Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889
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Wie man Marx nicht übersetzen soll [212]
Der erste Band des Marxschen "Kapitals" ist Allgemeinbesitz, so-
weit es Übersetzungen in andere Sprachen betrifft. Deshalb hätte,
obwohl es in englischen sozialistischen Kreisen recht gut bekannt
ist, daß eine Übersetzung vorbereitet und in Kürze unter der Ver-
antwortlichkeit der literarischen Testamentsvollstrecker von Marx
veröffentlicht werden wird, niemand ein Recht, etwas dagegen ein-
zuwenden, wenn dieser Übersetzung eine andere vorausginge, so-
lange der Text treu und ebenso gut wiedergegeben würde.
Die ersten Seiten solch einer Übersetzung von John Broadhouse
sind in der Oktober-Nummer des "To-day" veröffentlicht. Ich sage
ausdrücklich, daß sie sehr weit davon entfernt ist, eine treue
Textwiedergabe zu sein, und dies deshalb, weil Herr Broadhouse
keine der von einem Marx-Übersetzer geforderten Fähigkeiten be-
sitzt.
Um solch ein Buch zu übersetzen, genügt nicht allein eine gute
Kenntnis der deutschen Literatursprache. Marx gebraucht gern All-
tagsausdrücke und mundartliche Redewendungen; er prägt neue Wör-
ter, er nimmt seine Erläuterungen aus jedem Zweig der Wissen-
schaft, seine Anspielungen aus den Literaturen von einem Dutzend
Sprachen; um ihn zu verstehen, muß einer tatsächlich ein Meister
der deutschen Sprache in Wort und Schrift sein und muß auch etwas
vom deutschen Leben kennen.
Hierzu ein Beispiel. Als einige Oxford-Studenten in einem Vierer-
boot über die Straße von Dover ruderten, hieß es in den Zeitungs-
berichten, daß einer von ihnen "caught a crab" 1*). Der Londoner
Korrespondent der "Kölnischen Zeitung" nahm das wörtlich und be-
richtete getreulich seinem Blatt, daß "ein Krebs mit dem Ruder
eines der Studenten in Kollision gekommen
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1*) wörtlich: "einen Krebs fing"; in der Sprache der Ruderer:
durch zu tiefes Eintauchen der Ruder aus dem Takt geriet
#230# Wie man Marx nicht übersetzen soll
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sei". Wenn ein Mann, der schon jahrelang mitten in London lebt,
imstande ist, solch einen lächerlichen Schnitzer zu machen, so-
bald er auf Fachausdrücke eines ihm unbekannten Gebiets stößt,
was kann man da von jemandem erwarten, der nur eine leidliche
Kenntnis des Schriftdeutschen hat und es unternimmt, den am
schwersten übersetzbaren deutschen Schriftsteller in eine andere
Sprache zu übertragen? Und tatsächlich werden wir sehen, daß Herr
Broadhouse außerordentlich geschickt im "Krebse fangen" ist.
Aber hierfür wird noch etwas mehr verlangt. Marx ist einer der
kraftvollsten, sich am prägnantesten und bündigsten ausdrückenden
Schriftsteller unserer Zeit. Um ihn richtig wiederzugeben, muß
man ein Meister nicht nur der deutschen, sondern auch der engli-
schen Sprache sein. Herr Broadhouse jedoch, obwohl offensichtlich
ein Mann von beachtenswerten journalistischen Fähigkeiten, be-
herrscht nur soweit Englisch, als es sich im Rahmen der konven-
tionellen literarischen Respektabilität hält. Hier bewegt er sich
gewandt; aber diese Art Englisch ist nicht die Sprache, in die
"Das Kapital" jemals übersetzt werden kann. Kraftvolles Deutsch
verlangt zu seiner Wiedergabe kraftvolles Englisch; alle Ressour-
cen der Sprache müssen ausgeschöpft werden; neu geprägte deutsche
Ausdrücke erfordern entsprechende neue Ausdrücke im Englischen.
