Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889

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       Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49 [11]
       
       ["Der Sozialdemokrat" Nr. 11 vom 13. März 1884]
       Beim  Ausbruch   der  Februarrevolution   bestand  die   deutsche
       "Kommunistische Partei", wie wir sie nannten, nur aus einem klei-
       nen Stamm,  dem als  geheime Propagandagesellschaft organisierten
       Bund der  Kommunisten. Geheim war der Bund nur, weil es damals in
       Deutschland kein  Vereins- und  Versammlungsrecht gab.  Außer den
       Arbeitervereinen im Ausland, wo er sich rekrutierte, hatte er un-
       gefähr dreißig  Gemeinden oder  Sektionen im  Lande selbst,  dazu
       einzelne Mitglieder  an vielen  Orten.  Aber  diese  unbedeutende
       Streitkraft hatte  einen Führer, dem sich alle willig unterordne-
       ten, einen Führer ersten Ranges in Marx, und dank ihm ein prinzi-
       pielles und  ein taktisches  Programm, das  noch heute  in voller
       Geltung steht: das "Kommunistische Manifest".
       Hier kommt  in erster  Reihe der  taktische Teil des Programms in
       Betracht. Dieser lautete im allgemeinen:
       "Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den andern
       Arbeiterparteien. Sie  haben keine  von den Interessen des ganzen
       Proletariats getrennten  Interessen. Sie  stellen keine besondern
       Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wol-
       len. Die  Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proleta-
       rischen Parteien nur dadurch, daß einerseits sie in den verschie-
       denen nationalen  Kämpfen der  Proletarier die   g e m e i n s a-
       m e n,  v o n  d e r  N a t i o n a l i t ä t  u n a b h ä n g i-
       g e n  I n t e r e s s e n  des gesamten Proletariats hervorheben
       und zur Geltung bringen, andrerseits dadurch, daß sie in den ver-
       schiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proleta-
       riat und  Bourgeoisie durchläuft, stets  d a s  I n t e r e s s e
       d e r  G e  s a m t b e w e g u n g  vertreten. - Die Kommunisten
       sind also   p r a k t i s c h   der entschiedenste, immer weiter-
       treibende Teil  der  Arbeiterparteien  aller  Länder,  sie  haben
       t h e o r e t i s c h  vor der übrigen Masse des Proletariats die
       Einsicht in
       
       #17# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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       die Bedingungen,  den Gang  und  die  allgemeinen  Resultate  der
       proletarischen Bewegung voraus." [12]
       Und für die deutsche Partei im besonderen:
       "In Deutschland  kämpft die  Kommunistische  Partei,  sobald  die
       Bourgeoisie revolutionär  auftritt, gemeinsam mit der Bourgeoisie
       gegen die  absolute Monarchie,  das feudale Grundeigentum und die
       Kleinbürgerei. Sie  unterläßt aber keinen Augenblick, bei den Ar-
       beitern ein  möglichst klares Bewußtsein über den feindlichen Ge-
       gensatz zwischen  Bourgeoisie und  Proletariat  herauszuarbeiten,
       damit die  deutschen Arbeiter sogleich die gesellschaftlichen und
       politischen Bedingungen,  welche die  Bourgeoisie mit ihrer Herr-
       schaft herbeiführen  muß, als ebenso viele Waffen gegen die Bour-
       geoisie kehren  können, damit,  nach dem  Sturz der  reaktionären
       Klassen in  Deutschland, sofort  der Kampf  gegen die Bourgeoisie
       selbst beginnt.  Auf Deutschland  richten  die  Kommunisten  ihre
       Hauptaufmerksamkeit, weil Deutschland am Vorabend einer bürgerli-
       chen Revolution steht" usw. ("Manifest" IV). 1*)
       Nie hat  sich ein taktisches Programm so bewährt wie dieses. Auf-
       gestellt am  Vorabend einer Revolution, hielt es die Probe dieser
       Revolution aus;  wo seit  jener Zeit  eine Arbeiterpartei von ihm
       abwich, strafte  sich jede  Abweichung; und  heute, nach  beinahe
       vierzig Jahren, bildet es die Richtschnur aller entschiedenen und
       selbstbewußten Arbeiterparteien  Europas von  Madrid bis  Peters-
       burg.
