Quelle: MEW 20 Anti-Dühring, Dialektik der Natur


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       Vorwort
       
       Der zwanzigste  Band der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels
       enthält zwei  größere Schriften von Engels: "Herrn Eugen Dührings
       Umwälzung der  Wissenschaft" ("Anti-Dühring")  und "Dialektik der
       Natur". Diese  Arbeiten entstanden in der Zeit von 1873 bis 1883.
       Einzelne Ergänzungen  schrieb Engels noch nach dem Tode von Marx,
       d.h. nach  1883; die  wichtigste von  ihnen ist  das Vorwort  zur
       zweiten Auflage des "Anti-Dühring" von 1885.
       Das Jahrzehnt  von 1873 bis 1883 war die Periode einer schnellen,
       jedoch verhältnismäßig  friedlichen Entwicklung des Kapitalismus.
       Zugleich machte sich in dieser Zeit eine wesentliche Wende in der
       Geschichte der  kapitalistischen Produktionsweise  bemerkbar. Für
       die fortgeschrittenen Industrieländer Europas waren die sechziger
       und siebziger  Jahre des 19. Jahrhunderts, wie W.I. Lenin nachge-
       wiesen hat,  Jahre der  höchsten Stufe der Entwicklung der freien
       Konkurrenz. Nach  der Weltwirtschaftskrise  von 1873  setzte  ein
       starkes Anwachsen von Monopolvereinigungen ein. Es begann die Pe-
       riode des  Übergangs zum Monopolkapitalismus, die am Ende des 19.
       und Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Abschluß fand.
       Mit der  Pariser Kommune (1871), einem der größten weltgeschicht-
       lichen Ereignisse,  begann eine  neue Periode  im Befreiungskampf
       des Proletariats.  Die Erfahrung  dieses ersten  praktischen Ver-
       suchs, die Diktatur des Proletariats zu errichten, hatte gezeigt,
       daß eine  proletarische Revolution  niemals ohne  eine proletari-
       sche, auf  den Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus ste-
       hende Massenpartei erfolgreich verwirklicht werden kann. Die Auf-
       gabe, in den einzelnen Ländern solche Parteien zu gründen, rückte
       in den Vordergrund.
       Die Pariser  Kommune hatte bei den herrschenden Klassen eine töd-
       liche Furcht  vor der  herannahenden Herrschaft  des Proletariats
       ausgelöst. Zudem  war der  beginnende Übergang  zum Imperialismus
       von Fäulnisprozessen
       
       #VI# Vorwort
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       der gesamten kapitalistischen Ordnung begleitet. Alles das führte
       zu einer  erheblichen  Verschärfung  der  Reaktion.  Während  die
       Arbeiterbewegung zu  einer wirklichen  Kraft wurde  und die fort-
       schrittlichen Teile der Arbeiterschaft den wissenschaftlichen So-
       zialismus sich  zu eigen  machten, verstärkten  die ideologischen
       Gegner die Angriffe auf den Marxismus.
       Eine besonders  rasche Entwicklung des Kapitalismus und besonders
       scharfe  Widersprüche,  hervorgerufen  durch  diese  Entwicklung,
       zeigten sich in Deutschland nach dessen Sieg im Deutsch-Französi-
       schen Krieg  und der darauffolgenden Gründung des preußisch-deut-
       schen Kaiserreichs. Nach dem Sturz der Pariser Kommune hatte sich
       das  Zentrum   der  europäischen   revolutionären  Bewegung  nach
       Deutschland verlagert.  Hier bildete sich die erste proletarische
       Massenpartei heraus.
       Unter den  verschiedenen dem  Marxismus feindlichen ideologischen
       Strömungen in  Deutschland  begannen  damals  die  Ansichten  des
       kleinbürgerlichen Ideologen  Eugen Dühring sich besonders negativ
       auszuwirken. Dührings Ansichten stellten ein eklektisches Sammel-
       surium  verschiedenartiger   vulgärmaterialistischer,  idealisti-
       scher, positivistischer, vulgärökonomischer und pseudosozialisti-
       scher Anschauungen dar. Im Gegensatz zu früheren Gegnern des Mar-
       xismus, die  besonders gegen  seine politischen Prinzipien aufge-
       treten waren,  griff Dühring  alle Bestandteile des Marxismus an,
       wobei er den Anspruch erhob, ein neues, allumfassendes System der
       Philosophie, der  politischen Ökonomie  und des  Sozialismus  ge-
       schaffen zu haben.
       Der Einfluß  Dührings und  seiner Anhänger  begann schon vor 1875
       sich unter einem Teil der Mitglieder der deutschen Sozialdemokra-
       tischen Arbeiterpartei (den Eisenachern) auszubreiten. Nach 1875,
       nach der  Vereinigung der  Eisenacher und der Lassalleaner in der
       Sozialistischen Arbeiterpartei, die auf der Grundlage einer Reihe
       prinzipieller Zugeständnisse  der Eisenacher  an die Lassalleaner
       erfolgt  war,   wurde  die  weitere  Ausbreitung  des  Einflusses
       Dührings und seiner Anhänger besonders schädlich.
       Noch meisterte die Partei nicht völlig die Prinzipien des wissen-
       schaftlichen Sozialismus,  noch hatte  sich die  Arbeiterbewegung
       nicht völlig von dem Einfluß der verschiedenen Formen des vormar-
       xistischen, utopischen  Sozialismus freigemacht. Unter diesen Be-
       dingungen konnte  das Auftreten  Dührings und seiner Anhänger nur
       Schaden bringen. Ging es doch um die theoretischen Grundlagen der
       deutschen Arbeiterpartei,  um das  Schicksal der führenden Abtei-
       lung der  internationalen Arbeiterbewegung. Es war notwendig, die
       Lehre von Marx zu verteidigen, darzulegen und zu popularisieren.
       
       #VII# Vorwort
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       Engels hielt es für seine Parteipflicht, die Verteidigung und die
       Propaganda der  Prinzipien des Marxismus in den Reihen der jungen
       Partei auf  sich zu  nehmen. Im Laufe von zwei Jahren (1876-1878)
       schuf Engels  das große  Werk "Herrn Eugen Dührings Umwälzung der
       Wissenschaft" ("Anti-Dühring"),  in dem er die Ansichten Dührings
       einer vernichtenden  Kritik unterzog  und gleichzeitig eine voll-
       ständige Darlegung  der Grundlagen der marxistischen Theorie gab.
       Von Anfang  1877 bis  Mitte 1878 veröffentlichte das Zentralorgan
       der sozialdemokratischen  Partei, der  "Vorwärts", in einer Arti-
       kelserie diese  Arbeit. Später  erklärte Engels selbst, warum ge-
       rade ihm  die Aufgabe, gegen Dühring und andere zu kämpfen, zuge-
       fallen war:  "Infolge der  Teilung der  Arbeit, die zwischen Marx
       und mir  bestand" - schrieb Engels -, "fiel es mir zu, unsere An-
       sichten in  der periodischen Presse, also namentlich im Kampf mit
       gegnerischen Ansichten,  zu vertreten,  damit Marx für die Ausar-
       beitung seines großen Hauptwerks Zeit behielt. Ich kam dadurch in
       die Lage,  unsere Anschauungsweise  meist in polemischer Form, im
       Gegensatz zu  anderen  Anschauungsweisen,  darzustellen."  (Siehe
       Band 21 unserer Ausgabe, S. 328.)
       Marx nahm  unmittelbaren Anteil  am Entstehen des "Anti-Dühring".
       Er unterstützte  nicht nur aktiv Engels' Entschluß, gegen Dühring
       aufzutreten, und  billigte nicht nur voll und ganz den von Engels
       entworfenen Plan  des ganzen Werks. Er half Engels auch, das not-
       wendige Material  zu sammeln, er machte sich mit dem gesamten Ma-
       nuskript bekannt  und schrieb  selbst das Kapitel, das der Kritik
       der Ansichten Dührings über die Geschichte der politischen Ökono-
       mie gewidmet  ist. Daher drückt der "Anti-Dühring" von Anfang bis
       zum Ende den Standpunkt von beiden aus - von Engels und Marx.
       Wenn auch  die Ausbreitung  des Einflusses  der  Dühring-Anhänger
       eine bestimmte  Gefahr darstellte, so hätten die Dühringschen An-
       sichten an sich doch kaum eine solche gründliche Kritik verdient,
       wie Engels  sie ihnen  in seinem  Buche zuteil  werden ließ. Zwei
       Gründe veranlaßten Engels zu dieser ausführlichen Kritik. Erstens
       war Dühring  ein typischer Vertreter jener Pseudowissenschaft und
       jenes Vulgärdemokratismus,  die damals  selbst unter den Soziali-
       sten  weit  verbreitet  waren  und  besonders  unter  der  oppor-
       tunistisch eingestellten sozialdemokratischen Intelligenz. Es war
       notwendig, die  Arbeiterbewegung von  dieser "Kinderkrankheit" zu
       heilen. Zweitens gab die Kritik an dem von Dühring in drei dicken
       Bänden dargelegten  "System" die  Möglichkeit, diesem "System" in
       systematischer Form  die Grundsätze  der marxistischen Theorie zu
       allen Grundproblemen  der Philosophie,  der politischen  Ökonomie
       und des Sozialismus gegenüberzustellen.
       