Aber sobald Herr Broadhouse einer solchen Schwierigkeit gegen-
übersteht, verlassen ihn nicht nur seine Ressourcen, sondern auch
sein Mut. Die geringste Erweiterung seines begrenzten Wortschat-
zes, die geringste Neuerung im üblichen konventionellen All-
tagsenglisch erschreckt ihn, und ehe er eine solche Ketzerei
wagt, gibt er lieber das schwierige deutsche Wort durch einen
mehr oder weniger unbestimmten Ausdruck wieder, der sein Ohr
nicht beleidigt, der aber die Meinung des Verfassers verdunkelt;
oder, was noch schlimmer ist, er übersetzt es, wenn es wiederholt
vorkommt, durch eine ganze Reihe verschiedener Ausdrücke und ver-
gißt dabei, daß ein Fachausdruck immer mit ein und demselben ent-
sprechenden Wort wiedergegeben werden muß. So übersetzt er gleich
in der Überschrift des ersten Abschnitts W e r t g r ö ß e 1*)
mit "extent of value", ohne zu beachten, daß G r ö ß e 2*) ein
genau bestimmter mathematischer Ausdruck ist, gleichwertig mit
"magnitude" oder einer bestimmten Quantität, während "extent"
noch vieles andere bedeuten kann. So ist selbst die einfache Neu-
bildung "labour-time" für A r b e i t s z e i t 3*) zuviel für
ihn; er übersetzt es durch 1. "time-labour", das bedeutet, wenn
überhaupt etwas, Arbeit, die nach Zeit bezahlt wird, oder Arbeit,
die jemand verrichtet
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1*) Wertgröße: in "The Commonweal" deutsch - 2*) ebenso: Größe -
3*) ebenso: Arbeitszeit
#231# Wie man Marx nicht übersetzen soll
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richtet, der seine Straf z e i t bei Zwangs a r b e i t "ab-
dient" ; 2. "time of labour" 1*); 3. "labour-time" und 4. "period
of labour" (A r b e i t s p e r i o d e 2*)), worunter Marx im
zweiten Band etwas ganz anderes versteht. Nun ist aber, wie wohl
bekannt, die "Kategorie" Arbeitszeit eine der fundamentalsten des
ganzen Buches, und sie durch vier verschiedene Ausdrücke in
weniger als zehn Seiten zu übersetzen, ist mehr als un-
verzeihlich.
Marx beginnt mit der Analyse der Ware. Der erste Gesichtspunkt,
unter dem sich eine Ware darbietet, ist der eines Gebrauchsgegen-
stands; als solcher kann sie entweder in Hinblick auf ihre Quali-
tät oder auf ihre Quantität betrachtet werden.
"Any such thing is a whole in itself, the sum of many qualities
or properties, and may therefore be useful in different ways. To
discover these different ways and therefore the various uses to
which a thing may be put, is the a c t o f h i s t o r y. So,
too, is the finding and fixing of s o c i a l l y r e c o g-
n i s e d s t a n d a r d s o f m e a s u r e for the quantity
of useful things. The diversity of the modes of measuring
commodities arises partly from the diversity of the nature of the
objects to be measured, partly from convention."
["Jedes solches Ding ist ein Ganzes vieler Eigenschaften und kann
daher nach verschiedenen Seiten nützlich sein. Diese verschie-
denen Seiten und daher die mannigfachen Gebrauchsweisen der Dinge
zu entdecken, ist g e s c h i c h t l i c h e T a t. So die
Findung g e s e l l s c h a f t l i c h e r M a ß e für die
Quantität der nützlichen Dinge. Die Verschiedenheit der Warenmaße
entspringt teils aus der verschiedenen Natur der zu messenden Ge-
genstände, teils aus Konvention." (Siehe Band 23 unserer Ausgabe,
S. 49/50.)]
Das wird von Herrn Broadhouse wie folgt wiedergegeben:
"To discover these various ways, and consequently the multifa-
rious modes in which an object may be of use, is a w o r k o f
t i m e. So, c o n s e q u e n t l y, i s the finding of
t h e s o c i a l m e a s u r e for the quantity of useful
things. The diversity in the b u l k of commodities arises
partly from the different nature" etc.
["Diese verschiedenen Seiten zu entdecken und folglich die man-
nigfachen Arten, in denen ein Gegenstand nützlich sein könnte,
ist e i n W e r k d e r Z e i t. Genauso, f o l g l i c h,
das Finden d e s g e s e l l s c h a f t l i c h e n M a-
ß e s für die Quantität der nützlichen Dinge. Die Verschie-
denheit in der Masse von Waren entsteht teilweise aus der ver-
schiedenen Natur" usw.]
