Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur
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#554#
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[Biologie]
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R e a k t i o n. Die mechanische, physikalische (alias Wärme
etc.) erschöpft sich mit jedem Reaktionsakt. Die chemische verän-
dert die Zusammensetzung des reagierenden Körpers und erneuert
sich nur, wenn neues Quantum desselben zugesetzt wird. Nur der
o r g a n i s c h e Körper reagiert s e l b s t ä n d i g -
natürlich innerhalb seiner Kraftsphäre (Schlaf) und unter Vor-
aussetzung des Nahrungszusatzes -, aber dieser Nahrungszusatz
wirkt erst, nachdem er assimiliert ist, nicht wie auf niedrigen
Stufen unmittelbar, so daß hier der organische Körper eine
s e l b s t ä n d i g e Reaktionskraft hat, die neue Reaktion
durch ihn v e r m i t t e l t werden muß.
*
L e b e n u n d T o d. Schon jetzt gilt keine Physiologie für
wissenschaftlich, die nicht den Tod als wesentliches Moment des
Lebens auffaßt (Note: Hegel, "Enzyklopädie]", I, [S.] 152/153)
[383], die N e g a t i o n des Lebens als wesentlich im Leben
selbst enthalten, so daß Leben stets gedacht wird mit Beziehung
auf sein notwendiges Resultat, das stets im Keim in ihm liegt,
den Tod. Weiter ist die dialektische Auffassung des Lebens
nichts. Aber wer dies einmal verstanden, für den ist alles Gerede
von Unsterblichkeit der Seele beseitigt. Der Tod ist entweder
Auflösung des organischen Körpers, der nichts zurückläßt als die
chemischen Bestandteile, die seine Substanz bildeten, oder er
hinterläßt ein Lebensprinzip, mehr oder weniger Seele, das
a l l e lebenden Organismen überdauert, nicht bloß den Menschen.
Hier also einfaches Sichklarwerden vermittelst der Dialektik über
die Natur von Leben und Tod hinreichend, einen uralten Aberglau-
ben zu beseitigen. Leben heißt Sterben.
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#555# Biologie
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G e n e r a t i o a e q u i v o c a 1*). Alle bisherigen Unter-
suchungen diese: In Flüssigkeiten, die organische Stoffe in Zer-
setzung enthalten und der Luft zugänglich sind, entstehen Orga-
nismen niederer Gattung, Protisten, Pilze, Infusorien. Woher kom-
men sie? Sind sie durch generatio aequivoca entstanden oder aus
Keimen, die die Atmosphäre herbeigetragen? Die Untersuchung also
auf ein ganz enges Gebiet beschränkt, auf die Frage von der Plas-
mogonie [384].
Die Annahme, daß neue lebendige Organismen aus der Zersetzung an-
derer entstehn können, gehört wesentlich der Epoche der unverän-
derlichen Arten an. Damals sah man sich in der Notwendigkeit, die
Entstehung aller, auch der kompliziertesten Organismen durch Ur-
zeugung aus nicht lebendigen Stoffen anzunehmen, und wenn man
sich nicht mit einem Schöpfungsakt helfen wollte, kam man leicht
auf die Ansicht, daß dieser Vorgang leichter erklärlich sei bei
einem bereits aus der organischen Welt herrührenden Bildungs-
stoff; ein Säugetier direkt aus anorganischer Materie auf chemi-
schem Wege hervorzubringen, daran dachte man schon nicht mehr.
Aber eine solche Annahme schlägt dem heutigen Stand der Wissen-
schaft gradezu ins Gesicht. Die Chemie liefert durch die Analyse
des Zersetzungsprozesses toter organischer Körper den Beweis, daß
dieser Prozeß notwendig bei jedem weiteren Schritt totere, der
anorganischen Welt näherstehende Produkte liefert, Produkte, die
zur Verwertung in der organischen Welt immer untauglicher werden,
und daß diesem Prozeß eine andre Richtung gegeben werden, eine
solche Verwertung stattfinden kann nur dann, wenn diese Zerset-
zungsprodukte rechtzeitig in einem dazu geeigneten, bereits exi-
stierenden Organismus aufgenommen werden. Grade das wesentlichste
Vehikel der Zellenbildung, das Eiweiß, zersetzt sich zuallererst
und ist bis jetzt nicht wieder zusammengebracht worden.
Noch mehr. Die Organismen, um deren Urzeugung aus organischen
Flüssigkeiten es sich bei diesen Untersuchungen handelt, sind
zwar verhältnismäßig niedrige, aber doch schon wesentlich diffe-
renzierte, Bakterien, Hefepilze etc., mit einem aus verschiednen
Phasen zusammengesetzten Lebensprozeß und teilweise, wie die In-
fusorien, mit ziemlich ausgebildeten Organen versehn. Sie sind
alle mindestens einzellig. Seitdem wir aber die strukturlosen Mo-
neren [42] kennen, wird es Torheit, die Entstehung auch nur einer
einzigen Zelle direkt aus toter Materie statt aus dem strukturlo-
sen lebenden Eiweiß erklären zu wollen, zu glauben, vermittelst
etwas stinkendem
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1*) spontane Zeugung
#556# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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dem Wasser die Natur zwingen zu können, das in 24 Stunden zu tun,
was ihr Tausende von Jahren gekostet hat,
Pasteurs Versuche [385] in dieser Richtung nutzlos: Denen, die an
diese Möglichkeit glauben, wird er die Unmöglichkeit durch diese
Versuche allein nie beweisen, aber wichtig, weil viel Aufklärung
über diese Organismen, ihr Leben, ihre Keime etc.
