Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889
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Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49 [11]
["Der Sozialdemokrat" Nr. 11 vom 13. März 1884]
Beim Ausbruch der Februarrevolution bestand die deutsche
"Kommunistische Partei", wie wir sie nannten, nur aus einem klei-
nen Stamm, dem als geheime Propagandagesellschaft organisierten
Bund der Kommunisten. Geheim war der Bund nur, weil es damals in
Deutschland kein Vereins- und Versammlungsrecht gab. Außer den
Arbeitervereinen im Ausland, wo er sich rekrutierte, hatte er un-
gefähr dreißig Gemeinden oder Sektionen im Lande selbst, dazu
einzelne Mitglieder an vielen Orten. Aber diese unbedeutende
Streitkraft hatte einen Führer, dem sich alle willig unterordne-
ten, einen Führer ersten Ranges in Marx, und dank ihm ein prinzi-
pielles und ein taktisches Programm, das noch heute in voller
Geltung steht: das "Kommunistische Manifest".
Hier kommt in erster Reihe der taktische Teil des Programms in
Betracht. Dieser lautete im allgemeinen:
"Die Kommunisten sind keine besondere Partei gegenüber den andern
Arbeiterparteien. Sie haben keine von den Interessen des ganzen
Proletariats getrennten Interessen. Sie stellen keine besondern
Prinzipien auf, wonach sie die proletarische Bewegung modeln wol-
len. Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proleta-
rischen Parteien nur dadurch, daß einerseits sie in den verschie-
denen nationalen Kämpfen der Proletarier die g e m e i n s a-
m e n, v o n d e r N a t i o n a l i t ä t u n a b h ä n g i-
g e n I n t e r e s s e n des gesamten Proletariats hervorheben
und zur Geltung bringen, andrerseits dadurch, daß sie in den ver-
schiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proleta-
riat und Bourgeoisie durchläuft, stets d a s I n t e r e s s e
d e r G e s a m t b e w e g u n g vertreten. - Die Kommunisten
sind also p r a k t i s c h der entschiedenste, immer weiter-
treibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder, sie haben
t h e o r e t i s c h vor der übrigen Masse des Proletariats die
Einsicht in
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die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der
proletarischen Bewegung voraus." [12]
Und für die deutsche Partei im besonderen:
"In Deutschland kämpft die Kommunistische Partei, sobald die
Bourgeoisie revolutionär auftritt, gemeinsam mit der Bourgeoisie
gegen die absolute Monarchie, das feudale Grundeigentum und die
Kleinbürgerei. Sie unterläßt aber keinen Augenblick, bei den Ar-
beitern ein möglichst klares Bewußtsein über den feindlichen Ge-
gensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat herauszuarbeiten,
damit die deutschen Arbeiter sogleich die gesellschaftlichen und
politischen Bedingungen, welche die Bourgeoisie mit ihrer Herr-
schaft herbeiführen muß, als ebenso viele Waffen gegen die Bour-
geoisie kehren können, damit, nach dem Sturz der reaktionären
Klassen in Deutschland, sofort der Kampf gegen die Bourgeoisie
selbst beginnt. Auf Deutschland richten die Kommunisten ihre
Hauptaufmerksamkeit, weil Deutschland am Vorabend einer bürgerli-
chen Revolution steht" usw. ("Manifest" IV). 1*)
Nie hat sich ein taktisches Programm so bewährt wie dieses. Auf-
gestellt am Vorabend einer Revolution, hielt es die Probe dieser
Revolution aus; wo seit jener Zeit eine Arbeiterpartei von ihm
abwich, strafte sich jede Abweichung; und heute, nach beinahe
vierzig Jahren, bildet es die Richtschnur aller entschiedenen und
selbstbewußten Arbeiterparteien Europas von Madrid bis Peters-
burg.
