Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur

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       #554#
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       [Biologie]
       
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       R e a k t i o n.   Die mechanische,  physikalische  (alias  Wärme
       etc.) erschöpft sich mit jedem Reaktionsakt. Die chemische verän-
       dert die  Zusammensetzung des  reagierenden Körpers  und erneuert
       sich nur,  wenn neues  Quantum desselben  zugesetzt wird. Nur der
       o r g a n i s c h e   Körper reagiert   s e l b s t ä n d i g   -
       natürlich innerhalb  seiner Kraftsphäre  (Schlaf) und  unter Vor-
       aussetzung des  Nahrungszusatzes -,  aber  dieser  Nahrungszusatz
       wirkt erst,  nachdem er  assimiliert ist, nicht wie auf niedrigen
       Stufen unmittelbar,  so  daß  hier  der  organische  Körper  eine
       s e l b s t ä n d i g e   Reaktionskraft hat,  die neue  Reaktion
       durch ihn  v e r m i t t e l t  werden muß.
       
                                    *
       
       L e b e n   u n d  T o d.  Schon jetzt gilt keine Physiologie für
       wissenschaftlich, die  nicht den  Tod als wesentliches Moment des
       Lebens auffaßt  (Note: Hegel,  "Enzyklopädie]", I,  [S.] 152/153)
       [383], die   N e g a t i o n   des Lebens als wesentlich im Leben
       selbst enthalten,  so daß  Leben stets gedacht wird mit Beziehung
       auf sein  notwendiges Resultat,  das stets  im Keim in ihm liegt,
       den Tod.  Weiter  ist  die  dialektische  Auffassung  des  Lebens
       nichts. Aber wer dies einmal verstanden, für den ist alles Gerede
       von Unsterblichkeit  der Seele  beseitigt. Der  Tod ist  entweder
       Auflösung des  organischen Körpers, der nichts zurückläßt als die
       chemischen Bestandteile,  die seine  Substanz bildeten,  oder  er
       hinterläßt  ein  Lebensprinzip,  mehr  oder  weniger  Seele,  das
       a l l e  lebenden Organismen überdauert, nicht bloß den Menschen.
       Hier also einfaches Sichklarwerden vermittelst der Dialektik über
       die Natur  von Leben und Tod hinreichend, einen uralten Aberglau-
       ben zu beseitigen. Leben heißt Sterben.
       
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       #555# Biologie
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       G e n e r a t i o  a e q u i v o c a  1*). Alle bisherigen Unter-
       suchungen diese:  In Flüssigkeiten, die organische Stoffe in Zer-
       setzung enthalten  und der  Luft zugänglich sind, entstehen Orga-
       nismen niederer Gattung, Protisten, Pilze, Infusorien. Woher kom-
       men sie?  Sind sie  durch generatio aequivoca entstanden oder aus
       Keimen, die  die Atmosphäre herbeigetragen? Die Untersuchung also
       auf ein ganz enges Gebiet beschränkt, auf die Frage von der Plas-
       mogonie [384].
       Die Annahme, daß neue lebendige Organismen aus der Zersetzung an-
       derer entstehn  können, gehört wesentlich der Epoche der unverän-
       derlichen Arten an. Damals sah man sich in der Notwendigkeit, die
       Entstehung aller,  auch der kompliziertesten Organismen durch Ur-
       zeugung aus  nicht lebendigen  Stoffen anzunehmen,  und wenn  man
       sich nicht  mit einem Schöpfungsakt helfen wollte, kam man leicht
       auf die  Ansicht, daß  dieser Vorgang leichter erklärlich sei bei
       einem bereits  aus der  organischen Welt  herrührenden  Bildungs-
       stoff; ein  Säugetier direkt aus anorganischer Materie auf chemi-
       schem Wege hervorzubringen, daran dachte man schon nicht mehr.
       Aber eine  solche Annahme  schlägt dem heutigen Stand der Wissen-
       schaft gradezu  ins Gesicht. Die Chemie liefert durch die Analyse
       des Zersetzungsprozesses toter organischer Körper den Beweis, daß
       dieser Prozeß  notwendig bei  jedem weiteren  Schritt totere, der
       anorganischen Welt  näherstehende Produkte liefert, Produkte, die
       zur Verwertung in der organischen Welt immer untauglicher werden,
       und daß  diesem Prozeß  eine andre  Richtung gegeben werden, eine
       solche Verwertung  stattfinden kann  nur dann, wenn diese Zerset-
       zungsprodukte rechtzeitig  in einem dazu geeigneten, bereits exi-
       stierenden Organismus aufgenommen werden. Grade das wesentlichste
       Vehikel der  Zellenbildung, das Eiweiß, zersetzt sich zuallererst
       und ist bis jetzt nicht wieder zusammengebracht worden.
       Noch mehr.  Die Organismen,  um deren  Urzeugung aus  organischen
       Flüssigkeiten es  sich bei  diesen Untersuchungen  handelt,  sind
       zwar verhältnismäßig  niedrige, aber doch schon wesentlich diffe-
       renzierte, Bakterien,  Hefepilze etc., mit einem aus verschiednen
       Phasen zusammengesetzten  Lebensprozeß und teilweise, wie die In-
       fusorien, mit  ziemlich ausgebildeten  Organen versehn.  Sie sind
       alle mindestens einzellig. Seitdem wir aber die strukturlosen Mo-
       neren [42] kennen, wird es Torheit, die Entstehung auch nur einer
       einzigen Zelle direkt aus toter Materie statt aus dem strukturlo-
       sen lebenden  Eiweiß erklären  zu wollen, zu glauben, vermittelst
       etwas stinkendem
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       1*) spontane Zeugung
       
       #556# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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       dem Wasser die Natur zwingen zu können, das in 24 Stunden zu tun,
       was ihr Tausende von Jahren gekostet hat,
       Pasteurs Versuche [385] in dieser Richtung nutzlos: Denen, die an
       diese Möglichkeit  glauben, wird er die Unmöglichkeit durch diese
       Versuche allein  nie beweisen, aber wichtig, weil viel Aufklärung
       über diese Organismen, ihr Leben, ihre Keime etc.
       