       #VIII# Vorwort
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       "Immerhin gab  mir die  systematische Weitläufigkeit meines Oppo-
       nenten Gelegenheit",  schrieb Engels in der Einleitung zur engli-
       schen Ausgabe  seiner Broschüre  "Die Entwicklung des Sozialismus
       von der  Utopie zur  Wissenschaft", "in  Opposition zu ihm und in
       einer zusammenhängenderen Form, als dies früher geschehn war, die
       von Marx und mir vertretnen Ansichten über diese große Mannigfal-
       tigkeit von  Gegenständen zu  entwickeln." (Siehe Band 19 unserer
       Ausgabe, S.  525.) Die  negative Kritik an Dührings "System" ver-
       wandelte sich in eine positive Darstellung des Marxismus. Dadurch
       erhielten die Leser des "Anti-Dühring" die Möglichkeit, sich all-
       seitig mit dem Marxismus vertraut zu machen, ihn zu studieren und
       sich anzueignen.
       Später stellte  Engels einmal  fest, und dabei hatte er diese Be-
       sonderheit des  "Anti-Dühring" im  Auge, daß  "die Langweiligkeit
       der Polemik  mit einem  unbedeutenden Gegner also doch nicht ver-
       hindert hat,  daß der  Versuch, eine enzyklopädistische Übersicht
       unserer Auffassung  der philosophischen,  naturwissenschaftlichen
       und geschichtlichen  Probleme zu  geben, gewirkt  hat" (Brief von
       Engels an Bernstein vom 11. April 1884).
       Der "Anti-Dühring"  ist tatsächlich  eine wahre  Enzyklopädie des
       Marxismus. Hier  werden alle drei Bestandteile der Lehre von Marx
       und Engels:  der dialektische  und historische Materialismus, die
       politische Ökonomie und die Theorie des wissenschaftlichen Kommu-
       nismus allseitig  dargelegt. In  der Schrift gegen Dühring, sagte
       Lenin, "werden  die tiefsten Probleme der Philosophie, der Natur-
       und Gesellschaftswissenschaft  untersucht... Das ist ein erstaun-
       lich inhaltsreiches  und lehrreiches  Buch" (W.I.  Lenin,  Werke,
       Band 2, Berlin 1961, S. 11).
       Das Buch  von Engels  ist eine  einzigartige Zusammenfassung  der
       Entwicklung des  Marxismus in  drei Jahrzehnten,  d.h. von seiner
       Entstehung in  der Mitte  der vierziger  Jahre bis  zur Mitte der
       siebziger Jahre  des 19. Jahrhunderts. Es enthält in konzentrier-
       ter Form alles das, was der Marxismus auf dem Gebiete der Theorie
       in dieser Zeit erreicht hatte. Meisterhaft wandte hier Engels die
       von Marx  und ihm  ausgearbeitete Methode  der  materialistischen
       Dialektik an.  Dabei benutzte  er seinen ganzen riesigen Reichtum
       an Kenntnissen  auf dem  Gebiete der Philosophie, der politischen
       Ökonomie und der Geschichte sowie seine langjährigen naturwissen-
       schaftlichen und militärischen Studien und entwickelte in der Po-
       lemik jene  großartige Meisterschaft, in der sich Marx und Engels
       seit ihrer  gemeinsamen Arbeit  an der  "Heiligen Familie" und an
       der "Deutschen  Ideologie" ständig vervollkommnet hatten. In sei-
       nem Buche benutzte und popularisierte Engels weitgehend das Mate-
       rial des ersten Bandes des
       
       #IX# Vorwort
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       "Kapitals" sowie  einzelne Leitsätze der damals noch nicht veröf-
       fentlichten "Kritik des Gothaer Programms" von Marx.
       Im "Anti-Dühring"  verteidigte Engels  nicht nur  den  Marxismus,
       sondern er  erweiterte und  vertiefte ihn auch wesentlich. Er gab
       hier eine klassische Formulierung grundlegender Leitsätze und ar-
       beitete eine Reihe prinzipieller Fragen der marxistischen Theorie
       aus.
       Der "Anti-Dühring"  ist vor  allem ein philosophisches Werk. Sein
       Hauptinhalt ist  der Kampf für den konsequenten dialektischen Ma-
       terialismus. Das  Buch von  Engels ist ein Musterbeispiel für die
       Anwendung des  marxistischen Prinzips  der Parteilichkeit  in der
       Philosophie. "Entweder  bis zu  Ende  konsequenter  Materialismus
       oder die  Lüge und Konfusion des philosophischen Idealismus - das
       ist die  Fragestellung, wie  sie in   j e d e m  A b s a t z  des
       'Anti-Dühring' gegeben  ist." (W.I. Lenin, "Materialismus und Em-
       piriokritizismus". In: Werke, Band 14, Berlin 1962, S. 342.)
       Im "Anti-Dühring"  "formuliert und  begründet Engels  die überaus
       wichtige These  des Materialismus,  daß die  "Einheit der Welt in
       ihrer Materialität  besteht" (siehe  vorl. Band,  S. 41). Bei der
       ausführlichen Darlegung  der dialektischen Lehre von dem untrenn-
       baren Zusammenhang  von Materie  und Bewegung  formuliert er  die
       klassische Definition: "Die Bewegung ist die Daseinsweise der Ma-
       terie" (siehe  vorl. Band, S. 55). In dieser Arbeit wird auch die
       materialistische Interpretation  von Raum  und Zeit gegeben: "...
       die Grundformen  alles Seins  sind Raum  und Zeit"  (siehe  vorl.
       Band, S. 48).
       Hier hat Engels mit vollkommener Klarheit auch den Gegenstand der
       materialistischen  Dialektik  als  Wissenschaft  begrifflich  be-
       stimmt: "Die  Dialektik ist... die Wissenschaft von den allgemei-
       nen Bewegungs-  und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschen-
       gesellschaft und  des Denkens" (siehe vorl. Band, S. 131/132). In
       der Einleitung  zu seinem  Werk legt Engels die marxistische Kon-
       zeption der  Hauptperioden der Geschichte der Philosophie dar; er
       zeigt die  Gesetzmäßigkeit in  der Ablösung der verschiedenen Me-
       thoden, die  in den  Hauptetappen der Entwicklung der Philosophie
       geherrscht haben: die naive Dialektik des Altertums, die Metaphy-
       sik des 17. bis 18. Jahrhunderts, die idealistische Dialektik der
       klassischen deutschen Philosophie, die materialistische Dialektik
       des Marxismus.  Engels löste  prinzipiell die Frage nach dem Ver-
       hältnis zwischen  formaler Logik und Dialektik; er legte ausführ-
       lich die  Grundgesetze der Dialektik dar; er arbeitete ein so au-
       ßerordentlich wichtiges Problem der Erkenntnistheorie aus wie das
       Verhältnis zwischen  absoluter und  relativer Wahrheit  und umriß
       auch die ersten Ideen der Widerspiegelungstheorie, die später Le-
       nin zu einer geschlossenen Theorie entwickelt hat.
       
