Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889
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VIII
Die Staatsbildung der Deutschen
Die Deutschen waren nach Tacitus ein sehr zahlreiches Volk. Eine
ungefähre Vorstellung von der Stärke deutscher Einzelvölker er-
halten wir bei Cäsar; er gibt die Zahl der auf dem linken Rhei-
nufer erschienenen Usipeter und Tenkterer auf 180 000 Köpfe an,
Weiber und Kinder eingeschlossen. Also etwa 100 000 auf ein Ein-
zelvolk *), schon bedeutend mehr als z.B. die Gesamtheit der Iro-
kesen, in ihrer Blütezeit, wo sie, nicht 20 000 Köpfe stark, der
Schrecken des ganzes Landes wurden, von den großen Seen bis an
den Ohio und Potomac. Ein solches Einzelvolk nimmt auf der Karte,
wenn wir versuchen, die in der Nähe des Rheins angesessenen, ge-
nauer bekannten nach den Berichten zu gruppieren, im Durchschnitt
ungefähr den Raum eines preußischen Regierungsbezirks ein, also
etwa 10 000 Quadratkilometer oder 182 geographische Quadratmei-
len. Germania Magna 1*) der Römer aber, bis an die Weichsel, um-
faßt in runder Zahl 500 000 Quadratkilometer. Bei einer durch-
schnittlichen Kopfzahl der Einzelvölker von 100 000 würde die Ge-
samtzahl für Germania Magna sich auf fünf Millionen berechnen;
für eine barbarische Völkergruppe eine ansehnliche Zahl, für un-
sre Verhältnisse - 10 Köpfe auf den Quadratkilometer oder 550 auf
die geographische Quadratmeile - äußerst gering. Damit aber ist
die Zahl der damals lebenden Deutschen keineswegs erschöpft. Wir
wissen, daß die Karpaten entlang bis zur Donaumündung hinab deut-
sche Völker gotischen
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*) Die hier angenommene Zahl wird bestätigt durch eine Stelle
Diodors über die gallischen Kelten: - In Gallien wohnen viele
Völkerschaften von ungleicher Stärke. Bei den größten beträgt die
Menschenzahl ungefähr 200 000, bei den kleinsten 50 000."
(Diodorus Siculus, V, 25.) Also durchschnittlich 125 000; die
gallischen Einzelvölker sind, bei ihrem höheren Entwicklungs-
stand, unbedingt etwas zahlreicher anzunehmen als die deutschen.
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1*) Großgermanien
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Stamms wohnten, Bastarner, Peukiner und andre, so zahlreich, daß
Plinius aus ihnen den fünften Hauptstamm der Deutschen zusammen-
setzt [122] und daß sie, die schon 180 vor unsrer Zeitrechnung im
Solddienst des makedonischen Königs Perseus auftreten, noch in
den ersten Jahren des Augustus bis in die Gegend von Adrianopel
vordrangen. Rechnen wir sie nur für eine Million, so haben wir
als wahrscheinliche Anzahl der Deutschen zu Anfang unsrer Zeit-
rechnung mindestens sechs Millionen.
Nach der Niederlassung in Germanien muß sich die Bevölkerung mit
steigender Geschwindigkeit vermehrt haben; die obenerwähnten
industriellen Fortschritte allein würden dies beweisen. Die
schleswigschen Moorfunde sind, nach den zugehörigen römischen
Münzen, aus dem dritten Jahrhundert. Um diese Zeit herrschte also
schon an der Ostsee ausgebildete Metall- und Textilindustrie, re-
ger Verkehr mit dem Römerreich und ein gewisser Luxus bei Reiche-
ren - alles Spuren dichterer Bevölkerung. Um diese Zeit aber be-
ginnt auch der allgemeine Angriffskrieg der Deutschen auf der
ganzen Linie des Rheins, des römischen Grenzwalls und der Donau,
von der Nordsee bis zum Schwarzen Meer - direkter Beweis der im-
mer stärker werdenden, nach außen drängenden Volkszahl. Dreihun-
dert Jahre dauerte der Kampf, währenddessen der ganze Hauptstamm
gotischer Völker (mit Ausnahme der skandinavischen Goten und der
Burgunder) nach Südosten zog und den linken Flügel der großen An-
griffslinie bildete, in deren Zentrum die Hochdeutschen
(Herminonen) an der Oberdonau und auf dessen rechtem Flügel die
Iskävonen, jetzt Franken genannt, am Rhein, vordrangen; den In-
gävonen fiel die Eroberung Britanniens zu. Am Ende des fünften
Jahrhunderts lag das Römerreich entkräftet, blutlos und hülflos
den eindringenden Deutschen offen.
