Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur
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Materialien zum "Anti-Dühring"
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Aus Engels' Vorarbeiten zum "Anti-Dühring" [407]
Erster Teil
Zum ersten Abschnitt: Philosophie 1*)
zu: III. Einteilung. Apriorismus
[Ideen - Spiegelbilder der Wirklichkeit]
Die Ideen alle der Erfahrung entlehnt, Spiegelbilder - richtig
oder verzerrt - der Wirklichkeit.
zu: III. Einteilung. Apriorismus. S. 32-34
[Materielle Welt und Denkgesetze]
Zwei Arten Erfahrung - äußere, materielle und innere - Denkge-
setze und Denkformen. Denkformen auch teilweise angeerbt durch
Entwicklung (Selbstverständlichkeit z. B. der mathematischen
Axiome für Europäer, sicher nicht für Buschmänner und Australne-
ger).
Wenn wir die Voraussetzungen richtig haben und die Denkgesetze
richtig auf sie anwenden, so muß das Resultat mit der Wirklich-
keit stimmen, ganz wie eine Rechnung der analytischen Geometrie
mit der geometrischen Konstruktion stimmen muß, obwohl beide ganz
verschiedne Verfahrensarten.
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1*) In diesem Abschnitt werden die wichtigsten Fragmente aus En-
gels' handschriftlichen Vorarbeiten zum "Anti-Dühring" gebracht.
Die Hinweise auf Abschnitte und Kapitel des "Anti-Dühring" und
auf die Seiten des vorliegenden Bandes, auf die sich die entspre-
chenden Fragmente beziehen, sowie die in eckigen Klammern einge-
schlossenen Bezeichnungen der Fragmente wurden von der Redaktion
dieses Bandes gegeben
#574# Materialien zum "Anti-Dühring"
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Leider aber fast nie und nur in ganz einfachen Operationen der
Fall.
Die Außenwelt wieder entweder Natur oder Gesellschaft.
zu: III. Einteilung. Apriorismus, S. 32-34; IV. Weltschematik, S.
38-41 und X. Moral und Gerechtigkeit, S. 88/89
[Verhältnis von Denken und Sein]
Das Denken hat zum einzigen Inhalt die Welt und die Denkgesetze.
Die allgemeinen Resultate der Untersuchung der Welt kommen am
Ende dieser Untersuchung heraus, sind also nicht P r i n z i-
p i e n, Ausgangspunkte, sondern R e s u l t a t e, Abschlüs-
se. Diese aus dem Kopf konstruieren, von ihnen als Grundlage
ausgehn und weiter daraus die Welt im Kopf rekonstruieren ist
I d e o l o g i e, eine IdeoIogie, an der bisher auch jeder
Materialismus gelitten, weil er über das Verhältnis von Denken
und Sein wohl in der N a t u r einigermaßen klar war, aber
nicht in der Geschichte, die Abhängigkeit des jedesmaligen Den-
kens von den historisch-materiellen Bedingungen nicht einsah. -
Indem Dühring von "Prinzipien" ausgeht statt von Tatsachen, ist
er Ideolog, und kann den Ideologen nur vertuschen, indem er die
Sätze so allgemein und leer faßt, daß sie a x i o m a t i s c h,
p l a t t erscheinen, wobei denn aber auch nichts herauszufol-
gern, sondern nur hereinzudeuten ist. So gleich der Grundsatz vom
e i n z i g e n S e i n. Die Einheit der Welt und der Blödsinn
des Jenseits ist Resultat der ganzen Weltuntersuchung, soll hier
aber a p r i o r i aus einem D e n k a x i o m bewiesen wer-
den. Daher Unsinn. - Aber ohne diese Umkehrung e i n e
a p a r t e P h i l o s o p h i e n i c h t m ö g l i c h.
zu: III. Einteilung. Apriorismus, S. 34/35
[Die Welt als ein zusammenhängendes Ganzes. Erkenntnis der Welt]
S y s t e m a t i k 1*) nach Hegel unmöglich. Daß die Welt ein
einheitliches System, d. h. ein zusammenhängendes Ganzes vor-
stellt, ist klar, aber die Erkenntnis dieses Systems setzt die
Erkenntnis der g a n z e n Natur und Geschichte voraus, die die
Menschen n i e erreichen. Wer also Systeme macht, muß die zahl-
losen Lücken durch e i g n e E r f i n d u n g ausfüllen, d.h.
i r r a t i o n e l l phantasieren, ideologisieren.
Rationelle Phantasie - alias Kombination!
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1*) Systematik hier im Sinne eines absoluten, vollendeten Systems
#575# Aus Engels' Vorarbeiten zum "Anti-Dühring"
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zu: III. Einteilung. Apriorismus, S. 35-38
[Mathematische Operationen und rein logische Operationen]
Der rechnende Verstand - R e c h e n m a s c h i n e! - Komi-
sche Verwechslung der mathematischen Operationen, die des materi-
ellen Beweises, der Probe fähig sind, weil sie auf unmittelbarer
materieller Anschauung, wenn auch abstrakter, beruhn, mit den
r e i n logischen, die nur des Schlußbeweises fähig, also der
positiven Gewißheit unfähig sind, die die mathematischen Opera-
tionen haben - und wie viele davon auch falsch! Maschine zum
I n t e g r i e r e n, vgl. Andrews speech 1*), "Nature" [408],
Sept. 7, 76.
Schema = Schablone.
zu: III. Einteilung. Apriorismus, S. 35-38 und IV. Weltschematik,
S. 38-41
[Realität und Abstraktion]
Mit dem Satz von der Alleinzigkeit des allumfassenden Seins, den
der Papst und der Scheik ul Islam unterschreiben können, ohne ih-
rer Unfehlbarkeit und Religion etwas zu vergeben, kann Dühring
ebensowenig die ausschließliche M a t e r i a l i t ä t alles
Seins beweisen, wie er aus irgendwelchem mathematischen Axiom ein
Dreieck, eine Kugel herauskonstruieren oder den pythagoräischen
Lehrsatz ableiten kann. Zu beiden gehören reelle Vorbedingungen,
aus deren Untersuchung erst man zu jenen Resultaten kommt. Die
Gewißheit, daß außer der materiellen Welt nicht noch eine spiri-
tuelle separat existiert, ist das Resultat einer langen und lang-
wierigen Untersuchung der rellen Welt, y compris 2*) die Produkte
und Prozeduren des menschlichen Gehirns. Die Resultate der Geome-
trie sind nichts als die natürlichen Eigenschaften der verschied-
nen Linien, Flächen und Körper, resp. deren Kombinationen, die
großenteils schon in der Natur vorkamen, lange ehe die Menschen
da waren (Radiolarien. Insekten, Kristalle usw.).
zu: VI. Naturphilosophie. Kosmogonie, Physik, Chemie, S. 55 ff.
[Die Bewegung - die Daseinsweise der Materie]
D i e B e w e g u n g i s t d i e D a s e i n s w e i s e
d e r M a t e r i e, also mehr als ihre bloße Eigenschaft. Es
gibt nicht und kann nie Materie ohne Bewegung gegeben haben. Be-
wegung im Weltraum, mechanische Bewegung kleinerer Massen auf ei-
nem einzelnen Weltkörper, Molekularschwingung als Wärme, elektri-
sche
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1*) Rede - 2*) einschließlich
#576# Materialien zum "Anti-Dühring"
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Spannung, magnetische Polarisation, chemische Zersetzung und Ver-
bindung, organisches Leben bis zu seinem höchsten Produkt, dem
Denken hinauf - in einer oder der andren dieser Formen der Bewe-
gungen befindet sich jedes einzelne Stoffatom in jedem gegebnen
Augenblick. Alles Gleichgewicht ist entweder nur relative Ruhe
oder selbst Bewegung im Gleichgewicht, wie die der Planeten. Ab-
solute Ruhe ist nur denkbar, wo keine Materie ist. Weder die Be-
wegung als solche, noch eine ihrer Formen wie die mechanische
Kraft, kann also von der Materie getrennt, ihr als etwas Apartes,
Fremdes, entgegengesetzt werden, ohne ad absurdum zu führen.
zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt, S. 64-67
[Natürliche Zuchtwahl]
Dühring sollte froh sein über die natural selection, da sie doch
das beste Exempel gibt für seine bewußte Zweck- und Mittellehre.
- Wenn Darwin die F o r m untersucht, eine natural selection,
in der sich eine langsame Veränderung vollzieht, so verlangt Düh-
ring, Darwin solle auch die U r s a c h e der Veränderung ange-
ben, über die Herr Dühring ebenfalls nichts weiß. Man nehme wel-
chen Fortschritt der Wissenschaft man wolle, Herr Dühring wird
immer erklären, es fehle noch was dran, und so hinreichenden
Grund zur Verdrießlichkeit haben.
zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt
[Über Darwin]
Wie groß erscheint der durch und durch bescheidne Darwin, der
nicht nur Tausende von Tatsachen aus der gesamten Biologie zusam-
menträgt, ordnet und verarbeitet, sondern auch mit Freude jeden
Vorgänger, selbst zur Verkleinerung seines eignen Ruhms zitiert,
und wäre er noch so unbedeutend, gegenüber dem prahlenden Düh-
ring, der selbst nichts leistet, dem aber niemand genug leisten
kann und der ...
zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt, S. 65-67 und VIII.
