Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889

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       VIII
       
       Die Staatsbildung der Deutschen
       
       Die Deutschen  waren nach Tacitus ein sehr zahlreiches Volk. Eine
       ungefähre Vorstellung  von der  Stärke deutscher Einzelvölker er-
       halten wir  bei Cäsar;  er gibt die Zahl der auf dem linken Rhei-
       nufer erschienenen  Usipeter und  Tenkterer auf 180 000 Köpfe an,
       Weiber und  Kinder eingeschlossen. Also etwa 100 000 auf ein Ein-
       zelvolk *), schon bedeutend mehr als z.B. die Gesamtheit der Iro-
       kesen, in  ihrer Blütezeit, wo sie, nicht 20 000 Köpfe stark, der
       Schrecken des  ganzes Landes  wurden, von  den großen Seen bis an
       den Ohio und Potomac. Ein solches Einzelvolk nimmt auf der Karte,
       wenn wir  versuchen, die in der Nähe des Rheins angesessenen, ge-
       nauer bekannten nach den Berichten zu gruppieren, im Durchschnitt
       ungefähr den  Raum eines  preußischen Regierungsbezirks ein, also
       etwa 10 000  Quadratkilometer oder  182 geographische Quadratmei-
       len. Germania  Magna 1*) der Römer aber, bis an die Weichsel, um-
       faßt in  runder Zahl  500 000 Quadratkilometer.  Bei einer durch-
       schnittlichen Kopfzahl der Einzelvölker von 100 000 würde die Ge-
       samtzahl für  Germania Magna  sich auf  fünf Millionen berechnen;
       für eine  barbarische Völkergruppe eine ansehnliche Zahl, für un-
       sre Verhältnisse - 10 Köpfe auf den Quadratkilometer oder 550 auf
       die geographische  Quadratmeile -  äußerst gering. Damit aber ist
       die Zahl  der damals lebenden Deutschen keineswegs erschöpft. Wir
       wissen, daß die Karpaten entlang bis zur Donaumündung hinab deut-
       sche Völker gotischen
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       *) Die hier  angenommene Zahl  wird bestätigt  durch eine  Stelle
       Diodors über  die gallischen  Kelten: -  In Gallien  wohnen viele
       Völkerschaften von ungleicher Stärke. Bei den größten beträgt die
       Menschenzahl  ungefähr   200 000,  bei   den  kleinsten  50 000."
       (Diodorus Siculus,  V, 25.)  Also durchschnittlich  125 000;  die
       gallischen Einzelvölker  sind, bei  ihrem  höheren  Entwicklungs-
       stand, unbedingt etwas zahlreicher anzunehmen als die deutschen.
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       1*) Großgermanien
       
       #142# Der Ursprung der Familie, des Privateigentums u. des Staats
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       Stamms wohnten,  Bastarner, Peukiner und andre, so zahlreich, daß
       Plinius aus  ihnen den fünften Hauptstamm der Deutschen zusammen-
       setzt [122] und daß sie, die schon 180 vor unsrer Zeitrechnung im
       Solddienst des  makedonischen Königs  Perseus auftreten,  noch in
       den ersten  Jahren des  Augustus bis in die Gegend von Adrianopel
       vordrangen. Rechnen  wir sie  nur für  eine Million, so haben wir
       als wahrscheinliche  Anzahl der  Deutschen zu Anfang unsrer Zeit-
       rechnung mindestens sechs Millionen.
       Nach der  Niederlassung in Germanien muß sich die Bevölkerung mit
       steigender  Geschwindigkeit  vermehrt  haben;  die  obenerwähnten
       industriellen  Fortschritte  allein  würden  dies  beweisen.  Die
       schleswigschen Moorfunde  sind, nach  den  zugehörigen  römischen
       Münzen, aus dem dritten Jahrhundert. Um diese Zeit herrschte also
       schon an der Ostsee ausgebildete Metall- und Textilindustrie, re-
       ger Verkehr mit dem Römerreich und ein gewisser Luxus bei Reiche-
       ren -  alles Spuren dichterer Bevölkerung. Um diese Zeit aber be-
       ginnt auch  der allgemeine  Angriffskrieg der  Deutschen auf  der
       ganzen Linie  des Rheins, des römischen Grenzwalls und der Donau,
       von der  Nordsee bis zum Schwarzen Meer - direkter Beweis der im-
       mer stärker  werdenden, nach außen drängenden Volkszahl. Dreihun-
       dert Jahre  dauerte der Kampf, währenddessen der ganze Hauptstamm
       gotischer Völker  (mit Ausnahme der skandinavischen Goten und der
       Burgunder) nach Südosten zog und den linken Flügel der großen An-
       griffslinie  bildete,   in  deren   Zentrum   die   Hochdeutschen
       (Herminonen) an  der Oberdonau  und auf dessen rechtem Flügel die
       Iskävonen, jetzt  Franken genannt,  am Rhein, vordrangen; den In-
       gävonen fiel  die Eroberung  Britanniens zu.  Am Ende des fünften
       Jahrhunderts lag  das Römerreich  entkräftet, blutlos und hülflos
       den eindringenden Deutschen offen.