*
Moriz Wagner
"Naturwissenschaftliche Streitfragen", I
(Augsburger "Allgemeine Zeitung" [386], Beilage, 6., 7., 8. Okt.
1874)
Äußerung Liebigs an Wagner, in seinen letzten Jahren (1868):
"Wir dürfen nur annehmen, daß das Leben ebenso alt, ebenso ewig
sei, als die Materie selber, und der ganze Streitpunkt des Le-
bensursprungs scheint mir mit dieser einfachen Annahme erledigt.
In der Tat, warum sollte das organische Leben nicht ebensogut als
uranfänglich zu denken sein wie der Kohlenstoff und s e i n e
V e r b i n d u n g e n 1*) (!), oder wie überhaupt die ganze
unerschaffbare und unzerstörbare Materie, und wie die Kräfte, die
mit der Bewegung des Stoffes im Weltraum ewig verbunden sind?"
Ferner sagte Liebig (Wagner glaubt, November 1868):
Auch er halte die Hypothese, daß das organische Leben auf unserm
Planeten aus dem Weltraum "importiert" werden könne, für
"annehmbar".
Helmholtz (Vorrede zu "Handbuch der theoretischen Physik" von
Thomson, deutsche Ausg., II. Teil):
"Es scheint mir ein vollkommen richtiges Verfahren zu sein,
w e n n a l l e u n s r e B e m ü h u n g e n s c h e i-
t e r n, O r g a n i s m e n a u s l e b l o s e r S u b-
s t a n z s i c h e r z e u g e n z u l a s s e n, daß wir
fragen: ob überhaupt das Leben je entstanden, ob es nicht ebenso
alt wie die Materie sei, und ob nicht seine Keime, von einem
Weltkörper zum andern herübergetragen, sich überall entwickelt
hätten, wo sie günstigen Boden gefunden?" [387]
Wagner:
"Die Tatsache, daß die Materie unzerstörbar und unvergänglich
ist, daß sie... durch keine Kraft in ein Nichts aufgelöst werden
kann, g e n ü g t d e m C h e m i k e r , s i e a u c h
f ü r 'u n e r s c h a f f b a r' z u h a l t e n... Das Le-
ben aber wird nach der jetzt vorherrschenden Anschauung (?) nur
als eine gewissen einfachen Elementen, aus denen die niedrigsten
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1*) Diese und alle weiteren Hervorhebungen in den Zitaten bis S.
558 von Engels
#557# Biologie
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Organismen bestehen, innewohnende 'Eigenschaft' betrachtet, wel-
che selbstverständlich ebenso alt, d.h. ebenso uranfänglich sein
muß, wie diese Grundstoffe u n d i h r e V e r b i n d u n-
g e n (!!) selber." In diesem Sinne könne man auch von Lebens-
kraft sprechen, wie Liebig ("Chemische Briefe", 4. Aufl.,)
"nämlich als 'ein formbildendes Prinzip in und mit den physischen
Kräften [388], also nicht außerhalb der Materie wirkend. Diese
Lebenskraft als eine 'Eigenschaft der Materie' manifestiert sich
jedoch... nur unter entsprechenden Bedingungen, welche seit Ewig-
keit im unendlichen Weltraum an zahllosen Punkten existierten,
aber im Laufe der verschiedenen Zeitperioden räumlich oft genug
gewechselt haben müssen." Also auf der flüssigen alten Erde oder
der jetzigen Sonne kein Leben möglich, aber die glühenden Körper
haben enorm ausgedehnte Atmosphären, nach der neueren Ansicht aus
denselben Stoffen bestehend, die in äußerster Verdünnung den
Weltraum erfüllen und von den Körpern attrahiert werden. Die
rotierende Nebelmasse, aus der das Sonnensystem sich entwickelt,
über die Neptunbahn hinausreichend, enthielt "auch alles Wasser
(!) dampfartig in einer mit Kohlensäure (!) reich geschwängerten
Atmosphäre bis zu unermeßlichen Höhen aufgelöst und damit auch
die Grundstoffe zur Existenz (?) der niedersten organischen
Keime", es herrschten in ihr "in den verschiedensten Regionen die
verschiedensten Temperaturgrade, und es ist daher die Annahme
w o h l b e r e c h t i g t, daß sich auch immer irgendwo die
für das organische Leben notwendigen Bedingungen gefunden haben.
Die Atmosphären der Weltkörper wie der rotierenden kosmischen
Nebelmassen würden demnach als die dauernden Bewahrungskammern
der belebten Form, als die ewigen Pflanzstätten organischer Keime
zu betrachten sein." - Die kleinsten lebenden Protisten [42] mit
ihren unsichtbaren Keimen erfüllen die Atmosphäre unter dem
Äquator in den Kordilleren bis zu 16 000 Fuß noch massenhaft.
Perty sagt, sie seien "fast allgegenwärtig". Sie fehlen nur da,
wo die Glühhitze sie tötet. Für sie (Vibrioniden etc.) "ist daher
auch im Dunstkreis a l l e r Weltkörper" ihre Existenz denkbar,
"wo immer die entsprechenden Bedingungen sich finden".