(Schluß), S. 73/74
Dühringiana. Darwinismus p. 115 [409]
A n p a s s u n g der Pflanzen eine Kombination physikalischer
Kräfte oder chemischer Agenzien, also keine Anpassung. Wenn "die
Pflanze in ihrem Wachstum den Weg nimmt, auf dem sie das meiste
Licht erhält", so tut sie
#577# Aus Engels' Vorarbeiten zum "Anti-Dühring"
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das auf verschiednen Wegen und in verschiedner Weise, die je nach
Art und Beschaffenheit der Pflanze verschieden ist. Die physika-
lischen Kräfte und chemischen Agenzien wirken aber hier in jeder
Pflanze besonders, und helfen der Pflanze, die doch etwas andres
ist als diese "chemischen und physikalischen etc.", das ihr nö-
tige Licht auf dem ihr durch lange Vorentwicklung eigen gewordnen
Wege zu erreichen. Ja, dies Licht wirkt wie ein Reiz auf die
Pflanzenzellen und setzt in ihnen eben diese Kräfte und Agenzien
als Reaktion in Bewegung. Indem die Sache in einem organischen
Zellenbau vor sich geht und die Form von Reiz und Reaktion durch-
macht, die hier ebensogut vorkommt wie in der Nervenvermittlung
im menschlichen Gehirn, ist bei beiden derselbe Ausdruck Anpas-
sung angebracht. Und wenn Anpassung platterdings durch Bewußtsein
vermittelt sein soll, wo fängt das Bewußtsein und die Anpassung
an, und wo hört sie auf? Bei der Monere [42], bei der insekten-
fressenden Pflanze, beim Schwamm, bei der Koralle, beim ersten
Nerv? Dühring würde den Naturforschern alten Schlages einen enor-
men Gefallen tun, wenn er die Grenze ziehen wollte. Protoplasma-
reiz und Protoplasmareaktion finden sich überall, wo lebendes
Protoplasma ist - und indem die Einwirkung langsam sich verän-
dernder Reize es bedingt, daß das Protoplasma sich ebenfalls ver-
ändert, wenn es nicht untergehn soll, so ist der Ausdruck Anpas-
sung n o t w e n d i g für alle organischen Körper derselbe.
1*)
zu: VII. Naturphilosophie. Organische Welt, S. 65/66 ff.
[Anpassung und Vererbung]
Anpassung und Vererbung von Haeckel als Anpassung = negativ oder
ändernd, Vererbung = positiv oder erhaltend in Beziehung auf
Entwicklung der Arten gefaßt. Dagegen Dühring p. 122, daß die
Vererbung auch negative Resultate, v e r ä n d e r n d wirke.
(Wobei schöner Kohl von Präformation. [178)) Nun ist nichts
leichter, wie bei allen solchen Gegensätzen, sie umzukehren und
nachzuweisen, daß die Anpassung grade durch Veränderung der
F o r m das Wesentliche, das O r g a n s e l b s t, erhält,
während die Vererbung schon durch Mischung von stets 2 andern In-
dividuen stets Veränderungen hervorbringt, deren Häufung einen
Artwechsel nicht ausschließt. Sie vererbt ja auch die Resultate
der Anpassung! Dabei kommen wir aber keinen Schritt weiter. Wir
müssen den T a t b e s t a n d nehmen und untersuchen, wie er
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1*) Randbemerkung von Engels: "Und die unwillkürliche Anpassung
auch bei Tieren die Hauptsache"
#578# Materialien zum "Anti-Dühring"
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ist, und da findet sich allerdings, daß Haeckel ganz recht hat,
die Vererbung wesentlich als die konservative, positive, die An-
passung als die revolutionierende, negative Seite des Prozesses
anzusehn. Zähmung und Züchtung sowie unwillkürliche Anpassung
sprechen da lauter als alle "subtilen Auffassungen" Dührings.
zu: VIII. Naturphilosophie. Organische Welt (Schluß), S. 73-77
Dühring, p. 141.
L e b e n. Daß der Stoffwechsel die wichtigste Erscheinung des
Lebens, ist schon seit 20 Jahren von physiologischen Chemikern
und chemischen Physiologen x-mal gesagt und hier wiederholt zur
Definition des Lebens erhoben. Aber weder genau noch erschöpfend.
Wir finden Stoffwechsel auch in A b w e s e n h e i t des Le-
bens, z.B. bei einfachen chemischen Prozessen, die bei genügender
Zufuhr von Rohstoffen ihre eignen Bedingungen stets neu erzeugen
und wobei ein bestimmter Körper Träger des Prozesses ist (Bei-
spiele s. Roscoe, [S.] 102; Schwefelsäurefabrikation [410]), bei
Endosmose und Exosmose (toter organischer und selbst unorgani-
scher Membranen?), bei den Traubeschen Kunstzellen [46] und ihrem
Medium. Der Stoffwechsel, der das Leben ausmachen soll, müßte
also erst noch selbst näher bestimmt werden. Mit aller tiefen
Grundlegung, subtilen Auffassung und feineren Untersuchung sind
wir also der Sache noch nicht auf den Grund gekommen und fragen
noch immer, was ist Leben?
Definitionen sind für die Wissenschaft wertlos, weil stets unzu-
länglich. Die einzig reelle Definition ist die Entwicklung der
Sache selbst, und diese ist aber keine Definition mehr. Um zu
wissen und zu zeigen, was das Leben ist, müssen wir alle Formen
des Lebens untersuchen und im Zusammenhang darstellen. Dagegen
kann für den H a n d g e b r a u c h eine kurze Darlegung der
allgemeinsten und zugleich bezeichnendsten Charaktere in einer
sog. Definition oft nützlich und sogar notwendig sein, und kann
auch nicht schaden, wenn man von ihr nicht mehr verlangt, als sie
eben aussprechen kann. Versuchen wir also eine derartige Defini-
tion des Lebens zu geben, an der sich soviel Leute die Zähne aus-
gebissen (s. Nicholson [411]).
Leben ist die Daseinsweise der Eiweißkörper und diese Daseins-
weise besteht wesentlich in der beständigen Erneuerung ihrer che-
mischen Bestandteile durch Ernährung und Ausscheidung ...
Aus dem organischen Stoffwechsel als wesentlicher Funktion des
Eiweißes und aus der ihm eigenen Plastizität leiten sich dann
alle andern einfachsten Lebensfunktionen ab - Reizbarkeit, die
schon in der Wechseleinwirkung
#579# Aus Engels' Vorarbeiten zum "Anti-Dühring"
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von Nahrung und Eiweiß eingeschlossen liegt - Kontraktilität im
Verzehren der Nahrung - Wachstumsmöglichkeit, die auf der unter-
sten Stufe (Monere [42]) die Fortpflanzung durch Teilung ein-
schließt - innere Bewegung, ohne die weder Verschlingen noch As-
similieren der Nahrung möglich. Wie aber der Fortschritt vom ein-
fachen plastischen Eiweiß zur Zelle und damit zur Organisation
sich vollzieht, das muß die Beobachtung erst lehren, und eine
derartige Untersuchung gehört auch nicht in eine einfache Handde-
finition des Lebens. ([Das] D[ühring]sche kennt p. 141 noch eine
ganze Zwischenwelt, da ohne ein Zirkulationskanalsystem und ein
"Keimschema" kein eigentliches Leben. Die Stelle prachtvoll.)
zu: X. Moral und Recht. Gleichheit, S. 89-95
Dühring - Ökonomie - Die beiden Männer
Solange von Moral die Rede, kann Dühring sie als gleich setzen,
aber sowie die Ökonomie anfängt, hört das auf. Wenn z.B. diese
beiden Männer sind ein Yankee broken in to all trades 1*) und ein
Berliner Studiosus, der nichts mitbringt als sein Abiturienten-
zeugnis und die Wirklichkeitsphilosophie, dabei aus Prinzip nie
auf dem Fechtboden gestärkte Arme, wo bleibt die Gleichheit? Der
Yankee produziert alles, der Studiosus hilft bloß hier und da,
und nach den Erträgen richtet sich die Verteilung, und in kurzem
wird der Yankee die Mittel haben, etwaigen Zuwachs der Kolonie
(durch Kinder oder Zuzug) kapitalistisch auszubeuten. Der ganze
moderne Zustand, kapitalistische Produktion und alles kann also
leicht aus den 2 Männern entstehn, ohne daß Einer einen Säbel
braucht.
