,
weil dieselbe Natur sich immer erhält." (p. 198).
Hier also schon ganz der ursprüngliche, naturwüchsige Materialis-
mus, der ganz natürlich in seinem Anfang die Einheit in der un-
endlichen Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen als selbstver-
ständlich ansieht und in etwas Bestimmt-Körperlichem, einem Be-
sonderen sucht, wie Thales im Wasser.
Cicero sagt:
"T h a l e s 1*) aus Milet ... erklärte das Wasser für den Ur-
stoff der Dinge, die Gottheit aber für einen Geist, der aus dem
Wasser alles bilde" [262] ("De Natura Deorum" I, 10).
Hegel erklärt dies ganz richtig für einen Zusatz des Cicero und
fügt hinzu:
"Allein diese Frage, ob Thales noch außerdem an Gott geglaubt,
geht uns hier nichts an; es ist nicht von Annehmen, Glauben,
Volksreligion die Rede ... und ob er von Gott als dem Bildner al-
ler Dinge aus jenem Wasser gesprochen, so wüßten wir damit nichts
mehr von diesem Wesen ... es ist leeres Wort ohne seinen Be-
griff." [S.] 209 (ca. 600 [v.u.Z.]).
Die ältesten griechischen Philosophen gleichzeitig Naturforscher:
T h a l e s Geometer, bestimmte das Jahr auf 365 Tage, soll eine
Sonnenfinsternis vorhergesagt haben. - A n a x i m a n d e r
machte eine Sonnenuhr, eine Art Karte (??????????) des Landes und
Meeres und verschiedne astronomische Instrumente. - Pythagoras
Mathematiker.
A n a x i m a n d e r aus Milet läßt, nach Plutarch ("Quaest[io-
nes] convival[es]", VIII, 8) "d e n M e n s c h e n a u s
e i n e m F i s c h w e r d e n, h e r v o r g e h e n a u s
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1*) Hervorhebung von Engels
#459# Aus der Geschichte der Wissenschaft
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d e m W a s s e r a u f d a s L a n d 1*)" ([S.] 213). Für
ihn die ???? ??? ????????? ?? ??????? 2*), ohne es als Luft oder
Wasser oder etwas andres zu bestimmen (????????) (Diogenes Laer-
tius, II, § 1). Dies Unendliche von Hegel (p. 215) als "die unbe-
stimmte Materie" richtig wiedergegeben (ca. 580).
A n a x i m e n e s aus Milet setzt die L u f t als Prinzip
und Grundelement, die unendlich sei (Cicero "De Natura Deorum",
I, 10) und
"aus ihr trete alles hervor, und in sie löse alles sich wieder
auf" (Plutarch "De placitis philos[ophorum]" [263], I, 3).
Dabei die Luft ??? = ?????? 3*):
"Wie unsre Seele, die Luft ist, uns zusammenhält, so hält auch
die ganze Welt ein Geist (??????) und Luft zusammen; Geist und
Luft ist gleichbedeutend" (Plutarch) [S. 215/216].
Seele und Luft als allgemeines Medium gefaßt (ca. 555).
Aristoteles schon sagt, daß diese älteren Philosophen das Urwesen
in eine Weise der Materie setzen: Luft und Wasser (und vielleicht
Anaximander in ein Mittelding zwischen beiden), später Heraklit
ins Feuer, aber keiner in die Erde wegen ihrer vielfachen Zusam-
mensetzung (??? ??? ?????????????), "Metaphysik", I, 8 (S. 217).
Von ihnen allen sagt Aristoteles richtig, daß sie den Ursprung
der Bewegung unerklärt lassen, ([p.] 218 ff.)
P y t h a g o r a s aus Samos (ca. 540): Die Z a h l ist das
Grundprinzip:
"daß die Z a h l das Wesen aller Dinge, und die Organisation
des Universums überhaupt in seinen Bestimmungen e i n h a r-
m o n i s c h e s S y s t e m v o n Z a h l e n u n d d e-
r e n V e r h ä l t n i s s e n ist" 4*) (Aristoteles, "Meta-
physik", I, 5 passim).
Hegel macht mit Recht aufmerksam auf
"die Kühnheit einer solchen Rede, die alles, was der Vorstellung
als seiend und wesenhaft (für wahr) gilt, auf einmal so nieder-
schlägt und das sinnliche Wesen vertilgt" [p. 237/238] und das
Wesen in eine, wenn auch noch so sehr beschränkte und einseitige
Gedankenbestimmung setzt.
Wie die Zahl bestimmten Gesetzen unterworfen, so auch das Univer-
sum; seine Gesetzmäßigkeit hiermit zuerst ausgesprochen. Pythago-
ras wird die Reduzierung der musikalischen Harmonien auf mathema-
tische Verhältnisse zugeschrieben.
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1*) Hervorhebung von Engels - 2*) Anfang und Urelement sei das
Unbegrenzte (Hervorhebung von Engels) - 3*) Hauch = Geist -
4*) Hervorhebung von Engels
#460# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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Ebenso:
"In die Mitte haben die Pythagoräer das Feuer gesetzt, die Erde
aber als einen Stern, der sich um diesen Zentralkörper im Kreise
herumbewegt" (Aristoteles "De coelo", II, 13 [p. 265]).
