Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889


       zurück

       #325#
       -----
       Vorwort [zur zweiten, durchgesehenen Auflage
       "Zur Wohnungsfrage"]
       
       Die nachfolgende  Schrift 1*)  ist der Wiederabdruck dreier Arti-
       kel, die  ich 1872  in den  Leipziger "Volksstaat" [290] schrieb.
       Damals ergoß  sich grade  der französische  Milliardenregen [291]
       über Deutschland;  Staatsschulden wurden abgezahlt, Festungen und
       Kasernen gebaut,  die Bestände von Waffen und Militäreffekten er-
       neuert; das disponible Kapital nicht minder als die zirkulierende
       Geldmenge wurden plötzlich enorm vermehrt, und das alles grade zu
       einer Zeit, wo Deutschland nicht nur als "einiges Reich", sondern
       auch als großes Industrieland auf der Weltbühne auftrat. Die Mil-
       liarden gaben  der  jungen  Großindustrie  einen  mächtigen  Auf-
       schwung; sie  vor allem  waren es, die die kurze, illusionsreiche
       Periode der  Prosperität  nach  dem  Krieg,  und  gleich  darauf,
       1873/1874,  den  großen  Krach  zuwege  brachten,  durch  welchen
       Deutschland sich als weltmarktfähiges Industrieland bewährte.
       Die Zeit,  worin ein  altes Kulturland  einen solchen,  obendrein
       durch so  günstige Umstände beschleunigten Übergang von der Manu-
       faktur und  dem Kleinbetrieb zur großen Industrie macht, ist auch
       vorwiegend die  Zeit der  "Wohnungsnot". Einerseits werden Massen
       ländlicher Arbeiter  plötzlich in  die großen Städte gezogen, die
       sich zu  industriellen Mittelpunkten entwickeln; andrerseits ent-
       spricht die Bauanlage dieser älteren Städte nicht mehr den Bedin-
       gungen der  neuen Großindustrie  und des  ihr entsprechenden Ver-
       kehrs; Straßen  werden erweitert  und neu  durchgebrochen, Eisen-
       bahnen mitten  durchgeführt. In demselben Augenblick, wo Arbeiter
       haufenweis zuströmen,  werden  die  Arbeiterwohnungen  massenweis
       eingerissen. Daher  die plötzliche  Wohnungsnot der  Arbeiter und
       des auf Arbeiterkundschaft angewiesenen Kleinhandels und Kleinge-
       werbs. In  Städten, die  von vornherein als Industriezentren ent-
       standen, ist diese Wohnungsnot so
       -----
       1*) Siehe Band 18 unserer Ausgabe, S. 209-287
       
       #326# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
       -----
       gut wie  unbekannt. So  in Manchester,  Leeds, Bradford,  Barmen-
       Elberfeld. Dagegen  in London, Paris, Berlin, Wien hat sie ihrer-
       zeit akute Form angenommen und besteht meist chronisch fort.
       Es war  also grade diese akute Wohnungsnot, dies Symptom der sich
       in Deutschland vollziehenden industriellen Revolution, die damals
       die Presse  mit Abhandlungen  über die "Wohnungsfrage" füllte und
       den Anlaß  bot zu  allerhand sozialer  Quacksalberei. Eine  Reihe
       solcher Artikel  verlief  sich  auch  in  den  "Volksstaat".  Der
       anonyme Verfasser, der sich später als Herr Dr. med. A. Mülberger
       aus Württemberg  zu erkennen  gab, hielt die Gelegenheit für gün-
       stig, den deutschen Arbeitern an dieser Frage die Wunderwirkungen
       der Proudhonschen  sozialen Universalmedizin  einleuchtend zu ma-
       chen. [292]  Als ich  der Redaktion  meine Verwunderung  über die
       Aufnahme dieser  sonderbaren Artikel  zu erkennen  gab, wurde ich
       aufgefordert, zu  antworten, was  ich auch  tat. (S.  Erster  Ab-
       schnitt: "Wie  Proudhon die  Wohnungsfrage löst".) An diese Reihe
       von Artikeln  knüpfte ich  bald darauf  eine zweite, worin an der
       Hand einer Schrift von Dr. Emil Sax die philanthropisch-bürgerli-
       che Auffassung  der Frage  untersucht wurde.  (Zweiter Abschnitt:
       "Wie die  Bourgeoisie die  Wohnungsfrage  löst".)  Nach  längerer
       Pause beehrte mich sodann Herr Dr.Mülberger mit einer Antwort auf
       meine Artikel  [293] die  mich zu einer Erwiderung zwang (Dritter
       Abschnitt: "Nachtrag über Proudhon und die Wohnungsfrage"), womit
       denn sowohl  die Polemik  wie meine  spezielle Beschäftigung  mit
       dieser Frage  zum Abschluß  kam. Dies  die  Entstehungsgeschichte
       dieser drei  Reihen von Artikeln, die ebenfalls als Sonderabdruck
       in Broschürenform  erschienen. Wenn jetzt ein neuer Abdruck nötig
       wird, so  verdanke ich dies zweifellos wiederum der wohlwollenden
       Fürsorge der  deutschen Reichsregierung, die den Absatz durch ein
       Verbot wie immer mächtig förderte und der ich hiermit meinen Dank
       ergebenst ausspreche.