       Wir standen  oben an der Wiege der antiken griechischen und römi-
       schen Zivilisation.  Hier stehn wir an ihrem Sarg. Über alle Län-
       der des  Mittelmeerbeckens war  der nivellierende Hobel der römi-
       schen Weltherrschaft gefahren, und das jahrhundertelang. Wo nicht
       das Griechische Widerstand leistete, hatten alle Nationalsprachen
       einem verdorbenen  Lateinisch weichen müssen; es gab keine Natio-
       nalunterschiede, keine  Gallier, Iberer,  Ligurer, Noriker  mehr,
       sie alle  waren Römer  geworden. Die  römische Verwaltung und das
       römische Recht hatten überall die alten Geschlechterverbände auf-
       gelöst und  damit den letzten Rest lokaler und nationaler Selbst-
       tätigkeit. Das neugebackne Römertum bot keinen Ersatz; es drückte
       keine Nationalität  aus, sondern  nur den Mangel einer Nationali-
       tät. Die Elemente neuer Nationen waren überall vorhanden; die la-
       teinischen Dialekte der verschiednen Provinzen schieden sich mehr
       und mehr; die natürlichen
       
       #143# VIII. Die Staatsbildung der Deutschen
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       Grenzen, die  Italien, Gallien,  Spanien, Afrika  früher zu selb-
       ständigen Gebieten gemacht hatten, waren noch vorhanden und mach-
       ten sich  auch noch  fühlbar. Aber nirgends war die Kraft vorhan-
       den, diese  Elemente zu neuen Nationen zusammenzufassen; nirgends
       war noch  eine Spur  von Entwicklungsfähigkeit,  von Widerstands-
       kraft, geschweige von Schaffungsvermögen. Die ungeheure Menschen-
       masse des  ungeheuren Gebiets  hatte nur ein Band, das sie zusam-
       menhielt: den  römischen Staat,  und dieser  war mit der Zeit ihr
       schlimmster Feind und Unterdrücker geworden. Die Provinzen hatten
       Rom vernichtet;  Rom selbst war eine Provinzialstadt geworden wie
       die andern  - bevorrechtet,  aber nicht  länger herrschend, nicht
       länger Mittelpunkt  des Weltreichs,  nicht einmal  mehr Sitz  der
       Kaiser und  Unterkaiser, die  in Konstantinopel,  Trier,  Mailand
       wohnten. Der  römische Staat  war eine  riesige, komplizierte Ma-
       schine geworden,  ausschließlich zur  Aussaugung der  Untertanen.
       Steuern, Staatsfronden  und Lieferungen  aller Art  drückten  die
       Masse der  Bevölkerung in  immer tiefere Armut; bis zur Unerträg-
       lich-keit wurde  der Druck  gesteigert durch die Erpressungen der
       Statthalter, Steuereintreiber, Soldaten. Dahin hatte es der römi-
       sche Staat  mit seiner  Weltherrschaft gebracht: Er gründete sein
       Existenzrecht auf  die Erhaltung  der Ordnung  nach innen und den
       Schutz gegen  die Barbaren  nach außen.  Aber seine  Ordnung  war
       schlimmer als  die ärgste  Unordnung, und die Barbaren, gegen die
       er die  Bürger zu  schützen vorgab,  wurden von diesen als Retter
       ersehnt.