Dieses Feuer aber nicht die Sonne; immer die erste Ahnung, daß
d i e E r d e s i c h b e w e g t.
Hegel über das Planetensystem:
"...das Harmonische, wodurch sich die Abstände [zwischen den Pla-
neten] bestimmen - dafür hat alle Mathematik noch keinen Grund
anzugeben vermocht. Die empirischen Zahlen kennt man genau; aber
alles hat den Schein der Zufälligkeit, nicht der Notwendigkeit.
Man kennt eine ungefähre Regelmäßigkeit der Abstände und hat so
zwischen Mars und Jupiter mit Glück noch Planeten da geahnt, wo
man später die Cares, Vesta, Pallas usw. entdeckt hat; aber eine
konsequente Reihe, worin Vernunft, Verstand ist, hat die Astrono-
mie noch nicht darin gefunden. Sie sieht vielmehr mit Verachtung
auf die regelmäßige Darstellung dieser Reihe; für sich ist es
aber ein höchst wichtiger Punkt, der nicht aufzugeben ist." ([p.]
267[/268].)
Bei aller naiv-materialistischen Gesamtauffassung der Kern der
spätem Spaltung bereits bei den ältesten Griechen. Die Seele ist
schon bei Thales etwas Besondres, vom Körper Verschiednes (wie er
auch dem Magnet eine Seele zuschreibt), bei Anaximenes ist sie
Luft (wie in der Genesis [264]), bei den Pythagoräern ist sie be-
reits unsterblich und wandernd, der Körper für sie rein zufällig.
Auch bei den Pythagoräern ist die Seele "ein Splitter des Äthers
(????????? ???????)" (Diogenes Laertius, VIII, 26-28), wo der
Äther - der kalte - die Luft, der dicke das Meer und die Feuch-
tigkeit ist. [p. 279/280.]
Aristoteles wirft auch den Pythagoräern richtig vor:
Mit ihren Zahlen "sagen sie nicht, wie die Bewegung wird, und
wie, ohne Bewegung und Veränderung, Entstehen und Vergehen ist,
oder die Zustände und Tätigkeiten der himmlischen Dinge"
("Metaphysik", I, 8 [p. 277]).
Pythagoras soll erkannt haben die Identität des Morgen- und
Abendsterns, daß der Mond sein Licht von der Sonne bekommt. End-
lich den pythagoräischen Lehrsatz.
"Pythagoras soll eine Hekatombe geschlachtet haben bei Findung
dieses Satzes... Und merkwürdig mag es wohl sein, daß seine
Freude so weit gegangen, deshalb ein großes Fest anzuordnen, wo
die Reichen und das ganze Volk eingeladen waren; der Mühe wert
war es. Es ist Fröhlichkeit, Freude des Geistes (Erkenntnis) -
auf Kosten der Ochsen." (S. 279.)
E l e a t e n.
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#461# Aus der Geschichte der Wissenschaft
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L e u k i p p u n d D e m o k r i t [265]
"Leukippos aber und sein Schüler Demokritos setzen als Element
das V o l l e und das Leere, womit sie das Seiende und das
Nichtseiende meinen, indem sie hier unter dem V o l l e n und
dem F e s t e n" (nämlich ?? ????? 1*)) "das Seiende, dagegen
unter dem Leeren und dem H o h l e n das Nichtseiende verste-
hen. Darum lassen sie auch das Seiende um nichts mehr existieren
als das Nichtseiende... Diese Elemente sind ihnen aber Seins-
gründe in Weise der Materie. Und wie diejenigen, welche die zu-
grunde liegende Substanz" (die Materie) "als eins setzen, das an-
dere durch ihre Eigenschaften erzeugen..., ganz in gleicher Weise
bezeichnen auch diese die U n t e r s c h i e d e" (nämlich der
Atome) "als Ursache des übrigen. Solcher Unterschiede aber
n e h m e n s i e d r e i a n: G e s t a l t, O r d n u n g
und Lage... So unterscheidet sich A von N durch die
G e s t a l t, AN von NA durch die O r d n u n g und Z von N
durch die Lage." (Aristoteles, "Metaphysik", Buch I, Kapitel 4.
[266]
"Er" (Leukippos) "hat zuerst Atome als das Ursprüngliche hinge-
stellt..., mit welchen Ausdrücken er die Elemente bezeichnet.
Daraus entstehen unzählige Welten und lösen sich auch wieder in
die Elemente auf. Die Welten aber entstehen auf folgende Weise:
N a c h M a ß g a b e d e r A b l ö s u n g v o n d e m
U n e n d l i c h e n bewegen sich zahlreiche Körper von mannig-
fachster Gestaltung in den großen leeren Raum hinein, die
zusammengeballt einen e i n z i g e n g r o ß e n W i r b e l
a u s m a c h e n, durch den sie, gegeneinander stoßend und man-
nigfach im Kreise sich umschwingend, in der Weise gesondert wer-
den, daß sich das Gleiche zum Gleichen gesellt. Wenn sie nun
n a c h h e r g e s t e l l t e m G l e i c h g e w i c h t
sich wegen der Menge nicht mehr im Kreise umschwingen können,
e n t w e i c h e n d i e f e i n e r e n (leichteren) in
d e r R i c h t u n g n a c h d e m ä u ß e r e n L e e-
r e n, als wären sie durchgesiebt, die übrigen bleiben beisam-
men, halten, sich miteinander verflechtend, die gleiche Bahn ein
und bilden so die erste kugelförmige Massengestaltung." (Diogenes
Laertius, Buch IX, Kapitel 6.)