       #X# Vorwort
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       An einem  riesigen Tatsachenmaterial zeigt Engels, daß die Anwen-
       dung der  dialektisch-materialistischen Methode  die  Lösung  der
       kompliziertesten Probleme  der  Naturwissenschaften  und  Gesell-
       schaftswissenschaften sichert.  Engels, der die dialektisch-mate-
       rialistische Natur-  und Geschichtsauffassung  wesentlich  berei-
       cherte, untersuchte solche Probleme wie das Wesen, die Entstehung
       und die  Entwicklung des Lebens, das Verhältnis zwischen Ökonomie
       und Politik,  die Rolle  der Gewalt  in der  Geschichte, die Ent-
       stehung der  Klassen, das  Problem der  sozialen Gleichheit,  den
       wechselseitigen Zusammenhang  von Freiheit und Notwendigkeit, den
       Ursprung und  das Wesen  des Staates, die Moral und das Recht als
       Formen des Überbaus, den Ursprung und das Wesen der Religion, die
       materiellen Grundlagen des Kriegswesens und viele andere Fragen.
       In dem ökonomischen Teil des "Anti-Dühring" gibt Engels eine aus-
       führliche Definition  des Gegenstandes  der politischen Ökonomie;
       er legt  den Unterschied zwischen der politischen Ökonomie im en-
       geren und  im weitesten Sinne dar; er zeigt den historischen Cha-
       rakter dieser  Wissenschaft auf  und entwickelt  bei Hervorhebung
       des Primats  der Produktion die Ideen von Marx über die Dialektik
       von Produktion,  Austausch und  Verteilung der  Produkte.  Engels
       gibt hier  einen Abriß der ökonomischen Lehre von Marx und arbei-
       tet besonders  die marxistische Auffassung vom Wert, von der ein-
       fachen und der zusammengesetzten Arbeit, von Kapital und Mehrwert
       heraus. In dem von Marx geschriebenen Kapitel werden einige wich-
       tige Probleme  der Geschichte der politischen Ökonomie beleuchtet
       und insbesondere  der Sinn  des "Tableau économique" von François
       Quesnay erschöpfend erklärt.
       Im Zusammenhang  mit der Kritik der pseudosozialistischen Ansich-
       ten Dührings deckt Engels den vollständigen ökonomischen, politi-
       schen und  geistigen Bankrott der Bourgeoisie auf; er weist nach,
       daß ihre  Herrschaft zu  einem unüberwindlichen Hindernis für die
       Weiterentwicklung der  Produktivkräfte geworden ist, und entlarvt
       die Versuche, die Erscheinungen des Staatskapitalismus zu ideali-
       sieren, sie als sozialistische Erscheinungen hinzustellen. Engels
       kennzeichnet die  Wesenszüge der Ökonomie der kommunistischen Ge-
       sellschaft, wobei er besondere Aufmerksamkeit ihrer Planmäßigkeit
       schenkt, und  formuliert das  ökonomische  Grundgesetz  der  kom-
       munistischen Gesellschaft:  "Die Verteilung...  wird sich  regeln
       durch das  Interesse der  Produktion, und die Produktion wird ge-
       fördert am  meisten durch  eine Verteilungsweise,  die  a l l e n
       Gesellschaftsgliedern erlaubt, ihre Fähigkeiten möglichst allsei-
       tig auszubilden, zu erhalten und auszuüben" (siehe vorl. Band, S.
       186). Er enthüllt den Mechanismus der Produktion
       
       #XI# Vorwort
       -----
       und der  Verteilung im  Kommunismus und  begründet die Unvermeid-
       lichkeit des Übergangs von ihrer indirekten Regulierung durch den
       Wert zur  direkten Regulierung  durch die  Berechnung der für die
       Herstellung des einen oder anderen Produkts notwendigen Zeit. En-
       gels zeigt  die Notwendigkeit der rationellen Verteilung der Pro-
       duktivkräfte und der Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land
       auf. Schließlich analysiert er hier ausführlich den Charakter der
       Arbeit im Kommunismus.
       Im "Anti-Dühring" weist Engels nach, daß die materialistische Ge-
       schichtsauffassung und die dialektische Methode die theoretischen
       Voraussetzungen für  die Erforschung  und Erkenntnis  der Gesetze
       der kapitalistischen  Produktionsweise sind, daß die von Marx be-
       gründete materialistische Geschichtsauffassung und die Mehrwerts-
       theorie das  Fundament des  wissenschaftlichen Kommunismus bilden
       und daß  durch diese Entdeckungen sich die Verwandlung des Sozia-
       lismus von  der Utopie zur Wissenschaft vollzogen hat. Im dritten
       Teil seiner  Arbeit gibt Engels eine gründliche Darlegung der Ge-
       schichte und der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus.
       Engels legt  hier ausführlich die marxistische These dar, daß der
       wissenschaftliche Kommunismus  der theoretische Ausdruck der pro-
       letarischen Bewegung  ist, und gibt, fußend auf den vom Marxismus
       erzielten Ergebnissen  der Untersuchung  der in  der kapitalisti-
       schen Gesellschaft herrschenden Antagonismen, die wissenschaftli-
       che Begründung für den Zusammenbruch des Kapitalismus und für den
       Sieg der  sozialistischen Revolution.  Sich auf die materialisti-
       sche  Geschichtsauffassung  stützend,  deckt  Engels  den  Grund-
       widerspruch des  Kapitalismus auf  - den Widerspruch zwischen den
       Produktivkräften und  den Produktionsverhältnissen,  zwischen der
       gesellschaftlichen Produktion  und der privaten Aneignung. Dieser
       Widerspruch stellt  sich dar als Gegensatz zwischen der Organisa-
       tion der  Produktion in jedem einzelnen Unternehmen und der Anar-
       chie der  Produktion in  der ganzen  Gesellschaft; er stellt sich
       dar als  Antagonismus zwischen  dem  Proletariat  und  der  Bour-
       geoisie. Er findet seine Lösung in der proletarischen Revolution.
       Das Proletariat nimmt die Macht in seine Hände und verwandelt die
       Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum.
       Engels  enthüllt   die  Gesetzmäßigkeiten   des   Übergangs   vom
       Kapitalismus zum  Kommunismus und begründet wissenschaftlich eine
       Reihe von  Grundzügen der künftigen kommunistischen Gesellschaft.
       Er betont,  daß mit dem Übergang der Produktionsmittel in das Ei-
       gentum des sozialistischen Staates und mit der Herstellung neuer,
       die Ausbeutung  des Menschen  durch den  Menschen ausschließender
       Produktionsverhältnisse die Anarchie in der
       
       #XII# Vorwort
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       Produktion abgelöst  wird von  der planmäßigen  Organisation  der
       Produktion im  Maßstabe der ganzen Gesellschaft. Es wird eine un-
       unterbrochene, sich  ständig beschleunigende Entwicklung der Pro-
       duktivkräfte einsetzen.  Auf dieser  Grundlage wird  die den Men-
       schen verkrüppelnde  Arbeitsteilung verschwinden. Alle Mitglieder
       der Gesellschaft  werden an der produktiven Arbeit teilhaben, und
       die Arbeit wird sich aus einer schweren Last in das erste Lebens-
       bedürfnis verwandeln.  Es wird  der Gegensatz  zwischen geistiger
       und körperlicher  Arbeit, zwischen  Stadt und  Land verschwinden.
       Die Klassenunterschiede  werden beseitigt  werden, und  der Staat
       wird absterben.  An die  Stelle der  Regierung über Menschen wird
       die Verwaltung  von Sachen und die Leitung von Produktionsprozes-
       sen treten.  In grundlegender  Weise wird  sich die Familie umge-
       stalten. Die  Erziehung wird  mit der  Arbeit verbunden sein. Die
       Religion wird verschwinden. Die Menschen werden wirkliche und be-
       wußte Herren der Gesellschaft und damit zugleich Herren der Natur
       (vgl. vorl. Band, S. 620). Die Menschheit wird den Sprung aus dem
       Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit vollziehen. En-
       gels sieht  für die Zukunft einen nie dagewesenen wissenschaftli-
       chen, technischen  und gesellschaftlichen Fortschritt voraus. En-
       gels, der  diesen Gedanken auch in der "Dialektik der Natur" ent-
       wickelte, sagte  voraus, daß  in der  neuen Geschichtsepoche "die
       Menschen selbst,  und mit  ihnen alle Zweige ihrer Tätigkeit, na-
       mentlich auch die Naturwissenschaft, einen Aufschwung nehmen wer-
       den, der  alles Bisherige in tiefen Schatten stellt" (siehe vorl.
       Band, S. 324).
       Der in Engels' Werk enthaltene ungewöhnliche Reichtum an Gedanken
       über die  künftige kommunistische Gesellschaft erlangt in unserer
       Epoche,  in  der  der  Sozialismus  zur  bestimmenden  Kraft  der
       gesellschaftlichen Entwicklung wird, eine besondere, für die Pra-
       xis maßgebende Bedeutung.
       Die Ideen  des "Anti-Dühring" haben weiteste Verbreitung gefunden
       und einen  ungeheuren Einfluß  ausgeübt sowie  eine hervorragende
       Rolle in  der Geschichte des Marxismus und der revolutionären Ar-
       beiterbewegung gespielt.  Der "Anti-Dühring"  wurde zu  einem der
       "Handbücher jedes  klassenbewußten Arbeiters" (W.I. Lenin, Werke,
       Band 19, Berlin 1962, S. 4).
       Die Arbeit  von Engels wurde als Artikelserie im Zentralorgan der
       sozialdemokratischen Partei,  im "Vorwärts"  veröffentlicht. Dort
       haben  sie  Tausende  von  fortschrittlichen  Arbeitern  gelesen.
       Briefe vieler  Personen an Marx und Engels zeugen von dem mächti-
       gen Widerhall,  den die Veröffentlichung des "Anti-Dühring" schon
       damals hatte.  Unmittelbar nach dem Abschluß der Veröffentlichung
       im "Vorwärts" erschien der "Anti-Dühring"
       