       Die Februarereignisse  in Paris  überstürzten  die  bevorstehende
       deutsche Revolution  und modifizierten damit ihren Charakter. Die
       deutsche Bourgeoisie,  statt aus  eigener Kraft zu siegen, siegte
       im Schlepptau  einer französischen  Arbeiterrevolution. Noch  ehe
       sie ihre alten Gegner, das absolute Königtum, den feudalen Grund-
       besitz, die  Bürokratie, das feige Spießbürgertum, endgiltig nie-
       dergeworfen, mußte  sie schon  Front  machen  gegen  einen  neuen
       Feind, das Proletariat. Hier aber zeigten sich sofort die Wirkun-
       gen der  hinter Frankreich  und  England  weit  zurückgebliebenen
       ökonomischen Zustände  und der damit ebensosehr zurückgebliebenen
       Klassenlage Deutschlands.
       Die deutsche  Bourgeoisie, die  eben erst ihre große Industrie zu
       begründen anfing,  hatte weder  die Kraft  noch den Mut, noch die
       zwingende Nötigung,  sich die  unbedingte Herrschaft  im Staat zu
       erkämpfen; das  Proletariat, in gleichem Verhältnis unentwickelt,
       herangewachsen in  vollständiger geistiger  Knechtung,  unorgani-
       siert und noch nicht einmal fähig zu
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       1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 492/493
       
       #18# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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       selbständiger Organisation,  besaß nur  das dumpfe  Gefühl seines
       tiefen Interessengegensatzes  gegen die Bourgeoisie. So, obgleich
       der Sache  nach ihr drohender Gegner, blieb es anderseits ihr po-
       litisches Anhängsel. Geschreckt nicht durch das, was das deutsche
       Proletariat war,  sondern durch  das, was es zu werden drohte und
       was das  französische schon  war, sah die Bourgeoisie nur Rettung
       in jedem, auch dem feigsten Kompromiß mit Monarchie und Adel; un-
       bekannt noch  mit seiner eigenen geschichtlichen Rolle, mußte das
       Proletariat in  seiner  großen  Masse  zunächst  die  des  voran-
       treibenden, äußersten  linken Flügels der Bourgeoisie übernehmen.
       Die deutschen  Arbeiter hatten vor allen Dingen diejenigen Rechte
       zu erkämpfen,  die ihnen  zu ihrer selbständigen Organisation als
       Klassenpartei unumgänglich  waren : Freiheit der Presse, der Ver-
       einigung und  Versammlung - Rechte, die die Bourgeoisie im Inter-
       esse ihrer  eigenen Herrschaft  hätte erkämpfen  müssen, die  sie
       selbst aber  in ihrer  Angst den Arbeitern jetzt streitig machte.
       Die paar  hundert vereinzelten  Bundesmitglieder verschwanden  in
       der ungeheuren,  plötzlich in  die Bewegung geschleuderten Masse.
       Das deutsche Proletariat erschien so zunächst auf der politischen
       Bühne als äußerste demokratische Partei.
       Damit war  uns, als wir in Deutschland eine große Zeitung begrün-
       deten, die  Fahne von selbst gegeben. Es konnte nur die der Demo-
       kratie sein,  aber die  einer Demokratie,  die überall den spezi-
       fisch proletarischen  Charakter im  einzelnen hervorhob,  den sie
       noch nicht  ein für allemal aufs Banner schreiben konnte. Wollten
       wir das  nicht, wollten wir nicht die Bewegung an ihrem vorgefun-
       denen, fortgeschrittensten,  tatsächlich proletarischen Ende auf-
       nehmen und  weiter vorantreiben,  so blieb uns nichts, als Kommu-
       nismus in  einem kleinen Winkelblättchen dozieren und statt einer
       großen Aktionspartei  eine kleine  Sekte stiften. Zu Predigern in
       der Wüste aber waren wir verdorben; dazu hatten wir die Utopisten
       zu gut studiert. Dazu hatten wir unser Programm nicht entworfen.