                                    *
       
       Moriz Wagner
       "Naturwissenschaftliche Streitfragen", I
       (Augsburger "Allgemeine  Zeitung" [386], Beilage, 6., 7., 8. Okt.
       1874)
       
       Äußerung Liebigs an Wagner, in seinen letzten Jahren (1868):
       
       "Wir dürfen  nur annehmen,  daß das Leben ebenso alt, ebenso ewig
       sei, als  die Materie  selber, und  der ganze Streitpunkt des Le-
       bensursprungs scheint  mir mit dieser einfachen Annahme erledigt.
       In der Tat, warum sollte das organische Leben nicht ebensogut als
       uranfänglich zu  denken sein  wie der  Kohlenstoff und  s e i n e
       V e r b i n d u n g e n   1*) (!),  oder wie  überhaupt die ganze
       unerschaffbare und unzerstörbare Materie, und wie die Kräfte, die
       mit der Bewegung des Stoffes im Weltraum ewig verbunden sind?"
       
       Ferner sagte Liebig (Wagner glaubt, November 1868):
       
       Auch er  halte die Hypothese, daß das organische Leben auf unserm
       Planeten  aus   dem  Weltraum   "importiert"  werden  könne,  für
       "annehmbar".
       
       Helmholtz (Vorrede  zu "Handbuch  der theoretischen  Physik"  von
       Thomson, deutsche Ausg., II. Teil):
       
       "Es scheint  mir ein  vollkommen  richtiges  Verfahren  zu  sein,
       w e n n   a l l e   u n s r e   B e  m ü h u n g e n   s c h e i-
       t e r n,   O r g a n i s m e n   a u s   l e b l o s e r   S u b-
       s t a n z   s i c h   e r z e u g e n  z u  l a s s e n,  daß wir
       fragen: ob  überhaupt das Leben je entstanden, ob es nicht ebenso
       alt wie  die Materie  sei, und  ob nicht  seine Keime,  von einem
       Weltkörper zum  andern herübergetragen,  sich überall  entwickelt
       hätten, wo sie günstigen Boden gefunden?" [387]
       
       Wagner:
       
       "Die Tatsache,  daß die  Materie unzerstörbar  und  unvergänglich
       ist, daß  sie... durch keine Kraft in ein Nichts aufgelöst werden
       kann,   g e n ü g t   d e m   C h e m i k e r ,   s i e   a u c h
       f ü r   'u n e r s c h a f f b a r'  z u  h a l t e n...  Das Le-
       ben aber  wird nach  der jetzt vorherrschenden Anschauung (?) nur
       als eine gewissen einfachen Elementen, aus denen die niedrigsten
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       1*) Diese und  alle weiteren Hervorhebungen in den Zitaten bis S.
       558 von Engels
       
       #557# Biologie
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       Organismen bestehen,  innewohnende 'Eigenschaft' betrachtet, wel-
       che selbstverständlich  ebenso alt, d.h. ebenso uranfänglich sein
       muß, wie  diese Grundstoffe   u n d   i h r e  V e r b i n d u n-
       g e n   (!!) selber."  In diesem Sinne könne man auch von Lebens-
       kraft  sprechen,  wie  Liebig  ("Chemische  Briefe",  4.  Aufl.,)
       "nämlich als 'ein formbildendes Prinzip in und mit den physischen
       Kräften   [388], also  nicht außerhalb der Materie wirkend. Diese
       Lebenskraft als  eine 'Eigenschaft der Materie' manifestiert sich
       jedoch... nur unter entsprechenden Bedingungen, welche seit Ewig-
       keit im  unendlichen Weltraum  an zahllosen  Punkten existierten,
       aber im  Laufe der  verschiedenen Zeitperioden räumlich oft genug
       gewechselt haben  müssen." Also auf der flüssigen alten Erde oder
       der jetzigen  Sonne kein Leben möglich, aber die glühenden Körper
       haben enorm ausgedehnte Atmosphären, nach der neueren Ansicht aus
       denselben Stoffen  bestehend, die  in  äußerster  Verdünnung  den
       Weltraum erfüllen  und von  den Körpern  attrahiert  werden.  Die
       rotierende Nebelmasse,  aus der das Sonnensystem sich entwickelt,
       über die  Neptunbahn hinausreichend,  enthielt "auch alles Wasser
       (!) dampfartig  in einer mit Kohlensäure (!) reich geschwängerten
       Atmosphäre bis  zu unermeßlichen  Höhen aufgelöst  und damit auch
       die Grundstoffe  zur  Existenz  (?)  der  niedersten  organischen
       Keime", es herrschten in ihr "in den verschiedensten Regionen die
       verschiedensten Temperaturgrade,  und es  ist daher  die  Annahme
       w o h l b e r e c h t i g t,   daß sich  auch immer  irgendwo die
       für das  organische Leben notwendigen Bedingungen gefunden haben.
       Die Atmosphären  der Weltkörper  wie der  rotierenden  kosmischen
       Nebelmassen würden  demnach als  die dauernden  Bewahrungskammern
       der belebten Form, als die ewigen Pflanzstätten organischer Keime
       zu betrachten  sein." - Die kleinsten lebenden Protisten [42] mit
       ihren unsichtbaren  Keimen  erfüllen  die  Atmosphäre  unter  dem
       Äquator in  den Kordilleren  bis zu  16 000 Fuß  noch massenhaft.
       Perty sagt,  sie seien  "fast allgegenwärtig". Sie fehlen nur da,
       wo die Glühhitze sie tötet. Für sie (Vibrioniden etc.) "ist daher
       auch im Dunstkreis  a l l e r  Weltkörper" ihre Existenz denkbar,
       "wo immer die entsprechenden Bedingungen sich finden".
       "Nach Cohn  sind die  Bakterien... so winzig klein, daß auf einem
       Kubikmillimeter 633 Millionen Platz finden und 636 Milliarden nur
       ein Gramm  wiegen. Die  Mikrokokken sind  sogar noch kleiner" und
       vielleicht noch  nicht die kleinsten. Aber schon sehr verschieden
       geformt, "die  Vibrioniden... bald  kugelig, bald  eiförmig, bald
       Stäbchen- oder schraubenförmig" (haben also schon einen bedeuten-
       den Formwert).  "Es ist  bis jetzt  kein gültiger Einwurf erhoben
       worden gegen  die  wohlberechtigte  Hypothese:  daß  aus  solchen
       o d e r   ä h n l i c h e n,  einfachsten (!!) neutralen Urwesen,
       zwischen Tier  und Pflanze schwankend..., auf Grund der individu-
       ellen Variablität  und der  Fähigkeit der Vererbung neuerworbener
       Merkmale auf die Nachkommen, bei veränderten physischen Bedingun-
       gen der  Weltkörper und bei räumlicher Sonderung der entstehenden
       individuellen Varietäten,  all die  mannigfaltigen höher  organi-
       sierten Lebewesen  der beiden  Naturreiche im  Laufe sehr  langer
       Zeiträume sich  entwickeln  k o n n t e n  und entwickeln  m u ß-
       t e n."
       