       Der Gesellschaftszustand  war nicht  weniger  verzweifelt.  Schon
       seit den  letzten Zeiten der Republik war die Römerherrschaft auf
       rücksichtslose Ausbeutung  der eroberten  Provinzen  ausgegangen;
       das Kaisertum  hatte diese  Ausbeutung nicht abgeschafft, sondern
       im Gegenteil  geregelt. Je  mehr das  Reich verfiel,  desto höher
       stiegen Steuern  und Leistungen, desto schamloser raubten und er-
       preßten die Beamten/Handel und Industrie waren nie Sache der Völ-
       ker beherrschenden  Römer gewesen;  nur im  Zinswucher hatten sie
       alles übertroffen,  was vor und nach ihnen war. Was sich von Han-
       del vorgefunden und erhalten hatte, ging zugrunde unter der Beam-
       tenerpressung; was  sich noch  durchschlug, fällt  auf den östli-
       chen, griechischen  Teil des Reichs, der außer unsrer Betrachtung
       liegt. Allgemeine  Verarmung, Rückgang  des Verkehrs,  des  Hand-
       werks, der  Kunst, Abnahme  der Bevölkerung,  Verfall der Städte,
       Rückkehr des  Ackerbaus auf  eine niedrigere  Stufe - das war das
       Endresultat der römischen Weltherrschaft.
       Der  Ackerbau,   in  der  ganzen  alten  Welt  der  entscheidende
       Produktionszweig, war es wieder mehr als je. In Italien waren die
       seit Ende  der Republik  fast das ganze Gebiet einnehmenden unge-
       heuren Güterkomplexe
       
       #144# Der Ursprung der Familie, des Privateigentums u. des Staats
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       (Latifundien) auf  zweierlei Weise verwertet worden. Entweder als
       Viehweide, wo  die Bevölkerung  durch Schafe  und Ochsen  ersetzt
       war, deren  Wartung nur  wenige Sklaven erforderte. Oder als Vil-
       len, die mit Massen von Sklaven Gartenbau in großem Stil trieben,
       teils für  den Luxus  des Besitzers, teils für den Absatz auf den
       städtischen Märkten.  Die großen  Viehweiden hatten sich erhalten
       und wohl noch ausgedehnt; die Villengüter und ihr Gartenbau waren
       verkommen mit  der Verarmung  ihrer Besitzer  und dem Verfall der
       Städte. Die  auf Sklavenarbeit  gegründete  Latifundienwirtschaft
       rentierte sich  nicht mehr; sie war aber damals die einzig mögli-
       che Form  der großen  Agrikultur. Die  Kleinkultur war wieder die
       allein lohnende  Form geworden.  Eine Villa nach der andern wurde
       in kleine Parzellen zerschlagen und ausgegeben an Erbpächter, die
       eine bestimmte  Summe zahlten, oder partiarii, mehr Verwalter als
       Pächter, die  den sechsten  oder gar  nur neunten  Teil des  Jah-
       resprodukts für  ihre Arbeit erhielten. Vorherrschend aber wurden
       diese kleinen Ackerparzellen an Kolonen ausgetan, die dafür einen
       bestimmten jährlichen  Betrag zahlten,  an die  Scholle gefesselt
       waren und  mit ihrer  Parzelle verkauft werden konnten; sie waren
       zwar keine  Sklaven, aber auch nicht frei, konnten sich nicht mit
       Freien verheiraten,  und ihre Ehen untereinander werden nicht als
       vollgültige Ehen, sondern wie die der Sklaven als bloße Beischlä-
       ferei (contubernium)  angesehn. Sie  waren die Vorläufer der mit-
       telalterlichen Leibeignen.
       Die antike  Sklaverei hatte sich überlebt. Weder auf dem Lande in
       der großen  Agrikultur noch  in den  städtischen Manufakturen gab
       sie einen Ertrag mehr, der der Mühe wert war - der Markt für ihre
       Produkte war ausgegangen. Der kleine Ackerbau aber und das kleine
       Handwerk, worauf  die riesige Produktion der Blütezeit des Reichs
       zusammengeschrumpft war,  hatte keinen  Raum für zahlreiche Skla-
       ven. Nur für Haus- und Luxussklaven der Reichen war noch Platz in
       der Gesellschaft.  Aber die  absterbende Sklaverei war immer noch
       hinreichend, alle  produktive Arbeit  als  Sklaventätigkeit,  als
       freier Römer  - und  das war  ja jetzt  jedermann -  unwürdig er-
       scheinen zu  lassen. Daher einerseits wachsende Zahl der Freilas-
       sungen überflüssiger, zur Last gewordner Sklaven, andrerseits Zu-
       nahme der  Kolonen hier,  der verlumpten Freien (ähnlich den poor
       whites 1*) der  Exsklavenstaaten Amerikas)  dort. Das Christentum
       ist am  allmählichen Aussterben der antiken Sklaverei vollständig
       unschuldig. Es  hat die  Sklaverei jahrhundertelang im Römerreich
       mitgemacht und  später nie den Sklavenhandel der Christen verhin-
       dert, weder den der Deutschen im Norden noch den der
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       1*) armen Weißen
       
       #145# VIII. Die Staatsbildung der Deutschen
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       Venetianer im  Mittelmeer, noch  den späteren Negerhandel. *) Die
       Sklaverei bezahlte sich nicht mehr, darum starb sie aus. Aber die
       sterbende Sklaverei  ließ ihren  giftigen Stachel  zurück in  der
       Ächtung der  produktiven Arbeit  der Freien.  Hier war  die  aus-
       weglose Sackgasse,  in der  die römische Welt stak: Die Sklaverei
       war ökonomisch unmöglich, die Arbeit der Freien war moralisch ge-
       ächtet. Die  eine konnte  nicht mehr, die andre noch nicht Grund-
       form der gesellschaftlichen Produktion sein. Was hier allein hel-
       fen konnte, war nur eine vollständige Revolution.