       Als wir nach Köln kamen, waren dort von demokratischer, teilweise
       kommunistischer Seite  Vorbereitungen zu  einem großen  Blatt ge-
       troffen. Man  wollte dies echt lokal-kölnisch machen und uns nach
       Berlin verbannen. Aber in 24 Stunden hatten wir, namentlich durch
       Marx, das  Terrain erobert,  das Blatt ward unser, auf die Gegen-
       konzession, daß  wir Heinrich  Bürgers in  die Redaktion  nahmen.
       Dieser schrieb   e i n e n  Artikel (in Nr. 2) und nie mehr einen
       zweiten.
       Wir mußten  eben nach  Köln gehen  und nicht nach Berlin. Erstens
       war Köln das Zentrum der Rheinprovinz, die die französische Revo-
       lution durchgemacht,  sich im  Code Napoléon  [13]  m o d e r n e
       Rechtsanschauungen
       
       #19# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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       bewahrt, die  weitaus  bedeutendste  große  Industrie  entwickelt
       hatte und  in jeder  Beziehung damals der fortgeschrittenste Teil
       Deutschlands war.  Das damalige Berlin kannten wir nur zu gut aus
       eigener Anschauung,  mit seiner  kaum  entstehenden  Bourgeoisie,
       seinem maulfrechen,  aber tatfeigen,  kriechenden Kleinbürgertum,
       seinen noch  total unentwickelten  Arbeitern, seinen massenhaften
       Bürokraten, Adels-  und Hofgesindel,  seinem ganzen Charakter als
       bloße "Residenz".  Entscheidend aber  waren: In  Berlin herrschte
       das elende preußische Landrecht [14], und politische Prozesse ka-
       men vor  die Berufsrichter;  am Rhein  bestand der Code Napoléon,
       der keine Preßprozesse kennt, weil er die Zensur voraussetzt, und
       wenn man  keine politischen  Vergehen, sondern  nur  V e r b r e-
       c h e n   beging, kam  man vor  die Geschwornen;  in Berlin  ward
       n a c h   der Revolution der junge Schlöffel wegen einer Kleinig-
       keit zu  einem Jahre  verurteilt [15],  am Rhein hatten wir unbe-
       dingte Preßfreiheit  - und  wir haben  sie ausgenutzt bis auf den
       letzten Tropfen.
       So fingen  wir am  1. Juni  1848 an,  mit einem sehr beschränkten
       Aktienkapital, von  dem nur  wenig eingezahlt war, und die Aktio-
       näre selbst mehr als unsicher. Gleich nach der ersten Nummer ver-
       ließ uns  die Hälfte, und am Ende des Monats hatten wir gar keine
       mehr.
       Die Verfassung  der Redaktion war die einfache Diktatur von Marx.
       Ein großes  Tageblatt, das zur bestimmten Stunde fertig sein muß,
       kann bei  keiner anderen  Verfassung eine folgerechte Haltung be-
       wahren. Hier  aber war  noch dazu  Marx' Diktatur selbstverständ-
       lich, unbestritten,  von uns  allen gern anerkannt. Es war in er-
       ster Linie  sein klarer  Blick und seine sichere Haltung, die das
       Blatt zur berühmtesten deutschen Zeitung der Revolutionsjahre ge-
       macht haben.
       Das politische  Programm der  "Neuen Rheinischen Zeitung" bestand
       aus zwei Hauptpunkten:
       Einige, unteilbare, demokratische deutsche Republik und Krieg mit
       Rußland, der Wiederherstellung Polens einschloß.