F o l g e n d e s ü b e r E p í k u r:
"Die Atome b e w e g e n s i c h aber unablässig. Weiter unten
aber sagt er, daß sie sich auch g l e i c h s c h n e l l be-
wegen, da der l e e r e R a u m die gleiche Nachgiebigkeit
zeigt s o w o h l g e g e n d a s l e i c h t e s t e w i e
g e g e n d a s s c h w e r s t e A t o m... Die Atome be-
säßen auch keine Qualitäten, sondern nur G e s t a l t, G r ö-
ß e und S c h w e r e... A u c h k o m m e i h n e n
n i c h t j e d e b e l i e b i g e G r ö ß e z u. W e-
n i g s t e n s w u r d e n o c h n i e m a l s e i n
A t o m d u r c h S i n n e s w a h r n e h m u n g e r-
s c h a u t." (Diogenes Laertius, Buch X, § 43-44.) "Ferner
kommt den Atomen notwendig die gleiche Geschwindigkeit zu, wenn
sie bei ihrer Bewegung durch den leeren Raum auf keinen Wider-
stand stoßen. Denn weder werden die schweren sich schneller bewe-
gen als die kleinen und leichten, wenigstens wenn ihnen kein Hin-
dernis entgegentritt, noch werden die kleinen den großen vor-
auseilen, o b s c h o n s i e ü b e r a l l b e q u e m e n
D u r c h g a n g f i n d e n; nur darf den großen kein Wider-
stand entgegentreten." (Ebenda, § 61.) [267]
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1*) den Atomen
#462# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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"Daß also das E i n s in jeder Gattung [der Dinge] eine be-
stimmte Natur ist, und bei keinem eben dies, das Eins, seine Na-
tur ist, leuchtet ein" (Aristoteles, "Metaphysik", Buch IX, Kapi-
tel 2) [268].
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A r i s t a r c h v o n S a m o s 270 v. Chr. hatte schon die
K o p e r n i k a n i s c h e T h e o r i e v o n E r d e
u n d S o n n e (Mädler [180], [S.] 44; Wolf [269], [S.] 35-
37).
D e m o k r i t hatte schon vermutet, die M i l c h s t r a ß e
werfe uns das vereinigte Licht zahlloser kleiner Sterne zu (Wolf,
[S.] 313).
*
Unterschied der Lage bei Ende der Alten Welt ca. 300 -
und Ende des Mittelalters - 1453
1. Anstatt eines dünnen Kulturstreifens entlang der Küste des
Mittelmeers, der seine Arme sporadisch ins Innere und bis an die
Atlantische Küste von Spanien, Frankreich und England ausstreckte
und so leicht von den Deutschen und Slawen von Norden und Arabern
von Südosten durchbrochen und aufgerollt werden konnte - jetzt
ein geschlossenes Kulturgebiet - ganz Westeuropa mit Skandina-
vien, Polen und Ungarn als Vorposten.
2. Anstatt des Gegensatzes von Griechen resp. Römern und Barba-
ren, jetzt 6 Kulturvölker mit Kultursprachen, die skandinavischen
etc. nicht gezählt, die alle soweit entwickelt waren, daß sie den
gewaltigen Literaturaufschwung des 14. Jahrhunderts mitmachen
konnten und eine weit größere Vielseitigkeit der Bildung
garantierten als die Ende des Altertums bereits verfallene und
absterbende griechische und lateinische Sprache.
3. Eine unendlich höhere Entwicklung der industriellen Produktion
und des Handels, geschaffen durch das mittelalterliche Bürgertum;
einerseits die Produktion vervollkommneter, mannigfacher und mas-
senhafter, andrerseits der Handelsverkehr weit stärker, die
Schiffahrt seit der Sachsen-, Friesen- und Normannenzeit unend-
lich kühner, und andrerseits die Menge Erfindungen und Import von
orientalischen Erfindungen, die den Import und Verbreitung der
griechischen Literatur, die See-Entdeckungen und die bürgerliche
religiöse Revolution nicht nur erst möglich machten, sondern ih-
nen auch ganz andre und raschere Tragweite gaben, und obendrein
eine Masse wissenschaftlicher Tatsachen, wenn auch noch ungeord-
net, lieferten,
#463# Aus der Geschichte der Wissenschaft
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wie sie dem Altertum nie vorgelegen (Magnetnadel, Druck, Lettern,
Leinenpapier - von Arabern und spanischen Juden seit dem 12.
Jahrhundert gebraucht, Baumwollpapier seit dem 10. Jahrhundert
allmählich aufkommend, im 13. und 14. Jahrhundert schon verbrei-
teter, Papyrus seit den Arabern in Ägypten ganz eingegangen) -
Schießpulver, B r i l l e n, m e c h a n i s c h e U h r e n,
großer Fortschritt sowohl der Z e i t r e c h n u n g wie auch
der M e c h a n i k.
