Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889


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       Vorwort [zu "Karl Marx vor den Kölner Geschwornen"] [168]
       
       Zum besseren  Verständnis der nachfolgenden Verhandlungen wird es
       genügen, die  Hauptereignisse zusammenzustellen,  an die sie sich
       anknüpfen.
       Die Feigheit  der deutschen  Bourgeoisie hatte der feudalbürokra-
       tisch-absolutistischen Reaktion  erlaubt, sich  von  den  nieder-
       schmetternden Schlägen  des Märzes  1848 soweit  zu erholen,  daß
       Ende Oktober schon ein zweiter Entscheidungskampf bevorstand. Der
       Fall von  Wien, nach  langem, heldenmütigem  Widerstand, gab auch
       der preußischen  Kamarilla den  Mut zu  einem Staatsstreich.  Die
       zahme Berliner  "Nationalversammlung" war ihr immer noch zu wild.
       Sie sollte  gesprengt, mit der Revolution sollte ein Ende gemacht
       werden.
       Am 8.  November 1848  wird das Ministerium Brandenburg-Manteuffel
       gebildet. Am  9. verlegt  es den  Sitz der Versammlung von Berlin
       nach Brandenburg,  damit sie,  ungestört durch die revolutionären
       Einflüsse Berlins,  im Schutz der Bajonette "frei" beraten könne.
       Die Versammlung  weigert sich  zu gehen;  die Bürgerwehr  weigert
       sich, gegen  die Versammlung einzuschreiten. Das Ministerium löst
       die Bürgerwehr  auf, entwaffnet sie, ohne daß sie sich wehrt, und
       erklärt Berlin  in Belagerungszustand.  Die Versammlung antwortet
       damit, daß  sie das Ministerium am 13. November wegen Hochverrats
       in Anklagestand  versetzt. Das  Ministerium hetzt die Versammlung
       von einem  Berliner Lokal  ins andere. Die Versammlung beschließt
       am 15.,  daß das  Ministerium Brandenburg  nicht berechtigt  sei,
       über Staatsgelder  zu verfügen  und Steuern  zu erheben,  solange
       sie, die  Versammlung, nicht  frei in Berlin ihre Sitzungen fort-
       setzen kann.
       Dieser Beschluß  der Steuerverweigerung  konnte  nur  dadurch  in
       Wirksamkeit treten,  daß das  Volk der  Steuereintreibung mit be-
       waffneter Hand  Widerstand entgegensetzte.  Und damals waren noch
       Waffen genug  in der Hand der Bürgerwehr. Trotzdem blieb man fast
       überall beim passiven
       
       #199# Vorwort zu "Karl Marx vor den Kölner Geschwomen"
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       Widerstand. Nur  an wenigen Orten bereitete man sich vor, die Ge-
       walt mit der Gewalt zu vertreiben. Der kühnste Aufruf hierzu aber
       blieb der  des Ausschusses  der demokratischen Vereine der Rhein-
       provinz, der in Köln saß und aus Marx, Schapper und Schneider be-
       stand [169].
       Daß der  Kampf  gegen  den  in  Berlin  siegreich  durchgeführten
       Staatsstreich am  Rhein nicht mit Erfolg aufzunehmen war, darüber
       täuschte sich der Ausschuß nicht. Die Rheinprovinz hatte fünf Fe-
       stungen; in ihr selbst, in Westfalen, Mainz, Frankfurt und Luxem-
       burg lag  allein ungefähr  ein Drittel der ganzen preußischen Ar-
       mee, darunter  zahlreiche Regimenter aus den östlichen Provinzen.
       Die Bürgerwehr  war in  Köln und andern Städten bereits aufgelöst
       und entwaffnet. Aber es handelte sich auch nicht um den unmittel-
       baren Sieg  in Köln, das selbst erst vor wenigen Wochen vom Bela-
       gerungszustand befreit  war. Es handelte sich darum, ein Beispiel
       zu geben  für die übrigen Provinzen und dadurch die revolutionäre
       Ehre der Rheinprovinz zu retten. Und das war geschehen.
       Die preußische  Bourgeoisie, die  der Regierung einen Machtposten
       nach dem  andern wieder  abgetreten hatte, aus Furcht vor den da-
       mals noch  halb träumenden Zuckungen des Proletariats, die längst
       schon Reue  empfand über  ihre früheren  Machtgelüste, die  schon
       seit März  vor Angst  nicht mehr wußte wo aus noch ein, weil hier
       die um  den Absolutismus  gruppierten Mächte  der  alten  Gesell-
       schaft, dort das zum Bewußtsein seiner Klassenstellung heraufdäm-
       mernde junge  Proletariat ihr drohend gegenübertrat - die preußi-
       sche Bourgeoisie  tat, was sie stets im entscheidenden Augenblick
       getan -  sie duckte  sich. Und  die Arbeiter waren nicht so dumm,
       für die Bourgeoisie ohne die Bourgeoisie loszuschlagen; für sie -
       namentlich am  Rhein - waren die preußischen Fragen ohnehin reine
       Lokalfragen; sollten  sie einmal im Interesse der Bourgeoisie ins
       Feuer gehn,  dann auch gleich in und für ganz Deutschland. Es war
       ein bedeutsames  Vorzeichen, daß  schon  damals  die  "preußische
       Spitze" [170] bei den Arbeitern absolut nicht zog.
       Kurz, die  Regierung siegte.  Einen Monat später, am 5. Dezember,
       konnte sie  die Berliner  Versammlung, die bis dahin ein ziemlich
       schäbiges Dasein gefristet, endgültig auflösen und eine neue Ver-
       fassung oktroyieren,  die aber auch erst wirklich ins Leben trat,
       nachdem sie  zum bloßen  konstitutionellen Possenspiel degradiert
       war.
       Am Tage  nach dem Erscheinen des Aufrufs, 20. November, waren die
       drei Unterzeichner  vor den  Untersuchungsrichter vorgeladen; der
       Prozeß wegen  Rebellion wurde  gegen sie eingeleitet. Von Verhaf-
       tung war  damals selbst  in Köln  keine Rede. Am 7. Februar hatte
       die "Neue Rheinische
       