zu: X. Moral und Recht. Gleichheit, S. 95-100
D ü h r i n g i a n a
G l e i c h h e i t - G e r e c h t i g k e i t. - Die Vor-
stellung, daß die Gleichheit der Ausdruck der Gerechtigkeit, das
Prinzip der vollkommnen politischen oder sozialen Anordnung, ist
ganz historisch entstanden. Bei den naturwüchsigen Gemeinwesen
existierte sie nicht, oder doch nur sehr beschränkt, für das
vollberechtigte Mitglied eines einzelnen Gemeinwesens und war be-
haftet mit Sklaverei. Dito in der antiken Demokratie. Die Gleich-
heit aller Menschen, Griechen, Römer und Barbaren, Freier und
Sklaven, Staatsangehöriger und Fremder, Bürger und Schutzverwand-
ter etc., war für den
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1*) mit allen Wassern gewaschener Yankee
#580# Materialien zum "Anti-Dühring"
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antiken Kopf nicht nur verrückt, sondern verbrecherisch, und ihr
erster Anfang wurde im Christentum konsequent verfolgt. - Im
Christentum zuerst die n e g a t i v e G l e i c h h e i t
a l l e r M e n s c h e n v o r G o t t a l s S ü n d e r,
und in engerer Fassung die Gleichheit der einen wie der andren
durch die Gnade und das Blut Christi erlösten Kinder Gottes.
Beide Fassungen begründet in der Rolle des Christentums als Reli-
gion der Sklaven, Verbannten, Verstoßenen, Verfolgten, Unter-
drückten. Mit dem Sieg des Christentums fiel dies Moment in den
Hintergrund, der Gegensatz von Gläubigen und Heiden, Orthodoxen
und Ketzern wurde nächste Hauptsache. - Mit dem Aufkommen der
Städte, und damit der mehr oder minder entwickelten Elemente der
Bourgeoisie wie des Proletariats, mußte auch die Forderung der
Gleichheit als Bedingung der bürgerlichen Existenz allmählich
wieder aufdämmern und sich daran die proletarische Konsequenzzie-
herei von der politischen auf die soziale Gleichheit knüpfen.
Dies, natürlich in religiöser Form, zuerst scharf ausgesprochen
im Bauernkrieg. - Die bürgerliche Seite zuerst scharf, aber noch
als allgemein menschlich formuliert durch Rousseau. Wie bei allen
Forderungen der Bourgeoisie steht auch hier das Proletariat als
verhängnisvoller Schatten daneben und zieht seine Konsequenzen
(Babeuf). Dieser Zusammenhang zwischen bürgerlicher Gleichheit
und proletarischer Konsequenzzieherei näher zu entwickeln.
Es hat also fast die ganze bisherige Geschichte dazu gebraucht,
den Satz von der Gleichheit = Gerechtigkeit herauszuarbeiten, und
erst als eine Bourgeoisie und ein Proletariat existierten, ist es
gelungen. Der Satz der Gleichheit ist aber der, daß keine
V o r r e c h t e bestehen sollen, ist also wesentlich n e-
g a t i v, erklärt die ganze bisherige Geschichte für schlecht.
Wegen seines Mangels an positivem Inhalt und wegen seiner kurz-
händigen Verwerfung alles Frühern eignet er sich ebensosehr für
Aufstellung durch eine große Revolution, [S.] 89-96, wie für
spätere systemfabrizierende Flachköpfe. Aber Gleichheit = Ge-
rechtigkeit als höchstes Prinzip und letzte Wahrheit hinstellen
zu wollen, ist absurd. Gleichheit besteht bloß im Gegensatz zu
Ungleichheit, Gerechtigkeit zu Unrecht, sind also noch mit dem
Gegensatz zur alten bisherigen Geschichte behaftet, also mit der
alten Gesellschaft selbst. 1*)
Das schließt schon aus, daß sie die e w i g e Gerechtigkeit,
Wahrheit ausmachen sollen. Wenige Generationen gesellschaftlicher
Entwicklung unter
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1*) Randbemerkung von Engels: "Die Gleichheitsvorstellung aus der
Gleichheit der allgemeinen menschlichen Arbeit in der Warenpro-
duktion." "Kapital", p. 36 (siehe Band 23 unserer Ausgabe, S.
73/74)
#581# Aus Engels' Vorarbeiten zum "Anti-Dühring"
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kommunistischem Regime und unter den vermehrten Hülfsmitteln müs-
sen die Menschen dahin bringen, daß dies Pochen auf Gleichheit
und Recht ebenso lächerlich erscheint wie heute Pochen auf Adels-
etc. Geburtsvorrechte, daß der Gegensatz zur alten Ungleichheit
und zum alten positiven Recht, ja auch zum neuen Übergangsrecht
aus dem praktischen Leben verschwunden ist, daß, wer auf pedanti-
sche Aushändigung seines gleichen und gerechten Produktenanteils
beharrt, mit Aushändigung des Doppelten verhöhnt wird. Selbst
Dühring wird dies "absehbar" finden, und wo bleibt dann die
Gleichheit und Gerechtigkeit, als in der Rumpelkammer der histo-
rischen Erinnerung? Weil dergleichen zur Agitation heute vor-
trefflich ist, ist es noch lange keine ewige Wahrheit.
(I n h a l t der Gleichheit zu entwickeln. - Beschränkung auf
Rechte usw.)
Übrigens ist die abstrakte Gleichheitstheorie auch heute und für
eine längere Zukunft noch ein Widersinn. Es wird keinem soziali-
stischen Proletarier oder Theoretiker einfallen, die abstrakte
Gleichheit zwischen sich und einem Buschmann oder Feuerländer, ja
nur einem B a u e r n oder halbfeudalen Landtaglöhner anerken-
nen zu wollen; und von dem Moment an, wo dies nur auf europäi-
schem Boden überwunden ist, ist auch der abstrakte Gleichheits-
standpunkt überwunden. Mit Einführung der rationellen Gleichheit
verliert diese Gleichheit selbst alle Bedeutung. Wenn die Gleich-
heit jetzt gefordert wird, so geschieht es in Antizipation der
damit u n t e r j e t z i g e n h i s t o r i s c h e n
V e r h ä l t n i s s e n von selbst folgenden intellektuellen
und moralischen A u s g l e i c h u n g. Eine e w i g e Moral
muß aber zu allen Zeiten möglich gewesen sein und es a l l e r-
o r t s sein. Das von der Gleichheit zu behaupten, fällt selbst
Dühring nicht ein, im Gegenteil, er macht sein Provisorium der
Repression, gibt also zu, daß sie keine ewige Wahrheit, sondern
historisches Produkt und Attribut bestimmter historischer
Zustände ist.
Die Gleichheit des Bourgeois (Abschaffung der Klassen p r i v i-
l e g i e n) ist sehr verschieden von der des Proletariers
(Abschaffung der Klassen selbst). Weiter als diese letzte
getrieben, d. h. abstrakt gefaßt, wird die Gleichheit Widersinn.
Wie denn auch Herr Dühring schließlich genötigt ist, Gewalt,
bewaffnete wie administrative, richterliche und polizeiliche,
durch eine Hintertür wieder einzuführen.
So ist die V o r s t e l l u n g d e r G l e i c h h e i t
s e l b s t e i n h i s t o r i s c h e s P r o d u k t, zu
deren Herausarbeitung die ganze Vorgeschichte nötig, die also
nicht von Ewigkeit her als Wahrheit existierte. Daß sie sich
jetzt bei der Mehrzahl der Leute - en principe 1*) - von selbst
versteht, ist keine Wirkung ihrer Axiomhaftigkeit,
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1*) grundsätzlich
#582# Materialien zum "Anti-Dühring"
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sondern der V e r b r e i t u n g d e r I d e e n d e s 1 8.
J a h r h u n d e r t s. Und wenn daher die beiden famosen Män-
ner sich heute auf den Boden der Gleichheit stellen, so kommt das
eben daher, daß sie als jebildete Leute des 19. Jahrhunderts vor-
gestellt werden und ihnen dies "n a t ü r l i c h" ist. Wie
sich w i r k l i c h e Leute verhalten und verhalten haben,
hängt und hing stets von den geschichtlichen Verhältnissen ab,
unter denen sie lebten.
zu: IX. Moral und Recht. Ewige Wahrheiten, S. 86-88 und X. Moral
und Recht. Gleichheit, S. 95-100
[Abhängigkeit der Ideen von den gesellschaftlichen Verhältnissen]
Die Vorstellung, als ob d i e I d e e n u n d V o r-
s t e l l u n g e n d e r M e n s c h e n i h r e L e-
b e n s b e d i n g u n g e n s c h ü f e n und nicht umge-
kehrt, wird durch die ganze bisherige Geschichte dementiert, in
der stets etwas andres als das Gewollte herauskam, meist im wei-
teren Verlauf sogar das Gegenteil. Erst in einer mehr oder weni-
ger entfernten Zukunft kann sie sich insofern realisieren, als
die Menschen die Notwendigkeit einer durch die sich ändernden
Verhältnisse gebotenen Änderung der gesellschaftlichen Verfassung
(sit venia verbo 1*)) vorher erkennen und wollen, ehe sie sich
ihnen unbewußt und ungewollt aufzwingt. - Dies gilt auch von den
R e c h t s vorstellungen, also der Politik (und as far as that
goes 2*), dieser Punkt unter der "Philosophie" zu behandeln - die
"Gewalt" bleibt für die Ökonomie).
zu: XI. Moral und Recht. Freiheit und Notwendigkeit, S. 106/107
(siehe auch: Dritter Abschnitt, V. Staat, Familie, Erziehung, S.