       #XIII# Vorwort
       -----
       zuerst als  Sonderabdruck in  zwei Teilen, daraufhin als Buch und
       wurde als solches von Engels noch zweimal neu herausgegeben. Drei
       Kapitel des  Buches arbeitete  Engels um zu einer Broschüre unter
       dem Titel  "Die Entwicklung  des Sozialismus  von der  Utopie zur
       Wissenschaft". Diese  Broschüre,  die  Marx  als  "eine    E i n-
       f ü h r u n g   i n   d e n   w i s s e n s c h a f t l i c h e n
       S o z i a l i s m u s"   bezeichnete (siehe  Band 19 unserer Aus-
       gabe, S.  185), wurde noch bei Lebzeiten von Engels in alle wich-
       tigen europäischen  Sprachen übersetzt; auf diese Weise wurde der
       ideologische Inhalt  des "Anti-Dühring"  den breitesten Massen zu
       eigen gemacht.
       Die Veröffentlichung  des "Anti-Dühring" rief bei den Feinden des
       Marxismus eine  wütende Reaktion hervor. Im Jahre 1877 versuchten
       die Dühring-Anhänger  auf dem  Kongreß der Sozialistischen Arbei-
       terpartei in  Gotha, ein  Verbot der  Veröffentlichung der Arbeit
       von Engels  zustande zu  bringen. 1878,  unter dem Sozialistenge-
       setz, wurde das Buch von Engels in Deutschland verboten. Aber al-
       len Widerständen  zum Trotz  erfüllte  der  "Anti-Dühring"  seine
       große geschichtliche  Aufgabe-er trug  zum theoretischen Sieg des
       Marxismus in der Arbeiterbewegung bei.
       Der "Anti-Dühring"  ist  eine  mächtige  theoretische  Waffe  der
       marxistischen Parteien.  Lenin  wertete  dieses  Buch  in  seinem
       Kampfe gegen die Volkstümler, die "legalen Marxisten" und die Ma-
       chisten weitgehend  aus. In  Lenins Werk "Materialismus und Empi-
       riokritizismus" wurde  nicht nur  der theoretische Inhalt des Bu-
       ches von  Engels weiterentwickelt,  sondern auch  die  polemische
       Meisterschaft, mit der es geschrieben ist.
       Das geniale Werk von Engels behält seine unvergängliche Bedeutung
       sowohl als unerschöpfliche Schatzkammer der marxistischen Theorie
       als auch  als ideologische  Waffe gegen  die heutigen  Feinde des
       Marxismus: die verschiedenen Arten von Revisionisten, Eklektikern
       und Pseudo-Sozialisten,  die von  Positionen ausgehen,  die  mehr
       oder weniger  jenen ähneln,  die  von  Engels  im  "Anti-Dühring"
       zerschlagen wurden.
       Einige Jahre bevor Engels den "Anti-Dühring" zu schreiben begann,
       hatte er  schon seine  große Arbeit  "Dialektik der Natur" in An-
       griff genommen. Im Laufe von drei Jahren (1873 bis 1876) sammelte
       Engels beträchtliches  Material und  schrieb in  dieser Zeit  die
       Einleitung zu  diesem Werk.  Nach dem  Abschluß seines "Anti-Düh-
       ring" begann  Engels erneut,  an der "Dialektik der Natur" zu ar-
       beiten. Es  begann die  entscheidende Etappe  in der Ausarbeitung
       der dialektisch-materialistischen  Naturauffassung, eine  Etappe,
       die das  Fazit des  langjährigen Studiums von Marx und Engels auf
       dem Gebiete der Naturwissenschaften zog.
       Während  mehrerer  Jahrzehnte  des  19.  Jahrhunderts  hatte  die
       Entwicklung
       
       #XIV Vorwort
       -----
       der kapitalistischen  Produktionsweise und  ihrer Produktivkräfte
       zu einer stürmischen Entwicklung der Technik und der Naturwissen-
       schaften geführt. Besonders zeigte sich das bei jenen Zweigen der
       Naturwissenschaft, die  mehr oder weniger unmittelbar mit den Be-
       dürfnissen der Produktion verbunden waren.
       Der Anfang  und besonders  die Mitte  des 19.  Jahrhunderts  sind
       durch eine ganze Reihe hervorragender Entdeckungen und Leistungen
       auf dem  Gebiete der  Mathematik, der Astronomie, der Physik, der
       Chemie und  der Biologie  gekennzeichnet. Neue  Tatsachen  wurden
       festgestellt und  neue Gesetze  aufgestellt, neue  Hypothesen und
       Theorien wurden  geschaffen und neue Zweige der Wissenschaft ent-
       standen.
       Die hervorragendsten  Meilensteine dieses  Triumphzugs der Natur-
       wissenschaften waren  - wie  Engels darlegte - drei große Entdec-
       kungen: die  Entdeckung der  organischen Zelle,  des Gesetzes von
       der Erhaltung  und Umwandlung  der Energie  und der Entwicklungs-
       theorie durch  Darwin. In  den  Jahren  1838  bis  1839  stellten
       Matthias Jakob  Schleiden und  Theodor Schwann  die Identität der
       pflanzlichen und tierischen Zellen fest; sie wiesen nach, daß die
       Zelle die  Grundform und  die strukturelle Einheit des Organismus
       bildet und  schufen eine geschlossene Zellulartheorie des Aufbaus
       der Organismen;  dadurch wurde  die Einheit  der gesamten organi-
       schen Welt  bewiesen. In  den Jahren 1842 bis 1847 entdeckten und
       begründeten Robert  Mayer, James  Prescott Joule,  William Robert
       Grove, Ludwig August Colding und Hermann von Helmholtz das Gesetz
       von der  Erhaltung und  Umwandlung der  Energie; dadurch  stellte
       sich die  Natur als  ein ununterbrochener  Prozeß der Verwandlung
       von einer  Form der universellen Bewegung der Materie in eine an-
       dere dar. Im Jahre 1859 erschien das Hauptwerk von Charles Darwin
       "The origin  of species  by means  of natural selection ...", das
       die Entwicklung der evolutionären Ideen eines ganzen Jahrhunderts
       vollendete und  zum Fundament  der ganzen neueren Biologie wurde.
       Die philosophische  Bedeutung dieser  Entdeckungen bestand darin,
       daß sie in konzentriertester Form den dialektischen Charakter der
       Naturprozesse aufzeigten.  Von der  Mitte des 19. Jahrhunderts an
       nahm die  Entwicklung der  Naturwissenschaften einen echt revolu-
       tionären Charakter  an. Jedoch  wurde sie erschwert durch den Wi-
       derspruch zwischen der dialektischen Natur des neuen naturwissen-
       schaftlichen Materials  und der  bei den  Naturforschern vorherr-
       schenden metaphysischen Methode.
       Es war  notwendig, die  wichtigsten Ergebnisse  der  Naturwissen-
       schaft im  zweiten Drittel  des 19. Jahrhunderts philosophisch zu
       verallgemeinern und die dialektisch-materialistische Naturauffas-
       sung zu entwickeln.
       