Bei Marx bildet das Herausfinden der verschiedenen nützlichen
Seiten der Dinge einen wesentlichen Teil des geschichtlichen
Fortschritts; bei
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1*) "Zeit der Arbeit" - 2*) Arbeitsperiode: in "The Commonweal"
deutsch
#232# Wie man Marx nicht übersetzen soll
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Herrn Broadhouse ist es bloß ein Werk der Zeit. Bei Marx wird die
gleiche Einschätzung auf die Festsetzung allgemeiner gesell-
schaftlicher Maße angewandt. Bei Herrn B[roadhouse] besteht noch
ein "Werk der Zeit" in dem "Finden d e s gesellschaftlichen Ma-
ßes für die Quantität der nützlichen Dinge", um eine Art Maß, um
das sich Marx sicherlich niemals bemüht hat. Und dann schließt
Broadhouse damit, daß er fälschlicherweise M a ß e 1*)
(m e a s u r e s) für M a s s e 2*) (b u l k) Hält und da-
durch Marx einen der schönsten Krebse anhängt, die jemals gefan-
gen wurden.
Weiter sagt Marx:
"Use-values form the material out of which wealth is made up,
w h a t e v e r m a y b e t h e s o c i a l f o r m o f
t h a t w e a l t h"
["Gebrauchswerte bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums,
w e l c h e s i m m e r s e i n e g e s e l l s c h a f t-
l i c h e F o r m s e i" (Ebenda, S. 50.)]
(die spezifische Form der Aneignung, in der er in Besitz genommen
und verteilt wird).
Herr Broadhouse übersetzt:
"Use values constitute the actual basis of wealth w h i c h i s
a l w a y s t h e i r s o c i a l f o r m",
["Gebrauchswerte bilden die wirkliche Basis des Reichtums, d e r
i m m e r i h r e s o z i a l e F o r m i s t"]
was entweder eine anmaßende Plattheit oder barer Unsinn ist.
Der zweite Gesichtspunkt, unter dem eine Ware sich darbietet, ist
ihr Tauschwert. Daß alle Waren in bestimmten, ständig wechselnden
Proportionen gegeneinander austauschbar sind, daß sie Tauschwerte
haben, diese Tatsache schließt ein, daß sie etwas enthalten, was
ihnen allen gemeinsam ist. Ich übergehe die liederliche Art, in
der Herr Broadhouse hier eine der feinsten Analysen in Marx' Buch
wiedergibt, und gehe gleich zu der Stelle über, wo Marx sagt:
"This something common to all commodities cannot be a geometri-
cal, physical, chemical or other natural property. In fact their
material properties come into consideration only in so far as
they make them useful, that is, in so far as they turn them into
use-values."
["Dies Gemeinsame kann nicht eine geometrische, physikalische,
chemische oder sonstige natürliche Eigenschaft der Waren sein.
Ihre körperlichen Eigenschaften kommen überhaupt nur in Betracht,
soweit selbe sie nutzbar machen, also zu Gebrauchswerten."
(Ebenda, S. 51.)]
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1*) Maße: in "The Commonweal" deutsch - 2*) ebenso: Masse
#233# Wie man Marx nicht übersetzen soll
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Und er fährt fort:
"But it is the very act o f m a k i n g a b s t r a c t i o n
f r o m t h e i r u s e - v a l u e s which e v i d e n t l y
is the characteristic point of the exchange - r e l a t i o n
of commodities. W i t h i n t h i s r e l a t i o n, one use-
value is equivalent to any other, so long as it is provided in
s u f f i c i e n t proportion."
["Andererseits aber ist es grade die A b s t r a k t i o n
v o n i h r e n G e b r a u c h s w e r t e n, was das Aus-
tausch v e r h ä l t n i s der Waren a u g e n s c h e i n-
l i c h charakterisiert. I n n e r h a l b d e s s e l b e n
gilt ein Gebrauchswert grade soviel wie jeder andre, wenn er nur
in g e h ö r i g e r Proportion vorhanden ist." (Ebenda, S.
51/52.)]
Nun Herr Broadhouse:
"But on the other hand, it is precisely t h e s e u s e -
v a l u e s i n t h e a b s t r a c t which a p p a r e n t-
l y characterise the exchange-ratio of the commodities. I n
i t s e l f, one use-value is worth just as much as another if
it exists in the s a m e proportion."
