Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur


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       #521#
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       [Mathematik]
       
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       Die mathematischen sog. Axiome sind die wenigen Denkbestimmungen,
       deren die  Mathematik zu ihrem Ausgang bedarf. Die Mathematik ist
       die Wissenschaft  der Größen; sie geht vom Begriff der Größe aus.
       Sie definiert diese in lahmer Weise und fügt dann die andern Ele-
       mentarbestimmtheiten der  Größe, die in der Definition nicht ent-
       halten, äußerlich  als Axiome  hinzu, wo sie dann als. unbewiesen
       und natürlich auch  m a t h e m a t i s c h  unbeweisbar erschei-
       nen. Die Analyse der Größe würde alle diese Axiombestimmungen als
       notwendige Bestimmungen  der Größe  ergeben. Spencer hat insofern
       recht, als  die uns  so vorkommende  S e l b s t v e r s t ä n d-
       l i c h h e i t   dieser Axiome   a n g e e r b t  ist. Beweisbar
       sind sie dialektisch, soweit sie nicht reine Tautologien.
       
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       M a t h e m a t i s c h e s.   Nichts scheint auf unerschütterli-
       cherer Basis  zu ruhn als der Unterschied der 4 Spezies, der Ele-
       mente aller  Mathematik. Und doch zeigt sich schon von vornherein
       die Multiplikation als eine abgekürzte Addition, die Division als
       abgekürzte Subtraktion  einer bestimmten  Anzahl gleicher Zahlen-
       größen, und  die Division wird schon in einem Fall - wenn der Di-
       visor ein  Bruch - durch Multiplikation mit dem umgekehrten Bruch
       vollzogen. Beim  algebraischen Rechnen  aber wird viel weiter ge-
       gangen.
       Jede Subtraktion  (a -  b) kann als Addition (-b + a), jede Divi-
       sion a/b  als Multiplikation a * 1/b· dargestellt werden. Bei der
       Rechnung mit  potenzierten Größen wird noch viel weiter gegangen.
       Alle festen  Unterschiede der  Rechnungsarten verschwinden, alles
       läßt sich  in entgegengesetzter  Form darstellen. Eine Potenz als
       Wurzel ____                           ___
       (x² =\/  x^4, eine  Wurzel als  Potenz \/ x = x^(1/2). Eins divi-
       diert durch eine Potenz oder Wurzel als Potenz des
       
       #522# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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       Nenners   1      -1/2    1     -3
                ---- = x     ; --- = x   .
                  __            x³
                \/ x
       Die Multiplikation oder Division der Potenzen einer Größe verwan-
       delt sich in die Addition oder Subtraktion ihrer Exponenten. Jede
       Zahl kann  als Potenz jeder andern Zahl aufgefaßt und dargestellt
       werden (Logarithmen,  y =  a^x). Und  diese Verwandlung aus einer
       Form in  die gegenteilige ist keine müßige Spielerei, sie ist ei-
       ner der  mächtigsten Hebel  der mathematischen Wissenschaft, ohne
       den kaum  eine schwierigere  Rechnung heute mehr ausgeführt wird.
       Man streiche aus der Mathematik nur die negativen und Bruchpoten-
       zen, und wie weit wird man kommen?
                              __
       (- . - = + , ÷ = + , \/-1  etc. früher zu entwickeln.)
       Der Wendepunkt  in der Mathematik war Descartes'  v a r i a b l e
       G r ö ß e.   Damit die   B e w e g u n g   und   d a m i t  d i e
       D i a l e k t i k   in der  M a t h e m a t i k  u n d  d a m i t
       a u c h   s o f o r t   m i t   N o t w e n d i g k e i t   d i e
       D i f f e r e n t i a l-   und   I n t e g r a l r e c h n u n g,
       die auch  sofort anfängt  und durch  Newton und Leibniz im ganzen
       und großen vollendet, nicht erfunden.
       
                                    *
       
       Q u a n t i t ä t   u n d   Q u a l i t ä t.   Die Zahl  ist  die
       reinste quantitative  Bestimmung, die wir kennen. Aber sie steckt
       voll qualitativer  Unterschiede. 1.  Hegel, Anzahl  und  Einheit,
       Multiplizieren, Dividieren,  Potenzieren, Wurzelausziehn. Dadurch
       werden bereits,  was bei  Hegel nicht  hervorgehoben, qualitative
       Unterschiede:  Primzahlen  und  Produkte,  einfache  Wurzeln  und
       Potenzen, hervorgebracht. 16 ist nicht bloß die Summierung von 16
       Eins, es  ist auch Quadrat von 4, Biquadrat von 2. Noch mehr. Die
       Primzahlen teilen  den von  ihnen durch Multiplikation mit andern
       Zahlen abgeleiteten  Zahlen neue,  festbestimmte Qualitäten  mit:
       nur grade  Zahlen durch  2 teilbar, ähnliche Bestimmung für 4 und
       8. Bei  3 tritt die Quersumme ein, ebenso bei 9 und bei 6, wo sie
       mit der graden Zahl verquickt. Bei 7 ein besondres Gesetz. Darauf
       dann basiert Zahlenkunststücke, die den Ungelernten unbegreiflich
       erscheinen. Was  Hegel also ("Quantität", S. 237) über die Gedan-
       kenlosigkeit der  Arithmetik sagt,  unrichtig. Vgl. jedoch: "Maß"
       [353].
       So wie  die Mathematik von unendlich Großem und unendlich Kleinem
       spricht, führt  sie einen qualitativen Unterschied ein, der sogar
       sich als unüberbrückbarer qualitativer Gegensatz darstellt: Quan-
       titäten, die  so enorm weit voneinander verschieden sind, daß je-
       des rationelle  Verhältnis, jede Vergleichung zwischen ihnen auf-
       hört, daß sie quantitativ inkommensurabel werden. Die gewöhnliche
       Inkommensurabilität z.B. von Kreis und grader
       
       #523# Mathematik
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       Linie ist  nun auch  ein dialektischer  qualitativer Unterschied;
       aber  hier   1*)  ist   es  die     Q u a n t i t ä t s differenz
       g l e i c h a r t i g e r   Größen, die  den Qualitätsunterschied
       bis zur Inkommensurabilität steigert.
       