(Erfindungen siehe No. 11.) 1*)
Dazu der R e i s e stoff (Marco Polo ca. 1272 etc.).
Viel verbreitetere allgemeine Bildung, wenn auch noch schlechte,
durch die Universitäten.
Mit der Erhebung von Konstantinopel und dem Fall Roms schließt
die alte Zeit, mit dem Fall von Konstantinopel ist das Ende des
Mittelalters unlösbar verknüpft. Die neue Zeit fängt an mit der
Rückkehr zu den Griechen. - Negation der Negation!
*
Historisches. - Erfindungen
Vor Chr.
Feuerspritze, Wasseruhr ca. 200 v. Chr., Straßenpflaster (Rom).
Pergament ca. 160.
Nach Chr.
Wassermühlen a n d e r M o s e l, ca. 340, in Deutschland zu
Karls des Großen Zeit.
Erste Spur von Glasfenstern. Straßenbeleuchtung in Antiochien ca.
370.
Seidenwürmer aus China ca. 550 in Griechenland.
Schreibfedern im 6. Jahrhundert.
Baumwollpapier aus China zu den Arabern im 7. Jahrhundert, im 9.
in Italien.
Wasserorgeln in Frankreich im 8. Jahrhundert.
Silbergruben am Harz bearbeitet seit 10. Jahrhundert.
Windmühlen gegen 1000.
Noten, Tonleiter des Guido von Arezzo gegen 1000.
Seidenzucht nach Italien gegen 1100.
Uhren mit Rädern - do.
Magnetnadel von den Arabern zu den Europäern ca. 1180.
Straßenpflaster in Paris 1184.
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1*) Engels meint das 11. Blatt seiner Notizen. Die auf diesem
Blatt niedergeschriebene chronologische Tabelle der Erfindungen
wird weiter unten wiedergegeben
#464# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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Brillen in Florenz. Glasspiegel. } Zweite Hälfte
Heringeinsalzen. Schleusen. } des 13. Jahr-
Schlaguhren. Baumwollpapier in Frankreich.] hunderts.
Lumpenpapier Anfang 14. Jahrhundert.
Wechsel - Mitte do.
Erste Papiermühle in Deutschland (Nürnberg) 1390.
Straßenbeleuchtung in London Anfang 15. Jahrhundert.
ost in Venedig - do.
Holzschnitt und Druck - do.
Kupferstecherkunst - Mitte do.
Reitende Posten in Frankreich 1464.
Erzgebirgisch-sächsische Silbergruben 1471.
Pedalklavier erfunden 1472.
Taschenuhren. Windbüchsen. Flintenschloß - Ende 15. Jahrhundert.
Spinnrad 1530.
Taucherglocke 1538.
*
Historisches [270]
Die moderne Naturwissenschaft - die einzige, von der qua 1*)
Wissenschaft die Rede sein kann gegenüber den genialen Intuitio-
nen der Griechen und den sporadisch zusammenhangslosen Untersu-
chungen der Araber - beginnt mit jener gewaltigen Epoche, die den
Feudalismus durch das Bürgertum brach - im Hintergrund des Kampfs
zwischen Städtebürgern und Feudaladel die rebellischen Bauern und
hinter den Bauern die revolutionären Anfänge des modernen Prole-
tariats, schon die rote Fahne in der Hand und den Kommunismus auf
den Lippen, zeigte -, die großen Monarchien in Europa schuf, die
geistige Diktatur des Papstes brach, das griechische Altertum
wieder heraufbeschwor und mit ihm die höchste Kunstentwicklung
der neuen Zeit, die Grenzen des alten Orbis 2*) durchbrach und
die Erde erst eigentlich entdeckte.
Es war die größte Revolution, die die Erde bis dahin erlebt
hatte. Auch die Naturwissenschaft lebte und webte in dieser Revo-
lution, war revolutionär durch und durch, ging Hand in Hand mit
der erwachenden modernen Philosophie der großen Italiener, und
lieferte ihre Märtyrer auf die Scheiterzhaufen
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1*) als - 2*) Orbis terrarum - des Erdkreises
#465# Aus der Geschichte der Wissenschaft
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und in die Gefängnisse. Es ist bezeichnend, daß Protestanten wie
Katholiken in ihrer Verfolgung wetteiferten. Die einen verbrann-
ten Servet, die andern Giordano Bruno. Es war eine Zeit, die Rie-
sen brauchte und Riesen hervorbrachte, Riesen an Gelehrsamkeit,
Geist und Charakter, die Zeit, die die Franzosen richtig die Re-
naissance, das protestantische Europa einseitig borniert die der
Reformation benannten.