294-296)
Schon die richtige Widerspiegelung der N a t u r äußerst
schwer, Produkt einer langen Erfahrungsgeschichte. Die Natur-
kräfte dem ursprünglichen Menschen etwas Fremdes, Geheimnis-
volles, Überlegnes. Auf einer gewissen Stufe, die a l l e Kul-
turvölker durchmachen, assimiliert er sie sich durch Personi-
fikation. Dieser Personifikationstrieb schuf eben überall Götter,
und der consensus gentium 3*) des Beweises vom Dasein Gottes
beweist eben nur die Allgemeinheit dieses Personifikationstriebs
als notwendiger Durchgangsstufe, also auch der Religion. Erst die
wirkliche Erkenntnis der Naturkräfte vertreibt die Götter oder
den Gott aus einer Position nach der andern
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1*) Entschuldigung für das Wort - 2*) soweit es geht - 3*) die
Übereinstimmung der Völker hinsichtlich
#583# Aus Engels" Vorarbeiten zum "Anti-Dühring"
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(Secchi und sein Sonnensystem). Dieser Prozeß jetzt so weit, daß
er theoretisch als abgeschlossen angesehen werden kann.
In G e s e l l s c h a f t s a c h e n die Widerspiegelung noch
schwieriger. Die Gesellschaft wird bestimmt durch die ökonomi-
schen Verhältnisse, Produktion und Austausch, nebst den ge-
schichtlichen Vorbedingungen.
zu: XII. Dialektik. Quantität und Qualität, S. 111-114 (siehe
auch: Einleitung, S. 20-23)
Gegensatz - wenn ein Ding mit dem Gegensatz behaftet ist, so be-
findet es sich mit sich selbst im W i d e r s p r u c h, und
sein Gedankenausdruck ebenfalls. Z. B. daß ein Ding gleichzeitig
dasselbe bleibt und sich doch stets verändert, den Gegensatz von
"Beharrung" und "Veränderung" an sich hat, ist ein
W i d e r s p r u c h.
zu: XIII. Dialektik. Negation der Negation
[Negation der Negation]
Alle indogermanischen Völker fangen an mit dem Gemeineigentum.
Bei fast allen wird es im Verlauf der gesellschaftlichen Entwick-
lung aufgehoben, n e g i e r t, durch andre Formen - Privatei-
gentum, feudales Eigentum, etc. - verdrängt. Diese Negation zu
negieren, das Gemeineigentum auf einer höhern Entwicklungsstufe
wieder herzustellen, ist die Aufgabe der - sozialen Revolution.
Oder: die antike Philosophie war ursprünglich naturwüchsiger Ma-
terialismus. Aus diesem ging Idealismus, Spiritualismus, Negation
des Materialismus hervor, erst in der Gestalt des Gegensatzes von
Seele und Leib, dann in der Unsterblichkeitslehre und im Monothe-
ismus. Vermittelst des Christentums wurde dieser Spiritualismus
allgemein verbreitet. Die Negation dieser Negation ist - die Re-
produktion des alten auf höherer Stufe, der moderne Materialis-
mus, der im wissenschaftlichen Sozialismus seinen theoretischen
Abschluß, der Vergangenheit gegenüber, findet ...
Diese natürlichen und historischen Prozesse haben selbstredend
ihren Reflex im denkenden Gehirn und reproduzieren sich darin,
wie sich dies schon bei den obigen Beispielen von -a × -a etc.
zeigt; und grade die höchsten dialektischen Aufgaben lösen sich
nur vermittelst dieser Methode.
Nun gibt's aber auch eine schlechte, unfruchtbare Negation. - Die
wahre, natürliche, historische und dialektische Negation ist ja
eben das Treibende (formell genommen) aller Entwicklung - die
Spaltung in Gegensätze, deren Kampf und Lösung, wobei (in der Ge-
schichte teilweise, im
#584# Materialien zum "Anti-Dühring"
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Denken ganz) auf Grund der gewonnenen Erfahrung der ursprüngliche
Ausgangspunkt, aber auf höherer Stufe wieder erreicht wird. -
Diese unfruchtbare Negation ist die rein subjektive, individu-
elle, die nicht ein Entwicklungsstadium der Sache selbst, sondern
eine von außen hineingetragne M e i n u n g ist. Und da bei ihr
nichts herauskommen kann, muß der so Negierende sich in Unfrieden
mit der Welt befinden, alles Vorhandene und Geschehene, die ganze
historische Entwicklung, griesgrämig bemängeln. Die alten Grie-
chen haben zwar einiges geleistet, aber sie kannten keine Spek-
tralanalyse, keine Chemie, keine Differentialrechnung, keine
Dampfmaschine, keine Chausseen, elektrischen Telegraph und Eisen-
bahn. Was soll man sich noch viel mit den Produkten solcher un-
tergeordneten Leute aufhalten. Alles ist schlecht - soweit ist
diese Art Negant Pessimist - bis auf Allerhöchst uns selbst, die
wir vollkommen sind, und somit geht unser Pessimismus in unserm
Optimismus auf. Und somit haben wir selbst Negation der Negation
begangen!
Sogar die Rousseausche Vorstellungsweise von der Geschichte:
ursprüngliche Gleichheit - Verderben durch Ungleichheit - Her-
stellung der Gleichheit auf einer höhern Stufe - ist Negation der
Negation. 1*)
Idealismus - i d e a l e Auffassung etc. von Dühring fortwäh-
rend gepredigt. Wenn wir aus den bestehenden Verhältnissen die
Konsequenz für die Zukunft ziehn, wenn wir die p o s i t i v e
Seite der in der laufenden Geschichte wirksamen n e g a t i-
v e n Elemente auffassen und untersuchen - und das tut sogar in
seiner Art der philisterhafteste Fortschrittler, selbst der
Idealist Lasker - so nennt Dühring das "Idealismus" und zieht
draus für sich das Recht, eine phantastische, weil auf Unwis-
senheit beruhende Zukunftskonstruktion zu machen bis auf den
Schulplan. Daß er dabei auch N e g a t i o n d e r N e g a-
t i o n b e g e h t, übersieht er.
zu: XIII. Dialektik. Negation der Negation, S. 127-129
Negation der Negation und Widerspruch.
Das "Nichts" eines Positiven ist ein bestimmtes Nichts, sagt He-
gel. [412]
"Die Differentiale können angesehen und behandelt werden als
w i r k l i c h e 2*) N u l l e n, die aber unter sich in ei-
nem durch den Stand der grade vorliegenden Frage bestimmten Ver-
hältnis stehen." Dies sei mathematisch k e i n U n s i n n,
sagt Bossut [413]
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1*) Dieser Absatz steht am Rande des Manuskripts ohne Angabe der
Stelle, auf die er sich bezieht - 2*) Hervorhebung von Engels
#585# Aus Engels' Vorarbeiten zum "Anti-Dühring"
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0/0 könne einen sehr bestimmten Wert haben, wenn entstanden durch
gleichzeitiges Verschwinden des Zählers und Nenners. Dito 0:0 =
A:B, wo 0/0 = A/B, also mit dem Wert von A und B wechsle (p. 95,
Beispiele).
Und ist das kein "Widerspruch", daß Nullen in Verhältnissen
stehn, d.h. nicht nur Wert überhaupt, sondern sogar verschiedne
Werte haben könnten, die in Zahlen ausgedrückt werden können? 1:2
= 1:2; 1 - 1:2 - 2 = 1:2; 0:0= 1:2 [414].
Dühring sagt selbst, daß jene Summationen unbeschränkt kleiner
Größen, die höchsten etc. der Mathematik sind, zu deutsch die
Integralrechnung. Und wie vollzieht sich diese? Ich habe 2, 3
oder mehr variable Größen, d. h. solche, die bei ihrer Verände-
rung ein bestimmtes Verhältnis unter sich beobachten. Meinetwegen
2, x und y, und soll eine bestimmte, durch gewöhnliche Mathematik
unlösbare Aufgabe lösen, in der x und y fungieren. Ich differen-
ziere x und y, d. h. ich nehme x und y so unendlich klein an, daß
sie gegen jede noch so kleine wirkliche Größe verschwinden - daß
von x und y nichts bleibt als i h r g e g e n s e i t i g e s
V e r h ä l t n i s, ohne alle materielle Grundlage, dx/dy ist
also 0/0, aber 0/0 gesetzt im Verhältnis von x/y. Daß dies Ver-
hältnis zwischen zwei verschwundnen Größen, der fixierte Moment
ihres Verschwindens, ein Widerspruch ist, kann uns nicht stören.