                                    *
       
       Z a h l.   Die einzelne  Zahl bekommt eine Qualität schon im Zah-
       lensystem und  je nachdem  dies. 9  ist nicht  nur 1, neunmal ad-
       diert, sondern  Basis für 90, 99, 900 000 etc. Alle Zahlengesetze
       hängen ab und sind bestimmt durch das angenommene System. Im dya-
       dischen und  triadischen System  2 × 2 nicht  = 4,  sondern = 100
       oder =11.  In jedem System mit ungrader Grundzahl hört der Unter-
       schied von graden und ungraden Zahlen auf, z.B. in der Pentas ist
       5 = 10 und 10 = 20, 15 = 30. Ebenso im selben System die Querzah-
       len 3n  von Produkten  von 3 resp. 9 (6 = 11, 9 = 14). Die Grund-
       zahl bestimmt  also die  Qualität nicht allein ihrer selbst, son-
       dern auch aller andern Zahlen.
       Mit dem Potenzverhältnis die Sache noch weiter: Jede Zahl ist als
       Potenz jeder andern Zahl aufzufassen - soviel Logarithmensysteme,
       als es ganze und gebrochene Zahlen gibt.
       
                                    *
       
       E i n s.   Nichts sieht  einfacher aus  als die quantitative Ein-
       heit, und  nichts ist mannigfaltiger als diese, sobald wir sie im
       Zusammenhang mit  der entsprechenden Vielheit und nach ihren ver-
       schiednen Entstehungsweisen  aus dieser untersuchen. Eins ist zu-
       erst die  Grundzahl des  ganzen positiven und negativen Zahlensy-
       stems, durch deren sukzessive Hinzufügung zu sich selbst alle an-
       dern Zahlen  entstehn. -  Eins ist  der Ausdruck aller positiven,
       negativen und gebrochnen Potenzen von Eins:
             __   -2
       1², \/  1, 1     sind alle gleich Eins. - Es ist der Gehalt aller
       Brüche, deren  Zähler und Nenner sich als gleich erweisen. Es ist
       der Ausdruck  jeder Zahl,  die auf  die Potenz Null erhoben wird,
       und damit  die einzige  Zahl, deren Logarithmus in allen Systemen
       derselbe, nämlich  = 0  ist. Eins  ist damit die Grenze, die alle
       möglichen Logarithmensysteme  in zwei Teile scheidet: Ist die Ba-
       sis größer  als Eins,  so sind  die Logarithmen aller Zahlen über
       Eins positiv, alle Zahlen unter Eins negativ; ist sie kleiner als
       Eins, findet  das Umgekehrte  statt. Wenn also jede Zahl die Ein-
       heit in sich enthält, insofern sie sich aus lauter addierten Eins
       zusammensetzt, so  enthält das  Eins ebenfalls alle andern Zahlen
       in sich.  Nicht nur  der Möglichkeit nach, insofern wir jede Zahl
       aus lauter Eins
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       1*) d.h. im Mathematisch-Unendlichen
       
       #524# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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       konstruieren können, sondern der Wirklichkeit nach, insofern Eins
       eine bestimmte Potenz jeder andern Zahl ist. Dieselben Mathemati-
       ker aber,  die, ohne  eine Miene  zu verziehen, x° = 1 oder einen
       Bruch, dessen  Nenner und  Zähler gleich sind, und der also eben-
       falls Eins  repräsentiert, in  ihre Rechnung interpolieren, wo es
       ihnen paßt,  die also  die in der Einheit enthaltene Vielheit ma-
       thematisch verwenden,  sie rümpfen die Nase und verzerren das Ge-
       sicht, wenn  man ihnen  in allgemeinem Ausdruck sagt, daß Einheit
       und Vielheit  untrennbare, einander durchdringende Begriffe sind,
       und daß  die Vielheit  nicht minder  in der Einheit enthalten ist
       als die  Einheit in  der Vielheit.  Wie sehr  dies aber der Fall,
       sehn wir,  sobald wir  das Gebiet  der reinen  Zahlen  verlassen.
       Schon in der Messung von Linien, Flächen und Körperinhalten zeigt
       sich, daß wir jede beliebige Größe der entsprechenden Ordnung als
       Einheit annehmen können, und ebenso bei Messung von Zeit, von Ge-
       wicht, von  Bewegung etc.  Für die  Messung von  Zellen sind noch
       Millimeter und  Milligramm zu  groß, für die Messung von Sternab-
       ständen oder  Lichtgeschwindigkeit wird das Kilometer schon unbe-
       quem klein  wie das Kilogramm für die von planetarischen oder gar
       Sonnenmassen. Hier  zeigt sich augenscheinlich, welche Mannigfal-
       tigkeit und  Vielheit in  dem auf den ersten Blick so simplen Be-
       griff der Einheit enthalten ist.
       