       Bemerkenswert der  Nachweis, wie  sehr Liebig  in der doch an die
       Chemie angrenzenden Wissenschaft, der Biologie, Dilettant war.
       
       #558# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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       Darwin las  er erst 1861, viel später erst die auf Darwin folgen-
       den  wichtigen   biologischen  und   paläontologisch-geologischen
       Schriften. Lamarck  hatte er "nie gelesen". "Ebenso waren ihm die
       schon vor  1859 erschienenen wichtigen paläontologischen Spezial-
       untersuchungen von  L. v.  Buch, d'Orbigny,  Münster,  Klipstein,
       Hauer, Quenstedt  über die  fossilen Zephalopoden,  welche ein so
       merkwürdiges Licht auf den genetischen Zusammenhang der verschie-
       denen Schöpfungen  werfen, gänzlich  unbekannt geblieben. All die
       genannten Forscher  waren... durch  die Macht der Tatsachen, fast
       wider ihren  Willen, zur Lamarckschen Abstammungshypothese hinge-
       drängt worden",  und zwar  v o r  Darwins Buch [41]. "Die Deszen-
       denztheorie hatte  demnach in  den Ansichten derjenigen Forscher,
       welche sich eingehender mit einer vergleichenden Untersuchung der
       fossilen Organismen  beschäftigten, bereits  in aller Stille Wur-
       zeln geschlagen. L. v. Buch hatte schon 1832 in 'Über die Ammoni-
       ten und  ihre Sonderung  in Familien'  und 1848  in einer vor der
       Berliner Akademie  gelesenen Abhandlung 'die Lamarcksche Idee von
       der typischen  Verwandtschaft der  organischen Formen als Zeichen
       ihrer gemeinsamen  Abstammung' mit  aller Bestimmtheit in die Pe-
       trefaktenkunde (!)  eingeführt", und  auf seine Ammonitenuntersu-
       chung stützte  er 1848 den Ausspruch: "daß das Verschwinden alter
       und das Erscheinen neuer Formen keine Folge einer gänzlichen Ver-
       nichtung der  organischen Schöpfungen,  sondern    d a ß    d i e
       B i l d u n g  n e u e r  A r i e n  a u s  ä l t e r e n  F o r-
       m e n   h ö c h s t w a h r s c h e i n l i c h  n u r  d u r c h
       v e r ä n d e r t e     L e b e n s b e d i n g u n g e n    e r-
       f o l g t  s e i".  [389]
       
                                   ---
       
       G l o s s e n.   Die obige  Hypothese des "ewigen Lebens" und des
       Imports setzt voraus:
       1. Die Ewigkeit des Eiweißes.
       2. Die Ewigkeit  der Urformen,  aus denen  sich alles  Organische
       entwickeln kann. Beides unzulässig.
       Ad 1. - Liebigs  Behauptung,  die  Kohlenstoffverbindungen  seien
       ebenso ewig  wie der  Kohlenstoff selbst,  ist schief,  wo  nicht
       falsch.
       a) Ist der  Kohlenstoff einfach?  Wo nicht,  ist er  als  solcher
       nicht ewig.
       b) Die Verbindungen  des Kohlenstoffs  sind ewig in dem Sinn, daß
       unter gleichen  Verhältnissen von  Mischung,  Temperatur,  Druck,
       elektrischer Spannung etc. sie sich stets reproduzieren. Daß aber
       z.B. nur  die einfachsten  Kohlenstoffverbindungen, CO2 oder CH4,
       derart ewig  sein sollen,  daß sie  zu allen Zeiten und mehr oder
       weniger allerorts  bestehen, sich  nicht vielmehr fortwährend neu
       erzeugen und  wieder vergehen - und zwar aus den Elementen und in
       die Elemente  -, ist bisher noch nicht behauptet worden. Wenn das
       lebendige Eiweiß  in dem  Sinn ewig  ist, wie die übrigen Kohlen-
       stoffverbindungen, so  muß es nicht nur fortwährend sich in seine
       Elemente auflösen,  wie dies  notorisch geschieht,  sondern  auch
       sich fortwährend aus den Elementen neu und ohne Mitwirkung vorher
       fertigen Eiweißes
       
