Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889
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I
Vorgeschichtliche Kulturstufen
Morgan ist der erste, der mit Sachkenntnis eine bestimmte Ordnung
in die menschliche Vorgeschichte zu bringen versucht; solange
nicht bedeutend erweitertes Material zu Änderungen nötigt, wird
seine Gruppierung wohl in Kraft bleiben.
Von den drei Hauptepochen: Wildheit, Barbarei, Zivilisation
beschäftigen ihn selbstredend nur die ersten zwei und der Über-
gang zur dritten. Jede der beiden teilt er ein in eine untere,
mittlere und obere Stufe, je nach den Fortschritten der Produk-
tion der Lebensmittel; denn, sagt er:
"Die Geschicklichkeit in dieser Produktion ist entscheidend für
den Grad menschlicher Überlegenheit und Naturbeherrschung; von
allen Wesen hat nur der Mensch es bis zu einer fast unbedingten
Herrschaft über die Erzeugung von Nahrungsmitteln gebracht. Alle
großen Epochen menschlichen Fortschritts fallen, mehr oder weni-
ger direkt, zusammen mit Epochen der Ausweitung der Unterhalts-
quellen." [28]
Die Entwicklung der Familie geht daneben, bietet aber keine so
schlagenden Merkmale zur Trennung der Perioden.
1. Wildheit
1. U n t e r s t u f e. Kindheit des Menschengeschlechts, das,
wenigstens teilweise, auf Bäumen lebend, wodurch allein sein
Fortbestehn gegenüber großen Raubtieren erklärlich, noch in sei-
nen ursprünglichen Sitzen, tropischen oder subtropischen Wäldern
sich aufhielt. Früchte, Nüsse, Wurzeln dienten zur Nahrung; die
Ausbildung artikulierter Sprache ist Hauptergebnis dieser Zeit.
Von allen Völkern, die innerhalb der geschichtlichen Periode be-
kannt geworden sind, gehörte kein einziges mehr diesem Urzustand
an. So lange Jahrtausende er auch gedauert haben mag, so wenig
#31# 1. Vorgeschichtliche Kulturstufen
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können wir ihn aus direkten Zeugnissen beweisen; aber die Abstam-
mung des Menschen aus dem Tierreich einmal zugegeben, wird die
Annahme dieses Übergangs unumgänglich.
2. M i t t e l s t u f e. Beginnt mit der Verwertung von Fi-
schen (wozu wir auch Krebse, Muscheln und andere Wassertiere zäh-
len) zur Nahrung und mit dem Gebrauch des Feuers. Beides gehört
zusammen, da Fischnahrung erst vermittelst des Feuers vollständig
vernutzbar wird. Mit dieser neuen Nahrung aber wurden die Men-
schen unabhängig von Klima und Lokalität; den Strömen und Küsten
folgend, konnten sie selbst im wilden Zustand sich über den größ-
ten Teil der Erde ausbreiten. Die roh gearbeiteten, unge-
schliffenen Steinwerkzeuge des früheren Steinalters, die soge-
nannten paläolithischen, die ganz oder größtenteils in diese Pe-
riode fallen, sind in ihrer Verbreitung über alle Kontinente Be-
weisstücke dieser Wanderungen. Die neubesetzten Zonen wie der un-
unterbrochen tätige Findungstrieb, verbunden mit dem Besitz des
Reibfeuers, brachten neue Nahrungsmittel auf; so stärkmehlhaltige
Wurzeln und Knollen, in heißer Asche oder in Backgruben (Erdöfen)
gebacken; so Wild, das mit Erfindung der ersten Waffen, Keule und
Speer, gelegentliche Zugabe zur Kost wurde. Ausschließliche Jä-
gervölker, wie sie in den Büchern figurieren, d.h. solche, die
nur von der Jagd leben, hat es nie gegeben; dazu ist der Ertrag
der Jagd viel zu ungewiß. Infolge andauernder Unsicherheit der
Nahrungsquellen scheint auf dieser Stufe die Menschenfresserei
aufzukommen, die sich von jetzt an lange erhält. Die Australier
und viele Polynesier stehn noch heute auf dieser Mittelstufe der
Wildheit.
