Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889


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       Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten [185]
       
       Mit der  Verurteilung der  Kölner Kommunisten 1852 fällt der Vor-
       hang über die erste Periode der deutschen selbständigen Arbeiter-
       bewegung. Diese Periode ist heute fast vergessen. Und doch währte
       sie von 1836 bis 1852, und die Bewegung spielte, bei der Verbrei-
       tung der  deutschen Arbeiter im Ausland, in fast allen Kulturlän-
       dern. Und damit nicht genug. Die heutige internationale Arbeiter-
       bewegung ist  der Sache nach eine direkte Fortsetzung der damali-
       gen deutschen, welche die  e r s t e  i n t e r n a t i o n a l e
       A r b e i t e r b e w e g u n g   überhaupt war und aus der viele
       der Leute  hervorgingen, die in der Internationalen Arbeiterasso-
       ziation die  leitende Rolle  übernahmen.  Und  die  theoretischen
       Grundsätze, die  der Bund der Kommunisten im "Kommunistischen Ma-
       nifest" von 1847 auf die Fahne schrieb, bilden heute das stärkste
       internationale Bindemittel  der gesamten  proletarischen Bewegung
       Europas wie Amerikas.
       Bis jetzt gibt es für die zusammenhängende Geschichte jener Bewe-
       gung nur  eine Hauptquelle.  Es ist das sogenannte Schwarze Buch:
       "Die Communisten-Verschwörungen  des 19.  Jahrhunderts". Von Wer-
       muth und Stieber. Berlin. 2 Theile, 1853 und 1854. [186] Dies von
       zwei der  elendsten Polizeilumpen unsres Jahrhunderts zusammenge-
       logne, von  absichtlichen Fälschungen  strotzende Machwerk  dient
       noch heute  allen nichtkommunistischen  Schriften über  jene Zeit
       als letzte Quelle.
       Was ich hier geben kann, ist nur eine Skizze, und auch diese nur,
       soweit der Bund selbst in Betracht kommt; nur das zum Verständnis
       der "Enthüllungen"  absolut Notwendige.  Es wird  mir hoffentlich
       noch vergönnt  sein, das von Marx und mir gesammelte reichhaltige
       Material zur  Geschichte jener ruhmvollen Jugendzeit der interna-
       tionalen Arbeiterbewegung einmal zu verarbeiten.
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       Aus dem  im Jahr 1834 in Paris von deutschen Flüchtlingen gestif-
       teten demokratisch-republikanischen  Geheimbund der  "Geächteten"
       sonderten
       
       #207# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       sich 1836  die extremsten,  meist proletarischen Elemente aus und
       bildeten den  neuen geheimen   B u n d  d e r  G e r e c h t e n.
       Der Mutterbund,  worin nur die schlafmützigsten Elemente à la Ja-
       cobus Venedey zurückgeblieben, schlief bald ganz ein: Als die Po-
       lizei 1840 einige Sektionen in Deutschland aufschnüffelte, war er
       kaum noch  ein Schatten.  Der neue  Bund dagegen entwickelte sich
       verhältnismäßig rasch.  Ursprünglich war er ein deutscher Ableger
       des an  babouvistische Erinnerungen  [187] anknüpfenden französi-
       schen Arbeiterkommunismus,  der sich  um dieselbe  Zeit in  Paris
       ausbildete; die  Gütergemeinschaft wurde gefordert als notwendige
       Folgerung der "Gleichheit". Die Zwecke waren die der gleichzeiti-
       gen Pariser geheimen Gesellschaften: halb Propaganda verein, halb
       Verschwörung, wobei  jedoch Paris immer als Mittelpunkt der revo-
       lutionären Aktion  galt, obgleich die Vorbereitung gelegentlicher
       Putsche in Deutschland keineswegs ausgeschlossen war. Da aber Pa-
       ris das  entscheidende Schlachtfeld  blieb, war  der Bund  damals
       tatsächlich nicht  viel mehr als der deutsche Zweig der französi-
       schen geheimen  Gesellschaften, namentlich  der von  Blanqui  und
       Barbès geleiteten  Société des  saisons 1*), mit der enger Zusam-
       menhang bestand.  Die Franzosen schlugen los am 12. Mai 1839; die
       Sektionen des  Bundes marschierten  mit und  wurden so in die ge-
       meinsame Niederlage verwickelt. [188]
       Von den Deutschen waren namentlich  K a r l  S c h a p p e r  und
       H e i n r i c h   B a u e r    ergriffen  worden;  die  Regierung
       Louis-Philippes begnügte  sich damit, sie nach längerer Haft aus-
       zuweisen [189].  Beide gingen  nach London. Schapper aus Weilburg
       in Nassau,  als Student der Forstwissenschaft in Gießen 1832 Mit-
       glied der  von Georg  Büchner gestifteten Verschwörung, machte am
       3. April  1833 den  Sturm auf die Frankfurter Konstablerwache mit
       [190], entkam  ins Ausland und beteiligte sich im Februar 1834 an
       Mazzinis Zug  nach Savoyen  [191]. Ein  Hüne von Gestalt, resolut
       und energisch,  stets bereit,  bürgerliche Existenz  und Leben in
       die Schanze  zu schlagen, war er das Musterbild des Revolutionärs
       von Profession,  wie  er  in  den  dreißiger  Jahren  eine  Rolle
       spielte. Bei  einer gewissen  Schwerfälligkeit des Denkens war er
       keineswegs  besserer  theoretischer  Einsicht  unzugänglich,  wie
       schon seine Entwicklung vom "Demagogen" [192] zum Kommunisten be-
       weist, und hielt dann um so starrer am einmal Erkannten. Ebendes-
       halb ging  seine revolutionäre  Leidenschaft zuweilen  mit seinem
       Verstände durch;  aber er  hat stets seinen Fehler nachher einge-
       sehn und  offen bekannt.  Er war  ein ganzer Mann, und was er zur
       Begründung der deutschen Arbeiterbewegung getan, bleibt unvergeß-
       lich.
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       1*) Gesellschaft der Jahreszeiten
       
       #208# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       Heinrich Bauer aus Franken war Schuhmacher; ein lebhaftes, aufge-
       wecktes, witziges  Männchen, in  dessen kleinem Körper aber eben-
       falls viel Schlauheit und Entschlossenheit steckte.
       In London angekommen, wo Schapper, der in Paris Schriftsetzer ge-
       wesen, nun  als Sprachlehrer  seinen Unterhalt  suchte,  knüpften
       beide die  abgerissenen Bundesfäden  wieder zusammen  und machten
       nun London  zum Zentrum  des Bundes. Zu ihnen gesellte sich hier,
       wenn nicht  schon früher in Paris,  J o s e p h  M o l l,  Uhrma-
       cher aus Köln, ein mittelgroßer Herkules - er und Schapper haben,
       wie oft!  eine Saaltüre  gegen Hunderte andringender Gegner sieg-
       reich behauptet  -, ein Mann, der seinen beiden Genossen an Ener-
       gie und  Entschlossenheit mindestens  gleichkam, sie aber geistig
       beide übertraf.  Nicht nur, daß er geborner Diplomat war, wie die
       Erfolge seiner  zahlreichen Missionsreisen  bewiesen; er war auch
       theoretischer Einsicht  leichter zugänglich.  Ich lernte sie alle
       drei 1843  in London  kennen; es  waren die ersten revolutionären
       Proletarier, die ich sah; und soweit auch im einzelnen damals un-
       sre Ansichten  auseinandergingen - denn ich trug ihrem bornierten
       Gleichheitskommunismus *)  damals noch  ein gut Stück ebenso bor-
       nierten philosophischen  Hochmuts entgegen  -, so  werde ich doch
       nie den  imponierenden Eindruck  vergessen, den  diese drei wirk-
       lichen Männer auf mich machten, der ich damals eben erst ein Mann
       werden wollte.
       In London,  wie in  geringerm Maße  in der Schweiz, kam ihnen die
       Vereins- und Versammlungsfreiheit zugut. Schon am 7. Februar 1840
       wurde der  öffentliche Deutsche Arbeiterbildungsverein gestiftet,
       der heute  noch besteht.  [193] Dieser Verein diente dem Bund als
       Werbebezirk neuer  Mitglieder, und da, wie immer, die Kommunisten
       die tätigsten  und intelligentesten Vereinsmitglieder waren, ver-
       stand es  sich von  selbst, daß  seine Leitung ganz in den Händen
       des Bundes  lag. Der  Bund hatte bald mehrere Gemeinden oder, wie
       sie damals noch hießen, "Hütten" in London. Dieselbe auf der Hand
       liegende Taktik wurde in der Schweiz und anderswo befolgt. Wo man
       Arbeitervereine gründen konnte, wurden sie in derselben Weise be-
       nutzt. Wo  die Gesetze  dies verboten, ging man in Gesangvereine,
       Turnvereine u.  dgl. Die  Verbindung wurde  großenteils durch die
       fortwährend ab-  und zureisenden Mitglieder aufrechterhalten, die
       auch, wo  erforderlich, als  Emissäre fungierten.  In beiden Hin-
       sichten wurde der Bund lebhaft unterstützt durch die Weisheit der
       Regierungen, die jeden
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       *) Unter Gleichheitskommunismus  verstehe ich, wie gesagt, ledig-
       lich den Kommunismus, der sich ausschließlich oder vorwiegend auf
       die Gleichheitsforderung stützt.
       