       Für den  neuen Abdruck  habe ich den Text revidiert, einzelne Zu-
       sätze und  Anmerkungen eingefügt  und einen  kleinen ökonomischen
       Irrtum  im  ersten  Abschnitt  berichtigt  1*),  da  mein  Gegner
       Dr.Mülberger ihn leider nicht herausgefunden hat.
       Bei dieser  Durchsicht kommt  mir so recht zum Bewußtsein, welche
       Riesenfortschritte die  internationale  Arbeiterbewegung  in  den
       letzten vierzehn  Jahren gemacht.  Damals war es noch eine Tatsa-
       che, daß  "die romanisch  redenden Arbeiter  seit zwanzig  Jahren
       keine andre  Geistesnahrung hatten  als die  Werke Proudhons" 2*)
       und allenfalls die weitere Vereinseitigung
       -----
       1*) Siehe Band 18 unserer Ausgabe, S. 230 - 2*) ebenda, S. 232
       
       #327# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
       -----
       des Proudhonismus durch den Vater des "Anarchismus", Bakunin, der
       in Proudhon "unser aller Meister", notre maitre à nous tous, sah.
       Waren auch  die Proudhonisten in Frankreich nur eine kleine Sekte
       unter den  Arbeitern, so waren sie doch die einzigen, die ein be-
       stimmt formuliertes Programm hatten und die unter der Kommune die
       Führung auf  ökonomischem Gebiet  übernehmen konnten.  In Belgien
       herrschte der  Proudhonismus unter den wallonischen Arbeitern un-
       bestritten, und in Spanien und Italien war, mit sehr vereinzelten
       Ausnahmen, in der Arbeiterbewegung alles, was nicht anarchistisch
       war, entschieden  proudhonistisch. Und  heute? In  Frankreich ist
       Proudhon unter den Arbeitern vollständig abgetan und hat nur noch
       Anhänger unter den radikalen Bourgeois und Kleinbürgern, die sich
       als Proudhonisten  auch "Sozialisten" nennen, aber von den sozia-
       listischen Arbeitern  aufs heftigste  bekämpft werden. In Belgien
       haben die  Flamländer die  Wallonen von  der Leitung der Bewegung
       verdrängt, den  Proudhonismus abgesetzt  und die Bewegung mächtig
       gehoben. In  Spanien wie  in Italien  hat sich die anarchistische
       Hochflut der siebziger Jahre verlaufen und die Reste des Proudho-
       nismus mit weggeschwemmt; wenn in Italien die neue Partei noch in
       der Klärung und Bildung begriffen ist, so hat sich in Spanien der
       kleine Kern, der als Nueva Federacion Madrilana treu zum General-
       rat der  Internationale hielt,  zu einer kräftigen Partei entwic-
       kelt [294],  die -  wie aus der republikanischen Presse selbst zu
       ersehn - den Einfluß der bürgerlichen Republikaner auf die Arbei-
       ter weit  wirksamer zerstört, als ihre lärmvollen anarchistischen
       Vorgänger dies  je gekonnt.  An die  Stelle der vergessenen Werke
       Proudhons sind  bei den  romanischen Arbeitern "Das Kapital", das
       "Kommunistische Manifest"  1*) und eine  Reihe anderer  Schriften
       der Marxschen  Schule getreten,  und die Hauptforderung von Marx:
       Besitzergreifung sämtlicher Produktionsmittel, namens der Gesell-
       schaft, durch  das zur  politischen Alleinherrschaft emporgestie-
       gene Proletariat, ist heute die Forderung der gesamten revolutio-
       nären Arbeiterklasse auch in den romanischen Ländern.