Wir standen oben an der Wiege der antiken griechischen und römi-
schen Zivilisation. Hier stehn wir an ihrem Sarg. Über alle Län-
der des Mittelmeerbeckens war der nivellierende Hobel der römi-
schen Weltherrschaft gefahren, und das jahrhundertelang. Wo nicht
das Griechische Widerstand leistete, hatten alle Nationalsprachen
einem verdorbenen Lateinisch weichen müssen; es gab keine Natio-
nalunterschiede, keine Gallier, Iberer, Ligurer, Noriker mehr,
sie alle waren Römer geworden. Die römische Verwaltung und das
römische Recht hatten überall die alten Geschlechterverbände auf-
gelöst und damit den letzten Rest lokaler und nationaler Selbst-
tätigkeit. Das neugebackne Römertum bot keinen Ersatz; es drückte
keine Nationalität aus, sondern nur den Mangel einer Nationali-
tät. Die Elemente neuer Nationen waren überall vorhanden; die la-
teinischen Dialekte der verschiednen Provinzen schieden sich mehr
und mehr; die natürlichen
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Grenzen, die Italien, Gallien, Spanien, Afrika früher zu selb-
ständigen Gebieten gemacht hatten, waren noch vorhanden und mach-
ten sich auch noch fühlbar. Aber nirgends war die Kraft vorhan-
den, diese Elemente zu neuen Nationen zusammenzufassen; nirgends
war noch eine Spur von Entwicklungsfähigkeit, von Widerstands-
kraft, geschweige von Schaffungsvermögen. Die ungeheure Menschen-
masse des ungeheuren Gebiets hatte nur ein Band, das sie zusam-
menhielt: den römischen Staat, und dieser war mit der Zeit ihr
schlimmster Feind und Unterdrücker geworden. Die Provinzen hatten
Rom vernichtet; Rom selbst war eine Provinzialstadt geworden wie
die andern - bevorrechtet, aber nicht länger herrschend, nicht
länger Mittelpunkt des Weltreichs, nicht einmal mehr Sitz der
Kaiser und Unterkaiser, die in Konstantinopel, Trier, Mailand
wohnten. Der römische Staat war eine riesige, komplizierte Ma-
schine geworden, ausschließlich zur Aussaugung der Untertanen.
Steuern, Staatsfronden und Lieferungen aller Art drückten die
Masse der Bevölkerung in immer tiefere Armut; bis zur Unerträg-
lich-keit wurde der Druck gesteigert durch die Erpressungen der
Statthalter, Steuereintreiber, Soldaten. Dahin hatte es der römi-
sche Staat mit seiner Weltherrschaft gebracht: Er gründete sein
Existenzrecht auf die Erhaltung der Ordnung nach innen und den
Schutz gegen die Barbaren nach außen. Aber seine Ordnung war
schlimmer als die ärgste Unordnung, und die Barbaren, gegen die
er die Bürger zu schützen vorgab, wurden von diesen als Retter
ersehnt.