       #209# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       mißliebigen Arbeiter  - und  das war  in neun Fällen aus zehn ein
       Bundesmitglied - durch Ausweisung in einen Emissär verwandelten.
       Die Ausbreitung  des wiederhergestellten  Bundes war  eine bedeu-
       tende.  Namentlich   in  der  Schweiz  hatten    W e i t l i n g,
       A u g u s t   B e c k e r  (ein höchst bedeutender Kopf, der aber
       an innerer Haltlosigkeit zugrunde ging wie so viele Deutsche) und
       andre  eine   starke,  mehr   oder  weniger  auf  Weitlings  kom-
       munistisches System  vereidigte Organisation  geschaffen. Es  ist
       hier nicht der Ort, den Weitlingschen Kommunismus zu kritisieren.
       Aber für  seine Bedeutung als erste selbständige theoretische Re-
       gung des  deutschen Proletariats  unterschreibe  ich  noch  heute
       Marx' Worte  im Pariser  "Vorwärtsl" von  1844:  "Wo  hätte  die"
       (deutsche) "Bourgeoisie  - ihre  Philosophen und Schriftgelehrten
       eingerechnet -  ein ähnliches  Werk wie  Weitlings 'Garantien der
       Harmonie und  Freiheit'   i n   b e z u g  a u f  d i e  E m a n-
       z i p a t i o n   d e r   B o u r g e o i s i e  - die politische
       Emanzipation -  aufzuweisen? Vergleicht man die nüchterne, klein-
       laute Mittelmäßigkeit  der deutschen  politischen  Literatur  mit
       diesem maßlosen und brillanten Debüt der deutschen Arbeiter; ver-
       gleicht man  diese  r i e s e n h a f t e n  K i n d e r s c h u-
       h e   d e s  P r o l e t a r i a t s  mit der Zwerghaftigkeit der
       ausgetretenen politischen  Schuhe der Bourgeoisie, so muß man dem
       Aschenbrödel  eine   Athletengestalt  prophezeien."  [194]  Diese
       Athletengestalt steht heute vor uns, obwohl noch lange nicht aus-
       gewachsen.
       Auch in Deutschland bestanden zahlreiche Sektionen, der Natur der
       Sache nach von vergänglicherer Natur; aber die entstehenden wogen
       die eingehenden  mehr als  auf. Die  Polizei entdeckte  erst nach
       sieben Jahren, Ende 1846, in Berlin (Mentel) und Magdeburg (Beck)
       eine Spur  des Bundes,  ohne imstande zu sein, sie weiter zu ver-
       folgen.
       In Paris  hatte der noch 1840 dort befindliche Weitling ebenfalls
       die zersprengten Elemente wieder gesammelt, ehe er in die Schweiz
       ging.
       Die Kerntruppe des Bundes waren die Schneider. Deutsche Schneider
       waren überall,  in der Schweiz, in London, in Paris. In letzterer
       Stadt war das Deutsche so sehr herrschende Sprache des Geschäfts-
       zweigs, daß  ich 1846 dort einen norwegischen, direkt zur See von
       Drontheim nach Frankreich gefahrnen Schneider kannte, der während
       18 Monaten  fast kein Wort Französisch, aber vortrefflich Deutsch
       gelernt hatte. Von den Pariser Gemeinden bestanden 1847 zwei vor-
       wiegend aus Schneidern, eine aus Möbelschreinern.
       Seit der  Schwerpunkt von  Paris nach  London verlegt,  trat  ein
       neues Moment  in den  Vordergrund: Der Bund wurde aus einem deut-
       schen allmählich  ein internationaler.  Im Arbeiterverein  fanden
       sich außer  Deutschen und  Schweizern auch Mitglieder aller jener
       Nationalitäten ein, denen die
       
       #210# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       deutsche Sprache  vorwiegend als Verständigungsmittel mit Auslän-
       dern diente,  also namentlich  Skandinavier,  Holländer,  Ungarn,
       Tschechen, Südslawen,  auch Russen  und Elsässer.  1847 war unter
       andern auch ein englischer Gardegrenadier in Uniform regelmäßiger
       Stammgast. Der  Verein nannte  sich bald:    K o m m u n i s t i-
       s c h e r   Arbeiterbildungsverein, und  auf den  Mitgliedskarten
       stand der Satz: "Alle Menschen sind Brüder" in wenigstens zwanzig
       Sprachen, wenn  auch hie  und da nicht ohne Sprachfehler. Wie der
       öffentliche Verein, so nahm auch der geheime Bund bald einen mehr
       internationalen Charakter an; zunächst noch in einem beschränkten
       Sinn,  praktisch   durch  die   verschiedene   Nationalität   der
       Mitglieder, theoretisch  durch die Einsicht, daß jede Revolution,
       um siegreich zu sein, europäisch sein müsse. Weiter ging man noch
       nicht; aber die Grundlage war gegeben.
       Mit den französischen Revolutionären hielt man durch die Londoner
       Flüchtlinge, die Kampfgenossen vom 12. Mai 1839, enge Verbindung.
       Desgleichen mit  den radikaleren  Polen. Die offizielle polnische
       Emigration, wie  auch Mazzini, waren selbstverständlich mehr Geg-
       ner als  Bundesgenossen. Die  englischen Chartisten  wurden wegen
       des spezifisch englischen Charakters ihrer Bewegung als unrevolu-
       tionär beiseite gelassen. Mit ihnen kamen die Londoner Leiter des
       Bundes erst später durch mich in Verbindung.
       Auch sonst  hatte sich der Charakter des Bundes mit den Ereignis-
       sen geändert. Obwohl man noch immer - und damals mit vollem Recht
       - auf  Paris als  die revolutionäre  Mutterstadt blickte, war man
       doch aus  der Abhängigkeit von den Pariser Verschwörern herausge-
       kommen. Die Ausbreitung des Bundes hob sein Selbstbewußtsein. Man
       fühlte, daß  man in  der deutschen  Arbeiterklasse mehr  und mehr
       Wurzel faßte und daß diese deutschen Arbeiter geschichtlich beru-
       fen seien,  den Arbeitern des europäischen Nordens und Ostens die
       Fahne voranzutragen.  Man hatte in Weitling einen kommunistischen
       Theoretiker, den  man seinen damaligen französischen Konkurrenten
       kühn an die Seite setzen durfte. Endlich war man durch die Erfah-
       rung vom  12. Mai  belehrt worden, daß es mit den Putschversuchen
       vorderhand nichts mehr sei. Und wenn man auch fortfuhr, jedes Er-
       eignis sich als Anzeichen des hereinbrechenden Sturms auszulegen,
       wenn man  die alten,  halb konspiratorischen  Statuten im  ganzen
       aufrechthielt, so  war das  mehr die  Schuld des alten revolutio-
       nären Trotzes,  der schon anfing, mit der sich aufdringenden bes-
       sern Einsicht in Kollision zu kommen.
       Dagegen hatte  die gesellschaftliche Doktrin des Bundes, so unbe-
       stimmt sie  war, einen  sehr großen,  aber in  den  Verhältnissen
       selbst begründeten
       