       #559# Biologie
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       erzeugen - und das ist das grade Gegenteil des Resultats, bei dem
       Liebig ankommt.
       c) Das Eiweiß  ist die  unbeständigste Kohlenstoffverbindung, die
       wir kennen.  Es zerfällt,  sobald es  die Fähigkeit verliert, die
       ihm eigentümlichen  Funktionen, die wir Leben nennen, zu vollzie-
       hen, und  es liegt  in seiner Natur, daß diese Unfähigkeit früher
       oder später  eintritt. Und grade diese Verbindung soll ewig sein,
       soll alle Veränderungen der Temperatur, des Drucks, des Nahrungs-
       und Luftmangels etc. im Weltraum überdauern können, wo doch schon
       seine obere  Temperaturgrenze so niedrig - unter 100°C - ist? Die
       Daseinsbedingungen des Eiweißes sind unendlich viel komplizierter
       als die  jeder andern bekannten Kohlenstoffverbindung, weil nicht
       nur physikalische und chemische, sondern auch Ernährungs- und At-
       mungsfunktionen hinzutreten,  die ein  physikalisch und  chemisch
       eng begrenztes  Medium erfordern - und das soll sich von Ewigkeit
       unter allen  möglichen Wechseln erhalten haben? Liebig "zieht von
       zwei Hypothesen,  ceteris paribus  1*), die einfachste vor", aber
       etwas kann  sehr einfach aussehn und doch sehr verwickelt sein. -
       Die Annahme  zahlloser kontinuierlicher  Reihen von Ewigkeit von-
       einander abstammender  lebendiger Eiweißkörper,  die unter  allen
       Umständen immer  soviel übriglassen, daß der Stock gut assortiert
       bleibt, ist  das Komplizierteste,  was es gibt. - Die Weltkörper-
       atmosphären und  besonders  Nebelatmosphären  waren  ursprünglich
       auch glühendheiß,  also kein Platz für Eiweißkörper; der Weltraum
       muß also  doch schließlich  das große Reservoir sein - ein Reser-
       voir, wo weder Luft noch Nahrung und eine Temperatur ist, bei der
       sicher kein Eiweiß fungieren oder sich halten kann!
       Ad 2. - Die Vibrionen, Mikrokokken etc., von denen hier die Rede,
       sind schon  ziemlich differenzierte  Wesen - Eiweißklümpchen, die
       eine Haut  ausgeschwitzt, aber   o h n e   K e r n.  Die entwick-
       lungsfähige Reihe  der  Eiweißkörper  bildet  aber    z u e r s t
       d e n  K e r n  und wird Zelle - die Zellhaut ist dann ein weite-
       rer Fortschritt  (Amoeba sphaerococcus).  Die  hier  in  Betracht
       kommenden Organismen  gehören also einer Reihe an, die nach aller
       bisherigen Analogie  sich in  eine Sackgasse unfruchtbar verläuft
       und nicht zu den Stammvätern der höheren Organismen gehören kann.
       Was Helmholtz  von der Unfruchtbarkeit der Versuche, Leben künst-
       lich zu erzeugen, sagt, ist rein kindisch. Leben ist die Daseins-
       weise der  Eiweißkörper, deren  wesentliches Moment  im  f o r t-
       w ä h r e n d e n   S t o f f w e c h s e l   m i t   d e r  ä u-
       ß e r e n   s i e   u m g e b e n d e n  N a t u r  b e s t e h t
       und die mit dem Aufhören
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       1*) unter sonst gleichen Bedingungen
       
       #560# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmenta
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       dieses Stoffwechsels auch aufhört und die Zersetzung des Eiweißes
       herbeiführt *).  Wenn es je gelingt, Eiweißkörper chemisch darzu-
       stellen, so  werden  sie  unbedingt  Lebenserscheinungen  zeigen,
       Stoffwechsel vollziehn,  wenn auch noch so schwach und kurzlebig.
       Aber sicher können solche Körper  h ö c h s t e n s  die Form der
       rohsten Moneren [42], wahrscheinlich noch weit tiefere Formen ha-
       ben, keineswegs  aber die  Form von  Organismen, die  sich  schon
       durch jahrtausendlange  Entwicklung differenziert haben, Haut von
       Inhalt geschieden  und bestimmte erbliche Formgestalt angenommen.
       Solange wir  aber von der chemischen Zusammensetzung des Eiweißes
       nicht mehr wissen als jetzt, also an künstliche Darstellung wahr-
       scheinlich auf 100 Jahre noch nicht denken können, ist es lächer-
       lich, zu  klagen, daß  alle unsere  Bemühungen etc.  "gescheitert
       sind"!
       Gegen die  obige Behauptung,  daß der Stoffwechsel charakteristi-
       sche Tätigkeit  der Eiweißkörper,  einzuwenden aas  Wachstum  der
       Traubeschen "künstlichen  Zellen" [46].  Aber hier  bloß unverän-
       derte Aufnahme  einer Flüssigkeit  durch Endosmose,  während  der
       Stoffwechsel in der Aufnahme von Stoffen besteht, deren chemische
       Zusammensetzung verändert, die dem Organismus assimiliert werden,
       und deren Residua zugleich mit den durch den Lebensprozeß erzeug-
       ten Zersetzungsprodukten des Organismus selbst ausgeschieden wer-
       den **).  Die Bedeutung  der Traubeschen  "Zellen" darin, daß sie
       Endosmose und  Wachstum als  2 Dinge  nachweisen, die auch in der
       unorganischen Natur und ohne allen Kohlenstoff darzustellen sind.
       Die erstentstandenen  Eiweißklümpchen müssen die Fähigkeit gehabt
       haben, sich von Sauerstoff, Kohlensäure, Ammoniak und einigen der
       im sie  umgebenden Wasser  gelösten Salze zu ernähren. Organische
       Nahrungsmittel waren nicht da, da sie sich doch nicht untereinan-
       der auffressen konnten. Dies beweist, wie hoch schon die heutigen
       Moneren, selbst  kernlose, über  ihnen stehen,  die von Diatomeen
       etc. leben,  also eine ganze Reihe von differenzierten Organismen
       voraussetzen.
       
                                    *
       
       ---
       *) Auch bei  unorganischen Körpern  kann ein solcher Stoffwechsel
       stattfinden und  findet auf  die Dauer  überall statt, da überall
       chemische Wirkungen,  wenn auch noch so langsam, stattfinden. Der
       Unterschied aber  der, daß  bei unorganischen  Körpern der Stoff-
       wechsel sie zerstört, bei organischen aber notwendige Existenzbe-
       dingung ist.
       **) NB: Wie  wir von wirbellosen Wirbeltieren sprechen müssen, so
       auch hier  das unorganisierte, formlose, undifferenzierte Eiweiß-
       klümpchen als  Organismus bezeichnet - und  d i a l e k t i s c h
       geht das  an, weil  wie im Rückenstrang die Wirbelsäule, so liegt
       im erstentstandnen  Eiweißklümpchen die  ganze  unendliche  Reihe
       höherer Organismen wie im Keim eingeschlossen  "a n  s i c h".
       