       Die kleinbürgerliche  Demokratie teilte sich damals in zwei Frak-
       tionen: die  norddeutsche, die  sich einen demokratischen preußi-
       schen Kaiser gefallen, und die süddeutsche, damals fast ganz spe-
       zifisch badische,  die Deutschland  in eine  föderative  Republik
       nach Schweizer Muster verwandeln wollte. Beide mußten wir bekämp-
       fen. Das  Interesse des  Proletariats verbot  ebensosehr die Ver-
       preußung Deutschlands  wie die  Verewigung der Kleinstaaterei. Es
       gebot die  endliche  Vereinigung  Deutschlands  zu  einer    N a-
       t i o n,   die allein  den  von  allen  überkommenen  kleinlichen
       Hindernissen gereinigten  Kampfplatz herstellen  konnte, auf  dem
       Proletariat und Bourgeoisie ihre
       
       #20# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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       Kräfte messen  sollten. Aber es verbot ebensosehr die Herstellung
       einer preußischen  Spitze; der preußische Staat mit seiner ganzen
       Einrichtung, seiner  Tradition und seiner Dynastie war gerade der
       einzige ernsthafte  innere Gegner, den die Revolution in Deutsch-
       land niederzuwerfen  hatte; und obendrein könnte Preußen Deutsch-
       land nur  einigen durch  Deutschlands Zerreißung,  durch den Aus-
       schluß Deutsch-Österreichs.  Auflösung des  preußischen,  Zerfall
       des österreichischen Staates, wirkliche Einigung Deutschlands als
       Republik -  ein anderes revolutionäres, nächstes Programm konnten
       wir nicht  haben. Und  dies war  durchzusetzen durch  Krieg gegen
       Rußland und  nur durch  ihn. Auf diesen letzteren Punkt komme ich
       noch zurück.
       Im übrigen  war der  Ton des  Blattes keineswegs feierlich, ernst
       öder begeistert. Wir hatten lauter verächtliche Gegner und behan-
       delten sie  ausnahmslos mit der äußersten Verachtung. Das konspi-
       rierende Königtum,  die Kamarilla,  der Adel, die "Kreuz-Zeitung"
       [16],  die  gesamte  "Reaktion",  über  die  der  Philister  sich
       sittlich entrüstete - wir behandelten sie nur mit Hohn und Spott.
       Aber nicht  minder auch  die durch  die Revolution  aufgekommenen
       neuen Götzen: die Märzminister, die Frankfurter und Berliner Ver-
       sammlung, Rechte  wie Linke darin. Gleich die erste Nummer begann
       mit einem  Artikel, der die Nichtigkeit des Frankfurter Parlamen-
       tes, die  Zwecklosigkeit seiner  langatmigen Reden, die Überflüs-
       sigkeit seiner feigen Beschlüsse verspottete. [17] Er kostete uns
       die Hälfte  der Aktionäre.  Das Frankfurter  Parlament war  nicht
       einmal ein  Debattierklub; hier  wurde fast gar nicht debattiert,
       sondern meist  nur fertig  mitgebrachte akademische  Abhandlungen
       abgeleiert und Beschlüsse gefaßt, die den deutschen Philister be-
       geistern sollten, um die sich aber sonst kein Mensch kümmerte.
       Die Berliner  Versammlung hatte  schon mehr  Bedeutung, sie stand
       einer wirklichen  Macht gegenüber,  sie debattierte  und beschloß
       auf platter  Erde, nicht  im Frankfurter  Wolkenkuckucksheim. Sie
       wurde daher  auch ausführlicher behandelt. Aber auch die dortigen
       Götzen der  Linken,  Schulze-Delitzsch,  Berends,  Eisner,  Stein
       usw., wurden  ebenso scharf mitgenommen wie die Frankfurter, ihre
       Unentschiedenheit, Zaghaftigkeit und Rechnungsträgerei schonungs-
       los aufgedeckt  und  ihnen  nachgewiesen,  wie  sie  Schritt  vor
       Schritt sich  in den Verrat an der Revolution hineinkompromissel-
       ten. Das erregte natürlich Schauder beim demokratischen Kleinbür-
       ger, der  sich diese Götzen erst eben zum eigenen Gebrauch fabri-
       ziert hatte.  Uns war  dieser Schauder  ein Zeichen,  daß wir ins
       Schwarze getroffen hatten.