       #211# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       Fehler. Die Mitglieder, soweit sie überhaupt Arbeiter, waren fast
       ausschließlich eigentliche  Handwerker. Der Mann, der sie ausbeu-
       tete, war  selbst in den großen Weltstädten meist nur ein kleiner
       Meister. Die  Ausbeutung selbst  der Schneiderei  auf großem Fuß,
       der jetzt  sogenannten Konfektion,  durch Verwandlung des Schnei-
       derhandwerks in Hausindustrie für Rechnung eines großen Kapitali-
       sten, war  damals sogar  in London  erst im Aufkeimen. Einerseits
       war der  Ausbeuter dieser Handwerker ein kleiner Meister, andrer-
       seits hofften  sie alle schließlich selbst kleine Meister zu wer-
       den. Und  dabei klebten  dem damaligen  deutschen Handwerker noch
       eine Masse vererbter Zunftvorstellungen an. Es gereicht ihnen zur
       höchsten Ehre,  daß sie, die selbst noch nicht einmal vollgültige
       Proletarier waren, sondern nur ein im Übergang ins moderne Prole-
       tariat begriffener  Anhang des Kleinbürgertums, der noch nicht in
       direktem Gegensatz gegen die Bourgeoisie, d.h. das große Kapital,
       stand -  daß diese  Handwerker imstande waren, ihre künftige Ent-
       wicklung instinktiv zu antizipieren und, wenn auch noch nicht mit
       vollem Bewußtsein,  sich als Partei des Proletariats zu konstitu-
       ieren. Aber  es war  auch unvermeidlich,  daß  ihre  alten  Hand-
       werkervorurteile ihnen jeden Augenblick ein Bein stellten, sobald
       es darauf ankam, die bestehende Gesellschaft im einzelnen zu kri-
       tisieren, d.h.  ökonomische Tatsachen  zu  untersuchen.  Und  ich
       glaube nicht,  daß im  ganzen Bund  damals ein einziger Mann war,
       der je  ein Buch  über Ökonomie gelesen hatte. Das verschlug aber
       wenig; die "Gleichheit", die "Brüderlichkeit" und die "Gerechtig-
       keit" halfen einstweilen über jeden theoretischen Berg.
       Inzwischen hatte  sich neben dem Kommunismus des Bundes und Weit-
       lings ein  zweiter, wesentlich  verschiedner herausgebildet.  Ich
       war in  Manchester mit  der Nase  darauf gestoßen worden, daß die
       ökonomischen Tatsachen,  die in  der bisherigen Geschichtsschrei-
       bung gar keine oder nur eine verachtete Rolle spielen, wenigstens
       in der  modernen Welt  eine  entscheidende  geschichtliche  Macht
       sind; daß  sie die Grundlage bilden für die Entstehung der heuti-
       gen Klassengegensätze;  daß diese  Klassengegensätze in  den Län-
       dern, wo  sie vermöge  der großen  Industrie sich voll entwickelt
       haben, also namentlich in England, wieder die Grundlage der poli-
       tischen Parteibildung,  der Parteikämpfe  und damit  der gesamten
       politischen Geschichte  sind. Marx war nicht nur zu derselben An-
       sicht gekommen,  sondern hatte  sie auch  schon in  den "Deutsch-
       Französischen Jahrbüchern"  (1844) [195]  dahin  verallgemeinert,
       daß überhaupt  nicht der Staat die bürgerliche Gesellschaft, son-
       dern die  bürgerliche Gesellschaft  den Staat bedingt und regelt,
       daß also die Politik und ihre Geschichte aus den ökonomischen
       
       #212# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       Verhältnissen und  ihrer Entwicklung zu erklären ist, nicht umge-
       kehrt. Als  ich Marx  im Sommer  1844 in  Paris besuchte, stellte
       sich unsere  vollständige Übereinstimmung auf allen theoretischen
       Gebieten heraus,  und von  da an datiert unsre gemeinsame Arbeit.
       Als wir  im Frühjahr  1845 in Brüssel wieder zusammenkamen, hatte
       Marx aus  den obigen  Grundlagen schon seine materialistische Ge-
       schichtstheorie in  den Hauptzügen  fertig herausentwickelt,  und
       wir setzten uns nun daran, die neugewonnene Anschauungsweise nach
       den verschiedensten Richtungen hin im einzelnen auszuarbeiten.
       Diese die  Geschichtswissenschaft umwälzende Entdeckung, die, wie
       man sieht,  wesentlich das  Werk von  Marx ist und an der ich mir
       nur einen sehr geringen Anteil zuschreiben kann, war aber von un-
       mittelbarer Wichtigkeit  für die  gleichzeitige Arbeiterbewegung.
       Kommunismus bei  Franzosen und Deutschen, Chartismus bei den Eng-
       ländern erschien nun nicht mehr als etwas Zufälliges, das ebenso-
       gut auch  hätte nicht  dasein können.  Diese Bewegungen  stellten
       sich nun dar als eine Bewegung der modernen unterdrückten Klasse,
       des Proletariats,  als mehr  oder minder entwickelte Formen ihres
       geschichtlich notwendigen  Kampfs gegen  die herrschende  Klasse,
       die Bourgeoisie; als Formen des Klassenkampfs, aber unterschieden
       von allen  früheren Klassenkämpfen  durch dies eine: daß die heu-
       tige unterdrückte  Klasse, das  Proletariat,  seine  Emanzipation
       nicht durchführen  kann, ohne gleichzeitig die ganze Gesellschaft
       von der  Scheidung in Klassen und damit von den Klassenkämpfen zu
       emanzipieren. Und  Kommunismus hieß  nun nicht  mehr: Ausheckung,
       vermittelst der  Phantasie, eines  möglichst vollkommenen Gesell-
       schaftsideals, sondern:  Einsicht in  die Natur,  die Bedingungen
       und die daraus sich ergebenden allgemeinen Ziele des vom Proleta-
       riat geführten Kampfs.
       Wir waren  nun keineswegs  der Absicht, die neuen wissenschaftli-
       chen Resultate  in dicken  Büchern ausschließlich der "gelehrten"
       Welt zuzuflüstern.  Im Gegenteil.  Wir saßen  beide schon tief in
       der politischen  Bewegung, hatten  unter der gebildeten Welt, na-
       mentlich Westdeutschlands,  einen gewissen  Anhang und reichliche
       Fühlung mit  dem organisierten  Proletariat. Wir waren verpflich-
       tet, unsre  Ansicht wissenschaftlich zu begründen; ebenso wichtig
       aber war  es auch für uns, das europäische und zunächst das deut-
       sche Proletariat  für unsere  Überzeugung zu gewinnen. Sobald wir
       erst mit  uns selbst  im reinen, ging's an die Arbeit. In Brüssel
       stifteten wir einen deutschen Arbeiterverein und bemächtigten uns
       der "Deutschen-Brüsseler-Zeitung"  [196], in  der wir bis zur Fe-
       bruarrevolution ein Organ hatten. Mit dem revolutionären Teil der
       englischen Chartisten verkehrten wir durch Julian Harney, den Re-
       dakteur des Zentralorgans der Bewegung, "The
       