       #200# Vorwort zu "Karl Marx vor den Kölner Geschwornen"
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       Zeitung" ihren  ersten Preßprozeß  zu bestehen; Marx, ich und der
       Gerant Korff  erschienen vor  den Geschwornen  und wurden freige-
       sprochen. [171]  Am folgenden Tage wurde der Prozeß des Ausschus-
       ses verhandelt.  [172] Das Volk hatte bereits sein Urteil im vor-
       aus gefällt,  indem es  14 Tage  vorher den Angeklagten Schneider
       zum Abgeordneten für Köln gewählt.
       Die Verteidigungsrede  von  Marx  bildet  selbstverständlich  den
       Gipfelpunkt der  Verhandlungen. Sie ist namentlich nach zwei Sei-
       ten hin interessant.
       Erstens dadurch, daß es ein Kommunist ist, der hier den bürgerli-
       chen Geschwornen klarzumachen hat, daß die Handlungen, die er be-
       gangen und  derentwegen er  als Angeklagter vor ihnen steht, eine
       Handlung ist, die nicht nur zu begehn, sondern zu ihren äußersten
       Folgerungen fortzuführen  eigentlich die Pflicht und Schuldigkeit
       i h r e r   Klasse, der  Bourgeoisie, war.  Diese Tatsache allein
       genügt,  um  die  Haltung  der  deutschen,  speziell  preußischen
       Bourgeoisie  während  der  Revolutionszeit  zu  kennzeichnen.  Es
       handelt sich  darum, wer  herrschen soll,  die  um  die  absolute
       Monarchie gruppierten  gesellschaftlichen und staatlichen Mächte:
       feudaler Großgrundbesitz,  Armee,  Bürokratie,  Pfaffentum,  oder
       aber  die   Bourgeoisie.  Das   noch  im   Entstehen   begriffene
       Proletariat hat  an dem  Kampf nur soweit Interesse, als es durch
       den Sieg  der Bourgeoisie  Luft und Licht zur eignen Entwicklung,
       Ellbogenraum auf dem Kampfplatz erhält, wo es einst den Sieg über
       alle andern Klassen erfechten soll. Aber die Bourgeoisie, und mit
       ihr das  Kleinbürgertum, rührt  und  regt  sich  nicht,  als  die
       feindliche Regierung  sie  im  Sitz  ihrer  Macht  angreift,  ihr
       Parlament zersprengt,  ihre  Bürgerwehr  entwaffnet,  sie  selbst
       unter den  Belagerungszustand wirft. Da treten die Kommunisten in
       den Riß,  rufen sie auf, zu tun, was ihre verfluchte Schuldigkeit
       ist. Gegenüber  der alten,  feudalen Gesellschaft  bilden  beide,
       Bourgeoisie wie  Proletariat, die  neue Gesellschaft, stehn beide
       zusammen. Der  Aufruf bleibt  natürlich erfolglos, und die Ironie
       der Geschichte  will, daß  dieselbe Bourgeoisie  jetzt zu Gericht
       sitzen soll  über den  revolutionären, proletarischen Kommunisten
       hier und über die kontrerevolutionäre Regierung dort.
       Zweitens aber  - und  dies macht  die Rede besonders wichtig auch
       noch für  unsere Tage  - wahrt  sie den revolutionären Standpunkt
       gegenüber der  heuchlerischen Gesetzlichkeit der Regierung in ei-
       ner Weise,  woran mancher  sich noch  heute ein  Beispiel  nehmen
       könnte. -  Wir haben das Volk zu den Waffen gerufen gegen die Re-
       gierung? Das taten wir, und es war unsere Schuldigkeit. Wir haben
       das Gesetz  gebrochen, wir  haben den Rechtsboden verlassen? Gut,
       aber die  Gesetze, die  wir brachen,  die Regierung hat sie schon
       vorher zerrissen dem Volk vor die Füße geworfen, und ein
       