Der Gesellschaftszustand war nicht weniger verzweifelt. Schon
seit den letzten Zeiten der Republik war die Römerherrschaft auf
rücksichtslose Ausbeutung der eroberten Provinzen ausgegangen;
das Kaisertum hatte diese Ausbeutung nicht abgeschafft, sondern
im Gegenteil geregelt. Je mehr das Reich verfiel, desto höher
stiegen Steuern und Leistungen, desto schamloser raubten und er-
preßten die Beamten/Handel und Industrie waren nie Sache der Völ-
ker beherrschenden Römer gewesen; nur im Zinswucher hatten sie
alles übertroffen, was vor und nach ihnen war. Was sich von Han-
del vorgefunden und erhalten hatte, ging zugrunde unter der Beam-
tenerpressung; was sich noch durchschlug, fällt auf den östli-
chen, griechischen Teil des Reichs, der außer unsrer Betrachtung
liegt. Allgemeine Verarmung, Rückgang des Verkehrs, des Hand-
werks, der Kunst, Abnahme der Bevölkerung, Verfall der Städte,
Rückkehr des Ackerbaus auf eine niedrigere Stufe - das war das
Endresultat der römischen Weltherrschaft.
Der Ackerbau, in der ganzen alten Welt der entscheidende
Produktionszweig, war es wieder mehr als je. In Italien waren die
seit Ende der Republik fast das ganze Gebiet einnehmenden unge-
heuren Güterkomplexe
#144# Der Ursprung der Familie, des Privateigentums u. des Staats
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(Latifundien) auf zweierlei Weise verwertet worden. Entweder als
Viehweide, wo die Bevölkerung durch Schafe und Ochsen ersetzt
war, deren Wartung nur wenige Sklaven erforderte. Oder als Vil-
len, die mit Massen von Sklaven Gartenbau in großem Stil trieben,
teils für den Luxus des Besitzers, teils für den Absatz auf den
städtischen Märkten. Die großen Viehweiden hatten sich erhalten
und wohl noch ausgedehnt; die Villengüter und ihr Gartenbau waren
verkommen mit der Verarmung ihrer Besitzer und dem Verfall der
Städte. Die auf Sklavenarbeit gegründete Latifundienwirtschaft
rentierte sich nicht mehr; sie war aber damals die einzig mögli-
che Form der großen Agrikultur. Die Kleinkultur war wieder die
allein lohnende Form geworden. Eine Villa nach der andern wurde
in kleine Parzellen zerschlagen und ausgegeben an Erbpächter, die
eine bestimmte Summe zahlten, oder partiarii, mehr Verwalter als
Pächter, die den sechsten oder gar nur neunten Teil des Jah-
resprodukts für ihre Arbeit erhielten. Vorherrschend aber wurden
diese kleinen Ackerparzellen an Kolonen ausgetan, die dafür einen
bestimmten jährlichen Betrag zahlten, an die Scholle gefesselt
waren und mit ihrer Parzelle verkauft werden konnten; sie waren
zwar keine Sklaven, aber auch nicht frei, konnten sich nicht mit
Freien verheiraten, und ihre Ehen untereinander werden nicht als
vollgültige Ehen, sondern wie die der Sklaven als bloße Beischlä-
ferei (contubernium) angesehn. Sie waren die Vorläufer der mit-
telalterlichen Leibeignen.
Die antike Sklaverei hatte sich überlebt. Weder auf dem Lande in
der großen Agrikultur noch in den städtischen Manufakturen gab
sie einen Ertrag mehr, der der Mühe wert war - der Markt für ihre
Produkte war ausgegangen. Der kleine Ackerbau aber und das kleine
Handwerk, worauf die riesige Produktion der Blütezeit des Reichs
zusammengeschrumpft war, hatte keinen Raum für zahlreiche Skla-
ven. Nur für Haus- und Luxussklaven der Reichen war noch Platz in
der Gesellschaft. Aber die absterbende Sklaverei war immer noch
hinreichend, alle produktive Arbeit als Sklaventätigkeit, als
freier Römer - und das war ja jetzt jedermann - unwürdig er-
scheinen zu lassen. Daher einerseits wachsende Zahl der Freilas-
sungen überflüssiger, zur Last gewordner Sklaven, andrerseits Zu-
nahme der Kolonen hier, der verlumpten Freien (ähnlich den poor
whites 1*) der Exsklavenstaaten Amerikas) dort. Das Christentum
ist am allmählichen Aussterben der antiken Sklaverei vollständig
unschuldig. Es hat die Sklaverei jahrhundertelang im Römerreich
mitgemacht und später nie den Sklavenhandel der Christen verhin-
dert, weder den der Deutschen im Norden noch den der
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1*) armen Weißen
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Venetianer im Mittelmeer, noch den späteren Negerhandel. *) Die
Sklaverei bezahlte sich nicht mehr, darum starb sie aus. Aber die
sterbende Sklaverei ließ ihren giftigen Stachel zurück in der
Ächtung der produktiven Arbeit der Freien. Hier war die aus-
weglose Sackgasse, in der die römische Welt stak: Die Sklaverei
war ökonomisch unmöglich, die Arbeit der Freien war moralisch ge-
ächtet. Die eine konnte nicht mehr, die andre noch nicht Grund-
form der gesellschaftlichen Produktion sein. Was hier allein hel-
fen konnte, war nur eine vollständige Revolution.