Auch die Naturwissenschaft hatte damals ihre Unabhängigkeitser-
klärung, die freilich nicht gleich im Anfang kam, ebensowenig wie
Luther der erste Protestant gewesen. Was auf religiösem Gebiet
die Bullenverbrennung Luthers, war auf naturwissenschaftlichem
des Kopernikus großes Werk, worin er, schüchtern zwar, nach
36jährigem Zögern und sozusagen auf dem Totenbett, dem kirchli-
chen Aberglauben den Fehdehandschuh hinwarf. [172] Von da an war
die Naturforschung von der Religion wesentlich emanzipiert, ob-
wohl die vollständige Auseinandersetzung aller Details sich noch
bis heute hingezogen und in manchen Köpfen noch lange nicht fer-
tig ist. Aber von da an ging auch die Entwicklung der Wissen-
schaft mit Riesenschritten, sie nahm zu sozusagen im quadrati-
schen Verhältnis der zeitlichen Entfernung von ihrem Ausgangs-
punkt, gleichsam als ob sie der Welt zeigen wollte, daß für die
Bewegung der höchsten Blüte der organischen Materie, den Men-
schengeist, das umgekehrte Gesetz gelte wie für die Bewegung un-
organischer Materie.
Die erste Periode der neueren Naturwissenschaft schließt - auf
dem Gebiet des Unorganischen - mit Newton ab. Es ist die Periode
der Bewältigung des gegebnen Stoffs, und sie hatte im Bereich des
Mathematischen, der Mechanik und Astronomie, der Statik und Dyna-
mik, Großes geleistet, besonders durch Kepler und Galilei, aus
denen Newton die Schlußfolgerungen zog. Auf dem Gebiete des Orga-
nischen aber war man nicht über die ersten Anfänge hinaus. Die
Untersuchung der historisch aufeinanderfolgenden und sich ver-
drängenden Lebensformen sowie die der ihnen entsprechenden wech-
selnden Lebensbedingungen-Paläontologie und Geologie - existier-
ten noch nicht. Die Natur galt überhaupt nicht für etwas, das
sich historisch entwickelt, das seine Geschichte in der Zeit hat;
bloß die Ausdehnung im Raum kam in Betracht; nicht nacheinander,
nur nebeneinander waren die verschiedenen Formen gruppiert wor-
den; die Naturgeschichte galt für alle Zeiten, wie die Ellipsen-
bahnen der Planeten. Es fehlten für alle nähere Untersuchung der
organischen Gebilde die beiden ersten Grundlagen, die Chemie und
die Kenntnis der wesentlichen organischen Struktur, der Zelle.
Die anfangs revolutionäre Naturwissenschaft stand vor einer durch
und durch konservativen Natur, in der alles noch
#466# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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heute so war wie von Anfang der Welt an, und in der bis zum Ende
der Welt alles so bleiben werde, wie es von Anfang an gewesen.
Es ist bezeichnend, daß diese konservative Naturanschauung sowohl
im Anorganischen wie im Organischen [...] 1*)
Astronomie Geologie Pflanzenphysiologie
Physik Therapeutik
Mechanik Paläontologie Tierphysiologie
Chemie Diagnostik.
Mathematik Mineralogie Anatomie
1te Bresche: Kant und Laplace. 2te: Geologie und Paläontologie
(Lyell, langsame Entwicklung). 3te : organische Chemie, die orga-
nische Körper herstellt und die Gültigkeit der chemischen Gesetze
für die lebenden Körper darstellt. 4te: 1842, mechanische
[Theorie der] Wärme, Grove. 5te: Darwin, Lamarck, Zelle etc.
(Kampf, Cuvier und Agassiz). 6te: das v e r g l e i c h e n d e
E l e m e n t in Anatomie, Klimatologie (Isothermen), Tier- und
Pflanzengeographie (wissenschaftliche Reiseexpeditionen seit
Mitte 18. Jahrhunderts), überhaupt physikalischer Geographie
(Humboldt), das Zusammenbringen des Materials in Zusammenhang.
Morphologie (Embryologie, Baer) 2*).
Die alte Teleologie ist zum Teufel, aber fest steht jetzt die Ge-
wißheit, daß die Materie in ihrem ewigen Kreislauf nach Gesetzen
sich bewegt, die auf bestimmter Stufe - bald hier, bald da - in
organischen Wesen den denkenden Geist mit Notwendigkeit produzie-
ren.
Die normale Existenz der Tiere gegeben in den gleichzeitigen
Verhältnissen, worin sie leben und denen sie sich adaptieren -
die des Menschen, sobald er sich vom Tier im engern Sinn diffe-
renziert, sind noch nie dagewesen, erst durch künftige histori-
sche Entwicklung herauszuarbeiten. Der Mensch ist das einzige
Tier, das sich aus dem bloß tierischen Zustand herausarbeiten
kann - sein Normalzustand ein seinem Bewußtsein angemessener,
v o n i h m s e l b s t z u s c h a f f e n d e r.
*
Ausgelassenes aus "Feuerbach" [271]
[Die vulgarisierenden Hausierer, die in den fünziger Jahren in
Deutschland in Materialismus machten, kamen in keiner Weise über
diese Schranken
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1*) Der Satz ist unvollendet geblieben - 2*) bis hierher ist der
gesamte Text der Notiz im Manuskript, als von Engels im ersten
Teil der "Einleitung" benutzt, mit einem senkrechten Strich
durchstrichen (siehe vorl. Band, S. 311-320). Weiter folgen noch
zwei Absätze, die teilweise im zweiten Teil der "Einleitung" (S.