       #XV# Vorwort
       -----
       Da Marx  die Arbeit an seinem Hauptwerk, dem "Kapital", völlig in
       Anspruch nahm, ging Engels an die Lösung dieser durch den Verlauf
       der Entwicklung  der Naturwissenschaften gestellten neuen theore-
       tischen Aufgaben.  Die praktischen  Möglichkeiten hierzu entstan-
       den, nachdem Engels sich von seiner Arbeit in der Baumwollspinne-
       rei Ermen & Engels in Manchester frei gemacht hatte und nach Lon-
       don übergesiedelt war. Jedoch konnte er wegen des Deutsch-Franzö-
       sischen Krieges, der Pariser Kommune und der Tätigkeit in der In-
       ternationale erst vom Beginn des Jahres 1873 an den theoretischen
       Untersuchungen seine Hauptaufmerksamkeit schenken.
       Das Interesse  von Marx  und Engels  an den  Problemen der Natur-
       wissenschaften war weder zufällig noch zeitweilig. Angefangen mit
       dem Brief  des jungen  Marx an  seinen Vater  (vom  10.  November
       1837), worin  er ihm  von seinen  naturwissenschaftlichen Studien
       Mitteilung machte,  bis zu  den letzten  Jahren seines Lebens, in
       denen Marx  selbständige Arbeiten  über die  Mathematik  schrieb,
       kann man  verfolgen, wie  sich seine naturwissenschaftlichen Stu-
       dien erweiterten  und vertieften.  Eine analoge  Entwicklung  ist
       auch bei Engels zu beobachten.
       Die Begründer des Marxismus, die eine geschlossene Weltanschauung
       geschaffen haben,  verarbeiteten nicht  nur kritisch das, was die
       ihnen vorausgegangene  Philosophie und  die  politische  Ökonomie
       geleistet sowie  die sozialistischen  und kommunistischen  Lehren
       hervorgebracht hatten, sie mußten unausbleiblich auch die wesent-
       lichen Ergebnisse  der Naturwissenschaft  ihrer Zeit verallgemei-
       nern, denn  ohne eine  solche Verallgemeinerung war es unmöglich,
       dem Materialismus  die neue dialektische Form zu geben. "Marx und
       ich", schrieb  Engels im  Vorwort zur  zweiten Ausgabe des "Anti-
       Dühring", "waren  wohl ziemlich  die einzigen,  die aus der deut-
       schen idealistischen  Philosophie die  bewußte Dialektik  in  die
       materialistische Auffassung  der Natur  und Geschichte hinüberge-
       rettet haben. Aber zu einer dialektischen und zugleich materiali-
       stischen Auffassung der Natur gehört Bekanntschaft mit der Mathe-
       matik und der Naturwissenschaft" (siehe vorl. Band, S. 10).
       Wie hoch  Marx die Rolle der Naturwissenschaften einschätzte, er-
       sieht man  aus seiner  Bemerkung in den Vorarbeiten zum "Kapital"
       aus dem Jahre 1863, daß die Naturwissenschaft die Grundlage jedes
       Wissens bildet.
       Marx und Engels zeigten in gleichem Maße tiefes Interesse für die
       Naturwissenschaften. Aber  zwischen ihnen  bestand eine einzigar-
       tige Arbeitsteilung. Marx war ein gründlicher Kenner der Mathema-
       tik, wie  auch der  Geschichte der  Technik und  der  Agrochemie;
       gleichzeitig beschäftigte
       
       #XVI# Vorwort
       -----
       er sich mit Physik, Chemie, Biologie, Geologie, Anatomie und Phy-
       siologie; zum Unterschied von Engels befaßte er sich mehr mit der
       Mathematik und  mit den  angewandten Naturwissenschaften.  Engels
       war ein  gründlicher Kenner der Physik und Biologie, gleichzeitig
       beschäftigte er sich mit Mathematik, Astronomie, Chemie, Anatomie
       und Physiologie;  zum Unterschied  von Marx  befaßte er sich mehr
       mit den theoretischen Naturwissenschaften.
       Bereits in  den Arbeiten  von Marx  und Engels  aus der  Zeit der
       Herausbildung des  Marxismus, d.h. vor 1848, finden sich zahlrei-
       che Tatsachen,  die bezeugen, daß sie der Entwicklung und den Er-
       rungenschaften der  Naturwissenschaft und  der Technik große Auf-
       merksamkeit schenkten.  In dieser Periode beschäftigten sich Marx
       und Engels  jedoch noch  nicht speziell mit den Naturwissenschaf-
       ten.
       Ein solches  spezielles Studium  begann Marx  zum erstenmal 1851.
       Nachdem er zuvor seine Untersuchungen auf dem Gebiete der politi-
       schen Ökonomie  wieder aufgenommen  hatte, ging er daran, mit dem
       Ziel eines  eingehenden Studiums  der Technologie  und Agronomie,
       sich besonders  mit der Geschichte der Technik und der Agrochemie
       zu beschäftigen.  Später wurden  die Ergebnisse dieser Studien in
       dem Kapitel  über die Maschinen im ersten Band des "Kapitals" und
       bei der  Ausarbeitung der  Theorie der Grundrente im dritten Band
       des "Kapitals" verwertet. In den fünfziger Jahren begann auch En-
       gels, sich mit einzelnen Problemen der Naturwissenschaften zu be-
       fassen.
       Im Verlaufe  der Arbeit an der ersten Variante seines Werkes "Das
       Kapital" kam  Marx zu  dem Schluß, daß es notwendig sei, sich be-
       sonders mit  Mathematik zu  befassen. 1858 begann er mit dem Stu-
       dium der  Algebra; der  Algebra folgte die analytische Geometrie,
       dann die Differential- und Integralrechnung. Später gewann dieses
       Studium selbständige  Bedeutung, in  derselben Zeit  beschäftigte
       sich Engels  mit Physik  und Physiologie, um die Errungenschaften
       dieser Wissenschaften,  insbesondere die  Zellentheorie  und  die
       Lehre von  der Umwandlung  der Energie  für die Weiterentwicklung
       der Dialektik  auszuwerten. Ein mächtiger Antrieb für das Studium
       der Naturwissenschaften  war für  Marx und  Engels das Erscheinen
       des grundlegenden Werks von Darwin Ende 1859. Engels las das Buch
       von Darwin  gleich in  den ersten  Tagen nach  seinem Erscheinen.
       Marx, der  es Ende  1860 las,  gab in seinem Briefe an Engels vom
       19. Dezember  1860 eine  klassische Einschätzung  der  Bedeutung,
       welche die  große Entdeckung  Darwins für  den  Marxismus  hatte:
       "Obgleich grob  englisch entwickelt,  ist dies  das Buch, das die
       naturhistorische Grundlage  für unsere  Ansicht enthält".  In den
       folgenden Jahren erweiterte sich der Kreis der naturwissenschaft-
       lichen
       
       #XVII# Vorwort
       -----
       Interessen von  Marx und  Engels beträchtlich.  Sie befaßten sich
       mit Biologie,  Anatomie, Physiologie,  Astronomie, Physik, Chemie
       und mit anderen Wissenschaften.
       Die wichtigste  Etappe in den naturwissenschaftlichen Studien von
       Marx und  Engels begann 1873 und dauerte bis zum Tode von Marx im
       Jahre 1883.  In dieser Periode gingen Marx und Engels unter fort-
       gesetzter Erweiterung  und Vertiefung  ihrer naturwissenschaftli-
       chen Untersuchungen an die Schaffung selbständiger Arbeiten. Marx
       schuf den  wichtigsten Teil  seiner  mathematischen  Manuskripte,
       worin er  sich die  Aufgabe stellte, eine dialektische Begründung
       der Differentialrechnung  zu geben. Aber eine entscheidende Rolle
       auf dem  Gebiete der  Naturwissenschaften kommt in dieser Periode
       den Arbeiten von Engels, d.h. seiner "Dialektik der Natur", zu.
       Nach dem  Tode von  Marx verblieb  Engels keine Möglichkeit mehr,
       sich systematisch  mit der Naturwissenschaft zu beschäftigen. Je-
       doch wertete er in einer Reihe seiner Arbeiten aus dieser letzten
       Periode sowohl  die Ergebnisse seiner früheren Untersuchungen als
       auch die neuen Feststellungen der Naturwissenschaften aus.
       So konnte  Engels, nachdem  er 1878  mit Dühring reinen Tisch ge-
       macht hatte  und an  die Niederschrift der Kapitel der "Dialektik
       der Natur" ging, sich schon auf eine langjährige Erfahrung in dem
       Studium eines ganzen Komplexes der Naturwissenschaften stützen.
       Die Aufgabe, die sich Engels bei der Arbeit an der "Dialektik der
       Natur" gestellt hatte, formulierte er im Vorwort zur zweiten Aus-
       gabe des  "Anti-Dühring": "Es handelte sich bei dieser meiner Re-
       kapitulation der Mathematik und der Naturwissenschaften selbstre-
       dend darum,  mich auch im einzelnen zu überzeugen - woran im all-
       gemeinen kein  Zweifel für mich war -, daß in der Natur dieselben
       dialektischen Bewegungsgesetze  im Gewirr  der zahllosen Verände-
       rungen sich  durchsetzen, die  auch in der Geschichte die schein-
       bare Zufälligkeit  der Ereignisse beherrschen; ... es konnte sich
       für mich  nicht darum  handeln, die  dialektischen Gesetze in die
       Natur hineinzukonstruieren,  sondern sie  in ihr  aufzufinden und
       aus ihr  zu entwickeln" (siehe vorl. Band, S. 11/12). Die Aufgabe
       bestand also  darin, die  objektive Dialektik in der Natur aufzu-
       decken und  dadurch die  Notwendigkeit der bewußten Anwendung der
       materialistischen Dialektik  in der  Naturwissenschaft zu begrün-
       den, den  Idealismus, die  Metaphysik und den Agnostizismus sowie
       auch  den   Vulgärmaterialismus  aus   ihr  zu  vertreiben,  eine
       dialektisch-materialistische  Verallgemeinerung  der  wichtigsten
       Ergebnisse der  Entwicklung der  Naturwissenschaften zu geben und
       dadurch die  Allgemeingültigkeit der  Grundgesetze der materiali-
       stischen Dialektik nachzuweisen.
       