       Ebenso traten wir auch der vom Kleinbürgertum eifrig verbreiteten
       Täuschung entgegen,  als ob  die  Revolution  mit  den  Märztagen
       abgeschlossen
       
       #21# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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       sei und man jetzt nur noch die Früchte einzuheimsen habe. Für uns
       konnten Februar  und März nur dann die Bedeutung einer wirklichen
       Revolution haben,  wenn sie  nicht Abschluß, sondern im Gegenteil
       Ausgangspunkte einer  langen revolutionären  Bewegung wurden,  in
       der, wie  in der  großen französischen  Umwälzung, das  Volk sich
       durch seine  eigenen Kämpfe  weiterentwickelte, die Parteien sich
       schärfer und  schärfer schieden,  bis sie mit den großen Klassen,
       Bourgeoisie, Kleinbürgertum,  Proletariat,  ganz  zusammenfielen,
       und in der die einzelnen Positionen vom Proletariat nach und nach
       in einer Reihe von Schlachttagen erobert wurden. Daher traten wir
       auch dem  demokratischen Kleinbürgertum  überall entgegen,  wo es
       seinen Klassengegensatz  gegen das  Proletariat vertuschen wollte
       mit der  beliebten Phrase: Wir wollen ja alle dasselbe, alle Dif-
       ferenzen beruhen  auf bloßen  Mißverständnissen. Je  weniger aber
       wir dem Kleinbürgertum erlaubten, unsere proletarische Demokratie
       mißzuverstehen, desto  zahmer und  gefügiger wurde  es uns gegen-
       über. Je schärfer und entschiedener man ihm gegenübertritt, desto
       williger duckt  es sich, desto mehr Konzessionen macht es der Ar-
       beiterpartei. Das haben wir gesehen.
       Endlich deckten  wir den  parlamentarischen Kretinismus (wie Marx
       es nannte)  der verschiedenen  sogenannten  Nationalversammlungen
       auf. [18]  Diese Herren hatten sich alle Machtmittel entschlüpfen
       lassen, sie  zum Teil  freiwillig wieder den Regierungen überlie-
       fert. Neben  neugestärkten, reaktionären  Regierungen standen  in
       Berlin wie  in Frankfurt  machtlose Versammlungen,  die  trotzdem
       sich einbildeten,  ihre ohnmächtigen  Beschlüsse würden  die Welt
       aus den  Angeln heben. Bis auf die äußerste Linke herrschte diese
       kretinhafte Selbsttäuschung.  Wir riefen ihnen zu : ihr parlamen-
       tarischer Sieg  werde zusammenfallen mit ihrer wirklichen Nieder-
       lage.
       Und so  geschah's in Berlin wie in Frankfurt. Als die "Linke" die
       Majorität erhielt, jagte die Regierung die ganze Versammlung aus-
       einander; sie  konnte es, weil die Versammlung ihren eigenen Kre-
       dit beim Volk verscherzt hatte.
       Als ich  später Bougearts  Buch über Marat las, fand ich, daß wir
       in mehr  als einer  Beziehung nur  das große  Vorbild des  echten
       (nicht des  von den  Royalisten gefälschten) "Ami du peuple" [19]
       unbewußt nachgeahmt  hatten und  daß der  ganze Wutschrei und die
       ganze Geschichtsfälschung,  kraft deren  man fast ein Jahrhundert
       hindurch nur  einen gänzlich entstellten Marat gekannt, nur diese
       Ursache haben:  daß Marat den Augenblicksgötzen Lafayette, Bailly
       und anderen  unbarmherzig den  Schleier abzog  und sie  als schon
       fertige Verräter  an der  Revolution enthüllte;  und daß  er, wie
       wir, die Revolution nicht für abgeschlossen, sondern in Permanenz
       erklärt wissen wollte.
