Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889
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Vorwort [zur zweiten, durchgesehenen Auflage
"Zur Wohnungsfrage"]
Die nachfolgende Schrift 1*) ist der Wiederabdruck dreier Arti-
kel, die ich 1872 in den Leipziger "Volksstaat" [290] schrieb.
Damals ergoß sich grade der französische Milliardenregen [291]
über Deutschland; Staatsschulden wurden abgezahlt, Festungen und
Kasernen gebaut, die Bestände von Waffen und Militäreffekten er-
neuert; das disponible Kapital nicht minder als die zirkulierende
Geldmenge wurden plötzlich enorm vermehrt, und das alles grade zu
einer Zeit, wo Deutschland nicht nur als "einiges Reich", sondern
auch als großes Industrieland auf der Weltbühne auftrat. Die Mil-
liarden gaben der jungen Großindustrie einen mächtigen Auf-
schwung; sie vor allem waren es, die die kurze, illusionsreiche
Periode der Prosperität nach dem Krieg, und gleich darauf,
1873/1874, den großen Krach zuwege brachten, durch welchen
Deutschland sich als weltmarktfähiges Industrieland bewährte.
Die Zeit, worin ein altes Kulturland einen solchen, obendrein
durch so günstige Umstände beschleunigten Übergang von der Manu-
faktur und dem Kleinbetrieb zur großen Industrie macht, ist auch
vorwiegend die Zeit der "Wohnungsnot". Einerseits werden Massen
ländlicher Arbeiter plötzlich in die großen Städte gezogen, die
sich zu industriellen Mittelpunkten entwickeln; andrerseits ent-
spricht die Bauanlage dieser älteren Städte nicht mehr den Bedin-
gungen der neuen Großindustrie und des ihr entsprechenden Ver-
kehrs; Straßen werden erweitert und neu durchgebrochen, Eisen-
bahnen mitten durchgeführt. In demselben Augenblick, wo Arbeiter
haufenweis zuströmen, werden die Arbeiterwohnungen massenweis
eingerissen. Daher die plötzliche Wohnungsnot der Arbeiter und
des auf Arbeiterkundschaft angewiesenen Kleinhandels und Kleinge-
werbs. In Städten, die von vornherein als Industriezentren ent-
standen, ist diese Wohnungsnot so
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1*) Siehe Band 18 unserer Ausgabe, S. 209-287
#326# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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gut wie unbekannt. So in Manchester, Leeds, Bradford, Barmen-
Elberfeld. Dagegen in London, Paris, Berlin, Wien hat sie ihrer-
zeit akute Form angenommen und besteht meist chronisch fort.
Es war also grade diese akute Wohnungsnot, dies Symptom der sich
in Deutschland vollziehenden industriellen Revolution, die damals
die Presse mit Abhandlungen über die "Wohnungsfrage" füllte und
den Anlaß bot zu allerhand sozialer Quacksalberei. Eine Reihe
solcher Artikel verlief sich auch in den "Volksstaat". Der
anonyme Verfasser, der sich später als Herr Dr. med. A. Mülberger
aus Württemberg zu erkennen gab, hielt die Gelegenheit für gün-
stig, den deutschen Arbeitern an dieser Frage die Wunderwirkungen
der Proudhonschen sozialen Universalmedizin einleuchtend zu ma-
chen. [292] Als ich der Redaktion meine Verwunderung über die
Aufnahme dieser sonderbaren Artikel zu erkennen gab, wurde ich
aufgefordert, zu antworten, was ich auch tat. (S. Erster Ab-
schnitt: "Wie Proudhon die Wohnungsfrage löst".) An diese Reihe
von Artikeln knüpfte ich bald darauf eine zweite, worin an der
Hand einer Schrift von Dr. Emil Sax die philanthropisch-bürgerli-
che Auffassung der Frage untersucht wurde. (Zweiter Abschnitt:
"Wie die Bourgeoisie die Wohnungsfrage löst".) Nach längerer
Pause beehrte mich sodann Herr Dr.Mülberger mit einer Antwort auf
meine Artikel [293] die mich zu einer Erwiderung zwang (Dritter
Abschnitt: "Nachtrag über Proudhon und die Wohnungsfrage"), womit
denn sowohl die Polemik wie meine spezielle Beschäftigung mit
dieser Frage zum Abschluß kam. Dies die Entstehungsgeschichte
dieser drei Reihen von Artikeln, die ebenfalls als Sonderabdruck
in Broschürenform erschienen. Wenn jetzt ein neuer Abdruck nötig
wird, so verdanke ich dies zweifellos wiederum der wohlwollenden
Fürsorge der deutschen Reichsregierung, die den Absatz durch ein
Verbot wie immer mächtig förderte und der ich hiermit meinen Dank
ergebenst ausspreche.