In den Provinzen sah es nicht besser aus. Wir haben die meisten
Nachrichten aus Gallien. Neben den Kolonen gab es hier noch freie
Kleinbauern. Um gegen Vergewaltigung durch Beamte, Richter und
Wucherer gesichert zu sein, begaben sich diese häufig in den
Schutz, das Patronat eines Mächtigen; und zwar nicht nur einzelne
taten dies, sondern ganze Gemeinden, so daß die Kaiser im vierten
Jahrhundert mehrfach Verbote dagegen erließen. Aber was half es
den Schutzsuchenden? Der Patron stellte ihnen die Bedingung, daß
sie das Eigentum ihrer Grundstücke an ihn übertrügen, wogegen er
ihnen die Nutznießung auf Lebenszeit zusicherte - ein Kniff, den
die heilige Kirche sich merkte und im 9. und 10. Jahrhundert zur
Mehrung des Reiches Gottes und ihres eignen Grundbesitzes weid-
lich nachahmte. Damals freilich, gegen das Jahr 475, eifert der
Bischof Salvianus von Marseille noch entrüstet gegen solchen
Diebstahl und erzählt, der Druck der römischen Beamten und großen
Grundherren sei so arg geworden, daß viele "Römer" in die schon
von Barbaren besetzten Gegenden flöhen und die dort ansässigen
römischen Bürger vor nichts mehr Angst hätten, als wieder unter
römische Herrschaft zu kommen. [124] Daß damals Eltern häufig aus
Armut ihre Kinder in die Sklaverei verkauften, beweist ein dage-
gen erlassenes Gesetz.
Dafür, daß die deutschen Barbaren die Römer von ihrem eignen
Staat befreiten, nahmen sie ihnen zwei Drittel des gesamten Bo-
dens und teilten ihn unter sich. Die Teilung geschah nach der
Gentilverfassung; bei der verhältnismäßig geringen Zahl der Er-
oberer blieben sehr große Striche ungeteilt, Besitz teils des
ganzen Volks, teils der einzelnen Stämme und Gentes. In jeder
Gens wurde das Acker- und Wiesenland unter die einzelnen Haushal-
tungen zu gleichen Teilen verlost; ob in der Zeit wiederholte
Aufteilungen
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*) Nach dem Bischof Liutprand von Cremona war im 10. Jahrhundert
in Verdun, also im heiligen deutschen Reich, der Hauptindustrie-
zweig die Fabrikation von Eunuchen, die mit großem Profit nach
Spanien für die maurischen Harems exportiert wurden. [123]
#146# Der Ursprung der Familie, des Privateigentums u. des Staats
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stattfanden, wissen wir nicht, jedenfalls verloren sie sich in
den Römerprovinzen bald, und die Einzelanteile wurden veräußerli-
ches Privateigentum, Allod. Wald und Weide blieb ungeteilt zu ge-
meinsamer Nutzung; diese Nutzung sowie die Art der Bebauung der
aufgeteilten Flur wurde geregelt nach altem Brauch und nach Be-
schluß der Gesamtheit. Je länger die Gens in ihrem Dorfe saß und
je mehr Deutsche und Römer allmählich verschmolzen, desto mehr
trat der verwandtschaftliche Charakter des Bandes zurück vor dem
territorialen; die Gens verschwand in der Markgenossenschaft, in
der allerdings noch oft genug Spuren des Ursprungs aus Verwandt-
schaft der Genossen sichtbar sind. So ging hier die Gentilverfas-
sung, wenigstens in den Ländern, wo die Markgemeinschaft sich er-
hielt - Nordfrankreich, England, Deutschland und Skandinavien -,
unmerklich in eine Ortsverfassung über und erhielt damit die Fä-
higkeit der Einpassung in den Staat. Aber sie behielt dennoch den
naturwüchsig demokratischen Charakter bei, der die ganze Gentil-
verfassung auszeichnet, und erhielt so selbst in der ihr später
aufgezwungnen Ausartung ein Stück Gentilverfassung und damit eine
Waffe in den Händen der Unterdrückten, lebendig bis in die neue-
ste Zeit.