       In den  Provinzen sah  es nicht besser aus. Wir haben die meisten
       Nachrichten aus Gallien. Neben den Kolonen gab es hier noch freie
       Kleinbauern. Um  gegen Vergewaltigung  durch Beamte,  Richter und
       Wucherer gesichert  zu sein,  begaben sich  diese häufig  in  den
       Schutz, das Patronat eines Mächtigen; und zwar nicht nur einzelne
       taten dies, sondern ganze Gemeinden, so daß die Kaiser im vierten
       Jahrhundert mehrfach  Verbote dagegen  erließen. Aber was half es
       den Schutzsuchenden?  Der Patron stellte ihnen die Bedingung, daß
       sie das  Eigentum ihrer Grundstücke an ihn übertrügen, wogegen er
       ihnen die  Nutznießung auf Lebenszeit zusicherte - ein Kniff, den
       die heilige  Kirche sich merkte und im 9. und 10. Jahrhundert zur
       Mehrung des  Reiches Gottes  und ihres eignen Grundbesitzes weid-
       lich nachahmte.  Damals freilich,  gegen das Jahr 475, eifert der
       Bischof Salvianus  von Marseille  noch  entrüstet  gegen  solchen
       Diebstahl und erzählt, der Druck der römischen Beamten und großen
       Grundherren sei  so arg  geworden, daß viele "Römer" in die schon
       von Barbaren  besetzten Gegenden  flöhen und  die dort ansässigen
       römischen Bürger  vor nichts  mehr Angst hätten, als wieder unter
       römische Herrschaft zu kommen. [124] Daß damals Eltern häufig aus
       Armut ihre  Kinder in die Sklaverei verkauften, beweist ein dage-
       gen erlassenes Gesetz.
       Dafür, daß  die deutschen  Barbaren die  Römer von  ihrem  eignen
       Staat befreiten,  nahmen sie  ihnen zwei Drittel des gesamten Bo-
       dens und  teilten ihn  unter sich.  Die Teilung  geschah nach der
       Gentilverfassung; bei  der verhältnismäßig  geringen Zahl der Er-
       oberer blieben  sehr große  Striche ungeteilt,  Besitz teils  des
       ganzen Volks,  teils der  einzelnen Stämme  und Gentes.  In jeder
       Gens wurde das Acker- und Wiesenland unter die einzelnen Haushal-
       tungen zu  gleichen Teilen  verlost; ob  in der  Zeit wiederholte
       Aufteilungen
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       *) Nach dem  Bischof Liutprand von Cremona war im 10. Jahrhundert
       in Verdun,  also im heiligen deutschen Reich, der Hauptindustrie-
       zweig die  Fabrikation von  Eunuchen, die  mit großem Profit nach
       Spanien für die maurischen Harems exportiert wurden. [123]
       
       #146# Der Ursprung der Familie, des Privateigentums u. des Staats
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       stattfanden, wissen  wir nicht,  jedenfalls verloren  sie sich in
       den Römerprovinzen bald, und die Einzelanteile wurden veräußerli-
       ches Privateigentum, Allod. Wald und Weide blieb ungeteilt zu ge-
       meinsamer Nutzung;  diese Nutzung  sowie die Art der Bebauung der
       aufgeteilten Flur  wurde geregelt  nach altem Brauch und nach Be-
       schluß der  Gesamtheit. Je länger die Gens in ihrem Dorfe saß und
       je mehr  Deutsche und  Römer allmählich  verschmolzen, desto mehr
       trat der  verwandtschaftliche Charakter des Bandes zurück vor dem
       territorialen; die  Gens verschwand in der Markgenossenschaft, in
       der allerdings  noch oft genug Spuren des Ursprungs aus Verwandt-
       schaft der Genossen sichtbar sind. So ging hier die Gentilverfas-
       sung, wenigstens in den Ländern, wo die Markgemeinschaft sich er-
       hielt -  Nordfrankreich, England, Deutschland und Skandinavien -,
       unmerklich in  eine Ortsverfassung über und erhielt damit die Fä-
       higkeit der Einpassung in den Staat. Aber sie behielt dennoch den
       naturwüchsig demokratischen  Charakter bei, der die ganze Gentil-
       verfassung auszeichnet,  und erhielt  so selbst in der ihr später
       aufgezwungnen Ausartung ein Stück Gentilverfassung und damit eine
       Waffe in  den Händen der Unterdrückten, lebendig bis in die neue-
       ste Zeit.