Die Februarereignisse in Paris überstürzten die bevorstehende
deutsche Revolution und modifizierten damit ihren Charakter. Die
deutsche Bourgeoisie, statt aus eigener Kraft zu siegen, siegte
im Schlepptau einer französischen Arbeiterrevolution. Noch ehe
sie ihre alten Gegner, das absolute Königtum, den feudalen Grund-
besitz, die Bürokratie, das feige Spießbürgertum, endgiltig nie-
dergeworfen, mußte sie schon Front machen gegen einen neuen
Feind, das Proletariat. Hier aber zeigten sich sofort die Wirkun-
gen der hinter Frankreich und England weit zurückgebliebenen
ökonomischen Zustände und der damit ebensosehr zurückgebliebenen
Klassenlage Deutschlands.
Die deutsche Bourgeoisie, die eben erst ihre große Industrie zu
begründen anfing, hatte weder die Kraft noch den Mut, noch die
zwingende Nötigung, sich die unbedingte Herrschaft im Staat zu
erkämpfen; das Proletariat, in gleichem Verhältnis unentwickelt,
herangewachsen in vollständiger geistiger Knechtung, unorgani-
siert und noch nicht einmal fähig zu
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1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 492/493
#18# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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selbständiger Organisation, besaß nur das dumpfe Gefühl seines
tiefen Interessengegensatzes gegen die Bourgeoisie. So, obgleich
der Sache nach ihr drohender Gegner, blieb es anderseits ihr po-
litisches Anhängsel. Geschreckt nicht durch das, was das deutsche
Proletariat war, sondern durch das, was es zu werden drohte und
was das französische schon war, sah die Bourgeoisie nur Rettung
in jedem, auch dem feigsten Kompromiß mit Monarchie und Adel; un-
bekannt noch mit seiner eigenen geschichtlichen Rolle, mußte das
Proletariat in seiner großen Masse zunächst die des voran-
treibenden, äußersten linken Flügels der Bourgeoisie übernehmen.
Die deutschen Arbeiter hatten vor allen Dingen diejenigen Rechte
zu erkämpfen, die ihnen zu ihrer selbständigen Organisation als
Klassenpartei unumgänglich waren : Freiheit der Presse, der Ver-
einigung und Versammlung - Rechte, die die Bourgeoisie im Inter-
esse ihrer eigenen Herrschaft hätte erkämpfen müssen, die sie
selbst aber in ihrer Angst den Arbeitern jetzt streitig machte.
Die paar hundert vereinzelten Bundesmitglieder verschwanden in
der ungeheuren, plötzlich in die Bewegung geschleuderten Masse.
Das deutsche Proletariat erschien so zunächst auf der politischen
Bühne als äußerste demokratische Partei.
Damit war uns, als wir in Deutschland eine große Zeitung begrün-
deten, die Fahne von selbst gegeben. Es konnte nur die der Demo-
kratie sein, aber die einer Demokratie, die überall den spezi-
fisch proletarischen Charakter im einzelnen hervorhob, den sie
noch nicht ein für allemal aufs Banner schreiben konnte. Wollten
wir das nicht, wollten wir nicht die Bewegung an ihrem vorgefun-
denen, fortgeschrittensten, tatsächlich proletarischen Ende auf-
nehmen und weiter vorantreiben, so blieb uns nichts, als Kommu-
nismus in einem kleinen Winkelblättchen dozieren und statt einer
großen Aktionspartei eine kleine Sekte stiften. Zu Predigern in
der Wüste aber waren wir verdorben; dazu hatten wir die Utopisten
zu gut studiert. Dazu hatten wir unser Programm nicht entworfen.
Als wir nach Köln kamen, waren dort von demokratischer, teilweise
kommunistischer Seite Vorbereitungen zu einem großen Blatt ge-
troffen. Man wollte dies echt lokal-kölnisch machen und uns nach
Berlin verbannen. Aber in 24 Stunden hatten wir, namentlich durch
Marx, das Terrain erobert, das Blatt ward unser, auf die Gegen-
konzession, daß wir Heinrich Bürgers in die Redaktion nahmen.
Dieser schrieb e i n e n Artikel (in Nr. 2) und nie mehr einen
zweiten.