Für den neuen Abdruck habe ich den Text revidiert, einzelne Zu-
sätze und Anmerkungen eingefügt und einen kleinen ökonomischen
Irrtum im ersten Abschnitt berichtigt 1*), da mein Gegner
Dr.Mülberger ihn leider nicht herausgefunden hat.
Bei dieser Durchsicht kommt mir so recht zum Bewußtsein, welche
Riesenfortschritte die internationale Arbeiterbewegung in den
letzten vierzehn Jahren gemacht. Damals war es noch eine Tatsa-
che, daß "die romanisch redenden Arbeiter seit zwanzig Jahren
keine andre Geistesnahrung hatten als die Werke Proudhons" 2*)
und allenfalls die weitere Vereinseitigung
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1*) Siehe Band 18 unserer Ausgabe, S. 230 - 2*) ebenda, S. 232
#327# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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des Proudhonismus durch den Vater des "Anarchismus", Bakunin, der
in Proudhon "unser aller Meister", notre maitre à nous tous, sah.
Waren auch die Proudhonisten in Frankreich nur eine kleine Sekte
unter den Arbeitern, so waren sie doch die einzigen, die ein be-
stimmt formuliertes Programm hatten und die unter der Kommune die
Führung auf ökonomischem Gebiet übernehmen konnten. In Belgien
herrschte der Proudhonismus unter den wallonischen Arbeitern un-
bestritten, und in Spanien und Italien war, mit sehr vereinzelten
Ausnahmen, in der Arbeiterbewegung alles, was nicht anarchistisch
war, entschieden proudhonistisch. Und heute? In Frankreich ist
Proudhon unter den Arbeitern vollständig abgetan und hat nur noch
Anhänger unter den radikalen Bourgeois und Kleinbürgern, die sich
als Proudhonisten auch "Sozialisten" nennen, aber von den sozia-
listischen Arbeitern aufs heftigste bekämpft werden. In Belgien
haben die Flamländer die Wallonen von der Leitung der Bewegung
verdrängt, den Proudhonismus abgesetzt und die Bewegung mächtig
gehoben. In Spanien wie in Italien hat sich die anarchistische
Hochflut der siebziger Jahre verlaufen und die Reste des Proudho-
nismus mit weggeschwemmt; wenn in Italien die neue Partei noch in
der Klärung und Bildung begriffen ist, so hat sich in Spanien der
kleine Kern, der als Nueva Federacion Madrilana treu zum General-
rat der Internationale hielt, zu einer kräftigen Partei entwic-
kelt [294], die - wie aus der republikanischen Presse selbst zu
ersehn - den Einfluß der bürgerlichen Republikaner auf die Arbei-
ter weit wirksamer zerstört, als ihre lärmvollen anarchistischen
Vorgänger dies je gekonnt. An die Stelle der vergessenen Werke
Proudhons sind bei den romanischen Arbeitern "Das Kapital", das
"Kommunistische Manifest" 1*) und eine Reihe anderer Schriften
der Marxschen Schule getreten, und die Hauptforderung von Marx:
Besitzergreifung sämtlicher Produktionsmittel, namens der Gesell-
schaft, durch das zur politischen Alleinherrschaft emporgestie-
gene Proletariat, ist heute die Forderung der gesamten revolutio-
nären Arbeiterklasse auch in den romanischen Ländern.