       #561# Biologie
       -----
       N a t u r d i a l e k t i k  -  references 1*).
       "Nature" No.  294 ff.  Allman on  Infusoria 2*) [390]. Einzellig-
       keit, wichtig.  Croll on  Ice Periods  and  Geological  Time  3*)
       [391].
       "Nature" No.  326, Tyndall  über Generatio 4*) [392]. Spezifische
       Fäulnis und Gärungsexperimente.
       
                                    *
       
       P r o t i s t e n   [42]. 1. Zellenlose, fangen an mit dem einfa-
       chen Eiweißklümpchen, das Pseudopodien ausstreckt und einzieht in
       dieser oder  jener Form, mit dem Moner [42]. Die heutigen Moneren
       sicher sehr  verschieden von  den ursprünglichen,  da sie großen-
       teils von organischer Materie leben, Diatomaceen- und Infusorien-
       verschlucken (also Körper, die höher als sie selbst und erst spä-
       ter entstanden)  und, wie Tafel I bei Haeckel [393] [zeigt], eine
       Entwicklungsgeschichte  haben  und  durch  die  Form  zellenloser
       Geißelschwärmer hindurchgehn. - Schon hier der Formtrieb, der al-
       len Eiweißkörpern eigen. Dieser Formtrieb tritt weiter hervor bei
       den zellenlosen Foraminiferen, die höchst künstliche Schalen aus-
       schwitzen (Kolonien  antizipieren? Korallen usw.) und die höheren
       Mollusken  in   der  Form   antizipieren  wie  die  Schlauchalgen
       (Siphoneen), die den Stamm, Stengel, Wurzel und Blattform der hö-
       heren Pflanzen  vorbilden und  doch bloßes  strukturloses  Eiweiß
       sind. Protamoeba daher von der Amoeba zu trennen. 5*)
       2. Einerseits bildet sich der Unterschied von Haut (Ektosark) und
       Markschicht (Endosark)  bei dem  Sonnentierchen  Aclinophrys  sol
       (Nicholson [394],  p. 49).  Die Hautschicht  gibt Pseudopodien ab
       (bei Protomyxa  aurantiaca ist  diese Stufe schon als Durchgangs-
       stufe, siehe  Haeckel, Tafel  I). Auf diesem Wege der Entwicklung
       scheint das Eiweiß nicht weit gekommen zu sein.
       3. Andrerseits differenziert  sich im  Eiweiß der   K e r n   und
       N u k l e o l u s  - nackte Amöben. Von jetzt an geht's rasch mit
       der Formbildung.  Ähnlich die Entwicklung der jungen Zelle im Or-
       ganismus, vgl.  W u n d t  hierüber (im Anfang) [395]. Bei A[moe-
       ba] sphaerococcus  ist wie  [bei] Protomyxa die Bildung der Zell-
       haut nur  Durchgangsphase, aber  selbst  hier  schon  Anfang  der
       Zirkulation der kontraktilen Blase. Bald finden wir entweder eine
       zusammengeklebte Sandschale  (Difflugia, Nicholson,  p. 47),  wie
       bei Würmern und Insektenlarven, bald eine wirklich ausgeschwitzte
       Schale, endlich
       4. die  Z e l l e  m i t  p e r m a n e n t e r  Z e l l h a u t.
       Je nach der Härte der Zellhaut
       -----
       1*) Verweise -  2*) Allman über  Infusorien - 3*) Croll über Eis-
       zeiten und  geologische Zeit - 4*) Zeugung - 5*) am Rande des Ma-
       nuskripts fügte  Engels  in  Höhe  dieses  Absatzes  nachträglich
       hinzu: "Individualisierung  gering, sie  teilen sich  und  ebenso
       verschmelzen sie"
       
       #562# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
       -----
       soll nach Haeckel (p. 382) daraus entweder Pflanze, oder bei wei-
       cher Haut  Tier hervorgegangen  sein (? so allgemein sicher nicht
       zu fassen).  Mit der  Zellhaut tritt  die bestimmte  und zugleich
       plastische Form  ein. Hier  wieder Unterschied zwischen einfacher
       Zellhaut und ausgeschwitzter Schale. Aber (im Unterschied von Nr.
       3.) hört  mit dieser  Zellhaut und  dieser  Schale  die    A u s-
       s e n d u n g   v o n  P s e u d o p o d i e n  auf. Wiederholung
       früherer Formen  (Geißelschwärmer) und  Formmannigfaltigkeit. Den
       Übergang bilden  die Labyrinthuleen  (Haeckel, p.  385), die ihre
       Pseudopodien  außen  deponieren  und  in  diesem  Netz  unter  in
       gewissen Schranken  gehaltner Veränderung  der normalen  Spindel-
       gestalt herumkriechen  1*). - Gregarinen antizipieren die Lebens-
       weise höherer  Parasiten -  einige schon nicht mehr einzelne Zel-
       len, sondern   Zellen k e t t e n   (Haeckel, [p.] 451), aber nur
       2-3 Zellen  enthaltend -  ein lahmer  Anlauf. Höchste Entwicklung
       der  einzelligen  Organismen  in  den  Infusorien,  soweit  diese
       w i r k l i c h   einzellig. Hier eine bedeutende Differenzierung
       (siehe  Nicholson).   Wieder  Kolonien   und  Pflanzentiere  [44]
       (Epistylis). Ebenso  bei den  einzelligen Pflanzen  hohe Forment-
       wicklung (Desmidiaceen, Haeckel, p. 410).
       5. Der weitere  Fortschritt ist die Verbindung mehrerer Zellen zu
       Einem Körper,  nicht mehr einer Kolonie. Zunächst die Katallakten
       Haeckels, Magosphaera  planula (Haeckel,  p. 384), wo die Zellen-
       verbindung nur  Entwicklungsphase. Aber  auch  hier  schon  keine
       Pseudopodien mehr  (ob nicht  als Durchgangsstufe,  sagt  Haeckel
       nicht genau).  Andrerseits die  Radiolarien, auch nicht differen-
       zierte Zellenhaufen,  haben dagegen  die Pseudopodien beibehalten
       und die geometrische Regelmäßigkeit der Schale, die schon bei den
       echt zellenlosen Rhizopodien eine Rolle spielt, aufs höchste ent-
       wickelt -  das Eiweiß umgibt sich sozusagen mit seiner kristalli-
       nischen Form.
       6. Die Magosphaera planula bildet den Übergang zur richtigen Pla-
       nula und Gastrula etc. Weiteres bei Haeckel ([p.] 452 ff.) [396].
       
