Quelle: MEW 21 Mai 1883 - Dezember 1889
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[Brief an das Organisationskomitee
des internationalen Festes in Paris [303]]
["Der Sozialdemokrat" Nr. 11 vom 11. März 1887]
Bürger!
Wir befinden uns gegenüber einer außerordentlichen Gefahr. Man
droht uns mit einem Kriege, in dem diejenigen, die ihn verab-
scheuen und die lauter gemeinsame Interessen haben, die französi-
schen und deutschen Proletarier, gezwungen sein werden, sich ge-
genseitig abzuschlachten.
Was ist die wirkliche Ursache dieses Standes der Dinge?
Der M i l i t a r i s m u s, die Einführung des preußischen Mi-
litärsystems in allen Großstaaten des Kontinents.
Dieses System behauptet, die ganze Nation zur Verteidigung ihres
Bodens und ihrer Rechte auszurüsten. Das ist eine Lüge.
Das preußische System hat das System der beschränkten Aushebung
und des den Reichen zustehenden Loskaufrechtes verdrängt, weil es
den Herrschenden alle Hilfsquellen des Landes, Personen wie Sa-
chen, zur Verfügung stellte. Aber es ist ihm nicht gelungen, ein
Volksheer zustande zu bringen. Das preußische Heer teilt die
dienstpflichtigen Staatsbürger in zwei Kategorien. Die erste wird
in die Linie eingereiht, während die zweite sofort in die Reserve
oder in die Landwehr eingestellt wird. Diese letztere Kategorie
erhält keine oder so gut wie keine militärische Ausbildung; die
erstere jedoch hält man 2 oder 3 Jahre unter der Fahne, eine
Zeit, die ausreicht, aus ihr eine gehorsame, bis zur Willenlosig-
keit eingedrillte Armee zu machen, eine zu Eroberungen im Aus-
lande wie zu gewaltsamer Unterdrückung aller heimischen Volksbe-
wegungen stets bereite Armee. Denn vergessen wir es nicht, alle
die Regierungen, welche dieses System angenommen, fürchten das
arbeitende Volk daheim weit mehr als die mit ihnen ri-
valisierenden Regierungen jenseits der Grenzen.
#345# Brief an das Org.komitee des internationalen Festes...
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Dank seiner Elastizität ist dieses System einer ungeheuren Aus-
dehnung fähig. Solange noch ein einziger, nicht in die Armee ein-
gereihter wehrfähiger junger Mann existiert, solange sind auch
die disponiblen Hilfsquellen noch nicht erschöpft. Daher dies zü-
gellose Wettrennen um die größte und stärkste Armee. Jede Vermeh-
rung der militärischen Kräfte des einen Landes zwingt die andern
Staaten, ein gleiches, wenn nicht mehr zu tun. Und alles das ko-
stet ein wahnsinniges Geld. Die Völker werden durch die Last der
Militärausgaben zugrunde gerichtet, der Friede wird beinahe noch
kostspieliger als der Krieg, so daß schließlich der Krieg, statt
als eine schreckliche Geißel, als eine heilsame Krise erscheint,
die einer unmöglichen Situation ein Ende macht.
Dies der Grund, warum es den Intriganten in den verschiedenen
Ländern, die gern im trüben fischen möchten, möglich wurde, den
Krieg heraufzubeschwören.
Und das Heilmittel?
Die Abschaffung des preußischen Systems und die Ersetzung dessel-
ben durch ein wirkliches Volksheer, das eine einfache Schule ist,
in die jeder Bürger, sobald er fähig ist, die Waffen zu tragen,
für die Dauer der zur Erlernung des Soldatenmetiers absolut not-
wendigen Zeit eingereiht wird; Einstellung der so herangebildeten
Leute in stark organisierte örtliche Reservekadres, so daß jede
Stadt, jeder Distrikt sein Bataillon hat, zusammengesetzt aus
Leuten, die sich kennen und die, wenn es sein muß, in 24 Stunden
vollständig ausgerüstet und marschbereit zusammentreten können.
Das bedeutet, daß jeder Wehrfähige sein Gewehr und seine Equipie-
rung bei sich zu Hause hat, wie es in der Schweiz der Fall ist.
Das Volk, welches dieses System zuerst einführt, wird seine wirk-
liche militärische Kraft verdoppeln und dabei gleichzeitig sein
Kriegsbudget um die Hälfte vermindern. Es wird schon durch die
Tatsache, daß es alle seine Bürger bewaffnet, seine Friedensliebe
beweisen.
Denn diese Armee, welche eins ist mit der Nation, ist ebensowenig
zur Eroberung nach außen geeignet, als sie in der Verteidigung
ihres heimischen Bodens besiegbar ist. U n d d a n n, w e l-
c h e R e g i e r u n g w ü r d e e s w a g e n, d i e
p o l i t i s c h e F r e i h e i t a n z u t a s t e n,
w e n n j e d e r B ü r g e r e i n G e w e h r u n d
f ü n f z i g s c h a r f e P a t r o n e n z u H a u s e
z u l i e g e n h a t?
London, 13. Februar 1887
Fr. Engels
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