Wenn hiernach der Proudhonismus bei den Arbeitern auch der roma-
nischen Länder endgültig verdrängt ist, wenn er nur noch - seiner
eigentlichen Bestimmung entsprechend - französischen, spanischen,
italienischen und belgischen bürgerlichen Radikalen als Ausdruck
ihrer bürgerlichen und kleinbürgerlichen Gelüste dient, warum
dann heute noch auf ihn zurückkommen? Warum aufs neue einen ver-
storbenen Gegner bekämpfen durch Wiederabdruck dieser Artikel?
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1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe
#328# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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Erstens weil diese Artikel sich nicht auf bloße Polemik gegen
Proudhon und seinen deutschen Vertreter beschränken. Infolge der
Teilung der Arbeit, die zwischen Marx und mir bestand, fiel es
mir zu, unsere Ansichten in der periodischen Presse, also nament-
lich im Kampf mit gegnerischen Ansichten, zu vertreten, damit
Marx für die Ausarbeitung seines großen Hauptwerks Zeit behielt.
Ich kam dadurch in die Lage, unsere Anschauungsweise meist in po-
lemischer Form, im Gegensatz zu anderen Anschauungsweisen, darzu-
stellen. So auch hier. Die Abschnitte I und III enthalten nicht
nur. eine Kritik der Proudhonschen Auffassung der Frage, sondern
auch die Darstellung unsrer eignen Auffassung.
Zweitens aber hat Proudhon in der Geschichte der europäischen Ar-
beiterbewegung eine viel zu bedeutende Rolle gespielt, als daß er
so ohne weiteres der Vergessenheit verfallen könnte. Theoretisch
abgetan, praktisch beiseite geschoben, behält er sein histori-
sches Interesse. Wer sich einigermaßen eingehend mit dem modernen
Sozialismus beschäftigt, der muß auch die "überwundnen Stand-
punkte" der Bewegung kennenlernen. Marx' "Elend der Philosophie"
1*) erschien mehrere Jahre, ehe Proudhon seine praktischen Vor-
schläge der Gesellschaftsreform aufstellte; Marx konnte hier nur
die Proudhonsche Tauschbank im Keim entdecken und kritisieren.
Seine Schrift wird also nach dieser Seite durch die vorliegende
ergänzt, leider unvollkommen genug. Marx würde das alles viel
besser und schlagender abgemacht haben.
Endlich aber ist der Bourgeois- und kleinbürgerliche Sozialismus
in Deutschland bis auf diese Stunde stark vertreten. Und zwar ei-
nerseits durch Kathedersozialisten und Menschenfreunde aller Art,
bei denen der Wunsch, die Arbeiter in Eigentümer ihrer Wohnung zu
verwandeln, noch immer eine große Rolle spielt, denen gegenüber
also meine Arbeit noch immer am Platze ist. Andererseits aber in
der sozialdemokratischen Partei selbst, bis in die Reichstags-
fraktion hinein, findet ein gewisser kleinbürgerlicher Sozialis-
mus seine Vertretung. Und zwar in der Weise, daß man zwar die
Grundanschauungen des modernen Sozialismus und die Forderung der
Verwandlung aller Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigen-
tum als berechtigt anerkennt, aber ihre Verwirklichung nur in
entfernter, praktisch unabsehbarer Zeit für möglich erklärt. Da-
mit ist man denn für die Gegenwart auf bloßes soziales Flickwerk
angewiesen und kann je nach Umständen selbst mit den reaktionär-
sten Bestrebungen zur sogenannten "Hebung der arbeitenden Klasse"
sympathisieren. Das Bestehen einer solchen Richtung ist
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1*) Siehe Band 4 unserer Ausgabe
#329# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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ganz unvermeidlich in Deutschland, dem Land des Spießbürgertums
par excellence, und zu einer Zeit, wo die industrielle Entwick-
lung dies alteingewurzelte Spießbürgertum gewaltsam und massen-
weise entwurzelt. Es ist auch für die Bewegung ganz ungefährlich
bei dem wunderbar gesunden Sinn unserer Arbeiter, der sich gerade
in den letzten acht Jahren des Kampfs gegen Sozialistengesetz,
Polizei und Richter so glänzend bewährt hat. Aber es ist nötig,
daß man sich darüber klarwerde, daß eine solche Richtung besteht.