320-327) benutzt wurden, aber im Manuskript nicht gestrichen sind
#467# Aus der Geschichte der Wissenschaft
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ihrer Lehrer 1*) hinaus. Alle seitdem gemachten Fortschritte der
Naturwissenschaft dienten ihnen nur] als neue Argumente gegen den
Glauben an den Weltschöpfer; und in der Tat lag es ganz außerhalb
ihres Geschäfts, die Theorie weiterzuentwickeln. Der Idealismus
war durch 1848 schwer getroffen, aber der Materialismus in dieser
seiner erneuten Gestalt war noch tiefer heruntergekommen. Daß
Feuerbach die Verantwortlichkeit für d i e s e n Materialismus
ablehnte, darin hatte er entschieden recht; nur durfte er die
Lehre der Reiseprediger nicht mit dem Materialismus überhaupt
zusammenwerfen.
Um dieselbe Zeit aber nahm die empirische Naturwissenschaft einen
solchen Aufschwung und erreichte so glänzende Resultate, daß da-
durch nicht nur eine vollständige Überwindung der mechanischen
Einseitigkeit des 18. Jahrhunderts möglich wurde, sondern auch
die Naturwissenschaft selbst durch den Nachweis der in der Natur
selbst vorhandenen Zusammenhänge der verschiednen Untersuchungs-
gebiete (der Mechanik, Physik, Chemie, Biologie etc.) aus einer
empirischen in eine theoretische Wissenschaft und bei der Zusam-
menfassung des Gewonnenen in ein System der materialistischen Na-
turerkenntnis sich verwandelte. Die Mechanik der Gase; die neuge-
schaffene organische Chemie, die einer sogenannten organischen
Verbindung nach der andern den letzten Rest der Unbegreiflichkeit
abstreifte, indem sie sie aus anorganischen Stoffen herstellte;
die von 1818 datierende wissenschaftliche Embryologie; die Geolo-
gie und Paläontologie; die vergleichende Anatomie der Pflanzen
und Tiere - sie alle lieferten neuen Stoff in bisher unerhörtem
Maß. Von entscheidender Wichtigkeit aber waren drei große Entdec-
kungen.
Die erste war der von der Entdeckung des mechanischen Äquivalents
der Wärme (durch Robert Mayer, Joule und Colding) sich herlei-
tende Nachweis der Verwandlung der Energie. Alle die zahllosen
wirkenden Ursachen in der Natur, die bisher als sogenannte Kräfte
ein geheimnisvolles, unerklärtes Dasein führten - mechanische
Kraft, Wärme, Strahlung (Licht und strahlende Wärme), Elektrizi-
tät, Magnetismus, chemische Kraft der Verbindung und Trennung -,
sind jetzt nachgewiesen als besondre Formen, Daseinsweisen einer
und derselben Energie, d.h. Bewegung; wir können nicht nur ihre
in der Natur stets vorgehende Verwandlung aus einer Form in die
andre nachweisen, sondern sie selbst im Laboratorium und in der
Industrie vollführen, und zwar so, daß einer gegebnen Menge von
Energie in der einen Form stets eine bestimmte Menge von Energie
in dieser oder jener
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1*) d.h. der französischen Materialisten des 18. Jahrhunderts
#468# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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andern Form entspricht. Wir können so die Wärmeeinheit in Kilo-
gramm-Metern, und die Einheiten oder beliebigen Mengen von elek-
trischer oder chemischer Energie wieder in Wärmeeinheiten aus-
drücken und umgekehrt; wir können ebenso den Energieverbrauch und
die Energiezufuhr eines lebendigen Organismus messen und in einer
beliebigen Einheit, z. B. in Wärmeeinheiten, ausdrücken. Die Ein-
heit aller Bewegung in der Natur ist nicht mehr eine philosophi-
sche Behauptung, sondern eine naturwissenschaftliche Tatsache.
Die zweite - der Zeit nach frühere - ist die Entdeckung der orga-
nischen Zelle durch Schwann und Schleiden, der Zelle als der Ein-
heit, aus deren Vervielfältigung und Differenzierung alle Orga-
nismen mit Ausnahme der niedrigsten entstehen und herauswachsen.
Erst mit dieser Entdeckung erhielt die Untersuchung der organi-
schen, lebendigen Naturprodukte - sowohl die vergleichende Anato-
mie und Physiologie wie die Embryologie - einen festen Boden. Der
Entstehung, dem Wachstum und der Struktur der Organismen war das
Geheimnis abgestreift; das bisher unbegreifliche Wunder hatte
sich aufgelöst in einen nach einem für alle vielzelligen Organis-
men wesentlich identischen Gesetz sich vollziehenden Prozeß.
Aber noch blieb eine wesentliche Lücke. Wenn alle vielzelligen
Organismen - Pflanzen wie Tiere mit Einschluß des Menschen - aus
je einer Zelle nach dem Gesetz der Zellspaltung herauswachsen,
woher dann die unendliche Verschiedenheit dieser Organismen?