       Wenn so  das Blutband  in der Gens bald verlorenging, so war dies
       die Folge  davon, daß  auch im  Stamm und Gesamtvolk seine Organe
       ausarteten infolge der Eroberung. Wir wissen, daß Herrschaft über
       Unterworfene mit  der Gentilverfassung  unverträglich  ist.  Hier
       sehn wir  dies auf  großem Maßstab.  Die deutschen Völker, Herren
       der Römerprovinzen,  hatten diese ihre Eroberung zu organisieren.
       Weder aber konnte man die Römermassen in die Gentilkörper aufneh-
       men noch  sie vermittelst  dieser beherrschen. An die Spitze der,
       zunächst  großenteils  fortbestehenden,  römischen  lokalen  Ver-
       waltungskörper mußte  man einen  Ersatz für  den römischen  Staat
       stellen, und  dieser konnte nur ein andrer Staat sein. Die Organe
       der Gentilverfassung  mußten sich  so in Staatsorgane verwandeln,
       und dies,  dem Drang  der Umstände gemäß, sehr rasch. Der nächste
       Repräsentant des  erobernden Volks  war aber  der Heerführer. Die
       Sicherung des  eroberten Gebiets  nach innen  und außen  forderte
       Stärkung seiner  Macht. Der  Augenblick war gekommen zur Verwand-
       lung der Feldherrnschaft in Königtum: sie vollzog sich.
       Nehmen wir  das Frankenreich. Hier waren dem siegreichen Volk der
       Salier nicht nur die weiten römischen Staatsdomänen, sondern auch
       noch alle die sehr großen Landstrecken als Vollbesitz zugefallen,
       die nicht  an die  größeren und  kleineren Gau- und Markgenossen-
       schaften verteilt  waren, namentlich  alle größeren Waldkomplexe.
       Das erste,  was der  aus einem  einfachen obersten  Heerführer in
       einen wirklichen Landesfürsten verwandelte
       
       #147# VIII. Die Staatsbildung der Deutschen
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       Frankenkönig tat,  war, dies  Volkseigentum in königliches Gut zu
       verwandeln, es  dem Volk  zu stehlen  und an sein Gefolge zu ver-
       schenken oder zu verleihen. Dies Gefolge, ursprünglich seine per-
       sönliche  Kriegsgefolgschaft  und  die  übrigen  Unterführer  des
       Heers, verstärkte  sich bald  nicht nur durch Römer, d.h. romani-
       sierte Gallier,  die ihm durch ihre Schreiberkunst, ihre Bildung,
       ihre Kenntnis  der  romanischen  Landessprache  und  lateinischen
       Schriftsprache sowie  des Landesrechts bald unentbehrlich wurden,
       sondern auch durch Sklaven, Leibeigne und Freigelassene, die sei-
       nen Hofstaat ausmachten und aus denen er seine Günstlinge wählte.
       An alle  diese wurden  Stücke des  Volkslandes zuerst  meist ver-
       schenkt, später  in der  Form von Beneftzien zuerst meist auf Le-
       benszeit des  Königs verliehen  [125] und  so die Grundlage eines
       neuen Adels auf Kosten des Volks geschaffen.