Und wenn, wie dies notwendig und sogar wünschenswert ist, diese
Richtung später einmal festere Form und bestimmtere Umrisse an-
nimmt, dann wird sie zur Formulierung ihres Programms auf ihre
Vorgänger zurückgehn müssen, und dabei wird auch Proudhon
schwerlich übergangen werden.
Der Kern sowohl der großbürgerlichen wie der kleinbürgerlichen
Lösung der "Wohnungsfrage" ist das Eigentum des Arbeiters an sei-
ner Wohnung. Dies ist aber ein Punkt, der durch die industrielle
Entwicklung Deutschlands in den letzten zwanzig Jahren eine ganz
eigentümliche Beleuchtung erhalten hat. In keinem andern Land
existieren so viel Lohnarbeiter, die Eigentümer nicht nur ihrer
Wohnung, sondern auch noch eines Gartens oder Feldes sind; dane-
ben noch zahlreiche andere, die Haus und Garten oder Feld als
Pächter, mit tatsächlich ziemlich gesichertem Besitz innehaben.
Die ländliche Hausindustrie, betrieben im Verein mit Gartenbau
oder kleiner Ackerwirtschaft, bildet die breite Grundlage der
jungen Großindustrie Deutschlands; im Westen sind die Arbeiter
vorwiegend Eigentümer, im Osten vorwiegend Pächter ihrer Heim-
stätten. Diese Verbindung der Hausindustrie mit Garten- und Feld-
bau, und daher mit gesicherter Wohnung, finden wir nicht nur
überall, wo Handweberei noch ankämpft gegen den mechanischen Web-
stuhl: am Niederrhein und in Westfalen, im sächsischen Erzgebirge
und in Schlesien; wir finden sie überall, wo Hausindustrie ir-
gendeiner Art sich als ländliches Gewerbe eingedrängt hat, z.B.
im Thüringer Wald und in der Rhön. Bei Gelegenheit der Tabaksmo-
nopol-Verhandlungen stellte sich heraus, wie sehr auch schon die
Zigarrenmacherei als ländliche Hausarbeit betrieben wird; und wo
irgendein Notstand unter den Kleinbauern eintritt, wie vor eini-
gen Jahren in der Eifel [295], da erhebt die bürgerliche Presse
sofort den Ruf nach Einführung einer passenden Hausindustrie als
dem einzigen Hülfsmittel. In der Tat drängt sowohl die wachsende
Notlage der deutschen Parzellenbauern wie die allgemeine Lage der
deutschen Industrie zu einer immer weitern Ausdehnung der ländli-
chen Hausindustrie. Es ist dies eine Erscheinung, die Deutschland
eigentümlich ist. Etwas Ähnliches finden wir in
#330# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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Frankreich nur ganz ausnahmsweise, z.B. in den Gegenden der
Seidenzucht; in England, wo es keine Kleinbauern gibt, beruht die
ländliche Hausindustrie auf der Arbeit der Frauen und Kinder der
Ackerbautaglöhner; nur in Irland sehn wir die Hausindustrie der
Kleiderkonfektion, ähnlich wie in Deutschland, von wirklichen
Bauernfamilien betrieben. Von Rußland und andern auf dem indu-
striellen Weltmarkt nicht vertretnen Ländern sprechen wir hier
natürlich nicht.