       
       #22# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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       Wir sprachen  es offen  aus, daß die Richtung, die wir vertraten,
       erst dann  in den Kampf um die Erreichung unserer wirklichen Par-
       teiziele eintreten  könne, wenn  die äußerste  der in Deutschland
       bestehenden offiziellen  Parteien am  Ruder sei: dann würden wir,
       ihr gegenüber, die Opposition bilden.
       Die Ereignisse  sorgten aber  dafür, daß neben den Spott über die
       deutschen Gegner auch die flammende Leidenschaft trat. Die Insur-
       rektion der  Pariser Arbeiter  im Juni  1848  fand  uns  auf  dem
       Platze. Vom  ersten Schuß an traten wir unbedingt ein für die In-
       surgenten. Nach  ihrer Niederlage  feierte Marx  die Besiegten in
       einem seiner gewaltigsten Artikel. [20]
       Da verließ uns der letzte Rest der Aktionäre. Aber wir hatten die
       Genugtuung, das  einzige Blatt  in Deutschland und fast in Europa
       zu sein,  das die Fahne des zertretenen Proletariats hochgehalten
       hatte im Augenblicke, wo die Bourgeois und Spießbürger aller Län-
       der die Besiegten erdrückten mit dem Wüste ihrer Verleumdungen.
       Die auswärtige  Politik war  einfach: Eintreten für jedes revolu-
       tionäre Volk, Aufruf zum allgemeinen Krieg des revolutionären Eu-
       ropas gegen  den großen Rückhalt der europäischen Reaktion - Ruß-
       land. Vom 24. Februar [21] an war es uns klar, daß die Revolution
       nur  e i n e n  wirklich furchtbaren Feind habe, Rußland, und daß
       dieser Feind  um so mehr gezwungen sei, in den Kampf einzutreten,
       je mehr  die Bewegung  europäische Dimensionen annahm. Die Ereig-
       nisse von  Wien, Mailand,  Berlin mußten  den russischen  Angriff
       verzögern, aber  sein endliches  Kommen wurde  um so gewisser, je
       näher die Revolution Rußland auf den Leib rückte. Gelang es aber,
       Deutschland zum Krieg gegen Rußland zu bringen, so war es aus mit
       Habsburg und Hohenzollern, und die Revolution siegte auf der gan-
       zen Linie.
       Diese Politik  geht durch  jede Nummer der Zeitung bis zum Moment
       des wirklichen  Einrückens der  Russen in Ungarn, das unsere Vor-
       aussicht vollauf  bestätigte und  die Niederlage  der  Revolution
       entschied.
       Als im  Frühjahr 1849  der Entscheidungskampf  heranrückte, wurde
       die Sprache  des Blattes  mit jeder  Nummer heftiger  und leiden-
       schaftlicher. Den  schlesischen Bauern  rief Wilhelm  Wolf in der
       "Schlesischen Milliarde"  [22] (acht Artikel) ins Gedächtnis, wie
       sie bei  der Ablösung  der Feudallasten  von den  Gutsherren  mit
       Hilfe der  Regierung um Geld und Grundbesitz geprellt worden, und
       forderte eine Milliarde Taler Entschädigung.
       Gleichzeitig erschien  im April  Marx Abhandlung  über Lohnarbeit
       und Kapital  in einer  Reihe von  Leitartikeln 1*) als deutlicher
       Hinweis auf  das soziale Ziel unserer Politik. Jede Nummer, jedes
       Extrablatt zeigte hin auf die
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       1*) Siehe Band 6 unserer Ausgabe, S. 397-423
       
       #23# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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       sich vorbereitende  große Schlacht, auf die Zuspitzung der Gegen-
       sätze in  Frankreich, Italien, Deutschland und Ungarn. Namentlich
       die Extrablätter  vom April  und Mai  waren ebensoviel Aufrufe an
       das Volk, sich bereit zu halten zum Losschlagen.