       #213# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       Northern Star"  [197], dessen Mitarbeiter ich war. Ebenso standen
       wir in  einer Art  Kartell mit den Brüsseler Demokraten (Marx war
       Vizepräsident der  Demokratischen Gesellschaft) und den französi-
       schen Sozialdemokraten von der "Réforme" [198], der ich Nachrich-
       ten über  die englische und deutsche Bewegung lieferte. Kurz, un-
       sre Verbindungen  mit den  radikalen und proletarischen Organisa-
       tionen und Preßorganen waren ganz nach Wunsch.
       Mit dem  Bund der  Gerechten standen wir folgendermaßen. Die Exi-
       stenz des Bundes war uns natürlich bekannt; 1843 hatte mir Schap-
       per den  Eintritt angetragen,  den ich  damals  selbstredend  ab-
       lehnte. Wir  blieben aber nicht nur mit den Londonern in fortwäh-
       render Korrespondenz,  sondern in  noch engerm  Verkehr  mit  Dr.
       Ewerbeck, dem  jetzigen Leiter der Pariser Gemeinden. Ohne uns um
       die innern  Bundesangelegenheiten zu  kümmern, erfuhren  wir doch
       von jedem  wichtigen Vorgang,  Andrerseits wirkten  wir mündlich,
       brieflich und  durch die  Presse auf  die theoretischen Ansichten
       der bedeutendsten  Bundesmitglieder ein. Hierzu dienten auch ver-
       schiedne lithographierte  Zirkulare, die  wir bei besondern Gele-
       genheiten, wo  es sich  um Interna der sich bildenden kommunisti-
       schen Partei  handelte, an  unsre Freunde  und Korrespondenten in
       die Welt  sandten. Bei  diesen kam  der Bund  zuweilen selbst ins
       Spiel. So war ein junger westfälischer Studiosus, Hermann Kriege,
       der nach  Amerika ging, dort als Bundesemissär aufgetreten, hatte
       sich mit  dem verrückten Harro Harring assoziiert, um vermittelst
       des Bundes  Südamerika aus  den Angeln  zu heben,  und hatte  ein
       Blatt [199] gegründet, worin er einen auf "Liebe" beruhenden, von
       Liebe überfließenden, überschwenglichen Kommunismus der Liebesdu-
       selei im  Namen des  Bundes predigte. Hiergegen fuhren wir los in
       einem Zirkular  1*), das  seine Wirkung  nicht verfehlte.  Kriege
       verschwand von der Bundesbühne.
       Später kam  Weitling nach  Brüssel. Aber  er war  nicht mehr  der
       naive junge Schneidergeselle, der, über seine eigene Begabung er-
       staunt, sich klar darüber zu werden sucht, wie denn eine kommuni-
       stische Gesellschaft  wohl aussehen möge. Er war der wegen seiner
       Überlegenheit von Neidern verfolgte große Mann, der überall Riva-
       len, heimliche Feinde, Fallstricke witterte; der von Land zu Land
       gehetzte Prophet,  der ein  Rezept zur Verwirklichung des Himmels
       auf Erden  fertig in  der Tasche  trug und sich einbildete, jeder
       gehe darauf aus, es ihm zu stehlen. Er hatte sich in London schon
       mit den Leuten des Bundes überworfen, und auch in Brüssel, wo be-
       sonders Marx  und seine Frau ihm mit fast übermenschlicher Geduld
       entgegenkamen,
       -----
       1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 3-17
       
       #214# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
       -----
       konnte er mit niemand auskommen. So ging er bald darauf nach Ame-
       rika, um es dort mit dem Prophetentum zu versuchen.
       Alle diese Umstände trugen bei zu der stillen Umwälzung, die sich
       im Bund  und namentlich  unter den  Londoner Leitern vollzog. Die
       Unzulänglichkeit  der   bisherigen  Auffassung  des  Kommunismus,
       sowohl des französischen einfachen Gleichheitskommunismus wie des
       Weitlingschen, wurde  ihnen mehr  und mehr klar. Die von Weitling
       eingeleitete Zurückführung  des Kommunismus auf das Urchristentum
       - so  geniale Einzelheiten  sich in  seinem "Evangelium des armen
       Sünders" finden  - hatte  in der Schweiz dahin geführt, die Bewe-
       gung großenteils  in die Hände zuerst von Narren wie Albrecht und
       dann von ausbeutenden Schwindelpropheten wie Kuhlmann zu liefern.
       Der von einigen Belletristen vertriebne "wahre Sozialismus", eine
       Übersetzung französischer  sozialistischer Wendungen in verdorbe-
       nes Hegeldeutsch  und sentimentale  Liebesduselei (siehe  den Ab-
       schnitt  über   den  deutschen   oder  "wahren"   Sozialismus  im
       "Kommunistischen Manifest"  1*)), den  Kriege und die Lektüre der
       betreffenden Schriften in den Bund eingeführt, mußte schon seiner
       speichelfließenden Kraftlosigkeit  wegen den alten Revolutionären
       des Bundes  zum Ekel werden. Gegenüber der Unhaltbarkeit der bis-
       herigen theoretischen  Vorstellungen, gegenüber  den daraus  sich
       herleitenden praktischen  Abirrungen sah  man in  London mehr und
       mehr ein, daß Marx und ich mit unsrer neuen Theorie recht hatten.
       Diese Einsicht  wurde unzweifelhaft  dadurch befördert,  daß sich
       unter den  Londoner Führern  jetzt zwei  Männer befanden, die den
       Genannten an  Befähigung zu  theoretischer  Erkenntnis  bedeutend
       überlegen waren: der Miniaturmaler Karl Pfänder aus Heilbronn und
       der Schneider Georg Eccarius aus Thüringen. *)
       Genug, im  Frühjahr 1847  erschien Moll  in Brüssel  bei Marx und
       gleich darauf  in Paris  bei mir, um uns im Namen seiner Genossen
       mehrmals zum Eintritt in den Bund aufzufordern. Sie seien von der
       allgemeinen Richtigkeit unserer Auffassungsweise ebensosehr über-
       zeugt wie von der Notwendigkeit, den Bund von den alten konspira-
       torischen Traditionen und
       ---
       *) Pfänder ist  vor ungefähr  acht Jahren in London gestorben. Er
       war ein  eigentümlich feindenkender  Kopf, witzig, ironisch, dia-
       lektisch. Eccarius war bekanntlich später langjähriger Generalse-
       kretär der  Internationalen  Arbeiterassoziation,  in  deren  Ge-
       neralrat unter andern folgende alte Bundesmitglieder saßen: Ecca-
       rius, Pfänder, Leßner, Lochner, Marx, ich. Eccarius hat sich spä-
       ter ausschließlich  der  englischen  Gewerkschaftsbewegung  zuge-
       wandt.
       -----
       1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe, S. 485-488
       