["Aber andererseits sind es gerade d i e s e a b s t r a k-
t e n G e b r a u c h s w e r t e, die o f f e n s i c h t -
l i c h die Austauschproportion der Waren charakterisieren. A n
s i c h i s t ein Gebrauchswert genausoviel wert wie ein an-
derer, wenn er in der g l e i c h e n Proportion vorhanden
ist."]
Auf diese Weise läßt Herr Broadhouse, von kleineren Fehlern abge-
sehen, Marx genau das Gegenteil von dem sagen, was er wirklich
sagt. Bei Marx ist das Charakteristische des Austauschverhältnis-
ses von Waren die Tatsache, daß von ihren Gebrauchswerten völlig
abstrahiert wird, daß sie angesehen werden, als hätten sie über-
haupt keinen Gebrauchswert. Sein Dolmetscher läßt ihn sagen, daß
das Charakteristische der Austauschproportion (von der hier nicht
die Rede ist) genau ihr Gebrauchswert sei, nur "abstrakt" genom-
men! Und dann, einige Zeilen weiter, gibt er den Satz von Marx
wieder: "Als Gebrauchswerte sind die Waren vor allem verschiedner
Qualität, als Tauschwerte können sie nur verschiedner Quantität
sein, enthalten also kein Atom Gebrauchswert", weder abstrakten
noch konkreten. Wir dürfen wohl fragen: "Verstehest du auch, was
du liesest?"
Auf diese Frage kann man unmöglich bejahend antworten, wenn wir
feststellen, daß Herr Broadhouse dieselbe falsche Auffassung
ständig aufs neue wiederholt. Nach dem eben zitierten Satz fährt
Marx fort:
"Now, if we leave out of c o n s i d e r a t i o n" (that is,
make abstraction from) "the use-values of the commodities, there
remains t o t h e m but one property: that of being the pro-
ducts
["S i e h t m a n nun vom Gebrauchswert der Warenkörper ab"
(das heißt, davon abstrahieren), "so bleibt i h n e n nur noch
eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten.
#234# Wie man Marx nicht übersetzen soll
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of labour. But even this product of labour has already undergone
a change In our hands. If we make abstraction f r o m i t s
u s e - v a l u e, we also make abstraction f r o m t h e
b o d i l y c o m p o n e n t s and forms which m a k e i t
i n t o a use-value."
Jedoch ist uns auch das Arbeitsprodukt bereits in der Hand ver-
wandelt. Abstrahieren wir v o n s e i n e m G e b r a u c h s-
w e r t, so abstrahieren wir auch v o n d e n k ö r p e r-
l i c h e n B e s t a n d t e i l e n und Formen, die e s
z u m Gebrauchswert m a c h e n." (Ebenda, S. 52.)]
Dies wird von Herrn Broadhouse wie folgt englisch wiedergegeben:
"If we s e p a r a t e use-values f r o m the actual material
of the commodities, there remains" (where? with the use-values or
with the actual material?) "one property only, that of the pro-
duct of labour. But the product of labour is already transmuted
in our hands. If we abstract f r o m i t i t s u s e -
v a l u e, we a b s t r a c t a l s o t h e s t a m i n a
a n d f o r m which c o n s t i t u t e i t s use-value."
["Wenn wir Gebrauchswerte v o n dem wirklichen Material der Wa-
ren t r e n n e n, da bleibt" (wo? bei den Gebrauchswerten oder
bei dem wirklichen Material?) "nur eine Eigenschaft, die des Ar-
beitsprodukts. Aber das Arbeitsprodukt ist schon in unseren Hän-
den verwandelt. Wenn wir v o n i h m s e i n e n G e-
b r a u c h s w e r t abstrahieren, a b s t r a h i e r e n
wir a u c h s e i n e S u b s t a n z u n d d i e F o r m,
die seinen Gebrauchswert a u s m a c h e n."]
Marx wiederum:
"In the exchange-relation of commodities, their exchange-value
presented itself to us as something perfectly independent of
their use-values. Now, if we actually make abstraction f r o m
t h e u s e - v a l u e of the products of labour, we arrive at
their value, as p r e v i o u s l y determined by us."
["Im Austausch v e r h ä l t n i s der Waren selbst erschien
uns ihr Tauschwert als etwas von ihren Gebrauchswerten durchaus
Unabhängiges. Abstrahiert man nun wirklich v o m G e-
b r a u c h s w e r t der Arbeitsprodukte, so erhält man ihren
Wert, wie er e b e n bestimmt ward." (Ebenda, S. 53.)]