Wir mußten eben nach Köln gehen und nicht nach Berlin. Erstens
war Köln das Zentrum der Rheinprovinz, die die französische Revo-
lution durchgemacht, sich im Code Napoléon [13] m o d e r n e
Rechtsanschauungen
#19# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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bewahrt, die weitaus bedeutendste große Industrie entwickelt
hatte und in jeder Beziehung damals der fortgeschrittenste Teil
Deutschlands war. Das damalige Berlin kannten wir nur zu gut aus
eigener Anschauung, mit seiner kaum entstehenden Bourgeoisie,
seinem maulfrechen, aber tatfeigen, kriechenden Kleinbürgertum,
seinen noch total unentwickelten Arbeitern, seinen massenhaften
Bürokraten, Adels- und Hofgesindel, seinem ganzen Charakter als
bloße "Residenz". Entscheidend aber waren: In Berlin herrschte
das elende preußische Landrecht [14], und politische Prozesse ka-
men vor die Berufsrichter; am Rhein bestand der Code Napoléon,
der keine Preßprozesse kennt, weil er die Zensur voraussetzt, und
wenn man keine politischen Vergehen, sondern nur V e r b r e-
c h e n beging, kam man vor die Geschwornen; in Berlin ward
n a c h der Revolution der junge Schlöffel wegen einer Kleinig-
keit zu einem Jahre verurteilt [15], am Rhein hatten wir unbe-
dingte Preßfreiheit - und wir haben sie ausgenutzt bis auf den
letzten Tropfen.
So fingen wir am 1. Juni 1848 an, mit einem sehr beschränkten
Aktienkapital, von dem nur wenig eingezahlt war, und die Aktio-
näre selbst mehr als unsicher. Gleich nach der ersten Nummer ver-
ließ uns die Hälfte, und am Ende des Monats hatten wir gar keine
mehr.
Die Verfassung der Redaktion war die einfache Diktatur von Marx.
Ein großes Tageblatt, das zur bestimmten Stunde fertig sein muß,
kann bei keiner anderen Verfassung eine folgerechte Haltung be-
wahren. Hier aber war noch dazu Marx' Diktatur selbstverständ-
lich, unbestritten, von uns allen gern anerkannt. Es war in er-
ster Linie sein klarer Blick und seine sichere Haltung, die das
Blatt zur berühmtesten deutschen Zeitung der Revolutionsjahre ge-
macht haben.
Das politische Programm der "Neuen Rheinischen Zeitung" bestand
aus zwei Hauptpunkten:
Einige, unteilbare, demokratische deutsche Republik und Krieg mit
Rußland, der Wiederherstellung Polens einschloß.
Die kleinbürgerliche Demokratie teilte sich damals in zwei Frak-
tionen: die norddeutsche, die sich einen demokratischen preußi-
schen Kaiser gefallen, und die süddeutsche, damals fast ganz spe-
zifisch badische, die Deutschland in eine föderative Republik
nach Schweizer Muster verwandeln wollte. Beide mußten wir bekämp-
fen. Das Interesse des Proletariats verbot ebensosehr die Ver-
preußung Deutschlands wie die Verewigung der Kleinstaaterei. Es
gebot die endliche Vereinigung Deutschlands zu einer N a-
t i o n, die allein den von allen überkommenen kleinlichen
Hindernissen gereinigten Kampfplatz herstellen konnte, auf dem
Proletariat und Bourgeoisie ihre
#20# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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Kräfte messen sollten. Aber es verbot ebensosehr die Herstellung
einer preußischen Spitze; der preußische Staat mit seiner ganzen
Einrichtung, seiner Tradition und seiner Dynastie war gerade der
einzige ernsthafte innere Gegner, den die Revolution in Deutsch-
land niederzuwerfen hatte; und obendrein könnte Preußen Deutsch-
land nur einigen durch Deutschlands Zerreißung, durch den Aus-
schluß Deutsch-Österreichs. Auflösung des preußischen, Zerfall
des österreichischen Staates, wirkliche Einigung Deutschlands als
Republik - ein anderes revolutionäres, nächstes Programm konnten
wir nicht haben. Und dies war durchzusetzen durch Krieg gegen
Rußland und nur durch ihn. Auf diesen letzteren Punkt komme ich
noch zurück.
Im übrigen war der Ton des Blattes keineswegs feierlich, ernst
öder begeistert. Wir hatten lauter verächtliche Gegner und behan-
delten sie ausnahmslos mit der äußersten Verachtung. Das konspi-
rierende Königtum, die Kamarilla, der Adel, die "Kreuz-Zeitung"
[16], die gesamte "Reaktion", über die der Philister sich
sittlich entrüstete - wir behandelten sie nur mit Hohn und Spott.