Somit besteht auf weiten Gebieten Deutschlands heute ein indu-
strieller Zustand, der auf den ersten Blick dem Zustand gleicht,
wie er vor Einführung der Maschinerie der allgemein herrschende
war. Aber auch nur auf den ersten Blick. Die ländliche, mit Gar-
ten- und Feldbau verbundne Hausindustrie der frühern Zeit war,
wenigstens in den industriell fortschreitenden Ländern, die
Grundlage einer materiell erträglichen und stellenweise behagli-
chen Läge der arbeitenden Klasse, aber auch ihrer geistigen und
politischen Nullität. Das Handprodukt und seine Kosten bestimmten
den Marktpreis, und bei der gegen heute verschwindend geringen
Produktivität der Arbeit wuchsen die Absatzmärkte in der Regel
rascher als das Angebot. Dies gilt, um die Mitte des vorigen
Jahrhunderts, für England und teilweise für Frankreich, und na-
mentlich für die Textilindustrie. In dem damals eben erst aus der
Verwüstung des Dreißigjährigen Kriegs und unter den ungünstigsten
Umständen sich wieder emporarbeitenden Deutschland sah es aller-
dings ganz anders aus; die einzige Hausindustrie, die hier für
den Weltmarkt arbeitete, die Leinenweberei, wurde durch Steuern
und Feudallasten so gedrückt, daß sie den webenden Bauer nicht
über das sehr niedrige Niveau der übrigen Bauerschaft erhob. Aber
immerhin hatte damals der ländliche Industriearbeiter eine ge-
wisse Sicherheit der Existenz.
Mit der Einführung der Maschinerie änderte sich das alles. Der
Preis wurde nun bestimmt durch das Maschinenprodukt, und der Lohn
des hausindustriellen Arbeiters fiel mit diesem Preise. Aber der
Arbeiter mußte ihn nehmen oder andre Arbeit suchen, und das
konnte er nicht, ohne Proletarier zu werden, d.h. ohne sein Häus-
chen, Gärtchen und Feldchen - eigen oder gepachtet - aufzugeben.
Und das wollte er nur im seltensten Fall. So wurde der Garten-
und Feldbau der alten ländlichen Handweber die Ursache; kraft de-
ren der Kampf des Handwebstuhls gegen den mechanischen Webstuhl
sich überall so sehr in die Länge zog und in Deutschland noch
nicht ausgefochten ist. In diesem Kampf zeigte es sich zum ersten
Mal, namentlich in England, daß derselbe Umstand, der früher
einen verhältnismäßigen Wohlstand der Arbeiter begründet hatte -
der Besitz des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln - jetzt für
sie ein Hindernis und ein Unglück
#331# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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geworden war. In der Industrie schlug der mechanische Webstuhl
seinen Handwebstuhl, im Landbau schlug die große Agrikultur sei-
nen Kleinbetrieb aus dem Felde. Aber während auf beiden Produkti-
onsgebieten die vereinigte Arbeit vieler und die Anwendung der
Maschinerie und der Wissenschaft gesellschaftliche Regel wurden,
fesselten ihn sein Häuschen, Gärtchen, Feldchen und sein Webstuhl
an die veraltete Methode der Einzelproduktion und der Händarbeit.
Der Besitz von Haus und Garten war jetzt weit weniger wert als
die vogelfreie Beweglichkeit. Kein Fabrikarbeiter hätte getauscht
mit dem langsam aber sicher verhungernden ländlichen Handweber.