"Nach Cohn sind die Bakterien... so winzig klein, daß auf einem
Kubikmillimeter 633 Millionen Platz finden und 636 Milliarden nur
ein Gramm wiegen. Die Mikrokokken sind sogar noch kleiner" und
vielleicht noch nicht die kleinsten. Aber schon sehr verschieden
geformt, "die Vibrioniden... bald kugelig, bald eiförmig, bald
Stäbchen- oder schraubenförmig" (haben also schon einen bedeuten-
den Formwert). "Es ist bis jetzt kein gültiger Einwurf erhoben
worden gegen die wohlberechtigte Hypothese: daß aus solchen
o d e r ä h n l i c h e n, einfachsten (!!) neutralen Urwesen,
zwischen Tier und Pflanze schwankend..., auf Grund der individu-
ellen Variablität und der Fähigkeit der Vererbung neuerworbener
Merkmale auf die Nachkommen, bei veränderten physischen Bedingun-
gen der Weltkörper und bei räumlicher Sonderung der entstehenden
individuellen Varietäten, all die mannigfaltigen höher organi-
sierten Lebewesen der beiden Naturreiche im Laufe sehr langer
Zeiträume sich entwickeln k o n n t e n und entwickeln m u ß-
t e n."
Bemerkenswert der Nachweis, wie sehr Liebig in der doch an die
Chemie angrenzenden Wissenschaft, der Biologie, Dilettant war.
#558# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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Darwin las er erst 1861, viel später erst die auf Darwin folgen-
den wichtigen biologischen und paläontologisch-geologischen
Schriften. Lamarck hatte er "nie gelesen". "Ebenso waren ihm die
schon vor 1859 erschienenen wichtigen paläontologischen Spezial-
untersuchungen von L. v. Buch, d'Orbigny, Münster, Klipstein,
Hauer, Quenstedt über die fossilen Zephalopoden, welche ein so
merkwürdiges Licht auf den genetischen Zusammenhang der verschie-
denen Schöpfungen werfen, gänzlich unbekannt geblieben. All die
genannten Forscher waren... durch die Macht der Tatsachen, fast
wider ihren Willen, zur Lamarckschen Abstammungshypothese hinge-
drängt worden", und zwar v o r Darwins Buch [41]. "Die Deszen-
denztheorie hatte demnach in den Ansichten derjenigen Forscher,
welche sich eingehender mit einer vergleichenden Untersuchung der
fossilen Organismen beschäftigten, bereits in aller Stille Wur-
zeln geschlagen. L. v. Buch hatte schon 1832 in 'Über die Ammoni-
ten und ihre Sonderung in Familien' und 1848 in einer vor der
Berliner Akademie gelesenen Abhandlung 'die Lamarcksche Idee von
der typischen Verwandtschaft der organischen Formen als Zeichen
ihrer gemeinsamen Abstammung' mit aller Bestimmtheit in die Pe-
trefaktenkunde (!) eingeführt", und auf seine Ammonitenuntersu-
chung stützte er 1848 den Ausspruch: "daß das Verschwinden alter
und das Erscheinen neuer Formen keine Folge einer gänzlichen Ver-
nichtung der organischen Schöpfungen, sondern d a ß d i e
B i l d u n g n e u e r A r i e n a u s ä l t e r e n F o r-
m e n h ö c h s t w a h r s c h e i n l i c h n u r d u r c h
v e r ä n d e r t e L e b e n s b e d i n g u n g e n e r-
f o l g t s e i". [389]
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G l o s s e n. Die obige Hypothese des "ewigen Lebens" und des
Imports setzt voraus:
1. Die Ewigkeit des Eiweißes.
2. Die Ewigkeit der Urformen, aus denen sich alles Organische
entwickeln kann. Beides unzulässig.
Ad 1. - Liebigs Behauptung, die Kohlenstoffverbindungen seien
ebenso ewig wie der Kohlenstoff selbst, ist schief, wo nicht
falsch.
a) Ist der Kohlenstoff einfach? Wo nicht, ist er als solcher
nicht ewig.
b) Die Verbindungen des Kohlenstoffs sind ewig in dem Sinn, daß
unter gleichen Verhältnissen von Mischung, Temperatur, Druck,
elektrischer Spannung etc. sie sich stets reproduzieren. Daß aber
z.B. nur die einfachsten Kohlenstoffverbindungen, CO2 oder CH4,
derart ewig sein sollen, daß sie zu allen Zeiten und mehr oder
weniger allerorts bestehen, sich nicht vielmehr fortwährend neu
erzeugen und wieder vergehen - und zwar aus den Elementen und in
die Elemente -, ist bisher noch nicht behauptet worden. Wenn das
lebendige Eiweiß in dem Sinn ewig ist, wie die übrigen Kohlen-
stoffverbindungen, so muß es nicht nur fortwährend sich in seine
Elemente auflösen, wie dies notorisch geschieht, sondern auch
sich fortwährend aus den Elementen neu und ohne Mitwirkung vorher
fertigen Eiweißes
#559# Biologie
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erzeugen - und das ist das grade Gegenteil des Resultats, bei dem
Liebig ankommt.