Aber nicht minder auch die durch die Revolution aufgekommenen
neuen Götzen: die Märzminister, die Frankfurter und Berliner Ver-
sammlung, Rechte wie Linke darin. Gleich die erste Nummer begann
mit einem Artikel, der die Nichtigkeit des Frankfurter Parlamen-
tes, die Zwecklosigkeit seiner langatmigen Reden, die Überflüs-
sigkeit seiner feigen Beschlüsse verspottete. [17] Er kostete uns
die Hälfte der Aktionäre. Das Frankfurter Parlament war nicht
einmal ein Debattierklub; hier wurde fast gar nicht debattiert,
sondern meist nur fertig mitgebrachte akademische Abhandlungen
abgeleiert und Beschlüsse gefaßt, die den deutschen Philister be-
geistern sollten, um die sich aber sonst kein Mensch kümmerte.
Die Berliner Versammlung hatte schon mehr Bedeutung, sie stand
einer wirklichen Macht gegenüber, sie debattierte und beschloß
auf platter Erde, nicht im Frankfurter Wolkenkuckucksheim. Sie
wurde daher auch ausführlicher behandelt. Aber auch die dortigen
Götzen der Linken, Schulze-Delitzsch, Berends, Eisner, Stein
usw., wurden ebenso scharf mitgenommen wie die Frankfurter, ihre
Unentschiedenheit, Zaghaftigkeit und Rechnungsträgerei schonungs-
los aufgedeckt und ihnen nachgewiesen, wie sie Schritt vor
Schritt sich in den Verrat an der Revolution hineinkompromissel-
ten. Das erregte natürlich Schauder beim demokratischen Kleinbür-
ger, der sich diese Götzen erst eben zum eigenen Gebrauch fabri-
ziert hatte. Uns war dieser Schauder ein Zeichen, daß wir ins
Schwarze getroffen hatten.
Ebenso traten wir auch der vom Kleinbürgertum eifrig verbreiteten
Täuschung entgegen, als ob die Revolution mit den Märztagen
abgeschlossen
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sei und man jetzt nur noch die Früchte einzuheimsen habe. Für uns
konnten Februar und März nur dann die Bedeutung einer wirklichen
Revolution haben, wenn sie nicht Abschluß, sondern im Gegenteil
Ausgangspunkte einer langen revolutionären Bewegung wurden, in
der, wie in der großen französischen Umwälzung, das Volk sich
durch seine eigenen Kämpfe weiterentwickelte, die Parteien sich
schärfer und schärfer schieden, bis sie mit den großen Klassen,
Bourgeoisie, Kleinbürgertum, Proletariat, ganz zusammenfielen,
und in der die einzelnen Positionen vom Proletariat nach und nach
in einer Reihe von Schlachttagen erobert wurden. Daher traten wir
auch dem demokratischen Kleinbürgertum überall entgegen, wo es
seinen Klassengegensatz gegen das Proletariat vertuschen wollte
mit der beliebten Phrase: Wir wollen ja alle dasselbe, alle Dif-
ferenzen beruhen auf bloßen Mißverständnissen. Je weniger aber
wir dem Kleinbürgertum erlaubten, unsere proletarische Demokratie
mißzuverstehen, desto zahmer und gefügiger wurde es uns gegen-
über. Je schärfer und entschiedener man ihm gegenübertritt, desto
williger duckt es sich, desto mehr Konzessionen macht es der Ar-
beiterpartei. Das haben wir gesehen.
Endlich deckten wir den parlamentarischen Kretinismus (wie Marx
es nannte) der verschiedenen sogenannten Nationalversammlungen
auf. [18] Diese Herren hatten sich alle Machtmittel entschlüpfen
lassen, sie zum Teil freiwillig wieder den Regierungen überlie-
fert. Neben neugestärkten, reaktionären Regierungen standen in
Berlin wie in Frankfurt machtlose Versammlungen, die trotzdem
sich einbildeten, ihre ohnmächtigen Beschlüsse würden die Welt
aus den Angeln heben. Bis auf die äußerste Linke herrschte diese
kretinhafte Selbsttäuschung. Wir riefen ihnen zu : ihr parlamen-
tarischer Sieg werde zusammenfallen mit ihrer wirklichen Nieder-
lage.