3. O b e r s t u f e. Beginnt mit der Erfindung von Bogen und
Pfeil, wodurch Wild regelmäßiges Nahrungsmittel, Jagd einer der
normalen Arbeitszweige wurde. Bogen, Sehne und Pfeil bilden schon
ein sehr zusammengesetztes Instrument, dessen Erfindung lange,
gehäufte Erfahrung und geschärfte Geisteskräfte voraussetzt, also
auch die gleichzeitige Bekanntschaft mit einer Menge andrer Er-
findungen. Vergleichen wir die Völker, die zwar Bogen und Pfeil
kennen, aber noch nicht die Töpferkunst (von der Morgan den Über-
gang in die Barbarei datiert), so finden wir in der Tat bereits
einige Anfänge der Niederlassung in Dörfern, eine gewisse Beherr-
schung der Produktion des Lebensunterhalts, hölzerne Gefäße und
Geräte, Fingerweberei (ohne Webstuhl) mit Fasern von Bast, ge-
flochtene Körbe von Bast oder Schilf, geschliffene (neolithische)
Stein Werkzeuge. Meist auch hat Feuer und Steinaxt bereits das
Einbaum-Boot und stellenweise Balken und Bretter zum Hausbau ge-
liefert. Alle diese Fortschritte finden wir z.B. bei den nord-
westlichen Indianern Amerikas, die zwar Bogen und Pfeil, aber
nicht die
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Töpferei kennen. Für die Wildheit war Bogen und Pfeil, was das
eiserne Schwert für die Barbarei und das Feuerrohr für die Zivi-
lisation: die entscheidende Waffe.
2. Barbarei
1. U n t e r s t u f e. Datiert von der Einführung der Töpfe-
rei. Diese ist nachweislich in vielen Fällen und wahrscheinlich
überall entstanden aus der Überdeckung geflochtener oder hölzer-
ner Gefäße mit Lehm, um sie feuerfest zu machen; wobei man bald
fand, daß der geformte Lehm auch ohne das innere Gefäß den Dienst
leistete.
Bisher konnten wir den Gang der Entwicklung ganz allgemein, als
gültig für eine bestimmte Periode aller Völker, ohne Rücksicht
auf die Lokalität, betrachten. Mit dem Eintritt der Barbarei aber
haben wir eine Stufe erreicht, worauf sich die verschiedne Natur-
begabung der beiden großen Erdkontinente geltend macht. Das cha-
rakteristische Moment der Periode der Barbarei ist die Zähmung
und Züchtung von Tieren und die Kultur von Pflanzen. Nun besaß
der östliche Kontinent, die sog. Alte Welt, fast alle zur Zähmung
tauglichen Tiere und alle kulturfähigen Getreidearten außer ei-
ner; der westliche, Amerika, von zähmbaren Säugetieren nur das
Lama, und auch dies nur in einem Teil des Südens, und von allen
Kulturgetreideft nur eins, aber das beste: den Mais. Diese ver-
schiednen Naturbedingungen bewirken, daß von nun an die Bevölke-
rung jeder Halbkugel ihren besondern Gang geht, und die Mark-
steine an den Grenzen der einzelnen Stufen in jedem der beiden
Fälle verschieden sind.
2. M i t t e l s t u f e. Beginnt im Osten mit der Zähmung von
Haustieren, im Westen mit der Kultur von Nährpflanzen mittelst
Berieselung und dem Gebrauch von Adoben (an der Sonne getrockne-
ten Ziegeln) und Stein zu Gebäuden.
Wir beginnen mit dem Westen, da hier diese Stufe bis zur europäi-
schen Eroberung nirgends überschritten wurde.