Was anders also habe ich getan, als daß ich x und y
n e g i e r t habe, aber nicht so, daß ich mich nicht mehr um
sie kümmre, sondern in der der Sache entsprechenden Weise. Statt
x und y habe ich ihre Negation, dx und dy, in den mir vorliegen-
den Formeln oder Gleichungen. Ich rechne nun mit diesen Formeln
wie gewöhnlich, behandle dx und dy als ob sie wirkliche Größen
wären, und an einem gewissen Punkt - negiere ich die Negation, d.
h. integriere die Differentialformel, setze an Stelle von dx und
dy die wirklichen Größen x und y und bin damit nicht wieder so
weit wie vorher, sondern ich habe damit die Aufgabe gelöst, an
der sich die gewöhnliche Geometrie und Algebra vergebens die
Zähne ausbeißen.
Zum zweiten Abschnitt: Politische Ökonomie
zu: II. Gewaltstheorie
S k l a v e r e i, wo sie Hauptform der Produktion, macht die
Arbeit zu sklavischer Tätigkeit, also entehrend für Freie. Damit
der Ausweg aus einer
#586# Materialien zum "Anti-Dühring"
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solchen Produktionsweise verschlossen, während andrerseits die
entwickeltere Produktion an der Sklaverei ihre Schranke findet
und zu deren Beseitigung gedrängt wird. An diesem Widerspruch
geht jede auf Sklaverei gegründete Produktion und die auf ihr ge-
gründeten Gemeinwesen zugrunde. Lösung in den meisten Fällen
durch gewaltsame Knechtung der verkommenden Gemeinwesen durch an-
dre, stärkere (Griechenland durch Mazedonien und später Rom); so-
lange diese selbst auf Sklaverei beruhen, wird das Zentrum nur
verlegt und der Prozeß auf höherer Stufe wiederholt bis (Rom)
endlich ein Volk erobert, das eine andre Produktionsform an die
Stelle der Sklaverei setzt. Oder aber die Sklaverei wird durch
Zwang oder freiwillig abgeschafft und dann g e h t d i e
b i s h e r i g e P r o d u k t i o n s w e i s e z u g r u n-
d e; an Stelle der großen Kultur tritt Squatterparzellenbau wie
in Amerika. Insofern ging auch Griechenland an der Sklaverei
zugrunde, wobei noch Aristoteles: daß der Umgang mit Sklaven die
Bürger demoralisiert - abgesehn davon, daß sie den Bürgern das
Arbeiten unmöglich macht. (Haussklaverei wie im Orient eine andre
Sache: hier bildet sie nicht direkt die Grundlage der Produktion,
sondern indirekt, als ein Bestandteil der Familie, und sie geht
unmerklich in die Familie über (Haremssklavinnen).)
zu: III. Gewaltstheorie (Fortsetzung)
Die Dühringsche verwerfliche Geschichte wird beherrscht von der
G e w a l t. Die wirkliche, fortschreitende [historische Bewe-
gung wird beherrscht] von m a t e r i e l l e n E r r u n-
g e n s c h a f t e n, die b l e i b e n.
zu: III. Gewaltstheorie (Fortsetzung)
Und womit wird die Gewalt, die Armee erhalten? Durch G e l d.
Also sofort wieder abhängig von der Produktion. Vgl. Athens
Flotte und Politik. (380-340[v.u.Z.]) Die Gewalt über die Bundes-
genossen scheiterte am Mangel der materiellen Mittel, lange und
kräftige Kriege zu führen. Die englischen Subsidien, durch die
neue große Industrie geschaffen, schlugen Napoleon.
zu: III. Gewaltstheorie (Fortsetzung)
[Partei und militärische Ausbildung]
Beim Kampf ums Dasein und Dührings Deklamationen gegen Kampf und
Waffen hervorzuheben die Notwendigkeit, daß eine revolutionäre
Partei auch den Kampf kenne: die Revolution steht ihr möglicher-
weise einmal bevor; aber nicht gegen den jetzigen militärisch-bü-
rokratischen Staat, das
#587# Aus Engels' Vorarbeiten mm "Anti-Dühring"
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wäre politisch ebenso wahnsinnig, wie Babeufs Versuch, vom Direk-
torium [130] sofort in den Kommunismus zu springen, ja noch wahn-
sinniger, denn das Direktorium war doch eine bürgerliche und bäu-
erliche Regierung. Aber gegen den auf den jetzigen folgenden
Bourgeoisstaat kann die Partei zu revolutionären Schritten, zur
Wahrung der von der Bourgeoisie selbst gegebnen Gesetze gezwungen
werden. Daher die allgemeine Wehrpflicht in unsren Interessen,
und sollte von allen benutzt werden, um den Kampf zu lernen, be-
sonders aber von denen, deren Bildung ihnen erlaubt, als ein-
jährige Freiwillige die militärische Bildung zum Offizier sich zu
erwerben.
zu: IV. Gewaltstheorie (Schluß)
Zur "Gewalt"
Daß die Gewalt auch revolutionär wirkt, und zwar in allen
entscheidenden "kritischen" Epochen wie beim Übergang zur Sozia-
lität und da auch nur als Notwehr gegen reaktionäre auswärtige
Feinde, anerkannt. Aber die bei Marx dargestellte Umwälzung des
16. Jahrhunderts in England hatte auch ihre revolutionäre Seite,
sie war eine Grundbedingung der Verwandlung des feudalen Grundbe-
sitzes in bürgerlichen und der Entwicklung der Bourgeoisie. Die
französische Revolution 1789 wandte ebenfalls bedeutend Gewalt
an, der 4. August sanktionierte bloß die Gewalthandlungen der
Bauern und wurde ergänzt durch die Konfiskation der adligen und
kirchlichen Güter. [415] Die Gewalteroberung der Germanen, die
Gründung von Eroberungsreichen, wo das Land und nicht die Stadt
herrschte (wie im Altertum), war begleitet - und eben aus diesem
letzteren Grund - mit Verwandlung der Sklaverei in die leichtere
Leibeigenschaft resp. Hörigkeit (im Altertum Latifundien beglei-
tet von Verwandlung von Ackerland in Viehweide).
zu: IV. Gewaltstheorie (Schluß)
[Gewalt, Gemeineigentum, Ökonomie und Politik]
Als die Indogermanen nach Europa einwanderten, verdrängten sie
die Urbewohner mit G e w a l t und bebauten das Land mit Ge-
meindebesitz. Bei Kelten, Germanen und Slawen dies letztere noch
historisch nachweisbar, und bei Slawen, Germanen und selbst Kel-
ten (rundale) existiert es noch, selbst unter der Form direkter
(Rußland) oder indirekter Hörigkeit (Irland). Die Gewalt hörte
auf, sobald die Lappen und Basken vertrieben. Nach innen
herrschte Gleichheit oder resp. freiwillig zugestandene Bevor-
zugung. Da, wo aus dem Gemeineigentum das Privateigentum der ein-
zelnen
#588# Materialien zum "Anti-Dühring"
-----
Bauern am Boden entstand, vollzog sich bis zum 16. Jahrhundert
diese Teilung rein spontan unter den Gemeindegliedern, sie er-
folgte meist ganz allmählich und Reste von Gemeinbesitz blieben
sehr gewöhnlich. Von G e w a l t war keine Rede, diese richtete
sich erst gegen die Reste (England 18. und 19., Deutschland
hauptsächlich 19. Jahrhundert). Irland ist ein besondrer Fall.