       #215# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
       -----
       Formen zu befreien. Wollten wir eintreten, so sollte uns Gelegen-
       heit gegeben  werden, auf  einem Bundeskongreß  unsren kritischen
       Kommunismus in einem Manifest zu entwickeln, das sodann als Mani-
       fest des  Bundes veröffentlicht  würde; und ebenso würden wir das
       unsrige beitragen können, daß die veraltete Organisation des Bun-
       des durch eine neue zeit- und zweckgemäße ersetzt werde.
       Daß eine  Organisation  innerhalb  der  deutschen  Arbeiterklasse
       schon der  Propaganda wegen notwendig sei und daß diese Organisa-
       tion, soweit  sie nicht  bloß  lokaler  Natur,  selbst  außerhalb
       Deutschlands nur eine geheime sein könne, darüber waren wir nicht
       im Zweifel.  Nun bestand  aber grade  im Bund bereits eine solche
       Organisation. Das,  was wir bisher an diesem Bund auszusetzen ge-
       habt, wurde  jetzt von den Vertretern des Bundes selbst ¿als feh-
       lerhaft  preisgegeben;   wir  selbst   wurden  aufgefordert,  zur
       Reorganisation mitzuarbeiten.  Konnten  wir  nein  sagen?  Sicher
       nicht. Wir  traten also  in den Bund; Marx bildete in Brüssel aus
       unsern näheren Freunden eine Bundesgemeinde, während ich die drei
       Pariser Gemeinden besuchte.
       Im Sommer  1847 fand  der erste Bundeskongreß in London statt, wo
       W. Wolff  die Brüsseler  und ich  die Pariser  Gemeinden vertrat.
       Hier wurde  zunächst die  Reorganisation des Bundes durchgeführt.
       Was noch von den alten mystischen Namen aus der Konspirationszeit
       übrig, wurde  jetzt auch  abgeschafft; der Bund organisierte sich
       in Gemeinden, Kreise, leitende Kreise, Zentralbehörde und Kongreß
       und nannte  sich von  nun an:  "Bund der Kommunisten". "Der Zweck
       des Bundes ist der Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Pro-
       letariats, die  Aufhebung der alten, auf Klassengegensätzen beru-
       henden bürgerlichen Gesellschaft und die Gründung einer neuen Ge-
       sellschaft ohne  Klassen und ohne Privateigentum" - so lautet der
       erste Artikel  [200]. Die  Organisation selbst war durchaus demo-
       kratisch, mit  gewählten und  stets absetzbaren Behörden und hie-
       durch allein allen Konspirationsgelüsten, die Diktatur erfordern,
       ein Riegel  vorgeschoben und der Bund - für gewöhnliche Friedens-
       zeiten wenigstens  - in eine reine Propagandagesellschaft verwan-
       delt. Diese  neuen Statuten - so demokratisch wurde jetzt verfah-
       ren - wurden den Gemeinden zur Diskussion vorgelegt, dann auf dem
       zweiten Kongreß nochmals durchberaten und von ihm definitiv am 8.
       Dezember 1847  angenommen. Sie  stehn abgedruckt  bei Wermuth und
       Stieber, I, S. 239, Anl. X.
       Der zweite  Kongreß fand  statt Ende November und Anfang Dezember
       desselben Jahres. Hier war auch Marx anwesend und vertrat in län-
       gerer Debatte - der Kongreß dauerte mindestens 10 Tage - die neue
       Theorie. Aller  Widerspruch und  Zweifel wurde  endlich erledigt,
       die neuen Grundsätze
       
       #216# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
       -----
       einstimmig angenommen  und Marx  und ich beauftragt, das Manifest
       auszuarbeiten. Dies  geschah unmittelbar  nachher. Wenige  Wochen
       vor der  Februarrevolution wurde  es nach  London zum  Druck  ge-
       schickt. Seitdem  hat es  die Reise  um die  Welt gemacht, ist in
       fast alle  Sprachen übersetzt  worden und dient noch heute in den
       verschiedensten Ländern  als Leitfaden  der proletarischen  Bewe-
       gung. An  die Stelle  des alten Bundesmottos: "Alle Menschen sind
       Brüder", trat  der neue  Schlachtruf: "Proletarier  aller Länder,
       vereinigt euch!",  der den  internationalen Charakter des Kampfes
       offen proklamierte.  Siebzehn  Jahre  später  durchhallte  dieser
       Schlachtruf die  Welt als Feldgeschrei der Internationalen Arbei-
       terassoziation, und  heute hat ihn das streitbare Proletariat al-
       ler Länder auf seine Fahne geschrieben.
       Die Februarrevolution  brach aus.  Sofort übertrug  die bisherige
       Londoner Zentralbehörde  ihre Befugnisse  an den  leitenden Kreis
       Brüssel. Aber dieser Beschluß traf ein zu einer Zeit, wo in Brüs-
       sel schon  ein tatsächlicher Belagerungszustand herrschte und na-
       mentlich die Deutschen sich nirgends mehr versammeln konnten. Wir
       waren eben  alle auf  dem Sprung  nach Paris, und so beschloß die
       neue Zentralbehörde,  sich ebenfalls  aufzulösen, ihre sämtlichen
       Vollmachten an  Marx zu übertragen und ihn zu bevollmächtigen, in
       Paris sofort  eine neue Zentralbehörde zu konstituieren. Kaum wa-
       ren die  fünf Leute,  die diesen  Beschluß (3. März 1848) gefaßt,
       auseinandergegangen, als  die Polizei in Marx' Wohnung drang, ihn
       verhaftete und am nächsten Tage nach Frankreich abzureisen zwang,
       wohin er grade gehn wollte.
       In Paris  fanden wir  uns bald  alle wieder  zusammen. Dort wurde
       auch das  folgende, von  den Mitgliedern der neuen Zentralbehörde
       unterzeichnete Dokument verfaßt, das in ganz Deutschland verbrei-
       tet wurde und woraus auch heute mancher noch etwas lernen kann:
       
       "Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland" [201]
       
       1. Ganz Deutschland  wird zu  einer einigen, unteilbaren Republik
       erklärt.
       3. Die Volksvertreter werden besoldet, damit auch der Arbeiter im
       Parlament des deutschen Volkes sitzen könne.
       4. Allgemeine Volksbewaffnung.
       
       #217# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       7. Die fürstlichen und andern feudalen Landgüter, alle Bergwerke,
       Gruben usw.  werden in  Staatseigentum  umgewandelt.  Auf  diesen
       Landgütern wird  der Ackerbau  im großen  und mit  den modernsten
       Hilfsmitteln der Wissenschaft zum Vorteile der Gesamtheit betrie-
       ben.
       8. Die Hypotheken  auf den Bauerngütern werden für Staatseigentum
       erklärt. Die Interessen für jene Hypotheken werden von den Bauern
       an den Staat gezahlt.
       9. In den  Gegenden, wo  das Pachtwesen  entwickelt ist, wird die
       Grundrente oder  der Pachtschilling  als Steuer  an den Staat ge-
       zahlt.
       11. Alle  Transportmittel:   Eisenbahnen,  Kanäle,  Dampfschiffe,
       Wege, Posten  etc. nimmt  der Staat  in seine Hand. Sie werden in
       Staatseigentum umgewandelt  und der  unbemittelten Klasse zur un-
       entgeltlichen Verfügung gestellt.
       14. Beschränkung des Erbrechts.
       15. Einführung von  starken Progressivsteuern und Abschaffung der
       Konsumtionssteuern.
       16. Errichtung von  Nationalwerkstätten. Der Staat garantiert al-
       len Arbeitern  ihre Existenz  und versorgt die zur Arbeit Unfähi-
       gen.
       17. Allgemeine, unentgeltliche Volkserziehung.
       Es liegt  im Interesse  des deutschen  Proletariats, des  kleinen
       Bürgerund Bauernstandes,  mit aller  Energie an  der Durchsetzung
       obiger Maßregeln  zu arbeiten. Denn nur durch Verwirklichung der-
       selben können  die Millionen, die bisher in Deutschland von einer
       kleinen Zahl  ausgebeutet wurden und die man weiter in Unterdrüc-
       kung zu  erhalten suchen  wird, zu ihrem Rechte und zu derjenigen
       Macht gelangen,  die ihnen,  als den  Hervorbringern alles Reich-
       tums, gebührt.
       Das Komitee:
       Karl Marx  Karl Schapper  H. Bauer  F. Engels  J. Moll  W. Wolff
       