Wenn so das Blutband in der Gens bald verlorenging, so war dies
die Folge davon, daß auch im Stamm und Gesamtvolk seine Organe
ausarteten infolge der Eroberung. Wir wissen, daß Herrschaft über
Unterworfene mit der Gentilverfassung unverträglich ist. Hier
sehn wir dies auf großem Maßstab. Die deutschen Völker, Herren
der Römerprovinzen, hatten diese ihre Eroberung zu organisieren.
Weder aber konnte man die Römermassen in die Gentilkörper aufneh-
men noch sie vermittelst dieser beherrschen. An die Spitze der,
zunächst großenteils fortbestehenden, römischen lokalen Ver-
waltungskörper mußte man einen Ersatz für den römischen Staat
stellen, und dieser konnte nur ein andrer Staat sein. Die Organe
der Gentilverfassung mußten sich so in Staatsorgane verwandeln,
und dies, dem Drang der Umstände gemäß, sehr rasch. Der nächste
Repräsentant des erobernden Volks war aber der Heerführer. Die
Sicherung des eroberten Gebiets nach innen und außen forderte
Stärkung seiner Macht. Der Augenblick war gekommen zur Verwand-
lung der Feldherrnschaft in Königtum: sie vollzog sich.
Nehmen wir das Frankenreich. Hier waren dem siegreichen Volk der
Salier nicht nur die weiten römischen Staatsdomänen, sondern auch
noch alle die sehr großen Landstrecken als Vollbesitz zugefallen,
die nicht an die größeren und kleineren Gau- und Markgenossen-
schaften verteilt waren, namentlich alle größeren Waldkomplexe.
Das erste, was der aus einem einfachen obersten Heerführer in
einen wirklichen Landesfürsten verwandelte
#147# VIII. Die Staatsbildung der Deutschen
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Frankenkönig tat, war, dies Volkseigentum in königliches Gut zu
verwandeln, es dem Volk zu stehlen und an sein Gefolge zu ver-
schenken oder zu verleihen. Dies Gefolge, ursprünglich seine per-
sönliche Kriegsgefolgschaft und die übrigen Unterführer des
Heers, verstärkte sich bald nicht nur durch Römer, d.h. romani-
sierte Gallier, die ihm durch ihre Schreiberkunst, ihre Bildung,
ihre Kenntnis der romanischen Landessprache und lateinischen
Schriftsprache sowie des Landesrechts bald unentbehrlich wurden,
sondern auch durch Sklaven, Leibeigne und Freigelassene, die sei-
nen Hofstaat ausmachten und aus denen er seine Günstlinge wählte.
An alle diese wurden Stücke des Volkslandes zuerst meist ver-
schenkt, später in der Form von Beneftzien zuerst meist auf Le-
benszeit des Königs verliehen [125] und so die Grundlage eines
neuen Adels auf Kosten des Volks geschaffen.