c) Das Eiweiß ist die unbeständigste Kohlenstoffverbindung, die
wir kennen. Es zerfällt, sobald es die Fähigkeit verliert, die
ihm eigentümlichen Funktionen, die wir Leben nennen, zu vollzie-
hen, und es liegt in seiner Natur, daß diese Unfähigkeit früher
oder später eintritt. Und grade diese Verbindung soll ewig sein,
soll alle Veränderungen der Temperatur, des Drucks, des Nahrungs-
und Luftmangels etc. im Weltraum überdauern können, wo doch schon
seine obere Temperaturgrenze so niedrig - unter 100°C - ist? Die
Daseinsbedingungen des Eiweißes sind unendlich viel komplizierter
als die jeder andern bekannten Kohlenstoffverbindung, weil nicht
nur physikalische und chemische, sondern auch Ernährungs- und At-
mungsfunktionen hinzutreten, die ein physikalisch und chemisch
eng begrenztes Medium erfordern - und das soll sich von Ewigkeit
unter allen möglichen Wechseln erhalten haben? Liebig "zieht von
zwei Hypothesen, ceteris paribus 1*), die einfachste vor", aber
etwas kann sehr einfach aussehn und doch sehr verwickelt sein. -
Die Annahme zahlloser kontinuierlicher Reihen von Ewigkeit von-
einander abstammender lebendiger Eiweißkörper, die unter allen
Umständen immer soviel übriglassen, daß der Stock gut assortiert
bleibt, ist das Komplizierteste, was es gibt. - Die Weltkörper-
atmosphären und besonders Nebelatmosphären waren ursprünglich
auch glühendheiß, also kein Platz für Eiweißkörper; der Weltraum
muß also doch schließlich das große Reservoir sein - ein Reser-
voir, wo weder Luft noch Nahrung und eine Temperatur ist, bei der
sicher kein Eiweiß fungieren oder sich halten kann!
Ad 2. - Die Vibrionen, Mikrokokken etc., von denen hier die Rede,
sind schon ziemlich differenzierte Wesen - Eiweißklümpchen, die
eine Haut ausgeschwitzt, aber o h n e K e r n. Die entwick-
lungsfähige Reihe der Eiweißkörper bildet aber z u e r s t
d e n K e r n und wird Zelle - die Zellhaut ist dann ein weite-
rer Fortschritt (Amoeba sphaerococcus). Die hier in Betracht
kommenden Organismen gehören also einer Reihe an, die nach aller
bisherigen Analogie sich in eine Sackgasse unfruchtbar verläuft
und nicht zu den Stammvätern der höheren Organismen gehören kann.
Was Helmholtz von der Unfruchtbarkeit der Versuche, Leben künst-
lich zu erzeugen, sagt, ist rein kindisch. Leben ist die Daseins-
weise der Eiweißkörper, deren wesentliches Moment im f o r t-
w ä h r e n d e n S t o f f w e c h s e l m i t d e r ä u-
ß e r e n s i e u m g e b e n d e n N a t u r b e s t e h t
und die mit dem Aufhören
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1*) unter sonst gleichen Bedingungen
#560# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmenta
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dieses Stoffwechsels auch aufhört und die Zersetzung des Eiweißes
herbeiführt *). Wenn es je gelingt, Eiweißkörper chemisch darzu-
stellen, so werden sie unbedingt Lebenserscheinungen zeigen,
Stoffwechsel vollziehn, wenn auch noch so schwach und kurzlebig.
Aber sicher können solche Körper h ö c h s t e n s die Form der
rohsten Moneren [42], wahrscheinlich noch weit tiefere Formen ha-
ben, keineswegs aber die Form von Organismen, die sich schon
durch jahrtausendlange Entwicklung differenziert haben, Haut von
Inhalt geschieden und bestimmte erbliche Formgestalt angenommen.
Solange wir aber von der chemischen Zusammensetzung des Eiweißes
nicht mehr wissen als jetzt, also an künstliche Darstellung wahr-
scheinlich auf 100 Jahre noch nicht denken können, ist es lächer-
lich, zu klagen, daß alle unsere Bemühungen etc. "gescheitert
sind"!
Gegen die obige Behauptung, daß der Stoffwechsel charakteristi-
sche Tätigkeit der Eiweißkörper, einzuwenden aas Wachstum der
Traubeschen "künstlichen Zellen" [46]. Aber hier bloß unverän-
derte Aufnahme einer Flüssigkeit durch Endosmose, während der
Stoffwechsel in der Aufnahme von Stoffen besteht, deren chemische
Zusammensetzung verändert, die dem Organismus assimiliert werden,
und deren Residua zugleich mit den durch den Lebensprozeß erzeug-
ten Zersetzungsprodukten des Organismus selbst ausgeschieden wer-
den **). Die Bedeutung der Traubeschen "Zellen" darin, daß sie
Endosmose und Wachstum als 2 Dinge nachweisen, die auch in der
unorganischen Natur und ohne allen Kohlenstoff darzustellen sind.
Die erstentstandenen Eiweißklümpchen müssen die Fähigkeit gehabt
haben, sich von Sauerstoff, Kohlensäure, Ammoniak und einigen der
im sie umgebenden Wasser gelösten Salze zu ernähren. Organische
Nahrungsmittel waren nicht da, da sie sich doch nicht untereinan-
der auffressen konnten. Dies beweist, wie hoch schon die heutigen
Moneren, selbst kernlose, über ihnen stehen, die von Diatomeen
etc. leben, also eine ganze Reihe von differenzierten Organismen
voraussetzen.
*
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*) Auch bei unorganischen Körpern kann ein solcher Stoffwechsel
stattfinden und findet auf die Dauer überall statt, da überall
chemische Wirkungen, wenn auch noch so langsam, stattfinden. Der
Unterschied aber der, daß bei unorganischen Körpern der Stoff-
wechsel sie zerstört, bei organischen aber notwendige Existenzbe-
dingung ist.