       In Paris  herrschte damals die Manie der revolutionären Legionen.
       Spanier, Italiener,  Belgier, Holländer,  Polen,  Deutsche  taten
       sich in  Haufen zusammen,  um ihre respektiven Vaterländer zu be-
       freien. Die deutsche Legion wurde geführt von Herwegh, Bornstedt,
       Börnstein. Da  sofort nach  der Revolution alle ausländischen Ar-
       beiter nicht  nur beschäftigungslos, sondern auch noch vom Publi-
       kum drangsaliert  wurden, fanden  diese Legionen  starken Zulauf.
       Die neue Regierung sah in ihnen ein Mittel, die fremden
       
       #218# Zur Geschickte des Bundes der Kommunisten
       -----
       Arbeiter loszuwerden,  und bewilligte  ihnen l'étape  du  soldat,
       d.h. Marschquartiere und die Marschzulage von 50 Centimen per Tag
       bis an  die Grenze, wo dann der stets zu Tränen gerührte Minister
       des Auswärtigen,  der Schönredner  Lamartine,  schon  Gelegenheit
       fand, sie an ihre respektiven Regierungen zu verraten.
       Wir widersetzten  uns dieser  Revolutionsspielerei aufs entschie-
       denste. Mitten  in die damalige Gärung Deutschlands eine Invasion
       hineintragen, die  die Revolution zwangsmäßig von außen importie-
       ren sollte,  das hieß  der Revolution  in Deutschland  selbst ein
       Bein stellen,  die Regierungen stärken und die Legionäre selbst -
       dafür bürgte  Lamartine -  den deutschen  Truppen wehrlos  in die
       Hände liefern. Als dann in Wien und Berlin die Revolution siegte,
       wurde die Legion erst recht zwecklos; aber man hatte einmal ange-
       fangen, und so wurde weitergespielt.
       Wir stifteten  einen deutschen  kommunistischen Klub [202], worin
       wir den  Arbeitern rieten, der Legion fernzubleiben, dagegen ein-
       zeln nach  der Heimat zurückzukehren und dort für die Bewegung zu
       wirken. Unser  alter Freund Flocon, der in der provisorischen Re-
       gierung saß,  erwirkte für  die von  uns fortgeschickten Arbeiter
       dieselben Reisebegünstigungen, die den Legionären zugesagt waren.
       So beförderten  wir drei-  bis vierhundert Arbeiter nach Deutsch-
       land zurück, darunter die große Mehrzahl der Bundesglieder.
       Wie leicht  vorherzusehn, erwies  sich der  Bund,  gegenüber  der
       jetzt losgebrochenen  Bewegung der  Volksmassen, als  ein viel zu
       schwacher Hebel.  Drei Viertel  der Bundesglieder,  die früher im
       Ausland wohnten,  hatten durch Rückkehr in die Heimat ihren Wohn-
       sitz gewechselt;  ihre bisherigen  Gemeinden waren  damit großen-
       teils aufgelöst, alle Fühlung mit dem Bund ging für sie verloren.
       Ein Teil der Ehrgeizigeren unter ihnen suchte sie auch nicht wie-
       der zu  gewinnen, sondern  fing, jeder  in seiner Lokalität, eine
       kleine Separatbewegung  auf eigne  Rechnung an. Und endlich lagen
       die Verhältnisse  in jedem  einzelnen Kleinstaat,  jeder Provinz,
       jeder Stadt wieder so verschieden, daß der Bund außerstande gewe-
       sen wäre, mehr als ganz allgemeine Direktiven zu geben; diese wa-
       ren aber  viel besser  durch die  Presse zu verbreiten. Kurz, mit
       dem Augenblick,  wo die Ursachen aufhörten, die den geheimen Bund
       notwendig gemacht  hatten, hörte  auch der  geheime Bund auf, als
       solcher etwas zu bedeuten. Das aber konnte am wenigsten die Leute
       überraschen, die  soeben erst demselben geheimen Bund den letzten
       Schatten konspiratorischen Charakters abgestreift.
       Daß aber  der Bund eine vorzügliche Schule der revolutionären Tä-
       tigkeit gewesen,  bewies sich jetzt. Am Rhein, wo die "Neue Rhei-
       nische Zeitung"  einen festen  Mittelpunkt bot, in Nassau, Rhein-
       hessen etc. standen überall
       
       #219# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
       -----
       Bundesglieder an  der Spitze  der extrem-demokratischen Bewegung.
       Desgleichen in  Hamburg, In Süddeutschland stand das Vorherrschen
       der kleinbürgerlichen  Demokratie im  Weg. In Breslau war Wilhelm
       Wolff bis  in den  Sommer 1848 hinein mit großem Erfolg tätig; er
       erhielt auch  ein  schlesisches  Mandat  als  Stellvertreter  zum
       Frankfurter Parlament. Endlich in Berlin stiftete der Schriftset-
       zer Stephan Born, der in Brüssel und Paris als tätiges Bundesmit-
       glied gewirkt  hatte, eine "Arbeiterverbrüderung", die eine ziem-
       liche Verbreitung  erhielt und  bis 1850  bestand. Born, ein sehr
       talentvoller junger  Mann, der  es aber mit seiner Verwandlung in
       eine politische  Größe etwas  zu eilig  hatte, "verbrüderte" sich
       mit den verschiedenartigsten Krethi und Plethi, um nur einen Hau-
       fen zusammenzubekommen,  und war keineswegs der Mann, der Einheit
       in die  widerstrebenden Tendenzen,  Licht in  das  Chaos  bringen
       konnte. In  den amtlichen  Veröffentlichungen des  Vereins laufen
       daher auch  die im "Kommunistischen Manifest" vertretenen Ansich-
       ten kunterbunt  durcheinander mit Zunfterinnerungen und Zunftwün-
       schen, Abfällen  von Louis  Blanc und  Proudhon,  Schutzzöllnerei
       usw., kurz, man wollte allen alles sein. Speziell wurden Streiks,
       Gewerksgenossenschaften, Produktivgenossenschaften  ins Werk  ge-
       setzt und  vergessen, daß es sich vor allem darum handelte, durch
       politische Siege  sich erst  das Gebiet zu erobern, worauf allein
       solche Dinge auf die Dauer durchführbar waren. Als dann die Siege
       der Reaktion den Leitern der Verbrüderung die Notwendigkeit fühl-
       bar machten,  direkt in  den Revolutionskampf einzutreten, wurden
       sie von  der  verworrenen  Masse,  die  sie  um  sich  gruppiert,
       selbstredend im  Stich gelassen. Born beteiligte sich am Dresdner
       Mai-Aufstand 1849  [203] und  entkam glücklich. Die "Arbeiterver-
       brüderung" aber  hatte sich, gegenüber der großen politischen Be-
       wegung des  Proletariats, als  ein reiner Sonderbund bewährt, der
       großenteils nur auf dem Papier bestand und eine so untergeordnete
       Rolle  spielte,   daß  die  Reaktion  ihn  erst  1850  und  seine
       fortbestehenden  Ableger   erst  mehrere  Jahre  nachher  zu  un-
       terdrücken für  nötig  fand.  Born,  der  eigentlich  Buttermilch
       heißt, wurde  keine politische Größe, sondern ein kleiner Schwei-
       zer Professor, der nicht mehr den Marx ins Zünftlerische, sondern
       den sanften Renan in sein eignes süßliches Deutsch übersetzt.
       Mit dem  13.Juni 1849 in Paris [25], mit der Niederlage der deut-
       schen Mai-Auf  stände und der Niederwerfung der ungarischen-Revo-
       lution durch die Russen war eine große Periode der 1848er Revolu-
       tion abgeschlossen.  Aber der  Sieg der  Reaktion war soweit noch
       keineswegs endgültig. Eine Neuorganisation der zersprengten revo-
       lutionären Kräfte  war geboten und damit auch die des Bundes. Die
       Verhältnisse verboten wieder, wie vor 1848,
       