Damit nicht genug. Die weite Ausdehnung des Reichs war mit den
Mitteln der alten Gentilverfassung nicht zu regieren; der Rat der
Vorsteher, war er nicht längst abgekommen, hätte sich nicht ver-
sammeln können und wurde bald durch die ständige Umgebung des Kö-
nigs ersetzt; die alte Volksversammlung blieb zum Schein bestehn,
wurde aber ebenfalls mehr und mehr bloße Versammlung der Unter-
führer des Heers und der neuaufkommenden Großen. Die freien
grundbesitzenden Bauern, die Masse des fränkischen Volks wurden
durch die ewigen Bürger- und Eroberungskriege, letztere nament-
lich unter Karl dem Großen, ganz so erschöpft und-her-
untergebracht wie früher die römischen Bauern in den letzten Zei-
ten der Republik. Sie, die ursprünglich das ganze Heer und nach
der Eroberung Frankreichs dessen Kern gebildet halten, waren am
Anfang des neunten Jahrhunderts so verarmt, daß kaum noch der
fünfte Mann ausziehen konnte. An die Stelle des direkt vom König
aufgebotenen Heerbannes freier Bauern trat ein Heer, zusammenge-
setzt aus den Dienstleuten der neuaufgekommenen Großen, darunter
auch hörige Bauern, die Nachkommen derer, die früher keinen Herrn
als den König und noch früher gar keinen, nicht einmal einen Kö-
nig gekannt hatten. Unter den Nachfolgern Karls wurde der Ruin
des fränkischen Bauernstandes durch innere Kriege, Schwäche der
königlichen Gewalt und entsprechende Übergriffe der Großen, zu
denen nun noch die von Karl eingesetzten und nach Erblichkeit des
Amts strebenden Gaugrafen [126] kamen, endlich durch die Einfälle
der Normannen vollendet. Fünfzig Jahre nach dem Tode Karls des
Großen lag das Frankenreich ebenso widerstandslos zu den Füßen
der Normannen, wie vierhundert Jahre früher das Römerreich zu den
Füßen der Franken.
Und nicht nur die äußere Ohnmacht, sondern auch die innere Ge-
sellschaftsordnung oder vielmehr -unordnung war fast dieselbe.
Die freien
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fränkischen Bauern waren in eine ähnliche Lage versetzt wie ihre
Vorgänger, die römischen Kolonen. Durch die Kriege und Plünderun-
gen ruiniert, hatten sie sich in den Schutz der neuaufgekommenen
Großen oder der Kirche begeben müssen, da die königliche Gewalt
zu schwach war, sie zu schützen; aber diesen Schutz mußten sie
teuer erkaufen. Wie früher die gallischen Bauern, mußten sie das
Eigentum an ihrem Grundstück an den Schutzherrn übertragen und
erhielten dies von ihm zurück als Zinsgut unter verschiednen und
wechselnden Formen, stets aber nur gegen Leistung von Diensten
und Abgaben; einmal in diese Form von Abhängigkeit versetzt, ver-
loren sie nach und nach auch die persönliche Freiheit; nach wenig
Generationen waren sie zumeist schon Leibeigne. Wie rasch der Un-
tergang des freien Bauernstandes sich vollzog, zeigt Irminons
Grundbuch [127] der Abtei Saint-Germain-des-Prés, damals bei,
jetzt in Paris. Auf dem weiten, in der Umgegend zerstreuten
Grundbesitz dieser Abtei saßen damals, noch zu Lebzeiten Karls
des Großen, 2788 Haushaltungen, fast ausnahmslos Franken mit
deutschen Namen. Darunter 2080 Kolonen, 35 Liten [128], 220 Skla-
ven und nur 8 freie Hintersassen! Die von Salvianus für gottlos
erklärte Übung, daß der Schutzherr das Grundstück des Bauern sich
zu Eigentum übertragen ließ und es ihm nur auf Lebenszeit zur
Nutzung zurückgab, wurde jetzt von der Kirche gegen die Bauern
allgemein praktiziert. Die Frondienste, die jetzt mehr und mehr
in Gebrauch kamen, hatten in den römischen Angarien [129],
Zwangsdiensten für den Staat, ihr Vorbild ebensosehr gehabt wie
in den Diensten der deutschen Markgenossen für Brücken- und Wege-
bauten und andre gemeinsame Zwecke. Dem Schein nach war also die
Masse der Bevölkerung nach vierhundert Jahren ganz wieder beim
Anfang angekommen.