Und so geschah's in Berlin wie in Frankfurt. Als die "Linke" die
Majorität erhielt, jagte die Regierung die ganze Versammlung aus-
einander; sie konnte es, weil die Versammlung ihren eigenen Kre-
dit beim Volk verscherzt hatte.
Als ich später Bougearts Buch über Marat las, fand ich, daß wir
in mehr als einer Beziehung nur das große Vorbild des echten
(nicht des von den Royalisten gefälschten) "Ami du peuple" [19]
unbewußt nachgeahmt hatten und daß der ganze Wutschrei und die
ganze Geschichtsfälschung, kraft deren man fast ein Jahrhundert
hindurch nur einen gänzlich entstellten Marat gekannt, nur diese
Ursache haben: daß Marat den Augenblicksgötzen Lafayette, Bailly
und anderen unbarmherzig den Schleier abzog und sie als schon
fertige Verräter an der Revolution enthüllte; und daß er, wie
wir, die Revolution nicht für abgeschlossen, sondern in Permanenz
erklärt wissen wollte.
#22# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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Wir sprachen es offen aus, daß die Richtung, die wir vertraten,
erst dann in den Kampf um die Erreichung unserer wirklichen Par-
teiziele eintreten könne, wenn die äußerste der in Deutschland
bestehenden offiziellen Parteien am Ruder sei: dann würden wir,
ihr gegenüber, die Opposition bilden.
Die Ereignisse sorgten aber dafür, daß neben den Spott über die
deutschen Gegner auch die flammende Leidenschaft trat. Die Insur-
rektion der Pariser Arbeiter im Juni 1848 fand uns auf dem
Platze. Vom ersten Schuß an traten wir unbedingt ein für die In-
surgenten. Nach ihrer Niederlage feierte Marx die Besiegten in
einem seiner gewaltigsten Artikel. [20]
Da verließ uns der letzte Rest der Aktionäre. Aber wir hatten die
Genugtuung, das einzige Blatt in Deutschland und fast in Europa
zu sein, das die Fahne des zertretenen Proletariats hochgehalten
hatte im Augenblicke, wo die Bourgeois und Spießbürger aller Län-
der die Besiegten erdrückten mit dem Wüste ihrer Verleumdungen.
Die auswärtige Politik war einfach: Eintreten für jedes revolu-
tionäre Volk, Aufruf zum allgemeinen Krieg des revolutionären Eu-
ropas gegen den großen Rückhalt der europäischen Reaktion - Ruß-
land. Vom 24. Februar [21] an war es uns klar, daß die Revolution
nur e i n e n wirklich furchtbaren Feind habe, Rußland, und daß
dieser Feind um so mehr gezwungen sei, in den Kampf einzutreten,
je mehr die Bewegung europäische Dimensionen annahm. Die Ereig-
nisse von Wien, Mailand, Berlin mußten den russischen Angriff
verzögern, aber sein endliches Kommen wurde um so gewisser, je
näher die Revolution Rußland auf den Leib rückte. Gelang es aber,
Deutschland zum Krieg gegen Rußland zu bringen, so war es aus mit
Habsburg und Hohenzollern, und die Revolution siegte auf der gan-
zen Linie.
Diese Politik geht durch jede Nummer der Zeitung bis zum Moment
des wirklichen Einrückens der Russen in Ungarn, das unsere Vor-
aussicht vollauf bestätigte und die Niederlage der Revolution
entschied.
Als im Frühjahr 1849 der Entscheidungskampf heranrückte, wurde
die Sprache des Blattes mit jeder Nummer heftiger und leiden-
schaftlicher. Den schlesischen Bauern rief Wilhelm Wolf in der
"Schlesischen Milliarde" [22] (acht Artikel) ins Gedächtnis, wie
sie bei der Ablösung der Feudallasten von den Gutsherren mit
Hilfe der Regierung um Geld und Grundbesitz geprellt worden, und
forderte eine Milliarde Taler Entschädigung.