                                    *
       
       N u l l   ist darum nicht inhaltslos, weil sie die Negation jedes
       bestimmten Quantums  ist. Im  Gegenteil hat  Null einen  sehr be-
       stimmten Inhalt.  Als Grenze zwischen allen positiven und negati-
       ven Größen,  als einzige wirklich neutrale Zahl, die weder + noch
       - sein  kann, ist sie nicht nur eine sehr bestimmte Zahl, sondern
       auch an sich wichtiger als alle andern von ihr begrenzten Zahlen.
       Null ist in der Tat inhaltsvoller als jede andre Zahl. Rechts von
       jeder andern  gesetzt, gibt  sie ihr  in unserm  Zahlensystem den
       zehnfachen Wert. Man könnte statt Null jedes andre Zeichen hierzu
       verwenden, aber  doch nur  unter der Bedingung, daß dies Zeichen,
       allein genommen, Null bedeutet, = 0 ist. Es liegt also in der Na-
       tur der Null selbst, daß sie diese Verwendung findet, und daß sie
       allein so  verwandt werden   k a n n.  Null vernichtet jede andre
       Zahl, mit  der sie  multipliziert wird; als Divisor oder Dividend
       mit jeder  andern Zahl  vereinigt, macht sie diese im ersten Fall
       unendlich groß,  im andern  unendlich klein;  sie ist die einzige
       Zahl, die  zu jeder andern in einem unendlichen Verhältnis steht,
       0/0 kann jede Zahl zwischen -oo und +oo ausdrücken, und repräsen-
       tiert in  jedem Fall eine wirkliche Größe. - Der wirkliche Inhalt
       einer Gleichung tritt erst dann klar hervor,
       
       #525# Mathematik
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       wenn alle  Glieder derselben  auf Eine  Seite gebracht,  und  die
       Gleichung damit  auf den  Wert von  Null reduziert wird, wie dies
       bereits bei  quadratischen Gleichungen geschieht und in der höhe-
       ren Algebra  fast allgemein Regel ist. Eine Funktion F (x, y) = 0
       kann dann  ebenfalls gleich z gesetzt und dieses z, obgleich es =
       0 ist,  wie eine  gewöhnliche abhängige  Variable  differenziert,
       sein partieller Differentialquotient bestimmt werden.
       Das Nichts  eines jeden Quantums ist aber selbst noch quantitativ
       bestimmt, und  nur deshalb  ist es  möglich, mit Null zu rechnen.
       Dieselben Mathematiker,  die in  obiger Weise  ganz ungeniert mit
       Null rechnen,  d.h. mit  ihr als  einer bestimmten  quantitativen
       Vorstellung operieren, sie in quantitative Verhältnisse zu andren
       quantitativen Vorstellungen  bringen, schlagen die Hände über dem
       Kopf zusammen,  wenn sie bei Hegel dies verallgemeinert so lesen:
       Das Nichts eines Etwas ist ein  b e s t i m m t e s  Nichts 1*).
       Nun aber  in der  (analytischen) Geometrie. Hier ist Null ein be-
       stimmter Punkt,  von dem eben auf einer Linie nach einer Richtung
       positiv, nach  der andern  negativ abgemessen  wird. Hier hat der
       Nullpunkt also  nicht nur  eine ebenso  große Bedeutung wie jeder
       mit einer  positiven  oder  negativen  Größenangabe  bezeichneter
       Punkt, sondern  eine weit größere als sie alle: Er ist der Punkt,
       von dem  sie alle  abhängen, auf den sie sich alle beziehn, durch
       den sie alle bestimmt werden. Er kann sogar in vielen Fällen ganz
       willkürlich angenommen  werden. Aber einmal angenommen, bleibt er
       der Mittelpunkt  der ganzen  Operation, bestimmt  sogar  oft  die
       Richtung der Linie, auf der die andern Punkte - die Endpunkte der
       Abszissen -  einzutragen sind.  Wenn wir  z. B., um zur Gleichung
       des Kreises  zu kommen, einen beliebigen Punkt der Peripherie zum
       Nullpunkt wählen,  so muß  die Linie der Abszissen durch den Mit-
       telpunkt des Kreises gehn. Alles dies findet ebensosehr seine An-
       wendung auf  die Mechanik,  wo ebenfalls bei Berechnung von Bewe-
       gungen der  jedesmal angenommene  Nullpunkt den Haupt- und Angel-
       punkt der  gesamten Operation bildet. Der Nullpunkt des Thermome-
       ters  ist  die  sehr  bestimmte  untere  Grenze  des  Temperatur-
       abschnitts, der  in eine beliebige Zahl von Graden abgeteilt wird
       und damit  zum Maß dient, sowohl der Temperaturabstufungen inner-
       halb seiner selbst wie höherer oder niederer Temperaturen. Er ist
       also auch  hier ein sehr wesentlicher Punkt. Und selbst der abso-
       lute Nullpunkt  des Thermometers  repräsentiert  keineswegs  eine
       pure, abstrakte  Negation, sondern  einen sehr bestimmten Zustand
       der Materie: die Grenze, an der die letzte Spur selbständiger Be-
       wegung der Moleküle verschwindet und die Materie nur noch
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       1*) Siehe vorl. Band, S. 490
       
       #526# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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       als Masse  agiert. Wo  auch immer wir auf die Null stoßen, da re-
       präsentiert sie etwas sehr Bestimmtes, und ihre praktische Anwen-
       dung in  Geometrie, Mechanik etc. beweist, daß sie - als Grenze -
       wichtiger ist als alle wirklichen von ihr begrenzten Größen.
       