       Wenn hiernach  der Proudhonismus bei den Arbeitern auch der roma-
       nischen Länder endgültig verdrängt ist, wenn er nur noch - seiner
       eigentlichen Bestimmung entsprechend - französischen, spanischen,
       italienischen und  belgischen bürgerlichen Radikalen als Ausdruck
       ihrer bürgerlichen  und kleinbürgerlichen  Gelüste  dient,  warum
       dann heute  noch auf ihn zurückkommen? Warum aufs neue einen ver-
       storbenen Gegner bekämpfen durch Wiederabdruck dieser Artikel?
       -----
       1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe
       
       #328# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
       -----
       Erstens weil  diese Artikel  sich nicht  auf bloße  Polemik gegen
       Proudhon und  seinen deutschen Vertreter beschränken. Infolge der
       Teilung der  Arbeit, die  zwischen Marx  und mir bestand, fiel es
       mir zu, unsere Ansichten in der periodischen Presse, also nament-
       lich im  Kampf mit  gegnerischen Ansichten,  zu vertreten,  damit
       Marx für  die Ausarbeitung seines großen Hauptwerks Zeit behielt.
       Ich kam dadurch in die Lage, unsere Anschauungsweise meist in po-
       lemischer Form, im Gegensatz zu anderen Anschauungsweisen, darzu-
       stellen. So  auch hier.  Die Abschnitte I und III enthalten nicht
       nur. eine  Kritik der Proudhonschen Auffassung der Frage, sondern
       auch die Darstellung unsrer eignen Auffassung.
       Zweitens aber hat Proudhon in der Geschichte der europäischen Ar-
       beiterbewegung eine viel zu bedeutende Rolle gespielt, als daß er
       so ohne  weiteres der Vergessenheit verfallen könnte. Theoretisch
       abgetan, praktisch  beiseite geschoben,  behält er  sein histori-
       sches Interesse. Wer sich einigermaßen eingehend mit dem modernen
       Sozialismus beschäftigt,  der muß  auch die  "überwundnen  Stand-
       punkte" der  Bewegung kennenlernen. Marx' "Elend der Philosophie"
       1*) erschien  mehrere Jahre,  ehe Proudhon seine praktischen Vor-
       schläge der  Gesellschaftsreform aufstellte; Marx konnte hier nur
       die Proudhonsche  Tauschbank im  Keim entdecken  und kritisieren.
       Seine Schrift  wird also  nach dieser Seite durch die vorliegende
       ergänzt, leider  unvollkommen genug.  Marx würde  das alles  viel
       besser und schlagender abgemacht haben.
       Endlich aber  ist der Bourgeois- und kleinbürgerliche Sozialismus
       in Deutschland bis auf diese Stunde stark vertreten. Und zwar ei-
       nerseits durch Kathedersozialisten und Menschenfreunde aller Art,
       bei denen der Wunsch, die Arbeiter in Eigentümer ihrer Wohnung zu
       verwandeln, noch  immer eine  große Rolle spielt, denen gegenüber
       also meine  Arbeit noch immer am Platze ist. Andererseits aber in
       der sozialdemokratischen  Partei selbst,  bis in  die Reichstags-
       fraktion hinein,  findet ein gewisser kleinbürgerlicher Sozialis-
       mus seine  Vertretung. Und  zwar in  der Weise,  daß man zwar die
       Grundanschauungen des  modernen Sozialismus und die Forderung der
       Verwandlung aller  Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigen-
       tum als  berechtigt anerkennt,  aber ihre  Verwirklichung nur  in
       entfernter, praktisch  unabsehbarer Zeit für möglich erklärt. Da-
       mit ist  man denn für die Gegenwart auf bloßes soziales Flickwerk
       angewiesen und  kann je nach Umständen selbst mit den reaktionär-
       sten Bestrebungen zur sogenannten "Hebung der arbeitenden Klasse"
       sympathisieren. Das Bestehen einer solchen Richtung ist
       -----
       1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe
       
       #329# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
       -----
       ganz unvermeidlich  in Deutschland,  dem Land des Spießbürgertums
       par excellence,  und zu  einer Zeit, wo die industrielle Entwick-
       lung dies  alteingewurzelte Spießbürgertum  gewaltsam und massen-
       weise entwurzelt.  Es ist auch für die Bewegung ganz ungefährlich
       bei dem wunderbar gesunden Sinn unserer Arbeiter, der sich gerade
       in den  letzten acht  Jahren des  Kampfs gegen Sozialistengesetz,
       Polizei und  Richter so  glänzend bewährt hat. Aber es ist nötig,
       daß man sich darüber klarwerde, daß eine solche Richtung besteht.