       #201# Vorwort zu "Karl Marx vor den Kölner Geschwornen"
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       Rechtsboden besteht  nicht mehr. Man kann uns als besiegte Feinde
       aus dem Wege räumen, aber man kann uns nicht verurteilen.
       Die  offiziellen   Parteien  von   der  "Kreuz-Zeitung"  bis  zur
       "Frankfurter" [173]  werfen der sozialdemokratischen Arbeiterpar-
       tei vor, sie sei eine revolutionäre Partei, sie wolle den Rechts-
       boden, der  1866 und 1871 geschaffen wurde, nicht anerkennen, und
       sie stelle  sich dadurch  selbst - so heißt's wenigstens noch bis
       zu den  Nationalliberalen hinab  - außerhalb des gemeinen Rechts.
       [174] Ich  will von der monströsen Ansicht absehn, als könne sich
       jemand durch  Behauptung einer  Meinung  außerhalb  des  gemeinen
       Rechts stellen.  Das ist der pure Polizeistaat, den man doch bes-
       ser täte,  nur im  stillen zu  praktizieren und in der Phrase den
       Rechtsstaat zu  predigen. Aber  was ist  denn der Rechtsboden von
       1866 anders  als ein revolutionärer Boden? Man bricht die Bundes-
       verfassung und  erklärt den Bundesgenossen den Krieg. [175] Nein,
       sagt Bismarck,  die andern haben den Bundesbruch begangen. Worauf
       zu antworten,  daß eine revolutionäre Partei sehr tölpelhaft sein
       muß, wenn  sie nicht  für jede  Schilderhebung mindestens  ebenso
       gute Rechtsgründe  findet wie  Bismarck für  die seinige  1866. -
       Dann provoziert  man den  Bürgerkrieg, denn  anders war der Krieg
       1866 nichts. Jeder Bürgerkrieg aber ist ein revolutionärer Krieg.
       Man führt  den Krieg  mit revolutionären  Mitteln. Man  verbündet
       sich mit dem Ausland gegen Deutsche; man führt italienische Trup-
       pen und  Schiffe ins Gefecht, man ködert Bonaparte mit Aussichten
       auf deutsche  Gebietserwerbung am  Rhein. Man bildet eine ungari-
       sche Legion,  die für revolutionäre Zwecke gegen ihren angestamm-
       ten Landesvater  kämpfen soll;  man stützt  sich  in  Ungarn  auf
       Klapka wie in Italien auf Garibaldi. Man siegt, und - verschluckt
       drei Kronen von Gottes Gnaden, Hannover, Kurhessen, Nassau, deren
       jede mindestens  ebenso legitim, ebensosehr "angestammt" und "von
       Gottes Gnaden"  war wie  die Krone  Preußen. [176] Endlich zwingt
       man den  übrigen Bundesgenossen  eine Reichsverfassung  auf,  die
       z.B. im  Fall von  Sachsen ebenso freiwillig angenommen wurde wie
       seinerzeit der Tilsiter Friede von Preußen. [177]
       Beklage ich mich darüber? Es fällt mir nicht ein. Über geschicht-
       liche Ereignisse  beklagt man  sich nicht, man bemüht sich im Ge-
       genteil, ihre  Ursachen zu  verstehen und damit auch ihre Folgen,
       d i e     n o c h    l a n g e    n i c h t    e r  s c h ö p f t
       s i n d.   Aber was  man ein Recht hat zu verlangen, ist, daß die
       Leute, die  alles das  getan, nicht  andern Leuten vorwerfen, sie
       seien Revolutionäre.  Das Deutsche  Reich ist  eine Schöpfung der
       Revolution -  allerdings einer  Revolution eigner Art, aber darum
       nicht minder  einer Revolution.  Was dem einen recht, das ist dem
       andern billig. Revolution bleibt Revolution, ob sie
       