Das lautet bei Herrn Broadhouse wie folgt:
"In the exchange - r a t i o of commodities their exchange-va-
lue appears to us as something altogether independent of their
use-value. If we now in effect abstract t h e u s e - v a l u e
f r o m t h e l a b o u r - p r o d u c t s, we have their va-
lue as it is t h e n determined."
["In der Austausch p r o p o r t i o n von Waren erscheint uns
ihr Tauschwert als etwas von ihrem Gebrauchswert gänzlich Unab-
hängiges. Wenn wir nun tatsächlich d e n G e b r a u c h s-
w e r t v o n d e n A r b e i t s p r o d u k t e n abstra-
hieren, haben wir ihren Wert, wie er d a n n bestimmt wird."]
#235# Wie man Marx nicht übersetzen soll
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Darüber besteht kein Zweifel. Herr Broadhouse hat niemals von
irgendwelchen anderen Arten der Abstraktion als von dinglichen
gehört, wie etwa die Abstraktion von Geld aus einer Kasse oder
einem Safe. Abstraktion und Subtraktion gleichzusetzen, das ist
für einen Marx-Übersetzer unverzeihlich.
Noch ein Beispiel für die Verdrehung von deutschem Sinn in engli-
schen Unsinn. Eine der vortrefflichsten Untersuchungen von Marx
ist die Aufdeckung des Doppelcharakters der Arbeit. Die Arbeit,
als Erzeugerin von Gebrauchswert betrachtet, ist von anderem Cha-
rakter und hat andere Eigenschaften als dieselbe Arbeit, als Er-
zeugerin von Wert. Die eine ist Arbeit spezifischer Art: Spinnen,
Weben, Pflügen etc.; die andere ist der allen gemeinsame Charak-
ter der menschlichen produktiven Tätigkeit, die dem Spinnen, We-
ben, Pflügen etc. eigen ist und sie alle unter dem einen gemein-
samen Begriff Arbeit zusammenfaßt. Die eine ist konkrete, die an-
dere abstrakte Arbeit. Die eine ist Arbeit im technischen Sinn,
die andere im ökonomischen. Kurz - denn die englische Sprache
h a t Ausdrücke für beide - die eine ist w o r k zum Unter-
schied von labour; die andere l a b o u r zum Unterschied von
work. Nach dieser Analyse fährt Marx fort:
"Originally a commodity presented itself to us as something du-
plex: use-value and exchange-value. Further on we saw that la-
bour, too, as far as it is expressed in value, d o e s n o
l o n g e r p o s s e s s t h e s a m e c h a r a c t e r i-
s t i c s which belong to it in its capacity as a creator of
use-value."
["Ursprünglich erschien uns die Ware als ein Zwieschlächtiges,
Gebrauchswert und Tauschwert. Später zeigte sich, daß auch die
Arbeit, soweit sie im Wert ausgedrückt ist, n i c h t m e h r
d i e s e l b e n M e r k m a l e b e s i t z t, die ihr als
Erzeugerin von Gebrauchswerten zukommen." (Ebenda, S. 56.)]
Herr Broadhouse will unbedingt beweisen, daß er nicht ein Wort
der Marxschen Analyse verstanden hat, und übersetzt den obigen
Satz wie folgt:
"We saw the commodity at first as a c o m p o u n d of use-va-
lue and exchange-value. Then we saw that labour, so far as it is
expressed in value, o n l y p o s s e s s e s t h a t c h a-
r a c t e r s o f a r a s it is a generator of use-value."
["Wir sahen die Ware anfangs als eine Z u s a m m e n s e t-
z u n g von Gebrauchswert und Tauschwert. Dann sahen wir, daß
Arbeit, soweit sie in Wert ausgedrückt ist, n u r i n s o-
w e i t d i e s e n C h a r a k t e r b e s i t z t, als sie
Erzeugerin von Gebrauchswert ist."]
Wenn Marx "Weiß" sagt, sieht Herr Broadhouse nicht ein, warum er
nicht "Schwarz" übersetzen sollte.