       #XVIII# Vorwort
       -----
       Zu diesem  Zweck machte  Engels ein  ungeheures Tatsachenmaterial
       lebendig. Er  wertete insgesamt etwa hundert Arbeiten der größten
       Naturforscher aus,  darunter über Mathematik das Buch von Charles
       Bossut, über  die Astronomie  die Bücher  von Johann Heinrich von
       Mädler und Angelo Secchi, über die Physik die Arbeiten von Robert
       Mayer, Hermann von Helmholtz, William Robert Grove, William Thom-
       son, Rudolf  Clausius, James  Clerk Maxwell, Gustav Wiedemann und
       Thomas Thomson,  über die Chemie die Schriften von Alexander Nau-
       mann, Henry  Enfield Roscoe und Carl Schorlemmer, über die Biolo-
       gie die  Arbeiten von Charles Darwin, Ernst Haeckel und Henry Al-
       leyne Nicholson;  außerdem wertete  er die  Zeitschrift  "Nature"
       aus. Leider  konnte Engels  aus einer  ganzen Reihe von Umständen
       nicht solche  damals zwar  weniger  bekannte,  aber  dennoch  ge-
       schichtlich nicht  minder wichtige  Untersuchungen auswerten  wie
       die Werke  von Lomonossow, Lobatschewski, Riemann, Butlerow sowie
       die Arbeiten von Maxwell über die Theorie des elektromagnetischen
       Feldes.
       Ungeachtet dessen,  daß die  "Dialektik  der  Natur"  unvollendet
       geblieben ist  und einzelne ihrer Teile den Charakter vorläufiger
       Entwürfe und  fragmentarischer Notizen  haben, stellt dieses Werk
       ein zusammenhängendes Ganzes dar, das durch die allgemeinen Grun-
       dideen und einen einheitlichen, harmonischen Plan in sich verbun-
       den ist.
       In der  "Dialektik der Natur" hat Engels an Hand eines umfangrei-
       chen Materials  der Geschichte  der Naturwissenschaft,  besonders
       aus der  Zeit von  der Renaissance bis zur Mitte des 19. Jahrhun-
       derts, gezeigt,  daß die  Entwicklung der  Naturwissenschaften in
       letzter Instanz bedingt ist durch die Bedürfnisse der Praxis, der
       Produktion. Zum  erstenmal in  der Geschichte  des Marxismus wird
       hier von  Engels allseitig  die Wechselbeziehung  von Philosophie
       und Naturwissenschaft  untersucht, ihr  untrennbarer Zusammenhang
       aufgezeigt und bewiesen, daß "in der Naturwissenschaft durch ihre
       eigene Entwicklung  die metaphysische Auffassung unmöglich gewor-
       den" ist,  die  "Rückkehr  zur  Dialektik  sich  unbewußt,  daher
       widerspruchsvoll und  langsam" vollzieht  und die  Dialektik, von
       dem Hegelschen  Mystizismus befreit, "eine absolute Notwendigkeit
       für die  Naturwissenschaft" wird  (siehe vorl.  Band, S.  309 und
       476). Hier  wird von Engels den Naturwissenschaftlern die Aufgabe
       gestellt, sich  bewußt die  dialektische Methode  zu eigen zu ma-
       chen.
       Engels entwickelt  die  grundlegenden  Thesen  des  dialektischen
       Materialismus über  Materie und  Bewegung, Raum und Zeit; er kon-
       kretisiert die  Definition der  Dialektik,  formuliert  die  drei
       Grundgesetze der Dialektik
       
       #XIX# Vorwort
       -----
       und zeigt, "daß die dialektischen Gesetze wirkliche Entwicklungs-
       gesetze der  Natur, also auch für die theoretische Naturforschung
       gültig sind" (siehe vorl. Band, S. 349).
       Die Grundidee  der "Dialektik  der Natur" ist die Klassifizierung
       der Bewegungsformen der Materie und dementsprechend die Klassifi-
       zierung der Wissenschaften, die diese Bewegungsformen erforschen.
       Die niedere  Form der  Bewegung ist die einfache Ortsveränderung,
       die höchste das Denken. Die Grundformen der Bewegung, die von den
       Naturwissenschaften studiert  werden, sind  die mechanische,  die
       physikalische, die  chemische und  die biologische Bewegungsform.
       Jede niedrigere  Bewegungsform  geht  durch  einen  dialektischen
       Sprung in  eine höhere  Form über. Jede höhere Bewegungsform ent-
       hält in  sich als  untergeordnetes Moment  eine niedrigere  Form,
       läßt sich aber nicht auf sie zurückführen. Auf der Grundlage die-
       ser Lehre  von den  Bewegungsformen der  Materie baute Engels die
       dialektisch-materialistische  Klassifizierung   der  Naturwissen-
       schaften auf,  "von denen  jede eine  einzelne Bewegungsform oder
       eine Reihe  zusammengehöriger und  ineinander übergehender  Bewe-
       gungsformen analysiert" (siehe vorl. Band, S. 514).
       Sich auf  diese Grundidee stützend, untersuchte Engels folgerich-
       tig den  dialektischen Inhalt  der Mathematik,  der Mechanik, der
       Physik, der Chemie und der Biologie. Hierbei wählte er in der Ma-
       thematik das  Problem der  scheinbaren Apriorität  der mathemati-
       schen Abstraktionen, in der Astronomie das Problem der Entstehung
       und Entwicklung  des Sonnensystems,  in der  Physik die Lehre von
       der Umwandlung  der Energie, in der Chemie das Problem der Atomi-
       stik, in  der Biologie  das Problem der Entstehung und des Wesens
       des Lebens,  die Zellentheorie  und den Darwinismus. Den Übergang
       von der  Naturwissenschaft zur Geschichte der Gesellschaft bildet
       die hier von Engels ausgearbeitete Theorie von der Arbeit als die
       Grundbedingung für die Entwicklung des Menschen.
       Bei der  Untersuchung aller  dieser Probleme begnügte sich Engels
       nicht damit,  einfach diese oder jene naturwissenschaftliche Ent-
       deckung festzustellen,  sondern er interpretierte unter Anwendung
       der dialektisch-materialistischen  Methode auf neue Art die wich-
       tigsten Ergebnisse  der Naturforschung.  So unterstreicht  Engels
       zum Beispiel  dort, wo er von der Bedeutung der Entdeckung Robert
       Mayers und  anderer Gelehrter spricht, die das Gesetz von der Er-
       haltung der  Energie festgestellt  haben, daß das spezifisch Neue
       an dieser Entdeckung gerade die Formulierung des absoluten Natur-
       gesetzes war:  Jede Form der Bewegung ist befähigt und gezwungen,
       in jede andere Form der Bewegung umzuschlagen. Engels
       