Dies Gemeineigentum hat in Indien und Rußland unter den verschie-
densten Gewaltseroberungen und Despotismen ruhig fortbestanden
und seine Basis gebildet. Rußland ein Beweis, wie die
Produktionsverhältnisse die politischen Gewaltsverhältnisse be-
stimmen. Bis Ende des 17. Jahrhunderts der russische Bauer wenig
gedrückt, freizügig, kaum hörig. Der erste Romanow band die Bau-
ern an die Scholle. Mit Peter fing der auswärtige Handel Rußlands
an, das nur Ackerbauprodukte auszuführen hatte. D a m i t die
Bedrückung der Bauern, die in demselben Verhältnis stieg wie die
A u s f u h r, u m d e r e n t w i l l e n s i e e r f o l g-
t e, bis Katharina diese Bedrückung vollständig machte und die
Gesetzgebung abschloß. Diese Gesetzgebung erlaubte aber den Guts-
besitzern, die Bauern immer mehr zu schinden, so daß der Druck
mehr und mehr stieg.
zu: IV. Gewaltstheorie (Schluß)
Wenn die Gewalt die Ursache der sozialen und politischen Zu-
stände, was denn die Ursache der Gewalt? Die Aneignung fremder
Arbeits p r o d u k t e und fremder Arbeits k r a f t. Die Ge-
walt konnte den Verzehr der Produkte ändern, aber nicht die Pro-
duktionsweise selbst, sie konnte nicht Fronarbeit in Lohnarbeit
verwandeln, es sei denn, daß die Bedingungen dazu vorhanden und
die Fronform eine Fessel der Produktion geworden.
zu: IV. Gewaltstheorie (Schluß)
Bisher Gewalt - von jetzt an Sozialität. Reiner frommer Wunsch,
Forderung der "Gerechtigkeit". Aber schon Th. Morus hat diese
Forderung vor 350 Jahren gestellt [23], ohne daß sie erfüllt.
Weshalb sollte sie denn jetzt erfüllt werden? Dühring hat keine
Antwort. In Wirklichkeit, die große Industrie stellt die
Forderung nicht als eine der Gerechtigkeit, sondern als
Notwendigkeit der Produktion auf, und das ändert alles.
#589# Aus Engels' Vorarbeiten zum "Anti-Dühring"
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Zum dritten Abschnitt: Sozialismus
zu: I. Geschichtliches
Fourier ("Nouveau monde industriel et sociétaire"). [418]
Element der U n g l e i c h h e i t: "da der Mensch instinktiv
ein Feind der Gleichheit ist" [p.] 59.
"Dieser Betrugsmechanismus, den man Zivilisation nennt", 81.
"Man sollte es vermeiden, sie" (die Frauen), "wie es bei uns üb-
lich ist, auf undankbare Aufgaben, auf Bedientenrollen zu be-
schränken, die ihnen von der Philosophie zugewiesen werden, wel-
che behauptet, daß eine Frau nur dazu geschaffen ist, die Töpfe
zu waschen und alte Hosen zu flicken", 141.
"Gott hat die Arbeit in der Manufaktur mit einer Dosis von Anzie-
hungskraft bedacht, die nur einem Viertel der Zeit entspricht,
welche der gesellschaftliche Mensch der Arbeit widmen kann." Der
Rest soll daher dem Ackerbau, der Viehzucht, der Küche, den indu-
striellen Armeen gehören. 152.
"Die zärtliche Moral, die gütige und reine Freundin des Handels",
161. "Kritik der Moral" 162 ff.
In der heutigen Gesellschaft "im zivilisierten Mechanismus",
herrscht "Doppelseitigkeit des Handelns, Gegensatz zwischen dem
individuellen und kollektiven Interesse"; es ist "ein allgemeiner
Kampf der Individuen gegen die Massen. Und da wagen es unsere po-
litischen Wissenschaften von Aktionseinheit zu sprechen!" 172.
"Weil die Modernen die Theorie der Ausnahmen oder Übergänge, die
Theorie der B a s t a r d e nicht kannten, sind sie überall im
Studium der Natur gescheitert." (Beispiel des "Bastards: die
Quitte, die Nektarine, der Aal, die Fledermaus etc.") 191.
Zweiter Teil
[In seinem zweiten Teil besteht das Manuskript der Vorarbeiten
zum "Anti-Dühring" aus Auszügen, entnommen dem "Cursus der Natio-
nal- und Socialökonomie" von E. Dühring. Wir geben hier nur
einige am Rande gemachte Bemerkungen von Engels wieder mit kurzen
Hinweisen, auf welche Gedankengänge bei Dühring sie sich be-
ziehen.
Zu der Behauptung von Dühring, "daß die Willensbetätigung, ver-
möge deren die Vereinigungsgebilde der Menschen geschaffen wer-
den, an sich selbst unter Naturgesetzen stehen", bemerkt Engels:]
Also von h i s t o r i s c h e r Entwicklung keine Rede. Bloßes
ewiges Naturgesetz. Alles ist Psychologie und diese leider noch
weit "rückständiger" als die Politik.
#590# Materialien zum "Anti-Dühring"
-----
[In unmittelbarem Zusammenhang mit den Dühringschen Ausführungen
über Sklaverei, Lohnhörigkeit und Gewalteigentum als "sozial-öko-
nomische V e r f a s s u n g s f o r m e n e c h t p o l i-
t i s c h e r N a t u r" schreibt Engels:]
Immer der Glaube, daß die Ökonomie nur ewige Naturgesetze habe,
alle Änderung und Fälschung durch die böse Politik gemacht.
In der ganzen Gewalttheorie also soviel richtig, daß bisher alle
Gesellschaftsformen zu ihrer Erhaltung G e w a l t nötig hatten
und sogar teilweise gewaltsam eingeführt worden. Diese Gewalt, in
ihrer organisierten Form, heißt S t a a t. Wir haben hier also
die Trivialität, daß, sowie die Menschen sich über die rohesten
Zustände erhoben, überall Staaten existiert haben, und um das zu
wissen, hat die Welt nicht auf Dühring gewartet. - Nun ist aber
Staat und Gewalt grade das allen bisherigen Gesellschaftsformen
G e m e i n s a m e, und wenn ich z. B. die orientalischen Des-
potismen, die antiken Republiken, die mazedonischen Monarchien,
das römische Kaisertum, den Feudalismus des Mittelalters dadurch
erkläre, daß sie alle auf G e w a l t beruhn, so habe ich noch
gar nichts erklärt. Die verschiednen sozialen und politischen
Formen müssen also nicht durch die Gewalt, die ja stets dieselbe,
sondern durch dasjenige erklärt werden, w o r a u f d i e
G e w a l t a n g e w a n d t w i r d, auf das, w a s ge-
raubt wird - die Produkte und Produktivkräfte der jedesmaligen
Epoche und deren aus ihnen selbst hervorgehende Disposition. Und
da würde man finden, daß der orientalische Despotismus auf dem
Gemeineigentum, die antiken Republiken auf den ackerbautreibenden
Städten, das römische Kaiserreich auf den Latifundien, der Feuda-
lismus auf der Herrschaft des Landes über die Stadt, die ihre ma-
teriellen Gründe hatte, beruhn etc.
[Engels zitiert folgende Ausführungen Dührings: "Die Naturgesetze
der Wirtschaft werden in aller Strenge erst dadurch gewonnen, daß
man die Wirkungen der Staats- und Gesellschaftseinrichtungen (!)
und namentlich diejenigen des mit Lohnhörigkeit verknüpften Ge-
walteigentums in Gedanken ausmerzt und sich hütet, die letzteren
als Notwendigkeiten der bleibenden Natur (!) des Menschen anzu-
sehn..."
Auf diese Ausführungen Dührings beziehen sich die folgenden Be-
merkungen:]
Die Naturgesetze der Wirtschaft werden also nur dann entdeckt,
wenn man v o n a l l e r b i s h e r i g e n W i r t-
s c h a f t a b s t r a h i e r t, sie haben bisher nie un-
gefälscht agiert! - B l e i b e n d e Natur des Menschen - vom
Affen bis Goethe!
Dühring soll mit dieser Theorie der "Gewalt" erklären, woher es
so kommt, daß überall und von jeher die Majorität aus Vergewal-
tigten, die Minderzahl aus Gewalthabern bestand. Das ist an sich
schon Beweis, daß das Gewaltsverhältnis in den ökonomischen Be-
dingungen begründet, die man nicht so einfach auf politischem
Wege umwerfen kann.
#591# Aus Engels' Vorarbeiten zum "Anti-Dühring"
-----
Bei Dühring wird Rente, Profit, Zins, Arbeitslohn nicht erklärt,
sondern gesagt, die G e w a l t habe das so gemacht. Woher aber
die Gewalt? Non est. 1*)
Gewalt macht Besitz und Besitz ökonomische Macht. Also Gewalt =
Macht.
Marx hat im "Kapital" (Akkumulation) bewiesen, wie die Gesetze
der Warenproduktion auf einer gewissen Stufe der Entwicklung die
kapitalistische Produktion mit allen ihren Schikanen notwendig
hervorbringen, und daß dazu g a r k e i n e G e w a l t n ö-
t i g i s t. 2*) [417]
Wenn Dühring die politische Aktion als letzte Entscheidungsmacht
der Geschichte ansieht und tut, als wäre das was Neues, so sagt
er doch nur, was alle bisherigen Geschichtsschreiber sagten, für
die auch die sozialen Formen lediglich durch die politischen,
nicht durch die Produktion bestimmt werden.
C'est trop bon! 3*) Die ganze Freihandelsschule von Smith an, ja
die ganze vormarxsche Ökonomie sieht in den ökonomischen Geset-
zen, soweit sie sie verstehn, "Naturgesetze" und behauptet, daß
deren Wirkung vom Staat, von den "Wirkungen der Staats- und Ge-
sellschaftseinrichtungen" gefälscht werden!