                                    *
       
       P o t e n z e n   h o c h   N u l l:  von Wichtigkeil in der Log-
       arithmenreihe:
       0   1   2   3  log.
       10° 10û 10² 10³
       Alle Variablen  gehen irgendwo  durch Eins  durch; also  auch die
       Konstante in  variabler Potenz, a^x = 1, wenn x = 0. a° = 1 heißt
       weiter nichts  als das Eins in seinem Zusammenhang mit den andern
       Gliedern der  Potenzenreihe von  a auffassen,  nur da hat es Sinn
       und kann zu Resultaten führen
        ---    x    [354]
        > x° = -
        ---
       sonst aber  nicht. Hieraus  folgt, daß  auch die Einheit, so sehr
       sie mit  sich identisch scheint, eine unendliche Mannigfaltigkeit
       in sich  schließt, indem  sie die 0-te Potenz jeder andern mögli-
       chen Zahl  sein kann,  und daß  diese Mannigfaltigkeit keine bloß
       imaginäre ist,  beweist sich jedesmal, wo das Eins als bestimmtes
       Eins, als  eins der variablen, Resultats eines Prozesses (als mo-
       mentane Größe oder Form einer Variablen) im Zusammenhang mit die-
       sem Prozesse gefaßt wird.
       
                                    *
         ___
       \/ -1.  - Die  negativen Größen der Algebra sind reell nur, inso-
       weit sie  sich auf  positive beziehen, nur innerhalb des Verhält-
       nisses zu  diesen; außer  diesem Verhältnis,  für sich  genommen,
       sind sie  rein imaginär.  In der  Trigonometrie und  analytischen
       Geometrie nebst  den darauf gebauten Zweigen der höheren Mathema-
       tik drücken sie eine bestimmte Bewegungsrichtung aus, die der po-
       sitiven entgegengesetzt  ist; aber man kann die Sinus und Tangen-
       ten des  Kreises vom  rechten oberen  so gut  wie rechten unteren
       Quadranten an  zählen, und  also Plus  und Minus direkt umkehren.
       Ebenso in der analytischen Geometrie, die Abszissen können in dem
       Kreis von  der Peripherie  oder vom  Zentrum, ja bei allen Kurven
       aus der  Kurve heraus  in der  gewöhnlich als  Minus bezeichneten
       [oder] in  jeder beliebigen  Richtung gerechnet  werden und geben
       doch eine  richtige rationelle  Gleichung der Kurve. Hier besteht
       Plus nur  als Komplement von Minus und umgekehrt. Die Abstraktion
       der Algebra behandelt sie [die negativen Größen] aber als wirkli-
       che, selbständige,  auch außerhalb  des  Verhältnisses  zu  einer
       g r ö ß e r e n,  positiven Größe.
       
                                    *
       
       M a t h e m a t i k.  Dem gewöhnlichen Menschenverstand erscheint
       es als  Blödsinn, eine  bestimmte Größe, ein Binom z. B., in eine
       unendliche Reihe,
       
       #527# Mathematik
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       also in etwas Unbestimmtes aufzulösen. Aber wo wären wir ohne die
       unendlichen Reihen und den binomischen Lehrsatz?
       
                                    *
       
       A s y m p t o t e n.   Die Geometrie fängt an mit der Entdeckung,
       daß Grad  und Krumm absolute Gegensätze sind, daß Grades in Krum-
       mem, Krummes  in Gradem total unausdrückbar, inkommensurabel. Und
       doch geht schon die Berechnung des Kreises nicht an, als dadurch,
       daß man seine Peripherie in graden Linien ausdrückt. Bei den Kur-
       ven mit Asymptoten aber verschwimmt Grades in Krummes und Krummes
       in  Grades   vollständig;  ebensosehr  wie  die  Vorstellung  des
       Parallelismus: Die Linien sind nicht parallel, nähern sich einan-
       der stets  und fallen doch nie zusammen; der Kurvenarm wird immer
       grader, ohne es je ganz zu werden, wie in der analytischen Geome-
       trie die  grade Linie  als die  Kurve ersten Grades mit unendlich
       geringer Krümmung angesehn wird. Das -x der logarithmischen Kurve
       mag noch so groß werden, y kann nie = 0 werden.
       
                                    *
       
       G r a d  u n d  K r u m m  in der Differentialrechnung in letzter
       Instanz gleichgesetzt:  In dem differentialen Dreieck, dessen Hy-
       potenuse die  Differentiale des Bogens bildet (bei der Tangenten-
       methode), kann diese Hypotenuse angesehn werden
       
       "als eine kleine grade Linie, die gleichzeitig Element des Bogens
       und Element  der Tangente  ist" -  sehe man nun die Kurve als aus
       unendlich vielen  graden Linien  zusammengesetzt, oder  aber auch
       "sehe man  sie als starre Kurve; da die Krümmung in jedem Punkt M
       unendlich klein  ist, ist  das letzte Verhältnis des Elements der
       Kurve zu  dem der  Tangente   o f f e n s i c h t l i c h   e i n
       V e r h ä l t n i s  d e r  G l e i c h h e i t  1*)" [355].
       