       #XX# Vorwort
       -----
       bereicherte das  Verständnis des  Gesetzes von  der Erhaltung der
       Energie durch  die These,  daß die Energie nicht nur in quantita-
       tiver, sondern  auch in  qualitativer Beziehung  unzerstörbar ist
       und daß  im unendlichen Universum keine der Bewegungsformen, wenn
       sie in  andere Bewegungsformen umschlagen, vollständig als solche
       verschwinden können. Oder, bei der Darstellung der weltgeschicht-
       lichen  Bedeutung   der  Entdeckung   Darwins  kritisiert  Engels
       zugleich mit  dem Hinweis,  daß Darwin  von den  Ursachen für die
       Veränderung der  Organismen abstrahierte, die einseitige Vorstel-
       lung, die  den "Kampf ums Dasein" als absolut hinstellt, und hebt
       die Rolle  der Umwelt  in der  Entwicklung der Organismen und die
       Rolle des Stoffwechsels als ihre bestimmenden Funktionen hervor.
       Engels löste  durch die  Anwendung der  dialektisch-materialisti-
       schen Methode eine Reihe von Problemen der Naturwissenschaft sei-
       ner Zeit; er zeigte die Wege der weiteren Entwicklung der Wissen-
       schaft auf  und nahm  einige ihrer späteren Errungenschaften vor-
       weg. So löste Engels z.B. das Problem der zwei Maße der Bewegung;
       und als  er die  Widersprüche der  Elektrizitätslehre seiner Zeit
       analysierte, nahm  er die  Theorie der elektrolytischen Dissozia-
       tion vorweg.
       Zum Unterschied von den meisten Gelehrten seiner Zeit verteidigte
       und entwickelte  Engels den Gedanken von dem komplizierten Aufbau
       der Atome: "Nun aber gelten die Atome keineswegs für einfach oder
       überhaupt für die kleinsten bekannten Stoffteilchen" (siehe vorl.
       Band, S.  532). Engels  sah  genial  die  Existenz  von  Teilchen
       voraus, die  analog sind den mathematischen und unendlich kleinen
       Größen verschiedener  Grade. Die  moderne Lehre  von der Struktur
       der Materie  bestätigte und bestätigt die Ansichten von Engels in
       bezug  auf   den  komplizierten   Aufbau  des   Atoms  und  seine
       Unerschöpflichkeit. Genauso  wies Engels,  als er  die Auffassung
       von  der   Materie  als  Einheit  von  Attraktion  und  Repulsion
       darlegte, auf  die prinzipielle  Möglichkeit der  Existenz  einer
       solchen Form  der Materie  hin, die  -  um  in  der  Sprache  der
       modernen Physik  zu  sprechen  -  keine  Ruhmasse  hat,  was  die
       Entdeckungen des 20. Jahrhunderts gleichfalls bestätigt haben.
       In der  "Dialektik der  Natur" formulierte  Engels zum  erstenmal
       seine Definition  des Lebens: "Das Leben ist die Daseinsweise der
       Eiweißkörper" (siehe  vorl. Band,  S. 559).  Diese Definition war
       der Ausgangspunkt  für die  Erforschung der  Entstehung  und  des
       Wesens des Lebens.
       Eins der  größten Verdienste  von Engels ist die Ausarbeitung der
       Theorie von der Rolle der Arbeit für die Entstehung des Menschen.
       In der  glänzenden Skizze "Anteil der Arbeit an der Menschwerdung
       des Affen" klärt
       
       #XXI# Vorwort
       -----
       Engels in  unübertroffener Meisterschaft  die entscheidende Rolle
       der Arbeit,  der Herstellung  von Werkzeugen, bei der Bildung des
       werdenden Menschen  und bei  der Entstehung  der menschlichen Ge-
       sellschaft und  weist nach,  wie aus dem affenähnlichen Vorfahren
       im Ergebnis  eines langen historischen Prozesses sich das von ihm
       qualitativ verschiedene Wesen - der Mensch - entwickelte.
       In  allen  Wissenschaftszweigen  unterstützte  Engels  die  fort-
       schrittlichen Anschauungen  und Theorien,  rückte sie in den Vor-
       dergrund und entwickelte sie weiter. Insbesondere schätzte er die
       wissenschaftliche Tat des großen russischen Gelehrten Dmitri Iwa-
       nowitsch Mendelejew  sehr hoch,  der das  periodische System  der
       chemischen Elemente  geschaffen hatte.  Zugleich  kämpfte  Engels
       entschieden gegen jene Vorstellungen, die nicht mehr den neuesten
       Errungenschaften der  Wissenschaft entsprachen  und den  weiteren
       Fortschritt der  Forschung hemmten. So unterzog er z.B. die Hypo-
       these von  Rudolf Clausius,  William Thomson und Joseph Loschmidt
       über den  sogenannten "Wärmetod"  des Weltalls  einer gründlichen
       Kritik. Engels  zeigte, daß diese Mode-Hypothese dem richtig ver-
       standenen Gesetz von der Erhaltung und Umwandlung der Energie wi-
       derspricht. Die  grundlegenden Leitsätze  von Engels über die Un-
       zerstörbarkeit der  Bewegung nicht  nur in quantitativem, sondern
       auch in qualitativem Sinne und damit zusammenhängend über die Un-
       möglichkeit des  "Wärmetods" des Weltalls zeichneten den Weg auf,
       auf dem  die weitere  Entwicklung der fortschrittlichen Naturfor-
       schung vor sich ging.
       Engels, der  die Dialektik  der Natur  aufdeckte, führte  während
       seiner  ganzen  Arbeit  einen  unversöhnlichen  Kampf  gegen  die
       verschiedenartigen  unwissenschaftlichen   Tendenzen  unter   den
       Naturwissenschaftlern -  gegen den Vulgärmaterialismus, die Meta-
       physik, den Idealismus und den Agnostizismus, gegen den einseiti-
       gen Empirismus  und Mechanismus, gegen den Spiritismus und andere
       Einflüsse der religiösen Ideologie.
       Es versteht  sich von  selbst, daß in den vergangenen Jahrzehnten
       einer stürmischen  und revolutionären Entwicklung aller Naturwis-
       senschaften einzelne  Details der  "Dialektik der  Natur" und vor
       allem jenes Tatsachenmaterial, auf das sich Engels stützte, über-
       holt sind. So ist z.B. die Kant-Laplacesche Kosmogonie-Hypothese,
       von der Engels ausging, überholt. Endgültig verworfen ist die me-
       chanistische Ätherhypothese.  Es wurde  festgestellt, daß die Ge-
       schwindigkeit des elektrischen Stroms nicht die Lichtgeschwindig-
       keit übersteigen  kann. Alles  das jedoch berührt nicht das Wesen
       der "Dialektik  der Natur".  Die allgemeine  Methodologie und die
       allgemeine
       
       #XXII# Vorwort
       -----
       Konzeption dieses Werkes, behalten ihre unvergängliche Bedeutung.
       Das Wesentlichste  in der  "Dialektik der Natur" ist die Methode,
       die materialistische Dialektik. Engels zeigt hier mit ungewöhnli-
       chem Nachdruck die Rolle des theoretischen Denkens, die Rolle der
       Methode in der Erkenntnis der Welt. "Man verachtet in der Tat die
       Dialektik nicht  ungestraft. Man  mag noch soviel Geringschätzung
       hegen für  alles theoretische Denken, so kann man doch nicht zwei
       Naturtatsachen in Zusammenhang bringen oder ihren bestehenden Zu-
       sammenhang einsehn  ohne theoretisches Denken", und die Dialektik
       ist "die  einzige ihr  in höchster Instanz angemeßne Denkmethode"
       (siehe vorl. Band, S. 346 und 482).
       In der  "Dialektik der  Natur" sind  vollständiger als in anderen
       Werken der Begründer des Marxismus solche Probleme und Kategorien
       der Dialektik  ausgearbeitet, wie  Kausalität, Notwendigkeit  und
       Zufall, die  Klassifikation der Urteilsformen, das Verhältnis von
       Induktion und  Deduktion, die  Rolle der  Hypothese als  Entwick-
       lungsform der Naturwissenschaft und viele andere.
       Selbst in  seiner unvollendeten Gestalt setzt dieses geniale Werk
       durch den  Reichtum und die Tiefe seines theoretischen Gehalts in
       Erstaunen. Die  "Dialektik der  Natur" stellt eine neue Etappe in
       der Entwicklung  des dialektischen Materialismus dar. Hier erwei-
       terte und  vertiefte Engels  wesentlich den Materialismus und die
       Dialektik und  wies den Weg zur Lösung der grundlegenden Probleme
       der Naturwissenschaft seiner Zeit.
       Engels gelang  es nicht,  die Arbeit an der "Dialektik der Natur"
       zu beenden.  Nach dem  Tode von Marx oblag ihm die Herausgabe der
       Manuskripte von  Marx und  die Leitung der internationalen Arbei-
       terbewegung. Nach  dem Tode  von Engels  lag das  Manuskript  der
       "Dialektik der  Natur" dreißig  Jahre lang  in den  Archiven  der
       deutschen Sozialdemokratie verborgen. Zum erstenmal wurde es 1925
       in der Sowjetunion herausgegeben.
       Einige Leitsätze  der "Dialektik  der Natur" sind dem Leser schon
       im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts dadurch bekannt geworden,
       daß Engels  sie in  einer Reihe seiner veröffentlichten Schriften
       benutzt hat.  Vor allem geschah das im "Anti-Dühring", in "Ludwig
       Feuerbach und  der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie"
       und in  der Einleitung  zu der  englischen Ausgabe  der Broschüre
       "Die Entwicklung  des Sozialismus  von  der  Utopie  zur  Wissen-
       schaft".
       Die Ideen des "Anti-Dühring" und der "Dialektik der Natur" wurden
       in  W.I.   Lenins  Werk  "Materialismus  und  Empiriokritizismus"
       weiterentwickelt,  in   der  Schrift,   in  der  jenes  ungeheure
       naturwissenschaftliche
       