**) NB: Wie wir von wirbellosen Wirbeltieren sprechen müssen, so
auch hier das unorganisierte, formlose, undifferenzierte Eiweiß-
klümpchen als Organismus bezeichnet - und d i a l e k t i s c h
geht das an, weil wie im Rückenstrang die Wirbelsäule, so liegt
im erstentstandnen Eiweißklümpchen die ganze unendliche Reihe
höherer Organismen wie im Keim eingeschlossen "a n s i c h".
#561# Biologie
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N a t u r d i a l e k t i k - references 1*).
"Nature" No. 294 ff. Allman on Infusoria 2*) [390]. Einzellig-
keit, wichtig. Croll on Ice Periods and Geological Time 3*)
[391].
"Nature" No. 326, Tyndall über Generatio 4*) [392]. Spezifische
Fäulnis und Gärungsexperimente.
*
P r o t i s t e n [42]. 1. Zellenlose, fangen an mit dem einfa-
chen Eiweißklümpchen, das Pseudopodien ausstreckt und einzieht in
dieser oder jener Form, mit dem Moner [42]. Die heutigen Moneren
sicher sehr verschieden von den ursprünglichen, da sie großen-
teils von organischer Materie leben, Diatomaceen- und Infusorien-
verschlucken (also Körper, die höher als sie selbst und erst spä-
ter entstanden) und, wie Tafel I bei Haeckel [393] [zeigt], eine
Entwicklungsgeschichte haben und durch die Form zellenloser
Geißelschwärmer hindurchgehn. - Schon hier der Formtrieb, der al-
len Eiweißkörpern eigen. Dieser Formtrieb tritt weiter hervor bei
den zellenlosen Foraminiferen, die höchst künstliche Schalen aus-
schwitzen (Kolonien antizipieren? Korallen usw.) und die höheren
Mollusken in der Form antizipieren wie die Schlauchalgen
(Siphoneen), die den Stamm, Stengel, Wurzel und Blattform der hö-
heren Pflanzen vorbilden und doch bloßes strukturloses Eiweiß
sind. Protamoeba daher von der Amoeba zu trennen. 5*)
2. Einerseits bildet sich der Unterschied von Haut (Ektosark) und
Markschicht (Endosark) bei dem Sonnentierchen Aclinophrys sol
(Nicholson [394], p. 49). Die Hautschicht gibt Pseudopodien ab
(bei Protomyxa aurantiaca ist diese Stufe schon als Durchgangs-
stufe, siehe Haeckel, Tafel I). Auf diesem Wege der Entwicklung
scheint das Eiweiß nicht weit gekommen zu sein.
3. Andrerseits differenziert sich im Eiweiß der K e r n und
N u k l e o l u s - nackte Amöben. Von jetzt an geht's rasch mit
der Formbildung. Ähnlich die Entwicklung der jungen Zelle im Or-
ganismus, vgl. W u n d t hierüber (im Anfang) [395]. Bei A[moe-
ba] sphaerococcus ist wie [bei] Protomyxa die Bildung der Zell-
haut nur Durchgangsphase, aber selbst hier schon Anfang der
Zirkulation der kontraktilen Blase. Bald finden wir entweder eine
zusammengeklebte Sandschale (Difflugia, Nicholson, p. 47), wie
bei Würmern und Insektenlarven, bald eine wirklich ausgeschwitzte
Schale, endlich
4. die Z e l l e m i t p e r m a n e n t e r Z e l l h a u t.
Je nach der Härte der Zellhaut
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1*) Verweise - 2*) Allman über Infusorien - 3*) Croll über Eis-
zeiten und geologische Zeit - 4*) Zeugung - 5*) am Rande des Ma-
nuskripts fügte Engels in Höhe dieses Absatzes nachträglich
hinzu: "Individualisierung gering, sie teilen sich und ebenso
verschmelzen sie"
#562# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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soll nach Haeckel (p. 382) daraus entweder Pflanze, oder bei wei-
cher Haut Tier hervorgegangen sein (? so allgemein sicher nicht
zu fassen). Mit der Zellhaut tritt die bestimmte und zugleich
plastische Form ein. Hier wieder Unterschied zwischen einfacher
Zellhaut und ausgeschwitzter Schale. Aber (im Unterschied von Nr.
3.) hört mit dieser Zellhaut und dieser Schale die A u s-
s e n d u n g v o n P s e u d o p o d i e n auf. Wiederholung
früherer Formen (Geißelschwärmer) und Formmannigfaltigkeit. Den
Übergang bilden die Labyrinthuleen (Haeckel, p. 385), die ihre
Pseudopodien außen deponieren und in diesem Netz unter in
gewissen Schranken gehaltner Veränderung der normalen Spindel-
gestalt herumkriechen 1*). - Gregarinen antizipieren die Lebens-
weise höherer Parasiten - einige schon nicht mehr einzelne Zel-
len, sondern Zellen k e t t e n (Haeckel, [p.] 451), aber nur
2-3 Zellen enthaltend - ein lahmer Anlauf. Höchste Entwicklung
der einzelligen Organismen in den Infusorien, soweit diese
w i r k l i c h einzellig. Hier eine bedeutende Differenzierung
(siehe Nicholson). Wieder Kolonien und Pflanzentiere [44]
(Epistylis). Ebenso bei den einzelligen Pflanzen hohe Forment-
wicklung (Desmidiaceen, Haeckel, p. 410).