       Damit nicht  genug. Die  weite Ausdehnung  des Reichs war mit den
       Mitteln der alten Gentilverfassung nicht zu regieren; der Rat der
       Vorsteher, war  er nicht längst abgekommen, hätte sich nicht ver-
       sammeln können und wurde bald durch die ständige Umgebung des Kö-
       nigs ersetzt; die alte Volksversammlung blieb zum Schein bestehn,
       wurde aber  ebenfalls mehr  und mehr bloße Versammlung der Unter-
       führer des  Heers und  der  neuaufkommenden  Großen.  Die  freien
       grundbesitzenden Bauern,  die Masse  des fränkischen Volks wurden
       durch die  ewigen Bürger-  und Eroberungskriege, letztere nament-
       lich  unter   Karl  dem   Großen,  ganz   so  erschöpft  und-her-
       untergebracht wie früher die römischen Bauern in den letzten Zei-
       ten der  Republik. Sie,  die ursprünglich das ganze Heer und nach
       der Eroberung  Frankreichs dessen  Kern gebildet halten, waren am
       Anfang des  neunten Jahrhunderts  so verarmt,  daß kaum  noch der
       fünfte Mann  ausziehen konnte. An die Stelle des direkt vom König
       aufgebotenen Heerbannes  freier Bauern trat ein Heer, zusammenge-
       setzt aus  den Dienstleuten der neuaufgekommenen Großen, darunter
       auch hörige Bauern, die Nachkommen derer, die früher keinen Herrn
       als den  König und noch früher gar keinen, nicht einmal einen Kö-
       nig gekannt  hatten. Unter  den Nachfolgern  Karls wurde der Ruin
       des fränkischen  Bauernstandes durch  innere Kriege, Schwäche der
       königlichen Gewalt  und entsprechende  Übergriffe der  Großen, zu
       denen nun noch die von Karl eingesetzten und nach Erblichkeit des
       Amts strebenden Gaugrafen [126] kamen, endlich durch die Einfälle
       der Normannen  vollendet. Fünfzig  Jahre nach  dem Tode Karls des
       Großen lag  das Frankenreich  ebenso widerstandslos  zu den Füßen
       der Normannen, wie vierhundert Jahre früher das Römerreich zu den
       Füßen der Franken.
       Und nicht  nur die  äußere Ohnmacht,  sondern auch die innere Ge-
       sellschaftsordnung oder  vielmehr -unordnung  war fast  dieselbe.
       Die freien
       
       #148# Der Ursprung der Familie, des Privateigentums u. des Staats
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       fränkischen Bauern  waren in eine ähnliche Lage versetzt wie ihre
       Vorgänger, die römischen Kolonen. Durch die Kriege und Plünderun-
       gen ruiniert,  hatten sie sich in den Schutz der neuaufgekommenen
       Großen oder  der Kirche  begeben müssen, da die königliche Gewalt
       zu schwach  war, sie  zu schützen;  aber diesen Schutz mußten sie
       teuer erkaufen.  Wie früher die gallischen Bauern, mußten sie das
       Eigentum an  ihrem Grundstück  an den  Schutzherrn übertragen und
       erhielten dies  von ihm zurück als Zinsgut unter verschiednen und
       wechselnden Formen,  stets aber  nur gegen  Leistung von Diensten
       und Abgaben; einmal in diese Form von Abhängigkeit versetzt, ver-
       loren sie nach und nach auch die persönliche Freiheit; nach wenig
       Generationen waren sie zumeist schon Leibeigne. Wie rasch der Un-
       tergang des  freien Bauernstandes  sich vollzog,  zeigt  Irminons
       Grundbuch [127]  der Abtei  Saint-Germain-des-Prés,  damals  bei,
       jetzt in  Paris. Auf  dem weiten,  in  der  Umgegend  zerstreuten
       Grundbesitz dieser  Abtei saßen  damals, noch  zu Lebzeiten Karls
       des Großen,  2788 Haushaltungen,  fast  ausnahmslos  Franken  mit
       deutschen Namen. Darunter 2080 Kolonen, 35 Liten [128], 220 Skla-
       ven und  nur 8  freie Hintersassen! Die von Salvianus für gottlos
       erklärte Übung, daß der Schutzherr das Grundstück des Bauern sich
       zu Eigentum  übertragen ließ  und es  ihm nur  auf Lebenszeit zur
       Nutzung zurückgab,  wurde jetzt  von der  Kirche gegen die Bauern
       allgemein praktiziert.  Die Frondienste,  die jetzt mehr und mehr
       in Gebrauch  kamen,  hatten  in  den  römischen  Angarien  [129],
       Zwangsdiensten für  den Staat,  ihr Vorbild ebensosehr gehabt wie
       in den Diensten der deutschen Markgenossen für Brücken- und Wege-
       bauten und  andre gemeinsame Zwecke. Dem Schein nach war also die
       Masse der  Bevölkerung nach  vierhundert Jahren  ganz wieder beim
       Anfang angekommen.