       #XXIII# Vorwort
       -----
       Material, das  sich bis  zum Beginn des 20.Jahrhunderts angehäuft
       hatte, philosophisch verallgemeinert ist. Diese Ideen wurden fer-
       ner in den "Philosophischen Heften" Lenins und in seinem program-
       matischen Aufsatz "Über die Bedeutung des streitbaren Materialis-
       mus" weiterentwickelt.  Lenin hat die "Dialektik der Natur" nicht
       gekannt, aber  auf den von Marx und Engels geschaffenen dialekti-
       schen Materialismus  gestützt, kam er in einer ganzen Reihe prin-
       zipieller Fragen  zu den  gleichen Schlußfolgerungen  und entwic-
       kelte jene Leitsätze weiter, die Engels in der "Dialektik der Na-
       tur" formuliert hatte.
       Die Entwicklung der Naturwissenschaften im 20. Jahrhundert bestä-
       tigte  und  bereicherte  die  von  Marx  und  Engels  geschaffene
       dialektisch-materialistische Naturauffassung. Auf dem Gebiete der
       Physik waren  die Entdeckungen  von Max  Planck, Niels  Bohr  und
       Louis-Victor de Broglie die naturwissenschaftliche Begründung der
       dialektischen These von der Einheit von Kontinuität und Diskonti-
       nuität der  Materie. Einsteins Relativitätstheorie konkretisierte
       die Thesen  von Engels über Materie, Bewegung, Raum und Zeit. Die
       moderne Theorie  von den  Elementarteilchen rechtfertigt glänzend
       die Thesen  von Engels  und Lenin über die Unerschöpflichkeit des
       Atoms und  des Elektrons. Mit demselben Erfolg wurden die Schluß-
       folgerungen des  dialektischen Materialismus  auf dem Gebiete der
       Biologie bestätigt.  Am Beispiel  der Kybernetik  und vieler  neu
       entstandener Zweige der Naturwissenschaft, wie der physikalischen
       Chemie, der  Biochemie, der  Geophysik, der  kosmischen  Biologie
       u.a. bestätigt  sich voll und ganz die Voraussage von Engels, daß
       gerade in  den verschiedenen  Grenzwissenschaften die größten Er-
       gebnisse zu erwarten sind.
       Das sind die Resultate der historischen Prüfung der marxistischen
       Methodologie -  der  dialektisch-materialistischen  Methode.  Die
       vergangenen Jahrzehnte  haben die  ganze Tiefe  des Gedankens von
       Engels und  Lenin über die Notwendigkeit der Vereinigung von Phi-
       losophie und Naturwissenschaft, der Philosophen und der Naturwis-
       senschaftler gezeigt.  Und in noch größerem Maße wird die Zukunft
       die Bedeutung dieser Forderung herausstellen.
       Der theoretische Gehalt des "Anti-Dühring" und der "Dialektik der
       Natur" wird  durch den ganzen Verlauf der Geschichte während fast
       eines ganzen  Jahrhunderts bestätigt und unaufhörlich durch neue-
       ste Errungenschaften  der Wissenschaft  und Technik und durch die
       ganze Praxis  des Kampfes für den Kommunismus bereichert. Die un-
       sterblichen Ideen dieser genialen Arbeiten von Engels werden auch
       fernerhin die Entwicklungswege der Wissenschaft in der Epoche der
       Atomenergie, der  kybernetischen Maschinen  und der  Beherrschung
       des Kosmos erleuchten; sie werden auch
       
       #XXIV# Vorwort
       -----
       fernerhin die Entwicklungswege der Gesellschaft in die große Epo-
       che des Kommunismus erleuchten.
       Die in dem vorliegenden Band enthaltenen Arbeiten von Engels wer-
       den im  wesentlichen so  wie in den Einzelausgaben des "Anti-Düh-
       ring" (1945  bis 1947)  und der "Dialektik der Natur" (1941-1955)
       gebracht. Zum  Unterschied von  früheren Ausgaben  des "Anti-Düh-
       ring", wo  in den Text in eckigen Klammern die Ergänzungen einge-
       fügt wurden,  die Engels  für die  Broschüre "Die Entwicklung des
       Sozialismus von  der Utopie zur Wissenschaft" verfaßt, aber nicht
       in den  "Anti-Dühring" aufgenommen  hat, werden diese Ergänzungen
       in dem  vorliegenden Band  am Ende  des Buches  in dem  Abschnitt
       "Materialien zum  'Anti-Dühring'" gebracht.  Aus dem "Anhang" zum
       "Anti-Dühring" sind  die Teile  ausgeschlossen worden, die Engels
       selbst in  das 2.  Konvolut der "Dialektik der Natur" aufgenommen
       hat; sie  werden nur  im Text  der "Dialektik  der Natur" wieder-
       gegeben. Der ganze übrige Text des "Anhangs" ist in dem Abschnitt
       "Materialien zum 'Anti-Dühring'" enthalten.
       Am Ende  des Textes  der "Dialektik der Natur" werden die von En-
       gels verfaßten  Titel und  Inhaltsverzeichnisse der Konvolute, in
       denen uns das Manuskript dieser Arbeit vorliegt, gebracht.
       Bei der  Arbeit am  Text des  "Anti-Dühring" wurden einige Druck-
       und Schreibfehler  festgestellt und  berichtigt, die  sich in die
       dritte deutsche Ausgabe dieses Werks eingeschlichen hatten.
       Bei der  Arbeit am  Text der  "Dialektik  der  Natur"  wurde  die
       Entzifferung des Manuskripts von Engels an einzelnen Stellen prä-
       zisiert, und  an einer  Stelle wurden dank einer dem Institut für
       Marxismus-Leninismus zur  Verfügung gestellten  vollständigen und
       genauen Photokopie  des Fragments  "Der  geozentrische  Gesichts-
       punkt..." die beiden letzten Zeilen dieses Fragments wiederherge-
       stellt, die in der alten Photokopie fehlen.
       Der Anhang  und das  Register des  Bandes  wurden  gegenüber  den
       Einzelausgaben des  "Anti-Dühring" und  der "Dialektik der Natur"
       bedeutend ergänzt und erweitert.
       Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU
       
       Zur Textüberprüfung  des  "Anti-Dührìng"  wurden  sowohl  die  im
       "Vorwärts" veröffentlichten  Artikel wie  auch der  Sonderabdruck
       und die  Erstausgabe dieses Buches mit herangezogen und aufgefun-
       dene Druckfehler und Textentstellungen danach korrigiert.
       
       #XXV# Vorwort
       -----
       Alle im vorliegenden Band angeführten Zitate sind nach den Origi-
       nalen überprüft  worden. Längere  Zitate  werden  zur  leichteren
       Übersicht in kleinerem Druck gebracht.
       Die im  Manuskript der  "Dialektik der Natur" vorkommenden fremd-
       sprachigen Zitate  werden im Text in der Übersetzung und der Ori-
       ginaltext in  Anmerkungen wiedergegeben. Eine Ausnahme bildet ein
       längeres Zitat aus Thomas Thomsons Buch "An outline of the scien-
       ces of  heat and  electricity", das  zum großen  Teil von  Engels
       selbst übersetzt wurde. Die eingestreuten englischen Worte, Satz-
       teile und  Sätze sind in Fußnoten übersetzt. Das gleiche gilt für
       fremdsprachige  Wörter  und  Satzteile,  die  vor  allem  in  der
       "Dialektik der Natur" vorkommen.
       Rechtschreibung  und   Zeichensetzung  sind,  soweit  vertretbar,
       modernisiert. Der  Laut- und  Silbenstand der  Wörter wurde nicht
       verändert, resp.  gegenüber früheren  Einzelausgaben wiederherge-
       stellt. Alle  in eckigen  Klammern stehenden Wörter und Wortteile
       stammen von der Redaktion.
       Fußnoten von Engels sind durch Sternchen gekennzeichnet, Fußnoten
       der Redaktion  durch eine  durchgehende Linie vom Text abgetrennt
       und durch Ziffern kenntlich gemacht.
       Zur Erläuterung ist der Band mit Anmerkungen versehen, auf die im
       Text durch  hochgestellte Zahlen  in eckigen Klammern hingewiesen
       wird; außerdem  sind ein  Inhaltsverzeichnis  der  Konvolute  der
       "Dialektik der  Natur", ein chronologisches Verzeichnis der Frag-
       mente und  Artikel der  "Dialektik der  Natur", ein Literaturver-
       zeichnis, ein  Personenverzeichnis, ein Sachregister und eine Er-
       klärung der Fremdwörter beigefügt.
       Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung Berlin
       

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