Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889


       zurück

       #250#
       -----
       Anhang [zur amerikanischen Ausgabe der
       "Lage der arbeitenden Klasse in England"] [236]
       
       Das Buch,  das hiemit dem englisch sprechenden Publikum in seiner
       eigenen Sprache zugänglich gemacht wird, wurde vor mehr als vier-
       zig Jahren  geschrieben. Damals  war der Verfasser jung, vierund-
       zwanzig Jahre  alt, und sein Werk trägt den Stempel seiner Jugend
       im guten wie im schlechten, wessen er sich keineswegs schämt. Daß
       es jetzt  ins Englische  übersetzt wird, ist keineswegs auf seine
       Initiative zurückzuführen.  Dennoch möge  ihm gestattet sein, ei-
       nige Worte  zu sagen,  "seine Gründe  anzugeben", warum  es nicht
       verhindert werden  soll, daß  diese  Übersetzung  das  Tageslicht
       erblickt.
       Der in diesem Buch beschriebne Stand der Dinge gehört heute - was
       England angeht  - größtenteils der Vergangenheit an. Obwohl nicht
       ausdrücklich in  unseren anerkannten  Lehrbüchern mit aufgezählt,
       ist es doch ein Gesetz der modernen politischen Ökonomie, daß, je
       mehr die kapitalistische Produktion sich ausbildet, desto weniger
       sie bestehn  kann bei den kleinen Praktiken der Prellerei und Mo-
       gelei, die  ihre früheren  Stufen kennzeichnen.  Die  kleinlichen
       Schlaumeiereien des  polnischen Juden, des Repräsentanten des eu-
       ropäischen Handels  auf seiner  niedrigsten Stufe,  diese  selben
       Pfiffe, die  ihm in seiner eignen Heimat so vortreffliche Dienste
       leisten und dort allgemein angewandt werden, lassen ihn im Stich,
       sobald er nach Hamburg oder Berlin kommt. Desgleichen erkennt der
       Kommissionär, Jude  oder Christ,  der  von  Berlin  oder  Hamburg
       kommt, nachdem  er einige Monate lang an der Börse von Manchester
       verkehrt hat,  daß er,  um Garn  oder Gewebe  wohlfeil zu kaufen,
       sich vor  allem jener,  um ein  geringes verfeinerten, aber immer
       noch jammervollen  Manöver und  Kniffe entledigen  müsse, die  in
       seiner Heimat  für die Spitze aller Geschäftsklugheit galten. Und
       in der Tat, diese Kniffe bezahlen sich nicht mehr in einem großen
       Markt, wo  Zeit Geld ist und wo eine gewisse Höhe der kommerziel-
       len Moralität sich unvermeidlich entwickelt, einfach, um Zeit und
       Mühe nicht nutzlos zu
       