Das aber bewies nur zweierlei: Erstens, daß die gesellschaftliche
Gliederung und die Eigentumsverteilung im sinkenden Römerreich
der damaligen Stufe der Produktion in Ackerbau und Industrie
vollständig entsprochen hatte, also unvermeidlich gewesen war;
und zweitens, daß diese Produktionsstufe während der folgenden
vierhundert Jahre weder wesentlich gesunken war noch sich wesent-
lich gehoben hatte, also mit derselben Notwendigkeit dieselbe Ei-
gentumsverteilung und dieselben Bevölkerungsklassen wieder er-
zeugt hatte. Die Stadt hatte in den letzten Jahrhunderten des Rö-
merreichs ihre frühere Herrschaft über das Land verloren und in
den ersten Jahrhunderten der deutschen Herrschaft sie nicht wie-
dererhalten. Es setzt dies eine niedrige Entwicklungsstufe sowohl
des Ackerbaus wie der Industrie voraus. Diese Gesamtlage produ-
ziert mit Notwendigkeit große herrschende Grundbesitzer und ab-
hängige Kleinbauern. Wie wenig es möglich
#149# VIII. Die Staatsbildung der Deutschen
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war, einerseits die römische Latifundienwirtschaft mit Sklaven,
andrerseits die neuere Großkultur mit Fronarbeit einer solchen
Gesellschaft aufzupfropfen, beweisen Karls des Großen ungeheure,
aber fast spurlos vorübergegangne Experimente mit den berühmten
kaiserlichen Villen. Sie wurden fortgesetzt nur von Klöstern und
waren nur für diese fruchtbar; die Klöster aber waren abnorme Ge-
sellschaftskörper, gegründet auf Ehelosigkeit; sie konnten Aus-
nahmsweises leisten, mußten aber ebendeshalb auch Ausnahmen blei-
ben.
Und doch war man während dieser vierhundert Jahre weitergekommen.
Finden wir auch am Ende fast dieselben Hauptklassen wieder vor
wie am Anfang, so waren doch die Menschen andre geworden, die
diese Klassen bildeten. Verschwunden war die antike Sklaverei,
verschwunden die verlumpten armen Freien, die die Arbeit als
sklavisch verachteten. Zwischen dem römischen Kolonen und dem
neuen Hörigen hatte der freie fränkische Bauer gestanden. Das
"unnütze Erinnern und der vergebliche Streit" des verfallenden
Römertums war tot und begraben. Die Gesellschaftsklassen des
neunten Jahrhunderts hatten sich gebildet, nicht in der Versump-
fung einer untergehenden Zivilisation, sondern in den Geburtswe-
hen einer neuen. Das neue Geschlecht, Herren wie Diener, war ein
Geschlecht von Männern, verglichen mit seinen römischen Vorgän-
gern. Das Verhältnis von mächtigen Grundherren und dienenden Bau-
ern, das für diese die auswegslose Untergangsform der antiken
Welt gewesen, es war jetzt für jene der Ausgangspunkt einer neuen
Entwicklung. Und dann, so unproduktiv diese vierhundert Jahre
auch scheinen, e i n großes Produkt hinterließen sie: die mo-
dernen Nationalitäten, die Neugestaltung und Gliederung der west-
europäischen Menschheit für die kommende Geschichte. Die Deut-
schen hatten in der Tat Europa neu belebt, und darum endete die
Staatenauflösung der germanischen Periode nicht mit normannisch-
sarazenischer Unterjochung, sondern mit der Fortbildung der Bene-
fizien und der Schutzergebung (Kommendation [130]) zum Feudalis-
mus 1*) und mit einer so gewaltigen Volksvermehrung, daß kaum
zweihundert Jahre nachher die starken Aderlässe der Kreuzzüge
ohne Schaden ertragen wurden.