       Und wenn,  wie dies  notwendig und sogar wünschenswert ist, diese
       Richtung später  einmal festere  Form und bestimmtere Umrisse an-
       nimmt, dann  wird sie  zur Formulierung  ihres Programms auf ihre
       Vorgänger  zurückgehn   müssen,  und  dabei  wird  auch  Proudhon
       schwerlich übergangen werden.
       Der Kern  sowohl der  großbürgerlichen wie  der kleinbürgerlichen
       Lösung der "Wohnungsfrage" ist das Eigentum des Arbeiters an sei-
       ner Wohnung.  Dies ist aber ein Punkt, der durch die industrielle
       Entwicklung Deutschlands  in den letzten zwanzig Jahren eine ganz
       eigentümliche Beleuchtung  erhalten hat.  In keinem  andern  Land
       existieren so  viel Lohnarbeiter,  die Eigentümer nicht nur ihrer
       Wohnung, sondern  auch noch eines Gartens oder Feldes sind; dane-
       ben noch  zahlreiche andere,  die Haus  und Garten  oder Feld als
       Pächter, mit  tatsächlich ziemlich  gesichertem Besitz innehaben.
       Die ländliche  Hausindustrie, betrieben  im Verein  mit Gartenbau
       oder kleiner  Ackerwirtschaft, bildet  die breite  Grundlage  der
       jungen Großindustrie  Deutschlands; im  Westen sind  die Arbeiter
       vorwiegend Eigentümer,  im Osten  vorwiegend Pächter  ihrer Heim-
       stätten. Diese Verbindung der Hausindustrie mit Garten- und Feld-
       bau, und  daher mit  gesicherter Wohnung,  finden wir  nicht  nur
       überall, wo Handweberei noch ankämpft gegen den mechanischen Web-
       stuhl: am Niederrhein und in Westfalen, im sächsischen Erzgebirge
       und in  Schlesien; wir  finden sie  überall, wo Hausindustrie ir-
       gendeiner Art  sich als  ländliches Gewerbe eingedrängt hat, z.B.
       im Thüringer  Wald und in der Rhön. Bei Gelegenheit der Tabaksmo-
       nopol-Verhandlungen stellte  sich heraus, wie sehr auch schon die
       Zigarrenmacherei als  ländliche Hausarbeit betrieben wird; und wo
       irgendein Notstand  unter den Kleinbauern eintritt, wie vor eini-
       gen Jahren  in der  Eifel [295], da erhebt die bürgerliche Presse
       sofort den  Ruf nach Einführung einer passenden Hausindustrie als
       dem einzigen  Hülfsmittel. In der Tat drängt sowohl die wachsende
       Notlage der deutschen Parzellenbauern wie die allgemeine Lage der
       deutschen Industrie zu einer immer weitern Ausdehnung der ländli-
       chen Hausindustrie. Es ist dies eine Erscheinung, die Deutschland
       eigentümlich ist. Etwas Ähnliches finden wir in
       
       #330# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
       -----
       Frankreich nur  ganz ausnahmsweise,  z.B.  in  den  Gegenden  der
       Seidenzucht; in England, wo es keine Kleinbauern gibt, beruht die
       ländliche Hausindustrie  auf der Arbeit der Frauen und Kinder der
       Ackerbautaglöhner; nur  in Irland  sehn wir die Hausindustrie der
       Kleiderkonfektion, ähnlich  wie in  Deutschland,  von  wirklichen
       Bauernfamilien betrieben.  Von Rußland  und andern  auf dem indu-
       striellen Weltmarkt  nicht vertretnen  Ländern sprechen  wir hier
       natürlich nicht.