       Hier also,  obwohl sich  das Verhältnis  stets dem der Gleichheit
       n ä h e r t,   der Natur  der Kurve  nach  aber    a s y m p t o-
       t i s c h,   da die  Berührung sich  auf einen   P u n k t    be-
       schränkt, der  keine Länge hat, wird doch schließlich angenommen,
       daß die  Gleichheit des  Graden und Krummen erreicht sei (Bossut,
       "Calcul diff.  et intégr.", Paris, An VI, I. p. 149). Bei polaren
       Kurven [356]  wird die differentiale imaginäre Abszisse sogar der
       wirklichen als parallel angenommen und daraufhin operiert, obwohl
       sich beide  im Pol  treffen;  ja  man  schließt  daraus  auf  die
       Ähnlichkeit zweier Dreiecke, von denen eins einen Winkel grade am
       Schneidungspunkt der  beiden Linien  hat, auf deren Parallelismus
       die ganze Ähnlichkeit begründet ist! (Figur 17) [357].
       -----
       1*) Hervorhebung von Engels
       
       #528# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
       -----
       Als die  Mathematik des  Graden und  des Krummen  so ziemlich er-
       schöpft, wird  eine neue fast endlose Bahn eröffnet durch die Ma-
       thematik,   d i e  d a s  K r u m m e  a l s  G r a d e s  a u f-
       f a ß t     (Differentialdreieck)  und  das    G r a d e    a l s
       K r u m m e s   (Kurve des  ersten Grades,  mit unendlich kleiner
       Krümmung). O Metaphysik!
       
                                    *
       
       T r i g o n o m e t r i e.   Nachdem die  synthetische  Geometrie
       die Eigenschaften  eines Dreiecks,  an sich betrachtet, erschöpft
       und nichts Neues mehr zu sagen hat, eröffnet sich ein erweiterter
       Horizont durch ein sehr einfaches, durchaus dialektisches Verfah-
       ren. Das Dreieck wird nicht mehr an sich und für sich betrachtet,
       sondern im  Zusammenhang mit einer andern Figur, dem Kreis. Jedes
       rechtwinklige Dreieck  kann als  Zubehör eines Kreises betrachtet
       werden: Ist  die Hypotenuse  = r,  dann die Katheten sin und cos,
       ist eine  Kathete = r, dann die andre = tg, die Hypotenuse = sec.
       Hierdurch bekommen  Seiten und  Winkel ganz andre, bestimmte Ver-
       hältnisse zueinander,  die ohne  diese Beziehung des Dreiecks auf
       den Kreis  unmöglich zu  entdecken und zu benutzen, und eine ganz
       neue, die  alte  weit  überreichende  Dreieckstheorie  entwickelt
       sich, die  überall anwendbar,  weil jedes Dreieck in 2 rechtwink-
       lige aufgelöst  werden kann.  Diese Entwicklung der Trigonometrie
       aus der  synthetischen Geometrie  ist ein  gutes Exempel  für die
       Dialektik, wie sie die Dinge in ihrem Zusammenhange faßt statt in
       ihrer Isolierung.
       
                                    *
       
       I d e n t i t ä t   u n d  U n t e r s c h i e d  - das dialekti-
       sche Verhältnis  schon in  der Differentialrechnung, wo dx unend-
       lich klein, aber doch wirksam und alles macht.
       
                                    *
       
       M o l e k ü l   u n d   D i f f e r e n t i a l.  Wiedemann (III,
       [S.] 636)  [358] setzt  e n d l i c h e  Entfernung und  m o l e-
       k u l a r e  direkt einander entgegen.
       
                                    *
       
       #529# Mathematik
       -----
       Ü b e r  d i e  U r b i l d e r  d e s  M a t h e m a t i s c h -
       U n e n d l i c h e n  i n  d e r  w i r k l i c h e n  W e l t
       [359]
       
       Zu S. 17-18 1*): Einstimmung von Denken und Sein. -
       Das Unendliche der Mathematik
       
       Die Tatsache, daß unser subjektives Denken und die objektive Welt
       denselben Gesetzen unterworfen sind und daher auch beide in ihren
       Resultaten sich  schließlich nicht  widersprechen können, sondern
       übereinstimmen müssen,  beherrscht absolut unser gesamtes theore-
       tisches Denken. Sie ist seine unbewußte und unbedingte Vorausset-
       zung. Der  Materialismus des  18. Jahrhunderts infolge seines we-
       sentlich metaphysischen  Charakters hat  diese Voraussetzung  nur
       ihrem Inhalt  nach untersucht.  Er beschränkte sich auf den Nach-
       weis, daß der Inhalt alles Denkens und Wissens aus der sinnlichen
       Erfahrung stammen  müsse, und  stellte den Satz wieder her: Nihil
       est in  intellectu, quod  non fuerit in sensu 2*) [360]. Erst die
       moderne idealistische, aber gleichzeitig dialektische Philosophie
       und namentlich  Hegel untersuchte  sie auch  der   F o r m  nach.
       Trotz der  zahllosen willkürlichen  Konstruktionen und Phantaste-
       reien, die  uns hier  entgegentreten, trotz  der idealistisch auf
       den Kopf  gestellten Form ihres Resultats, der Einheit von Denken
       und Sein,  ist unleugbar,  daß diese Philosophie die Analogie der
       Denkprozesse mit  den Natur-  und Geschichtsprozessen  und  umge-
       kehrt, und  die Gültigkeit  gleicher Gesetze  für alle diese Pro-
       zesse an  einer Menge  von Fällen und auf den verschiedensten Ge-
       bieten nachgewiesen hat. Andrerseits hat die moderne Naturwissen-
       schaft den  Satz vom erfahrungsmäßigen Ursprung alles Denkinhalts
       in einer Weise erweitert, die seine alte metaphysische Begrenzung
       und Formulierung  über den  Haufen wirft. Indem sie die Vererbung
       erworbener Eigenschaften anerkennt, erweitert sie das Subjekt der
       Erfahrung vom  Individuum auf die Gattung; es ist nicht mehr not-
       wendig das  einzelne Individuum,  das erfahren  haben muß,  seine
       Einzelerfahrung kann  bis auf  einen gewissen Grad ersetzt werden
       durch die Resultate der Erfahrungen einer Reihe seiner Vorfahren.
       Wenn bei uns z. B. die mathematischen Axiome jedem Kinde von acht
       Jahren als  selbstverständlich, keines Erfahrungsbeweises bedürf-
       tig erscheinen,  so ist  das lediglich Resultat "gehäufter Verer-
       bung". Einem  Buschmann oder  Australneger würden  sie schwerlich
       durch Beweis beizubringen sein.
       -----
       1*) Siehe vorl.  Band, S. 32/33 - 2*) Nichts ist im Verstand, was
       nicht vorher in den Sinnen war
       