                                    *
       
       B a t h y b i u s   [397]. Die  Steine in  seinem Fleisch Beweis,
       daß schon  die Urform  des Eiweißes, noch ohne alle Formdifferen-
       zierung, den  Keim und  die Fähigkeit  der Skelettbildung in sich
       trägt.
       
                                    *
       -----
       1*) Am Rande  des Manuskripts  fügte Engels in Höhe dieser Stelle
       hinzu: "Anlauf zu höherer Differenzierung"
       
       #563# Biologie
       -----
       I n d i v i d u u m.   Auch dieser Begriff hat sich in lauter Re-
       latives aufgelöst.  Kormus, Kolonie  Bandwurm - andrerseits Zelle
       und Metamer  als Individuen in gewissem Sinn ("Anthropogenie" und
       "Morphologie" [398]).
       
                                    *
       
       Die ganze  organische Natur ein ununterbrochener Beweis der Iden-
       tität oder Untrennbarkeit von Form und Inhalt. Morphologische und
       physiologische Erscheinungen, Form und Funktion bedingen einander
       wechselseitig. Differenzierung der Form (Zelle) bedingt Differen-
       zierung des  Stoffs in  Muskel, Haut,  Knochen, Epithel etc., und
       Differenzierung des Stoffs bedingt wieder differente Form.
       
                                    *
       
       Wiederholung der  morphologischen Formen  auf allen Entwicklungs-
       stufen: Zellenformen  (die beiden  wesentlichen schon  in der Ga-
       strula) -  Metamerenbildung bei gewisser Stufe: Annulosa, Arthro-
       poda, Vertebrata. In den Kaulquappen der Amphibien die Urform der
       Aszidienlarve wiederholt. - Verschiedene Formen von Marsupialien,
       die bei  Plazentalien wiederkehren  (selbst nur die noch lebenden
       Marsupialia gezählt).
       
                                    *
       
       Auf die ganze Entwicklung der Organismen das Gesetz der Beschleu-
       nigung nach  dem Quadrat  der zeitlichen Entfernung vom Ausgangs-
       punkt  anzunehmen.   Vgl.  Haeckel,   "Schöpfungsgeschichte"  und
       "Anthropogenie",  die  den  verschiednen-geologischen  Zeiträumen
       entsprechenden  organischen   Formen.  Je  höher,  desto  rascher
       geht's.
       
                                    *
       
       Darwinsche Theorie  nachzuweisen als die praktische Beweisführung
       der Hegelschen  Darstellung des  innern Zusammenhangs von Notwen-
       digkeit und Zufälligkeit. 1*)
       
                                    *
       
       K a m p f   u m s   D a s e i n.   Vor allen Dingen streng zu be-
       schränken auf  die durch  pflanzliche  und  tierische    Ü b e r-
       v ö l k e r u n g    hervorgerufenen  Kämpfe,  die  auf  gewissen
       pflanzlichen und  niedrigen tierischen  Stufen in  der  Tat  vor-
       kommen. Aber  davon scharf  zu trennen die Verhältnisse, wo Arten
       sich ändern,  alte aussterben  und  neue,  entwickelte,  an  ihre
       Stelle treten  o h n e  diese
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 486-490
       
       #564# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
       -----
       Übervölkerung: z.B. bei Wanderung von Tieren und Pflanzen in neue
       Gegenden, wo neue klimatische Boden- etc. Bedingungen die Abände-
       rung besorgen. Wenn  d a  die sich anpassenden Individuen überle-
       ben und  sich durch  stets wachsende Anpassung zu einer neuen Art
       fortbilden, während  die andern,  stabileren Individuen absterben
       und schließlich aussterben, und mit ihnen die unvollkommenen Mit-
       telstufen, so  kann dies vor sich gehn und geht vor sich  o h n e
       a l l e n   M a l t h u s i a n i s m u s,   und sollte dieser je
       dabei  vorkommen,  so  ändert  er  nichts  am  Prozeß,  kann  ihn
       höchstens beschleunigen.  - Ebenso  bei der allmählichen Verände-
       rung der  geographischen, klimatischen etc. Verhältnisse in einem
       gegebnen Gebiet  (Entwässerung von Zentralasien z. B.). Ob da die
       tierische oder  pflanzliche Bevölkerung  aufeinander drückt  oder
       nicht, ist  gleichgültig; der  durch sie  bedingte  Entwicklungs-
       prozeß der  Organismen geht  doch vor  sich. - Ebenso bei der se-
       xuellen Zuchtwahl,  wo der  Malthusianismus  auch  ganz  beiseite
       bleibt. -
       Daher auch  die Haeckelsche  "Anpassung und Vererbung" den ganzen
       Entwicklungsprozeß besorgen  kann, ohne  die  Zuchtwahl  und  den
       Malthusianismus nötig zu haben.
       Es ist  eben der  Fehler von Darwin, daß er in "Natural selection
       o r   the survival  of the fittest" 1*) [399] zwei wildfremde Sa-
       chen durcheinanderwirft:
       1. Selektion durch  den Druck der Übervölkerung, wo die Stärksten
       vielleicht am ersten überleben, aber auch die Schwächsten in man-
       cher Beziehung sein können.
       2. Selektion durch  größere Anpassungsfähigkeit an veränderte Um-
       stände, wo  die Überlebenden  für diese   U m s t ä n d e  besser
       geeignet, aber  wo diese  Anpassung  ebensowohl  Fortschritt  wie
       Rückschritt im  ganzen bedeuten  kann (z. B. Anpassung an Parasi-
       tenleben  i m m e r  Rückschritt).
       Hauptsache: daß  jeder Fortschritt in der organischen Entwicklung
       zugleich ein Rückschritt, indem er  e i n s e i t i g e  Entwick-
       lung fixiert,  die Möglichkeit  der Entwicklung  in vielen andern
       Richtungen ausschließt.
       Dies aber  G r u n d g e s e t z.
       