       #251# Anhang zur amerik. Ausg. der "Lage der arbeitenden Klasse..
       -----
       verlieren. Und  genauso steht es mit dem Verhältnis des Fabrikan-
       ten zu  seinen Arbeitern.  Die Abschaffung der Korngesetze [163],
       die Entdeckung  der kalifornischen  und australischen Goldfelder,
       die fast völlige Verdrängung der einheimischen Handweberei in In-
       dien, das  zunehmende Eindringen  in den  chinesischen Markt, das
       unerhört schnelle  Wachstum der  Eisenbahnlinien und  der  Dampf-
       schiffahrt auf  der ganzen Welt und andere weniger bedeutende Ur-
       sachen ermöglichten der englischen Fabrikindustrie eine so kolos-
       sale Entwicklung,  daß uns  der Stand  von 1844  heute  als  ver-
       gleichsweise unbedeutend und fast waldursprünglich erscheint. Und
       in demselben Grad aber, worin dieser Fortschritt sich darstellte,
       in demselben  Grad wurde  auch die  große Industrie,  dem äußeren
       Scheine nach,  moralisch. Die  Konkurrenz von Fabrikant gegen Fa-
       brikant, vermittelst  kleiner Diebstähle an den Arbeitern, zahlte
       sich nicht  mehr. Das Geschäft war solchen miserablen Mitteln des
       Geldverdienens entwachsen, für den fabrizierenden Millionär lohn-
       ten sich  derlei  kleinliche  Kniffe  nicht.  So  etwas  war  gut
       höchstens für  kleine geldbedürftige  Leute, die  jeden  Groschen
       aufschnappen mußten,  wollten sie  nicht der Konkurrenz erliegen.
       So verschwand das Trucksystem, die Zehnstundenbill [237] und eine
       ganze Reihe  kleinerer Reformen ging durch - alles Dinge, die dem
       Geist des  Freihandels und  der zügellosen  Konkurrenz direkt ins
       Gesicht schlugen,  die aber ebensosehr die Konkurrenz des Riesen-
       kapitalisten gegen  seine weniger  begünstigten Geschäftskollegen
       noch überlegner  machten. Ferner. Je größer eine industrielle An-
       lage, je  zahlreicher ihre Arbeiter, um so größer war der Schaden
       und der  Geschäftsverdruß bei  jedem Konflikt zwischen dem Fabri-
       kanten und  den Arbeitern. Daher kam mit der Zeit ein neuer Geist
       über die Fabrikanten, namentlich über die großen. Sie lernten un-
       nötige Streitereien vermeiden, sich mit dem Bestand und der Macht
       der Trades  Unions abfinden,  und schließlich  sogar in Strikes -
       wenn nur  zur richtigen  Zeit eingeleitet  - ein wirksames Mittel
       entdecken zur  Durchführung ihrer  eignen Zwecke.  So kam es, daß
       die größten Fabrikanten, früher die Heerführer im Kampf gegen die
       Arbeiterklasse, jetzt  die ersten  waren im Aufruf zu Frieden und
       Harmonie. Und  aus sehr guten Gründen. Alle diese Konzessionen an
       die Gerechtigkeit  und Menschenliebe  waren eben  in Wirklichkeit
       nur Mittel,  die Konzentration des Kapitals in den Händen weniger
       zu beschleunigen,  für die die kleinen Nebenerpressungen früherer
       Jahre alle Wichtigkeit verloren hatten, und jetzt geradezu im Weg
       waren; Mittel,  um schneller  und sicherer ihre kleineren Konkur-
       renten zu  erdrücken, die ohne solchen Extraverdienst nicht leben
       konnten. Und  so hat die Entwicklung der kapitalistischen Produk-
       tion allein  hingereicht, wenigstens  in den leitenden Industrie-
       zweigen - denn
       
       #252# Anhang zur amerik. Ausg. der "Lage der arbeitenden Klasse..
       -----
       in den weniger wichtigen ist dies keineswegs der Fall - alle jene
       kleineren Beschwerden  zu beseitigen,  die in  frühern Jahren das
       Los des  Arbeiters verschlimmerten. Und so tritt mehr und mehr in
       den Vordergrund  die große  Haupttatsache, daß  die  Ursache  des
       Elends der  Arbeiterklasse zu  suchen ist nicht in jenen kleinern
       Übelständen, sondern im kapitalistischen System selbst. Der Lohn-
       arbeiter verkauft  dem Kapitalisten  seine Arbeitskraft  für eine
       gewisse tägliche  Summe. Nach  der Arbeit  weniger Stunden hat er
       den Wert  jener Summe reproduziert. Aber sein Arbeitsvertrag lau-
       tet dahin,  daß er  nun noch eine weitere Reihe von Stunden fort-
       schanzen muß,  um seinen Arbeitstag voll zu machen. Der Wert nun,
       den er  in diesen zusätzlichen Stunden der Mehrarbeit produziert,
       ist Mehrwert,  der dem  Kapitalisten nichts kostet, trotzdem aber
       in seine  Tasche fließt.  Dies ist die Grundlage des Systems, das
       mehr und  mehr die  zivilisierte Gesellschaft spaltet, einerseits
       in einige  wenige Vanderbilts,  die Eigner aller Produktions- und
       Unterhaltsmittel, und  andrerseits in  eine ungeheure  Menge  von
       Lohnarbeitern, Eigner  von nichts als ihrer Arbeitskraft. Und daß
       dies Ergebnis  geschuldet ist nicht diesem oder jenem untergeord-
       neten Beschwerdepunkt,  sondern einzig  dem System selbst - diese
       Tatsache ist  durch die  Entwicklung des  Kapitalismus in England
       seit 1847 heute ins grellste Licht gestellt.
       Ferner. Die  wiederholten Heimsuchungen  durch  Cholera,  Typhus,
       Pocken und  andre Epidemien  haben dem  britischen Bourgeois  die
       dringende Notwendigkeit  eingetrichtert, seine  Städte gesund  zu
       machen, falls  er nicht mit Familie diesen Seuchen zum Opfer fal-
       len will.  Demgemäß sind die in diesem Buch beschriebenen schrei-
       endsten Mißstände heute beseitigt oder doch weniger auffällig ge-
       macht. Die  Kanalisation ist  eingeführt oder  verbessert, breite
       Straßenzüge sind  quer durch  viele der  schlechtesten unter  den
       "schlechten  Vierteln",  die  ich  beschreiben  mußte,  angelegt.
       "Kleinirland"  ist  verschwunden,  und  die  "Seven-Dials"  [238]
       kommen demnächst an die Reihe. Aber was heißt das? Ganze Bezirke,
       die ich  1844 noch  als fast  idyllisch  schildern  konnte,  sind
       jetzt, mit  dem Anwachsen  der Städte, herabgefallen in denselben
       Stand des  Verfalls, der Unwohnlichkeit, des Elends. Die Schweine
       und  die   Abfallhaufen  duldet  man  freilich  nicht  mehr.  Die
       Bourgeoisie hat  weitere Fortschritte  gemacht in  der Kunst, das
       Unglück der  Arbeiterklasse  zu  verbergen.  Daß  aber,  was  die
       Arbeiterwohnungen   angeht,    kein   wesentlicher    Fortschritt
       stattgefunden hat,  beweist vollauf  der Bericht  der königlichen
       Kommission "on the Housing of the Poor" 1*), 1885. [239] Und
       -----
       1*) "über die Behausungen der Armen"
       