#236# Wie man Marx nicht übersetzen soll
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Aber genug davon. Wir wollen zu etwas Amüsanterem kommen. Marx
sagt: "In der bürgerlichen Gesellschaft herrscht die f i c t i o
j u r i s 1*), daß jeder Mensch als Warenkäufer eine enzyklo-
pädische Warenkenntnis besitzt." Obgleich nun der Ausdruck Civil
Society 2*) durch und durch englisch ist und Fergusons "History
of Civil Society" mehr als hundert Jahre alt, ist Herr Broadhouse
diesem Ausdruck nicht gewachsen. Er übersetzt ihn mit "amongst
ordinary people" 3*) und verkehrt so den Satz in Unsinn. Denn es
sind genau die "ordinary people", die ständig darüber murren, daß
sie vom Kleinhändler betrogen werden etc., weil sie die Natur und
den Wert der Waren, die sie kaufen müssen, nicht kennen.
Die P r o d u k t i o n (H e r s t e l l u n g 4*)) eines Ge-
brauchswerts wird wiedergegeben durch "the e s t a b l i-
s h i n g of a use-value" 5*). Wenn Marx sagt: "Gelingt es, mit
wenig Arbeit Kohle in Diamant zu verwandeln, so kann sein Wert
unter den von Ziegelsteinen fallen." Herr Broadhouse, dem
anscheinend nicht bekannt ist, daß der Diamant eine allotropische
Form des Kohlenstoffs ist, verwandelt K o h l e in K o k s.
Ähnlich verwandelt er die "total yield of the Brazilian diamond
mines" 6*) in "the e n t i r e p r o f i t s of the whole
yield" 7*). "The primitive communities of India" 8*) werden unter
seinen Händen "v e n e r a b l e communities" 9*).
Marx sagt:
"In the use-value of a commodity is contained" (s t e c k t,
which had better be translated: For the production of the use-va-
lue of a commodity there nas been spent) "a c e r t a i n
p r o d u c t i v e a c t i v i t y, adapted to the peculiar
purpose, or a certain useful labour."
["In dem Gebrauchswert jeder Ware steckt" (s t e c k t, was man
besser übersetzen sollte: Für die Produktion des Gebrauchswerts
einer Ware ist verausgabt worden) "eine b e s t i m m t e
z w e c k m ä ß i g p r o d u k t i v e T ä t i g k e i t
o d e r nützliche Arbeit."] (Ebenda, S. 57.)]
Herr Broadhouse muß sagen:
"In the use-value of a commodity is contained a certain
q u a n t i t y o f p r o d u c t i v e p o w e r or useful
labour",
["In dem Gebrauchswert einer Ware steckt eine bestimmte
M e n g e P r o d u k t i v k r a f t oder nützliche Arbeit"]
und verkehrt so nicht nur Qualität in Quantität, sondern produk-
tive Tätigkeit, die verausgabt wurde, in Produktivkraft, die erst
verausgabt werden soll.
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1*) Rechtsfiktion - 2*) bürgerliche Gesellschaft - 3*) "unter ge-
wöhnlichen Menschen" - 4*) Herstellung: in "The Commonweal"
deutsch - 5*) "die Festsetzung eines Gebrauchswerts" - 6*) "Ge-
samtausbeute der brasilischen Diamantgruben" - 7*) "die Gesamt-
profite der ganzen Ausbeute" - 8*) "Die altindischen Gemeinden" -
9*) "ehrwürdige Gemeinden"
#237# Wie man Marx nicht übersetzen soll
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Aber genug. Ich könnte das Zehnfache der angeführten Beispiele
bringen, um zu zeigen, daß Herr Broadhouse in keiner Hinsicht ein
zum Übersetzen von Marx fähiger und geeigneter Mann ist, und be-
sonders deshalb, weil er überhaupt nicht zu wissen scheint, was
wirklich gewissenhafte wissenschaftliche Arbeit ist. *)
Friedrich Engels
Geschrieben Oktober 1885.
Nach: "The Commonweal", Vol. I, Nr. 10 vom November 1885.
Aus dem Englischen.
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*) Aus dem Obengesagten ist ersichtlich, daß "Das Kapital" nicht
zu den Büchern gehört, die auf Vertragsbasis übersetzt werden
können. Die Übersetzungsarbeit liegt in den besten Händen; jedoch
ist es den Übersetzern nicht möglich, ihre gesamte Zeit darauf zu
verwenden. Das sind die Ursachen für die Verzögerung der Heraus-
gabe. Aber wenn auch der genaue Zeitpunkt des Erscheinens nicht
angegeben werden kann, so dürfen wir mit Gewißheit sagen, daß
sich die englische Ausgabe im Laufe des nächsten Jahres in den
Händen des Publikums befinden wird.
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