5. Der weitere Fortschritt ist die Verbindung mehrerer Zellen zu
Einem Körper, nicht mehr einer Kolonie. Zunächst die Katallakten
Haeckels, Magosphaera planula (Haeckel, p. 384), wo die Zellen-
verbindung nur Entwicklungsphase. Aber auch hier schon keine
Pseudopodien mehr (ob nicht als Durchgangsstufe, sagt Haeckel
nicht genau). Andrerseits die Radiolarien, auch nicht differen-
zierte Zellenhaufen, haben dagegen die Pseudopodien beibehalten
und die geometrische Regelmäßigkeit der Schale, die schon bei den
echt zellenlosen Rhizopodien eine Rolle spielt, aufs höchste ent-
wickelt - das Eiweiß umgibt sich sozusagen mit seiner kristalli-
nischen Form.
6. Die Magosphaera planula bildet den Übergang zur richtigen Pla-
nula und Gastrula etc. Weiteres bei Haeckel ([p.] 452 ff.) [396].
*
B a t h y b i u s [397]. Die Steine in seinem Fleisch Beweis,
daß schon die Urform des Eiweißes, noch ohne alle Formdifferen-
zierung, den Keim und die Fähigkeit der Skelettbildung in sich
trägt.
*
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1*) Am Rande des Manuskripts fügte Engels in Höhe dieser Stelle
hinzu: "Anlauf zu höherer Differenzierung"
#563# Biologie
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I n d i v i d u u m. Auch dieser Begriff hat sich in lauter Re-
latives aufgelöst. Kormus, Kolonie Bandwurm - andrerseits Zelle
und Metamer als Individuen in gewissem Sinn ("Anthropogenie" und
"Morphologie" [398]).
*
Die ganze organische Natur ein ununterbrochener Beweis der Iden-
tität oder Untrennbarkeit von Form und Inhalt. Morphologische und
physiologische Erscheinungen, Form und Funktion bedingen einander
wechselseitig. Differenzierung der Form (Zelle) bedingt Differen-
zierung des Stoffs in Muskel, Haut, Knochen, Epithel etc., und
Differenzierung des Stoffs bedingt wieder differente Form.
*
Wiederholung der morphologischen Formen auf allen Entwicklungs-
stufen: Zellenformen (die beiden wesentlichen schon in der Ga-
strula) - Metamerenbildung bei gewisser Stufe: Annulosa, Arthro-
poda, Vertebrata. In den Kaulquappen der Amphibien die Urform der
Aszidienlarve wiederholt. - Verschiedene Formen von Marsupialien,
die bei Plazentalien wiederkehren (selbst nur die noch lebenden
Marsupialia gezählt).
*
Auf die ganze Entwicklung der Organismen das Gesetz der Beschleu-
nigung nach dem Quadrat der zeitlichen Entfernung vom Ausgangs-
punkt anzunehmen. Vgl. Haeckel, "Schöpfungsgeschichte" und
"Anthropogenie", die den verschiednen-geologischen Zeiträumen
entsprechenden organischen Formen. Je höher, desto rascher
geht's.
*
Darwinsche Theorie nachzuweisen als die praktische Beweisführung
der Hegelschen Darstellung des innern Zusammenhangs von Notwen-
digkeit und Zufälligkeit. 1*)
*
K a m p f u m s D a s e i n. Vor allen Dingen streng zu be-
schränken auf die durch pflanzliche und tierische Ü b e r-
v ö l k e r u n g hervorgerufenen Kämpfe, die auf gewissen
pflanzlichen und niedrigen tierischen Stufen in der Tat vor-
kommen. Aber davon scharf zu trennen die Verhältnisse, wo Arten
sich ändern, alte aussterben und neue, entwickelte, an ihre
Stelle treten o h n e diese
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1*) Siehe vorl. Band, S. 486-490
#564# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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Übervölkerung: z.B. bei Wanderung von Tieren und Pflanzen in neue
Gegenden, wo neue klimatische Boden- etc. Bedingungen die Abände-
rung besorgen. Wenn d a die sich anpassenden Individuen überle-
ben und sich durch stets wachsende Anpassung zu einer neuen Art
fortbilden, während die andern, stabileren Individuen absterben
und schließlich aussterben, und mit ihnen die unvollkommenen Mit-
telstufen, so kann dies vor sich gehn und geht vor sich o h n e
a l l e n M a l t h u s i a n i s m u s, und sollte dieser je
dabei vorkommen, so ändert er nichts am Prozeß, kann ihn
höchstens beschleunigen. - Ebenso bei der allmählichen Verände-
rung der geographischen, klimatischen etc. Verhältnisse in einem
gegebnen Gebiet (Entwässerung von Zentralasien z. B.). Ob da die
tierische oder pflanzliche Bevölkerung aufeinander drückt oder
nicht, ist gleichgültig; der durch sie bedingte Entwicklungs-
prozeß der Organismen geht doch vor sich. - Ebenso bei der se-
xuellen Zuchtwahl, wo der Malthusianismus auch ganz beiseite
bleibt. -
Daher auch die Haeckelsche "Anpassung und Vererbung" den ganzen
Entwicklungsprozeß besorgen kann, ohne die Zuchtwahl und den
Malthusianismus nötig zu haben.
Es ist eben der Fehler von Darwin, daß er in "Natural selection
o r the survival of the fittest" 1*) [399] zwei wildfremde Sa-
chen durcheinanderwirft:
1. Selektion durch den Druck der Übervölkerung, wo die Stärksten
vielleicht am ersten überleben, aber auch die Schwächsten in man-
cher Beziehung sein können.