       #253# Anhang zur amerik. Ausg. der "Lage der arbeitenden Klasse..
       -----
       ebenso in allem andern. Polizeiverordnungen sind so häufig gewor-
       den wie  Brombeeren; sie  können aber  nur das Elend der Arbeiter
       einhegen, beseitigen können sie es nicht.
       Während aber  England dem  von mir  geschilderten Jugendstand der
       kapitalistischen Ausbeutung  entwachsen ist,  haben andre  Länder
       ihn eben  erst erreicht.  Frankreich, Deutschland  und vor  allem
       Amerika sind  die drohenden Rivalen, die, wie ich 1844 vorhersah,
       mehr und  mehr Englands industrielles Monopol brechen. Ihre Indu-
       strie ist  jung gegen  die englische,  aber sie  wächst mit  weit
       größrer Geschwindigkeit  als  diese  und  ist  erstaunlicherweise
       heute so  ziemlich auf  derselben  Entwicklungsstufe  angekommen,
       worauf die  englische 1844  stand. Mit  Beziehung auf Amerika ist
       die Parallele  besonders frappant.  Allerdings  sind  die  äußern
       Umgebungen für die amerikanische Arbeiterklasse sehr verschieden,
       aber dieselben  ökonomischen Gesetze  sind an der Arbeit, und die
       Ergebnisse, wenn  nicht in jeder Beziehung identisch, müssen doch
       derselben  Ordnung   angehören.  Daher   finden  wir  in  Amerika
       dieselben Kämpfe  für einen kürzeren, gesetzlich festzustellenden
       Arbeitstag, besonders  für Frauenbund  Kinder  in  Fabriken;  wir
       finden das  Trucksystem in  voller Blüte  und  das  Cottagesystem
       [240], in  ländlichen Gegenden,  von den "bosses" ausgebeutet als
       Mittel der  Arbeiterbeherrschung. Grade  habe  ich  die  amerika-
       nischen Zeitungen mit Berichten über den großen Strike der 12 000
       pennsylvanischen Bergleute im Distrikt von Connellsville erhalten
       und es  kommt mir  vor, als  läse ich meine eigne Schilderung des
       Ausstands der  Kohlengräber in  Nordengland 1844.  [241] Dieselbe
       Prellerei der  Arbeiter durch falsches Maß; dasselbe Trucksystem;
       derselbe Versuch, den Widerstand der Grubenleute zu brechen durch
       das letzte  zermalmende Mittel  des Kapitalisten;  die Ausweisung
       der Arbeiter  aus ihren  Wohnungen, die  der Zechenverwaltung ge-
       hören.
       Es gab  zwei Umstände,  die viele  Jahre  verhinderten,  daß  die
       unvermeidlichen Konsequenzen des kapitalistischen Systems in Ame-
       rika voll  ans Tageslicht  kamen. Diese bestanden in dem leichten
       Erwerb von billigem Land und in der starken Einwanderung. Sie er-
       laubten es lange Zeit der großen Masse der einheimischen amerika-
       nischen Bevölkerung,  sich in  jüngeren Jahren von der Lohnarbeit
       "zurückzuziehen" und  Farmer, Händler oder Arbeitgeber zu werden,
       während die harte Lohnarbeit, die Stellung eines lebenslänglichen
       Proletariers, hauptsächlich  den Einwanderern verblieb. Doch Ame-
       rika ist  diesem Jugendstand entwachsen. Die unendlichen Urwälder
       sind verschwunden  und die  noch unendlicheren  Prärien gehen ra-
       scher und  rascher aus  den Händen des Staates und der Staaten in
       die von
       