       #530# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
       -----
       In der vorstehenden Schrift 1*) ist die Dialektik als die Wissen-
       schaft von den allgemeinsten Gesetzen  a l l e r  Bewegung gefaßt
       worden. Es ist hierin eingeschlossen, daß ihre Gesetze Gültigkeit
       haben müssen  für die  Bewegung ebensosehr  in der  Natur und der
       Menschengeschichte wie  für die Bewegung des Denkens. Ein solches
       Gesetz kann  erkannt werden  in zweien  dieser drei  Sphären,  ja
       selbst in  allen dreien,  ohne daß  der metaphysische Schlendrian
       sich darüber  klar wird,  daß es ein und dasselbe Gesetz ist, das
       er erkannt hat.
       Nehmen wir  ein Beispiel.  Von allen  theoretischen Fortschritten
       gilt wohl  keiner als  ein so hoher Triumph des menschlichen Gei-
       stes wie  die Erfindung  der Infinitesimalrechnung in der letzten
       Hälfte des  17. Jahrhunderts.  Wenn irgendwo,  so haben  wir hier
       eine reine  und ausschließliche Tat des menschlichen Geistes. Das
       Mysterium, das die bei der Infinitesimalrechnung angewandten Grö-
       ßen -  die Differentiale  und Unendlichen  Verschiedener Grade  -
       noch heute  umgibt, ist der beste Beweis dafür, daß man sich noch
       immer einbildet,  man habe es hier mit reinen "freien Schöpfungen
       und Imaginationen"  2*) des  Menschengeistes zu  tun,  wofür  die
       objektive Welt  kein  Entsprechendes  biete.  Und  doch  ist  das
       Gegenteil der  Fall. Für  alle diese imaginären Größen bietet die
       Natur die Vorbilder.
       Unsre Geometrie  geht aus von Raumverhältnissen, unsre Arithmetik
       und Algebra  von Zahlengrößen, die unsren irdischen Verhältnissen
       entsprechen, die  also den  Körpergrößen entsprechen, die die Me-
       chanik Massen  nennt - Massen, wie sie auf der Erde vorkommen und
       von Menschen bewegt werden. Gegenüber diesen Massen erscheint die
       Masse der Erde unendlich groß und wird von der irdischen Mechanik
       auch als  unendlich groß behandelt. Erdradius = oo, Grundsatz al-
       ler Mechanik  im Fallgesetz. Aber nicht nur die Erde, sondern das
       ganze Sonnensystem  und die  in ihm vorkommenden Entfernungen er-
       scheinen ihrerseits  wieder als  unendlich klein,  sobald wir uns
       mit den  nach Lichtjahren  zu schätzenden Entfernungen in dem für
       uns teleskopisch sichtbaren Sternensystem beschäftigen. Wir haben
       hier also  schon ein  Unendliches nicht  nur des  ersten, sondern
       auch des zweiten Grades, und können es der Phantasie unsrer Leser
       überlassen, sich  noch weitere Unendliche höherer Grade im unend-
       lichen Raum zurechtzukonstruieren, falls sie dazu Lust verspüren.
       Die irdischen  Massen, die  Körper, mit  denen die  Mechanik ope-
       riert, bestehn aber nach der heute in der Physik und Chemie herr-
       schenden Ansicht  aus Molekülen,  kleinsten Teilchen,  die  nicht
       weiter geteilt werden können,
       -----
       1*) "Anti-Dühring" (siehe  vorl. Band,  S. 131/132)  -  2*) siehe
       vorl. Band, S. 35
       