       Das aber bewies nur zweierlei: Erstens, daß die gesellschaftliche
       Gliederung und  die Eigentumsverteilung  im sinkenden  Römerreich
       der damaligen  Stufe der  Produktion in  Ackerbau  und  Industrie
       vollständig entsprochen  hatte, also  unvermeidlich gewesen  war;
       und zweitens,  daß diese  Produktionsstufe während  der folgenden
       vierhundert Jahre weder wesentlich gesunken war noch sich wesent-
       lich gehoben hatte, also mit derselben Notwendigkeit dieselbe Ei-
       gentumsverteilung und  dieselben Bevölkerungsklassen  wieder  er-
       zeugt hatte. Die Stadt hatte in den letzten Jahrhunderten des Rö-
       merreichs ihre  frühere Herrschaft  über das Land verloren und in
       den ersten  Jahrhunderten der deutschen Herrschaft sie nicht wie-
       dererhalten. Es setzt dies eine niedrige Entwicklungsstufe sowohl
       des Ackerbaus  wie der  Industrie voraus. Diese Gesamtlage produ-
       ziert mit  Notwendigkeit große  herrschende Grundbesitzer und ab-
       hängige Kleinbauern. Wie wenig es möglich
       
       #149# VIII. Die Staatsbildung der Deutschen
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       war, einerseits  die römische  Latifundienwirtschaft mit Sklaven,
       andrerseits die  neuere Großkultur  mit Fronarbeit  einer solchen
       Gesellschaft aufzupfropfen,  beweisen Karls des Großen ungeheure,
       aber fast  spurlos vorübergegangne  Experimente mit den berühmten
       kaiserlichen Villen.  Sie wurden fortgesetzt nur von Klöstern und
       waren nur für diese fruchtbar; die Klöster aber waren abnorme Ge-
       sellschaftskörper, gegründet  auf Ehelosigkeit;  sie konnten Aus-
       nahmsweises leisten, mußten aber ebendeshalb auch Ausnahmen blei-
       ben.
       Und doch war man während dieser vierhundert Jahre weitergekommen.
       Finden wir  auch am  Ende fast  dieselben Hauptklassen wieder vor
       wie am  Anfang, so  waren doch  die Menschen  andre geworden, die
       diese Klassen  bildeten. Verschwunden  war die  antike Sklaverei,
       verschwunden die  verlumpten armen  Freien, die  die  Arbeit  als
       sklavisch verachteten.  Zwischen dem  römischen Kolonen  und  dem
       neuen Hörigen  hatte der  freie fränkische  Bauer gestanden.  Das
       "unnütze Erinnern  und der  vergebliche Streit"  des verfallenden
       Römertums war  tot und  begraben.  Die  Gesellschaftsklassen  des
       neunten Jahrhunderts  hatten sich gebildet, nicht in der Versump-
       fung einer  untergehenden Zivilisation, sondern in den Geburtswe-
       hen einer  neuen. Das neue Geschlecht, Herren wie Diener, war ein
       Geschlecht von  Männern, verglichen  mit seinen römischen Vorgän-
       gern. Das Verhältnis von mächtigen Grundherren und dienenden Bau-
       ern, das  für diese  die auswegslose  Untergangsform der  antiken
       Welt gewesen, es war jetzt für jene der Ausgangspunkt einer neuen
       Entwicklung. Und  dann, so  unproduktiv diese  vierhundert  Jahre
       auch scheinen,   e i n   großes Produkt hinterließen sie: die mo-
       dernen Nationalitäten, die Neugestaltung und Gliederung der west-
       europäischen Menschheit  für die  kommende Geschichte.  Die Deut-
       schen hatten  in der  Tat Europa neu belebt, und darum endete die
       Staatenauflösung der  germanischen Periode nicht mit normannisch-
       sarazenischer Unterjochung, sondern mit der Fortbildung der Bene-
       fizien und  der Schutzergebung (Kommendation [130]) zum Feudalis-
       mus 1*)  und mit  einer so  gewaltigen Volksvermehrung,  daß kaum
       zweihundert Jahre  nachher die  starken Aderlässe  der  Kreuzzüge
       ohne Schaden ertragen wurden.