Bei den Indianern der Unterstufe der Barbarei (wozu alle östlich
des Mississippi gefundnen gehörten) bestand zur Zeit ihrer Ent-
deckung schon eine gewisse Gartenkultur von Mais und vielleicht
auch Kürbissen, Melonen und andern Gartengewächsen, die einen
sehr wesentlichen Bestandteil ihrer Nahrung lieferte; sie wohnten
in hölzernen Häusern, in verpalisadierten Dörfern. Die nordwest-
lichen Stämme, besonders die im Gebiet des Kolumbiaflusses, stan-
den noch auf der Oberstufe der Wildheit und kannten weder Töpfe-
rei noch Pflanzenkultur irgendeiner Art. Die Indianer der
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sog. Pueblos [29] in Neu-Mexiko dagegen, die Mexikaner, Zentral-
Amerikaner und Peruaner zur Zeit der Eroberung standen auf der
Mittelstufe der Barbarei; sie wohnten in festungsartigen Häusern
von Adoben oder Stein, bauten Mais und andre nach Lage und Klima
verschiedne Nährpflanzen in künstlich berieselten Gärten, die die
Hauptnahrungsquelle lieferten, und hatten sogar einige Tiere ge-
zähmt - die Mexikaner den Truthahn und andre Vögel, die Peruaner
das Lama. Dazu kannten sie die Verarbeitung der Metalle - mit
Ausnahme des Eisens, weshalb sie noch immer der Steinwaffen und
Steinwerkzeuge nicht entbehren konnten. Die spanische, Eroberung
schnitt dann alle weitere selbständige Entwicklung ab.
Im Osten begann die Mittelstufe der Barbarei mit der Zähmung
milch- und fleischgebender Tiere, während Pflanzenkultur hier
noch bis tief in diese Periode unbekannt geblieben zu sein
scheint. Die Zähmung und Züchtung von Vieh und die Bildung größe-
rer Herden scheinen den Anlaß gegeben zu haben zur Aussonderung
der Arier und Semiten aus der übrigen Masse der Barbaren. Den eu-
ropäischen und asiatischen Ariern sind die Viehnamen noch gemein-
sam, die der Kulturpflanzen aber fast gar nicht.
Die Herdenbildung führte an geeigneten Stellen zum Hirtenleben;
bei den Semiten in den Grasebenen des Euphrat und Tigris, bei den
Ariern in denen Indiens, des Oxus und Jaxartes, des Don und
Dnjepr. An den Grenzen solcher Weideländer muß die Zähmung des
Viehs zuerst vollführt worden sein. Den späteren Geschlechtern
erscheinen so die Hirtenvölker als aus Gegenden stammend, die,
weit entfernt, die Wiege des Menschengeschlechts zu sein, im Ge-
genteil für ihre wilden Vorfahren und selbst für Leute der Unter-
stufe der Barbarei fast unbewohnbar waren. Umgekehrt, sobald
diese Barbaren der Mittelstufe einmal an Hirtenleben gewöhnt,
hätte es ihnen nie einfallen können, freiwillig aus den grastra-
genden Stromebenen in die Waldgebiete zurückzukehren, in denen
ihre Vorfahren heimisch gewesen. Ja selbst als sie weiter nach
Norden und Westen gedrängt wurden, war es den Semiten und Ariern
unmöglich, in die westasiatischen und europäischen Waldgegenden
zu ziehn, ehe sie durch Getreidebau in den Stand gesetzt wurden,
ihr Vieh auf diesem weniger günstigen Boden zu ernähren und be-
sonders zu überwintern. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß der
Getreidebau hier zuerst aus dem Futterbedürfnis fürs Vieh ent-
sprang und erst später für menschliche Nahrung wichtig wurde.
Der reichlichen Fleisch- und Milchnahrung bei Ariern und Semiten,
und besonders ihrer günstigen Wirkung auf die Entwicklung der
Kinder, ist vielleicht die überlegne Entwicklung beider Racen zu-
zuschreiben. In der Tat haben die Pueblos-Indianer von Neu-Me-
xiko, die auf fast reine
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Pflanzenkost reduziert sind, ein kleineres Gehirn als die mehr
fleisch- und fischessenden Indianer der niedern Stufe der Bar-
barei. Jedenfalls verschwindet auf dieser Stufe allmählich die
Menschenfresserei und erhält sich nur als religiöser Akt oder,
was hier fast identisch, als Zaubermittel.