       Somit besteht  auf weiten  Gebieten Deutschlands  heute ein indu-
       strieller Zustand,  der auf den ersten Blick dem Zustand gleicht,
       wie er  vor Einführung  der Maschinerie der allgemein herrschende
       war. Aber  auch nur auf den ersten Blick. Die ländliche, mit Gar-
       ten- und  Feldbau verbundne  Hausindustrie der  frühern Zeit war,
       wenigstens  in  den  industriell  fortschreitenden  Ländern,  die
       Grundlage einer  materiell erträglichen und stellenweise behagli-
       chen Läge  der arbeitenden  Klasse, aber auch ihrer geistigen und
       politischen Nullität. Das Handprodukt und seine Kosten bestimmten
       den Marktpreis,  und bei  der gegen  heute verschwindend geringen
       Produktivität der  Arbeit wuchsen  die Absatzmärkte  in der Regel
       rascher als  das Angebot.  Dies gilt,  um die  Mitte des  vorigen
       Jahrhunderts, für  England und  teilweise für Frankreich, und na-
       mentlich für die Textilindustrie. In dem damals eben erst aus der
       Verwüstung des Dreißigjährigen Kriegs und unter den ungünstigsten
       Umständen sich  wieder emporarbeitenden Deutschland sah es aller-
       dings ganz  anders aus;  die einzige  Hausindustrie, die hier für
       den Weltmarkt  arbeitete, die  Leinenweberei, wurde durch Steuern
       und Feudallasten  so gedrückt,  daß sie  den webenden Bauer nicht
       über das sehr niedrige Niveau der übrigen Bauerschaft erhob. Aber
       immerhin hatte  damals der  ländliche Industriearbeiter  eine ge-
       wisse Sicherheit der Existenz.
       Mit der  Einführung der  Maschinerie änderte  sich das alles. Der
       Preis wurde nun bestimmt durch das Maschinenprodukt, und der Lohn
       des hausindustriellen  Arbeiters fiel mit diesem Preise. Aber der
       Arbeiter mußte  ihn nehmen  oder andre  Arbeit  suchen,  und  das
       konnte er nicht, ohne Proletarier zu werden, d.h. ohne sein Häus-
       chen, Gärtchen  und Feldchen - eigen oder gepachtet - aufzugeben.
       Und das  wollte er  nur im  seltensten Fall. So wurde der Garten-
       und Feldbau der alten ländlichen Handweber die Ursache; kraft de-
       ren der  Kampf des  Handwebstuhls gegen den mechanischen Webstuhl
       sich überall  so sehr  in die  Länge zog  und in Deutschland noch
       nicht ausgefochten ist. In diesem Kampf zeigte es sich zum ersten
       Mal, namentlich  in England,  daß derselbe  Umstand,  der  früher
       einen verhältnismäßigen  Wohlstand der Arbeiter begründet hatte -
       der Besitz des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln - jetzt für
       sie ein Hindernis und ein Unglück
       
       #331# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
       -----
       geworden war.  In der  Industrie schlug  der mechanische Webstuhl
       seinen Handwebstuhl,  im Landbau schlug die große Agrikultur sei-
       nen Kleinbetrieb aus dem Felde. Aber während auf beiden Produkti-
       onsgebieten die  vereinigte Arbeit  vieler und  die Anwendung der
       Maschinerie und  der Wissenschaft gesellschaftliche Regel wurden,
       fesselten ihn sein Häuschen, Gärtchen, Feldchen und sein Webstuhl
       an die veraltete Methode der Einzelproduktion und der Händarbeit.
       Der Besitz  von Haus  und Garten  war jetzt weit weniger wert als
       die vogelfreie Beweglichkeit. Kein Fabrikarbeiter hätte getauscht
       mit dem langsam aber sicher verhungernden ländlichen Handweber.