Deutschland erschien spät auf dem Weltmarkt; unsre große Indu-
strie datiert von den vierziger Jahren, erhielt ihren ersten Auf-
schwung durch die , Revolution von 1848 und konnte sich erst voll
entfalten, als die Revolutionen von 1866 und 1870 ihr wenigstens
die schlimmsten politischen Hindernisse aus dem Wege geräumt.
Aber sie fand den Weltmarkt großenteils besetzt. Die Massenarti-
kel lieferte England, die geschmackvollen Luxusartikel
Frankreich. Die einen konnte Deutschland nicht im Preise, die an-
dern nicht in der Qualität schlagen. So blieb nichts übrig, als
zunächst, dem Geleise der bisherigen deutschen Produktion ent-
sprechend, sich in den Weltmarkt einzuschieben mit Artikeln, die
für die Engländer zu kleinlich, für die Franzosen zu schäbig wa-
ren. Die beliebte deutsche Praxis der Prellerei, zuerst gute Mu-
ster zu schicken und nachher schlechte Ware, strafte sich aller-
dings auf dem Weltmarkt bald hart genug und kam in ziemlichen
Verfall; andrerseits drängte die Konkurrenz der Überproduktion
selbst die soliden Engländer allmählich auf die abschüssige Bahn
der Qualitätsverschlechtung und leistete so den Deutschen Vor-
schub, die auf diesem Feld unerreichbar sind. Und so sind wir
denn endlich dahin gekommen, eine große Industrie zu besitzen und
eine Rolle auf dem Weltmarkt zu spielen. Aber unsre g r o ß e
Industrie arbeitet fast ausschließlich für den innern Markt (die
Eisenindustrie ausgenommen, die weit über den innern Bedarf er-
zeugt), und unsre massenhafte Ausfuhr setzt sich zusammen aus ei-
ner Unsumme kleiner Artikel, zu denen die große Industrie
höchstens die nötigen Halbfabrikate liefert, die aber selbst ge-
liefert werden großenteils durch die ländliche Hausindustrie.
Und hier zeigt sich in vollem Glanz der "Segen" des eignen Haus-
und Grundbesitzes für den modernen Arbeiter. Nirgends, selbst die
irische Hausindustrie kaum ausgenommen, werden so infam niedrige
Löhne gezahlt wie in der deutschen Hausindustrie. Was die Familie
auf ihrem eignen Gärtchen und Feldchen erarbeitet, das erlaubt
die Konkurrenz dem Kapitalisten
#332# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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vom Preis der Arbeitskraft abzuziehen; die Arbeiter müssen eben
jeden Akkordlohn nehmen, weil sie sonst gar nichts erhalten und
vom Produkt ihres Landbaus allein nicht leben können; und weil
andrerseits eben dieser Landbau und Grundbesitz sie an den Ort
fesselt, sie hindert, sich nach andrer Beschäftigung umzusehn.
Und hierin liegt der Grund, der Deutschland in einer ganzen Reihe
von kleinen Artikeln auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig erhält.
M a n s c h l ä g t d e n g a n z e n K a p i t a l p r o-
f i t h e r a u s a u s e i n e m A b z u g v o m n o r-
m a l e n A r b e i t s l o h n u n d k a n n d e n g a n-
z e n M e h r w e r t d e m K ä u f e r s c h e n k e n. Das
ist das Geheimnis der erstaunlichen Wohlfeilheit der meisten
deutschen Ausfuhrartikel.
Es ist dieser Umstand, der mehr als irgendein andrer auch auf an-
dern industriellen Gebieten die Arbeitslöhne und die Lebenshal-
tung der Arbeiter in Deutschland unter dem Stand der westeuropäi-
schen Länder hält. Das Bleigewicht solcher traditionell tief un-
ter dem Wert der Arbeitskraft gehaltnen Arbeitspreise drückt auch
die Löhne der städtischen und selbst der großstädtischen Arbeiter
unter den Wert der Arbeitskraft hinab, und dies um so mehr, als
auch in den Städten die schlechtgelohnte Hausindustrie an die
Stelle des alten Handwerks getreten ist und auch hier das all-
gemeine Niveau des Lohnes herabdrückt.