2. Selektion durch größere Anpassungsfähigkeit an veränderte Um-
stände, wo die Überlebenden für diese U m s t ä n d e besser
geeignet, aber wo diese Anpassung ebensowohl Fortschritt wie
Rückschritt im ganzen bedeuten kann (z. B. Anpassung an Parasi-
tenleben i m m e r Rückschritt).
Hauptsache: daß jeder Fortschritt in der organischen Entwicklung
zugleich ein Rückschritt, indem er e i n s e i t i g e Entwick-
lung fixiert, die Möglichkeit der Entwicklung in vielen andern
Richtungen ausschließt.
Dies aber G r u n d g e s e t z.
*
S t r u g g l e f o r l i f e 2*). [400] Bis auf Darwin von
seinen jetzigen Anhängern grade das harmonische Zusammenwirken
der organischen Natur hervorgehoben, wie das Pflanzenreich den
Tieren Nahrung und Sauerstoff liefert, und diese den Pflanzen
Dünger und Ammoniak und Kohlensäure. Kaum war Darwin anerkannt,
so sehen dieselben Leute überall nur K a m p f. Beide
-----
1*) "Die natürliche Zuchtwahl oder das Überleben der Tauglich-
sten" - 2*) Kampf ums Leben
#565# Biologie
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Auffassungen innerhalb enger Grenzen berechtigt, aber beide
gleich einseitig und borniert. Die Wechselwirkung toter Naturkör-
per schließt Harmonie und Kollision, die lebender bewußtes und
unbewußtes Zusammenwirken wie bewußten und unbewußten Kampf ein.
Es ist also schon in der Natur nicht erlaubt, den einseitigen
"Kampf" allein auf die Fahne zu schreiben. Aber ganz kindisch ist
es, den ganzen mannigfaltigen Reichtum der geschichtlichen Ent-
und Verwicklung unter die magre und einseitige Phrase "Kampf ums
Dasein" subsumieren zu wollen. Man sagt damit weniger als nichts.
Die ganze Darwinsche Lehre vom Kampf ums Dasein ist einfach die
Übertragung der Hobbesschen Lehre vom bellum omnium contra omnes
1*) [401] und der bürgerlichen ökonomischen von der Konkurrenz,
sowie der Malthusschen Bevölkerungstheorie aus der Gesellschaft
in die belebte Natur. Nachdem man dies Kunststück fertiggebracht
(dessen unbedingte Berechtigung, besonders was die Malthussche
Lehre angeht, noch sehr fraglich), ist es sehr leicht, diese Leh-
ren aus der Naturgeschichte wieder in die Geschichte der Gesell-
schaft zurückzuübertragen, und eine gar zu starke Naivität, zu
behaupten, man habe damit diese Behauptungen als ewige Naturge-
setze der Gesellschaft nachgewiesen.
Akzeptieren wir die Phrase: Kampf ums Dasein, für einen Moment,
for argument's sake 2*). Das Tier bringt's höchstens zum S a m-
m e l n, der Mensch p r o d u z i e r t, er stellt Lebens-
mittel im weitesten Sinn des Worts dar, die die Natur ohne ihn
nicht produziert hätte. Damit jede Übertragung von Lebensgesetzen
der tierischen Gesellschaften so ohne weiteres auf menschliche
unmöglich gemacht. Die Produktion bringt es bald dahin, daß der
sog. struggle for existence 3*) sich nicht mehr um reine Exi-
stenzmittel, sondern um Genuß- und Entwicklungsmittel dreht. Hier
schon - bei gesellschaftlich produzierten Entwicklungsmitteln -
die Kategorien aus dem Tierreich total unanwendbar. Endlich er-
reicht unter der kapitalistischen Produktionsweise die Produktion
eine solche Höhe, daß die Gesellschaft die produzierten Lebens-,
Genuß- und Entwicklungsmittel nicht mehr verzehren kann, weil der
großen Masse der Produzenten der Zugang zu diesen Mitteln künst-
lich und gewaltsam versperrt wird; daß also alle 10 Jahre eine
Krisis das Gleichgewicht wiederherstellt durch Vernichtung nicht
allein der produzierten Lebens-, Genuß- und Entwicklungsmittel,
sondern auch eines großen Teils der Produktivkräfte selbst - daß
der sog. Kampf ums Dasein also d i e Form annimmt: die von der
bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft
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1*) Krieg aller gegen alle - 2*) zwecks Analyse des Beweises -
3*) Kampf ums Dasein
#566# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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produzierten Produkte und Produktivkräfte gegen die vernichtende,
zerstörende Wirkung dieser kapitalistischen Gesellschaftsordnung
selbst z u s c h ü t z e n, indem die Leitung der gesell-
schaftlichen Produktion und Verteilung der dazu unfähig gewor-
denen herrschenden Kapitalistenklasse abgenommen und der produ-
zierenden Masse übertragen wird - und das ist die sozialistische
Revolution,
Schon die Auffassung der Geschichte als einer Reihe von Klassen-
kämpfen viel inhaltsvoller und tiefer als die bloße Reduktion auf
schwach verschiedne Phasen des Kampfs ums Dasein.
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V e r t e b r a t a. Ihr wesentlicher Charakter: die G r u p-
p i e r u n g d e s g a n z e n K ö r p e r s u m d a s
N e r v e n s y s t e m. Damit die Möglichkeit der Entwicklung
zum Selbstbewußtsein usw. gegeben. Bei allen andern Tieren das
Nervensystem Nebensache, hier Grundlage der ganzen Organisation;
das Nervensystem, bis zu einem gewissen Grad entwickelt - durch
Verlängerung des Kopfknotens der Würmer nach hinten -, bemächtigt
sich des ganzen Körpers und richtet ihn nach seinen Bedürfnissen
ein.