       #254# Anhang zur amerik. Ausg. der "Lage der arbeitenden Klasse..
       -----
       Privateigentümern. Das  große Sicherheitsventil gegen die Bildung
       einer permanenten  proletarischen Klasse hat - praktisch genommen
       - zu  wirken aufgehört.  Zur Zeit  besteht in Amerika eine Klasse
       lebenslänglicher und  selbst erblicher  Proletarier. Eine  Nation
       von 60  Millionen, die  hart und  mit nicht geringer Aussicht auf
       Erfolg darum  kämpft, die  führende Industrienation  der Welt  zu
       werden, kann  nicht ständig ihre eigene Lohnarbeiterklasse impor-
       tieren; selbst  dann nicht,  wenn eine  halbe Million Einwanderer
       pro Jahr  in das  Land strömen.  Die Tendenz des kapitalistischen
       Systems, die  Gesellschaft endgültig  in zwei Klassen zu spalten,
       mit einigen  wenigen Millionären  auf der  einen und  der  großen
       Masse der bloßen Lohnarbeiter auf der andern Seite, diese Tendenz
       wirkt, obwohl sich ihr ständig andere soziale Kräfte hemmend ent-
       gegenstellen, nirgends mit größerer Macht als in Amerika; und das
       Ergebnis war  das Hervorbringen einer Klasse einheimischer ameri-
       kanischer Lohnarbeiter,  die in  der Tat, verglichen mit den Ein-
       wanderern, die  Aristokratie der  Lohnarbeiterklasse bildet,  die
       aber mit  jedem Tag  sich mehr und mehr ihrer Solidarität mit den
       Einwanderern bewußt wird und die nun um so stärker ihre Verurtei-
       lung zu  lebenslanger Lohnsklaverei  erkennt, weil die Erinnerung
       an vergangene  Tage; als es verhältnismäßig einfach war, eine hö-
       here gesellschaftliche  Ebene zu erreichen, in ihr noch wach ist.
       Demgemäß hat  sich in Amerika die Bewegung der Arbeiterklasse mit
       wahrhaft amerikanischer  Energie in  Marsch gesetzt,  und da sich
       auf der  anderen Seite  des Atlantik  die Dinge mit zumindest der
       doppelten Geschwindigkeit  entwickeln als  in Europa, könnten wir
       es noch erleben, daß Amerika auch in dieser Beziehung die Führung
       an sich reißt.
       Ich habe  in dieser Übersetzung nicht versucht, das Buch dem heu-
       tigen Stand  der Dinge anzupassen, d.h. die seit 1844 eingetrete-
       nen Änderungen  im einzelnen aufzuzählen. Und zwar aus zwei Grün-
       den. Erstens hätte ich, um es gründlich zu machen, den Umfang des
       Buches verdoppeln  müssen, und  dazu kam  mir die  Übersetzung zu
       plötzlich, als  daß ich mich einer solchen Arbeit hätte unterzie-
       hen können.  Und zweitens  gibt  der  erste  Band  des  Marxschen
       "Kapital" - eine englische Übersetzung wird in Kürze erscheinen -
       eine ausführliche  Darstellung der  Lage der britischen Arbeiter-
       klasse für  die Zeit  von etwa 1865, d.h. die Zeit, wo die briti-
       sche industrielle  Prosperität  ihren  Höhepunkt  erreichte.  Ich
       hätte also  das wiederholen  müssen, was schon in Marx' berühmtem
       Werk gesagt worden ist.
       Es wird  wohl kaum  nötig sein  zu bemerken,  daß  der  allgemein
       theoretische Standpunkt dieses Buchs - in philosophischer, ökono-
       mischer und  politischer Beziehung  - sich keineswegs genau deckt
       mit meinem  heutigen Standpunkt. Im Jahre 1844 existierte der mo-
       derne internationale Sozialismus
       