Übrigens diese ganze Theorie bloß ein Versuch, den Sozialismus
auf Carey zu begründen: die Ökonomie ist an sich harmonisch, der
Staat mit seiner Einmischung verdirbt alles.
Komplement der Gewalt ist die e w i g e G e r e c h t i g-
k e i t, sie erscheint p. 282.
[Die Ansichten Dührings, die er bei seiner Kritik an Smith, Ri-
cardo und Carey entwickelt, werden von Engels wie folgt charakte-
risiert: "Die Produktion sei in ihrer abstraktesten Form ganz gut
an einem Robinson zu studieren, die Verteilung an 2 auf einer In-
sel alleinstehenden Menschen, wobei man sich ja alle Zwischenstu-
fen von vollständiger Gleichheit bis zum vollendeten Gegensatz
von Herr und Sklave denken könne..." Engels zitiert folgenden
Satz Dührings: "Der wirklich in letzter Instanz für die Vertei-
lungslehre maßgebende Standpunkt ist aber nur mit der e r n s t-
l i c h s o z i a l e n (!) Betrachtung zu gewinnen..."
Dazu bemerkt Engels:]
Also man abstrahiert erst aus der wirklichen Geschichte die ver-
schiednen Rechtsverhältnisse und trennt sie von der historischen
Grundlage,
-----
1*) Wird nicht gesagt. - 2*) siehe vorl. Band, S. 151 - 3*) Das
ist zuviel des Guten!
#592# Materialien zum "Anti-Dühring"
-----
auf der sie entstanden sind und allein einen Sinn haben, und
überträgt sie auf 2 Individuen: Robinson und Freitag, wo sie na-
türlich ganz willkürlich erscheinen. Nachdem man sie so auf die
reine Gewalt reduziert, überträgt man sie wieder in die wirkliche
Geschichte und beweist damit, daß auch hier alles auf bloßer Ge-
walt beruht. Daß die Gewalt auf ein materielles Substrat ange-
wandt werden muß und es sich grade darum handelt nachzuweisen,
woher dies entstanden, rührt Dühring nicht.
[Engels zitiert folgende Stelle aus Dührings "Cursus der Natio-
nal- und Socialökonomie": "Die allen volkswirtschaftlichen Syste-
men gemeinsame Überlieferung sieht in der Verteilung nur einen
sozusagen laufenden Hergang, welcher sich auf eine als fertiges
Gesamterzeugnis vorgestellte Produktenmasse bezieht, ... eine
t i e f e r e Grundlegung hat vielmehr diejenige Verteilung ins
Auge zu fassen, welche sich auf die ökonomischen oder ökonomisch
wirksamen R e c h t e selbst und nicht bloß auf die laufenden
und sich häufenden Konsequenzen dieser Rechte bezieht." Hierzu
machte Engels folgende Bemerkungen:]
E i n l e i t u n g u n d G e w a l t[stheorie-Kapitel in Düh-
rings "Cursus der National- und Socialökonomie"].
Also die Untersuchung der Verteilung der laufenden Produktion ge-
nügt nicht.
Bodenrente setzt Grundbesitz, Profit Kapital, Arbeitslohn besitz-
lose Arbeiter, Eigner bloßer Arbeitskraft voraus. Man soll also
untersuchen, woher dies kommt. Soweit dies ihn anging, für Kapi-
tal und besitzlose Arbeitskraft, hat Marx dies im I. Bande getan,
die Untersuchung des Ursprungs des modernen Grundeigentums gehört
zu der der Grundrente, also in seinen II. Band [62] - Dührings
Untersuchung und geschichtliche Begründung beschränkt sich auf
das eine Wort: G e w a l t! Hier schon direkte mala fides 1*).
Wie D[ühring] das große Grundeigentum e r k l ä r t siehe:
R e i c h t u m und W e r t; dies besser hierherzuziehn.
Also die Gewalt macht die ökonomischen, politischen etc. Lebens-
bedingungen einer Epoche, eines Volks etc. Wer aber macht die Ge-
walt? Die organisierte Gewalt ist vor allem die A r m e e. Und
nichts hängt mehr von den ökonomischen Bedingungen ab als grade
die Zusammensetzung, Organisation, Bewaffnung, Strategie und Tak-
tik einer Armee. Die Grundlage die Bewaffnung, und diese wieder
direkt abhängig von der Produktionsstufe. Stein-, Bronze-, Eisen-
waffen, Panzer, Reiterei, Schießpulver und nun gar die enorme Um-
wälzung, die die große Industrie im Krieg hervorgebracht durch
gezogne Hinterlader und Artillerie - Produkte, die nur die
-----
1*) böswillige Absicht
#593# Aus Engels' Vorarbeiten zum "Anti-Dühring'
-----
große Industrie mit ihren gleichmäßig arbeitenden und fast abso-
lut identische Produkte erzeugenden Maschinen herstellen konnte.
Von der Bewaffnung hängt wieder die Zusammensetzung und Organisa-
tion, die Strategie und Taktik ab. Letztere auch von der Wegbar-
keit - die Anlage und Erfolge der Schlacht bei Jena [34] bei den
jetzigen Chausseen unmöglich - und nun gar die Eisenbahnen! Grade
die Gewalt also steht unter der Herrschaft der vorgefundenen Pro-
duktionsbedingungen mehr als alles andre, und das hat selbst
Hauptmann Jahns eingesehn. ("K[ölnische] Z[eitung]" [83], Machia-
velli etc.)
Dabei besonders hervorzuheben die moderne Kriegführung von der
Bajonettflinte bis auf den Hinterlader, wo nicht der Mann mit dem
Säbel die Sache macht, sondern die Waffe; Linie, Kolonne bei
schlechten Truppen, aber gedeckt durch Tirailleure (Jena contra
Wellington) und endlich die allgemeine Auflösung in Schützen und
Verwandlung des langsamen Schritts in Laufschritt.
[Nach Dühring ist "die geschickte Hand oder Kopf als ein der Ge-
sellschaft gehöriges Produktionsmittel, als eine M a s c h i n e
zu betrachten, deren Produktion der G e s e l l s c h a f t ge-
hört". Dazu bemerkt Engels:]
Aber die Maschine s e t z t n i c h t W e r t z u , d i e
g e s c h i c k t e H a n d a b e r d o c h! Das ökonomische
Wertgesetz wird also, quant à cela 1*), verboten, obwohl es blei-
ben soll.
[Zu Dührings Konzeption über die "p o l i t i s c h j u r i-
s t i s c h e G r u n d l a g e der ganzen Sozialität" bemerkt
Engels:]
Damit gleich der idealistische Maßstab angelegt. Nicht die Pro-
duktion selbst, das R e c h t.
[Über die Dühringsche "Wirtschaftskommune" und das in ihr herr-
schende System der Arbeitsteilung, der Verteilung, des Austauschs
und das Geldsystem macht Engels folgende Bemerkung:]
Also auch A b l o h n u n g des einzelnen Arbeiters durch die
Gesellschaft.
Also auch Schatzbildung, Wucher, Kredit und alle Folgen bis zur
Geldkrise und Geldnot. Das Geld sprengt die wirtschaftliche Kom-
mune ebenso notwendig wie es in diesem Augenblick die russische
Kommune zu sprengen auf dem besten Wege ist und die Familienkom-
mune, sobald es den Verkehr der einzelnen Glieder vermittelt.
[Engels zitiert folgenden Satz Dührings: "Wirkliche Arbeit in ir-
gendeiner Form ist also das soziale Naturgesetz gesunder Gestal-
tungen" und fügt in Klammern hinzu: "(wonach alle bisherigen un-
gesund)..."
-----
1*) was dies anbelangt
#594# Materialien zum "Anti-Dühring"
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Zu dieser Darlegung Dührings bemerkt Engels:]
Entweder ist hier Arbeit als ökonomische, materiell produktive
Arbeit gefaßt, und dann ist der Satz Unsinn und paßt nicht auf
die ganze vergangne Geschichte. Oder Arbeit ist in einer allge-
meineren Form gefaßt, worin jede Art der in einer Periode nötigen
oder brauchbaren Tätigkeit, Regieren, Richten, Waffenüben, darun-
ter verstanden wird, und dann ist er wieder ein heillos aufge-
blähter Gemeinplatz und gehört nicht in die Ökonomie. Den Sozia-
listen aber mit diesem alten Kram imponieren wollen, indem man
ihn "Naturgesetz" tauft, ist a trifle impudent 1*).