*
Wenn Hegel vom Leben zum Erkennen übergeht vermittelst der Begat-
tung (Fortpflanzung) [402], so liegt darin im Keim die Entwick-
lungslehre, daß, das organische Leben einmal gegeben, es sich
durch die Entwicklung der Generationen zu einer Gattung denkender
Wesen entwickeln muß.
*
Was Hegel die Wechselwirkung nennt, ist der o r g a n i s c h e
K ö r p e r, der daher auch den Übergang zum Bewußtsein, d.h.
von der Notwendigkeit zur Freiheit, zum Begriff bildet (siehe
"Logik", II, Schluß). [403]
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A n l ä u f e i n d e r N a t u r: Insektenstaaten (die ge-
wöhnlichen gehn nicht über reine Naturverhältnisse hinaus), hier
sogar sozialer Anlauf. Ditto produktive Tiere mit Handwerkzeug
(Bienen etc., Biber), aber doch nur Nebendinge und ohne Gesamt-
wirkung. - Vorher schon: die Kolonien der Korallen und Hydrozoa,
wo das Individuum höchstens Durchgangsstufe und die fleischliche
community 1*) meist Stufe der Vollentwicklung. Siehe
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1*) Gemeinschaft
#567# Biologie
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Nicholson. [404] - Ebenso die Infusorien, die höchste und teil-
weise sehr differenzierte Form, zu der es Eine Zelle bringen
kann.
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A r b e i t. - Diese Kategorie wird bei der mechanischen Wärme-
theorie aus der Ökonomie in die Physik übertragen (denn
p h y s i o l o g i s c h ist sie noch lange nicht wissenschaft-
lich determiniert), aber dabei ganz anders bestimmt, was schon
daraus hervorgeht, daß nur ein ganz geringer untergeordneter Teil
der ökonomischen Arbeit (Lastheben etc.) sich in Kilogramm-Metern
ausdrücken läßt. Trotzdem Neigung, die thermodynamische Bestim-
mung von Arbeit auf die Wissenschaften, denen diese Kategorie un-
ter andrer Determinierung entlehnt, rückzuübertragen. Z.B. sie
ohne weiteres brutto 1*) mit der physiologischen Arbeit zu iden-
tifizieren wie in Fick und Wislicenus' Faulhorn-Experiment [405],
worin die Hebung eines menschlichen Körpers, disons 2*) 60 kg auf
die Höhe von disons 2000 m, also 120 000 kgm, die getane p h y-
s i o l o g i s c h e Arbeit ausdrücken soll. Es macht aber in
der getanen physiologischen Arbeit einen enormen Unterschied,
w i e diese Hebung erfolgt: ob durch positives Heben der Last,
durch Erklimmung senkrechter Leitern, oder auf einem Weg resp.
Treppe mit 45° Steigung (= militärisch impraktikables Terrain),
oder auf einem Weg mit Steigung 1/18, also Länge ca. 36 km (dies
jedoch fraglich, wenn für alle Fälle dieselbe Zeit bewilligt).
Jedenfalls aber ist in allen praktikablen Fällen auch Vorwärts-
bewegung damit verknüpft, und zwar bei Gradstreckung des Wegs
eine ziemlich bedeutende, und diese ist als physiologische Arbeit
nicht = 0 zu setzen. Man scheint stellenweise sogar nicht übel
Lust zu haben, die thermodynamische Kategorie Arbeit, wie bei den
Darwinisten den Kampf ums Dasein, auch in die Ökonomie
rückzuimportieren, wobei nichts als Unsinn herauskommen würde.
Man verwandle doch irgendwelche skilled labour 3*) in Kilogramm-
Meter und versuche darnach den Arbeitslohn zu bestimmen! Phy-
siologisch betrachtet, enthält der menschliche Körper Organe, die
in ihrer Gesamtheit n a c h e i n e r S e i t e h i n, als
thermodynamische Maschine betrachtet werden können, wo Wärme zu-
gesetzt und in Bewegung umgesetzt wird. Aber selbst wenn für die
übrigen Körperorgane gleichbleibende Umstände vorausgesetzt wer-
den, fragt sich, ob getane physiologische Arbeit, selbst Hebung,
sich ohne weiteres in Kilogramm-Metern erschöpfend ausdrücken
läßt, da gleichzeitig im Körper i n n e r e s Werk vorgeht, das
im Resultat nicht erscheint. Der Körper ist eben keine Dampfma-
schine, die nur Reibung und
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1*) grob - 2*) sagen wir - 3*) qualifizierte Arbeit
#568# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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Verschleiß erleidet. Physiologische Arbeit ist nur möglich unter
fortwährenden chemischen Umsätzen im Körper selbst, auch abhängig
von dem Atmungsprozeß und der Arbeit des Herzens. Bei jeder
Muskelkontraktion und -relaxation finden in Nerven und Muskeln
chemische Umsätze statt, die mit denen der Kohle der Dampfma-
schine nicht parallel zu behandeln sind. Man kann wohl 2 physio-
logische Arbeiten, die unter sonst gleichen Umständen stattgefun-
den, vergleichen, aber nicht die physische Arbeit des Menschen
nach der einer Dampfmaschine etc. messen: ihre äußerlichen Resul-
tate wohl, aber nicht die Prozesse selbst ohne bedeutenden Vorbe-
halt.
(Alles dies stark zu revidieren.)
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