       #255# Anhang zur amerik. Ausg. der "Lage der arbeitenden Klasse..
       -----
       mus noch  nicht, der  seitdem, vor  allem und fast ausschließlich
       durch die  Leistungen von Marx, zu einer Wissenschaft ausgebildet
       worden. Mein  Buch repräsentiert  nur eine  der Phasen seiner em-
       bryonalen Entwicklung.  Und wie  der menschliche Embryo in seinen
       frühesten Entwicklungsstufen  die Kiemenbögen  unserer Vorfahren,
       dar Fische,  noch immer reproduziert, so verrät dies Buch überall
       die Spuren der Abstammung des modernen Sozialismus von einem sei-
       ner Vorfahren - der deutschen Philosophie. So wird großes Gewicht
       gelegt auf  die Behauptung,  daß der Kommunismus nicht eine bloße
       Parteidoktrin der Arbeiterklasse ist, sondern eine Theorie, deren
       Endziel ist  die Befreiung  der gesamten  Gesellschaft, mit  Ein-
       schluß der  Klasse der Kapitalisten, aus den gegenwärtigen einen-
       genden Verhältnissen.  Dies ist  in abstraktem Sinn richtig, aber
       in der  Praxis meist schlimmer als nutzlos. Solange die besitzen-
       den Klassen  nicht nur  kein Bedürfnis  verspüren nach Befreiung,
       sondern auch  der Selbstbefreiung der Arbeiterklasse sich mit al-
       len Kräften widersetzen, solange wird die Arbeiterklasse nun ein-
       mal genötigt  sein, die  soziale Umwälzung allein einzuleiten und
       durchzuführen. Die  französischen Bourgeois  von  1789  erklärten
       auch die  Befreiung der  Bourgeoisie für die Emanzipation des ge-
       samten Menschengeschlechts;  Adel und  Geistlichkeit wollten  das
       aber nicht  einsehn; die  Behauptung -  obwohl damals, soweit der
       Feudalismus dabei  in Betracht  kam, eine  abstrakte, historische
       Wahrheit -  artete bald  aus in  pure sentimentale  Redensart und
       verduftete gänzlich  im Feuer  des revolutionären Kampfs. Heutzu-
       tage gibt  es  auch  Leute  genug,  die  den  Arbeitern  von  der
       Unparteilichkeit ihres höheren Standpunkts einen über allen Klas-
       sengegensätzen und  Klassenkämpfen erhabenen Sozialismus predigen
       und danach  streben, in einer höheren Menschlichkeit die Interes-
       sen beider  widerstreitenden Klassen  zu versöhnen  - aber  diese
       Leute sind  entweder Neulinge,  die noch massenhaft zu lernen ha-
       ben, oder  aber die  schlimmsten Feinde  der Arbeiter,  Wölfe  im
       Schafspelz.
       Im Text  wird die Kreislaufsperiode der großen industriellen Kri-
       sen auf  fünf Jahre  angegeben. Dies  war die Zeitbestimmung, die
       sich aus  dem Gang der Ereignisse von 1825 bis 1842 scheinbar er-
       gab. Die  Geschichte der Industrie von 1842 bis 1868 hat aber be-
       wiesen, daß  die wirkliche  Periode eine zehnjährige ist; daß die
       Zwischenkrisen sekundärer  Natur waren  und mehr  und  mehr  ver-
       schwunden sind. Seit 1868 hat sich die Sachlage wieder verändert;
       darüber weiter unten.
       Ich habe  mir nicht  einfallen lassen,  aus dem  Text die  vielen
       Prophezeiungen zu  streichen, namentlich nicht die einer nahe be-
       vorstehenden Revolution  in England,  wie meine jugendliche Hitze
       sie mir damals eingab.
       
       #256# Anhang zur amerik. Ausg. der "Lage der arbeitenden Klasse..
       -----
       Das wunderbare  ist, nicht,  daß so  viele dieser  Prophezeiungen
       fehlgingen, sondern,  daß so  viele eingetroffen sind und daß die
       kritische Lage  der englischen  Industrie, infolge  deutscher und
       namentlich amerikanischer Konkurrenz, die ich damals in einer al-
       lerdings viel zu nahen Zukunft voraussah, seitdem wirklich einge-
       treten ist.  In Beziehung  auf diesen  Punkt ist es mir möglich -
       und bin  ich dazu verpflichtet -, das Buch mit dem heutigen Stand
       der Dinge  in Einklang  zu bringen.  Ich tue  es, indem  ich hier
       einen Artikel reproduziere, der in der Londoner - Commonweal" vom
       1. März  1885  unter  dem  Titel  "England  1845  und  1885"  1*)
       erschien...
       London, 25. Februar 1886
       Friedrich Engels
       Nach: Friedrich Engels, "The Condition of the
       Working Class in England in 1844", New York 1887.
       
       Aus dem Englischen.
       -----
       1*) Siehe vorl. Band, S. 191-197
       

       zurück