       #531# Mathematik
       -----
       ohne die  physikalische und  chemische Identität des betreffenden
       Körpers aufzuheben. Nach W. Thomsons Berechnungen kann der Durch-
       messer des  kleinsten dieser  Moleküle nicht kleiner sein als ein
       Fünfzigmilliontel eines  Millimeters [361].  Nehmen wir aber auch
       an, daß  das größte  Molekül selbst  einen Durchmesser  von einem
       Fünfundzwanzigmilliontel Millimeter  erreiche; so bleibt es immer
       noch eine  verschwindend kleine  Größe gegen  die kleinste Masse,
       mit der die Mechanik, die Physik und selbst die Chemie operieren.
       Trotzdem ist  es mit  allen der betreffenden Masse eigentümlichen
       Eigenschaften begabt, es kann die Masse physikalisch und chemisch
       vertreten und vertritt sie wirklich in allen chemischen Gleichun-
       gen. Kurzum,  es hat  ganz dieselben  Eigenschaften gegenüber der
       entsprechenden Masse wie das mathematische Differential gegenüber
       seiner Veränderlichen. Nur daß, was uns beim Differential, in der
       mathematischen Abstraktion,  geheimnisvoll und  unerklärlich  er-
       scheint, hier  selbstverständlich und  sozusagen  augenscheinlich
       wird.
       Mit diesen  Differentialen, den Molekülen, operiert nun die Natur
       ganz in  derselben Weise und ganz nach denselben Gesetzen wie die
       Mathematik mit  ihren abstrakten Differentialen. So ist z. B. das
       Differential von  x³ -  3x²dx, wobei 3xdx² und dx³ vernachlässigt
       werden. Konstruieren wir uns dies geometrisch, so haben wir einen
       Kubus mit  der Seitenlänge x, welche Seitenlänge um die unendlich
       kleine Größe  dx vergrößert wird. Nehmen wir an, dieser Kubus be-
       stehe aus  einem sublimierteren  Element, sage Schwefel; die eine
       Ecke umgebenden  drei Seitenflächen  seien geschützt,  die andern
       drei seien  frei. Setzen wir nun diesen Schwefelkubus einer Atmo-
       sphäre von  Schwefelgas aus und erniedrigen deren Temperatur hin-
       reichend, so  schlägt sich Schwefelgas auf den drei freien Seiten
       des Würfels nieder. Wir bleiben ganz innerhalb der der Physik und
       Chemie geläufigen Verfahrungsweise, wenn wir annehmen, um uns den
       Vorgang in  seiner Reinheit  vorzustellen, daß  auf jeder  dieser
       drei Seiten  sich zunächst eine Schicht von der Dicke eines Mole-
       küls niederschlägt.  Die Seitenlänge  x des Kubus hat sich um den
       Durchmesser eines  Moleküls, dx, vergrößert. Der Inhalt des Kubus
       x³ ist gewachsen um die Differenz von x³ und x³ + 3x²dx + 3xdx² +
       dx³, wobei  wir dx³,  e i n  Molekül, und 3xdx², drei Reihen ein-
       fach linear  aneinander gelagerter Moleküle von der Länge x + dx,
       mit demselben  Recht vernachlässigen  können wie  die Mathematik.
       Das Resultat  ist dasselbe:  Der Massenzuwachs  des Kubus ist 3x²
       dx.
       Genau genommen, kommen bei dem Schwefelkubus dx³ und 3x dx² nicht
       vor, weil  nicht zwei  oder drei  Moleküle in demselben Raum sein
       können, und  seine Massenzunahme ist daher genau 3x² dx + 3x dx +
       dx.
       
       #532# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
       -----
       Dies erklärt  sich daher,  daß in  der Mathematik dx eine lineare
       Größe ist,  dergleichen Linien  ohne Dicke und Breite aber in der
       Natur bekanntlich nicht selbständig vorkommen, die mathematischen
       Abstraktionen also  auch nur  in der reinen Mathematik unbedingte
       Gültigkeit haben.  Und da auch diese 3x dx² + dx³ vernachlässigt,
       so macht's keinen Unterschied.
       Ebenso bei  der Verdunstung. Wenn in einem Glase Wasser die ober-
       ste Molekularschicht  verdunstet, so  ist die  Höhe  der  Wasser-
       schicht x um dx vermindert worden, und die fortdauernde Verflüch-
       tigung einer  Molekularschicht nach  der andern  ist  tatsächlich
       eine fortgesetzte Differentiation. Und wenn der heiße Dampf durch
       Druck und  Abkühlung in  einem Gefäß  wieder zu Wasser verdichtet
       wird, und  eine Molekularschicht sich auf die andre lagert (wobei
       wir von  den den  Vorgang unrein  machenden Nebenumständen absehn
       dürfen), bis  das Gefäß  voll ist,  so hat hier buchstäblich eine
       Integration stattgefunden,  die sich  von der  mathematischen nur
       dadurch unterscheidet,  daß die eine vom menschlichen Kopf bewußt
       vollzogen wird und die andre unbewußt von der Natur.
       Aber nicht  nur beim Übergang aus dem flüssigen in den Gaszustand
       und umgekehrt finden Vorgänge statt, die denen der Infinitesimal-
       rechnung vollkommen analog sind. Wenn Massenbewegung - durch Stoß
       - als  solche aufgehoben und in Wärme, Molekularbewegung umgewan-
       delt worden,  was ist anders geschehn, als daß die Massenbewegung
       differenziert worden? Und wenn die Molekularbewegungen des Dampfs
       im Zylinder  der Dampfmaschine  sich dahin summieren, daß sie den
       Kolben um  ein Bestimmtes  heben, daß  sie in  Massenbewegung um-
       schlagen, sind  sie nicht  integriert worden? Die Chemie löst die
       Moleküle auf  in Atome,  Größen von geringerer Masse und Raumaus-
       dehnung, aber  Größen derselben Ordnung, so daß beide in bestimm-
       ten, endlichen  Verhältnissen zueinander  stehn.  Die  sämtlichen
       chemischen Gleichungen, die die Molekularzusammensetzung der Kör-
       per ausdrücken,  sind also der Form nach Differentialgleichungen.
       Aber sie  sind in Wirklichkeit bereits integriert durch die Atom-
       gewichte, die  in ihnen  figurieren. Die  Chemie rechnet eben mit
       Differentialen, deren gegenseitiges Größenverhältnis bekannt ist.
       Nun aber  gelten die  Atome keineswegs für einfach oder überhaupt
       für die  kleinsten bekannten Stoffteilchen. Abgesehn von der Che-
       mie selbst,  die mehr  und mehr sich der Ansicht zuneigt, daß die
       Atome zusammengesetzt  sind, behauptet die Mehrzahl der Physiker,
       daß der Weltäther, der Licht-und Wärmestrahlung vermittelt, eben-
       falls aus diskreten Teilchen bestehe, die aber so klein sind, daß
       sie sich  zu den  chemischen Atomen  und physikalischen Molekülen
       verhalten wie diese zu den mechanischen Massen, also
       