Hier sehn wir es deutlich: Was auf einer früheren geschichtlichen
Stufe die Grundlage eines relativen Wohlstands der Arbeiter war:
die Verbindung von Landbau und Industrie, der Besitz von Haus und
Garten und Feld, die Sicherheit der Wohnung, das wird heute, un-
ter der Herrschaft der großen Industrie, nicht nur die ärgste
Fessel für den Arbeiter, sondern das größte Unglück für die ganze
Arbeiterklasse, die Grundlage einer beispiellosen Herabdrückung
des Arbeitslohns unter seine normale Höhe, und das nicht nur für
einzelne Geschäftszweige und Gegenden, sondern für das ganze na-
tionale Gebiet. Kein Wunder, daß die Groß- und Kleinbürgerschaft,
die von diesen abnormen Abzügen vom Arbeitslohn lebt und sich be-
reichert, für ländliche Industrie, für hausbesitzende Arbeiter
schwärmt, für alle ländlichen Notstände das einzige Heilmittel
sieht in der Einführung neuer Hausindustrien!
Das ist die eine Seite der Sache; aber sie hat auch eine Kehr-
seite. Die Hausindustrie ist die breite Grundlage des deutschen
Ausfuhrhandels und damit der ganzen Großindustrie geworden. Damit
ist sie über weite Striche von Deutschland verbreitet und dehnt
sich täglich mehr aus. Der Ruin des Kleinbauern, unvermeidlich
von der Zeit an, wo seine industrielle Hausarbeit für den Selbst-
gebrauch durch das wohlfeile Konfektions- und Maschinenprodukt,
und sein Viehstand, also seine Düngerproduktion, durch
#333# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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die Zerstörung der Markverfassung, der gemeinen Mark und des
Flurzwangs vernichtet wurden - dieser Ruin treibt die dem Wuche-
rer verfallenen Kleinbauern der modernen Hausindustrie gewaltsam
zu. Wie in Irland die Bodenrente des Grundbesitzers, können in
Deutschland die Zinsen des Hypothekenwucherers gezahlt werden,
nicht aus dem Bodenertrag, sondern nur aus dem Arbeitslohn des
industriellen Bauern. Mit der Ausdehnung der Hausindustrie aber
wird eine Bauerngegend nach der andern in die industrielle Bewe-
gung der Gegenwart hineingerissen. Es ist diese Revolutionierung
der Landdistrikte durch die Hausindustrie, die die industrielle
Revolution in Deutschland über ein weit größeres Gebiet ausbrei-
tet als in England und Frankreich der Fall; es ist die verhält-
nismäßig niedrige Stufe unsrer Industrie, die ihre Ausdehnung in
die Breite um so nötiger macht. Dies erklärt, warum in Deutsch-
land, im Gegensatz zu England und Frankreich, die revolutionäre
Arbeiterbewegung eine so gewaltige Verbreitung über den größten
Teil des Landes gefunden hat, statt ausschließlich an städtische
Zentren gebunden zu sein. Und dies wiederum erklärt den ruhigen,
sichern, unaufhaltsamen Fortschritt der Bewegung. In Deutschland
leuchtet es von selbst ein, daß eine siegreiche Erhebung in der
Hauptstadt und den andern großen Städten erst dann möglich wird,
wenn auch die Mehrzahl der kleinen Städte und ein großer Teil der
ländlichen Bezirke für den Umschwung reif geworden ist. Wir kön-
nen, bei einigermaßen normaler Entwicklung, nie in den Fall kom-
men, Arbeitersiege zu erfechten wie die Pariser von 1848 und
1871, aber eben deshalb auch nicht Niederlagen der revolutionären
Hauptstadt durch die reaktionäre Provinz erleiden, wie Paris sie
in beiden Fällen erlitt. In Frankreich ging die Bewegung stets
von der Hauptstadt aus, in Deutschland von den Bezirken der
großen Industrie, der Manufaktur und der Hausindustrie; die
Hauptstadt wurde erst später erobert. Daher wird vielleicht auch
in Zukunft die Rolle der Initiative den Franzosen vorbehalten
bleiben; aber die Entscheidung kann nur in Deutschland ausge-
kämpft werden.