       "Draußen im  Reich" wunderte man sich, daß wir das alles so unge-
       niert in einer preußischen Festung ersten Ranges, gegenüber einer
       Garnison von  8000 Mann  und angesichts der Hauptwache betrieben;
       aber von wegen der acht Bajonettgewehre und 250 scharfen Patronen
       im Redaktionszimmer und der roten Jakobinermützen der Setzer galt
       unser Haus  bei den  Offizieren ebenfalls  für eine  Festung, die
       nicht durch  bloßen Handstreich zu nehmen sei. Endlich am 18. Mai
       1849 kam der Schlag.
       Der Aufstand  in Dresden  und Elberfeld  war unterdrückt,  der in
       Iserlohn umzingelt,  die Rheinprovinz  und Westfalen starrten von
       Bajonetten, die  nach vollendeter  Vergewaltigung der preußischen
       Rheinlande gegen  die Pfalz und Baden zu marschieren bestimmt wa-
       ren. Da  endlich wagte die Regierung, uns auf den Leib zu rücken.
       Die eine  Hälfte der  Redakteure war  unter gerichtlicher Verfol-
       gung, die  andere als Nichtpreußen ausweisbar. Dagegen war nichts
       zu machen,  solange ein  ganzes Armeekorps  hinter der  Regierung
       stand. Wir mußten unsere Festung übergeben, aber wir zogen ab mit
       Waffen und  Bagage, mit  klingendem Spiel  und mit der fliegenden
       Fahne der  letzten, roten, Nummer, in der wir die Kölner Arbeiter
       vor hoffnungslosen Putschen warnten und ihnen zuriefen:
       "Die Redakteure  der 'Neuen Rheinischen Zeitung' danken Euch beim
       Abschiede für  die ihnen  bewiesene Teilnahme.  Ihr letztes  Wort
       wird immer  und überall  sein:   E m a n z i p a t i o n    d e r
       a r b e i t e n d e n  K l a s s e!"  [23]
       So endete  die "Neue  Rheinische Zeitung",  kurz ehe  ihr  erster
       Jahrgang vollendet.  Mit fast gar keinen Geldmitteln angefangen -
       die wenigen  ihr zugesicherten entgingen ihr, wie gesagt, bald -,
       brachte sie es schon im September auf eine Auflage von fast 5000.
       Der Belagerungszustand  von Köln  suspendierte sie; Mitte Oktober
       mußte sie  wieder von  vorne anfangen. Aber im Mai 1849 bei ihrer
       Unterdrückung stand sie schon wieder auf 6000 Abonnenten, während
       die "Kölnische"  [24] damals,  nach ihrem  eigenen Eingeständnis,
       nicht über  9000 besaß. Keine deutsche Zeitung, weder vorher noch
       nachher, hat  je die  Macht und den Einfluß besessen, hat es ver-
       standen, so  die proletarischen  Massen zu  elektrisieren wie die
       "Neue Rheinische".
       Und das verdankte sie vor allem Marx.
       Als der  Schlag gefallen war, zerstreute sich die Redaktion. Marx
       ging nach  Paris, wo  die Entscheidung  sich vorbereitete, die am
       13. Juni 1849 [25]
       
       #24# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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       fiel; Wilhelm  Wolff nahm jetzt seinen Sitz im Frankfurter Parla-
       ment ein  - jetzt,  wo die  Versammlung zu  wählen hatte zwischen
       Zersprengung von  oben oder  Anschluß an  die Revolution; und ich
       ging nach  der Pfalz und wurde Adjutant im Willichschen Freikorps
       [26].
       Fr. Engels
       Geschrieben Mitte Februar bis Anfang März 1884.
       

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