       Was aber  war das  geheimnisvolle Zaubermittel, wodurch die Deut-
       schen dem  absterbenden Europa  neue Lebenskraft einhauchten? War
       es eine, dem deutschen Volksstamm eingeborne Wundermacht, wie un-
       sre chauvinistische  Geschichtschreibung uns  vordichtet? Keines-
       wegs. Die  Deutschen waren,  besonders damals,  ein  hochbegabter
       arischer Stamm und in voller lebendiger
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       1*) (1884) endet hier der Absatz
       
       #150# Der Ursprung der Familie, des Privateigentums u. des Staats
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       Entwicklung begriffen.  Aber nicht  ihre spezifischen  nationalen
       Eigenschaften waren  es, die  Europa verjüngt haben, sondern ein-
       fach - ihre Barbarei, ihre Gentilverfassung.
       Ihre persönliche  Tüchtigkeit und  Tapferkeit, ihr  Freiheitssinn
       und demokratischer Instinkt, der in allen öffentlichen Angelegen-
       heiten seine  eignen Angelegenheiten  sah, kurz,  alle die Eigen-
       schaften, die  dem Römer  abhanden gekommen  und die  allein  im-
       stande, aus  dem Schlamm der Römerwelt neue Staaten zu bilden und
       neue Nationalitäten  wachsen zu lassen - was waren sie anders als
       die Charakterzüge des Barbaren der Oberstufe, Früchte seiner Gen-
       tilverfassung?
       Wenn sie die antike Form der Monogamie umgestalteten, die Männer-
       herrschaft in  der Familie  milderten, der Frau eine höhere Stel-
       lung gaben, als die klassische Welt sie je gekannt, was befähigte
       sie dazu, wenn nicht ihre Barbarei, ihre Gentilgewohnheiten, ihre
       noch lebendigen Erbschaften aus der Zeit des Mutterrechts?
       Wenn sie  wenigstens in  dreien der  wichtigsten Länder, Deutsch-
       land, Nordfrankreich  und England, ein Stück echter Gentilverfas-
       sung in der Form der Markgenossenschaften in den Feudalstaat hin-
       überretteten und  damit der  unterdrückten  Klasse,  den  Bauern,
       selbst unter  der  härtesten  mittelalterlichen  Leibeigenschaft,
       einen lokalen  Zusammenhalt und ein Mittel des Widerstands gaben,
       wie es weder die antiken Sklaven fertig vorfanden noch die moder-
       nen Proletarier  - wem  war das geschuldet, wenn nicht ihrer Bar-
       barei, ihrer  ausschließlich barbarischen  Ansiedlungsweise  nach
       Geschlechtern?
       Und endlich,  wenn sie  die bereits  in der Heimat geübte mildere
       Form der  Knechtschaft, in  die auch  im Römerreich die Sklaverei
       mehr und  mehr überging, ausbilden und zur ausschließlichen erhe-
       ben konnten;  eine Form,  die, wie  Fourier zuerst  hervorgehoben
       [131], den Geknechteten die Mittel zur allmählichen Befreiung als
       Klasse gibt  (fournit aux  cultivateurs des  moyens d'affranchis-
       sement collectif  et progressif  1*)); eine  Form, die sich hier-
       durch hoch  über die  Sklaverei stellt, bei der nur die sofortige
       Einzelfreilassung ohne  Übergangszustand möglich (Abschaffung der
       Sklaverei durch  siegreiche Rebellion kennt das Altertum nicht) -
       während in  der Tat die Leibeignen des Mittelalters nach und nach
       ihre Befreiung  als Klasse durchsetzten -, wem verdanken wir das,
       wenn nicht  ihrer Barbarei,  kraft deren  sie es  noch nicht  zur
       ausgebildeten  Sklaverei   gebracht  hatten,  weder  zur  antiken
       Arbeitssklaverei noch zur orientalischen Haussklaverei?
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       1*) liefert den Ackerbauern Mittel zu ihrer kollektiven und fort-
       schreitenden Befreiung
       
       #151# VIII. Die Staatsbildung der Deutschen
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       Alles, was die Deutschen der Römerwelt Lebenskräftiges und Leben-
       bringendes einpflanzten,  war Barbarentum.  In der  Tat sind  nur
       Barbaren fähig,  eine an  verendender  Zivilisation  laborierende
       Welt zu verjüngen. Und die oberste Stufe der Barbarei, zu der und
       in der  die Deutschen  sich vor der Völkerwanderung emporgearbei-
       tet, war gerade die günstigste für diesen Prozeß. Das erklärt al-
       les.
       

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