Gleichzeitig erschien im April Marx Abhandlung über Lohnarbeit
und Kapital in einer Reihe von Leitartikeln 1*) als deutlicher
Hinweis auf das soziale Ziel unserer Politik. Jede Nummer, jedes
Extrablatt zeigte hin auf die
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1*) Siehe Band 6 unserer Ausgabe, S. 397-423
#23# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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sich vorbereitende große Schlacht, auf die Zuspitzung der Gegen-
sätze in Frankreich, Italien, Deutschland und Ungarn. Namentlich
die Extrablätter vom April und Mai waren ebensoviel Aufrufe an
das Volk, sich bereit zu halten zum Losschlagen.
"Draußen im Reich" wunderte man sich, daß wir das alles so unge-
niert in einer preußischen Festung ersten Ranges, gegenüber einer
Garnison von 8000 Mann und angesichts der Hauptwache betrieben;
aber von wegen der acht Bajonettgewehre und 250 scharfen Patronen
im Redaktionszimmer und der roten Jakobinermützen der Setzer galt
unser Haus bei den Offizieren ebenfalls für eine Festung, die
nicht durch bloßen Handstreich zu nehmen sei. Endlich am 18. Mai
1849 kam der Schlag.
Der Aufstand in Dresden und Elberfeld war unterdrückt, der in
Iserlohn umzingelt, die Rheinprovinz und Westfalen starrten von
Bajonetten, die nach vollendeter Vergewaltigung der preußischen
Rheinlande gegen die Pfalz und Baden zu marschieren bestimmt wa-
ren. Da endlich wagte die Regierung, uns auf den Leib zu rücken.
Die eine Hälfte der Redakteure war unter gerichtlicher Verfol-
gung, die andere als Nichtpreußen ausweisbar. Dagegen war nichts
zu machen, solange ein ganzes Armeekorps hinter der Regierung
stand. Wir mußten unsere Festung übergeben, aber wir zogen ab mit
Waffen und Bagage, mit klingendem Spiel und mit der fliegenden
Fahne der letzten, roten, Nummer, in der wir die Kölner Arbeiter
vor hoffnungslosen Putschen warnten und ihnen zuriefen:
"Die Redakteure der 'Neuen Rheinischen Zeitung' danken Euch beim
Abschiede für die ihnen bewiesene Teilnahme. Ihr letztes Wort
wird immer und überall sein: E m a n z i p a t i o n d e r
a r b e i t e n d e n K l a s s e!" [23]
So endete die "Neue Rheinische Zeitung", kurz ehe ihr erster
Jahrgang vollendet. Mit fast gar keinen Geldmitteln angefangen -
die wenigen ihr zugesicherten entgingen ihr, wie gesagt, bald -,
brachte sie es schon im September auf eine Auflage von fast 5000.
Der Belagerungszustand von Köln suspendierte sie; Mitte Oktober
mußte sie wieder von vorne anfangen. Aber im Mai 1849 bei ihrer
Unterdrückung stand sie schon wieder auf 6000 Abonnenten, während
die "Kölnische" [24] damals, nach ihrem eigenen Eingeständnis,
nicht über 9000 besaß. Keine deutsche Zeitung, weder vorher noch
nachher, hat je die Macht und den Einfluß besessen, hat es ver-
standen, so die proletarischen Massen zu elektrisieren wie die
"Neue Rheinische".
Und das verdankte sie vor allem Marx.
Als der Schlag gefallen war, zerstreute sich die Redaktion. Marx
ging nach Paris, wo die Entscheidung sich vorbereitete, die am
13. Juni 1849 [25]
#24# Marx und die "Neue Rheinische Zeitung" 1848-49
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fiel; Wilhelm Wolff nahm jetzt seinen Sitz im Frankfurter Parla-
ment ein - jetzt, wo die Versammlung zu wählen hatte zwischen
Zersprengung von oben oder Anschluß an die Revolution; und ich
ging nach der Pfalz und wurde Adjutant im Willichschen Freikorps
[26].
Fr. Engels
Geschrieben Mitte Februar bis Anfang März 1884.
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