Was aber war das geheimnisvolle Zaubermittel, wodurch die Deut-
schen dem absterbenden Europa neue Lebenskraft einhauchten? War
es eine, dem deutschen Volksstamm eingeborne Wundermacht, wie un-
sre chauvinistische Geschichtschreibung uns vordichtet? Keines-
wegs. Die Deutschen waren, besonders damals, ein hochbegabter
arischer Stamm und in voller lebendiger
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1*) (1884) endet hier der Absatz
#150# Der Ursprung der Familie, des Privateigentums u. des Staats
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Entwicklung begriffen. Aber nicht ihre spezifischen nationalen
Eigenschaften waren es, die Europa verjüngt haben, sondern ein-
fach - ihre Barbarei, ihre Gentilverfassung.
Ihre persönliche Tüchtigkeit und Tapferkeit, ihr Freiheitssinn
und demokratischer Instinkt, der in allen öffentlichen Angelegen-
heiten seine eignen Angelegenheiten sah, kurz, alle die Eigen-
schaften, die dem Römer abhanden gekommen und die allein im-
stande, aus dem Schlamm der Römerwelt neue Staaten zu bilden und
neue Nationalitäten wachsen zu lassen - was waren sie anders als
die Charakterzüge des Barbaren der Oberstufe, Früchte seiner Gen-
tilverfassung?
Wenn sie die antike Form der Monogamie umgestalteten, die Männer-
herrschaft in der Familie milderten, der Frau eine höhere Stel-
lung gaben, als die klassische Welt sie je gekannt, was befähigte
sie dazu, wenn nicht ihre Barbarei, ihre Gentilgewohnheiten, ihre
noch lebendigen Erbschaften aus der Zeit des Mutterrechts?
Wenn sie wenigstens in dreien der wichtigsten Länder, Deutsch-
land, Nordfrankreich und England, ein Stück echter Gentilverfas-
sung in der Form der Markgenossenschaften in den Feudalstaat hin-
überretteten und damit der unterdrückten Klasse, den Bauern,
selbst unter der härtesten mittelalterlichen Leibeigenschaft,
einen lokalen Zusammenhalt und ein Mittel des Widerstands gaben,
wie es weder die antiken Sklaven fertig vorfanden noch die moder-
nen Proletarier - wem war das geschuldet, wenn nicht ihrer Bar-
barei, ihrer ausschließlich barbarischen Ansiedlungsweise nach
Geschlechtern?
Und endlich, wenn sie die bereits in der Heimat geübte mildere
Form der Knechtschaft, in die auch im Römerreich die Sklaverei
mehr und mehr überging, ausbilden und zur ausschließlichen erhe-
ben konnten; eine Form, die, wie Fourier zuerst hervorgehoben
[131], den Geknechteten die Mittel zur allmählichen Befreiung als
Klasse gibt (fournit aux cultivateurs des moyens d'affranchis-
sement collectif et progressif 1*)); eine Form, die sich hier-
durch hoch über die Sklaverei stellt, bei der nur die sofortige
Einzelfreilassung ohne Übergangszustand möglich (Abschaffung der
Sklaverei durch siegreiche Rebellion kennt das Altertum nicht) -
während in der Tat die Leibeignen des Mittelalters nach und nach
ihre Befreiung als Klasse durchsetzten -, wem verdanken wir das,
wenn nicht ihrer Barbarei, kraft deren sie es noch nicht zur
ausgebildeten Sklaverei gebracht hatten, weder zur antiken
Arbeitssklaverei noch zur orientalischen Haussklaverei?
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1*) liefert den Ackerbauern Mittel zu ihrer kollektiven und fort-
schreitenden Befreiung
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Alles, was die Deutschen der Römerwelt Lebenskräftiges und Leben-
bringendes einpflanzten, war Barbarentum. In der Tat sind nur
Barbaren fähig, eine an verendender Zivilisation laborierende
Welt zu verjüngen. Und die oberste Stufe der Barbarei, zu der und
in der die Deutschen sich vor der Völkerwanderung emporgearbei-
tet, war gerade die günstigste für diesen Prozeß. Das erklärt al-
les.
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