Nun ist aber diese ländliche Hausindustrie und Manufaktur, die in
ihrer Ausdehnung der entscheidende Produktionszweig Deutschlands
geworden und die damit das deutsche Bauerntum mehr und mehr revo-
lutioniert, selbst nur die Vorstufe einer weiteren Umwälzung. Wie
schon Marx nachgewiesen ("Kapital" I., 3. Aufl. S. 484-495 1*)),
schlägt auch für sie, auf einer gewissen Entwicklungsstufe, die
Stunde des Untergangs durch die Maschinerie und den Fabrikbe-
trieb. Und diese Stunde scheint nahe bevorzustehn. Aber Ver-
nichtung
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1*) Siehe Band 23 unserer Ausgabe, S. 494-504
#334# Vorwort zur 2. Auflage "Zur Wohnungsfrage"
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der ländlichen Hausindustrie und Manufaktur durch Maschinerie und
Fabrikbetrieb, das heißt in Deutschland Vernichtung der Existenz
von Millionen ländlicher Produzenten, Expropriation fast der hal-
ben deutschen Kleinbauernschaft, Verwandlung nicht nur der Haus-
industrie in Fabrikbetrieb, sondern auch der Bauernwirtschaft in
große, kapitalistische Agrikultur und des kleinen Grundbesitzes
in große Herrengüter - industrielle und landwirtschaftliche Revo-
lution zugunsten des Kapitals und Großgrundbesitzes auf Kosten
der Bauern. Sollte es Deutschland beschieden sein, auch diese Um-
wandlung noch unter den alten gesellschaftlichen Bedingungen
durchzumachen, so wird sie unbedingt den Wendepunkt bilden. Hat
bis dahin die Arbeiterklasse keines anderen Landes die Initiative
ergriffen, so schlägt dann unbedingt Deutschland los, und die
Bauernsöhne des "herrlichen Kriegsheers" helfen tapfer mit.
Und jetzt nimmt die bürgerliche und kleinbürgerliche Utopie, die
jedem Arbeiter ein eigentümlich besessenes Häuschen geben und ihn
damit an seinen Kapitalisten in halbfeudaler Weise fesseln will,
eine ganz andre Gestalt an. Als ihre Verwirklichung erscheint die
Verwandlung aller kleinen ländlichen Hauseigentümer in industri-
elle Hausarbeiter; die Vernichtung der alten Abgeschlossenheit
und damit der politischen Nullität der Kleinbauern, die in den
"sozialen Wirbel" hineingerissen werden; die Ausbreitung der in-
dustriellen Revolution über das platte Land, und damit die Um-
wandlung der stabilsten, konservativsten Klasse der Bevölkerung
in eine revolutionäre Pflanzschule, und als Abschluß des ganzen
die Expropriation der hausindustriellen Bauern durch die Maschi-
nerie, die sie mit Gewalt in den Aufstand treibt.
Wir können den bürgerlich-sozialistischen Philanthropen den
Privatgenuß ihres Ideals gern gönnen, solange sie in ihrer öf-
fentlichen Funktion als Kapitalisten fortfahren, es in dieser um-
gekehrten Weise zu verwirklichen, zu Nutz und Frommen der sozia-
len Revolution.
London, 10. Januar 1887
Friedrich Engels
Nach: Friedrich Engels,
"Zur Wohnungsfrage", zweite, durchgesehene Auflage,
Hottingen-Zürich 1887.
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