                                    *
       
       S t r u g g l e   f o r   l i f e   2*). [400] Bis auf Darwin von
       seinen jetzigen  Anhängern grade  das harmonische  Zusammenwirken
       der organischen  Natur hervorgehoben,  wie das  Pflanzenreich den
       Tieren Nahrung  und Sauerstoff  liefert, und  diese den  Pflanzen
       Dünger und  Ammoniak und  Kohlensäure. Kaum war Darwin anerkannt,
       so sehen dieselben Leute überall nur  K a m p f.  Beide
       -----
       1*) "Die natürliche  Zuchtwahl oder  das Überleben  der Tauglich-
       sten" - 2*) Kampf ums Leben
       
       #565# Biologie
       -----
       Auffassungen  innerhalb  enger  Grenzen  berechtigt,  aber  beide
       gleich einseitig und borniert. Die Wechselwirkung toter Naturkör-
       per schließt  Harmonie und  Kollision, die  lebender bewußtes und
       unbewußtes Zusammenwirken  wie bewußten und unbewußten Kampf ein.
       Es ist  also schon  in der  Natur nicht  erlaubt, den einseitigen
       "Kampf" allein auf die Fahne zu schreiben. Aber ganz kindisch ist
       es, den  ganzen mannigfaltigen  Reichtum der geschichtlichen Ent-
       und Verwicklung  unter die magre und einseitige Phrase "Kampf ums
       Dasein" subsumieren zu wollen. Man sagt damit weniger als nichts.
       Die ganze  Darwinsche Lehre  vom Kampf ums Dasein ist einfach die
       Übertragung der  Hobbesschen Lehre vom bellum omnium contra omnes
       1*) [401]  und der  bürgerlichen ökonomischen von der Konkurrenz,
       sowie der  Malthusschen Bevölkerungstheorie  aus der Gesellschaft
       in die  belebte Natur. Nachdem man dies Kunststück fertiggebracht
       (dessen unbedingte  Berechtigung, besonders  was die  Malthussche
       Lehre angeht, noch sehr fraglich), ist es sehr leicht, diese Leh-
       ren aus  der Naturgeschichte wieder in die Geschichte der Gesell-
       schaft zurückzuübertragen,  und eine  gar zu  starke Naivität, zu
       behaupten, man  habe damit  diese Behauptungen als ewige Naturge-
       setze der Gesellschaft nachgewiesen.
       Akzeptieren wir  die Phrase:  Kampf ums Dasein, für einen Moment,
       for argument's  sake 2*). Das Tier bringt's höchstens zum  S a m-
       m e l n,   der Mensch   p r o d u z i e r t,   er  stellt Lebens-
       mittel im  weitesten Sinn  des Worts  dar, die die Natur ohne ihn
       nicht produziert hätte. Damit jede Übertragung von Lebensgesetzen
       der tierischen  Gesellschaften so  ohne weiteres  auf menschliche
       unmöglich gemacht.  Die Produktion  bringt es bald dahin, daß der
       sog. struggle  for existence  3*) sich  nicht mehr  um reine Exi-
       stenzmittel, sondern um Genuß- und Entwicklungsmittel dreht. Hier
       schon -  bei gesellschaftlich  produzierten Entwicklungsmitteln -
       die Kategorien  aus dem  Tierreich total unanwendbar. Endlich er-
       reicht unter der kapitalistischen Produktionsweise die Produktion
       eine solche  Höhe, daß die Gesellschaft die produzierten Lebens-,
       Genuß- und Entwicklungsmittel nicht mehr verzehren kann, weil der
       großen Masse  der Produzenten der Zugang zu diesen Mitteln künst-
       lich und  gewaltsam versperrt  wird; daß  also alle 10 Jahre eine
       Krisis das  Gleichgewicht wiederherstellt durch Vernichtung nicht
       allein der  produzierten Lebens-,  Genuß- und Entwicklungsmittel,
       sondern auch  eines großen Teils der Produktivkräfte selbst - daß
       der sog.  Kampf ums Dasein also  d i e  Form annimmt: die von der
       bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft
       -----
       1*) Krieg aller  gegen alle  - 2*) zwecks  Analyse des Beweises -
       3*) Kampf ums Dasein
       
       #566# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
       -----
       produzierten Produkte und Produktivkräfte gegen die vernichtende,
       zerstörende Wirkung  dieser kapitalistischen Gesellschaftsordnung
       selbst   z u   s c h ü t z e n,   indem die  Leitung der  gesell-
       schaftlichen Produktion  und Verteilung  der dazu  unfähig gewor-
       denen herrschenden  Kapitalistenklasse abgenommen  und der produ-
       zierenden Masse  übertragen wird - und das ist die sozialistische
       Revolution,
       Schon die  Auffassung der Geschichte als einer Reihe von Klassen-
       kämpfen viel inhaltsvoller und tiefer als die bloße Reduktion auf
       schwach verschiedne Phasen des Kampfs ums Dasein.
       
                                    *
       
       V e r t e b r a t a.   Ihr wesentlicher  Charakter: die  G r u p-
       p i e r u n g   d e s   g a n z e n   K ö r p e r s   u m   d a s
       N e r v e n s y s t e m.   Damit die  Möglichkeit der Entwicklung
       zum Selbstbewußtsein  usw. gegeben.  Bei allen  andern Tieren das
       Nervensystem Nebensache,  hier Grundlage der ganzen Organisation;
       das Nervensystem,  bis zu  einem gewissen Grad entwickelt - durch
       Verlängerung des Kopfknotens der Würmer nach hinten -, bemächtigt
       sich des  ganzen Körpers und richtet ihn nach seinen Bedürfnissen
       ein.
       