[Zu Dührings Schilderung über den Zusammenhang zwischen Raub und
Reichtum bemerkt Engels folgendes:]
Hier die ganze Methode. Jedes ökonomische Verhältnis zuerst unter
dem Gesichtspunkt der P r o d u k t i o n aufgefaßt, abgesehn
von aller geschichtlichen Bestimmung. Daher kann nur das Al-
lerallgemeinste gesagt werden, und will Dühring darüber hinaus-
gehn, so muß er die bestimmten historischen Verhältnisse einer
Epoche nehmen, also aus der abstrakten Produktion herausfallen
und Konfusion machen. Dann wird dasselbe ökonomische Verhältnis
unter dem Gesichtspunkt der V e r t e i l u n g gefaßt, d. h.
die bisherige historische Gestaltung auf die Phrase: G e w a l t
reduziert und sich dann über die bösen Folgen der Gewalt entrü-
stet. Wohin wir damit kommen, werden wir bei den Naturgesetzen
sehn.
[Zu Dührings Behauptung, daß zur Führung einer Wirtschaft in
großem Maßstab "Sklaverei" oder "Leibeigenschaft" notwendig sei,
bemerkt Engels:]
Also: 1. Die Weltgeschichte fängt mit dem großen Grundeigentum
an! Die Bodenkultur auf großen Strecken ist identisch mit der
Kultur durch große Grundbesitzer! Der Boden Italiens, der von den
Latifundiern in Viehweide verwandelt, lag vorher öde! Die Nord-
staaten Amerikas haben sich nicht durch freie Bauern so enorm
ausgedehnt, sondern durch Sklaven, Hörige etc.!
Wieder der mauvais calembour 2*): "Bewirtschaftung in größeren
Strecken" s o l l = Urbarmachung derselben gelten, wird aber
sogleich = Bewirtschaftung auf großem Maßstabe = großes Grundei-
gentum genommen! Und in diesem Sinn welche enorm neue Entdeckung,
daß, wenn einer mehr Land besitzt, als er und Familie bebauen
kann, er ohne fremde Arbeit es nicht alles bebauen könne! Dabei
ist die B e w i r t s c h a f t u n g d u r c h H ö r i g e
ja nicht die Bewirtschaftung größerer Strecken, sondern von
P a r z e l l e n und die
-----
1*) ein wenig unverschämt - 2*) (das) schlechte Wortspiel
(Kalauer)
#595# Aus Engels' Vorarbeiten zum "Anti-Dühring"
-----
Bewirtschaftung stets älter als die Hörigkeit (Rußland, die
flämischen, holländischen und friesischen Kolonien in der slawi-
schen Mark, s. Langethal [418]), die ursprünglich freien Bauern
werden hörig g e m a c h t, werden es stellenweise selbst
f o r m e l l freiwillig.
[Zur Behauptung Dührings, daß die Größe des Werts von der Größe
des Naturhindernisses abhängig sei, das sich der Befriedigung der
Bedürfnisse entgegenstemmt und das "sie zu größeren oder geringe-
ren Ausgaben an wirtschaftlicher Kraft (!) nötigt", bemerkt En-
gels:]
Ü b e r w i n d u n g d e s W i d e r s t a n d e s - aus der
mathematischen Mechanik herübergenommene Kategorie, die absurd
wird in der Ökonomie. Ich spinne, webe, bleiche, drucke nachein-
ander Baumwolle, heißt jetzt: ich überwinde den Widerstand der
Baumwolle gegen das Gesponnen werden, des Garns gegen das Gewebt-
werden, des Gewebes gegen das Gebleicht-und Gedrucktwerden. Ich
mache eine Dampfmaschine, heißt: ich überwinde den Widerstand des
Eisens gegen die Verwandlung in eine Dampfmaschine. Ich drücke
die Sache auf einem hochtrabenden Umweg aus, der nichts hinzufügt
als Schiefheit. Aber - ich kann damit den V e r t e i l u n g s-
w e r t, wo auch angeblich ein Widerstand zu überwinden ist,
hereinziehn. Drum auch!
[Zu den Worten Dührings: "Der Verteilungswert ist rein und aus-
schließlich nur da vorhanden, wo die Verfügungsmacht über unpro-
duzierte Dinge oder (!), gewöhnlicher geredet, diese" (unprodu-
zierten!) "Dinge selbst gegen Leistungen oder Sachen von wirkli-
chem Produktionswert ausgewechselt werden", bemerkt Engels:]
Was ist ein unproduziertes Ding? Der m o d e r n k u l t i-
v i e r t e Boden? oder soll es heißen Dinge, die der Eigentümer
nicht selbst produziert hat? Aber dazu der Gegensatz von
"wirklichem Produktionswert". Der folgende Satz zeigt, daß es
wieder ein mauvais calembour ist. Naturgegenstände, die nicht
produziert worden, werden zusammengeworfen mit "ohne Gegenlei-
stung angeeigneten Wertbestandteilen".
[Dühring behauptet, daß alle menschlichen Einrichtungen und Tat-
sachen unverbrüchlich determiniert, aber durchaus nicht "in allen
Hauptzügen gleich dem äußeren Naturspiel praktisch unabänderlich"
seien. Engels bemerkt dazu:]
Also Naturgesetz ist's und bleibt's.
Daß die Gesetze der Ökonomie in aller bisherigen plan- und
zusammenhangslosen Produktion den Menschen als objektive Gesetze,
über die sie keine Macht haben, entgegentreten, also i n
F o r m v o n N a t u r g e s e t z e n, davon kein Wort.
[Über Dührings "Grundgesetz aller Ökonomie": "Die Produktivität
der wirtschaftlichen Mittel, Natur h ü l f s q u e l l e n
u n d M e n s c h e n k r a f t, w i r d d u r c h E r f i n-
d u n g e n u n d E n t d e c k u n g e n
#596# Materialien zum "Anti-Dühring"
-----
g e s t e i g e r t, und zwar geschieht dies ganz abgesehn von
der Verteilung, die als solche immerhin erhebliche Veränderungen
erfahren oder verursachen mag, aber das G e p r ä g e (!) des
Hauptergebnisses nicht bestimmt", sagt Engels:]
Dieser Schlußsatz: und zwar etc., fügt dem Gesetz nichts Neues
hinzu, denn wenn das Gesetz wahr ist, so kann die Verteilung
nichts dran ändern, und es ist also überflüssig zu sagen, daß es
für jede Verteilungsform richtig ist - sonst wäre es ja kein Na-
turgesetz. Er ist aber bloß zugesetzt, weil Dühring sich doch
schämte, das ganze nackte Gesetz so nackt in seiner Plattheit
hinzustellen. Zudem ist er widersinnig, denn wenn die Verteilung
immerhin erhebliche Veränderungen verursachen m a g, so kann
nicht von ihr "ganz abgesehn" werden. Wir streichen ihn also und
erhalten dann das Gesetz pur und simple - das F u n d a m e n-
t a l g e s e t z d e r g a n z e n Ö k o n o m i e.
Dies ist aber noch nicht platt genug. Wir werden belehrt:
[Engels führt weitere Auszüge aus dem Buche Dührings "Cursus der
National' und Socialökonomie" an.]
[Dühring behauptet, daß der wirtschaftliche Fortschritt nicht von
der Summe der Produktionsmittel, "sondern nur v o n d e m
W i s s e n u n d d e n a l l g e m e i n e n t e c h n i-
s c h e n V e r f a h r u n g s a r t e n" abhängig sei, und
dieses "zeigt sich auch sogleich" nach der Meinung Dührings, wenn
man "das Kapital in seinem n a t ü r l i c h e n Sinn als In-
strument der Produktion versteht". Hierzu schreibt Engels:]
Die im Nil liegenden Dampfpflüge der Khedive und die in Schuppen
nutzlos stehenden Dreschmaschinen etc. der russischen Adligen be-
weisen das. Auch der Dampf etc. hat seine historischen Vorbedin-
gungen, die zwar verhältnismäßig leicht zu schaffen sind, aber
doch geschaffen werden müssen. Aber Dühring ist ganz stolz dar-
auf, daß er damit jenen Satz, der einen ganz andern Sinn hat, so
weit heruntergebracht hat, daß diese "Idee mit unserem an die
Spitze gestellten Gesetz zusammenfällt", p. 71. Die Ökonomen
dachten sich doch noch etwas Reelles bei diesem Gesetz. Dühring
hat es auf die äußerste Plattheit reduziert.
[Zu der Dühringschen Formulierung des Naturgesetzes der Arbeits-
teilung: "Die Spaltung der Berufszweige und die Zerlegung der Tä-
tigkeiten erhöht die Produktivität der Arbeit", bemerkt Engels:]
Diese Formulierung falsch, da sie nur für die bürgerliche Produk-
tion richtig und die Teilung der Berufsarten auch da schon
Schranke der Produktion wird durch Verkrüpplung und Verknöcherung
der Individuen, aber künftig ganz fortfallend. Wir sehn hier
schon, daß diese Teilung der Berufsarten in h e u t i g e r
Weise für Dühring etwas Permanentes ist, auch für die
S o z i a l i t ä t.
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