       #202# Vorwort zu "Karl Marx vor den Kölner Geschwornen"
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       von der Krone Preußen praktiziert wird oder von einem Kesselflic-
       ker. Wenn  die Regierung  des Tags die bestehenden Gesetze anwen-
       det, um sich ihrer Gegner zu entledigen, so tut sie, was jede Re-
       gierung tut.  Wenn sie  aber glaubt, sie schmettre sie noch extra
       nieder mit  dem Donnerwort:  Revolutionär! -  so kann  sie  damit
       höchstens den  Philister schrecken.  "Selbst Revolutionär!" hallt
       es aus ganz Europa zurück.
       Grundkomisch aber  wird die  Zumutung, man  solle die aus den ge-
       schichtlichen Verhältnissen  unumgänglich folgende  revolutionäre
       Natur ablegen,  wenn sie  an eine  Partei gerichtet wird, die man
       erst außerhalb  des gemeinen  Rechts, d.h. außerhalb des Gesetzes
       stellt und  von der  man dann verlangt, sie solle den Rechtsboden
       anerkennen, den  man grade   f ü r   s i e  a b g e s c h a f f t
       hat. [178]
       Daß man über so etwas nur ein Wort zu verlieren hat, beweist wie-
       der den  politisch zurückgebliebenen Zustand Deutschlands. In der
       übrigen Welt weiß jedermann, daß die gesamten gegenwärtigen poli-
       tischen Zustände  das  Ergebnis  von  lauter  Revolutionen  sind.
       Frankreich, Spanien, die Schweiz, Italien - soviel Länder, soviel
       Regierungen von  Revolutions Gnaden. In England erkennt sogar der
       Whig Macaulay an, daß der jetzige Rechtszustand begründet ist auf
       eine Revolution  über die andere (revolutions heaped upon revolu-
       tions). Amerika feiert seit hundert Jahren seine Revolution jeden
       vierten Juli  [179]. In  der Mehrzahl  dieser Länder gibt es Par-
       teien, die  sich durch den bestehenden Rechtszustand nicht länger
       gebunden halten,  als dieser  sie binden  kann. Wer  aber z.B. in
       Frankreich die Royalisten oder Bonapartisten anklagen wollte, sie
       seien revolutionär, der würde einfach ausgelacht.
       Nur in  Deutschland, wo  politisch nichts gründlich erledigt wird
       (sonst wäre  es nicht in zwei Stücke zerrissen, in Österreich und
       das sogenannte  Deutschland) und  wo eben  deswegen auch die Vor-
       stellungen vergangner,  aber erst  halb überwundner Zeiten in den
       Köpfen unsterblich fortvegetieren (weshalb die Deutschen sich das
       Denkervolk nennen)  - nur  in Deutschland kann es noch vorkommen,
       daß man  von einer  Partei verlangt, sie solle sich durch den be-
       stehenden sogenannten  Rechtszustand nicht  nur tatsächlich, son-
       dern auch moralisch gebunden halten; sie solle im voraus verspre-
       chen: was  auch kommen  möge, sie wolle diesen von ihr bekämpften
       Rechtszustand nicht umwerfen, selbst wenn sie es könne. Mit ande-
       ren Worten,  sie solle  sich verpflichten, die bestehende politi-
       sche Ordnung  am Leben  zu erhalten  in alle  Ewigkeit.  Das  und
       nichts andres heißt es, wenn man von der deutschen Sozialdemokra-
       tie verlangt, sie solle aufhören "revolutionär" zu sein.
       