Diese Frage wurde beantwortet durch die dritte große Entdeckung,
die Entwicklungstheorie, die zuerst von Darwin im Zusammenhang
dargestellt und begründet wurde. So manche Umwandlungen diese
Theorie auch noch im einzelnen durchmachen wird, so löst sie im
ganzen und großen schon jetzt das Problem in mehr als genügender
Weise. Die Entwicklungsreihe der Organismen von wenigen einfachen
zu stets mannigfacheren und komplizierteren, wie wir sie heute
vor uns sehn, und bis zum Menschen herauf, ist in den großen
Grundzügen nachgewiesen; es ist damit nicht nur die Erklärung er-
möglicht für den vorgefundnen Bestand an organischen Naturproduk-
ten, sondern auch die Grundlage gegeben für die Vorgeschichte des
Menschengeistes, für die Verfolgung seiner verschiednen Entwick-
lungsstufen vom einfachen strukturlosen, aber Reize empfindenden
Protoplasma der niedrigsten Organismen bis zum denkenden Men-
schenhirn. Ohne diese Vorgeschichte aber bleibt das Dasein des
denkenden Menschenhirns ein Wunder.
Mit diesen drei großen Entdeckungen sind die Hauptvorgänge der
Natur erklärt, auf natürliche Ursachen zurückgeführt. Nur eines
bleibt hier noch zu tun; die Entstehung des Lebens aus der unor-
ganischen Natur zu
#469# Aus der Geschichte der Wissenschaft
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erklären. Das heißt auf der heutigen Stufe der Wissenschaft
nichts andres als: Eiweißkörper aus unorganischen Stoffen herzu-
stellen. Dieser Aufgabe rückt die Chemie immer näher. Sie ist
noch weit von ihr entfernt. Wenn wir aber bedenken, daß erst 1828
der erste organische Körper, der Harnstoff, von Wöhler aus unor-
ganischem Material dargestellt wurde, und wie unzählige soge-
nannte organische Zusammensetzungen jetzt künstlich ohne irgend-
welche organische Stoffe dargestellt werden, werden wir der Che-
mie kein Halt! vor dem Eiweiß gebieten wollen. Bis jetzt kann sie
jeden organischen Stoff darstellen, dessen Zusammensetzung sie
genau kennt. Sobald die Zusammensetzung der Eiweißkörper einmal
bekannt ist, wird sie an die Herstellung von lebendigem Eiweiß
gehn können. Daß sie aber von heute auf morgen das leisten soll,
was der Natur selbst nur unter sehr günstigen Umständen auf ein-
zelnen Weltkörpern nach Millionen Jahren gelingt - das hieße ein
Wunder verlangen.
Somit steht die materialistische Naturanschauung heute auf ganz
anders festen Füßen als im vorigen Jahrhundert. Damals war nur
die Bewegung der Himmelskörper und die von irdischen festen Kör-
pern unter dem Einfluß der Schwere einigermaßen erschöpfend ver-
standen; fast das ganze Gebiet der Chemie und die ganze organi-
sche Natur blieben unverstandne Geheimnisse. Heute liegt die
ganze Natur als ein wenigstens in den großen Grundzügen erklärtes
und begriffenes System von Zusammenhängen und Vorgängen vor uns
ausgebreitet. Allerdings heißt materialistische Naturanschauung
weiter nichts als einfache Auffassung der Natur so, wie sie sich
gibt, ohne fremde Zutat, und daher verstand sie sich bei den
griechischen Philosophen ursprünglich von selbst. Aber zwischen
jenen alten Griechen und uns liegen mehr als zwei Jahrtausende
wesentlich idealistischer Weltanschauung, und da ist die Rückkehr
auch zum Selbstverständlichen schwerer, als es auf den ersten
Blick scheint. Denn es handelt sich keineswegs um einfache Ver-
werfung des ganzen Gedankeninhalts jener zwei Jahrtausende, son-
dern um seine Kritik, um die Losschälung der innerhalb der
falschen, aber für ihre Zeit und den Entwicklungsgang selbst un-
vermeidlichen idealistischen Form gewonnenen Resultate aus dieser
vergänglichen Form. Und wie schwer das ist, beweisen uns jene
zahlreichen Naturforscher, die innerhalb ihrer Wissenschaft uner-
bittliche Materialisten sind, außerhalb derselben aber nicht nur
Idealisten, sondern selbst fromme, ja orthodoxe Christen.