       #220# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
       -----
       jede öffentliche  Organisation des  Proletariats; man  mußte also
       sich von neuem geheim organisieren.
       Im Herbst  1849 fanden  sich die  meisten Mitglieder  der frühern
       Zentralbehörden und  Kongresse  wieder  in  London  zusammen.  Es
       fehlte nur  noch Schapper, der in Wiesbaden saß, aber nach seiner
       Freisprechung im  Frühjahr 1850  ebenfalls kam,  und  Moll,  der,
       nachdem er  eine Reihe  der gefährlichsten Missions- und Agitati-
       onsreisen erledigt - zuletzt warb er mitten unter der preußischen
       Armee in der Rheinprovinz Fahrkanoniere für die pfälzische Artil-
       lerie -,  in die  Besançoner  Arbeiterkompanie  des  Willichschen
       Korps eintrat  und im  Gefecht an  der Murg, vorwärts der Rothen-
       felser Brücke, durch einen Schuß in den Kopf getötet wurde. Dage-
       gen trat  nun Willich  ein. Willich  war einer  der seit  1845 im
       westlichen Deutschland  so häufigen Gemütskommunisten, also schon
       deshalb in instinktivem, geheimem Gegensatz gegen unsre kritische
       Richtung. Er  war aber  mehr, er  war vollständiger  Prophet, von
       seiner persönlichen  Mission  als  prädestinierter  Befreier  des
       deutschen Proletariats überzeugt und als solcher direkter Präten-
       dent auf  die politische  nicht minder  als auf  die militärische
       Diktatur. Dem früher von Weitling gepredigten urchristlichen Kom-
       munismus trat somit eine Art von kommunistischem Islam zur Seite.
       Doch blieb  die Propaganda dieser neuen Religion zunächst auf die
       von Willich befehligte Flüchtlingskaserne beschränkt.
       Der Bund  wurde also  neu organisiert,  die im Anhang (IX, Nr. 1)
       abgedruckte Ansprache  vom März  1850 [2049 erlassen und Heinrich
       Bauer als  Emissär nach  Deutschland geschickt.  Die von Marx und
       mir redigierte  Ansprache ist  noch heute von Interesse, weil die
       kleinbürgerliche Demokratie auch jetzt noch diejenige Partei ist,
       welche bei  der nächsten europäischen Erschütterung, die nun bald
       fällig wird (die Verfallzeit der europäischen Revolutionen, 1815,
       1830, 1848-1852,  1870, währt  in unserm  Jahrhundert 15  bis  18
       Jahre), in  Deutschland unbedingt  zunächst ans Ruder kommen muß,
       als Retterin  der Gesellschaft vor den kommunistischen Arbeitern.
       Manches von dem dort Gesagten paßt also noch heute. Die Missions-
       reise Heinrich  Bauers war  von vollständigem Erfolg gekrönt. Der
       kleine fidele  Schuhmacher war  ein geborner Diplomat. Er brachte
       die teils lässig gewordnen, teils auf eigne Rechnung operierenden
       ehemaligen Bundesglieder  wieder in  die aktive Organisation, na-
       mentlich auch die jetzigen Führer der "Arbeiterverbrüderung". Der
       Bund fing  an, in den Arbeiter-, Bauern- und Turnvereinen in weit
       größerem Maß  als vor  1848 die dominierende Rolle zu spielen, so
       daß schon die nächste vierteljährliche Ansprache an die Gemeinden
       vom Juni  1850 konstatieren  konnte, der  im Interesse der klein-
       bürgerlichen
       
       #221# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
       -----
       Demokratie Deutschland  bereisende Studiosus Schurz aus Bonn (der
       spätere amerikanische  Exminister) "habe  alle brauchbaren Kräfte
       schon in  den Händen  des Bundes  gefunden" (s. Anhang IX, Nr. 2)
       [205]. Der Bund war unbedingt die einzige revolutionäre Organisa-
       tion, die in Deutschland eine Bedeutung hatte.
       Wozu diese Organisation aber dienen sollte, das hing sehr wesent-
       lich davon  ab, ob  die Aussichten  auf einen erneuten Aufschwung
       der Revolution  sich verwirklichten.  Und dies  wurde im Lauf des
       Jahres 1850  immer unwahrscheinlicher,  ja unmöglicher. Die indu-
       strielle Krisis von 1847, die die Revolution von 1848 vorbereitet
       hatte, war  überwunden; eine  neue, bisher  unerhörte Periode der
       industriellen Prosperität  war angebrochen;  wer Augen  hatte  zu
       sehn und  sie gebrauchte, für den mußte es klar sein, daß der Re-
       volutionssturm von 1848 sich allmählich erschöpfte.
       "Bei dieser  allgemeinen Prosperität,  worin die  Produktivkräfte
       der bürgerlichen  Gesellschaft sich so üppig entwickeln, wie dies
       innerhalb der  bürgerlichen Verhältnisse  überhaupt möglich  ist,
       k a n n   v o n   e i n e r   w i r k l i c h e n    R e v o l u-
       t i o n  k e i n e  R e d e  s e i n.  Eine solche Revolution ist
       nur in den Perioden möglich, wo diese beiden Faktoren, die moder-
       nen Produktionskräfte  und  die  bürgerlichen  Produktionsformen,
       miteinander in Widerspruch geraten. Die verschiedenen Zänkereien,
       in denen  sich jetzt  die Repräsentanten der einzelnen Fraktionen
       der kontinentalen  Ordnungspartei ergehn  und gegenseitig kompro-
       mittieren, weit  entfernt zu  neuen Revolutionen  Anlaß zu geben,
       sind im  Gegenteil nur  möglich, weil  die Grundlage der Verhält-
       nisse momentan  so sicher  und, was  die Reaktion  nicht weiß, so
       b ü r g e r l i c h   ist. An  ihr werden  alle  die  bürgerliche
       Entwicklung aufhaltenden  Reaktionsversuche   e b e n s o    s i-
       c h e r   a b p r a l l e n   w i e   a l l e   s i t t l i c h e
       E n t r ü s t u n g   u n d    a l l e    b e g e i s t e r t e n
       P r o  k l a m a t i o n e n   d e r   D e m o k r a t e n."   So
       schrieb Marx  und ich  in der "Revue von Mai bis Oktober 1850" in
       der  "Neuen  Rheinischen  Zeitung.  Politisch-ökonomische  Revue"
       [206], (V. und VI. Heft, Hamburg 1850, S. 153  1*).
       Diese kühle  Auffassung der  Lage war  aber für  viele Leute eine
       Ketzerei zu  einer Zeit,  wo Ledru-Rollin,  Louis Blanc, Mazzini,
       Kossuth, und von kleineren deutschen Lichtern Ruge, Kinkel, Goegg
       und wie sie alle heißen, sich in London haufenweise zu provisori-
       schen Zukunftsregierungen,  nicht nur für ihre respektiven Vater-
       länder, sondern  auch für ganz Europa zusammentaten und wo es nur
       noch darauf ankam, das nötige Geld als Revolutionsanleihe in Ame-
       rika aufzunehmen, um die europäische Revolution benebst den damit
       selbstverständlichen verschiednen Republiken im Nu
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       1*) Siehe Band 7 unserer Ausgabe, S. 440
       