                                    *
       
       Wenn Hegel vom Leben zum Erkennen übergeht vermittelst der Begat-
       tung (Fortpflanzung)  [402], so  liegt darin im Keim die Entwick-
       lungslehre, daß,  das organische  Leben einmal  gegeben, es  sich
       durch die Entwicklung der Generationen zu einer Gattung denkender
       Wesen entwickeln muß.
       
                                    *
       
       Was Hegel  die Wechselwirkung nennt, ist der  o r g a n i s c h e
       K ö r p e r,   der daher  auch den  Übergang zum Bewußtsein, d.h.
       von der  Notwendigkeit zur  Freiheit, zum  Begriff bildet  (siehe
       "Logik", II, Schluß). [403]
       
                                    *
       
       A n l ä u f e   i n   d e r  N a t u r:  Insektenstaaten (die ge-
       wöhnlichen gehn  nicht über reine Naturverhältnisse hinaus), hier
       sogar sozialer  Anlauf. Ditto  produktive Tiere  mit Handwerkzeug
       (Bienen etc.,  Biber), aber  doch nur Nebendinge und ohne Gesamt-
       wirkung. -  Vorher schon: die Kolonien der Korallen und Hydrozoa,
       wo das  Individuum höchstens Durchgangsstufe und die fleischliche
       community 1*) meist Stufe der Vollentwicklung. Siehe
       -----
       1*) Gemeinschaft
       
       #567# Biologie
       -----
       Nicholson. [404]  - Ebenso  die Infusorien, die höchste und teil-
       weise sehr  differenzierte Form,  zu der  es Eine  Zelle  bringen
       kann.
       
                                    *
       
       A r b e i t.  -  Diese Kategorie wird bei der mechanischen Wärme-
       theorie  aus   der  Ökonomie   in  die  Physik  übertragen  (denn
       p h y s i o l o g i s c h  ist sie noch lange nicht wissenschaft-
       lich determiniert),  aber dabei  ganz anders  bestimmt, was schon
       daraus hervorgeht, daß nur ein ganz geringer untergeordneter Teil
       der ökonomischen Arbeit (Lastheben etc.) sich in Kilogramm-Metern
       ausdrücken läßt.  Trotzdem Neigung,  die thermodynamische Bestim-
       mung von Arbeit auf die Wissenschaften, denen diese Kategorie un-
       ter andrer  Determinierung entlehnt,  rückzuübertragen. Z.B.  sie
       ohne weiteres  brutto 1*) mit der physiologischen Arbeit zu iden-
       tifizieren wie in Fick und Wislicenus' Faulhorn-Experiment [405],
       worin die Hebung eines menschlichen Körpers, disons 2*) 60 kg auf
       die Höhe  von disons 2000 m, also 120 000 kgm, die getane  p h y-
       s i o l o g i s c h e   Arbeit ausdrücken  soll. Es macht aber in
       der getanen  physiologischen Arbeit  einen  enormen  Unterschied,
       w i e   diese Hebung  erfolgt: ob durch positives Heben der Last,
       durch Erklimmung  senkrechter Leitern,  oder auf  einem Weg resp.
       Treppe mit  45° Steigung  (= militärisch impraktikables Terrain),
       oder auf  einem Weg mit Steigung 1/18, also Länge ca. 36 km (dies
       jedoch fraglich,  wenn für  alle Fälle  dieselbe Zeit bewilligt).
       Jedenfalls aber  ist in  allen praktikablen Fällen auch Vorwärts-
       bewegung damit  verknüpft, und  zwar bei  Gradstreckung des  Wegs
       eine ziemlich bedeutende, und diese ist als physiologische Arbeit
       nicht =  0 zu  setzen. Man  scheint stellenweise sogar nicht übel
       Lust zu haben, die thermodynamische Kategorie Arbeit, wie bei den
       Darwinisten  den   Kampf  ums   Dasein,  auch   in  die  Ökonomie
       rückzuimportieren, wobei  nichts als  Unsinn herauskommen  würde.
       Man verwandle  doch irgendwelche skilled labour 3*) in Kilogramm-
       Meter und  versuche darnach  den Arbeitslohn  zu bestimmen!  Phy-
       siologisch betrachtet, enthält der menschliche Körper Organe, die
       in ihrer  Gesamtheit   n a c h  e i n e r  S e i t e  h i n,  als
       thermodynamische Maschine  betrachtet werden können, wo Wärme zu-
       gesetzt und  in Bewegung umgesetzt wird. Aber selbst wenn für die
       übrigen Körperorgane  gleichbleibende Umstände vorausgesetzt wer-
       den, fragt  sich, ob getane physiologische Arbeit, selbst Hebung,
       sich ohne  weiteres in  Kilogramm-Metern  erschöpfend  ausdrücken
       läßt, da gleichzeitig im Körper  i n n e r e s  Werk vorgeht, das
       im Resultat  nicht erscheint.  Der Körper ist eben keine Dampfma-
       schine, die nur Reibung und
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       1*) grob - 2*) sagen wir - 3*) qualifizierte Arbeit
       
       #568# Dialektik der Natur - Notizen und Fragmente
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       Verschleiß erleidet.  Physiologische Arbeit ist nur möglich unter
       fortwährenden chemischen Umsätzen im Körper selbst, auch abhängig
       von dem  Atmungsprozeß und  der Arbeit  des  Herzens.  Bei  jeder
       Muskelkontraktion und  -relaxation finden  in Nerven  und Muskeln
       chemische Umsätze  statt, die  mit denen  der Kohle  der Dampfma-
       schine nicht  parallel zu behandeln sind. Man kann wohl 2 physio-
       logische Arbeiten, die unter sonst gleichen Umständen stattgefun-
       den, vergleichen,  aber nicht  die physische  Arbeit des Menschen
       nach der einer Dampfmaschine etc. messen: ihre äußerlichen Resul-
       tate wohl, aber nicht die Prozesse selbst ohne bedeutenden Vorbe-
       halt.
       (Alles dies stark zu revidieren.)
       

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