Alle diese epochemachenden Fortschritte der Naturwissenschaft
gingen an Feuerbach vorüber, ohne ihn wesentlich zu berühren. Es
war dies nicht so sehr seine Schuld als die der elenden deutschen
Verhältnisse, kraft deren
#470# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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die Lehrstühle der Universitäten von hohlköpfigen, eklektischen
Flohknackern in Beschlag genommen wurden, während Feuerbach, der
sie turmhoch überragte, in einsamer Dorfabgeschiedenheit fast
verbauern mußte. Daher kommt es, daß er über die Natur - bei ein-
zelnen genialen Zusammenfassungen - soviel belletristisches Stroh
dreschen muß. So sagt er:
"Das Leben ist allerdings nicht Produkt eines chemischen Prozes-
ses, nicht Produkt überhaupt einer vereinzelten Naturkraft oder
Erscheinung, worauf der metaphysische Materialist das Leben redu-
ziert; es ist ein Resultat der ganzen Natur". [272]
Daß das Leben ein Resultat der ganzen Natur ist, widerspricht
keineswegs dem Umstand, daß das Eiweiß, welches der ausschließli-
che selbständige Träger des Lebens ist, unter bestimmten, durch
den ganzen Naturzusammenhang gegebnen Bedingungen entsteht, aber
eben als Produkt eines chemischen Prozesses entsteht. (Hätte Feu-
erbach unter Umständen gelebt, die ihm erlaubten, die Entwicklung
der Naturwissenschaft auch nur oberflächlich zu verfolgen, so
würde er nie in den Fall gekommen sein, von einem chemischen Pro-
zeß zu sprechen als von der Wirkung einer vereinzelten Natur-
kraft.) 1*) Derselben Vereinsamung ist es zuzuschreiben, wenn
Feuerbach sich in eine Reihe unfruchtbarer und sich im Kreise
drehender Spekulationen über das Verhältnis des Denkens zum den-
kenden Organ, dem Gehirn, verliert - ein Gebiet, worauf ihm
Starcke mit Vorliebe folgt.
Genug, Feuerbach sträubt sich gegen den Namen Materialismus.
[273] Und nicht ganz mit Unrecht; denn er wird den Idealisten nie
ganz los. Auf dem Gebiet der Natur ist er Materialist; aber auf
dem Gebiet der menschlichen [...] 2*)
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Gott wird nirgends schlechter behandelt als bei den Naturfor-
schern, die an ihn glauben. Die Materialisten explizieren einfach
die S a c h e, ohne auf solche Phrasen einzugehn, sie tun dies
erst, wenn zudringliche Gläubige ihnen den Gott aufdrängen wol-
len, und da antworten sie kurz, sei es wie Laplace: Sire, je
n'avais etc. [274], sei es derber in der Art der holländischen
Kaufleute, die deutsche Handelsreisende bei Aufdrängung ihrer
Schundfabrikate
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1*) Dieser Satz ist im Manuskript gestrichen - 2*) hier endet S.
19 des ursprünglichen Manuskripts "Ludwig Feuerbach". Das Ende
dieses Satzes befindet sich auf der folgenden Seite, die nicht
erhalten ist. Auf Grund des gedruckten Textes des "Ludwig Feuer-
bach" kann man annehmen, daß der zweite Teil des letzten Satzes
so lautete: "aber auf dem Gebiet der menschlichen Geschichte ist
er Idealist"
#471# Aus der Geschichte der Wissenschaft
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fabrikate mit den Worten abzuweisen pflegen: Ik kan die zaken
niet gebruiken, und damit ist's abgetan. Aber was hat Gott von
seinen Verteidigern erdulden müssen! In der Geschichte der moder-
nen Naturwissenschaften wird Gott von seinen Verteidigern behan-
delt wie Friedrich Wilhelm III. in der Kampagne von Jena [34] von
seinen Generalen und Beamten. Ein Armeeteil nach dem andern
streckt das Gewehr, eine Festung nach der andern kapituliert vor
dem Anmarsch der Wissenschaft, bis zuletzt das ganze unendliche
Gebiet der Natur von ihr erobert und keine Stätte mehr in ihr ist
für den Schöpfer. Newton ließ ihm noch den "ersten Anstoß", ver-
bat sich aber jede fernere Einmischung in sein Sonnensystem.
P[ater] Secchi komplimentiert ihn, zwar mit allen kanonischen
Honneurs, aber darum nicht weniger kategorisch, aus dem Sonnensy-
stem ganz heraus und erlaubt ihm nur noch in Beziehung auf den
Urnebel einen Schöpfungsakt. Und so auf allen Gebieten. In der
Biologie mutet ihm sein letzter großer Don Quixote, Agassiz, so-
gar positiven Unsinn zu: Er soll nicht nur die wirklichen Tiere,
sondern auch abstrakte Tiere, den Fisch als solchen schaffen! 1*)
Und zuletzt verbietet ihm Tyndall gar den Zutritt zur Natur total
und verweist ihn in die Welt der Gefühlsbewegungen und läßt ihn
nur zu, weil es doch jemand geben muß, der von allen diesen Din-
gen (der Natur) mehr weiß als J. Tyndall! [275] Welch ein Abstand
vom alten Gott - Schöpfer Himmels und der Erden, Erhalter aller
Dinge, ohne den kein Haar vom Haupt fallen kann!
Das emotionale Bedürfnis Tyndalls beweist nichts. Der Chevalier
des Grieux hatte auch das emotionale Bedürfnis, die Manon Lescaut
zu lieben und zu besitzen, die sich und ihn einmal über das andre
Mal verkaufte; er wurde ihr zuliebe Falschspieler und Maquereau,
und wenn Tyndall ihm dann Vorwürfe machen will, so antwortet er
mit seinem "emotionalen Bedürfnis"!
Gott = nescio 2*); aber ignorantia non est argumentum 3*) [56]
(Spinoza).
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1*) Siehe vorl. Band, S. 477 - 2*) ich weiß es nicht -
3*) Unwissenheit ist kein Beweisgrund
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