       #533# Mathematik
       -----
       wie d²x zu dx. Hier haben wir also in der jetzt landläufigen Vor-
       stellung von der Konstitution der Materie ebenfalls das Differen-
       tial des  zweiten Grades,  und es  liegt durchaus kein Grund vor,
       warum nicht  jeder, dem  dies Vergnügen  macht,  sich  vorstellen
       sollte, daß  auch noch  Analoga von  d³x, d^4x  usw. in der Natur
       vorhanden sein sollten.
       Welcher Ansicht  man also  auch über die Konstitution der Materie
       sein möge,  soviel ist  sicher, daß sie in eine Reihe von großen,
       gut abgegrenzten  Gruppen relativer  Massenhaftigkeit  gegliedert
       ist, so  daß die Glieder jeder einzelnen Gruppe zueinander in be-
       stimmten, endlichen  Massenverhältnissen stehn,  gegenüber  denen
       der nächsten  Gruppen aber  im Verhältnis  der unendlichen  Größe
       oder Kleinheit im Sinne der Mathematik stehn. Das sichtbare Ster-
       nensystem, das  Sonnensystem, die  irdischen Massen, die Moleküle
       und Atome,  endlich die  Ätherteilchen bilden  jedes eine  solche
       Gruppe. Es  ändert nichts daran, daß wir zwischen einzelnen Grup-
       pen Mittelglieder  finden. So  zwischen den  Massen des Sonnensy-
       stems und  den irdischen  die Asteroiden, von denen einige keinen
       größeren Durchmesser  haben als  etwa das Fürstentum Reuß jüngere
       Linie, die  Meteore usw. So zwischen irdischen Massen und Molekü-
       len in der organischen Welt die Zelle. Diese Mittelglieder bewei-
       sen nur,  daß es  in der  Natur  keinen  Sprung  gibt,    e b e n
       w e i l  die Natur sich aus lauter Sprüngen zusammensetzt.
       Sowie die  Mathematik mit  wirklichen Größen  rechnet, wendet sie
       diese Anschauungsweise  auch ohne  weiteres an. Der irdischen Me-
       chanik gilt  bereits die  Erdmasse als unendlich groß, wie in der
       Astronomie die  irdischen Massen und die ihnen entsprechenden Me-
       teore als unendlich klein, ebenso verschwinden ihr die Entfernun-
       gen und  Massen der  Planeten des  Sonnensystems, sobald sie über
       die nächsten  Fixsterne hinaus die Konstitution unsres Sternensy-
       stems untersucht.  Sobald aber  die Mathematiker sich in ihre un-
       einnehmbare Festung  der Abstraktion,  die sog.  reine Mathematik
       zurückziehn, werden alle jene Analogien vergessen, das Unendliche
       wird etwas total Mysteriöses, und die Art und Weise, wie damit in
       der Analysis operiert wird, erscheint als etwas rein Unbegreifli-
       ches, aller  Erfahrung und  allem Verstand  Widersprechendes. Die
       Torheiten und Absurditäten, mit denen die Mathematiker diese ihre
       Verfahrungsweise, die  sonderbarerweise immer zu richtigen Resul-
       taten führt, mehr entschuldigt als erklärt haben, übertreffen die
       ärgsten scheinbaren  und wirklichen  Phantastereien z. B. der He-
       gelschen  Naturphilosophie,   vor  denen   Mathematiker  und  Na-
       turforscher nicht  Horror genug aussprechen können. Was sie Hegel
       vorwerfen, daß  er Abstraktionen  auf die  Spitze treibe, tun sie
       selbst in  weit größerem  Maßstab. Sie  vergessen, daß  die ganze
       sog. reine Mathematik
       
       #534# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
       -----
       sich mit  Abstraktionen beschäftigt,  daß   a l l e  ihre Größen,
       streng genommen,  imaginäre Größen sind, und daß alle Abstraktio-
       nen, auf  die Spitze  getrieben, umschlagen  in Widersinn oder in
       ihr Gegenteil. Das mathematische Unendliche ist aus der Wirklich-
       keit entlehnt,  wenn auch  unbewußt, und  kann daher auch nur aus
       der Wirklichkeit  und nicht  aus sich  selbst, aus der mathemati-
       schen Abstraktion  erklärt werden.  Und wenn wir die Wirklichkeit
       darauf untersuchen,  so finden wir, wie wir sahen, auch die wirk-
       lichen Verhältnisse  vor, von  denen das mathematische Unendlich-
       keitsverhältnis entlehnt  ist, und  sogar die natürlichen Analoga
       der mathematischen Art, dies Verhältnis wirken zu lassen. Und da-
       mit ist die Sache erklärt.
       (Schlechte Reproduktion  bei Haeckel  von Denken und Sein-Identi-
       tät. Aber  auch   d e r  W i d e r s p r u c h  v o n  k o n t i-
       n u i e r l i c h e r   u n d   d i s k r e t e r  M a t e r i e;
       siehe Hegel [362].)
       
                                    *
       
       Die Differentialrechnung macht es der Naturwissenschaft erst mög-
       lich,  P r o z e s s e,  nicht nur  Z u s t ä n d e  mathematisch
       darzustellen: Bewegung.
       
                                    *
       
       Anwendung der Mathematik: in der Mechanik der festen Körper abso-
       lut, der Gase annähernd, der Flüssigkeiten schon schwieriger - in
       der Physik  mehr tentativ  und relativ  - in  der Chemie einfache
       Gleichungen ersten Grades simpelster Natur - in der Biologie = 0.

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