       #203# Vorwort zu "Karl Marx vor den Kölner Geschwornen"
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       Aber der  deutsche Spießbürger - und seine Meinung ist noch immer
       die öffentliche  Meinung Deutschlands  - ist  ein eigner Mann. Er
       hat nie eine Revolution  g e m a c h t.  Die von 1848 machten die
       Arbeiter für  ihn -  zu seinem Entsetzen. Dafür hat er um so mehr
       Revolutionen   e r l i t t e n.   Denn wer  in  Deutschland  seit
       dreihundert Jahren  die Revolutionen  machte - sie waren auch da-
       nach -,  das waren  die   F ü r s t e n.  Ihre ganze Landeshoheit
       und endlich  ihre Souveränität war die Frucht von Rebellionen ge-
       gen den  Kaiser. Preußen  ging ihnen  mit gutem  Beispiel  voran.
       Preußen konnte  erst ein  Königreich werden,  nachdem der  "große
       Kurfürst" 1*)  gegen seinen  Lehnsherrn, die  Krone  Polen,  eine
       erfolgreiche Rebellion  durchgeführt und so das Herzogtum Preußen
       von Polen  unabhängig gemacht  hatte. [180]  Seit  Friedrich  II.
       wurde die  Rebellion Preußens  gegen das  deutsche Reich  in  ein
       System gebracht;  er "pfiff"  auf die  Reichsverfassung noch ganz
       anders als  unser braver  B r a c k e  auf das Sozialistengesetz.
       Dann kam  die Französische  Revolution, und  sie  wurde  von  den
       Fürsten wie  von  den  Spießbürgern  unter  Tränen  und  Seufzern
       erlitten. Das  deutsche Reich  wurde  im  Reichsdeputationshaupt-
       schluß 1803  von Franzosen  und Russen  höchst revolutionär unter
       die deutschen  Fürsten  verteilt,  weil  diese  selbst  über  die
       Teilung sich  nicht einigen  konnten. [181] Dann kam Napoleon und
       erlaubte seinen  ganz besondern  Schützlingen,  den  Fürsten  von
       Baden, Bayern  und Württemberg, sich aller innerhalb und zwischen
       ihren  Gebieten   liegenden   reichsunmittelbaren   Grafschaften,
       Baronien  und   Städte  zu  bemächtigen.  Gleich  darauf  machten
       dieselben drei  Hochverräter die  letzte  erfolgreiche  Rebellion
       gegen ihren Kaiser, machten sich mit Napoleons Hülfe souverän und
       sprengten damit  endgiltig das alte deutsche Reich. [182] Seitdem
       verteilte der  faktische deutsche  Kaiser, Napoleon,  Deutschland
       ungefähr alle drei Jahre wieder neu unter seine getreuen Knechte,
       die deutschen  Fürsten und  andre.  Endlich  kam  die  glorreiche
       Befreiung  von   der  Fremdherrschaft,   und  zum   Lohne   wurde
       Deutschland vom  Wiener Kongreß, d.h. von Rußland, Frankreich und
       England,  als   allgemeines  Entschädigungsgebiet  für  herunter-
       gekommene Fürsten  verteilt und  verschachert, und  die deutschen
       Spießbürger wie  soviel Hammel  in  ungefähr  2000  abgesonderten
       Gebietsfetzen  den   verschiedenen  sechsunddreißig  Ländesvätern
       zugewiesen, vor  deren Mehrzahl  sie noch  heute  als  vor  ihren
       angestammten Ländesvätern  "untertänigst  ersterben".  Alles  das
       soll nicht  revolutionär gewesen  sein -  wie  recht  hatte  doch
       Schnapphahnski-Lichnowski, als  er im  Frankfurter Parlament aus-
       rief: Das  historische Recht  hat keinen  Datum nicht!  [183]  Es
       hatte nämlich nie einen gehabt!
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       1*) Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg
       
       #204# Vorwort zu "Karl Marx vor den Kölner Geschwornen"
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       Die Zumutung des deutschen Spießbürgers an die deutsche sozialde-
       mokratische Arbeiterpartei hat also nur den einen Sinn, daß diese
       Partei Spießbürger werden soll wie er selbst und die Revolutionen
       beileibe nicht  mitmachen, aber  sie alle   e r l e i d e n.  Und
       wenn die  durch Kontrerevolution  und Revolution zur Macht gekom-
       mene Regierung  dieselbe Zumutung  stellt, so  heißt das nur, daß
       die Revolution gut ist, solange sie von Bismarck für Bismarck und
       Konsorten gemacht wird, aber verwerflich, wenn sie gegen Bismarck
       und Konsorten gemacht wird.
       London, 1. Juli 1885
       Friedrich Engels
       Nach: "Karl Marx vor den Kölner Geschwornen",
       Hottingen-Zürich 1885.

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