       #222# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       zu verwirklichen.  Daß ein  Mann wie  Willich hier hineinfiel und
       daß auch  Schapper aus  altem Revolutionsdrang sich betören ließ,
       daß  die  Mehrzahl  der  Londoner  Arbeiter,  großenteils  selbst
       Flüchtlinge, ihnen in das Lager der bürgerlich-demokratischen Re-
       volutionsmacher folgte,  wen kann  es wundern? Genug, die von uns
       verteidigte Zurückhaltung  war nicht  nach dem Sinn dieser Leute;
       es sollte in die Revolutionsmacherei eingetreten werden; wir wei-
       gerten uns  aufs entschiedenste.  Die Spaltung erfolgte; das Wei-
       tere ist  in den "Enthüllungen" zu lesen. Dann kam die Verhaftung
       zuerst Nothjungs, dann Haupts in Hamburg, der zum Verräter wurde,
       indem er  die Namen der Kölner Zentralbehörde angab und im Prozeß
       als Hauptzeuge dienen sollte; aber seine Verwandten wollten diese
       Schande nicht erleben und beförderten ihn nach Rio de Janeiro, wo
       er sich  später als Kaufmann etablierte und in Anerkennung seiner
       Verdienste erst  preußischer  und  dann  deutscher  Generalkonsul
       wurde. Er ist jetzt wieder in Europa. *) Zum besseren Verständnis
       des Folgenden  gebe ich die Liste der Kölner Angeklagten: 1. P.G.
       Röser, Zigarrenarbeiter; 2. Heinrich Bürgers, später verstorbener
       fortschrittlicher  Landtagsabgeordneter;   3.   Peter   Nothjung,
       Schneider, vor  wenigen Jahren  als Photograph in Breslau gestor-
       ben; 4.  W.J. Reiff;  5. Dr. Hermann Becker, jetzt Oberbürgermei-
       ster von  Köln und  Mitglied des  Herrenhauses; 6. Dr. Roland Da-
       niels, Arzt, wenige Jahre nach dem Prozeß an der im Gefängnis er-
       worbenen Schwindsucht  gestorben; 7.  Karl Otto, Chemiker; 8. Dr.
       Abraham Jacobi,  jetzt Arzt in New York; 9. Dr. J.J. Klein, jetzt
       Arzt und Stadtverordneter in Köln; 10. Ferdinand Freiligrath, der
       aber damals  schon in  London war;  11. J.L. Ehrhard, Kommis; 12.
       Friedrich Leßner,  Schneider, jetzt in London. Von diesen wurden,
       nachdem die öffentlichen Verhandlungen vor den Geschwornen vom 4.
       Oktober bis  12. November  1852 gedauert,  wegen versuchten Hoch-
       verrats verurteilt:  Röser, Bürgers  und Nothjung  zu  6,  Reiff,
       Otto, Becker  zu 5,  Leßner zu  3 Jahren  Festungshaft,  Daniels,
       Klein, Jacobi und Ehrhard wurden freigesprochen.
       Mit dem  Kölner Prozeß schließt diese erste Periode der deutschen
       kommunistischen Arbeiterbewegung.  Unmittelbar nach der Verurtei-
       lung lösten
       ---
       *) Schapper starb  Ende der  sechziger Jahre  in London.  Willich
       machte den  amerikanischen Bürgerkrieg  mit Auszeichnung  mit; er
       erhielt in der Schlacht bei Murfreesboro (Tennessee) als Brigade-
       general einen Schuß durch die Brust, wurde aber geheilt und starb
       vor etwa zehn Jahren in Amerika. - Von andern oben erwähnten Per-
       sonen will  ich noch  bemerken, daß  Heinrich Bauer in Australien
       verschollen ist, Weitling und Ewerbeck in Amerika gestorben sind.
       
       #223# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       wir unsern Bund auf; wenige Monate nachher ging auch der Willich-
       Schappersche Sonderbund [207] ein zur ewigen Ruhe.
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       Zwischen damals  und jetzt  liegt ein  Menschenalter. Damals  war
       Deutschland ein  Land des  Handwerks und der auf Handarbeit beru-
       henden Hausindustrie;  jetzt ist es ein noch in fortwährender in-
       dustrieller Umwälzung  begriffnes  großes  Industrieland.  Damals
       mußte man  die Arbeiter  einzeln zusammensuchen,  die Verständnis
       hatten für  ihre Lage als Arbeiter und ihren geschichtlich-ökono-
       mischen Gegensatz gegen das Kapital, weil dieser Gegensatz selbst
       erst im  Entstehen begriffen war. Heute muß man das gesamte deut-
       sche Proletariat unter Ausnahmegesetze stellen, um nur den Prozeß
       seiner Entwicklung  zum vollen  Bewußtsein seiner Lage als unter-
       drückte Klasse  um ein  geringes zu  verlangsamen. Damals  mußten
       sich die  wenigen Leute,  die zur  Erkenntnis der geschichtlichen
       Rolle des  Proletariats durchgedrungen,  im geheimen zusammentun,
       in kleinen  Gemeinden von  drei bis  zwanzig Mann verstohlen sich
       versammeln. Heute  braucht das  deutsche Proletariat  keine offi-
       zielle Organisation  mehr, weder  öffentliche noch  geheime;  der
       einfache, sich  von selbst verstehende Zusammenhang gleichgesinn-
       ter Klassengenossen  reicht hin, um ohne alle Statuten, Behörden,
       Beschlüsse und  sonstige greifbare  Formen das  gesamte  Deutsche
       Reich zu  erschüttern. Bismarck  ist  Schiedsrichter  in  Europa,
       draußen jenseits  der Grenze; aber drinnen wächst täglich drohen-
       der jene  Athletengestalt des  deutschen Proletariats  empor, die
       Marx schon  1844 vorhersah,  der Riese, dem das auf den Philister
       bemessene enge  Reichsgebäude schon  zu knapp wird und dessen ge-
       waltige Statur und breite Schultern dem Augenblick entgegen wach-
       sen,  wo  sein  bloßes  Aufstehn  vom  Sitz  den  ganzen  Reichs-
       verfassungsbau in Trümmer sprengt. Und mehr noch. Die internatio-
       nale Bewegung  des europäischen  und amerikanischen  Proletariats
       ist jetzt  so erstarkt,  daß nicht nur ihre erste enge Form - der
       geheime Bund  -, sondern  selbst ihre zweite, unendlich umfassen-
       dere Form  - die öffentliche Internationale Arbeiterassoziation -
       eine Fessel  für sie  geworden und daß das einfache, auf der Ein-
       sicht in  die Dieselbigkeit  der Klassenlage beruhende Gefühl der
       Solidarität hinreicht,  unter den Arbeitern aller Länder und Zun-
       gen eine  und dieselbe  große Partei des Proletariats zu schaffen
       und zusammenzuhalten.  Die Lehren, die der Bund von 1847 bis 1852
       vertrat und  die damals als die Hirngespinste extremer Tollköpfe,
       als Geheimlehre  einiger zersprengten Sektierer vom weisen Phili-
       sterium mit  Achselzucken behandelt  werden  durften,  sie  haben
       jetzt zahllose Anhänger in allen zivilisierten
       
       #224# Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten
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       Ländern der  Welt, unter den Verdammten der sibirischen Bergwerke
       wie unter  den Goldgräbern Kaliforniens; und der Begründer dieser
       Lehre, der  bestgehaßte, bestverleumdete  Mann seiner  Zeit, Karl
       Marx, war,  als er  starb, der  stets gesuchte  und stets willige
       Ratgeber des Proletariats beider Welten.
       London, 8. Oktober 1885
       Friedrich Engels
       Nach: Karl Marx, "Enthüllungen über
       den Kommunisten-Prozeß zu Köln",
       Hottingen-Zürich 1885.

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