       Deutschland erschien  spät auf  dem Weltmarkt;  unsre große Indu-
       strie datiert von den vierziger Jahren, erhielt ihren ersten Auf-
       schwung durch die , Revolution von 1848 und konnte sich erst voll
       entfalten, als  die Revolutionen von 1866 und 1870 ihr wenigstens
       die schlimmsten  politischen Hindernisse  aus dem  Wege  geräumt.
       Aber sie  fand den Weltmarkt großenteils besetzt. Die Massenarti-
       kel   lieferte    England,   die   geschmackvollen   Luxusartikel
       Frankreich. Die einen konnte Deutschland nicht im Preise, die an-
       dern nicht  in der  Qualität schlagen. So blieb nichts übrig, als
       zunächst, dem  Geleise der  bisherigen deutschen  Produktion ent-
       sprechend, sich  in den Weltmarkt einzuschieben mit Artikeln, die
       für die  Engländer zu kleinlich, für die Franzosen zu schäbig wa-
       ren. Die  beliebte deutsche Praxis der Prellerei, zuerst gute Mu-
       ster zu  schicken und nachher schlechte Ware, strafte sich aller-
       dings auf  dem Weltmarkt  bald hart  genug und  kam in ziemlichen
       Verfall; andrerseits  drängte die  Konkurrenz der  Überproduktion
       selbst die  soliden Engländer allmählich auf die abschüssige Bahn
       der Qualitätsverschlechtung  und leistete  so den  Deutschen Vor-
       schub, die  auf diesem  Feld unerreichbar  sind. Und  so sind wir
       denn endlich dahin gekommen, eine große Industrie zu besitzen und
       eine Rolle  auf dem  Weltmarkt zu  spielen. Aber unsre  g r o ß e
       Industrie arbeitet  fast ausschließlich für den innern Markt (die
       Eisenindustrie ausgenommen,  die weit  über den innern Bedarf er-
       zeugt), und unsre massenhafte Ausfuhr setzt sich zusammen aus ei-
       ner  Unsumme  kleiner  Artikel,  zu  denen  die  große  Industrie
       höchstens die  nötigen Halbfabrikate liefert, die aber selbst ge-
       liefert werden großenteils durch die ländliche Hausindustrie.
       Und hier  zeigt sich in vollem Glanz der "Segen" des eignen Haus-
       und Grundbesitzes für den modernen Arbeiter. Nirgends, selbst die
       irische Hausindustrie  kaum ausgenommen, werden so infam niedrige
       Löhne gezahlt wie in der deutschen Hausindustrie. Was die Familie
       auf ihrem  eignen Gärtchen  und Feldchen  erarbeitet, das erlaubt
       die Konkurrenz dem Kapitalisten
       
       #332# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
       -----
       vom Preis  der Arbeitskraft  abzuziehen; die Arbeiter müssen eben
       jeden Akkordlohn  nehmen, weil  sie sonst gar nichts erhalten und
       vom Produkt  ihres Landbaus  allein nicht  leben können; und weil
       andrerseits eben  dieser Landbau  und Grundbesitz  sie an den Ort
       fesselt, sie  hindert, sich  nach andrer  Beschäftigung umzusehn.
       Und hierin liegt der Grund, der Deutschland in einer ganzen Reihe
       von kleinen  Artikeln auf  dem Weltmarkt  konkurrenzfähig erhält.
       M a n   s c h l ä g t   d e n   g a n z e n  K a p i t a l p r o-
       f i t   h e r a u s   a u s   e i n e m  A b z u g  v o m  n o r-
       m a l e n   A r b e i t s l o h n   u n d  k a n n  d e n  g a n-
       z e n  M e h r w e r t  d e m  K ä u f e r  s c h e n k e n.  Das
       ist das  Geheimnis der  erstaunlichen  Wohlfeilheit  der  meisten
       deutschen Ausfuhrartikel.
       Es ist dieser Umstand, der mehr als irgendein andrer auch auf an-
       dern industriellen  Gebieten die  Arbeitslöhne und die Lebenshal-
       tung der Arbeiter in Deutschland unter dem Stand der westeuropäi-
       schen Länder  hält. Das Bleigewicht solcher traditionell tief un-
       ter dem Wert der Arbeitskraft gehaltnen Arbeitspreise drückt auch
       die Löhne der städtischen und selbst der großstädtischen Arbeiter
       unter den  Wert der  Arbeitskraft hinab, und dies um so mehr, als
       auch in  den Städten  die schlechtgelohnte  Hausindustrie an  die
       Stelle des  alten Handwerks  getreten ist  und auch hier das all-
       gemeine Niveau des Lohnes herabdrückt.