3. O b e r s t u f e. Beginnt mit dem Schmelzen des Eisenerzes
und geht über in die Zivilisation vermittelst der Erfindung der
Buchstabenschrift und ihrer Verwendung zu literarischer Aufzeich-
nung. Diese Stufe, die, wie gesagt, nur auf der östlichen Halbku-
gel selbständig durchgemacht wird, ist an Fortschritten der Pro-
duktion reicher als alle vorhergehenden zusammengenommen. Ihr ge-
hören an die Griechen zur Heroenzeit, die italischen Stämme kurz
vor der Gründung Roms, die Deutschen des Tacitus, die Normannen
der Wikingerzeit 1*).
Vor allem tritt uns hier zuerst entgegen die eiserne, von Vieh
gezogene Pflugschar, die den Ackerbau auf großer Stufe, den
F e l d b a u, möglich machte, und damit eine für damalige Ver-
hältnisse praktisch unbeschränkte Vermehrung der Lebensmittel;
damit auch die Ausrodung des Waldes und seine Verwandlung in Ac-
kerland und Wiese - die wieder, auf großem Maßstab, ohne die ei-
serne Axt und den eisernen Spaten unmöglich blieb. Damit kam aber
auch rasche Vermehrung der Bevölkerung und dichte Bevölkerung auf
kleinem Gebiet. Vor dem Feldbau müssen sehr ausnahmsweise Ver-
hältnisse vorgekommen sein, wenn eine halbe Million Menschen sich
unter einer einzigen Zentralleitung sollte vereinigen lassen;
wahrscheinlich war das nie geschehn.
Die höchste Blüte der Oberstufe der Barbarei tritt uns entgegen
in den homerischen Gedichten, namentlich in der "Ilias" [30].
Entwickelte Eisenwerkzeuge; der Blasbalg; die Handmühle; die
Töpferscheibe; die öl- und Weinbereitung; eine entwickelte, ins
Kunsthandwerk übergehende Metallbearbeitung; der Wagen und
Streitwagen; der Schiffbau mit Balken und Planken; die Anfänge
der Architektur als Kunst; ummauerte Städte mit Türmen und
Zinnen; das homerische Epos und die gesamte Mythologie - das sind
die Haupterbschaften, die die Griechen aus der Barbarei hinüber-
nahmen in die Zivilisation. Wenn wir damit die Beschreibung der
Germanen bei Cäsar und selbst Tacitus vergleichen, die am Anfang
derselben Kulturstufe standen, aus der in eine höhere überzugehn
die homerischen Griechen sich anschickten, so sehn wir, welchen
Reichtum der Entwicklung der Produktion die Oberstufe der
Barbarei in sich faßt.
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1*) (1884) und die Deutschen des Cäsar (oder, wie wir lieber sa-
gen möchten, des Tacitus) (statt: die Deutschen des Tacitus, die
Normannen der Wikingerzeit)
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Das Bild, das ich hier von der Entwicklung der Menschheit durch
Wildheit und Barbarei zu den Anfängen der Zivilisation nach Mor-
gan skizziert habe, ist schon reich genug an neuen und, was mehr
ist, unbestreitbaren, weil unmittelbar der Produktion entnommenen
Zügen. Dennoch wird es matt und dürftig erscheinen, verglichen
mit dem Bild, das sich am Ende unsrer Wanderschaft entrollen
wird; erst dann wird es möglich sein, den Übergang aus der Bar-
barei in die Zivilisation und den schlagenden Gegensatz beider
ins volle Licht zu stellen. Vorderhand können wir Morgans Ein-
teilung dahin verallgemeinern: Wildheit - Zeitraum der vorwiegen-
den Aneignung fertiger Naturprodukte; die Kunstprodukte des Men-
schen sind vorwiegend Hülfswerkzeuge dieser Aneignung. Barbarei -
Zeitraum der Erwerbung von Viehzucht und Ackerbau, der Erlernung
von Methoden zur gesteigerten Produktion von Naturerzeugnissen
durch menschliche Tätigkeit. Zivilisation - Zeitraum der Erler-
nung der weiteren Verarbeitung von Naturerzeugnissen, der eigent-
lichen Industrie und der Kunst.
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