       Hier sehn wir es deutlich: Was auf einer früheren geschichtlichen
       Stufe die  Grundlage eines relativen Wohlstands der Arbeiter war:
       die Verbindung von Landbau und Industrie, der Besitz von Haus und
       Garten und  Feld, die Sicherheit der Wohnung, das wird heute, un-
       ter der  Herrschaft der  großen Industrie,  nicht nur  die ärgste
       Fessel für den Arbeiter, sondern das größte Unglück für die ganze
       Arbeiterklasse, die  Grundlage einer  beispiellosen Herabdrückung
       des Arbeitslohns  unter seine normale Höhe, und das nicht nur für
       einzelne Geschäftszweige  und Gegenden, sondern für das ganze na-
       tionale Gebiet. Kein Wunder, daß die Groß- und Kleinbürgerschaft,
       die von diesen abnormen Abzügen vom Arbeitslohn lebt und sich be-
       reichert, für  ländliche Industrie,  für hausbesitzende  Arbeiter
       schwärmt, für  alle ländlichen  Notstände das  einzige Heilmittel
       sieht in der Einführung neuer Hausindustrien!
       Das ist  die eine  Seite der  Sache; aber sie hat auch eine Kehr-
       seite. Die  Hausindustrie ist  die breite Grundlage des deutschen
       Ausfuhrhandels und damit der ganzen Großindustrie geworden. Damit
       ist sie  über weite  Striche von Deutschland verbreitet und dehnt
       sich täglich  mehr aus.  Der Ruin  des Kleinbauern, unvermeidlich
       von der Zeit an, wo seine industrielle Hausarbeit für den Selbst-
       gebrauch durch  das wohlfeile  Konfektions- und Maschinenprodukt,
       und sein Viehstand, also seine Düngerproduktion, durch
       
       #333# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
       -----
       die Zerstörung  der Markverfassung,  der gemeinen  Mark  und  des
       Flurzwangs vernichtet  wurden - dieser Ruin treibt die dem Wuche-
       rer verfallenen  Kleinbauern der modernen Hausindustrie gewaltsam
       zu. Wie  in Irland  die Bodenrente  des Grundbesitzers, können in
       Deutschland die  Zinsen des  Hypothekenwucherers gezahlt  werden,
       nicht aus  dem Bodenertrag,  sondern nur  aus dem Arbeitslohn des
       industriellen Bauern.  Mit der  Ausdehnung der Hausindustrie aber
       wird eine  Bauerngegend nach der andern in die industrielle Bewe-
       gung der  Gegenwart hineingerissen. Es ist diese Revolutionierung
       der Landdistrikte  durch die  Hausindustrie, die die industrielle
       Revolution in  Deutschland über ein weit größeres Gebiet ausbrei-
       tet als  in England  und Frankreich der Fall; es ist die verhält-
       nismäßig niedrige  Stufe unsrer Industrie, die ihre Ausdehnung in
       die Breite  um so  nötiger macht. Dies erklärt, warum in Deutsch-
       land, im  Gegensatz zu  England und Frankreich, die revolutionäre
       Arbeiterbewegung eine  so gewaltige  Verbreitung über den größten
       Teil des  Landes gefunden hat, statt ausschließlich an städtische
       Zentren gebunden  zu sein. Und dies wiederum erklärt den ruhigen,
       sichern, unaufhaltsamen  Fortschritt der Bewegung. In Deutschland
       leuchtet es  von selbst  ein, daß eine siegreiche Erhebung in der
       Hauptstadt und  den andern großen Städten erst dann möglich wird,
       wenn auch die Mehrzahl der kleinen Städte und ein großer Teil der
       ländlichen Bezirke  für den Umschwung reif geworden ist. Wir kön-
       nen, bei  einigermaßen normaler Entwicklung, nie in den Fall kom-
       men, Arbeitersiege  zu erfechten  wie die  Pariser von  1848  und
       1871, aber eben deshalb auch nicht Niederlagen der revolutionären
       Hauptstadt durch  die reaktionäre Provinz erleiden, wie Paris sie
       in beiden  Fällen erlitt.  In Frankreich  ging die Bewegung stets
       von der  Hauptstadt aus,  in Deutschland  von  den  Bezirken  der
       großen Industrie,  der  Manufaktur  und  der  Hausindustrie;  die
       Hauptstadt wurde  erst später erobert. Daher wird vielleicht auch
       in Zukunft  die Rolle  der Initiative  den Franzosen  vorbehalten
       bleiben; aber  die Entscheidung  kann nur  in Deutschland  ausge-
       kämpft werden.
       Nun ist aber diese ländliche Hausindustrie und Manufaktur, die in
       ihrer Ausdehnung  der entscheidende Produktionszweig Deutschlands
       geworden und die damit das deutsche Bauerntum mehr und mehr revo-
       lutioniert, selbst nur die Vorstufe einer weiteren Umwälzung. Wie
       schon Marx nachgewiesen ("Kapital" I., 3. Aufl. S. 484-495  1*)),
       schlägt auch  für sie,  auf einer gewissen Entwicklungsstufe, die
       Stunde des  Untergangs durch  die Maschinerie  und den  Fabrikbe-
       trieb. Und  diese Stunde  scheint nahe  bevorzustehn.  Aber  Ver-
       nichtung
       -----
       1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 494-504
       
       #334# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
       -----
       der ländlichen Hausindustrie und Manufaktur durch Maschinerie und
       Fabrikbetrieb, das  heißt in Deutschland Vernichtung der Existenz
       von Millionen ländlicher Produzenten, Expropriation fast der hal-
       ben deutschen  Kleinbauernschaft, Verwandlung nicht nur der Haus-
       industrie in  Fabrikbetrieb, sondern auch der Bauernwirtschaft in
       große, kapitalistische  Agrikultur und  des kleinen Grundbesitzes
       in große Herrengüter - industrielle und landwirtschaftliche Revo-
       lution zugunsten  des Kapitals  und Großgrundbesitzes  auf Kosten
       der Bauern. Sollte es Deutschland beschieden sein, auch diese Um-
       wandlung noch  unter  den  alten  gesellschaftlichen  Bedingungen
       durchzumachen, so  wird sie  unbedingt den Wendepunkt bilden. Hat
       bis dahin die Arbeiterklasse keines anderen Landes die Initiative
       ergriffen, so  schlägt dann  unbedingt Deutschland  los, und  die
       Bauernsöhne des "herrlichen Kriegsheers" helfen tapfer mit.
       Und jetzt  nimmt die bürgerliche und kleinbürgerliche Utopie, die
       jedem Arbeiter ein eigentümlich besessenes Häuschen geben und ihn
       damit an  seinen Kapitalisten in halbfeudaler Weise fesseln will,
       eine ganz andre Gestalt an. Als ihre Verwirklichung erscheint die
       Verwandlung aller  kleinen ländlichen Hauseigentümer in industri-
       elle Hausarbeiter;  die Vernichtung  der alten  Abgeschlossenheit
       und damit  der politischen  Nullität der  Kleinbauern, die in den
       "sozialen Wirbel"  hineingerissen werden; die Ausbreitung der in-
       dustriellen Revolution  über das  platte Land,  und damit die Um-
       wandlung der  stabilsten, konservativsten  Klasse der Bevölkerung
       in eine  revolutionäre Pflanzschule,  und als Abschluß des ganzen
       die Expropriation  der hausindustriellen Bauern durch die Maschi-
       nerie, die sie mit Gewalt in den Aufstand treibt.
       Wir  können   den  bürgerlich-sozialistischen  Philanthropen  den
       Privatgenuß ihres  Ideals gern  gönnen, solange  sie in ihrer öf-
       fentlichen Funktion als Kapitalisten fortfahren, es in dieser um-
       gekehrten Weise  zu verwirklichen, zu Nutz und Frommen der sozia-
       len Revolution.
       London, 10. Januar 1887
       Friedrich Engels
       Nach: Friedrich Engels,
       "Zur Wohnungsfrage", zweite, durchgesehene Auflage,
       Hottingen-Zürich 1887.

       zurück